HEIMGARTEN
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October N — Mär; 1877. I Ber
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[ag von Senkan-dofesthat im 6raz.
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Inbhalt.
Das Schloß der Böſen, S. 3, 91. — Friauliſches Reiſebild von Rob. Hamerling, ©. 13.
— Brautfahrt von Friedrich Marx, ©. 18. Der junge Falſchmünzer von P. K. Roſegger,
S. 19. Das Gaſtmahl des Skopas von Alfred Meißner, ©. 26. — Frauen in der
Schmach, ©. 28. Was iſt ein Weib ? von Ernit Editein, S. 38. Ein Maler auf
Irrwegen, ©. 34. — Ein geiftvolles Buch, ©. 36. — Unſere Schwächen, ©. 38, 128, 294.
Briefe aus md über Wien von Frau Ihereie, &. 40, 131. — Eitelkeit und Uebermuth
der Bauern von P. K. Roſegger, &.43. — s' Liachtl in Wold von P. K. Rojegger, S. 47, 140.
— Das Märchen von der Perdit, 5.48. Eine Samftagnadıt auf der Rar von P. K. Rofenger,
S. 50. — Angſtaſins Hrüny,S. 78. Per legte Kranz von Robert Damerling, &. 80.
Die drei Prinzen von Y. Anzengruber, S. 81, 1785. — Wem gebührt des Kampfes
Preis * von Anaftafins Grin, S. 96. — Es reigt in Luft ein Liebespaar von P. K.
Rofenger, ©. 97. Das Krücken-Mütterchen von Auguft & Silberftein, S. 106. Still-
[eben im Ariege von Dans Dopfen, S. 107. - Im der Knechtſchaft, S. 1.7. — Eine neue
Komödie ©. 124. — Mus der Jubelfeier Anaftafius Grün’s von —* Auepp, S. 134. —
Dem Andenfen Analtafius Grün's von Friedrid Marr, S. 136. — Volksdichtung auf
Grabfreuzen von BP. K. Roſegger, S. 137. — Almrauſch von Joſef Erler, S. 141. —
Der junge Better von U. C. Müller, S. 161, 262. — Schiffbrud von Ernit Rauſcher,
S. 183. — Bon Gabriel dem Schwärmer von PN. Rofenger, ©. 184. — Der Seren-
wahn und feine Bekämpfer von 9. E. Stößner, &. 196. Wenn ich komm’, wenn ich
wiederum komm', ©. 210. — Verfe unter'm ſchwarzen Kreuz von 9. Falchberg, ©. 218.
— Wos ban ara Ibarofchung aufla kema fon von Fri Neuter, S. 214. — Pflanzen
und Thiere im deutfchen Voltsglauben von Ludwg v. Hörmann, ©. 223, 302. — Von
der Gemüthlichfeit der Bauern von P. K. Roſegger, S. 229. — Das Peitmännlein von
I. F. Lentner, ©. 232. — Ein Weg zur Schuld von P. K. Rofegger, S. 249, 343. —
Einjt von Ada EChriften, S. 261. — Hausſprüche von Sans Grasberger, ©. 272. —
Die Salzburger in Oftpreußen von Profeſſor Scröer, S. 273. — Als ich candidirte von
Leon R 9, ©. 278. — An eine Philoſophin von Ernit Raufcher, S. 259. — Unheim—
liche Gäfte von Anaftafius Grün, S. 290. — Ein neuer Mimatifcher Wintercurort von
Pr. €. Lewy, ©. 291. — Eine Loge von Quadrelles, S. 297. — Ein feltfam Büchlein
von O. L Müller, S. 302. Als Großvater freien ging von P. 8. Rofegger, S. 307. --
Wan 8 Diandl deafad juahn von P K. Roſegger, S. 811. — Der Kampf eines Poeten
von Ludwig Habicht, S. 321, 401. — Altdeutſche Lieder von K. I. Schröer, S. 354. —
Das Portrait von Alfred Meifner, ©. 355. — Lord Byron's eriter Schritt in's öffent:
liche Leben von Emilio Caſtelar, deutfdh von Prof. Iulius Schanz in Rom, S. 359. —
Von einem vergeflenen Dichter von Dr. Anton Scloflar, ©. 366, 438. — Drei Zigeuner-
burſche zogen von Augnit Silberitein, ©. 378. — Aus dem Stimmen. und Laut-Concert
der niederen Thierwelt von R. H., S. 378. — Die Dankſagung, eine Hochzeitsrede aus
Oberfteier, &. 383. — Das Kräutlein für den Tod ©. 386. — Der Weltverdruß von
Franz Keim, S. 308. — Reich von P. K. Roſegger, S. 421 — Aus der Kinderſtube,
deutſch von Julius Schanz, S. 430. — Die letzte Gabe von K. I. Schröer, ©. 433. —
Ueber F. Kürnberger's „Literariſche Herzensſachen“ von Robert Hamerling, ©. 448.
Der Bergſturz, Epifoden aus der Kataftrophe bei Steinbrüd, &. 454. Auf *
Fetzenmarkt von P. K. Roſegger, ©. 461. — Kleine Laube von S. 5975, ©. 150 --154,
S. 236—240, ©. 312, ©. 3859-395, ©. 4685—474. — Schmwänfe von ©. 55—58,
S. 145 —149, ©. 241—248, ©. — S. 395— 396, ©. 474 - 475. — Bücher
auf ©. 76,° 155, 244, 317, 8397, 477. Pojtfarten des „Heimgarten“ auf ©. 80,
160, 248, 390, 400, 480.
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A eımgarter.
Eine Monatsfchrift
berausgegeben
von
P. K. Roſegger.
I. Lahrgang.
— —
Graz.
Derlag von Leytam-Jofefstbal.
1877,
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nn on N
Inhalts zeichniß
„Meimgneten“, 1. Fabrgang.
Erzählungen und — Seite
Der Kampf eines Poelen Von Ludwig Habidt ee 321,401, 495
Das Portrait. Bon Alfred Meißner... . 2200er
ER
Der Ungemüthlihe. Von Robert Hamerlinga - » 2 2 2 2 0 m un nn
Wie Defregger Maler wurde. Bon PB. K. Rofegger » - -» rennen
Der Sommernadtstraum eines Künftlers. Von Rıdard Voß . . . ..... 32
Hemets. Son Allen Meiuner - - - - - u 2 0 0 nee nee ame . 904
‚ur lieben ‚srau ın DWarazell Don PB. RK. Holegaget. > 2 0 nn 0 0 nn - 338
ON, x 4609496 67*
— —— Seite
Ein Ausflug in Die ne * Carl du JJ en 672
Von einer verhaften Stubengenoffin. Nah Ludw. Bühner . . » 2.22 .. 784
Unfer nordifher Wald. Bon P. K. Nofegger. » » > 2: nennen 835, 896
BSELEEHEOIRDRN = 5 5.0 ee a ee ee 865
Deu epubli =.
In der —— — ——————— 117
Sie Zerkunft der Secellen ae 151
Ein Thalgau des ſteieriſchen Oberlandes im Wechſel der Jahrhunderte. Von Dr.
DEans Arab + 0 5 2 ar ae na een 595, 660
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Fand und Teute.
Schilderungen.
taulifches Neijebild. Bon Robert $ BalsrlinE u +5 — 18
Fine Samftagnadt auf der Rax. Bon DR. Rojeng TIEEBESEESEZTTE 50
BET TTTTITTL.pe ————m0 D0DIèc —VVJlJ 60
JJ —— 8 72
Die Salzburger in Oftpreußen. Bon K. 3. III FI TIEFE 273
Auf dem Reichenftein. Bon DB. R. Rofegg TESTSEITE STEIEESZFE 589
Die jhönften Wenſchen auf Erben. . > 2 2 2 2 2 2 2 nn ee 631
infel. Aus dem Iande der er
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Bolksthümlides aus den Alpen.
Eitelfeit und Uebermuth der Bauern. Bon PB. KH. NRofeager - - .» 2.2... 43
Voltsdichtung auf Grabkreuzen. Bon demfelben - » » 2» 2 22mm — 137
Todtendienſt unſerer Wäler - - - a. 4 a 150
Pflanzen und Thiere im deutfchen Vollöglauben von 2. v. Hörmann . . . 223, 30%
Bon der Gemütlichkeit der Bauern. Bon B. K. Rofegger. -». » 2.2... 220
Die Dankjagung. Eine Hochzeitsrede aus Oberſteieeee. nn 383
Das Klödeln. Mitgetheilt von Rudolf Weiger . » 2... 2m nen 474
Wie in Tirol man das böje Weib austreibt. Mitgetheilt von Jofef Erler . . . 475
Sonnenmwendfeuer. Bon E. W.. : 2m m m m nen 695
Beiträge zur Geſchichte des Aberglaubend . » : 2 2 nr nn 708
Bußpſalm eines Schulmeifterd - » 2 2 20 nn m oe mn nn 709
In der Stubat. Aus dem Vorarlberger Bolläleben. - » » 2 22... . » 710
Die Schlangen. Bon 2. v. Hörmann . .» . 2: 2 2 2er ne 857
I EDDERBTEREL = 5 00 05 wre ae re a ae 860
Unvergängliche Farbe. * A 3 Be — 551
Der Alte vom Brunnen. Mitgeiheilt von A. v. Friedrih... . - een. 0. 558
Ein Märhen von den Sternſchnuppen. Mitgetbeilt von Jofef Biller . .. . » 636
Dalmatiens Hero und Leander, Von Franz Ziftller -. » 2» 2: 2: 20m. 774
Der Hufihmieb von Steinah - - © 2 2 2 2 nn rer ren 793
Das Schatzkäſtlein des Landess.. rn en 951
DB ERS > 0 a ee 951
Kleine Geſchichten und Schwänke.
Anfan war das Wort
Aus einem neuen Evangelium © > 2 2220 nn rer ren 146
Die fih ein alter Schlaufopf aus der Maulmurfsichlinge Hilft . . . . 2 2... 148
EL TITTET ET ER FR FL TER TERE 148
Bob BE RBB 25: 5 u aaa =. 149
Wer ann gwimmen Be Wi ae ee ae a ae 149
TTTTTT TEE VEWFs! 555
Wie der Hartl an einem Tag die Sonne zweimal aufgehen ſah. Bon P. K Roſegger 633
Beim Herrn Bruder auf der Jauſe Von demielben - » 2 2 nn nn nun 711
Der ? Burg germeift tr von Abeläberg. Von demjelben - - » 2 2 2 2 2 000. . + 787
; ft. Bon 7
Bon Ada Ehrif en
daus) prühe. Bon Hand Grasberger. . . 2. 2 2 22 .. WETTER TEE 272
An eine Philoſophin. Von Ernft Raufher. -» » 2 zn nu nn 239
Unheimlihe Güfte. Bon Anaftalfıus Grün. . nn nn 2 2 0 ne 290
in jeltiam Büchlein, Bon D. 2. Müller —
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as KHirchlein im Walde. Bon
m Zraum hab’ ich gejehen. Bon Ludwig Eihrodt . . 2.2.2... — 881
Ne Mutter. Bon Fercher von Steinwand. . 2 2. nn nn nun . 559
Deine Kınd, ber Seele Zeiden. Von Bihler .» » 2 2 2 nn 2 nun 577
&o — der Leidenſchaft Göttergewalt. Bon F.
Sindner —
Sommermondnacht. Von Ern —— ee Bar SELF FEN:
Baus AS SRdlENm - - : x. 0. Ha nennen A—
Dei Landl. In Mundart von Franz Heim. .» nn nn ne 6
Seftorben und verborben. Don DO. & Müller... . . — . 99:
Ein geiſtvolles Buch.. ea ws 8386
Deutſche Literaturgeſchichte von Edmund Hoefer ... » - - a a ———— . 76
Im Herbft gefammelt. Bunte Fahrten von Friedrih Lampert . » » 2.2... 16
Aus Jtalien. Bon Alfred Graf Adelmann - -» » 2» > 222... ee
Erereitium Salamandris! Bon Ernſt Edftein. . -» - . » - a re — 77
Die Saligen. Bon Angelika Hörmann... 77
Geſtrüpp. Bon Max. Benn an ne 7
ing . —_ ke, . 155
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Homan von C. Chlichen 0 158
Melodien. Bon — Eid ch ee ——————
——— Zournali n 60
Ein _merfwürbiger at Mi u; Felders Leben.) Von 9. Sander . . . . 614
& mifchte Gefelihaft. Bon Dölar —— Mn neun nen — 3.08
Te rot Shopenkan FESTE 638
ritt im Lichte der Lehren Schopenhe TR ET: Darmins.
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Sich jelbft im Wege. Bon Mar Bern. Beiprohen von Friedrid Marr. . . . 799
"Das VBermähtnik Kains. Bon Sacher-Maſoch. Beiproden von Robert Hamerling 875
Werinherus. Bon Alfreb Meibner -» 2 220000 nn 877
Nimm mid mit! Önomen von Dr. Fr. AD... 2:2 une 879
Geſchichte der oöſterreichiſch ungariſchen Monardie. Bearbeitet von M. Smets . . . 879
Beitlichteln. Gedichte in Mundart von W. Cappilleri. . 2 2 222 nne 880
*Die Wiener Journaliftif. Bon Freiherrn v. Helfert. Beſprochen von Fr. Ziftler 927
Ein Buch über die Franzoſen. Von Scheube - » 2 > 2m m 958
(Die mit einem * bezeichneten Aufjäge find ausführlihere Arbeiten.)
Berfdiedenes.
Bri —— Wien. Bon Frau Therefe » 2 2 2 nn nun 40, 131
Ein beuffcher Dichter vor feinem Mönig . . 0 0... — 65
preu‘ aber Seo JJ TEE 67
it der Monate. 2.—12.
Eine Monatsfchrift
herausgegeben von
p. J. Koſegger.
Fil Beiträgen von
2. Anzengrußber, &. Ruegg, M. Bern, 9. Erler, R. Halb, HS. Gras:
berger, A. Grün, ®. SHamterling, 8. v. Hörmann, K. G. Leitner,
5. Malfer, 3. Marx, RA. Meißner, ©. £. Müller, 9. K. Roſegger,
E. R. Schröder, AR. SHilberftein, J. HSchlögl, J. Tberefe, RM. Waizer,
Graf R. Wickenburg, A. Wilbrand u. AR.
Heimgarten
Vleiſac dazu angeregt, habe ich mid; entfchloffen, eine Zeitſchriſt heraus-
zugeben. Diefelbe wird den Titel „Heimgarten‘ führen.
„Heimgarten“ nennt man in verfchiedenen Alpengegenden jenes Haus im
Borfe, wo man des Abends zu kleinen handlichen Arbeiten und zur Gefelligkeit
zufammenkommt — wo die geiftig regfamften, erfahrenften, am Erzählen und
Schildern Kehagen findenden Dorfbewohner — wo feute, welche welt- und
lebensklug find oder werden mögen, zu kurzweiliger, anregender, belehrender
Unterhaltung ſich einfinden.
Im Heimgarten werden Gefchichten‘, Sagen, Märden, tragifhe und
heitere Begebniffe aus dem Keben erzählt, Kieder nnd Balladen gefungen,; aus
dem Stegreife wird gedichte, Ichwänke und Poffen werden zum Beften gegeben,
oder Tagesvorkommniſſe und wichtige Ereigniffe aus dem Borf- und Weltleben
von den Dorfweifen befproden. Die Unterhaltung im „Heimgarten‘* klärt,
fhärft, bereichert den Geift — erquict, erwärmt und veredelt das Her.
Dieſes fchlichte Borbild aus dem Alpenleben lieferte Litel und Programm
für meine Monatsfrift. Ber „Heimgarten‘* foll auserlefene Erzählungen,
Schilderungen, febens- und Eulturbilder aus dem Volke bieten,
ferner wilfenfchaftliche, jedod; gemeinverftändlihe E [fa is von geiftreihen Ichrift-
Rellern, Gedichte von bedeutenden Poeten, Erzeugniffe der Bolks-
phantafie ernfler und heiterer Art, Ihwänke, Sagen, Lieder, dann
Betrahtungen über weltgefchichtliche Ereigniffe, über die Ideenſtrömungen
der Beit, Befprehungen von hervorragenden Geifteswerken auf den Gebieten
der Wilfenfhaft und der Kunft enthalten.
Trotz der Beiten Ungunſt ift im Publikum das Intereffe für geiftige,
ideale Veftrebungen in fletem Auffchwunge begriffen, und fo kann id hoffen,
daß diefem Unternehmen eine freundliche und vielfeitige Cheilnahme nicht ver-
fagt werden wird. — Mandy’ fhöne Blume, manch' gute Frucht möge gedeihen
im licht- und fchattenreihen Heimgarten. Es fchaffen darin ja tüchtige Gärtner,
— Geifter, die wohl wiffen, wie man das Alenfchengemüth erfreut. Wir
wollen flets auf feftem Boden wandeln, wollen an dem halten, was mit unferem
Leben und unferer Beit zufammenhängt und mit Vorliebe jene Stätten fuchen,
denen wir den Hamen Heimgarten entlehnt haben: die deutfchen Alpen. 's ift
heiß hier außen! An der frifchen Urfprünglichkeit der Watur und des Volkes
wollen wir gerne trinken.
Und fo werde denn diefes Buch ein ſtetes Heim der Porfie und der nad
geiftiger Erquickung ſich fehnenden Herzen!
Der Derausgeber.
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Ze.
Sctober 1876
I. —
Das Schloß der Vöſen.
Original⸗Novelle.
Station Brandan!
„Se, theurer Herr! haben Sie das
Fenſter gepachtet ?” rief ein ſemitiſches
Blaßgeſicht in einem Coupe britter
Klafje; dabei zupfte er an dem kaſta—
nienbraunen Sammtjöpplein eines jun:
gen Mannes, der jtet3 mit feinen Ellbo:
gen fih auf die Fenfterbrüftung ſtützte
* hellen Auges in die Gegend hinaus:
idte.
„Unfereins hat feine Sach’ gezahlt
und wollt’ auch einmal in's Grüne
Schauen!” murmelte der Heine Jude.
„Wollen Sie etwas profitiren,
ſagte der Andere fchmungelnd, „fo
Ihauen Sie in's Grüne hierher”, und
er ſchlug mit ber flachen Hand auf
das bunfelgrüne Bündel des Haufirers,
„mich laffen fie am Fenfter und heben
dafür als echter Geſchäftsmann Fen—
Nun wendete ſich dieſer gegen ſterzins ein.“
ſeinen einzigen Fahrgenoſſen und da
er auf dem Antlitze desſelben Aerger
las, ſo verſetzte er: „Geniren Sie ſich
nicht, Herr, das zweite Fenſter ſteht
ganz zu Ihrer Verfügung.“
Darauf wurde das Jüdlein noch
blaſſer, denn durch das gegenüber—
liegende Fenſter war ewig nichts zu
ſehen, als die graue Mauer und die
rothe Erde der Berglehne, während
zur andern Seite das morgendliche
Thal mit feinen wechſelnden Herrlich:
feiten prangte.
Da Härte fih das Antlit des
Iſraeliten.
„Vorläufig für eine Stunde, wenns
genehm iſt!“ rief der junge Mann
und drüdte dem Juden einen Silber:
zehner in die offene Hand.
Der Empfänger lädelte und jah
auf das Grüne feines Ballens. Der
Andere blickte mit Wohlgefallen in
die Welt hinaus, von der auch gar
nichts ihm gehörte, als einzig nur
das, was des Auges iſt — das Licht,
die Farbe.
1*
4
Ja, und jelbit den freien Ausblick
mußte er ſich miethen vom Juden.
Dem Künftler gehört die Welt! jagt
ein jchönes Wort.
Mar Friedegg war ber Mann, der
fi fedlih nahm, was feine Natur
begehrte und feine Seele — dieſe un:
ftete, diefe glühende Seele — jättigte.
Ein gejunder Egoismus ift jebem
echten Künftler eigen, er fichert ihm
jeine Lebensfreudigfeit und dadurch
feine Schaffenstraft.
Mar Friedegg machte nie ein Hehl
aus diefer Thatfache, er befannte ſtets
Farbe, wie man ſagt — mar er
doh Maler. Eines armen Anftreichers
Sohn, war auf der Zimmerthür fein
erſtes größere® Bild geweſen eine
Garifatur feines Waters, wie biefer
gravitätiih auf zwei hohen Stelzen
ftehend mit Palette und Künftlerftolz
nah der Art Eulenfpiegel3 an bie
Wand das rothe Meer malte. Tief
fühlte fih der Alte im Bemußtjein
feiner Miffion gefränkt, er jagte den
ungerathenen Sohn aus dem Haufe.
Diejer blieb länger aus, als es dem
Vater lieb war, und als er endlich
doch zurückkam, trug er ein fedes
Bärthen auf der Oberlippe und
das Sammtjöpplein. „Was!“ rief
ber Alte, „akademiſcher Maler? Wild:
fang! Trogfopf! mehr willft Du fein,
wie Dein Vater ?” dabei lachte er und | friede in ſüßem Traume lag.
preßte feine Knochenfinger feft in bie
weiche Hand jeine® Sohnes.
Am dritten Tage ſchon war dieſem
das Elternhäuschen zu enge, und fein
Gegenitand war ihm zum Borbilde
da; nur das milde Mutterauge regte
den Schaffensdrang des Künftlers an;
doch die jchlichte Frau rief: „Nein,
Du! mein Lebtag nicht, daß ich fo
boffärtig bin und ein Bildniß aus
mir machen lafje! — Ya,” febte fie
bei, „in meinen jungen Jahren, das
wäre ſchon mas Anders geweſen.“
Mar lächelte und war der Gewährung
fiher, nur wollte er das Mutterauge
erſt malen, bis er Meifter war. So
hielt er fich wieder zur Nüfte.
„Wohin du Brauſewind?“ fragte
fein Bater.
„sh gehe, berühmt zu werben,”
antwortete Mar. Dann Hat er fich in
den Eifenbahnzug gejegt, in welchem
wir ihn gefunden haben.
Berühmtwerbenwollen ift ein löb—
lid Streben. Schade, daß Friedegg
ganz und gar darauf vergaß, als er
zum Maggonfenfter in die morgend:
liche Gegend hinausblidte. Im Schauen
des heiteren Mebend der Natur und
ihrer lauten Luft, die da mwogte, vom
Ichmetternden Sang der Lerche bis
zum gligernden Thautröpfchen auf der
Blüthe des Apfelbaumes — erwachte
in dem vierundzwanzigjährigen Mann
der Lebensburft. Genießen! genießen!
war feines heißen Herzens Aufjchrei.
Und was fi da auf reicdhitem
Marfte der Natur dem kühnen Manne
feilbot, e8 wurde geweiht durch jein
begnadetes Künftlerauge.
Schöne Gegenden waren vorüber
gezogen; da fam ein Bild, welches
den jungen Maler vollends entzüdte,
Der Zug fuhr in ein waldiges Thal
hinein. Zwiſchen faftigen Wiefen, ver:
ftedt unter einem Weidenwall, floß
ein klares Waſſer. Die Berge janft
und mäßig hoch, mit dichten Laub:
wälbern bewachſen, fie rubten da wie
weiche Kiffen, auf denen ber Liebes-
Auf
einer in das Thal vorjpringenben
Höhung Teuchtete ein ſtolzes Gebäude
mit mehreren Thürmen und unzähligen
ihimmernden Fenftern. Es war eine
Burg, wie man fie im Mittelalter
baute und fpäter verfallen ließ; aber
fie war nicht verfallen, fie fchien be-
wohnbar, gleihmwohl das wilde Gebü-
ſche — das fie von allen Seiten dicht
ummucherte, an vielen Stellen bis zu
den Fenſtern hinaufffetterte, ja ſelbſt
an einem Erker bis hoch zum Dache
emporftieg — jchließen ließ, daß ber
menjchlichen Pfade nicht allzuviele um
den Bau zogen. Tief unter der Burg,
in einen weißen Schleier von blühen:
den Obſtbäumen gehüllt, xuhte ein
Dörfchen, von welchem nur das jchlanfe
Thürmlein einer Kapelle und am
Waſſer eine ftattlihe Mühle zu
jehen war.
Wie gut, daß ter Zug langſamer
ging! das Bild war jo anmuthig.
Und es wurde plößlich noch ſchöner.
Nicht weit vom Bahndamm, auf einer
tleinen Wieje zwiihen Erl: und Weide:
gebüfh war eine weibliche Geftalt
bejhäftigt, mit einer Sichel das hohe
Gras abzufchneiden. Ju dem Augen:
blide, al3 Friedegg diejes Weſen Jah,
hatte er feinen Sinn mehr für das
Landichaftsbild. Diefe Grasmäherin
war nicht Staffage, nein, fie war ihm
der Mittelpunkt, und um fie Alles nur
Rahmen. Eine Mädchengeftalt, jung,
ihlanf und behendig. Ein blühendes,
edelgeformtes Köpfchen, das mit bem
goldigen Flechtenkranze feiner eigenen
Loden gekrönt war. Ein zartgeformter
Buſen, der mit jchneeweißem Linnen
bebedt war empor bis zum fchlanfen
Halfe. Die feinen Hände und Arme,
anfcheinend zu was Beſſerem geichaffen,
al3 zum Futtermähen, der Morgen:
fonne preißgegeben; das blaue, weiß:
geblümte Nödchen etwas hoch geichürzt, |
damit nicht jeder Tropfen Thau an
feinen Saum fich lege.
ALS der Zug heranrollte, richtete
fih das Mädchen von feiner Aıbeit
auf; da jah Friedegg das jchwarze
Auge desjelben. „Blonde Haar und
ſchwarzes Auge! D du ſchönes Weib !”
Des Maler3 Antlig war geröthet.
„De, Schaffner, ausſteigen!“ rief
er und lub fich fofort fein Gepäd
unter den Arm.
Der Zug ftand ſtill. „Station
Brandau!” fagte der Gonducteur.
„Aber Ihre Karte geht ja bis Mal:
negg=Hof, mein Herr!“
„Die Karte meinetwegen, ich bleibe
hier!“ entgegnete der junge Mann
und fprang auf den Sand, — Sept
war das Jüdlein beglüdt; es hatte
den Silberzehner und es hatte das
Feniter. Es lugte durch dasſelbe aus,
ob denn micht wieder Einer einjteige,
der es miethen wollte.
Nah wenigen Minuten ftand Fries
degg vor dem Mädchen auf der Wiefe:
„Grüß Dih Gott, mein Kind!” Er
jtrecite ihr beide Arme entgegen. Gie
blidte ihn an, er war ihr doch ganz
fremd.
„So reihe mir doch Peine Hand,
Du feines Mädchen! So gib her!
„Ihr — Sie jehen ja, daß fie
ganz naß it vom Thau!” antwortete
die Mähderin etwas erröthend.
„Wie bift Du herzlos, Kind, bie
Ihönften Blumen mähſt Du nieder!“
„Kein Schade drum,” verjegte das
Mädchen und ftrich mit einer handvoll
Gras über die Sichel hin, „jeht find
fie gerabe friſch; bleiben fie ftehen bis
Mittag jo find fie welk.“
„Du berrlihe Philoſophin“, rief
Friedegg, denn er legte den Worten
des Mädchens einen weiten Sinn bei.
„Wo ift Dein Haus?” fragte der
Maler.
„Ich hab’ gar kein Haus,“ Tachte
das Mädchen, „aber meines Vaters
Haus will ich Ihnen wohl jagen: das
gudt dort zwijchen den zwei Eichen
ber. — Sie werben ſich noch recht in
die Finger ſchneiden!“
Leteres rief fie, weil er feinen
Arm leicht um ihre Hüften legte, wo
fie die Sichel an die Seite geftemmt
ielt.
’ „Sp fließt mein Blut nur Dir!“
verjegte er, und das Mädchen mußte
nicht, wie diefer Menſch — dieſer
hübſche, nette Menſch — fo ernſthaft
ſcherzen konnte.
„Kann ich in Deines Vaters Hauſe
bleiben?“
„Ja, da wären Sie im Rechten!“
„Ich will bei euch meine Maler:
werkſtatt aufrichten.”
„So?“ antwortete fie, „na, wenn
Sie nicht beim Vater in der Hand-
werferftube arbeiten wollen, jo müßt’
ih frei gar feinen Platz. — Ein
Maler! je, der muß uns ein Mutters
gottesbildl anftreichen.”
„Kannft Du mir fagen, Du liebes
Kind, wo in diefer Gegend eine gute
Wohnung zu befommen wäre?”
„Nein,“ entgegnete das Mäbchen,
„es dünkt Ihnen vielleicht nur jeßt
jo; Sie mögen bahier nicht bleiben.
's ift jo viel langweilig bei ung.“
„Magft doh auch Du bier fein,
und wir wollten und bie Zeit gegen:
jeitig jchon vertreiben. — Wer wohnt
benn da oben in diefem Schloß ?“
„se, da oben im Schloß ift’3
nichts, da wohnen bie böjen Geifter!“
„Ei, was nicht gar! komme doch
unter den Laubjchatten und erzähle
mir!“
„Ich hab’ weiters feine Zeit. Der
Vater, müſſen Sie wifjen, wartet ſchon
auf die Suppe von ber Mil, welche
jeßt noch die Kuh mit fich trägt. Und
der Kuh muß ich erft diefes grüne
ng bringen, daß fie fih melfen
äßt.“
„Nur Deinen Namen möchte ich
noch wiſſen, liebes Kind.“
„Recht gern, ich heiß' Angla.
Vielleicht können wir ein andermal
ſchwätzen; ich bitt', gehen Sie jetzt
weg! — Dort ſteht der Drack.“
In großer Aufregung war ſie
plötzlich, und bie legten Worte hatte
fie murmelnd, wie zu ſich ſelbſt ge:
ſprochen.
Einen feſten Druck auf ihre Hand;
da hatte ſie ihm mit einem kurzen,
ſeltſamen Blick in's Auge geſchaut.
Der junge Maler ging davon.
Noch einmal ſah er um und ſagte
wie träumend: „Ein ſolches Weſen
exiſtirt nur einmal auf der Welt!“
Dann ſchritt er dem Hauſe zu, das
zwiſchen den zwei Eſchen hervorlugte.
Man ſieht ihm's an, er gedenkt in
dieſer Gegend zu bleiben.
Angla packte haſtig ihre Arbeit
wieder an. Sie ſchnitt die Gräſer und
barg dieſelben in der aufgebundenen
Schürze, und fie that, als hätte fie
die Geftalt nicht bemerkt, die hinter
dem Erlbuſche lauert. Das war ein
6
hochgewachſener knochiger Mann mit
blaffem Antlige, wildglühendem Auge
und mit fohlihwarzem borftigen Voll—
bart. Eine braune Mütze, ähnlich einem
türkiſchen Feß, hielt er in die Stirne
gebrüdt, ein langer mattgrauer Mantel,
eng zujammengezogen, umjchloß bie
Glieder. E3 war eine Gejtalt, wie
man fie nicht mehr fand in biejer
Gegend.
„Der Drad ſchaut mir wieber
zu,“ flüfterte Angla „ach hätte ich den
jungen Mann nicht weggejchidt !”
Sie zitterte. So oft ihr junges Herz
in Liebesfreude wollte erblühen, ftand
diefer böſe Geift vor ihr.
Beim Meifler Badarias.
Mitten in einer Burg von alten
Bauernfhuhen und Leberfleden auf
einem Dreifuß jaß Meifter Zacharias,
genannt der Zachſchuſter. Er Hatte
ein ſehr breite® Geſicht, das ſtets
lächelnd auf den alten Pfottenſack
nieberftrahlte, welcher, zwijchen dem
ipigen Knie und dem angejpannten
Knieriemen eingeflemmt, juſt in ber
Arbeit war. Seine winzigen Augen
waren faft immer gejchloffen ober
blinzelten nur, jo daß kundige wie
unfundige Leute behaupteten, ber
Meifter müſſe feine Sehkraft nicht in
den ftet3 verſteckten Augenfternen, fon:
dern in den beiden Glasſcheiben davor
haben. Der Mund des Männleins
war meiſt jo feit zujammengefniffen,
daß man ihn nur für eine der vielen
Nungeln hielt, die das Gefiht nad)
allen Richtungen hin durchzogen. Haar
und Bart war nicht viel da. Auf
dem Haupte jaß eine fchöne glatte
braune Perrüde, die fchreiende, aber
falſche Bürgfhaft, daß der Mann
noch in den beften Jahren.
Zu diefem Schubflider nun trat
Mar Friedegg in die kleine bunftige
Stube, deren Wände mit allerlei
Papierbildern von Schlachten, Welt:
ftädten und Garifaturen aus Witz—
blättern beflebt waren.
„Guten Morgen, Meifter!” fagte
ber Eintretenbe.
Lehne ich feinen Schnaps ab, fo
befomme ich auch feine Tochter nicht.
„Auch jo viel!“ rief der Schufter | So dachte Frievegg und nahm ben
in jchmetternbem,
Tone und that einen Blid jo fein
etwas näjelndem | gebotenen Trunf an.
„Weil das Menfch mit der Suppe
und ſcharf wie ein Nabelftih nach | heut’ mehr nicht vorkommt!“ brummte
dem Fremden und feiner Beichuhung.
„Iſt eine Frage erlaubt?” fo ber
Maler und fegte ſich auf einen umge:
fülpten Wafjerzuber.
„Alles ift erlaubt“, darauf ber
Meifter, und fuhr drahtziehend mit
beiden hageren Armen auseinander.
„Wem gehört das Schloß da oben
auf dem Berge?”
That der Zachſchuſter alle zwei
Augen auf.
„Da fragt wieder einmal Einer,
wem da3 Schloß gehört. Mir nicht,
das weiß ich.“
„Könnte ih nicht irgendwo Aus:
funft darüber erhalten?“
„In der Gegend wird's Ihm
Keiner genau fagen können.“
„Ich möchte nämlih im Schloffe
wohnen”, fagte der Maler.
„Ih den?’, das wird Ihm Nie:
mand wehren, wenn er Courage hat.”
„Warum, ftedtt was dahinter ? ift’3
unficher 2”
„Wird nicht fein“, antwortete
jpöttifh der Schufter und grinfte auf
feine Arbeit nieder.
„Ein verrufenes Haus, alſo?“
„Ra, gar nicht“, murmelte bei
Alte und nähte. Plötzlich richtete er
fih auf, dehnte den Hals gegen ben
Fremden Hin, ſchloß die Augen feſt
der Alte. Wenn er da oben im Schloß
wohnen will, fo ift er ein Schaggräber
und nichts Anderes!”
Auh gut. Ich bin ein Schat-
gräber. Hängen wir der flotten Ge-
Ihichte wieder ’mal ein romantifches
Mäntelhen um, dachte Friedegg.
Der alte Schufter, feit dem Trunke
aus dem Fläfchchen bedeutend gefprä=
iger, fuhr fort: „Das Schloß hat
einem italienifhen Grafen zugehört.
Der hat eine Weil auch’ drin gewohnt,
aber es haben ihn die Böfen daraus ver:
trieben. Die alten Leut' wifjen ſchauder⸗
lihe Geſchichten. Es fol im Fleinen
Schloßhof, wo die Kerfer find, ein
Biehbrunnen fein, aus dem, menn
man pumpt, lauter Blut herausrinnt.
Mag wohl wahr fein. Vor Zeit follen
Juden im Schloß gewohnt haben, bie
haben zum Sabbath Ehriftenfinder ge:
ſchlachtet.“
„Und der italieniſche Graf?“
„Ja, der hat den Brunnen wollen
verſchütten laſſen. Er hat — ſchau'
Er dort an den Berg hinüber, wo
die Lahn iſt, — die ganze Lahn hat
er abgraben und in den Brunnen
werfen laſſen; iſt aber kein Grund
geweſen, und das Blut von den
Chriſtenkindern rinnt noch bis auf
den heutigen Tag.“ — Hierauf ein
und ſchrie: „Im Brandauerſchloß iſt Zug aus der Branntweinflaſche.
ja der Teufel drin!“
„Ah, wenn nichts weiter“, verſetzte
Friedegg gleichgiltig, „mit dem Haus—
herrn komm' ich ſchon zurecht.“
Ganz ſchief von der Seite her
lugte ihn der Alte an. — ’8 ſchaut
gar aus, als wenn das ein Heide
wär” und an feinen Teufel glauben
thät!“ Dann langte er ein Glas—
fläſchchen vom Fenfterbrett, that daraus
einen Aug, reichte es hernach dem
Fremden hin: „Aufmwarten 2“
Friedegg hörte faft aufmerffam zu ;
er ſah, wie das Ding, anfangs noch
verſchwommen, im Haupte des Alten
während bes Erzählens Geftalt an-
nahm. Er jah, wie ein Volksmärchen
wädhlt.
„Und der italienifhe Graf?“
fragte er noch einmal.
„Der,“ antwortete ber Schufter,
„it über das viele Blut davon. Das
Blut hat ja alles überſchwemmt und
heut ift im großen Hof ba oben ein
ganzer See davon. Und auf dem See
fahren in elfenbeinernen Schiffen ſchöne
Sungfrauen um. Die follen aber jo
ihön fein, daß fie eben verloden,
der fie mit einem Auge fieht. Dann
jpringt er zu ihnen auf das Schiff
und dann gehen fie unter im blutigen
See.”
„Und der italieniſche Graf?“
„Sa, der hat fi die Augen ver-
bunden, jo oft er auf dem Söller ift
geftanden. Da iſt ihm einmal am
Feierabend, wie fhon der Mondſchein
war, ein Spa vom Dad herab und | er
auf die Augenbinde gehüpft; ijt Die
Binde herabgeruticht, hat der Graf
die wunderſchönen Jungfrauen ge:
fehen. Schon will er ſich hinabftürzen,
da läuten fie auf dem Brandauer
Kichthurm zum englifhen Gruß, und
jo haben die böfen Geifter zur felbigen
Stunde feine Macht über ihn gehabt.
Seitdem hat der Graf das Schloß im
Stich gelaffen und ift davon. Schier
zwanzig Jahre wird’3 her fein. Man
jagt, er wäre die Zeit her gegen jeinen
Fürften aufgeftanden; und ber hätt’
ihn in ein ewiges Gefängniß werfen
laffen. Das Schloß ift verlaffen wie
ein Kirchhof.
hinein. Der Brandauer Todtengräber
hätt’ den Schlüffel dazu. Ein alter
Narr wohnt in einem Winkel des
unteren Hofes, der fammelt allerlei
Kräuter und Käfer und Gewürme zu
Haufen. Aber ich fag’, das iſt Alles
Es will fein Menfch | hatte
Andere feine Kräuter: und Käferfamm:
lung betreibt — verjteht mich. Doc
bin ich im Befige von geheimen Mitteln,
die nicht Seder hat, und mir wird's
gelingen. hr, Meijter, ſeid — id
weiß niht wie — mein Vertrauter
worden. Und wenn hr mir behilflich
jein wollt, daß mir der Todtengräber
im Schlofje etliche Gemächer aufſchließt,
jo jol’8 Euer Schade nicht fein.“
Der Schufter blinzelte den Frem—
ben an. Er fand das junge ſchöne
Antlig offen und ehrlich, daher jagte
: „Daß er Euch das Schloß auf:
jperrt, wird feine Kunft fein. Will's
ihon betreiben.” Und dachte bei ji:
unge, leicht ftedt Einer dich mit:
fammt deinem Schag in den Sad.
ALS Friedegg aus dem Häuschen
trat, ſah er durch die Stallthür, wie
Angla aus ihrer Schürze der Kuh das
Gras in die Krippe jchüttete.
„Oh!“ rief er, „ich werde wahn:
finnig! Hier füttert die Venus ein
Rind !“
Die Schönfte für den König!
Schon am Abende desjelben Tages
war Friedegg Herr auf Brandau. Es
einige Mühe, Märchen und
Münzen gefoftet, bis der Todtengräber
ihm die drei freunblichften, jonnigiten
Gemächer aufthat. Auch war, als das
Burgthor knarrte, der hagere, blaffe
Mann, den fie den Draden hießen,
vorübergeihlichen, und hatte einen gar
angefpielte Sad’, und ber Menfch | finfteren Blick auf die Eintretenden
will ſchatzgraben im Schloß. Die |geichleudert. Maucher büjtere Gang,
Juden haben ja den Schaß des Salo: | mancher hohe, öde Saal war zu durch—
mon barin vergraben. Und nichts für | wandeln geweſen. Und mande Spinne
Uebel, ich fehl’ nicht weit,
dem Schatz.“
Friedegg rüdte dem alten Schwäßer
etwas näher, Iegte ihm die Hand
auf bie höderige Achjel und fagte im
Vertrauen: „Was fol ich’3 denn
leugnen, Meifter. Meines Handwerks |
bin ich ein Maler und will mir im|
Schloſſe eine Malerwerfitatt einrichten.
Aber nur zum Schein, jo wie der
wenn ich | hatte ihr Gitter geſpannt, als wollte
jag’, dem Herrn da g’luft’S auch nad) |fie den lebensfreudigen,
heißblütigen
Jüngling vor dem Eingange in dieſe
Räume bewahren. Doch nun befand
fih der Maler in der alterthümlich
und vornehm eingerichteten Wohnung
recht wohl; auch hatte er bereits
Staffelei und Farbenfaften aufgejtellt.
Allein der alte Eniffige Schufter, der
auf einer Lehnbank fauerte und unge:
ſchickt eine Eigarre zerbiß, die ihm ber
neue Bekannte zugelegt, war ihm doch | fie, „al’ meiner Tag’ müßt’ ich mich
zum Malen Fein wiürdiger Gegenftand.
Er ging daran, fih ganz um einen
andern zu bewerben.
„Meifter“, ſagte er, fich dem Alten |
gegenüberjegend und felbft eine Eigarre |
anbrennend, „dasSchatzgraben das bleibt
unter und. Den anderen Leuten bin
ih als Maler da; ih bin nämlich
vom König geſchickt, die Schönfte im
Lande zu malen. Sie fommt in den
königlichen Palaſt.“
„Ei je!“ machte der Zachſchuſter.
„Das iſt kein Märchen, mein
Lieber. Und ſelbſt wenn es mit unſerem
Schatze nichts fein ſollte, jo bin ich
ein gemadter Mann, jobald ich das
Bild zu Stande habe.” Darauf der
Schufter: Und ift das wahr auch? —
Na, wie lange wird Er da juchen
und vergleichen müſſen.“
„Das Driginal ift bereit gefun-
den, mein edler Herr von Drahtzug.
Es lebt hier in der Gegend und mag
mir hoffentlich gern figen.“
„Ra, wohl gewiß nicht, daß fich
Die wehren wird.“
„Es fommt nur auf ihren Vater
an, ob er dem Könige geben wird,
was des Königs iſt.“
„Denn er fein Narr ift, wird er
fih nicht lang befinnen.“
„Schön“, jagte Friedegg, „Jo wäre
auch dieſes abgemadt. Die Leinwand
ift aufgeijpannt. So mögt Ihr fie
morgen um act Uhr jchiden.”
„Ich? wen?“
„Run, die Schönfte
Eure Tochter Angla.“
Der Alte bewegte fih nicht. Er
preßte nur die dünnen Lippen feſt
im Land,
zujammen, brüdte bie Aeuglein zu | da |
Läſterer, jo rief hierauf fein Herz,
und ſchmunzelte.
Bald hernach ftiegen die beiden
Männer nieder in’3 Thal. Angla, als
fie den vornehmen Antrag hörte, wurbe
roth und blaß und wieder roth. Des|
Malers bloßer Blid ſchon pinfelte ihr.
allerlei Farben in's Geficht.
„Das kann ich nicht thun, bei,
ihämen vor mir felber. Auf fo ein
Bild gehört wohl die Mutter Gottes,
und nicht ein leichtfertig Geichöpf. “
„Mein Kind“, verjegte Friedegg,
„wer kann die Mutter Gottes malen?
wer hat fie je gejehen? Der Künſtler
muß ein Vorbild haben, und will er
die Göttliche Schaffen, fo kann es Feine
andere fein, al3 die ſchönſte Jungfrau
auf Erden, die ihm ihr Anbild leiht.“
Dann ſetzte er leiſer bei: „Ih
male durh Dich ja eben die Mutter
Gottes... .“
Da neigte fi) das Haupt des
Mädchens tief herab. Sie Hub zu
ihluchzen an.
Friedegg hob ihr Köpfchen empor
und ſah die helle Thräne. Faſt zit:
terte feine Stimme, als er jagte:
„Angla, wenn ich's vermag, Did
wieberzufpiegeln, dann hat die Kunft:
welt einen ewigen Schag mehr!" —
Die erfte Naht im Schloffe. Der
junge Maler ruhte auf feinem Him:
melbett und der runde Mond jchien
durch das hohe Fenjter auf fein loden:
ummalltes Angeficht, auf feine weiße
| Bruft, in welcher das Herz mit einem
Dämon rang.
Dein leichtes Blut, jo ſann der
junge Mann, das haft du von Gott;
der wird dafür feine Verantwortung
fordern. Aber die Ränke, die du
ipinnft! Den Alten haft du beſchwatzt
— oh, ſchrecke nicht zurüd vor dem
Namen deſſen, was du gethan: bu
baft ihn belogen! Das Mädchen haft
du bethört. Gejtehe dir: unlauter ift
dein Beginnen! — Wahrlich, das ift
das Schloß der böfen Geifter! — Nein,
das ift das Haus des guten Genius.
Das Bild wird deinen Ruhm begrün:
den, du wirft das Mädchen lieben.
Der Mond verließ almälig den
Ihönen kräftigen Leib; Tugte hingegen
tief im Thale durch ein anderes Fen—
ſter, hinter welchem auch ein junges
meinem Leben und Sterben“, flüfterte | Herz in heißem Kampf erbebte.
10
Ein unheimliher Befud.
Als die Sonne aufging, war im
Zimmer des Kiünftlers Alles in Bes
reitfhaft. Hier die gemifchten Farben,
die feuchten Pinfel, bier auch die
Kohlen und Kreiden, und hier die
Staffelei mit der weißen Leinwand:
ſcheibe. Ein leeres Blatt noch jept,
wie eine weiße Wolfe, in welcher der
Blitz noch fchlummert, — Und dort
gegenüber der practreihe Ruheſitz
aus rothem Sammt, harrend der
Lieblichften, die ein ſchönheitskundiges
Mannesauge je geihaut und gejchäkt.
Friedegg jhritt von einem Fenſter
zum andern und blidte hinaus, ob
er die erjehnte Geftalt nicht ſchon
nahen jehe.
Da Elopfte e8 an die Thür.
Eilig ging er, um zu öffnen.
„Ich bin fo frei!“ murmelte eine
dumpfe Stimme und der hochgewach—
jene Mann mit dem blaffen Antlige
und dem kohlſchwarzen Vollbart trat
fnarrend in's Zimmer.
„Kann ich dienen?” fragte ber
Maler mit etwas ſcharfer Stimme,
Der Fremde zog feinen Feb vom
Haupte und ließ den afhgrauen Man:
tel auf das Sopha gleiten, vor wel:
hem er ftehen blieb und auf bie
weiße Leinwandfläche binfchaute.
„Ih darf Sie bitten, mein Herr”,
jo begann er in feharfem Tone, „daß
Eie e3 nicht hart nehmen, wenn ich
etlihe Fragen an Sie zu richten mir
erlaube.“
Welch' eine Anrede von dieſem
Menden! — Etwas Höflichkeit und
etwas Neugierde war’, als ihn Frie-
degg bat, Plag zu nehmen und zu
ſprechen.
Stehend fragte der Mann: „Wie
lange gedenken Sie in dieſem Schloſſe
zu weilen?“
„Jedenfalls ſo lange, bis ich ein
Werk vollendet habe, welches erſt heute
begonnen werden ſoll.“
„Sie haben mir dieſes Werk zwar
nicht genannt“, fuhr der Finſtere fort,
„doch vermuthe ich, daß Sie ein be—
ſtimmtes Bild malen wollen, wozu ich
hier die Vorbereitungen bereits getrof—
fen ſehe.“
„Welches Intereſſe haben Sie an
dieſer Sache?“ fragte der Maler.
„Deſſ' wollen wir uns noch ver—
ſtändigen, junger Mann“, verſetzte der
Andere. „Ich wünſche nämlich nicht,
daß Sie das Bild malen.“
„Sie wünſchen es nicht?!“ ſagte
Friedegg gedehnt und jedes Wort be—
tonend, während eine tiefe Röthe über
ſein Geſicht flog. „Dann wünſche ich,
daß Sie ſich um meine Beſtrebungen
nicht kümmern mögen!“ Dieſe Worte
begleitete er mit einer Handbewegung
gegen die Thür.
Der finſtere Mann blieb ruhig
ſtehen und verſetzte: „Sie ſind etwas
leidenſchaftlich, mein Herr, und ſo mag
ich auf meinem Wunſche wohl beſtehen.
Da Sie aufgenommen ſind, ſo will
ich Sie nicht mit Ernſt aus dieſem
Baue weiſen. Hingegen müſſen Sie
mir die Frage geſtatten, wie viel an
Geld Sie für dieſe weiße aufgeſpannte
Leinwand hier verlangen, wenn Sie
ſich derſelben entäußern ſollen, mit
dem Verſprechen, daß Sie ſogleich von
dannen ziehen und das Bild für alle
Zeit ungemalt laſſen wollen.“
„Sie ſind ein Narr!“ brauſte der
junge Künſtler auf, „eher verkaufe ich
meine Seele dem Teufel, als Ihnen
das Anrecht auf dieſes Bild. Gehen
Sie und ſtehlen Sie mir die Stunde
nicht!“
Weit unheimlicher aber, als Frie—
degg in ſeinem Zürnen, war der
Fremde in ſeiner Ruhe, Dieſer zog
nun aus ſeinem Mantel einen ledernen
Beutel, der ſchwer ſchien. „Im Falle
Sie, mein Herr“, ſagte er in eherner
Gelaſſenheit, „mit irdiſchen Gütern
nicht verſehen ſein ſollten und etwa
betagte Eltern hätten, denen Sie das
Alter erleichtern möchten, würden Sie
gut thun, für das ungemalte Bild
dieſe Summe zu nehmen.“
11
Damit beugte er fih zu Boden
und jchüttete den Beutel aus. Etwa
an bie fünfzig Dukaten fchimmerten
auf dem Eſtrich.
Friedegg ftarrte überrafcht darein.
Mas ift das? Und der Mann hatte
eine Saite berührt, die lange in feiner
Seele ſchrillte. Er hatte der betagten
Eltern gedacht, die allerdings nicht
ſorglos ſchlafen konnten.
„Es iſt Ihnen zu wenig“, murmelte
der Fremde, „mehr kann ich nicht geben.“
Da ſprang der Maler plötzlich
auf, ſtieß mit der Fußſpitze die Gold—
ftüde auseinander und rief: „Schand:
gelb! Blutgeld! Judaslohn! Hinweg
und ftört mir den Frieden nimmer !”
Almälig Fraute der Schwarze das
Geld zufammen in den Beutel, ſchob
biefen wieder in das Kleid, trat dann
einen Schritt näher zum Maler und
fragte: „Sie wollen aljo bier bleiben
und das Bild malen von jenem Mäd—
hen, das unten im Haufe des Schuh:
machers lebt ?“
„Ja!“ rief Friedegg mit vor Er:
regung bebenber Stimme.
Seht begann das Antli des Frem-
ben noch fahler zu werben und in
feinen finfteren Augen jprühte bie
Gluth. Wieder langte er in den
Brufttheil feines Kleides, doch anſtaft
eines Geldjades zog er einen funfeln-
ben Dolch hervor.
Friedegg bebte zwei Schritte zurüd
und ſuchte die Holzlehne eines gothi-
ſchen Seſſels zu fafjen.
Der Fremde zifhte: „An dem
Tage, wo der erjte Lichtftrahl auf ihr
gemalte® Bild fällt, gleitet dieſes
Meter dem Maler in’s Herz!“
Schweren Schrittes trat er zur
Thür hinaus.
Friedegg trodnete fih den Schweiß
vom Angefihte; dann ging er, ver:
ſchloß das immer und ftieg hinab
in das Thal.
Sunges Blut im alten Schloß.
Angla wäre nicht in's Schloß ge
verweinte Augen. Sie habe gar ſchlecht
geſchlafen und könne nicht dem Maler
figen.
Friedegg wußte fie zu beruhigen
und zu erheitern und an jeiner Seite
ftieg fie den buſchigen Schloßberg hinan.
E3 wollte zuerft das Geſpräch
nicht recht verfangen. Endlich jagte
der Maler: „Ich habe Schon mehrmals
von einem gewilfen Drad gehört. Was
ift’8 eigentlih mit diefem jonderbaren
Menſchen?“
„O Gott!“ flüſterte das Mädchen,
„ſchon wieder der Drack. Ach, er iſt
ja nichts weiter als ein Narr!“
„Dürfte vielleicht zu den gefähr—
lichen Narren zählen“, bemerkte der
junge Mann.
„Für das halte ich ihn nicht,“
antwortete Angla, „mir iſt er oft in
den Weg gekommen; dürft' nicht ſagen,
daß er mir was zugefügt hätte. Man
kann's aber nicht wiſſen, was der
Menſch will.“
„Und wer iſt er denn? was weiß
man von ihm?“
„Vor etlichen Jahren iſt er in die
Gegend gekommen, aus Wälſchland
glaube ich; hat eine Schrift an den
Schloßaufſeher mitgebracht. Die Schrift
iſt vom Grafen Banetti geweſen, dem
das Schloß gehört; fie hat's bezeugt,
daß der Weberbringer ein Doctor ift
und Drade heißt, in dieſer Gegend
wohnen möchte, um allerhand Ge:
wächje, Gejtein und anderes Ding zu
fammeln. Und die Schrift hat's be—
fohlen, daß dem MWeberbringer im
Schloß eine Wohnung angewiejen werde.
Drauf Hat fih der fremde Doktor
dort drüben im unteren Bau, ber
völlig von den Buchen zugebedt ift,
ein Kleine Zimmer ausgewählt, und
darin wohnt er feither. Er geht herum
wie ein Verrüdter, aber die Xeute
fürchten fi nicht vor ihm. Keinem
Menſchen kann er jo oft begegnen, als
mir. Er hat früher noch jelten ein
Mort mit mir gefprodhen, doch wenn
er mich mit feinen wilden Augen an:
fommen. Sie war allzublaß und hatte ſchaut, fo iſt's mir wie ein Stich in's
12
Herz. Und ſchon ganz gewiß ift er
nicht weit von mir, wenn ich auf dem
Kirchtag bin, oder einmal beim Tanz.
Die Burſchen haben ihn ſchon paden
wollen, aber feiner getraut fich.“
„Nach meiner Anficht, Angla, ift
ber alte Kerl in Dich verliebt,” ſagte
Friedegg.
Das Mädchen ſchwieg.
„Einmal“, flüfterte es nach einer
Weile, „it wohl Jemand in mich ver:
liebt geweſen; derjelbe hat fich halt ganz
anders betragen, als dieſer Menjch.“
„Wie hat fich denn derſelbe be:
tragen? fragte der junge Maler, ihr
ſchalkhaft in's Auge blickend.
„Ra, jo, daß ich gegen ihn hab’
grob werden müſſen,“ jagte Angla
raſch und ſetzte leiſe bei: „grobjein
möchte ich gegen den Draden nicht.”
Jetzt jchwieg Friedegg. In feinem
Haupte ftritten vielerlei Gedanken.
Er führte die „Ichönfte Jungfrau
auf Erden” in das ftille Schloß. Er
führte fie über fteinerne Treppen, über
finftere Gänge in fein Gemad).
Angla ſchauerte, als fie eintrat;
fie wollte e3 nicht geftehen, aber ihr
graute vor dem Blutbrunnen und dem
See, der in dieſem Gebäude jein follte
und von dem ihr Vater noch geftern
erzählt hatte.
Dem Maler hingegen graute vor
einem blinfenden Dolche, und er ver:
ſchloß die Thür.
Angla ftand unbeweglich und blicte
zum Fenfter hinaus. Friedegg richtete
einige Worte an fie und erhielt Feine
Antwort.
Angla war im Sonntagsgewand
und hatte die Loden eng um das
Haupt geflochten. Er aber hätte fie
gerne in dem leichten, loſen Kleidchen
von gejtern vor ſich gefehen, und vor
Allem gerne ihre Loden gelöft gehabt.
Er war fonft gewiß ein feder Junge,
und hätte fich derlei von einem Mobdell
unter allen Umjtänden zu verlangen
getraut. Aber heute war ihm beflom:
men und er fürchtete mit feinem
Wunſche das Mädchen zu verlegen.
Ein Marienbild mit reichen, nieder:
wallenden Locken hing an der Wand ;
Friedegg wollte des Mädchens Blid
darauf lenken, Angla warf, an einem
großen Spiegel vorüberwanfend, ihr
Auge auf ihre eigene Geftalt.
Als fie fih auf dem beftimmten Sit
niederließ und ihr der Maler endlich
doch fein Verlangen zu verftehen gab,
löfte fie willig ihre Haarfrone und
ließ das ſchöne zarte Gelode wie einen
goldenen Schleier über Naden und
Schultern wallen.
Den jungen Mann burchriejelte
ein jeltfam Schaubern, als er dieſes
maienhafte Frauenbild vor fi Jah,
das heute durch den Hauch von zarter
Scham und den leifen Schatten von
Bellemmung mur noch unendlich reizen:
der war, als er fich’3 je hätte denfen
können.
Sn der Hand Schon die gejpigte
Kohle haltend, wollte er, von Gefühlen
übermannt, vor dem Mädchen nieder:
finfen auf das Knie. Lieb' und Künft:
lerdrang rangen um den Preis Diejer
Stunde; endlich jchien letzterer zu
fiegen.
Als er mit dem Stifte auf die
Leinwand fuhr, ſprang Angla auf,
309 fanft feinen gehobenen Arm nies
der und hauchte: „Warten Sie nod) !”
„Du bift fo ſehr erregt, mein Kind!”
fagte Friedegg.
„Ja“, flüfterte das Mädchen zu
Boden jtarrend, „Sie willen es nicht,
was ih geftern Abends gehört habe.“
Der Maler jegte fih zu ihr, er:
oriff ihre zitternde Hand und ſprach:
„Sei ganz aufrichtig, Angla.“
„Ich hab’ darüber die ganze Nacht
fein Auge zugethan,” jagte fie. „Ge:
jtern — es ift ſchon ſpät, ich lieg'
ihon lang in meinem Bette. Da
höre ich jählings, wie als thät’3 von
oben kommen, eine Stimme.“
„Nun? und was hat diefe Stimme
gejagt ?“
„Eine jchauerlihe Geſchichte hat
fie mir erzählt. Die Gejchichte von
einem eitlen Jungfräulein, das ſich,
13
weil e8 jo ſchön geweſen, für ein
Altarbild als die Mutter Gottes hat
malen laſſen.“
„Wohl, ich kenne diefe Gejchichte ;
fie jteht zu lejen in einem der fchönften
Bücher des deutichen Volkes.”
„So werden Sie au willen“,
fuhr das Mädchen fort, „daß das
Yungfräulein bald darauf abgewelft
ift; daß ihr die Augen trüb und hohl
geworden, daß ihr alles Fleiſch
vom Angefiht und alle Haare vom
Scheitel gegangen find, bis ihr Haupt
ausgejehen wie ein XTobtenfopf. So
bat fie leben müfjen zu Schand’ und
Spott der Leute, weil fie fih mit
dem Bildniß unferer lieben Frauen
jo ſchwer verfündiget hat.“
Das Mädchen bebte und jchluchzte.
„Eigentlich“, entgegnete nun ber
Maler, „wäre beine Mähr’ zu belä-
heln. Entweder fie hat Dir geträumt,
oder ift Dir von einem Spaßvogel oder
einem andern, vielleiht böswilligen
Gejellen beigebracht worden. — Schau,
mein Kind“, fuhr er im Tone tiefer
Ueberzeugung fort, „die Schönheit hat
der Menih von Gott, welcher der
Urjprung und die Seele alles Schönen
it. Kein Menſch ift auf der Melt,
der je mit feinem irdichen Auge
Gott gejehen hätte. Und doch ftellen
wir ihn im Bilde dar, und wir haben
dem Göttlichen, dem Inbegriff bes
ewig Schönen und Großen — unfere
eigene Geftalt verglichen. Wir denken
uns in Gott einen erhabenen Greis
mit fchneeweißem Haar und Bart,
oder einen jugendlichen Mann in ebel:
fter Geftalt, der im Giege über bie
menſchlichen Leidenſchaften die Welt
erlöft. Wir denfen uns in der Mutter
Gottes das idealfte Frauenbild, jo wir
uns vorzujtellen vermögen. Selbft die
Englein im Himmel, die pure Geifter
find, ftellen wir im Bilde holder
Menfchenkindlein dar. — Nicht An:
maßung fann das fein, ſondern viel:
mehr Dankbarkeit, Opferfreudigfeit, wenn
wir unjere menschliche Geftalt, das
allerfhönfte Gebilde der Schöpfung,
den Himmlifchen zur Ehre bringen.”
Angla hatte während dieſer Rede
dem Sprechenden in's leuchtende Auge
geblidt. Und hätte fie der Worte Sinn
nicht ganz verftanden, im edlen Feuer
feines Auges las fie die Ueberzeugung,
daß ihr Beginnen fein verdbammliches
wäre. Und fie nahm ſich vor, daß fie
demuthsvoll, wie einft jelbft Maria vor
Gabriel dem Gottgefandten fich ergebe
zum augerwählten Opfer dem ewig
Schönen.
Beruhigung und Freude lag in
ihrem Angefichte. Sie war bereit.
Sie ahnte nicht die innere Bedräng:
niß des Künftlers, der in feiner ſchönen,
freundlichen Geftalt vor ihr ftand.
Zur einen Seite die heiße Liebe,
zur andern Seite den drohenden Dolch
— fo follte er fein erſtes Kunftwerf
ſchaffen.
(Fortfegung folgt.)
Friauliſches Beifebild.
Ein Tagebuchblatt aus dem Jahre 1864
von Robert Yamerling.
Wo hinter Nabrefina die Eifenbahn |
auf dem Wege in's Friauliſche den Karit
verläßt und gegen das Meer fich nieder:
jenft, ba fühlt der Reifende zunächſt durch
den Gegenjaß fich lebhaft angeſprochen,
den der weitgeöffnete, völlig ebene
Plan des Meerufers mit der jchroff:
gezadten Felsregion bildet, die man
joeben Hinter ſich gelaffen hat. Die
Spiegelflähe der See taucht wieber
auf; das Schloß von Duino erſcheint
auf jeiner Felsklippe, impofanter noch
al® das aus der ferne herüber-
dämmernde Miramar. Später zeigt in
14
der Ebene fih Monfalcone ziemlich in jchärferen Kanten und Eden als
angenehm, Maispflanzungen beginnen | gewöhnlich ausgeprägt. Wir erreichen
auf mweitgedehnten Streden vorzuberr: | den Hauptplat, eingefhloffen von Bau:
ihen. Bei Sagrabo belebt fich bie
Gegend merflih. Der italienifche Cha-
rafter tritt hervor; man fieht einzelne
Cypreſſen, vollausgewachſen, hochſtäm—
mig. Kriſtallklar, aber ziemlich ſpar—
ſam im flachen Sandbette fließend, tritt
jetzt der Iſonzo in das freundliche
Landſchaftsbild. Dies erweitert ſich als—
bald zum weiten Gebirgspanorama, als
deſſen Mittelpunkt nach einiger Zeit in
ſchöner und freier Lage Görz erſcheint.
Faſt noch anziehender vereinigen ſich
um Cormons fruchtüppige Gründe mit
Gebirgsproſpecten zur angenehmſten
Rundſicht. Im Flachlande, das wir
unmittelbar durchſchneiden, beſtimmen
den Charakter der Landſchaft endloſe
Maisfelder, zwiſchen welchen als Grenz:
ſcheiden Baumpflanzungen in langen
Reihen laufen. Die Bäume ſind durch
Rebengehänge wie durch Guirlanden
mit einander verſchlungen. Unabſehbar
gegen das dem Blicke längſt ent—
ſchwundene Meer hinab dehnt ſich die
friauliſche Ebene. Von Norden aber
blickt, nicht allzufern, immer gleich—
mäßig ſichtbar, der gewaltige Höhen:
zug der farnijchen Alpen herüber.
Nun zeigt fih Udine, aus den
Büſchen der Ebene nur wenig hervor:
tretend. Wir verlafjen die Eijenbahn
und betreten die Stadt. Wenig ver:
jprechen, jobald wir das Thor hinter
uns haben, die erjten Häuferreihen.
Bald aber erfcheint eine Bauart, die
man noch lieber römifch als romaniſch
nennen möchte, in fräftigen Zügen an:
gedeutet. Man erfreut fich eines breiten
freien Schwunges® in Formen und
Linien. Da gibt es nichts Kleinliches,
nicht3 Kümmerliches, nichts Verſchwom—
menes, nichts Schnörfelhaftes. Es ift
al3 träte das Kreisrund, der Bogen,
das Nechted überall mit einer ganz
bejonderen altrömifhen Energie ber:
vor, al3 fände an Thüren und Thoren
und Fenjtern das Bejtreben nad) ab:
ftracter Regelrechtigkeit der Linien fich
werfen, die und halb an Venedig, halb
an das friegerifch-ernfte Verona ge:
mahnen. Die Seitengafjen betretend,
jehen wir den venezianiſchen Bauftil
immer entjchiedener hervortreten: Häu—
jerfronten, Portale, Fenfter und Bal-
fone, Alles verjegt uns in Die Dogen-
ſtadt, und wer früher nur dieje gefehen,
der merkt jet, daß Eigenthümlichkeiten,
von welchen er gedacht, daß fie
einer einzelnen Stadt angehören, fich
über eine Provinz erjtreden. Fragen
wir zuleßt noch ben überaus höflichen
Udinefen nah dem „giardino publico “,
den unjer Neifehandbuh aufführt, jo
weiſ't er und einen offenen, freien
Grasplatz, im regelrechteften Kreisrund
umgeben von einer Doppelreihe von
Bäumen. Aber von welchen Bäumen !
Rieſige Platanen find es, die prächtig:
ften, die man fehen fann, faft unab:
ſehbar hoch emporgeſchoſſen und jo
dickſtämmig, daß vier Menſchenarme
ſie nur mit Mühe umſpannen.
Die Reiſe fortſetzend, ſtoßen wir
zwiſchen Codroipo und Caſarſa auf
eine Sandwüſte, über welche eine
endlos lange Brücke gebaut iſt und die
wir für Alles eher halten als für ein
Flußbett. Und doch iſt's ein ſolches:
das des Tagliamento. Vergebens
durchſpähen wir lange Zeit die weite
Sandfläche nach einer Waſſerſpur;
zuletzt entdecken wir in der That
ein Silberſtreifchen, das feinen Pfad
im unermeßlichen Sande ſucht. Der
Charakter der Gegend ift inzwijchen
im Allgemeinen immerfort derjelbe ge:
blieben. Immer und immer Mais:
pflanzungen, von Baumreihen durch—
zogen und abgegrenzt, immer die weite,
weite Ebene, nad) allen Seiten jpiegel:
lad) gedehnt, immer im Norden die
Umriſſe desfelben langbingeftredten Ge:
birgszuged. Aber das grüne Gafarja
entreißt uns dem Gefühle der Mono:
tonie, das ung bedroht: es grüßt aus
dichten Gebüfchen gar heiter und freund:
15
ih. Weit reizender noch erjcheint bald
darauf das unvergleihlihe Pordenone,
da3 mit feinen gartenähnlichen Um:
gebungen, während die Eijenbahn uns
daran vorüberführt, ſich von mehreren
Seiten immer anlodender zeigt, einen
anmuthigen Projpect um den anbern
vorſchiebt, und zulegt, während ber
Zug ftilhält, und noch durch den
Schlußeffect einer überaus Tieblichen
Barkanlage überrafcht, die dem Sta:
tionsgebäude gerade gegenüberliegt.
Pordenone — der Name Elingt
uns aus der Kunſtgeſchichte jo befannt.
Iſt nach ihm nicht Tizian's ftolzer, in
der Freske faft ebenbürtiger Rival, der
Michel Angelo der venezianijchen Schule
zubenannt ? Aber auch von jelbit lockt
der Ort durch feine Anmuth unmiber-
ftehlich ; nirgend3 können wir eine an—
genehmere Naftitation halten. Aus
dem vorftäbtifchen „borgo“ treten wir
buch das alterthümlihe Thor in die
eigentlihe Stadt. Sie befteht ganz
und gar aus einem „Corso“, in acht
Minuten gemächlich zu durchwandeln,
jeiner ganzen Länge nad) zu beiden
Seiten von Arkaden eingefaßt. Am
Ende des Corſo fteht querüber das
Stadthaus, jo ftolz und würbevoll, als
follten darin ftatt der Eleinen Angelegen-
heiten der Pordenoneſen jeden Augen:
blid die Geſchicke der Welt entfchieden
werben. Kleinftäbtiid und modern:
armjelig find die Läden und Buden zu
beiden Seiten der Straße, aber von
den Häuferfagaden herunter grüßen
altvenezianifhe Schönheits-Conturen.
Alles ift im palazzo-Stil gebaut, hier
maurifch-bygantinifch, dort romaniſch.
Unferne dem Stadthaus finden wir
eine Kirche romanijchen Stil’3, außer:
halb der Stadt zeigt eine zmeite
Heinere denjelben Stil in ganz hübſchen
Verhältniſſen. Im „borgo“ ftoßen
wir noch auf eine dritte Kleine Kirche,
neben welcher man ftatt des Thurmes
eine Riejenfäule von ungeheuerer Dice
aber verhältnifmäßig geringer Höhe
aufgerichtet hat, was eine wunberliche
Wirkung macht. Im Innern unjeres
Gafthof3 treffen wir, wie in ber
Außenfeite der Baumerfe, durchaus
die venezianische Art vorherrfchend. Es
find kleinſtädtiſche, faft dörflihe Räum—
lichkeiten, aber auf den Wänden
einzelner Gemächer begegnen uns alt-
venezianiiche Malereien. Venezianiſch
find die Kamine, die runden Thür:
ſchnallen, die Thürkflopfer, die Fenfter:
balfen, die Steinfußböden. Befuchen
wir den Park in der Nähe des Stations-
gebäudes, der fich ſchon bei der Ankunft
uns fo verlodend darſtellte. Es ift
eine prächtige Anlage auf hügeligem
Grunde, durchſchnitten von fließenden
Gewäſſern und Fleinen Teichen. Die
Anlage ijt Privateigentyum, aber ber
Gärtner läßt fich gerne bereit finden,
Fremde einzulaffen. Er zeigt uns alles
Schöne, mit bejonderem Behagen aber
feine Wafjerfünfte, die er, den Waſſer—
ftrahl mit verjchiedenartig durchlöcher—
ten Blechtrichtern überdachend, in
mannigfaltigiter Weife fpielen Täßt.
Bald überrafht er uns mit faben-
fürmig auf und abfteigenden ſymme—
trifchen Zineamenten, bald mit bouquet=
artigen Figurationen, bald mit einem
ftäubenden Regen ober einem förmlichen
Feuerwerk von Tropfen. Er zeigt ung
auch die hübſche Spielerei, wie eine
Kugel oder ein Käppchen von der auf:
ſchießenden Wafjerfäule des Spring:
brunnens hoch mitemporgehoben und
getragen wird. Der Parkanlage jelbft
geben insbeſondere die häufigen Trauer:
weiden ein charakteriftiiches Gepräge.
Auf einem Eleinen Hügel bewundern
wir eine ganze aus Buchsbaum ge:
ſchnittene, ziemlich weitläufige Feftung.
Pordenone befigt auch einen „giardino
publico“, was man bier jo wenig wie
in Udine und in andern italienijchen
Städten mit „öffentliher Garten“
überjegen darf. Es ift ein freier Ra—
fenplag, von SKaftanienbäumen um:
geben, mit etlihen Ruhebänken; Blu:
men find ftreng verbannt. Aber wozu
bedarf der Pordenoneſe eine „giardino
publico?* Wohin man immer hier
bliden, welche Wege man rings um
16
die Stadt verfolgen mag, überall ver:
liert der Blick fih im endlos dichten
Grün der Gebüfche, und außer dem
Flüßchen Noncello, das den Ort be:
jpült, begegnen wir jchier bei jedem
Schritte fließenden oder ſtehenden
Waſſern, deren Klarheit und Frifche
das Aug’ ergößt, während ihr Gemur-
mel und ihr Naufchen, befonders in
der Nähe der Freijenden Mühlräder,
auf die man häufig ftößt, das Ohr
in angenehmfter Weife beichäftigt.
E3 würde ſchwer fein, zu be:
ftimmen, welches die anmuthigſte ſei
von den parkähnlichen Scenerien und
natürlichen Promenaden, die Pordenone
von allen Seiten umſäumen. Schlagen
wir den Weg ein, der gegen Torre
führt, ſo ſtoßen wir, gleich nachdem
wir die Stadt verlaſſen, auf einen
Teich, in welchen höchſt pittoresf bie
Zweige von vier prächtigen Trauer:
weiden neben einander niederhängen.
Nahe daran finden wir einen Park,
mit einem Gartenhaufe, dabei ein
Wirthſchaftsgebäude, in deſſen Hofe
drei alte homeriſche Schaffnerinnen —
e3 ift Sonntag Morgen — einander
die noch immer pechſchwarzen Haare
fümmen. Weiterhin führt der Meg
und immer durch's dichte Gebüfch
voll fpringender, vaufchender, meijt
auch filberflarer Bäche. Allen von
hochſtämmigen Platanen, Schwarz:
pappeln, gemijcht mit echten Afazien
und Ailanthusbäumen, burchfchneiden
bier, wie überhaupt in ber ganzen
Gegend ringsumber, die maisbepflanz-
ten Aderftrefen, welche die Ebene
füllen, während nebenher vornehmlich
der Hafelftraud und die Nobinie bie
Straßen und die Bachufer reih um:
büſchen. An feuchten Orten, in ber
Nähe der Bäche und Teiche, fteht
überall die ſchöne rothe Blüthenrispe
des Weiderichs. Läßt man, vom borgo
fommend, das Thor der Stadt zur
Nechten und betritt den jeitwärts von
der Stadt hinführenden Baumgang,
jo eröffnen fih aud bier wieder die
ſchönſten Landſchaftsbilder.
Alleen und Gebüſch, überall Trauer—
weiden, die in Teiche oder in den
Fluß Noncello niederhängen, welcher
letztere hier in lachenden Auen und
dichtbewachſenen Gründen ſich mit
buchtähnlichen Waſſerſpiegeln, wohl auch
kleine Inſeln bildend, in einer dem
Auge wohlgefälligen Weiſe verbreitet.
Auch einige kleine Erhöͤhungen des Bodens
trifft man bier, willkommene Ausficht3-
punkte über die Ebene gewährend. Der
lange Rüden des Hochgebirgs bildet
im Norden immer den impofanten
Hintergrund.
An Markttagen fieht man viele
Zandleute in die Stadt fommen, ohne
daß es ihnen gelänge, durch eine her:
vorstehende Eigenthümlichkeit die Auf:
merfjamfeit des Fremden auf fih zu
ziehen. Anders am Sonntag, wenn
fie fämmtlih in Holzpantoffeln zur
Kirche gewandert fommen. Schreiten
fie dann in Schaaren zu 40 bi8 50
über die Pflafterfteine des Corſo, da
vollführen fie ein Klapperconcert, deſſen
Klangmwirkung einzig in ihrer Art ift.
Auf der öffentlichen Promenade betrach—
ten wir uns einen Sonntagsipazier:
gang italienischer Kleinſtädter. Es Tohnt
die Mühe, denn wir merken mit heiterem
Erftaunen, daß jelbit die species alt-
väteriſcher Philiſter in deutſcher Art,
mit hoher Cravatte und ſpitzen Frack—
ſchößen, auch hier nicht gänzlich fehlt.
Gemeſſen und ſittig ſpazieren die Bür—
gersleute mit Frauen und Töchtern
auf und ab, und ein kleiner Ausſchuß
jüngerer Leute, welche Stutzer vor—
ſtellen wollen, ſtehen in einer Gruppe
beiſammen, vor welcher die ſchöne
Welt des Städtchens Muſterung paſſirt.
Ueber Agricultur und Viehzucht
maßen wir uns kein Urtheil an; aber
wir können nicht umhin, wahrzunehmen,
daß im Orte ſelbſt und in der Umge—
bung viele nette Schweinchen umher—
laufen, glänzend ſchwarz von Farbe
und durch hübſche langgeſpitzte Ohren
ausgezeichnet. Auch Meiſter Langohr
iſt in auffällig häufigen Exemplaren
Ueberall ſichtbar, zumeiſt in ſchwarzen, die recht
17
wader trotten und ein glattes Aus: | Taglianento.
fehen haben, was nicht zu verwundern,
da ihnen ja das üppigite Futter jo:
zujagen in den Mund wächſt.
Aber wir verweilen ſchon zu Lange.
Sagen wir ein Lebewohl dem reichbe:
büſchten, quellſprudelnden Pordenone.
Der dampfende Wagenzug brauſt heran
auf ſeiner Eiſenſpur, hält einen Augen—
blick, uns wieder aufzunehmen, und
entführt uns ſtracks in neue Regionen.
Bei Sacile, wohin wir zunächſt gelan—
gen, ſehen wir den Höhenzug, der uns
bisher aus der Ferne begleitet, ſich
herabſenken und in der Ebene ſacht
verſchwinden, während ein anderer da—
für emportaucht, der nun in ähnlicher
Weiſe wie der vorige immerfort am
Rande des nördlichen Horizonts bis
Venedig hinläuft. Wir denken an
Pordenone zurück, aber ſiehe, da ent—
rollt uns Conegliano plötzlich eines
der lieblichſten Städtebilder, das mit
jenem um den Preis der Schönheit
ſtreiten darf. Aeußerſt anmuthend ſtellt
der Anblick namentlich an der Stelle
fih dar, wo die zwei Thürme der
Stadt in der Niederung mit dem
Caſtell und den fäulengetragenen Bau:
ten auf der Höhe zu einem äußerft
maleriſchen Gefammtbilde zuſammen—
treten. Jedes friauliſche Städtchen hat
der Kunſtgeſchichte einen berühmten
Malernamen gegeben. Wie Udine
ſeinen Giovanni, Pordenone ſeinen
Gian Antonio, ſo hat Conegliano ſeinen
Cima.
Von jetzt an überraſcht uns Die
Wahrnehmung, daß die Fruchtbarkeit
und Ueppigfeit der Gegend ſich auf:
fallend vermindert. Die Gewächſe
werben jparfam und niedrig, bald ift
weit und breit fein hoher Baum mehr
zu bemerken. Der Boden ijt ſandig
und jpröde. Die Maisfelder haben ein
verfümmertes Ausfehen und erjcheinen
auf ganz Heinen abgeriffenen Streden,
zwiſchen ärmlichen Wiefengründen ein:
geſchoben.
Der Fluß Piave, den man ſofort
überſetzt, iſt ganz von ber Art des
Vofeggers „‚Geimgarten‘‘ 1. Heft.
Nichts MWunderlicheres
als dieſe friauliichen Flüſſe. Ihre
Bette find unabſehbare, oft ſtunden—
breite Sandgebiete, durch welche ver:
einzelte Gewäſſerchen fadenartig hin:
ſchleichen. Aber fiehe da, es tritt Ne:
genwetter ein, vom Gebirg her ftürzen
die Bäche, und unfere Piave, unſer
Tagliamento, unfer Torrente, unſer
Iſonzo, die wir vorgeftern ſchier mit
der Lupe juchen mußten, fie find zu
braufenden Seen augejchwollen, die
ihre gelben Hochfluthen unbarmberzig
über die halbe Provinz wälzen. Meilen:
weit find dann oft die Felder über:
ſchwemmt: zum Mindeften ſäumen bie
Maffer, neue Bahnen ſuchend, Wiefen
und Felder wie mit Kanälen ein,
tanzen in breiten Cascaden über ge:
jtuftes Terrain, und jammeln fich in
den Niederungen zu Xeichen und
Sümpfen, aus welden bie Bäume
nur mit halbem Stamme hervorragen.
Unfer friaulifher Wanderflug geht
feinem Ende zu. Wir eilen an Trevijo
vorüber, das mit feinem prächtigen
Bahnhof, mit feinen Stabtmauern,
mit feiner Kathedrale das Auge nicht
übel anſpricht; auch die Gegend zeigt
fih von da an wieder fruchtbar. Zand-
häuſer ftehen zahlreich zwifchen reich-
bebauten Gründen im Gebüfch.
Seht ericheinen allmälig Heine
Waferitreden in der Ebene, und ehe
wir uns deſſen verfehen, find wir von
den erjt Fleineren, zerjtveuten, dann
meerbreit ergoffenen Spiegelflächen ber
venezianifchen Lagunen umgeben, und
die Niefenbrüde trägt uns, wohl eine
Viertelſtunde lang, über die Gewäfler
den Thürmen zu, mit welden die
vielberühmte Stadt herüberwinft.
Schöne blühende Bezirke waren es
zum größten Theil, die wir durchflo-
gen; aber jollten wir noch länger im
friaulifchen Lande verweilen, jo würde
es und micht Tänger dulden in der
Ebene; wir würden uns hinaufflüchten
zu den Bergen, deren Gipfel und Hänge
Tag für Tag jo ſchön aus dem fid
zertheilenden Morgennebel hervortreten.
2
18
Nichts Überfättigt das Auge fo bald
als eine weite Ebene, fei fie noch fo
üppig, befonbers wenn fie durchwegs
nur mit Einer Fruchtgattung, wie hier
mit Mais, bepflanzt if. Trägt ber
Reifende ein deutſches Gemüth im
Bufen, fo wir der mübe der grasgrünen,
hoch in's Kraut gejchoffenen Natur,
der langgeftredten Allen, der jprubeln-
den Waſſer und ber quadenden Fröfche;
er jehnt fich nach Bergen und Wäldern,
nach Feljen und Schluchten, nad) Moos
Braut
und Heidefraut. Auf diefen Gründen
mag eine beitere, freie Behaglichkeit
des Daſeins ſich entwideln, und mer
bier geboren, verlangt es vielleicht
niemal® anderd; um deſſen Wiege
aber Fichtenwälder geraufcht haben,
der würde bier, wie jehr auch ange-
zogen, doch faum gefefjelt werben für
immer, und er fänge zulegt vielleicht
jelbft im reizenden Pordenone, wie einft
Pyrker in Venedig, „Lieder der Sehn-
ſucht nad den Alpen“.
Fahrt.
Bon Friedrihd Marz.*)
Du erfte Fahrt in diefe Botteswelt,
Wie hold bift Du an des Geliebten Seite !
Dein Mädchentraum, er funkelt wie ein Stern,
Der bald im Morgenrothe ift verglommen ;
Es glüht und blüht das AL! — Kein Zauber | Was lange Dich umgab, nun fcheint es fern,
fehlt,
Ein haftig Wandern jelbft am Sternenzelt,
Gibt Eurer Brautfahrt ſchimmerndes Geleite.
Und felig lächelnd blidt Ihr ftill hinaus ; —
Die Erde fcheint Euch bräutlich zu begrüßen,
Mit Kränzen glaubt gefhmücdt Ihr jedes Haus;
Es ftredt die Welt wohl hundert Arme aus,
In Euch aM ihren Wonnedrang zu büßen !
Und felig lächelnd blidt Ihr aud hinein; —
Dem Altar gleich mit Blumen und mit Kerzen,
Bor dem Ihr kaum getaufht das Mein und
Dein,
So prangt in Eures Glüdes Sonnenfdein
Dabin! dahin! Du folgft dem Manne gern,
Der, Martha, Dich in feinen Arm genom-
men.
Die Erde hält den leifen Odem an,
Durd feinen Laut zu ftören Euer Kofen;
Es ſchläft die Zeit rings auf der Weltenbabn,
Und Schmerz und Tod find Märchen nur
und Wahn,
Den ftärkften Duft verhauchen all’ die Rofen.
Gut’ Nacht, Tieb’ Kind! Du junge holde Frau,
Auf ewig heut' vom Herzen uns geriffen; —
Wie foll ich's tragen dieſes Dämmergrau,
Dich, Engelstind, wohin ich immer ſchau,
Der große Tag aud in den jungen Herzen! Für nun und alle meine Zeit zu miffen ?
Dein Glück will einfam fein! Wie .trodnet leicht
Die Thräne do, die eine Braut vergoflen !
Doch kämſt Du erft, bis fi mein Haupt gebleicht,
Der Segen, Kind, aud in die Ferne reicht,
Mit dem ih Did allzeit in’s Herz gefchloffen !
*) Aus einer im Drude befindlichen Sammlung neuer Gedichte des Verfaſſers.
19
Der junge Zalſchmünzer.
Dorfgefhicdhte aus der Jugendzeit eines Künſtlers.
Bon P. R. Roſegger.
In Tirol. Auf einer grünen Höhe |jo war ber Franz mit fih einig ge
des Draugebiete®s — vor Zirmbüjchen
fteht ein etwa jechzehnjähriger Burjche,
ſchärft an einem Stein fein Taſchen—
mefjer und jchneidet fih dann einen
Zirmaft. Diejes harte, feine, glattrin:
dige Holz ift Schon recht — da wird
ein hübſches Rößlein daraus, Der
Bacherwirth unten im Dorfe hat einen
Hengit, ein Schönes, feuriges Thier —
das wird nachgeſchnitzt aus Zirmholz.
Iſt geicheidter, als das Banknoten:
machen. — Hätte ih nur meinen
Fünfziger wieder im Sad! —
So war’, „Aus Spaß nur“,
hatte der Franz gejagt, da er den
Bleiftift ſpitzte, „möcht’ reblich gern
wifjen, ob's wahr, daß jo ein Kaiſer—
bildle gar nicht nachgemacht werben
fönne.” Das feine Papier, die feine
Zeichnung und Schrift, der Waller:
drud! Das ift nichts für die freie
Hand. Aber gerane das reizte den
Franz. Denn immer Heiligenbilder nach:
machen und Vögel zeichnen und Leute
abbilden — ’8 war feine Freude
d’ran. „Jeſus Maria, Franzel!”
hatte ‚feine Schweſter gerufen, „was
ſperrſt Dich denn ein, was treibft in
der Kammer, daß Du bie Thür haft
verriegelt ?“
Der Franz hatte aber jelbft nicht
genau gewußt, warum er die Thür
verſchloſſen. Wollte doch etwa nur un:
geftört fein bei feiner heiklen Arbeit.
Es war ihm aber heiß dabei gewejen,
die Hand hatte gezittert, als fie den
eriten feinen Strich gezogen, doch nach | hengloden nicht achteten.
worden: es ift vernünftiger, ich laß’
jo Sachen bleiben und ſchnitz' den
Hengſt des Bacherwirths.
Und ſo finden wir ihn auf der
Höhe, den ſchlanken Knaben mit den
dunklen Locken und mit dem fröhlichen
Auge.
Er hatte Bundſchuhe an, und bie
Kniehofe; und über die junge gerun—
dete Bruft ging nichts, als das Lin-
nenhemb und der Hojenträger. Das
Ungefüge war nur der hohe Spikhut,
der „Sternftecher“, der wie ein finfterer
Thurm über das heitere Antlig tagte.
Aus dem Thale der Drau, ber
el, aus dem Boden von Lienz fan:
gen in zartem Gefumme die Gloden
des Feierabends herauf.
Zu folden Stunden ift es, als
wären vieltaujend Saiten gezogen von
Berg zu Berg, über das ganze Ti-
tolerland, und als fpielte auf diejer
Riefenziether eine unfichtbare Hand ;
jo zart und getragen tönt und Elingt
e3 durh die Lüfte. Von demſelben
Punkte, wo Franz ftand beim Zirm—
bufch, waren adhtundvierzig Kirhthürme
zu ſehen. Sie winkten und riefen —
vergebens, dem ſchlanken helläugigen
Burſchen gefiel e8 auf dem hohen
Berge, wo man bie lichten Feljen jah
von der Glockergruppe bis zu ben
Dolomiten.
Auch Andere gab e8 auf demiel-
ben Berge, die das Läuten der Kir—
Sie ſaßen
und nad ift fie ganz ſicher geworben. in der Bergichenfe der Niederung, die
Und als des Abends der Vater heim: | den jchönen Namen:
gefommen, hatte er zur Sonntagsar: | trägt.
„Auf der Wacht“
Im Jahre neun find dort bie
beit feie8 Sohnes fonft gar nichts | Tiroler auf der Wacht geftanden mit
gejagt, als:
das ein Lump, ein junger!“
In der darauffolgenden Naht war
ein ſchlechtes Schlafen geweſen, und
„Da ſchau man her! ift| Spieß und Stußen, um ihr liebes Land
vor dem übermüthigen Franzen zu
ſchützen. Seither finden fi an jchönen
Sommertagen im Berghauſe noch
2*
20
immer gerne die Scharfihügen ein, um
beim rothen Xirolerwein, bei Mäd—
heraugenglutd und Zitherflang die
Nächte zu „durchwachten“, dem nimmer
vergefjen werben und nimmer veröden
darf das Haus auf der Wadt.
Wohl war heute ſchon das alte
Moidle, des Wirthes Schwefter, Tau:
ernd in die Gaſtſtube gefchlichen, und
hatte etlichemale laut vor ſich hinge—
murmelt : „Zufammenläuten thun fie.
Zum Segen thun fie läuten, Unſer—
eins mühſelige Haut wollt’ gern in
die Kir’ gehen. Und das junge
Volt Schaut fih heut’ nach dem Herr:
gott gar nimmer um. Geh’ weg, jebt
jeh’ ich’3 jchon, die Leut’ werden ganz
falt im Glauben.”
Man hatte gefungen, gelacht, mit
den Mädchen gejcherzt und fih um das
Gebrumme der Alten nicht geküm—
mert. Nun plößlic aber, da das Moidle
das vom „Olauben“ gejagt,
hervor und rief: „Weible, wegen dem
Glauben braudft Du Dir gar fein
graues Haar wachſen zu laſſen, das
wacht Dir jo auch fchon. Einen Glau—
ben haben wir noch, mußt wiſſen.
Bin voreh gewiß nicht der Lehte in
der Meß und in dem Segen geweſen;
jeitlang fie aber die Leut mit den
Gendarmen in die Kirche treiben laſ—
fen, feitlang mag ih gar nicht mehr
hineingehen. Ich mag nicht mehr.
Zum Beten laß’ ich mich nicht zwin—
gen, das ſag' ih!“
„Ru, nur nit gar fo laut“, jagte
jeßt der Wirth. „Sch ſeh' euch gern
bei mir, Mannerleut’ und Weiber:
leut’; aber wenn ich's aufridhtig will
jagen, heut’ wär's mit lieber, wenn —
's ift morgen der Roſenkranzſonntag,
und jo kommen leicht heut’ noch bie
Spighauben herauf.”
Die Spighauben, damit meinte er
die Gendarmen, die zu jener Zeit —
e3 waren die jchwarzen Jahre nad)
1848 — fo ftrenge Polizei hielten,
daß fie während des Gottesdienftes,
that!
ih einer der ſtämmigſten Burfchen |
und an Sonnabenden die Säfte aus
den Häuſern und von ben Straßen
in die Kirche führten. In Tirol ge:
Shah es ſogar etlichemale, daß man
die jo bevölferten Kirchen verjchließen
ließ, damit es nicht etwa einem oder
dem andern Andächtigen einfiele, vor
Ende der Meſſe, der Predigt das
Gotteshaus zu verlaffen.
„Schaut, Tiebe Leut’”, ſetzte der
Wirth auf der Wacht bei, „es ift
halt der PVerantwortlichfeit wegen.
Unfereiner wird jo viel geftraft, wenn
man Unterftand gibt.“
„Was!“ vief eine alte, braune
Knochengeftalt aus dem Tiſchwinkel,
„Sind wir etwa Schwärzer, Wildſchützen,
Diebe, daß man ung nicht Unterftand
geben darf?! Du, ih rat’ Dir’s,
Wirth, heb’ Keinen Unfried an, 's
kunnt Dich blutig reuen!“
„Ei geh'“, befhwichtigte ein An:
derer, ein bider, jtaubiger Kohlen:
brenner aus dem Sfelthale, „weißt es
fo gut wie wir, daß der Wirth nicht
anders kann. Willft Deinen Zorn aus:
laffen über die neumodige Einrichtung,
jo mußt ganz wo anders anklopfen.“
„Und ih werd’ auch anflopfen“,
tief der Knochige, „hab’ im Achtund—
vierziger Jahr auch angeflopft zu
Briren beim Herrn Biſchof, daß die
Fenſter haben geklirrt. Und wenn's
noch einmal anhebt, wird's nicht mehr
ſo gut ausgehen, wie's erſtemal, 's
ſelb' will ich auf der Stell' mit mei—
nem Blut unterſchreiben!“
„Geh, geh,“ ſagte der Dicke, „Du
biſt gleichweg mit Blut da. Das jpar’
auf, bis die Franzoſen wieder fommen.“
„Aber es ift wahr”, verjegte ein
Bauer aus dem Möllthal, „taugen
thut fie nichts, die neue Gendarmrelis-
gion. Stüde gefchehen heutzutag’ auf
der Welt, wie man fie früher wohl
nicht gehört Hat. Wißt ihr ſchon, was
die Lieferthaler für ein fauberes Kru:
zifir haben?”
„Ra, die Lieferthaler, was mögen
denn bie auch für ein ſauberes Kru—
21
zifir haben“, warf ber Kohlenbreuner „Strolche aus der Spitalergegend
in gleichgiltigem Tone ein, doch merkte haben's in der Nacht gethan,“ erzählte
man ihm die Neugierde leicht an. der Möllthaler weiter, „aber fie find
„Sa, 108 nur“, te der Möll- heute ſchon hinter dem Schlüſſelloch.
— Nächfe — —* der | I die Keuchen (dem Kerker) ſperr
Sberwirth y Gmünd zur Liefer geht, man ſolche Leut' und nicht in bie
= * * in — — — drückendes Schweigen war, d
en, was ſteckt in einer d'rin?“ Fin drückende igen war, da
u 3 «tief plötzlich der Burſche, der vorhin
ber "Refäen, mas mag ben au Die Meuherung gehn hate, da er
— ſein ? Kein Wallfiſch nicht, * a der man!
a ere$, hörſ, noch wenn Du mich {chlafft, jo fei fo gut
was viel Größeres!” fagte der Bauer, md krat ein paar Salten.
„ein geſchnitzter Chriſtus iſt d'rin ge—
weſen.“
„Uh Maria und Anna!“ riefen
die Weiber und Mädchen.
„Ein Chriſtus mit ausgeſtreckten
Luſtig wohlauf,
Iſt der Drauthaler Lauf,
Iſt der Drauthaler Zier,
Und dös Dirndel g'hört mir!“
Singend umſchlang er das hübſche,
blühende Mädchen, das an ſeiner Seite
Händen und Füßen, und mit der blu— faf und jet dem ferufrifchen Burfchen
tigen Seiten — der Chrijtus vom .. *—
rothen Kreuz, das auf der mMüptiät: | 1019 ſtolz in’ glühende Auge
terftraßen fteht. Und wie die Leut’
nachher zum Kreuz zufammenfommen,
da — da ift an demfelben — hell
nit zum glauben —“ in ein
frampfiges Lachen brad) er aus.
„Das muß ſchon gar mas Spa-
ßiges gewejen fein”, meinte einer ber
Burſchen.
„Und 's Dirndel liab'n fein,
Na, dös liaß i nit ſein,
Und ſid da Standar Gendarm)
Ba da Kirch'nthür fteht,
Sida Halt’ i ban Dirndel
Mei Meßgebet.“
Sie lachten. Es war ein neues
Geſangel; der Trig — wie der Burſche
„Spaßig gewiß nicht,“ rief der hieß — war nicht blöde und jauchzte
Bauer, „ganz ſchauderlich, bei meiner aus dem Stegreif die keckhſten Lieber
armen Seel', ſchauderlich! — Wie w
ſie hinkommen zum rothen Kreuz, da
iſt an demſelben, anſtatt des Chri—
ſius ein — bi, hi, hi, hi —“ ver Tanz losgehen, da — Wirth
ränen ſtanden ibm in ben dur Thür herein und mo te haſtig
Kun er I Er fuhr das erſt angezündete Kerzenlicht aus:
fi) mit dem Sacktuche über das blaſen. —
Geſicht, ſchwieg eine Weile und fagte — I rief der Trig und
enblich mit zudenden Munbwinfeln zog ihm ben Leuchter weg. ,
„Gott verzeih's denen, die's gethan| „Um des Himmelswillen!* hauchte
haben, 's iſt ein unerhörter Fre: | ber Wirth, „es fteigen ja bie Spib:
vel. An das Kreuz ift ein wahrhaf- hauben daher. Hab’ fie ſchon gefehen.
tiges, noch Tebendiges Schaf genagelt „Sollen nur fommen“, verjegte der
gewejen.” Burfche, „wir find ehrliche Leut.“
Ein Auffchrei unter den MWeibern, Bald darauf gingen dröhnenben
ein finſteres Gemurmel unter den | Schrittes mit aufgepflanzten Bajonneten
Männern. zwei Gendarmen zur Thür berein,
eg.
Schon hoben fich die Mädchen
ſachte von ihren Sitzen, und es wollte
22
Mitten in der rauchigen Stube blieben
fie ftehen und blidten finfter um ſich.
Als fie die vielen handfeften Burjchen
und trogigen Männer fahen, die an
den Tiſchen ſaßen, festen fie fih an
einen noch leeren Pla, Tehnten ihre
Gewehre zwijchen die Beine und ver:
langten einen Trunk.
Ueber eine ſolche Wendung war
ber Wirth glüdjelig und vor Freude
ließ er aus feinem köſtlichſten Faß den
Mein in die Gläfer der Polizeimänner
rinnen.
Die Gendarmen, zwei junge Männer,
die unten in den Thälern allfort mit
gehörntem Gewehre und finfterem Ge-
fihte herumziehen mußten, wollten fich
vielleicht hier oben einmal ein wenig
erheitern. Sie ſuchten fih an die Ge:
ſellſchaft zu ſchließen, mit den Burjchen
ein Gejpräh anzufnüpfen, mit ben
Mädchen zu ſcherzen; allein Die Bauers—
leute thaten nicht viel desgleichen, als
wollten fie mit den Spighauben gut
Freund fein.
Es wurde getanzt. Einer der Sol:
daten warb um das ſchönſte der Mädchen
zum Reigen; da ftand ſchon der Trik
ba, zog das Mädchen mit fich fort und
fang:
„A Spitloppnbua
Hot an Dirndl nochgfrogt;
A Spigbua will i hoaßen
Wann's 'n wos trogt !”
Seht dauerte es nicht Lange, fo
leerte einer der Gendarmen fein Glas
und rief :,, Feierabend ift ! Sperrftunde 1”
„Das weiß ich nicht, was bie
Herren haben”, fagte einer der an-
wejenden Bauern, „überall wollen fie
heutzutag zuſperren. Neblih wahr,
Haus Defterreich ift ein Gefangenhaus
geworden.“
Alles ftil, der Sprecher felbft war
über jein Wort erjchroden. Der
Gendarm wollte feinen Namen auf:
ſchreiben.
„Seid keine Narren miteinand!“
tief jetzt der Möllthaler dazwiſchen, um
der bedenklich werdenden Stimmung einen
kecken Ruck zu geben und wo möglich
den Mann, der mit ſeinem Worte ein
Verbrechen verübt hatte, noch zu retten;
„laßt die gefpreizten Geſchichten jetzt
und ſeid gemüthlid. So mie heut
fommen wir bald nicht wieder zuſam—⸗
men. Wirth, Wein her!“
Er ſchenkte alle Gläfer voll, auch
bie der Genbarmen. j
„Nur zulangen!”, ſagte er, „wiſſet,
jo Wortreitereien find bei ung nicht
bös gemeint, und einen Spaß muß
man auch haben.”
„Sie retiriren”, murmelte der Gen-
darm, „nur aufichreiben Alle, Alle
aufſchreiben!“
Und die Polizeimänner begannen
die Namen der Gäſte — wahre und
falſche, wie man ſie eben nannte —
in ihr Armenſünderbüchlein zu ver—
zeichnen. Dabei brummten ſie über die
„Bettlerkerze“, die kaum ſo viel Schein
gab, als der Schreiber benöthigte.
Da richtete ſich der Tritz auf. „Eine
Bettlerkerze?“ fragte er, „leicht, ihr
Häſcher und Haſcher, leicht mögen
wir Drauthaler Bauern noch mit
einer anderen Kerze aufwarten. Wollen
ſchauen!“ Und er riß ſeine breite Le—
dertaſche aus dem Sack und zog aus
derſelben — man ſollt's nicht glauben,
was Bauersleute oft für Geld mit
ſich herumtragen — eine nagelneue
Fünfzigguldennote hervor.
„Verſaufen?“ ſchrie der Burſche
hell, und hob den Schein mit zwei
Fingern und ließ ihn flattern wie ein
Fähnlein. „Nein. Ein Licht wollen wir
davon anſchaffen, daß der Herr Standar
zum Schreiben ſieht.“
Gelaſſen rollte er den Fünfziger
zuſammen, hielt die Rolle über das
Kerzenlicht und als ſie lohte rief er:
„Ich bitt', meine Herren, wenn's ge:
fällig!“
Die Gendarmen ſchrieben nicht, ſie
thaten den Mund auf. Die übrigen
Männer ſchlugen einen Lärm, die Weiber
fielen dem Tritz in den Arm, um ihm
das Geld zu entreißen. War aber ſchon
23
zu jpät; drei Sekunden lang — und habe, den Vergeuder und Verfchwenber
die Anmeifung, für welche ber Sage
nad die priv. öfterreihifche National:
banf dem Weberbringer fünfzig Gulden
Silbermünze ausbezahlt, flog als Ajchen:
flaum auf den Tiſch.
Maria, die Beifigerin und Tänzerin
des Trig, hub zu weinen an, fo leid
that’8 ihr um das gute Gelb; ber
Möllthaler jagte: „Du biftein doppelter
Halbnarr, Patriz!” Und die Gen:
darmen jchrieben — freilich wieder
bei der Bettlerferze — das Factum in
ihr Sündenbuch. —
Am anderen Tag, gleich nach dem
Gottesdienfte, wurde ber Trig zum
Richter beſchieden. Dafelbit ftand ſchon
wieder einer ber Gendarmen — der Fr —
Spaß!“ eigentlich ein ſehr billiger ge—
ſollte dem Burſchen ein Eiſenband — 2* F — An Ani ler
die Hände legen und ihn führen nad
Lienz zum Geridt.
Der Trig war angeklagt der Ent:
beiligung des Feierabends, der Ver:
höhnung der Polizei und ber Ber:
ſchwendung. Die erften zwei Verbrechen
ließen fih vor dem Dorfrichter etwa
noch jchlichten, wenn der Burjche Ab:
bitte leiften mollte. Aber das britte!
das Progigthun war ein alter Schaden
ber Drauthaler Bauern; viel Gelb
und Gelbeswerth ging dabei zu Grunde.
Man ließ es noch hingehen, wenn fie
bei Hochzeiten tagelange Gelage hielten,
wenn die Todtenmahle oft die ganze
Erbichaft des Verftorbenen verfchlangen;
man verzieh es dem PDrauthaler Groß:
bauern oder Dberfuecht, wenn er an
jeiner Sonntagsjoppe anftatt Holz: oder
Mefiingknöpfen echte Mariatherefientha-
ler trug. Wenn fie aber wiürfelten,
fegelten, farteten um nichts Gerin-
geres ald um Dulaten; wenn fie zur
„Bankozettelzeit” ihre Pfeifen mit eitel
Zehnguldennoten anzündeten, das wollte
man nimmer gehen lajjen, es war
Zeit, folden Uebermuth und Troß
einmal etwas zu biegen. Es mußte
zu ftrafen. Alſo jchmiegte fi das
Eifenband ſcharf um bie Fräftigen Arme
des Batriz.
Und fie — feine Beifigerin, feine
Tänzerin — fein Dirndl Maria weinte
an bemjelbigen Sonntag bei ber Pre:
digt, jo daß ber Prediger höchlich da=
rüber erfreut war, daß es ihm ge
lungen, ein junges Herz zu rühren.
Sie hörte aber fein Wort von ber
heiligen Lehr’, fie weinte über ben
armen guten Tri, der unſchuldig war
und doch vor den Wichterftuhl und
gewiß auch hinter Schloß und Riegel
mußte. Sie wußte Alles. Sie verwünfchte
den UWebermuth des Burſchen in bie
unterfte Hölle, aber fie wußte, daß
er fein Verſchwender, daß ber „theuere
nicht3 als jene gottverlaffene Zeich—
nung gemwejen, die ihr Bruber, ber
Franz am vorigen Sonntag ausgeführt
hatte.
Hinan die Berglehne lief das
Mädchen, wo ihrer Eltern Haus ftand.
Der Franz war ja ein gute Bru-
derherz; fie wußte feine Bitte, Die
er ihr abgefchlagen hätte. Und that
er bisweilen auch ein wenig troßig,
jo trachtete die Schweſter nur, daß
ihr ein bischen da8 Auge naß mwurbe.
Ein einzig Thränlein im Schwefterauge
machte ihn weih wie Wachs.
Der Franz ſchnitzte juft an der
Mähne des Pferdes, als die Schmwefter
auf ihn zuftürzte.
„Jetzt mußt Du's jagen!” rieffie,
„Du biſt an Allem die Schuld. Jetzt
geh’ nur und klag' Dich jelber an!“
„Der Narr werde ich nicht fein“,
gab der junge Schniker gelaffen zurüd.
„Ih hab’ ihm den Fünfziger nicht
gegeben, er hat mir ihn weggenommen.
Ich hab’ ihm's nicht geichafft, daß er
damit bie Leut’ foppen follt’. Schabet
ihm gar nichts, dem Trig, wenn er
ein tüchtige8 Erempel gegeben werden, | für feinen Webermuth etlihe Tage
wie die hohe Obrigkeit wohl das Recht | figen muß.“
24
„Aber das iſt ein Unrecht!” rief
das Mädchen, „er fol eingefpertt fein,
weil Du der Geldfälſcher bift? Kamuft
das verlangen, Franz? Und bat er
Dir's nicht gut gemeint, daß er den
Fünfziger verbrannt hat, der Dich leicht
hätt’ können unglücklich machen Dein
Lebtag lang? Und er will will fi
lieber mit Meſſern Schneiden laſſen,
als wie Dich verrathen. Und Du
vedeit jo!” — Sie ſchluchzte.
Jetzt legte der Franz Holz und
Schnitzmeſſer weg und fagte: „Maria,
erhitz' Dich nicht. Jch bin fein Lump;
ich geh’ nicht zu Gericht und fag’s,
daß der Geldjchein ein falſcher geweſen
ift. Aber wenn fie fommen und mich
fragen, jo werd’ ich’3 nicht leugnen.“
„Ja, fie werden Schon fommen und
Did fragen!” jagte Maria.
hofer dazwiſchen: „Ahr werdet mir
noch eine Thorheit begehen! Der Teurel
hat Dich reiten müſſen, Franz! Jetzt
it die Sau fertig. Zwanzig Jahr’
kann's Dir koſten. Aber das fag’ ich
Dir: felber verrath'ſt Dich nicht, "S wird
doch gefcheiter fein, wenn fie den proßigen
Trig aufein paar Tag abftrafen, als |
wenn Du in's Criminal mußt. Meinft |
nicht, Dirn'? — Und wer fol Dir’s
beweifen, Franz, daß der Fünfziger
ein falfcher und von Dir ift gewejen? |
Nur gefcheit fein!“
— Geſcheit fein! es war Teicht
gejagt. Maria hatte ihren Bruder
gewiß lieb, aber fie hatte feine Ruhe.
Und wenn fie ihn, den Liebiten, den
Patriz nicht erlöfen durfte und konnte,
jo wollte fie mit ihm figen hinter der
eifernen Thür bei Mafjer und Brod.
Dft hatte fie gehört, ja aus merk:
würdigen Gefchichtenbüchern gelefen von
verfannter, bedrängter Unjchuld, von
unverdienter Verfolgung und Kerkerhaft
edler Nitter. Jetzt war's an dem Trip.
Er duldete unschuldig, duldete für einen
Andern wie ein wahrhaftiger Held in
den Rittergeſchichten. Patriz war ihr
groß; fie hatte bisher nicht gewußt,
daß fie im Stande wäre, ihr Herz
aus der Bruft zu reißen für dieſen
Mann . ...
Sie ging zu drei Kirchen und
betete für den Tritz und auch für ihren
Bruder.
Der Edelhofer wurde vorgeladen
nach Lienz zum Gericht.
„Bleibt Ihr daheim. Ich geh' ſelber“,
ſagte Franz. '
„Unterſteh' Dich nicht!” rief der
Alte, „Du wärft fo dumm und thätjt
jelber in den Dred fpringen. Na na,
das laß’ nur mich machen, Franz, und
fürcht' Dich nicht, ich reiß' Dich ſchon
heraus. Geh heut’ auf die Alm und
ichau bei den Kühen nach; kannſt oben
bleiben über Nacht in der Henhütten.
Will Dich Schon in's Haus rufen, wenn's
Pte iſt.“
Da kam der Vater, der alte Ebel: |
Er ging nach Lienz und fann unter:
wegs nad, wie er beim Verhör bie
Neden wenden und drehen wolle, daß
er nicht gegen feinen Sohn und aud
nicht gegen fein Gewiſſen ausfage.
Im Gerichtsfaal war's gar dunkel
und ſchwül und auf dem grünen Tiſch
ftand ein Kruzifix.
Die Richter waren ernfte Männer
mit grauen Haaren,
Dem Edelhofer brachte man einen
Stuhl; einer der Richter ſetzte ſich
zu ihm, nahm ihn an der Hand und
'fagte milden Tones: „Ebelhofer, bie
Sady' ift nicht fo böſ'; thut es ung
nur Schön offen erzählen wie's gemejen
mit ber Fünfziggulbenbanfnote. Ihr
feid ftet8 ein Ehrenmann gewejen,
Edelhofer, jagt die Wahrheit, hat Euer
Sohn den Schein gemacht oder nicht ?“
Der Bauer ballte die Fäujte die
auf feinen Knien lagen und ſtarrte
mit verglaften Augen auf den Boden
bin.
Der Richter hob etwas feine Stimme
und fragte: „Ya oder nein?”
Da zudte der Verhörte feine Achjeln
und murmelte: „Wenn Jhr mich jo
angeht! In's Gefiht Tügen kann ich
Euch nit. — Verhalten hab’ ich ihn
dazu; wir haben nur willen wollen,
ob er das Zeug zumeg bringt, weil
er Alles leicht jo nachmacht. Hätten
den Fetzen ja verbrannt, aber der
Patriz Hat ihn davongetragen; nu,
und der hat ihn ja auch verbrannt,“
„Folglich ift die Sache in Ordnung,
Edelhofer und ihr Fönnt wieder nad)
Haufe gehen!”
Der Richter erhob fi; der Bauer
fchritt zögernd der Thür zu, kehrte an
derjelben aber wieder um und fragte
höflich, ob er ſich alfo verlaffen könne,
daß aus ber zumidern Gejchichte nichts
weiter mehr entjtünde.
„Wollen jehen, was fi machen
läßt,“ war die kurze Antwort.
Der Edelhofer ging nah Haufe,
aber jein Herz war ihm nicht leicht.
Daheim fand er den Franz.
„seht aber gleich gehft mir auf
die Alm, Bub!” herrſchte er ihn an.
„Bleib' nicht in der Heuhütte; geh
lieber in die Winflernhöhl’ hinüber,
zu eſſen werden wir Dir ſchon nad):
ſchicken.“
„Sie wollen mich alſo einſperren?“
verſetzte Franz; „wenn ich's verdien,
in Gottesnamen. Nur gutes Schnitz-
holz ſchickt mir nach, Vater.“
„Ueber Deinen Rücken möcht' ich
Dir's geben, das Schnitzholz!“ polterte
der Alte, „da will man Dir aushelfen
und Du folgſt nicht!“
„Davonlaufen mag ich nicht“,
antwortete der Burſche trotzig. Ich
werd' verlangen, daß ſie das Haus
durchſuchen; wenn ich davonlaufe, ſo
werden ſie mich erſt recht für den
Spitzbuben halten.“
Da ging die Thür auf. Der Patriz
ſtand da.
28
Ein zweites Donnerwetter. Was
hat die Maria dem Tritz um den Hals
zu fallen?
* wurde es laut, ſie hätten ſich
ieb.
„Ungerathene Kinder!“ jammerte
der Vater. „Das eine fälſcht Geld und
will ſich einſperren laſſen; das andere
hängt ſich einem Lotter an den Hals!
‘a, was wird aus euch denn noch
Sauberes werden?’ —
Das iſt geſchehen vor etlichen
zwanzig Jahren. Schade, Schade, daß
der alte Edelhofer nicht mehr gefehen
hat, was aus jeinen Kindern „Sau:
beres“ geworben ilt.
Die Maria hat den Patriz ge:
heiratet, ift eine tüchtige Hausfrau,
ein treues Weib und eine brave Mutter.
Der Franz? —
Ya, ihr lieben Leute, den Franz
findet ihr nicht mehr in der Gegend.
die „Standarn” Haben ihn nicht ges
holt. Selbft ift er davongegangen mit
dem MWanderjtab, hat das Bilden —
das Malen ftudirt in der ſchönen Stadt
Innsbruck und in der großen Stadt
Münden und in der Weltjtabt Paris,
Heute ift er ein berühmter Man.
Bon feinen Bildern aus dem Tiroler
Dorfleben habt ihr gewiß ſchon viele
gefehen. Hätte ſich der Franz ganz
und mit faiferlihem Willen auf’3 Geld:
machen verlegt — er hätte den Werth
und Genuß nimmer zu Schaffen vermocht,
den uns feine Bilder bereiten.
Wie aber das Alles fo kam, daß
ber Franz Defregger ſein Vaterhaus
und feine hohen Berge verließ; wie
er es fo weit bat gebracht, daß fie
heute in ganz Europa von ihm reben
— ih erzähl’s ein andermal.
—
26
Das Gaftmahl des Skopas.
Eine Legende von Alfred Meifner.
Unter den vielen wunberbaren
Geiftergefhichten, welche von den Alten
erzählt werben, jcheint mir bie bes
Simonides eine der jehönften, und des
Miedererzählens nicht unmwerth. Ihre
Wahrheit ift wohlunanfechtbar ; es erzählt
fie der höchſt ernfthafte Duintilian in
feinem Buche der „Snititutionen”.
Die Stadt Pharſalus in Theffalien
feierte ihren Mitbürger Skopas, der
al3 Sieger aus den Spielen zu Olympia
hervorgegangen war; er hatte den Preis
im NRingfampf erhalten, Das war
nicht3 Geringes in einer Zeit, welche
unendlich viel auf einen Eräftigen Leib
und gelenfe Glieder, auf ftarfe Fäufte
und raſche Beine gab. Der Mann,
der fih in den öffentlichen Spielen,
ſei's zu Pytho, ſei's zu Olympia,
hervorgethan und dort mit den Zweigen
des wilden Delbaumes gekrönt worden,
war der Gegenftandb allgemeiner Be:
wunbderung. Alle Stamm: und Zunft:
genoffen, mit ihm durch gemeinjfame
Dpfer verbrübert, meinten, einen An:
theil an feinem Siege zu haben. Er
wurde feierlich eingeholt, e8 war jogar
Brauch, ein Thor oder einen Theil
der Stadtmauer einzureißen, damit er
durch eine offene grüne Triumphpforte
ſchreite. Daheim angelangt, verfügte
fi) der Sieger mit allen feinen Ber:
wandten und Freunden in ben Tempel,
den Göttern ein Opfer darzubringen ;
ein großartiges Gaftmahl mit einem
langandauernden Trinfgelage beſchloß
das Felt.
Bei ſolchen Feierlichkeiten durfte
auch eine dichteriſche Verherrlichung
nicht Fehlen. Irgend ein namhafter
Dichter wurde mit der Anfertigung
einer Ode beauftragt, die ein lyriſches
Kunftwerf und für mufifaliichen Vor:
trag berechnet fein mußte. Sie wurde
von einem mohlgeübten Chor von
Sünglingen und Männern im Wechjel-
gefang vorgetragen, Doch von Lyrik
und Mufif war nad) antifen Begriffen
ein mimifcher Tanz unzertrennlich und
diejer begleitete dann auch, meift feier:
lih würdevoll, die Dichtung.
Diesmal war es unzweifelhaft, daß
der Feitgefang des Epinifion nad
Wunſch der Stadt Pharfalus und des
Sieger ausfallen werde. Der Dichter
Simonides, der in jeiner Heimat Athen
lange Zeit feitliche Chöre geleitet und
zahlreiche LKieder auf Sieger in Wett:
fämpfen gebichtet, lebte jeit dem Sturze
Hipparchs in Theſſalien, am Hofe ber
Aleuaden. Er hatte das Siegesgedicht
zu liefern übernommen; Skopas hatte
ihm für diefe Arbeit ein Talent ver:
ſprochen.
Selten aber war noch dem Simo—
nides ein ähnliches Gedicht ſo ſchwer
geworden wie dieſes. Es war wirklich
von Skopas wenig zu ſagen, außer
daß er ein ungemein muskulöſer junger
Mann ſei. Auch an den Ruhm ſeiner
Vorfahren und Verwandten ließ ſich
nicht anknüpfen, Großvater, Ahn,
Bruder und Oheim waren Kaufleute
geweſen, hatten mit Del und Korinthen
gehandelt und nie im Rennwagen oder
im Fauftfampf gefiegt. In feiner Ver:
legenheit half fich aber Simonides nad
Möglichkeit. Nachdem er an Sfopas
gelobt hatte, was zu loben war,
machte er einen feden lyriſchen Sprung
und fam auf die beiden göttlichen
Fauftlämpfer Caſtor und Pollur und
deren heroiſche Thaten. So kam's,
daß ihnen ſchließlich ein guter Theil
des Gedichtes gewidmet war.
Als der Feſtgeſang, von den Choreu—
ten trefflich vorgetragen, zu Ende war,
ſtellte ſich ein Zuruf von allen Seiten ein.
„Ein ſchönes Gedicht!“ rief Alles.
„Herrlich, des gefeierten Sängers
von Eros würdig!“
„Und würdig des edlen Skopas!“
fügten die Schmaroger und Schmeichler
des reihen Feſtgebers Hinzu.
27
„Sa, Dein Gedicht ift wohlgelun—
gen!” wandte fi) der Gefeierte an
Simonides. „Made Dir aber, Befter,“
jegte er mit faufmännifcher Kälte hin-
zu, „doch nur auf ein Drittheil ber
verfprodhenen Summe Rechnung. Du
haft auch nur zum britten Theile Wort
gehalten. Dreißig Strophen haft Du
niebergefchrieben ; zwanzig davon feiern
die Tyndariden. D’rum zahle ich nur
zwanzig Minen, die mweitern vierzig
laß Dir von Caftor und Pollur ent:
richten. Sie find großmüthig und mögen
Dir lohnen.... Und nun, Freunde,
in den Tempel, ben Göttern unfer
Dankfopfer darzubringen. Sodann be:
geben wir ung in meines Vaters Haus,
wo ein Mahl uns erwartet. 3 ift
jelbftverftändlih, Simonides, daß Du
bei diefem einen Ehrenfig einnimmſt ...“
So Skopas zur allgemeinen Heiter:
feit der Gäſte; jein Wortbruch hatte
bei feinem ein Wort der Mibilligung
gefunden. Und Hier muß ich dem
Simonide8 den ernftlihen Vorwurf
maden, daß er nicht ſtracks davonging.
Doch er fagte zu fih: „Bleib’ ich weg,
jo ärgert er fih, ic) habe Zank mit
ihm und er prellt mich auch noch um's
legte Drittheil. Ich muß gute, Miene
zum böfen Spiel maden .
Nah beendigtem Gottesdienft hatte
man fi in ben Feſtſaal begeben, mo
die lorbeergefrönte Büfte des fiegreichen
Skopas und die ihm gejpendeten Gaben
aufgeftellt waren. Ein großartiges Mahl
nahm jeinen Anfang. Vom Hinter:
grunde des Saale her erflang ſanfte
Muſik von Eithern und Flöten.
Simonibe3 war noch unter dem
Eindrud der erlittenen Kränfung. Der
Billen blieb ihm im Munde fteden,
faum berührte er den Becher, er be:
reute jedes Wort, das er zum Lobe
bes MWichts geſprochen „Welche Nar:
ren“, dachte er bei ſich, „ſind wir,
der ſchwülſtige Pindar an der Spitze,
daß wir ſolche Helden der Fauſt be—
ſingen!“
Schon ein paarmal hatte ſich indeß
ein Krachen im Gebälk vernehmen
laſſen, war aber im allgemeinen Tu—
mult der Unterhaltung, über der Muſik
und den Schritten der Tänzer weiter
nicht beachtet worden.
Da trat ein Sklave ein, näherte
fih Simonides und meldete, daß zwei
wunderſchöne, ungewöhnlich hochgewach⸗
ſene Jünglinge, beide zu Pferde, vor
dem Thore hielten und ihn zu ſprechen
wünſchten.
„Wohl ein Irrthum, Sie werden
Skopas beglückwünſchen wollen,“ meinte
Simonides, noch ganz in ſeinem Aerger
verloren.
„Es ſind ſonderbare, gar gewaltige
Leute,“ ſetzte der Sklave hinzu. „Ihr
Weſen, ihre Stimme, ihre Kleidung
find nicht fo, wie ich je geſehen ...“
„Ei, fo geh’, heiße fie abjteigen
und führe fie herein!“ rief Skopas.
„Unfere Gejellichaft begehrt nah Neuem.
Sie kommen eben recht zum Sym—
pofium. Eben wurden die Milchkrüge
aufgeftellt. Du, Simonides, magjt ihnen
noch einmal Dein Gedicht vorlefen ...“
Simonides trat in die fternhelle
Nacht hinaus und ſah in der That
zwei Reiter vor dem Periftyle halten.
E3 waren heroiſche Geftalten auf ganz
unbändigen Pferden. Ein Band war
Sedem um die Stirne gejchlungen,
armdick ringelten fich die Loden um
den Hals.
Der Eine ſah den Dichter mit
großen, leuchtenden Augen an und
winkte ihm freundlich, näherzutreten.
„Simonides,“ rief er, „habe Dant
von denen, die Du in einem unſterb—
lihen Liede gefeiert haft! Wir find
die Tyndariden, Gaftor und Bollur.
Lebe lang und fei glüdlich bis in's
höchſte Alter!“
Beide winkten freundlihd, dann
ipornten fie die Pferde und Diele
fauften davon, doch nicht die Straße
dahin, fondern mitten durch die Luft
hoch hinauf, über den Feitjaal hinweg.
Unter ihren Hufen dröhnte e3 ſon—
berbar.
Simonides blieb durchſchaudert,
von Geiſterhauch angeweht, ftehen.
28
„Wer jo etwas erlebt,” dachte er, macht, daß die Herbeigeeilten fie nicht
„seht ſobald nicht mehr unter Menjchen. | unterfcheiden Fonnten. Da fol nun
Ich kehre nicht mehr in den Feitjaal
zurück ....“
Da erſchütterte ein furchtbares
Krachen, von hundertſtimmigem Weh—
geſchrei begleitet, die Luft. Eine Staub—
wolke wirbelte empor und verhüllte
den Blicken das Nächſtgelegene. Als
ſie ſich verzog, ſah Simonides einen
furchtbaren Riß im Gebäude, vor dem
er ſtand. Die Decke des Feſtſaales
mußte eingeſtürzt fein, fie hatte aller
MWahricheinlichkeit nach alles, was da
geathmet, unter Trümmern begraben.
Simonides ftand ſtarr vor Ent:
jegen da. Dann befühlte er Stirn und
Bruft, denn er begriff faum, daß er
unverlegt jei. Da und dort löſte fich
noh ein Balken unter dem Dache,
riß einen Pfeiler mit fort und flürzte
in den Schutt.
Simonides beugte fich tief, feine
Stirne berührte den Boden. Er be:
griff, was gejchehen. Die alljehenden
Götterſöhne hatten ihm durch Lebens:
rettung ihren Dank abgetragen.
Und nun war in Pharſalus, das
ſich eben noch einer ungemeſſenen Freude
hingab, ungemeffene Trauer und Weh-
klage. Es gab faft Feine Familie von
Anfehen im Orte, die nicht einen An:
gehörigen verloren.
Die Naht verging mit dem Weg:
räumen bes Gebälfes. Stellenweife
waren die Leichen jo unfenntlich ges
Simonides mittelft feines guten Ge—
dächtniife8 die Ordnung, in ber bie
Gäſte gejeilen, angegeben und fo jede
Leiche den Ihrigen angewiejen haben.
Sfopa3 war unter den Wenigen,
die lebendig aus dem Schutte hervor:
gezogen wurden. Er hatte beide Beine
gebrochen, aber feine ungeheure Natur
half ihm duch. Man ſah ihn noch
jahrelang auf Krüden in den Gaffen
von Pharſalus herumhinken.
* *
*
Das iſt die Geſchichte von Simo—
nides. Sie zeigt uns, welchen Schutzes,
welcher hohen Protection in alter Zeit
ſich die Sänger erfreuten, wie man im
Olymp auf ihre Lieder Acht hatte und
wie die Götter zürnten, wenn literariſche
Auftragsgeber ihnen den Lohn ver—
kürzten. Aber das iſt nun lange her.
Noch immer beſteht ungeſchwächt der
Gegenſatz kaufmänniſcher Geriebenheit
und idealiſtiſchen, unpraktiſchen Ver—
trauens; es iſt faſt ſtehender Brauch
der Verleger, eingegangene Verpflich—
tungen ſtrittig zu machen und zum ge—
ringſten Theil zu erfüllen. Aber die Nach—
kommen des Skopas tafeln, vom Zorn
der Götter ungeſtört, weiter und ihre
Häuſer fallen ihnen nur in den ſeltenſten
Fällen über dem Kopf zuſammen.
Es iſt doch ſchade um die alten Götter!
Frauen in der Schmach.
Ein zeitgemäßes Sittenbild.
Die mohamedanifche Religion erlaubt |
jedem ihrer männlichen Bekenner, vier
Frauen zunehmen. Jede derjelben hat
den Rang einer rechtmäßigen Gemalin.
Allein ein echter Türke gibt jich
mit vier Weibern nicht zufrieden. Wenn
vier geftattet find, warum nicht auch noch
die fünfte? Mohamed der Prophet foll
fiebzig Freundinnen bejeffen haben. Wer
die Mittel hatte, der fragte daher
nicht, wie viel der Islam vorjchrieb,
und das Gejeß wurde erweitert nad)
Belieben. Nach) und nach find die Harems
der Großen und Reichen auf Hundert
Frauen angewachjen.
Diefe Zeit ift nun wohl auch vorbei,
weil die Sache zu Eojtipielig wird. Die
übermütbigiten Paſchas haben kaum
29
dreißig Herzerfriihungen in ihrem
Haremlif; und die meiften der Mufel-
männer haben mit vier Frauen vollauf
genug. Trogdem gibt die Polygamie
dem Neihe noch Heute ein ganz
charakteriſtiſches Ausjchen.
In den größeren Städten der Türkei
find förmliche Weibermärkte eingerichtet
und diefer Handel iſt wohl eines der
ſchwunghafteſten Geichäfte des gottver:
lafienen Reiches. In Konftantinopel
durchziehen ehrloſe Weiber in Maffen
die Stadt, und bieten ihre Schönheit
unter wirffamen Proben ihres feurigen
Temperamentes zum Kaufe aus. An
Miethern und Käufern ift Fein Mangel
und verſchmäht es auch mancher Frembe
nicht, er mag aus dem ftrenggläubigen
Morgenlande, oder aus dem freifinnigen
Abendlande kommen, während feines
Aufenthaltes in Konftantinopel die tür:
fiihe Sitte mitzumachen.
In gewilfen Ländern, wie 5. B.
in Tjcherkeflien, find die Väter den
Derfauf ihrer Töchter längft gewohnt,
und leßtere ftreben nur, bei reichen
Paſchas den Nang rechtmäßiger Ge:
malinnen zu erhalten. Anderwärts ent:
führt man junge Mädchen mit Kift
Auf den Bazard, wo man die
Frauen verkauft, kann Jeder die Lifte
ihrer perfönlichen Neize einfehen, und
alte Weiber ſchlichten alle Streitigkeiten
zwijchen Mäkler und Käufer.
Die Folgen einer ſolchen Verſün—
digung gegen die heiligſten Geſetze der
Menſchheit? — fie liegen offen da.
Schon beim Eintritt in die Familie
mit Schande gebrandmarft, bringt bie
türfifhe Frau nichts mit von dem,
was andberwärt® ihrem Gejchlechte
Würde verleiht.
Ein Geſchöpf, als Sklavin behan-
delt, bewahrt oder erwirbt fie alle Lafter
der Sflaverei. Sie überträgt dieſe
Zafter auf ihre Kinder. Was fol fie
ihnen fonft geben, lehren, anerziehen ?
Sie, die Entwürdigte, hat und ift und
vermag ja nichts.
Nicht erquidlid muß es fein, in
das Herz eines Harem-Meibes zu
ſchauen. Die natürliche Züchtigkeit des
weiblichen Gejchlehtes ijt in höherem
oder geringerem Grade wohl auch der
Dsmanin angeboren. Welche Dual mag
die Frau bier erbulden, bis fie ganz
zu dem wird, wozu fie ein jchredkliches
Geſchick bejtimmt hat. Dann greift bie
oder mit Gewalt, und geht e3 dort, | glühende Leidenſchaft oder die Stumpf:
wo nur die Liebe ſüße Entjcheidung | heit Plag. Man frage im Orient die
bieten jollte, nicht allzufelten mit Blut Aerzte, welche in ſolche Orte Zutritt
und Brand ab.
An verjchiedenen Orten wird ber
Boden: und Gemwerbetribut in Weibern
entrichtet; und da gibt es patentirte
Kenner, die an der lebendigen Münze
das Gold von dem Silber und das
Silber von dem Kupfer wohl zu unter:
ſcheiden wiſſen. — So wie bei uns
die Mädchenlyceen entftehen, um bie
fraulihe Jugend an Herz und Geift
fittlich und zur menſchenwürdigen Selbft:
ſtändigkeit heranzuziehen, jo gibt es in
der Türfei Gynäceen, in welchen bie
Frau zur Sklavin abgerichtet wird.
Da hat das Mädchen zu lernen, was
e3 in anderen Ländern nicht wiſſen
fol, muß ſich üben, die Männer zu
bezaubern — eine Aufgabe, die bei
ung die Jungfrau duch Sittfamteit löſt.
erhalten haben. Sie ſchildern die Ver:
zweiflung jener, in denen die jeelen-
verpeitende Atmojphäre das heilige
Feuer noch micht ganz erftidt Hat.
Manche waren eine freie Erijtenz ge—
wohnt worden. So mwurben zur Zeit
des Befreiungsfrieges viele junge Grie:
innen geraubt, und an die Meiftbieten:
den verkauft, nachdem fie die Süßigkeiten
des chriſtlichen Familienlebens gefoftet
hatten. Jetzt wurden fie gezwungen,
ihr Vaterland, ihren Glauben, ihre
Liebe abzufhwören!... Welch eine
Bein, bis endlich die willenlofe Ergebung
und der Stumpffinn fam!
Bor Allem klagen die Bemwohnerinnen
der Harem3 über Langweile; denn
außer dem Buß, dem Baden, bem Salben
und den Huldigungen ihres gemeinfamen
30
Herrn fennen fie feine Beſchäftigung.
Diefe Sprache fteht in ben Satzun—
Nichts reiht an die Nullität diefer | gen des Islams. Wären nur bie Ge:
Weſen, an ihr leeres Geſchwätz, an
ihre Eleinliche Sorgfalt, dem Gebieter
zu gefallen; nur die giftige Eiferjucht
ift Schließlich noch im Stande, den Neft
von geiftiger Kraft bisweilen anzufachen,
und fich gegenjeitig noch das Letzte zu
rauben: die Wohlthat der Gefelligfeit
und der Theilnahme.
So iſt im Drient das Weib von
der Höhe des Ideals herabgeftiegen
bis zur unterften Grenze der Menjchheit.
In der Beſellſchaft nimmt dort die
Frau ganz und gar feine Stelle ein.
Für die Außenwelt ift fie vollftändig
abgejchloffen. Der Bräutigam, der die
Braut nit al3 Sklavin nimmt, fieht
nicht einmal ihre Züge, bevor er fie
geheiratet hat. Der Schleier ift nicht
die züchtige Hülle der Reinheit ; er ift
das Grabtuch der Freiheit, die Maske
der Leidenſchaft, die Dede des Laſters.
Und der Schleier ift die Zmangsjade,
welche despotiſche Eiferfucht der Schönen
überbürbet. Selbft die Bettlerinnen an
den Straßeneden Konftantinopel3 find
verjchleiert, wie die Frauen des Sultans.
Mit fieberhafter Angft überwacht der
Türke die ehlihe Treue feiner Frau
und läßt fie bewachen durch Spione,
während er felbit auf allen Wegen bie
Freuden der Liebe ſucht. Im Harem
find die beten Wächter jeder einzelnen
Frau — die übrigen, deren Scheljucht
gewijfermaßen den Hüter der Tugend
abgibt. Der Harem ift ein Kerker, zu
welhem vor Allem der Mann der
Kerfermeifter ift. Der Muſelman duldet
es nicht einmal, daß von feinen Weibern
geſprochen wird und wäre es eine große
Indiscretion, ihn nad dem werthen
Befinden feiner Frau Gemalin zu
fragen. Ueberhaupt verbietet es im
Driente die Höflichkeit, von Frauen
öffentlich Notiz zu nehmen, wenn man
deren nicht erftehen will. Wenn ein
Mufelman nit umhin kann, von
feiner Frau zu ſprechen, jo fagt er
gewöhnlih: „Das Weib, mit Reſpect
zu melden.”
bräuche nicht noch jchlimmer, wie bie
Gefege! Die Vielmweiberei hat nicht
bloß die Eriftenz der Frauen in ben
Harems, wo ihr zahlreiches Zufammen-
fein die ſcharfe Aufficht der Eunuchen
nöthig macht, vergiftet; fie hat auch
die Lage derjenigen Ehefrauen, bie
ohne Rivalen find, tief herabgewürbigt ;
jelbft die hriftlihen Ehegattinnen im
Drient müffen darunter leiden.
Dei all diefen ungereimten Ber:
bindungen geminnt die Bevölkerung
weder an Quantität noh an Qualität.
So waren dem Sultan Mahmud, als
er das Zeitliche fegnete, von den breißig
Kindern feiner neunundvierzig Frauen
nur zwei Söhne und zwei Töchter,
alle von ziemlich ſchwächlichem Körper:
bau, am Leben geblieben. Dem furdt:
baren Huffein, dem WBertilger der
Sanitfcharen, Hatten feine achtund:
zwanzig Frauen nur einen einzigen
Sohn gefchenkt. Diefer Junge verjtand
in feinem fünfzehnten Jahre noch nichts,
al3 auf dem Divan zu liegen, Tabak
zu rauchen und nadhzufinnen, wie zahl:
reich wohl er feinen Harem bevölfern
jollte.
Die Vielmeiberei ſchadet dem Kinde
ihon in feinem erſten Werben, in
jeiner Entwidelung und noch mehr in
feinen jeelifchen Eigenfchaften. Mütter
und Töchter find in ihren Krankheiten
häufig ohne ärztliche Hilfe, da ſich der
Mufelman nur ſchwer entichließen
fann, einen Arzt in die Gemächer jeiner
Frauen zu führen. Entjchließt er fi
doh dazu, fo wählt er am liebften
einen hriftlichen Arzt. Hat die Kranke
ihre Zunge zu zeigen, jo wird dazu
im Schleier ein Loch gemacht, durch
welches fie diejelbe hervorftredt. Kommt
e3 zum Pulsgreifen, jo zittert der Herr
Gemal aus Eiferfuht. Um wie viel
toleranter find in diefem Punkte doch
wir Europäer geworden! —
Die AZuftände ber osmaniſchen
Frauen hat am erſchöpfendſten bie fran:
zöſiſche Akademie ber Wifjenfchaften mit:
| a ur —
31
getheilt. E3 that Noth, in Europa die
Geifter zu wecken, gegen ſolche Ber:
hältniffe und Ericheinungen ins Feld
zu ziehen.
Und thatfählih hatte fich bereits
unter der Regierung Mahmud's Manches
zum Beflern gewendet. Schon fingen
die dichten Schleier an fich zu ſenken;
die türkiſche Frau wagte es, der Welt
in’3 Auge zu ſchauen. In den Bazarz,
in den Kaffeehäufern, auf öffentlichen
Spaziergängen ſah man Frauen wandeln
mit europäiſchem Anftand. Nicht fo jehr
das erwachte Bemwußtfein der Gefittung
mochte dazu Anlaß gegeben haben, als
vielmehr — die Mode, die auf Eifen-
bahnen und Dampffchiffen raſch die
ganze Welt umgarnt, und mächtiger
ift, als Geſetze und Miffionäre. Auch
begann das Vorbild der Hauptitabt
bereit3 auf die Provinzen zu wirken;
da erſchien plöglich ein Edict „An bie
türfifchen Frauen!” In diefem Schrift:
ftüd wird den Frauen zum Vorwurfe
gemacht, daß fie zu oft ausgingen und
zu ſpät heimfehrten. Diejenigen, welche
zu Fuß gingen, wenbeten ihr Antlik
jedem Fremdling zu ; diejenigen, welche |
fahren, hätten junge Kuticher. Sie‘
wären verwegen genug, ſelbſt in bie
Apotheke zu treten, ja, man habe
jogar bemerft, daß fie in ihrer Selbft-
vergeffenheit ſich bis in das Stadt:
viertel der Franken vergangen hätten,
um fih dort mit Eis zu erfrifchen.
Es müßten unter ſolchen Umftänden
wieder die alten Satzungen zu Rechte
gelangen; der Verführer würde ohne
Gnade gehängt, die ungetreue Che:
frau würde in einen Sad genäht und
in’3 Meer geworfen. —
Noch vor wenigen Sahren zeigte
man in Konftantina (in Algerien) Blut:
[puren unglüdlicer Frauen, welche auf
bloßen Verdacht hin von einem 800 Fuß
hohen Feljen in den Abgrund geftürzt
worden waren,
Es gibt für die Frau des Drientes
nur ein Ajyl gegen dieſe unbarmberzige
Behandlung — die Mutterſchaft. Ein
Weib, das Mutter geworben, erwirbt
in den Augen ihres Gatten und Ge:
bieter8 unvergeßlihe Anſprüche auf
gewiſſe Privilegien, die fie wieder in
den Befig ihrer perfönlihen Würde zu
jegen fcheinen. Sie erhält einigen An:
theil an dem inneren Haushalte und
mitunter fogar an den die übrigen
Frauen betreffenden Ränfen ihres Ge:
mals. Männer, denen ihre Armut
nur Ein Weib zu halten erlaubt, be-
obachten dieſe Regeln nicht minder
ftreng. Wenn ſchon überhaupt, fo ift
e3 im Driente insbefondere das größte
Unglüdf der Frau, Finderlos zu fein.
Neben der Polygamie iſt die Ehe:
lofigfeit für das Osmanenreich ein Fluch.
Es gibt viele Hageftolzge unter den
Mohamedanern. Den Begriff von der
„Nttigen Lebensgefährtin” kennt ber
Mufelman nicht. Verkäufliche Frauen
find zu theuer, als daß fi Jeder eine
Anzahl, oder auh nur Eine anfchaffen
fönnte. Daher die häufigen, gewalt:
ſamen Entführungen junger Chrijten-
mädchen und noch fträflichere Attentate,
gegen welche die türkiſche Juſtiz nur
felten energiſch einjchreitet.. Leider er:
itreden ſich ſolche Sitten auch auf die
nicht mohamedanifchen Unterthanen der
Pforte; dem Manne ift eben die Ge:
walt in die Hand gegeben, und Die
niedrige Culturſtufe, auf der er jelbit
fteht, erflärt Alles zur Genüge. Und
gerade auf die Moslems mwäre jenes
Wort anzuwenden, welches einmal von
einer böſen Europäerin zu ihrer eben
jo böfen Nachbarin geſprochen wurde.
„Ei!“ keifte Die Zantippe, „Eines gönne
ich unferen Männern, daß fie ung zu
Meibern haben!” — Der Mufelman
wahrhaftig verdient das Weib, das er
fih erzogen hat. Und umgekehrt, jener
Fluch, den die orientalifche Frau dem
Geſchlechte angeboren hat, fällt wieder
auf die Frau zurüd.
Die ferbifchen und die bulgarifchen
Bräute legen am Tage der Hochzeit
ihrem Gatten den Sad und den Strid
zu Füßen; das find die allesfagenden
Embleme des geſellſchaftlichen Zuftandes
der Frau im Driente. Im Oriente,
wo die Dichter, Mohamed darunter,
ihre ſchönſten, zarteiten Liederblüthen
zum Nuhme des Weibes fingen. Die
Kiebeslieder und Liebesgeſchichten der
PVerfer, Araber und Türken weben einen
herrlichen Cultus um die Jungfrau,
um das Meib.
Und dennoch AZuftände, bei welchen
e3 dem Morgenlande heute geradezu
unmöglich ift, Frauengejtalten wie eine
Cornelia, die Mutter der Gracchen, wie
Octavia, wie Afpafia jelbit, oder wie
eine Elifabeth von England, oder wie
eine Maria Therefia hervorzubringen. —
Europäifhe Reijende der neueren
Beit waren bemüht, für die Harems
der Mujelmanen eine Lanze zu brechen.
Sie ſchildern das Leben der Harems
al3 ganz erträglich, ja als recht ange:
nehm und die Frauen derſelben als
zufrieden. Sie vertheidigen den Türken
und ziehen fein Gebahren der tugend-
heuchelnden Concubinenwirthſchaft ande
rer Länder vor. — Die Bolygamie hatte
vielleicht einen Augenblid der Groß:
artigfeit, ehe fie ihre Früchte trug,
ehe fie die beiden Geſchlechter entehrte.
Jetzt ift fie ein Moment der Auflöjung
der orientaliichen Gejellichaft. In der
Türkei paart fih die rohe Sinnesluft
mit der brutalen Herrſchaft. Niemals
bat der Türfe eine Ahnung gehabt,
von dem fittlihen Werthe des MWeibeg,
von einer edleren Neigung zum andern
Gejchlecht. Auch der Araber ift Befenner
des Islams, trogdem war er lange noch
nah Annahme diejer Religion der
ebelften geiftigen Liebe, der unver:
brüchlichen, fein Opfer ſcheuenden Treue
fähig. Nimmer hat fich der Türfe be-
geiftert für jene leuchtenden Ideale, die
in der arabifchen Literatur jo ſchönen
Ausdrud gefunden haben.
Die Frau ift der Genius ihrer
Nation; ein Volk, das feine Frauen
entwiürdigt, ift verloren.
Was Wunder aber, wenn unfere
blidend, den Drang empfindet, ihr
Geſchlecht gewiſſermaßen zu rächen,
fi zu emancipiren — und hierin zu
weit geht? Die Frau fol nimmer ver:
geſſen, daß ihr an inmerem Gehalt
mehr gegeben ijt, als dem Marne ;
wenn fie dieſen inneren Gehalt, das
ewig Weibliche überfieht, To ift jie nichts ;
wenn fie darüber hinaus noch der
Gleichſtellung mit dem Manne zuftrebt,
fo verzichtet fie auf den unmiderftehlichen
Zauber der Weiblichkeit und ſchleudert
in ihr Wefen einen nimmer zu löſenden
Widerſpruch. Julius Fröbel jagt irgend:
wo: Nah Männlichkeit jtrebende Weiber
entjtehen, wo weibiijhe Männer vor:
handen find; eine Verdrehtheit ruft
die andere hervor. So wären wir ja
gerade auf der Bahn, die uns dem
andern Ertrem des Verhältniffes zwiſchen
den beiden Geſchlechtern zuführte!
Den Mittelweg hat man den gols
denen genannt, und bie deutjche Frau
der Frauen Mufter. Der deutihe Mann
verehrt feine Gattin als das Heilig:
thum ſeines Hauſes; er kennt ihre
unendliche Bedeutung als Pflegerün
feines Gemüthes, als Wederin feiner
Thatkraft im Kampfe mit der Welt,
als Hüterin feine® Eigenthums, als
Mutter und Erzieherin feiner Kinder.
Er erkennt fie als das Wefen, welches
jein Dafein veredelt und lohnt und
aus welchem das materielle und fitt-
lihe Wohl feiner Nachkommenſchaft
ftammt. Er liebt und verehrt fein Weib
und fühlt ſich mit ihm erft als ganzen
Menfchen.
Wenn die Frau der gebildeten Welt
gleih dem Weibe der Arbeiterclafen
ih die Fähigkeiten anzueignen fucht,
ihren Unterhalt im Nothfalle jelbft zu
erwerben, jo hat dieſe Beſtrebung unfere
vollfte Sympathie, denn fie geht nicht
aus von jener Emancipationsfudht unna=
türlicher weiblicher Kraftgenies, welche,
die heilige Frauenwürde mißachtend,
einer neuen Schmad der Frau ent:
moderne Frau, auf folche Schmadh | gegeneilen.
33
Was it ein Weib?
Bon Eruft Eftein.*)
Der Philofopb:
Ein Weib ift Nichts. Der hohe Weltenmeifter
Gab ja der Seele fein Geſchlecht;
Hier gilt die Kraft allein , im Reid) der Geifter
Hat nur die höchſte Weisheit Recht.
Des Körpers zweifelhafte Schranken
Zerfliefen vor des Denkers Hauch.
Der Menfhen wahres Wefen find Gedanfen:
Ein Weib ift nur ein Sprahgebraud).
Der Juriſt:
Was ift ein Weib? Vor altersgrauen Jahren
Schien fie des Mannes erite Sklavin nur.
Doch milder ward die Sitte der Barbaren,
Und mit der Gattin hob ſich die Eultur.
Beredelnd ftieg ihr Anſeh'n im Gewichte ;
Sept pflegt die uxor völlig glei zu fteh'n.
Am beften ftimmt’s zum Beift der Rechtsgeſchichte
Als Compagnon fie anzufeh'n.
Der Naturforfder:
Es nimmt das Meib in unf'rem Thierfyfteme
Den eriten Pla als homo sapiens ein. —
Die Birnfunctionen bieten hier Probleme,
Die felbit für Vogt und Molefhott zu fein.
Unausgewadhfen heikt es „Mädel“ ;
So weit man Virchow glauben fann,
It bei dem Weib der Durchſchnittsſchädel
Entfhieden flacher, ald beim Mann.
Der pietiftifche Theologe:
Was ift ein Weib? Die Freude des Verlor'nen,
Die Schlange an des Sünders PBruft ;
Ein Abgrund längs dem Pfade der Erkor'nen,
Verförperung verworf'ner Luft;
Bon ihren bublerifhen Lippen
Fließt füh des Weltfinns tödtlidh' Gift.
Heil uns, daß wir aus diefen Höllenklippen
In Gottes Hafen eingefchifft!
Der Mathematifer:
Das Weib ift eine Neihe fonder Gleichen,
Denn fie nimmt ab, je mehr die Zeit addirt.
Nur eine Größe fucht fie zu erreichen,
Bei der ihr Werth nicht felten fih quadrirt.
Ia, fie ift X mit negativem Zeichen,
Das nad dem pofitiven Gatten fpürt —
Und hat ſie's zur Verbindung dann gebracht,
Wird Er von Ihr zu Null gemadt.
Der Beffimiit:
Was ift ein Weib? Verkündet's unverhoblen,
Ihr, die Ihr in der Ehe Troft geſucht
Und, fchnöde um des Lebens Glüd beftohlen,
Dem Weibe taufendmal geflucht !
Da ftöhnen fie in ungezählten Schaaren,
Gequält, geihunden, wegesmüd' und krank;
O möge mich des Himmels Gunſt bewahren,
Ein Weib ift eine Folterbanf !
Der Liebende:
Was ift ein Weib? Ein Kranz von Gott geweiht,
Der nur des Siegers edle Stirn umtränze!
Die heil'ge Lampe, die im Tempel glänze,
Mo Licbe ihr die rechte Gluth verleiht !
Im Lebensiturm der Seele ftilles Glüd,
Der reichfte Traum, der diefer Welt beſchieden;
Sie gibt der Bruft den längft vergeff'nen Frieden
Und das verlor'ne Paradies zurüd !
*) Siehe Bücheranzeigen.
Bofegaers „‚Geimgarten‘‘ Ur. 1.
34
Ein Maler auf Irrwegen.
Es ift eine eigene Sache um die Maler von Kunfttact und Schönheits-
Urfprünglichfeit maleriſcher
Stoffe. |finn nicht Leichen zu Hauptgeftalten
Man jollte glauben, daß Maler, welche | jeine® Bildes erheben.
Ein Maler,
Geift und Geſchmack befigen, in gar der ſich der Ziele feiner Kunft klar
feiner Richtung um originelle Dar:
ftellungsobjecte verlegen fein fönnen.
Der Hiltorienmaler hat vor den Augen
das unabjehbare Gebiet der Cultur-,
Welt: und Specialgefhichte liegen und
braudt nur Hineinzugreifen in das
reihe gejchichtlihe Stoffgebiet, um
Bilder zu jchaffen, die einen Ideen—
fampf, einen Intereſſenconflict darftellen,
die einen Sieg oder eine Niederlage des
Edelmenſchlichen veranschaulichen. Wenn
fih ein Hiftorienmaler auf ein be:
ftimmtes Gebiet einfchränft, jo etwa
auf Darjtellungen der ſogenannten
Heiligenbilder, jo ift er jchon deshalb
zu bedauern, weil er bei der Beliebt:
heit des Typifchen auf diefem Terrain
der Hiftorienmalerei von vorneherein
auf das Ausgeftalten einer originellen
Idee verzichtet. Für den Landjchafts-
maler gibt es in allen fünf Welttheilen
genug anregende Motive, um ihn vor
dem Darftellen des Gemöhnlichen, Ab:
genüßten zu ſchützen. Ein Genremaler
endlich verfügt über dasjelbe Stoffgebiet
wie der Iyrifche, epifche und dramatiſche
Dichter und kann dem Ehrgeize, originell
in der Stoffwahl zu fein, volles Ge
nügen leiften, wenn er eben will und
nicht ein Handwerker von der Palette ift.
Es ijt jelbitverjtändlich, daß ber
Maler, welcher Anſpruch auf Beachtung
erhebt, nicht bloß Urfprüngliches im
Geftalten des Vorwurfes bieten, fondern
daß er auch innerhalb der Grenzen
des äjthetifch Zuläfligen, des Formen-
wohllaut3, des Lebenswahren, des
Gulturbewußtjeind der Aufgeflärten
jeiner Zeit verharren muß. Ein Maler
von Geſchmack wird nie dasjenige dar:
ftellen, was uns im Wirklichkeit mit
Ekel, Grauen, Widerwillen, Unmuth
erfüllt. Da das Schöne nur aus dem
Lebenden herausleuchtet, jo wird ein
und ficher bewußt ift, wird Darftelungen
aus dem Wege gehen, in welchen rohe
Handlungen von Menjchen verbildlicht
werden; er wird daß Gräßliche und
fittlih Widerwärtige aus dem Kreije
jeiner Schöpfungen ausjchließen.
Ein Maler, welcher in den letzten
zehn Jahren viel von ſich ſprechen
machte und auf deſſen Originalität
des Defteren hingewieſen wurde, ijt
Gabriel Mar. Diejer Maler ift nicht
ohne Begabung und verfteht es, mit
der Farbe Effect zu erzielen. Leider
jucht er auch die Aufmerkſamkeit nai-
ver Kunftconfumenten durch Stoffe ge:
fangen zu nehmen, welche nicht ſtreng
genug verurtheilt werben können. Er
wählt Gegenftände zur bildlihen Dar:
jtellung, welde meiſt Grauen und
Miderwillen erregen und im bejten
Falle durch ihre krankhafte, äſthetiſch
unberechtigte Originalität verblüffen.
Nur ſelten iſt es ein wahrhaft poetiſcher
Gedanke, der uns in den Bildern des
jungen Malers ſympathiſch anmuthet.
Gabriel Max, ein Schüler Piloty's,
hat es von ſeinem Meiſter gelernt,
den Zauber der Farbe wirken zu
laſſen; die Poeſie eines träumeriſchen
Halblichtes iſt immer ihres Effectes
ſicher, mag der in gedämpftes Licht
getauchte Gegenſtand was immer vor
die Augen ſtellen. Es zeugt jedoch von
ſchlechtem Geſchmack, wenn man eine
ertränkte oder gekreuzigte Märtyrerin
auf einem Bilde im Mondlicht phos—
phoresciren läßt. Und dies hat Gabriel
Mar gethan. Seine gefreuzigte Mär:
tyrerin hat zwar einen ſchönen Kopf,
allein wie fann die Schönheit einer zu
Tode gemarterten Frau genofjen wer:
den? Nur der Linienwohlflang eines
in ungebrochener Lebenskraft und Da:
ſeinsfriſche jtrahlenden Weibes ſchafft
35
volles äfthetiiches Behagen. Mag die beſchatteten Augen find nicht
heilige Ludmilla noch jo edle Kopf: | Magie.
linien aufweifen, man wird berjelben
nicht froh, wenn graufame Unmenſchen
fih mit dem Erwürgen der frommen
ohne
Allein dieſe Augäpfel auf
dem Lide, der Schein des Senfens und
Aufſchlagens des Auges ift eine
Spielerei, zu welcher fi fein ernft:
Frau bejchäftigen. Andere Bilder von | denfender Künftler herabwürdigen kann.
Gabriel Mar: „Der todte Affe” und
die „Löwenbraut“ find widerwärtige
Thierftudien. Pfui, — wie originell!
— ruft man beim Anblide dieſer
Gemälde. Man jchaudert auch beim
Betrachten jener Bilder, zu welchen
die Motive in Leichenfammern gefun:
ben werden. Die Auferwedung ber
Tochter des Yairus und der Ahasver,
welcher angefichts einer häßlichen Kin-
desleiche ſich in theatralifcher Haltung
feiner Todesſehnſucht hingibt, find
ſtofflich abgeſchmackte und widerwärtige
Gemälde, welche die Palette des Malers
Gabriel Mar nicht hätte Schaffen follen.
Wunderlich ift die blinde Zampenver:
fäuferin in den SKatafomben, welche
den Befuchern der Tuffgräber für
Geldgeihente Licht verabfolgt. Der
Contraft zwiſchen dem Blindfein des
Katakombenmädchens und den brennen:
den Lampen ift nicht poetiſch, fondern
ungereimt. Ein Blinder kann aus
phyſiſchen Gründen nicht Lichtverfäufer
fein. Wie wahnwigig in feiner Ur:
ſprünglichkeit! — muß fih jeder un-
befangene Beurtheiler dieſes Bildes
denfen.
Und das Schmeißtuch der heiligen
Veronika mit dem Gonterfei des auf
die Nichtftätte geführten Chriftus!
Melcher marftjchreieriiche Unfug wurde
mit dieſem Bilde von Gabriel Mar
getrieben und doch ift fein Kunftgehalt
jo gering! Schon der Naturjelbitvrud
des grobfaferigen Byſſusſtoffes ift
funftunwürdig; auch die Blutflede
darauf find ebenfoviele Schandmale
eine® zurüdgebliebenen Geſchmacks.
Der Kopf Chrifti jelbft? Nun ja, er
Wenn Andachtsthoren vor diefem Bilde
von Hallueinationen heimgefucht wer:
den, fo ift diefer Erfolg ein wahrhaft
trauriger.
Daß dieſes Schweißtuch der Veronika
mit großem Pinſelgeſchick gemalt ift,
jei zugegeben ; allein wie groß iſt der
Abweg von den Zielen der kunſtwür—
digen Schönheit, welchen dba Gabriel
Mar betreten hat! Die Phantafie diejes
Malers ift frank; es hält ihr nicht
die Bildung des ntellectes die Mage.
Sleihwohl hat G. Mar ab und zu
finnig gemählte Stoffe verbildlidt.
Bor Jahren fahen wir in ber inter:
nationalen Kunftausftellung in München
ein Bild von ihm, welches jehr poetiſch
gedadht war. Eine junge hübjche Nonne
ſitzt ſinnend in einem Kloftergarten im
Graſe und ein Schmetterling ruht auf
ihrem entblößten Fuße. Vermuthet
der Falter eine Blume in der welt:
verlaffenen Jungfrau oder fieht die
arme Nonne in dem Schmetterling
das einzige lebende Geſchöpf, welches
an ihr theilnimmt und ihr ben Kleinen
Fuß küſſen will? Vielleicht beides nicht
— allein das lieblihe, auch durch
feine Einfachheit gewinnende Bild regt
zur poetiichen Ausdeutung an und
darin liegt jein Werth.
Gabriel Mar verſchwende fein
zauberhaftes Golorit nicht an Vorwürfe,
die jo abitrus find mie die meijten
bisher von ihm gewählten. Er ver:
laffe die Folter: und Friedhofsfammern,
in welchen er bisher jeine Bildmotive
geholt; die lebensheitere, ſchönheits—
frohe Poeſie küſſe ihn auf die Stirne,
wenn er nad einem neuen Gemälde:
ift von einem ſüßlich fentimentalen, |ftoffe fucht!
verweichlichten Almanachausdruck; die
8*
36
Fin geiftvolles Bud).
Wir kannten Hans Hopfen bisher
nur aus feinem Romane: „Der graue
Freund“. Wir ahnten in diefem an:
muthigen Werke nicht den jchneidigen
Polemiter, als der und Hopfen in
feiner Sammlung: „Streitfragen
und Erinnerungen“*) entgegen:
tritt. Die „Streitfragen” behandeln
faft durchgehends Theaterverhältnifie.
Die Abhandlungen über Theater ud
Kunft beziehen fich zumeift auf Deutſch—
land, doch mögen darin auch mir
Defterreicher viel Intereſſantes finden.
Zwar ein bejonderer Freund deſſen,
was „öſterreichiſch“ Heißt und aus
Oeſterreich hervorgeht, iſt Hopfen nicht.
Es dünkt uns faft, als hielte er es
auch gerne einmal mit denen, welche
es nur ſchwer verwinden, wenn Gutes
und Großes in Defterreih gerühmt
wird, als hielte er e8 mit jenem „deut:
Shen Publikum“, von dem er jelbft
jagt, „daß es nicht erträgt, gelobt und
gepriefen zu jehen, was e3 nicht liebt“.
Nur den „oberbairifchen Volksſtamm“
in Dejterreich hält Hans Hopfen gewiſ—
fermaßen noch feines Mitleides werth.
Indeß ſpricht er über Wien und feine
Theater, die er in einer Replik gegen
Otto Devrient („Iheaterzwang und
Theaterfreiheit”) allerdings als Bei:
jpiel aufftellt, wie in Bezug auf das
Repertoire, den Berliner Zuſtänden ge:
genüber, das Theater — nicht fein joll.
Uns fommt aber doch die Gegenüber:
ftellung der Wiener und Berliner Ne:
pertoires, wie fie Hopfen vorführt,
etwas einfeitig vor. Wer weiß e8 nicht,
daß man in Wien noch mit vollitem
Bemwußtjein des künftlerifchen Berufes
arbeitet, während fich in Berlin nirgends
eine feite, emergijche Haud zeigt, bie
dem Schlendrian zu fteuern vermöchte.
Doch unfer Referent vertröftet fi:
bie Glanzperiode ber dramatifchen
Kunft in Deutfchland müſſe erjt kom—
*) Cotta'ſche Buchhandlung in Stuttgart.
men. Wir wünfchen es, und haben uns-
des Meiteren an dem neuen Buche nur
zu freuen.
Otto Devrient trat gegen die in
Deutichland eingeführte Theaterfreiheit
auf: ihr werde folgen die Zeit ber
Cafes chantants und der „theatra-
liſchen Orpheums“. Es ift ergößlich,
wie ihn Hopfen darüber zurechtweilt.
Noch ergöglicher ift es, wie der geift-
reihe Verfaffer den armen Dr. Georg
Köberle abtrumpft, der mit einer
Schrift: „Die Theaterkrifis im neuen
deutichen Neiche” als Neformator ber
deutihen Schaubühne aufgetreten war.
Köberle verlangt von einem dramatiſchen
Kunftwert, dab es „ethiſch“, daß es
ein Vorbild des Lebens fei und daß
e3 hiſtoriſche Grundlage habe. Dem
entgegnet Hopfen, daß die höchfte Kunft
nicht zur Magd der Sittenlehre herab-
gewürdigt werden bürfe; daß jchon
Aristoteles gejagt habe, die Kunſt fei
nicht ein Vorbild des Lebens, ſondern
Nahahmung, alfo ein Spiegel; und
endlih, daß die Alten, die Schöpfer
der dramatifchen Kunft, das hiſtoriſche
Drama gar nicht gekannt hätten. Er
weit fchlagend nach, daß jedes „hiſto—
riſche“ Drama jo unbiftoriih als
möglich auftreten müſſe, um auf das
Publikum im Sinne der Kunft zu
wirken; daß gerade das, was bei
dichteriichen Werth des Kunftwerfes
ausmacht und was das Entzüden der
Hörer verurſacht, das Unhiſtoriſche ift,
ja nicht felten dasjenige, was fich mit
allem hiſtoriſchen Sinne und Willen
gar nicht verträgt. So liege es Har
am Tage, daß die Schaubühne eben:
jowenig mit dem Lehrjtuhle der Ge:
fhichte, wie mit der Ethik in Con—
currenz zu treten habe. — Hierauf
fommt Köberle mit feinen Reform:
vorihlägen, mit denen Hopfen voll
[uftigen Uebermuthes fein Spiel treibt,
wie die Kabe mit der Maus — bis
er fie zerfegt. „Köberle,“ meinte er
ſchließlich wieder in Ernft übergehend, | Preuße
„perwechjelt in einemfort das Willen
und das Können Beim Künftler
fommt es aber zum allerwenigiten aufs
Willen und zum allermeijten aufs
Können an. Es geht nun einmal nicht
an, künftleriiche Dinge lediglich nach
feftangenommenen Theoremen oder gar
mit Zwang ausgerüfteten Gejegen zum
Wachſen und Gedeihen bringen zu
wollen. — In der Kunſt genügt
Keinem die Erfahrung, die er von
Anderen fertig überiiefert bekommt.“
Hopfen hält daher auch nicht viel auf
Künftlerafademien, ſondern jchlägt das
Hermann Grimm'ſche Auskunftsmittel
vor, „anftatt weitläufige Schulen von
zweifelhaftem Werthe einzurichten, jolle
der Staat einzelne erprobte Künftler
durch Gehalt verpflichten, Schüler auf:
zunehmen“. Denn immer nur Künftler |
fönnten des Künftlers Lehrer fein. —
Abfällig urtheilt Hans Hopfen auch
über die „Meininger” Schaufpieler. Er
jtellt das Spiel höher al3 das „Zu:
jammenjpiel“, welches die Meininger
auszeichnet. In der Kunft gebe es gar
nicht3 Gefährlicheres, als die über:
triebene Pflege des Nebenſächlichen.
Unflug handle der Maler, welcher die
fernſten Gegenftände im Hintergrunde
jeines Bildes mit größerer Genauigfeit
und Naturtreue auspinjeln wollte, als
das, was er in den Vordergrund ge:
bracht hat. Nicht klüger handelten bie
Meininger, denen Nebenfpiel, Decora-
tion, Ausftattung mehr gelte, als Die
Darftellung der Helden und des Grund:
gedanfens eines Stüdes.
Das nur Andeutungen, auf welchem
Standpunkte das geiftvolle und an
regende Buch Hopfen’s gejchrieben ift.
Uns fpeciell erfreuen die Aufſätze
über zwei unferer größten Männer:
über Franz Grillparzer und Friedrich
Halm, denen der DVerfaffer die liebe-
vollfte Würdigung angebeihen Täßt.
Wohl kann es der Autor nicht unter:
laſſen, bei Grillparzer recht oft zu
conftatiren, daß es ein richtiger
gewejen, welcher dieſen
großen Mann eigentlich an's Licht ge:
zogen. Es wird ja Niemandem ein:
fallen, das Verdienft Heinrich Laube's
um Grillparzer zu beftreiten; und wir
möchten jchier jelbft vermuthen, daß
GSrillparzer heute im deutſchen Norden
noch nicht die verdiente Anerkennung
gefunden, wenn Laube beijpielweife als
geborener Defterreiher fein Wort für
den genialen Dichter erhoben hätte.
Genug, wir wollen uns freuen, daß
wir ihn haben, den Unfterblichen, er
gehört Allen; Defterreich hat ihn ber
Welt gejchentt.
Wir hören von Hans Hopfen mans:
ches Neue über Grillparzer und Halm,
befonders, was ihre Perfönlichkeiten
und Privatverhältnifje betrifft; und die
Abhandlungen über die bedeutendften
Werke diefer Dichter zeigen, wie an:
dachtsvoll fih Hopfen in diefelben ver:
jenft, wie großherzig er fie aufgefaßt.
Endlih finden fi in dem Buche
noch Eſſais über Ernefto Roffi, Her:
mann Lingg und Bernhard Scholz,
owie über die Aufführung der „Her:
mannsjchlacht in Berlin, über den Ein-
tritt der Eljaß:Zothringer in den deut:
ihen Neihstag und über Richard
Wagner's „Triſtan und Iſolde“. Hopfen
ſteht nicht an, zu erklären, daß der
Wagnercultus mehr oder minder Mode:
ſache jei. Er fönne die mufifalifche
Bedeutung dieſes Mannes nicht wür—
digen, doch rechne er jo: Die Wagne:
rianer halten ihren Meifter nicht bloß
für den größten Muſiker, jondern auch
beiläufig für den größten Dichter.
Nun wife er aber, daß Wagner's
Verſe, von denen er mehrere anführt,
unbedingt ſchlecht feien, und frage
fih nun, ob jelbes am Ende nicht
auch mit deſſen Gompofitionen ber
Fall wäre.
Damit wäre vielleicht jener, ber
fritiiche Theil erichöpft, den Hans
Hopren „Streitfragen” nennt. Werfen
wir noch einen Blick auf die „Erin:
nerungen“. Unter diefe reihen wir
ein die Bureaukraten-Idyllen von links
38
und recht der “ar, Mon ami Justin,
und Stillleben im Kriege, — Humo—
resfen im wahren Sinne des Wortes,
bei denen Einem das Herz warm wird,
Mir nehmen ungerne Abſchied von
dem trefflihen Buche, durch welches
und Hans Hopfen wohl bleibend ein
lieber Freund geworden ift.
Unfere Schwächen.
I.
Ueber die öfterreihifche Selbſt—
berhöhnung.
„Diefes Defterreih ift doch 'n
herrlihes Land!” rief ein Reiſender
aus Hamburg auf dem Eijenbahnzug,
der duch das Murthal braufte. „Wie
es boch möglich ift, daß bei dieſem Neich-
thume von Naturproduften, bei diejer
Kernhaftigkeit der Bevölkerung das Land
feine höhere Stellung einnimmt!“
„Je!“ machte ein anderer Herr im
Coupe und zudte die Achieln.
„Und diefe reihe Induſtrie!“ fuhr
der Hamburger fort. „Von Wien her
find wir heute ja an ganzen Städten
von Fabrifen vorübergefahren und
jelbft in den Engthälern bier ragt
Schlot um Schlot in die Höhe.”
„Laſſen Sie mic) aus“, rief ber
Andere, „was nützen die Schlote,
wenn fie nicht rauchen? Und über-
haupt, die öſterreichiſche Induſtrie!
Lächerlich!“
„Sie ſind doch ein Oeſterreicher?“
fragte der Hamburger.
„Leider“, war die Antwort.
„Warum leider?” fragte der Nord-
beutjche.
„Beil man fich heutzutage jchämen
muß, ein Defterreicher zu jein. Sehen
Sie fih einmal unfere politiichen Ver-
hältniffe an, ich jage Ihnen, Sie
müffen — “
„Ach, die politiſchen Verhältniſſe,“
fiel der Hamburger in’3 Wort, „diefe
find überall unerquidlih. Kein Staat
Friedensſtörern zu ſchützen; darum die
‚ewige Nuhelofigfeit nach innen und
außen, die Bewaffnung bi8 an bie
Zähne. Defterreich Hat hierin meines
Dafürhalten® Manches voraus; da
find die natürliden Schutzwälle der
Alpen. Da haben Sie Ihre uner:
ihöpflichen Nahrungsquellen. Sin Defter:
reich kann bei der Mannigfaltigfeit
feiner Naturprodufte gar fein Mißjahr
jein; gedeiht Eins nicht, jo gebeiht
ein Anderes um fo beſſer. ft das
Jahr troden und heiß, jo haben Sie
Kom und Wein und Obſt; iſt es
feucht und kühl, jo kommt es ber
Viebzuht zu ftatten. Dann Ihre
Stahl: und Eifenlager, Ihre —“
„Willen Sie“, rief der Defler:
reiher, „daß unjere Eifenbahnbauer
ihr Material lieber aus England be-
ziehen, als aus unjeren heimiſchen
Lagern? England hat befjeres Eiſen
als wir, und billigeres, Herr, billigeres !
Glauben Sie e8, daß die englifchen
Eiſenſchienen über Trieft billiger in’s
Land — id) jage in’d Land und an
Drt und Stelle gejchafft werben, als
fie unjere eigenen Eiſenwerke liefern ?
Es iſt fo. Und im Uebrigen, wir
haben auch viel Schlechte Waare. Glau—
ben Sie mir, mein Herr, jo wie die
Wiener Meltausftellung unſere Con:
currenzunfäbigfeit bereits bewieſen hat,
jo wird uns eine nächſte Ausftellung
in Europa lahmlegen — lahmlegen,
fage ich Ihnen!“ —
Sp ging e3 fort. In feine Heimat
zurüdgefehrt, bei einer großen Tijch:
ift fertig und abgeichloffen, oder jeder | gejellichaft behauptete der Hamburger,
glaubt wenigſtens, es nicht zu fein; | die wirthſchaftlichen Zuftände in Defter:
jeder hat Urſache, fih vor dem Nad)- |reich feien elend; die Induſtrie ſei zu
bar und aud vor feinen eigenen Grunde gerichtet, ſelbſt in den Natur:
39
probuften, wie z. B. in Stahl und
Eifen könne fi Defterreih mit
anderen Ländern nicht mefjen. Er
wife das — habe e3 von eingebornen
Defterreihern ſelbſt gehört.
An dem Tiihe ſaß der Chef einer
berühmten Handelsfirma Hamburgs;
ber hörte es und lachte. „Von Dejter:
reihern jelbft haben Sie es gehört?“
fagte er, „das glaube ich fchon. Die
Deiterreicher muß man kennen, das find
fonderbare Käutze. Der Defterreicher
ſchimpft über Alles, was öſterreichiſch
it, über fein Land, über feine Ne:
gierung, über feine gejellichaftlichen
Zuftände, über feine Induſtrie, über
jeinen Handel, über feine Schulden,
über jein Geld, über fein Haus und
ihließlih au über fein Hemd. —
Ha, ganz im Ernjte! Das ift nur
bei uns in Defterreich möglich! werben
Sie hören, wenn dort irgend ein
Schaden, ein ungünftiger Zufall vor:
fonımt. Vor Allem ift die Regierung
der Sündenbod. Selbit für Natur-
ereigniffe wird die Negierung verant-
wortlich gemadt. Ach war einmal in
Wien, als durh den Eisftoß Die
Donau austrat und eine Dorftabt |
überfhwemmte. Keiner ber Haus.
herren hatte genügende Vorbereitungen
getroffen, aber jeder polterte gegen die
Behörden, die nichts thäten, als in
den Tag hineinleben, bis ihnen das
Waſſer in die Stuben rinne, und das
jei wieder einmal echt wieneriih. —
Echt wieneriſch! Damit bezeichnet man
ſonſt das Leichtlebige nnd Gemüth:
liche des Wieners; diejer ſelbſt aber
veriteht darunter nur die verfchieden-
artigen Mißſtände einer Stadt. Wenn
Sie in Wien in irgend einer Gefell-
ſchaft die Vorzüge Wiens rühmen hören,
jo mögen Sie überzeugt fein, daß Sie
unter Fremden und nicht unter Wie—
nern find. Der echte, eingefleijchte
Wiener läßt nicht ein gutes Haar an
feiner Vaterftadt. Bei dem ift in Wien
Alles gut, Schön, zwedmäßig, mag
war und heute nicht mehr eriftirt. Hin:
gegen iſt ihm Alles, was ihn heuteumgibt,
‚und Boden fennen zu lernen.
chlecht und dumm. Die Herren wiffen
e3 ja, wie Defterreich ein jchönes Land,
jo it Wien eine jchöne Stadt; fo
armjelig Wien vor dreißig und vier:
zig Jahren noch war, fo wohl iſt es
heute mit den prächtigften Großftäbten
Europas zu vergleichen. Ya, fagt der
Miener, jo etwas muß man in Paris
ſehen, felbit in Berlin! Wien ift feine
Stadt, Wien ift ein Neft, ein Kräh—
winkel. Und wenn die Zeit mwieber
fäme, wo „die gute alte, wienerifche
Gemüthlichkeit geblüht“, jo würde er
noch mehr jchimpfen, denn es ift ihm
angeboren, er fann’3 nicht laffen. Hin—
gegen hört es der Wiener nicht ungern,
wenn Fremde feine Stadt loben, denn
da fann er nach Herzensluft wider:
legen. Al3 vor wenigen Jahren Julius
Rodenberg in Wien Vorträge über
Wien und Berlin hielt, wobei Wien
in ein ſehr günftiges Licht zu ftehen
fam, was geijhah? Die Wiener wur:
den grob, die Journale fielen über
Rodenberg her und jagten ihm’3 rund:
weg: Herr, halten Sie den Mund, Sie
verjtehen nicht3 von und. Wenn Sie
über uns ſprechen wollen, jo müſſen
Sie jahrelang in Wien gelebt haben,
um unſere Miferabilität in Grund
Wir
find Schandleute und Sie haben uns
gar nicht zu loben, Sie, Sie ber:
(inerifher Herr, Sie!”
Die Geſellſchaft brach in ein fchal-
lendes Gelächter aus und Einer ber
anweſenden Herren bemerkte, das müſſe
wohl doch ein bischen übertrieben fein.
„Nun ja,“ fuhr der Sprecher fort,
„was ich jage, gilt nit von Allen.
Immerhin aber ift es charafteriftijch
für bie Leute. Indeſſen fieht man,
worin dieſe Eigenthümlichfeit des
Defterreichers, fpeciel des Wieners
feinen Grund hat, nämlich in feinem
Dünfel oder fagen wir in feiner Stolz
heit. Er fühlt, daß er auf fremdes
Lob nicht angemwiefen ift und daß feine
Heimat ein bishen Schimpfereien
ihon vertragen fann. Dann will er
gerne zeigen, daß er gerecht und un:
40
parteiifch ift, und ſich durch Schmei-
chelei und auch durch Heimatsliebe
nicht beſtechen läßt und daß er es
nicht ſcheut, das Pflaſter von ſeinen
Wunden zu reißen. Ferner läßt ſich
im Tadeln und „Verreißen“ viel witziger
ſein, als im Loben, und der Wiener
iſt gerne witzig, ſo gerne, daß er im
quelle; die Leute haben gute Waaren,
nur muß man ihren Verläſterungen
keinen Glauben ſchenken“, ſetzte der
Kaufmann lachend bei. „Indeß beſitzt
der Oeſterreicher weit mehr Selbſtbe—
wußtſein, als es ſcheint. Die Worte
Schiller's ſind noch heute wahr: Der
Oeſterreicher hat ein Vaterland, und
Stande ift, der Poſſen- und Witzreißerei liebts, und hat auch Urſach' es zu lie-
jelbft den guten Namen feines Landes
und feiner Stadt zu opfern. Und das
ilt eben das Liebenswiürdige an ben
ben.” —
Freilich ftünde es beſſer, wenn ber
Dftmarf Sohn feine Heimatsliebe, die er
Wiener Wien, die zumeift geiftreich | To oft Schon durch die That bezeugt hat,
und gewiß oft treffend find, daß fie
eben gegen das Wienerthum, aus dem
fie hervorgehen, wieder ihre Spike
fehren. Um das klar zu ſehen, muß
man Friedrich Schlögl leſen, der in
jeinem „Wiener Blut“ und „Wiener
Luft” diefe Schwächen und Stärken
des MWienerd in gar draftiiher und
humoriftiiher Weiſe befchreibt und
geißelt, hiebei aber als Stodwiener
jelbfjt bisweilen eben in jene Manier
verfällt, die er bloßftellt und züchtigt.
Er zieht über die Wiener los, wie
Einer; über die Einen macht er ſich
luftig, mit den Andern grollt er und
man meint, Wien jei ihm bitter ver:
haßt. Und doch treibe ich in ber
alten Kaiferftadt faum Einen auf, ber
jein Wien lieber hat und ein größerer
Patriot ift, als Friedrich Schlögl.
Aehnlich verhält fihs mit dem Ganz:
auch in Worten und dem Fremden gegen:
über zum Ausdrud bringen wollte. Alle
Welt geht auf Neclame. Alle Welt
äjt beitrebt, ihre Fehler und Schäden
zu vertufchen, zu bejchönigen. Jedem
ift fonft daran gelegen, die Welt für
fich einzunehmen, für feine Pläne und
Werke zu interefjiren, zu begeiftern. Die
Begeifterung der Franzojen hat Paris
geſchaffen. Die rüdfichtslofe Selbſt—
liebe und die Eigenjucht der Englän-
der hat London groß gemadt. Auch
Berlin gedeiht unter der wenn auch
oft lächerlichen Selbjteingenommenheit
feiner Bürger. Schließlich ift dieſer
Egoismus ja ein ganz natürlicher und
überall vorhandener. Aber der Defter-
reicher, der Wiener gefällt ſich darin,
ih ſcheinbar aufzugeben, und fich
jelbft zu verhöhnen. Zum Glüde ift
der Fremde oft gerechter, ald er ſelbſt
und belädhelt nur die wunderliche
zen. Ich kenne Wien und —
Schwäche.
Es iſt vielfältig unſere beſte Bezugs—
Driefe aus und über Wien.
Bon Frau Cherefe.*)
Bei Gelegenheit des Sündenablaffes in | Dir zuzurufen, komme immerhin! Du
den Kirchen Wiens. kennſt die Welt — aud das Gefpenft,
Du willſt Dein Haus abbrechen das man Zeitgeijt titulirt, weißt,
und nah Wien ziehen und nur noch daß Wien innerhalb diefer Welt Tiegt
meine Zuftimmung jol den Ausichlag |und wirft mit Deiner geiftigen Reife
geben? Und ich habe den Muth, bei feinen idealen Anforderungen Raum
diefem wichtigen Abſchluß Deines Lebens | geben. Die Bevölkerung fei frivol,
*) Verfaflerin der „Blätter und Briefe. Herausgegeben von K. v. Holtei”, Hamburg 1870.
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meinst Du. Iſt das nicht die Welt?
Daß ih dieſe Frivolität inmitten
einer ungewöhnlich genußfüchtigen Be:
völferung anſchaulicher macht und oft
bis zur Anftößigfeit verirrt, ift nicht
zu leugnen und oft zu beklagen; doch
troß der frivoljten Genußfucht, der nad)
allen Richtungen verführeriiche Befrie-
digung geboten wird, ift der echte
Wiener unberührt von jener eflen
Blafirtheit, die ihm allen Sinn für
Gutes, Erhabenes und Schönes ge:
nommen hätte. Der Berliner zum
Beifpiel ift gewiß gründlicher, pflicht:
eifriger, vielleiht jogar zuverläfliger
als Beamter und Gefhäftsmann, aber
liebenswürdiger ift der Wiener mit
feinen offenen Sinnen und offenen
Herzen ; die Herzendwärme des Wieners
hat manches unentwidelte Talent, das
aus ber Fremde zu ihm kam, empor
gebildet. Durch fein verftändnißvolleg,
aufhorchend williges Anerfennen, beifall: |
Ipendendes Ermuthigen unterjtüßte er
eine fich jelbjt noch unbemußte Bega: |
bung, daß fie Muth und Sicherheit
gewann und immer getragen von fo
berzuftellen, ift wohl leicht zu errathen.
Als ih auf meinen Streifzügen durch
die Stadt neulich einmal an den Thü-
ren der pradtvollen Kirchen Wien’s
ein Papier anjchlagen jah mit ben
Morten: „AOftündiges Gebet, wofür
völliger Ablaß aller Sünden gebo:
ten wird“ *), verhüllte ich mein Haupt
und ging in tiefer Betrübniß von
dannen. Mich berührte dieſer Frevel
nicht perjönlich, doch mir that es weh,
weil ich die Menfchen liebe, denn fie
find mein Gejhleht und wenn man
fie jo unter ihrer menſchlichen Würde
behandelt, erjchüttert e8 mich big in's
Innerſte der Seele. Niht einmal
„reuiges Gebet“ hieß ed, nur
„40oſtündiges“! Und doch jagt Jeſus:
„ihr follt nicht plappern, wenn ihr
betet”. Sage man mir nicht, unjere
Beit ſei erhaben über all’ derlei; auch
das iſt ein Frevel, nur im anderer
Richtung. Niffe man heute alle Kirchen
ein, jo würde in Folge des unjterb:
lihen Bebürfniffes der menschlichen
Natur jeder Einzelne im Schreine jeines
Herzens einen Altar fih erbauen!
wohlthuender Gefinnung fih bis zur Nicht alle können Philofophen fein
höchſten Höhe der Kunft emporichwang.
Die Schröder-Devrient fagte, „in Wien
iſt's bei einiger Begabung fein Ver:
bienft, ein Künftler zu werden, Wien
hat meiner Mutter Talent groß gezo:
gen, hat aus mir gemadt, was ich
bin. Wie beflügelt betraten wir in
Wien die Bühne, wie gehamifcht fühlte
ih mid) auf anderen, und zu fchwerer
Arbeit ward meine Leiftung, welche in
Wien ein Darleben innerfter Seelen:
zuftände war”. Mit einem Worte, es
geht einem den Mienern gegenüber
leiht das Herz auf. Daß den
liebenswürdigen Eigenschaften des Wie—
ners jener Ernft, für ben er allerdings
empfänglich ift, in würdiger, anſpre—
chender Weiſe nähergerückt und zugäng—
licher ſollte gemacht werden, iſt wohl
zu wünſchen; und an wem es läge,
den Ernſt ſittlicher Strenge in die
andere Schale zu legen, um einiges
Gleichgewicht zwiſchen Sollen und Wollen
oder den Ehrgeiz haben, oft mit lei—
digen Mitteln ſich zu ſolchen aufſchwin—
gen zu wollen, und es iſt gut, daß
es ſo iſt. Daß aber ſolcher Mißbrauch
von dort ausgeht, wo jene fittliche
Gewalt jollte ausgeübt werden, an
der fih die in tollem Lebensgenuffe
hintaumelnde Menge zu orientiren
hätte und daß man das jo hinnimmt,
ohne fich gefränft, beleidigt, ja mora=
lich mißhandelt zu fühlen: das muß
den wahren Menfjchenfreund mit tiefer
Betrübniß erfüllen und dem Begriff
und dem Glauben eines wirklich menfch-
lichen Fortjchritte® eine mehr als
zweifelhafte Bedeutung geben. Ich
babe immer auf eine Reformation
gehofft, die ftile und ohne Schwert:
jtreih im Darleben einer tühtigen
Gejinnung ſich fundgäbe, jo daß
*) Dergleichen kömmt thatjä hlid in
unferen Tagen in Wien nod vor.
zum Beifpiele im vorliegenden Falle,
brave Mütter, eingedenf ihrer geliebten
Kinder und ber Bitte im Vater unfer
„Führe und nicht in Berfuhung“,
jo einen Zettel ſachte von der
Kirchthür löften und daheim
in’3 Feuer würfen. Und wenn
das fo fort und fort von Taufenden
und Taufenden geihähe, müßte es
eine Rüdwirfung haben. Sole von
Maſſen geübte Reformation ohne Lärm
und aufftachelndes Gerede ließe mich
an menſchlichen Fortichritt glauben.
felben losgeriſſen. Mit Schwert und
Wort trieb er die Bilderftürmer aus
den Kirchen, die in vandaliihem Miß—
veritand darin Abhilfe von Mißbräu—
chen ſuchten, gegen welche Luther eiferte.
Luther fämpfte mannhaft gegen Leber:
griffe des Papſtes, blieb aber bei
alledem ein warmer SKatholif, warf
dem Teufel das Tintenfaß an ben
Kopf und prügelte feinen Heinen Hang,
wenn er einmal das Kreuz zu machen
vergaß. Er predigte gegen Tetzel, den
Ablaß-Verkäufer, und was hat e8 ge:
Ale einzelnen Reformatoren haben das | fruchtet? Der Ablaß wird nicht mehr
nicht ganz erreicht, was fie angejftrebt,
bis zu Chriftus dem göttlichen hinauf !
Chriftus wollte die Juden rveformiren
und ſchuf Chriften; nachdem er fein
himmliſches Wert damit begonnen,
daß er der Welt anftatt des zürnenden
Jehovas einen liebenden Gott gab,
befiegelte er dasfelbe mit feinem Blute
und fehrte in feinen Himmel zurüd,
Nun bauten nahfommende Gejchlechter
mit menschlichen Händen an bemjelben
fort und fort weiter und als fie es
beendet meinten, hieß es nicht mehr
einfah Chriftenthum, fondern allein:
jeligmadende Kirche. Der liebende
Gott gab ihnen den Muth, ih über
ihn zu erheben, denn nicht Er konnte
unbedingt in jeine Seligfeit aufnehmen,
fondern die alleinjeligmachende Kirche
mußte ihre Zuftimmung geben! Wie
iſt das jchon abweichend von jener
göttlichen Duldſamkeit, mit der Chriftus
jagt: „wer da Kraut ijjet, eſſe es in
dem Heren und wer Fleifch iffet, der
effe es auch in dem Herren, ein jeglicher
thue, was er thut in dem Herrn“.
Biel fpäter trat der katholiſche Mönch
Luther aus feiner Zelle und wollte
und
den Katholicismus reformiren
wieder ſchuf er etwas neues: das
Lutherthum. Das aber wollte er nicht,
er hatte fie lieb, der Warmherzige,
feine katholiſche Kirche, Tonnte aber
die Spaltung nicht vermeiden und
ſah gewiß mit bitterem Leid feine
Befenner eine Richtung nehmen, die
ihn immer mehr und mehr von ber:
auf den Gaſſen feilgeboten, aber an
viel geheiligterer Stelle. Doc wohin
gerathe ih? Für Wien will ih Did)
| gewinnen und erfchrede Dich mit ſolchen
Mittheilungen! Komme immerhin und
made e3 dann wie ih — und ih
made es wie Mojes, erfteige ben
Berg angehäufter Weberzeugungen und
jpreite meine Arme über alle Confeſſionen
hinüber, um unmittelbar aus Gottes
Hand meine Gejege zu empfangen.
Laſſe uns zu Erfreulicherem übergehen
und mit der Hoffnung auf jene jtille
Reformation, die aus einer tühtigen
Gefinnung meines Gejchlechtes her-
vorginge, diejes leidige Thema ſchließen.
Mufk und Theater in Wien.
Welcher Genuß wird Deinem fo
‚ausgebildeten Sinn für Muſik bier
in reihem Maße zugeführt. Wie vieleicht
in feiner zweiten Stadt der Welt, dem
‚beiten Gejhmad, den höchſten Anfor:
derungen an Ausführung großer mufi:
falijcher Werke wird hier Befriedigung
geboten.
Du lieſeſt und ſchwärmſt für
Hanslik's vortreffliche Kritiken in dieſem
Fade. Aus feinem Lob und feinem
Tadel wirft Du den hohen Standpunft
der mufifaliichen Bevölkerung Wien's
erkennen, er hätte fich nicht zu einem
ſolchen Claſſiker emporſchwingen können,
wenn er am Verſtändniß ſeiner Leſer
hätte zweifeln müſſen.
Ich ſagte einmal, wenn ein leiden—
ſchaftlicher Muſikfreund das Unglück
43
hätte, ftodtaub zu werben, fo ſoll er
nah Wien fommen, um unfern präd):
tigen Herbed nur tactiren zu ſehen;
mit dem Auge wird er ein mufifalijches
Fluidum aus Herbed’3 Fingern und
Bewegungen ftrömen fehen und Mufik
wird feiner Seele zugeführt, wenn auch
auf ungemwöhnlihem Wege. Diefes
Heben und Senken, dieſes Wiegen und
Halten, diefes Drängen zu höchſter
Begeifterung, dieſes Zurüdrufen los—
gelafjener Leidenschaften zu harmoniſcher
Mäpigung wird ihm Alles erjegen,
was er al3 verloren beflagte.e Daß
ber Tactirende eine Macht ift, wird
einem Herbed gegenüber fühlbar und
welche Grazie in die Anwendung diefer
Macht zu legen ift, war mir exit
anfhaulih, als ich während der Welt:
ausftellung einen fremden Gapellmeifter
bantiren jah. Ich litt ordentlich, wenn
der feine dicken zehn Finger der Capelle
oder dem Publikum entgegenipreizte
oder mit dem Fiebelbogen Bewegungen
machte, al3 wollte er irgend ein nur
ihm fihhtbares Phantom burchprügeln ;
Herbed, rief e3 in mir, Du hochver—
ehrter Künftler!
Auf unfere Theater freueft Du
Did, Deiner Töchter wegen, weil Du
das Theater als die legte Hand an
einer zu vollendenden Bildungsitufe
betrachtet? Du liebe Zeit! Die legte
Hand wäre es wohl nur in anderem
Sinne. Selbft in der Provinz mußt
Du Dir diefe altfränkiichen Begriffe
von Einfluß des Theaters in Wein:
geift aufbewahrt haben! Sage nichts
Aehnliches hier laut, man würde Dir
in's Geficht lachen. Nur wenige Kunft:
inftitute ausgenommen, ijt der große
Bühnenbeherricher unferer Zeit ber
Scandal. Heißt es zum Beijpiel von
einem Stüde, der Scandal erreiche
in demſelben eine beängjtigende Höhe,
jo daß Männer erröthen, jo jubeln
Dichter und Director, denn jebt it
das Glück des Stüdes gemacht, und
e3 beherricht auf Monate die Bühne!
Die Männer benfen: „nu das muß
ih mir doch anſchauen, was mid
erröthen machen jollte” ; die Frauen:
„ja was muß denn das jein? ich
bab’ doch ſchon Manches geliehen“.
Die Mädchen wollen erftend das Stüd
jehen, und fönnen fi das Erröthen
der Männer gar nicht reizend genug
vorftellen und jo ftrömen fie denn alle
hinein, um Unjummen der Kaſſa zuzus
führen, die auch nöthig find, um ben
Aufwand der oft blendenden Aus:
ftattung, ſowie die Direction jelbft zu
befriedigen. —
Ja wenn ein Raimund erftünde !
das war ein großes Talent und ein
bedeutender Charakter, dad war ber
Mann für die Wiener! Eine reizende
Melancholie breitete ſich wie ein leichtes
Gewölke über die grelliten Bilder jeiner
Schöpfung und milderte und veredelte
die Effect, und während er jeine
Komik im Vordergrunde gaufeln lieh,
ließ er ein memento mori, wie in
transparenter Schrift, gleichiam in der
Luft dem geiftigen Auge fichtbar wer:
den. D Raimund, Du wußteſt Deine
Sittenpredigten jo reizend zu gejtalten,
daß man erit in ihren Nachwirkungen
als ſolche fie erfannte. Erxöthen mad):
teft Du nicht, aber erbleihen, wenn
die „Jugend“ und der „Aſchenmann“
ihre Liedchen fangen! (Fortf. folgt.
Eitelkeit und Hebermuth der Bauern.
Eine Bolksftudie von P. R. Kofegger.
Ich denke, die Weiber laſſen wir dies: | vielmehr Vorzug und Tugend. Der
mal bei Seite. Uebermuth ift nicht gerabe | Hang zu gefallen, ſchön zu fein, ift [öblich.
ihre Sade, und Eitelkeit —? Die ift
Aber die Männer laden wir uns
bei den Frauen feine Schwäche, jondern | ein, die gepuderten, geſchniegelten, par:
44
fümirten, aufgeprogten — das gibt|und dunkler, wie ein „Bodshörndl“
einen Spaß. Hier aber weichen wir | (Johannesbrot) in der Farb’.
wieder den feinlebigen Plafterfchleifern
und Geden von Profeſſion aus, deren
Portraits die Salons der Kleiderfünjtler
und Friſeurs ſchmücken; wir fuchen
den ernften, oft jorgenbelafteten Mann
der Arbeit auf. Wir laffen uns nicht
imponirenvonder Würde jeines Standes,
auch nicht etwa von ber Weihe der
Armuth, der Uriprünglichkeit ; ung ge:
füftet heute nah den Schwächen und
Sünden des chriamen Landmannes,
Die Kindheit und Knabenſchaft
ſchenken wir ihm, ſchenken fie ihm
mitfammt der eitlen Freude über das
erite Höslein, das ad) jo bald bös durch—
feuchtet und Durchlöchert ift ; — ſchenken
fie ihm mitjammt dem erſten Rauch—
verjuh in der Wagenichupfe, der
ebenfalls übel ausgeht. Meinetwegen
in jeinem fechzehnten Jahre paden
wir ihn an, wo er in's Fenſter lugt,
wie’3 mit dem Schnurbart ausschaut.
In die Nafe jchnupft er hinauf, was
hinaufgehört, und nun fieht er’s:
mutternadt ift die Oberlippe. Er ſchleicht
zum Herd. — „Was willſt denn mit
der Kohle?" fragt ihn die Mutter. !
„Die heiligen drei Könige male ich |
auf die Kammerthür, weil's geiftern
thut,” jagt der Junge. In der Kammer
dreht er den Reiber vor die Thür und
mit Beihilfe des Fenſterglaſes fireicht
er ji) den Schnurbart an. Zu ſcharf
— verfteht fih — darf der Flaum
für's erftemal nicht fein, er muß erit
allmälig wachjen. Aber heut will der
Burſch noch in die Nachbarſchaft gehen,
es mögen dort die Kameraden und bie
Dirndln jehen, daß „er jchon ber:
fürftiht”. Ein nächſter Waflertropfen
ſchwemmt die ganze Anlage wieder
weg. Da räth ihm ein Kamerad:
„Balbiren, balbiren muß man fich,
wenn man will einen Bart haben!“
Wohl fragt der Junge insgeheim mit
dem Schermefler. Gar vergebens. Mans
des Paar Schuh’ muß er noch zertreten,
bis allmälig die Härchen fommen —
etwas falb zuerft, bald aber brauner
Nun geht er in den Wald hinaus
und wichſt mit Harz und dreht über
den Mundmwinfeln zwei Hörnchen,
Das, Gott fei Dauf, wär’ jebt
in der Ordnung. Nun gehört ein roth-
jeidenes Halstuch dazu, und eine filber:
beſchlagene Pfeife, und ein Federbufch,
und ein Gamsbart. Die Haar werben
ein wenig mit Schweinfett eingelaffen
— jonit hat er fie nur mit Waſſer
befeuchtet; fie werden mit einem Kamm
hübſch an der linken Seite gejcheitelt
und glatt geftrihen — ſonſt hat er
fie nur mit den fünf Fingern ausge
kämmt. Wie fteht’3 denn mit der Sad:
uhr? Sit eine da, die jchlägt und
repetirt, wenn man beim Knopf drüdt,
die ein Doppelgehäus’ und vier Stein’
(Nubinen) hat? Und an der gewichtigen
Silberkette, ift ein Hirfchbeindl d'ran,
oder ein Frauenbildelthaler oder jonft
ein Anhängſel, das über dem rothen
Bruftfled oder grünen Leibel bis gegen
den Magen binabbaumelt! Und im
Sad der Gamsledernen, Hoff’ ich, iſt
ein Hirichichalenmeifer, eine ähnliche
Gabel, ein Bfeifenftocher mit der Gams—
klaue, ein Schlagring und ein „hunds—
häutener“ Geldbeutel.
Voreh’ ift im Geldbeutel auch
etwelches Silbergeld gewejen, und mur
mit Sibergeld ift im Wirthshaus und
am Spielleuttiih ausgezahlt worden.
Heute iſt höchſtens noch ein Papier:
felein in der Brieftafche, welches auf
Treu’ und Glauben verfichert, das
Silber ruhe in den Kellern der National:
bank zu Wien.
Die bäuerlihe Brieftafche ficht das
nit an, fie ift deswegen doch breit
und baufhig; und der Beliter zieht
fie gern’ hervor und weiß fie in der
Hand anmuthig zu wenden. Freilich
ift e8 nicht immer rathſam, ihr Inneres
genau zu erforjchen; ich hab’s, als ich
jo eine gewichtige Brieftafche vor Wochen
auf der Straße liegen fand, einmal
gethan, ich thu's nimmer. In derjelbigen
Geldbörfe habe ich für's erſte einen
45
Berfagichein über eine Saduhr ge:
funden, dann ein Amulet mit fieben
fräftigen „Gebettern zu Schuß gegen
ladung zu einer Tagſatzung beim Ge-
riht, weiterd ein Rezept mit dem
Stempel der Bärenapothefe und endlich |
ein vielfach zufammengefnittertes Schrei-
ben mit den Morten: „Du dreiloſer
Man, warn du mi jez im ftich laft, jo
gehe ich dich Klagen, und das mil ich
ſegn das ich nur eh gub geweſt bin
und jet nichts von mir willen wilft.
Johanna Braungartnerin.” — Das
ift der Inhalt einer Geldtafche geweſen,
deren Aeußeres manchen Strolch ver:
leitet haben Fönnte, den Inhaber im
Walde zu überfallen.
Erft halbvergangen ift die Zeit,
in welder der Großbauer und ber
Holzmeifterfneht mit Banfnoten ihre
Pfeife anzündeten; heute, jobald fich
die Weisjagung unferes Finanzminifters
erfüllt, thun fie e8 wieder.
Der alte Sterladher im Feiftrigthal
bat eine Joppe gehabt, deren Knöpfe
aus „Frauenthalern“ beitanden haben.
Die Hoppe ift zerriffen, die Knöpfe
find vertrunfen.
Wie der Oberberger im Raben:
wald jeine Hochzeit gefeiert Hat, ift
vor feinem Haufe den ganzen Tag ein
Brünnlein in den MWafjertrog geronnen,
bei welchem fich die Leute in meilen-
weiter Runde ihre Räufche geholt haben.
Heute muß das alte Weibel, das
dazumal die Braut gewejen, bei dem:
felben Brunnen viel feuchen und pum:
pen, bis e8 einen Trunk Waſſer her:
vorlockt.
Im Oberlande iſt ſeiner Tage ein
ordentlicher Bauer nur mit Roß und
Wagen in die Kirche gefommen. Das
war ein gnädiges Niden oder Ganz:
überjehen, wenn im Kirchdorf bie
Mirthe höflich grüßten. Der Wagen
ging nicht felten auf Federn, Die
Pferdegejchirre waren mit Silber be-
ihlagen; den Pferden wurde Arjenif
gefüttert, damit fie recht flinf und
feuerig waren. In der Kirche hatte
der Bauer feinen gefperrten Sig mit
dem Meflingblätthen, auf dem der
Name ftand. In der Safriftei ftrich
Feuer und Waſſer“, dann eine Vor: |
er etlihe Banknoten aus, damit ber
Pfarrer auf der Kanzel verfünbete,
ver N. N. laſſe ein mufifalifches Amt
lefen und ftifte ferner ein ewiges Licht
am Seitenaltar.. Im Wirthshaus fam
auf den Tiſch was gut und theuer;
und jaß ein Beamter dort oder gar
einmal ein Stabtherr, fo wurde Hin:
gend gezeigt, wer fich höher geben
kann, der Großbauer oder der Stadtherr.
Heute ift der Wald gar und das
Geld auch. Der junge, kräftige Mann
ift gefahren, der alte gebeugte humpelt
zu Fuß.
Heute ift der Bauer noch ftolz
auf feine Ninder, auf fein gutes
Heu, auf feine Bekanntſchaft mit dem
Herrn Pfarrer, auf die Rath: oder
Richterſchaft, die er im Orte zufällig
begleitet, auf feinen Kirchenftuhl und
auf die gute alte Zeit, in der er über:
müthig war.
Die körperliche Kraft des Bauers
ift heute im Allgemeinen nicht mehr
die, welche fie noch vor fünfzig Jahren
geweſen. Ich habe ihn als Kind noch
gefehen, den alten Stiegerbauern, von
dem man erzählt, wie er mit Roß
und Magen einmal den Berg hinan—
gefahren war. Der Mann jaß behaglich
im Wagen, das Pferd aber war alters:
ſchwach und vermochte das Gefährte
nicht weiterzubringen. Da ftieg der
Bauer aus, neitelte das Pferd ab,
legte e8 in den Wagen fpannte fich
jelbft an die Deichjel und 309 Roß
und Magen ben Berg hinan. Derjelbe
Stiegerbauer war es auch gemejen,
der einft über Nacht feinen fchlafenden
Nachbar mitſammt dem Bett in den
Wald hinausgetragen hatte.
Jetzt ift fein folcher mehr darunter.
Die Burfchen treiben bisweilen wohl noch
Schabernaf mit ihrer Kraft und mit
ihrem Wiß, der heute auch nicht mehr fo
urwüchfig ift, wie voreh, da die Menjchen
weniger dachten nnd mehr dichteten.
Bei den Refrutirungen hat man noch
46
Gelegenheit, den Uebermuth der Bauern | man fie genau begudt, iſts der alte
zu beobachten, doch ift derfelbe hiebei
mehr Galgenhumor, als luftige Tollbeit.
Dei Kirhweihen wird nur jelten mehr
eine Schlägerei veranftaltet, zu bem
Zwede, um feine Kraft zu zeigen.
Stets ftolz ift der echte Bauer auf
feine Bauernfhaft.e Die „Herren“
jcheinen ihm ftet8 vom Uebel, gibt
aber tolerant zu, „daß fie halt auch
fein müſſen“. Der Bauer ift wiß—
begierig und würde ſich gerne zum
Lefen von Büchern und Zeitungen
berbeilafjen, aber er ift zu ſtolz dazu;
„die Bücherguckerei ſchickt ſich nicht
für einen braven, handfeſten Bauer;
das iſt nur etwas für fo Leut', die
nichts zu thun haben.“ Webrigens it
er überzeugt, daß er aus feiner Sad’
die „Herren“ füttert und ſagt's nicht
ungern, daß der Bauer wohl ben
Herren g’rathen (entbehren) könne, der
Herr aber ohne die Bauern verderben
müſſe.
Bemerkenswerth iſt, daß, jemehr
durch die Miſeren der Wirthſchaft der
Bauern Uebermuth herabgeſtimmt wird
und allmälig” verſchwindet, die Eitel—
feit derjelben überhand nimmt. Wer
auch mag's leugnen, daß unjere Zeit das
Volk verweidhliht! der ungebildete
Mann verliert in dem Nivellirungsbeitre-
ben des Beitgeiftes feine fernige Rauhheit
und wird weibiſch gemacht. Es ift nichts
Seltenes, daß der Bauernburiche Stie:
felwichje, Bartfalbe, Haarpomade, Köl—
nerwafjer vom Kaufmann holt, während
fein Großvater nicht einmal die Seife
gekannt hat. Unſere Bauern heben jelbft
an, fih die Zähne zu pflegen, die
Fingernägel zu regeln. Sie haben ſich
der Landesart entichlagen und tragen
glatte Tuchkleider und befleißen fich eines
feinen Benehmens. Und trogdem, wenn
Adam; nur daß ihr Blut etwas träger
und dünner ift, als das der Vorfahren
geweſen.
Wenn der Apfel einmal etliche
Klaftern vom Stamm fällt, und der
Bauernſohn etwa ein Fuhrmann wird,
oder im nächſten Eiſenwerk ein Schmied,
ein Schloſſer, dann iſt der Vornehmheit
kein Ende. Man muß ſo Leute des
Sonntags ſehen! Wortkarg ſpazieren,
ſtehen, lehnen ſie herum, geſpreizt und
ferzengerad’ — als hätten fie, wie
das Volkswort jagt, „einen Tremmel
geihludt” — und beftändig laſſen fie
ihr Auge über ihren jchönen Wuchs,
über ihre Beine jchweifen, von deren
Strammheit fie entzüdt find. Ihr
ganzes Vermögen haben fie am Leibe
hängen; hinten am Rockſchößel heben
ihon die Schulden an.
Wenn man über berlei in's Er—
wägen fommt, jo möchte man fragen:
Welch’ bejonderen Grund hat der Mann
zur Pub: und Prunfjucht? das Weib
will und "muß gefallen, des Weibes
Sinn fteht von Natur aus nad Ans
muth, Tändelei und Glanz. Hier ift
die Eitelkeit verzeihlih. Der Mann
will auch dem Weibe gefallen. Ein:
veritanden! Aber wenn er glaubt, daß
er durch die Kunſt des Schneiders und
durch Mohlgerühe ein Herz erobert,
jo denft er weibiſch und mirft jenes
Netz aus, mit dem die Weiber zu-
weilen und Männer zu fangen fuchen.
Genug!
Das gilt von Allen. Uns fpeciell
über die bäuerlihe Eitelkeit Iuftig zu
machen, haben wir nicht einmal das
Recht, jo lange wir noch felbft —
nicht zugeben wollen, daß gerade das,
worauf wir und am meiften einbilden
— unſere Schwächen find !
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's Pindtl in Wold.
Gedicht in fteierifcher Mundart von P. R. Rofegger.
Doſcht obn in grean Wold
Steht a gmau’rte Kapelln,
Und a Fraunbildl hängt
Ban an Liadtl, an helln.
Des Liachtl, des brinnt
Wul Log und Nodıt,
I.
Wann d’ Sunn jcheint, wonns jchneibt,
Ba Maria af da Wocht.
Da Sanjl in Thol,
Noh a bluatjunga Bua,
Sift grod mit jo heili,
Kaft 's Del dazua.
— Hiazt, gwen is 's a fo:
In Mai vorig’s Iohr,
Mia da Rifl, da ſchworz,
Hot groft in da Pfor,
Do leid a jungs PDirmdl
— Noh geftern blüahroth —
In da Hond die gweiht Kirzn,
Und ringt mitn Tod,
Und mwias is dabei gwen,
Balofhn "6 jung Lebn,
Und grod noh die Kirzn
Hot brunna danebn:
Kimmt da Hanſl von Thol,
Schauts Dirndl groß on:
„Don Da 's ollaweil wölln fogn,
Wia gern ib Dih bon.
Ma fult nix vaſchiabn,
Af oanmol is 's z' fpot,
An Menſchn full ma liabn,
So long ma 'n noh hot.
MWos is ma biazt bliebn
Da Dein Lebn, va Dein Bluat,
As wir oanzi des Sterbliadht
Mit da zitterndn Gluat ... .
— — Wia Dein Othn, Dei lepta
Gegns Flammerl is zogn,
Is leicht ab Dei Seel
In des Liacht einigflogn!
So will ib ma denfn,
Mill 's Liachtl bewohrn,
Wia mein Augnliacht befhügn,
Sultn nix ibafohrn.
Daß ib van Sod noh bon,
Des ih liabn konn va Dir,
Suls brinna do drinna
Ba da Jungfrau Maria.
Und is die Zeit aus,
Daß ih felba fimm dron,
So zündn ſ' mei Sterbliadt
Ba dem Flammerl on... .“
"Und fid der Zeit brinnt
Wul Tog und Noct
In da Jungfraufapelln
Des Liacht af da Wocht. —
Schöne Dirndler in Thol
Loſſn Kortn auffhlogn —
Zwegn an Danjl gebts ber... .
Kunnt ents wul fogn,
Daß Koani, nit Dani
In Hanſl dawifcht,
So long in grean Wold obn
Nit 's Liachtl ausliſcht.
Doſcht: dort; Rifl: Blatternſeuche; Leid: liegt; Othn: Athem.
48
Das Märden von der Perdt.
(Aus dem Ennsthale.)
Der holde Name Bertha — ben
wir jo gerne hören und hoch verehren,
weil er zu allermeift ein liebenswiür:
dig’ blondes Kind mit Teuchtenden
Augen bezeichnet — jtammt von einem
gar jeltfjamen Wejen, das die alten
Deutſchen jehr liebten, deren befan-
genere Nachkommen aber fürchteten.
Dieſes Weſen hieß im Althochdeutfchen
Perachta, foviel als die Leuchtende,
die Glänzende. Es war eine hehre,
liebevolle Frauengeftalt, welche fich
unglüflih Tiebender Jünglinge und
verlafjener Ehemänner erbarmte. Sie
war dieſer ihrer Huld wegen auch
Hulda genannt.
Als neue Religionen auffamen,
wurde den alten Göttern und idealen
Geftalten des Volkes natürlich Die)
Thür gewiefen. Mande von folchen
machten fich bald und gerne aus dem
Staube, weil fie in die Zeit nicht
mehr paßten und lächerlihe Unmefen
geworden find. Jene aber, die fi
nicht vertreiben ließen, weil fie eben
zu jehr mit dem Bolfe und feinen
Eitten noch verwachſen waren, wurden
von den neuen Neligionsvertretern
verſtümmelt und verzerrt. Die Perachta
ſchwebte feither als weiße Frau in
alten Schlöffern als Todesbotin um.
So ift fie auch als Hulda ſchlecht
weggekommen. Man hat aus dieſer
intereſſanten Frau ein wahres Scheuſal
gemacht. Die ſpäteren Deutſchen wußten
von Perchta nur, daß ſie übelgeſtaltete
Füße und eine fabelhaft lange, bis:
weilen fogar eiferne Naje habe. Auch
ift fie der Geift oder das Geſpenſt
der Spinnerinnen. Kommen ihre Tage
— dieſelben find die jechs legten oder
ſechs erften des Jahres — und fie
findet irgendwo was Unabgefponnenes,
jo fährt fie mit Klauen drein und
verdirbt Alles. An ihrem Fefte dürfen
nur eitel Mehlipeifen und Fifche ge
nofjen werden. Dem Frevler, ber ſich
andere Speiſen gönnt, jchligt fie den
Leib auf, füllt ihn mit Sägeſpänen
und Häderling und näht ihn mit
einer Pflugſchar ftatt der Nadel und
einer Gijenfette ſtatt des Zwirns
wieder zuſammen. In anderen Gegen—
den hält man die alte Hulda für
nicht gar ſo ungeberdig. Man ſagt,
ſie ſei die ſüße Königin der Heimchen,
die uns in Sommernächten ſo minnig—
lich anſingen.
In Salzburg und Tirol iſt heute
noch als heidniſcher Reſt des Perchta—
cultus das Perchtenſpringen und Perch—
tenlaufen gebräuchlich. In der Schweiz
und im Elſaß wird der zweite Tag
des Jahres als ein Kinderfeſt mit
uralten Schwänken und Sitten began—
gen. Dieſer Tag heißt in den genann—
ten Ländern der Becheltag oder Bercht—
listag und verdankt feinen Urjprung
wahrſcheinlich der holden Perchta des
Alterthums.
In unſeren Alpen lebt eine Mär'
von der Percht. Ich habe dieſelbe
am Fuße des Dachſtein, in der Ramſau
gehört. Sie iſt mit der altdeutſchen
Göttin wohl in Verbindung zu bringen.
Sie iſt urſprünglich und eigenartig
und zeugt von der Gewandtheit und
Schalkhaftigkeit des Bergvolkes in der
Darftellung eines bejonderen Stoffes.
Das Märchen lautet:
Es war einmal ein frommer, ebel-
gefinnter Jüngling, der hatte ein
Mägpdlein. Das Mägdlein war ebenfo
fromm und ebelgefinnt wie ber Jüng—
ling. So oft der Mond voll war, kam
der Jüngling, das Mägdlein zu befuchen
und fie thät ihn in ihrem Kämmerlein
holdſam begrüßen; denn fo weiſt e8
ſchon die Heilige Mär’, für fich alleine
ift der Menſch nicht erſchaffen.
Da geihah es eines Abends,
daß der Jüngling wieder dem Boll:
49
mond folgte, wieber das Kämmerlein ich Dich in diefer meiner Nacht auf
bejuchte und fein Mädchen meinend
fand.
Er nahm fie bei der Hand und
fragte traurig: „Was weineft Du,
meine Geliebte? wie jol ih Dir
helfen 2“
„Mein Geliebter”, antwortete fie,
„heute kannſt Du mir nicht helfen.
Geh’ von hinnen und ſchicke mir
ein Weib.“
Der Jüngling wußte nicht, was
da3 bedeutete und er ging von hinnen.
AS er aber eine Strede auf der
Straße fortgegangen war und ihm
anhub zu grauen — denn es war
die heilige Dreifönigsnaht — da
begegnete ihm eine Frau, die gar
Ihön und freundlih war, nur hatte
fie eine jehr lange Naſe, auf der ein
Heimen ſaß und zirpte. Diefe Frau
war die Percht. Sie zog ein kleines Wäg-
lein mit fih, auf dem allerlei feine
Sachen lagen. Als fie den Jüngling
ſah, fragte fie: „Wohin gehſt Du in
diefer Vollmondnacht?”
„Ich gehe, ein Weib zu holen,
das meinem holden Liebchen helfen
ſoll“, antwortete der Jüngling.
„So!“ ſprach die Percht, „dann
thue ich Dir nichts zu Leide; hätte
Kofeggers „‚Geimgarten‘‘ 1. Heft
frevelhaftem Wege ertappt, ich wollte
Dich zu Aſche zerrieben haben. —
Nun aber möchte ich mir von Dir
gerne einen Gefallen erweiſen laffen.
Willſt Du mir heute nicht einen Nagel
zu meinem Wäglein ſchneiden?“
„Gerne“, antwortete er, „will ich
Dir heute einen Nagel zu Deinem
Wäglein ſchneiden.“
„Aber“, ſprach die Percht, „Du
mußt ein großes Stück Holz dazu
nehmen, damit Du beim Machen recht
viel Späne bekommſt, die Du alle
ſchön fleißig einſtecken mußt, und daß
Du davon keine verlierſt; denn, wenn
Du einen verlöreſt, das würde Dich
hart reuen.“
Der Jüngling that Alles und
folgte ihr genau.
Und als er dann mit einem wohl:
thätigen Weibe zurüd zu feinem
Liebchen fam, war dieſes frifch und
gejund und ein großer Vogel hatte
duch den Schornftein herab ein Knäb—
lein gebracht.
Und als der Jüngling dann
jeine Kleider wendete, fand er die
Taſchen, die er mit Schaiten gefüllt
hatte, voll von funfelnden Thalern
und Dukaten.
50
Eine Samſlagnacht auf der Rax.
Wanderplauderei von P. K. Kofegger.
„Märzzufchlag !” riefder Schaffner, | Hinan; er heißt der Schlangenweg,
der ſeit vierundzwanzig Jahren die
Mürz entlangfährt und noch immer
nicht weiß, wie Mürzzufchlag geſchrie—
ben wird.
Mir fprangen aus, um ber Welt:
hetze fliehend dem fteiriichen Arkadien
zuzueilen. Die Felswälle der Schnee:
alpe und ber Rar ftarren und wüſt und
finfter entgegen und in ihren vollenden
Schuttlawinen und in ihren ſturmum—
toften Riffen grollen fie: Wir find un:
bejteigbar, wir werfen den Wanderer
zurüd, wir jchleudern jelbit die Gemjen
in den Abgrund! — Nur nicht bange
machen laſſen; fie wollen ihre Schäße
verbergen, die ihnen die Götter zur
Aufbewahrung anvertraut haben. Mir
nad; dort im grauenhaften Gemwände
der Rax, das wie ein gewaltiges Halb:
rad hoch über alle Nachbarsberge ragt,
gerade in den wüſteſten Schründen
und zwiſchen den drohendſten Riffen
weiß ich einen Pfad; nehmt Weib und
Kind mit, wenn ihr wollt!
Des Weges nicht, aber des Zieles
wegen ließe ich Weib und Kind eigent-
lich doch lieber herunten in der Sitt-
famfeit des Hauſes. Die höchfte Spike
ift auf der Nar nicht das Ziel; wir
wollen aber doch vor Allem derjelben
zuftreben.
Bon Kapellen in Steiermark bis
in die Prein in Defterreich führt eine
gute Straße. Diefelbe geht über
einen bewaldeten Bergjattel — das
G'ſcheid. Von diefem Sattel leitet,
wenn man von Kapellen kommt, links
ein Weg gegen die hochragenden Wände
der Rar empor. Die noh mit Tannen
und Lärchen bewaldete und mit üppigem
Graſe bewachſene Thalmulde, in welcher
der Weg hinangeht, heißt die Sieben:
brunnerwiefe. Dann fommt der fteile
Hang mit feinem Geftein und Alpen:
ftranchwerf, der Weg führt im Zidzad
ift neu im Gezirm ausgehauen und
in Felſen geiprengt. Erzherzog Ludwig,
heit es, hätte ihm herſtellen laſſen
bis hinauf zum Plateau, wo unter
dem Protectorate des Erzherzogs der
öfterreichifhe Touriftenclub das ſtatt—
liche Hoipiz bauen läßt, das aud)
im Winter gaftlihe Unterkunft bieten
joll.
Unfer fo jeher im Auffchwung
begriffenes® Touriſtenweſen wird fich
ja bald aud auf den Winter aus:
dehnen; und warum nicht? Die Berge
find vermittelft richtigem Zugehör bei
Schnee und Eis eben fo gut zu befteigen
als im Sommer. Die Kälte ift auf der
Höhe oft eine geringere, als in den
ichattene, nebel- und waſſerreichen
Thälern. Der Gefichtöfreis ift zur
Winterszeit oft über alle Beſchreibung
rein und der Anblid der befchneiten
Gebirgsrunde daher ein überaus groß-
artiger. Zwar vermiffen wir die Flora
und das Hirtenleben; dem Geologen
find die Erd: und Gefteinarten verhüllt
— aber wer all’ das im Sommer hat,
der mag fih im Schnee erfreuen an
der tiefen Himmelsbläue, in welcher er
wohl ein Sternlein jchauen mag am
hellen Tage, an der unendlichen Rube,
dem faft überirdifchen Frieden, der ihn
umgibt ; — und das zudende Menjchen-
berzlein ſchämt ſich jeiner Eleinlichen
Begierben.
Sm Sommer, inmitten bed warm:
pulfirenden Lebens, ift das ganz
anders. ...
Ueber und Hinter den Felſen der
Rax, wo man etwa nur wildes Gejtein,
wenn nicht gar ewige Eis- und Schnee:
fare vermuthet, Liegt ein prächtiges
Hochplateau mit Berg: und Thal voll
duftender Kräuter, prangender Blumen
und Roſen und mit Sennhüttendörfern
voll üppiger Lebensfreude. Das eben
“
51
ift es, was biefen Berg fo intereffant
macht.
Wir beſteigen einſtweilen den höchſten
Punkt, die Heukuppe (63409). Von da
muß man ſcheinbar auf alle Bergſpitzen
hinabſchauen — auf den Schneeberg
und auf die Veitſch, auf den Wechſel
und auf den Deticher. Wir ſtehen
höher al3 die gluthrothe Sonnenjcheibe,
die hinter dem jcharfen Rücken des
Dürenftein niedertaucht. Ich jah die
Scheibe in der dichten Luftſchichte, in die
fie verfanf, wie plattgedrücdt. Und im
ganzen Gebirgsfranze ringsum war
feine Spitze, die ein Alpenglühen bot,
nur unjere Geſichter waren geröthet
— ob von der Sonne, ob vor Entzücden
— will ich nicht entjcheiden. Im Thale
der Mürz lag jchwere Dämmerung.
Dort läuten jest alle Gloden, daß die
Menſchen auf’3 Beten nicht vergeffen.
Hier oben bedarf der Erinnerung
nicht. — Ueber den Ebenen Ungarns
zieht die Nacht herauf, ihr voraus
geht ein violeter Schein, wie Nordlicht
leuchtend.
Endlich ſproſſen die Sternlein —
zuerft einzeln und Mein, allmälig
häufiger und jchärfer und endlich prangt
die funfelnde Herrlichkeit — und du,
ſchwaches Menfchenfind, mit deinem
winzigen Auge, das oft jo furzfichtig
it, daß e3 den Stein vor den Füßen
nicht fieht, überblideit Millionen von
Welten in ungeheuren Fernen !
Es ging in diefer Nacht aber recht
unftät zu am Sternenhimmel. Einer
um den andern lief davon. Es war
am 12. Auguft und Sanct Lorenzi
weinte noch feine Thränen. — Wie,
mwenn jett eine der zahllojen Stern:
ſchnuppen, von denen doch Viele
behaupten, daß fie fefte Körper wären,
berabftürzte auf die Rar und ein Loch
ſchlüge hinein in das Innere der Erde
und und neugierige ZTouriftlein alfo
bier ftimmt der Menfchengedanfe mit
der Erjcheinung, und dort ſtimmt
er nicht, und da überfommt Einen
ein glühender Forſchungs- und Willens:
drang, daß man meint, man müſſe
emporflettern von einem Geſtirn zum
andern bis zum Lichtquel — an
dem freilich jchließlih der Menjchen:
geift vergehen müßte, wie der Schmet-
terling in der Flamme.
Dder — wen in jolchen Meihe-
ftunden die Unendlichkeit der Außen
welt erſchrickt, der fehrt in fein eigen
Selbit ein und jteht wieder vor Uner:
gründlichem. Als ich, von meinen Ge—
noſſen zurücdgeblieben, einfam jaß auf
dem hohen Berge und um mich die
tiefe, jtille Naht war, da fragte in
mir eine Stimme: Fühlſt du dich
ganz allein und allen Menfchen fern?
— Ich antwortete: Ganz allein. —
Darauf die Stimme: Trägjt du ein
Geheimnig in dir, das du noch
Niemandem mitgetheilt haft, nicht der
Mutter, nicht dem Freunde, nicht dem
Liebchen? — Ya, jagte ich nachdenkend,
ih trage drei Geheimniffe in mir, bie
ih al’ mein Leben lang keinem
Menſchen mittheilen werde. — Die
Stimme: Sind fie deiner Seele eine
Laſt? — Da verjeßte ih: Meine Seele
ächzt unter folder Wucht. — Die
Stimme: So ſprich fie aus, Deine
Geheimniffe, in diefer menjchenlofen
Dede, dann wird dir leicht.
Nimmermehr, fagte ih, wenn fie Nie
mand jonft hört, jo hörſt fie du. —
Da rief die Stimme in mir: Thor,
ich bin ja du jelber, du haft gefragt,
ich habe geantwortet, doch nie werde
ih die Geheimniffe nennen; vielleicht
gibt es in des eigenen Herzens Grund
einen Winkel, wohin ihr Schatten noch
nicht gebrungen ift — er bleibe licht. —
So wagt der Menſch ſich jelber nicht
zu denken, weil er fürchtet, er könnte
in den Hades verjegte? — In ſolchen | die Schreden des eigenen Wejens nicht
ftilen Stunden brängt fi Alles auf, | ertragen. — — In diefem Augenblide
was man weiß, daß die Menjchen | ‚flog wieder ein Sternfunfe hin in der
je über das Melträthjel und das
ı Himmelsrunde und er wuchs und
Weltiyftem gedacht haben — und fiehe, | glühte und fprühte und er ſchwoll zu
— — —————— — —
4*
52
einer lodernden Kugel an und —
zerſtob.
Ein Meteor. — Und das war's.
Ein Narr, der träumt und grübelt
und nach Höherem ringt, wenn die
leuchtendſten Geſtalten wie Seifenblaſen
vergehen. Eilend ſteige hinab zu den
irdiſchen Früchten und genieße, was
noch da iſt. —
Das Schutzhaus öſtlich von der
Heukuppe iſt ſtets offen — aber vier
leere Bänke und ein leerer Tiſch:
das wäre ſelbſt für einen Büßenden
zu wenig, denn wo nichts iſt, wie
kann er ſich da einen Abbruch thun?
Da läßt ſichs unten in den Schwaig—
hütten des Grasboden und der Lichten—
ſternmatten ſchon beſſer — Buße thun.
Es war heilige Samſtagnacht und
man ſollte meinen, es wären alle
Thüren ſchon verſchloſſen geweſen im
Hochthale. Sie waren aber nie weiter
offen als zu ſolcher Stunde. Mir
waren jchon früher die zahlreichen
Höhenfeuer und das viele Yauchzen
aufgefallen. Nun jah ich die Hütten
bejegt und belagert. Lauter junge,
fernfriihe Burſchen aus Neuberg
und Kapellen und Prein waren da,
die fangen und jcherzten, und auch
andere, bie ftill und finjter wie das
böje Gewiſſen um die Fleinen Behau-
jungen jchlihen. Die Hütten find
ichlecht, der Wind bläft durch die Wand:
fugen das Herbfeuer hin und her, das
mitten im Haufe auf einem Steinhaufen
brennt. Tiſch ift gar Feiner da; mer
eſſen will, der jeße fich auf die Wand—
bant, ftelle die Schüffel oder die Pfanne
auf feine zwei Kniejcheiben und effe.
Mer trinken will, der gehe zum Trog,
in welhem die Schneeftüde jchmelzen,
die fie vom Kar niedergefchleppt haben.
Eine andere Wafferquelle ift auf der
Rax nicht zu finden. Wer fchlafen
will, der muß die Schwaigerin bitten,
daß fie ihr Bett herleiht, welches in
einem Winfel der Hütte Fauert; die
Brettern des Daches auf einem Haufen
isländiſchen Moojes, das fie eigentlich
für die Schweine gefammelt bat.
Heute denkt fein Menſch an’s
Schlafen. Dort fteht das Wirthshaus.
Es ift nicht beſſer und nicht jchlechter
als die anderen Hütten, aber es beut
Mein, Schnaps, Gejelchtes, Thee und
Kaffee. Die Wirthin ift emfig und
froh, der Wirth ift eine fnorrige,
bedächtige Andreas-Hofer-Geſtalt und
drückt ein Auge zu, oder zwei, merkt
er, daß die Verantwortung zu groß
würde, wenn er ſähe. Und wahrlich,
es iſt ein Volk von Sündern beiſam—
men. Die Jüngſten karteln und kegeln
um's Geld oder balgen ſich umſonſt.
Die ein wenig Aelteren trinken und
johlen Geſänge, ſo farbenüppig ſchier,
wie das Muſter glühender Liebespoeſie
— Salomons hohes Lied. Und jene,
die gar nicht da ſind, ſondern hinten
und draußen im Verborgenen munkeln,
das ſind die Schlimmſten von Allen.
Wiener ſind heraufgeſtiegen mit
nackten Knien, beſchlagenen Schuhen,
Eiſen und Alpenſtöcken. Gerade durch
ihre Rüſtung zeigen ſie, daß ſie Städter
ſind, der Aelpler hängt ſich nicht all' das
ſchwerfällige Zeug an, will er auf die Rax
gehen. Nun haben ſich die Reſidenzler
behaglich und gemüthlich gemacht um
den Herd und verzehren ihr ſtädtiſches
Nachtmahl und thun ländlich mit im
Scherzen, Trinken und Singen. Ganz
tolle Kerle! was ihnen an Schabernack
einfällt, das üben ſie aus; ſie ſind
auf die Berge gegangen, um „frei“
zu fein und fie find fehr frei und fie
wären noch viel freier, wiejen ihnen
die Bauernburſchen ein nit gar jo
troßiges Dafein.
Eine Zither hört man furren; eine
Mundharmonifa ſchrillt Draußen herum.
Dort am Lirmftrauh und dort am
Steinflog ftehen fingende Gruppen,
und die Schwaigerinnen willen gleich
ben Burjchen fede Lieder. Mancher
aus dem Thale jcheint erfolglos da
Schwaigerin geht dann zu einer Nach: |zu fein, man merkt ben Aerger aus
barin oder ruht oben zwiſchen ben |jeinem Sang heraus:
53
„Auf d' Alm bin ih ganga,
Auf der Alm hat's mih g’freut,
Auf d' Alm geh ih neama,
Da Weg is ma z'weit.
Da Weg id ma z’weit
Und die Schwoagarin z'ftulz,
Und a Bua, der jo hoch fteigt,
Is ah nit von Hulz.*
Eine der Leblujtigiten liſpelt durch
das FFenfterchen hinaus dem Ihren zu:
„Mei Büabl is fema,
Hat in Schnurbart aufdraht,
Und ih fonn ma’s ſcha dena,
Wos in Büabl taugn that.“
A Milh und an Butta —“
Sie berichtigend fällt das „Büabl“
ein:
„Mir taugad, mein Schagerl,
A brennhoaßas Schmagerl,
Daß ma der Athn ſteh'n bleibt,
Daß ma 'n Shwik (Schweiß) außatreibt.“
Auf dem Dachfirſt einer anderen
Hütte fit Einer und läßt die Beine
auf beiden Seiten hinabhängen. Der
trillert :
„Selm aufn Schneggenfteig
Schnabeln zwoa fchneeweiße Taub'n,
Und heunt möcht ih gor fo gern, gor jo gern
Hulzäpfel klaubn.“
Darauf eine
von Kubjtall her:
„D' Hulzäpfel, d' Hulzäpfel
Warn ma viel 3’ fauri,
Wannſt ſcha nir Süaffers findft
Bua, fo is 's trauri.*
Inzwiſchen das Scellen der Kuh:
gloden, das Nöhren der Rinder und
Schafe, das Grunzen der Schweine,
das Gadern der Hühner, Und auf
allen Hügeln und Hängen jauchzen die
ungen, die Halter und Hüttenbuben
— denen ihr frifches, freudiges Leben
ftetig klingt. Jeder Athemzug wird
zum Jubelſchall. Und am Himmel
zufen die Sternfchnuppen bin; in
dämoniſcher Leidenjchaftlichfeit fiebert
die Welt.
So war es Mitternacht geworben.
Meine Genofien Hatten fich zer:
jtreut in verfchiedene Hütten, in der
weiblihe Stimme
Ich bin zu den Lichtenfternhütten hinauf:
gerathen, waren aber jchon belagert
und feſt verjchloffen bi8 auf eine —
und bieje eine war mir ja genug.
In der ſchreckte ich eine Almerin auf
— eine junge, rothwangige, rund:
gliederige Almerin, die zur tiefften
Erſchütterung meines Herzens in der
Verwirrung früher das Spanlicht als
das Nödlein anthat. — Sie wollt’
mich gern behalten. Zu meinem Leib:
wejen mijchte fie das Stroh des Bettes
auf und zerjtörte jo die anmuthige
Thalung, die fie gedrüdt und in ber
ih jo füß zu ſchlummern gehofft
hätte. Dann kleidete fie ſich volljtändig
an und verließ die Hütte,
Ich löſchte das Licht aus, legte
mich zur Ruh' und erforichte — wie
es mir vor Zeiten mein Katechet jchon
vorgefchrieben hatte — mein Gewiffen.
Muß an demjelben Tage ein ganz
braver Kerl gewejen jein — denn
gerubfam ſank ih bald in den
Schlummer.
Nur auf furze Zeit. Das Miauen
einer Hape weckte mich, welche vor
dem Fenſterchen figen mochte, das
gerade über dem Bette war. Auch ein
Kater war dabei — id hörte fein
Spinnen. Plötzlich grunzte ein Schwein
dazwiſchen und darauf war ein Pfeifen
und Zwitſchern, als ob alle Iuftigen
Vögel der Rax vor dem Fenfterchen
verfammelt wären. Das ging nicht
mit rechten Dingen zu, bald merfte
ich's, die Thierftimmen ahmte ein
Mann nad, der damit der jungen
Schwaigerin ein Ständchen bringen
wollte. Hernach flüfterte er ein paar
Liedchen, wovon das erjtere heiße Be:
gebrlichfeit kundthat, das letztere aber
nichtS weniger al8 fjchmeichelhaft war
für die Spröbe, die drinnen nicht das
fleinfte Lebenszeihen von ſich gab.
Endlich ging er davon.
Nach einer PViertelftunde kam ein
Zweiter. Der tete feinen Kopf ganz
in's Fenfter und legte fein Geficht an
die Scheibe. Er murmelte ein Gebet.
Abficht, ein paar Stunden zu ruhen. | Im Tone der Stoßfeufzer jagte er
54
mit halblauter Sprache, bald raſch,
bald gebehnt, bald beflommen, bald
aufathmend, einen Text her, den ich
um Alles in der Welt nicht mittheile,
der mein viertes Geheimniß bleibt.
Das Gebet ging das Weib an. Es
mußte ein bebrängter Beter gewejen
fein, denn feine Andacht währte über
eine halbe Stunde. Und als er fie
beendet hatte, jagte er traurigen Tones
noch die vorwurfsvollen Worte: „Aber
gar fo ftulz fein, Mirzl! Gar jo ſtulz
dürfteft Du heut wohl auch nit fein!“
— Er jhlih davon. Mi hat ber
arme Narr in’3 Herz hinein erbarmt.
Auf der Heufuppe lag ſchon der
erſte Schein des Sonntagmorgens.
Ueber die Matten Hin, den Abjtiegen
zu, ſchwärmten junge Burfchen und
fangen und jauchzten. Die jchlaflofe
Naht Hatte fie nicht ermüdet. Die
aber in den Hütten verblieben, befamen
von den Schmwaigerinnen „Kuraſchi—
waſſer“, wie fie den Kaffee nannten.
Scherz und Schalfheiten gab's und
mancher übermüthige Iunge hatte ein
Loch im Rode, einen Ri im Bein:
Heid, Eleine Schäden, melde Die
Schmwaigerin mit Nabel und Zwirn
gerne fchlichtete. Dabei that die Mirzl
jählings einen Ausruf: „Daift ja ein
Blut auf dem Nermling! Werd's doch
nit g’rauft haben ?”
Ya, ihrer Etliche hatten im Kar
drin gerauft, und ber Stabtherr, der
um ein Schäferftündlein heraufgeftiegen
war, fam mit einem Zoch im Kopfe
wieder hinab.
Meine Gefährten habe ih wohl:
behalten und froh alle wieder gefunden.
Noh ein Weilhen im Naturleben, in | Straßenjtaub.
der MWejtjeite gegen Naßwald hinab.
Hier klimmt man viel tiefer nieder,
als man an ber andern Seite empor:
geitiegen ift. Hier unten ift ein
dämmeriger Thalgrund, von den gemwal:
tigiten SFelswänden umftanden. Das
tiefverlafjene, intereffante Reißthal, in
welchem die Ruinen eines abgeftifteten
Dorfes ftehen. Wegen Mildereien und
Auflehnungen gegen den Schuß: und
Gutsherrn ift vor etlihen zwanzig
Jahren diefe Anfieblung zerftört worden.
Die einzige und legte Hütte, die als
Schenke noch ftehen geblieben, ift in
diefem Jahre niedergebrannt.
Wir durchwandern noch das ſtun—
denlange Naßthal mit ſeinen lieblichen
und wilden Naturbildern, mit ſeiner
guten Straße und ſeinen ſtattlichen
Gaſthäuſern. Wir kommen an ber
proteftantiihen Gemeinde Naßwald
und an der berühmten Singerin vorüber;
wir machen noch einen kleinen Seiten:
ſprung ins Höllthal, wo in ſchweren,
zerrijjenen Falten der Felsmantel nieder:
wallt von den Zinnen der Nar. Bon
der Brüde, die am Eingange des
Hölthals über den Naßbach Führt,
bis hinaus zum Kaiferbrunnen ift eine
der allerherrlichiten Partien unferer
Alpen. Am Kaiferbrunnen in einem
Quadernbau quillt ein Theil des
Waſſers auf, welches in allen Stod:
werfen Wiens aus den Pippen ſprüht.
Der andere Theil brauft fünf Stunden
weit vom Kaiferbrunnen aus den Feljen
zu Stirenftein hervor.
Almälig geht's mit der Pracht zu
Ende. Die Gebirgsftöde der Rax und
des Schneeberges bleiben zurüd. Die
Kleefelder des Thales find grau vor
In Reichenau riecht
der Naturfchöne, dann ftiegen wir auf | Wien.
Schw
Im Anfang war das Wort.
„Na Hochwürden, aber na, jeßt
weiß ich nicht mehr aus‘, fagte der
Schneider Simon zu feinem Pfarrer,
„Seit ih Bräutigam bin und mir Hoch—
würden das heilige Sacrament der Che
zu ftubiren aufgegeben haben, bin id)
fo in den Katechismus, in die Bibel
und in allerlei andere Bücher Hinein-
gerathen, daß ich ſchier möcht' verrüdt
werden. — Da ftimmt’3 mir gleich
bei der Erſchaffung der Welt nicht
zufammen.”
„Oho!“ rief der Pfarrer, „id
dent, das müßt’ der Meifter Simon
doh gut fein laſſen. Die Welt fteht
ja da! Du und ich hätten fie nicht
erſchaffen.“
„Wohl, wohl, Hochwürden, ſie ſteht
ſteinbumfeſt da und wir zwei hätten ſie
leicht kaum zuweg gebracht. 's iſt ein
Muſterſtuck von unſerm Herrgott, aber
lernen möcht' Eins was davon, und
da ftreiten fi die Leut’ und die Bücher
gottäläfterlich herum, mie er's angefan-
gen hat. So fteht’3 in der Bibel: Im
Anfang war das Wort, und der Doc:
tor Fauft, ein rechtſchaffen gejceiter
Mann, fagt: Im Anfang war die That.
— Jetzt frag’ ih, ob da ein Menſch
nit dumm werden ſoll?“
„Meifter Simon |” drohte der Pfarrer
mit dem Zeigefinger, „Meifter Simon,
heb’ mir nicht zu fpintifiren an! Ich
dent’, dad heilige Buch wird Dir glaub:
würdiger fein, als der faubere Doctor
Fauft, den der Teufel geholt hat.“
„Wohl, wohl, Hochwürden, aber
wenn der Floh einmal im Ohr fist,
was fann man dafür? und fo könnt'
man ſchier auf die Meinung kommen,
im Anfang müßt’ die That gemefen
fein und dann erft das Wort, denn
will ih über etwas fprechen, fo muß
erjt etwas da jein.“
Der Pfarrer fing aus feiner Tabak:
dofe eine Prife hervor und dann jagte
anße.
er: „Der Meifter Simon will alfo
in den heiligen Eheſtand treten ?“
„Wohl, wohl, Herr Pfarrer, am
nächſten Sonntag ift ja ſchon die Hochzeit!“
„Aber fappermofthofen, wie haft denn
das eingefädelt, daß es fo plößlich geht ?“
„Se, das wiſſen Hochwürden doch!“
rief der Meiſter Simon, „ich bin ſchon
ſo, wenn ich was will, ſo mach ich
nicht viel Umſtände. Thereſel, hab’ ich
zum Mädel gejagt, jest red’, magjt
mid) oder magſt mich nit? Ya, jagt
fie, und richtig iſt's geweſen.“
„Siehft Du”, verfegte jeht der
Pfarrer, und prefte die Prife in die
Nafe, „ſiehſt Du, die Bibel hat redt:
im Anfang war das Wort!”
Der Damon im Glafe.
In einem Dorfe Unterfteiermarfs
erfranfte ein Mann, der dem Trunfe
ergeben war. Der Arzt, ein perjönlicher
Freund und Zechgenofje des Erkrankten,
wurde eilig gerufen und conftatirte ein
heftige Nervenfieber. Der Kranke war
in Fiebergluth und ließ fih im Bette
faum halten; er flagte über Durft, er
fhrie nah Wein. Der Arzt ließ ihm
jelbftverftändih nur Wafler reichen.
Der Kranfe wurde fajt wüthend und
fhrie nah Wein. Da ihm das Alles
nichts half, fo befahl er feiner Haus
hälterin, fie folle doch wenigſtens dem
Herrn Doctor ein Glas Wein vorfegen.
Dagegen hatte der Arzt nichts einzu:
wenden. Er hub an und trank ein
Gläshen um's andere. Der Kranke
wartete eine entſprechende Weile, dann
fagte er: „Sch wett’, fie hat Div wieder
den Sauren gebradt !”
„Denk' nicht”, verfegte der Arzt,
„ih halte ihn für einen Kerſchbacher.“
„Nein“, rief der Kranke, „das iſt ber
ledige Dreimännerwein, bei welchem,
wenn ihn der Eine trinkt, die zwei
Andern den Trinfenden bei den Ohren
56
halten müflen, daß es ihn nicht gar zu
arg beutelt. Das ift ein folder.“
„Ein guter Kerſchbacher iſt's“, ver:
fiherte der Arzt begeiftert, die Ehre
feines trefflihen Tranfes rettend, „und
glaubft es nicht, Jo verſuch' ihn!“
Sept war der Typhusfranfe am
Ziele; mit Gier ergriff er das Glas
und ftürzte e8 in den Mund,
„Gelt!“ rief der bereits angehei:
terte Arzt.
„Bird Schon fein“, gab der Kranke
bei, „he, Hausmwirthin, noch eine Flajche.
— Gtoß an Brüderl, heut’ ift gerad’
ein rechter Tag zum Gefundheittrinfen !
Sollit leben!”
„Du aud daneben!“ lachte der
Arzt und trank mit feinem Patienten
in fröhlichen Verein ein Glas um's andere.
Ein Gefundheittrinfen war's, aber
nicht Jedem möcht’ ich's rathen.
Heute fit der Arzt und fein Freund
wieder im Wirthshauſe. —
Ein Anderes.
Auf dem Bänflein vor dem Armen:
haufe zu 8. war's. Da fauerte der
alte mühfelige Einleger Martin und
war traurig.
Der Abſchieder-Lenz mit dem höl-
zernen Bein, „alleweil fidel, alleweil
a weni rauſchig“, ftolperte heran. „He,
Martin‘, rief er dem Spitalbemohner
zu, „warum fo fopfhängerifch ?’
„Hab' kein’ Freud’ mehr auf ber
Welt‘, brummte der verzagte Mann.
„Ei was! Könnt’ ever fagen.
Trink' immeramal ein Glafel Schnaps,
wirft ſchon Iuftig fein!‘
„Hab' fein Geld”, war die trau:
rige Antwort, „mag mir feinen kaufen.“
„Ra wart, Martin, ich zahl’ Dir
ein Glas, daß Dir wieder einmal
warm wird um's Leberl.“
Die Schänfe war nit weit; bald
ftand das blinfende Branntweinfläfchchen
vor dem Einleger Martin. Diefer nippte,
nippte und tranf, da wurde ihm warm
um's Leberl. So ein Wafjer hatte er
ſeit undenflihen Zeiten nicht mehr ge:
trunfen. Seine alten Wangen wurden
roth, jein Auge funkelte — funfelte
und wurde fchläfrig. Er lehnte fih an
die Wand und — mar tobt.
Der Abſchieder-Lenz ftarrte ihm
noch eine Weile in’s Gefiht. „Hm“,
murmelte er, „das ift mir Einer! Jetzt
ftirbt er auf einmal weg und hat nicht
einmal den Schnaps ausgetrunfen.‘
Haftig bob er das Fläfchchen,
leerte e3 in feine eigene Gurgel und
ging dann, den Bericht zu erjtatten:
Der alte Einleger Martin wäre geftorben.
„Woran?“
„Den Schnaps hat er nicht aus—
getrunken.“
Beide Stücklein kann der Erzähler
verbürgen; ſie ſind erſt vor Kurzem
geſchehen.
Einer, der ſich dafür zahlen läßt.
Ein Dorfjunge fam in die Stadt,
um zu ftubiren. Unter feinen Profefjoren
hatte der treuherzige Anabe mehrere
Gönner, wovon ihm Einer eines Tages
für fih und einen Freund zwei Ein:
trittöfarten fchenfte. Die Eintrittöfarten
galten für eine philofophifche Vorlefung,
welche der betreffende Profefjor in einem
öffentlihen Saale halten follte. Der
junge Student aus dem Dorfe freute
fih ſchon den ganzen Tag auf den
Abend der Vorlefung und fein Kummer
war nur der, daß er unter feinen
wenigen Belannten feinen Genofjen
fand, welder die zweite Eintrittäfarte
angenommen hätte. Die Studenten woll-
ten den Abend lieber im Freien zubrin-
gen, als den Herrn Profeflor anhören,
defienStimme fie ohnehin recht gut fannten.
Als die Stunde kam, ging der
wißbegierige Junge nah dem Saale
der Vorlefung und mar faft betrübt,
daß der Schag, den er in der Tafche
trug, zum Theile unverwerthet bleiben
follte. Da fah er an der Straßenede
einen fchlichten, anſpruchsloſen Mann
ftehen, dem Anzuge nad vielleicht ein
Bahnihaffner oder jo etwas. Ah, dachte
fih der Heine Student, dem kann id)
einen Gefallen thun, der ift gewiß
57
froh, wenn er meinen Herrn Profeſſor
einmal hört.
'priefter feiner Pfarre holen, daß der
ihm die Sacramente reiche und die Seele
„He, Better!’ rief er dem Mann | ausfegne. Das Pfäfflein fam mit dem
zu, „wenn Sie was profitiren wollen,
fo fommen Sie mit!’
„Ich bitte!‘ entgegnete der Andere
und ging mit dem jungen. Diefer gab
an der Pforte die zwei Karten ab, die
Beiden traten in den Saal. Die Vor:
lefung begann. Der Student hörte mit
Begeifterung zu in der Hoffnung, all
die Shönen Worte, die er heute anhörte,
dereinft in den höheren Schulen auch
zu verftehen. Neben ihm ftand bewe—
gungslos wie ein Baum der Mann
von der Straßenede. — Das ift ein
dankbarer Menſch, dachte ſich der Student.
— Der Ileine wird vielleiht einen
Schützer im Gebränge, einen Begleiter
auf dem Heimweg haben wollen, dachte
der Andere.
Nah der Vorlefung fagte der Junge
zu feinem Manne: „Nichts danken, mid
freut’3, wenn's gefallen hat. Behüt'
Gott!’ Und er wollte im Trofje davon.
„Ich bitte‘‘, warf der Andere raſch
ein und hielt den ungen am Arm
feft, „ih befomme neunzig Kreuzer.
Ja, neunzig; für die Stunde ift des
Nachts fechzig, und anderthalb Stunden
bin ich zu Dienften geftanden.‘‘
Der unglüdlice, unerfahrene Burfche
aus dem Dorfe hatte einen Dienftmann
mit in die philofophifche Vorleſung ge:
zogen; Geld Hatte er feines im Sad.
Der Auftritt wurde laut; der unge
war ſprachlos vor Schred und Aerger.
Der Profeſſor fam und that, was
vielleiht an feiner Stelle no Keiner
gethban Hatte: er entſchädigte Einem
feiner Zuhörer mit neunzig Kreuzern
bie in der Vorlefung verlorene Zeit.
Die Gefhihte von der guten
Meinung.
ALS im Tirolerland die Peſt herrichte,
wurde der Bauer vom Aſchbacher—
hofe im Volterwald vom Siehthum be:
fallen. Vermeinend, daß es mit ihm
bald zu Ende ginge, ließ er den Leut—
hochwürdigen Gute gen Aſchbach. Wie
ed aber vernahm, an welchem Gebreft’
der Bauer darnieberliege, hub er ſich
an zu fürdten und wollte um feinen
Preis in's Haus gehen, um nit gar
die Peſt zu erben.
Der Kranke ſeufzte indeß heftig
nad der heiligen Wegzehrung. So trat
der Leutpriefter an’s Fenfterlein, zeigte
dem Manne die Hoftie und rief ihm zu:
„Schau fie nur an und mad’ Deine
gute Meinung, das ift fo viel, als
hätteft Du fie empfangen!” — Danach
machte er ſich ftrad3 davon.
Das Bäuerlein gab fi aber damit
nicht zufrieden; es ließ einen Nachbars—
pfarrer bitten; und der fam und verjah
eö fleißig mit allen SHeiligfeiten. Wider
Verhoffen fam der Aſchbacher für dieß—
mal mit dem Leben davon.
Da nun die Zeit nahte, wo man den
Pfaffen den Zehent brachte, fuhr unfer
Bauer zu rechter Zeit mit dem geladenen
Kornwagen vor feines Pfarrherrn Thür.
Der Leutpriefter ſah gerade zum en:
fter heraus und rief fröhlid: „Bringit
Du mir den Zehent, Aſchbacher? Das
fob’ ih mir!“ Der Aſchbacher
ſchmunzelte und ſprach: „Wohl, Herr!
Ihaut ihn Eud nur an und macht eine
gute Meinung dazu; das ift fo viel,
als ob Ihr ihn gekriegt hättet!” Darauf
fuhr er feitab und dem dienftbeflifjenen
Nachbarspfarrer zu.
Ein Herzensgutes Thier.
Der alte Soldaten:Franz, im Salla-
graben bei KHöflah daheim, hat im
Krimfriege folgende Gefchihte aus dem
nichtunirten Rußland mit heimgebradt,
und dieſelbe folgendermweife zum Beten
gegeben:
| It einmal ein Bauer gemwefen, der
if blutarm geweſen und hat nichts
gehabt, al3 wie eine alte Sau. Und
wie die Säue ſchon find, Hat dieſe
einmal auf dem Anger gemwühlt und
58
hat einen vergrabenen Schag aus der
Erde gemwühlt. Yet bat der Bauer
Geld genug gehabt und es läßt fi
leicht denken, wie gern er feine Sau
gehabt hat. Ein jchönes Zimmer mit
Seidenbett und Spiegel hat er ihr ein-
richten lafjen; die feinften Speifen hat
er ihr vorgefegt; ihren gemirbelten
Schweif hat er hübſch mit rothen Bän-
dern aufgepußt. Die Sau hat’s ihrem
wohlmeinenden Herrn nur nicht jagen
mögen, aber eine ordentliche Schlamm:
lahe wäre ihr lieber gewefen, wie das
vornehme Zimmer mit dem Seidenbett.
„Hab' di wohl und werde nur
truß fett, deßweg' ſollſt du bei mir
nicht fterben‘‘, hat der Bauer oftmals
zu feiner Sau gejagt, aber das aute
Thier hat nicht fett werden wollen, hat
zu fränfeln angefangen, ift endlich ver:
jtorben.
Da ift der Bauer wohl trojtlos
gewefen, hat nicht gewußt, welche Ehren
er der Sau noch anthun follt’, die ihm
zu feinem Reichthum verholfen hat, iſt
auf den Gedanken gefommen, fie mit
allen Feierlichkeiten auf dem Kirchhofe
begraben zu lafjen. Der Pfarrer —
das verfteht ſich — hat's anfangs
nicht zugeben wollen, aber der Bauer
hat ji feine Müh' verbrießen laſſen,
hat feinen Wunſch richtig durchgeſetzt.
Und — mie der Teufel ſchon fein
Spiel hat — erfährt's der Bifchof,
daß da eine Sau auf dem Kirchhor be:
itattet worden ift. Flugs eilt er herbei,
verfludht den Bauer und den Pfarrer,
nennt fie Heiden allebeide, verheift ihnen
al’ Unglück auf Erden und alldorten
das höllifche Feuer.
Das ift dem Bauer fhon gar nicht
alleseins, und am Ende wird fein Lieb:
ling wieder ausgefharrt. „Halten zu
Gnaden“, fagt er traurig, „wenn's ber
Herr Bifhof thät wiſſen, was das für
eine merkwürdige Sau gemefen ift und
was fie vor ihrem Lebensende noch ge:
fagt hat!’
„Was“, ruft der Biſchof, „das
Schwein hat reden können?“
„Ja freilich, ja verfteht ſich!“
fchreit der Bauer, „Du alter Freund!‘
hat fie zu mir auf dem Tobbett nod)
geſagt, „wenn's aus wird mit mir, Du
weißt, was ich zurüdlaff’, thu’ von der
Sad’ ein biffel theilen und aud den
Herrn Biſchof nicht vergeffen — den
guten, braven Herrn — id vermad’
ihm hundert Thaler.‘’
„Ad, das muß ein herzensgutes
Thier gewejen fein!’ fagt der Biſchof
gerührt und legt dem Bauer zum Se:
gen die Hände auf's Haupt.
Immer hößlich.
Einer der franzöfifchen Könige machte
eines Tages irgend einen fo albernen
Wit, daß die Verfammlung fehr ver:
legen nicht3 darauf zu entgegnen mußte.
Der König aber blidte nach Beifall aus;
da trat ein Höfling zu ihm heran und
fagte: „Es gelingt Eurer Majeftät Alles ;
Sie wollten einen ſchlechten Wit machen
und es ift Ihnen dieß trefflich gelungen.“
Der danfbare Kronte.
„Heilige Mutter Mariahilf!“ jam:
merte jener Kroat', da er in Nöthen
mitten auf der Naab war, „wenn id)
mit dem Leben über's Wafler fomm’,
fo opfere ih dir eine Wachskerze, fo
groß wie ein Drambaum!“ — Als er
drüben war, fchüttelte er fih ab und
date: „Mein Gott, na, ein Kreuzer:
ferzel ift auch gut!“
59
Kleine Saube.
Bon der Gejhwindigkeit des Tele:
graphen.
Bisweilen wird uns gejagt, daß
der eleftrifche Funfe fo viel wie gar
feine Zeit brauche, um Europa, ja den
Drient und den Decident zu durchflie—
gen, von einem Ende bis zum andern.
Es fol dies thatſächlich fo fein, nur
läßt ſich das praftifch nit durchführen.
Der Telegraphenbetrieb ift noch ein
mangelhafter und wartet auf Bervoll-
fommnung. Der elektriſche Strom ſelbſt
thut feine Schuldigfeit, der macht, wenn
ihm nichts im Wege ift, in einer
Secunde feine 60.000 Meilen durd.
Indeß fteht ihm aber allerhand im
Wege; da ift’s die Nähe des Erdbodens,
da iſt's der Dunftkreis mit feinen ver:
ſchiedenen Eigenſchaften, da iſt's end—
lich die Unvollkommenheit der Leitung,
die dem elektriſchen Funken auf ſeiner
Reiſe Verzögerungen beibringt. So
macht denn der Funke in der Secunde
8000—15.000 Meilen und er muß
ihon tüchtig aufgelegt, vom ſchönſten
Wetter begünftigt fein und einen guten
Weg haben, wenn er’s in der Secunde
auf 20.000 Meilen bringt. Auf alle
Fälle ein ganz refpectabler Laufer!
Bei einer Telegraphenleitung unter ber
Erde oder im Waſſer ift die Schnellig-
feit eine bedeutend geringere ala in
freier Luft.
Immerhin können wir fagen, daß
im gewöhnlichen Leben der elektrifche
Strom gar feine Zeit braude, um
irgend eine Entfernung zu durchlaufen.
Aber die Menfchenarbeit, die dabei ift,
braudt Weile. Beim Telegraphen jtehen
jegt zwei Apparatiyfteme in Anwendung:
Der Morje-Apparat, ala der ältere,
und ber Hughes'ſche Typenapparat ala
der vollfommenere. Auf dem Morſe'ſchen
braucht man zum Abtelegraphiren einer
Depeche von 20 Morten 4, auf dem
Hughes ſchen 2 Minuten. Sind alfo
und London — durch eine directe Tele:
graphenleitung mit einander verbunden,
jo ift die Möglichkeit da, daß die De:
pefhe innerhalb 5 Minuten ihr Ziel
erreicht. Allerdingd wird dieſe Zeit bei
der heutigen Einrichtung ſtets über:
ſchritten. Anſtatt das Telegraphenwefen
hierin zu verbefjern, beweiſt die Sta:
tiftit, daß im den letzten Jahren die
durchichnittliche Beförderungsgefhwindig:
feit zurüdgegangen: ift.
Viele glauben, jede nad irgend
einem Orte beftimmte Depeſche werde
geradeöwegs nah dem Beltimmungsort
abgejegt. Das ift leider nur in fehr
wenigen Fällen jo; meijtens werben die
Depefhen an eine nähergelegene Station
abgejegt, von dieſer weitertelegraphirt,
und zwar oft wieder nicht an die Be:
ftimmungsftation. Man nennt das Um:
telegraphiren, ein Verfahren, mwodurd)
die meiften Verzögerungen der telegraphi:
ſchen Correfpondenz verurfadht werden.
Ein Telegramm von Lifjabon nad Abo
(im nördliden Rußland) wird that:
Jählih immer einige Tage brauchen, um
an's Biel zu gelangen. Bejtände aber
zwifchen dieſen beiden Städten eine
directe Leitung, fo würde dieſes Tele:
gramm gerade fo viel Zeit brauden,
als ein joldhes von Wien nad) Stoderau.
Mit anderen Worten: die Entfernung
an und für ſich hat feinen Einfluß auf
die Schnelligkeit der Uebermittlung.
In früheren Jahren, als noch der
Morſe'ſche Apparat allein im Gebrauche
war, hat man ſich's angelegen ſein
laſſen, die Telegramme, wenn nur
irgend möglich, direct an die Adreß—
ſtation abzuſetzen. Zu dieſem Behufe
mußten dort, wo feine directen Ber:
bindungen vorhanden waren, die Zwi—
Tchenftationen aufgefordert werben, eine
foldhe directe Verbindung für die Zeit
des Bebarfes herzuftellen. Dabei war
freilich wieder auf der anderen Seite
irgend zwei Orte — etwa Stonftantinopel | Zeitverluft. So ift heute das Umtele⸗
60
graphiren Mode, eine Quelle der Ver:
fpätungen und Berftümmlungen.
Es ginge in vielen Fällen ſchon
auch anders, wenn man nur wollte.
Als fih die Mutter des vormaligen
Kaifers von Rußland behufs Herftellung
ihrer Gefundheit in Neapel befand,
wurde das ärztliche Bulletin täglih von
dort nad Petersburg telegraphirt. Zu
diefem Behufe waren die Zwifchenftationen
beauftragt, um 3 Uhr Morgens ohne
jede befondere Aufforderung die directe
Verbindung Neapel: Petersburg herzu:
ftelen. Der Beamte in Neapel rief um
diefe Zeit Petersburg, erhielt augen:
blilih die vorgefchriebene Beantwor:
tung dieſes Nufes, und in fünf Minus
ten war das Telegramm in Peteröburg
eingelangt, Zur Zeit, als noch feine
telegraphifhe Verbindung mit Aleran:
drien beftand, wurden die dort aus
Dftindien per Schiff einlangenden Nach—
richten mittelft Lloybdampfers nad) Trieft
und von da telegraphiich nad London
befördert. Da die Ankunftszeit des
Lloyddampfers befannt war, ließ ſich
Trieft eine directe Linie zeitweilig durch
Vermittlung der Zwifchenftationen bis
nad London herftellen, und es war
jede der Depefhen in längftens einer
Viertelftunde in London. Nachdem es
aber in London um mehr als eine halbe
Stunde fpäter Morgen, Mittag und
Abend wird als in Trieft, fo ereignete
e3 fi zumeift, daß — die Depefchen
früher in London anfamen, als fie in
Trieft aufgegeben waren.
Ein Volksſtamm im Eiſe.
Menn wir die Stufenleiter der Eul:
tur nieberfteigen, an welder die civili:
firten Bölfer der Erde im Laufe der
Sahrtaufende emporgeflommen find, jo
begegnen wir dort unten faft an der
Grenze, wo der Menfh aufhört und
das Thier beginnt, dem Stamm, der
rohe Fiſche verzehrt, dem Stamm der
Eskimos.
Die Eskimos leben heute noch, ſie
bewohnen die eiſigen Wüſten von Nord:
amerifa und Grönland. Vor den Reifen
von Gapitän Roß, Barry, Franklin,
Lyon und Beehey wußte man nur
wenig von ihnen, und felbjt jest fehlen
und noch Auffchlüfe über manden
wichtigen Punkt. Was indeß die genann:
ten Neifenden über dieſes merkwürdige
Volk mitgetheilt haben, weicht fo fehr
von den europäifchen, ja von den Sitten
aller befannten Völfer ab, daß ein
furzer Auszug aus den vorhandenen
Mittheilungen nicht ohne Intereſſe fein
dürfte.
Die Lebensweife der Eskimos ift
rauh und beſchwerlich, denn fie bemoh:
nen einen Boden, der neun Monate im
Jahre mit Eis bebedt ift, und der
ihnen weder Gemüfe noch Getreide, ja
nicht einmal eßbare Wurzeln bietet. Sie
find mithin auf Filhfang und Jagd
beſchränkt, die ihnen nit nur Nahrung,
fondern auch Kleidung verfchaffen. Die
Esfimos find Nomaden, und fie legen
ihre Wanderzüge auf dem Schnee fehr
ſchnell in Schlitten zurüd, die von
Hunden gezogen werden. Ihre Winter:
wohnungen beitehen aus Hütten, von
Schnee aufgeführt, und der Thran der
Walfifhe und Seehunde wird in den
Lampen gebrannt, die ihnen bie langen,
traurigen Nächte erhellen.
Der förperlide Wuchs der Esfimos
jteht dem der Europäer bei weiten nad,
denn er erhebt fih nie über 5 Fuß
4 Zoll, und finft bis auf 4 Fuß 3 Zoll
herab. Die größten unter ihren Weibern
find 5 Fuß, und die fleinften 4 Fuß
3 Zoll hoch, und zwar wird das erjtere
Map nur felten erreicht, und das letztere
nur felten überjchritten.
Eine der hervorftechendften Eigen:
ihaften der Esfimos ift ihre Kindes:
liebe, und man muß die Sorgfalt der
Vorjehung für die Heinen Geſchöpfe
bewundern, die hier geboren werden ;
denn ohne diefen in das Herz ihrer
Eltern gepflanzten Trieb müßte das
der elterlihen Pflege entbehrende Kind
unter diefem Klima zu Grunde gehen.
Diefe Liebe gibt fi nicht blos durch
eine unthätige Nahfiht und Sorgfalt
61
fund, die eben fo gut ihren Grund in
der Trägheit haben könnte, welche unter
den Völkern diefes Himmelsftrich vor:
herrſcht, fondern fie offenbart fih aud)
in den taufend Hleinen Spielen und
Zerftreuungen, welche die Eltern ihren
Kindern zu verfchaffen bemüht find.
Die Mütter tragen ihre Kleinen fo
lange nadt auf dem Rüden, bis dieſe
ftarf genug find, um allein gehen zu
fönnen, und bringen ihre ganze Seit
damit hin, fie zu warten und ihnen zu
efien zu geben ; die Väter machen ihnen
Spielzeug, helfen fie erziehen und ſpie—
len mit ihnen. Niemals wird ein Kind
gezücdhtigt oder aud nur ausgeſcholten,
und immer gibt man ihm, was es ver:
langt. Auf diefe Weife behandelt man
die Kinder bis zum dritten oder vierten
Jahre; die Mütter können fi nie
von ihnen trennen, und fterben oft vor
Kummer, wenn fie fie verlieren. Diefe
Liebe der Eltern zu ihren Kindern jteht
mit dem faft gänzlichen Mangel aller
übrigen Neigungen, den man bei den
Eskimos bemerft, in auffallendem
Gontrafte.
Durch die Liebe und Achtung, welche
die Kinder, ſobald fie erwachſen find,
ihren Eltern beweifen, werden diefe für
ihre in der Jugend ihnen gemidmete
Sorgfalt reichlich entſchädigt. Diefe väter:
lihe und mütterlihe Sorgfalt ift, fo
viel man meiß, die einzige Autorität,
melde die Eskimos anerkennen, allein
die Befehle derfelben werden nie über:
treten, und felbft bei eintretender Mann:
barkeit, die doch die Kinder der Herr:
ihaft der Eltern entzieht, wird noch
immer jener Gehorſam geleitet, den fie
al3 eine ihrer heiligften Pflichten be:
traten. Capitän Parry fragte einft
einen Eskimo, ob er mit ihm reifen
wolle, und erhielt das fieben- bis acht:
mal heftig hinter einander ausgeſtoßene
Wort Nao (Nein) zur Antwort; als
der Capitän nad der Urſache dieſer
ungeftümen Weigerung fragte, erwiederte
der Eöfimo : „Mein Bater würde weinen.”
Die gegenfeitige große Liebe der
Eltern und Kinder unter einander ift
um fo auffallender, als fie mit dem
den Eskimos angebornen Egoismus im
ftärfften Widerſpruche fteht. Um den
erwachfenen Kranken befümmern ſich
weder Eltern noch Freunde, und das
Mitgefühl Scheint unter diefem traurigen
Himmelsjtrih gänzlich unbekannt zu
fein. Eine Frau pflegt ihren Franken
Mann nur deshalb, mweil fie weiß, daß
fein Tod fie im eine hilflofe Lage ver:
fegen würde, und übernimmt eine andere
Perſon feine Wartung, fo erkundigt
fie fih gar nicht mehr nad ihm. Der
Mann feinerjeit3 verläßt feine fterbende
Frau, ohne fih darum zu befümmern,
ob Jemand für fie forge, und fehr oft
geſchieht es, daß eine Frau, die feine
Kinder hat, verlafjen in ihrer Hütte
liegen bleibt, ohne daß jemand nad
ihr fieht, ob fie noch am Leben ift oder
nicht. Die Waifen finden unter diefem
unglüdlihen Volle nur menig Unter:
ftüßung, und ein fol’ armes Ge—
ſchöpf wird nur dann von einer Familie
an Kindesftatt angenommen, wenn ſich
diefe von den Dienjten und der Arbeit
des heranwachſenden Kindes Bortheil ver:
ſprechen kann.
Eine ſchändliche Gewohnheit der
Eskimos iſt die, daß ſie den Hilfloſen
ausplündern. Hat eine Frau ihren
Mann verloren, und ſitzt, von kleinen
Kindern umgeben, in Schmerz verſun—
fen in ihrer Hütte, jo eilen alle Nach—
barn herbei, und benugen die Fühllofig-
feit, von der heftiger Gram begleitet
zu fein pflegt, um Alles zu entwenden,
was die ärmliche Hütte enthält. Capitän
Lyon war Zeuge einer Scene diefer
Art, die er mit folgenden Worten
ſchildert: „Ich fand die arme Frau
in einer unfauberen Strohhütte, durch
deren von allen Seiten offene® Dad)
der Wind zog, und nichts mar ihr
geblieben, al8 das Thierfell, auf dem
fie lag. Sie fhien aufgegeben und dem
Tode geweiht, und das zerrifiene Ge-
wand, mit dem fie bedeckt war, zeigte
deutlih, daß man Gewalt angewen:
det hatte, um ihr auch biefes zu ent-
reißen.“
62
Die Eskimos find nicht fo miß—
trauifh als andere wilde Völkerftämme,
und die Neifenden, melde mit ihnen
in Berührung famen, wurden nicht
felten von ihrer Kühnheit und Uner:
fchrodenheit überrafcht. Sie treten nicht
nur ohne Furcht, fondern ſogar mit
einer gewiſſen Zutraulichfeit vor die
Europäer, worüber Gapitän Parry in
feiner Reife Folgendes berichtet: „Als
fi) das Schiff der Inſel Winter näherte,
fam, als wir an’® Land gegangen
waren, ein Haufe Eingeborner zu ung,
die weder Furdt noch Mißtrauen bliden
ließen. Sobald wir ihnen Alles, mas
fie brachten, abgefauft und einige Ge:
fchenfe gemadt hatten, drüdten wir
ihnen den Wunfh aus, fie in ihre
Hütten begleiten zu dürfen, mworein fie
ohne allen Anftand willigten, und voraus:
liefen, um uns den Weg zu zeigen.“
Die Eskimos find jo forglos und den—
fen jo wenig an die Zufunft, daß fie
fih nicht jelten den härteften Entbeh:
rungen ausſetzen, die ihnen jedoch nicht
einmal eine Warnung für fünftige Fälle
find. Kaum ift die drückendſte Hungers—
noth überftanden, fo haben fie aud
ſchon vergeſſen, was fie litten, und den:
fen nicht daran, daß ihnen vielleicht am
nächſten Tage ſchon ein ähnliches Schid:
ſal bevorftehen fünnte.
Die fühne Haltung der Männer,
der aufrecht getragene Kopf, ihr Blid,
den fie auch vor dem Fremden niemals
zu Boden ſenken, kurz eine gewiſſe edle
Kühnheit, die über ihr ganzes Wefen
verbreitet ift, deuten auf Selbjtvertrauen,
und gewiß kann man Xeuten, die den
Eisbär, nur von einem Hunde begleitet,
angreifen, Muth nicht abjprechen. Bei
ihren Expeditionen auf dem Eife zeigen
fie eine bewundernswerthe Kühnbeit ;
löst fi, was oft geſchieht, eine Eis—
fholle ab, und fie werden meit in’s
händelfüchtig, und auch die härteften
Entbehrungen wirken nicht nachtheilig
auf ihre gute Laune. Von einem Morde
unter ihnen weiß man fein Beifpiel, und
Rachſucht ift ihnen unbekannt.
Geſchick zur Baufunft ift eine der her:
vorftechenden Eigenſchaften der Eskimos,
und menn die Armuth ihres Landes
ihnen auch nicht geftattet, prächtige Ge-
bäude aufzuführen, jo entwideln fie doch
bei dem Bau ihrer Hütten und der
Verfertigung ihrer Kähne, Kleider und
ihres Hausgeräthes große Geſchicklichkeit.
Die Weiber find dabei noch anftelliger
ald die Männer, und die Güte ihrer
Arbeiten erregt die Bewunderung der
Reifenden. Ihre Nähtereien z. B. find
von unglaublicher einheit, was um jo
mehr überrafhen muß, mwenn man bie
Unvollfommenheit ihres Geräthes be:
trachtet. Ihre Nadeln find aus Knochen
verfertigt, und die Sehnen des Renn-
thierd, die fie in feine Fäden aus
einander theilen, liefern ihnen einen
ſehr feſten Zwirn. In der Art, wie
diefe armen Wilden verfchiedenartige
Belzftreifen zufammennähen, und daraus
eine eben fo nette, als warme flei-
dung zu verfertigen wiſſen, herrjcht viel
Geſchmack. Sie haben ferner eine ſehr
finnreihe Vorrichtung erfunden, um ihre
Augen gegen den blendenden Glanz des
Schnees zu ſchützen, und ihre Geräthe
zur Jagd und zum Fiſchfange find fehr
zweckmäßig.
Das einzige Baumaterial, deſſen ſie
ſich zur Aufführung ihrer Winterwoh—
nungen bedienen, iſt Schnee und Eis.
Dieſe kuppelförmigen Hütten haben in
der Mitte eine Höhe von 9 bis 10
Fuß. An einer der Seiten des Daches
wird eine Deffnung angebracht, um
dem nöthigen Tagesliht Eingang zu
verjchaffen, und diefe Deffnung dann
mit einem zu dieſem med hergerich—
offene Meer hinausgetrieben, fo verlie: | teten Stüd Eis verfchloffen, das bei 2 Fuß
ren fie feinesmegs den Kopf, obſchon
wiederholte Beifpiele ihnen die Ueber:
zeugung aufdringen, daß fie meijt unrett-
bar verloren find. Diefes perfönlichen
Muthes ungeachtet find fie dennoch nicht
Durchmeſſer nur zwei bis drei Zoll
did ift, und ein fo fanftes Licht durch—
läßt, als eine mattgefchliffene Kryftall-
ſcheibe. Werden dann dieſe Hütten in
der Folge verſchneit, ſo erkennt man
63
fie nur noch an ihren Fenftern für
menfhlihe Wohnungen, und die von
dem innerhalb brennenden Licht beleud)-
tete Scheibe gewährt bei Nacht einen
feltfamen Anblid.
Die beiten Kanots der Eskimos
find 23 Fuß lang, 19 Bol breit und
10 Zoll tief. Diefe Kanots find mit
Seehundsfellen verkleidet, von denen
man Haar und Fett mit einem Mefjer
abfhabt, fie dann am Feuer trodnet,
und endlich von den Weibern zufammen:
nähen läßt.
Die Zahl ihrer Werkzeuge ijt ſehr
befchränkt ; das Meffer nimmt unter
denjelben den erften Rang ein; indeß
handhaben fie dasfelbe mit einer Unge:
ſchicklichkeit, die jo auffallend ift, daß
man nicht begreifen kann, wie fie ben:
noh im Stande find, fo volllommene
Arbeiten zu liefern. Mit Hilfe dieſes
Meſſers verfertigen einige Stämme nicht
nur ihr Sagdgeräthe, fondern fie ſchnitzen
aud treffend ähnliche Figuren von Vö—
geln, vierfüßigen Thieren, und fogar
von Menſchen. Sie arbeiten auch in
Elfenbein, wobei fich indeß vorausfehen
läßt, daß jene Stämme, welche ſolche
Arbeiten liefern, wohl auch noch andere
Werkzeuge haben, als jenes fchlechte
Mefier. Ihre Arbeiten beſchränken ſich
oft nicht blos auf einzelne Figuren,
ſondern fie bilden fogar ganze Scenen
nad, wie z. B. einen ihrer National:
tänze fammt dem Orcheſter. Dieje Ar-
beiten find zwar weit von europäischer
Vollkommenheit entfernt, denn die Zeich—
nung ift mangelhaft, und es fehlt den
Figuren an Ausbrud, doch fcheinen die
Eskimos gerade in diefen Arbeiten eine
größere Geſchicklichkeit zu befiten, als
in anberen weit nüßlicheren.
Die Eskimos haben einen hohen
Grad von Eigendünfel, der fi in ihrer
Verahtung gegen Europäer und oft
auh gegen benachbarte Volksſtämme
fund gibt. Es fcheint ihnen fehr daran
gelegen zu fein, die Aufmerkſamkeit
Anderer auf fih zu ziehen, do find
fie dabei minder eitel als andere wilde
Völkerſchaften.
— — —— — — — — — — — — — —— — —— — —— — — —
Hinſichtlich der Religionen der Es—
kimos weiß man nur wenig Gewiſſes.
Einige Reiſende haben ausgeſagt, daß
ſie jedes Gottesdienſtes, ſowie jedes
religiöſen Gefühls durchaus ermangelten;
andere dagegen ſprechen von einigen
Ceremonien und einem gewiſſen religiöſen
Aberglauben. Die erſteren waren viel—
leicht zu ſehr von der Idee eines ge—
wiſſen Cultus befangen, dem ähnlich,
was ſie in dieſer Hinſicht bei anderen
wilden Völkerſchaften ſchon geſehen
hatten, und da ſie bei den Eskimos
nichts gewahrten, was dem ihrem Ge—
dächtniſſe eingeprägten Bilde glich, ſo
waren ſie mit ihrem abſprechenden
Schluſſe vielleicht zu voreilig.
Die Idee eines einzigen allmäch—
tigen Gottes und einer Fortdauer nach
dem Tode iſt unſtreitig für die beſchränk—
ten Begriffe dieſer armen Geſchöpfe zu
erhaben. Mehrere Verſuche, ihnen dieſe
beiden Begriffe, die ſich unmöglich ver-
finnlihen laſſen, faßlih zu machen,
blieben fruchtlos, weil fie bei ihrem
gänzlihen Mangel an geiftiger Ausbil-
dung nur für finnliche Eindrüde empfäng-
lich find. So viel ift indeß gewiß, daß
fie weder Sonne, Mond oder Sterne,
noch irgend ein lebendes Gefchöpf anbe-
ten, denn wenn man fie fragt, mozu
die Sonne und der Mond da feien, fo
antworten fie: „um zu leuchten“ ; und
fragt man ferner, was nad dem Tode
aus ihnen werden würde, fo erfolgt die
Antwort, daß man fie in die Erde ein-
graben werde.
Auf Fragen, die man binfichtlich
der Exiſtenz eines böfen Geijtes, des
Teufels, an fie richtet, einen Begriff,
den man doc allenthalben verbreitet
findet, wußten fie nichts zu antworten,
weil fie den Sinn derjelben gar nicht
zu verftehen fchienen. Indeß haben fie
do Zauberer, welche fie Angefofs
nennen, und denen fie die Macht zu:
ſchreiben, Stürme erregen und beſchwich—
tigen, und Seehunde herbeiloden oder
verfceuchen zu können. Gapitän Roß
hatte fih mit einem folhen Zauberer,
einem jungen Manne von 18 Jahren
64
namend Dtoaniah, bekannt gemadt,
den er zu ſich einlud, und ihn fragte,
von wem er feine Kunft gelernt habe.
Von einem alten Angelof, war die
Antwort. Ferner, ob und mie er im
Stande fei, Stürme zu erregen ober
Seehunde und Vögel herbeizuloden.
Durh Zeihen und Worte, ermwiederte
der junge Mann, doch hätten dieſe
Worte feinen Sinn, und wären weder
an den Wind, no an das Meer ge:
richtet. Diefe Antworten beweifen deut:
lich, daß er bei feinen Beſchwörungen
nit auf den Beiftand eines höheren
Weſens rechnete, ja man fonnte ihm
nicht einmal begreiflih maden, was ein
guter oder böfer Geift fei.
Spridt man mit den Esfimos von
einem allmächtigen, allgegenwärtigen,
unfihtbaren Wefen, das Erde, Meer
und Alles, was auf und in ihnen lebt,
erihaffen habe, jo ſcheinen fie fehr
erftaunt, und fragen ganz naiv, mo
diejes Mefen wohne. Sagt man ihnen
nun, es ſei allenthalben, jo werben
fie unruhig. Als endlih Capitän Roß
mit einem der Eskimos von einem
Leben nad) dem Tode und einer anderen
Welt geſprochen hatte, erwiederte der
arme Wilde: ein Weifer, der ſchon
längft geftorben fei, habe gefagt, nad)
dem Tode fomme man in den Mond,
allein es glaube fchon längſt fein Menſch
mehr daran. Diefer Esfimo war aud)
der Meinung, daß die Vögel und alle
lebenden Gefchöpfe aus dem Monde
fämen.
Auf gleiche Weiſe fteht es wahr:
ſcheinlich um die religiöfen Begriffe des
größten Theiles der Bewohner des arf-
tifchen Amerika's. Einige Stämme glau:
ben wohl an die Eriftenz höherer
Mefen, denen fie den Namen von
Geiftern beilegen, doch beweiſen fie
ihnen nur wenig Chrerbietung ; dieſe
Geifter entjprehen ganz den Heren und
Gnomen unſeres Mittelalters. Cinige
wohnen, der Meinung biefer Wilden
zufolge, in der Luft und lauern auf
den Augenblid, in welchem ein Menſch
ftirbt, ftürzen fi dann auf die Leid
name, denen fie die Eingemweide heraus:
reißen, um fie mit fih zu nehmen
und zu verzehren. Andere bemächtigen
fih der Seehunde, wenn fie an’s Ge
ftade fommen, um Fifche zu fuchen.
Ferner glauben fie noch an die
Eriftenz von zwei Gattungen von Ge:
birgägeiftern ; die erfteren find zwölf
Fuß hohe Riefen, und die anderen durd)
ihre Lift ſehr mächtige, nur einen Fuß
hohe Zwerge, und dieſe letzteren find es,
welde den Europäern alle ihre Künfte
gelehrt haben. Noch gibt es eine Gat—
tung von Geijtern mit Hundslöpfen,
welche die erbittertiten Feinde des Men:
ſchengeſchlechtes find und im Orient
wohnen. Alle diefe abergläubiichen Sa:
gen find jedoch local, und nidt eine
einzige ift allgemein durch ganz Grön—
land verbreitet; die arktiſchen Gebirgs—
bewohner fcheinen fie durchaus nicht zu
fennen.
Die BVerftandesfräfte der Eskimos
find im Ganzen nur bürftig entwidelt,
und dennoch bemerft man in diefer Hin:
fiht einen großen Unterfchied unter ihnen.
Alles, was man ihnen jagt, faſſen fie
jehr Teicht, ihr Mangel an ntelligenz
ift alfo mehr Unmifjenheit als angebore:
ner Stumpffinn. Was unter civilifirten
Nationen Ordnung genannt wird, fehlt
ihnen gänzlid, und aus diefem Mangel
entfpringt ihre efelhafte Unreinlichkeit.
Sie waſchen fih nur felten, reinigen
ihre Hütten faum, und bedienen fi
derjelben Gefäße, aus denen ihre Hunde
gefrefjen haben, ohne fie nur abzuma=
ihen. Sie eflen ferner alles Ungezie—
fer, mit dem fie bededt find, auch ſcha—
ben fie den Schweif mit Mefjern vom
Gefiht, und Ieden dann die Klingen ab.
Das europäiſche Reinlichkeitsgefühl
empört ſich gegen die noch weit efelhaf:
teren Dinge, melde von Reiſenden
erzählt werden, und von denen bie
oben angeführten noch bei meitem bie
ftärkften nicht find. Alle Esfimos eben
indeß nicht in gleicher Unreinlichkeit
verfunfen; doch herrfcht das, was mir
unter Sauberkeit verftehen, auch nicht
in einer einzigen Hütte, und je näher
65
man dem Pole fommt, um fo zurüd:
ftoßender wird die Unreinlichkeit.
Vom Rechnen haben die Eskimos
feinen Begriff, und fönnen gewöhnlich
nur bis zehn, d. 5. nad den Fingern
an ihrer Hand zählen; einige haben es
indeß doch bis auf zwanzig gebradt,
indem fie die Zehen an ihren Fühen zu
Hilfe nehmen. Die mufifalifhen Anla—
gen der Eskimos find nur unbedeutend
und ihre Tänze fcheinen fie den Bären
abgelernt zu haben.
Ein deutſcher Dichter vor feinem
König.
Am 18. Dezember des Jahres 1760
Nahmittagg um drei Uhr ſaß Gellert
in feinem Sclafrode, mit einer weißen
Müte, unbarbiert und gar nicht wohl
an feinem Pulte, ald Jemand an feine
Thüre pochte.
„Herein !”
„Ich bin der Major Duintus Jeilius
und freue mich, Sie fennen zu lernen.
Se. Majeftät der König verlangen Sie
zu jehen und haben mich hergeſchickt, Sie
zu hm zu bringen.“
„Herr Major, Sie müfjen mir’s
anfehen, daß ich franf bin; es wird dem
Könige mit einem franfen Mann, der
nicht reden fann, nicht viel gedient fein.“
„Es ift wahr, Sie fehen nicht wohl
aus; ich werde Sie auch nicht nöthigen,
heute mitzugehen; aber das muß ich
Ihnen jagen, wenn Sie fi) mit dieſer
Ausfluht ganz von dem Gange loszu—
machen gebenfen, fo irren Sie fi; id
muß morgen wieder fommen, und wenn
Eie da nicht beffer find, übermorgen,
und das jo fort, bis Sie mitgehen können.
Entſchließen Sie fih aljo. ch laſſe
Ihnen eine Stunde Zeit. Um vier Uhr
will ich wieder anfragen, ob ih Sie
heute oder ein andermal mitnehmen fol.“
„a, das thun Sie, Herr Major;
ih mwill fehen, wie ih mid aladann
befinde.“
Nah diefen Morten verließ Jeilius
das Zimmer. Gellert fchafft fich mit
Bofeggers „‚„Heimgarten‘‘ 1. Heft.
vielem Verdruß und großen Umftänden
einen Barbier und eine Perrüde, legt
jein Staatskleid von pfirſichblüthenfar—
benem Plüſch an, verfieht fih mit Degen
und SHaarbeutel, zieht die Schuhe mit
den breiten filbernen Schnallen an, fucht
den unter dem Arme zu tragenden Alapp:
hut hervor und ift um vier Uhr, hof:
mäßig gefleidet, fertig.
Der Major kommt und fie gehen
nad dem föniglihen Haufe. In dem
Vorzimmer finden fi etlihe Perfonen,
welche voller Freude find, den berühmten
Mann fennen zu lernen. Jetzt aber geht
die Thüre zu Sr. Majeftät Zimmer auf.
Sie treten ein und bleiben mit dem
Könige die ganze Zeit allein.
„Iſt Er der Profeſſor Gellert ?“
„Ja, Ihro Majeftät.”
„Der engliſche Geſandte hat mir
viel Gutes von Ihm geſagt. Wo iſt
Er her?“
„Von Hainichen bei Freiberg.“
„Hat Er nicht noch einen Bruder
in Freiberg?“
„Ja, Ihro Majeſtät!“
„Sage Er mir, warum wir keinen
guten deutſchen Schriftſteller haben.“
Der Major: „Ihro Majeſtät ſehen
hier einen vor ſich, den die Franzoſen
ſelbſt überſetzt haben und den deutſchen
La Fontaine nennen.“
König: „Das iſt viel! Hat Er den
La Fontaine geleſen?“
„Ja, Ihro Majeſtät, aber nicht
nachgeahmt; ich bin ein Original.“
„Das iſt alſo Einer; aber warum
haben wir nicht mehr gute Autoren?“
„Ihro Majeſtät ſind einmal gegen
die Deutſchen eingenommen.“
„Nein, das kann ich nicht ſagen.“
„Wenigſtens gegen die deutſchen
Schriftſteller.“
„Das iſt wahr! Warum haben wir
feine guten Geſchichtsſchreiber ?“
„Es fehlt uns auch daran nicht.
Wir haben einen Mascov, einen Cramer,
der den Boſſuet fortgejegt hat!“
„Wie ift es möglich, daß ein Deutſcher
den Bofjuet fortgefegt hat?“
5
66
„Ja, ja, und glüdlid. Einer von | wäre es ebenfo frank, jo mödte ich
Ihro Majeftät gelehrteften Profefjoren auch nicht fortkommen können.“
hat gefagt, daß er ihm mit eben der „So muß Er fahren!“
Beredtfamkeit und mit mehrerer hifto- „Dazu fehlt mir das Vermögen.“
rifcher Richtigkeit fortgefegt habe.“ | „Sa, das ift wahr, daran fehlt’s
„Hat's der Mann aud) verftanden ?“ immer den Gelehrten in Deutſchland.
„Die Welt glaubt’s.“ Es find wohl jet böſe Zeiten?“
„Aber warum madt fi Keiner an „Sa wohl, und wenn Ihro Maje:
den Tacitus ? Den follte man überfegen.* | ftät Deutfchland den Frieden geben
„Tacitus iſt ſchwer zu überjegen, | wollten — —“
und wir haben aud ſchlechte franzöſiſ 2 „Kann ich denn? Hat Er's denn
Ueberſetzungen von ihm.“ nicht gehört? Es find ja Drei wider
„Da hat Er Recht.“ mich!“
„Und überhaupt lafjen ſich verſchiedene „Ich befümmere mich mehr um die
Urſachen angeben, warum die Deutjchen | alte als die neue Geſchichte.“
noch nicht in aller Art guter Schriften Major: „Er hat auch deutſche Briefe
ſich hervorgethan haben. Da die Künſte herausgegeben.“
und Wiſſenſchaften bei den Griechen König: „So? Hat Er denn auch
blühten, führten die Römer noch Kriege. wider den Stylum euriae geſchrieben?“
Vielleicht iſt es jetzt das kriegeriſche „Ach ja, Ihro Majeſtät!“
Säculum der Deutſchen; vielleicht hat „Aber warum wird das nicht anders?
es ihnen auch noch an Auguften und | Es ift was Verteufeltes. Sie bringen
an Zouis XIV. gefehlt. mir ganze Bogen, und ich verftehe nichts
„Er hat ja zwei Augufte m Sachſen | davon.”
gehabt.“ | „Wenn es Ihro Majeftät nicht
„Wir haben aud in Sachſen einen | ändern können, fo kann ich's noch weniger.
guten Anfang gemacht.“ ‘ch kann nur rathen, wo Sie befehlen. “
„Wie? will er denn einen Auguft „Kann Er feine von Seinen Fabeln
in ganz Deutjchland haben?“ auswendig?“
„Richt eben das; ich wünſche nur, „Ich zweifle. Mein Gedächtniß tt
daß ein jeder Herr in feinem Lande die | mir fehr untreu.“
guten Genies ermuntere.“ „Befinne Er fi, ich will unterbefjen
„Iſt Er gar nit aus Sachſen weg⸗ herumgehen. — Nun, hat Er eine?“
gekommen?“ „Ja, Ihro Majeſtät, den Maler.“
„Ich bin einmal in Berlin geweſen.“
„Er ſollte reiſen!“
„Ihro Majeſtät, dazu fehlen mir
Geſundheit und Vermögen.“
„Was hat Er denn für eine Krank—
heit? Etwa die gelehrte?“
„Weil ſie Ihro Majeſtät ſo nennen,
ſo mag ſie ſo heißen; in meinem Munde
würde es zu ſtolz geklungen haben.“
„Ich habe ſie auch gehabt. Ich will
Ihn euriren. Er muß ſich Bewegung
machen, alle Tage ausreiten, alle Wochen
Rhabarber nehmen.“
„Ihro Majeſtät, dieſe Cur möchte
wohl eine neue Krankheit für mich fein.
Wenn das Pferd gefünder wäre als ich,
jo würde ich es nicht reiten fünnen, und
„Ein Muger Maler in Athen,
Der minder, weil man ihn bezahlte,
Als weil er Ehre ſuchte, malte,
Ließ einen Kenner einft den Mars im Bilde jeh'n
Und bat ſich feine Meinung aus.
Der Kenner fagt ihm frei heraus,
Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte,
Und daß es, um recht ſchön zu fein,
Meit minder Kunſt verrathen follte.
Der Maler wandte Pieles ein,
Der Kenner ftritt mit ihm aus Gründen
Und konnt’ ihn dod nicht überwinden,
Bleich trat ein junger Geck berein
Und nahm das Bild in Augenfdein,
„O!“ rief er bei dem eriten Blide,
„Ihr Götter, welch ein Meifterftüde_,
67
Ach, welher Fuß! o wie gefchidt
Eind nicht die Nägel ausgedrüdt !
Mars lebt durhaus in diefem Bilde;
Wie viele Kunft, wie viele Pradıt
Sind in dem Helm und in dem Schilde
Und in der Rüftung angebradt !"
Der Maler ward beſchämt, gerührt
Und ſah den Kenner Häglih an.
„Run“, fprad er, „bin ih überführt!
Ihr habt mir nicht zu viel gethan.“
Der junge Ged war faum hinaus,
So jtrid er feinen Kriegsgott aus. —
Wenn Deine Schrift dem Kenner nicht gefällt,
So ift es fchon ein böfes Zeichen;
Dod wenn fie gar des Narren Lob erhält,
So ift es Zeit, fie auszuſtreichen.“ —
„Das ift recht fchön. Er hat fo
etwas Goulantes in Seinen Verfen, das
verjtehe ich Alles. Da hat mir aber
Gottſched eine Weberfegung der „Iphi—
genie“ vorgelefen, ich habe das Franzöfifche
dabei gehabt und fein Wort verjtanden.
Sie haben mir noch einen Poeten, den
Pietſch, gebracht, den habe ich weg:
gerorfen. “
„Ihro Majeftät, den werfe ich auch
weg.“
„Nun, wenn ich hier bleibe, fo muß
Er öfter wiederfommen und Seine Fabeln
mitbringen und mir was Neues vorlefen.“
„Ich weiß nicht, ob ich gut lefe;
ih habe fo einen fingenden, gebirgifchen
Ton.“
„Ja, wie die Schlefier. Nein, Er
muß feine Fabeln felbjt lejen, fie ver:
fieren fonft viel, Nun, fomme Er bald
wieder I”
(Aus Franz Otto's Buch: „Wohlthäter
der Menſchheit.“ Leipzig, Otto Spamer.)
Bayreuther Feſtſpiele.
Am 13., 14., 15. und 16. Auguft
war eigend dazu ein großes Theater
nad) dem Plane Wagners erbaut worden.
Eigenthümlichfeit diefes Theaters iſt
das vertiefte Orchefter oder, wie es
Wagner nennt, der „myſtiſche Abgrund”,
in welchem das Heer der Mufifanten
lagert, ohne von dem Publikum gejehen
zu werden. Das Feſtſpiel beftand aus
„Rheingold” (am Vorabende aufgeführt),
„Walfüre*, „Siegfried“ und „Götter:
dämmerung“. Wagner’s Bejtreben gipfelt
darin, urdeutjchen Stoff, Tert, Muſik
und Ausftattung mit einander zu ver:
binden, und in der Ausftattung die pla=
jtifche Kunft mit der Mufif zu vermä—
len. In's Volk ift Wagner bisher frei:
lich noch nicht gedrungen, das große
Publikum, welches fi in Bayreuth ein:
gefunden hatte und unter welchem ſich
auch der deutfche Kaifer und der König
von Baiern befanden, beſtand vorzugs—
weife aus Mufifern und Kunftfreunden,
welche des heiligen Feuers voll nun in
ihre Gauen zurüdfehrten, un als Apoftel
Richard Wagner’s feine Bedeutung für
die deutfche Oper zu verfünden. Bei
den Bayreuther Feſtſpielen hat ſich eine
Steiermärferin beſonders hervorgethan,
ja fih dort einen Weltruf gemadt.
Es ift dies die ſchon früher uns Allen vor:
theilhaft befannte Opernfängerin Amalie
Friedrich Materna, die Schullehrers:
tochter aus St. Georgen bei Wildon.
Heinrich Laube.
Den Mann, welden vor Kurzem
Defterreih und Deutſchland feierten, da
er feinen fiebzigjährigen Geburtstag be—
ging — Heinrich Yaube — ihn nennt
die Culturgeſchichte.
Laube ift geboren 1806 zu Sprot:
tau in Schlefien und ftudirte in Halle
d. J. ift m Bayreuth nad) jahrelangen | und Breslau. Er follte fih der Theo:
Vorbereitungen die große Nibelungenz | logie zuwenden, wählte jedoch eine Bahn,
Trilogie von Richard Wagner zur |die ihn mehrmals mit den Behörden
Aufführung gelangt. Diefes Nibelun: | einer despotifchen Negierung in Con—
gen-Feſtſpiel wird vielleicht einen Mark: | flict brachte. Laube gehörte zu jenen
ftein bilden in der Kunſtgeſchichte Es | Geiftern, die zufammengenommen man
53*
das „junge Deutfchland“ nennt, da fie
Verfünder und Vertreter einer neuen
Beitrichtung waren. Das junge Deutjch:
land ift die literarifhe Sturm: und
Drangepohe; auch Heine, Börne und
Gutzkow gehören dazu. — Nach einem
reichgeftaltigen Leben wurde Laube Di:
vector des Wiener Burgtheaters, kam
dann in ähnlider Stellung nad Xeip-
zig und endlic übernahm er ein erjteö-
und ein zweitesmal die Leitung des
Wiener Stabttheaters.
Laube iftein tiefes, zugleich bewegliches
und ein — modernes Talent. Laube
ift der Mann, wie ihn eine Zeit be-
durfte, ala die war, der er feine Voll-
fraft weihte. Er iſt fed und derb,
rückſichtslos und dennoch reich an Bon:
homie. Er ift ausgerüftet mit derber
Lebensluſt, glühender Sinnlichkeit und
fein Grundzug ift Nealismus. Er weiß
Alles zu paden, über Alles zu fprechen
und feine Ausdrudsmweife iſt ſcharf und
treffend. Seine Darftellungen find voll
Leben und Leidenfhaftlichkeit. Als Four:
nalift und Kritiker übte er einen großen
Einfluß. Er fhrieb ein Werk: „Moderne
Charakteriftifen“, in welchem er fein
Talent als geiftiger Portraitmaler und
Kritifer befundet. Seine Nomane und
Erzählungen „Das neue Jahrhundert”,
„Das junge Europa“, die „Reiſenovellen“,
„Die Schauſpielerin“, tendenziös theils,
find voll üppigen Lebens und leiden—
ichaftliher Bewegung. Spätere Werke:
„Gräfin Chateaubriant‘‘, „Der deutjche
Krieg‘ glänzen dur ihre forgjame
Ausführung, meifterhafte Motivirung
und trefflihe Darftellung. Als Dramas
tifer ift Laube voll Friſche und Ges
wandtheit, glüdlic in der Wahl feiner
Stoffe, ein tüchtiger Praktifer und voll:
endeter Techniker, und feine Stüde:
„Monaldeschi“, Struenfee‘‘, „Rococo“,
„Gottſched und Gellert“, „die Karls—
ſchüler“, „Prinz Friedrich“, „Eſſer“
u. ſ. w. find und bleiben hervorra—
gende Werke unferer dramatifchen Lite:
ratur.
Als Bühnenleiter hat Laube bejon-
ders für Defterreich große Bedeutung ;
ev hat das moderne Element auf die
Wiener Bühne gebradt. Allerdings hat
man ihm eine gewifje Sinneigung zum
Franzöfifchen und eine kleine Vernach—
läfligung namhafter vaterländifcher Dich:
ter zum Vorwurfe gemacht. Dod muß
erwähnt werben, daß Laube es war,
welder zwei bedeutenden öjterreichi-
ſchen Dichtern den Weg zum Ruhme
geöffnet hat. Diefe Dichter eigen Grill-
parzer und Anzengruber. In der Schau:
jpielerwelt hat ſich Heinrich Laube durch
das Aufgreifen und Heranbilden junger
Talente große Verdienfte erworben.
— —
Gedankenlaunen.
In liebeheißer Stunde ſchwur
Sie mir einen ſüßen Eid:
Zu lieben mich in ſteter Treu,
„Bis uns der Tod entzweit.“
Hãtt' fie den ſüßen Liebesſchwur
In Treu' gehalten fein,
Ich müßte, was den Eid betrifft,
Schon längſt geftorben fein.
Menn einmal das Strafenpflafter
Aus Spiegelgläfern beftänd’
Moraus eines Jeglichen Lafter
Man fiher und deutlich ertennt’:
Ich glaube, das wäre ein Mittel,
Daß Jeglicher bliebe zu Haus,
Und trieb’ man ihn aud mit dem Knüttel
Auf's Straßenpflafter hinaus. — —
Heuchleriſch Weinen
Indeß Du voll Luft —
Mie häßlich!
Heiter zu fcheinen
Und Schmerz in der Bruft —
Wie gräßlich!
Wir haben eine Polizei
Für große Verbreden und Kleine,
Und doch: für Schundpoeterei
Da haben wir leider noch feine... .
®. £. Müller.
— —
69
HSäuslicher Rath.
Gegen Blutungen. Es gibt
Blutungen, die durch nichts zu ftillen
zu fein feinen, auch nicht durch das
Auflegen von Spinnweben, Schwamm:
ftüdchen und Zunder, nicht durch das Be-
ftreihen der Wunde mit Tifchlerleim und
Ueberbinden von Charpie und alter
Leinwand. Aber einige Tropfen Eijen-
hyperchlorid auf die Wunde geträufelt,
jtilen das Bluten. Das Mittel ift in
der Apothefe zu haben und follte in
feiner Haushaltung fehlen.
In Frankreich braucht man gegen
Ratten, Mäufe, Fliegen, Wan
zen folgendes Mittel. Man löfet 2 7
geftoßenen Alaun in 4 Liter kochendem
Waſſer auf und gießt ſolches ſiedendheiß
in die Spalten und Riſſe hinein, wo
die Ratten und Mäuſe ihre Ausgangs:
löcher haben. Wenn man die Bettjtellen
mit dieſer beißen Löfung wiederholt
beitreiht, fo bleiben die Wanzen
fort. Gegen Fliegen und Wanzen ijt
es überhaupt gut, beim Weißen der
Wände und Deden diefe Mifchung von
Alaun in den Kalf zu thun. Die Flie:
gen fünnen den Geruch nicht ertragen.
Daß man in England eine Auflöfung
von Chlorzinf gegen Wanzen verwendet,
fei hier auch erwähnt.
Die Behandlung der Gold—
fifhe in Gläſern. In erfter Linie
benuge man hübſche Glasbehälter und
reinige fie jede Mode. Bevor man
leßteres vornimmt, bringt man die
Fiſche mittelft eines kleinen Netzes in
ein anderes Gefäß und wäſcht dann
das Fiſchglas mit lauwarmem Wafler
fauber aus. Seife darf nicht dazu ver:
wendet werden. Folgende Negeln find
hauptfählih zu beobahten: 1. Auf
ein Liter Waſſer nehme man nicht
mehr als einen Fiſch. 2. Man nehme
ſtets gleiches Wafler, ſei e8 Quell: oder
Flußwaſſer, und wechsle es im Sommer
täglih, im Winter jeden zweiten Tag.
3. Man bediene fih mehr tiefer als
ovaler Gefäße mit Heinen Kiefeln auf
werden müfjen. 4. Man ftelle die Ge:
fäße in den Schatten und in einen
fühlen Theil des Zimmers, 5. Man
bediene fih zum Fangen der Fische beim
Wechſeln des Waſſers nicht der Hand,
jondern eines fleinen Netes. 6. Man
füttere die Fische lieber mit Eigelb und
fleinen Fliegen, als mit Brod, und
nur jeden dritten oder vierten Tag,
und gebe nur fehr wenig auf einmal,
7. Vom November bis Ende Januar
füttere man fie gar nicht und nur fehr
wenig während der drei folgenden Mo:
nate.
Blind gewordene Fenfter
heiben erhalten ihren früheren
Glanz, wenn man diefelben mit feinem
Bimsfteinpulver abreibt.
Preifelbeeren aufzubemwah
ren. Man dünftet die gut gereinigten
Preifelbeeren mit einem Stück Zimmt
und Zuder ein, aber fo, daß ihnen
nicht aller Saft entzogen wird und bei
behutfamem Umrühren die Beeren ganz
bleiben. Dann gibt man fie in einen
Topf oder in ein Glas, verfchließt die:
ſes mit Papier, das man durchſticht,
und bewahrt fie an einem fühlen Orte,
So zubereitete Preifelbeeren dauern ein
ganzes „Jahr.
Reinen Mund Halten!
Jetzt, da der Spätherbit, der Win:
ter fommt mit feiner fcharfen Luft,
foll man's manden Xeuten in Erinne:
rung bringen, wie man athmen muß,
um gefund zu bleiben. Man foll mög-
lihit den Mund ſchließen und durch
die Nafe athmen. Durch den Mund
fommt die Luft falt und mitfammt al’
ihren Unreinigfeiten in die Lunge; durd)
die Schleimhäute der Nafe aber wird
die Luft erwärmt, „‚gefeicht‘ und fo
für die Lunge vorbereitet. Schon den
Kindern wird gejagt, daß fie den
Mund nicht offen halten; es ift aud
häßlich genug. Des Weiteren it es
vorzuziehen, auf dem windigen ober
dem Boden, die ebenfalls rein gehalten | jtaubigen Weg mandes gute Wort zu
70
unterdrüden, als durch das Deffnen der
Lippen manch' böfe Luft in die Bruft
zu lafien. Der häßliche Refpirator ift
nur darum fo nüßlich, weil er mit
Gewalt den Mund verſchließt. Halte
gern den Mund, fo bift du flug und
bleibft geſund.
Das Kind in Franfreih und Eng:
land.
Ein geiftreiher Franzofe fagte:
„Ich liebe die Kinder nur, wenn fie
weinen.”
„Barum 2“
„Dann trägt man fie fort.“
In Paris. Zwei Knaben treffen fich
in den Tuilerien.
„Warum bift Du denn ſchwarz ge:
fleidet ?
„Ob, mein Papa ift geftorben.”
„Haft Du ihn lieb gehabt, Deinen
Papa? |
„Oh ſehr.“
„Biſt Du traurig?“
„Oh nein.“
„Warum nicht?“
„Man hat mir geſagt, daß ich ihn
im Himmel wieder ſehen werde.“
„Ah bah“, antwortet der Junge,
ein künftiger Voltairianer, „Du wirſt
ihn nicht erkennen!“ |
„Ganz gewiß. Wenn ich in den
Himmel fomme, werde id) einen Engel
ſuchen mit einer rothen Naſe — das
ift Papa!“
In Paris. Zwei Mädchen ftehen
vor einer Statue des Jupiter.
Das eine: „Iſt's ein Mann oder
eine Frau?“
„Das andere: „Woher foll ich's
wifjen, es hat ja feine Kleider an.’
In England fommen auf 51 Mord:
fälle 50 Kindesmorde. Eine Schuld |
daran ift, wie dad Parlamentsmitglied
Charley bemeif, die — zu hohe
Strafe, melde bisher auf Kindes:
mord gefeßt war. Der Kindesmord
wurde mit dem Tode beftraft. Dadurch
ſchreckten die Gefhwornen oft vor dem
Schuldig zurüd und aus Furdt vor
zu großer Härte ſprachen fie die fchul-
digen Mütter frei. So hat fi der
Kindesmord in fchredliher Weife in
den unteren Clafjen Englands einge:
bürgert.
Jede englifhe Familie arm oder
reich, ift mit Kindern gefegnet. Die
Königin geht mit gutem Beifpiele voran,
fie hat neun Kinder. Zehn, zwölf bis
fünfzehn Kinder in einer englischen
Familie find nichts Meberrafchendes. In
der Regel haben die Biſchöfe und Ar:
beiter die meiften Kinder. — Troß ber
ungeheuren Sterblichfeit bleiben dennoch
immer viele am Leben. Diefe find wohl
daran; die Noth und Entbehrung ftählt
die Nerven armer Leute Kinder und macht
fie tüchtig im Kampfe um’s Dafein.
Die Kleinen in England wiſſen
ſich meift gar männlih zu geben.
Da fieht man ungen, wie fie bei
und vor einer Eidechſe davonlaufen,
fleine Schlangen, gel und ähnliche
Kostbarkeiten einfangen und in den
Salon auf den Arbeitstifh ihrer Mama
tragen; zwei ungen von 8—10 Nah:
ren, die ein Boot losmadhen, um „auf's
Meer fpazieren zu fahren‘‘. Ein anderer
Junge, der mit feinem Pony Anlauf
nimmt, um einen Fleinen Bach zu über:
fpringen, antwortet ruhig auf die War:
nung des Reitknechtes:
„ob, wir fönnen fchwimmen, id)
und mein Pony.‘
Derjelbe Eleine Mann ift e8 wahr:
fcheinlih, der drei Damen, die vor
einer ihnen entgegenfommenden Heerde
Angit haben, ruhig jagt:
„Ob, haben Sie feine Angft, ver:
ſtecken Sie fid hinter mir.’
Ein Junge von fünf Jahren fagt
feinem fugelrunden Onkel, der in fpä-
ter Nacht nicht nah Haufe gehen will:
71
„Wenn Du Furcht haſt, Onkel
John, ſo begleite ich Dich bis zu Euerm
Hauſe
Später kommt der Onlel, um ſei—
nen Liebling im Penſionat zu beſuchen.
„Wie geht's, Baby? Machſt Du
Fortſchritte ?“
„Ausgezeichnet! Ich kann ſchon drei
Jungen niederboxen; mein Bruder Fried⸗
rich aber boxt unſer ſechs zu Boden —
ſogar mich!“
„Kleiner, man muß ein Mann
fein!“ ſagt der engliſche Vater zu fei-
nem Göhnden. „Man muß Willen
haben und Kraft und Muth und Cha:
rakter.“
Strafe muß ſein!
Der junge Kaiſer von China, gegen:
wärtig ſechs Jahre alt, genießt eine
ftrengere Erziehung, als das fonft bei
jo vornehmen Leuten zu gefchehen pflegt.
Im Gabinete des jungen Prinzen ift
jelbft dad Bambusrohr zu finden, um
dem hoffnungsvollen dereinftigen Be:
herrſcher des „himmlischen Reiches“ einige
Ungezogenheiten abzugewöhnen, und ihn
zu größerem Fleiße im Bogenſchießen,
Reiten und berlei Künften, insbefondere
in Erlernung der Gedankenzeichen der
Schrift und der Mandſchu-Literatur an:
zuſpornen. Nicht felten kommt das
Bambusrohr dabei in Verwendung, doch
felbjtverftändlich nicht für den geheiligten
Rüden des jungen Kaifers, fondern für
den eines treuergebenen Unterthans.
Das hochwichtige und verantwortungs:
volle Amt des Hof:-Sündenbodes befleidet
irgend ein bevorzugter Knabe, der im
gleichen Alter mit dem Prinzen ift und den
erhabenen Titel „Haha:Chute* trägt.
So oft der hohe Zögling nichtsnutzig
ift, kriegt der Heine Haha:Chuge die
Schläge. Denn Strafe muß fein! Darüber
find aud die Chinefen im Reinen; und
dem edlen Prinzen wird nachgefagt,
daß er feine Strafe, die auf den Rüden
des Vertreters fällt, ſtets mit heroiſchem
Gleichmuth zu ertragen wife. Der Heine
Haha:Chuge fol tagaus tagein feinen
blauen Nüden haben.
Die Knabenſchlacht zu Cham.
ALS im dreißigjährigen Kriege der
Schwedenkönig und der öfterreichifche
Feldherr Tilly einander befämpften, ba
hätten die Leute es bei jeder Schlacht
gerne voraus gewußt, wer fiegen fol.
Um das zu erfahren, hatten die ſchlauen
Bürger der bairifhen Stadt Cham,
welche zu den Defterreichern hielten, eine
See. Sie fonderten die Heinen Knaben
ihrer Stadt in zwei Theile und ftellten fie
einander fampfbereit gegenüber. Auf der
einen Seite waren die Kinder der Bor:
nehmeren, frifh aufgewichſt und mit
guten Waffen verfehen; das waren bie
Defterreicher, mitten unter ihnen mit
braunem Wamms uud rother Hofe der
| Tilly. Auf der anderen Seite ftanden
f
|
die Kinder der armen Bevölkerung, bie
befamen jchlechtere oder gar feine Waffen,
denn fie waren der Feind — die Schweden
und hatten unter fich den blaufitteligen
Guſtav Adolf. Die Defterreicher friegten
vor der Schlaht gut zu effen und zu
trinfen; die Schweden durften Waſſer
trinfen jo viel fie mollten. Darauf
rüdten die beiden Heere unter Mufif
und Hurrahb auf einander los. Die
Defterreicher hieben mit ihren hölzernen
Schwertern und blinden Musketen wader
drein. Die Schweden aber waren erbittert,
daß fie — gleichwohl die Kinder einer
und bderfelben Stadt — den Anderen
gegenüber jo jehr benadhtheiligt wurden;
fie fämpften mit Wuth, fchleuderten ihre
ſchlechten Holzitäbe weg, griffen den
Feind mit bloßen Fäuften an, warfen
ein „Herrenbübel” um's andere in den
Sand, errangen mit wilden Gejohle die
Fahne und fiegten.
Das war nicht nad dem Sinne der
ehrfamen Bürgerfchaft von Cham. „Das
gilt nichts!" fagten fie, „noch einmal
von vorne anfangen, die Defterreicher
müfjen fiegen!" Da ftärkten ſich die
72
Knaben der Vornehmeren, da tranfen
die jungen der Aermeren wieder frifches
Waſſer, da fingen fie noch einmal an.
Die Defterreiher zogen mit neuem
Muthe aus; die Schweden jedoch waren
wüthend über das offenbare Unrecht,
das man ihnen anthat, fie rauften
löwenhaft und fiegten wieder.
Das war den Bürgern eine fchlimme
Vorbedeutung; denn fie hatten Die
Kinderſchlacht veranitaltet, um die An-
deutung zu gewinnen, auf welder Seite
bei dem nächſten Zufammentreffen der
beiden großen Heere der Sieg fein werde.
Nun, und der nädfte Sieg war
allerdings bei den Schweden. Doc die
Kriegänoth ging vorüber, aber die arme
Bevölkerung von Cham hat es bis heute
nicht vergefjen, wie fie durch ihre vor:
nehmeren Mitbürger damals gedemüthigt
worden war, und heute noch ift fie ftolz
darauf, nicht etwa, daß fie den Ruhm
der Schweden erhöht, fondern daß fie
die Ehre ihres Standes gerettet hatte.
Auf der Jagd in Indien.
Man mag über das Rohe und Grau:
fame der Jagd fagen was man will,
fie ift und bleibt doch auch da, wo fie|-
nicht des Bedürfniſſes wegen ausgeübt
wird, ein edles und fräftiges Vergnü—
gen; die ftrengen Jagdrechte und Ge:
jege beftehen in Indien, wo Ueberfluß
an Wild ift, nicht, und fo wird fie
denn da auch feine Urfache unerlaubten
Verbrechens, ich meine des Wildfrevels.
Hier wird überall gejagt, von Europäern
und Eingebornen, und der Jäger wird
überall freundlich empfangen. Die Jagd
hat bier etwas Eigenthümliches, ich
möchte jagen Ritterliches, was fie bei
uns nicht mehr befigt.
Unfere Jagden find oft nur Mord:
partien, wo das Wild vor die Gewehre
der Jäger getrieben wird, und die größte
Gefahr dabei befteht wohl darin, daß man
von einem ungeſchickten Jagdfreunde ftatt
des Wildes den Schuß befümmt. Ob—
wohl die Makafjaren und Buginefen gute
Schützen find, ja felbft oft mit der Büchfe
nad) der Scheibe ſchießen, jo machen fie
höchſtens in unferer Gejellihaft davon
auf der Jagd Gebraud (ich fpredhe
hier nit von einzelnen eingebornen
Jägern, welche im Dienfte von Europäern
jtehen); das Sciepgewehr gebrauchen
fie eigentlih nur im Kriege oder fonft
zu ihrer Vertheidigung. Am Liebften
jagen fie mit Schlingen, welche fie mit
jehr viel Gefhid für alles Wild, zum
Beifpiel Vögel, Hirſche u. ſ. mw. zu
ftelen willen; ihr Hauptvergnügen ift
aber die Jagd zu Pferde, melde vor:
züglich gegen Hirfhe und wilde Büffel
angeftellt wird. Soll eine folche grö-
Bere Jagd gemadt werben, jo wird oft
ein Theil des Waldes, wo man viel
Wild weiß, mit Striden uingeben, an
welchen in einiger Entfernung von ein:
ander große trodene Blätter oder Zap:
pen Zeuges hängen, durch welde das
Wild zurüdgefchredt und eingeſchloſſen
wird; hat aber ein muthiger alter Hirſch
einmal über diefe illuforifche Barriere
gejegt, oder dieſelbe durchbrochen, fo
folgt ihm der ganze Trupp, was Die
Jagd nicht beendigt, aber erjchwert;
dies gefchieht nur bei größeren, beſon—
ders fürftlihen Jagden.
Zu diefer Jagd dreffiren die Ma:
kaſſaren und Buginefen die beften ihrer
vortrefflihen Pferde, und fein Europäer
fann es wagen, ohne die größte Yebens-
gefahr mitzujagen, meswegen fie aud)
gewöhnlih nur Zufchauer find. Solche
Jagdpferde heißen fie Kuda perlari
(Rennpferde); fie find ſehr theuer und
werden in der Regel nie verfauft; aber
jo wie ſchon in der liade der Pferde:
| diebftahl des Ulyſſes und Idomeneus
als eine Heldenthat befungen wird, Jo
ift auch bier der Diebjtahl berühmter
Sjagdpferde Feine gemeine That, fondern
die eines fühnen Mannes, melde aber
oft zu Fehden Anlaf gibt. Wenig
Pferde halten e8 lange aus, wie man
leicht aus der Befchreibung diefer Jagd
einjehen wird,
73
Der Jäger figt auf makaſſar'ſche
Weife zu Pferde, d. 5. er hat nur ein
feines lojes Kiffen; an dem meffinge
nen Gebifje des Pferdes ift eine Schlinge
feftgemadht, und die Zügel von Rottang
hält er mit ausgeftredtem linfen Arme
hinter den Ohren deöfelben gefaßt. In
einem Sclingenträger, welcher zwiſchen
dem unteren und mittleren Drittel der
Lanze befeftigt ift, hängt die Schlinge;
die Lanze ſelbſt aber, von zierlichem
Bambus verfertigt, trägt er mit der
eifernen Spite nad unten. Ueber dieſe
Klinge ift eine hölzerne Scheide (Sarong)
geftedt, womit der Reiter die Lanze
zwifhen den erjten zwei Zehen feithält.
Sobald fih nun ein Hirfch fehen läßt,
zieht er die Lanze, die Spite nad) unten
gerichtet, heraus, und nun geht es in
vollem Rennen über Stock und Stein,
Straub und Graben hinter dem Wilde
ber, bis es ihm gelingt, die Schlinge
über die Gemweihe und den Kopf desſel—
ben zu werfen. Man fann fich leicht |
denken, welde Sprünge der fo gefan-
gene Hirſch macht, und melden Ruck
dad Pferd, an deſſen Stange die jebt
von der Lanze oder vielmehr von dem |
an derjelben befindlichen Sclingenträ-
ger getragene Schlinge befeftigt ift,
auszuftehen hat. Will der Jäger nun
den Hirfch todt haben, jo macht er
ihn mit der Lanze ab; will er ihn
lebend, fo fommen ihm andere zu Hilfe,
und derjelbe wird dann an den vier
Füßen gebunden mweggebradt.
Wie viel bei diefer Jagd auf die
Güte des Pferdes ankommt, iſt leicht
zu begreifen; auch werden die meiften
alten Jagdpferde ſchwach auf den Vor:
derfüßen, ftraucheln daher; dieſe Pferde
find aber fo erpicht auf die Jagd, daß
fie, wenn aud ein Reiter abfällt, dann
die Jagd allein fortfegen. Durch die
eigenthümliche Befeftigung der Schlinge
am Gebiffe oder der Stange des Pfer:
des jtrauchelt und ftürzt dasfelbe leicht,
wobei der Jäger in der Negel über
feinen Kopf auf die redte Schulter
ftürzt, weswegen Brüche des Sclüffel:
beined gar nicht zu den Geltenheiten
gehören; die Eingebornen lieben aber
diefe Jagd fo leidenfhaftlih, daß ich
einen Häuptling kannte, welder ſich
dasfelbe fiebenmal gebrochen hatte, mas
ihm aber doc diefe Jagd nicht verlei:
tete. Nicht immer läuft es aber mit
einem Schlüffelbeinbruche ab, auch man:
cher verliert das Leben bei diefer Jagd.
Verfafler diefes wohnte im Jahre 1841
einer foldhen großen Jagd bei; einer
der in die Schlinge verftridten Hirſche
iprang dem Jäger mit den Vorderläu—
fen auf die Bruft, ein Strom von
Blut ftürzte aus feinem Munde, und
er blieb todt liegen. In der Zeit der
englifchen Herrſchaft wollten einige eng:
liſche Offiziere die Jagd auf Diefe
Weiſe mitmaden: ein paar brachen den
Hals, andere Arm oder Sclüflelbein,
und darauf ließen die übrigen es blei:
ben; ſelbſt von auf Gelebes geborenen
Abfömmlingen von Europäern Fannte
ih nur drei, die dies wagten.
Etwas verfchieden ift die Jagd der
wilden Ochſen (bos sundaicus) und
Büffel.
Dem Rude eines Büffeld würde
fein Pferd widerftehen fönnen, deswegen
ift hier das Ende der Schlinge, welche
aus einem Stride von Büffellever ge:
madt ift, auch nit an der Stange
des Pferdes feſtgemacht, fondern an
einem hafenförmig abgejfägten Stüde
Hirfchgeweih. Die Schlinge wird dem
Büffel auf die ſchon angegebene Weife
über den Kopf geworfen, dann läßt
man ihn mit dem weggeworfenen Hafen
laufen; bald hat diefer einen Straud)
oder den Stamm eines Baumes gefaßt,
worauf der fih immer mehr erdroſ—
jelnde Büffel mit der Lanze abgemadht
wird, was in der Negel weniger gefähr:
lich iſt; ebenſo geht es auch mit der
Jagd der wilden Ochſen.
Die Europäer erlegen all’ dies Wild
auf ihre Weiſe. Obwohl die wilden
Schweine ein ausgezeichnetes und häufig
vorfommendes Wildpret find, fo wer:
den fie in der Regel nur von Europäern
gejagt. Der mohamedanifche Eingeborene
74
trägt fie als unreine Thiere felbjt nur Der Rame Amerika.
ungerne nad Haus.
Die Hirſche find in einigen Gegen: Nachdem der Venetianer Amerigo
den in foldhem Weberfluffe, daß ihr ge Veſpucci nun Jahrhunderte lang als
trodnetes Fleiſch (Deng-Deng) z. B. in der Mann gegolten hat, von welchem
Boni einen nicht unbedeutenden Han; | Amerifa feinen ‚Namen herleitet, hat
delsartitel ausmacht; da aber die Ein: | man jetzt, wie bie „Ill. Welt“ erzählt,
geborenen die Häute nicht zu behandeln | entdedt, daß ber Name dieſes Welt:
wiſſen, fo find diefe ohne Werth. theils einen ganz anderen Urjprung hat.
Selten ift aus abergläubif—hen Grün: In der zum centralamerifanifgen Staate
zeiten iſt aus aberglaubiſchen Grun⸗ | Nicaragua gehörigen Provinz Chontales
den die Jagd auf das Krokodil, obgleich | gefinpet fih nämlich eine hohe Hügel:
dasfelbe jährlich noch manchen, der nicht | _,; . — ge
a er a e reihe, welche bei den Eingebornen ſeit
zu feiner Familie gehört, verſchlingt. Indentlicen Zeiten ſchon Americ, Amme—
Sch wohnte einmal einer folden Jagd, | rique oder Amerique genannt wurde,
welhe nur durd Europäer unternom: und diefer Name foll dann nad der
men wird, bei. Wir fuhren Mittags, Entdeckung durch die Europäer auf ben
wenn das Krofodil am Ufer feine Siefta | ganzen weftlichen Continent ausgedehnt
hält, den ein paar Stunden nörblid) | worden fein. Jules Marcoue ftellte
von Makaſſar gelegenen Fluß Kaimba dieſe Behauptung zuerft im Märzheft
in drei Prauen herab, von welchen jede | des „Atlantic““ auf, und es gelang ihm
außer den nöthigen Ruderern noch mit 6—8 | auch, feiner Theorie eine gewiſſe Glaub:
Jägern bewaffnet war; die eine Hälfte würdigkeit zu verleihen. An erfter Stelle
derjelben in jeder Prau bewachte das | hie Veſpucci mit feinem Vornamen
rechte, die andere das linke Ufer. Ein ihon nicht Amerigo oder Americus,
nicht ſehr geübter europäifcher Jäger ſondern Albericus, und man fchrieb
würde das im Gebüfhe am Rande des |diefen Namen fpäter nur leichtfertig
Fluſſes unbeweglich ruhende Krokodil auch in der erſten Manier, wie er ſogar
wohl ſchwerlich für etwas anderes, als manchmal als Morigo vorkommt. Es
einen Baumſtamm halten; aber das iſt der ſtärkſte Beweis dafür vorhanden,
Falkenauge des Eingebornen (man nimmt ſagt J. Marcoue, daß dieſes die bereg—
zu dieſem Zwecke gewöhnlich Javanen, ten Hügel bezeichnende Wort Americ
oder Makaſſaren, welche keine Vettern ein einheimiſches iſt, und die Endung
des Krokodiles find) entdeckt ihn ſogleich, ique oder ic kommt bei Ortöbezeichnun-
und er zeigt uns denſelben; die Gewehre gen in der Sprache der Lenka-Indianer
werden auf den Hals des Thieres ge- und in Centralamerika überhaupt ſehr
richtet, und auf das Commando: Feuer! häufig vor. Ja, der ganze Name Ame—
zugleich abgedrückt; gewöhnlich thut nun rique iſt heute noch dort mit der vor:
das Krokodil einen entjeglihen Sprung | beregten örtlihen Bedeutung gerade fo
in den Fluß, treibt aber bald, tödtlich gang und gäbe, wie im Jahre 1502,
getroffen, auf feiner Oberflähe. Man |als Columbus daſelbſt einen Beſuch
kann fi eine dee von der Menge | abgeftattet haben fol. Er legte damals,
diefer Beftien mahen, wenn ich erzähle, um feine Schiffe zu repariren, zwiſchen
daß wir im beiläufig zwei Stunden | der Heinen Inſel La Huerte und dem
wohl zwanzig derfelben tödteten. Vom | Feftlande an. Columbus thut in einem
todten Krofodile wird fein Gebrauch | Schreiben verfchiedener goldreiher Loca:
gemacht, es bleibt im Waſſer liegen, |Titäten Erwähnung und nennt darunter
und wird dann fpäter von feinen Brü- auch die an die Americ-Kette angrenzende
dern verzehrt. Provinz Ciamba oder Carambura. Des:
halb muß er aber auch jedenfalld den
Namen jener Hügelreihe gehört haben.
75
Wenn trogdem derfelben in feinem
Journal feine Erwägung geſchieht, fo
läßt fi dies aus dem Umftand erflä-
ren, daß er zur Zeit der Abfafjung
desfelben, mit Ketten beladen, alt,
ihwah und von Leiden und Ungered:
tigfeit niedergedrüdt, ſich als Gefange:
ner auf Jamaika befand. Das Wort
„Americ““, bemerft Herr Marcoue,
gleichbedeutend mit diefem Goldland,
wurde nun in den Geehäfen Weftin:
diend und dann in jenen von Europa
befannt. Es drang allmälig in das
Innere des Continents vor und hatte
auch in Franfreih, nah dem Zeugniß
eines Druckers und Buchhändlers in
St. Die am Fuße der Bogefen, die
Geltung eines indianifhen Wortes,
weldes eine an Goldminen reiche Gegend
in Neu-Indien bezeichnete. Daher alfo
das Wort Amerika.
Eifenbahnnet der Erbe.
Für die einzelnen Welttheile erge:
ben fih nachfolgende Gefammtfummen
der gegenwärtigen Eifenbahnlängen, wo:
bei zur Bergleihung die Zahlen: aus
früheren Jahren daneben geftellt find.
Eifenbahnen waren im Betriebe (in
Kilometern) am Schluffe des Yahres:
1860 1865 1870 1875
in Europa 51.544 75.149 103.744 142,807
in Aſien .. 1.397 5.568 8.132 12.302
in Afrifa.. 496 837 1.773 83.279
in Amerifa. 53 235 62.735 96.398 133.914
in Yuftralien 264 825 1.812 2.820
Totale 106.936 145.114 211.859 204.122
Es hat ſich hiernach die Länge aller
Eifenbahnen in den lebten 15 fahren
nahezu verdreifacht und in den letzten
10 Jahren mehr als verdoppelt.
—
Neue Eiſenbahnwaggons.
In England iſt der Verſuch gemacht
worden, Eiſenbahnwaggons für Ver—
gnügungsreiſende als vollſtändige Woh—
nung mit Küche und Keller einzurichten
und dieſelben für beſtimmte Zeit zu ver—
miethen. Der Miether kann auf allen
gleichſpurigen Bahnen im Lande herum—
fahren und doch dabei die Bequemlich—
keit des Heims genießen. Die Idee hat
Ausſicht auf eine erfolgreiche Zukunft.
76
Bücher.
Deutſche Literaturgeſchichte
für Frauen und Jungfrauen von Edmund
Hoefer. Stuttgart, A. Kröner.
So viele Literaturgeſchichten gibt
es, daß ich nun bald einen Schriftſteller
kennen zu lernen hoffe, der uns mit
einer „Geſchichte der Literaturgefchichten‘
verfehen wird. Hoefer fchrieb fein Bud
vorzugsmweife für Frauen und zwar in
ziemlich kurzer, doch gediegener Faſſung,
Har fortirend und gut verjtändlicd. So
fönnen wir’3 brauden. Die ältefte und
ältere Zeit bis zum 18. Jahrhundert
hat Hoefer gewiffermaßen in der Kürze
einer Einleitung gegeben. Vom Anfange
des 18. bis zur Mitte des gegenwär—
tigen Jahrhunderts ift der Stoff aus:
führliher behandelt. Die neuefte Zeit
ift kurz abgethan. Unter unferen heimijchen
Dichtern zeichnet der Verfaſſer Anaftafius
Grün und Nobert Hamerling aus. Mit
Mohlwollen fpriht er auch von vielen
Andern — ja zu Leide thun will er
gar Keinem etwas. Hingegen verdammt
er um fo fchärfer die moderne Literatur
im Allgemeinen al3 eine ‚Literatur des
Leichtſinns, der Leichtfertigfeit, der Un:
natur, und des Ungefchmad's, die nur
no vom Effect, von der Senfation, von
Scandal, von Reizmitteln jeder, auch
der ertremjten Art etwas weiß und will,
und feinen reinen, dauernden Eindrud
hervorzurufen, fondern nur für den
Augendblid zu unterhalten, d. 5. zu
beraufhen und zu betäuben beabfichtigt‘‘.
— Wir aber behaupten, daß auch die
moderne Literatur große Talente und
glänzende Schöpfungen aufweift, welche
jelbft dem Strengjten reine Freude
zu machen vermögen. Wir haben noch
Iyrifhe und epiſche Dichter voll Ge:
danfentiefe und Gedanfenreihthum, voll
Empfindung und Phantafie, vol Kraft,
Melodie und Neinheit der Sprade.
Wir befigen Dramatifer von Geſchmack,
Einficht, Kraft, Feinheit und Bühnen:
gewandtheit; wir haben große und glän:
zende Erzähler, welche feinen früheren
nachſtehen, ja die meiften von diefen in
jeder Richtung übertreffen. Wir finden
Mande, welche wir als rechte Hüter,
Pfleger und Verkünder der wahren Kunft
zu verehren haben, die den Eingebungen
der echten Mufe gehorhen. — Ganz
dasfelbe fagt ja auch Edmund Hoefer
und zwar auf derfelben Seite, auf
welcher er das oben angedeutete harte
Urtheil ſpricht. — Aber feine beftimmte
Richtung, fährt er fort, habe die Lite
ratur der Neuzeit; „Jeder geht feinen
eigenen Weg und fchreibt was und wie
er es mag.“ — Wir denken, das
ift immer fo gemwefen, und uns find
die Pfadſucher lieber als die Epi:
gonen. Das Eine mag wohl auch ge:
wiß fein, daß es nach einer Blüthe-
zeit der Literatur — fo wie fie unferen
Tagen vorauögegangen — ſchwerer ift,
die Anſprüche zu befriedigen, als vor
einer folchen.
Im Herbft gefammelt.
Bunte Fahrten von Friedrich Lampert.
Zwei Bände, Verlag von Richter und Kapp-
ler in Stuttgart,
„Wem Gott will rechte Gunſt er:
weifen, den ſchickt er in die weite Welt“,
jagt das Lied; ich möchte beifügen: „und
doppelt glücklich der zu preifen, dem ſich
ein froher Genoſſe gejellt!" Ein fol
froher Genofje für Jeden, er mag mit
Sad und Stab, oder er mag im Schatten
der heimatlihen Linde ruhend in Ge:
danken die Welt durchwandern, ift Friedrich
Zampert mit feinem Buche: „Im Herbit
geſammelt“. In diefem Buche erzählt
der Verfafler feine bunten Fahrten und
Wanderungen in den öjterreichiichen und
ichweizerifchen Alpen, im bairifchen Hoc:
gebirge, im Schwarzwalde, in den frän—
fiichen Bergen, auf der Donau und am
Dftfeeftrande. Und wie reift er? und
wie erzählt er? immer fundig, immer
heiter, immer die Eigenart von Land
77
und Leuten vafch erfaffend ; und überall
gefällts ihm. Selbft den gefürdhtetiten
Dämon der Touriften, dad Negenwetter,
weiß er ſich dienjtbar zu machen dadurch,
dag er dachſuchend einzieht in die
Wohnungen jener Volksklaſſen, die fich
auf offener Straße nimmer geben, und
ihre Lebensweiſe jtudirt. Bietet fich aber
unter flarem Himmel die Natur in ihrer
Größe ihm dar, fo lodert feine Seele
auf in Begeifterung und Dankbarkeit.
Die Beichreibung feiner Fahrt auf die
hohe Salve, die Schilderung des Waſſer—
falles der Krimmler-Ache, des Glodner,
des Ortlesbildes, des Vintjchgaues, des
Genferjees, des Chamounithales u. f. w.
find wahre Hymnen. Die Schilderungen
jind Mar und geben dem, der es über:
haupt verjteht, landfchaftliche Schönheiten
zu fehen, ftets ein richtiges Bild. Die
Stimmung des ganzen Buches ift die
der Freude und Befriedigung, und nicht
oft in der modernen Literatur findet
man ein Werk, dem man diefed Lob
fagen fann.
Aus Italien,
Sieben Monate in Kunft und Natur von
Alfred Graf Adelmann. (Stuttgart, Verlag
Richter und Kappler).
Ein neues Buch über Italien, gui
gemeint, hübſch ausgejtattet, fonft aber
unbedeutend, Der Verfaſſer fucht nicht
fo ſehr die Dinge zu bejchreiben, als
vielmehr fein Hochgefühl der Freude
und der Dankbarkeit auszudrüden und
felbft ſolches nur in den allergewöhn—
lichſten Redeformen. Der Berfaffer ift
gewiß ein ſehr guter, gefühlvoller Mann,
aber fein Reifebuch hätte er doch beſſer bloß
für feine Befannten und Verwandten
ſchreiben follen.
GErereitium Salamandris!
Neue, humorift. Gedichte von Ernft Edftein.
Leipzig 3. F. Hartknoch. (Zweite Auflage.)
Ein ſchalkhaftes, reizendes Büchlein
— ganz für bemoofte Häupter und alte
Junggeſellen gefchrieben. Für die Stu:
dentenwelt im Allgemeinen bietet das
Bud etwas zu wenig Exereitium Sala-
mandris, hingegen wird der Studirende
in demjelben andere Dinge finden, die
ihm auch nicht unangenehm find. Nur vor
den Badfifhen — möchte ich ergebenft
bitten — diefe Gedichte gut zu verwahren !
Die Saligen.
Erzählendes Gediht von Angelika Hör-
mann. (Bera Eduard Amthor.)
Diefem Gedichte liegt die tirolifche
Sage von den Saligfräulein zu Grunde ;
es behandelt die Geſchichte eines jungen
Ehemannes, der ob den jchönen Salig-
fräulein, die auf der Salgenwand des
Vintſchgau haufen, fein Weib vergißt.
Ein idyllifher Anfang, eine fpannende
Entwidlung, ein tragiſcher Schluß. Das
reale Leben ift mit der Sage auf das
Slüdlichjte verwoben. Die Form des
Ganzen iſt anmuthig. Der epiſche Ton
trefflih durgeführt. Die kleine Dichtung
verräth ein großes Talent.
Geftrüpp.
Novelliftifche Skizzen von Mazimil. Bern.
(Leipzig, Verlag von Philipp Reclam jun.)
Das 785. Bändchen der Univer:
fal-Bibliothef enthält ſechs kleine Erzäh:
lungen von dem Verfafler der vortreff:
lichen Novelle: „Auf ſchwankem Grunde“.
Wir merken in Berns Schriften einen
Haud Theodor Storm'ſchen Geiftes, fo
in der Wahl des Stoffes, fo bie und
da in der Ausführung. Herzbewegend
ift im „‚Geftrüpp‘‘ die Feine Geſchichte:
„Eine feltfame Grabſchrift“. Die Ge:
liebte und die Mutter eines jungen
Mannes liegen im Sterben. Der junge
Mann verläßt die Mutter und meilt
bei der Geliebten. Diefe wird gerettet,
und gleichzeitig kommt ihre Treulofig-
feit an den Tag. Zerriſſenen Herzens
fehrt der Jüngling zur Mutter zurüd
und findet fie todt. Auf ihren Grab:
ftein fegt er die Worte: „Ein reu:
müthiger Sünder feiner unvergeßlichen
Mutter.” — Die fünf übrigen Erzäh:
lungen: „Der Bauchrebner“, „Gelbe
Rosen“, „Carola”, „Schön Lieschen“ und
„Selbſtlos“ ſchließen fi, was den Gehalt
betrifft, mehr oder minder der erjten an.
78
Anaftafius Grün T.
An 12. September um 3 Uhr
45 Minuten ift in Graz der große
Dichter Anaftafius Grün (Graf Anton
Auersperg) geftorben.
Am 11, April d. J. hat das Va—
terland den fiebziajährigen Geburtstag
Auersperg3 gefeiert. Dieſes Eine iſt
es ja, was unfere tiefe Wehmuth viel-
leiht etwas lindern mag, daß wir es
ihm noch früher jagen fonnten, wie
jehr wir ihm danken, wie jehr wir
ihn lieben.
Heute ſeien Leben und Werke
Anaftafius Grün's nur kurz darge
jtellt. Wir werden fpäter in der Lage
jein, manch Syntereffantes von diefem
hochbedeutenden Manne, der nun für
immer von uns gejchieden ift, zu er:
zählen — mohl als traurigen Erjag
für die Mitarbeiterfchaft, die der Dich:
ter uns für dieje Zeitjchrift jo bereit:
willig zugejagt hatte. |
Anaftafind Grün ift geboren als
Anton Alerander Graf von Auers—
perg am 11. April 1806 zu Laibach.
Der Knabe wurde ftandesgemäß er:
zogen. Im Jahre 1813 fam er
an die Maria Therefianifhe Ritter:
Akademie nah Wien. Hier verblieb er
fünf Jahre; er follte die militärische
Laufbahn betreten. Aber eine Neigung
zu Studien führte ihn mad Graz
zur weiteren Ausbildung und fpäter
al3 Hörer der Nechtsfacultät an die
Univerfität Wien. Schon auf den Bän-
fen der Lehrjäle traf er mit Geiftern
zuſammen, die jung und Eräftig gleich ihm
emporblühten. Darunter waren Niko:
laus Lenan, J. ©. Seidl, Bauernfeld.
Nah Beendigung der Studien bereifte
Graf Auersperg die Länder, in denen
es damals bereit licht zu werben be-
gann, während über Oeſterreich noch
die Nacht lag. Schon in früher Ju—
gend hatte fich in ihm der Dichtergeift
geregt; nun gab er demfelben das
erſtemal Ausdrud. Er veröffentlichte
im Jahre 1830 Gedichte unter dem
Titel: „Blätter der Liebe.“ Diefen
folgte bald ein erzählendes Gedicht:
„Der letzte Ritter”, welches den Kai:
jer Mar I. zum Helden hat. Auf
dem Titelblatte diefer Werke nannte
er fih Anaftafius Grün. Ein Dichter
fein, war damals in Defterreich gerade
feine Ehre; aber der junge Graf mochte
wohl auch noch andere Gründe haben,
feinen mahren Namen zu verhüllen.
Ein Jahr nah dem „lebten Ritter”
erihien von Anaftafius Grün ein Bü—
chelchen unter der Ueberſchrift: „Spa:
ziergänge eines Wiener Poeten?“ Die:
ſes Merf führte muchtige Schläge
gegen die Machthaber, gegen Tyrannen
und Pfaffen, während e3 glühende
Liebe zum Baterland und hohe Ber:
ehrung für echte Mriefter fundgab.
Aber jo Scharf und fe hatte bisher
noch Keiner gejchrieben. Die „Spa:
ziergänge“ wurden von ber Genfur
verboten — vom Bolfe jedoch umſo
eifriger gelefen und verbreitet. Dieje
Gedichte haben in Defterreich den Geift
einer neuen Zeit erwedt. Man hatte
den Dichter bald errathen und er ift
der Liebling des Volkes geworden.
Man fand es für gut, dem Aelte—
jten einer gräflihen Linie auf feinem
Stammgute Thurn am Hart nichts
in den Weg zu legen. Allmälig find die
Merfe, „Schutt“, „Gejammelte Ge:
dichte”, „Nibelungen im Frack“ erjchie:
nen; fie alle waren voll Tieblichen,
freifinnigen Geiftes.
Nicht weniger bedeutend, wie als
politifcher Dichter, it Anaftafius Grün
als Lyrifer und Epifer, und als jol-
cher nehört er zu den beften deutichen
Dichtern der neuen Zeit.
Im Jahre 1839 heiratete Graf
Auersperg die Gräfin Marie v. Attems,
mit welcher er eine fiebenunddreißig:
jährige, glückliche Ehe führte,
Im Fahre 1848 ift Graf Anton
Anersperg in das Frankfurter Parla—
ment gewählt worden; er ließ ſich
79
aber von diefem bald ausscheiden. Ym
Sabre 1850 erihien von ihm Die
ländlihe Dichtung: „Der Pfaff vom
eines neuen Werkes ein, melches unter
dem Titel: „In der Veranda” in
furzer Zeit erfcheinen fol. Der jugend:
Kahlenberge”. Im Jahre 1852 ord— | lich friſche Geift mag wohl noch andere
nete er die Herausgabe der Gedichte | Pläne gehabt haben, uns zu erfreuen
des in Wahnſinn geftorbenen Lenau
an. Hierauf war NAnaftafius Grün
ziemlich ftill geworben.
ALS aber im Jahre 1861 das
neue conjtitutionelle Leben in Deiter:
reich erwacht war und Graf Auers—
perg in's Herrenhaus als lebensläng:
liches Mitglied von Schmerling vor—
geſchlagen und vom Kaiſer berufen
wurde, da erſtarkte in dem hochgeiſti—
gen Manne neues Leben. Wo es ein
freies Entfalten Deiterreih8 zu erfäm:
pfen galt, da wirkte Graf Anton Auers:
perg in erjter Neihe durch Schrift und
Wort. Aus dem „Spaziergänger” war
ein Kämpfer und — Sieger geworben.
Was fein Lieb gejungen, jein ehern
Wort mahte es nun zur Wahrheit.
Er war ein echter, treuer Freund
jeines Volkes geworden, und ein freu:
dig zuverfichtliher Patriot für fein
Vaterland Defterreich.
Graf Auersperg lebte abwechs—
lungsweiſe auf jeinem Schloffe Thurn
am Hart und in der ſteieriſchen Haupt:
ftabt, die ihm eine zweite Heimat ge:
worden war. Seit dem großen Jubel:
fefte im Lenze dieſes Jahres lebte er
furze Zeit in Thurn am Hart, im Schloffe
Dornau bei Pettau und in Zell am
See. Er fühlte fich nicht ganz wohl
und ſuchte in den Alpen feine Nerven
zu kräftigen. Auch nach München ging
er, wo ihn jedoch eine plögliche Unruhe
befiel, die ihm nach Graz zurücktrieb.
In Graz erlitt er am 4. September
einen Schlaganfall, dem er nach einem
achttägigen, qualvollen Leiden unterlag.
Zwei Worte vermochte der ſchwerkranke
Dichter noch zu Schreiben, fie lauteten:
„Möchte Leben!“ — Und mehrmals
jtammelte er mit halbgelähmter Zunge:
„Nicht fertig, nicht fertig! — Todt,
nein, nein, mein, o nei.
Während der Todesfranfheit des
Dichter langten die Gorrefturbogen
und zu erheben — da hat ihn die
Hand des Todes uns entführt.
Mar Graf Auersperg als Dichter
und Staatsmann boch zu verehrten,
jo mußte Jeder, der das Glüd hatte,
ihn perfönlich zu fennen, ihn von Her:
zen lieben. Er hatte die Vorzüge eines
echten und rechten Menſchen in fich
vereint: Hochherzigkeit, Wohlmwollen,
Gemeinfinn, Zuverficht für die idealen
Beftrebungen der Zeit, Intereſſe für
alles edle Wollen und Wirken jeiner
Mitmenschen.
Ein Grundzug feines Wejens war
Zeutjeligfeit und Befcheidenheit. Aus
Allem, was er ſprach, dichtete und
that, Teuchtete feine Liebe zu den Men:
ſchen. In jeinem Teftamente batte er
alles Honorar, welches für feine Werfe
je eingegangen iſt und noch eingehen
wird, zu einer Stiftung für arme
Studenten aus Krain und Steiermark
verordnet.
Graf Auersperg wünſchte — mie
ebenfalls in feinem Teſtamente fteht
— in der Gruft der Kirche zu Haſel—
bad in Krain beigejegt zu jein, mo
auch fein Vater und die Ahnen von
ihm ruhen. Diefem Wunfche ijt ent:
jprochen worden. Am 15. September
um 3 Uhr Nachmittags ift der Sarg
des Dichters im Sterbehaufe zu Graz
gehoben, von einer unzähligen Men—
ſchenmenge auf den Bahnhof begleitet
und dann nach Krain überführt worden.
Ein fo großartiges Leichenbegäng:
niß, wie diejes war, hat Steiermark
Hauptjtadt wohl felten noch gejeben.
Zahllofe Vereine und Körperjchaften
aus nah’ und fern haben fich dabei
betheiligt ; die erften Häupter des Lan—
des, die oberiten Zehntauſend der
Hauptſtadt find trauernd dem Sarge
gefolgt. Der Zug bewegte fih vom
Auersperg’ihen Palais in der Eliſa—
bethftraße aus über die Ningitraße,
durh die Herren, Murgaſſe und | ging dem ebenfalls mit Lorbeerkränzen
Annenſtraße zum Südbahnhofe. Hun—
derte von Trauerfahnen, die nicht
allein von den öffentlichen Gebäuden,
jondern auch an Privathäufern weh:
ten,
nahme der Bevölferung. An allen
Straßen, durch welche der Trauerzug
ging, brannten die Gaslaternen, die
mit Schwarzen Flören verichleiert waren
— gleihjam, als trauere auch das Licht
um einen feiner bedeutenditen Anwälte,
Alle Gewölbe der genannten Stra:
Ben waren geſchloſſen und die Bevöl-
ferung bildete an beiden Seiten des
unabjehbaren Zuges vom Sterbehaufe
bis zum Bahnhofe ein ununterbroche-
nes Spalier. Ein Wagen mit ſchweren
Kränzen und Schleifen mit Infchriften
zeigten die allgemeine Theil
ganz bededten Sarge voraus. Hinter
demjelben loderten bie Fadeln, von
Studenten getragen, und der ſchwarze
Rauch wirbelte gegen den trüb um:
wölften Himmel empor. Sn einem
Trauerfaale des Bahnhofes wurde die
Leibe das zweitemal eingefegnet und
der Grazer Männergefangverein brachte
dem großen geliebten Manne durch
den tiefergreifenden Chor „Schlunm’re
ſanſt!“ unfern legten Gruß.
Mein Defterreih, das war eine
deiner ernftfeierlichiten Stunden, als
du den edlen treuen Sohn zu Grabe
trugft. Möge fein Lied, das du einft
verfolgt haft, dir noch mehr folder
Söhne erweden, — dann bijt du wohl
daran!
Der lebte Kranz.
Wie hallte das Feitlied, wie fhallte der Toaft, | Da fhritt noch ein Jüngling, ein bleicher, einher,
Als den Sänger, den greifen, bewährten,
Vom Grün des erwachenden Lenzes umfproßt,
In begeijterter Freude wir ehrten !
Wie war da ein Ieglicher fröhlich bedacht,
Einen Kranz ihm, dem Edlen, zu reiden,
Von Lorbeer'n, von Rojen- und Veilchenpracht,
Vom grünenden Laube der Eichen !
Kaum that die Begeifterung felbit fi genug ;
Doch zuleht ſchien die eier vollendet
Und vorübergewallt der mänadiſche Zug
Und der letzte der Kränze- gefpendet.
Nachzügler im feitlichen Reigen,
Aud er einen Kranz in der Hand, gar ſchwer,
Einen Kranz aus düfteren Zweigen.
Der Kranz war nicht mit Roſen geſchmückt,
Der war nidt vom Laube der Eichen:
Der war auf Asphodelus-Wiefen gepflüdt,
Am Eocytus, im Lande der Bleichen,
Ihn wand um den Sänger der Fremdling facht
Und flüftert: In feftlihen Stunden
Hat die Menge den Krany der Unſterblichkeit
Dir aus irdifhen Blumen gewunden ;
Dod den fhönften der Kränze, gar friedlid und ftill,
Dem kein irdifcher Froſt mehr verderblich,
Schlingt die Blüthe, die falbe, des Asphodil —
Und die Todten allein find unjterblid).
Graz, am 13. September.
Robert Hamerling.
Drud von Leytam-Joſeſsthal in Graz. — Für die Nebaction verantwortlih P. A. Kofegger
ee —
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> beingar len
— oh
Bu we
—
MT
dd,
Die drei
Prinzen.
Ein Märden von 8, Anzengruber.
Es war einmal ein guter, alter
König; bösmwillige Meute behaupteten
jwar, er wäre jo gut wie gar feiner
gewejen, das heißt, man vermerfte es
in feinem Reiche nicht, daß es ba
überhaupt einen Herrn König gäbe;
aber er jelbft war ganz davon über:
zeugt, denn als fein hochjeliger Vater
verftorben war, da famen die Großen
de3 Landes zu ihm und fagten: Ge:
ruhen Sie jegt allergnäbigft uns zu
regieren! Er hatte damals gleich eine
huldvolle Antwort zur Hand, denn er
hatte es ja vorausgefehen, daß es jo
fommen würbe und war nicht unver:
bereitet und jo übernahm er denn bie
Regierung und ſetzte die Jahre durch
unter alle Schriftjtüde, die es nöthig
hatten, feinen lejerlihen Namenszug;
galt e3 etwas Gutes für das allge:
meine Beſte, oder Belohnungen und
Gnadenacte, da that er einen Rund—
Iprung und es flog ihm das „Mono:
fogoporibius I”, jo hieß er nämlich,
Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ Mr. 2.
nur von der Hand, als ob e8 eine
einzige Silbe wäre; betraf es aber
Steueraugjchreibungen, Rügen oder
etwa gar Strafen, da hatte er erſt
lange an der Feder herumzuſchnitzeln,
mußte fi noch länger auf feinen Na—
men befinnen und der Herr Hofjefretär,
der ihm die Papiere zur Unterjchrift
unterbreitete, hatte ftet3 auf der Hut
zu jein, daß Seine Majeftät ſich nicht
in der Zerftreuung ftatt der Streufand:
büchſe des Tintenfafjes bediente; da—
rum liebte ihn das Volk und er liebte
e3 wieder.
Monofogoporibius I. war Finder:
lo8, hatte aber drei Neffen, unter
welchen ihm frei ftand feinen Throne
folger zu erwählen, das machte ihm
denn Schwere Sorge; obwohl er fi)
geitehen mußte, daß er fein ganzes
Leben lang immer nur unterjchrieben
babe und daß ein Anderer — natür-
lih aber wieder nur ein Prinz —
dasfelbe zu leiften leicht im Stande
6
82
fein dürfte, ſo fonnte er fih doc
nicht verheglen, daß Fälle eintreten
fönnten, wo man feiner, Monojogopo:
ribius J., bedauernd und Flagend ſich
erinnern möchte, da er nur den einen |
Ehrgeiz hatte, feinem Volke nie eine
Thräne gefoftet zu haben, jo hatte er
fi recht gut mit dem Gedanken ab:
gefunden, daß nad) jeinem Tode Nie:
mand im Reiche feinen Abgang fühlen
dürfte und die Liebe zu feinem Volke
ließ ihn wünſchen, daß Zeiten ferne
bleiben mögen, wo man den Tag
jeines Hintrittes als Verluſt empfin-
den fönnte.
Als Monojogoporibius feine Kräfte
merklich abnehmen fühlte, dachte er
ernftlich daran, fih für einen feiner
drei Neffen zu enticheiden; er dachte
zuerft an den mit der hübjchejten
Handichrift, da er aber immer ge:
wohnt war, den Nath der Großen
jeines Neiches einzuholen, jo berief er
fie auch diesmal vor die Stufen jei-
nes Throned. Der alte Herr im Kö:
nigsmantel, mit Krone, Szepter und
Neichsapfel ſah prächtig aus, wie
auch die hohen Herren in ihren Gala:
röden, an denen Sterne und Kreuze
funfelten, einen überwältigenden Ein:
drud machten.
Der König ftellte jeine drei Nef:
fen der Verfammlung vor, obwohl fie
Jeder, der zugegen war, ſchon von
früher jehr gut Fannte, aber das
heißt man Geremoniell, und das muß
jein; dann hielt er eine lange Rede
über Negententugenden, das wegen der
Handichrift behielt er aber für fich,
darauf jollten fie jelbft kommen, das |
heißt man Staatsflugbeit, die muß
gerade nicht fein, aber es ift gut,
wenn man davon hat. Als der König
mit der großen Rede fertig war, fragte
er die Verfammelten, was fie dazu
meinten.
Die Verfammlung geftand zu, daß
Tugenden für einen Negenten erfor⸗
derlich wären, je mehr, je beſſer, ſo
Einige ſagten, Monoſogoporibius ſolle
ihnen nur einen Regenten geben, die
Tugenden wollten ſie dem Auserwähl—
ten dann Schon jelber glauben machen.
Aber der alte König jchüttelte den
Kopf.
Endlich trat ein Greis vor.
„Edler Monojogoporibius”, jagte
er, „Du denkſt billig und gerecht, wenn
Du nur Jenen von den drei Prinzen
auf den Thron zu jeßen gemillt bift,
welcher der Würdigſte iſt; aber indem
Du uns die Wahl zufchiebeit, ſetzeſt
Du uns in arge Verlegenheit ; jchnell
könnte fich für jeden Prinzen eine Par:
tei bilden, denn gleich würdig erjcheint
ja ein Jeder; krönt man endlich Einen
von ihnen, fo wird er Feind aller
derer jein, die früher zu feinen Brü—
dern geftanden, abgejehen davon, daf
man jolchergeftalt leicht alle brüder:
lihe Liebe in ihren Herzen austilgen
und der Bruderzwiſt bis zum Bürger:
kriege ausarten könnte.“
Da trodnete fih der gute, alte
König den Schweiß von der Stirne.
„Du bijt ein entfeglicher Menſch“, fagte
‚er zu dem Sprecher, „Du bringjt mich
um die Ruhe meiner Nächte!”
„Geruhe mich allergnäbigft weiter
anzuhören”, fuhr der Greis fort; „ich
habe von den Gefahren einer Wahl
geiprochen, weil fie nicht alle Stim:
men für einen Prinzen ergeben wird,
und wenn Stimmenmehrheit entjchei-
den foll, die beiden andern ſich empfinb:
lich zurücgejegt fühlen dürften. Es iſt
jomit in diefem Falle für alle Theile
‚gut, wenn und feine Wahl gelafjen
wird und wenn berjenige Prinz Dir
auf dem Throne folgt, deſſen Eigen:
ſchaften die Probe halten.“
„Wie meinft Du das?“ fragte
Monojogoporibius.
„Ich vermeine, erhabenfter Gebie-
ter, Du jollteft, jo lange noch Dein
Auge wacht, jeden der Prinzen, Einen
nah dem Andern, zur Probe das
Reich vegieren Laffen. Ihre Reihenfolge
viel eben zu haben wären, doch müfje | mögen fie unter fich durch Abmachung
man fih aud zu begnügen wiſſen.
oder durch das Los beſtimmen. Jeder
83
regiert fo lange bis etwa das Land
fih durch feine Mißgriffe genöthiat
fieht, Di wider auf den Thron zu
rufen, der aber joll Dein Nachfolger
jein, der jelbjt, nach mwohlverbracdhter
Probezeit, zum Bedauern des Volkes
das Szepter in Peine Hand zurüd-
legt.”
Monojogoporibius geftand fich, der
Vorſchlag habe etwas Unerhörtes und
die Höflinge meinten, den Alten habe
der Teufel geritten.
Aber als man die Stimmen für
und wider jammelte, da blieb es bei
dem Unerhörten, denn es zeigte ich
eine ziemlich ftarfe Partei dafür, der
fi denn auch einige Unentjchlofjene
zugefellten und ihr jo zur Majorität
verhalfen. Dieje Partei, munfelte man,
wäre eigentlih die der erlauchten
Schwägerin des Königs, der Mutter
. der drei Prinzen, und von ihr ſei auch
auf diefen Tag der ehrwürdige Spre:
her, des Teufels Reitpferd, vorge-
ritten worden; das heißt man Intrigue,
die muß zwar auch nicht ſein, es iſt
auch nicht gut, wenn man davon
hat, aber Hörenſagen nach, ſoll ſie
Einen nicht am Fortkommen hindern.
Monoſogoporibius J. gab mit einem
tiefen Seufzer ſeine Einwilligung und
die drei Prinzen dankten ihrem könig—
lichen Oheim ſo demüthig, als glaub—
ten ſie wirklich, er hätte ſchon heute
früh Morgens als freien Entſchluß
im Herzen getragen, was man ihm
jetzt Abends in den Mund gelegt, und
ber hohen Verſammlung empfahlen fie
fih jo huldvoll und gnädig, als wären
fie Schon Könige, alle drei zufammen !
Wie das heißt, braucht nicht ge:
jagt zu werden, das ijt etwas von
allgemeiner Umgangsipradhe, die von
Allem, was fie nicht Sprache haben
will, Umgang ninmt.
Die Prinzen hatten, wie man be:
merkt haben wird, eine Fuge Frau
Mutter, freilich nur Hug in der Weife, |
wie man das häufig bei Frauen fin-
det, die, was fie fich einmal in den
1
willen; es ift das eine artige Kunft,
an die ſchon Mancher hat glauben
müſſen.
Die hohe Frau konnte es gar
nicht erwarten, ihre Söhne regieren
zu ſehen, und ſie war außer ſich vor
Freude, als die drei Prinzen heim—
kamen und ihr berichteten, daß ſich in
der heutigen Verſammlung herausge—
ſtellt habe, wie auch das Reich, in
Anerkennung ihrer — der drei Prin—
zen nämlich — ausgezeichneten Eigen—
ſchaften, es gar nicht erwarten könne,
von ihnen regiert zu werden.
Liebe Jungens, dachte die hohe
Frau, ihr wißt eben nicht, was ihr
„Muttern“ verdankt.
Mit Feierlichkeit ſchritt ſie zu einem
Schranke und holte daraus den ver—
roſteten Kriegshelm ihres verſtorbenen
Gemals hervor.
„Kinder“, ſagte ſie, „jetzt müßt ihr
loſen, damit man weiß, in welcher
Reihenfolge ihr zur probeweiſen Regie—
rung gelangt. Ich werde hier in den
ehrwürdigen Hauptſchmuck eures höchſt—
ſeligen Vaters, den er in ſo mancher
heißen Schlacht getragen, ein weißes,
ein grünes und ein gelbes Zettelchen
werfen und ihr werdet ziehen! Er—
lauchte Söhne, hoffnungsvolle Pflan—
zen in der Baumſchule der Zukunft
dieſes Landes! Ich habe die genann—
ten Farben erwählt, weil das Bäum—
chen im Frühlinge weiß, im Sommer
grün und im Herbſte gelb erſcheint
und gleichwie der Frühling vorangeht,
der Sommer folgt und der Herbſt den
Reigen ſchließt, ſo ſoll auch der, wel—
cher die jungfräuliche Farbe des Früh—
lings zieht, als der Erſte den Andern
vorangehen; derjenige, welchen die hoff:
nungsgrüne Sommerfarbe trifft, ihm
‚folgen, und den Reigen ſoll Jener
ichließen, welchem bie gelbe Farbe zu:
‘fällt, doch Hoffe ich von feiner brüder—
lichen Liebe, daß er ſich gelben Neides
entichlagen werde!“
Die Prinzen fanden biefe Nebe
ihrer erlaudten Frau Mutter fehr
Kopf gejegt haben, auch durchzuführen | finnreih und erbaulich.
6*
84
Die hohe Frau hatte ihren beiden | Gebrauch machen können, da doch ge:
jüngeren Söhnen dabei freundlich und | wiß einer von feinen Brüdern ſchon allen
verheißungsreich zugelächelt, bei dem | Anforderungen entſprochen haben wird.
(egten Satze ihrer Rede jedoch, den
Aelteſten ernft angeblidt.
Nun war e8 bejtimmt, mie die
Prinzen der Reihe nach zur probe:
Die hohe Frau liebte nämlich weifen Negierung gelangen follten.
überaus die beiden jüngeren Prinzen,
welche fih noch in kindlicher Liebe an
die Falten ihrer reichgefticten Nobe
jchmiegten, während der Neltefte ihr
nicht mehr al3 den ſchuldigen Reſpekt
bezeigte, womit befanntlih oft ganz
ordinären Müttern nicht gedient if,
geſchweige denn gar einer dreifachen
Königin: Mutter! Hätte fie nach ihrem
Herzen handeln können, fie würde dem
Jüngſten als dem Erften zum Throne
verholfen haben, denn er war gar jo
berzig; aber es ift eine alte Klage in
den Paläſten der Großen diejer Erde,
daß die Nüdjiht auf das Wohl der
Kleinen der Stimme ihres Herzens
Schweigen auferlege; jo auch hier, der
jüngfte Prinz war eben auch gar fo jung.
Die Prinzenmutter fehüttelte den
Nur Eines gab es zu bedenken,
die Zeit drängte, wo follten die Prin-
zen in aller Eile die Regierungskunft
hernehmen? Sie zu einem befreundeten
Könige in der Nahbarfchaft in die
Lehre zu ſchicken, dazu war es zu jpät,
aber der greife Spreder, der ſchon
einmal die Sache der königlichen
Schwägerin jo gut geführt Hatte,
glaubte hier Rath zu willen.
„Dreifache Frau Königin:Mutter”,
begann er, „nicht weit von hier haust
ein weiſer Einfiedler, derjelbe bewahrt
den Schlüffel zu einer Höhle, welche
viele Wunder umfchließt, fie ift, wie
mir erzählt worben, von ſprachkundi—
gen Geiftern bewohnt und gar Mancher,
der fpäter berufen war, die Welt durch
jeine Thaten und Werfe in Erftaunen
Helm mit den Loſen. „Kinder“, rief ſie zu ſetzen, hat ſich vorerjt bei biejen
\cherzend, „wer zuerft zulangen kann, Weſen Rathes erholt. Ich denfe, wir
der zieht auch zuerft!“
Da ftürzten die beiden jüngeren
Prinzen vor, der Dritte aber blieb
vol Anftand und Würde auf feinem
Plage jtehen, auch um ein Königreich
wollte er ſich nicht mit feinen erlauch—
ten Brüdern balgen.
ließen immer den betreffenden Prinzen
nach jener Höhle reifen, verjehen ihn
mit einigen erfreulichen Gejchenfen für
den alten Pförtner derfelben, denn
auch weile Einfiedler thun nichts um: -
fonft, und überlaffen das Weitere der
Fügung des Himmels. Es gleich, ohne
„Du mwillft ein König werben,“ | diefe Umftände, derjelben zu überlaffen,
jagte der Ymweitältere zu dem Jüngſten,
„Dir wird ja die Krone bis über die
Naſe fallen und die Füße werben Dir
vom Throne herabbaumeln,“ Und er
ftieß ihn weg, griff in den Helm und
die Mutter ſchob ihm gefhidt das
weiße Zettelchen in die Hand.
Dann fam der Jüngſte herzu, er
weinte, aber die Mutter verſprach ihm
ein Zuderbrod, da griff auch er in
den Helm und fie ſchob ihm das grüne
Bettelhen zu.
Nun trat der Dritte heran und
holte den gelben Zettel heraus. Wobei
die Prinzenmutter dachte, er werde
wohl nie von dieſer Thron-Anmeifung
wäre zwar einfacher und käme auch
billiger, aber es kann nicht ſchaden,
wenn man heutzutage der himmlifchen
Fügung nad der gewünfchten Rich:
tung hin den Anftoß gibt.”
Der Rath war eben jo gut ge
meint als einleuchtend und jo wurde
er denn auch befolgt. Der zweitältefte
Prinz reifte mit einem großen Ge:
folge nach dem Mohnjige des weilen
Einfiedlers ab,
Nah mwochenlanger, beſchwerlicher
Fahrt gelangte man in eine gräuliche
Wildniß, rings ftarrten nadte Feljen
zum Himmel, fein Baum, fein Strauch,
ja faum ein Halm war in ber aus:
85
gebrannten Dede zu jehen, nur bie und | Dunkel, Hinter ihm ſchloß der Ein:
da ftand ein Gaftus mit brennend ſiedler wieder jorgjam die Thüre und
rothen Blüthen ;
man konnte micht | blieb Taufchend an derjelben ftehen.
jagen mitten inne, denn nach gewöhn- Die Herren des prinzlichen Gefolges
lihen Begriffen war ja eigentlich rings | hätten für ihr Leben gerne mitgelaufcht,
herum nichts zu jehen, aber bier in) aber es konnte leider Niemand hinzu:
diefer troftlofen Gegend befand fich die
Hütte des weiſen Einfiedlers,
Der Prinz pochte ungeduldig an,
er erwartete wenig von hier zu holen, und
gedachte diejes Wenige auch jo jchnell
als möglich wieder fortzutragen.
Der Einfiebler war ein freundlicher
alter Herr, der, wie fi von jelbft
verfteht, einen jchneeweißen Bart hatte;
er erſchien fofort unter ber geöffneten
Thüre und [ud den Prinzen ein, in
die Hütte zu treten; der aber bedankte
fih ſchön, ſagte, er habe große Eile
und brachte fein Anliegen vor, nämlich,
treten, entweder war die Pforte zu
ihmal, ober der würdige Einſiedler
zu breit, oder wohl auch beides zu-
glei; jo bildeten fie denn, die hohle
Hand am Ihre, einen den laufchenden
Weiſen belaufchenben Halbkreis.
Es dauerte nicht lange, jo fagte
der greife Horcher an der Thüre: „Aha!“ -
Die lauſchenden Hofleute rings:
um fagten mit großer Befriedigung
auch „aha“, denn fie mwähnten, jeßt
würden fie eines jener prächtigen, be:
ſchreibenden Selbitgejprähe zu hören
befommen, welche fi auf der Bühne
daß er in die bemußte Höhle einge: |fo gut ausnehmen, und durch dasſelbe
laſſen fein wolle.
„Ohne alle Vorbereitung ?” fragte
ber Einfiebler. „Soll ih Dir nicht ein
oder das andere Sprüchlein mit auf
den Weg geben?”
„Sind die nothwendig?“ fragte
der Prinz.
„Rothwendig nicht, nützlich viel:
leicht,“ jagte der Alte.
„Dann danfe ich,” meinte der Prinz,
„und Du würdet mich jehr verbinden,
wenn Du ohneweiters mir und meinem
Gefolge die Höhle erſchließen würdeſt.“
„Dir wohl, Prinz,” ſagte der Ein:
fiedler, „aber Deinem Gefolge mit
nichten! Die Höhle darf nur Einer
allein betreten!“
„Nun denn, ich bin bereit, ſchließe
14
Da führte der Einfiedler den Prin:
zen nach einem hohen Felſen, an wel-
hem fi eine eijerne Pforte befand,
über dieſer waren in Lettern aus
gleihem Metall die Worte „Höhle der
Phraſen“ angebradt.
Der Alte Löfte das Schloß, bebeu-
dete dem Prinzen, wenn er die Höhle
werbe verlaffen wollen, nur von innen
zu pochen, die verrofteten Angeln freifch:
ten und ber Prinz trat hinein in das
auf
über den Stand der inneren Angele:
genheiten in der Höhle unterrichtet
werben. Leider pochte e8 unmittelbar
darauf von innen, der Einfiedler ſchloß
auf und der Prinz trat heraus. Wohl
ſah man ihm an, daß ihm etwas
Außergemöhnliches begegnet fei, aber
er trug auch eine freudige Zuverficht
zur Schau. Der alte Weiſe machte
bei dieſer Wahrnehmung gar ein ernftes
Geficht, und verneigte fih ftumm, ala
der Prinz auf das freundlichfte von
ihm Abſchied nahm.
Auf der Rückreiſe fagten Die
Herren des Gefolges, unter fich noch
oft mit bebeutjamen Mienen: „aha“,
um den Prinzen aufmerfam und glau:
ben zu maden, daß fie fchon um
Manches müßten und nur darauf
warteten, daß er fih über ohnehin
ſchon Befanntes etwas näher gegen fie
ausließe; aber zu ihrem großen Ver:
druffe verlor er über den jo hochin—
tereffanten Gegenftand nicht ein einzi—
ges Wort. Alfo erreichten fie wieder
die Reſidenz Monojogoporibius I. und,
wie das auch anderen Leuten mand):
‚mal gejchehen fol, famen fie von ber
Reife nicht Flüger zurüd, als fie aus:
gezogen waren.
86
Der königliche Oheim empfing ſehr
huldreich feinen Neffen, übertrug dem:
jelben unter großen Feierlichkeiten die
Regierung und zog fih auf ein jtilles
entlegenes Jagdſchloß zurück. Sohin
führte der zweitältere Prinz probweife
das Regiment.
Gleich in dem erften Manifefte an
feine probemweijen Völker frijchte der
neue Herrſcher das Gedächtniß der
grauen, heldenhaften Vorzeit auf, ver—
ſprach dieſe Tage der Größe und
Macht des Vaterlandes wieder auf—
leben zu machen, und gab der Erwar—
tung Ausdruck, daß jeder Patriot be—
geiſtert Folge leiſten werde, wenn das
Vaterland zu großen Thaten ruft.
Und nun hatte das Volk oft und
vielmal der Stimme des Vaterlandes
Folge zu leiſten, denn dieſes ward
nicht müde, zu den Waffen zu rufen;
aber dieſer Ruf des Vaterlandes war
nicht der klagende Weckruf gegen
fremde Unterdrücker, nicht der entrü—
ſtete Aufſchrei über muthwillig zuge—
fügte Schmach und Ungerechtigkeit,
nicht das tiefernſte Grollen des Be—
leidigten, es war der gellende Hetz—
ruf des Beleidigers!
Aber dieſes immerwährende Schla—
gen und Kriegen war von eben ſo an—
dauerndem Glücke begünſtigt, ſo daß
der junge Regent bald ſeinen Namen
gefürchtet, die Grenzen ſeines Reiches
erweitert und ſeinen Staat alle ande—
ren an Macht und Größe überragen
ſah. Mit Stolz fragte er ſich, wer
nunmehr den wahnwitzigen Gedanken
auch nur denken könnte, dem Gründer
all' dieſer Herrlichkeit den Thron ſtrei—
tig machen zu wollen! Mit Grauſam—
keit beugte er in widerrechtlichen Krie—
gen beſiegte Stämme unter ſein Joch
und mit noch größerer Härte verfolgte
er die ſeiner Herrſchaft Angeſtammten,
welche etwa ſchüchtern die Stimme
für den Frieden zu erheben wagten.
Indeſſen ſaß der gute Monoſogo—
poribius auf ſeinem ſtillen Jagdſchloſſe.
Tages über durchpirſchte er den Forſt,
das heißt, er durchſtreifte denſelben
mit ſeinem Gefolge, denn er ſelbſt
hatte nie eine Armbruſt gehandhabt;
dabei geſchah es immer, gewiß nicht
aus Neid über die Geſchicklichkeit An—
derer, ſondern lediglich aus Mitleid
mit dem armen Gethier, daß der beſte
Schütze wenigſtens für den laufenden
Tag in Ungnade fiel. Abends — das
war er ſo gewohnt — mußte ihm
ſein alter Hofſekretär ſauber geſchrie—
bene Schriftſtücke zur Unterfertigung
vorlegen, da waren Belobungen und
Belohnungen an die Dienerſchaft, ein
Dekret, das den armen Vögelchen über
die harte Winterszeit genügendes Fut—
ter bewilligte, welches immer „an im
betreffenden Paragraphen genau erſicht—
lich gemachter Stelle“ hinterlegt wer—
den würde; ein anderes, das die Her—
ſtellung von „mit genugſamem Heu
verſehenen Remiſen“ zur Aeſung des
Wildes im Walde anordnete; nur Eines,
welches auch den Raupen und Enger—
lingen einige Freiplätze im kleinen
Schloßgarten anweiſen wollte, wurde
über energiſche Einſprache des alten
Gärtners fallen gelaſſen. Von Zeit zu
Zeit ward auch einem alten Jagdhunde,
für deſſen während der Dienſtzeit be—
wieſene Pflichttreue Andere einſtehen
konnten, allerhuldreichſt ein Gnaden—
brod zugewieſen, wobei der alte König
ſich nie enthalten mochte, zu bemerken,
daß er das Inſtitut der Jagdhunde
nicht billige, ſondern nur als eine
Nothwendigkeit beklage, übrigens aber,
wie unter alle Schriftſtücke, ſeinen rein—
lichen, leſerlichen Namenszug darunter
ſetzte, denn es war doch Eines mehr.
Aber nun wurde ihm ſchon län—
gere Zeit ſein ſtilles Jagdſchloß ver—
leidet, die Witwen und Waiſen der
zahlloſen Krieger, die in den Feld—
zügen des Regenten gefallen waren,
kamen in Schaaren jammernd herbei—
gezogen und baten ihn um Erbarmen
für das Land.
Was aber wollte der gute, alte
König mahen? Darauf durfte er ja
nicht8 geben, das waren ja nicht die
Großen des Neiches, das waren ja
87
nur die Mleinften und Aermſten, die
ihn zurücverlangten. Da ward er,
vielleicht zum erſten Male in feinem
Leben, ſehr zornig, verwünjchte feinen
Neffen, und um von dem ganzen
Sammer nicht3 jehen und hören zu
müfjen, gebot er, die SFenfterläden zu
ihließen und ftopfte fih Baummolle
in bie Obren.
Mittlerweile aber famen noch här:
tere Tage über das Land, die Grau:
jamfeit des Negenten und jeine nie
taftende Kriegsfuht zwangen endlich
alle benachbarten Staaten in Ein
großes Bündniß wider ihn, der Ueber:
zahl mußte er erliegen, er ſuchte und
fand in offener Feldſchlacht den Tod
und nun ſah das arme Reich die ganze
Zeche fich aufgefreidet, jo daß es fait an
jeinem Bejtande verzweifeln mußte.
In dieſer Bebrängniß eilten denn
auh die Großen des Neiches nad
dem ftillen Jagdſchloſſe, um die Krone
an Monofogoporibius I. zurüdzuftellen.
Der alte König war vor Freude außer
fih, als er fie kommen ſah, nicht
darüber, daß er mun wieder regieren
jollte, jondern, weil er nun dem
Sammer, jo viel in feinen Kräften
lag, abhelfen fonnte.
Er vergaß ganz auf die Baum:
wollpfropfen in den Ohren, und ber
Sprecher der Deputation der Großen
de3 Reiches mußte feine ganze Nede
noch einmal herjagen, nachdem ber
König die Watte entfernt hatte.
Sofort eilte Monojogoporibius I.
nad der Hauptjtabt, mit jeinem Er-
iheinen fehrte Muth in die Herzen
jeiner Unterthanen zurüf und ba die
fiegreihen feindlichen Fürften es nicht
auf einen Verzweiflungsfampf ankom—
men lafjen wollten und überbem mit
dem alten Könige perfönlich befreun-
det waren, jo gelang es ihm, einen
leiblichen Frieden zu fchließen, ber
das Reich in jenen Grenzen beließ,
wie er es jeinem zweitälteften Neffen
übergeben hatte; leider waren bamit
im nern die Spuren von beilen
Regentihaft nicht ausgetilgt.
Der jüngfte Prinz hatte unterdem
gerade jenes Alter erreicht, in welchem
jein verftorbener Bruder zur probe:
weiſen Regierung gelangte. Da nun:
mehr die Reihe an ihm war, jo ent:
ichloß er ſich gleichfalls, die geheim-
nigvolle Höhle aufzufuchen, aber er
gedachte vorfichtiger zu fein. Auf ber
Reife dahin forſchte er jene Herren
feines Gefolges, welche jchon das erite
Mal mitgewejen waren, genau über
das Menige aus, das fie mußten.
Wieder erreichten fie jene traurige
Debe und der Prinz, dem die Reife
viel Beſchwerde gemacht, brannte ſchon
vor Begierde, die Höhle zu betreten,
um nach raſcher Erledigung ſeiner
Geſchäfte an die Heimkehr denken zu
können. Er pochte an der Hütte des
weiſen Einſiedlers; dieſer erſchien ſofort
unter der Thüre und lud den Prin—
zen ein, Raſt zu halten; der aber be—
dankte ſich ſchön, ſagte, er habe große
Eile und brachte fein Anliegen vor,
nämlich, daß er in die bewußte Höhle
eingelaffen werden wolle.
„Ohne alle Vorbereitung?” fragte
der Einfiedler. „Soll ih Dir nicht ein
oder das andere Sprüchlein mit auf
den Meg geben?”
Auf diefe Frage war der Prinz
durch feine Begleiter ſchon vorbereitet ;
er wollte e8 ſich mit dem, wie es
ſchien, rebefeligem Alten nicht verder:
ben und jo antwortete er: „Das mag
wohl nicht nothwendig, aber vielleicht
doch nüßlich fein, ſage mir ein ſolches
Sprüchelchen.“
Da wiegte der alte Einſiedler das
Haupt und ſagte: „Vor Allem merke
Dir dies:
Bleib’ Dir getreu nur,
Laſſ' Dich nicht irren,
Mas aud die Thiere
Brüllen und girren !”
„Das iſt barer Unfinn, dachte der
Prinz bei fih. Wie werde ich mir
denjelben merken?” Er hatte nämlich
ein ſehr ſchwaches Gedächtniß.
„Das iſt das Erſte;“ ſagte der Alte.
„Sind ihrer denn mehrere?“ fragte
der Prinz.
88
„Es find mehrere”, fagte verbrieß: | trat. „Wie geht das Silben: und
ih der Einfiebler.
„Dann verzichte ich darauf“, fagte
verbindlich ber Prinz, „Du würdeſt
mich aber ſehr zu Dank verpflichten,
wenn Du mir jagen könnteſt, was
meinem höchftieligen Herrn Bruder in
der Höhle begegnet ift.“
„Ih darf zu Keinem über bie
Geheimnifje der Höhle ſprechen, ber
fih nicht vorbereiten laſſen will und
dazu ift nöthig, daß er alle meine
Sprüchlein erlernt.“
Reimgetrommel, dad Du mich gelehrt
haft? Sieg ift ſtets ein traurig Erbe...“
„Haß, Haß“, verbefferte der Ein:
ſiedler.
„Ach ja, ich weiß es nun ſchon,
Haß iſt ſtets ein traurig Erbe,
Und der Sieg, er ſei kein Schlächter!“
„Du lieber Himmel“, ſagte der
Alte und ſchlug die Hände über dem
Kopfe zuſammen.
„Nun, nun“, meinte huldreich der
Prinz, als gälte es, den Einſiedler
„Das ginge mir ab“, ſagte der über eine von deſſen eigenen Angele—
Prinz ſtille für ſich, und dann laut:
genheiten zu beruhigen. Dann ließ
„Vielleicht aber könnte ich doch erfah- er ſich das Sprüchlein noch einmal
ren, wie ich dem Geſchicke entgehen
kann, das ihn betroffen hat, denn
daran liegt mir vor Allem.“
vorſagen und dann hatte er es weg
und trat hinein in die Höhle.
Hinter ihm ſchloß der Einſiedler
„Da brauchſt Du nur zur erſten Er- wieder ſorgſam die Thüre und blieb
ſcheinung, die Dir entgegentritt, zu ſagen: lauſchend an derſelben ſtehen. Die
Haß iſt ſtets ein traurig' Erbe,
Oft der Sieg ein ungerechter,
Krieg ſei nimmer ein Gewerbe
Und der Held, er ſei kein Schlächter!“
„Gerechter Himmel“, klagte der
Prinz, „das klingt nicht viel klüger
als das Erſte, wie werde ich das be—
halten können? Ich bitte, ſage mir
das noch einmal!“
Und der geduldige Alte ſagte
den Spruch noch einmal, dann auf
allerhöchſtes Verlangen ein drittes
Mal und nachdem er ihn ſo ein
Dutzend Male wiederholt hatte, ge—
ſtand ſich der Prinz, daß man mit
ein wenig Mühe, die man Anderen
mache, ſich derlei ganz gut merken könne.
Herren des prinzlichen Gefolges hätten
für ihr Leben gerne mitgelauſcht, aber
— doch das iſt ja ſchon einmal erzählt
worden und hat ſich auch jetzt zum
zweiten Male nicht anders zugetragen.
Es dauerte wieder nicht lange,
wenngleih ein wenig länger als das
erite Mal, da pochte es von innen,
der Einfiedler ſchloß auf und der
Prinz trat heraus. Er hatte ben
Blid andächtig gegen Himmel gerich-
tet, dann ſenkte er ihn demuthsvoll
zur Erde, faßte die Hand des Gin:
fieblerd und drückte fie an die Lippen,
aber der alte Weiſe machte wieder
gar ein ernftes Geſicht und verneigte
fich ftumm, als der Prinz beim Ab:
‚ „Run ſchließe mir nur auch raſch ſchiede bat, ihn in das Gebet mit einzu:
die Höhle auf”, ſagte er, „damit ſchließen. Die Rückreiſe ging genau fo
ih den Spruch glei vor der eriten | yon ftatten wie das erfte Mal und wenn
Erſcheinung herſagen kann, ich hoffe,
ſie wird doch ſo artig ſein und ſich
die Herren vom Geſolge etwas mehr
wußten als damals, ſo war dies gewiß
bliden laſſen, bevor ich ihn vergeſſe.“ nicht die Schuld des Prinzen.
Der Einfiebler löste das Schloß an
Der königliche Oheim empfing auch
der eilernen Pforte, bedeutete dem Prinz | diefen feinen zweiten Neffen ſehr huld—
zen, wenn er die Höhle werde verlaffen |reih und übertrug demſelben unter
wollen, nur von innen zu pochen, und | großen SFeierlichkeiten, aber mit ein
die verrofteten Angeln kreiſchten — wenig bangem Herzklopfen, die Regie:
„Halt' einen Augenblid“, fagte der rung, worauf er ſich wieder nad)
Prinz, ehe er in das Dunkel hinein: | feinem ftillen Jagdſchloſſe begab.
89
Nun begann unter dem jüngften
Prinzen die zweite Regentichaft. Er
ließ ſich jedoch anders dazu an, wie
fein höchftfeliger Herr Bruder. In
feinem erſten Manifejte lobpries er
Gott und die friebjamen, guten,
alten Zeiten und verſprach, unter des
Erfteren mäcdhtigem Beijtande, deren
feften Glauben und ehrſame Zucht
und Sitte im Neiche wieder herzu:
ſtellen; alle Patrioten wären höflichſt
eingeladen mitzuthun!
Der Hof des neuen Herrichers
wimmelte bald von Leuten, welche
alle verſicherten, daß fie nur das Reich
Gottes juchten, wobei fie freilich ver:
ſchwiegen, daß fie auch auf eine Reichs:
verwejersftelle in demjelben rechneten,
aber da3 war ja felbftverftänblich,
denn bem getreuen Knechte gebühret
jein Lohn und daß ihnen derſelbe,
vermöge ihrer Verbienfte, ſchon lange
zugedacht war und nur die böfe Welt
fi) weigerte, ihn herauszugeben,
das fühlten fie gar wohl. Wollten
fie alfo dazu gelangen, jo durften fie
feine Zeit verlieren und mit der argen
Melt nicht jpaßen.
Da waren im Reiche böswillige
Neuerer, die ſchrieben in ihren Büchern
nicht, wie bieRedhtgläubigen, „HOTT“,
ihren Anſchauungen in der Mehrzahl
und in der Macht, jomit im Rechte
jeien, ließ der junge Herrfcher ein
Dekret ergehen, welches die „neuere
Rechtſchreibung in göttlichen Dingen“
verdammte und den Anhängern der:
jelben freiftellte, binnen vierzehn Tagen
das Reich zu verlaffen oder ihrem
Irrthume gänzlich zu entjagen, mit
dem Bemerfen jedoch, daß Jeder, der
im Lande verbleibe, für einen Rück—
fall in feine früheren verbammlichen
Anfihten auf das Härteſte beitraft
werben würde; gegen ſolche Rückfällige
mwurben auch unter Einem alle ehrlie:
benden Patrioten zu Anzeigen, wenn auch
ohne Unterjchrift, höflichſt eingeladen.
Zwei Dritttheile der orthographi-
ihen Ketzer, welche eine flinfe Hand
ſchrieben und fürchteten, es möchte
ihnen das bewußte Wort oftmal unver
jehens in der verpönten Schreibemeije
aus der Feder fließen, zogen es vor,
auszumandern; die Andern, welche
bedadhtjamer ihre Buchftaben malten,
dachten, fie würden ſich ſchon an die
vier großen Schriftzeihen in einem
Worte gewöhnen können. Aber bie
Gewohnheit fpielte doch Manchem
arge Streihe und das Gericht, das
der Fürſt für ſolche Fälle eingejett
fondern ganz unehrfürdtig „Gott“ ;| hatte, ließ nicht mit ſich jpaßen.
freilich brauchten fie Ausflüchte, mein:
ten, die Buchftaben hätten nicht3 mit
der Ehrfurcht zu Schaffen und „Gott“
geichrieben, hieße nit „GOTT“ ge:
läftert ; aber man weiß, was man von
jo fpigfindigen Vorwänden zu halten
bat, daß ſich immer bei Streiten über
Rechtichreiberei viel Rechthaberei breit
macht und daß ſich hier der ungläu—
bige Wolf in ein orthographifches
Schaffell hüllte. Was jollte man mit
ſolchen verrotteten Gemüthern beginnen,
denen Gott nur für ein gemöhnliches
Hauptwort galt und welche auch dem
Teufel die gleihe Ehre erwiejen ?!
Um buch die Duldung dieſes
fegerifchen Gebahrens die Rechtgläus
bigen nicht irre zu führen, fondern
vielmehr zu überzeugen, daß fie mit
63 dauerte auch nicht lange, jo
wimmelte e8 von Anzeigen ohne Unter:
ſchriften. Scherz wurde mit guten
Vorbedacht als Ernft genommen, Muth:
wille als Frevel; ja, perjönliche Feind-
haft jcheute fogar nicht davor zurüd,
die Schreibhefte eines verhaßten Geg:
ners zu fäljchen und das Gericht kannte
nur eine Strafe, den Tod durch Feuer.
Nicht lange hatte der gute Mono:
ſogoporibius L auf feinem ſtillen
Jagdſchloſſe gehaust, jo wurde jein
Friede wieder gar arg getrübt; jo oft
er auszog, begegneten ihm Schaaren
von Auswanderern, Männer, Weiber
und Kinder, welche der Schreden aus
dem Lande jcheuchte, wehmüthig grüß-
ten fie jtet3 ihren alten, guten König,
und Tag für Tag und immer zahl-
90
reicher ftrebten die Züge der Grenze | Pferde ſaß und auf alle Zurufe kind—
zu; als aber eines Tages verzmweifelnde | Lich froh Tächelte; aber wehe dem,
Hinterbliebene von fogenannten Ketzern der über ihn gelacht hätte! Dieſer
vor dem Schloffe Aſche und verbrannte | Greis, das mußten Alle, trug zur
menschliche Gebeine auf den tiefgrünen | gegenwärtigen Stunde in feiner Bruft
Raſen freuten, da fchluchzte der alte) das Herz des Landes und für fein
Mann laut auf, man fieht, er war | Fühlen und Empfinden ftanden Millionen
findifch geworden, werwird denn weinen? | Arme und Fäufte ein.
AS er aber feine Thränen ge- Die Großen des Neiches gaben
trodnet hatte, da jammelte er ſeine die Krone wieder in feine Hand zurüd
wenigen Diener, bejtieg ein Pferd, und ihr Sprecher hielt dabei eine
aber da er gar ſchwach war, mußten | minder ſchöne Anſprache, wie das
ihn zwei Leute rechts und links fügen, | erfte Mal, wo er Zeit hatte, fich ge:
und ſo zog er der Hauptſtadt zu ; auf dem | hörig darauf vorzubereiten. Dem alten
Wege kehrte jede Auswanderer: Schaar | König war recht bange wegen feines
um und ſchloß fi ihm an, in Dörfern | dritten Neffen, jelbit die Prinzenmutter,
und Städten, wo er vorüberfam, ließen
fie die Arbeit liegen und ftehen und ein
unermeßlihes Menſchengewoge mwälzte
fih braufend gegen die Reſidenz heran.
Sa, man wußte dort gar nicht zu
deuten, was da3 war, als aber
Monofogoporibius nah der Stadt
hineinſchickte und jagen ließ, er fordere
jeine Krone zurüd, da rannte Alt und
Yung vor das Thor hinaus zu ihm,
und die Großen des Neiches, welche
doch nicht ganz allein barinnen ver:
bleiben wollten, entichloffen ſich raſch
mitzurennen und da es ihnen jehr
ſchicklich ſchien, die Krone zur Hand
zu haben und wie aus eigenem Antriebe
gleih anzubieten, jo riß der Letzte,
der in der Eile aus dem Königsjaale
entlief, dieſelbe etwas unfanft dem
jungen Fürften vom Haupte.
Diefer ärgerte fih nicht wenig
und fand es nicht in der Drbnung,
daß er mitten in feiner fegensreichen
Regierung alfo unterbrochen wurde,
denn er hoffte an dem Feuer, an bem
er die eine Hälfte feiner Unterthanen
briet, würde auch die andere Hälfte
für feine Herrichaft gar werden; da
ihm nun dieſe Ausfiht benommen
war, ging er in ein Klofter.
Draußen vor der Stabt trafen
die Großen des Neiches auf unabjeh:
bare Menjchenmaffen, die einen hin:
fälligen Greis umjubelten, der müh—
jelig, von Anderen unterftügt, zu
‚feine erlauchte Schwägerin, warf ſich
ihm zu Füßen und bat, ihrem älteſten
Sohne die Probe zu erlaſſen und
ſollte er damit auch alle Anſprüche
auf den Thron verwirken. War es
gekränkte Mutterliebe, die es nicht
mitanſehen wollte, daß gerade das
am wenigſten geliebte Kind etwa errei-
chen fönnte, was den beiden anderen
Heißgeliebten verjagt war? Dber war
e3 wirklich bejorgte Mutterliebe, die
den Letzten der Söhne nicht auf ein
fo gefährliches Spiel fegen wollte?
Mer weiß es zu fagen? Vielleicht
war es Beides zugleich.
Aber Monofogoporibius I. fagte
ih, daß nah jeinem Ableben doc)
diefer dritte Neffe jein nächſter Erbe
jein würde und eben darum follte auch
er feine Probe ablegen, entweder er
berubigte ihn dadurch über die Zukunft
jeiner ohnehin ſchwer geprüften Unter:
thanen oder er verfehlte gleichfalls
jeine erhabene Aufgabe, dann follte
es die legte Sorge des greifen Königs
fein, einen würdigen Herrſcher für
dag Reich aufzufinden.
Und jo jah denn das Land mit
banger Erwartung und mit wenig
Hoffnung den letzten Prinzen aus
jeinem Fürftenhaufe den gleichen Weg
dahinziehen, den vor ihm feine Brü—
der zurüdgelegt hatten.
(Schluß folgt.)
1}
1
Das Schloß
91
der Vöſen.
Driginal:Novelle.
Schluß.)
Aus dem Lichtreihen Kreiſe der
Schönheit ift die Furcht verbannt.
Friedegg athmet auf.
Mit dem erjten Strih auf bie
Leinwand war alles Bebrängende ent:
flohen — einzig nur die reine Schaffens:
freude bejeelte ben jungen Künftler.
Wir vermögen nit anzubeuten
all’ die bewegenden, bangen, jüßen
Empfindungen, die während dieſer
Stunde in des jchlichten Mädchens
Herzen waren. Ganz ruhig und ftumm
wie eine Bildjäule. ſaß fie da, troß
der Erlaubniß, fich zu bewegen und
zu ſprechen. Ihr Auge hielt fie meift
gejenkt, nur einigemal wurde es auf:
geihlagen und flog auf die Staffelei
bin, die fie doch nur von der Rück—
jeite ſah.
Als die Stunde vorüber und
Angla das fertige Bild zu jehen
hoffte, war fie jehr überrafcht, nur
eine leichte, jchwarze Zeichnung eines
Menichenhauptes zu finden.
Friedegg bat fie, am nächſten
Morgen zur beftimmten Stunde wieder
zu erſcheinen, und zwar in jenem
Kleide, das fie zu Haufe trage, wenn
fie auf der Wieſe das Gras jammle.
Sie band die Loden auf und jagte:
„O, wie gern fomme ich wieder, jebt
hab’ ich Feine Augft mehr.“
Er geleitete fie den Berg hinab.
Sie war heiter und fchalfhaft. Er
grübelte mur, wie e8 Fam, daß ein
ſolcher Pater eine ſolche Tochter
habe. Da erfuhr er: Angla war des
Schuſters Ziehkind.
Mit ihren Vorzügen und mit
ihren Sünden. ....
Der Drad war an demfelben
Tage nicht gefehen worden. Der Maler
hatte beichlofien, die Drohung des
unbeimlihen Mannes für fich zu be:
halten, Hingegen jeine Wohnung zu
jeder Stunde forglich abzujperren und
auf jeinen Spaziergängen in bie
ihönen Laubwälder eine geladene
Piſtole nicht zu verſchmähen.
Am andern Tage fam Angla
unbegleitet in's Schloß. Sie betrachtete
die Zeichnung, welche während ihrer
Abwejenheit etwas ausführlicher ge:
worden war; fie gemwahrte nicht, daß
der Maler die Thür verſchloß.
Dann ſetzte er fi auf den Sammt,
309 das Mädchen an feine Seite nie—
der und flüfterte: „Heute, Angela,
mußt Du Did mir im rechten Lichte
zeigen, heute geht's an die Farben.“
Ihr leichtes Kleidchen ſchmiegte
ſich viel anmuthiger um ihre Glieder,
als geſtern der Sonntagsſtaat.
„Ich verlange ja nur ein Bruſt—
bild“, jagte er, „aber das darfit Du
mir in feiner Naturfchöne nicht ver:
blidte fie immer an; er nahm von | jagen. Wenn ich ganz offen fein will,
jeder ihrer Stimmungen ein Bild in Angela, ic finde ſelbſt das geſchloſſene
feine Seele auf.
Bufenleibhen etwas jtörend. Auch
Später begegnete ihm der alte mußt Du im Intereſſe der Geficht-
Schufter. Der hielt feit den Mund farbe ganz frei athmen können.“
zugefniffen, aber fein blinzelndes Aeug—
lein fragte: Na, wie fteht’3 mit der
Schönften des Landes? wird der König
zufrieden fein?
Mit Mißbehagen wollte fich Friedegg
von dem Alten abwenden, doch durfte
er ſich's mit ihm nicht verderben. Er
Da wagte da3 Mädchen einzu:
wenden, daß die Mutter Gottes auf
Bildern gemwöhnlih ein Kleid trüge,
welches bis an den Hals gejchloffen
wäre.
Friedegg rüdte ihr etwas näher
und fagte: „Nicht wahr, Angela, Du
— 92 =
bift mir nicht böfe, wenn id Dir
etwas geſtehe.“
Das Mädchen ſchlug die Augen
nieder und neigte das Köpfchen.
„Ib bin eigentlih ein arger
Sünder“, fuhr er fort, „die Sehnfucht,
bei Dir zu fein und Dein Bild zu
Ihaffen, hat mich zu einem Streich
verleitet, der ein wenig mein Gewiſſen
brüdt, jo lange ich ihn Dir nicht ges
beichtet habe, jo lange Du mir nicht
die Abjolution ertheilt haft. — Um
von Deinem Bater die Erlaubniß
und von Dir die Bereitwilligfeit zu
erlangen, babe ich das einemal zum
König, das anderemal zur Mut:
ter Gottes meine Zuflucht genommen.
Ich hätte Dir's ja gejtern ſchon ge:
ftehen mögen, um Deine Bejorgniß
zu zerjtreuen: Angla, ich male Fein
anderes, ich male nur Dein Bild, als
die, die Du bift; und ich male die
Schönfte des Landes nicht für den
König, ſondern für mich jelbft. Dein
Bild wird nicht bloß meine Eriftenz
begründen, es wird mein Glüd fein.
— Ich bitte Di, liebe Angla, ver:
zeihe mir daher die Täufchung !”
Das Mädchen war bewegt. Dieſe
Bitte von diefem Manne ging ihr
an's Herz. Sie war noch nicht zum
Bewußtſein gefommen, daß fie den
Maler liebte, daher fagte fie das
Wort: „Da Habe ich nicht3 zu ver:
zeihen. Verzeihen Sie mir, wenn ich
etwa anders bin, als ich wohl fein
ſollte. Ich bin gar arm, hab’ nichts
lernen können und hab’ doch meine
Fehler und Sünden.”
Der junge Künftler legte feine
Hand auf ihre Schulter und flüfterte:
„Alfo ih darf Dih malen, ganz
wie Du bift, mit Deinen Vorzügen
und Deinen Sünden... .?
Da verjegte das Mädchen: „Weil
e3 fo weit ſchon ift — ich will nicht
tugendhafter jein, als wie mich Gott
erſchaffen hat.“
In diefem Augenblide ächzte die
die Wand, als braufe ein Sturmwind
um das Gebäude. Draußen aber war
der fonnige Morgenfrieden.
Mit fanfter Hand legte der Maler
des Mädchens Gelode jo über Schul:
ter und Bruft, wie er es für gut
fand,
Am dritten Tage, als Angla
wieder erichienen und die Thür wie-
der verichlofien war, jagte Friedegg
zu feinem anmuthsvollen Vorbilde:
„Heute kommen die Augen daran.
Mache fie einmal auf und blide
mih an.”
Da leuchteten ihre großen, mäch—
tigen Sterne wunderbar zu den feinen
hinüber. Er fah fie lange, lange an,
dann jchleuderte er den Pinjel weg
und rief: „Die kann ich nicht malen!“
Angla erichraf.
„Das Leben wird noch die Kunft
befiegen! Mädchen, Du bift Schön!”
Er arbeitete in berjelben Stunde
an anderen Partien des Hauptes und
erit, ald Angla wieder davon war —
lebendig, aus feiner eigenen Geele
heraus malte er ihr Auge.
Der Schatz gehoben!
Emfig arbeitete der junge Künft:
ler und wo er ging und ftand, jah
er vor fih ihr Bild. Alles Schöne
und Kieblihe, was ſonſt die Gegend
bot, verwebte er in dasſelbe; alles
Gute und Frohſame, was er von den
ichlihten Bewohnern des waldigen
Thales erfuhr, legte er in dasſelbe;
all’ das Ueberirdiſche, das Göttliche,
wa3 er in feinem Kiünftleriveale je
geträumt, ſenkte er in das Bild jeiner
— jeiner Angla.
Dder wäre ber Drad, der finftere,
grauenhafte Gejelle einer andern Mei:
nung? — Schon jeit Tagen war
diejer nicht mehr gefehen worden. Ein
verrüdter Alter — weiß heute nicht
mehr, was er geftern gethan hat. Der
Maler wollte weiterd gar nicht mehr
an ihn denken.
Das hielt aber etwas ſchwer und
ald Ungla das nächjtemal zu ihm
in’3 Schloß kam, verjperrte er doch
wieder die Thür.
Sie ſaßen beifammen auf dem
rothen Sammt — der Maler und
jein reizendes Modell.
„And nun, mein füßes Kind’,
jagte Friedegg, heute noch inniger als
je bejeelt von dem Gegenjtande feines
Schaffens, „Du fiehit, welch' reinen |
Purpuv ih heute auf der Palette
babe; das feinjte Pinſelchen ift im
Bereitichaft. Was meinft Du, ift es
nicht Dein lieber, Eleiner, roſiger Mund,
der heute d’ran muß?“
Ihre Lippen, folches Lob kaum
gewohnt, zitterten leiſe.
„So wie ich das Auge ganz auf
mich wirken lafjen mußte”, ſagte der
Künftler „bis e8 mir gelang, dasjelbe
auf die Leinwand zu bringen, fo
wird’3 wohl auch mit dem Munde
fein müßen.”
Und er legte feine Hände an ihr
Haupt und fanft aber ehern an Kraft
zog er es an fih und preßte einen!
langen, glühenden Kuß aufihre Lippen.
93
— ALS er das Köpfchen endlich wie:
der losließ, neigte e3 wie ein ges
Als Angela das näcdhite: und letzte—
mal wieder fam, brachte fie dem Maler
einen kleinen Strauß von Nelken und
Nejeden mit. — Wer das alte Alpha:
bet kennt, mittelit deilen das junge
Landvolk fich eine Liebesbriefe fchreibt,
— wer die Blumenjpradhe kennt, ber
weiß e3 nun, was Angla meint und
nimmer jagen fann.
Friedegg nahm den Strauß ftill
entgegen. Heute hatte er fein Wort
des Scerzes, der Schmeichelei und
Liebe. Schier blaß bis zum Munde
bin war fein Geſicht. — Zweimal
hatte er den Schlüffel umgedreht am
Thürſchloß. — Es jollte die Stunde
der Enthüllung jein.
Die Staffelei hatte er jo gewen—
det, daß das volle Licht eines Fenſters
auf das Bildniß fallen mußte. Das
rothe Sammtjopha hatte er jo gejtellt,
daß es etwas im Dunkeln, vier Schuh
weit vor dem Bilde ftand.
Darauf ließen fie fih nieder und
Friedegg jagte: „Nun will ih Dir
zeigen, Angla, wie Du in mir lebſt!“
Es fiel der Vorhang. Angla jtieß
einen furzen Ruf aus, jah und ftaunte,
nidtes Blümchen, tieferröthet und Sie hatte das Bild wohl in feinem
geichloffenen Auges, dem Bufen zu. | Werden gejehen, jegt jah fie es in
Wie in einem leifen Erdbeben
dröhnte ber Boden. Friedegg merkte
es nicht, erhob fich rajch und malte.
feiner Vollendung. — In der Schön:
heit und Reinheit eines Engels, in
aufblühender Jugend eines irdiſchen
Mejens, in keimender Lebenslut —
An einem der nächiten Tage kam im Auge die erwachte finnende Seele,
das Schuſterlein wieder einmal zu am Munde das Findliche Lächeln noch
Friedegg auf Beſuch. Das Bild war und auch ſchon das fchüchterne Ber
mit einem weißen Tuche verhüllt. Der | gehren und das Dämmern der Liebes:
Alte verlangte es nicht zu jehen; er ahnung auf der Wange — fo trat
erfundigte jih nur nah der Schatz- das Jungfrauenbild hervor aus feinem
gräberei. Grunde.
„Bit“, Tiipelte der Maler, „ich Jede der zarten Gemüthsbewegun⸗
habe ben Schag ja ſchon gefunden! |gen des Mädchens in den Stunden,
Er ruht tief im Brunnen, aus wel- da es Vorbild war, die Bangniß und
chem das Blut fließt. Bald wird er die Eitelkeit, das Eindliche Geſtändniß,
gehoben fein.’ die heitere Zuverficht, die zarte Scham:
Befriedigt trippelte der Flickſchuſier haftigkeit, der volle Blick in's Mannes:
in jein Häuschen zurüd und verach- auge und der Kuß war auf dem
tend ftieß er die alten ſpröden Schuhe | Bilde — das reizende Landmädchen
und Lederſtücke mit dem Fuße von fich. | mit feinen Vorzügen und feinen Sünden.
-
=
94
„— Und das — bin ich?“ hauchte
Angla.
„— Wie Du in mir lebſt. —
Du mein füßer Schag, glaube mir,
ih habe gerungen mit mir.” — Er
ftocdte, er bebte und glühte. „Ich habe
mich ſehr nad diefem Augenblid ge:
fehnt! Er wird — ein heißer Hauch
— den Thau von einer Blume jau:
gen, die ich noch in ihrem feuchten
Morgenglanze der Melt bewahren
wollte. Blide, Angla, noch einmal in
diefem Bilde den Frühling der Ahnun—
gen, und dann — jei mein.’
Eine ſchwüle Ruhe laſtete im
Gemach. — Und es war doch feine
Mär’, im Hofe rieſelte der Blut:
brunnen .... und auf dem See
ichaufelte eine Jungfrau... . Wie
aus einer verklärten Welt blidte das
Kunftwerf nieder auf den wildeſten
ber Stürme, der in der Leidenſchaften
Nacht das Menſchenherz durchbrauſt. . ..
Ein greller Knall in nächſter Nähe
ſchreckte die Liebenden. Aufgeſprungen
war ein Stück der Wand und aus
der finſteren Tiefe ſtieg die hohe Ge—
ſtalt des Drack. — „Verführer! Ver—
führer!“ mit ſolch' gellendem Schrei,
den Dolch in der Hand ſtürzte er auf
den Maler zu. — Da ftand er plötz—
lich gegenüber dem Bildniß. Ein dumpfer
Laut der Weberrafhung, die Hand
ſank mit der Waffe und fein flarrer
Blick haftete auf dem Kunſtwerk.
Neglos kniete Angla vor der Ruhe:
bank; an ihrer Seite ftand der junge
Mann, bereit, die Geliebte zu ſchützen.
„Bott im Himmel!” murmelte
der Drad, „wer fo ihr Bild erfaßt,
der liebt fie. Der liebt fie wahr und
treu.” — Der Dolch fiel Elirrend zu
Boden, und die Hand, die ihn früher
umflammert hatte, erhob fi wie
jegnend gegen das Paar. Und im
nächiten Augenblide war der ſeltſame
Gast verſchwunden.
Verſchwunden wie ein Gejpenft,
hätte nicht die offene Tapetenthür und
auf dem Fußboden der Dolh ein
Anderes bemwiejen.
Als fih die Beiden von der ent-
jeglihen Ueberrafhung etwas erholt
hatten, jagte Friedegg: „Siehe, mein
Lieb’, Dein Bild ift doch ein Mutter:
gottesbild. Das erſte Wunder iſt
davor geſchehen. Es hat uns vor dem
Wuthanfalle eines Wahnſinnigen ge—
rettet.“
Das — eines Anglük-
fiden.
So iſt es geihehen zu Brandau
am Kerwald, im Scloife der Böſen.
Friedegg's Bild hat unter dem
Namen „die Jungfrau‘ auf der Welt:
ausftellung zu Paris außerordentliches
Aufjehen gemacht. An dem nämlichen
Tage, ald Mar Friedegg feine Angla
in der Brandauer Kirche zum Altare
führte, fam eines ruſſiſchen Fürften
Anfrage, ob er, der Maler der Jung:
frau, geneigt wäre, ihm das Bild
gegen zwanzig taufend Silberrubel zu
überlafjen.
Ar dem nämlichen Feittage aber
fam auch eine andere Poſt aus Stalien.
Es war ein Paket mit großen Siegeln
‚und bejtand aus Urkunden und Schrif:
‚ten. Das Blatt, welches zu oberft lag,
war glattes Briefpapier und trug fol
genden Inhalt:
„So mögt Ihr, meine Kinder, das
Bekenntniß eines Unglücdlichen ver:
nehmen. Was Ihr über meine und
Eure Vorfahren und über die gejchäft:
lihen Angelegenheiten zu wiſſen nöthig
habt, daS werdet Ihr in ben beiliegen:
den Schriftftüden finden. Meine Fuß:
‚ftapfen waren nicht die meiner Ahnen.
Mein Leben war wild. Meine Wiege
it in Stalien geftanden. Meine Eltern
ftarben früh, meine zwei Brüder,
älter als ich, haben fi) dem Staats:
diente gewidmet. Ich ging früher an
den Genuß, als an bie Arbeit. Ich
liebte ein junges Weib und erftach in
einem Zweikampfe den Nebenbubler.
Dann floh ich in's Ausland und jen-
ſeits der Alpen, in jenem nordifchen
Waldthale, wo Euch das Glüd der
reinen Liebe aufgeht, erwarb ich ein
altes Bergſchloß, ließ ed umbauen
und wohnte in demjelben in Gejell:
Ihaft von Freunden, die man überall
findet, wo man mit dem Geldbeutel
ſchellt. Unſer Treiben auf der Burg
mag wohl damals ſchon Anlaß gege—
ben haben, daß der Volksmund Bran-
dau das Schloß der Böfen taufte,
Wüſt iſt's zugegangen; der blutige
Erwerb des Landmannes ijt auf dem
Schlofje verpraßt worden. Und bie
Leidenschaft ift Burgfrau geweſen. Ans
Freien wollte ich nicht gehen, benn
ih war ein Feind jeglicher Bande.
Ein junge® Bauernmäbdhen, das
öfter8 mit Eiern und Beeren auf das
Schloß gelommen, muß ich bemerken ;
ih lernte es fennen, ehe mich ein
ausjchweifendes Leben auf's Siechen:
lager warf und mich veranlaßte, wieder
das füdlihe Klima zu fuchen. Der
wahre Name meines Geſchlechtes iſt
in den beiliegenden Urkunden wohlver:
bürgt. Ih aber kehrte unter dem
Namen Banetti nah Stalien zurüd,
wo ich nach furzer Zeit wieder genas.
Ich beſchloß, ein neues Leben anzu:
fangen und wollte mich der Gejell:
ihaft opfern. Ich beichäftigte mic
mit Politik, ließ mid hinreißen von
Rath) zur That und leidenschaftlich,
wie mein Weſen war, brachte ich es
jo weit, daß man mich als politifchen
Verbrecher in den Kerfer warf. In
jahrelanger Haft ift mein Lebensmarf
erftarrt. Bei Gelegenheit einer Emeute
der Sträflinge bin ich entflohen, bin
durch viele Noth und ganz vermwildert
über die Alpen meinem Schloſſe Bran—
dau zugeeilt.
Doch durfte ich dort wieder mur
Auffeher ein geringes Zimmer anmwies.
Ich verfügte über einen nur kleinen
Nothpfennig. Meine Nahrung war
fümmerlih, meine Arbeit, um mid)
irgendwie vor den Leuten zu vechtfer:
tigen, beſtand aus Sammlung von
allerlei ziemlich werthloſen Gegenſtän—
den. Mein Geijt war gebrochen; bie
Haft Hatte den Keim des Irrſinns in
mein Gehirn gelegt. Bisweilen merke
ich jeine Spur, und jelbjt zu Zeiten,
da ich fie nicht merke, zweifle ih an
meiner Haren Vernunft. In Brandau
babe ih mich nun auch nach jenem
Bauernmädchen erkundigt, das vor
Zeiten mit Lebensmitteln aufs Schloß
gekommen. Dasjelbe war etlihe Mo:
nate nad der Abreife des Grafen
Benetti, wie e8 hieß — im Wochen:
bette geitorben. Das Kind von ihr,
ein Mädchen, lebte noch und war in
der Pflege des Schuhmachermeijters
Zacharias zu Brandau. Ich jah es
und babe e8 im Herzen ald mein
Kind erkannt. Es ift eine harte Qual
geweien, daß ich mich nicht als Vater
des Mädchens habe befennen bürfen,
daß ich nicht Die Macht hatte, es erzie-
hen zu lafjen, da doch das ftolge Schloß
auf dem Berge und die reihen Wal:
dungen ringsum mein Eigenthum
waren. Ich hatte die Urkunden, hatte
al’ die Papiere, nur den Namen
durfte ich nicht tragen, der mich wie:
der in den Befiß gejegt hätte. Bloß
das Eine ſchien mir ausführbar, wie
ein unbekannter Schußgeift über mein
Kind zu wachen, dasſelbe vor böjem
Fehl zu hüten, bis es einen Führer
dur das Leben gefunden hätte. Die
Mittel, die ich dazu gewählt, find zu:
weilen wohl von der Art gemwejen, daß
unter neuem Namen leben; al3 Graf fie mich nachträglich oft über meinen
Banetti wäre ih ſofort am meine | Geifteszuftand ſehr beunruhigten. Ich
Heimat ausgeliefert worden. Der Name |habe Angla umlauert, belaujcht,
war gebrandmarft, jo weit die Kronen |erfchredt, geängftigt, habe den Men:
der Despoten jtrahlen. Ohne Vermögen | fchen, die ih für ihre Feinde hielt,
und Frank an Körper und Geift, ein|tolle Verfprehungen gemacht oder
elender Mann, verſchaffte ich mir durch |ihnen gedroht. Das liebe Kind hat
Umtriebe ald Doktor Drade Eingang | fi ja jelbft bewahrt; ich Habe nichts
in mein eigenes Schloß, wo mir der | erreicht, als den Titel: Narr und der
J
96
wird wohl faum jemald gegen einen | Euch meine Freude benfen. Wenn der
andern mehr vertaufcht werden. Schöpfer diejes Werkes mir altem
Gefahr ahnend, habe ich vor Allem | Manne eine Bitte gewähren wollte,
das Malen des Bildes zu verhindern ſo wäre e3 die, daß er das Bilbniß,
geſucht. Der Einfamkeit des verrufenen | welches in Eurem Leben eine fo be:
Schloſſes hätte ich euch gerne anver: | deutfame Nolle jpielt, nicht verkaufe,
traut. Doch, die gefährlihfte Burg | jondern dasjelbe im Schloffe Brandau
der böſen Geijter ift das Men-|in dem nämlichen Gemade aufitelle,
ſchenherz. wo es entſtanden iſt, auf daß es auch
So wird Euch nun wohl Vieles die Kinder und Kindeskinder ſehen.
klar geworden ſein, was bisher dun— Alles Gute ſei mit Euch!
kel geweſen. — Ich habe keine Ver— Graf
wandten mehr auf der Welt, als Dich, PR
Angla, die ich für mein Teiblih Kind Nun erft jah man fih um nad)
und meinen Erben erkenne. — Du dem Berfaffer dieſes Briefes. Der
haft den Bräutigam gefunden, zu — ſeit Wochen nicht mehr geſehen
ich Dich beglückwünſche. worden und ſeine Kammerthür war
Es iſt beſſer, ich trete nicht mehr mit Spinnweben umſchleiert.
vor Eure Augen, ſo wie ich war und Anfangs hatte man einiges Miß—
jetzt noch bin. Ich weiß Euch glück- trauen in die Dokumente geſetzt, doch
lich, und deß bin ich zufrieden. Meine hatten dieſe ſich bald als echt und
Tage find gezählt. Zur Stunde, da werthvoll erwieſen.
Ihr mein Vermächtniß empfanget, hat Angla Friedegg, die junge Frau,
mi mein Vaterland vielleicht wieder | wollte auf und nad) Stalien, um ihren
hinter Schloß und Riegel geftedt. | Water zu ſuchen. Da fam die Nach—
Bleibe ich unter den jetigen Zuſtän- richt von feinem Tode.
den frei, fo jehe ich Euch wieder. Mie Boll wehmuthsinniger Dankbarkeit
das immer fein mag, meine Aufgabe, zog fie mit ihrem Torbeerbefrängten
Euch die vom Staate nicht eingezoge: | Gatten ein in das ftattliche, reichbe-
nen Güter zu fihern, habe ich im die: | güterte Haus, genannt das Schloß
jen legten Tagen erfüllt. der Böjen, in welchem mander Dä-
Noch Eins. Auch in Jtalien habe | mon fein dunkles Spiel getrieben, bis
ih Schon viel über das Bild die die zwei Botinnen Gottes famen —
Yungfrau ſprechen gehört. Ihr könnt die Kunft und die Liebe.
Wem gebührt des Kampfes Preis?
Wem gebührt des Kampfes Preis, | Laßt die Palme den nicht mifien,
Wem verneige fih das Haupt: . Dem fein Glauben ward im Wiffen ;
Ienem, der zu glauben weiß, | Dod den Rorbeer nimmer rauben,
Diefem, der zu wiflen glaubt? — Wem dad Wiffen ward zum Glauben.
Anaflafius Grün,
97
Es reigt in Puh ein Piebespaar.
Eine Kunde aus dem Sandhaufe,
Bon P. R. Roſegger.
Jetzt will ich die Gefchichte erzäh—
len, warum der Hammerl:Hang, der
alte Iuftige Hammerl-Hans mit dem
erlojchenen Vfeifchen im Munde am
Sandhauje im Koberwald fo ftill und
gebückt vorbeiichleicht.
Der Hammerl:Hans ift ein fah—
render Mufifant ; er jpielt durch kleine
Hämmerden ein jchier munderliches
Inſtrument. Es ijt eine Art Hackbrett
mit hölzernen Saiten, Da liegen auf
Strohriegeln etliche dreißig Holzwälz:
hen, jedes etwa einen Zoll did, von
verjehiedener Länge ; fie find aus Fich—
tenholz geichnitten und jo neben und
zwijchen einander gelegt, daß fie durch
Hämmerchen wie die Saiten des Had:
brettes gefpielt werden können.
Der Hans ift vormalen in ben
Dreifohlergräben LZiegenhirt gemejen.
Dort hat er oft den Holzrutichen der
Leute zugejehen, wie die zerjchnittenen
und entichälten Baumjtämme die Mul-
den und Rinnen beranrollen und mit
Hingendem Scale in die Kohlſtatt flie-
gen. Und da war dem Hans aufge:
fallen, daß dieſe Holzjtüde je nad)
ihrer Größe und Länge einen verjchie-
denen Klang hatten. Se kürzer das
Stüf, deito höher und greller das
Klingen; je länger der Schaft, deſto
tiefer und jfummender das Tönen.
Ein Freund der Tonfunft war ber
„Baishalter:Hanjl” von jeher geweſen,
und das Ideal feines Lebens, pfeifen:
blafen oder geigen zu lernen und
unter den Dorfmufilanten auf dem
Kirchenchor oder im Wirththaufe Gott
zu loben und die Menfchen zu erfreuen.
Aber das Inſtrument foftet Geld, der
Schulmeifter Eoftet Geld, das Lernen
foftet Zeit, und jo hat fih der arme
Hanſel mit feinem Naturgefang und
|
Wohl hatte er fich mehrere Pfeifen
aus Rohr geichnitten, hatte Blätter
von Enzian über die Lippen geſpannt
und durch das Blafen Töne erzeugt;
doh maren ihm derlei Inſtrumente
nicht vollfommen genug.
Als ihm nun aber das vielfältige
Scallen der entichälten Holzblöde auf:
gefallen war, fam ihm plöglich der Ge:
danfe: So ein Werkzeug aus Holz, daß
man darauf Mufit machen könnte! Mit
den großen Blöden ließ ſich allerdings
nichts anfangen, die gehörten auch
nicht fein; aber im Kleinen aus Fich-
tenholzſtückchen ein Spiel einrichten...
Er hats verjucht, hat lange, lange
Zeit damit herumgearbeitet, und jo ift
allmälig jenes oben bejchriebene In—
ftrument entftanden. Mit zwei Häm—
merchen hat er es geichlagen, bald
auf das eine, bald auf das andere
der Stäbchen flopfend, und fiehe, es
haben dabei die Hunde geheult. Da:
rüber war der Hand entzüdt, denn
Hunde heulen immer, wenn Mufik
gemacht wird — jo war ed denn
Muſik.
Viele Jahre lang hat es freilich ge—
braucht, bis das Inſtrument eine ſolche
Vollkommenheit, und der Hans darauf
eine ſolche Fertigkeit erlangt, daß er
vor aller Leute Ohren ſpielen konnte.
Dafür thaten ſich nun aber die Ohren um
jo ſchärfer ſpitzen. Man hatte wohl
ſchon gehört wie auf Glöcklein oder
auf einer Reihe von Trinkgläſern aller—
lei Weiſen hervorgebracht wurden, aber
daß gar die Holzklötzchen, die wild
aufgewachſen waren im Walde, muſi—
faliich fein konnten, da8 war gar aus
aller Weiſe. Schsunddreißig Stäbchen,
von den Fürzeften bis zu den längften,
gaben jehsunddreißig Töne, die ganz
funftgerecht miteinander harmonitten.
mit dem Medern der Ziegen zufrieden | Und jet hämmerte der Hans den
geben müfjen.
Rofeggers „„Öeimgarten‘‘ Ur. 2.
Leuten vor, was fie wollten : ſteiriſche
7
98
Tänze und wieneriiche Walzer, heitere | jelber erfunden hat. So ein Menſch
Lieder und friſche Soldatenmärjche,
auch Alpenjodler und Kirchengefänge,
was eben die Leute verlangten und —
bezahlten.
Da war's mit dem Liegenhalten
vorbei. Der Hans ging mit jeinem
Spielwerk thalauf, thalab, von einem
Dorf zum andern, auch bisweilen über
die Berge hin in ein anderes Thal
und an der Zandftraße weiter auf Märkte
und in fleinere Städte; kehrte aber
ftetS wieder bald in feine beimatliche
Gegend zurüd. Man gab ihm den
Rath, er ſollt's verfuchen, jollt in die
Nefidenz reifen, jolt in der weiten
Welt jein Glück probiren, er käme nad)
Jahren gewiß als reicher Mann zurück.
Der Hans that? aber nicht und
er wußte gut, warum.
Wenn er drüben hinter den Ber:
gen war, in einem andern Thal, oder
in der Gauftadt draußen, da hatte er,
außer in den Stunden, wo er jpielte,
feine gute Zeit. — „Thut mir halt
allerweg ein Biſſel ant, wenn ich nit
daheim bin”, jagte er einmal im Ver:
trauen; ging er aber wieder zurüd
in's Thal, wo er geboren worden, wo
er die Ziegen geweidet, wo er fein
Holzinftrument erfunden — fo fand
er eigentlich doch nicht® vor. Heim:
weh und feine Heimat! Keine Hand:
breit Erde war jein. Wozu auch braucht
er Erde, der Bettelmufifant, er gehört
zu jenen Zeichtfertigen und Glüdlichen,
die bei der Theilung derjelben zu jpät
gefommen. Bon feinen Blutsverwandten
lebte Keines mehr. Aber die Leute
hatte er alle lieb, die in der Gegend
der Dreijohlergräben und des Kober—
waldes lebten. Den Einen hatte er
einjt die Ziegen gehütet, den Andern
was vorgejpielt; die hatten ihn fatt
gefüttert, wieder Andere hatten ihm
gute Schuhe machen laffen. Ferner
hatten fie bei jeiner Muſik viel ge
tanzt und gejungen und hatten gejagt:
„Wer wollt’ ihm's anjehen, dem Lap—
pen da, daß er ein folches Kreuz—
föpfel ift und das ganze Spielwerk
ift hell eine Ehr’ für die ganze Ge:
gend !* Etlihe waren freilih auch,
die feine „Holztlemper” verjpotteten —
aber gut und in irgend welchem Ber:
hältniß fand er zu Allen; auch jagten
Ale „Du“ zu ihm und hatten ftet3
ein droliges Wort für ihn, wenn er
fam; und mancher Gönner der Kunft
verehrte ihm ein Pfeiflein Tabat —
und das alles zufammen und vielleicht
noch anderes mit, machte e8, daß er
hinter den Bergen draußen jenes Ge:
fühl hatte, welches wir Heimmeh nennen.
Vor Allem hatte er die Kinder
lieb, gejellte fih gerne zu ihnen, und
fie hüpften und jchlugen Purzelbäume
bei feinem Spiele.
Ein Eleines Mädchen lebte im Ha—
gerhaufe, am Eingang in die Drei:
johlergräben, dem ging der Hang,
wenn er von feinen Wanderungen zu:
rücfehrte, gerne zu, und immer be=
grüßte er es mit den Worten: „Schau
zum Wachſen Frieda, Dein Bräutigam
trägt Schon ſpannlange Schuh!“
Anfangs hatte fich das Mädchen
auf ſolche Anrede Fichernd davonge—
trollt, jpäter hatte es ausgerufen:
„Ja, ich hab’ ja noch gar feinen Bräu—
tigam!” und endlih, wie es ſchon
ichlanf geworden, entgegnete e3 gar
nicht mehr auf die Anrede, jondern
blickte auf die Erde nieder. Und da
dachte fi der alte Haus: Freilich,
freilich, der Menfch, ob Elein oder groß,
braucht feine jpannlangen Schuh!
Und der Frieda jeh’ ich's an, fie hat
jegt einen Bräutigam. —
Auch dem Hans — dem Hammerl:
Hans, — wie ihn die Leute nannten
— wird das Herz einmal geblüht
baben. Ob ein Reif in Frühlingsnacht
die Blüthe verfengt, ob ein MWetter-
fturm dieſelbe verweht hat, ob fie zur
Frucht gediehen it — ich vermag es
nicht zu jagen; er erzählt es vielleicht
mit feinen Hämmerden auf den höl-
zernen Saiten, und die Zuhörer ver:
ftehen es nicht ober vermeinen ihre
eigenen Geſchichten dabei zu hören.
99
Die Frieda vom Hagerhaufe hatte |
ein blaues Auge und flocht die Loden
nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und
deswegen hatte fie der Mufifant ein:
mal um den Namen gefragt. — „Um:
ſonſt wollt’ fie den Namen nicht Jagen,
er müßt’ ihr ein jchönes Stüdel da= |
für fpielen.” — Das fhönfte Stüdel,
das er kann, hatte er ihr vorgeſpielt.
— Bon diefer Zeit her ging die
Freundichaft und der Spruch von ben
jpannlangen Schuhen. Der Hans wußte,
— 533 ein Scherz, vermochte das
verwirrte Kind noch zu denfen — fo
funnt er fich bitter verfündigen ; und
wenn’3 jein Ernft — — Sie jtarrte
nieder zu jeinen Bundſchuhen: Eine
Spanne mögen fie wohl lang fein...
„Und daß ich frag’, Frieda: Haft
ein Gelb?”
Das Mädchen ftieß einen Seufzer
aus und flüfterte: „Nicht fünf Gro-
ſchen.“
„Das iſt mir lieb“, ſagte der
gar nicht, wie es war, daß er das | Sanöhanter, „das Geld macht beim
Kind fo gerne ſah; und gerade, wenn | ‚Heiraten die meiften Unebenheiten. Na,
er bei diefem Mädchen ſaß, murmelte
er mehrmals:
daß ich wieder daheim.”
% hätt's feinen Umftand; ich, ber
„Bin wohl recht froh, | Blafi, hab Haus und Hof, und Du
haft den Blaſi. Wir machen es auf
Und Frieda war doch fremder | Büterhalbjcheid.”
Waldleute Kind, und fie war lange, lan:
ge noch nicht taufend Wochen alt, und
er — ſchon gebeugt mit weißem Haar.
AL nun diefe Zeit gefommen, in
welcher das jchlanfe Mädchen ben
Sand auf dem Boden zählte, fo oft
der Hammerl:Hand das Wort vom
Bräutigam jagte, betete er des Abends
in jeinem Bette um ein Vaterunſer
mehr, al3 ſonſt, und mit dem Zuſatz:
„Auf daß fie halt ſollt' glücklich fein !”
Da trug e3 fih zu, daß eines
Tages vom Koberwald herüber der
junge Sandhaufer fam, das Mädchen
auf der Au bei den Ziegen jtehen jah,
zu ihm hintrat und das Wort aus:
Iprad): „Frieda, jept bin ich da um
Dich.”
„Iſt ſchon recht“, entgegnete die
Hirtin lächelnd.
„Mein Ernft! in vierzehn Tagen
mußt das Herbfeuer im Sandhaus
anzünden, und gehſt jchon heut’ mit,
jo iſt's mir noch Lieber!”
Da wurde das Mädchen ganz blaß.
Mit feinem ſchönen ernjten Gefichte,
mit feinem milden Auge fand er vor
ihr und legte die Hand auf ihren
Oberarm und warb. Er wußte e8 nicht, | ten;
der Braut fagen möchte,
daß er ihr Liebſter im Herzen war;
Sie hat fein Sterbenswörtchen ge:
ſprochen, fie bat fih Hingelehnt au
feine Bruſt. Doch als er wieder da—
von war — ich meine, er ijt ſchnur—
gerade zum Pfarrer gerannt, da bat
fie den Ziegen zugefchrien: „Ya, bin
ich denn gejtorben? — denn geftorben,
daß ih im Himmel bin?”
Bauers:Brautleute, wenn fie ſich
einmal erfaffen, befinnen fich nicht
lang; in vierzehn Tagen iſt die Hoch:
zeit gemejen.
Mohl ift der Hammerl-Hans mit
feinem Inſtrument um das Linden:
wirthshaus geichlichen, aber Fein Menſch
bat ihn hineingerufen; d’rin hat ja die
vornehme Dorfmufifbande aufgejpielt,
daß, mein Eid, die Wände gegellt
haben; und der Tanzboden unter dem
kecken Springen und Stampfen der
Burfchen hat's büßen müſſen.
— Thät nur die Braut ein ein:
zigmal zum Fenfter berausjchauen !
jeufzte ber Hans. Aber es wurde Nacht
und hell waren die Fenfter beleuchtet.
Da ging der Alte hin über das thaunaſſe
Gras. Er jah Johanniskäfer leuchten;
er jah Sternfunfen vom Himmel glei:
er dachte nichts, als daß er es
weld’ ein
fie hatten jich öfters gejehen auf dem großes Glück er ihr wünſche.
Kirchpfad, aber nie ein Wort mitein-
ander geſprochen.
Und am Tage darauf zog Die
Frieda im Sandhauje ein. Da konnte
7e
100
e8 der Hans nicht mehr länger aus:
halten; er eilte Hin und ging vor dem
Sandhaufe jo lange auf und ab, bis
ihn Frieda bemerkte, zur Thür hinaus:
trat und ganz leife, als fäme ihr das
Mort noch gar nicht zu, Folgendes
fagte: „Grüß Euch ſchön Gott, bei
uns, Geht in’8 Haus und raftet ab!“
Da ergriff der Alte ihre Hand:
„Did muß man fo viel gerne haben.
Der lieb’ Herrgott jegne Dich, der
lieb’ Herrgott ſegne Dich!”
Dann trat er in's Haus und lehnte
den Kaften, in welchem jein Holzin-
jtrument eingejchloffen war, an die
Dfenmauer und feßte fich felbit da-
neben hin auf die Bank, und fah in
der Stube umher, wie Alles fo hübſch
und heimlich eingerichtet war. Der
Sandhaufer fam und meinte: Bei der
Ofenbank ſei Fein Siken, der Hans
jolle fi ein wenig an ben Tiſch be:
geben. Bald war ein gewichtiger Laib
Brod und ein grümer jchwihender
Moftfrug auf dem Tische erfchienen.
Der Sandhaufer hatte viel aus:
und einzugehen, trug in ebenmäßiger
Ruhe und doch mit gewiſſem Eifer
den einen Gegenftand bin, den andern
ber. Und auf dem Oberboden und in
ber Nebenfammer war der behendige
Schritt der Frieda zu vernehmen und
bisweilen hufchte fie mit einem Kiffen,
mit einer Dede durch die Stube,
Der Hammerl-Hans kaute langſam
an dem ſchmackhaften Brod, dachte bei
ſich: Wohl jetzt thun ſie ſchon neſt—
tragen — und that einen gedehnten
Zug aus dem Kruge.
Endlich ſetzte ſich der junge Eh—
mann zu ihm und fragte: „Na, Hans,
kriegen wir gar nichts zu hören?“ —
Er hätte das Wort wieder einfangen
mögen; er war erſtens heute nicht in
der Stimmung, auf dem Dreifuß zu
ſitzen und einer Muſik zu lauſchen;
und zweitens kam's ja gerade heraus,
riemen ſeines Kaſtens aufſchnallte:
„Na, na, Hans, nicht desweg, nicht
desweg. Thu' ſich der Hans ausraſten.
Ein andermal.“
„Wohl nit vonnöthen!“ verſetzte
der Alte raſch, „hab' mich jetzund
rechtſchaffen geſtärkt. Muß ja dem jun—
gen Ehpaar noch mein Brautliedl vor—
machen, — das wohl, ei, das wohl!“
Sofort that er die Strohriegel auf
den Tiſch, entfaltete das Inſtrument
und legte es darauf zurecht. In jeder
Hand ein Hämmerchen, ſchlug er zu—
erſt auf eines und das andere der
Stäbchen — auch dieſes Spielwerk muß
geſtimmt werden!
Töne ſind nicht zu beſchreiben, und
am wenigſten, wenn ſie von einem
eigenartigen Inſtrumente kommen, das
die allermeiſten Menſchen noch gar
nicht gehört haben. Und ſo muß ſich
der Erzähler begnügen, zu ſagen, daß
der Hammerl-Hans auf ſeinem Zeug
gar ſeltſam zu ſpielen, die anmuthig—
ſten Melodien hervorzubringen verſteht.
Etwas komiſch berührt nur das haſtige
Hinundherzucken mit den Armen; in
raſchem Tempo müſſen ja die Hämmer
faſt gleichzeitig in den verſchiedenſten
Gegenden des Tonbrettes ſein — jetzt
beim brummenden, grollenden Holz,
jetzt wieder beim klingenden, ſchreien—
den. Das Ganze quillt etwas derb
und grell hervor und macht die Ner—
ven zittern. Von der Entfernung ge—
hört, iſt es eine weiche, melodiſche
Muſik, doch ganz unvergleichbar mit
allen anderen Tonſpielen.
Zuerſt gab der Hand im Sand—
baufe mit fanften Hammerfchlägen
eine liebliche Volksweiſe zum Beſten.
Das lodte Frieda herbei. Sie ſchmiegte
fih mit Haupt und Gliedern an ihren
jungen Gatten und horchte dem Spiele
zu. In folder Lage fand auch der
Sandhaufer die Mufif angenehm, und
als das erjte Lied zu Ende war, be-
al3 wollte er fich für die Eleine Jauſe, ftellte er ein zmeites und zog fein
die er dem Alten, vorgeſetzt, bezahlt
machen. Er jagte daher, als der Hans
Ihon mit freubiger Haft die Leder-
Weibchen nieder auf feinen Schoß.
Das zweite Lied Hang ſchon lauter
und Feder, und der Blafi trat dazu
101
mit der Fußipige ben Takt. Das
dritte Stück war ein fteirifher Tanz,
da wiegte ji die Frieda auf ben
Knien ihres Mannes, bis diejer fie
emporhob, jelbft aufitand und flüfterte:
„Kopien wir eins mit!“
Da hat fie ihren Arm um feinen
Hals gelegt und dba haben fie jenen
Reigen begonnen, ber feiner Aumuth
und Einnigfeit wegen wohl den erjten
Rang einnimmt unter ben Tänzen des
deutſchen Volkes.
Als der Hans einen Blid that
auf das Paar, da vergaß er jdhier
auf das Hämmern: die Frieda hob
gerade das vorhin an Blafi’3 Bruft
geſunkene Köpfchen und ſah dem Gatten
in's Auge. Und diefen Augenblid fann
der alte Mufifant nimmer vergefjen.
„Toll“, murmelte er, „toll haben fie
fih gern!“ und fuchte wieder in den
Taft zu kommen.
Nah dem Steirifhen ging ein
Walzer los, da glitten bie jungen
Leute Schon rajcher durch die Stube,
und al3 das Tonbrett ſchwieg, hob
der Sandhauſer den Moftfrug, rief:
„Unfer Muſikant fol Teben!” und
tranf. — Sie tanzten jo geme; jie
tanzten das erftemal mitfammen, denn
bei der Hochzeit mußte nach der Sitte
der Bräutigam mit der erjten Kran-
zeljungfer, und die Braut mit dem
Brautführer und anderen Ehemännern
teigen.
Dem Hans ſelber waren heute bie
Hämmerden heiß in der Hand. Er
begann eine Polka zu jchlagen. Ein
Jauchzen entfuhr dem jungen Mann ;
fed faßte er fein Weib um die Mitte
und flog mit ihr im Kreiſe. Raſch
gings. Es dröhnte der Fußboden unter
den Sprüngen, ed Elirrten die Fenſter.
Grell, faft wild klapperten die Häm—
merchen und dem Mufifanten rann es
heiß durch's Mark, fein Spiel war
fieberig und ging raſcher und rajcher.
Das tanzende Paar ftieß an Bänfe
und Stühle und ſchien es nicht zu
merfen; der Frieda hatte ſich das
Kopftuch gelöft, es war niedergefallen
auf den Boden, war mit Füßen ge-
treten.
Wie im Sturnte Hin wirbelte ihr‘
ſchlichtes Kleidchen, und wieder ſchmiegte
e3 fih weih um ihre Glieder und
flatterte um des Tänzers Beine.
Darauf hatten fi ihre Locken ent:
faltet, waren niedergewallt bis zum
Gürtel, waren bingeweht über Die
Schulter des Mannes und um feinen
Naden; in ehernem Krampf umflam:
merte fie jeine Geftalt, eine Brunſt lag
auf ihren Wangen, ihr großes Auge
blidte ftarr in das feine und ihre Lip:
pen, halb offen und zudend, hielt fie
den jeinen entgegen.
So raften fie hin unter dem gel:
lenden Schallen des hölzernen Spiel:
werkes — da hatte es plößlich ein
Ende. Eine8 ber Hämmerchen war
entzwei gebrohen und das abge:
ichlagene Stüd über den Tiſch und
Fußboden hingefollert. — Ein-, zweis
mal noch, ohne Mufif, war das Paar
durch die Stube geflogen, da ſank es
hin auf einen Blod und ftöhnte ein
tiefes langes: „Ah!“ Große Tropfen
ftanden auf ihrer Stirne, und Frieda
hielt fich feft an des Gatten Schulter
und jchloß die Augen.
„Du bift ganz damiſch (taumelig)!“
fagte der Sandbhaufer, „ein wenig
frifche Luft, ift gleich wieder. gut.”
Der Alte fuchte fein Werkzeug
wieder herzuftellen. Das Paar erhob
fih und wanfte in das Freie. Frieda
fog durch einen langen tiefen Athem:
zug die fühle, reine Luft ein, und
hauchte: „Ah, du Blafi, das thut gut!“
„Ja freilich”, verfegte er, „friſche
Zuft iſt geſund!“
So ſaßen ſie, ſtets ſich liebesinnig
aneinander ſchmiegend, auf dem Bänk—
lein vor dem Hauſe, erquickten ſich an
dem friſchen Hauche, der von den wal—
digen Höhen ſtrich und ſahen, gedan—
kenlos vielleicht, den lebhaft zwitſchern—
den Schwalben zu, an deren eifrigem
Umherſchießen nicht zu erkennen war,
bauten ſie zu dieſer Spätſommerszeit
102
an einem zweiten Nefte oder bereiteten | linden Kiffen waren hellrothe Bänder
fie fih zum Abzuge.
geſtickt. Und in die weiche blaue Dede
„Jetzt hat’3 mir aber in der Bruft waren zwei große Herzen eingenäht.
einen Stich gegeben!” fagte der Sand: | Und auf die Fopfjeitige Wand bes
hauſer plöglid.
Bettes war der „ſüße Name” gemalt,
„Jeſus Maria!“ rief die Frieda | mit dem Kreuze, mit den Herzen und
und jah ihn anaftvoll an. Er ſaß ein) den drei Nägeln. Und darunter ftan-
paar Augenblide unbeweglih, holte
tief Athem und fügte: „Sit ſchon
wieder gut.“
den roth und jchliht die Worte:
„Schlaf’ in Gottes Namen!”
In diefes Bett legte fih der junge
„Gehen wir in's Haus hinein“, | Sandhaufer einen Tag nad der Hoc:
jagte das junge Weib.
Der Blafi erhob fi Tangjam und
fie gingen in das Haus.
zeit. Die Dede mit den zwei Herzen
war ihm lange nicht genug; fchier
alle Betten des Haufe mußten aus:
Die Frieda gab dem Hammerl: | geplündert werden, um den Mann mit
Hans ein freundliches „Dank euch)
Hüllen zu verfehen — fo ſehr ſchüt—
Gott!" So machte fi der Alte auf telte ihm der Froft. Und bald war bie
den Weg und jah noch mehrmals zu: | Helle Gluth auf feinem Antlige und
rück auf den Bau, in welchem ein
Glück fih eingeniftet hatte, wie er es
fein Lebtag bislang nicht gejehen.
Als er auf der Anhöhe ftand, wo man
das legtemal zurückſieht auf das blin-
fende Schindeldah des Gandhaufeg,
hob der Hans feine rechte Hand und
murmelte: „Ich mad) das Kreuz über
Di!“
Dann ging er davon in der Abend:
fühle und vergaß fein Pfeifchen anzu:
zünden, das er im Munde trug. —
Der Blafi war mehrmals lang:
ſam durch's Haus geichritten, war zu:
weilen jtehen geblieben, und hatte mit
einer gewiſſen Behutjamfeit Athem
geholt.
er lechzte nach Waſſer.
Noh in der Nacht fam der Doktor
von Koberburg heraufgefahren; ber
jah den Kranken an, dedte dann befjen
Bruft ab, hub auf dem Brujtblatte
an zu Elopfen und horchte den Tönen,
die dabei herausfamen. Die Frieda
wartete ſchier mit eingehaltenem Athen
des Ausſpruches; allein der Arzt legte
die Dede wieder fanft über die Bruft
‚des Kranken herauf und jagte nichts.
Erit dem Boten, der wieder mit
ihm gekommen war, um die Mebizin
zu holen, vertraute er, daß eine Lun—
ı genentzündung da wäre.
Frieda hatte in felber Nacht nicht
Die Frieda ſchlich ihm zweimal |eine Minute gejchlafen, fie wachte bei
nach und fragte: „Belt, Blafi, es ift | dem Kranken, rüdte die Deden, rüdte
ganz gut?“
„Ja“, antwortete er,
Das drittemal ſagte fie:
es ift nicht ganz richtig.”
„Blafi,
ſ und [a8 in feinem trüben Auge jeden
die Kiffen ftetS zurecht, reichte ihm
Waſſer, legte ihm, als der Kopffchmerz
fan, kalte Tücher über die Stirne,
„Ich werde heute nur etwas früher | Wunſch. Er lächelte fie an, dann feufzte
in’3 Bett gehen”, antwortete er.
Ta wurde fie blaf.
er wieder, dann bat er fie, daß fie
Ihlafen gehe: „Heute unten in ber
Das Bett ftand bereit und hoch: großen Stube, Frieda; morgen iſt's
gefhichtet oben in der ftillen Kammer ſchon wieder beſſer.“
über der großen Hausitube Es war
Sie wich nicht von ihm. Dft preßte
bräutlich. Es waren die feinen ſchnee- fie die Hände an ihre Bruſt, und wenn
weißen Linnen überzogen, welche bie es ber Kranfe nicht ſah, fo fchlang fie
Frieda von ihrer Pathin zur Hochzeits⸗ | fich jelbit ein nafles Tuh um bie
gabe erhalten hatte. Und in die zwei | Stine.
Als am andern Tage ber Arzt
wieber fam, fand er die junge Sand:
bauferin in einen ſchweren Lodenrock
ihres Mannes eingejchlungen bei jeinem
Bette kauern.
Der Arzt jah fie Scharf an, langte
nah ihrer Hand, um den Puls zu
fühlen und fagte: „Die Sanbhaujerin
wird auch noch krank werben, wenn
fie fich nicht ſchlafen legt.“
„O nein“, antwortete fie rafch,
„mir fehlt gar nichts, gar nicht — “
eilig mußte fie den Mund jchließen,
um das Beben ihrer Kiefer zu unter:
drüden.
„Ihres Mannes wegen”, ſprach
der Doktor, „darf fich die Sandhau—
ferin gar Feine Sorge machen. — Sie
bat die Nacht über richt gefchlafen,
die Aufregungen der legten Tage find
noh vorhanden; Sie hat Fieber —
muß fi ausruhen, dann wird alles
wieder gut ſein.“
„Arg iſt's doch nicht?“ Flüfterte
fie, „arg — mit ihm ?“
„Ra nu — vor Allem muß aud)
er Ruhe haben. Beh’ die Sandhauferin
zu Bette!”
Das war befehlend geſprochen.
Die Frieda beugte ſich über den
Kranken. „Du, Blafi”, liſpelte fie,
„wir müflen jchon wieder auseinander.
Ich leg mich ein wenig nieder.“
Er nidte ihr beiftimmend zu.
„Du jolft auch ſchlafen, Blafi,
gute Nacht !”
Er lädelte. Sie brüdten fich die
Hand.
„Du bift heiß“, murmelte er,
„Du mußt Dich nicht Fränfen, Frieda;
wenn mur in der Bruft das Stechen
gut ift, jo ftehe ich ſchon wieder auf.“
Dann gingen fie auseinander.
Der Arzt fam auch zu ihrem
Bette, das unten in der großen Stube
ftand. Und er ſchickte durch den Boten
auch für fie Medizin — ganz die
gleiche, wie für den Mann.
Vier Tage hernach, als der Bote
wieder nach Koberburg kam, jagte zu
—
delmilch trinken. Ich komme bald nach.
Und — was ich ſagen wollte, wenn
Du den Geiſtlichen könnteſt mitnehmen.“
Als auf dem Thurme das Ver—
ſehenglöcklein läutete, fragten die Ko—
berburger, wen es anginge.
Der Lindenwirth that eben die aus
Fichtenreiſern gewundenen Hochzeits—
kränze von ſeiner Hausthür, der ſagte:
„Die Sandhauſerleut', hab' ich gehört,
die jungen Sandhauſerleut'!“
„Das wird wieder eine breite Lug'
vom Lindenwirth ſein“, hieß es. Als
der Prieſter zurückkam, ſprach er die
Worte: „Eins tragen ſie heraus, wenn
nicht allzwei.“
Frieda, obwohl ſchier zu kurzathmig
für eine einzige Silbe, fragte hundert—
mal des Tages, wie es dem Blaſi
gehe. — Dem ginge es ſchon beſſer. —
Aber warum er nicht zu ihr herun—
terkäme? — Das hätte ihm der Arzt
bislang noch verboten.
Und er: „Was macht denn bie
Frieda, daß fie gar nicht zu mir
kommt?“
— Sie dürfte jetzt nicht zu ihm,
hieß es anfangs, ſie ſei ein junges
Blut und könne die Krankheit leicht
einathmen. —
„Ich meine allweg — die hat ſie
ſchon eingeathmet.“
Da verleugneten ſie es ihm nicht
mehr: Allerdings ſei ſie auch bettlä—
gerig, aber Gefahr ſei gar keine —
gar keine.
Einmal, mit geſchloſſenen Augen
ſagte der Sandhauſer: „Mir iſt dem
— Hans ſein Spielwerk — immer
ſo bekannt vorgekommen. Und hab's
— doch nicht gewußt, was es iſt.
Jetzt weiß ich's. Es iſt eine Charfrei—
tagsklapper.“
Am Abende des ſechſten Tages der
Krankheit hörte der Blaſi auf zu ſpre—
chen. Die Wärter und die anderen
Leute gingen raſcheren Schrittes durch
das Haus. Eine alte Magd eilte her—
unter in die große Stube zum Wand:
faften, der nahe am Bette Frieda’s
ihm der Arzt: „Diemweilen nur Man: | ftand.
NZ.
„Was ſuchſt denn?“ fragte die
die Kranke.
„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’
der Theelöffel da drin“, antwortete
die Magd und erhaſchte gleichzeitig
im Kaften eine rothe Wachskerze, welche
fie jofort in der Fauft verbarg. Frieda
hatte es doc bemerft. „Was braudjit
denn — jet die geweihte Kerze?“
fragte fie, und indem fie fich etwas
aufrichtete, mit greller Stimme: „Du,
ſag' mir's; — mein Mann ftirbt !*
Die Wärterin juchte fie zu be:
rubigen ; die Kranke ſank zurüd auf's
Kiffen und hauchte: „Er wartet ſchon
— bis id) auch mitgeh’”
Und ihre Bruft bebte heftig bei
jedem Athemzug. —
Dben zündeten fie die Kerze an
und gaben diejelbe den Sterbenden in
die Hand, der bewegungslos dalag.
Nachbarn und Verwandte famen
und fragten leiſen Tones: „Sand—
hauſer, kennſt mich noch 2”
Er neigte kaum merfbar das Haupt.
„Hätteſt noch ein Anliegen,“ jagten
fie, „wir wollten Deinen legten Wunſch
gern vollführen.“
Er blidte fie halboffenen Auges
betrübt au. Dann war es, als wollte
er die Lippen bewegen; aber es waren
nur die Stöße des Athmens.
„zeut’, hebt an zu beten!“ rief
die MWärterin.
Da knieten fie nieder um das
Lager, an den Stühlen und Schränfen
und beteten: „Waterunfer !”
Die Flamme der Sterbeferze zuckte
hin und her und warf ihren Schein
auf die lehmblaſſe Stine des jungen
Mannes, auf welcher zahlloje Tropfen
ſtanden.
So dauerte es gegen eine halbe
Stunde, da ſagte die Wärterin plötz—
lich: „Jetzt kommen ſchon die letzten
Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jeſu
Chriſt', verlaß ihn nicht! O heilige
Maria, bitt' für ihn! O heiliger Joſef,
ſteh ihm bei! O ihr himmliſchen Engel,
bewacht ſeine arme Seel; thut ſie
hüten vor dem böſen Feind! ſteht ihr
| den
bei vor dem legten Gericht! Dir eb’
ih, o Jeſu! Dir fterb’ ih, o —“
Sie hielt ein und horchte nach
feinem Athem. Sie nahm ein Spiegel:
hen von der Wand und hielt es vor
die Lippen des Sterbenden. Die Glas:
fläche trübte fi etwas; da huben jie
wieder an zu beten.
Der Athem ging regellos und
matt; die Augen waren ganz zuge:
‚fallen. Da löfchte die MWärterin das
Sterbeliht ans und flüfterte den An:
'wejenden zu: „Er jchläft.“ Und fie
ichlichen davon.
Nach einigen Stunden, al® an den
' Fenftern der nebelige Morgen graute,
ſchlug der Sandhaufer die Augen auf,
blickte unftät umher und haudte:
„Die Frieda, — warum will fie gar
nicht mehr — zu mir kommen?“
' Ein Nachbar ſaß bei ihm, ber
ſchwieg nach diefen Worten eine Weile ;
endlich jagte er: „Jetzt iſt's beſſer
mit Dir; aber das iſt eine harte Nacht
geweſen, Sandhaufer!”
„Ja,“ antwortete der Kranke,
Er lag wieder wie im Halbſchlum—
ie Und jo verging ein Tag und
eine Naht. Am nächſten Morgen als
es licht geworden war, wendete er
etwas das Haupt und fragte: „Wer
ift denn unten 2“
Und als er feine Antwort erhielt,
fuhr er fort: „So viel Leute gehen
um — unten in der Stube.
Er Hatte die große Unruhe be:
merft, die im Haufe war.
„Der Frieda, wie gehts ihr denn ?”
fragte er.
„Sie ift wohl recht ſchlecht, Sand:
hauſer,“ verjeßte der Nachbar.
Der Kranke hob ein wenig das
Haupt und lauerte.
„Es kommt mir heut? — nicht
recht vor!“ rief er faft laut.
„Iſt wohl vecht gefährlich,” jagte
der Nachbar, „wir müſſen gefaßt fein.“
Die Unruhe im Haufe wollte fich
ganzen Tag nicht legen. Einmal
wurde unten in ber großen Stube ge:
105
betet; es war das Murmeln jehr vie:
ler Menſchen.
Wieder fam der Arzt zum Kranz
fen. Er erklärte bei diefem bie größte
Gefahr als vorüber und verjchrieb ihm
nervenberubigende Mittel. Im Uebrigen
war er kleinlaut und ging bald wieder
davon.
„Bas ift denn das?” fagte der!
Kranke plöglih, „was wird denn im
Haus heut’ gefoht? Ich rieh’ Bad:
werk.“
Man hatte keine Entgegnung.
„Ihr thut mich martern, Leut!“
verſetzte er. Dann war er wieder ſtill
und ſtarrte wie ſinnend drein.
Ein paar hohltönende Schläge, die
unten ſchollen, ſchreckten den Kranken
auf.
„Jeſus! — Jeſus!“ rief er laut,
„eine Todtentruhen!“
Sie mußten ihn mit Gewalt im
Bette zurückhalten. Er preßte die
Hände in's Geſicht und ächzte bebend:
„Sie iſt geſtorben!“ und hub an, herz—
erjhütternd zu weinen. —
Am nächſten Morgen haben fie auf
hoher Bahre die Frieda davon getra=
gen. Man hatte ihr den Jungfrauen—
franz um die Stime gewunben.
Im Sandhauſe war ed noch ftiller,
als es vor ber Hochzeit gemwejen jo
manches Jahr.
Der junge Bauer erholte ſich nur
langſam, und als er das erſtemal in's
Freie ging, hatte der herbſtliche Reif
die letzten Blümchen vernichtet. Und
die Schwalben waren längſt davon. |
Der Sandhaufer verlangte, daß
man ihm erzähle, wie Frieda geftorben
jei. Man wich der Frage lange aus, |
endlich aber wurde ihm mitgetheilt:
In jener Naht, da die Leute alle um
ihn, den im Sterben Liegenden ver:
jammelt gewejen, fei Frieda ganz allein
und jtill verjchieden.
„Bott ſei Dank,“ murmelte ber
Sandhaufer. „Da hat fie in Frieden
mögen entjchlafen. Ihr glaubt es nicht,
Leut', was das jchredlich ift, wenn fie
Einem die Sterbeferze in die Hand
geben, wenn fie lagen und die Ge:
bete vorbeten, und mas Alles dazu
gehört. Und michts friegft mehr zu
hören, als wie: jegt mußt du jterben !
Die Todesangft, ihr Leut'! 's ift
grauſig!“ —
Heute iſt der Sandhauſer, wie
man gern ſagt, ein Mann in den
beſten Jahren. Er iſt, wie die Leute
im Koberwald und in den Dreiſohler—
gräben meinen, wieder lebensluſtig;
doch ob er ſich noch einmal verheira—
ten wird, darüber getraut ihn Keiner
zu fragen.
Der alte Hammerl-Hans lebt auch
noch. Er geht mit feinem hölzernen
Spielwerk thalauf und ab. Er ftellt
ih Iuftig und hämmert fed d'rein;
aber man merft es doch, er hat feine
rechte Freude mehr an jeiner Kunft
und übt fie nur um des lieben Bro-
des willen.
Am Sandhaufe im Koberwald
ichleiht er ſtill und gebüdt vorbei.
Und vielleiht nachfinnend darüber,
warum Guteswollen auf diefer Welt
jo oft zum Böſen ausfchlägt, wanft
er hin in der Waldeskühle und ver:
gißt fein Pfeifchen anzuzünden, das
er im Munde trägt.
106
Das Brücken: Mütterden.
Von
Auguft Silberftein.
Im Dorfe, dort unter der Linde,
Streichen die Fiedler die luftigen eigen ;
Mit mandem rothbadigen Kinde
Tanzen die Burfchen den ſchwungvollen Reigen.
Und Jauchzen fteigt über die Lieder,
Wie Lerchen über das Mogen der Saaten ;
Der Dirn pocht das Herzlein am Mieder,
It fie in die Arme des Rechten gerathen !
Und in dem umringenden Kreife
Sigen die Alten, Mugladhend und ſcherzen,
Bedenken, daß gleihfalls die Meije
Auch ihnen berüdt die forglofen Herzen.
Nur Eine der fröhlichen Runde
Vermag nicht zu hemmen das trübe Befinnen ;
Es zudet der Greiſin am Munde,
Als ſollt' ihr ein Thränlein vom Auge rinnen,
Mit Ehrfurcht zur Seite ihr rüden
Die Andern, um ihrem Behagen zu müpen;
Sie ſchwankte herbei, doch auf Krüden,
Und muß nun im Alter die Glieder fo ftüßen !
Vergeblich ftarrt fie zur Ferne
Damit fie den einzigen Sohn dort erblide;
Nachzog er dem lodenden Sterne,
MWildfremd in die Welt und pfadlos zum Glüde!
Wohl waren viel Iahre gekommen
Und wieder verſchwunden in's maßlofe Leere —
Sein Name ward nimmer vernommen,
Noch Botſchaft, wo er am Leben wäre.
' Die Anderen feherzen und fingen
| Und prangen gemeinfam wie Knoſpen und Rofen,
Ihr aber möchte zerfpringen
Das Herz voll von Sehnen, dem hoffnungslofen !
Da jauchzet die Fıdel gar helle,
Tropdem mand' Pärchen im Kreife ftodet;
Imrungen ein fremder Gefelle,
Den wohl das Kirdhfeit berbeigelodet!
Die Anderen fragen und ftarren,
Die Alte doch bleibet nimmermehr figen —
Ein Echrei! und nimmer ein Barren —
Sie eilet zum Sohne, vergefiend der Stützen!
Wohl wollte die Hand noch erfaffen
Im Bittern die alten gewohnten Krüden,
Doch nimmer den Augenblid laſſen
Die Mutter, den Sohn an's Herz zu drüden!
Sie hängt bald am Halſe dem Einen —
O Himmel! ihr Sohn ift gefommen, gefunden!
Ihr heilen die Thränen im Weinen
Alle die alten entfräftenden Wunden.
Was nimmer der Balfam der Werzte
Vermochte der ſchwachen Greifin zu fpenden,
Genefung — ward als fie berzte
Den Sohn mit ihren bebenden Händen. —
Und Alle ftaunen jekunder,
Als ob's nod immer unglaublich verbliebe ;, —
Doch wahrlich ftets neue Wunder
Vollbringet die alte Mutterliebe !
107
Stillleben im Briege.
Von
Dans Hopfen.
I
Es mar enblih Feierabend ge-
worden.
Ich hatte die Ställe und die Re—
miſen, die ung neben dem kleinen Land—
haufe eines Straßburger Patrizierd ala
Vorrathskammern dienten, und den zum
Bureau umgejchaffenen kleinen Garten:
ſalon abgeſchloſſen. Ich hatte Fäſſern und
Kiſten, Ballen und Säcken, Flaſchen
und Düten und all den andern Be—
hältern jeder Art und Größe, welche
das Nothwendige in Hülle und Fülle und
doch nicht in genügenden Maſſen auf—
bewahrten, gute Nacht geſagt und ſehnte
mich aus dem allgegenwärtigen Geruch
der lieben Carbolſäure nach friſcher
Luft. Ich ging hinaus auf die Land—
ſtraße, wo man gerade zwiſchen den
Pappeln des Weges den Münſterthurm
über den Horizont emporragen ſieht.
Die Stadt liegt wenig über eine Stunde
entfernt, aber tiefer in der Ebene, ſo
daß man hier nicht mehr von ihr zu
ſehen bekommt als ihr ſteinernes Wahr—
zeichen.
Ueber die weite Rheinebene her
bläst ein kühler Wind, er wühlt gar
grimmig in den langen Zweigen der
Pappeln, diefe raufchen und jchütteln
fih wie Befeffene und werfen bald
bier und bald dort ein trodenes, ftaub-
graue Blatt zur Erde, das dann in
langen Sägen über Feld fliegt, bis
e3 in irgend einer Furche des zer:
ftampften Ackers feithängt. Dabei
brummen die Kanonen in einem fort,
obgleih das gegen ben Höllenlärm,
welcher jedesmal nad eingetretener
Dunfelheit anhebt, mic) wie eine Art
von Stille anmuthet. Man nimmt nad
und nad) die empörendften Gemohn-
heiten an. Nur jelten erwach’ ich noch
in der Nacht von den vielen Bomben-
ſchlägen; dann zähl’ ich, bis ich wieber
einjchlafen kann, von einem zum andern.
Heute Nacht konnte ich ziemlich lange
nicht wieder einschlafen und zählte jo
fort. Die Bombenjchläge fielen meift
in Zwiſchenräumen von drei und
fünf Secunden; das längfte Intervall,
das ich abzählen fonnte, waren fünf:
undvierzig Secunden, aljo gerade Drei:
viertheil einer Minute. it es denkbar,
daß ein Menſchenkind in der belagerten
Stadt des Nachts ein Auge zuthun
fann? Als ich zum erftenmal diejen
mörderiſchen Spektakel hörte, der aus
flammenfpeiendem Ring allnächtlich
gegen die arme Stadt losdonnert, war
e3 mir unbegreiflih, daß nicht ein
gut Theil ihrer Bewohner bereits
wahnfinnig geworden fei. Aber der
Menſch jchläft unter den feltfamften
Umftänden. Der Belagerer, der fich
nicht entjchließen kann, fi auf den
durch endlofen Negen zur Pfüge auf:
geweichten Boden hinzuftreden, Tehnt
ih an einen Baumftamm; an diefem
nidt er jo und fo oft ein und finft
in die Kniee und rüttelt fich wieder
auf, bis er enblih vor Erſchöpfung
heruntergleitet und, von mwachjender
Müdigkeit befiegt, da wo er eben hin-
fällt, liegen bleibt; eingejchlafen ift
er Schon. Und fo träumt vielleicht auch
der Belagerte in feinem bombenficheren
Meinfeller einen ſchönen Traum aus
goldener Friedenszeit, während oben
in feinem Salon eine Bombe platt.
Geſtern Nacht lag ein dichter Nebel
auf der Stabt. Es war nichts fihtbar
als die drei großen Brände, die weit
bin in die halbverbrämte Finfterniß
ihre ſchräg vom Winde getriebenen
Feuerſäulen aufraudhen ließen, und
das unaufhörliche Blitzen unferer Bat:
terien. Deutlicher als fonft, faft rafeten-
artig, zogen die Bomben ihre hohen
Funkenbogen auf dem Grunde der
108
Naht. Drüben auf einem Berg im
Schwarzwalde jah man, befonders ehe
die Nebel noch jo jtark vom Niheine
aufftiegen, einen mächtigen Schein, ob
eine Feuersbrunſt, ob ein Freubenzei-
hen wegen der Einnahme von Toul?
wir konnten's nicht wiſſen.
Heut’ ijt ein klarer, ſchöner Abend
und die Sonne geht hellleuchtend nieder.
Mir zur Linken im Felde ftehen etliche
von der Hite geborftene Bierundzwanzig-
pfündiger. Sie reden ihre pulverge:
ſchwärzten Mäuler in den jchimmern:
den Abendhimmel auf und die Spagen
fegen fi mit vergnüglichem Gezwit—
jeher in den invaliden Gußitahl, aus
dem nie wieder die ultimo ratio der
Könige das donnernde Wort ſprechen
wird. Nechts treiben zwei Ulanen
eine Rinderheerde heim. Die Pferde
niden jo behaglih in ihren Zügeln
und von den ungewöhnlichen Hirten:
ftäben mit der blanfen Stahlſpitze
flattern bie jchwarz= weißen Fähnlein
züngelnd gegen das Abendroth. Einer
der Ulanen fingt fih ein Lied. Ach
fann nicht unterjcheiden, was für eines,
denn vor mir auf dem Fahrwege rollen
polternd und Elappernd und rafjelnd
wie jeden Abend in einer endlofen
Linie die Leiterwagen, einer hinter dem
andern, die lange Zandftraße hinaus.
Auf den Wagen ftehen bläulich ange:
jtrichene, vieredige Kiften. Zumeilen
ift der Dedel des einen oder andern
ein wenig geöffnet und daraus guden
rundlich zugejpigte, zuderhutförmige
Kegel hervor. Die wadeln jo gemüthlich
wenn die Räder über die harte, zer:
flüftete, ganz zu Schanden gefahrene
Zandftraße jchlottern, und fie niden
dir unter dem Happernden Dedel zu,
al3 wären fie nur zum Spaß auf ber
Melt. Und dod) find’S Granaten. Zur
Abwechslung fommen dann auch Wa:
genladungen von großen, ſchwarzen,
löcherigen, eijernen Kugeln; das find
bie Bomben. Und in den runden Fäſſern,
beren man beim Nahhaufegehen ab
und zu eines leer auf der Straße
verloren findet, in denen ift jetzt das
Pulver, Ueber ein Kleine und was
da fröhlid mit fingenden, ſcherzenden
Soldaten dahinrottet, übt, in die richtige
Berbindung gejegt, feine verheerende
Wirkung.
Vom raffelnden Kriegswagen herun:
ter grüßt mid ein Soldat gar ver:
traulih. Nichtig, das ift der vier:
ſchrötige Landwehrmann, welchem ich
heute morgen das halbe Dugend
Kinderftrümpfe zuerfannt habe. Der
Dienft in den Trancheen und Batterien
it hart. Die Leute müſſen die langen
falten Herbitnächte oft bis an bie
Knie im Waſſer und Schlamm fte:
hend arbeiten. Der Bedarf an Fuß:
bekleidungen ift gar nicht zu befrie:
digen. Jeden Morgen kommen die
armen Kerle zu uns ind Depot und
bitten und flehen um warme Soden
und Strümpfe. Straßburg wird zum
guten Theil von Landwehren belagert.
&o find e3 denn meift ältere Leute
mit gefurdten Zügen und Fräftigen
Stoppelbärten, die daheim ein Gejchäft
und Weib und Kinder haben, und
wer fann es ungerührt mitanhören,
wenn fo ein Man, noch ganz burdh:
froren von der naſſen Herbftnacht, mit
heiferer Stimme einem feine Sappeur:
dienste oder Kanonierthätigkeit ſchildert
und um eine wollene Unterjade oder
ein zweites paar Soden petitionirt.
Ich habe nun die abjcheuliche Gemohn:
heit zu geben, jo lange was da iſt. Zu:
weilen tritt in unferen wollenen Bor:
räthen freilich bedenkliche Ebbe ein; jo:
bald aber der „Liebesonfel” wieder neue
Zufuhr gebracht, fann ich feinem braven
Mann, der fi über nafje Füße be:
Hagt, einen Strumpf abjchlagen. Durch
diefen Liberalismus in Wolljachen bin
ich mit meinem dermaligen Vorgeſetzten,
dem Johanniter, bereit3 in empfind-
lihen Meinungsftreit gerathen und
babe mir ernftlihe Rügen zugezogen.
Saden und Strümpfe und dergleichen
foftbare Dinge ſollen durchaus nicht
mehr an einzelne Leute, jondern nur
mehr den Feldwebeln „kompagnieweiſe“
abgegeben werden. Das hat auch feinen
109
guten Grund. Es find nämlich er:
ſtaunliche Fälle vorgefommen, daß
einzelne Mannjchaften ſich wiederholt
mit geftridten oder auch gewirkten
Fußbefleidungen, Pulswärmern und
andern derartigen Dingen haben be:
gaben laſſen, diejelben aber dann
feineswegs angelegt, fondern an andere
Soldaten oder auch an die Dorfbe-
mwohner um ein Billiges verfauft und
den Erlös vertrunfen, oder wie man
das PVerfahren in der Depot:Spradhe
nennt, „inwendig angezogen” haben.
Aber bei einem Menſchen mit jo ver:
ftocten Grundfägen und jo empfind:
lichen Gehörwerkzeugen, wie die mei:
nigen, fruchten auch To begründete
Mahnungen nicht recht. Und wenn am
andern Morgen ein armer Teufel in
meine Vorrathskammern dringt und
wenn ih mir auch nicht ganz klar
darüber bin, ob feine Heiferfeit mehr
von najjen Füßen oder mehr von naffer
Burgel ftammt, fo greif’ ich doch immer
wieder nah der Molle und vergebe,
jo lange wa3 da if. Auch auf die
Gefahr hin, ein oder das anderemal
bejhmwindelt zu werden. Denn ih muß
es in Zweifel für das geringere Uebel‘
erachten, daß fich ein ftreitbarer deut:
Iher Mann einmal öfter betrinft, ala
daß er ſich einmal öfter erfältet.
Mit ſolchen Grundfägen ift man
freilih fein guter Depotvermwalter.
Darin muß ich meinem Johanniter
ganz Necht geben. Aber unter den ge:
meinen Soldaten habe ich viele gute
Freunde.
Welches Vergnügen mußte einem
jo didfelligen Verwalter ein Fund be:
reiten wie derjenige, welchen ich geftern
beim Auskramen einer frifehen Sen:
dung machte. Jrgend ein Liebesgaben:
jpender in der theuren Heimat hatte
— ih kann nicht jagen, ob aus Ber:
jehen oder in der Abficht den Pad
um jo voller zu gejtalten — er hatte
in jein riefige® Convolut auch eine
anfehnliche Partie von Kinderftrümpfen
mitdreingehen lafjen! Welch' anderer
Beitimmung konnte der edle Spender
ſolche Waaren nachträglich unterworfen
willen wollen, als daß fie von irgend
würdigen Bruchftüden des deutſchen
Heereskörpers in gerechter Vertheilung
verfneipt würden? Ich habe fie mir
in diefem Sinne bei Seite gelegt und
beichlofjen, fie in Fleineren Abtheilun:
gen ungeöffnet und mie aus Verfehen,
mit ernhafter Miene und begleitet von
etlihen barjhen Worten, an folche
Kerle zu vergeben, welche mir ſchon
wegen ihres öfteren Wiederfommens
im Verdacht unbefugten Kleinhandels
mit Depotwaaren zu jtehen jcheinen.
An einen folhen Hab’ ich heute früh
das erſte halbe Dugend Miniaturüber:
züge für Bebe Pfötchen mit großem
äußeren Unwillen und großer innerer
Befriedigung verabreicht. Es war ein
tiefiger Trainfnecht, den ich als wieder:
fehrender Bittjteller nicht nur an feiner
funfelnden Naſe, jondern auch an ben
ungeheuerlichften Gehwerkzeugen er:
fannte, deren Gleichen nicht größere
mehr auf dem europäifchen Gontinente
zu finden fein dürften. Sch bin nicht
ficher, ob mein freundlicher Johanniter
dieß Verfahren für ebenfo menſchlich
gerecht als wirthſchaftlich erachten
würde. Der Mann aber, welcher eben
zwiſchen polternden Granatenfiften an
mir vorüberfuhr und mir über bie
Leiter des ächzenden Wagens gebeugt
feinen freundſchaftlichſten Gruß zurief,
dep bin ich fiher, daß jeine jchöne
Seele die meinige verftanden. Er hat
die Kinderftrümpfe inwendig angezogen.
Und wenn fie ihn warmhalten in der
naßfalten donnerdurchbrüllten Nacht,
jo haben fie auch fo ihre Schuldigfeit
gethan und er mag dir danfen, vor:
jorglicäfter aller Liebesonfel, der du
fein Maß an die Gaben deiner Mohl-
that legteit, als du deine Ladenhüter
fämmtlih auf den Altar des Vater:
landes ausfchütteteft. Wer weiß, viel-
leicht braucht der Mann nie wieder
mehr einen größeren Strumpf, und
feine Füße jehen mit emporgeredten
Sohlen die nächite Sonne aufgehen,
weil die Kugel einer Wallbüchſe drei
———
Fuß höher eingeſchlagen und dem
kräftigen Geſellen die letzte Erkältung
zugezogen hat, von der ſich keiner mehr
erwärmt, auch wenn ſie ihn noch ſo
dichte zudecken.
Bum! bum!! Bauz!!! Der ein—
ſilbige, urmetalliſche Koloſſalklang der
Rieſenmörſer geht einem noch in ge—
höriger Entfernung durch Mark und
Bein. Das Gebelle der Batterien
nimmt zu. Es übertönt mit jeder Mi:
nute mehr das Nafjeln und Knattern
der unendlichen Wagenreihe. Die Sonne
finft hinab und rajcher bläft der Wind
über alle Riten und Klüfte der zer:
marterten Landftraße den dürftigen
Sand, Die Soldaten ziehen die Müten
fefter an den Kopf, etliche binden fich
ihre Tajchentüdher um die Ohren und
den trottenden Gäulen jtehen immer
wieder die Mähnen gegen Himmel, fo
oft fie ihnen auch) wie müde auf Die
Hälſe zurückfallen.
Es war ein rechtes Glück, daß
mich der Trainknecht an meinen Jo—
hanniter erinnerte. Es iſt höchſte Zeit,
nach Hauſe zu eilen. Wir haben eine
genaue, geregelte Hausordnung und
das Verſäumen der Theeſtunde müßte
den ernſten Mann überzeugen, daß ich
die Vorzüge, welche er mir einräumt,
durchaus nicht entſprechend zu ſchätzen
wüßte.
Ich kehrte alſo caſch dem Münſter—
thurm den Rücken zu und machte mich
auf den Heimweg. In dieſem Augen—
blick lösten fih, zu meiner Schande
jei es geftanden, fämmtliche Gedanken
in Einen leifen Seufzer auf. Wenn
ich dieſen leiſen Seufzer in gemein:
verſtändliches Schriftdeutſch überjege,
ſo lautet er: Schinken mit Eier!
Die Mehrzahl der freundlichen
Leſer wird das für einen ſehr anmu—
thigen Gedanken erachten. Allein er
war es doch nicht ſo ganz, vielmehr
ein Hauch von Unmuth und Ueber—
druß dabei, welchen ich zu erklären
habe. Es liegt mir nämlich nicht nur
aus confeſſionellen, ſondern auch aus
geſelligen und gaſtronomiſchen Gründen
ſehr viel daran, weder für einen Ver—
ächter des lieben Schweines im Allge—
meinen, noch feiner geräucherten Hinter:
beine in3bejondere zu gelten. O ganz
im Gegentheil. Und nun gar das Ei!
jo ſchön von Geftalt und fo nüßlich
von Gejhmad. Das Ei ift das halbe
Leben. Ich will aljo hier beileibe
feinen meiner Freunde in Berlegenheit
jegen, wenn er mir beim nächſten Be-
ſuche Schinken und Eier auftiichen
mag. Immer zu! es ijt mein Leibge—
richt, oder um ganz ehrlich und genau
zu reden, eines meiner vielen Leibge—
richte. Aber Leibgericht hin, Leibgericht
ber, wenn man jeden Tag zweimal
oder — was bei der vielen Beichäf-
tigung im Freien und dem nothge-
drungen fleißigen Einathmen der heil:
ſamen Garboljäure gar nicht zu ver:
wundern ift — wenn man täglich
dreimal Schinken mit Eier einnehmen
muß, jo madht das den Menfchen
tüdifsch nnd unverftändig und er be=
ginnt über die gute Gottesgabe heim:
lich zu ſchimpfen. Es hilft nicht ein-
mal viel, wenn man feinem Gewiſſen
vorfiellt, wie Taufende von geplagte:
ren Brüdern an bemjelber Tage Gott
"loben würden, wenn fie fih an Eiern
‚und Schinfen fatt eſſen könnten und
noch überdieß die gute Ausficht hätten,
morgen und die folgenden Tage das
Gleiche thun zu dürfen. Auch nützt es
wenig, ſich die fonderbaren und an—
rüchigen Dinge zu vergegenwärtigen,
welche man jelber ſchon in diefen harten
Tagen als Nahrung zu ſich genommen
und nur durch außergewöhnliche Quan—
titäten nachgegofjener Schnäpje ver:
dauen gekonnt hat. Das bischen Ab:
wechslung, die man ſich gönnt, ftatt
des ewigen Schinfend mit Eiern einmal
Eier mit Schinken, und ein andermal
gar zum Frühftüd bloß Eier und zum
Abendbrode bloß Schinken oder um:
gekehrt zu fich zu nehmen — verichlägt
auch nicht viel. Der gute Appetit
überredet einen immer zu der richtigen
Miſchung und die mangelnde Kochkunſt
unſeres unter dem rothen Kreuze ver:
111
ſchiedene Functionen ausübenden Stiefel-
wichjers überzeugte mich, daß es beſſer
fei, die Eier immer nur in weichge—
fottenem Zuftande auftragen zu laſſen,
einen Tag und Abend wie den andern.
Aber der Menſch gehört zu einer un:
genügiamen Thiergattung ; jobalb er
nur überhaupt zu eſſen bat, will er
gleich viel effen und in anmuthiger
Abwechslung. Sowie man nun unjer
Häuschen betritt, fann man Schinken
und Eier gar nicht mehr überjehen.
Die mit dem föftlihen Inhalt gefüllten
Fäffer find nicht nur in den Vorraths—
fammern reichlich vertreten, fie befinden
fih zum rafcheren Gebrauch jogar in
unjerem Bureau. Ehe ich an den Schreib:
tiich gelangen kann, muß ich forgfältig
an zwei oder drei Fäſſern vorüber:
ichleihen, welche mit allem Bedacht
in den jchattigften Winkel des Garten:
ſalons gerüdt find, und nicht umge:
ſtoßen werden follen, denn darin liegen
in ſchützende Hädjel gebettet die rund:
lichen weißen Hühnereier une lachen
mid an, al3 wollten fie jagen: „Ich
bin dein und du bift mein, nun werben
wir immer beilammen jein.” Und
wenn ich mit dem Blide der Feder
folge, die ich in's Tintenfaß tunfe, jo
ift e3 gar nicht zu verhindern, daß er
in gerader Richtung auf eine hochge—
ſchichtete Säule vorforglih gefochter
goldbrauner Schinfenbeine fällt, wür:
dig, vom Pinjel eines Rubens verewigt,
von den Verjen eines Uhland bejungen
zu werben. Der zu oberft auf der
Säule liegt, jo zu jagen das Capitäl
derjelben, ift kunſtgerecht angeſchnitten
und je nach unjerer bisherigen Leiſtung
völliger oder geringer. Wie leuchtet das
rofige Fleifh, wie glänzt der jaftige
Sped! Und doch kann ich den oberſten
angefchnittenen Schinken nicht mehr
anders betradhten, al3 ein Gymnaſiaſt
feinen Kalender vor dem Eramen. Er
rechnet jeden Abend, wie viel Tage
noch er wird auszufireihen haben, bis
der Monat um if. Nach dem einen
Monat kommt freilich noch ein anderer
und nad diefem fommen wieder andere,
die alle langſam Fleinlich tagemweije
auszuftreichen find. Thut nichts, wenn
nur erit der laufende Monat oder
Schinken abgethan ift, dann athmet
man gewiß etwas leichter auf. Und
eine winzige Ueberraſchung ift viel-
leicht denn doch noch dabei, denn jede
noch nicht angejchnittene Spedjeite
birgt gleihfam eine noch ungelöjte
Frage.
Im Salon des Johanniters —
diefer fchmale Salon diente auch als
gemeinfchaftlihes Speifezimmer und
als meine Schlaffammer, denn das
ganze Häuschen hatte im oberen Stod:
werfe nur zwei Stuben — waren wir
am erften Abende meines Hierſeins
no zu Dreien bei der Abendbmahlzeit
erichienen. Seht waren wir nur mehr
zwei. Der Dritte war am Morgen
nach meiner Ankunft nad Berlin ab:
gereist, um aus den Vorräthen der
Gentralftelle alle jene nicht länger mehr
zu entbehrenden Gegenftände durch per:
jönliche Einwirkung zu erhalten, wel-
he feine Briefe nicht hatten heranbitten
fönnen, wie er jagte. Er bot mir aı,
bis zu feiner Nüdfehr feinen Poſten zu
verjehen. Ich fagte gerne zu und er lä-
chelte vor fich hin und zeichnete zwifchen
dem ftill Eſſen eine Garicatur nach ber
andern. Diefer Graf X. war feiner von
den Nittern des Ordens; ein jarfafti-
ſcher Junggeſelle in dem jchönften Alter
zwijchen vierzig und fünfzig Jahren,
hatte er längſt auf fein altes Wappen:
child die Delfarben der Palette gedrückt,
lebte für gewöhnlich in einer unferer
weſtdeutſchen Malerſtädte und erjchien
mir, groß und breit und ftruppig wie
er war, in feiner nachläſſigen Haltung
und Tracht wie das Urbild eines
fünftlerifchen Zigeuners. Vielleicht ver:
wandte er in Friedengzeiten etwas
mehr Sorgfalt auf jein Aeußeres. Die
erften Fragen, welche er an mich rich:
tete, ließen fat darauf fchließen. Ob
ih Surift ſei? Ich konnte es nicht
leugnen. Nun wollte er von mir wiſſen,
wie in aller Welt ſein Schneider da—
zu käme, jetzt während des Krieges
112
alte Schulden von ihm einzutreiben,
und nach welchem beftehenden Rechte
ein deutſches Geriht, jo lange der
deutjche Krieg dauerte, ſolch unerhörten
Anträgen eines unpatriotiichen Schnei-
ders Folge geben dürfte gegen ihn,
welcher dermalen eine ſchwarze Mütze
mit einem weißen Kreuz auf dem
Kopfe und eine weiße Binde mit einem
rothen Kreuz am Arme trüge und drei—
mal des Tages Schinken mit Eiern äße?
Da ich mich am erſten Abend
einzutreten. Aber ich bin gewitzigt. Ich
weiß, die wenigſten Menſchen lieben es,
in die Geſellſchaft eines Johanniters
eingeführt zu werden.
Die braven Ordensleute gehörten
zu den beſtverleumdeten Menſchen in
dieſem Kriege. Mit Unrecht. Vor Allem
der meinige, der Vorſtand unſeres
Depots, war nicht von jener Sorte,
welche aus conventionellen Gründen
ſich ſelber zu hoch und Andere zu
niedrig ſchätzt. Im Gegentheil, er war
unter dem erdrückenden Gefühl ebenſo ſchlicht und liebenswürdig, von ge—
unverhoffter als zuvorkommender Gaft: ringer Eitelkeit und von einfachen Be:
freundſchaft befand, entſchuldigte ich dürfniſſen, ein leiſer Menſch mit zu—
meine nicht ganz befriedigende Ant- vorkommenden Manieren, nicht ohne
wort mit mangelnder Kenntniß des einen Anflug ſanfter Schwärmerei und
in Betracht kommenden Landesrechtes. doch ſo ganz das, was ich einen Mann
Drauf fing er eine neue Caricatur —
wahrjcheinlih die meinige — zu zeich.
nen an und ſagte dazu, er wolle fich |
in Berlin auch über diefe Frage bei
einem berühmten Gelehrten genaueften
Beicheid holen. Ich habe ihn leider nie
mehr wiedergejehen. Am andern Mor: |
gen, ehe noch einer von ung aufge: |
ftanden — und das geſchah erftaunlich |
frühe — war er abgereiät. Wahr:
jcheinlich hat er auch in Berlin lange
“feinen Nechtögelehrten finden können,
welcher ihm die jchwierige Frage ge:
nügend beantwortet, und das ift’8 ge:
wejen, was feine Rückkehr verzögert hat.
Und fo faßen wir denn zu zweien
beim abendblihen Mahle und führten
häusliche Reden, während draußen
Mörfer und Kanonen ſich mit der wun—
derihönen Stadt unterhielten, daß
einem zumeilen das Herz im Xeibe
weh that. Seltſames Stillleben, wun—
derliche Geſpräche! Es verlohnte ſich
wohl der Mühe, auch den Leſer an
dieſen lehrreichen Dialogen Theil neh—
men zu laſſen. Allein die Welt ſteckt
voller Vorurtheile, beſonders gegen
die Johannitterritter. Darum erlaubt,
daß ich mich ein Weilchen beſinne.
I.
Nun denn, ich würde euch gern
einladen, mit mir in ben Fleinen Salon
ohne Federbuſch nenne.
Nur in Einem Punkte hielt er
leider feinen Nriftofratismus aufrecht,
den er fonjt jo artig in's allgemein-
menschliche Gefühl verarbeitet hatte.
Und in dem einen Punkt verdarb er’s
mit den allermeiften Leuten und zwar
für's Leben.
Ich habe ſchon von den vielen
Fäſſern und Kiften gefprochen, die man
in dem zum Bureau umgejchaffenen
Gartenſalon untergebradht. Da waren
denn auch zahlreiche Kijten von ver:
Ihiebener Größe mit Cigarren vom
verjchiedenften Werthe, vom feinſten
Upmann bis herunter zur gemwidelten
Brennneffel, die auch der elenbeite
Kerl nicht mehr für Geld nimmt und
die der Kaufmann ſchlechterdings nur
als Liebesontel bei einer freiwilligen
Sendung an die Armee loswerden
fann,
Die Kiften ftanden dedellos. Auch
dem oberflächlichen Kenner genügte ein
Blick beim Eintreten, um die Mannig:
faltigfeit der bier noch Schlummernden
Genüffe wenigſtens annähernd zu
ſchätzen.
Mit immer gleicher Liebenswür—
digkeit kam der Depotvorſtand jedem
Beſuch entgegen. „Wollen Sie ſich
nicht eine Cigarre nehmen?“ liſpelten
die blaſſen, kaum bewegten Lippen.
113
Sobald aber dann der alfo freundlich |
Eingeladene die Hand ausftredte, wie
ber Geift ihn trieb, fo ließen fich die
blaſſen Lippen aufs Neue ehr Leife,
jehr beftimmt vernehmen und eine gra=
ziöſe Bewegung der jchönen Hand
begleitete janft diefe Worte: „Nicht
von dieſen; ich bitte, fich hier zu be-
dienen.“
Die Todfeindichaft war im Augen:
blide fertig, wenn auch die erite Re:
aktion fich jehr verichieden äußerte,
Der Melanolicus that mit einem
Seufzer dergleichen, als wollt’ er rau:
hen, um dann das Kraut, weil es
nicht 309, bei Seite zu legen; der
Phlegmatiſche jagte: „ich danke Schön,“
ohne das Zeug zu berühren; der San
guinifer 309, ohne mehr das Wort an
jenen zu richten, jein eigenes Etui;
der Cholerifer nahm mit empörter
Hand die erſte befte Cigarre, die oben
auflag, und zerbrüdte den infamen
Stengel während einer jcheinbar gleich-
gültigen, in Wahrheit aber ſehr leiden- |
Ihaftlihen Rede zwiſchen feinen be:
benden Fingern.
Vergeben hat ihm feiner je! und
diejenigen am allerwenigiten, die aus
Horn oder Berlegenheit feine Gaſtge—
ſchenke wirflih in Rauch aufgehen
ließen.
Er hatte dann meiſtens mehr oder
weniger Grund, auch feinerjeit3 über
da3 Benehmen der Herren zu Elagen,
denen er „jo freundlich” entgegen ge
fommen war. Daß er den Leuten
etwas Empörendes zugemuthet, fiel
ihm nicht ein.
Db einer, der als Freiwilliger ober |
Referveoffizier im Heere ftand, daheim
Richter, Gelehrter, Künftler von Be:
deutung war, das galt ihm gleich ;
derjelbe jollte rauchen, was er für den
gemeinen Soldaten oder Lieutenant für
gut genug achtete. Denn auch der Of:
fizier hatte feiner Charge wegen nur
Anspruch auf eine nicht befonders er:
freulihe Mittelforte.e Der Geihmad
in Rauchangelegenheiten war bei ihm
weder Sache der Bildung noch des
Bofeggers „Heimgarten‘‘ 2, Heft
Avancement3, jondern ausſchließlich
der — Race.
Ein fimpler Herr von oder ein
neugebadener Baron, jo was trat ihm
auch noch nicht tief in die Seele.
Unter vier Quartier gelangte man
jelten zu einem wirklichen Vergnügen,
Wenn aber einmal die großen Herren
zu Beſuch anritten...
Wie ih mit dem Manne dann
ausgefommen bin, ohne daß einer von
Beiden fih etwas vergeben ?
Vortrefflich ! ich rauche ja nit...
Und Dieß rechnete mir der Brave
hoch an, daß ich in den legten Herzens:
winkel, in welchen fich fein angeborenes
Lorurtheil nicht ganz ohne Behagen
geflüchtet hatte, nicht mit des Gelüjtes
rückſichtsloſer Hand eingriff.
Ihr aber, lieben Leſer, ihr raucht
mehr oder weniger alle; darım id
e3 in jedem Falle für beſſer halte,
euch nicht weiter in unſere Häuslichkeit
einzuführen.
— Es hätte heut auch nichts ge:
holfen, euch zum Thee zu bitten. Es
gab wohl noch Thee und Landmwein
zum Abendbrot — aber ſonſt nichts !
Keine Schinken, feine Eier mehr! Sie
find alle fort. In der kurzen halben
Stunde, da der Verwalter, um fich zu
verjchnaufen, auf die Landitraße gegan-
gen, kamen Boten von dort und da,
Ich will mid umfehen, wo wir im
Dorfe was zu ejjen finden. Aber heute
geht auch das nicht ar. Auf der ande:
ren Seite des Gartens fteht Schon das
voll gepadte Bauernwägelchen. Es ijt
noch immer nicht Feierabend geworden.
Ab- und Auffigen und nur recht
hurtig nah den Nothlazarethen zu
B. und ©, fahren, ehe die Nacht ein-
bricht.
So raſch folgt auf die Sünde des
Gedanfens die thatſächliche Strafe.
Hätt’ ich nur nichts gegen Schinken
und Eier gejagt! Aber fort, fort! Nur
noch einen Zug aus der Flajche und
dann den Mantel her.
Wie ich die Thür aufmache, wirft
mir der jaufende Wind eine Ladung
8
114
welfer Blätter vor die Füße. Schaurig | fällt. Der Kutjcher jhläft ein. „Heda
und falt weht's über die Ebene her. Burſch! ift das der rechte Weg, den
Der Bauer auf dem requirirten Wagen
mit der flatternden blauen Blouſe,
die ſchwarze Mütze tief über den Kopf
gezogen, fieht mich halb verlegen, halb
ungeduldig an und ſpielt mit jeinem
Peitſchenſtiel. Ich Tag’ ihm das nächſte
Ziel der Fahrt und trab, trab geht’s
rüttelnd und bolpernd fort auf der
zermarterten Straße.
Eine zeitlang unterhält man ſich
mit dem allemannifchen Nachbar recht
gut. Der Fuhrmann thut wenigiteng
dergleichen, als jei er ganz verftändig.
„Uns Proteſtanten wär’ es jchlecht
genug ergangen, wenn die Franzofen
geſiegt hätten?”... Ob er einem
Franzojen dasjelbe jagen würde?
Schwerlich. Gleichviel.
Das Herumkutſchiren macht die
Bauernfnechte nicht verbrießlidh. Je
näher der Feſtung, deſto Schöner. Aber
nahdem der Menſch ein Dugend Fra:
gen beantwortet hat, verjtummt das
Geſpräch. Es wird immer ftiller und
immer bunfler. In der grauen Däm—
merung verichmelzen die Umriſſe aller
Gegenjtände fchattenhaft. Die Welt ver:
blaßt. Nur der Wind haut einem
manchmal um die Ohren, es fcheint
aber, als verlör’ auch er mit jeder
Viertelftunde an Heftigfeit. Sind denn
noch Kanonen zu hören? Kaum. Es
wird zwar noch immer ab= und zu ges
ſchoſſen. Aber gar nicht fo, wie man's
mit jedem nächiten Augenblid erwarten
zu müſſen glaubt, und dieſe mäßigere
Arbeit dünkt einem faft wie Ruhe.
Jetzt wird's wirklich ftill, ganz ftill,
unheimlich jtil. Die Stille vor dem
Sturme,
Heftiger Hatjcht die Peitſche auf's
Rößlein und rafcher fahren die Schwei-
genden dahin,
Halt da!... Parole?!... Feld:
geihrei?!... . Wie oft noch heut
Abend ?
Man glaubt, es fei noch immer
Abend, aber es iſt graue Nacht, die
wir fahren?” „Wohl, Herr”. Wieder
ein Hieb mit der Peitihe und wieder
ein paar Fragen und Antworten, über
Gegend, Menjchen und Zeit. Auch dieß
Gejpräd reißt bald wieder ab.
Hu, die Brände! Wie fie heut in
den Nachthimmel jo deutlich aufragen.
Die langen, flammenglühenden, vom
Wind fchräge gelegten Qualmſäulen.
Und nun bricht der Lärm los!
Meld ein Lärm!
Der Kutjcher hebt den Kopf, die
Najenflügel zittern, er treibt das
Pferdchen, als hätt’ er Eile, der Stadt
jo nah wie möglich zu kommen.
„Haben Sie Verwandte in Der
Feſtung?“
„Ja, einen Bruder — er ſteht in
der Mobilgarde — und eine Schweſter
— ſie hatte einen kleinen Kram, der
was einbrachte auf dem Dorfe. Sie
könnte jetzt viel verdienen, hätte ſie
ſich abreden laſſen, nach der Stadt zu
flüchten, ſowie die Preußen kamen.“
Er ſeufzte und unwillkürlich ſagt'
ich: „die armen Straßburger!“
„Ach die!“ ſagte der Fuhrknecht
und zuckte die Achſeln unter ſeiner
Blouſe.
Ihm war's nur um Bruder und
Schweſter; auf die Städter war er
nicht gut zu ſprechen. Die Bande, die
ihn an's alte Staatsgefüge geknüpft,
waren entzwei geſchoſſen; andere mit
dem neuen noch nicht geſchlungen. Das
Nationalgefühl hatte in ihm keine
Zunge. Er verjtand nicht ein Ster—
benswörtlein franzöſiſch. Sich als
Deuticher zu fühlen, hatte man ihm
von Kleinauf ausgetrieben. Herrenlos
zwiichen zwei fämpfenden Völkern,
nit mehr beim einen, noch nicht
zum andern gehörig, behielt nur die
Familie für den rauhen Menjchen
Werth und wenn er jeufzte, jo follt’
es nur Bruder und Schweiter gelten.
Brüder und Schweitern ! Menfchen !
In diefem Augenblide, da die Rieſen—
Naht über der Ebene. Der Nebel | mörfer ihre furchtbaren Geſchoſſe in
115
gewaltigen Bogen durch die Nachtluft |migen, halbinfelartigen Gefilde, das
ichleudern und eine hochaufwehende er umfchrieb, waren vordem ausge:
Feuersbrunft dämoniſche Lichter auf; dehnte Fabriken, ich glaube Lederfabrifen
den alten Münfterthurm fallen läßt,
in diefem Augenblide jterben Menfchen,
bie furz vorher noch kühn geathmet
haben, jterben elend und unter furcht:
baren Schmerzen. Zerriſſene Leiber,
zerbrochene Knochen, brennendes Fleiſch
und ftrömendes Blut.... Und die
Feuersbrünfte lodern, die Batterien
donnern in Einem fort.
Wieder tritt eine ſchattenhafte Figur
vor dem Wagen auf die Straße. Das
Pferd jteht vor dem gefällten Bajonnet.
„Parole!“ ... „Feldgejchrei!”
Noh ein paar Minuten, Da ijt
das Nothlazareth, ein kleines Haus
mit erleuchteten Fenſtern, die im Nacht:
wind raufchende Fahne über der Thür.
Sei mir gegrüßt, du brave weiße Fahne
mit dem rothen Kreuz! Ich brauche
nicht nach Leuten zu juchen, die abladen
helfen. Sie fommen mir unter der
Thür entgegen. Drinnen... Bleibt
auch hier lieber draußen! Mögen bie
Schatten der Nacht euch diefe Nacht:
jeiten des menſchlichen Daſeins ver:
büllen.
II.
und LZohgerbereien, in glüdlihem Be:
trieb geſtanden. Was war von ihnen
geblieben? Ich Hatte nie vordem ein
Bild jo gründlicher Zerſtörung ges
ſchaut. Ein weites Feld mit zerbrödel:
tem Geſtein überdedt. Es jah nicht
anders aus, als hätte man die großen
Gebäude in einer Mühle zerrieben.
Hier und da ragte noch aus dem
gräulihen Trümmerwuſt ein Stüd
des Gemäuers hervor, in Brüchen ge-
zackt und vom euer geihwärzt. Ein
paar riefige Majchinen, zu Schanden
gewordenes Metall, die mächtigen
Stangen zerknidt, die gewaltigen Eiſen—
räder ineinander gedreht, jujt wie die
Kinder ihre Bleifoldaten knicken und
zerdrehen. Weiter drüben muß einft
eine Villa geftanden haben. Mitten im
Schutt blieb das Reſtchen einer eleganz
ten Façade ftehen, ein jchmales Stüd
ſorgſam polirten Rohbaues. In dem
Sandfteinrahmen glänzte merfwürdiger:
weife noch eine ganz unverjehrte Spie:
| geljcheibe. Das zerbrechliche Glas hat
das ganze Haus überdauert.
Die Verwüftung war von franzö-
ſiſchen Geſchützen angerichtet worden.
E3 war am andern Morgen. Wir | Heute find fie nicht mehr fo fleißig.
wollten gerne die vorgeſchobene Batterie | Immerhin hat noch vor zehn Minuten
jehen, bie erſt heute Nacht fertig ges | ziemlich nah’ eine Bombe eingejchla-
worden wat. Ein junger Militärarzt gen. Nun gehen die Soldaten hin, die
aus Schwerin, ein tüchtiger und Lie | Stelle zu bejehen. E3 iſt in einem
benswürdiger Menſch, war mein Bez | früheren Hof oder Garten, deſſen Ges
gleiter. ch glaube nit, daß wir den | päude nur zur Hälfte zerjtört find.
nächſten Weg gingen, aber wir mach: | Dort wühlte fih das Geihoß in bie
ten einen hübſchen Spaziergang.
Ein wundervoller Herbittag lachte
vom Himmel, die Sonne jchien fo gol:
dig, zur ab und zu qualmten die
runden weißen MWölfchen vor dem Kırall
von den deutjchen Geſchützen auf, welche
in der Nacht mit jo furchtbarem Fleiß
gearbeitet; nur ſehr jelten durchſchwirrte
von der Stadt her ein Geſchoß die
bligende Luft.
Wir famen mehrmals über einen
Erde und that feinen weiteren Scha:
den. Die Gartenmauer fteht noch und
vor dem offenen Thor geht ein Ber:
liner Landwehrmann gelaſſen auf und
nieder. Er lacht den Bekannten zu und
weist die Fragenden mit gelafjener
Hand nad) der Stelle, Feine vierzig
Schritte weit von ihm.
An der einen Säule des Fahr:
thors, das die Schildwache hütete, jah
ih oben auf dem rothen Baditein ein
Heinen Waflerlauf. In dem ringför: | fleines abgegriffenes Schnigelchen Pa:
8*
116
pier geflebt. E3 mußte: aus einem
Buch ober einem Flugblatt ausge:
fchnitten worden fein und enthielt in
fleinen Lettern die Worte des Pſal—
miften: „Ich liege und fchlafe ganz
mit Frieden, denn allein Du, HErr,
bilfjt mir, daß ich ſicher wohne.”...
In der neuen Batterie ging’3 ge:
Ihäftig her. Die ſchwarzen Krupp'ſchen
Vierundzwanzigpfünder ftanden da und
preußifche Unteroffiziere unterrichteten
daran württembergiſche Mannjchaft.
Ein Bild der herbe gewonnenen deutjchen
Einheit. Wahrlih der neugeborene
deutſche Staat bejchreit die vier Wände
der ftaunenden Welt mit furcdhtbarem
Getöfe! Und recht jo! Würde fie fonft
an feine Zebensfähigfeit glauben ? Und
fie fol daran glauben!
Bon der Batterie ſah man die
Umfaffungsmauer der Stabt etwa
achthundert Schritte vor fi im Sonnen:
jcheine liegen. Der grünlich-graue Be:
wuchs des Glacis ſah mehr wie Schlamm
ald Grad aus. Dahinter ragte das
rauchende Gerippe der großen Fink:
mattlajerne in die funfelnde Morgen:
luft. Schaudervolles Werk ber Berftö-
rung, wie lange muß es noch gethan
werden !
Wir gingen desjelben Wegs nad
Sciltigheim zurüd. Ich mochte mir’s
nicht verfagen, noch einmal über bie
Trümmerfelder zu wandeln und zu
betrachten, wie gründlih Menſchenwitz
vernichten fann, was Menſchenwitz
geichaffen.
Sp famen wir auch zu einem
fleineren Gehöfte, das in Trümmern
lag. Man merkte es an zerfnicten Rau:
fen, bier mußte ein Stall geftanden
haben. Das hier ift wohl ein Brunnen
gewejen und das eine Scheune. Mie
wunderjam! Nichts war ftehen geblie-
ben als der Taubenſchlag auf feiner
hölzernen Säule. Auch diefer war von
Brandihäden ſchwarz und oben durchs
Gehäufe ging auf der Linken Seite
ein rundes Loch, dem unten auf ber
rechten Seite ein anderes brandgerän-
dertes Loch entſprach. Auch hier mußte
eine Kugel durchgeſchlagen haben. Jetzt
aber krochen durch das obere Loch die
Tauben aus und ein, die in ihrem
Kobel troß alledem weiter nifteten.
Ich habe niemals einen erſtaun—
liheren Anblid genoffen, als auf bie
jer Trümmermwüfte den des halbzer:
ſchoſſenen, aber noch aufrechtjtehenden
Taubenjchlages mit den lieben, from:
men, flügelichlagenden Vögeln, von
denen das Volk zu jagen pflegt, daß
jie feine Galle haben.
„Sehen Sie do, wie ſchön und
tröftlich diefer Anblick!“ rief ich mei:
nem Begleiter zu.
„Wahrlich!“ fagte der Freund und
eritaunte, „das ift lebendige Poeſie!“
„Stillleben im Kriege!”
(Siehe „Heimgarten“ I. Heft. ©. 36.)
-117
In der Rnechlſchaft.
Ein lehrreihes, farbenprächtiges | nächften Anwohner fägen dann das
Bild, das uns Prof. G. Kinkel in | Mittelftüd heraus, das über den Pfad
einem Bortrage über bie chrijtlichen | reicht, und lafjen rechts und links bie
Unterthanen der Türkei entrollt. Wir | Enden ruhig verfaulen. Der ewige
fehen in demſelben, wie überaus elend | Schatten der Waldung bildet vielfach
die Eriftenz der chriftlichen Bevölfe:
rung auf ber Balfanhalbinjel und
wie gerechtfertigt ihr Kampf auf Leben
und Tod it.
Unter Berhältniffen — jagt Kin:
fel in feiner lichtvollen Abhandlung —
wo ber Menih an dem Boden fein
Intereſſe hat, den er bebaut, ift der
Zuftand des Landes jchon vor dem
Ausbruch der gegenwärtigen Infurrec-
tion ein für Europa unerhörter gewe—
jen. Fahrbare Straßen finden fih in
jenen Strichen faft gar feine; benn wenn
auch die Regierung einmal zwifchen ein
paar größern Städten Chauffeen führte,
jo wurden fie jchlecht angelegt, gewöhn—
lich ohne Unterbau und bloß durch Be-
Ihüttung. Eine von Weften nad) Dften
quer durch's Land zu legende Eijenbahn
wurde 1869 durch die Ingenieure des
Barons von Hirfch mit außerordentlichen
auch fumpfige Stellen, welche niemals
‚trodnen, weil Wind und Sonne nicht
herzufönnen. Im Kalkfeld der Herze:
gomwina haben die Säumer im Laufe
der Jahre runde Löcher, drei bis fünf
Zoll tief, eingetreten, und jedes Thier
jeßt die Fußeifen genau in biejelbe
Spur, um überhaupt die glatten Stein-
wände hinaufflettern zu können.
Das Gräulichfte von Allem find
aber die gepflafterten Straßen, welche
dienen, um Sümpfe zu pafliren. Sol
eine Straße heißt ein Kalderma. In
der Mitte des Weges ift in der Breite
von 6—9 Fuß ein erhöhter Damm
von Steinblöden aufgeichichtet, welche
etwa einen Fuß groß find. Werden
diefe allmälig glatt und abgerundet,
jo kann beim Negen felbit das bosni-
ihe Gebirgsroß auf ihnen nicht Fuß
faflen. Man reitet daher daneben, und
Koften und Anftrengungen tracirt, iſt ſo bilden fich beiderfeitS des Dammes
aber längft aufgegeben. Die üblichen
Berbindungswege find Saumpfade, nur
für Gebirgsrofe zum Neiten und
Waarentransport brauchbar, daher in
diejen Ländern, mit Ausnahme der
ärmiten Rajah, Jedermann beritten ift.
Diefe Saumpfade find ohne Führer
nicht zu finden, da fie oben auf den
nadten Plateaur ganz unerfennbar
bleiben. Sie gehen die Berge ohne
Krümmungen jo jteil hinauf, daß
man beim Herabfteigen das Roß nad):
ziehen muß. In den Thälern "find die
Wildwaſſer zwar überbrüdt, aber die
Brüden find, einige alte Römerwerfe,
Platte,
ausgenommen, meiſt nur von Holz
und jo arg vernadläffigt, daß man
fiherer und lieber durch's Waſſer rei:
tet. In den Urmäldern fperren oft
gefallene Baumftämme den Weg, bie
fußtiefe Gräben. Es bleibt die ange:
nehme Wahl, auf dem Pflafter den
Hals zu breden oder im Sumpf zu
ertrinfen.
Den Annehmlichkeiten der Straße
entſpricht das Nachtquartier. DieWirth3:
häuſer oder Khans liegen weit aus:
einander. Unten iſt ein großer Stall
für 60 bis 100 Roſſe, oben meiſt
nur ein einziges Zimmer, mit einer
großen Matratze über den ganzen
Fußboden, die nie geflopft oder ge:
lüftet wird. Bettftellen gibt e3 nicht,
auch feine Tiſche und Stühle. Man
jpeift am Boden hodend von einer
und dann legt man fich in
den Kleidern auf das allgemeine Polſter
zur Ruhe. Schlafen aber kann der
Europäer dort nicht wegen des gräß-
lihen Ungezieferd, und auch am fol
genden Tag hat man im der freien
Luft feine Ruhe, da man die Plage
in den Kleidern mitnimmt. Wer dies
vermeiden will, muß Bettitatt, Bett:
zeug und Proviſionen mit ſich führen.
Hiezu aber braucht ein europäijcher
Reiſender ein Roß für fich, eins für
den Diener oder den gemietheten
Genbarmen, eins für's Gepäd. Nimmt
er hiefür Poftpferde, jo muß auch
dem begleitenden Poſtillon, der fie
nachher zurückreitet, noch fein Roß
bezahlt werden. Zu Einer Wegſtunde
braucht man, die Raſten eingerechnet,
anderthalb Stunden Zeit, und ſo be—
greift es ſich, daß die Koſten für Einen
Reiſetag auf 20—25 Gulden öſter—
veichifch anfteigen. Nur zumeilen ge:
lingt es, bei einem wohlhabenden
Mufelman oder in einem chrijtlichen
Klofter beifere Privatherberge zu be:
fommen.
Unglaubli traurig ift der Anblid
eines chriftlichen Dorfes in diejen Län:
dern. Stattlich find nur die befejtigten
Häufer der Begs (Vorfteher), unten mit
ftarfen Mauern, wo die Roſſe ihre Ställe
haben, darüber die Wohnzimmer in
Holz gebaut. Die Mohamedaner haben
gern ein Norderhaus nad der Straße
zu, dann folgt ein Gärtchen, und hin:
ter diefem ein befonderer Bau für die
Frauen, wo der Hausherr auch ſpeiſt,
wenn er feine Gäfte hat. Diejer Theil
wird auch in Bosnien der Harem, das
Vorderhaus aber der Selamlif, d. 5.
der Empfangsraum, genannt. Hier
tritt oft der größte Mangel an euro:
päiſchem Comfort in den wunderlich—
jten Gontraft zu den ſchönſten orienta-
lichen Teppichen und den edeln Race:
pterden im Stall drunten. In den
hriftlihen Dörfern dagegen liegen die
einzelnen Gehöfte weit auseinander.
Jedermann baut fih fein Haus jelber,
und es wird auch darnach. Aus den
Wäldern, die der Regierung gehören,
darf man dafür ſich Holz holen foviel
man braucht. Riegelwerf, mit unge:
brannten Lehmziegeln oder Fachwertk
gefüllt, bildet die Wände; die Fenfter
find Lattengitter mit Papier beflebt.
Man fieht von unten durch Die ge=
ſchwärzten Dachbalken auf die hölzer—
nen Schindeln, durch deren Ritzen der
Rauch des Herdes entweicht. Doch
finden ſich zuweilen in den Zimmern
auch gewaltige Kachelöfen. Auch dieſe
Häuſer ſind oft zweiſtöckig, unten der
Stall, oben die Wohnräume. In der
Herzegowina baut dagegen der Bauer
ſein Haus von Stein und deckt es
ſogar mit Steinplatten. Die Dorfkirche
iſt ein acht Fuß hoher Stall aus
hölzernen Sparren, die nur mit der
Axt zugehauen ſind und den Wind
durch alle Ritzen laſſen. Der Boden
hat keine Diele, ein Brett auf zwei
Pfoſten erſetzt den Altar. Glocken ſind
den Chriſten nicht erlaubt, ſtatt ihrer
dient vor der Kirchthür das Alarm—
brett, das mit einem hölzernen Ham—
mer geſchlagen wird, wie die alten
Alarmbretter in der Militärgrenze,
welche vor Alters einen Türkeneinfall
verkündigten. Auf dem Lande dürfen
die chriſtlichen Friedhöfe nicht einge—
hegt werden, damit der Mohamedaner
über die Gräber reiten kann, und ſo
wird jedes Grab einzeln von der
Familie eingezäunt. Auch das Haus
ſteht, von Baumhof und Garten um—
geben, in ſeiner beſonderen Umzäu—
nung, und grimmige Schäferhunde,
auf den Wolf und den Türken dreſſirt,
hindern den Eintritt. Dieſe Hunde
muß der Rajah halten, weil er, ohne
einen theuer zu erkaufenden Erlaubniß—
ſchein, keine Schießwaffen gegen die
Raubthiere beſitzen darf. Nur in der
Nähe der Dörfer iſt das Land ange—
baut und ſehr fruchtbar, auch ſieht
man hier zuweilen einen ſchwerfälligen
Ackerwagen mit Ochſen bis zu ſechs—
zehn Stück beſpannt, oder im Sommer
wird auf geſtampften Tennen im offe—
nen Feld das Getreide ausgedroſchen,
indem man die Roſſe im Kreis dar—
über treibt. Weiterhin bebedt den
Ader wildes Geftrüpp, und bejondbers
auf dem jchönften Boden machen
Brombeerfträuche große Streden ganz
119
unzugänglich. Auf den weiten Gütern
der Grundherren liegen ganze Qua—
dratmeilen Walbboden, außer zur
Schweinemaft, faft ungenußt.
Wenn in einem jo dünn bevölfer:
ten und babei jo unzugänglichen Berg:
land einmal der Bauer die Waffe
ergreift, jo begreift fih, daß ein ſol—
her Aufftand faum zu dämpfen ift.
Zeriprengte Banden haben ftet3 einen
Rückzug in's wegloſe Hochgebirge oder
ſie können ſich in den engen Thal—
ſchluchten wieder ſammeln, wohin
keine regelmäßige Truppe ihnen zu
folgen vermag. Der Inſurgent wird
zum Räuber, weil er leben muß, und
der regelmäßige Soldat wird es eben—
falls, wenn ihm die Transporte ab—
geſchnitten werden, und er außerdem,
wie die türkiſchen Truppen oft für
Monate, feinen Sold ausgezahlt be—
fommt. Wer fein Eigentum am Bo:
den hat, wird in regellofen Zuftänden |
von 45,000 Einwohnern.
zu erlangen, und die Lage wurde ge
radezu gefährlich, da die Männer das
Gebeul leicht gehört hätten. Man mußte
von der Unterhandlung abſtehen und
konnte erſt eine Stunde weiter in
einem Khan Fourage und Lebens:
mittel erhalten. In diejen Aengſten
um Leben und Eigenthum erhält bie
Nechtlofigkeit und der gegenfeitige Haß
der beiden Religionen die ganze Land»
bevölferung.
Dichter drängt ſich denn die Men:
ihenzahl in den Städten zuſammen,
ſchon weil hier die Sicherheit größer
it. Es gibt mehrere Ortichaften,
welche die Größe unjerer Mittelitädte
erreichen. Die Hauptſtadt von Bosnien,
Serajewo oder Bosna:Serai, im Jahre
1465 gegründet, ijt ein hübjcher Ort
Ein heller,
obwohl nicht ſchiffbarer Fluß, der
obern Bosna zuftrömend, theilt die
Stadt in zwei Hälften. Schöngejchnit-
ohnehin leicht zum SFreibeuter. Daher tene Berge umgeben das janfte Thal.
die allgemeine Unficherheit auf Weg Blickt man von den Hügeln hinab, fo
und Steg, jelbft in fonft ruhigen Zei: | erfcheint der Ort ftattlih. Die Häu-
ten. Wenn ein Trupp fremder Reiter ſer heben ſich aus Gartengrün hervor,
auf ein Dorf zukommt, flüchten die von beinahe hundert weißgetünchten
Kinder ſich ſchreiend in die Hütten. Minars überſtiegen. Von den Moſcheen,
Die mohamedaniſche Frau fürchtet welche durch dieſe Thürme bezeichnet
ſich ebenſo ſehr, als die chriſtliche. werben, find einige jogar prachtvoll.
Major Roskiewicz ritt mit feinem Im Innern find zwei große Markt:
Gefolge am hellen Tag und auf brei- pläße mit zahlreihen Buben voll
ter Straße einer mohamedaniſchen | Kleinfram, der hier meiſt von Moha—
Anfiedlung zu. Ein altes Weib lief | medanern fabrizirt und verkauft wird.
erſchreckt in's Haus; ber begleitende |
Zaptie oder Gendarm, welcher jelbit
ein Moslem war und die Landesiprache
verjtand, flopfte an alle Häufer, um
für die erfchöpften Roſſe etwas Fou—
tage zu erhalten. Umjonft! Da brüdte
er eine Scheunenthüre ein und wollte
Heu hervorholen. Inzwiſchen
waren ein paar Frauen durch bie,
Hinterthüren der Häufer entſchlüpft
und erhoben mun von einem nahen
Hügel ein mit Verwünſchungen unter:
miſchtes hölliſches Angftgefchrei: Zu
aber |
Hilfe! Sie morden! Sie plündern!
Sie zünden die Häufer an!
Kein |
Den Großhandel haben auch hier die
Griechen und einzelne europäiiche Häu—
jer. Man trifft zahlreiche Kaffeehäufer,
Garküchen, Schulen und Bäder. Die
legtern find zum Theil religiöſe Stif:
tungen und öffnen fich Jedem, der
fommt, wobei man nach Belieben be—
zahlt. Einige europäiihe Conſulate
machen den Aufenthalt für den rem:
den angenehm und ficher.
Doh fehlen auch hier wie in
Konftantinopel die faulen Straßen:
hunde und das ſchlechte Pflafter nicht.
Vielleicht hier allein würde man einen
regelrecht gebildeten Arzt finden, denn
Parlamentiven half, es war nichts | jonft haben Aerzte nichts zu thun, der
120
betende und zauberfundige Priefter | an Unterpädhter ab. Auch mande
vertritt ihre Stelle; der Mohamedaner | Grundherren haben bereits dieje Praris
glaubt an's Fatum, der Chriſt iſt der Verpachtung angenommen. „Alle
dort gegen das Leben gleichgiltiger als |diefe Pächter (Safupnifs) aber wur:
wir es find. „In ganz Bosnien und |den zur wahren Landplage Bosniens.
der Herzegowina dürfte es (die tür-| Was jo ein Safupnit an Unmenſch—
fiihen Militärärzte abgerechnet) kaum | lichfeit zu leiften vermag, davon hat
zwei Civilärzte, Doctoren der Mes man im civilifirten Europa gar feine
dicin, oder auch nur Thierärzte ge:
ben.”
Moher nun, jo fragt man fich,
diefe Verkommenheit eines von Natur
jo reichen Zandes, dieſer Verfall einer
Gultur, die unter den Nömern fo
blühend war und wiederum im chrift:
lihen Mittelalter hoffnungsreich fich
entfaltet hat?
Bor allem Tiegt es an dem furdt:
Vorftellung. Vor Allem madt er fich
zum Gejellichafter des türfiichen Be:
amten, der ihm nicht nur die Zapties
(Rolizeifoldaten) gibt, fondern aud)
einen willfürlihen Marftprei3 ber
(Früchte feſtgeſetzt. Der Safupnif be:
gnügt fih nämlich nicht mit ber
| Quote der Naturalienleiftung, fondern
er fordert von den hrijtiihen Bauern
noh um fo viel mehr, als die Diffe—
venz des willfürlich feitgefegten Markt:
baren Unrecht in allen Fragen des |preifes beträgt. Will diefer die oft
Eigenthums. Die Wurzel des Uebels bedeutende Differenz nicht entrichten,
iſt ‚In dem Einen Satze Theodor | oder findet fich die geforderte Quan—
Schiff's aufgededt: „Der Grund tität der Frucht nicht mehr vor, fo
und Boden gehört niemals
Jenem, der ihn bebaut.”
Zunächſt hat die Pladerei des
türfiihen Steuerſyſtems und die Raub:
gier der Beamten auch bier, wie in
allen Provinzen des osmaniſchen Rei—
ches, ein ſtarkes Theil des Bodens
in die Hände der Kirche gebracht. Das
Land, welches einer Mojchee gehört,
iſt ftenerfrei. Seit langer Zeit haben
daher mohamedanifhe Landbeſitzer,
befonder8 wenn fie finderlo8 waren,
ihre Güter der benachbarten Geiſtlich—
feit verjchrieben, um fie hernach ge:
ſchützt und ftenerfrei auf Lebenszeit
behalten zu können. Nach ihrem Tode
fällt das Grundftüf dann einer Mo: |
ichee als freies Eigenthum zu. Dadurch
hat der Islam überall einen gutbe-
joldeten und einflußreichen Klerus.
Und wie werden die Steuern ein:
getrieben ?
Die Pforte behält noch immer
‚wird er zur Zahlung aufgefordert.
ı Kann er, wie gewöhnlich, nicht zahlen,
jo fängt mit ihm die XTortur an.
Zuerſt wird er geprügelt; hilft das
‚nicht, jo beginnt die Operation der
Räucherung. Man legt ihn an einige
Balken des Dahbodens gebunden nie:
der und zündet unter ihm mit feuch—
tem Holz Feuer an, bis er, dem Er:
ftiden nahe, alles dem Safupnif gibt,
was er noch hat. Es find dies aber
nicht bloß einzelne Fälle des Miß—
brauchs, jondern das Räuchern gilt
gewiſſermaßen als eine Art Erecutiongs
‚grad, der zu dem ganzen Verfahren
gehört!“
Nicht beifer ergeht e3 dem Bauer,
wo der Grundherr in Perſon fein
Drittel einzieht. Im Herbſt bejucht
der Beg mit einem ftarfen berittenen
Gefolg feine jämmtlichen Dörfer. Es
ift eine Sommerfrifche auf Fremde Nech-
nung. Er nimmt freie Quartier bei
dem reichiten Bauer, die andern müflen
das in Europa längit gerichtete alt: für jeinen Haushalt Nahrungsmittel
römiſche Syitem bei, die Steuern an und Fourage beiihaffen. Die Koiten
den Meijtbietenden zu verpachten, und | diefer Einquartierung dauern, bis alle
dieſe Staatspächter geben fie wieder | Streitfragen über den Betrag der
4121
Zehnten jo erledigt find, wieder Herr | Haus zufammengetrieben, wo er mit
e3 befiehlt. Bei dieſer Gelegenheit, wo
der Beg als bewaffnete Garnifon im
Dorf gebietet, fommen am bäufigiten
die fo oft beiprochenen Unbilden vor,
wenn der Bauer eine hübjche Frau
oder Tochter hat.
Gegen alle dieſe Erpreffungen hat
der chriftliche Unterthan der Pforte
fein genügendes Rechtsmittel. Ueberall,
wo im Staat PVerftand ift, hat man
Verwaltung und Juſtiz getrennt. In
Bosnien ijt bis heute auf dem Lande
der Mudir (türfijcher Neligionsbeam-
ter) zugleih Adminiſtrativ⸗ und Ju—
ftizbeamter; mun fommt es aber
auh vor, daß ihm gar noch die
Steuerpadht zugeichlagen wird. Syn
allen hierauf bezüglichen Eigenthums-
fragen ift er folglich Beklagter und
Richter in Einer Perſon.
Insbeſondere aber in den Fällen
ift fein Recht zu erlangen, wo es ſich
um Gewaltthätigfeiten der Grund:
herren gegen frauen oder entſpre—
chende Brutalitäten von türkifchen
Beamten handelt. Solche fommen täg:
lid vor. Im November 1875 zieht
ein türkiſcher Steuereinnehmer mit
einem Detachement von Bolizeifoldaten
jeiner Dienerfchaft wohnt; fie wehren
fih auf Leben und Tod; da läßt er
eijerne Stäbe heizen und zwingt fie
binüberzugehen; andere werden auf
die Stäbe hingeftredt. Eine kommt
in's Sterben, und man wirft fie vor
die Thür.
Ein ganz alltägliher Vorgang ift
auch der Raub chriftlicher Mädchen,
der in den übrigen türkiſchen Provin—
zen ebenjo gut vorkommt, wie in
Bosnien.*) Zumeilen läßt die Ent:
führte, um nicht entehrt in's Dorf
zurüdfommen, fich bewegen, zum Islam
überzutreten: in dem Fall verliert
der Water, wie einft bei einer befehr:
ten Jüdin, jeden Anſpruch auf fein
Kind. Aber auch ſonſt würde auf
jeine Klage faum ein türfifcher Richter
einfchreiten, um auch nur den That—
bejtand zu erheben. In Bosnien, wo
der Grundherr den Bauer einfach vom
Land ausmeifen kann, ift eine jolche
Klage jogar gefährlich. Ich laſſe einen
Augenzeugen erzählen:
Theodor Schiff, der viele Jahre
zu Sign in Dalmatien, nahe der bos—
nijchen Grenze, gewohnt hat, bejuchte
einmal einen mohamedanifchen Gajt:
mitten in dem frieblichen Bulgarien | freund in Bosnien, der ald Sohn eines
in das Dorf Givora Malina. Zwei
ländlihe Bermte kommen ihm dienft:
willig entgegen, er jpottet über ihren
Glauben, und als fie Einrede thun,
läßt er fie auf den Bauch nieberlegen
und haut fie duch. Dann. befiehlt
er allen Bauern fich zu verfammeln ;
da aber die meilten auf dem Felde,
find, andere in der Frohnde Bagage
nach der Feitung Nitſch führen, fo
werden alle Frauen zufammengetrie:
ben. Diefen befiehlt er in einen Kreis
zu treten und ihre Gefichter aufzube:
ben ; denn die türfiihe Frau entblößt
nie ihr Gefiht. Eine jenft aber doch
die Augen, und er haut fie mit einem
diden Prügel; die andern laufen fort,
er verfolgt fie und ſchlägt zwei nieber.
Des Nachts werden fie alle in das
türkiſchen Paſchas ganze Quadratmei:
len Wald und Aderland bejaß, die
jein Bater zum Lehen gejchenft erhal-
ten hatte. Mit diefem, auf ſchönen
Arabern beritten, bejuchte er die Be:
*) Meber diefen Gegenftand und andere
Bedrüdungen zog Sir Henry Bulmer 1860
von den englifchen Confuln in der Xürfei
Berichte ein. Diefe wurden auf Grund eines
Fragezettels eingefandt und u. d. T. Report
of Consuls on the Condition of the Chri-
stian in Turkey gedrudt. Das urfprünglic
nur für das auswärtige Amt in London be-
ftimmte Schriftftüd hat dann St. Marc Birar-
din damals in der Revue des Deux Mondes
veröffentlicht. Dort ift auch die Wahrheit über
das Zeugenreht von Chriften gegen einen
Moslem und über die confeffionelle Zufammen-
feßung der türfifchen Gerichte zu finden. (Aus-
züge daraus bei Kanig, Donau-Bulgarien, J,
©. 106 u. folg.)
——
zirksſtadt Livno. Es war gerade Ge—
richtstag, und der Mudir lud beide
ganz unbefangen ein, der Verhandlung
beizuwohnen. Er klatſchte in die Hände
und zwei Diener traten ein. Der
eine trug Schreibzeug, der andere
ſchob einen ſehr defect gekleideten alten
Bauer vor ſich her, der einen durch—
löcherten Feß in den Händen hielt,
während von ſeinem von den Schlä—
fen bis zum Scheitel glattraſirten
Kopf ein dünner Zopf herabbaumelte.
Ein Mädchen im Alter von 13 oder 14
Jahren folgte. Sie trug weite Pump—
hoſen von blauer Leinwand, keine
Schuhe oder Strümpfe, und ein enges,
vorn offenes gleichfalls blaues Jäck—
chen. Zwei prachtvolle braune Zöpfe
hingen ihr fettgetränkt über die Schul—
tern. Hände und Füße waren roth
vom Einfluſſe der wechſelnden Witte—
rung und vielleicht der ſchweren Arbeit,
aber ihr feingeſchnittenes Geſicht war
das einer Juno, und ihr Wuchs
der einer Hebe. Sie weinte.
Die Verhandlung ſpielte ſich ſehr
glatt ab. Ein gewiſſer Huſſein Beg |
hatte dem Bauer den Tabak mwegneh:
men lafjen, den derjelbe geerntet und
zubereitet hatte. Dazu bejaß er das
Necht, denn der Tabak war auf feinem,
Huffein Beg’s, Grund und Boden ge:
wachen. Vielleicht hätte der Beg Er:
barmen gehabt mit dem unglüdlichen
Bauer. Aber e3 war ein fleiner Zu:
fall dazu getreten. Die Jele (Helene),
die Tochter des Bauers, hatte in der
Nähe von Huffein Beg's Wohnhaus
Schafe gehütet. Und als Hufjein Beg
Abends nad) Haufe kam, gab er ihr
beim Abfigen die Zügel des Pferdes
mit dem Auftrage, es in den Stall
zu führen. Als aber Jele im Stalle
war, da famen zwei Diener des Huffein
Beg und jchleppten fie in deifen Haus.
Des andern Morgens wurde fie ent:
lafjen, und weil fie ein Bündel von
Maiskolben nicht annehmen wollte,
die ihr Huſſein Hatte verabfolgen
laffen, jo tractirten fie die Diener
mit Fauftichlägen. Tags darauf aber
ließ Huffein Beg den Tabak aus des
Bauer Hütte wegfchleppen, feinen,
Huffein Beg's Tabak.
Dad Alles kam umſtändlich und
far an den Tag. Huſſein Beg war
nicht zur Verhandlung erichienen, weil
er vor zwei Tagen eine Reife nad
Serajewo unternommen hatte. Der
Mudir befragte den Bauer und bie
Sele und notirte Einiges in die Schreib:
tafel, die er in der linken Hand hielt.
Dann jprah er das Urtheil. Der
Bauer mußte wegen Belignahme frem—
den Bodens 50 Piaſter (fünf Gul-
den) Strafe zahlen. Wenn er fie nicht
zahlen fönne, jo möge man ihm drei
Hammel wegnehmen, und dba er und
die Jele anfingen zu weinen, jo wur:
den fie beide zur Thüre hinausgewor—
fen. Dann ftedte der Mubdir wieder
jeine Schreibtafel in den Gürtel, und
die Diener brachten prächtig duftenden
ſchwarzen Kaffee.
| „E83 gibt“, ſo ſchließt Schiff feine
\ Erzählung, „viele Huffein, viele Bauern
‚und fehr viel unbebautes Land in Bo8-
nien. Auch haben viele Bauern hübjche
Töchter, aber fein Bauer hat ein Feld,
fein Bauer irgend ein Eigenthum. Wenn
man darum von Unruhen in Bosnien
hört, jo möge man doch den richtigen
Maßſtab anlegen und bedenken, daß
Aehnliches, wie ich jet erzählte, dort
alle Tage vorfommt. Die Fol
gerungen find dann leicht.“
Und was würden Sie, verehrte
Frauen,.von dem Manne denken, ber
Solches erbuldete und nicht zu ben
Waffen griffe? Ein Land, wo ber,
welcher den Boden baut, am Boden
fein Eigenthum bat, wo die Ehre der
Frau nicht geihügt ift, und wo auch
vor dem Gericht fein Necht zu erlan-
gen ſteht — was bleibt da bem Ge:
drüdten übrig als in die Berge zu
gehen, Banden zu bilden und feine
Blutjauger mit Flinte und Handſchar
zu mafjacriren? So ijt e8 im Juni
vorigen Jahres gejchehen. Ein Trupp
Flüchtlinge war auf montenegrinifches
123
Gebiet übergetreten und erhielt bie
Erlaubniß zur Rüdkehr. Nur 164 Köpfe
ftark, erhoben fie in der Heimat die
Fahne der Inſurrection und brannten
einige Dörfer nieder, weil dieſe ſich
ihnen nicht anfchloffen. Von da brei-
tete der Aufftand fih aus, bis er
jegt den regelmäßigen Truppen fürm:
lihe Gefechte liefert und fie oft in
die Flucht wirft.
Unſere weichherzige Civilijation,
obenein von den Manövern ber
Diplomaten vermwirrt, verblendet fich
zu dem Glauben, daß Reformen in
Verwaltung und Rechtöverfahren bie
Bewegung ftillen fönnten. Selbit wenn
bie Pforte fähig wäre, dieje Reformen
durchzuführen, oder ber Islam je ben
Willen haben könnte, die Herrichaft
aus den Händen zu geben, indem er
der hriftlichen Majorität wirklich gleiche
Rechte einräumte — um alles das
handelt es ſich hier nicht mehr. Der
Bauer weiß, daß ihm das Land ge:
hört, das man ihm durch Gewalt und
Betrug abgenommen hat, und fein
Eigenthum fordert er zurüd. Es ift
eine agrariihe Revolution
geworben, jo gut wie fie in Frankreich
war, wo noch vor hundert Yahren
ebenfalls zwei Drittel des Bodens
der Geiftlichfeit und dem Adel gehörten.
Solche NRevolutionen enden nur
durch vollftändigen Wechſel des Eigen:
thums an Grund und Boben.
In den legten Verhandlungen mit
dem öjterreichiichen Friedenscommillär
forderten die Inſurgenten einfach ein
Drittel alles Landes zurüd, das den
Begs gehört. Die Pforte könnte ſelbſt
dieß nicht bemilligen, denn fie hat
nicht die Macht und faum das Recht,
den Befigern ihr Eigenthum wegzu:
nehmen; fie bat aber noch weniger
das Geld, um eine halbe Provinz
abzulöfen. Eine Ummälzung dieſer
Art Führt überhaupt Feine beftehende
Regierung, fondern immer nur eine
Revolution duch. Alfo bleiben nur
zwei Ausgänge möglich: entweder
Niederwerfen der Inſurgenten und
hernach ein blutiges Strafgericht, das
diefe Länder vollends zur Einöde
macht — oder Sieg des Aufitanbes
und dann Pertreibung ber Islams
und Befigergreifung des Bodens durch
die fiegreiche chriftlihe Bauernſchaft.
124
Fine neue Komödie.
In demjelben Verhältniffe, als das | Publitum, oder an einer Grille des
Städtethum heute in feinen Sommer: Verfaſſers — kurz, der „Doppelfelbft-
frifehlern, Touristen u. |. mw. aufdas Land | mord“ war und blieb verichollen, bis
gebrungen ift, hat fi) das Dorfleben
in unjerer Literatur und Kunft einge:
bürgert. Es vollzieht ſich ein erfreu—
licher Ausgleih, der dort mildernd,
bier ftärfend, und verföhnend nach bei-
den Seiten wirft. Die überfeinerte
Melt hat ein gefteigertes Bedürfniß
nad) dem Urfprünglichen und Naiven
und begrüßt heute freubiger als je
die Vermittler desfelben. Mit großem
Intereſſe jpürt man der Volksſitte,
den Volksliedern nach. Auerbach fchrieb
Dorfgeſchichten; Defregger malt Dorf:
bilder; Anzengruber jhafft Dorfkomö—
dien. Die Welt reicht diefen Männern
heute die Palme. Und mit Nedt.
Eine Zeit, deren wiſſenſchaftliche Be-
firebungen mit der Metaphyſik gebro-
hen und die ſich der Empirif begeben
hat, muß wohl auch ihr Kunftleben
dem Realen zuwenden.
Wer ein wahrhaftiges Stück Dorf—
leben mit ſeinem ganzen Realismus
und mit ſeiner überreichen Poeſie
ſchauen will, der gehe in ein Anzen—
gruber'ſches Volksſtück. Und wer unter
dieſen Volksſtücken (der Pfarrer von
Kirchfeld, der Meineidbauer, die Kreu—
zelſchreiber, der G'wiſſenswurm) ein's
ausſuchen will, das in der Feinmale—
rei bäuerlicher Charaktere beſonders
groß iſt, der halte ſich an den „Dop—
pelſelbſtmord.“
Das iſt jenes Stück, welches im
vorigen Winter im Theater an der
Wien zwei- oder dreimal gegeben
wurde und dann fort war. Das Publi—
fum Hatte e8 mit Freude begrüßt,
die Kritik hatte ihm vollſte Würdi—
gung gezollt und dennoch — Theater:
jtüde haben ihre geheimnißvollen Schid:
jale — war es vom Repertoire verihmwun:
den. Wir wollen nicht unterfuchen, ob
bier eine Intrigue fpielte, ob es an
der Aufführung lag, oder doch am
er viele Monate jpäter (Mitte Dftober
d. 3.) im Stadttheater zu Graz wieder
auftauchte.
Die Fabel des Stüdes ift polfier-
(ih. Der reiche Sentner und der arme
Haubderer, einft Yugendfreunde, ftehen
fih eines wunderlichen Liebeshandels
wegen ſeit zwanzig Jahren als Feinde
gegenüber. Der Sentner hat einen
einzigen Sohn, der Hauderer eine ein:
ige Tochter — dieſe lieben ſich. Die
Alten ſöhnen fih im Wirthshaufe aus,
bei den Jungen fommt es zur Berlo:
bung. Da— es ift wieder beim Weine
— beleidigt der Hauderer den Sentner,
der Sentner den Hauderer, es fommt
rafch zu neuem Bruche — die Braut:
leute jollen „geſtrichen“ werden. Die
Berliebten wiſſen feinen Ausweg, indeß
find fie weniger jentimental als troßig.
Zufällig lieft der Wirth aus der Zei-
tung von dem Doppelielbitmorb eines
unglüdlichen Liebespaares in ber Stabt,
lieft deren Abſchiedsbrief an die Eltern,
in weldem die Selbitmörder darthun,
daß fie wegen hoffnungsloſer Liebe hin:
gingen, um fi auf ewig zu vereini=
gen. — Viel Entjegen bei den Bauern;
dieſes Entjeßen aber wird bald noch
größer, als auch die Kinder bes
Sentner und des Hauderer unter glei—
hen Umftänden mit Zurüdlaffung eines
Abſchiedsſchreibens verſchwunden find.
Alles iſt auf, um zu ſuchen. In der
Angſt verſöhnen ſich die beiden Alten —
aber diesmal gründlich, und mittler—
weile wird das junge Paar friſch und
geſund in einer Heuhütte entdeckt,
wohin es geflüchtet war, um „ſich
auf ewig zu vereinigen“.
Das iſt eine ſehr einfache, zum
großen Theile recht alte Geſchichte —
aber behandelt mit der ganzen Eigen:
artigfeit de3 Anzengruber’ihen Ta—
lentes.
125
Nehmen wir ein Stüd aus jener
Scene, in welcher fih der Sentner
und ber Hauderer nad) dem „Verſpre—
hen“ ihrer Kinder wieder anfeinden.
Die Agerl fipt bei ihrem Bräutigam und
meint [hämig: „Du, Poldl — id möcht’
Did gern um Dans fragen — aber
mußt wegſchau'n.
Poldl: Ra ja.
Agerl: Du, meint — is a Möglichkeit....
Na, ich ſag's nit.
Poldl: Na, was denn?
Agerl: Weißt, Poldl, — nit fhau ber — —
ob wir wohl a Heine Waar’ ins Haus
kriegen ?
Poldl: Na, warum denn nit? freilich, freilid.
Agerl (zum Hauderer): No, haft ghört, Voda.
— Wirſt ja Ehnl.
Hauderer: No ja, Ehnl und Ehnl! Der
„reihe Ehnl“ hätt's al’ Tag aufm
Knie und um an „armen Ehnl“ fchaue-
ten fie fih’s ganz Jahr nit um! — Lern’
Du mir Kinder fenna !
Sentner: Pürften mir a gar mit zu Dir!
Hauderer: Werfet's ch aufi!
Sentner: Nit rühr' mir's an, dös rath
ih Dir! — Wann mir heut oder morgen
Dans Magen mödht....
Hauderer: Dös kannt erleben.
Sentner: Dös nahmeft Du Dir heraus?
Hauderer: Na, an Reſpekt werd’ ic) haben
bor dö Fragen !
Sentner: Gegen meine — gegen den Sent-
ner feine Entelfinder ?!
Hauderer: Wohl!
Agerl (zu Poldi): Ich bitt! Dich, fo ſag'
ihnen doh, dab no gar koans auf da
Welt is!
Das ift derb, aber unmittelbar und
gejund, daher auf der Bühne von
großer Wirkung.
Solch Iuftige Auftritte wechjeln
mit tiefernften, ergreifenden Scenen,
wovon wir noch jene zur Probe geben,
in welcher der Sentner dem Hauberer
die Nahriht von dem Berlufte ber
Kinder bringt.
Der Hauderer fteht vor feinem Häuschen
und fieht fi) nach der Agerl um, die ſchon
die Naht über ausgeblieben war und jept
nod) immer nicht fommt, um ihm die Suppe zu
fohen. Da steigt der Sentner heran; blaß
und trübfinnig reicht er dem Sauderer die
Hand: Grüß Gott, Hauderer!
Hauderer: Was haft denn, mie fhauft
denn aus ?
Sentner: Die ganze Naht waren wir auf
den Füßen und haben g’fuht — und
g' ſucht —
Hauderer: No, was denn?
Sentner: Rah unſern Kindern.
Hauderer (gelaffen): Dö fommen ſchon
wieder,
Sentner: Dö fommen nimmer wieder !
(Dann reicht er dem Hauderer den Ab-
ſchiedsbrief. Diefer lieft ihn gelaffen und
gibt ihn dann ruhig zurüd).
Sentner: Nu?
Hauderer: 's id a Dummheit.
Sentner: Mußl's nit fagen, Hauderer. —
Zu dir bin ich berg'rennt, weg von den
Leuten, Wie id ihnen a danken muß
für's Suchen, aber id) kann's nit anfe-
hen, wie fie neugierig hinter jeden Bufch
ſchau'n, als könnten ſie's nit erwarten,
dab f' Einem zuſchrei'n: Da fein f’!
und Hand anlegen... Da bin ich ber
zu Dir, weil ih Ein’ fud, dem fo ift,
wie mir...
Dauderer: Du mirft doch mit im Ernft
bermeinen, daß fie fi umbringen ?
Sentner: Id mein’s im Ernit.
Hauderer: Ab, na, na, na, — geh’ zu —
geh’ zu — Dö Dirn, was als Fraß
ſchon fo viel lieb war, und wie f' auf-
gwadfen is, a Freud zum Anfchau'n,
dö foll auf einmal weg fein, weg über
Naht, als hätt’s Einem nur der Schlaf
eingeben?! — und fo frei von felbiten,
frei von felbften? Na, na, Sentner, zu
fo einem Thum gehören Leut' mit einer
grauslihen Selbftigfeit, wa® nur auf
ſich denkt und einer Boshaftigkeit auf
Andere; es is ein ung'fund’s Mefen,
ein ung'ſund's Weſen. — Unſere Kinder
fein brav, dö wiſſen's fon, wann man
amal auf der Welt is, g'hört fih a,
daß man ſich d’rein ſchickt und daß dös
fa Reſpekt war’, fid) vor dem Vater in
die Gruben einzudrängen. Ah, na, na,
dös is nit.
Sentner: Doch fürdt ih, Hauderer, id
fürdt’s, Nie hab’ ih vor nix fo an
Angſt g’habt, ald vor dem Alleinfteh'n
auf der Welt — unter fremde Leut
fein, die auf dein Gut lauern, jeden
Sonnenfdein, der dich anlacht, finfter
anſchau'n und jed' Uebel, das did heim-
fucht, gut Freund heißen. Schon wie
mir mein Weib mwegg’ftorben is, hab’ id)
mir denkt, jept is der Poldl der Einzige
und Lepte, der mir bleibt; wenn der a
vor dir geht?! ... Und jept, jept
kann's fein, Sauderer, und fo wird's
halt da fein, das "Alleinftehen, Tragſt
Du mir's auch noch nad, dann hab’
ih nit amal an Anfprud mehr — mit
amal an Anfprucd.
Hauderer (reicht dem Sentner ergriffen die
Sand): Na, na, Sentner, mußt nit fo
daherreden, machſt Einem ja felber ganz
verzagt. Und wenn ma fid erſt fragen
müßt’, wer Schuld d'ran is ....
Sentner: No, wer? Wir zwei!
Hauderer: Du nit! Du weißt's recht gut,
Du nit. Ich, ich mit mein’ Höllraufc
von geftern. Dös verflucht' Trinken —
der Teufel ſoll's hol'n! — Der Agerl
muß man einfhärfen, wann fie Kinder
friegt, fie fol’s nit trinken laffen ; das
heißt, a Milli, a Milli fhon, aber nur
nix Geiſtig's ſoll's über die Kinder laffen.
— Ro, laß’ fein, lab fein, mir Friegen
noch Kinder, fürdt’ nig, Sentner, fürdt
nig. — Mei Dirn is nit dumm, dö is
kerng'ſund, dö lebt Lieber mit ihrem
« Buben, als daß fie mit ihm verftirbt.
MWirft es fehen, wirst es ſchon fehen.
Sept und jept, mein’ id, muß Eins da-
berrennen und fagen : Sie hab'n 's ſchon
und lebig — verfteht fich, lebig —
Da heißt es für den Zufchauer
weinen und lachen zugleih! — Und
durch den ganzen Dorfroman webt ſich
bin der heitere Volfsfang — voll
Luft und Leben überall, vom warn:
berzigen Lied:
— Glüclich fein voll Friedlichteit,
Dös is unfers Herrgotts Will!
bis zum feden Spruch:
Kein ärger's G'ſindel auf der Welt,
Als d' Manner und die Weiber!
Mer für das Volksleben fein fei—
ned Auge hat und den Dingen nicht
auf den Grund zu ſehen weiß, dem
kann's pafliren, daß er dieſes Volks—
ſtück grundfalſch beurtheilt.
Wer bloß oberflächlich mit Land—
leuten verkehrt, der ſieht nur Typen
und wird ſie alle mehr oder minder
für gleichgeartet halten. Und doch ſind
die bäuerlichen Charaktere noch ver—
ſchiedenartiger und in ſich origineller,
als die anderer, durch die Cultur ge—
ſchliffener Menſchen. Anzengruber's Ge—
ſtalten ſehen ſich alle inſoferne ähnlich,
als jede derſelben den Bauernrock
trägt und in der öſterreichiſchen Mund—
art ſpricht. Nur bei einigen Figuren
iſt die innere Aehnlichkeit auffallend.
126
Der Steinflopferhans erinnert an den
MWurzelfepp, der Hauderer wieder hat
etwas vom Steinklopferhang ; jeder ift
ein Philojoph auf eigene Fauſt —
Sfeptifer und doch wieder glaubend an
fih und die Menſchheit. Das find bie
Repräfentanten des Autord, der bei
dem vielfahen Für und Wider ber
Gonflicte doch auch gerne fein perſön—
lihes Dafürhalten. abgibt. Hingegen
die Hauptgeftalten, wie der Prarrer
Hell, der Kreuzweghofbauer, der Bauer
vom gelben Hof, der Grillhofer, der
Dufterer, der Michel Berndorfer, der
Poldl, die Anna Birkmeier, die Joſefa,
die Horlacherlie8 u. j. w. find doch
grundverfchieden in ihrer Charafter:
anlage, als auch in ihrem Schalten
und Walten. (Freilich wird ein mittel:
mäßiger Schaufpieler, der etwa nur
eine einzige Antriguantentype hat, 3. B.
ben Dufterer und den Zangel mit ganz
den gleihen Nuancen zur Darftellung
bringen und das fann täufchen.) Ebenfo
ungleihartig find die Conflifte, die in
den verjchiedenen Stüden abgemidelt,
die Ideen, die verförpert werden. Wer
die Schaufpiele genauer fennt, der
wird uns eingehende Beweiſe gerne
erlaffen und nicht beftreiten, daß bis—
ber jedes Fue Stüd von Anzengruber
eben auch ein neues Stüf war.
Auf das engite jchließt ſich der
„Doppeljelbjtmord” nur durch feinen
Realismus den früheren Volkskomö—
dien an.
Der Realismus diejes Stüdes geht
einerfeit® nahe an die Grenzen bes
Erlaubten ; doch erhebt er fich anderer:
feit3 zur ſchönen verjühnenden Eben:
mäßigfeit und wenn wir das
Schauſpielhaus verlafjen, jo haben wir
nicht allein einen tiefen, Haren Blid
in das Herz des Landvolfes gethan
— was viel bedeutet, weil dem Städter
nur allzujelten dazu Gelegenheit gebo:
ten ift; — fondern tragen das Be:
wußtjein mit, zwei wejentliche Ideen
— die Ungerftörbarfeit und den Sieg
einer wahrhaft gefunden Liebe und
den Glauben an die Menjchheit, der
127
von allen Bitterniffen des Lebens nicht | mit Hinterlaffung eines inhaltsſchweren
zeritört werden fann,
des alten Hauderer künſtleriſch ver:
förpert gejehen zu haben.
Wir find nicht die Erften, die An:
zengruber den Shafespeare der Bauern:
fomödien nennen möchten. Unter den
Städtern gibt es Viele, die ſich an feinen
Stüden ergögen, aber Wenige, welche
diejelben von der Schale bis zum Kern
zu begreifen und zu würdigen in der
Lage find. Bis auf eine geringe mo:
dern⸗tendenziöſe Färbung, welche nicht
immer aus dem durchaus conjervati-
ven Charafter des Bauers hervorzu:
gehen jcheint, find diefe Stüde wahr
und echt bis in’3 Herz hinein. Aber
jelbft diefe Tendenz legt vielleicht exit
der Schaufpieler oder der Zuſchauer
in irgend einen Ausſpruch, welchen
der Bauer in der abjichtälofeiten Nai:
vität vorbringt. Wenn 3. B. im Dop:
peljelbjtmord der alte Bartl jagt :,,No jo,
wer denkt denn dran, wanner a Schaar
Bauern fieht, daß vorn fa geiftlicher
Herr is — ?" fo ſcheint e8 uns, als,
in der Geſtalt Abſchiedsbriefes verſchwunden war, um
ih dort „auf ewig zu vereinigen”,
it e8 der alte Hauderer, der Welt:
läjterer allein, mweldher den Glauben
an die Kinder bewahrt und in rüh—
rendfter Weiſe zum Ausdrucke bringt.
Diefe Wendung erjcheint uns in dem
ganzen Stüde, welches jo reih an
Schönheiten und Ueberraſchungen iſt,
als der bedeutendite Zug — genial
gedacht und meifterhaft hingejtellt. Der
Hauderer ijt jene Gejtalt im „Dop—
pelſelbſtmord“, welche die Komödie
hoch über das Niveau der Poſſen hebt.
Die Aufführung des „Doppel:
jelbftmordes“ im Grazer Stadttheater
(wir erwähnen vor Allem den Hau:
derer des Herrn Fr. Müller, den
Moldl des Herrn Tob. Müller und die
Agerl des Frl. König) ift eine vor:
zügliche.
Schon mehrmals ijt bemerkt wor-
‚den, daß die Anzengruber’schen Bauern:
fomödien in Graz mit mehr Verſtänd—
niß und größerem Fleiße dargeftellt
habe der Verfaſſer das in einer ges | würden, als in Wien, wo das Ueber:
wiſſen Abjiht jagen laſſen, und doch |
ift bier Gedanfe und Wort ftreng
volf3mäßig. Wenn aber der arme, ver:
biſſene Hauderer ausruft: „Ih geb
unter der Wochen in die Kirch', brauch
treiben und die Gffectmaderei jo danf:
"baren Boden fände. Wir conftatiren
nur, daß in der jteierifchen Haupt:
ftadt Schauspieler und Publikum die
Anzengruber'ſchen Dramen mit Liebe
den Herrgott alleinig — hab a bfun: halten, wie auc das Repertoire zeigt,
ders Gebitt: Daß er fein möcht! —
jo iſt das padend, aber bei einem
Bauer pſychologiſch ſchwer zu begrün—
den. Nun, dieſer Hauderer iſt eben
ein Sonderling, ein Naturphiloſoph;
er war zum gottgläubigſten Weltkinde
geboren und iſt zum beißendſten Skep—
tiker gemacht, dem Liebe und Haß,
Leben nnd Sterben „a Dummheit” iſt.
Und doch kann er fich des Haffes und
der Liebe nicht entjchlagen und zur
‚Stunde, da das ganze Dorf und jelbit
der reihe Sentner an dem jungen
- Liebespaar verzweifelt, weil basjelbe
‘welches feit Jahren feines der neueren
Stüde jo wiederholt bietet, als die
Volksſchauſpiele von dem Verfaffer des
„Pfarrers von Kicchfeld“.
Haben wir an raffinirten Leder:
bifjen den Magen verborben, jo je:
nen wir uns nach Schwarzbrot. Aus
dem Naturunmittelbaren des Bauern-
drama’8 werden wir wieder gefunden
Sinn und Empfänglichfeit für echt
menſchlich angelegte dramatiſche Ge:
ftalten im Allgemeinen ſchöpfen und
jo zum Genuſſe der claffiichen Mei:
fterwerfe neue Fähigkeit erlangen.
128
Anſere Schwächen.
II. |
Etwas über das gnädige Fräulein |
Bon.
Es ift noch nicht lange ber, daß
ih zufällig die Aeußerungen eines
Mannes vernahm, der feinem Freunde
vertraute, er beobachte in der Um—
gangsfitte zwifchen vernünftigen, fein-
gebildeten und bornirten Menschen einen
eigenthümlichen Unterfchied, der den
herkömmlichen Brauch jo ziemlich auf
den Kopf jtelle und dennoch — fo viel
er Schon oft zu bemerken Gelegenheit
gehabt habe, — das Wohlgefallen
Aller erwede.
„Ei“, fagte der Andere, „da
möchte ich gerne was lernen, denn in
unjerem Lande, wo die Titelſucht
jo allgemein verbreitet ift und jo hoch:
gradig graffirt, ift man wahrlih in
Berlegenheit, wie man in der Um:
gangsſprache das echte Verdienſt von
dem unechten unterjcheide. “
„Nichts Leichter als das“, verſetzte
der Eine, „kennt man nur erſt bei-
läufig Stand und Charakter der Leute,
mit denen man verkehrt, jo kommt
man mit den Anredeformen trefflich
zurecht, ohne daß man verlegt oder
ſich ſelbſt etwas vergibt.”
„Sa, lieber Freund, Stand und
Charakter von Leuten ſofort zu fen:
nen, die man eben das erjtemal jieht
und die Einem als der Herr von jo
und jo, oder als die gnädige Frau von
jo und fo vorgeftellt wurden — das
ift eben das Schwere.”
„Wenn Du nur einmal genau Acht
gibft auf das Benehmen und die Aus:
drucksweiſe ſolch' fremder Leute, fo
wirt Du es in der Negel nad) weni:
gen Worten heraus haben, zu welcher
Claſſe von Menjchen fie gehören. Und!
jofort kannſt Du das Verfahren an⸗
wenden, welches ich beobachte. Geiſtig
vornehmen Menſchen gebe ich nämlich |
nie um ein Stipfelhen mehr Titel,
als ihnen in der Geſellſchaft gebührt,
ja, ih thue hierin lieber etwas zu
wenig als zu viel. Beſonders fremde
Leute, deren Rang und Stellung mir nicht
genau befannt ift, für ungewöhnliche
Menſchen zu halten habe ich doch feine
Urſache — vielmehr iſt man natür-
licher Weiſe geneigt, Jeden für einen
Durchſchnittsmenſchen zu nehmen, fo
lange man nicht eines Andern über:
zeugt ift. Und zulegt muß es ja aud
den Fremden angenehmer berühren,
wenn er mehr und Höheres iſt, als
wofür er gehalten wird — als wie
wenn er thatjählih das nicht vor:
ftelt, wofür ihn der Andere hält, und
fich heimlich fagen muß: die Höflichkeit
und Ehre, die mir angethan wird,
fommt nit auf Rechnung meiner
Verdienfte, al3 vielmehr auf die eines
Irrthums. Und ſchließlich zeugt eben
das von weltmänniſchem Takt, wenn
ich auch dem gewöhnlichen Menſchen,
den ich für gar nichts Beſonderes
halte und nur etwa mit: mein Herr!
oder: meine verehrte Frau! anſpre—
chen kann mit Bonhomie ent:
gegenfomme. Qäufche ih mich, und
jtellt fih’8 heraus, daß meine Ge-
genperfon höheren Nanges ijt, als ich
angenommen hatte, jo geftaltet fich die
Sache zum gegenjeitigen Vergnügen.
Hingegen ift es peinlich, wenn ich
mir von einem fchlichten Manne etwa
die Zurechtweifung gefallen laſſen muß:
Bitte, mein Herr, ih bin fein Von,
bin durchaus bürgerlich.“
„Je nun“, meinte jetzt wieder
der Andere, „mit vernünftigen Leuten
fommt man immer leicht zurecht,
aber wie hältjt Du e3 denn mit den.
Andern 2”
„Ab, das ift was anderes, mein
Freund, das find ohne jegliche Prü—
fung ein für allemal lauter Herren
und Frauen Bon, Herren Doktoren,
Barone, ErzellenzsHerren, Euer Gna—
129
den und gnäbige Frauen. Denen fage
ih mit Büdlingen: Küß’ die Hand!
und ganz gehorjfamer Diener! gleich-
wohl ih deren Mancher Diener nicht
jein möchte. Und bin ich genöthigt,
brieflih mit ihnen zu verkehren, jo
find fie die: Euer Mohlgeboren, Hoch:
wohlgeboren, und weiß ich, daß ich
durch ein einzig Wort befonderes Glüd
zu gründen vermag, jelbft: Euer Hoch-
ebelgeboren, oder noch was Klingen:
deres, und zeichne mich jchließlich in
bejonderjter Devotion, wenn nicht gar
unterthänigft erfterbend als dero Die:
ner oder Knecht.“
„Wie verfährit Du aber in Briefen
gegen Perfonen der erſten Kategorie 2“
„Ich gebe ihnen entweder genau
den Titel, der ihnen gebührt, ober
thue, aus bejonderer Hochachtung ver:
anlaßt, ein Uebriges und jchreibe:
Geehrter Herr! Sehr geehrter Herr!
oder: hochgeehrte Frau! und bleibe
mit dem Ausbrude meiner aufrichti-
gen Hochachtung oder meiner wahren
Verehrung ergebenft . . .“
So das Geſpräch der beiden Her:
ren. Der Eine, welcher feine Umgangs:
regel jo dargelegt hatte, iſt eine be:
fannte Perſönlichkeit, bekleidet ein ziem—
ih vornehmes Amt im Staate und
genießt Hochſchätzung von Allen, bie
ihn kennen,
Einige Tage nad) obigen Ge—
ſpräche überbrahte mir ein Diener
des angebeuteten Mannes ein Schreiben.
Wie erſchrak ih, als ich die Adreſſe
las: „An den hohwohlgebornen Herrn
von N. N.” — Ich bin ein Klein:
bürgerliher, babe weder glänzende
Geiftesanlagen, noch eine wohlgeformte
Körpergeftalt, bin alfo niedrigunwohl—
„Lieber Freund!
Kommen Sie doh heute Abends
zu ung; vergejlen Sie aber ja nicht,
den Frad anzuziehen, um benfelben
bei mir in der Garderobe ablegen zu
können, denn dag Nachtmahl findet in
Hemdärmeln ftatt.
Ihr N.“
Ich mußte wohl, daß letztere
Aeußerung nur bildlich zu verſtehen
war und bloß auf eine ungezwungene
Geſellſchaft hinweiſen ſollte.
Das Erſte am Abende war, daß
ich, auf das oben angeführte Geſpräch
klopfend, den Gaſtherrn zur Rede ſtellte
ob des Hohnes auf meiner Adreſſe.
„Ei“, antwortete er lachend, „ſagen
Sie einmal, mit wem ſpricht denn
der Briefſchreiber durch die Adreſſe
eines Briefes, mit dem Empfänger
oder mit dem Ueberbringer?“
„Doch mit dem Ueberbringer“,
antwortete ich.
„Richtig“, ſagte er, „und meinen
Sie nicht, daß man vor den Augen
der Dienerfchaft etwas anders daftehen
jolle, al$ vor denen der Freunde?“
„Wohl“, entgegnete ih. Somit
waren wir gegenjeitig zufrieden. Allein,
da anfangs in einer zujammengetre-
tenen Gejellichaft immer etwas Man:
gel an Nedeftoff ift, jo hatten fich bie
bereit verfammelten Herrichaften des
Gegenftande® bald bemächtigt und
huben an, ihn mit und ohne Geift —
wie e3 eben Gott gab — zu erörtern.
Zuerft ging’3 über das „Bon“
ber und Yemand fragte, wer denn in
die bürgerliche Welt dieſe Lächerlich-
feit eingeführt habe.
Darauf gab ein junger Doktor
geboren. — Dffenbar zählte mich der (er ließ fih nicht bloß jo fchelten,
Mann zu jeiner zweiten Kategorie. |jondern war's wirklich) folgenden Be:
Eine „Empfehlung an Seine|fcheid: „Nah dem breißigjährigen
Gnaden“, gab ich dem Boten mit, ein | Kriege war's, da hatten die Herrfcher
barſches „Adieu“ dann, und als ich | fein Geld, die Höfe Feine und bie
allein war, riß id mwüthend über den | Negierungen auch kein's. Heute noch
Schimpf das Gouvert in zehn Fegen|jollen hie und da Spuren von biejem
von dem Briefe. Das Schreiben ver- | mittelalterlihen AZuftande vorfommen.
jöhnte mich, e3 lautete: Dafür gab es auch wieder Leute, die
Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 2, Geft, 9
130
fich eben in den Kriegszeiten auf aller:
lei Art bereichert hatten. Dieje woll-
ten zum Mittel nun auch den Titel
und gingen ſomit den römiſchen Kaifer
zu Wien um gnädige Verleihung von
Adelsbriefen an. Der Kaijer hatte
ebenfalls fein Geld, hingegen erfled-
lihen Vorrath an Pergament und jo
nahm er von den Titelfreunden die
Goldgulden und gab dagegen den
Adel. Und da waren, zumal in Wien,
der Neugeabelten bald jo viele, daß
man jchier nicht fehlging, wenn man
eben, der ein gutes Wamms am
Leibe trug und ein gewandtes Beneh—
men hatte, mit: Herr von — anrebete.
So geihah es und fo geichieht es
noch heute; die Unfitte ift ein Weber:
bleibjelausdem dreißigjährigen Kriege.“
„Dieſes Bon ift ein wahrer
Spott und Hohn für Denjenigen, dem
wir es unberechtigter Weiſe zufügen,
und ein Eingriff in die Nechte Derer,
welchen dasjelbe von ſtaats- und recht3-
wegen zufommt”, jagte ein Anderer.
„Run“, verfegte der junge Doctor,
„die unechten Herren und Frauen
Von verzeihen den Spott und Hohn
reht gerne; der Adel ignorirt die
Sitte und er allein iſt e8, welcher dem
Bürgerlihen das ſüße Bon nicht in's
Ohr träufelt. Unter uns wäre fomit
die Sache jo ziemlich bedeutungslos
— aber die Fremden lachen uns darob
aus und das ift unangenehm. Wir
Dejterreiher find mit unjerem Von
ein Unicum. Der Staliener ehrt jeden
guten Rod mit: Ercellenza! Der
Spanier fpendet feinem Gegenmann
das artige Vueſtra Merced ! Der Eng:
länder gebraudt in der Umgangs:
Iprache fein furzes Sir, das wohl für
den Adel Sitte geworden ift, allein
einen älteren Urjprung hat, als das
Adels:Sir. Der Franzofe hat jein feines:
Monfieur, Madame, Mademoijelle— —
das iſt höflich, weltmännifch, aber es
iſt nicht lächerlich, es ift feine fchreiende
Unmwahrheit, wie unſer Von, das wir,
in der Abficht zu jchmeicheln, Jedem
an's Trommelfell bimmeln.”
„Ich finde”, fagte ein Dritter,
„daß es mit unjerem Bon eigentlich
ganz in Ordnung ift. Wir Alle find
‚von unferen Vorfahren. Es wird ja
im Mörtchen nicht gejagt, daß diefe
Torfahren von Adel waren; es zeigt
höchſtens, daß unjer Vater jchon jenen
Namen führte, mit welhem wir an—
gejprochen werben.”
„Ganz richtig. Allein Sie müſſen
zugeben, daß in dieſem Sinne das
Bon wohl jelten gebraucht werden
wird.”
| „Es wird eben in gar feinem
Sinne gebraudt, fondern nur in ber
| Gedantenlofigteit oder in der Abficht
höflich zu fein. Und man freut fich ja
ichließlih, wenn in unferen land:
läufigen Anfpradhen irgend ein Wört-
chen vorkommt, an welches man jein
MWohlwollen und feine Hohihäßgung
für die angefprodhene Perſönlichkeit
‚hängen fan. Wir benüßen die Gele:
genheit, wenn auch nicht in jener
Ausdehnung, wie mein jehsjähriger
unge, der jo gerne dem Herrn von
Hausmeifter oder der Frau von Milch:
mädl einen guten Morgen wünſcht.
| Noch viel komischer ald das Von
eriheint mir das: Gnädige Frau,
das: Gnädige Fräulein, das: Euer
Gnaden. Wer hängt heute noh von
den Gnaden eines Menfchen ab? Bon
Gottes oder der Natur Gnaden lebt
Feder und hätte er der Sterne hundert
auf der Bruſt. Mir ift ein alter Mann
befannt, der betitelt jede Dame, mit
welcher er im Geſpräche ift, mit ben
Worten: Berehrte Frau! — Schon
manche „verehrte Frau“ hat darüber
das Näschen gerümpft und eine davon
war jo demonjtrativ, einmal mitten in
der Unterhaltung dem Stubenmädchen
zu jchellen, damit fie in Gegenwart
des nach ihren Begriffen unhöflichen
Herrn ein: Euer Gnaden! zu hören
befam. Und ferner die Frau
Meisterin, ſonſt eine höchſt ehrenwerthe
Frau, hat ihren ſchönen, echt deutſchen
Titel um ein lächerliches: Gnädige
Frau! verſchachert. — Mir iſt hierin
131
früh genug geiteuert worden. ALS
armer Koſtſtudent hatte ich zweimal
in der Woche dad Mittagsmahl bei
einer betagten Kaufmannsfrau. Aus
wirflih herzenswarmer Dankbarkeit,
und weil es doch micht zu leugnen
war, daß ich mich von ihren Gnaden
ſatteſſen konnte, nannte ich fie: Gnädige
Frau. Junge, ſagte fie hierauf einmal,
ſchwätze es nicht den Dienſtmägden
nach; nenne mich Frau Mutter — iſt
mir lieber. — Philiſterhaft, meinen
Sie, war es? Nein. Die brave Frau
hat ſich ſelbſt und mit Recht den
ſchönſten Titel beigelegt, den eine Frau
tragen kann.“
„Man iſt ordentlich froh“, meinte
hierauf ein Nächſter, „wenn Einer,
mit dem man zu reden hat, Doctor,
Profeſſor, Oberſt, Major oder ſo was
iſt, da gibts keine Klippen zu um—
ſchiffen und wäre es nur zu wünſchen,
daß deren Gattinnen Frau Doctorin,
Frau Profeſſorin u. ſ. w. benamſet
werden könnten, wie es wohl in
Deutſchland und auch anderswo Sitte
iſt, wo der Klang ſich ſtets nach dem
Rang richtet.“
„Abhandlungen über derlei Dinge
ſind löblich, aber fruchtlos“, äußerte
ſich ein Anderer, den die Sache ſchon
langweilen mochte.
„Damit ſie letzteres nicht ſind“,
ſagte der junge Doctor, „ſo ſchlage
ich vor, daß jeder der anweſenden
Herren, der unſeren Anſichten beige—
ſtimmt bat, ſich bier auf der Stelle
verpflichte, im gejelligen Verkehr die
unfimmigen und lächerlihen Xitula:
turen zu umgehen und fich echt
deuticher, manneswürdiger Anfprachen
zu befleißen.“
„Es gilt!” jagten wir Alle. In
demjelben Augenblide trat die Dame
des Haufes ein. Der junge Doctor
war ber erjte, welcher fie mit dem
Bückling: „Küß’ die Hand, gnädige
Frau!” begrüßte,
Driefe aus und über Wien.
Bon Frau Thereſe.
Alte und neue Häuſer.
Wie gerne möchte ich über bie
Schönheit Wiens jprehen, doch dazu
fehlt mir der Muth, weil mir die wij-
ſenſchaftliche Bildung fehlt, e8 würdig |
thun zu können. Ich müßte Dir al’
die Bauſtyle charakterifiren, den Plan
der großartigen Umgeftaltung Wiens
darlegen fönnen; doch mie jollte an
jolhes ih mih wagen? Die Ning-
ftraße kennſt Du, die in ihren groß:
artigen Proportionen alle Fremden mit
Bewunderung erfüllt ; fie umfängt mit
üppig jungen Armen die liebe alte
Stadt. Doh mun geht man daran,
auch dieſe ehrwürdige neu zu machen,
von alt und neu, von einft und jeßt
alle weggenommen werden, eine ges
wiſſe Monotonie, wenn auch die der
Pracht, wie blafirend auf uns wirken
dürfte! Geht e8 uns ja auch in den
inneren Räumen der modernen Häuſer
nicht anders, wo eine Reihe von
Zimmern eins wie das andere ung
die Frage aufdrängt, warum über:
haupt Zwiſchenmauern beitchen, wenn
nicht um die Perfonen wie in Zellen:
Gefängniffenauseinanderzubalten.
In diefen alten Häujern hingegen
fand fich für jede Stimmung der Seele
ein Winfelchen. Das Aeußere hatte ein
Gepräge, welches uns von der Indi—
vibualität des Beſitzers einen Begriff
es ijt vielleicht eine Nothwendigkeit, gab, und ung nicht jelten für ihn
doch mir jchneidet fie in’3 Herz, und | mit Intereſſe und Theilnahme erfüllte ;
ich fürchte, daß, wenn die Gontrajte | das ift nun alles anders und dahin!
9*
132
Mir fragen wie der Architekt heißt,
der diefes8 oder jenes Haus gebaut,
und ſchätzen nad feiner Pracht und
Dimenfion das Vermögen des Beſitzers,
um falten Herzens weiter zu gehen.
Nie anderd war das in alter, alter
Zeit, wo der Eigenthümer feinen
Gefhmad, ſeinen Geilt, fein Ge:
müth, ja alle jeine Eigenthümlichkeiten
bei dem Bau feine® Haufes mit zur
Geltung . brachte, und fo demſelben
eine individuelle Phyfiognomie zu geben
wußte! — ch werde nicht den bi:
zarren Wunſch ausſprechen, daß man
in unjerer Seit ſolche veraltete Er:
ſcheinungen nachaffectiren follte ; aber
hätte ich was darein zu reden, jo
hätte man mir mit einiger Scheu an
manches alte Haus, das das Gepräge
feiner Zeit in beſonderer Auffälligkeit
an ſich trug, Hand anlegen dürfen, es
von innen unter: und überbauen, nur
jein altes runzliches Geficht hätte mir
erhalten bleiben müſſen! — Contrafte
wirken immer erfrifchend, aufregend,
unfer Auffaffungsvermögen erneuernd;
„Contraſte wirken wie Witz“, jagt Jean |
Paul „und der wirkſamſte Wit berubt |
meift auf einer glüdlichen Benügung
eines Kontraftes.” Wir gehen durch
Gaffen von lauter prachtvollen Ge—
bäuben, ohne den Blick zu erheben |
hat unfer Auge die Herrlichkeit ein
paar mal überfhaut, und Sinn und
inneres Beſchauen findet feinen
Anknüpfungspunft. Wie anders ift das
einem alten, oft fonberbaren Gebäude
gegenüber! So ftand ich oft lächelnd
und fimulivend vor den drei jchmalen
Häufern mit ihren Giebeldähern auf
den Graben, die man jegt, zu meiner
innigften Betrübniß, niedergeriffen, das
was die Ede bildete, jejlelte am meiften
mein Sntereffe. Fünf Stod hoch, ohne
jeglihe Verzierung, nur im fünften
Stode waren zwilchen ben SFenftern
jteinerne Fraßenbilder angebracht, die
ihre Köpfe vorftredten und in bie
Fenfter hinein, foviel ich mit meinem
guten Auge ausnehmen konnte, gräus
liche Gefihter fchnitten! Was für ein
fonderbarer Kauz muß der Befiger
dieſes Haujes gewejen fein? frug
ih mich zum bundertftenmale immer
wieder, denn das war auf Be
tellung gemacht, folches hätte ein
Baumeijter jelbft vor 400 Jahren
ich nicht ohne Zuftimmung des Ber
figers zu erfinnen und auszuführen ge:
wagt, das war ein Humorift, fo ein
Hans Sad, folgerte ich weiter! —
Ein ander Mal entdecte ich in einem
engen Nebengäßchen der innern Stadt
ein kleines, nur ftodhohes Häuschen
mit einem Bilde über der Hausthüre,
und weil es unter Glas war, war
jein Gegenftand noch deutlich zu er:
fennen: eine bürgerliche Stube, in der
Mitte derjelben ein gededter Tifch,
auf weldhen die Hausfrau eine Schüffel
(es ſcheint mit Klößen) zu ftellen eben
im Begriffe ift. Zwei Kinder figen,
mit gefalteten Händen an bemjelben.
Der Bater im Schurzfell fteht noch
aufrecht obenan und wifcht fich mit
buntem Tuche den Schweiß von der
Stirn, unten fteht „im Schweiße dei—
nes Angefichtes jollit du dein Brot
ejjen”. Warum rollten mir zwei Thrä-
nen über die Wange, ehe ich ihrer
mir bewußt war? Es war bie hier
erjchütternde Wirkung des Gontraftes
von einft — uud jetzt; Gott,
wie anders würde es lauten, fäme
die Mode auf, unferen Häufern eine
Devije zu geben! Du Denkmal beiliger
Einfalt, was ift mit dir alles zugleich
in Schutt zerjtoben! Wie werde ich
veripottet werden, um al diejes bier
Gejagten willen; ich jage es aber
dennoch !
Die Wien. Die Theuerung. Der
Wiener Geifl.
Wie nun immer — fo ift nicht
zu leugnen, daß Wien mit wahrer
Yünglingsfriide den Anlauf nimmt,
zur ſchönſien Stadt der Welt ſich zu
geitalten, wenn nur Eines, nur Eines
nicht wäre, ich meine bie Wien —
ach diefe Wien! und daß fie auch
noh den Namen trägt! Nicht eine
188 __
ber ſchönen lieblichen oder rejpectablen
Eigenſchaften eines Fluſſes hat fie!
Sie rauſcht nicht, ſie trägt nichts, ſie
treibt nichts, ſelbſt den Unrath, der
ihr anvertraut werden mag, hat ſie
nicht die Kraft fortzuſpülen, ſondern
zieht ihn nur in die Länge! Inmitten
des regſten Lebens kriecht er hin, der
ſchwarze Wurm, voll träger Verdroſſen—
heit, nicht befhämt durch die Pracht
der Brüden, die ihn überwölben, jchleicht
dahin wie ein auf Böſes finnender
Dämon. Ad fünnte ich fie ausmerzen
ein paar Paläfte unferer palaftreichen
Stadt wollte ih opfern und fie dort
hineinwerfen, wo fie zu uns herein-
dringt. Vom Weberbauen fprad man,
doch daran hätte ich feine Freude;
fie würde da unten noch giftigere Gaſe
entwideln, um fie an gelegenen Orten
erplobiren zu laſſen, die ung mit böfen
Seuden bedroheten. —
Auf was ich mich verpflichtet halte,
Dich vorzubereiten, das ijt die große
Theuerung Wiens, ſowohl der Lebens:
mittel ald der Wohnungen. Wir leben
bier jo thener als in London; Deine
vier geräumigen Zimmer mußt Du bier
in der Stabt zu demjelben Zinsbetrag
auf Zimmer und Gabinet rebuciren.
„Und dennoch ſoll ich fommen, hör’
ih Dich fragen, was ſoll mir denn für
alle diefe Opfer Erfaß bieten?” Die
große Bewegung, die Dich hier
umgibt! erwiedere ich Dir hierauf; hier
gibt es fein Verſäuern in engherzigem
Abſchließen von der Außenwelt, der
Strom des Lebens brauft an Dir vor:
bei, und läſſeſt Du dih auch nicht
von ihm mitfortreißen, er berührt Dich
doch und ruft Deine Zeugenſchaft an!
Ein Berfnöhern im Philiſterthum ift
hier faum möglich, eitle Selbftüber:
ſchätzung kann bier nicht auffommen,
indem man großen und uns weit
überragenden Erjcheinungen gegenüber
die Augen nicht verfchließen kann, und
ein organiſches Zuſammenwirken der:
jelben wahrnehmen muß, welche Ueber:
zeugung das Eleinmüthigite Herz wieder
aufzurichten vermag, indem wir dem Ge:
ichlechte, zu dem auch wir gehören,
unfere Bewunderung nicht zu verjagen
vermögen! — Die großen Inſtitutionen
für Kunft, Wiſſenſchaft und Induſtrie
müſſen uns mit dankbarer Anerkennung
erfüllen und eine Bürgichaft fein, daß
das Gute nicht ausftirbt, und daß,
wenn auch die Gejchlechter vergehen,
der Geiſt derjelben ein ewiger ift, ber
unermüblih daran geht, die großen
Geheimniffe der Natur und ihrer
wirkenden Kräfte zu löfen. Und nod
eines, was fein unmejentlihes Motiv
für die Wahl des Ortes ift, an dem
wir uns heimiſch niederlaſſen wollen:
es ift der Geift der Bevölfe:
rung! — Der nun von Wien it
fein ftarrer, abftoßenber, geſpreizter und
in Anmaßung aufgebauſchter, es iſt
ein fricher, aufgewedter, ziemlich harm:
(ofer Geift, Du wirft feinen Flügel:
ihlag fühlen, jobald Du die Stadt
betrittit, und er wird machen, daß Du
bald hier wie zu Haufe bift. Es it
ein kecker ſchmucker Geift, trägt feine
Vatermörber, wie dort — feine grobe
Bloufe wie da — auch Feine Harlefins-
jade, wie anderswo — bemwahre! er
hat ein ſchmuckes, glänzendes Gewand
aus Flittern gewoben, und tritt irgend
ein großes Ereigniß an uns heran,
jei es num froher oder ernjter Natur,
jo fchüttelt er dasjelbe und eine ganze
Garbe jprühender Witesfunfen und
fernhafter Einfälle riefelt auf uns
nieder, denen es nicht jelten gelingt,
uns über eine bedenflihe Stunde
hinüber zu helfen, und es war ein
erſchreckendes Zeichen der Zeit, daß
diefer Geift während der jchredlichen
Börjenkrife jeine Schleppe zuſammen—
nahm, und nur höchft jelten ein Fünf:
hen fallen Tieß, doch er erholt ſich
ichon wieder und treibt jeinen Spuf
wie in guter alter Zeit!
134
Aus der Jubelfeier
So traurig und bitter für uns
BZurücbliebene jet der Gedanke ift,
daß die Jubelfeier der Gefundheit
diefed großen Mannes einen jchweren
Stoß verjegt, daß „mir ihn zu Tode
gefeiert“, wie jein Freund Ludwig Aus
guft Franfel in einem Schönen Nachrufe
jagt, — To groß und reich und ſchön
it doch auch die Erinnerung an dieſe
Jubelfeier.
Traurig und bitter iſt es, daß
der gefeierte Mann leiden mußte unter
Freude und Ehre; traurig und bitter
iſt es, daß die Menſchen bangen
müſſen, Schaden und Gefahr zu brin—
gen, wenn ſie ihre Lieblinge umju—
beln wollen; aber ſchön und erhebend
war es doch, als Anaſtaſius Grün im
Vollglanze ſeines Ruhmes ſtand, als
ein ganzes Land, ein ganzes Volk ihn
mit Dank und Liebe, mit Bewunde—
rung und Jubel begrüßte.
D wäre nur die Nachwirkung aus:
geblieben, hätte es nur der Körper
nicht zu büßen gehabt, daß fein Geift
gefeiert worden.
Bon jenem Jubeltage nun, an
welhem Graf Anton Auersperg, unjer
Anaftafius Grün, mehr als jonft und
je der Deffentlichfeit angehörte, haben
die Zeitungen und die Mitglieder der |
empfangenen Deputationen vieles mit:
getheilt und überall war es zu lejen,
welche Bejuche der Jubilar empfangen,
wie viele Telegramme gefommen waren,
welch’ Schöne Ehrenzeihen und Spenden
in dem Gmpfangszimmer zu jehen
waren. Nur von dem Eintreffen und
der Empfangnahme eines bejtimmten
Ehrenzeihens, von den eigenthümlichen
und charakteriftiichen Umſtänden bes:
jelben dürfte nichts in die Deffentlich-
feit gedrungen fein und dies eben
möchte ich bier erzählen.
Graf Auersperg war am 11. April
d. J., am Jubeltage jelbit, ziemlich
friſch und munter und bei weitem nicht
jo ermüdet und angegriffen als am
Anaftafius Grün’s.
Vortage, wo er, von ber Feit-Afademie
zurücgefehrt, den Seinen über Herz:
Elopfen und krankhafte Ergriffenheit
flagte und verjicherte, dieſe Feier werde
ihn noch umbringen. —
Diefe beſſere Stimmung des 11.
aber verdankte der Jubilar dem Re:
dafteur der Tagespoft, Herrn Tr.
Spoboda, welcher bei feinem Beſuche
am PVortage dem Allzugemilienhaften
gerathen hatte, die immer zahlreicher
eintreffenden Telegramme und Adreſſen
doch nicht alle einzeln und augenblidlich,
jondern collectiv und erft nad) der
eier durch einen gedrudten Dank zu
beantworten.
Bon diefem Augenblide an fand
der Graf feine Ruhe und Heiterkeit
wieder, jchlief ruhig die Nacht zum
ubelmorgen und jah wieder gut aus.
Obwohl diejer Vormittag nun das
Unglaublichjte an Unruhe und Aufres
gung und Anfirengung brachte, hielt
der Yubilar tapfer aus, hatte für jede
Deputation eine paflende Antwort, für
jeden Befuh ein freundliches Wort;
freute fih, daß fein ſchmucker Sohn
die einlaufenden Telegramme jo ſchön
ordnete und den Journaliſten Wiens die
Honneurs machte und erzählte endlich
nah 2 Uhr ganz heiter, daß er jeit
9 Uhr die Feder in der Hand habe,
um das Telegramm des Minifteriums
zu beantworten und nicht dazu gelan:
gen könne, weil feine Thüre fich nicht
ſchließe. — Bis zur Epftunde um
4 Uhr war e3 ruhig geworden, nur
einzelne Telegramme kamen noch wie
fernes Wetterleuchten, und außer einem
furzen freundlichen Trinkſpruch, wel:
hen der Graf feiner Familie und
jeinen Freunden brachte, erinnerte nur
die Stimmung, die auf den Geſichtern
der Anmejenden lag, an den Feſttag.
Nah Tiſch, bei Kaffee und Eigarre
plauderte der Graf ganz behaglih und
gemüthlih mit Dr. Schindler über
Vergangenheit und Gegenwart und
135
manches große Wort fiel darüber, daß
der Dichter mehr al3 jeder Andere
nie vollends mit dem zufrieden fei,
was er gejdhaffen, weil es ja noch
viel größer und jchöner in jeinem
Innern gelebt habe, als er es zum
Ausdrude bringen konnte.
Endlih des Abends nah 7 Uhr,
al3 Dr. Schindler ſchon Abſchied ge:
nommen hatte, fam der Graf nad) den
Zimmern feiner Gemahlin und feines
Sohnes hinüber und erzählte, daß es
ihm jehr gut gehe, denn er habe län-
gere Zeit ruhig in feinem Zimmer
figen und ungeftört die „Neue freie
Preſſe“ leſen können, was ihm lange
nicht gefcheben fei. —
Mir nedten ihn, daß er nicht wie
Goethe’ 3 Fauft jage: „Die Thräne
quillt, die Erde hat mich wieder”, fon:
bern: „Ich habe ruhig meine Zeitung
gelejen, die Erde hat mich wieder”,
und er lachte und fegte fich zu uns. —
Es war aber noch nicht$ mit dem
Ruhigfigenbleiben.
Die Gräfin frug, was benn in
dem netten flachen Pakete geweſen jei,
welches jchon zwei Tage drüben im
Schreibzimmer gelegen. —
Der Graf meinte, er wolle es mor:
gen anjehen, heute fei jchon Feierabend,
gab aber endlich den Bitten der Gräfin
nad, mahnte leife an die Neugierde
der frauen und holte das Paket herbei. |
63 war dies ein merkwürdiges
Paket. Als der Graf dasjelbe ſorg—
fältig und behutjam öffnete, wurbe es
immer grüner und grüner.
Das Umſchlagpapier, der Carton,
das feine Seidenpapier, alles war grün
und der Inhalt war eine herrlich kalli—
graphirte Ernennung zum Ehrenritter
der „Grünen Inſel“, einer Gejellichaft
von Künftlern und Literaten in Wien.
Die Adreſſe war in fräftigen,
alterthümlihen Verſen abgefaßt und
ein Metallreuzchen an grünem Bande,
das Nitter-Chrenzeichen, lag bei.
Das war Alles ſehr jchön und
finnig und der Graf betrachtete e3 mit
Wohlgefalen und Freude, aber, o
Schreden, in dem Begleitichreiben ftand
zu lejen, daß an diefem jelben Abende
die „Grüne Inſel“ eine Feſt-Verſamm—
lung halten werde, um den neuen
Nitter zu begrüßen. —
Da konnte und mußte noch eine
Antwort telegraphirt werden. —
Der Graf eilte nach feinem Schreib:
zimmer, fein Sohn, Graf Theodor,
warf fih in einen Wagen, um von
dem noch im „Hotel Erzherzog Jo—
hann“ anmejenden Dr. Schindler die
Adreffe der „Grünen Inſel“ zu er-
fahren, und die Gräfin triumphirte,
daß ihre edle MWißbegierde e3 geweſen,
welde das Zurechtkommen ermöglichte.
Eine Viertelftunde darnach ftanden
wir Alle im Vorzimmer des Grafen,
der feinem Sohne folgendes Telegramm
zur Beförderung übergab:
„An die grüne Inſel!“
Aus dem grünen Steirerland
Reicht die grüne Ritterhand,
Dankbar euch und froh bewegt,
Der längft Eure Farbe trägt, —
Schwingt den Humpen unverdrofjen
Auf das Wohl der Bundsgenofjen.“
Anaftafius.
Das Telegramm ging ab und Fam,
wie die Wiener Blätter am nädjiten
Tage berichteten, in dem Augenblide
an, al® der Präfident der „Grünen
Inſel“ das Glas erhob, um das Wohl
des Yubilars und neuen Ritters aus:
zubringen.
So ſchloß der Feittag im Haufe
des Dichters, und obwohl fünf Monate
nachher das grüne Steirerland jchwarze
Flaggen ausgehangen hatte, weil diejer
große Mann gejtorben war, obwohl
diefe Nitterhand feinen Becher mehr
hebt und Feine Feder mehr führt, weil
fie falt und todt ift, obwohl ich in
Schmerz und Weh an dem Sarge
ftand, weldhem die „Grüne mel“
einen grünen Kranz gefendet, bleibt
mir jene Stunde eine herrliche Erin:
nerung, in welcher der jiebzigjährige
Dichter aufrecht und lebhaft wie ein
Süngling daftand, und die im Flug ge—
ſchriebenen frischen Verſe vorlag, ein Bild
der ewig fiegreihen Kraft des Genius.
Ss. Auege.
136
Dem Andenken Anaftafius Grün’s
(am Tage Allerfeelen 1876).
Ein Frühling fam wie feiner noch in's Land — |
Und Allen fcheint's, es hab ein böfer Traum
Auf allen Strafen z0g das Volk mit Kränzen, Die Seele nur beſtrickt mit Nadıt und Grauen,
Die nah und ferne Dir die Liebe wand,
Und Aller Augen fah man feitlih glänzen,
Ein Füngling-Greis trugft Du das Sängerhaupt
So edelfrei, wie Du es ftets getragen,
Und drüdt es ſchwer der Lorbeer, der's umlaubt,
Das Volt, das Dich; geliebt, an Did) geglaubt,
Nun will’s fein Recht, um Alles Dir zu fagen.
Ihm ward fein Recht! Dein Gruß, Dein heller
Blid,
Er galt ihm body wie eines Königs Gnade,
Dir nah zu fein, ein neidenswerth Geſchick,
Und fhönfter Ruhm zu wandeln Deine Pfade.
Als hätte Dir, Du Sänger kühn und frei,
Der Götter Hand ein dauernd Loos gefponnen,
So fühlte Jeder nur: id war dabei!
Doch wie Dir felbft darob zu Muthe fei,
Wir haben faum bedadjt es und befonnen.
Da kam der Herbft und löfcht die Flammen aus,
Die tauſendfach der Frühling Dir entzündet,
Die Heimat fcheint ein großes Trauerhaus,
Mo Alles Deinen Heimgang uns verkündet ;
Von grauem Flor umfponnen Hain und Feld,
Verſtummt die Lerchen rings und Nachtigallen,
Glanzlos das Sonnenaug' ob einer Welt,
Die nimmer uns Dein Geiftesblid erhellt,
Als follte fie zu Moder nun zerfallen.
Ein Siegfried liegft Du auf dem Ehrenfchild,
Den uns der Tod erfchlug, der grimme Sagen,
Da trauern Städte rings und das Gefild,
Und ſchwer von Kränzen ſchwankt der Todes-
wagen
Hinab zur Gruft! — — Sei Dir die Erde leicht,
Der Beften Einem, der fie je befchritten ;
Wir aber fühlen, dab Dir Keiner gleicht,
Wie Ein’s dem Andern ftumm die Hände reicht,
Als hätt! es eines Vaters Tod erlitten!
Als müſſe lächelnd aus dem Himmelsraum
Dein mildes Antlip auf und niederſchauen.
Mie hier Dein gold’nes Saitenfpiel vermwaift,
Und trauerbang viel edle Herzen pochen,
Ein Adler Deine ftille Gruft umfreift,
Da ift es uns, als hab’ der Weltengeift
Durd Deinen holden Liedermund geſprochen:
„Was ihr beweint, das ift nur die Geftalt,
In der euch das Unſterbliche erfdhienen,
Das edle Haupt, des Auges Allgewalt,
Des Wortes Klang, die fiegverklärten Mienen!
Den Mantel birgt die Gruft, den Pilgerftab,
Den Sängerhut! Aus lichten Weltenfernen
Da Shan’ ich auf das Volk und Land berab,
Dem in der Zeit ih Ruhm und Lieder gab,
Und rubig thron’ ich über meinen Sternen !
„Erblickt fortan mich in dem Morgenroth,
Wenn jubelnd rings die Lerchenlieder fallen,
Ich bin der Geift, der end in Blitzen lobt,
Ihr feht mich dort in Meereswogen wallen.
Beim Kuß der Liebe, in der Männerſchlacht,
Wenn hoch um euch der Freiheit Banner rau-
ſchen,
Im Sternenſchein der ſtillen Mitternacht,
Wenn Weisheit noch und das Erbarmen wacht,
Da will ich ſel'ge Grüße mit euch tauſchen!
„Gedenkt ihr mein, wohlan ſo folgt mir nach,
Und übt es treu und feſt, was ich geſungen,
Bis man des Haſſes letzte Zwingburg brach,
Und ihr das gold'ne Alter euch errungen!
Daß Sonnenſchein, wo noch das Dunkel lag,
Und jeder nächtlich finſt're Wahn zerſtiebe,
Dann ſchaut ihr mich am großen Friedenstag,
Von dem ein Sängerherz nur träumen mag,
Am Tag der Wahrheit, Freiheit und
der Liebe.“
Friedrid Marx,
Volksdichtung auf Grabkreuzen.
Eine Studie von P. R. Rofegger.
Alüberall begegnen wir der Menz ſtiges Kapitel zugleih — das Grab:
ſchen Dichten und Trachten. Je vor:
gejchrittener und intelligenter ein Volk,
deito größer und zielbewußter fein
Trachten; — je naiver und urfprüng-
licher, deſto Iebendiger fein Dichten.
Hier kann nit von wilden Völkern
die Rede fein, deren Dichtungen höch:
ftens ihre rohen Götzendienſte betreffen,
oder in wüſtem Kriegsgeſchrei beftehen,
und die fich gegenfeitig zu vernichten
und aufzufrejfen tradhten. Das dich—
tende Volk lebt im ibylliichen Hirten:
thume oder treibt friedlichen Landbau.
Sein Leben bewegt fih noch am lieb:
jten in dem Naiven und Unmittelbaren,
aber in dieſe Bewegungen fällt von
der Menjchheit Höhen nieder jchon der
matte Dämmerjchein der Eultur.
Die Dichtungen des Volkes ver:
mögen nur dort zu leben, wo fie ent:
ftanden find ; zumeift unverftändlich find
fie dem weiten Kreije, fie dehnen fich
daher nicht aus. Sie haben fich nicht
aufs Pergament gewagt, um auf dem:
jelben der Zukunft entgegenzuharren ;
fie wagen fi nicht auf das Papier,
um in die weite Melt zu flattern,
Das Volk jchreibt feine Gedichte auf
andere Blätter, es jchreibt auf Haus:
thüren und Balken, auf Votivbilder
und Martertafeln, auf Lebzelten und
Schußſcheiben, auf Tanzböden und
Grabfreuze.
Um ein ſolches Buch der Volks:
jeele zu lefen, muß man wandern von
Dorf zu Dorf, von Herz zu Herz. Und
wer die Gedichthen und Sprüche ab:
jchreiben und ſammeln und ein pa-
pieren Buch daraus machen wollte,
der würde ein jeltjames Werk ſchaffen,
verftändlich für Wenige, intereſſant für
Diele.
Wir wollen heute aus diefem Buche
der Vollsdihtung nur ein einzig Blatt
herausgreifen, ein tiefernſtes und lu—
kreuz. — Das Voll, das naive, ge
junde da draußen hat es noch nicht
zu jener Weberfeinerung bes Gemüthes
gebracht, die auf Grabhügeln nur in
lauter, wilder Klage weint; auch noch
nicht zu jener moderblaffen Vhilofophie
des Peſſimismus, die Alles für ver-
loren wähnt, was den Sinnen entrüdt
it. Das Volf glaubt und hofft und
wird bisweilen faſt übermüthig dabei
und ſetzt dem Tobdtenfopfe jo gerne
einmal eine Narrenlappe auf.
„Das Sterben ift bitter
Das Geftorbenfein füh“,
fteht zu lefen auf einer Grabtafel zu
Steier; und ein Anderes:
„Das hart’ Sterben,
Das ih fo lang hab gefürdt
Is vorbei.
Ih bin von allem Uebel frei
Und leb’ bei der heiligen Dreifaltigkeit
Von nun an bis in Emigfeit”,
zeigt, daß es wohl gerechtfertigt ift,
wenn das Volk noch heute feine Todten-
feite mit Eſſen, Trinken und verjchie-
denem Schabernad feiert, wie ein freu-
diges Ereigniß.
Ihm iſt der Tod ja fein Enden
fondern ein Beſſerwerden, eine Geburt
zum ewigen Leben.
Nur in den jelteuften Fällen find
die Todtendichtungen des Volkes an—
gehaucht von troftlofer Trauer, nur
jelten ftimmen die Grabjchriften mit
den düfteren Kreuzen, Sanduhren und
Todtenſchädeln, mit denen die Dorf:
firchhöfe geziert find.
Diefe Zeilen mögen eine ganz Furze
Charakteriftit der Grabjchriften geben,
wie ſolche in den DVorflichhöfen un-
jerer Gegenden vorfommen. Diejelben
find zumeift anmuthend, wenn nicht
gar humoriſtiſch.
138
Beliebt ift folgender Vers:
„Sch lieg’ hier im Rofengarten
Und thu’ auf meine Eltern (Kinder) warten.‘
Dber:
„Liebe Kinder thut nicht weinen,
Daß mir fhon geftorben fein,
Wir find nur vorausgegangen,
Um bei Bott euch zu empfangen.‘
Ernfter ift Folgendes:
„Was ihr feid, bin ich geweſen,
Was ich bin, das müßt ihr werden,
Alle Blümlein wohl verwefen,
Und du wirft zu Staub und Erden.”
Grabſchriften, ähnlich dieſer letz—
teren, haben zumeiſt Prieſter zu Ver-
faſſern; fie find ftet3 düſteren Inhaltes,
ſprechen von der Eitelfeit des irbijchen
Lebens und haben eine moralifirende
Pointe. Von folden find die naiven
Dichtungen des Volfes leicht zu un:
terſcheiden.
Wenn wir auf einem Grabmal in
Gröbming (Ennsthal) die Worte zu leſen:
„Hier ruhet Kaydan Strobl, geweſen der
Hammelfchmiedin ihrer Schweiter ein Kind“,
oder:
„Willſt mid mit Füffen treten
So muft aud ein Vaterunfer bethen
für die Agatha Weiffenbedin,
gebohren im 24ger Jar,
Und 1857 lag fie auf der Bahr.“
fo werden wir hierin an ber echten
Volksthümlichkeit keinen Augenblid
zweifeln.
In Wagrein ruft ein gutes Kind
ſeiner Mutter folgendermaßen nach;
„Du Theire haſt nun ausgeliten,
Und ſangſt jo früh ins Grab.
Der Schöpfer lis ſich nit erbiten
Der dir ein beferes Leben gab.
Nun ligit du in der külen Erde,
Lieb gutte Mutter du,
Bis wir dir einft folgen werden
Sinüber in die Himmelsruh.“
Auf demfelben Kirchhofe ift auch
Folgendes zu lejen:
„Batten, Kinder, Lebet wohl,
Lebet, wie man leben foll,
Mit Schmerzen bin ih aus Eiern Augen
verſchwunden,
Und kehret öfter bei meinem Grabe zu.
O! wünſchet mir die ewige Ruh!
Auf einem Gottesacker im Raab—
thale an einem Wandkreuze heißt es:
„Hier ruht mein Oheim Peter Paule,
Sterben miſſen wir ale.
Thue frumb leben
So Wirth dir Gott geben
Antonie Pirſtlingerin.“
In St. Veit bei Schwarzbach fin:
den fich auf dem Gottesader folgende
Inſchriften:
„Hier in dieſen Roſſe Garten
Wo der Leib des Menſchen Ruth
Mus an die Auferſtehung warten
Bis der Poſſaunen ſchall ſie Ruft.“
„Ruhe ſanft im ſtillen Schlummerbete
Aus geſchlagen hat dein Gutes Herz
Dei Leib wird zwar hier in dieſen Grab ver-
weien
Doch nie was du den Deinen bift gewejen
Den allen Menſchen wird zulept
Der bittre Sterbefelh aufgejeßt
O Lefer bethe für fein Heil
Auch dir wird einft der Kelch zu Theil.‘
Eine andere Inſchrift bei Schwar—
zach (nächſt Zend):
„O groſſer Gott, du wunderbarer Schöpfer,
Ich bin der Thon und du der Töpfer.“
Einem vielgereiſten Schneider hat
man in Krieglach folgende Grabſchrift
gedichtet:
„Er iſt die Welt durchgegangen,
Das war auch ſtets ſein Verlangen
Zu leiden alle Noth,
Und ſogar den bittern Tod.
Auf dem Grabfreuze eines Tiro:
lerfriedhofes fteht zu lejen:
„Bier liegt Nothburga Stöger,
fie ftarb verfehen mit den
K. 8. Sterbefatramenten.‘
Ein anderes:
„Hier ruhet Hanna Brandnerin, geborne
Zuntnerin. Was Gott will ift mein Biel.’
Ein Matertaferl in derfelben Ge-
gend lautet:
„Hier ift am 10. März 1861 eine La—
wine niedergegangen und hat 5 Perfonen und
3 Böhm’ derfchlagen.”
Su einem Friedhofe bei Deben-
burg findet man folgende Inſchrift:
„Hinter difes Kirchhofs Gittern
Liegt Hans Klaus,
Er trank manden Bittern‘
— und weiter unten die Schlußzeile:
„Kelch des Leidens aus.”
Ein finniger Spruch findet ſich auf
dem Kirchhofe zu Neuburg:
„Als Gattin blüht" fie mir,
Als Mutter ſank fie nieder,
Als Menſch ging fie von bier,
Als Engel fommt fie wieder.
Sie ift vorausgegangen
Den Gatten zu empfangen.”
Eine andere Stimmung drüdt bie
Grabſchrift bei Lienz aus, die ein Ti:
roler feinem Weibe gewidmet hat:
„Bier liegt mein Weib Begraben,
Wünfdh’ ihr die ewige Ruh’ zum Lohn,
Ih hab’ fie ſchon.“
Auf dem Preßburger Friebbofe ragt
ein altes Kreuz mit folgender Schrift:
„Bier unterhalb liegt mein Weib nad)
dreißig nur edlen Zweden gemwidmeten Lebens-
jahren. Sie ftarb nach Erfüllung ihrer Frauen-
pflicht im Wocenbette den 30. April 1849."
Anftatt der Trauermweide hat ihr
der trauernde Gatte einen Zwetſchken—
baum gepflanzt, von welchem ihm heute
die Nußnießung zu Theil wird.
Eine pefjimiftiih angehauchte In—
Ihrift fteht auf einem Grabfreuze in
Spital am Semmering:
„DO Menſch, du mußt leben,
Du weißt nit wie lang;
O Menſch, du darfit fterben,
Doch weißt du nit wann.“
Und ein anderes, das viel zu
formglatt und viel zu weltſchmerzlich
ift, um volf3thümlich zu fein:
„Bott, Du bift ungerecht,
Saft uns den Tod erdacht;
Erde ift nicht fo ſchlecht,
Hat ihn uns leicht gemacht.“
Gar jeltfam naiv und alterthüm:
(ih Elingt eine in Marmor gehauene
Inſchrift im der Kirche zu Fladnitz,
welche einjt die Gemeinde einem ihrer
Seelforger geweiht hat:
„Wold ihr wiffen in der Erd
Wer alda begraben ligt
Meil er gelebt hat habt ihr ihm geehrt
Jezt ihr ihm mit Fieſſen tritt
M: Iacobus Schaffer fein Name wahr
Mit Achtundfünfzig Jahren
23 Iahr war ehr Pfarherr alhie
Und hat mit groffen Sorgen
Zu Abends aud und morgens fruhe
Seine Schefflein wollen ausborgen
Den 23 May anno 1708 mueß er von bier
Gedenkh der ihm mit FFieffen tritt
Bleibt Keinen aus bald ifts an Dir
Fir fein Seel all Gott bitt
Wan ehr werd fein ins Himmels Sall
Bitt ehr fir euch auch allzumall.“
Ganz munderlich wird Einem zu
Muthe, wenn man die wilde Grab:
ichrift auf dem Gottesader in Biſchofs—
hofen (an der Gijelabahn) lieſt:
„O theurer Vater, wie fanft er im Grabe ruht,
Während fredie D-e-e8 Hände
Hafen nad) Deines Erben Gut.
O liebfter Vater, erhalte mir das väterlihe Gut,
Bitte Bott, daß er vernichte
Die verfluhte Brut.’
Mie doch anders ergreift Einen
der Vers auf dem evangelijchen Fried:
bofe in der Namjau bei Schladming:
„Wie felig die Ruhe bei Iefu im Licht!
Tod, Sünde und Schmerzen, die fennt man
dort nicht,
Das Raufchen der Harfen, der lieblichfte Klang
Bewilltommt die Seele mit ſüßem Gefang.
Ruh‘, bimmlifhe Ruh‘, im Schofe des
Mittlers,
Ich eile Dir zu.’
Es ift eine alte Erfahrung, daß
proteſtantiſche Inſchriften in Friedhöfen
Kirchen,
haupt ſchwungvoller und meihevoller
140
find, als ſolche fatholifchen Urjprungs.
Hingegen find letztere bisweilen origi-
neller, humoriftiiher, mitunter jogar
ironisch.
Gebetbüchern u. ſ. w. fiber] Meine Knochen wieder finden mag,
So fteh’ ich auf zum ewigen Leben.‘
Eine Tobtentafel bei Iſchlt —
das Denkmal eine® vom Baume ges
fallenen Bauers — jagt Folgendes:
An einer Kichhofsmauer in Kärn—
ten fteht Folgendes:
„Daß ich geftorben bin,
Das weißt du;
Ob id im Himmel bin,
Das fragft du;
Nicht fterben, aber im Himmel fein,
Das willft du.
Ein Anderes in demjelben Lande:
Ich muß don euch, ihr Freunde gehen,
Lebwohl, auf Wiederfehen !
Wenn mir Gott feine Gnad’ wird geben,
Und id am jüngften Tag
Imeramol gſchiachts
Daß da Wind in Wold fauit,
A Krohn in Äſtn,
A Sturm, dak Tan grauit.
Und d Welt, wia ſ' in Hanſel
Oft zuafept und judt,
Und 8 Lichtl in Mold,
Mia 's oft blemafcht und zuckt.
Zudt hin und zudt ber,
Dak ma moant, hiazt lifchts aus,
Und denah noh brinnts,
Wir a Sternd! a blau’s. —
Wann d Somftanocht kimmt,
Und die Buabn gehn zan Schoß,
Schleiht da Hanfl mit Öl
Stad hinauf auf fein Plop.
Do fogt amol die Gretl,
Der da Hanfl fo guat gfollt:
„Des Liahtl fonn mich giftn.
Do obn in den Wold!“
Und amol, do rennt ſ' auffi
Ian Flammerl vorn Oltor,
blemaſcht: fladert ;
s Viachtl in
Gedicht in ſteieriſcher Mundart
Aufig’itiegen,
Abig'jallen,
Hin gewelt,
Die Ehre fei der heiligen Dreifaltigkeit.”
— Die Friedhofswanderung wird
ichon zu Iuftig. Ganz anders machen
ſich die Auffchriften, wenn man fie an
Ort und Stelle lieſt — über fi den
weiten, ftillen Himmelsraum, unter ſich
die Gräber. — Doc kamen wir nicht,
um zu träumen und nicht um zu
weinen. Sentimentalität ift nicht mehr
modern; wer Thränen noch hat, der
lade.
_——
Wold.
von P. R. Rofegger.
II.
|
|
ftad: langfam;
Wills daftidn mit ihren Fiata,
Und mit ihrn guldan Hor.
Da Sanfl fiachts ſpringa,
Laft noch, joads davon:
„os geht dih mein Amperl
Ban Jungfraubild on!
— Ind jo lebt er weita,
Da Sanfl, ſchön ftad,
Is luſti, is trauri,
Mias holt die Zeit draht.
Ind amol, wie ers Amperl
Wieder auffuacht und grüaßt,
Steht dabei a feins Dirndl,
Des grod DI einigiaht.
Und bella brints Liadhtl,
Und d Iungfran Maria
Locht nieda zan Dirndl,
Und s Dirndl zan ihr.
— Drauf, wia fa fih draht,
Daß f' a Kranzerl noh flecht,
Spreizt da Hanfl feine Orm aus;
„Du, du bift die Recht! !
Fiata: Vortuh; joad: jagt.
141
Almenrauſch.
Eine Sage aus Tirol, erzählt von Bofef Erler.
Hellroth glühen jie von der Berg:
lehne herab, ein prächtiger Teppich,
den die Natur zu einem Prunflager
für die Alpenfee gewoben zu haben
Icheint. Niemand weiß es, wie fie
bierhergefommen, eines Morgens haben
die Menfchen die herrlihden Blumen
entdedt und fie Alpenrofen genannt.
Bielleiht nicht jo jehr wegen ihrer
Farbe al3 weil fie, glei den Genti-
folien im Thale, die ftolzeften Blumen
auf den Alpen find.
Wenn die Burſchen zu Berge ftei-
gen, um Holz zu fällen oder das Vieh
auf die Almen zu treiben, pflücken
fie ein Sträußchen davon und nehmen
e3 Abends auf Heimgarten mit. Freu:
dig ftedt dann die Dirne dasſelbe in
das Mieder, niden ihr ja die rothen
Blumen in ihrer Sprade freundlich
zu: „Sein Herz glüht dir jo heiß!“
Mer ihnen die Worte in den
Mund gelegt, ift nicht befannt, im
Volke kreifen fie und niemand frägt
nach ihrem Urfprunge; die Sage, mit
der fie einft verknüpft waren, ift ver:
geſſen, — unfere Generation eilt über
die Perlen, die halbverftedt im üppig:
Ihmwellenden Mooſe unferer Berge
ruhen, raſch dahin.
Sn einem ftillen Thalwinfel, wohin
nur Gottes Sonne Hin und wieder
ihre freundlichen Strahlen jendet und
das Reh noch den fremden Wanderer
furchtlos und eritaunt betrachtet, da
habe ich im Familienkreife einer Bauern:
hütte, während es draußen ftürmte
und bligte, die Gejchichte vernom:
men. Ein verwitterter Graubart, der
gleich mir bier Zuflucht gejucht, er:
zählte fie zum Danke für das Stam—
perl „Wacholder“, das ihm Die
Bäuerin geboten. Er war Wurzen:
graber droben im Gebirge und bie
Leute munkelten, daß er ein eigener
Gejelle jei, der die Sprache der Vögel
und Pflanzen verftehen gelernt habe.
Und in der That, die Gefchichte vom
Almraufh, die er uns zum Beten
gab, war jo, als ob er fie den Blu:
men ſelbſt abgelaujcht hätte.
E3 war um Chriſti Himmelfahrt.
Der Winter hatte jchneller jein Bün—
del gejchnürt, als er es fonft in unſe—
ren Alpen gewohnt ift, von den Ber-
gen waren die Lawinen ſchon zu Thale
gefahren, üppig ſchoß das junge Gras
aus dem Boden und die Tannen zogen
ihr grünes Feitgewand ar.
Beim Dorfichenken ging es heute
fröhlih her. Ein grüner Buſch ob
der Thüre lud zur Einkehr. Aber
heute war die holzgetäfelte Stube ver:
laffen, blaute doch der Himmel und
lachte die Sonne, daß einem das Herz
im Leibe vor Freude jchwellen mußte.
Mar e8 da ein Wunder, daß
die fröhliche Augend fih vor dem
Haufe gelagert hatte und in Luft um
die alte Linde einen Reigen aufführte,
daß deren Blätter vor Entrüftung
über die fliegenden Nöde in gewaltige
Aufregung geriethen. Sie hatte Unrecht,
die alte Frau Dorfbaje, dem Völkchen
durfte man fein Vergnügen heute
Ihon gönnen, war ja morgen ber
Auffahrtstag zu den Almen, an dem
jo manche Burfchen fortziehen mußten,
denen die Erinnerung an bieje legten
Stunden Monde hindurch ihr einja-
me3 Leben auf den Bergen verjüßen
jollte.
Mit Shmunzelndem Geſichte ftand
der Wirth unter der Thüre und
blidte bald auf das bunte Treiben
auf dem Dorfplage, bald auf jein
blondzöpfiges Xöchterlein, das bei
dem Meinfäßhen auf ber Haus:
bank hantirte und fleißig Gläfer und
Krüge füllte,
142
Ihr Antlitz aber war nicht jo
von Freude verflärt, wie das ihrer
Genoffinnen; über der Stirne lag
ed wie ein Schatten und aus den
tiefblauen Augen jchimmerte es bei-
nahe feucht, wenn fie biejelben nach
dem braunen Burfchen richtete, ber
mit gefreuzten Armen theilnahms:
los vor fich Hinftarrend gegenüber an
einem vermwitterten Gartenzaune lehnte,
Es war der Granatenfranz, in der
Gegend fo geheißen, weil er fich mit
einigen Genofjen hoch droben in einer
Schlucht, wo fi der Bach braufend
über Felſen herabftürzte, eine Hütte
gebaut hatte und den Sommer über
dem mühſamen und wenig einträglichen
Berufe eines Granatenjuchers oblag.
Manches Stadtfräulein, das ftolz um
den Hals die rothen Edeliteine trug,
mochte wohl nicht daran denken, daß
fie ein Menfchenkfind, das nur Die
einzige Schuld trug, arm geboren zu
fein, mit blutenden Händen hatte aus
ben Felſen losreißen müſſen.
Franz, der ſchon frühzeitig ſeine
Eltern verloren, war ein fleißiger
Burſche, der erſte beim Aufſtiege, der
legte bei der Abfahrt von den Ber-
gen, und fo war es ihm gelungen, fo
viel zu erwerben, daß er fich ein
Gütchen außerhalb des Dorfed anfaus
fen fonnte, das er den Winter über
mit eigenen Händen eingerichtet hatte.
Morgen jollte er nun wieder
fahren, um feine Arbeit neuerdings
aufzunehmen, aber er wollte dies nicht
-thun, bevor er nicht eine Angelegen-
heit in's Neine gebracht hätte, die
fein Herz mit Glück und Bejorgnik
erfüllte und die ihn mit immer
friſchem Muthe zu al’ feinem Streben
bejeelte.
Er liebte des Dorfwirths Toni
und wußte fih von ihr wiedergeliebt.
Von Kindheit an waren fie einander
gut geweſen, al3 aber die Zeit fam,
wo fie fich jährlich trennen mußten,
merften fie e3, daß ihre Neigung tie:
fere Wurzeln gefaßt, daß eines ohne
Heute war Franz im Sonntagsftaate
zum Dorfwirthe gegangen und batte
in aller Form um Toni's Hand ange:
halten. Da aber traf es ihn wie ein
Blitz aus heiterem Himmel. Er hatte
nicht bedacht, daß fleißig und unbe-
icholten zu fein nicht ausreihe. Der
Wirth hatte bei feinem Antrage auf:
gelacht und ihm ermwiebert, daß er jein
einzige8 Kind feinem Bettler zum
Meibe gebe.
Und als nun der Burfche bie
Schmähung in fi Hineinfreflend auf
feine Fräftigen Arme und die Aus:
ficht einer reihen Granatenernte hin:
wies, meinte höhniſch der Wirth, fo
möge er ihm dies bemweifen und einen
Stein bringen, den er mit feiner Fauſt
nicht umſpannen fönne. Dann werde
er ihm feine Toni zum Weibe geben.
Da war der Burjche tiefgefränkt
fortgegangen, wild fochte e8 in feinem
Herzen und wie er jeßt jo vor ſich
binftarrte, da zudten gar eigene düſtere
Gedanken durch feinen Sinn.
Plötzlich legte ih eine Hand
auf feine Schulter. „Fort mit ben
Sorgen, auf zum Tanze!“ — Das
lang wie Glodenton an einem Maien:
morgen.
Franz ſchlug die Augen auf. Ein
Mädchen ftand vor ihm fo reizend und
hehr, wie er noch nie eines gejchaut.
Ihr Antlit war von blendendem Weiß
und jo zart, wie aus jchneeigem Mar:
mor gemeißelt. Sie trug die kleidſame
Tracht der Dirnen des Thales, nur
das ebenholzſchwarze Haar hatte fie
nicht in Zöpfe geflochten, fondern frei
über ihren Naden herabwallend. Eine
jeltfjame, aus Granaten fünftlich ge:
formte Blume hielt dasjelbe über
ihrer Stirne zufammen.
Franz blidte wie betäubt auf die
fremde Erjcheinung. Er konnte ſich
nicht erinnern, das Mädchen je gefehen
zu haben. Sie ließ ihm auch feine
Zeit, darüber nachzudenken ; denn ihre
Heine Hand hatte die feine gefaßt und
das andere nicht würde leben können. zog ihn mit zur Linde. Wie von uns
fihtbarer Gewalt getrieben, folgte er
ihr und er wußte nicht wie ihm ge—
ſchah, als er im nächſten Augenblicke
auch an ihrer Seite mitten unter den
Tanzenden dahinſchwebte.
Erſtaunt blickten Alle auf das
neue Paar. Dirnen und Burſchen hiel—
ten im Tanze inne, der Reigen löſte
ſich und zuletzt ſpielte der Fiedler nur
mehr dem Granatler und der Frem—
den ſeine ſchrille Weiſe.
Bevor die letzten Töne verklungen,
ſtand Franz wieder an ſeinem Platze.
„Ich kenne Dein Leid und ver—
mag Dir zu helfen“, flüſterte die Un—
bekannte ihm zu: „Suche mich heute
Nacht, wenn der Mond voll am Him—
mel glänzt, am Adlerſtein.“ — Leicht
nickte ſie mit ihrem Haupte und trat
hinter das nächſte Haus. Als Franz
ihr nacheilte, war ſie verſchwunden.
— —— — — — — — — —
— — — Die Sonne ſank hinter
die Berge hinab. Wie in glühendes
Gold getaudt, funkelten noch die höch—
ften Spiten, vom Thale drangen bie
Töne der Vesperglode und Fündeten
die nahenden Stunden der Ruhe. Das
Hang jo friedlih und lieb durch Die
Gegend, daß e3 einem gar eigen das
Herz berühren mußte. Nur einer ſchien
heute dafür unempfindlih und dies
war Franz. Auf einen moofigen Fels—
vorfprunge hatte er fich bingemworfen
und jein Antlig in den Händen ver:
graben.
Welche Gedanken wohl feinen Sinn
durchzuckten? —
Immer Höher rangen fi bie
Schatten die Berghalden hinan, leichte
Nebel jenkten ſich wie ein ſchützender
Schleier über das Thal, an dem wol:
fenlojen Firmamente flimmerten bereits
die Sterne und immer lag noch Franz
an berjelben Stelle und jann.
Da glühte es plöglich hinter einer
mädtigen Bergkuppe auf, lichtgolden
ftieg die Scheibe de8 Mondes empor
und ihre Strahlen trafen das Antlik
143
des Burſchen, das bleich hinüber auf
das Geſtirn jtierte.
Da, wie von einem plößlichen
Entſchluſſe erfaßt, jprang er auf und
eilte, des Weges nicht achtend, über
Geröll und Geftrüpp den Berg hinan. —
Hoch droben, wo Gras und Kräu—
ter nicht mehr gedeihen, wo nur hin
und wieder eine verfrüppelte Krumm—
fiefer am Boden fich hinwindend ihre
ärmlihe Nahrung jucht, da ragt zwi:
jhen Gerölle ein mächtiger Stein
einzeln empor. Zur Rechten ftarrt
eine gewaltige Feldwand. Dort oben
bat einft der Block auf einem 2or-
Iprunge gerubht. Aare hatten ihn
zum Horſte erwählt. Da fand ſich
einftmal® ein kühner Jäger, der ſich
hinabwagte, die Beute zu holen. Im
Kampfe mit ben Alten fam ber
Stein zum Wanken und ftürzte mit
ihm hinab in die Tiefe. Hirten fanden
ihn zerjchmettert und nannten den
Feld, auf dem noch die Trümmer
des Neſtes zu jehen, Adlerſtein.
Zur Linken des Blodes gähnte
eine Schludt. Ein Bad, der erft
aus einem Felſenthore wie ein weißer
Schleier herabfiel, tofte drunten in
feinem engen Bette wild thalab—
wärtd. Es war die Granatenſchlucht,
wo Franz jeine Hütte hatte.
Ein Pfad wand fich drüben hinab,
bier bildeten die Feljen eine jähe, dro:
hende Mauer.
Und doch war e3 von diejer Seite,
daß Franz bei dem Scheine des Mon:
des jein Ziel erreihen wollte. Wie
eine Gemje fletterte er, an dem fpär:
lihen Krummholze ſich haltend, immer
höher und höher, bi8 er mit einem
Schwunge den Vorſprung betrat.
Da lag wenige Schritte vor ihm
der Adlerſtein, im fahlen Monbdlichte
ein unheimliches Grabmal. Von der
Fremden war nichts zu jehen.
Franz trat näher. Da entfuhr ein
Schrei der Bewunderung feinen Lippen.
Das Haupt an den Stein gelehnt,
lag die jchöne Unbekannte auf ſchwellen—
des Moos gebettet. Ein Schleier gleich
144
tofigen Abendwolfen umfloß ihren wun- Granatenſchlucht an der Seite feiner
derbaren Körper. Ihre Haare hielt Toni ſaß. Sie hatte die Arme um
ein goldene Diadem. Darin prangte
ein Granat, der fein reinftes Feuer
jpielte und purpurn die Gegend erhellte.
Langſam erhob fie fih, als fie
ſah, daß Franz geblendet ftand. „Du
bift meinem Wunſche gefolgt, wohlan“,
jagte fie, „ih will Dir meine Hilfe
gewähren. Diefer Granat in meiner
Krone jei Dein.” —
„Und was joll ic dafür thun?“
preßte ber Burfche freubetrunfen heraus
„Mich lieben“, erwiberte fie. Franz
zudte zufammen.
„Liebe mich!” wiederholte fie. Der
Burſche wußte nicht wie ihm gejchah,
er mußte feine Augen auf das wun—
derbare Weib lenken.
Da ſah er, wie fie den Goldgür:
tel löſte, die verhüllenden Schleier
fielen zur Erde — feines Menſchen
Auge hatte noch jo Vollendetes gejchaut.
Seine Sinne verwirrten fih, er jah
nur mehr, wie fie ihm die Arme ent:
gegenftredtte. — — — —
„Franz!“ gellte es herzzerreißend
über die Schlucht herüber. „Toni!“
ſchrie der Burfhe wie von einem
Zauber befreit auf und ftieß die Ver:
jucherin von fid — — hinab in den
gähnenden Abgrund.
Entjegt ob jeiner That blidte er
in die Tiefe. Aber da drang Fein
Schmerzensichrei empor. Was er ver
nahm war wie Silberglodenton. Ju—
belnd trugen die Lüfte den Ruf „Erlöft!”
an fein Ohr und wie im Elfendhore
Hang er von den Bergen und Wäl:
bern wieder. — Franz wußte nicht,
wie ihm geihah, als er kurze
Zeit darauf vor feiner Hütte in der
* Nacken geſchlungen.
„Franz, mein Gott“, hauchte ſie
noch bebend vor Angſt, „welcher Zau—
ber hatte heute Deinen Sinn verblen—
det? Haſt Du Almrauſch, die böſe
Fee, nicht erkannt? Sie lockt die Bur—
ſchen an ſich und wehe dem, der ſich
ihr ergibt. Er liegt zerſchmettert in
einem Abgrunde. Dies iſt der Fluch
des Alpenkönigs, weil einſt ein ſchmucker
Jägersmann ſie der väterlichen Burg
entlockt.“ —
Und jenen Kuß, den Almrauſch
verlangt, erhielt nun Toni in heißem
Danke und als die Liebenden ſich von
ihrer Umarmung löſten, da funkelte
ihnen ein prächtiger Granat entgegen,
ein Granat, den feines Menfchen Hand
zu umjpannen vermochte.
Das war der Dank der böfen Fee.
Um den Edelftein aber jproßte ein
lebender Kranz niegefehener Blumen
aus dem Boden, ganz jo wie fie die
Fee beim Tanze aus Granaten in den
Haaren getragen. Prächtig blühten
fie den Sommer über und al3 ber
falte Herbitwind über die Berge
fuhr, da führte er ihren Samen mit
fort und ftrente ihn weit im Lande
über die Feljen, jo daß im nächjten
Lenze auf jedem Fledchen Erde bie
ihönften Blumen emporfchoffen und
die Steingiganten wie mit neuem
Leben übergoffen jchienen.
„Almrauſch“ nennt fie das Rolf
und bewahrt jo das Andenken der Fee
noch fort und die Mädchen halten die
Blumen hoch, künden fie ihnen ja in
ihrer ftummen, doc ſüßen Sprade:
„Sein Herz glüht dir jo Heiß!“
145
Shwänke.
Werden’s ſchon maden.
Nichts gefährlicher, al3 wenn ein
Dittjteler vor feinem Fürften fteht
und der Fürft legt milde lächelnd bie
Bittſchrift aus der Hand und jagt:
„Au, wollen ſehen“ oder „ſchon gut,
werden's jchon machen“ oder fo was
Aehnliches.
Jeder Bittſteller iſt nicht ſo uner—
ſchrocken wie jener alte Soldat, der
mehrere Wunden für König und Va—
terland erhalien hatte, und zu Fried—
rich dem Großen kam, um ihm eine
Bittſchrift zu überreichen. „Wir wol:
len ſehen“, ſagte der König. „Sie
können ſogleich ſehen“, antwortete der
alte Haudegen, riß die Weſte auf und
zeigte die Narben ſeiner Wunden. Der
König hatte ihm ſeine Bitte ſofort
bewilligt.
Etwas ſchlichter freilich, aber doch
auch gut hat's jene Landfrau gemacht.
Zu Kaiſer Ferdinands Zeiten lebte
in Krieglach eine arme Frau, deren
einzigen Sohn ſie zum Soldaten neh—
men wollten. Sie war zu allen Aem—
tern und Herren herumgegangen, hatte
gebeten und geweint, man möge ihr
doch die einzige Stütze ihres Alters
nicht rauben. War alles vergebens,
der junge Mann mußte fort. Da ent—
ſchloß ſich die verlaſſene Frau: ſie
geht zum Kaiſer. Der Ferdinand iſt
ein guter Herr, dem iſt um einen
Soldaten mehr oder weniger nicht zu
thun, er hat noch andere genug. Vom
Schul meiſter läßt fie ſich ein ſchönes
Bittgeſuch verfaſſen; ſie möchte gerne
ihre ganze Lebensgeſchichte hineinſchrei—
ben, aber der Schulmeiſter meint, der
hohe kaiſerliche Herr habe etwas ſchwache
Augen und dürfe deshalb nicht all—
zuviel leſen. Einen zierlichen Anfangs—
buchſtaben malt er noch hin und dann
muß es gut fein.
Das Weib jucht ihr Hein erſpart
Ding hervor — na ’3 ift ja nicht viel
Rofeggers „„Heimgarten‘‘ 2, Heft.
mehr da, fie bat alles dem Buben
in's Leibel genäht. Mit Müh' und
Kümmerniß reift fie nah Wien. Die
Schuhe haben ihr weh gethan auf der
heißen Straße und das Herz in der
Brujt, und die Augen vor Staub und
vor Weinen. Ihr Sohn muß ja auch fo
marjchiren auf fremden Wegen, und
vielleicht wochenlang, und Hunger und
Durft leiden, und die Deberjten find
geitrenge Herren — und erft gar der
Feind, der die Leut’ nur fo nieber-
ſchießt und nieberftiht. —
Gar müb’ und traurig fommt fie
nah Wien. In einer Vorſtadt kehrt
fie ein und erzählt dem Wirth, der
fie gefragt hatte, wo fie daheim, ihr
Anliegen. Die Audienz wird ermwirft,
fie darf zum Kaifer. Da geht ihr bie
Hoffnung auf; kann fie nur mit ihm
reden, dann geht fie fein Zweifel mehr
an, fie bat fih’3 im Kopf jchon zu—
jammengeftellt, was fie fagen wird.
Aber der Wirth will Alles beſſer
willen, der meint, es ginge nicht fo
leicht, wie man glaube, und wenn man
auch einmal vor dem Kaiſer jtehe, fo
jei das nicht, ald wie wenn man mit
anderen Leuten rede, man habe nicht
Zeit zum Schwägen. Der Kaiſer würde
ihr das Bittgefuch aus der Hand neh-
men und jagen: werden’3 ſchon ma—
hen! — und dann könne fie fich wieder
trollen und wiſſe erjt nicht, fei ihre
Bitte gewährt ober nicht. Aber auf
Eins möge fie aufpaſſen. Wenn der
Kaijer das Bittgefuh bloß anlächelt
und e3 dann ruhig auf den Tijch legt,
jo hätt’ fie, die Bittjtellerin nichts zu
erwarten, und wenn Seine Majeftät
zehnmal jage, er würde es ſchon
machen. Wenn er jedoch die Schrift
an der Ede einbiegt, bevor er fie hin-
legt, fo ift die Bitte gewährt.
— Na ja freilich, denkt fich die
arme Landfrau, fo Einer, wie ber
Herr Wirth wird's wiſſen, ift ein recht
guter, gemeiner (leutfeliger) Herr, ber
10
146
Wirth. Er gibt ihr noch verfchiedene | ich nit weiß, daß mein Hergehen nit
Nathichläge und dann geht fie in die )umfonft iſt gewejen. Wollt’ unterthä-
Burg. — Gott, hat das was ge: nigſt bitten — den Brief dort, mein
braucht, bis fie durh al’ die ſchau—
derlih großen Gebäude und vorneh:
men Leute, die über und über von
Gold glänzten, hindurch war! Wenn
ſchon diefe Herrichaften fo viel Gold
und Silber an den Röden tragen, wie
wird erſt der Kaiſer jelber ausjchauen !
Der Raifer war im ſchwarzen Rod.
Er war nicht viel jchöner gefleibet,
wie daheim in Krieglach der Richter
an Feſttagen; hätte er an der Bruft
nicht den Stern gehabt, Fein Menſch
hätte dieſen einfachen, freundlichen Mann
für den Kaiſer gehalten. Und gerade
das vermwirrte die Bittjtellerin, fie hatte
fih ganz für einen goldenen Kaifer
vorbereitet, und jegt ftand einer vor
ihr, der ihr noch viel erhabener und
ehrwürdiger vorfam. Blau wurde ihr
vor den Augen, fie brachte fein Wort
hervor.
Der Kaiſer nahm ihr das Bitt:
geſuch aus der zitternden Hand, warf
einen freundlichen Blid darauf, jagte
wohlwollenden Tones: „Werden's ſchon
machen!” und legte das Papier auf
den nebenftehenden Tiich.
In diefem Augenblide erlangte
das Weib ihre Geiftesgegenwart. Sie
erinnerte fih an die Worte des Wir—
thes, fie ſah mit Schreden, die Bitt-
Schrift war nicht eingebogen worden.
Schon hatte der Kaifer durch eine
leichte Handbewegung angezeigt, daß
die Audienz zu Ende ſei; aber bie
Zandfrau ftand da, als wäre fie baum:
feit in den glatten, glänzenden Boden
hineingewachſen.
„Nun!“ ſagte der hohe Herr, etwas
befremdet lächelnd.
„Hätt' halt wohl“, ſtammelte das
Weib, „hätt' halt noch von Herzen
eine ſchöne Bitt!“
„Nu, alſo nur heraus damit, ſagte
der Kaiſer, „wiſſet, Mutterl, ich hab’
nicht viel Zeit.“
„Kunnt halt wohl frei nit fortge—
hen“, entgegnete das Weib, „eh vor
Bittgeſuch — — wenn's mir's halt
a klein biſſel einbiegen thäten!“
Der Kaiſer lächelte und bog im
Bittgeſuch eine breite Ecke über.
„Küß' die Hand, küß' viel tau—
ſendmal die Hand!“ hauchte das Weib
und verließ tief gerührt von der That
des gütigen Kaiſers die Hofburg.
Einige Tage nach der Heimkehr
der Bittſtellerin klopfte es ſpät Abends
noch an ihre Thür: „Mutter, macht
auf, ich bin's. Sie haben mich heim—
gehen laſſen. Bin ganz ausgeſchrieben.“
Du guter Kaiſer Ferdinand, hätteſt
du das Glück ſchauen können, das jetzt
in der armen Hütte war! Du haſt
es geſchaffen, du haſt die Ecke eines
Papierblattes umgebogen!
Aus einem „neuen Evangelium“.
Dem Herausgeber dieſes Blattes
iſt eine wunderliche Handſchrift zuge—
ſandt worden. Sie beſteht in vielen
hundert Blättern und iſt betitelt: „Da 38
Evangelium des neuejiten
Bundes” Manches darin ift an—
muthend, Vieles barod, Einiges bä-
monenhaft, wie eine wilden Pro:
pheten Stimme. Vervielfältigung durch
den Drud fteht der curiofen Schrift
faum bevor. Hier fei ein fleiner Aus:
zug gegeben unter jeiner Ueberjchrift :
Am legten Sonntage in der
Faſten. Er ijt des Buches zwölftes
Capitel und lautet aljo:
In der Zeit ſprach der Herr zu
jeinen Jüngern in folgender Parabel:
Einjt lebte ein König, genannt Ty—
vannod. Der regierte ein großes
Neih und viele Millionen Untertha-
nen. An der Grenze biejes Neiches,
gegen Mittag hin, lag das Land
der Volksherrſchaft, in welchem die
Menſchen durch eine abjonderliche
Staatsverfaffung ſich felbft regierten.
Es war geheißen Demofratien. Das
147
Volk war glüdlih und das Land war |
Ihön. Das Land hatte hohe Berge,
auf denen ewiger Schnee lag, und es
hatte breite Thäler, in denen Trauben
reiften, und andere köſtliche Früchte.
Es hatte die gejegnetiten Matten und
e3 hatte die herrlichiten Städte, und
Alles, was zur Freude it. Da geſchah
es, daß Fremde kamen aus aller
Herren Länder, und fich ergößten an der
Pracht. Sie ruderten mit wehenden
Wimpeln über die weiten Landjeen hin,
und fie jtiegen auf die hohen Berge,
die Schönheiten Demofratiens zu jehen.
Paläjte und Herbergen hatte man gebaut
in den Tiefen und auf den Höhen, und
alle zujammen konnten die fremden
nit fallen, die von Jahr zu Jahr
in den Tagen des Sommers herbei:
zogen aus allen Theilen der Erbe.
Und fiehe, da jagte eines Tages,
ber König Tyrannos zu jeinem Minifter:
Wir mögen es nicht gerne leiden, daß
jo viele Unjeres Volkes hinüberziehen |
in die Berge von Demofratien. Gib
ein jtrenges Geſetz, daß fie das unter:
laſſen fürderhin. — Darauf antwortete |
der Minifter: Mein gnädigfter König
und Herr! in diefer Sache vermag ein
Gejeg nimmer zu frommen; denn jo
lange die Unterthanen noch in Euren
Landen wandern, bis Hart zur
Grenze Hin, wäre das Geſetz nicht
übertreten; ſobald fie jedoch einen
Schritt in das mit Recht verhaßte
Nahbarland thun, find fie aus unjeres
Geſetzes Bereich, und dann fehren fie
wohl gar nicht mehr zurüd, ſondern
bauen ein Heim in den jchönen Bergen
von Demofratien.”
Hierauf ſprach der König: „Wohl-
an, jo verjprich meinen Unterthanen
in meinem Sande goldene Berge,
wenn fie jene meiden, die aus Stein
und Eis gebaut ftehen über der Grenze.“
„Mein Hoher Herr“, antwortete
der Minifter, „mit Den goldenen
Bergen richten wir nicht3 mehr aus,
die haben wir dem Volke allzu oft
ſchon verſprochen.“
Der König erzürnte und rief:
„So will ich eine lebendige Mauer
ziehen um mein Reich und wehe Dem,
der dieſem Walle auf hundert Schritte
nahe kommt.“
Der Miniſter verneigte ſich bis zur
Erde und ging hinaus.
Und nach kurzer Zeit war das
Reich des Königs Tyrannos begrenzt
durch einen ungeheuren Ring von
Soldaten; dieſe hatten Mordwaffen an
ih, vom Fuß bis zu den Zähnen und
bewachten das Neich und ließen Keinen
hinaus und Keinen hinein.
Und nad einer Weile, da trug es
fich zu, daß aus einer Hütte des Volkes
ein Mann emporitieg bis vor die Stufen
des Thrones. Er hatte einen langen
Ichneeweißen Bart und er hatte ein
Saitenjpiel, und er fang Xieder von
den Herrlichfeiten Demofratiend. Der
König ließ den Gejang alljogleich ver:
bieten; aber der greiſe Mann über:
hörte dad Verbot und jang Lieder
von den Herrlichkeiten Demofratiens.
Hierauf ergrimmte der König und ließ
den Sänger mit Hunden aus dem
Palaſte hegen. Der Mann aus dem
Volke kehrte wieder zurüd und fang
Lieder von den Herrlichkeiten Demo-
fratiend. Da ließ ihn der König in’s
Gefängniß werfen; jedoch bald berichtete
ihm der Kerfermeifter, der Gefangene
jei guten Muthes und ſinge fortweg
das Lob des Landes Demofratien.
Darüber wurde der König Tyrannos
nachdenklich und fagte bei ſich: „So
möchte ich es doch jelber jehen, dieſes
wunderlihe Land, das die Menjchen
rühmen vom Aufgange bis zum Nieder:
gange!” Und er ließ feinen Hofitaat
ſich verfammeln und er reijete mit
Prunk und Pracht in das Land De:
mofratien. Doch fiehe, als er hinaus:
gezogen war über die Grenzen feines
Neiches, da trat ein Landmann von
feinem Pfluge heran zum König, fagte:
„Lieber Freund, ich rathe, daß ihr
euch den Sitten jenes Landes bequentet,
in welchem ihr reifet!” und er hob
ihm jachte die Krone vom Haupte.
10*
Erzürnt bis zur Muth wollte der |thun, bejonders den Frau Maulmür:
König die Schmad rächen, doch macht: | finnen nicht, wenn fie in intereffanten
[08 waren feine Drohungen im fremden
Lande. So beſchloß er Enirfchend, ſo—
fort wieder zurüdzufehren in fein
Neih, und fiehe, als er im Begriffe
war, über die Grenzen zu jchreiten, da
ftredten die Wachſoldaten, die er jelbit
aufgeftellt hatte, ihre Waffen gegen
ihn aus, und er fonnte nicht mehr
zurüdfehren in den SHerricherpalaft,
der von nun an von ermwählten
Männern zum Wohle des Reiches be-
jftimmt war. Und das Volk war’3 zu:
frieden und wanderte nicht mehr in
die ſchönen Berge des nachbarlichen
Landes.
Wie ſich ein alter Schlaukopf aus
der Maulwurfsſchlinge hilft.
Der hinkende Bote, ein alter Hau—
degen, — bei meinem Aufwachſen hat
der ſchon graue Haar gehabt — läßt ſich
noch immer die Welt ſo viel angelegen
ſein, aufzupaſſen, daß Menſchen und
Thieren nicht unrechter Weiſe was ge—
ſchieht. So hat er in ſeinem vorjährigen
Kalender in einem Kapitel über Feld—
und Gartenbau den Rath gegeben,
daß man im Monat März die Maul—
wurfshaufen ebnen und die Maul—
würfe fangen ſolle, ehe ſie Junge wer—
fen. Und in einem andern Kapitel, in
welchem er den gefühlvollen Weltfreund
ſpielte, hielt er eine Lobrede auf die
Maulwürfe, was das für gute und
nützliche Thiere wären, und daß der
ein rechter Dummkopf, welcher ſolch
herzigen Weſen was zu Leide thäte.
Darüber bekam der Hinkende die
Menge Briefe zugeſchickt: Was denn
das hieße? wie ſich das reimen ſollte?
Das einemal die Maulwürfe ausneh—
men, das anderemal dieſelben ſchonen,
— da könnt' Einer ja ein reiner Narr
werden! —
Darauf, wie der Kalender des Hin-
fenden wieder fommt, bringt er bie
Ihmunzelnde Erflärung : Freilich dürfe
man den Maulwürfen nichtS zuleide
Umftänden. Hätte es jo grob im Gar:
tenbaufapitel auch gar nicht gemeint.
Er hätte nicht gejagt, man müſſe im
März die Maulmürfe umbringen, er
hätte nur gerathen, daß man fie um
diefe Zeit ausheben jolle. Dann, wäre
er und auch fein Setzer der Meinung,
jolle man den Thierchen eine Verwar—
nung geben, ihnen vielleicht einen Maul-
forb anlegen und könne fie hernad)
wieder jpringen laffen.
So hat fich der ſchlaue Alte aus
der Zwickmühl geholfen.
—
Wie Röschen zum Flachſe fam.
Im heurigen Herbite war bei Spi-
tal am Semmering auf einer Wiefe
welch merkwürdiger Flachs zu jehen.
Er lag auf der Bleihe. Er war jo
lang und fo glatt und jo jchlanf wie
ein junger, beiratSmäßiger Mann.
Doh war nicht viel davon da; eine
ausgewachjene Magd hätte mit beiden
Armen den ganzen Flachs zu umſpan—
nen vermodt. Und doch war er das
ganze und einzige Eigenthum und bie
Freude eines neunzehnjährigen Mäd—
chens.
Die Geſchichte, wie Röschen zu
diefem Flachſe fam, ift folgende: Im
Jahre 1873 nahm der Dienjtherr das
arnıe fleigige Mädchen mit nach Wien
zur Meltauftellung. Dem Röschen ge—
fiel der Induftriepalaft und die Ma-
Ihinenhale und die Kunfthalle und
das internationale Dorf und eben Alles,
was da war. Aber die Aderbauballe
gefiel ihm noch am beiten. Und in
diefer beſonders ber Flachs, der lange
feine preußiſche Flachs, der in einer
ſchöngeordneten Schichte aufgeftellt
war und mit feinen glatten Köpf—
hen leiſe nidte. Röschen konnte gar
nicht mwundersgenug reden über ben
„Ihönen Haar“, der zweis oder gar
dreimal jo lang war, als der ſteieriſche
auf dem Heimgrund. Auf dem Tijche,
149
ber unter diefem prächtigen Flachſe
Saphir brauchte immer Geld, hatte
ftand, lagen zahlreiche Körner, die oben | aber nie eins und das war ein Glück,
von den Kapfeln ausgefallen waren. | denn zur Zeit des größten Geldman—
— Ei ei, denft fih das Mädchen,
wenn ich nur etliche davon mitnehmen
und daheim anbauen könnte! — Aber
bort jteht der Aufjeher und bat feine
Augen überall. — Was thut die junge
Steirerin? Sie net den Zeigfinger an
ihrer Zunge, zeigt dann auf den Tiſch
bin und frägt den Auffeher: „Gelts
Herr, der Tiih da ift von Burbaum-
holz?“
„Könnte Einem nicht einfallen,
jetzt intereſſirt ſich die für das alte
Bretterpult“, lachte der Wächter. Rös—
chen aber wendete ſich von hinnen und
hatte ſein Schelmenſtück ausgeführt,
an dem naſſen Finger waren zwei
Leinſamenkörner kleben geblieben. Dieſe
verwahrte das Mädchen in einem Stück⸗
hen Papier und ald ed nach Haufe
fam, legte e8 am Gartenfaum die zwei
Körner in die Erde. Im Herbite dar-
auf ftanden zwei hohe Doppelftämme
dort, jeder mit fieben Köpfen, jo wie
das Ungeheuer in der Apofalypje. Im
nächſten Frühjahre wurden die geern:
teten Samen wieder fleißig angebaut,
und jo hatte Röschen heute nach brei
Jahren von jenen zwei Leinkörnern
eine Ernte aufzumweijen, die in ihren
Stämmen hoch und jchlanf wie ein
junger heiratSmäßiger Mann, mit zwei
Armen kaum zu umfafjen war.
Die Stämme will Röschen brecheln
und fpinnen und ein fchneeweiß Braut:
hemdchen daraus nähen; den Samen
will fie weiter fortpflanzen und jo die
Stammutter werben einer neuen, eblen
Flachsgattung in Steiermarf.
Saphir bei Rothſchild.
gels war er am wißigften. In ſolcher
Stunde einmal fiel ihm der Rothſchild
ein. Wie auch ftünde Rothſchild um
jo viel höher als der Saphir? Der
eine ijt geldreich, der andere ijt geift:
reich.
„Würde mir Baron Rothſchild
hundert Thaler borgen ?” fragte Saphir
einen Freund, „Du biſt ja mit
ihm bekannt, thu’ mir's zulieb’, pade
ihn an.”
„Wollen e8 verjuchen“, jagt der
Freund, geht zum Rothſchild und trägt
diefem das Anliegen bes beliebten
Humoriften vor.
„But“, jagt der Baron, „will
dem Saphir die hundert Thaler vor:
ftreden, aber er muß fie perjönlich
bei mir holen und mir bei diefer Ge:
legenheit einen Wig machen.”
Mohlan, der Vermittler hinter:
bringt die Botſchaft: „Der Baron ift
bereit, Dir zu willfahren, doch mußt
Du Selber zu ihm gehen und ihm
jogleih einen Wig machen.“
„Mit Vergnügen”, fagte Saphir
und ging zu Rothſchild. Dieler fam
ihm leutjelig entgegen und rief: „Ab,
Sie fommen um's Gelb?“
„Nein, Herr Baron“, jagte Saphir,
„Sie kommen um’s Geld.“
Wer fann ſchwimmen?
„He da! wer kann Schwimmen?“
rief ein Touriſt, der am Ufer bes
Mörtherfees ftand und über das Waſſer
jegen wollte.
Sogleich umringten ihn die Schiffer
und ſchrieen: „Ich, Herr, ih!” Nur
Habt Ihr ſchon den Wit gehört, ein Einziger blieb in der Ferne ftehen.
welhen der Witzmacher Saphir dem
Rothihild gemaht hat? Wenn nein, |zu,
jo erzähle ich ihn; wenn ja, jo erzähle
ih ihn auch.
„Du dort”, rief dem der Tourift
„kannſt Du nicht Schwimmen?“
„Nein, Herr.“
„Gut, jo fahre mich über!“
—
Kleine Laube.
Todtendienſt unſerer Väter.
Hütte bauen können in der andern
November, das iſt der trübe Monat Welt. Unter die Zunge hat man ihm
des Todtencultus. Wir find gewöhnt, |
den Tod mit Gepränge zu feiern; unjere
Vorfahren haben es auch fo gehalten.
Und dod wie anders !
Groß und wahrhaft heilig war den
alten Deutfhen nur der SHeldentod ;
traurig und ruhmlos der auf dem
Siechenbette. Erfterer wurde durch glän-
zende Feſte, letzterer in wunderlichen Ge: |
bräuchen begangen. — Lag ein Ster: |
bender lange in den Zügen, fo hob man
auf dem Dache drei Schindeln aus und
ſetzte fie verfehrt ein, drehte auch die Haus: |
geräthe um — das beſchleunigte das |
|
Ende; machte Thüren und Fenſter auf,
daß die Seele leichter den Ausgang finde.
War der Leichnam kalt und ftarr,
fo fchnitt man ihm die Nägel; aus |
diefen Nägeln hatten die Geiſter das
Schiff, die Naglfar gebaut, auf welchem
der Todte über das Meer dem Welt:
untergange zugeführt wurde. — Die
Augen durfte in heidnifcher Zeit dem
Todten, dem Erfchlagenen, nur Der
zudrüden, der für denfelben die Blut:
rache übernahm. — Dem Berftorbenen
ift dann ein Todtenſchuh mitgegeben |
worden, der langen, ſchweren Reife |
wegen in's unbefannte Land. Es gibt
Gegenden, in melden heute nod die,
Beerdigung = Feierlichfeit überhaupt
„Todtenſchuh“ genannt wird. Ferner, |
wenn der Hauöherr geftorben, fo iſt
fein Tod dem Vieh im Stalle, den
Dienen in den Stöden, den Bäumen
im Garten angefagt worden: „Der Wirth
ift geftorben I“
War der Todte gewaschen, fo warf
ein fleines Geldſtück gelegt? — der
Schiffer will feinen Fahrlohn haben,
der Petrus an der Himmelsthür hofft
vielleicht ein Trinkgeld. Der verftorbenen
Wöchnerin ift Kamm, Sceere, Finger:
hut, Nadel und Zwirn, dem Kinde die
Puppe mitgegeben worden. Wer feinen
Kamm mit hat, der muß drüben feine
Haare mit Stacheldornen ftrählen. Der
„Jungfrau hat man den Nosmarinzweig
um die Stirne gemunden. Aus den
Kleidern, die man dem Todten anthut,
ihneidet man noch heute in mandhen
| Gegenden gerne die Merkzeihen, Namens:
züge u. ſ. w. heraus, damit der Ver:
ftorbene nicht wiederfehre und die Fa
milie beunruhige.
Eine jeltfame Sitte ift in Südbaiern
am Led. Das Bahrbrett, auf welchem
die Leiche gelegen ift, wird in Form
einer menschlichen Geftalt ausgefchnitten
und an Feldrainen oder an Häufern
aufgejtellt.
Bei den Alten ift an Flüſſen oder
am Meerufer der Todte mit all’ feinen
Gaben auf ein Schiff gelegt und das—
jelbe den Wellen überlafjen worden.
Wenn ein nordifher Held im Streite
den Tod nicht finden Fonnte, fo geſchah
es wohl aud, daß er fich felbjt einem
Todtenſchiffe überantwortete, auf hohen
Wellen das Schiff mit einer Fadel in
Brand ſteckte und unter Göttergefängen
endete. So alt auch ift die Sitte, Leichen
auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Die
Scheiterhaufen wurden aus Eichen, Bir:
fenftämmen und Wacholder auf Hügeln
errichtet und mit einer Stadt von Zelten
umgeben, in welchen die Trauernden
man das Waſſerbecken an einen Drt, |harrten. Im heidnifchen Alterthume find,
den die Sonne niemals befdhien, oder | war ein hoher Herr todt, auch defjen
es iſt in’ Grab mitgegeben worden. | Frau, Knechte und Diener die Pferde,
(Davon vielleicht die vielen leeren Ur: | Hunde und Vögel mit verbrannt worden ;
nen in den alten Gräbern ?) Auch hat doch haben fi) die Menfchen früher
man dem Todten Eifennägel mit in den | freiwillig den Tod gegeben. Denen, die
Sarg gegeben; er mußte ſich ja eine | fich dem Herrn opferten, war in Walhall
151
ein hoher Lohn verheifen. War ber
Tobte verbrannt oder begraben, fo
jhritten die Leidtragenden dreimal um
den Sceiterhaufen oder um das Grab,
dann gingen fie zum Schmaufe.
War eine Thräne auf den Earg
gefallen, fo hatte der Todte im Grab
feine Ruhe.
Eine Zeit gab ed, wo es Sitte war,
daß man ungetauft geftorbenen Kindern
einen Pfahl durch die Bruft bohrte,
oder mit der Grabſchaufel den Kopf
vom Rumpfe trennte, damit fie nicht zu
Vampyren würden und den Ihrigen das
Blut ausfögen.
Von Negenten mußten die Weber:
refte, Herz, Eingeweide u. ſ. w. an ver:
fhiedenen Stätten begraben werden, um
die Fruchtbarkeit der betreffenden Land—
ftriche zu vermehren. Im öfterreichifchen
Raiferhaufe ift es heute noch üblich, daß
die Ueberrefte eines Herrſchers in drei
verfchiedenen Kirchen Wiens vertheilt
werden: das Herz fommt in die Hof:
pfarrfirche, das Eingeweide in denStefans⸗
dom, der einbalſamirte Körper in die
Rapuzinergruft.
Ueber den Gräbern fchichtete man
Hügel, feste Steine. Mit der Einfüh:
rung des Chriftentbums famen die flachen
Grabplatten mit Name und Todestag auf.
Die Beftattung der Todten ließen
fih die Deutfchen als heilige Pflicht
angelegen fein. Es bildeten ſich Vereine
eigens zu dem Zwecke, um fremde Tote,
die auf Straßen und weiten Felde ge:
funden wurden, zu beerdigen.
In al’ den hier berührten und noch
vielen anderen von der Religion bedingten
Todtenfitten der alten Deutfchen, lebt
der Gedanke von der Unfterblichleit der
Seele. Das ganze deutſche Mittelalter
fennt noch feinen Zweifel an der Un:
Das Mädchen am Bade.
Serbifches Volkslied, mitgetheilt von
D. Dürer.
Am Bade fteht ein mwundervolles Mägd-
lein,
Es net das holde Angeficht,
Und ftreicht die blühenden Wangen;
Zu den Wangen d’rauf fie fpridt:
Wüßt' ich, meine rothen Wänglein,
Daß euch dereinft füht ein Greis,
Wollt ih nad dem Walde gehen,
Sammeln dort mand)’ dornig Reis;
Auch den Wermuth wollt‘ ich pflüden,
Zöge einen Saft heraus,
Mit ihm netzt' ich meine Wangen,
Daß den Greis erfaßt ein Graus. —
MWüht’ ich aber, daß ein Jüngling
Diefe glüh'nden Wangen küßt,
Ginge ich in meinen Garten,
Rofen dort ih pflüden müßt’.
Zög' aus ihnen fühed Waffer
Und benegt! mein Angefidt,
Daß, wenn mid der Iüngling küßte,
Sie ihm ſchienen rofig licht ;
Daß mein Antliß lieblich dufte
Und erfreu' des Jünglings Herz,
Wenn er mich mit Gluth umfaſſet
Und mich küßt im ſüßen Schmerz.
Mit ihm zög' ich in's Gebirge,
Sucht' am Fels die Lagerſtätt',
Lieber als beim Greis zu ſchlafen
Weich auf ſeid'nem Ruhebett.
Die Herkunft der Seelen.
Die Chinefen glauben an eine
jterblichkeitälehre. Erjt mit der Rennaif: | Seelenwanderung — wenn diejelbe auch
fance: Beriode im Anfange des 16. Jahr- mit ihrer Ahnenverehrung im Wider:
hundertes erfchien — zuerft nur nebel- | fpruche jteht. Sie brauden eben eine
haft und momentan, allmälig aber immer | Religion fürs Herz. Der Buddhismus
deutliher — ein troftlofes Gejpenft — | lehrt nicht das Aufgehen der Seele in
die dee von dem ewigen Tode des |ein Nichts. Sold eine Lehre hätte feine
Individuums. Anziehungskraft für die Chinefen. Nur
das Grobfinnige verjhmwindet. Der Ge-
152
nuß in Nirwana (der Seligen Rubefit)
ift der feinfte, ätherifchite, ein alle Be:
griffe überfteigender.
Doch für diefen Genuß muß die
Geele früher dadurd gereinigt werben,
daß fie die Thierförper durchwandert,
von niedrigen zu höheren hinan bis zum
Menſchen, bis zum edelſten Menfchen
endlih, um von diefer legten Stufe zur
Nirwana einzugehen. Der Hindu z. B.
vermuthet in jedem Thiere eine menſch—
lihe Seele. Wenn ihm fein Ochs den
Gehorfam verweigert und den Pflug
nicht ziehen will, fo ftellt er fih vor
den Halsftarrigen, ftreichelt ihn und
fragt, ob Seine Majeftät geruhen wolle,
den Pflug zu ziehen. Es fönnte ja
doch eine Königsfeele in dem Ochſen
fteden. Lebt nämlich) die Seele im Men:
ichenleibe nicht nad dem Willen Gottes,
jo muß fie nad dem Tode wieder tie:
fer hinabfteigen zum Thierreihe, um
neuerdings die Stufenleiter zu erflettern.
Nah chineſiſcher Anſchauung tft es
ftetö eine Seele des willensjtarfen männ:
lichen Gejchlechtes, welche die Wanderung
bejchleunigt.
Wird dem Chinefen ein Kind ge:
boren, fo ift e8 eine wichtige Frage: „Wo—
MW. Lobfheid, der fi lange Zeit
im Reihe der Mitte aufgehalten und
und interefjante Bejchreibungen der
Chineſen zugemittelt hat, erzählt ung aus
Honkong folgende faſt unglaubliche That-
ſachen:
An einem ſchönen Sommertage hörte
ich ein furchtbares Geſchrei in meinem Hauſe.
Ich eile hinunter und ſehe, wie ein vor
Wuth ſchäumender Mann einen alten,
durch Krieg verarmten Gelehrten an der
Gurgel gefaßt hat und unter Fluchen
und Schlagen eine Sühne fordert. Die
Männer waren bald getrennt; aber nicht
ſobald beſänftigt. Den wüthenden Mann
nahm ich mit auf meine Stube und hörte
da von dem Unglück, was paſſirt war.
Längſt ſchon hatte der Mann die Schwie—
gertochter des Gelehrten gebeten, ſein
Haus zu verlaſſen, weil er befürchtete,
was jetzt geſchehen war. Sie war nicht
gegangen. Die vorhergehende Nacht war
ſie von einem Kinde entbunden worden,
und gleich darauf gebiert die Schwie—
gertochter des Hausherrn ein todtes Kind.
Die Theorie war alſo richtig, und die
Seele mußte geſühnt werden. Die Ruhe,
mit der ich dem Manne entgegentrat,
und die Gründe, welche ich ihm aus
her kommt die Seele des neuen Erden- einem chineſiſchen Werke gegen ſeine
bürgers? Was iſt ihr Schickſal in der | Theorie vorhielt, beſänftigten feinen Zorn.
neuen Geburt? Diefe Fragen zu löfen, Er ſchien das Thörichte feiner Lehre und
ift eine der erſten Angelegenheiten der
Eltern. Noch ehe ein Kind geboren ift,
drängt fi ihnen allerlei Sorge auf.
€3 liegt ihnen ob, alle Gefahren ab:
zuwenden, durch welche nad) dem Blau:
ben der Chineſen die Seele, melde in
der Nachbarſchaft umherirrt und gerne
wiebergeboren werben möchte, fich ver:
in einen andern
anlaßt ſehen könnte,
Körper zu gehen. Man darf daher nicht
zugeben, daß eine ſchwangere Frau aus
einem andern Orte oder aus einem an—
dern Hauſe in eine Familie zieht, in
welcher man ein Kind erwartet; denn
wenn dieſelbe früher niederkommt, als
die erſte Bewohnerin des Hauſes, ſo
nimmt ſie die für dieſelbe beſtimmte
Seele weg, und letztere gebiert ein
todtes Kind.
Handlung einzuſehen und ging ruhig und
friedlich nach Haufe.
Anders iſt es, wo die Seelenwan—
derung mit den Anſichten der Alten in
Conflict kommt. Um in der andern Welt
verforgt werden zu fünnen, muß man
einen Sohn haben. Nun fommt es vor,
daß eine weibliche Seele immer wieder
bei einer Familie einfehrt, um mieber:
‚geboren zu werben. Um diefe Seele ab:
zufhreden und eine männliche herbeizu:
Ioden, ſchlägt man die Neugeborene tobt.
Wird das nächte Mal wieder ein Mäd—
hen geboren, jo macht man’s wieder
‘fo, und fofort, bis die Seele erjhridt
und nicht wieberfommt. Auf diefe Weife
‚werden nicht felten in einer Familie
4—8 Mädchen getödtet. Will man nun
erfahren, ob es immer diefelbe Seele ift,
153
fo bezeichnet man dad Kind, ehe man
es töbtet, mit einem Male. Hat nun
das nächte Kind das Muttermal, fo
läßt man’3 leben; denn es würde doch
nichtö helfen, wenn man es auch tobt:
ſchlüge. Wird aber nad der Tödtung
des Mädchens ein Knabe geboren, jo
hat die harte Behandlung des Mädchens
die gewünschte Wirkung gehabt und die
weibliche Seele fern gehalten.
Gleich nad) der Geburt eines Kindes
drängt fih den Eltern die Frage auf:
Wird es glüdlih oder unglüdlich fein?
Um Gemißheit darüber zu erlangen,
wendet fi der Vater an einen Aftro:
logen. Er theilt ihm den Namen der
Provinz, der Präfectur, des Diftrictes,
der Stadt, der Straße, die Lage bes
Haufes, den Namen und Vornamen des
Vaters, die Verhältniffe der Familie, in
ber das Kind geboren ift, mit und bittet
ihn um eine baldige Antwort. Nach
einer furzen Einleitung lautet der Brief
etwa folgendermaßen: ... Die Menjchen
verdanten ihr Leben dem Simmel.
Diefer hat das Schickſal Aller beftimmt,
fie mögen reich oder arm fein. Am
neunten Tag diejes Monats ift mir ein
Hündchen (Sohn) geboren worden, und
es war mir, ala fei ich aus dem Traume
von einem Bären erwacht. Da ich jedoch
nit weiß, ob die Zeit feiner Geburt
eine glüdlihe, ob er langes Leben ger
nießen oder eined frühzeitigen Todes
fterben wird, fo erſuche ih Sie, die
fünf Elemente forgfältig zu prüfen und
die acht Zeichen (zwei für das Yahr,
zwei für den Monat, zwei für den Tag,
und zwei für die Stunde der Geburt)
zu erklären und zu fehen, ob ihre gegen:
feitige Erzeugung und Zerftörung mit
den Gefegen der Natur übereinjtimmt,
ob fie Unglüf anzeigen; ob er ber
Hilfe der Götter bedarf; ob ein Mangel
im Schidfalsbilde (Horoffop) iſt welcher
erjegt werden muß. Diefes Alles müffen
Sie und genau angeben, damit wir
wiſſen, wie wir dem Glüde folgen, Un:
glüd vermeiden oder abwenden, und
Fluch in Segen verwandeln können, da=
mit nicht nur das Kind glücklich fei, fondern
‚die ganze Familie Ihr Verdienft preife.
Ehrfurchtsvoll unterbreite ich Ihnen die
‚acht Zeichen und hoffe, Sie werben uns
mit einer Erklärung derjelben beehren.
Gefchrieben im 2. Jahre Tungtschi's,
am 10. Tage des 9. Monats.
Die fünf Elemente find: Waffer,
Feuer, Holz, Metall und Erde. Die
Zeichen, welche für jahre, Monate, Tage
und Stunden gebraudt werden, beziehen
fih auf die fünf Elemente, deren gegen:
feitige Erzeugung und Berftörung fol:
gendermaßen ausgedrüdt wird:
Metall erzeugt Waſſer; Wafler erzeugt
Holz; Holz erzeugt Feuer; Feuer er:
zeugt Erde; Erde erzeugt Metall. Metall
zerftört Holz; Holz zerftört Erde; Erde
zerftört Waſſer; Wafler zerftört Feuer;
Feuer zerftört Metall. (Das Wort, welches
hier durch „zerftören“ überfegt ift, heißt
richtiger beftegen, überwinden).
Enthält nun das Schidfalsbild zu
viel von einem Elemente, wie Waſſer,
Teuer oder Metall, fo würde dieſes
Ueberwiegende des Einen alles Glüd
zerftören, welches dem Kinde aus den
andern Elementen erwachſen fünnte. Es
muß dann ein Name gewählt werden,
welder aus Zeichen befteht, die das
Fehlende im Schidfalsbilde erfegen und
das Gleichgewicht der ſich gegenfeitig
erzeugenden und befämpfenden Elemente
beritellen.
Außerdem können noch gewiſſe Con-
junctionen der Jahres- und Tageszeiten
ſechs Verletzungen und drei Strafen*)
herbeiführen. Kommen nun im Horoskope
foldhe vor, fo müffen auch diefe unfhädlich
gemacht werden. Das erfordert wieder
einen fundigen Mann, der mit Gott
und ber Welt vertraut ift, mithin jedem
Unglüde vorbeugen fann.
Das Erfte, was den Eltern nad
diefer ernten Angelegenheit obliegt, ift,
den Göttern für den Segen eines Kindes
zu danken, und zu erfahren, woher der
neue Ankömmling fommt; ob er Glüd
oder Unglüd bringt. Die Danffagung
*) Krankheiten, melde man bier nicht
weiter erflären fann.
154
geſchieht durch Gebete und Opfer. Ein
Buddhiſt thut hierauf Befcheid, wer die
früheren Eltern des Kindes waren und
daß dem Neugebornen entweder ein
glüdliches Leben bevorftehe, da feine
vorigen Eltern al’ ihre Schulden in
Reis oder baarem Gelde bezahlt hätten,
oder aber eine unheilvolle Zufunft, wenn
irgend melde Schulden der Vorfahren
nicht getilgt worden waren. War ber
erfte Act vorwaltend das Werk eincs
Tauiften, jo wendet die Familie fich
jegt aneinen Bubbhiften, um das Meitere
zu erfahren.
Grillen.
Zwingt Niemand, daß er fi befchide
Und fagt ihm nicht, was er zum Glüde braucht ;
Der größte Thor hat Augenblide,
Mo ihm die Weisheit aus der Nafe raudıt.
Wer fi bewirbt um Huld der Frauen,
Laß' vorerft mit Geduld ſich trauen,
Und wird ihm Huld, fo rath’ id dann
Zur Stubenmagd — ÜErgebung an.
Die Fliege fam zur Spinne bin,
Zu fragen nad der Weisheit Sinn;
Da gab die Spinne kurzen Rath:
Bedenke nichts vor Deiner That.
Viele Kerzen hab’ ich verbrannt beim Denten
und Dichten.
Sündgeld war’, ich geſteh's, das ich darüber
verlor.
Hätt' ich's verkegelt, fo hätt’ ich gewiß auch
einntal gewonnen,
Hätte die Augen gefhont, Bücher und Federn
erfpart.
Sparen, das lernte mir Amor erft. Wenn
diefer zu uns fam,
Löſcht' ich ſchleunig das Licht, um ihm mod) |
beffer zu feh'n.
Du fannft das Lafter treiben,
Frei gehr'8 don Haus zu Haus,
Nur wag’ es nicht zu fchreiben,
Sonſt ftreichen fie Dir's aus.
Einft fchnitten die Parzen entzwei mit der
Sceere den Faden,
Und heut’ vom Papiere fie löfen die faulen
Coupons.
». €. Aäfer.*)
November.
Unfere Monatönamen ftammen von
den alten Römern her. Theils find die:
felben nad den römifchen Göttern be—
nannt, wie Januar (Janus), Februar
(Februus), März (Mars), Mai (Maja),
und Juni (Juno); theils nad römischen
Herrfhern, wie Yuli (Julius Cäfar),
und Auguſt (Auguftus). (Der April
war dem Nero geweiht.) Theild endlich
nah den Stellungen, die fie im Laufe
des Yahres einnahmen. Das Jahr fing
bei den Römern mit dem Mär) an;
September bedeutete alfo der Siebente,
Dftober der Achte, November der Neunte
und Dezember der Zehnte. Karl der
Große hat deutfhe Monatönamen ein-
führen wollen; aud die Franzoſen ver:
ſuchten es nad) der Revolution die Na=
men der Monate den neuen Berhält:
niffen entfprehend zu ändern — allein
das Alte — und wenn es auch gar nicht
mehr paßt, — merzt fich fo ſchwer aus,
und — bis heute ift es bei den alten
Monatsbenennungen geblieben.
November bedeutet der Neunte im
Yahre, gleichwohl er bei ung der eilfte
ift. Er iſt der erſte Wintermonat, der
Nebel: und Windmonat. Mit Allerhei:
ligen beginnt der fogenannte Altweiber:
fommer. Bald fommt — wenn fie nicht
ihon da ift — die trübe feuchte Wit:
terung und der Schnee. Bon den Bäu—
men fallen die letten gelben Blätter
ab, im Walde aber herrſcht Waidmanns:
luft und in den Küchen ift die Zeit der
geſpickten Hafen. Die Natur fällt in
”) Diefe Berfe find entnommen bem Manuferipte
eined achtzigjährigen, fteirifhen Dichters, Die Hands
ſchrift führt ben Titel: „Ein Pfad zum Barnab”
unb entbält meiſt formſchöne, geiftesiharfe Bebichte,
melde, wohl in vormärzlicher Zeit entftanden, damals
die Genfur nicht paffirten und bis heute im Staube
ruben, bes Wedrufes eines unternehmenden Buchhänds
lers Harrend,
155
den Winterfchlaf und mwünfcht ſich eine
dide Pelzdecke aus Schnee.
Im Garten gibtE noch zu thun.
Rapunzeln, Zuderwurzeln, Spargel wer:
den gejäet und mit Erde, Mift und
Baumlaub bebedt.
in die Keller gebradt. Die Obftbäume
werden gereinigt und mit der Pechpfaid
verjehen. Vögel und Inſekten vergraben
ſich und die Biene ruht in ihrem Haufe.
Der Landmann hat feine Einheimfun:
gen und feine Bejtellungen für's nächſte
Jahr in Ordnung gebracht und zieht fich in
feine Behaufung zurüd, wo die Winter:
arbeit feiner harrt, das Drefchen auf der
Das Gemüfe wird
Tenne, das Beforgen der Viehftälle und
an den langen Abenden das Kufuruz:
ſchälen, das Rübenabſchwänzen und das
"Spinnen.
Zu Anfang des Monates fällt das
Feſt des Himmels (Allerheiligen) und
‚der Gedächtnißtag der Todten. Etwas
jpäter fommt St. Martin mit der Gans,
dann Kathrein — die fperrt den Tanz
ein, weil der Advent vor der Thür ift.
Und endlih naht Andrä mit Eis und
Schnee,
Der Tag ift neun Stunden lang
und Groß und Klein fehnt fich dem
Chriftmonat entgegen.
Bücher.
Stelzhamers „Liebesgürtel“.
Als vor Jahren ein munteres altes
Männchen — nein, ſagen wir lieber
ein munterer alter Burſche, mit einem
jugendlichen Geſicht auf einem betagten
Leibe und einer ehrlichen Kupfernaſe,
die in der Umrahmung des das Geſicht
umwallenden weißen Gelocks gar eigen
leuchtete, in meine Stube trat, mit den
Worten: „Alſo ſo ſieht der H. aus?
hab' mirs beiläufig ſo gedacht!“ mich
eine Weile mit ſcharfem und dach ge—
müthlichem Auge betrachtend, dann aber
ſogleich, nachdem er die Aufklärung ge—
geben, er heiße Stelzhamer, von ſeinem
zweijährigen Töchterchen zu ſprechen an—
fing, dem Stolz des ſiebzigjährigen Er—
zeugers und liebſten Thema ſeiner Ge—
ſpräche — da glaubte ich es gern, was
ich damals eigentlich erſt vom Hörenſagen
mußte, daß der liebenswürdige Land—
ftreicher, der vor mir ftand, ein vortreff:
liher Dichter in obderenfiiher Mundart
jei. Volksthümliche Dialektdichtung, ja,
dus fonnte man gerade von diefem Manne
erwarten. Als aber num vor Kurzem eine
hochdeutſche Gedichtfammlung desjelben
Mannes:
kam und ich mich in biefelbe vertiefte
da erftaunte ih im erften Augenblide
und viel hätte ich D’rum gegeben, wenn
der muntere „alte Burfche“ nicht in—
zwifchen „heimgegangen“ wäre, und id)
eine Hoffnung hätte haben fönnen, daß
er noch einmal in meine Stube treten
werde. Aber nur im erften Augenblide
ihien der Adel des poetijchen Empfin-
dens und des Ausdruds in diefen Ge:
dichten mir nicht verträglich mit jener
gemüthlihen Weltfahrer-Erfcheinung ; im
nädjten fand ich, daß jener Menſch und
diefe Gedichte doch zufammengehörten,
ja bald merkte ih, daß ich fogar erſt
den rechten Genuß von den Gedichten
hatte, wenn ich dabei den Dichter mir
vergegenmwärtigte, fie mir mit feiner
Stimme, in feiner gemüthanfprechenden,
naturfrifhen Weiſe geſprochen dachte.
Der nächſtliegende Vorzug dieſer
Poeſien iſt ein überaus natürlicher Fluß
der Rede und des Verſes — und doch
reihen fie an das Maß edelſter Kunit-
dihtung hinan. Und der „Erdgeruch“,
‚der, wie der Dichter felbit jagt, „auf:
wirbelt aus feinem Liederbuch,“ iſt ein
„Ziebesgürtel“ betitelt, reiner, frifcher, hat nicht? von Sumpf,
(Beit, Hedenaft 1876) mir in die Hände | nichts Fauliges, Miasmatifches an ſich.
156
So zart, fo finnig und innig Elingt es
aus vielen biefer Lieder, daß man bis
auf die Minnefänger zurüdgehen müßte,
um ein Beifpiel diefer Sangmweife zu
finden. Will man fehen, welchen naiven
Ausdrud das tiefjte Erjchaudern vor
dem ewigen Weltgeheimnig in einem
volfsthümlich veranlagten Dichtergemüthe
findet, fo lefe man die wunderfame Ge:
fühlsarabesfe „Sturm“ ©. 205, oder
die originellen, ergreifenden „Letzten
Waldlaute“ ©. 216 ff. Die Perle der
ganzen Sammlung aber ift das Gedicht
„Ditern”, ©. 250. Es fei den Zufam-
menftelleen von Anthologien enıpfohlen.
Solde Spenden wiegen einen Band
gemwöhnliher moderniter Dichterhallen:
und Albums:Lyrif auf, deren vornehm:
ſtes Merfmal eben in dem Mangel
jene frifhen, jungfräuliden „Erdge—
ruchs“ befteht, den unfer Dichter in
feinem Buche entſchuldigen zu müſſen
glaubt.
An Wendungen eines gemiffen „trode:
nen“, nah dem Geſchmacke Mander
and Barode ftreifenden Humors ift am
reichften der merkwürdige unter ber
Ueberfchrift „Im Alter“ vereinigte Cy:
klus. Feinfinnige Kenner der poetifchen
Literatur des Tages werden hier in
Versmaß, Ton und Ausdrudsmeife eine
auffallende Verwandtſchaft finden mit
manden Stellen humoriftifher Art in
der „Gräfin Seelenbrand”“ unjeres Fer:
her von Steinwand — ein Bemeis,
daß die Dichter der öfterreihifchen Al:
penländer noch Anderes und Tieferes
verbindet, als der doch nur mit halbem
Rechte von alten und jungen Fritifchen
Spaten noch immer auf allen Dächern
bezwitfcherte „Bilderreihthum“. Gerade
dort, wo der Humor fich geltend madht,
wird Verſtändniß und Genuß für Die:
jenigen, die den Dichter gefannt haben,
dur die Vergegenwärtigung der Indi—
vidualität desjelben ſehr gefördert wer:
den. Unmittelbar von feinen Lippen
fließend muß man ſich Verſe denken,
wie ©. 323:
„Was ich denn made? Wovon id) lebe?
Das möchten fie dringend gern wiſſen.
Ei, durch Zeus’ Ganymed und Hebe
Bon Nektar und lauter ambrofijhen Biflen ;
Doch machen, wie alle Kinder des Lichts,
Machen thu’ ich einftweilen — nichts !"
Herr Dr. Egger von Möllwald hat
fih durch die Herausgabe, Herr Hede-
naft durh die glänzende Ausjtattung
diefer Sammlung ein großes Berbienft
erworben; das Größte aber wird ſich
erwerben, wer und den ganzen Gtelz-
hamer gibt, eine Gefammtauägabe feiner
Werke, die zu fpät fommt, wenn fie
nicht bald fommt, bevor das friſche An-
denfen an den Dichter erlofchen ift.
Aobert Hamerling.
„Grommell‘,
Tragödie in 5 Aufzügen von Emanuel
MWertheimer, Leipzig €. I. Günther.
— . Grommell, der Lord:General,
der in England nad) König Karl’s Sturze
die Zügel in der Hand hat, fprengt
mit bewaffneter Macht das läſſige, unthä-
tige Parlament und wird vom Volke
zum Lord: Protector auägerufen. Doc
fein Streben geht nah dem Königs:
throne. Gegen den Rath feiner Getreuen
will er fih die Krone aufs Haupt
fegen, aber im entjcheidenden Momente
hält ihn feine Lieblingstocdhter Elsbeth
von dem übereilten und gefährlichen
Schritte zurüd. Elsbeth ift e8 überhaupt,
in der Crommell feinen ſchützenden Engel
fieht, an der er mit der innigiten Liebe
hängt. Als er aber Slingsby, dem
Elsbeth ihr Herz geſchenkt, in Folge
einer Verfhmwörung ergreifen und ohne
Mitleid Hinrichten läßt, da wird Elsbeth
wahnfinnig und unterliegt ihrem großen
Schmerze. Aber aud von außen hat
fih Alles gegen Grommell und feine
ftolzen Pläne verſchworen, langjam zer:
fällt fein fiecher Körper, vom Fieber
durchſchauert, will er noch, von Allen
verlafien, in den Kampf hinaus. — Da
trifft ihm die Nachricht von bem Tode
Elsbeth’3 und tobt bricht er an ihrem
Sarge zufammen. —
157
Das ift in- kurzen Morten ber
Inhalt des neuen Drama’s. Da der
Stoff der englifhen Geſchichte entnom—
men ift, die doch fchon fo oft und
meijterhaft behandelt wurde, fo lag die
Gefahr nahe, daß das Drama fchon
dadurd etwas an Originalität einbüße.
Indeß läßt die durchaus neue Art der
Behandlung und die originelle Bühnen:
führung dieſes Vorurtheil bald ſchwinden.
Die Charaktere find mit viel Geſchick
gezeichnet, und namentlich fteht Elsbeth's
Bild fehr rein und klar da, iſt's doch
fie allein, die unfere Sympathien aud)
auf Crommell überträgt. Die Sprade
bewegt fih in ſchönen Grenzen und
ſchlägt an den Höhepunften der Hand-
lung oft clafjifhe Töne an, wenn
und aud das Pathetifcheerhabene hie
und da nit am richtigen Orte fcheint.
Jedenfalls aber fann man dem Dichter,
der fih mit diefem Werfe zum eriten-
male auf dramatifchem Gebiete verjucht
hat, einen jchönen Erfolg prophezeien.
Sch.
—
Der entfefjelte Prometheus.
Lyrifches Drama von P. B. Shelley, deutſch
von Alfred Graf Bidenburg. — Ver-
lag von 2, Rosner, Wien.
Widenburg, der uns ſchon mand
herrlihe Dichtung aus fremden Sprachen
übermittelt hat, bietet uns hier eines
der in feiner Art großartigften Werte
der englifchen Literatur, dad Drama von
Shelley: „Der entfefjelte Prometheus“.
Es iſt dies zwar feine moderne Dichtung,
es iſt eine Allegorie, aber es ift —
wie Johannes Scherr jagt — ein Hym:
nus auf die welterlöfende Kraft der
Humanität.
Mit der Prometheus » Mythe haben
fih die größten Dichter aller Zeiten be-
faßt, denen die Befreiung des Menfchen:
geiftes am Herzen lag — fo Aeſchylos,
Byron und Goethe. Bei Aeichylos ift
Prometheus der vom Zeus an einen
Felſen des Kaukaſus Gejchmiedete, weil
dur den Willen des Zeus endlich be:
freit. Goethe's entfeflelter Prometheus
ift der von dem Oötterglauben losge—
rifjene Menfchengeift in feiner Arbeit,
in feinem fünftlerifchen Schaffen, ftolz
ſich felbjt Hütten bauend und Menſchen
Ihaffend nah feinem Bilde. Byrons
Prometheus ift der trogende und gefefjelte,
Shelley’3 Prometheus aber ift der wohl:
thätige Menfchengeift, der wider das
böfe PBrincip fämpft, der eine unendlich
lange Zeit hindurch wohl von demfelben
unterdrüdt wird, aber nicht für immer:
dar gefnebelt fein kann, fondern eines
Tages zum Entzüden des Weltalls be:
freit ift, der fiegreihe, der erlöfende
Prometheus. .
Es mag wohl die allegorifhe Form
diefer Dichtung nicht zeitgemäß fein, aber
der Geift derjelben ift ed gewiß. Trogdem
in unferen Tagen der Menſch fühn fich
eine Xeuchte um die andere vom Himmel
reißt, will doch der Peſſimismus immer
mehr und mehr emporwuchern, gleihfam
als die gefährlichite Gegenwehr der Götter.
Aber die Menschheit kann nicht verloren
fein, darf am wenigſten felbft fich ver:
lieren; fie braudt, wie Shelley fagt,
nur zu wollen, daß es fein Böjes gibt,
und es wird feines geben.
Graf Widenburg nun hat es unter:
nommen, einen ſolch großen Geift, wie
er der Welt noth thut, uns zuzuführen.
Schöpferiſchen Sinnes hat er deſſen edles
Werk mit tiefem Verftändniffe und großer
Klarheit in die deutſche Sprade über:
tragen und fo unferer Xiteratur einen
Dienjt erwiefen, den fie ihm nicht ver:
geſſen wird.
Die Wirthſchaft des Menjhenges
ſchlechtes
auf dem Standpunkte der Einheit idealer und
realer Intereffen. Bon Julius Fröbel.
(Drei Bände, Verlag von Otto Wigand in
Leipzig).
Ein groß angelegtes Buch voll ſchöner,
er den Menſchen das Feuer vom Him— geiſtreicher Gedanken. Es iſt ein natio-
mel geholt hatte. Der Gefangene wird nal-ökonomiſches Werk, doch nicht in der
158
falten, trodenen Gelehrtenmanier gez |
fchrieben, fondern ideal aud im Praf:
tiſchen und real in der Auffaffung ivealer
Beitrebungen und Güter. Der erfte
Band behandelt die Grundverhältnifie
und allgemeinen Vorgänge der Wirth:
Ihaft; der zweite Band fpricht über die
Privatwirthihaft und Volkswirthſchaft
und der dritte Band umfaßt die Staats:
wirthichaft, die Völker: und Weltwirth:
Ihaft und die Wirthichaftäpolitif.
Mir wollen Fröbels Standpunkt im
Einzelnen furz andeuten. Der Berfaffer
ſieht in der Perfonalmirthichaft das fitt:
liche Element; doch habe fie zwei große
Gegner: den Jeſuitismus und den Com:
munidmus. Das Dogma der Unfehlbarfeit
und der Communismus zufammen fei
die größte Reaction, welche je in der ge:
bildeten Menfchheit verfuht worden ift.
Die Phraſe „Neht auf Arbeit” fei
Unfinn ; der Communismus, der gewifjer:
maßen ein ganzes Volt von jtaatö-
wegen auf Tageslöhnung ſetzen will, ſei
ein Syſtem wirthſchaftlicher Ehrlofigfeit. |
— Fröbel empfiehlt die Sparjamteit.
Bei der Beiprehung der Familienwirth:
Ihaft verurtheilt der Verfaſſer den
„Emancipationsfchwindel” der Frauen,
deren Beruf e8 fei, Mütter, Gattinnen,
Hausherrinnen zu fein, nicht aber in
ihrem Wirken mit den Männern zu
wetteifern. — Wir haben gar nichts
dagegen, wenn Fröbel unfere unnatür:
lihen weiblichen Kraftgenies abfanzelt ;
aber wir vertheidigen die edlen Beſtre—
bungen der Frauenwelt nad) einer
Stellung, um in der Lage zu fein,
im Nothfalle ihr Brot jelbft zu erwerben.
— m dritten Bande nimmt Fröbel,
was wir hervorheben wollen, die in:
directen Steuern gegenüber den directen
in Schug. — zum Scluffe gibt unfer
Nationalölonom Winfe über Erziehung,
bei welder der Staat ftetö ala Ober:
vormund zu wachen habe. |
Hundert originelle Gedanken und
pbilofofifher, inhaltsfchwerer Lecture zu
befafien pflegt.
Das Judenſchloß.
Roman von Erwin Schlieben. (Drei
| Bände, Preiburg und Leipzig bei Guftav
Sedenait.)
Ein Buch voll Kraft und Wärme,
voll treffender Einzelnheiten und in
gewifjen Theilen pifant bis zum Exceß.
Des Buches Seele aber ift die Ber:
dammung des Judenthums und die
Proteftion altadeliger Familien. Wer,
um Gotteswillen, fol in unferer Zeit
mit folder Tendenz einverftanden fein !
Uber wer, der den erften Band
diefes Nomanes gelefen hat, wird nicht
nad dem zweiten und dritten greifen ?
Es ift vielleicht feine gute, aber es ift
eine feilelnde Leltüre, die wir nur ſol—
hen anrathen, denen ein Roman weder
nügen noch fchaden fann. Als Unter:
haltungsjchrift wird das „Judenſchloß“
feinen Zwed im hohen Grade erfüllen.
Hoch oben im Norden
betitelt fih das erfte Heft der „Vater:
ländifchen Volksbücher“, melde bei C.
Stod und Comp. in Wien erfceinen.
Diefe Volfsbücher ftellen fi zur Auf:
gabe, im begeifternder Schreibweije Alles
zur Darjtellung zu bringen, was würdig
ift, in Oeſterreichs Chrenhalle aufge:
nommen zu werben, und baburd Die
Liebe zur Heimat zu weden und zu
ftärfen. Das erfte Heft dicjes löblichen
Unternehmens behandelt die öſterrei—
hifch:ungarifhe Nordpolerpedition in
den Sahren 1872 —1874, dargejtellt
von Hermann Quiquerez. Es ift mit
ſechs Bildern geziert und mit einer
Karte verfehen. Das Büchelchen ift an:
ziehend, doch faft zu pathetifch gefchrie-
ben. Jene Theile aber, welche die Ge:
Rathſchläge treten uns in diefem anre- ſpräche der Mannſchaft des „Tegetthoff“
genden Werke entgegen; wir empfehlen | darftellen, behagen uns nicht; fie find
Fröbels Buch Jedem, der ſich mit ernft: | für ein Volksbuch doch allzuplatt und
159
unbedeutend. Wir meinen, daß unfere
braven Nordpolfahrer befjeren Humor
an Bord gehabt haben werden, als ber
Beſchreiber ihrer Fahrt.
Der Tod in der deutſchen Sage und
Dichtung. j
Schwebel (Berlin Alfred
Weile's Verlag.)
Mas über das tieffte Näthjel, den
Tod, das deutſche Volk je gedacht und
fih erzählt hat, wie den Tod die Künſt—
ler dargejtellt, die Dichter befungen, die
Religionen geftaltet haben — in diefem
anziehenden Büchlein finden wir es an:
gedeutet. In lieblichen, phantaftijchen
und fchauerlihen Bildern hat das Hei:
denthum wie das Chriftenthfum das Ge-
heimniß unjeres Endes verfinnlicht und
wohl Vorſtellungen geſchaffen, die wir
heute kaum mehr begreifen, fo vielfache
Spuren alter Sitten auch auf unfere
Tage übergangen find. Schmwebel hat
uns in feiner Stubie ein Werfchen ge:
geben, das in überfichtlicher Kürze einen
äußerft lehrreichen Einblid in die deutſche
Volksſeele bietet.
on Oskar
Germania.
Zwei Iabrtaufende deutſchen Lebens, cultur-
geihichtlich geicildert von Johannes Scherr.
Verlag don W. Spemann in Stuttgart.
So gehen denn aud unfere lieben
Geſchichtſchreiber zu den Bilderbuch;
madhern. Johannes Scerr, der fonft
feine Bücher für Männer mit der Teu:
tonenfeule jchreibt, gibt ein Lieferungs—
werf heraus, „mit jchönen Bildern ge:
jieret“, wie man noch zu Anfang des
Jahrhunderts auf den Titel der Nitter-
und Räuberromane gedrudt hat. Zwei
Yahrtaufende deutfchen Lebens! Und dem
großen Publikum dargejtellt! Soll ein
ſolch' peflimiftifcher Geift, wie Johannes
Scherr es ift, für das Volk fchreiben ?
Oder wird er mit Nüdficht auf die Be:
ftimmung des Buches jene Objectivität
zu bewahren willen, die den Dichter
ziert, dem SHiftorifer aber unbedingt
nothwendig ift ?
Commis voyageur.
Wochenblatt zur Unterhaltung für Handels
reifende und junge Kaufleute und Organ zur
Wahrung ihrer Intereffen. Seit 1. Oktober
herausgegeben von Eduard Schröder in Te-
ihen (öfterr. Scylefien). Mitarbeiter für den
unterhaltenden Theil Oskar Blumenthal, Lud—
wig Brunier, Friedrih Marz, Th. Quidob,
Sader-Mafoh, Erwin Schlieben, 2. Temenau,
Vacano ıc.; für den fachlichen Theil: I. Ber-
ger, U. Biihof, I. Kuppis, 9. Littow, D.
Schröder und K. Maud.
Sin der neueften Nummer dieſes
mit vielem Geſchicke redigirten Blattes
finden wir unter Anderem eine pilante
Novelle von Vacano und einen inter:
eflanten Auffag über Figuren in ben
Geldnoten von Karl Berger. — Diejes
neue Organ fcheint wirklich einem ge:
fühlten Bedürfniffe abzuhelfen und wird
befonder8 in der Handelswelt feine
Freunde finden.
Kärntner Volkskalender für 1877
begründet von 8. Pröll; Klagenfurt bei
Eduard Liegel.
Ein gutgeordnetesKalendarium, praf:
tiſche Mittheilungen, Tabellen, Adreſſen
u. ſ. mw. zeichnen diefes Jahrbuch aus
und machen es befonderd für Kärnten
zu einem unentbehrlihen Nachſchlagebuch.
Der unterhaltende Theil bringt Erzäh:
lungen aus den Werfen Auerbachs, die
Slode von Schiller, eine Dorfgefchichte
von Fr. Groder und eine Anzahl be:
lehrender Aufſätze moralifchen und praf:
tiihen Inhaltes.
160
Das neue Jahr.
Volkskalender für 1877, herausgegeben von
P. 8. Rofegger, Verlag von Guftan
Hedenaft, Preßburg und Leipzig.
Das Volksbuch, mit dem Bildnifje
Dr. Rechbauer's gefhmüdt, enthält:
Maria im Elend. (Eine Gedichte aus
dem Hochgebirge von P. K. Rofegger.)
— Geiftesworte. — Gedichte von Ro:
bert Hamerling: (Alpenrofen, Volks—
weiſe). — Ein Anwalt unferes Vater:
landes. — Steirifhe Weis von Zither:
und Hockbrettſchloga: (Ah Liabögfangl.
A Wohrſprüchl. 'n Franzl fei Chrift-
bam.) — Peit:Röschen. (Eine Erzäh:
lung aus ſchreckensvoller Zeit.) — Ränke
und Schwänfe: (Vom Spießruthenlau:
fen. Was hat er predigt ? Kratze mic,
Fremdling! Unmwahrheit bringt Rofen.
Miederjehen in der Hölle. Aus dem
Tagebud; des heiligen Petrus. Drei
großmüthige Herren und ein Fleinmüthi:
ger Diener. Ein Mann, der täglich
feinen Knecht verfauft. Eine Räuberge:
ſchichte. Große Herren haben große
Füße.) — Die Kindlein wiſſen's. (Ge:
dicht von Robert Hamerling.) — Nach—
rihten aus Gutweiler. — Wie die
Gemeinde Gilau befehrt worden ift. —
gene Heldenkfunde ) — Ein Soldaten-
flüchtling. (Gefhichte aus dem Wolfe:
leben vergangener Zeit.) — Das Spar:
cafja-Büchel. (Eine lehrreiche Geſchichte
für Jung und Alt, erzählt von Dr.
Eduard Haife.) — Alpenbilder aus
dem Wanderbuche des Kalendermannes :
(An meinen Michel. In der Höll'.) —
Das Volk im fernften Dften. — Geh’
heim in dein Haus. — Der Neujahrs-
bote. — Der Anhang für den täglichen
Gebraud enthält: Das neue Maß und
Gewicht. Deutfhlands neue Münzen. Poft:
weſen. Telegraphenmwefen. Jahrmärkte.
Das vollſtändige Kalendarium iſt mit
Einſchreibeblättern verſehen.
_—
Poftkarten des „Heimgarten“.
Herrn R. 9. R. Wien: Dank für Ihre
gütige Benrtheilung. Ihre Anregungen wer-
den nicht unfruchtbar fein. Die beften Blätter
werden vom Publitum felbft gemadht.
Herrn M 3. v. 9: Mit Dorfromanen
find wir nad) Bedarf verfehen. Einjendungen
von furzgehaltenen originellen Volksſagen,
Märhen, Schwänken und Bolksliedern find
willfonmen.
3.6. —: Auf weldes ſeltſame Feld haben
Sie in Ihrem Aufſatze dod die Stempelfrage
Geiftesworte. — Anaftafius Grün. (Seht | gefcleppt! Als Katholit follten Sie wiſſen,
den Lenz, den Freiheitshelden! Der | daß Meſſenzahlungen keiner Steuer unterliegen
Ring. Maria Grün.) — Geiſtesworte. —
‚ fönnen.
Allerlei Alt und Neu: (Ein offenes |... viele Einfender: Nur feine fentimen-
Wort in Saden der Volksſchule. Ein
Doppelblid auf Rußland. Etwas über
die Leibeigenfchaft. Wer find wir und
wie vieler find uns? Warum mollen
die Männer nicht heiraten? Ich trag’
ein ſüß Geheimniß. Schüßet den Spar:
pfennig. Zur Rettung von Verunglüd-
ten. Schule des Sterbens. Halbverflun-
n Gedichte! Der Raum im „Heimgarten”
ift befhräntt und der im Papierkorb bereits
überfüllt.
Frl. M. R.: Wir können Ihnen nur ant-
worten, was Grillparzer auf die Selbftbiographie
einer Dichterin fagt:
Millft vor dem Volt Du Dich entkleiden,
Mie Phryne's Beifpiel weift:
&o prüfe vorher Dich befcheiden,
Wie ſchön Du etwa fei'ft.
Drud von Leykam⸗Joſefathal in Graz. — Für bie Nebaction verantwortlih P. A. Nofegger.
—
ie en —
December 1876.
* 2 *
at. -
=? une
h SI} F SE
au at
*
2⏑— ——
J. Jahrg.
Der junge Better.
Eine Gefhichte von A. C. Müller.
Der Mai war gefommen. Die lofe
Schaar der Vögel jubelte und fang
vom frühen Morgen an auf ben grü:
nen Zweigen, die Sonne lachte von
oben herab und die Wellen des Mee-
res ſchlugen leiſe, ganz leife an das
flache, gelbe Ufer. Es war Frühling,
wahrhaftiger Frühling, wie er im Bu:
he ſteht, voll Luft und Leben, und
der. jpige Kirchthurm, deſſen Wetter:
bahn fih jo recht in der blauen Mor:
genluft drehte, jchien heute jo heil
und freundlich, als ob er ſich mit ber
Erde verjüngt hätte und alle Welt
mahnen wollte, doch ja recht heiter
und guter Dinge zu fein. Sonft war
e3 jtill, fait lautlos ftil rings um
das ftattlihe Herrenhaus mit dem
prächtigen Garten, das auf einer Anz
höhe lag und das nahe Dorf ſowie
die Umgebung beherrſchte. Ein gelb:
lih-weißer Hund, nicht groß, von un:
beftimmbarer Race, aber mit einem
pfiffigen Geficht, ſaß behaglich in der
Kofeggers „‚Hrimgarten‘ Ur. 3.
warmen Sonne und beobadi te bie
jungen Hühnchen, die um die glu jenbe
Henne berumftolperten und purze 'en,
weil fie ihren Schwerpunft noch ni St
richtig zu balanciren verftanden. Be:
der ftattlihen Veranda mit den mweiß-
gefaßten Glasſcheiben vergnügten ſich
einige Spaten mit bedeutungsvollem
Gezwitiher — ſonſt ſchien es bier
weiter feine lebenden Weſen zu geben
und wäre nur die bewußte Dornhede
geweſen, man hätte wetten mögen, daß
bier die Heimat Dornröschen’3 wäre,
die des Prinzen harrte, der fie zum
Leben und zur Liebe wachküſſen follte.
Gab es hier wirklich feine lebende
Seele weiter?
D ja, und nicht blos eine Seele,
fondern ſogar noch ein Herz, ein fri-
ſches, Iuftiges Mädchenherz, fo gut
und fo Schön wie biefer Frühlingstag
jelbit und ebenfo keck, wie die Finken
draußen. Dieſes Herz aber gehörte
einem „fiebenzehnjährigen Dingelchen“,
11
162
wie der Onkel fie nannte, nämlich ſei- indem wir verfihern, daß Margaretha
ner Nichte Margaretha, die feit fünf in der That ein hübſches Mädchen,
Tagen aus dem Boden der Nefidenz | nicht zu groß und nicht zu Flein, nicht
hierher verpflanzt und zum Bejuch zu bager und nicht zu üppig mar,
auf einige Wochen gefommen war. und alles Uebrige überlaffen wir ge
Sa, diefe Margaretha! Man fpürte |troft der Phantafie unjerer geneigten
e3 in dem fonft fo jtillen Herrenhaus, | Zefer.
denn fie fang mit den Vögeln um bie Da e3 nun ſeit unvorbenkflichen
Wette, fie lachte und jprang, fie war | Zeiten das Vorrecht der Dichter und
überall in Garten und Haus, in Küche | Schriftjteller ift, überall Zutritt zu
und Keller, denn fie wollte die Haus: | haben und jelbft in verjchloffene Räume
und Landwirthſchaft beim Onkel Hel: | dringen zu fönnen, jo machen wir zu
ler lernen und hatte fih aus der Ne: Nug und Frommen unſ'rer Lejer von
fivenzg die reizendften Küchenfchürzen | diefem Privilegium Gebraud und füh—
zu diefem Zwecke mitgebracht, die nur ren fie an den Schreibtiih, um zu
den einen Fehler Hatten, aus ber|lejen, was Margaretha joeben an He—
feinften Leinwand gefertigt und reich lene fchreibt ; denn aus feinen Briefen,
languettirt fein. Auch die Guitarre jagt Yean Paul, erfennt man den
mit dem rotbfeidenen Band war mit: | Menjchen am beiten.
gefommen, begleichen die allerliebften „In dem Park“, jo Tautet das,
Bottinen, nur hatte fic) zum Gebrauch was die Schreiberin meldet, „der
beider Dinge bisher feine Gelegenheit | unter feinen hohen jchattigen Bäunten
gefunden; aber die fonnte ja noch köſtliche Spaziergänge, ſowie jchöne
fommen, denn der Sommer ftand erjt | Ausfichten auf die See bietet, ver:
in Ausficht. bringe ich den größeren Theil meiner
An dem Morgen nun, wo dieje | Zeit, und nur an den Vormittagen
unf’re höchit lehrreiche und fehr wahr: |verweile ih mehrfah in der Küche,
baftige Gefchichte beginnt, jaß Mar: | um die Moyfterien derjelben, die mir
garetha in einem hübſchen Boudoir doch noch zum guten Theil fremd find,
an ihrem Schreibtiih und fehrieb den kennen zu lernen. Das ift aber gar
eriten Bericht über ihren bierortigen nicht fo leicht, wie wir uns das früher
Aufenthalt an Helene, die treue Freun- gedaht haben, und die Tante hat
din in der Heimat, die Vertraute ihrer | mich mehr al3 einmal ausgeladht;
Freuden und Xeiden, und die Feder |aber ich verliere den Muth nicht, und
flog über das glatte Papier, als hätte | wenn wir wieder beifammen fein wer:
fie ganz unerhörte Eile. Ein ganzer ben, jo lade ich Dich zu einem Diner
Bogen war fchon eng bejchrieben und ein, deſſen fämmtliche Gänge ich eigen:
gab eine betaillirte Schilderung von |händig bereiten werde. Doch es wird
Haus, Hof und Garten, und nun bes) Zeit, daß ich Dir die Familie, in
gann die hübſche Briefichreiberin den | welcher ich lebe, vorftelle. Sie befteht
zweiten Theil ihres voluminöjen Scrip- nur aus dem Onkel Heller und feiner
tums auf dem neuen Bogen, aljo auf | Gemalin; ein Sohn ift ſchon in früher
der fünften Seite. Hier wäre nun die | Kindheit geftorben. Der Onkel nun ift
Stelle, wo wir unjrerjeit3 eine genaue | ein lieber alter Herr, deſſen Haar ſchon
Schilderung biefer merfwürdigen Mar: | recht weiß geworden ift, der fich aber
garetha geben, wo mir ihr Haar, ihre |eine geiftige und körperliche Rüſtigkeit
Augen, ihren Roſenmund, ihre zarten, und Friſche bewahrt hat, die ich be:
weißen, wohlgepflegten Hände, kurz ihre |mwundere. Sein ganzes Weſen ift fo
ganze anmuthige Geftalt in glänzender | offen, ehrlich, würdevoll und ruhig,
Sprache bejchreiben müßten; aber ſo gütig und doch fo feit, daß ich
wir helfen uns darüber furz hinweg, |mit einer unbegrenzten Verehrung zu
163
ihm aufblide ; auch er hat mich nicht
minder in fein Herz ge ſchloſſ en, als
ich ihn, ſo kurze Zeit wir auch erſt
bei einander find.
Ich glaube, er ift nie in feinem
Leben leidenjchaftli oder erregt ge
weſen und iſt wohl jo jahraus jahr:
ein neben feiner Gattin einhergegangen,
friedlich und behaglich, aber auch nüch:
tern und ohne Poeſie, wenngleich ich
ihm Gefühl nicht abjprechen will. Merk:
würdig ift es, mit welcher Bejonnen:
beit und Klarheit diefer Mann das
Leben und die Menjchen zu nehmen
weiß; Du follteft ihn nur kennen, den
ftattlichen alten Herrn, der nur einen
Fehler hat: er verzieht mich vollitän:
dig, und wenn die Tante ihm das
jagt, jo antwortet er lahend: Laß
nur, Mütterchen, jo ein Eleines fieben-
zehnjähriges Dingelden will zart be:
handelt fein!
Siebenzehnjähriges Dingelhen ! Daß
Du e3 nur nicht in Eurem Leſekränz—
hen wieder erzählft! Uebrigens bin ich
meinem achtzehnten Geburtstag nahe,
Die Tante hat viel von dem We:
jen ihres Mannes und zeichnet ſich
bejonders durch ihre Milde aus, ohne,
daß es ihr jedoch deshalb an Ernſt
fehlte, nur hat aud) fie eine Schwäche,
nämlih ihre Neigung für Leinwand
und Borzellanfahen, deren fie eine
unglaublihe Menge befikt. Ihr Wä-
jhezimmer ift eine Art Sanctuarium,
ein geheiligter Raum, „in welchen
man fleine Mädchen eigentlich noch
gar nicht mitnehmen müßte, weil jie
noch feinen Reſpect vor jo etwas ha—
ben“, und außer der Wirthichafterin,
glaube ich, hat noch feiner jo wie ich
das Vertrauen genojjen, alle diefe
Herrlichfeiten jehen zu dürfen. Jedes
Stück Wäſche hat feine eigene Ger
Ihichte, wie die Trophäen in einem
Zeughauſe; die Kaffeefervietten find
zum erjtenmale benußt, als der Kö—
nig in dem Haufe Quartier nahm;
das Tijchtuch mit den Rojen ift das
legte Stüd gemwejen, welches die Mut: | düten,
|
ben lafjen, und die Bettüberziige des
jechsten Dutzends hat der alte Weber
gemacht, der nachher mit feinem Sohne
nach Amerifa gegangen ift.
Die Wirthichafterin, der Inſpector
und der Hofverwalter werden Dich
nicht weiter intereffiren.
Die Tante hat einen weißgelben
Hund, Dod mit Namen. Der ift mein
entjchiedener Freund und bat fih an
mich angeſchloſſen, an „Frauchen“, wie
die Leute jagen, was mir ſtets jo unend—
lich komisch vorfommt. Frauchen! Nun,
wir haben e8 uns ja feft veriprochen,
daß mir nie heiraten wollen; Du
entfinnft Dich doch? Es war vor zwei
Jahren, als Henri Fähndrich wurde
und plötzlich Emilien von Stolp den
Hof machte, obgleich er ein ganzes
Jahr nur Dir gehuldigt hatte. Nein,
fie find es nicht werth, diefe Männer,
daß ein Mädchenherz — die Tante
jagte geftern: „das verjtehft Du noch)
nicht, Kind; wenn nur der Rechte
fommt und es Dir fo recht brühmarm
um das Herz wird!” Brühwarm?
So kann mir nie werden, nie, für
mich gibt e3 feinen „Rechten“ : ein:
mal nur in meinem Leben wurde mir
etwas, ja, wie foll ih es nennen?
Alſo lauwarm, das war im lebten
Winter, al3 ich dem Doctor den gro—
Ben Bonbon gab, Du weißt ja, dem
befannten ironiſchen, aber der ift nun
vergeffen. Ich habe mich überhaupt
immer geärgert, daß die jungen Mäd—
hen fo auf das Heiraten verſeſſen
find, als ob fie nicht früh genug in das
Koh kommen Fönnten und durchaus
der Jugend nicht froh werben mwoll-
ten. Vor meinem Vierundzwanzigften
heirate ih nicht — vive la liberte
— und wenn mid dann feiner mehr
will, fo iſt es auch gut, dann werde
ih „Ipätes Mädchen” und alte Yung:
fer, meinetwegen mit Tabakdoſe und
aroßer Brille, und gehe bei meinen
Freundinnen umber und helfe und
rathe und bringe den Kleinen Zuder:
und Tante Grethen — id
ter der Tante zur Ausfteuer hat we: breche ab, ſonſt lacht Du mich aus.“
irn
164
Der Bogen war ſchon wieder zum Herrn doch eine jehr komiſche Beſchäf—
großen Theil befchrieben, aber noch
fehlte es der Briefftellerin offenbar
nicht an Stoff, und nachdem fie eine
furze Paufe gemacht hatte, begann fie
abermal3: „Zur Nachbarſchaft find
wir bisher noch nicht gekommen; junge
Mädchen gibt es auf den Gütern in
der Gegend faum, denn die mir gleich—
altrigen find meiftens in den großen
Städten, wo ihnen, wie der Onkel
jagt, „das bischen liebe Natur heraus:
erzogen und fie mit Penfionsmweisheit
genubelt werben, wie die Gänschen
zu Martini.“
Nun, ich entbehre Niemand, als
Di, theuerfte Freundin; meine Bü
her find mir ja geblieben und die
Verſe meiner Dichter, und vor Allem
babe ich das große Buch der Natur,
das mit taufend und aber taufend
grünen, blauen, rothen nnd gelben
Blättern vor mir aufgejchlagen Liegt,
und in welches jetzt der große Schrei:
bemeifter Frühling bineingefchrieben
bat und feine Buchftaben find feine
Pedanten und Eleine jchwarze Teufel:
chen mit Stielen und Kleren, die uns
anftarren, fondern fie leben jo jchön,
fo rei, fo vielgeftaltig, daß man nie
müde wird, darin zu jtubiren.
Der Viehftand — genug von poe:
tiſchem Schwärmen — ift jehr groß.
Ich wollte mich auch mit den unſchul—
digen Schafen befchäftigen, die in ben
Idyllen jo hübſch geichildert werben
zu ben Füßen der Schäferin, aber ein
garjtiger Hammel, dem ich eine halbe
gebratene Taube hinhielt, hat mich jo
geftoßen, bi8 der Schäfer mid von
ihm befreite, und der hat mir gejagt,
daß die Hammel fein Fleisch genießen.
Das konnte ich doch nicht willen!
Die Ochſen und Kühe habe ich
mir auch angefehen, weil Heine von
ihren großen Eugen Augen fingt; fie
haben mich aber jehr dumm angefloßt
und haben wiedergekäuet.
Und denke nur, was ich entdedt
tigung! Es gibt bier überaus viel
Merktwürdiges, fo 3. B. brütem bie
Hühner auch Enteneier aus; nur weiß
ih gar nicht, wie die Hennnen es
nahher machen, wenn fie die Eleinen
Enten aufpäppeln? Ich werde aber
die Tante fragen. Wenn fie mich nur
nicht auslacht!“
„R. S. Intereſſiren wirb es Dich,
zu bören, daß ber Kohl gar nicht
gefäet, ſondern gepflanzt wird.“
Endlich legte Margaretha die Fe—
ber nieder, couvertirte den Brief, um
ihn fpäter zur Poſt zu jchiden, und
erhob fih von ihrem Sike.
An der Lehne eines Stuhles hing
ihr reizender Strohhut ; fie nahm ihn
in die Hand und verließ das Zimmer.
Sie hatte einen großen Entihluß ge:
faßt, fie wollte hinaus, in den Park,
in den Wald, an den Strand, zu den
rollenden Wogen, in's Freie, wo die
Bäume ihre Kronen wiegten und fich
zu einander neigten, als wollten fie
ih wichtige Gefhichten zuflüitern, wo
die Käfer fummten und die Schmet:
terlinge umbergaufelten, als ob der
ewige Friede in der Welt verkündet
wäre und feine gefährlichen Abenteuer
mehr möglich jein jollten. Der Haus:
hahn ftolzirte auf dem Hofe mit ſei—
nen Hennen und frähte Margaretha
mit Grazie an, die Hühner gludften,
und ein Finf im Baume jchrie, als
wollte er das junge Mädchen warnen,
in den Park oder in den Wald zu
gehen. Aber Margaretha wollte nun
einmal hinaus in die weite, weite
Melt, die fo offen vor ihr lag, fie
war zu großen Thaten aufgelegt, und
da wanderte fie nun duch Gärten,
Gebüfh, Korn nnd Wiefe, und da
war fie im Bald.
Im Wald, im Wald, im friſchen grünen Wald,
Wo's Echo fallt, —
die Morte fielen ihr ein, und fie
empfand eine unmiberftehliche Xuft,
habe! Der Schäfer ftridt Strümpfe, | mit Fräulein Echo ſich zu unterhalten.
große, weiße Strümpfe! Für einen | Sie jodelte, wie fie es von der „braus
165
nen Liſi“ aus Innsbruck in der Pen-
fion gelernt hatte und ein Hafe ſprang
an ihrer Seite auf und lief bavon.
Es war ein köſtlicher Wen, ber
Wald duftete jo Schön, Kleine Blumen
ftedten neugierig am Wege ihre bun-
ten Köpfchen aus dem Mooje und
Margaretha pflüdte fie une wand
fih einen Strauß davon, ohne Draht
und ohne Papier; fie fügte die Blu:
men zufammen, wie ber Himmel fie
hatte wachen laſſen. Und dann, als
fie fi überzeugt hatte, daß Niemand
in der Nähe war, begann fie zu fin-
gen, erit halblaut, leife, dann lauter
und lauter, jo gut fie e8 vermochte,
bis das Lied zu Ende war.
„In der Penſion“, ſagte fie zu
fih jelbft, „haben fie Alle behaup:
tet, ich könnte nicht fingen, und nun
hab’ ich’3 doch gethan. Es mag frei-
lih auch darnach gewejen fein, aber
mir hat es doch gefallen, und ein
Aber wer konnte es fein? Wer
batte die Zeit, an einem Wochentag
bier im Walde zu liegen? Diejer
runde Hut war eine geheimnißvolle
Sphinr.
Margaretha war nicht neugierig,
aber fie hätte gern gewußt: Wer ?
Woher? Wohin? Wie jo ? und Warum?
Bor einem Eylinderhut hätte fie
fich nicht gefürchtet, denn ein Cylin—
derhut, mag er nun grau oder ſchwarz
fein, ift ein Zeichen civilifirter Dreſſur
und Salonfähigfeit, aber ein brauner
Rattenfängerhut im Walde — der
Mann konnte ein Vagabund fein oder
ein Räuber. Und in ber nahen Fe—
ftung ©. war vor einigen QTagen ein
Sträfling ausgebrohen — fie ſchau—
derte und wäre gerne bavongelaufen,
aber fie vermochte es nicht; eine un:
fihtbare Gewalt feſſelte fie.
Hinter eine ftarfe Tanne tretend,
beobachtete fie den Feind, jah den
Anderer, Gott jei Dank! Hat es ja| Kopf und ſah, wie vor demfelben eine
nicht gehört.“
fleine Rauchmwolfe emporjtieg, die der
Und wieder weiter wanberte fie | ftärfer gewordene Wind weiter trug.
durch ben jchattigen Raum, ohne recht
zu denken wohin, bis fie endlich nahe
dem Waldesrande und dem Strande war.
Mit einem unterdbrüdten Schrei
machte fie plöglich Halt. Etwas Uner:
wartetes, etwas Schredliches bot fich
ihren Blicken dar. Dort vor ihr, hin:
Der Mann war alfo aud ein
Rauder.
Mas mochte er außerdem noch ſein?
Der Naucher pfiff fehr Taut und
Margaretha ſchrak zufammen, fie er-
wartete feine Spießgejellen hervorbre—
hen zu ſehen, aber e3 erjchien Nie:
ter einer Heinen Erhebung des Bodens | mand, dagegen begann der Braunhut
bewegte fih ein runder Gegenftand. |eine Melodie aus Don Yuan.
E3 war — ein brauner, runder Män:
nerhut.
Die Situation war entjchieden be:
denklich. Wenigftend war Margaretha
diefer Anfiht, als fie den Athem an-
baltend unverwandt auf ben Gegen-
ftand des Schredens blidte.
„Wo Rauch ift, muß auch Feuer
jein“, jagt ein altes Sprichwort, und
zum Hut, fo calculirte die junge Dame,
muß ein Kopf gehören, zum Kopfe
ein Rumpf, daraus aber feßt fich ein
Er hatte alfo vorher blos mur
fein Orcheiter geftimmt.
Der Fremde pfiff die Melodie
ganz correct und Margaretha pfiff
mit, aber ganz leife, jo daß er nichts
davon hören konnte.
Sept erhob er fih, ohne fich um-
zujehen, und Margaretha erblidte eine
ftattlihe Figur, die langſam dem
Strande zu die Düne hinabftieg. Die
Heldin unferer Gefchichte wartete einige
Augenblide, dann folgte fie ihm vor:
Mann zufammen, alfo war mit mathe: | fihtig an den Nand des Waldes, der
matifcher Gewißheit ermwiefen, daß ſich | hier ziemlich abjehüffig war, was aber
dort vor ihr ein männliches Indivi- den Braunhut wenig genitte, denn
duum befand. er ſprang über die Abhänge in küh—
166
nen Sätzen und war bald beträchtlich |
„Sehr gern; wenn Sie darum
weiter unten, während bie Dame anz | bitten.“
hielt und ihm nachſchaute.
„Ich bitte recht ſehr“, rief Mar:
Da erfaßte der Wind ihren leich- | garetha, ärgerlid über den ungalan-
ten, nicht feitgebundenen Strohhut,
und bevor fie ihn noch mit der Hand
ergreifen fonnte, trieb er ihn hinunter,
gerade vor die Füße des Fremden,
der nun überraſcht ftehen blieb und
fi verwundert umjah. Ein lautes
Ah! entfuhr Margaretha’s Lippen:
Sollte fie dem Hute nacdeilen? Was
mußte der Herr denfen?
Diefer hob den Hut auf, betrach—
tete ihn einen Augenblick, während
Margaretha Schnell hinter ein Gebüjch
ſprang, ohne fich eigentlih Rechenſchaft
abzulegen, warum fie dies that, und
da er Niemand oben erblidte, rief er
gegen den Wald:
„Kommt die Befigerin dieſes nied-
lichen Strohdedels nad?“
Es erfolgte feine Antwort; bie
junge Befigerin verharrte mit auge:
haltenem Athem in ihrem Verſteck,
und jo begann der Rufende nad Fur:
zer Pauſe abermals:
„Alfo berrenlofes Gut und als
gute Prije zu erklären!“
Nein, das war zu arg, das durfte
fie fi nicht gefallen laflen, denn den
Hut konnte fie unmöglich aufgeben ;
fie trat aljo hervor in den Horizont
des Nattenfängers, der ihr feinerjeits
eine tiefe Verbeugung machte.
„um Vergebung“, rief er hinauf,
„ud Sie die Inhaberin diefer Haube
und wollen Sie diefelbe den verehrt:
ten Flundern in der See opfern? Ich
fürchte, den Fühlen Beſtien wird mit
dev Probe des neueſten Geſchmacks
wenig gedient fein.”
„Es ift allerdings mein Hut”,
parlamentirte Margaretha, und der
Wind hat ihn mir weggenommen.“
„Gnädiges Fräulein, man muß
fih nie etwas nehmen laſſen.“
„Aber der Wind war ftärfer als ich!”
Das läßt fich hören!“
„Wollen Sie mir den Hut nicht
wieder geben?”
ten Mann, der ihre Geduld auf die
Probe jtellte.
„Aber ich beanfpruche den geſetz—
lihen zehnten Theil als Finderlohn;
geſtatten Sie mir alfo, mir denſelben
zu nehmen!“
Bei dieſen Worten zog ber Fremde
ein großes Meſſer aus der Taſche,
öffnete es und machte in allem Ernſte
Miene, ein Stück von dem niedlichen
Hut zu fchneiden, obwohl er doch wiſ—
jen mußte, daß die Befigerin desjelben
darüber empört fein würde. Sie war
aufgebracht und betrübt zugleich, fie
zerdrüdte fogar eine Thräne in ihrem
ihönen Auge; fie haßte in dieſem
Momente ale Männer der ganzen
Welt, aber fie bezwang fich dennoch.
„Mein Herr, Sie werben einfehen,
daß ih mit einem Neunzehntel:Hut
nicht8 anfangen kann; geben Sie mir
den Hut aljo entweder ganz zurüd,
oder behalten Sie ihn.
Er tete das Mefjer wieder ein
und ſchien einen Augenblick nachzu—
denken.
„Mein ſchönes Fräulein“, begann
er, „ich kann zwar in dieſer Entfer—
nung nicht genau ſehen, ob Sie dies
Prädicat verdienen, aber ich bin zu
wohl erzogen, um daran zu zweifeln
— Sie bringen mich in ein ſchweres
Dilemma. Auf den Finderlohn kann
ich nicht verzichten, und den Hut kann
ich auch nicht behalten, da ich ſelbſt
ihn nicht tragen kann und keine Frau
habe; auch eine holde Schweſter blüht
mir nicht. Aber ich will Ihnen einen
vortheilhaften Handel vorſchlagen.“
Die originelle Art des Fremden
hatte Margaretha ſchon halb mit ihm
verſöhnt und fie hatte die Hälfte ihres
Zorns ſchon ſchwinden lafjen.
„Laſſen Sie hören, mein Herr!“
„Sie haben dba einen bübjchen
Blumenftrauß in der Hand, werfen
167
Sie mir den herab, und Sie befom-
men ben Hut wieder.
Was war zu thun? Den Hut
wollte fie doch gar zu gern wiederhaben
und umjonft, das lag auf der Hand,
gab ihm der Finder nicht ber; fie
fonnte froh fein, daß er nicht gar
einen Kuß als Löjegeld forderte, wie
fie anfangs faft gefürchtet hatte, und
Wollen Sie?“ |
Gedankenvoll ftand die junge Da-
me noch einige Minuten auf derfelben
Stelle und vergegenmwärtigte fich noch
einmal das Gejchehene ; dann wandte
fie fih und jchlug benjelben Weg ein,
welchen fie. gefommen war und be
ihäftigte fih unterwegs mit allerlei
Gedanken und Fragen, die in ihrer
Lage natürlich genug waren: wer ber
jo überlegte fie einige Secunden, faßte braune Hut geweſen, in weſſen Hände
dann einen raſchen Entfehluß und warf |mun ihre Blumen gerathen, ob er fie
die Blumen den Abhang hinunter, | bereits in das Meer geworfen hätte,
wo jener fie aufnahm. Im nächiten | daB fie weit hinausſchwämmen, weit
Augenblid freilich bereute fie fehon | Über den Dcean, bis fie endlich in
ihr Thun, aber was half es; es war die Tiefe jänfen, wo ſchon jo Vieles
geſchehen und nicht mehr zu ändern; |liegt, oder ob er fie aufbewahrte als
ihr blieb nur übrig, abzuwarten, was
nun erfolgen würde.
„Muß ich den Strauß nun pflicht-
ſchuldigſt küſſen?“ jchrie er hinauf.
„Ich halte es nicht für durchaus
nothwendig”, rief fie halb ärgerlich,
halb lachend.
„So werde ih Ihnen jetzt ben
Hut zuftellen, meine Gnädige“, tönte
es von unten; „ba ich aber nicht
gern mit Ihnen zufammentreffen möchte,
um Ihrem Zorn nicht ausgefegt zu
fein, jo erjude ich Sie, fich einige
Dugend Schritte in den Wald zurüd:
zuziehen; ich werde dann hinaufklet—
tern, und den Hut dort, wo Sie jet
ftehen, deponiren. Iſt Ihnen das recht ?”
Margarethen fiel ein Stein vom
Herzen, al3 fie dieſen Vorſchlag hörte,
denn fie hatte jchon mit Schreden an
deu Augenblid gedacht, wo er vor
ihr ftehen würde. Sie minfte aljo
zum Zeichen ihres Einverftändnifjes
und that, wie er gewünjcht hatte.
Zwei Minuten jpäter war fie im Be:
fige ihres Hutes; der Fremde aber
war ſchon wieder unten, hatte bald
den Strand erreiht, und bie ihm
nachblidende Margaretha ſah, wie ein
leichter, eleganter Wagen heranfuhr,
in welden der jegige Inhaber ihres
Erinnerung an diefe komiſche Stunde?!
„Run“, philofophirte fie weiter, „mir
kann e3 gleich jein; was geht mid
auch der fremde Menſch an?“
In diefen und ähnlichen Grübeleien
erreichte fie enblih das Haus, mo
Tante Heller fie mit einer Neuigfeit
empfing. Sie kündigte ihr nämlich
einen Beſuch an, einen entfernten Ver:
wandten bes Onfels, der „Vetter Wolf:
gang“ genannt wurde, und jo berich—
tete Tante Heller des Weiteren, diejer
Vetter war ein Dichter, ein. veritabler
Dichter mit Novellen, Verſen und
Neimen. Wirklih, der heutige Tag
war ereignißreihd. Ein Dichter mit
ihr unter einem Dache! Margaretha
hatte noch nie einen von jenen Luxus—
menjchen, Dichter genannt, von Ange:
fiht zu Angeficht geſehen, denn Henri,
der jegige Fähndrich, hatte wohl als
Primaner in Berjen gemadt, aber
die waren auch darnach gemejen und
hatten meift ein paar Füße zu viel,
die Helene fo treffend die Nejervefüße
für die lahmen übrigen genannt hatte.
Neugierig fragte fie bei der Tante
und beim Onfel, wie der Better aus:
jehe, aber beide antworteten ihr:
Marte nur, Du wirft ihn ja felber
jehen! und da blieb nun dem armen
Mädchen nichts weiter übrig, als fich
Straußes hineinfprang und dann das |vorläufig jelbit ein Bild von ihm zu
voneilte, indem er noch einmal aus entwerfen, und dies Bild jah etwa
der Ferne grüßte. To aus: Better Wolfgang ift, wie bie
Re
Poeten in den Nomanen, eine zarte, ter, Jäger; fie wurde ihm vorgeftellt
ätherifche Geftalt mit langen blonden |und mit einer offtciellen Verbeugung
Locken und blauen Augen; er hat ein erklärte er troden, daß er „bereits
finnendes, etwas melancholiſches Ges | die Ehre habe“.
fiht mit einem fchmerzlihen Zug um
den Mund; ſchmale weiße Hände und
ein kleines Bärtchen auf der Uber:
lippe. An jchönen Abenden greift er
in die Saiten der mitgebrachten Gui-
tarre, da die Zither leider unmodern
geworben ift, und fingt beim jilber:
nen, heiligen Monbenlicht reizende
Lieder und fieht Margaretha mit feuch—
tem Blide an, Hagt um das verlorene
Glüd, etwa wie Heine:
Ein Fichtenbaum fteht einfam,
und dann finft ihm das Inſtrument
aus der Hand, leife, ganz leife —
ab, wie romantifch !
Am nächſten Morgen rollte ein
Magen vor das Haus, Der Diener
öffnete den Schlag und mollte dem |
Wohl paßte Margaretha jcharf
auf, aber von einem Poeten vermochte
fie feine Spur an ihm zu entveden;
er Sprach nicht einmal von Literatur,
er madte fein Bonmot, ja, fie be—
merkte nicht einmal das berühmte
„Zucken der Oberlippe”, was doch in
den Romanen bei Dichtern faft immer
vorfommt, fie ſah nie „eine Wolfe
auf feiner Stirn”; fie wurde gänz-
(ih irre an ihm.
Und Vetter Wolfgang jelbit ſchien
Margaretha gar nicht zu beachten, er
wandte fih im Geſpräch faft aus:
nahmslo8 nur an die beiden alten
‚Leute, die er von Saatkorn, Schaf:
wolle, Brahader, Torfſtich und Heu:
ernte unterhielt. Sein erfter Gang
war in die Ställe, wo er über Kühe
Heren, ber barin ſaß, heraushelfen, | und Pferde lang und breit redete,
diefer war mit einem Sat auf dem | während er der Kleinen Bibliothek des
Boden und reichte der Tante, bie) Onkels gar feine Aufmerkſamkeit ſchenkte,
joeben aus der Thür trat, die Hand |
zur Begrüßung.
„Better Wolfgang !” rief die Tante
in dem Nugenblid, als Margaretha
herausfam, um zu fehen, wer gefom:-
men wäre — welche jchredliche Ueber:
raſchung!
Vetter Wolfgang war — der Mann
mit dem braunen Hut!!
Vor Schreck und Ueberraſchung
wäre ſie faſt zu Boden geſtürzt.
Und dieſer Mann ſollte Dichter
ſein?
Blondes Haar, blaue Augen, Me—
lancholie, Schmerzenszug, Guitarre
und Mondenſchein — nichts, nichts
von Allem! Vor ihr ſtand ein großer,
kräftiger Mann, faſt einen Kopf höher
als ſie ſelbſt, mit ſtarkem, braunem täglich verzehre?
was nach Margaretha's Meinung ein
rechtſchaffener Poet unbedingt hätte
thun müſſen. Bald war ſie, wie ſie
glaubte, über ihn im Klaren: er war
ein Landwirth, wie tauſend Andere
auch und weiter nichts; ſtatt im Mon—
denſchein Lieder zu ſingen, rauchten er
und der Onkel jeder ſieben Cigarren
an einem Abend und ſetzten der Tante
auseinander, daß die Havanna der
Manila vorzuziehen wäre. Margaretha
war innerlich recht bitterböje, denn
er jchien fie befonders in der Land»
wirthihaft für ſehr unerfahren zu
halten. Aber fie wollte nicht ſtumm
dafiten, und um ſich doch in das
Geſpräch zu miſchen, fragte fie den
Onfel, , wieviel Heu mohl eine Gans
Vetter Wolfgang
Vollbart, braunem Haar und braunen |erwehrte fich faum des Lachens, und
Augen, dem die Melancholie jo fern der Onkel belehrte fie, daß die Gänfe
lag, al3 der Süd: dem Nordpol, und | bis dato noch nicht mit Heu gefüttert
ftatt der Guitarre bradte er eine | würden.
Doppelbüchje mit! Vetter Wolfgang, Die arme Kleine hätte meinen
der Mann mit dem Strauße — Dich: | mögen über ihre Unerfahrenheit, und
doch mußte fie gute Miene zum böfen
Spiel maden und lächeln.
Endlich nahm der Herr Vetter
ein jehr jchönes Notizbuch aus ber
Taſche und Margaretha war nun
überzeugt, daß es fein Buch der Lie:
der wäre. Abermalige Täufchung
es war der landwirthichaftliche Kalender!
Beim Abendeſſen entmwidelte er
einen gewaltigen Appetit, der den
offenbaren Beweis lieferte, daß diefem
Poeten, wenn er gar ein foldher war,
mit Nektar und Ambrofia wohl nicht
beſonders gedient wäre, und nach dem
Eſſen ging er in fein Zimmer, welches
gerade über Margaretha’ lag, und
noch eine halbe Stunde lang hörte
fie ihn Studentenlieder pfeifen.
Margaretha wollte nicht mehr an
ihn denken, aber fie vermochte nicht,
dieſen Entſchluß durchzufegen, und als
fie fih endlich zur Ruhe begab, mar
ihr Zorn gegen ihn bedeutend geftie-
gen und halblaut nannte fie ihn den
„Lupinendichter”,
Am Laufe des nächſten Vormit—
tags erfuhr Margaretha endlih von
der Tante etwas Näheres über ihren
neuen Hausgenoſſen.
Seine Eltern, deren einziges Kind
er war, wohnten fünf Meilen von dem
Gute des Dnfeld auf einem anfehn:
lihen Rittergut und bejaßen noch
ein zweites faft ebenjo werthvolles,
deſſen Bewirthſchaftung hauptſächlich
in den Händen dieſes Pſeudo-Poeten
rubte, der viel gereift und erjt im
legten Herbſt in die Heimat zurüd:
gekehrt war. Die Tante behauptete
auch jest noch, da Wolfgang Dichter
wäre, da fie aber feit Jahren über:
haupt nicht mehr las, jo kannte fie
auch feines feiner etwaigen Werke,
und ihn jelbft fragen, nein, das hätte
Margaretha nie über dag Herz gebracht.
Ihrer Meinung nad) hatte er nie auf
dem Flügelroß gefeffen, fondern war
böchftens feit in dem Sattel feines
Engländers.
Und mit diefem Menfchen jollte
fie Wochen lang in demfelben Haufe
169
verweilen! Der Lupinendichter wurde
für fie ein Gegenftand des Stubiums,
nur daß dies Studium nicht zu einer
Klarheit über fein eigentliches Weſen
führte. Er ſchien ftet3 ruhig und faft
gleichgiltig gegen Alles, und dann ent:
dedte fie wieder Züge an ihm, bie je:
nen vollftändig zu widerfprechen ſchienen.
Es war ein ungemein jchwüler
Vormittag geweſen; die Hite hatte
ih auf das Neußerfte geiteigert; am
Nahmittage zogen fih dunkle Wolken
am Himmel zufammen und bald brad)
ein Gemitter von ungewöhnlicher Hef-
tigfeit los. Es bligte und donnerte
unaufbörlich, Schwere Regentropfen fie
len reichlich herab, das Gefinde nahm
nach alter Sitte die Gefangbücher zur
Hand und las die Kirchenlieder, die
für ſolche Unmetter als Fürbitten darin
enthalten waren. Margaretha zitterte
und bebte.
Die große Spritze des Gutshofes
wurde mit vier Fräftigen Pferben be:
jpannt und in Bereitfchaft geſetzt,
jobald die erjten Donnerjchläge ver:
nehmbar waren, der Küfter des Dor—
fes öffnete die Kirche, um im Fall
einer Gefahr die Sturmglode läuten
zu können.
Das Meer war vom Sturm ge
peiticht ; wie wilde, tolgewordene Roſſe
jagten fi die Wellen mit den weißen
Schaumfämmen, die dumpf ineinander
brauften und fih dann überftürzten,
die Waffervögel flogen kreiſchend umber,
hochauf warfen fi) Die MWogen auf
das Ufer, und die an Pfähle gebun—
denen Boote der Fiſcher tanzten wie
Nußſchalen. Einmal, als es gar zu
graufig tobte, traten Margarethen
Thränen in die Augen und fo jehr
fie diefe zu verbergen fjuchte, hatte
Wolfgang fie doch gefehen. Sie meinte,
er würde darüber fpotten, aber in
feiner ruhigen Weife jagte er mur:
„Es ift nicht jo ſchlimm, Fräulein
Margaretha; es wird Alles wieder
gut und vorüber gehen.“
Aber jo fam es nicht, denn plötz—
ih ericholl die Sturmglode und es
170
gab ein ängftliches Gelaufe und Ge:
lärme. Im nahen Nachbardorfe hatte
ber Blik gezündet und ein Bauern:
haus jtand in Flammen; man konnte
es von der Veranda aus deutlich
ſehen. Im nächften Augenblid waren
die Leute auf der Sprige und zu
Margaretha's Berwunderung trat jet
Wolfgang aus dem Haufe, in einen
Negenmantel gehüllt und in hoch hinauf:
reichenden Waflerftiefeln, ſprang gleich:
falls hinauf, ergriff Zügel und Peitſche,
und dann rollte die Sprige vom Hof
hinunter, als ob fie in Stüde fliegen
müßte und die Leute linf3 und rechts
binunterfallen ſollten. Dieſe Hilfe
fam den PVerunglüdten zur rechten
Beit, Heller Mannſchaft arbeitete mit
faft übermenfchlicher Anftrengung, Wolf:
gang Allen voran immer an der
ihlimmften Stelle und mit eigener
Gefahr holte er die alte Mutter bes
Bauerd aus dem brennenden Haufe.
Nah drei Stunden harter Arbeit
war der Brand gelöfcht, aber bie,
Helfer fahen alle Schwarz und unſau—
ber, zum Theil verbrannt aus, am
meiſten der Vetter, deffen Nod ganz
zerfegt und vol Ruß, deifen Haar
verwirrt und verjengt war und der
den gequetichten Arm in der impro: |
vifirten Binde trug. Die Leute im
Dorfe hatten ihn als ihren Netter
umjubelt, dba aber, jo erfuhr Marga:
retha, war er grob geworden und als
fie jelbft ihm bei der Rückkehr einige
anerfennende Worte fagen wollte, ging
er davon und ſagte lafoniih: „Men:
ichenpflicht! Schuldigkeit!“
Die junge Dame war recht Ärger:
lih darüber; menigiten® bei dieſer
Gelegenheit, dachte fie, hätte er freund:
liher gegen fie jein können. Aber lieb
war es ihr heute dennoch, daß Wolf:
gang nicht der jchmachtende, zarte
blonde Poet war, wie fie fi einft
einen ſolchen vorgejtellt hatte, und
wie er für das Rettungswerk doch
durchaus - unbrauchbar geweſen fein
würde,
Darauf vergingen wieder einige
Tage ohne bemerfenswerthe Vorfälle.
Margaretha war ftiller geworden als
ſonſt und beobachtete. Sie lernte das
Leben und die Menjchen Fennen, ges
nauer und jchneller, als fie e8 je in
der großen Stabt gefonnt hätte. In
einer großen Stadt laufen wir täglich
an Taufenden vorüber und jehen und
hören jo Mancherlei, aber das ift
eben das Schlimme an ber Sadıe,
denn die Fluth und Flucht der Er-
ſcheinungen macht e8 uns unmöglich,
auch nur einigen derjelben näher auf
den Grund zu gehen und ihre Ber:
fettung, ihren Zuſammenhang und
ihre Wirkungen fernen zu lernen.
Unfere Intereſſen werden eben zu jehr
getheilt, unjere Aufmerkjamfeit nad
zu vielen Richtungen in Anjpruch ges
nommen und fo gelangen wir zu einer
Oberflächlichkeit, Gleichgiltigkeit und
zu einer Häufung der Genüfle, Die
uns der Gefahr der Blafirtheit leicht
nur allzu nahe bringt. Die taujend
und abertaufend Fäden, welche fi
zum großen wunderbaren Gewebe der
Geſammtheit jehlingen, mag diefe nun
Familie, Staat, Kunft, Gewerbe oder
jonftwie heißen, bleiben unjerem Auge
verborgen und bie nothwendige Ver:
fnüpfung von Urſache und Wirkung
entgeht uns häufig.
Margaretha’3 Gedanken nahmen
mehr und mehr dieſe Richtung und
fie verfäumte nicht, ihrer Freundin
Helene Mittheilung davon zu machen.
Wie viele Stunden, jehrieb fie, haben
wir damit vertröbelt, einen bevorjtehen-
den Ball tagelang vorher und, wenn
er vorüber war, ihn nachher in feine
detaillirteften Detail zu zerlegen und
zu beſprechen, welden Eifer haben
wir oft auf die Heritellung der neueften
Toilette verwandt und wahre Confe—
renzen über die wichtige Frage, ob
grünen oder gelben Belag, gehalten!
Dieſe EHleinlihen Intereſſen beginnen
mir jet fremd zu werden; manches,
was mir glänzend erſchien, verblaßt
vor meinen Augen und viele Dinge,
171
die mir fonft fern lagen, find in ben
Kreis meiner Betrachtungen getreten
und veranlaffen mich zu ernjtem Nach:
benfen. Es ift doch ein eigenes Ding
um die Eulturgejhichte der Menjchen
und ihre Entwidelung, und wenn man
bedenkt, woher wir fommen und wohin
wir jhon gelangt find, jo kann ich
mich einer warmen Bewunderung für
die Leijtungen des Menjchengeichlechtes
nicht erwehren. Was muß dazu ge:
hört haben, von dem harten Holzſcheit,
womit Adams Nachlommen die Erde
aufriffen, bi8 zum neueften amerifa-
niſchen Patentpflug, von der Sichel,
womit die Iſraeliten das Korn jchnitten,
bi3 zur Mähmaſchine, vom alten indi-
ſchen Balankin, der von ächzenden Leu:
ten getragen wird, bis zum jaufenden
Courierzug der Eifenbahn zu gelangen
und vom Streitwagen homerifcher Grie-
hen zum Salonwagen mit Poljter
und Sclaffabinet! — —
Der Onkel, Mitbefiger einer großen
die Dede aus, faßte fie bei ben
Schultern und widelte fie fo geſchickt
und flint in dieſelbe ein, wie etwa
eine ängſtliche Mutter ihr verhätjchel:
tes Kind einpadt, jo daß Alles ge
jchehen war, bevor fie noch recht
wußte, was mit ihr vorging oder wie
fie ihrem Unwillen Worte leihen jollte.
Da hing der Böjewiht dem Onkel
den Negenmantel um und jagte ruhig:
„Seht wird das Waller nicht durch
fommen.“
Das war wohl richtig, aber —
Margaretha jah ihn erftaunt an. Da
lachte er — aber unmerflid — und
diesmal ſchwieg fie, aber nur, um in
der dichten Umhüllung, in der fie fich
jehr wohl befand, defto mehr für ſich
jelbjt zu denfen, während der Eigen:
mächtige fih eine Cigarre anzündete,
Mer hat denn diefem Manne, ber fich
fonft faft gar nicht um mich kümmert,
jo raifonirte die kleine Widerjpenftige
innerlich, das Necht gegeben, mir nichts
Maſchinenfabrik in der Nähe, die tag: | dir nichts mich einzumideln, als ob
aus tagein eine bedeutende Anzahl |ich feine Tochter wäre oder gar jeine
von Menſchen bejchäftigt, jchlug feinen | Fr— nein, dies Wort follte gar nicht
beiden Gäften einen Beſuch dieſer | ausgedacht werden.
Fabrif vor und bald jaßen die Drei
in einem leichten offenen Wagen, der
von zwei prachtvollen Pferden gezogen
wurde. Der Onkel und Margaretha
faßen im Fond, ber Vetter nahm ben
Rüdjig ein. Am Himmel hingen dunkle
Wolken, aber man dachte noch vor
dem Eintreten des Regens das Ziel
zu erreichen und Margaretha fand es
übertrieben ängftlih von Wolfgang,
daß er fich mit einer dichten Neijedede
und mit einem Regenmantel verjah.
Sie late darüber — er jchwieg.
Kaum aber war man zehn Minu-
ten von Haufe, jo brach das Unwetter
08. Der Negen klatſchte in ſchweren
Tropfen nieder und da der Wagen
offen war, jo wären die Inſaſſen des:
jelben bald völlig durchnäßt worden.
Da langte der Herr Vetter Dede und
Mantel hervor. „Erlauben Sie, Fräu—
lein Margaretha”, jagte er und ohne
Bor der Fabrif hob er fie aus
dem Wagen; fie war überzeugt, daß
er dies ungern that, denn er haßte
fie ja offenbar, aber da der Onkel
ihn dazu aufgeforvert hatte, mußte er
wohl. Die Frau des Inſpectors empfing
die Anfommenden, Wolfgang unter:
bielt fich fehr Lebhaft mit ihr und
reichte ihr beim Weitergehen die Hand.
Mir hat er fie noch nie gereicht,
dachte Margaretha; ich will fie auch
gar nit. — — —
Der Onkel übernahm nun die
Führung durch die Fabrifräume. Er
brachte fie in die einzelnen Werkitätten,
zu den Holzarbeitern, den Schlofjern,
Schmieden, Klempnern und in die Mo-
dellkammer und erklärte alles Wifjens:
werthe. Für Margaretja war bier
Alles intereffant; es war ihr, als ob
eine neue Welt fich ihren Augen er:
ihlöffe und fie meinte, hier endlich
ihre Antwort abzuwarten, breitete er |jei auch ber Better auf einem ihm
172
unbekannten Gebiet. Aber fie hatte ſich
geirtt, auch hier wußte er Beſcheid
und erörterte mit dem Onkel die
ſchwierigſten technifchen Fragen. Diefer
Mann Schien in der That jo ziemlich
Alles zu kennen und fein ſcharfer Blid
ließ ihn leicht die Löſung der ſchwerſten
Probleme finden.
Margaretha glaubte eine ganze Welt
im Kleinen vor ſich zu ſehen, eine
Melt, die in ſich abgeſchloſſen zu fein
ſchien, weil fie Alles in ſich jelber
producirte.
In dem großen Arbeitsfaale beweg:
ten fi wohl über Hundert thätige
Menſchen, große, breitichulterige Ge:
ftalten mit rußigen Gefichtern und
Armen, mit jchweren Hämmern, Fei—
len, Zangen und Schüreijen. Sie
hämmerten und feilten, jägten und
hobelten, die Flammen jprühten und das | 3
Waſſer ziihte, die Merfmeifter ſahen
zum Rechten, die Ingenieurs orbneten
an, Alle arbeiteten — fie fam ſich
wie eine Miüffiggängerin vor. Und
dabei waren alle diefe Leute freund:
lih und zuthunlich; die Nelteren reich:
ten dem Onkel und Wolfgang bie
Hand und der Letztere — nein, Mar:
garetha traute ihren Augen fam —
ergriff, weil er Durft fpürte, bie
Meißbierflafche eines Meifters, fette
fih auf einen Klo und trank, tranf
ohne Glas; es fehlte nur, daß er ihr
auch angeboten hätte.
„Auf Flügeln des Gejanges”’ —
nein, dieſer Mann hatte nie ein Lied
gebichtet ; Weißbier und Mandelblüthen!
Ringsum faufte und braufte, ziſchte
und freifchte, ſchnarrte und fnarrte es.
Große Räder mit Eifenzähnen drehten
ſich um ihre Achſen und griffen in-
einander, breite lange Treibriemen
bewegten fih, Stangen jchoben und
wiegten fih, ed war, als wäre ber
Raum angefült mit einer ganzen
Schaar von dämonishen Weſen, Nie:
fen, Zwergen und Kobolden, die mit
Armen, Rüffeln, Köpfen und Klauen
um fi griffen, nickten und mwadelten,
ächzten und ftöhnten und mit ihren
ungeftaltigen Keſſelhäuptern polterten.
Und doch griff Eines in's Andere,
half Dieſes Jenem, trieb eine Kraft
Ale, diente Jedes dem großen Ganz:
zen, hatte Alles nur einen Zweck.
In hundert Hände war die Arbeit
vertheilt, jede Hand ſchuf nur ein
hilfloſes Bruchſtück, aber alle Bruch—
ſtücke kamen zuſammen, gefügt durch
den ordnenden Geiſt und ein organi—
ſches Ganzes war entſtanden.
Wie hier in der Fabrik, meinte
der Onkel, ſei es im Menſchenleben.
Tauſend Beſtrebungen, tauſend Köpfe,
tauſend arbeitende Hände, und doch
ein Ziel nur, ein Ziel in ſo vielen
Ländern, in ſo vielen Millionen —
und dies Ziel iſt die Vollkommenheit.
Alle Geſchlechter und alle Individuen
weben an dem großen Webſtuhl der
eit.
Ja, alle, die hier arbeiteten, vom
Ingenieur bis zum letzten Lehrling,
hatten eine Aufgabe, einen Zweck, den
ſie zu erfüllen ſuchten, eine Arbeit,
die ſie ſchafften. Unwillkürlich dachte
Margaretha an die zahlreichen jungen
Herren der Salons in der Refidenz,
die ihre Zeit mit Nichtsthun tödteten,
jtundenlang ihre Zoilette bejorgen
und Promenaden maden; die wenig
gelernt haben, aber deſto höhere An:
jprüche erheben und ſich für vollkom—
men halten, wenn fie tadellos geflei-
bet find, gut reiten, tanzen und —
ben Damen fade GComplimente jagen.
Und die Mädchen? Margaretha wußte
nicht mehr recht, ob das Singen, das
Beihäftigen mit Holz: und Blumen:
malerei und ähnlichen Nichtigfeiten
wirflihe Beichäftigungen wären, ob
nicht auch die Mädchen ernftlicher arbei—
ten müßten, wenn auch freilich nicht
mit Schmiedhammer und XQranspor:
teur, mit Hobel und Zirkel. Sie be:
ſchloß, ſpäter darüber weiter nachzu-
denken, denn der Onkel mahnt an
den Heimmeg.
Ein braver alter Meifter reichte
ihr beim Hinausgehen die Hand; fie
war jehr ſchwarz und Margaretha
173
trug belle Handſchuhe, was er freilich | Ohren und — ladte. E3 war mur
gar nicht bemerkt haben mochte. Sie|gut, daß Niemand weiter zugegen
Ihämte fih, ihm die Hand zu ver: | war, bejonders nicht die bewußte Per:
meigern und wie die Handfchuhe nach: | jönlichkeit.
ber beichaffen waren, fann man ſich
denken. Um des Vetter? Mund aber
glaubte fie einen fpöttifchen Zug zu
bemerken, als wollte er jagen: Wie
fann man nur in eine Mafchinenwerf:
ftatt mit Handſchuhen gehen und gar
mit hellen — aber Margaretha !
Der Gedanke war richtig, fagte
fie fih innerlih, aber was geht es
ihn an? —
Sie war deshalb auf der Rück—
fahrt recht fühl gegen ihn und ſprach
faft gar nicht. Wozu auh? Er war
ja jo lebhaft mit dem Onfel im Ge:
ſpräch, hatte jo viel über Fabrikweſen,
Mocenlöhne, Steuer und Eifenbarren
zu reden, daß er ihrer Unterhaltung
nicht beburfte.
„Es war mir auch jehr gleich:
giltig“, jchrieb fie am nächſten Tage
an Helene; „glaube nur nicht, daß
mih dieſe Vernachläſſigung meiner
Perſon gekränkt hat.“
Tage vergingen; man war im
Juni und Vetter Wolfgang war noch
immer da! Aber er kümmerte ſich auch
jetzt ſehr wenig um ſeine hübſche
Hausgenoſſin, die ihrerſeits alle Hände
voll zu thun hatte, vieles lernte, aber
doch noch manches nicht kannte. Die
ſüßen Kirſchen waren reif und ſollten
abgenommen werden und ſie zog mit
der Tante hinaus in den Obſtgarten,
wo ihnen die ſaftigen Früchte entgegen:
lachten. Ein junger Burjche begleitete
fie, der die Arbeit verrichten follte
und jo famen fie an einen diden,
alten Baum, der zuerft vorgenommen
werben follte.
„Aber wird der Chriftian ben
farfen Baum jehütteln können ?” fragte
die Refibenzlerin in aller Einfalt, da
fie mußte, daß Aepfel und Birnen
gefchüttelt werden und von ben Fir:
hen dasjelbe glaubte.
Die Tante jah fie groß an; der
Burſche aber kratzte ſich Hinter ben
Gott jei Dank, dieſer Lupinen—
dichter ſchwärmte wohl irgendwo in
einem Scafitall.
Der Sinn für das Schöne, dachte
Margaretha, jcheint ihm nun einmal
zu fehlen und dieſer Menjch intereffirt
fih offenbar nur für Viehzucht und
ähnliche Dinge. Hatte er doch gar
feine Augen für ihre Xoilette und
fie war doch am Sonntag, fie mußte
e3 fich jelber jagen, wirklich reizend
in dem neuen hellen Kleide mit dem
bimmliihen Belag, in dem neuen
Hut mit der hübſchen Garnirung und
in den allerliebften Bottinen. Sie
glaubte ihm unbedingt zu imponiren.
Aber fie hatte fih geirrt. Der Onkel
ſchmunzelte zwar und bie Tante lächelte
beifällig, er aber — ja, meinte Mar:
garetha, wenn ih ein Cochinchinahuhn
gewejen wäre, da hätte ich wohl auf
ihn gewirkt! Er jah fie lange an, feft
und unverwandt, ohne eine Miene zu
verziehen, als ob er in ihrer Seele
lefen und ihre Gedanken errathen
wollte; jedes Stüd ihrer Xoilette
mufterte er bei Tijche, aber er jagte
fein Wort und ging gleih nad dem
Eſſen auf jein Zimmer, was jonft
jeine Gewohnheit nit war. Einmal
war es ihr fogar gemwejen, als ob
er leicht den Kopf jchüttelte, doch
konnte fie ſich geirrt haben. Vielleicht
imponire ich ihm in der Küchenſchürze,
dachte die junge Dame, denn fie be-
fleißigte fi bejonders der Kochkunft.
Himmel, was ein armes Mädchen
Alles lernen muß! Mufif und Nähen,
Franzöſiſch und Eierkuchen baden und
wozu das Alles? Wozu bie vielen
Lectionen ? Um jchließlich eines ſchönen
Tages zu heiraten, einen Hausftand
zu führen und Mufil, Gefang, Litera:
tur und Malerei und alles Andere
zu vergeſſen, weil man feine Seit
mehr dafür hat und der Mann küm—
mert fih um al’ die Herrlichfeiten
174
vielleicht gar nicht und brummt, wenn
die Suppe zu jalzig, der Braten zu
falt — ja, wozu heiratet man benn
eigentlih? Und auf's Neue faßte die
Philofophin den unabänderlichen Ent:
ſchluß, ledig zu bleiben, nie eine Sfla-
vin der Ehe zu werben und das helle
Kleid mit dem veizenden Bejat doc
wieder anzuziehen.
E3 gibt Männer, die nicht3 aner-
fennen, manchmal fi jelbjt nicht.
Die Anmwejenheit Wolfgangs be—
gann ihr läftig zu werden, benn er
verftand es, fich überall geltend zu
machen, ohne fi vorzudrängen und
fie fühlte jih für nichts geachtet.
Aber war fie wirklich ein Nichts, eine
Null, eine Negation ? Sie dachte oft auch
darüber nah und war der Anficht,
jeder Menſch fei eigentlich mindejtens
bob ein Etwas (befonderd wenn ein
ſolches Etwas weiblihen Gejchlechtes,
jung und nicht jo gar übel von Aus:
jehen), ein, wenn auch Eleiner Yactor
in dem großen Welterempel und Jeder
ſei zur Griftenz berechtigt, der ben
ihm angemwiejenen Kreis zur Thätig:
feit auszufüllen fih bemühe.
So war jie weit entfernt, vor
Wolfgang die Segel zu ftreichen oder
fid von ihm in’3 Schlepptau nehmen
zu laſſen. Er jollte an ihr feinen
Mann finden — dumme Nedensart,
das ging ja nit! Alſo, fie wollte
ihm ſchon gewachjen jein — hm, fie
hatte Unglück mit den Sprichwörtern,
er war ja eine3 Hauptes länger als fie.
Nun wollte fie aber an den böfen
Menjchen auch gar nicht mehr denken
und fie fchrieb abermal3 an Helene
einen langen Brief, worin fie dieſen
Entihluß kundgab. Wir fegen den
legten Theil ihres Schreibens ber,
weil er ein helles Licht auf die Schrei-
berin und ihre Stimmung wirft: „Ich
bitte Dich“, hieß es, „um Heine's
Buch der Lieder; es foll mir ein
Gegenmittel gegen bie Proſa des Land:
lebens jein. Kannft Du Dir vorftellen,
was ich hier leſe? Das „landmwirth:
ichaftlihe Noth: und Hilfsbuch oder
der perfefte Gutsbeſitzer“, ein. Dides,
difes Buch von Rüben, Weizen, Erbfen,
Klee, Perdefütterung, Schlempe u. dgl.
mehr. Der Onfel hat es mir geborgt,
und wenn es fo vor mir ſteht auf
meinem Schreibtiih und Geibel’3 Ge-
dichte liegen daneben: „OD fieh mid
nicht jo traurig an, Du Röslein jung,
Du jchlanfes Reh“, da wirbelt eg mir
oft bunt genug in meinem dummen
Kopf durcheinander, Nunfelrübenbau
und Berje, „wie man die Kohlpflänz—
hen zu ſtecken hat und wann bie
Küchlein auskommen“, und „golone
Brüden feien alle Lieber mir, drauf
die Liebe wandelt, ſüßes Kind, zu
Dir;“ und kürzlich in einer Nacht
haben fih in meinen Träumen bunfle,
duftige Nojen und ſtarke Kohlköpfe
arg befämpft und die Nachtigall hadte
einer waticheligen Ente die Augen
aus, daß ich laut auffchrie und erwachte.
Ente und Nachtigall — ein Stoff für
die Dichter! Genug, vorläufig werden
fih Geibel und das Noth- und Hilfs:
buch wohl brüberlich vertragen, habe
ih doch immer gebört, daß die Poe—
ten ſich mit der Nüchternheit des Lebens
berumfchlagen müſſen und foll doch
auch mancher von ihnen nur auf dem
Belinpapier zart fein. Iſt überhaupt
immer noch die Frage offen, wie ein
eigentlicher, wirklicher, allen Anforde
rungen des Reglements entiprechender
Normalpoet auszufehen hat, denn von
Herren Wolfgang kann ich auf feine
Regel jchließen, da ich nimmermehr
glaube, daß er von Apollo „bes Ge:
ſanges Gabe“ empfangen hat, er müßte
e3 mir benn auf einem Stempelbogen
und vom Landrath beglaubigt nach:
weiſen oder auf jonjt eine unbedingt
zuverläffige Art.” —
Das war eine Fahrt! Das war
ein Abend! Dank dem Himmel, daß
er uns folche Freuden nicht oft ſchenkt,
wir würden fie bald nicht mehr mit
der Andacht genießen, mit der fie auf:
genommen werden müſſen. So lejen
175
wir in dem Tagebuch „der Siebzehn: und doch auch nicht zu leiſe, eine
jährigen“. Onkel Heller hatte feinen klangvolle, tiefe Stimme voll inniger
Gäften zu Gefallen eine Bootfahrt | Empfindung, wie eine Geifterftiimme,
auf der See bei Mondſchein veran: | die das wunderbare Lieb in jo ergrei-
ftaltet.
Stil und unermeßlich lag das
dunkle Meer vor ihnen, hoch am Him—
mel ftand der Mond und warf fein
Licht auf die weite Fläche, als die
feurigsrothe Sonne in die endloje Tiefe
gejunfen war und leije zitterten die
bleihen Strahlen auf dem Wafjer. Die
Dünen mit ihrer Waldung zeichneten
fih in unfiheren Umriffen gegen den
Himmel ab, der weiße Strand leuchtete
und regungslos lagen die Boote, als
der Onkel, jeine Gemahlin, Marga:
rethba und Wolfgang fie beftiegen.
Heller und Margaretha traten in das
eine der beiden Fahrzeuge, die Tante
und der Better in das andere; dann
tauchten die ſchmalen Ruder der Fiſcher
in dad Waller und die leichten Boote
glitten faft lautlos vom Strande fort
über die Fläche und in die Unendlich:
feit, in bie grenzenlofe Waſſerwüſte
hinaus. Silberperlen, vom Mondlicht
verklärt, tropften von den Rudern,
leije plätjcherten Fleine Wellen an der
Spitze des Boote, ringsum war es
jo feierlich ſtil und es war Marga:
rethen, als führe fie hinaus, hinaus
aus der Welt, jchöneren, ewig blühen:
den Geſtaden entgegen. Niemand ſprach
ein Wort.
Margaretha’3 Kahn war dem an-
dern wohl hundert Schritte voraus;
es war ihr, als wäre fie in ihrem
Nahen allein, in feliger Einfamfeit.
Leichte Wolfen zogen in buntem Spiel
über ben lichten Abendhimmel, taufendb
und aber taufend Sterne glänzten in
ihrer wunderbaren Pracht und ſpie—
gelten fi in der Fläche des Meeres.
Sie ſchloß die Augen.
Duftige Märchengeftalten, Träume
und Phantaflen ihrer Kinderjahre zogen
vor ihr vorüber; Leben und Form ge
wann, was fie fich einft jo reizend,
jo poetiih ausgemalt hatte — ba
fenden Tönen fang, daß fie fich ein-
jchmeichelten in das Ohr, in das Herz:
— und es war, als wollte das Lied
Alles aufweden, was tief da drinnen
ichlief, Hoffnung und Liebe, Leid und
Luft und vor Allem eine grenzenlofe
Sehnfuht, die feinen Namen bat,
jenes dunkle, welches der Dichter
nicht zu erklären wußte und das er
andeutete in den Worten: „ch weiß
nicht, was foll es bedeuten, daß ich
jo traurig bin“; e8 war jene geheim-
nißvolle Zurleifage, die bier wieder:
lang, jene® Drängen und Wogen,
das die Welt durchzieht. Und ſo ſcholl
es durch die ſtille Abendluft, über das
Waſſer, durch das Mondenlicht, jenes
innige, zauberhafte Gondellied zum
Zitherklang:
O komm' zu mir, wenn durch die Nacht
Wandelt das Sternenbeer !
Dann ſchwebt mit und in Mondespradt
Die Gondel über's Meer.
Die Luft ift weich, wie Liebesfcherz,
Sanft fpielt der goldne Schein,
Die Zither Klingt und zieht Dein Herz
Mit in die Luft hinein.
Und es war eine Quft, eine jo
jelige, unſägliche Luft, und boch zu—
gleich jo ſchmerzlich-ſehnſuchtsvoll. Mar:
garetha, die fleine, troßige Margaretha,
die Schülerin des praftiihen Noth:
und Hilfsbuches, fühlte Thränen in
ihren Augen und faltete unmillfürlich
die Hände. Aber das Lied ging weiter:
Das ift für Liebende die Stund’,
Lieben, wie ih und Du;
&o friedlich blaut des Himmels Rund,
Es ſchläft das Meer in Ruh.
Sie hätte laut aufjauchzen mögen
und meinte doch; fie hätte ihr Ohr
verfchließen mögen und lauſchte ben-
noch begierig den Zauberklängen:
Und wie es ſchläft, da fagt der Blid,
Was nie die Bunge fpridt,
Die Lippe zieht ih nit zurüd
Und wehrt dem Kujfe nicht.
In demjelben Augenblid flog das
erflang eine Stimme, nicht eben laut | Boot Wolfgang’ an ihr vorbei. Er
176
war der Sänger geweſen. Er ftand
mit übergejchlagenen Armen vorn im
Nahen; der Mond leuchtete über ihm;
e3 war nur ein Augenblid, dann war
das Vorbeifahren geihehen. Bald aber
waren die beiden Boote wieder neben
einander und fuhren dem Lande zu.
„Das iſt ja eine prachtvolle Com:
pofition, Vetter Wolfgang”, rief der
Onkel; „woher haft Du die?“
„Bir fangen fie, als ih noch
Mitglied der akademiſchen Liedertafel
war. Darf ih Dich um eine Gigarre
bitten, ich babe die meinigen zu Haufe
vergeilen” ; — eine Minute jpäter 309
Tabaksdampf ftatt Zitherklang zum
Himmel,
St denn in diefem Mann ftet3
Poeſie und Proſa amalgamirt? fragte
ih Margaretha und fie war ihm böje,
wie noh nie. Er aber erzählte dem
Dnfel aus jeiner Stubentenzeit aller:
lei Schnurren und Schwänfe zu Mar:
garetha’8 Weberrafhung, die bisher
nicht einmal wußte, daß er auch ftudirt
hatte. Lieber Himmel, was ftedte denn
noch Alles in diefem wahrhaft abjcheu-
lihen Mann, der jo ftill und einfach
durch das Leben zu gehen jchien, als
ob die Welt nur zur Landwirthichaft
da wäre und der doch alle Tage neue
Seiten feines Weſens enthüllte !
Bei der Heimkehr nahm die Tante
ihres Gemahls Arm und jo fam es,
daß der „Lupinendichter” neben Mar:
garetha ging und in Kurzem waren
fie beide voraus und allein.
„Darf ich Ihnen den Arm bieten,
Margaretha ?“
Das war ihr noch nie von ihm
paffirt. Und Margaretha, ſchlechtweg
Margaretha, nit „mein Fräulein“,
nicht einmal „Fräulein Margaretha ?”
Wie konnte er fih nur das heraus-
nehmen? Sie blieb unwillfürlich ſtehen
und jah ihn groß an.
„Wenn e8 Sie genirt“, jagte er,
„es ift mein Grundfag, niemals Täftig
zu fein, wenn ich es vermeiden kann;
ih bitte, meine Kühnheit zu entjchul:
digen.“
Sie hätte weinen mögen und es
zucdte ihr um den Mund. Das Alles
jagte er jo ruhig und doch mit einer
gewiſſen Herzlichkeit; aber weshalb
bot er ihr den Arm, wenn es ihm
doch offenbar gleichgiltig war, ob fie
ihn annahm oder nicht? Sie war un—
entſchloſſen, was fie thun follte, als
die Tante glücdliherweife aus der
Verlegenheit half, indem fie rief: „Du
bift mir ein galanter Gavalier, Wolf:
gang; reicht Deiner Dame nicht ein:
mal den Arm!” Schnell erfüllte fie
nun feinen Wunſch, denn fie fürchtete
unliebfame Erörterungen und jo jchritten
fie nebeneinander weiter.
Sie ſprach von der Schönheit bes
Abends, der Fahıt; er war ziemlich
einfilbig ; fie erwähnte den Mond, die
Sterne, dad Meer mit feinen ftummen
Bewohnern. —
„sa“, fagte er, „Sie haben Recht,
gnädiges Fräulein, aber die Fiſcher
behaupten, daß der Mangel an Fiichen
durch die Dampjchifffahrt verurfacht
jei und der Häringsfang —” zum
Glück war der Weg vom Strande bis
zum Haufe nicht lang. — —
Völlig irre aber ward Margaretha
an dem Herrn Wetter einige Tage
jpäter, al3 der Baron von Goben mit
feinem Schwager und mit feiner Tod):
ter Emmy der Familie Heller einen
Beſuch abjtatteten.
Baron Goben und fein Schwager,
die ihr Gut in einer Entfernung von
zwei Meilen hatten, galten als ſehr
reihe Gut3befiger, waren durch und
durch Landmwirtbe und ſprachen fait
nur von Gütern, Heerden und der:
gleichen Dingen. Fräulein Emmy war
neunzehn Jahre alt, ſchlank, blond,
hatte ein hübjches Gefiht, war ziem-
lich lebhaft und etwas coquett, aber
dabei recht liebenswürdig, wenn auch
ihwerlih von tieferem Gefühl. Sie
attadhirte ſich an Margareta und
Ihien ganz vergnügt, eine Alteröge-
noffin gefunden zu haben. Mit Hof,
Kühe und Keller wußte fie gut Be:
ſcheid und mit lebhafter Beredtfamteit
177
ihilberte fie dem Vetter die Vorzüge |
Nah dem Kaffee fpielte Emmy
der Sechswochenkartoffeln und den Nugen | einige leichte und oberflächliche Sachen
der Stallfütterung. Und der Herr Vetter, | auf dem Klavier. Sie hatte eine gewiſſe
das ſah Margaretha wohl, war ganz
in feinem Element, ja, er drüdte ihr
jehr freundlich die Hand, war ganz
Aufmerkiamfeit für die junge Baro:
nefje und nahm mit großer Befriedi—
gung ihres Vaters Einladung an, mit
dem Onkel ihn zu bejuchen, eine Ein:
ladung, die natürlih auf Margaretha
ausdrücklich mit ausgedehnt war.
In ihr Tagebuch) trug Margaretha
über diefen Bejuh unter Anderem
Folgendes ein:
„Das Intereſſe des Lupinendichters
für die junge Dame jcheint ſehr leb:
baft zu jein, vermuthlich jchon des:
halb, weil ihre Sympathien herrlich)
im Gemüjegarten und in der Forſt—
fultur zufammentreffen; und die Tante
ſagte heimlih zu mir: Ich glaube,
Vetter Wolfgang hat ein Auge auf
Emmy geworfen. Das denk’ ich auch.
Sie find. für einander wie gejchaffen
und wenn er fie heimführt, jo werben
fie gewiß glüdlid leben. Mögen fie
es; ich würde neidlos ihr Glüd jehen.
Weiß ih auch nicht, ob mir je die
Liebe blühen wird, jo weiß ich doch
auch nicht, ob wirklich die Liebe das
höchſte Glück ausmacht. Liebe ift am
Ende nichts, als eine Einbildung.
Wir lieben diefen oder jenen und
glauben, ohne ihn nicht leben zu fön-
nen — mie nun, wenn wir den Be:
treffenden nie gejehen hätten? Warum
finden wir unter QTaujenden, die wir
jehen und fennen, gerade den Einen
liebenswürbiger als Alle, warum lie:
ben wir gerade diejen, der vielleicht
bei Weitem nicht der jchönfte, klügſte,
ebeljte oder gebildetſte iſt?“
Das philofophiiche Mädchen ftellte
Fragen, die ihr die Weijen aller Jahr—
hunderte nicht würden beantworten
fönnen. Die Liebe kennt feine Logik:
man fühlt nicht nad) mathematifchen
Regeln und empfindet nicht par ordre
du moufti!
Kofeggers „„Geimgarten‘‘ Ur. 3.
Fertigkeit in der Technik, aber es
fehlte ihr das Gefühl, die Innigkeit
und Wärme des Vortrags. Marga—
retha trug darauf einiges von Mozart
und Beethoven vor und freute fich
bereit$, dem Herrn Lupinendichter
zeigen zu können, daß es wenigſtens
ein Gebiet gebe, wo fie ihm über:
legen wäre,
Aber wie gründlich wurde fie ent-
täujcht! Als fie geendet hatte, geſchah
das Unerhörte: Er ſetzte fih an das
Inſtrument und jpielte mit einer fol
hen Vollendung, daß fie fih wie ein
Stümper gegen ihn vorfam.
Ka, er weiß und fann viel, dachte
fie, aber er hat ficher jein Wiffen auf
Koiten feines Herzend erworben, was
ja fo oft vorkommen fol. Je nun,
was geht e8 mid an; er Fümmert
fih nicht um mid, jo will aud ich
ihn links liegen lafjen.
Am Abend jchied der Beſuch; ber
Vetter nahm ziemlich umftändlich von
Emmy Abjhied und wollte ihr bie
Hand küſſen. So viel Galanterie hätte
Margaretha ihm nicht zugetraut, aber
freilih, was durfte man ihm nicht
zutrauen! Mit diefem Gedanken be:
gab fie fih in die Küche und ver:
ſuchte ihre Kochkunst an der Herjtellung
eines Eierfuchens, der nach) dem Urtheil
der Tante auch ganz vorzüglich gera:
then war; und der gejtrenge Herr
Vetter aß mit großem Appetit und
gerubte endlich zu bemerken:
„Liebes Tantchen, der Eierfuchen
ift vortrefflih und ich mache Dir mein
aufrichtigites Compliment“.
„Das muß ich ablehnen“, ſagte
die Tante lächelnd, „denn der Ruhm,
diefen Prachtkuchen gebaden zu haben,
gebührt ganz allein unſrer lieben
Margaretha.”
Es war gut, daß Margaretha ihn
in diefem Augenblid nicht anjah, fie
hätte ſonſt ein ziemlich verblüfftes Ge-
fiht wahrgenommen. Dennoch jagte er
12
einige anerfennende Worte und wurde
etwas geſprächiger zu ihr als fonft;
es war faft, als ob ihre Kochkunft
ihm eine höhere Meinung von ihr
beigebraht hätte. Sie fand das ab:
ſcheulich. Alfo ein Eierkuchen konnte
dieſem Manne imponiren und die
ſchönſte Toilette, die beſte Bildung
hatte es nicht vermocht? Sicher, er
war die perſonificirte Proſa. Doch
ihre Entrüſtung ſollte noch ſteigen.
Am nächſten Tage war er nämlich
fortgefahren, um erſt am folgenden
Morgen zurückzukehren.
forſchenden Auge nicht begegnete; und
gegen Mittag forderte die Tante ſie
auf, mit ihr auf Wolfgang's Wohn—
zimmer zu kommen, um in ſeiner Ab—
weſenheit dort Ordnung zu ſtiften und
ſie ging denn auch mit.
In dem Zimmer lag Allerlei durch—
einander, aber in der Unorduung war
doch gerade eine gewiſſe Regelmäßig:
feit und Symmetrie; nur auf dem
Schreibtiſch herrſchte eine geniale Lie:
derlichkeit. Sie räumte auf — nein,
fie hatte das Ungeheure nicht ahnen
. Die drei
Margaretha |
fühlte fich freier, wohler, da fie jeinem
fönnen. Da lag ein Blatt weißes
Papier, darauf eine faubere, hübſche
Bleiftiftzeichnung, die von entſchiedenem
Talent zeugte. E3 war ein Doppelbild ;
links cine junge Dame in reizendem
Pub — es war Magaretha’3 Portrait,
jo ähnlih, wie ed nur fein konnte
und der Anzug genau jo, wie fie ihn
damals getragen hatte, al3 er ihre
Toilette jcheinbar gar nicht beadhtete;
rechts jah fie fih abermals, aber
im Hauskleid, am Herd, mit ber
Pfanne, Eierfuhen badend. Darunter
eine recht malitiöfe Inſchrift, nämlich
unter dem Bilde links: „Salonpuppe”
und rechts: „eine Eleine Hausfrau”.
Sie hätte das Blatt zerreißen oder
verbrennen mögen, aber ed war lei-
der nicht ihr Eigenthum und jomit
durfte fie e8 doch nicht fortnehmen.
Der Tante jagte fie nichts, jondern
fie ſchob die Zeichnung ſchweigend
unter andere Blätter. Was hatte fie
ihm gethan, daß er fie jo verhöhnte!
Warum hatte er fiegemalt ? jo gemalt ?
Konnte er feinen andern Stoff für
feine Genrebilder finden ?
(Schluß folgt.)
Prinzen.
Ein Märden von $. Anzengruber.
(Schluß.)
Als nun die traurige Dede wieder
erreicht war und der Prinz der Hütte
des weiſen Einſiedlers anſichtig wurde,
da erfüllte Wehmuth ſein Herz, denn
er gedachte ſeiner Brüder, und ganz
leiſe pochte er an.
Der Einſiedler erſchien wie jedes—
mal allſogleich unter der Thüre und lud
den Prinzen ein, Raſt zu halten.
Dieſer folgte der Einladung, ließ
für ſein Gefolge Zelte aufſchlagen und
befahl demjelben, fih unterdeß zu
lagern.
Als nun der Prinz mit dem Ein-
jiedler in deſſen Hütte allein mar,
fagte er demjelben, daß auch er ge:
fommen wäre, bie bemwußte Höhle zu
betreten, und als der Alte darauf, wie
gewöhnlich, fragte: „Ohne alle Bor:
bereitung ? Sol id) Dir nicht ein oder
das andere Sprücdlein mit auf den
Meg geben?” Da jagte der Prinz:
„Sei Gott vor, daß ich Deine Hilf:
reihe Hand von mir weife! Ich weiß
nicht, worin es meine Brüder verfehlt
haben, aber ich bin e8 dem Lande
jhuldig, das durch fie jo ſchwer ge:
litten hat, nicht8 zu verabjäumen, was
mid etwa in den Stand jegen fönnte,
demfelben zu nützen.“
179
Darauf meinte der Einfiebler: „Ich
weiß Dir aber nicht zu jagen, wie
lange Zeit Du damit wirft verbringen
müffen, um dann ohne Fahrniß die
Höhle betreten zu können.”
„Weiſer Vater“, entgegnete der
Prinz, „wie kann mich das abjchreden,
da ich doch bereit bin, die eine Hälfte
der Tage, die ich noch zu leben habe,
dahinzugeben, wüßte ich dafür die an:
dere Zeit über mein Volk glüdlich und
zufrieden zu machen !”
Da lächelte der Einfiedler gut:
müthig: „Mein Sohn, ich jehe, es ift
ihon an der Zeit, Dich in die „Höhle
der Phraſen“ einzulaffen!” Dann aber
begann er eruftlich fich mit ihm zu be:
iprehen und ihn in Allem, was erfor:
derlih war, zu untermweijen.
Zum nicht geringen Verdruffe der
Herren des Gefolges, welche in diejer
Wildniß alle gewohnten Annehmlich—
feiten entbehren mußten, verbrachte der
Prinz drei lange Tage mit feinem Lehr:
meifter; am Morgen des vierten Tages
öffnete ihm dieſer die eiferne Pforte
und ber Prinz trat in die Höhle.
Hinter ſich hörte er wieder forg:
ſam jchließen
Es iſt ein alter Erfahrungsjaß,
von deſſen Richtigkeit nunmehr auch
der Prinz Gelegenheit hatte, fich zu
überzeugen, — daß man im Dunkeln
nichts Sieht.
Da ftand er nun.
Muß das Auge wegen Mangel an
Licht feiern, dann eilen alle anderen
Sinne dem geängftigten Körper zu
Hilfe und jchärfen fich zu deſſen Dienit,
bejonderd® Gehör und Gefühl. Der
Prinz vernahm deutlich, wie rings von
den Wänden der Höhle mit gleich:
mäßigem Geräufhe jchwere Tropfen
niederjchlugen, das war jo eintönig
und wirkte jo verjtimmend, daß er mit |
Ungeduld die weitere Entwidlung ſei—
nes Abenteuer herbeijehnte.
Jetzt fühlte er an einer leilen Luft:
welle, daß es rings in der Höhle ſich zu
regen und zu bewegen begann, wie ein
Geflüfter wehte e8 durch den Raum;
aber wieder wurde es ganz ftille und
war nichts zu hören als die fallenden
Tropfen.
Sein Auge, nun an die Dunfel:
heit gewöhnt, verjuchte ganz umjonit,
auch nur von den nächitliegenden Ge:
genjtänden einen ungefähren Umriß zu
erratben. Er erſchrak faft, als eine
volltönende Stimme unmittelbar an
jeiner Seite begann:
„Das Leben iſt Schal und leer,
der Menſch muß es mit eigenen oder
fremden Thaten ihmüden, ein Menſch
muß den andern dahinreißen in das
| Ungemeine! Was it das Gemaltigite,
dad Du als Menſch vermagit? Ein
Held zu fein! Furcht und Verehrung
zu erweden unter denen, bie mit Dir
über die Erde mwallen, und Deinen
Namen den Finftigen Geichlechtern zu
überliefern! Es ift ver einzige Wurf,
der im Gelingen wie im Fehlichlagen
Dir den gleichen Lorbeer bringt! Nicht
nur im Siege bift Du groß, aud im
Untergange, wenn Du im erhabenen,
beroiihen Wahnfinne Reih und Volt
neben Dich auf die Wahljtatt betteft!
Millionen gewaltiger Geiſter danken
Dir für den hochgehenden Wellenjchlag
ihres Lebens, die dumpfe Menge betet
Dih an, weil Du fie, ein Gott, ber
Armfeligfeit ihres Dajeins entriffen
haft! Du lehrteit fie, das Leben für
das Leben freudig einjegen, Du bieteft
ihnen, an Deines Namens Hoheit ge
fnüpft, ein unſterblich Sein in den
Sängen der Dichter, in den Liedern
des Molfes! Sie ichulden Dir Die
ganze Summe ihres Daſeins, darum
darfit Du fie aud von ihnen fordern!
Das iſt der Helden heilig’ Vorrecht!“
Da ſprach der Prinz leife:
„Bleib' Dir getreu’ nur,
Lab Dich nicht irren,
Mas aud die Thiere
Brüllen und girren!“
Da leuchtete ein fahler Schein auf,
und dem Prinzen wurde die Gejtalt
ſichtbar, welche obige Worte an ihn
gerichtet hatte, e8 war ein Tiger.
12°
180
Da ſprach der Prinz ſofort;
„Haß ift jtets ein traurig Erbe,
Oft der Sieg ein ungeredter,
Krieg fei nimmer ein Gewerbe
Und der Held er ſei kein Schlädhter!”
Da brüllte der Tieger auf und
verihwand, und nachdem das Echo in
der Höhle verhallt war, begannen wies
der die Waller eintönig von den Wän—
den zu tropfen.
Nah einer Meile hörte fich der
Prinz wieder, diesmal aber von einer
janften Stimme angejprochen :
„Bott iſt unſer Aller Vater! Auf
Erden gibt es nur eine große einzige
Sottesfamilie, jelbit für die entarteten
Söhne jtehen die Wohnungen im Haufe
des Vaters bereit, aber — wehe —
fie jtre'fen lieber in der Irre umber
und verfuhen auch die anderen Got:
tesfinder irrezuführen. Sie juchen fie
durh Hohn und Spott, dur Liſt
und Vergewaltigung abwendig zu ma—
en von ihrem frommen Glauben, von
ihrer einfältigen Sitte! Zeugt es nicht
für die Wahrheit ihres Glaubens,
ihrer Hoffuung, ihrer Liebe, daß bie
Millionen frommer Gemüther frieb-
fertig dem Spotte von etlichen Tau:
jenden Srregeleiteten Stand halten?
Gibt es etwas Erhabeneres für einen
Gewaltigen, als die Schwachen zu
ſchützen? D, werde ein Streiter für
deren heilige Sache! Steht nicht ge—
jchrieben, denen, durch welche Nerger:
niß fommt, wäre bejjer, mit einem
Mühlſteine um den Hals zum Grunde
des Meeres verjenkt zu werden? Willſt
Qu Erbarmen kennen, wo das Gr:
barmen allein bei Gott ſteht? O laſſe
nicht Millionen in ihrem heiligen Glau—
ben irre, in ihrer bejeligenden Hoffnung
wankend machen, laß’ ihnen nicht ihren
einzigen Troſt in dieſer Welt des
Jammers und der Trübjal rauben,
damit die Schwachen, in denen Gott
mächtig ift, Dir Deinen Thron ftügen,
Deinen Namen für alle Zeit lobpreijen,
und Du ſelbſt dereinſt eingeheft in
Gottes Neich und Herrlichkeit! Amen!“
Da fagte der Prinz wieder Teile
das erfte Sprüchlein, und im fahl
aufzudenden Lichte ftand ein Lamm
an feiner Seite, und da fprad er:
„Auch beim Spott der fhärfften Denter
Hält ſich echter Glaube rein,
Und auf Erden fann der Henker
Nimmer Gottes Anwalt fein!“
Da blödte das Lamm gar Fläglich
und verjhwand, und wieder ward es
ftile wie zuvor,
Nah einer Meile begannen zwei
Stimmen neben ihm zu jprecher, eine
ſcharfe, jchneidige führte das Wort
und die andere ziſchte manchmal eine
Bemerkung dazmwijchen.
„Klug gehandelt!” ſagte die erſte
Stinme. „Es it viel ehrender, dem eige:
nem Kopfe Alles zu verdanken, als
fremden Fäuften! Fehlten dieje, was
würde wohl aus manden Größen ?
Ich frage!" —
„Staub follten fie freſſen und doch
nit flug werden bei diejer Koſt“,
ziichte lachend die andere Stimme.
„Genug Baufteine für unvergäng-
liche Größe“, fuhr die erjte Stimme
fort, „findet der Eluge Kopf an ben
ſchwachen Köpfen feiner Mitlebenden.
Reizt Dich ein Beſitz, lode oder jchrede
den Eigner heraus. Steht Dir Jemand
im Wege, lehre ihm jelber die Schlinge
drehen, in der er fi fangen muß.
Wer Dir droht, den jchmeichle in’s
Verderben. Wer Dir jchmeichelt, dem
mißtraue. Krumme Wege, aber ficher.”
„Krumme Wege, Eluge Wege“,
ziichte die andere Stimme.
„So wird Dein Befig fi) mehren,
Deine Feinde fih mindern, Dein Wort
mehr als ein Schwertjtreid wiegen,
Du mirft gefürchtet und bewundert
fein. Allüberall in der Natur ermeijet
ih das Klügere dem Stärkeren über:
legen und mit urew'gem Rechte ge:
braucheit Du des Geiftes Uebermacht!
Don Dir abhängig fühlen fich die Be:
Ichränften und als dem Klügeren hand:
langern die Klugen Dir, denn ohne
Dich fteht doch nichts zu erreichen,
und Du wirft Aller Zwed und Mittel,
indem Du als aller Mittel Zwed Dich
felber ſetzeſt!“
Da ſprach der Prinz leife den erften
Spruch und ſah im Aufleuchten des
fahlen Scheine Fuchs und Schlange
neben fih. Er ſprach fofort:
„Wohl hat Lift auf frummen Wegen
Manden nah dem Ziel gemwiefen,
Aber feines Namens Segen
Wird von Sklaven nur gepriefen !”
Da verſchwanden auch Fuchs und
Schlange und furz darauf, als hätte
fie e8 nicht abwarten fünnen, daß fie
zu Worte komme, begann eine ge:
ſchraubte, näjelnde Stimme:
„Eb, langweilige Volk da, mit:
einander! Was? He? — Flosfeln,
Phrajen, Worte, Flaufen — weiter
nichts! Was? He? — Bin froh, nur
einmal einzig vernünftiges Wort aus:
fprehen zu können, beißt: Genuß!
Genuß, was? He? Niht? — Wozu
ſonſt auf der Welt, ald wegen Ge:
nießen? Was font Zwed und Ber:
nießen? Was jonft göttliches, natür:
liches, politiiches, eh, fociales Necht,
als Genießen?! Alles Andere Unfinn !
Was? He? Leben jonft gar nicht der
Mühe wert. Staat Ichafft Induſtrie,
Natur Schafft Kunft, Beide: Comfort !
Wozu jonft feuriger Wein gewachſen,
wenn nicht ſollte getrunken werben ?
Wozu ſonſt hübſche Frauen und Mäd—
en“
Lachend unterbrad der Prinz den
Nebner mit dem erſten Sprüdjlein,
und neben ihm jtand ein Affe.
Der Prinz griff in die Tufche und
gab ihm einen Apfel. „Da genieße!”
Der Affe dankte jehr artig und
verſchwand.
Wieder ward es ſtille, aber ganz
ſtille, ſelbſt das Gerieſel der Tropfen
hatte aufgehört, da ſchritt es durch
das Dunkel auf den Prinzeu zu, er
fühlte ſeine Rechte von einer warmen
Menſchenhand ergriffen und er vernahm
folgende Worte:
„An Allem erfreu'
Die offenen Sinnen,
Und bleib’ Dir getreu
Bei jedem Beginnen!”
Der Prinz hielt die Hand des
Sprechers, die fich fanft aus der ſei—
nen löſen wollte, feit, denn die Stimme
lang ihm gar befannt, und er wollte
eben eine Frage ftellen, als ſich von
der eijernen Pforte her ein ungeheurer
Lärm erhob und diejelbe, von wuch—
tigen Axtſchlägen zertrümmert, ein—
brach, durch die entjtandene Lücke dran:
gen gleich Hinter dem zuftrömenden
Tugeslichte die Herren vom Gefolge
herein. Diesmal hatte es doch gar zu
lange gedauert, fie hatten ſich müde
geängftigt und gehorcht, denn diesmal
konnten fie laufchen, der Einſiedler hatte
kurze Zeit nad des Prinzen Eintritt
feinen fonftigen Poſten verlaffen; fie
waren daher jehr erjtaunt, den Alten
hier mit. dem Prinzen Hand in Hand
zu treffen, vielleicht nicht weniger er:
ſtaunt als der Prinz ſelbſt, der ſich nun
von ihm aus der Höhle leiten ließ.
ſtand im ganzen Univerſum, als Ge-|
Der Prinz hieß ſogleich Alles zur
Rückreiſe rüſten, es war auch ſehr bald
Alles zum Aufbruche bereit, denn die
Herren des Gefolges, welche ſehr froh
waren fortzukommen, hatten ſchon alle
Vorbereitungen in dieſer Hinſicht ge—
troffen.
Bis das Pferd vorgeführt wurde,
hatte der Prinz ſchweigend neben dem
alten Weiſen geſtanden, jetzt, bevor er
ſich in den Sattel ſchwang, umarmte
er den ihm lieb gewordenen Berather
und dieſer faßte ihn zum Abſchiede
noch einmal an der Hand und ſagte:
„An Allem erfreu'
Die offenen Sinnen
Und bleib’ Dir getreu
Bei jedem Beginnen!“
Zange blickte er den Dahinziehen:
den nach und lange noch wandte ber
Prinz fein Pferd
Monofogoporibius.I. empfing mit
gewohnter Güte jeinen dritten Neffen
und nachdem er ihm gleich den Andern
probeweife das Negiment übertragen
hatte, zog er ſich wieder auf fein Jagd—
Schloß zurück. —
Jahre vergingen, ſeine Ruhe wurde
nicht geſtört, er war uralt geworden
und fühlte ſein Ende nahe, da ließ er
eines Tages Alles zur Reiſe rüſten,
beſtieg eine Sänfte und ließ ſich durch
das Land nach der Hauptſtadt tragen.
Sie waren eine Tagreije mweit ge
fommen, da fragten die Leute am
Wege bei den Herren bed Gefolges
an, wer denn da jo vornehm reife.
„Run,“ ſagte Einer der Herren,
„Euer König!“
„Ei, Herr,” ſagte ein alter Bauer,
„Ihr wollt Euch wohl über arme Leute
luftig maden! Aber unjeren König
fennen wir wohl, ber ift noch in ben
beten Jahren, und jo kann er doch
nicht über Nacht zuſammengeſchnorrt
fein, wie der da in der Sänfte!”
„Aber“, jagte der Herr vom Ge:
folge, „das ift doch Euer rechter und
wahrhafter König, Monofogoporibiusl.”
Da zog der Bauer die Mütze und
jagte: „Se der Taujend, ich hätte nicht
gedacht, daß ber noch Iebt! Nun Iebe
er noch taufend Jahre, vorausgefegt,
baß das ihn felber nicht verbrießen
möchte! Das mar ein gar jchönes
Stüf von ihm, wie er das Ketzer—
braten im Lande eingeftelt bat, ba
war ich jelber noch als lediger Burfche
dabei. Nun, Gott tröfte ihm! Nichts
für ungut, man kann es fait nicht
glauben, daß er noch leben ſoll! Aber
niht wahr, den Jetzigen nimmt er
uns nicht weg? Das wäre hoch ge:
fehlt. Ab, das wird er wohl nicht?“
„Nein, nein, das wird er nicht!”
lächelte Monofogoporibius I. jeelenver:
gnügt in der Sänfte.
182.
Sein Neffe holte ihn, fobald er
von feinem Naben unterrichtet wurbe,
mit allen Ehren ein. Monojogopori:
bius I. aber merfte feine legte Stunde
grfommen, er verfammelte im Königs:
ſchloſſe alle Großen des Neiches um
fein Sterbebette, und außen um den
Palaſt drängte fih das Wolf. Noch
einmal, das letztemal, mußte fein
alter Hoffecretär ihm ein Schriftjtück
unterbreiten, das Teftament ; das mar
nicht jo Schön vefchrieben, man ſah
den Buchſtaben an, daß manchmal
die Hand des Schreibers leife gezittert
hatte, der alte König warf ihm einen
ftrengen Blick zu, aber al3 er ihm die
Feder abnahm, drüdte er ihm wieder
leife die Hand. Der dritte Neffe wurde
zum Erben des Reiches eingefegt und
hatte den Namen Monofogoporibius IT.
zu führen.
Er mußte auf den Wunsch feines er:
lauchten Oheims fogleich das Manifeft
über jeinen Regierungsantritt dem alten
Hofjecretär in die Feder dietiren
Der Neffe gab erjt dem Schmerze
über den Verluft feines Oheims mit
wenigen, aber liebevollen Morten be:
rebten Ausdruck, dann fagte er, er er:
neuere nur das Verfprehen, das er
in jeinem erften Manifefte feinen Völ—
fern gegeben habe, jo zu regieren, daß
fie e8 nur merken jollten an der Wohl—
fahrt des gemeinen Mefens.
Dann mußte er unterfchreiben, der
Secretär reichte dem alten Könige,
der freudig aufaehorcht hatte, das Blatt,
und als Monojogoporibius 1. in ſiche—
ren und Schönen Zügen „Monoſogopo—
ribins II.” las, da war er ganz über
die Zukunft feines Landes und Nolfes
beruhigt und verjchied mit einem fro:
ben Lächeln.
183
— — — — —
Schiffbruch.
Von Ernſt Rauſcher.
Ein Stoß, ein Gekrache — das Schiff iſt leck!
„Bott gnad' uns — o Himmel, Erbarmen!“
Sie ftürmen, fie ftürgen verzweifelt auf's Ded
Angftbleih, mit gerungenen Armen,
Im Knäuel, der lärmend und fchreiend ſich ballt.
In der Wogen Gebraufe und Toſen
Die Stimme des Kapitän’s erſchallt
Mit Macht: „An die Pumpen, Matrofen !“
Berlor'ne Mühe! — „Die Boote bereit!" —
Die wimmernden Kinder und Frauen
Gilt's retten vor Allem — nod nimmer war
Beit
So foftbar — o Jammer, o Grauen !
In der falten, der wilden, der falzigen Fluth
Bei finfterer Nacht zu ertrinten,
Zu erftidten tief unten! — Wohl mag da der
Muth
Auch den muthigften Männern entfinten.
Sie drängen und hängen und klammern fid an
Tollwüthig, in tobenden Maſſen,
Begierig zu leben; doch wehe! — der Kahn,
Wie möcht‘ er die Dunderte faffen? —
„Burüd, Wahnfinnige! — er ſchwingt in der
Hand
Den Revolver — „foll Alles verderben ?
„Beh’, Mary, Liebe! — Du mußt in’ Boot
Jetzt — börft Du? — hinunterfteigen.“
„„O John! Dich verlaffen in dieſer Noth !
Vier Moden erit bit Du mein eigen!
Nein! bleiben will ich.“ — Sie hält feinen
Reib
Umſchlungen mit grimmigem Schmerze.
Laut ſchluchzend — er drüdt fein junges Meib
Noch Einmal inbrünftig an's Herze.
„Ih bitte Dich zärtlid, Gott fei mit Dir!
Bewahr' mir ein treues Gedenken !
Laß' los, laß’ los — und hinweg von bier!
Schau’, wie fi die Mafte fhon ſenken.“ —
Er winkt — fein ſchwarzer Diener zur Stell!
— Vergebens ihr Sträuben und Klagen —
Ergreift fie und in die Schaluppe ſchnell
Wird fie kräftig hinabgetragen.
Aus zerriffenen Molten gefpenftifch hervor
Bricht des Mondes verjchleierte Selle ;
Es reiht in den Abgrund, es fchleudert
empor
Das Scifflein die fhäumende Welle ;
Sie liegt auf den Knieen, um Hals umd
Genid
Wirr flattern die goldenen Locken,
Wer Einen Schritt noch fi wagt an den Rand, | Ausitredt fie die Arme mit flebendem Blid
Der foll auf der Stelle bier fterben !"
Nah Ihm, bis die Sinne ihr ftoden.
O fiehe! Dort fteht er am finfenden Bord,
Ihr den lepten der Grüße zu winken —
Dann kehrt er fih ftumm zu der Mannfdaft fofort,
Vor Thränen die Augen ihm blinten ;
„Ein bitterer Tod der unfrige? — nicht
Kapitän? — Daß der Menſch doch fo zähe!““ —
„Ein bitterer Tod! — wir thaten die Pflicht —
Mas weiter geſcheh'n foll, geſchehe!“ —
154
Don Gabriel dem Schwärmer.
Aus deffen Tagebuch wiedergegeben.
Bon P. R. Kofegger.
Es war am erften Weihnachts:
abende nach meiner Mutter Tod.
Ich mochte ein bischen armjelig
dageſeſſen haben in der großen, frijch:
geicheuerten Gaſtſtube des Bergwirths:
hauſes, denn aus dem Nebenzimmer
— dem Herrenjtübel, wo ich ein paar
Gäſte Sprechen hörte, fam die Wirthin
hervor und ſetzte fich zu mir auf die
Bank. Hausfrauen haben an folchen
Tagen für drei Köpfe und zehn Hände
zu Schaffen, ich mußte ihr daher ſchon
befonders theilnahmswerth oder zer:
jtreuungsbedürftig vorfommen.
Sie knüpfte das Kopftuch feiter,
fubr fi mit der rechten Hand ein
paarmal über den linken Arm hin und
fragte: „Von wo fommt denn der
Herr her?
„Bon Wien.“
„Und will gewiß heimzu jet
auf die Feiertage ?“
„Wo führt der Weg eigentlich
bin, der da an eurem Haufe vorbei
und über’3 Gebirge geht?”
„Sa, der theilt fih auf dem Scheideck
auseinander und führt rechts nad
Schadenbach und linf3 nad) Bergwiesau.
— Mo will der Herr denn hin?“
„Rah Schadenbad.”
„Do heute nicht mehr ? Du mein
Herrgott in deinem Reich, das ift ja
heut ganz unmöglich! Jetzt haben wir
drei Uhr und nah Schadenbach iſt's
im Sommer bei gutem Wetter acht
ftarfe Stunden. Im Winter geht über:
haupt Fein Chriſtenmenſch hinüber.”
„Gut, ſo will ic) nach Bergwiesau“,
ſagte ich.
Da blickte mich die Wirthin groß
an und dann verſetzte ſie: „Der Herr
iſt ja ganz fremd in der daſigen Ge—
gend! Nach Bergwiesau iſt's noch
weiter als nach Schadenbach und noch
bleiben will, ſo kann er heut auf's
Beſte nur noch zu den drei Häuſern
kommen; fie find die legten und ſtehen
an ber hohen Sul, dort, wo der Weg
anfteigt zum Scheideck. Auch dahinein
kann Einer drei Stundengut marſchiren.“
„Ich danfe Schön. So werde id)
heute bis zu den drei Häufern gehen.“
Nun hätte — es ſtand mit lejer-
liher Schrift auf ihrem guten Ange—
fihte — die Wirthin noch gerne gefragt,
was ich denn eigentlich für ein Menjch
jfei, daß ih um diefe Zeit, mo
doch Jedermann gerne daheim ijt, To
mutterjeelenallein herumwandere und
wiſſe jelbjt nicht einmal wohin. Und
dann fam ihr der Gedanke, ob man
jo etwas nicht dem Gemeindevoritande
fagen jolle, und dieſen Menfchen im
Haus behalten, jo lange, bis ihn der
Gemeindevorftand ſelber über Eines
und das Andere ausgefragt hätte.
Aber ich zahlte raſch meine Zeche
— ein Glad Wein, ein Stüd Brot,
und ein zweites Stüd für unterwegs
— dann ging ich davon.
Der Weg war von den Bauern-
ſchlitten glatt geichliffen: er ging durch
das enge Thal hinein und führte
mehrmals auf Brücen über den Fluß,
der mit einer Eisdede eingemölbt war.
Die Lehnen an beiden Seiten waren
theil8 bewaldet, theild mit glatten
Schneehängen; über benjelben bauten
fih die hohen Berge, an deren Höhen
der falte Winterglanz der Sonne lag.
Ein Schlitten mit zwei jchellenden
Pferden fam mir nah und glitt raſch
an mir vorüber. Ein mächtiger grau:
brauner Pelzbaufen lag in demjelben
und oben gudte eine ebenfall3 grau—
braune Pelzmüge heraus. Es mußte
Einer darunter fein, dem fröftelte.
— Ad, die reihen Leute! Denen
unmöglicher. Wenn der Herr nicht da= | hilft fein Pelz, bei denen figt die
185
Kälte inwendig, dachte ich mir und
ſchritt fürbaß.
Jahre alt; das Geſchick hatte mir
mein Herz verwundet und die Welt
hatte mir, um diefe Wunde zu heilen,
ägend Salz hinein geftreut. — Jetzt
war ih fortgegangen und fuchte in
den fremden Strichen des Hochgebirges
eine Weihnacht.
Vor einem Jahre noch hatte ich
zweimal das Chrijifeft in Glückſelig—
feit begangen: am heiligen Abend bei
der Mutter im lieben Häuschen am
Berge; und einige Tage ſpäter bei
meinem Freunde Emil in der Stabt.
Damals war fein Herz noch lebendig.
Ich babe ihn geliebt, wie nur ein
Süngling lieben fann. Und ein Jüng—
ling hat viel Liebe in Vorrath. Die
Liebe zum Mädchen, zum Weibe, zum
Kinde — fie ift noch nicht vergeben
und nicht getheilt — aluthvoll und
jelbitlos gehört fie dem Freunde. Kaum
jemal3 in meinem Leben bin ich jeliger
geweien, al& an jenem Abende, da
wir in feinem ftillen trautiamen Ge:
made, nur beleuchtet von der kniſtern-
den Gluth des Kamins, unjere Meih-
nacht feierten. Zuerſt hatten wir lange
Zeit Nüffe und Mandeln aufgefnadt,
Badwerk gegeſſen und Wein dazu ge:
trunfen; dabei hatten wir ung wegen |
einer Liebſchaft beiprochen, denn wir
fahen e3 ein, daß fo Burfchen wie
wir — Emil trug vor den Obrlapven
jogar jchon ein paar hübſche Bart:
ihr Liebchen haben müfjen. Er müßte
ein’3 in einem Kaffeehaufe, vertraute
mir, daß er entjchloffen jei, demnächit
ihr das brittemal feine Liebe zu geftehen
und, wenn fie ihn micht erhörte, fich
nöthigenfall® zu erſchießen. Ach bin
immer ein weicher Menjch geweſen —
hatte damals ein Mädchen im SFenfter
eines eriten Stodes erblidt und war
feft überzeugt, daß ich niemals in
meinem Leben den Muth haben würde,
diefem engelhaften Wejen meine Liebe
zu gejtehen, daß ich es aber trotzdem
lieben würde, bis „im Tob mein Herze
— Ich war neunzehn |
ſagte ih:
bricht”, wie ich in einem Gedichte fo
ſchön darthat.
Mittlerweile waren die Nüffe und
die Kerze gar geworben und ich legte
beim Scheine des Kamind mein Haupt
an die Bruft des Freundes, und dieſer
ichlang feinen Arm um mid, und da
„Emil, ich will jonft gar
nichts mehr, Du bit mir Alles!”
„Du mir auch“, fagte er und
‚paffte an einer Cigarre. — Ich hätte
mir’s denken können! Wenn ich fein
Alles bin, was braucht er mir Daneben
noch eine Cigarre? Es war aber be:
beutjam genug.
Siebzehn Tage nachher jtarb meine
Mutter. Einer Liebe zur Mutter war
ih mir nie bewußt geworben. Sie
war mein Leben — aber wer erinnert
ih an eine Leidenſchaft, mit der er
ſein Leben liebte? Wielleiht, daß der
Sterbende dieſe Leidenschaft Fennt, der
Lebende nicht. Das Leben ift eben jelbft-
verftändlich und — die Mutter auch.
Eines Tages traf fie auf dem
Dachboden des Häuschens ein Schlag:
anfall, fie wollte noch in die Stube
herabeilen, da ftürzte fie über die Treppe.
Mich traf die Nachricht in der Stadt
— ebenfalls ein Schlaa und vielleicht
härter, als der, den die Mutter erlitten.
Troftlos ſank ich dem Freunde in bie
Arme. Emil blieb ftumm und legte
feine Hand auf meine Stine. Als die
Mutter begraben war, eilte ich wieder
zu ihm; er tröftete mich und jagte,
ihöpfhen — ihren Spazierftod und
e3 wäre eben jchon eine betagte Frau
geweien. Und al® ih nah Moden
immer wieder zu ihm fam, um unter
Thränen mein Weh zu flagen — denn
immer größer erihien mir der Ver:
luft der Mutter, je länger ich fie miſſen
mußte — da fagte Emil einmal: „Geb,
laß’ das endlich fein, die Mütter fter-
ben alle und ſelbſt das verzogenfte
Mutterföhnlein weiß fich endlich zu
tröften.” Ich entgegnete fein Wort und
ging davon. Sept war der Freund
auch dahin. Ich mied ihn mehrere
Tage lang und fchrieb einen Aufjag
über die Mutterliebe und über bie
Treulofigfeit aller anderen Menjchen.
Diefen Artikel Tchloß ich mit dem Aus:
drude der Sehnjuht, der Einzigen
bald zu folgen.
Aber den Emil konnte ich doch
nicht entbehren, ſchon einmal deswegen
nicht, weil ich jonft gar Niemanden
hatte, dem ih meine Gedichte und
Stimmungen hätte vorlejen Fönnen.
Emil hörte mid ſtets freundlich
und verftänbnißinnig an, jo lange
jeine Cigarre brannte. Heute jedoch,
ala ih das von der treuloien Welt
und von meinem baldigen Ende las,
hub er gelaffen zu pfeifen an, ich
glaube, es war das jchredliche „OD du
lieber Auguftin”. Ich brach fofort ab
und jagte tonlos: „Ein neuer Beweis,
wie wahr meine Worte find.“
„Weißt, mein lieber Gabriel,“ ver:
jegte hierauf Emil und wiegte fih im
feinem Rollſtuhl, „Du bift ein Schwär:
mer und benüßeft den Tob Deiner
Mutter nur, um in Gefühlspufelei zu
jhmwelgen — und bift ein langweiliger
Patron.”
— — „Leb' wohl,“ ſagte ih und
bielt ihm bebend meine Hand bin.
„Serous!” rief er, drüdte die
Hand, blieb übrigens in feinem Stuhle
figen und blies Rauch von fich.
Bon diefer Zeit an war ich nicht
mehr bei Emil gewejen. Das war fein
Freund für mid. So lange er mic
für feine Launen ausnügen fonnte,
mußte er mich zu feſſeln. Und als ich
in meiner Betrübniß das Freundes:
herz ſuchte — war ich ihm langweilig
und er ftieß mich von fih. Er ver:
ftand mich nicht, jeine Mutter lebte
ja noh und für feine Herzensergüſſe
— er hatte auch jeine fentimentalen
Stunden — ſchien er doch das Mäd—
hen im Kaffeehauje gewonnen zu haben.
ALS aber Tage und Tage vergin-
gen, drängte es mich wieder, den
Freund aufzufuchen; wir maren feit
vier Jahren, jeit einem ſehr roman
tiſchen Zufammentreffen in einem Eichen:
walde, Bufenfreunde geweſen — und
das gewöhnt fi. Doch jagte ich mir
nun: er paßt nicht für dich, er ift,
feit ihm fo arg der Badenbart zu
wachſen beginnt, ein ſelbſtiſcher und
profaifcher Menjch geworden. Und er
vermißt ja auch dich leicht, fonft würde
er dich aufjuchen, denn er ift der Be-
leidiger.
Ich hatte hierauf im felben Früh:
jahre einen fiebzehnjährigen Gymnafial-
jtubenten gefunden; der troff vor Ge-
müthsweichheit und jchrieb, ſo zu jagen,
feine Gedichte nur mit Thränen. Er
frankte an einer unglücklichen Liebe
und an einem „Zweier“ im der Arith-
metif, Das war für mich der Rechte
und er bejang unjere emwig treue
Freundſchaft — vorläufig mwährte fie
nur feit drei Wochen — durch ein
rührendes Gedicht. Mit Emil fam ih
den Sommer über noch ein paarmal
zufällig zuſammen; er redete irgend
einen Gemeinplag, oder ſprach von
Pferden, landmwirtbichaftlihen Mafdi-
nen oder von Düngerjurrogaten —
denn er wollte fich der Defonomie be:
geben und in irgend einem Theile des
Landes eine Mufterwirthichaft gründen.
— Meltgeift, ſprach ich insgeheim,
das haft du einmal gut gemadt, daß
du Diefen zur Pflege der Erbäpfel
und Kürbiſſe bejtimmt Halt; laß es
ihm nur recht wohl ergehen! —
Im Herbite jandte mir Emil noch
zwei meiner Bücher zurüd, die bei ihm
gelegen waren; dabei lag feine Karte
mit einem „Gruße”.
Von diejer Zeit an war das Ver:
bältniß durchaus gelöft. Leider follte
ich nun auch meinen Freund aus dem
Gymnaſium verlieren. Da er jeine
zahlreichen Poefien immer nur in deut:
jher Sprache gejchrieben hatte, jo
war es fein Wunder, daß ihm zum
Schluffe des Semeſters das Griechische
ebenfall einen Zweier eintrug und er
nun, wie feine Gollegen jagten, vier:
ſpännig fahren konnte. Mit einem fol:
hen Viergeſpann fährt man wohl aus
dem Gymnafium heraus, aber nicht
mehr hinein. Mein armer Freund mußte
Ungeredtigfeit der Melt erfahren, er
— — —
wurde für ein nächſtes Schuljahr in
die Handeläfchule einer fleinen Pro: | -
pinzialftabt geſteckt. Zwei Briefe von
ihm befige ich noch aus dieler Zeit;
der erjte ift zu einer Mitternachtsjtunde
in Trochäen geichrieben, und flagt, daß
er, ter Schreiber, in feinem neuen,
unſäglich projaiichen Kreiſe nimmer:
mehr verftanden werde; er verlichert
mih der unverbrüchlichiten Freund: «
Schaft. Im zweiten Schreiben theilt er
mit, daß unter feinen Gollegen doch
recht nette Kerle wären, daß am Sams:
tag Nachmittags von der halben Glafle
regelmäßig die Geometriejtunde „ge:
ſchwänzt“ würde, weil der Herr Pro:
feffor um dieje Zeit ftet3 in einem Zu:
ftande wäre, in welchem er jeden jeiner
Hörer ohnehin doppelt jebe.
Das war auch von meinem zweiten
Freunde die lette Nachricht.
Nun wollte ich es mit Liebichaften |
verfuchen, aber da gings mir jo, wie |
mand Anderem aud: die Zugängli—
cheren behagten mir gleich anfangs nicht |
oder ftießen mich bald ab; und eine
echt frauenhafte, Marianna bieß fie,
die ich jehr felten jah, die mir aber
1)
|
ı mung.
Meihnachtsfeit? Er hat feinen Ehrift:
zu — den Einöden und ben Gletichern
und mir war wohl in biefen
Wandern — denn ich ließ die alten
Eindrüde in mir wieder fpielen und
mir war, als wallfabrteteich dem Beth:
(ehem zu, wo ich den Heiland finden
müßte. Worin ich mir diefen Heiland
vorftellte, darüber war freilich Feine
Klurbeit da.
Ich fühlte mich, als ich fo durch
das winterliche Hochthal dabinjchritt,
in einer recht glüdlihen Stimmung,
ih träumte viel und dachte wenig.
Bismeilen begegnete mir ein Ge:
birgler, an dem die bunte Fahne der
Armut ausaehängt war in feinem
beflicdten Wamms. Er hatte heute fein
freudig Geficht, feine gehobene Stim—
— Mas foll denn ihm das
baum, weil in diefe Berge die liebliche
Sitte noch nicht gedrungen ift, er kennt
die Herzinnigfeit des Familienlebens
nicht, weil fein Gemüth dafür zu raub
ift und meil unter dem Drude der
Armuth kein wahres häusliches Glüd
auffommen kann. Zu feiner Kirche gebt
‚er in der Mitternacht ; der ungemohnte
fo gefiel, daß ich das Glück ihres Be: | Kerzenfchimmer und der Gloden- und
figes einfach. für unmöglich bielt —
ich juchte fie von der Ferne und mich
ihr doch wieder aus.
So war ich der Einfame und fuchte
nur Genuß in meinen füßen und weh—
müthigen Träumereien. Mitunter kam's
Drgelllang zu folher Stunde, und
die alten Krippenlieder wecken vielleicht
ein wenig jeine Seele auf. Der Mittel:
punkt bes MWeibnachtsfeftes aber ijt ihm
jedenfall® der Feſtbraten, von jeinen
fünf Praten des Jahres der legte. —
doch deutlicher, ich fühlte, daß mir
was abging und mußte nur nicht, was
Da nahte die Meihnadht. Heim in
D nein, mit jo reizlofen Gedanken
bat fih der wandernde Junge damals
nicht befaßt. Ihm war jeder Nelpler,
mein Häuschen mochte ich nicht — ich |der ihm begegnete, ein Hirt aus dem
fürchtete mich zu sehr, dieſe heilige | Morgenlande. Ihm waren die form:
Naht, das Liebe Feſt der Kindheit, |veihen Berge mit ihren fchlichten
ohne Mutter zu begehen. Der Chrift: | Menfcenwohnungen ein millionfach ver:
baum im Salon mit feiner Coquetterie | größertes NKrippel, wie er es als Kind
und feinen Frivolitäten war mir ein in feiner Pfarrkirche geſchaut hatte.
Gräuel. Fern im Gebirge, in einer) NIS ich durch ein jchroffes Felſen—
Hütte bei armen Menſchen, wo die |thor getreten war, wo ber Bad} Feine
Naivität das himmlische Märchen wie: Eisdede hatte, ſondern wüſt und ſchäu—
derfebt, dort wollte ich fein. Theil | mend über die Steinblöde braufte und
meinem fchwärmeriihen Hange zum | hoch an die Wand aufiprigte, um dann
Abfonderlichen folgend, theild ber Welt |in langen, ſcharfen Zapfen niederzu-
zum Trotze zog ich alfo dem Gebirge | ftarren — meitete fih das Thal. Tief
188
in der Fläche lag dunkler Wald, ber
nur punkt: und ftreifenweife vom Schnee
beiprenfelt war. An beiden Seiten
thürmte fih in fühnen Wänden das
Gebirge auf, von mandem Engthale
durchbrochen. An einem folchen Ge-
wände body oben ragte das jchlanfe
rothe Thürmchen einer Kapelle, das
wohl nur zur Sommerszeit von An:
dächtigen bejucht werden mochte. Im
Hintergrunde endlih war das Thal
plöglih abgejchloffen. Die blauenden
Wuchten der hohen Sul — in ber
Tiefe ſchon nachtend, oben auf der
höchſten Pyramide, die wie eine Biſchofs—
mütze ausfieht, der glühende Schein.
Im Thale hub es jchon an zu bäm-
mern, aber die ftille, rothe Gluth auf
der Spitze der Sul legte in die jcharfen
Schatten ringsum einen rofigen Hauch,
jo daß eine Stimmung in die Gegend
fam, die unbejchreiblid ift. -—- Das
find ja die Eisfelder dort oben, die
ewig leuchten, auch in der Mitternacht
in blafjem Weiß, eine ſehnſüchtige Hand
der Erde, die ſich ausjtredt nach dem
unverfiegbaren Lichte des Himmels. —
An der Sohle jenes Bergriejen, der
die glorreihe Krone trägt, werden die
drei Häufer liegen. Was joll dort
jein, daß es dich aus deinen Kreiſen
zieht und hierher in diefen Winfel,
den du faum je in deinem Leben
nennen gehört haft? — Aber jo iſt es
geworden, daß du die Poefie nur mehr
in den Wäldern, in verlorenen Berg:
Ihluchten und bei den Naturmenfchen
fuhen mußt. Mit wem ift e8 jo ge:
worden, mit ber Welt oder mit dir?
— Vielleicht liegt der Fehler in dir.
Mahrhaft poetiſche Gemüther müſſen
ja doch an allen Orten, in allen Lagen
des Leber und an allen Menjchen
das Schöne herausfinden fünnen. Hajt
du nur für die Wildniß Neigung, jo
it an dir ein Bär verborben. — So
rief's in mir — noch feder faft, als
einft mein Freund — und ich fonnte
nicht wiberfprehen. Ich war nämlich
Ihon müde und etwas abgejpanıt und
ih jagte zu mir jelbft: dieſe ziel:
und zwedlofe Bergtour kann möglicher:
weife ein dummer Streich fein.
Der Weg wurde ſchlechter, endlich
waren nur mehr die zwei tief gehöhl:
ten Schlittenleiften, und inzwijchen der
harte Rüden aus gefrornem Schnee.
Die Fußtritte winfelten, es war eine
harte, trodene Kälte und bie flare
Luft wie zu einem Kryftalle eritarrt.
Kein Vogelſang, fein Rebgebell war
zu hören, fein Lufthauch in ben Wi-
pfeln, kein Niejeln einer Duelle— nichts,
al3 das Knarren meiner Füße und
meines Stodes im Schnee. Und fein
Waldduft, kein Blümlein, fein fliegender
Blüthenftaub, Feine jummende Mücke.
Es wac ja die Mitternacht der Natur,
und der Sommer fchlief in feinem Erd:
reiche.
Der Schnee wurde feichter, ber
Wald dichter und dunkler, nur biswei—
len noch bligte zwiſchen den Wipfeln
die glühende Tafel von der hohen Sul,
welche aber auch allmälig erblaßte.
— Ein feltfamer Chriſtabend, Ga—
briel, bijt du wohl bei Troft ? — Sonft
haft du die heiligen Stunden im patri=
archaliſchen Frieden deines Vaterhauſes
zugebracht. Die uralten Weihnachts:
fitten, theil® aus dem Heidenthume
der germanischen Vorfahren ftanımend,
theils von der Kirche eingeführt als
eine Botichaft aus dem bibliichen Beth:
(ehem, wie haben fie dich jedesmal neu
bewegt, wie haben fie dir ſtets ein
Stüd deiner erften, glüdjeligften Kind:
heit wieder zurüdgegeben. Jetzt ift das
liebe alte Haus verjchloffen; Der
Schein der Talgkerze fällt nicht mehr
hinaus an den Stamm der alten Ejche,
die vor dem Haufe jteht; vielleicht,
daß ein Stern des Himmels hinein:
gleitet durch das glasloſe Fenfter auf
den wurmſtichigen Tiſch, wo jonft die
Mutter gejejfen war, und wir Kinder
um fie herum, ihren Weihnachtsmärchen
laufend. Sie ruht jegt im Grabe
und ihr Kind zieht in fremden Weiten
und hat feinen Weihnachtsgruß für
den Hügel auf dem Kirchhof. —
Schwer trägt man an Gebanfen
und Träumen, wenn man fich zu viel
davon aufladet. — Ich ging faft willen:
[03 weiter, immer durch finfteren Wald.
Es war dichter, junger Tannenanflug,
die Bäume waren etwa nur um's drei—
fache höher als ich. Die ſchwarzen Spigen
ihrer Wipfel fchnitten ſich noch ſcharf
am Abendhimmel, an welchem jchon
ein Sternlein um’3 andere zu flimmern
begann, Ein blafjer Streifen, der in
der Düfterniß des Waldes vor mir
binlag, zeigte mir den Weg. Ich hob
meinen Stof empor und trug ihn
wagrecht in der Hand, dem fein Ge:
räuſch im gefrornen Schnee fam mir
unheimlich vor. Auch mit meinen Füßen
trat ich jehr vorſichtig aufden Schnee,
daß er nicht allzujehr knarrte. Einft
am heiligen Abend hatte die Mutter
gerne gefagt: „Nur gerubfam, Kinder,
und wedet das Chriſtkindlein nicht auf!“
Die Räder und Hämmer aller Fabri—
fen“ Schweigen in diefer Naht. Nur
die Eifenbahnmafchine brauft Tag und
Nacht und immerfort; fie weiß nichts
von Poefie, fie ijt ein Kind der Zeit. —
Ich ftand einmal fill. Ich horchte.
Seht war nicht mehr die kalte Ruhe
des winternächtigen Waldes. Und hätte
Einer nichts gewußt vom Kalender —
in diefer heiligen, friedensvollen Stim—
mung der Natur hätte er die Ehrift:
nacht erkannt.
E3 war jenes jeltfjame Klingen,
das zumeilen gehört wird, aber nicht
von den leiblichen Ohren, fondern von
der Seele, und von welchem meine
Mutter einmal gefagt hatte: „Haltet
jeßt die Ohren zu, Kinder und horchet,
im Himmel oben läuten fie mit allen
Glocken.“
— Engel verkünden die Stunde,
Die ums geboren den Herrn ...
jagt das alte Lied, ein Beweis, daß
auch unjere Borfahren die himmlische
Muſik gehört haben.
Nun funkelten oben alle Sterne in
vollftem Glanze — unferes Herrgotts
Weihnachtsbaum, den er feinen Men-
hen auf Erden angezündet hat. Er
———
gibt uns das Licht und das iſt unſer
Chriſtgeſchenk.
Und das iſt die Stunde, in wel—
cher draußen in allen Häuſern die
Chriſtbaumluſt waltet. Menſchen, die
ſich das Jahr über vielleicht gegenſei—
tig oft bitter weh gethan haben, ver—
ehren ſich Gaben und ſagen, daß ſie
fi) recht lieb haben und von Neuem
lieb haben wollen. Die Gejellichaft
windet bei dem Strahle des Weihnachts:
baumes eine neue Roſenkette und die
Herzen werben weich und warm, wie
dad Wachs an der jungen Tanne. —
D glüdjeliger Lichterbaum! und hätte
Prometheus mit dem Feuer, das er
vom Himmel geholt hat, nicht3 ange
zündet, al3 den Weihnachtsbaum —
dieje Wärme allein hätte die Menſch—
heit durchdrungen. — Und ich bin aus:
geſchloſſen aus den heiteren Kreifen,
muß im Froſte und in der Finſterniß
eines öden Waldes fein ? — Ya, Freund,
du haſt dir's jelber gethan? Schreite
fürbaß bis zu den drei Häufern, dort
kannſt du bei fremden Gefichtern und
einer rußigen Spanleuchte deine Weih—
nachtöfreude begehen. — Ad, daß der
liebe Gultus des Chriftbaumes noch
nicht zu den armen Landleuten gedrun-
gen ift! Da würde e8 zum mindejten
einmal im Jahre licht in ihrem Haufe
und in ihren Herzen. — Aber darf
man es den Leuten wohl auch Licht
machen ? Das Licht verjengt ihre Nai-
vität, die beftändige Kindſchaft ihres
Lebens... .
So hatte mein Sinnen eben fo
wenig Ziel und Zwed, wie mein Wan-
dern. Nur gut, daß mir im Schnee
der Weg gebahnt war; zur Sommers:
zeit würde ich mich verirrt haben in
dem Wirrfal des Didichts, wie ich
mich ſtets immer wieder verirrte in
dem Wirrjal der Träume.
Erſchöpft fühlte ich mich und trüben
Auges blidte ih vor mich hin, ob es
fih nicht ſchon bald lichte, daß ich bei
meinen drei Käufern wäre. Aber der
Wald wurde wo möglich noch immer
dichter und meine Uhr jagte mir, daß
190
ih wohl noch eine Fleine Stunde bis
zu dem gejtedten Ziele zu gehen haben
würde. Da jah ih durch das junge
Geſtämme plöglih etwas ſchimmern.
Ich erjchraf und blieb jtehen. — Es
war bie tieffte Stille. — Ich ſchritt
weiter. Es war fein gemwöhnliches Licht
einer Hütte, eines offenen Feuers —
gar hell zitterte es durch die Aeſte und
die Schäfte der Tannen und Fichten
erglühten im jeltjamen Schein. Und
als ich noch etlihe Schritte machte
und das Didicht ſich getheilt hatte
— mas war das? —
Mitten in dem ftillen, einfamen
Malde, lebendig herausgewachſen aus
dem Erdreich, Moos und Schnee, prangte
in einer reichen Lichterfrone — ein
Weihnahtsbaum.
— Wie erflarrt mag ich dageftan: |
den fein. Dann habe ich meine Augen |
gewendet und meine Ohren angeitrengt
— habe nichts gejehen, als den jchwar:
zen Wald und den funfelnden Baum ;
habe nichts gehört ald — das Gloden:
geläute vom Himmel.
Mas iſt das?
Iſt's ein Traum? nein, du wachſt
ja und das iſt falter Schnee. Iſt's
eine Erjcheinung deiner überreizten |
Seele? — ober iſt's doch ein Wunber !
Ein Wunder, zu dem did ein uner:
Härlicher Drang hierher geführt hat ?
Mid hatte früher in die Finger
gefroren, jetzt riejelte es heiß durch
al’ meine Glieder, und wie jelbit zu
einem Baume angemwurzelt jtand ich
da — zehn Schritte vor dem in bei:
liger Ruhe leuchtenden Tannenbaum.
Ich habe fie nicht gezählt, aber
wohl an die dreißig weiße Kerzen
mögen gebrannt haben auf den Aeſten,
und als des Wipſfels höchſte Knoſpe
jtand von feinem Lüftchen bewegt, weiß
und heil noch ein Lichtlein. Unten auf
dem Schneeboden rings um das Bäume:
hen hatte der Schatten des Geäjtes
eine dunkelgeflochtene Krone gelegt.
Sonft war nichts da und rein von
allen Gegenftänden irdiſcher Wünſche
in höchſter Einfachheit und eben da-
1
durch in höchſter Schöne — nur der
Seele geweiht — ſtand die wunder—
volle Weihnachtstanne auf dem Schnee.
Und da es ftille blieb und Nie:
mand fam aus dem Stamme der Meı-
ihen und ich ja ein leblojer Strunf
geworden war, jo jhienen die Bäume,
die in der Runde fanden, vortreten zu
wollen zu ihrem heiligen Chrift. Deut:
liher wurde mir ihr Gejtämme und
Aſtwerk, roth vor Freude waren fie
und ihre jungen Arme ftredten fie aus
nach dem lieben verflärten Genofjen —
der erſte wohl, der, auch noch im glor:
reihen Kleide des Lichtes bei ihnen
verblieben war.
Die erften Schauer in mir waren
etwas gewichen, die Thräne des Auges
an den Wangen eritarıt. Ich konnte
aber nicht vorüber gehen, ih mußte
ganz binjchreiten zum Bäumchen, zu
jehen, ob denn nicht doch mein Gott
verborgen fei hinter dieſem brennenden
Dornbuſch.
Da ſah ich, daß eng am Stamme
zwiſchen zwei Lichtern ein Sternchen
glänzte. Es war aus Goldpapier ge—
ſchnitten und mitten in demſelben —
ih hatte mich ſchon gar nahe gewagt
— ſtanden die Worte: „Gabriel, gehe
rehterhand ab von Deinem Wege und
fomme an unfer Herz.“
Neues Erzittern in mir.
Bald jedoch ſtand mein Entſchluß
feſt, an das Wunder zu glauben. Was
da im Rathe Gottes mit mir geplant
war, ich wollte folgen. Zum Böſen
konnte es nicht führen, dafür war mir
die Geſtalt des Wegweiſers der heiligſte
Bürge. — Ich wußte nun wohl, mit
Menſchen hätte ich es zu thun, aber
weil es gar ſo märchenhaft war, wie
mir in meinem Leben noch nie was
ſo Seltſames begegnet, ſo ſah ich eben
nur das Märchen.
— Gehe rechterhand ab von dei—
nem Wege! — Ich unterſuchte den
Boden und fand, daß thatſächlich ganz
nahe an dem brennenden Bäumchen
ein jchmaler Fußpfad fih von dem
Schlittenweg nad rechts abzweigte.
191
Noh einmal jah ih den Weih—
nadhtsbaum an und ließ ihn damı
jtehen in jeiner ftilen Oedniß und
johritt den jchmalen Fußpfad hin. Noch
fandte er mir, auf der Kleinen Blöße
meinen neuen Meg beleuchtend, den
rofigen Schein nad, und der Schatten
meiner Geſtalt glitt vor mir auf dem
Boden hin, ein dunfler Wegweijer, der
den Pfad eher verbedte als Flarlegte.
Endlich aber war der Schein erblaft
uud erftict, ich ging wieder durch fin:
fteren Wald und Hatte Mühe, mit
meinen Füßen in den mir vorgetrete:
nen Spuren zu bleiben. E3 ging bergan
und es ſchien, als führe mein Weg
in das wüſte Gefelje empor, das id)
früher über den Wald ſich erheben ge:
jehen hatte.
Almälig wurde der Anwuchs
dünner, es lichtete fih und ich jah
links und rechts die dunklen Majjen
des Gewändes und ich ftand auf einer
Scharte, die jenfeit3 in eine Schlucht
jehen ließ, deren Abgrund nicht zu er:
meflen war. Das Rauſchen eines Wild:
baches jchien jehr tief heraufzufommen.
Und mein Fußjteig ging nieder gegen
diefen Ungrund, Als ich noch einmal
zurüdblidte in den Bergfefjel mit dem
noch immer wie Phosphor ſchimmern—
den Gipfel der Sul im Hintergrunde
und mit der Waldfläche unten, die wie
ein jchwarzer See dalag, jah ich dort
noch das funfelnde Krönlein des Chrift:
baumes in jeiner Einſamkeit ftehen.
E3 geht ein Märchen vom Srr:
ihein, e3 geht ein Märchen von jenem
ewigen Licht im Walde, das Jeden,
der ihm folgt, zum Untergange führt.
Ich glaubte nicht daran. Ein Licht,
das den Chriftbaum zu jeiner Geftalt
erwählt bat, kann nicht falſch fein.
Vielleiht aber war der Chrijtbaum
von den Seligen mir gejandt, von
meinen Eltern — und fie riefen ihr
heimatlojes Kind zu ih... .
Als ich mich gewendet hatte und ber
Sternim Thalkeſſel hinter mir entſchwun—
den war, jah ich in der Tiefe, in welche
ih eben binabzufteigen verfuchte, einen
andern. Er leuchtete roth und fladerte
und röthete auch den Rauch, der aus
ihm aufwirbelte. Ich hielt das zuerft
für ein großes Lagerfeuer und gar für
den Brand eines Haufes; aber es war
viel näher da, das Licht ftieg zu mir
herauf — es war eine Spanlunte. —
Ein junger Mann trug fie, ein jelt:
jam jchöner Jüngling in der Kleidung
des Hirten, aber nicht des Senners
der Alpen, jondern des Hirten im
Morgenlande mit dem Hlaffiih ge
ichlungenen Mantel, mit der Tuch—
mütze, mit den nadten Beinen und
den Sundalen, wie einem Krippel ent:
laufen, Mitten im minterlichen Hoch:
gebirge! In der einen Hand trug er
einen gefrümmten Schäferjtab, in ber
andern die Fadel. Als er mich jah,
lächelte er und fagte: „Da ift ber
Herr. So ſoll Er mit mir gehen. Ich
will Ihn zur Freude führen.“
Dann jtiegen wir zufammen in bie
Schludt hinab. Der Hang war fteil,
der Steig ging in Windungen. Mein
wunderliher Führer jchritt gemächlich
voraus und hielt die Fadel ftet3 fo,
daß ihr Licht auf meine Tritte fiel.
„Was fol das Alles bedeuten ?“
fragte ich ihn.
Er jah um, lächelte mich au, ent:
gegnete aber fein Wort.
„Wohin führt Du mich, mein
Freund?” fo meine zweite Frage.
Die Krippelfigur jtieß ihren Stab
luftig in den Schnee und jchwieg.
„Ja“, ſagte ich enblih, „es hat
weiters nichts auf ſich, nur fürchte ich,
daß ih wahnfinnig geworden bin.“
Er blieb jtumm.
Das Raufhen des Waſſers war
immer lauter geworden, je näher wir
zu ihm hinabfamen, und jet war ein
Donnern, daß ſchier der gefrorne Bo—
den bebte. Und plöglih ftanden wir
vor einer Erjcheinung, die mich er:
chreckte.
Ein kurzes Engthal war. Von einer
gewaltigen, ſenkrechten Felswand nie—
derwarf, einem wuchtigen Schneeſchutte
ähnlich, in den Strahlen unſerer Lunte
192
golden funkelnd — ein ungeheurer | ein lichter Duft. Aus der Ferne ſummte
Wafjerfal. Oben drängte er fih aus
einer jchwarzen Kluft, zu der unjer
Licht kaum mehr hinanleuchten wollte,
dann flürzte er in einem feden Bogen
jhwer und krachend herab auf einige
Felskanten, die ihn in taufend Fetzen
zerriffen, jo daß er dann in einem
breiten, mwildbraufenden Strome den
zweiten Abgrund niederfuhr, um ſich
unten tojend und giſchtend in eine
qualmende Staubmwolfe zu verhüllen.
Einen Ruf um den andern ftieß
ih aus, aber ich hörte meine eigene
Stimme nit. Mein Begleiter jprang
aus dem Schnee auf einen Fahlen
Stein und ſchwang die Fadel hoch
über feinem Haupte. Da war in dem
Nebel, der aus der brandenden Tiefe
emporftieg, der fiebenfarbige Bogen.
Und nebenhin fpielte das Licht in
den Eisgebilden, die, hier wie Orgel:
pfeifen, dort wie Urwaldgejtämme,
dort wieder wie erjtarrte Wogen- und
Waſſerſtürze, prangten.
Ale Schauer der Ehrfurcht find
über mich gefommen. Mein Begleiter
mußte mid an der Hand fallen und
von diefem Naturjpiele hinwegführen.
Wir waren in einem Thale. Der
Meg hatte ſich gemweitet und neben
demjelben raujchte immer noch in wü—
jter Aufregung das Waſſer. Vielleicht
zwanzig Minuten waren wir jeit dem
Waſſerfalle gegangen, da fette unjer
Meg auf einer hohen Brüde über den
Bad. Auf der Brüde jtand ein Kreuz
mit einem jchönen Bilde der Mutter
des Herrn, vor welchem ein rothes
Hemplein brannte. Hinter diefer Brücke
thaten fich die Berge auseinander, ein
breites Thal lag da; am Wege waren
junge Baumpflanzungen; Planfen und
Zäune wecdhjelten; hie und da in der
Ferne jchimmerte eine Fenſterſcheibe.
Mein Begleiter blieb ftehen und ftecte
die abwärts gejenfte Fackel in den
Schnee, daß es ziſchte und mir im
Finftern waren. Aber die Sterne fun:
felten jharf und über dem Thale lag
das Geläute von Kirchengloden.
Bor uns ftand eine dunkle Maſſe
mit vielen jchimmernden Duabrätchen.
Diejer gingen wir zu. Zwei Hunde
ichlugen an, waren aber, als mein
Führer einen Laut von fich gab, jo:
gleich wieder til. Wir jchritten durch
einen weiten Hof der Pforte zu, ar
welcher zwei Laternen brannten.
* Das war doch mehr als ein Bauern:
hof; e8 war aber auch nicht der Stall
von Bethlehem . . .
Mir traten in das Gebäude und
als wir die breite Holztreppe hinan—
jtiegen, Elapperten meine fteinhartge:
gefrorenen Schuhe. Dben ging eine
Doppelthür auf und ich ftand in einem
milddurchwärmten, hell beleuchteten
Saal. Und eine junge Frauengeitalt
jtand da, in einem lichtblauen Kleide
und eine Roje im golbfarbigen Haar.
Sie hatte große, blaue Augen, und
mit denen blidte fie mich jegt an und
hielt mir ihre Eleine weiße Hand ent-
gegen und jagte die Worte: „Seien
Sie gegrüßt, bei uns, Gabriel, ſeien
fie gegrüßt !”
Ich wußte nicht, was ich entgeg:
nen jollte, ih wußte ja immer nod)
nicht, was das Alles war uud bedeu:
tete. Da ging jchon die Nebenthür auf,
und er trat herein — er im bunfeln
Rod, mit lächelndem Antlige und mit
offenen Armen.
„Servus, Gabriel!” — und er
riß mih an jeine Bruft und füßte
mich innig.
— „Emil!“ ftotterte ich.
„Ja freilih!” rief er, „und fo
muß man Dich wieder einfangen, Du
ſcheugewordenes Menjchenkind, Du mil:
der Knabe! — Sei gegrüßt!“
„sa, aber —“
„Das ift“, fuhr er fort, die junge
Frau an der Hand faſſend, „wie Du
Dir denken Fannft, mein Weibchen,
und ber da, lieb Tinchen, ift Gabriel
der verzauberte Prinz, der in einen
Poeten verwunſchene Menſch, mein
lieber Freund und Zwetſchkenröſter.“
193
„Aber, wiejo fommt —“ jtotterte | Es ift ein heiteres Chriftmahl ge
ih wieder.
„sa!“ rief die Frau, „das wär’
ein jauber Ding, jegt mit den ver:
frorenen Füßen zu ſchwätzen anfangen.
Kommen Sie mit in Ihr Zimmer,
zum Plaudern ift jpäter noch viele
Zeit.”
Und fie führte mich in ein freund:
liches Gemah mit einem fnifternden
Kamin und zwei jchneeweißen, bren-
nenden Kerzen auf dem Tifchchen.
Eine Stimmung wie Heimatshaud)
ummebte mich. Aber vor Allem fühlte
ic) jelbit, was das Nöthigite war. Ich
brauchte ziemlih lang, um mich zu
durhmwärmen ; von außen hinein thats
ber Kamin, von innen heraus der mir
gebrachte, mildvolle und gluthreiche
Mein mit dem jüßen Namen „Lieb:
frauenmild.“
Und als ich endlich auch in einem
weihen Hausfleide ſtak, trat ich wie:
der hinaus in den lichterreihen Saal
und durch denjelben in ein Eleineres
Zimmer, in welchem für vier Berjo-
nen eine Tafel gedeckt war. Eine
leiht umſchirmte Hängelampe goß
ihr volles Licht nieder auf den mwohl-
beitellten Tiſch, während die übrigen
Theile des Zimmers in behaglichem
Dämmerſcheine blieben.
„Und jegt, mein Freund!” jagte
Emil, mir noch einmal die Hände
jhüttelnd, „vergib! ich hatte fein
Recht dazu, aber ich habe es doch ge—
than. Wir wollten Dich jo gerne bei
und haben. Du bift auf dem Ober:
hofe daheim.“
„Es freut mich von Herzen“, jagte
ih, „nur willen, wie das Alles fommt !
Jh bin ein Träumer, aber es liegt
— doch daran, daß dies kein Traum
ei.“
„So iß jetzt wacker und trink'“,
ſagte Emil, „das iſt der beſte Beweis
Deines Wachens.“
Albertine, ſo hieß ſein ſchönes,
junges Weib, legte mir die feinſten
Stücke auf den Teller. Emil hielt
ſtets mein Glas in gutem Zuſtande.
Roſeggets „Heimgarten‘‘ 3. Heft.
wejen.
„Für wen ift nur das vierte Be:
jted hier an meiner Seite?“ fragte ich,
da ung doch nur drei Perſonen waren.
„Ih hoffe, Du wirjt es noch er:
fahren, Gabriel“, war der Bejcheid
meines Freundes. Und der Sefjel ne:
ben mir blieb leer.
„Nur auf Eines will ih Di
gleih aufmerffam machen, Freund“,
jagte Emil, „heute ift Chrijtabend,
aber bejchenft werden wir nicht. Wir
laffen die Sitte fallen, fie bringt zu
viel Spannung in den heiteren Kreis,
und der A weiß doch nicht fo aut,
was der B braudht und am liebiten
will, als der B jelbft. Der B fol
von dem Geld, womit er für den A
vielleicht was Unpafjendes gefauft hätte,
für fich jelbjt zu Ehren des B das Paſ—
jende anfchaffen. Der A ſoll es auch jo
machen — fahren beide Theile beſſer.“
Mir fröftelte vor ſolch einem pro:
ſaiſchen Menfhen. Wie war der nur
im Stande —
„Na“, bemerkte Emil, „Ihr Poe-
tafter jeid eben gewohnt, alles Prak—
tiihe für projaiih zu halten. Mir
wieder jcheint das Unpraktiſche nicht
poetiſch.
„Und der Chriſtbaum da oben im
Gebirge“, ſagte ich, „und ihr und ich?
— mir wird unheimlich, wenn ich die
Löſung nicht bald erfahre.”
„Ih fürchte, die Löſung ift zu
wenig romantiſch für einen in Aether
conjervirten Jüngling“, lächelte Emil.
„Spotte, jpotte! Wenn man auf
projaiihem Wege Solches ausführen
fann, dann ſchwöte ich der Proja zu
für alle Zeit.”
„sh muß Dir doch erzählt haben,
daß ich Zandwirth werden wollte ?“
„Das haſt Du mir mehrmals ge:
jagt”, antwortete ich.
„Und daß ich mir dann ein liebes
Weibchen in's Haus führen möchte.“
„Das haft Du mir auch nicht ver:
| ſchwiegen.“
18
194
„Wohlan, das habe ich gethan.
Im August des vergangenen Sommers
habe ich mir den Oberhof im Sul
thale erworben, im September bin ich
hierher gezogen, im Oktober habe ich
das Haus geordnet, im November habe
ih mir aus den Weinbergen meine
Albertine geholt.“
„Aber, das ift niht — ?“ rutjchte
es mir heraus,
„Nein, das ift nicht das Kaffee:
hausmädchen“, ergänzte Emil feine
lähelnde Frau an der Hand fallend,
„für die hübſche Kaffeewirthin habe ich
nur geihwärmt, aber die liebe Alber:
tine, die ich bei einem Weingartenfejte
fennen gelernt, babe ich geheiratet.“
„But“, ſagte ich nach einer Weile,
„io jeid ihr da. Aber wie bin denn
ih da?“
„Geſchwindigkeit ift Feine Hexerei“,
lachte Emil, „mit Bedacht und langem
Vorbereiten hätten wir Dich nicht hier:
hergebracht, jo jehr wir uns darüber
den Kopf zerbrodhen haben. Du bijt
überliftet worden. — Wie Du von
Wien zum Dreinägelwirth kamſt, das
weiß ich nicht, wahrſcheinlich theils
auf der Eifenbahn, theil® zu Fuß und
theil3 zu Pferd — auf dem Pegafus.
„Ach, laß’ das”, warf ich ein,
„ich babe jchon ſeit einer Woche Fein
Gedicht mehr gemacht.”
„Bitte, genire Dich nicht in mei—
nem Haufe; es wird Dir jchon ein
Winkel angewiefen werden, um folch’
allfällige Vebürfniffe zu ſtillen.“
Ich würde faum gemerkt haben,
daß dieje Worte wieder Spott gewe—
jen wären, wenn Albertine nicht aus:
gerufen hätte: „Aber Emil! — jetzt
haft Du Dich Jo lange — wie ein Kind
auf ihn gefreut, und jegt thuft Du ihm
allerhand Boshaftigkeiten an. Er lauft
uns in diefer Stunde wieder davon.”
„Ob, der bleibt ſchon da!” fagte
Emil. Und wahrlih mir fam nichts
weniger in den Sinn, als aus dieſem
Haufe wieder fortzugehen.
„But ift nur, daß er nicht ganz
von Nektar und Ambrofia lebt“, fuhr
Emil für fih redend fort, mit dem
Halſe einer Schaummeinflafche ſpielend,
„denn wäre er beim Dreinägelwirth
nicht zugefehrt, jo hätte ich ihn kaum
in unferer Gegend entdedt und er hätte
es auch der Frau Wirthin nicht mit:
theilen können, daß er wie ein Tſchap⸗
perl (Närrchen) umgeht.“
„Das habe ich ihr nicht gejagt“,
verjeßte ich.
„Du mwußteft ja gar nicht, wo Du
hin wollteit. Schadenbach, Bergwieſau,
die drei Häufer an der Sul — Alles
war Dir recht. — Aha, denfe ich mir
im Nebenzimmer, der leidet gerade
wieder arg an feiner Poeſelei. So
Leut’ find wie Mondfüchtige, man muß
fie gehen laffen, aber ein ſcharfes Auge
auf fie haben. Dem Wetter ift der ge=
rade gut genug zum Erfrieren, wenn
er wo liegen bleibt. — Eilends bin
ih nach Dir davongefahren, hab’ Dich
unterwegd noch einmal gejehen mit
Deinem ſäuerlich verflärten Gefichte,
wie Einer, der das Reich Gottes auf
Erden jucht und“ fi dabei die Naſe
verfriert.“
„Sa, ja”, lachte Albertine, „Du
jelbjt biſt troß Deiner Pelze mit einer
verfrorenen Naje nah Hauſe gefom=
men.“ — Und zu mir: „Du Alber:
tine, jagt er, der Gabriel jtreicht
in der Gegend um. — Wo? ruf’ ich,
fo hole ihn doch. — Ob, jagt Emil,
das verfängt nicht.“
„Freilich“, verjegte Emil, „den
muß man poetüdijcher Weife Hinter:
gehen. — Es war feine Zeit zu ver:
lieren, in anderthalb Stunden mußte
der Nachtwandler im Kefjelmwalde fein,
wo ber Fußpfad nah dem Oberhof
herüberführtt. Ich bin mit meinem
Schlitten ſchon außerhalb des Keſſel—
thore3 feitabgefahren, aber das wäre
fein Weg für Dich gewefen. Dir mußte
man in Nacht und Wildniß beitommen,
wie dem Grafel, als man ihn einge:
fangen hat.“
„Zuerſt ift er“, fagte Albertine,
und redete von ihrem Manne, „auf
den Gedanken gefommen, drüben im
Keffelmald raſch eine hölzerne Hand
an den Baum zu heiten, die mit ber
Inschrift: Weg zu den drei Häufern —
den Fußiteig zu uns herüber gezeigt
hätte. Denn bei uns find ja auch drei
Häufer und eine Viertelftunde weiter
draußen jogar ein ganzes großes Dorf.“
„Bei rabenfinfterer Nacht fo ein
Megzeiger, das märe ein Schlechter
Spaß geweſen“, lachte Emil.
„So ift er”, ſagte Albertine, „auf
die Chriftbaumidee gekommen. Gleich
war der Fuchs aus bem Stall und
mit dem SKerzenpafet ift er davonge—
ritten. Tannenbaum brauchte er feinen
erſt zu ſchneiden.“
„Bäume gibt es im Walde genug“,
fügte Emil bei, „bald brannte das
Ding lichterloh ; und meinſt Du, Freund,
ih hätte mich nicht irgendwo im Hin-
terhalt verjtedt, um, fall das Ma:
növer nicht gewirkt hätte, Dich doch
noch zu ergreifen? Was hätteft denn
Du in den drei Häufern gemacht? |
Dort ift ja fein Menſch daheim, fie
gehen alle in die Chriftmette und da
müffen fie um acht Uhr ſchon auf:
brechen. Haft mich denn nicht gewahrt,
wie ih dann über den Berg hinter
Dir und Deinem Hirten bergejchlichen,
und mich, dieweilen ihr beim Waffer:
fall waret, wieder in den Sattel ge:
worfen hab’ und davon geritten bin 2“
„Aber der Führer”, jagte ich, „der
bat fih doch jeine nadten Füße im
Schnee gründlich verfroren!”
„Ah geh!” jpottete wieder Emil,
„io projaisch zu denken von dem Hir-
tenfnaben aus Bethlehem !“
Doch, das junge Weibchen be:
tubigte mih, der Burſche wäre
der Sägenfeiler-Michel geweſen. Der
wäre in ſolchem Komödianten - Auf:
zuge gerade von der Probe zum „Krip:
pelgipiel” heimgegangen, das mor—
gen beim Nichterbauer aufgeführt
würde; der Michel jpiele dabei den
Hirten Nathaniel und in der Ge
ftalt habe ihn der Emil gewonnen, dem
Gaſte mit der Fadel entgegenzugehen.
Das enganliegende, fleijchfarbige Bein:
—
kleid mit ähnlicher Beſchuhung wäre
von Rehfellen und hielte warm.
„Ihr lieben Leute!“ rief ich, „darf
ich Bruder und Schweſter zu Euch
ſagen? — Verzeihe, Emil, Du haſt
ein reiches, ſchönes Gemüth, das auch
aus der Alltägigkeit Poeſie zu machen
verſteht.“
Da knallte der Stöpfel, dicker
Schaum ergoß ſich in unſere Becher.
„Und jetzt laßt die Weihnachts—
gloden klingen!“ rief Emil fich erhe-
bend und wir ftießen bie Gläfer an—
einander. „Nein, fein Toaft! Jedes
trinfe und denke dabei ftill an fein
Lieb I”
Und als wir getrunken hatten,
jant Albertine feuchten, Teuchtenden
Auges an die Bruft ihres Mannes.
Es war ein langer Kuß; ich Hatte
meinen Freund nie ſo küſſen gefehen.
Mein Trunf aber brannte mir im
Herzen. — „Jedes denke ſtill an
jein Lieb!” — Ich Hatte Feines.
Ich mar verlaffen, wie der Stein
auf der Straßen. Ich Hatte wohl
den wiebergefundenen Freund lieb, und
auch feine anmuthige Gattin, aber ich
fühlte, wie fie fich gegenfeitig ergänz—
ten und um fich einen ewigen Ring
ichloffen, den fein Drittes mehr über:
fchreiten durfte. Sie waren eine Ganz:
heit ohne mich — und ber Jugend:
freund ift dem Ehegatten fremb gemwor:
den, wie die abgefallene Blüthe dem
Fruchtknoten.
In mir wogte ein unſagbares
Weh; noch in derſelben Mitternacht
wollte ich auf und davon.
Am andern Morgen, als die Spi—
tzen der hohen Sul ſchon in ſonniger
Gluth ragten, als luſtige Schlittenge—
ſpanne gegen das Dorf rutſchten, ge—
füllt mit feſtlich gekleideten Menſchen
— ging ich wieder meines Weges.
Ich ging der nächſten Bahnftation zu
und fuhr nach Wien. In meine Woh—
nung gekommen, that ich den ſchwar—
zen Anzug an und ging in das Haus,
an dem ich fonft mar ſehnſüchtig zu
den Fenſtern aufblidend, vorüberge-
13*
106
gangen war, und hielt um die Hand
Mariannens an.
Im September des nächſten Jahres
wurden wir ung angetraut, und als
die Weihnacht nahte, ſchrieb ih an
Emil:
„Lieber Freund, am heiligen Abend,
wenn es dunkel wird, fomme ich wie—
der auf den Oberhof.”
Von meiner Vermählung hatte ich
ihm nicht ein Wörtchen gejagt; dies:
mal wollte ih ihn überrafchen.
Und zur Stunde der Dämmerung
fuhren ih und meine Frau wohlge—
muth im Oberhofe ein. Nah Gruß
und Kuß führten uns Emil und Al
bertine in den hell erleuchteten Saal
und in das Speijfezimmer. Hier war
wieder — für vier Perfonen gededt.
„Wie wußteſt Du?” — rief ih
erftaunt dem Freunde zu.
„Da8 war ja klar“, antwortete
et, daß ein Menſch wie Du allein
nicht leben kann. Ich habe Dich ſchon
im vorigen Jahre hier durch den lee—
ren Platz an Deiner Seite darauf auf—
merkſam gemacht. Gott ſei Dank, daß
er nun beſetzt iſt.“
„Und eben bei Dir, Emil“, ſagte
ich, die Hand meines herzigen Weib—
chens an mein Herz drückend, „eben
bei Dir habe ich im vorigen Jahre
geſehen, was die echte Poeſie dieſes
Lebens iſt. Vom Oberhofe den gera—
deſten Weg ging ich, mir ſie zu holen.“
Der Hexenwahn und feine. Bekämpfer.
Bon J. E. Stöhner.
Das dunkelſte Blatt deutſcher Ge—
ſchichte liegt vor uns aufgeſchlagen:
jene finſtere Zeit des Mittelalters, da
der religiöfe Wahn und mit ihm ber
wildefte Fanatismus feine blutigen
Feite feierte.
Langſam, aber mit grauenhafter
Sicherheit zog er von Drt zu Det,
von Land zu Land, in der einen Hand
das Buch der Bücher, die Bibel, in
der andern Schwert und Fadel ſchwin—
gend, um zur größern Ehre Gottes
Menſchen zu richten und zu verbren-
nen. An den Schönen Ufern des Rheins
ch ber Menſchheit höchſtem Zwedck gemeibt,
ne reitet kühn voran burdy’ö Grau'n ber Nächte,
Und ob ibn auch verlenne feine Beit,
Mit feinem Leben bridt er Bahn dem Redte;
Jr führt die Wahrheit, bie er treu befreit,
tetö lebend von Geſchlechte zu Geſchlechte.
(Duller).
dahin dringt der Strahl der fiegenden
Sonne und vertreibt die dunkeln Schatten
Durh Naht zum Licht! Durch
Kampf zum Sieg!
Das ift von Anfang an das Lo—
jungswort in der Gejchichte, auf po-
litiſchem mie auf religiöjem Felde,
gemwejen. Jene finfteren Jahrhunderte,
in denen Inquiſition und Herenproceß
gleich einem Alp die Menjchheit quäl:
ten, mußten einer erleuchteten, einer
beſſeren Zeit weichen. Unter den Edeln,
die fih diefem Frevel gegen die Ge:
jege der Menschlichkeit, diefem Hohn
und des Maind baute er vorzüglich ſprechen aller Bernunft fühn entgegen:
feine Altäre auf, und Hunderttaufende | ftellten, die der Schlange Wahn den
fielen ihm zum Opfer.
giftgeſchwollenen Kopf zertraten, find
Aber auch die längfte, bängfte Nacht vor Allen Friedrih von Spee
verſchwindet vor dem anbrechenden Mor: |und Chriftian Thomaſius zu
gen. Langſam weicht fie zurüd in die nennen als bie Herolde,
doch auch
Thäler und Schluchten,
welche den
neuen Tag verkündeten. —
197
Zu allen Zeiten hat die Menſch—
beit fih mit Vorliebe einem Wunber:
glauben hingegeben. Je mehr nun der
nah Wiſſen trachtende Geift in Die
geheimnißvollen Werkftätten der Natur
eindringt, um jo größere, um fo herr:
lihere Wunder treten ihm entgegen, aber
um jo mehr fchwindet auch die Binde
vor feinen Augen. Anders jteht ber
rohe Menſch den unverjtandenen Er:
ſcheinungen der ihn umgebenden Gottes:
welt gegenüber. Was er fich nicht zu
erflären vermag, bleibt für ihn Wun—
der, und jein Wunderglaube wird zu:
legt blinder Aberglaube. Bon jeher hat
fih der Wahn darin gefallen, einzelne
mit den Kräften der Natur Vertraute
für befonders begünftigte Weſen anzu:
jehen. Je eifriger dann ſolche Men:
ſchen beftrebt waren, aus der Befan—
genheit und Thorheit der Anderen
Nutzen zu ziehen, defto mehr Schwach:
finnige verfielen dem allgemeinen Wahne.
Ueberjpannte Köpfe glaubten zulegt an
dergleichen übernatürliche Einwirkungen,
ja fie bildeten fich zulegt fteif und feſt
ein, fie jelbft feien mit befonberen
Eigenihaften und unfehlbaren Kräften
ausgerüftet. Nicht alle Diejenigen, bie
als Zauberer oder Beſchwörer auf:
tragen, waren Betrüger; das Geſpinnſt
der Selbfttäufhung, in welches fie
fih eingehült, hatte fich ihnen über
den Kopf zufammengezogen. Die wil-
deſten Ausgeburten der Phantafie fanden
Eingang zu ihrem franfhaften Gehirn
und was fie jelbft glaubten, warb um
jo bereitwilliger von Anderen nachge:
glaubt. So gelangten die ungeheuer:
lihften Tollheiten zu Ehren. Wenn
die Urheber jenes entjeglichen Teufels:
ipufes von der Wirklichkeit desfelben
feft überzeugt war.n, darf man ſich dann
wundern, daß die erleuchtetiten Men-
ſchen fich in jenen dunfeln Zeiten des
Mittelalterd nicht von dem allgemei:
nen Borurtheile gegen das Volk Is—
rael zu befreien vermochten?
Aus der Finfternißg des Heiden—
und ber Engherzigfeit des Judenthums
der Glaube an ein Reich des Böfen
übergegangen. Des Teufels Streben —
jo lehrte die mittelalterliche Kirche —
gehe in der Hauptfahe dahin, das
Neich Chrifti zu vernichten und Seelen
für feine Herrichaft zu gewinnen. Wer
nun an den Satungen der Kirche, an
der Heiligkeit des Priefterftandes, an
der Unfehlbarfeit des geiftlichen Ober:
hauptes der chriftlichen Melt zweifelte,
der galt auf Grund des Sates: „Wer
nicht für mich ift, ift wider mich!“
ichon von vornherein als ein Feind ber
Religion, als ein Verächter Gottes,
der ftand unter dem Einfluffe des
Höllenfürften, mit dem er fich verbün:
det und der ihn für fein Neich ge:
wonnen babe. Sole dem Böfen ver:
fallene „Abtrünnige“ naunte man, wie
auch alle Andersgläubige, Häretifer
oder Kleber.
Von nun an gingen bie Begriffe
von Zauberei und Kegerei immer mehr
ineinander über. Die Kirche jelbit lehrte,
der Teufel verlode, um recht viele
Seelen zu gewinnen, die Menjchen
durch allerlei Blendwerk ſowie durd)
Verfprehungen aller Art. Durch ihre
Verbindung mit den Erbfeinde gelang:
ten die ihm Verfallenen zu allem mög:
lichen irdiſchen Gewinn und Vorichub,
als: Ehre, Macht, Reihthum, Befrie—
digung der Sinnenluft, — jedoch nur
unter der Bedingung nämlich, daß fie
auf ihr emwiges Heil, ihre Seligfeit
verzichteten.
Sfmmer mehr bildete fich ber Teufels—
glaube aus. Der Böſe ſpukte überall
in den Köpfen, Häuiern, Kellern und
Mäldern. Bei feiner Jagd auf Men:
ſchenſeelen verfuhr er aber nach einem
beftimmten Syiteme und ftet3 ging er
fiher. Bevor das Bündniß mit ihm
rechtskräftig werden fonnte, mußte der
der Hölle Verfallene feinen Glauben an
Gott förmlich abjehwören und dem
Satan als feinem Herrn und Meijter
huldigen. Stand nur erit die Sache
feft, die Form fand fih raſch. Der
üblihe Pact mit dem Böſen war
war in bie erleuchtete chriftliche Welt | männiglich befannt, ebenjo die Formel,
198
auf welche hin der gefällige Teufel
fih citiren ließ, ſowie nicht minder
die Verfchreibung einer armen Seele
durch Unterzeichnung des Vertrages
mit dem eigenen Blute.
Die Gerichtshöfe (Parlamente) von
Süd: und Meftfranfreih find jchier
ein Jahrhundert und darüber gegen
diefen Mahn, welcher ganze Diftricte
ergriffen und zu Dienern des Teufels:
cultus mit allen Gräueln und Orgien
des Teufelsſabbaths herabwürdigte, mit
allen Behelfen per mittelalterlichen
Juſtiz zu Felde gezogen. Lieſt man dieſe
Wahnauswüchſe, welchen fich Tauſende
von Männern und Weibern bingaben
und an melden fie feithielten troß
aller Berfolgungen, fo möchte man an
ber fittlihen Natur des Menfchen irre
werden. Dieſer Schmach geiitiger Ver:
irrungen find nur die entjeglichen Ver:
folgungen zur Seite zu jtellen, welche
Unduldfamfeit und geiftige Beſchränkt—
heit fich gegen „das auserwählte Volk“,
nämlich die Juden, in der finfteren
Beit des Mittelalterd zu Schulden kom—
men ließen (Naumer:Riehl’3 „Hiito:
riſches Taſchenbuch“, „Geſchichte des
Satans“).
Immer weiter drang dieſer gräu—
liche Wahn in den Ideenkreis der Völ—
ker Europa's ein. Im Mittelalter
glaubte alle Welt an Teufel, Hexen,
Zauberer und an eine Menge über—
natürlichen Spukes. Kein Wunder,
wenn ſich Ehrgeiz, Engherzigkeit und
Herrſchſucht der Leichtgläubigkeit als
Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke be—
dienten. Die mittelalterliche Geiſtlich—
keit hat nur Dasjenige nachgeahmt,
was vor ihr jede Prieſterſchaft ge—
than hat, um ihre Macht über die Ge—
müther des Volkes zu begründen oder
zu erweitern. Am Grundgeſetze der
Rechtgläubigkeit muß jede religiöſe
Gemeinſchaft feſthalten, welche ſich aus—
breiten will. Als „rechtgläubig“ galt
Satans, ein Erzfeind der Kirche, ein
Ketzer und Zauberer. Vervehmt und
verfolgt, verfiel er zur Beſtrafung dem
Arme der weltlichen Gerichte. Zu die—
ſem Zwecke wurden ſchon zur Zeit
Theodofius’ des Großen unter Ober:
leitung der Biſchöfe Unterſuchungs—
richter oder Inquiſitores beftellt, welche
die Abtrünnigen und Srrlehrer auffuchen
und bejtrafen mußten. Später, im 11.
und 12. Jahrhundert, gelangten die
Glaubens: oder Kekergerichte, Inqui—
fitionen, zu immer größerer Ausdeh:
nung. Fürchterlich wüthete der Fana—
tismus bei Verfolgung der Waldenſer
und Albigenſer, — Hunderttauſende
wurden zur Ehre Gottes abgeſchlachtet.
Papft Gregor IX. nahm die. Oberauf:
fiht über die Inquiſition den Bijchöfen
und übertrug fie den Dominifanern,
wobei er jenes Gericht zu einem päpſt—
lihen und allgemein kirchlichen Inſti—
tute erhob. Er gedachte Hierdurch alle
perjönlichen Nüdfichten und Milderungs:
gründe zu befeitigen. Damit aber der
Heiligkeit der Kirche nicht Abbruch ges
ichehe, ward — flug genug — die Voll:
ſtreckung der Bluturtheile, ja jehr oft
die Unterfuhung in der Hauptjache
ſelbſt, dem weltlichen Gerichte über:
lafjen. j
Das meitefte Feld gewann dies
entjegliche Glaubensgericht in Spanien
— dort gab's Ungläubige in Hülle und
Fülle auszurotten: Juden, Sarazenen
und Chriften. Der erfte Generalingui-
fitor war Thomas de Torquemada,
Prior des Dominikaner » Klofterd zu
Segovia, 1478 zu diefem Amte berufen
von Ferdinand und Iſabella, welche
die Inquiſition mit dazu benußten, die
alten Zandesfreiheiten zu befeitigen und
die Königsgemalt zu ſtärken. Das Wirken
des fürchterlihen Arbues it dem
heutigen Gejchlechte durch das lebens:
volle, wahrheitathpmende Bild des deut-
ihen Meiſters W. Kaulbach in
der römifch-fatholifchen Kirche nur der, | unferen Tagen ins Gedächtniß zurüd-
welcher jih an den Buchftaben der gerufen worden. Bald verbreitete ſich
verfündeten Heilslehren hielt; wer da:
ran zweifelte, war ein Anhänger des
ein Heer von Aufſehern, Ausipähern
und Spionen, Familiares genannt,
199
über ganz Spanien; man rechnet, daß
über 20.000 Menſchen in Dienfte der
Anquifition ftanden, die in Sevilla,
fpäter in Madrid ihren Hauptfit hatte.
Noh im Jahre 1732 erjchien eine
Verordnung, die es allen Gläubigen
zur Pflicht machte, Meldung zu thun,
wenn fie wüßten, daß irgend Jemand,
er jei lebend oder tobt, gegenwärtig
oder abweſend, fich gegen die Glaubens—
gejege vergangen habe; daß Jemand
das Geſetz Mofis beobachte oder beob-
achtet, ja nur gelobt habe ; daß Jemand
ber .Secte Luther's folge oder gefolgt
jei; daß Jemand mit dem Teufel einen
Bund gejchloffen oder ketzeriſche Bücher
oder im Koran oder in ber Bibel ge:
lefen habe u. j. w. Somie der Ange:
fagte in ber Gemwalt des Gerichtes
fich befand, war er todt für biefe Welt. |
Gefängniffe,
santas) genannt, nahmen den Unglück—
die Bildniffe der entflohenen Verurtheil-
ten und die Gebeine der jchon Geſtor—
benen wurden in Särgen, auf denen
Flammen und Teufeläfragen gemalt
waren, im bölliichen Zuge den Prieiter
und Mönche ſchloſſen, umbergetragen.
Nach Verlefung des Urtheils übergab
man die Gefangenen ber weltlichen
Obrigkeit, die ihnen Feſſeln anlegen
ließ und fie zum Richtplag führte. Dort
wurde Jeder gefragt, in welchem Glau—
ben er fterben molle; nannte er den
fatholifchen, fo ward er vorher erdroj:
jelt, die Anderen aber führte man
lebendig auf den Scheiterhaufen. Und
wie zu einem Freudenfeſte jtrömte Die
Menge zu diefem ſcheußlichen Schau:
jpiel herbei ; jelbft die Könige mit ihrem
Hofjtaate hielten es für etwas Ber:
dienftliches, die Ketzer verbrennen zu
heilige Häufer (casas' jehen.
Milderten fih auch im Laufe der
lihen auf, und in diefe grauenhaften | Kahrhunderte die Gräuel der Inquiſi—
Kerker, oft unter der Erde gelegen,
drang fein Strahl erbarmender Liebe.
Geitand der Gefangene nichts, jo wurde
durh die entjeglichften Qualen der
Folter ein Geftändniß erzwungen. Ge:
fängniß auf Lebenszeit, Geißelungen,
Verluft des Vermögens waren die ge
ringften Strafen, die das jchredliche
Gericht zuerfannte; in der Regel lautete
das Urtheil auf den Tod. Dann wurde
das feierliche Auto da F& (Glaubens:
handlung) angeordnet. Mit Tagesan—
bruh lud der dumpfe Ton der großen
Domglode die Gläubigen zum furcht:
baren Schaufpiele. In feierlihem Zuge
zog man durch die Hauptitraßen der
Stadt nad) der Kirche, in der nach der
Predigt das Urtheil verlejen wurde.
Die Verurtheilten gingen barfuß und
waren befleidet mit dem Sanbenito, einem
jafrangelben Bußkleide (das mit einem
Kreuze auf der Bruft und dem Rücken und
mit Teufelsfragen bemalt war), und der
Coraza, einer ſpitzigen, ebenfalls be-
malten Müte. Ahnen voran jchritten
die Dominikaner mit der Fahne der
heiligen Inquiſition und die Reuigen,
denen nur Buße auferlegt war. Auch
tion, fo blieb es doch erſt Napoleon
vorbehalten, am 4. Dezember 1808
dies entjegliche Gericht aufzuheben, das
freilich durch Ferdinand VII. bis zu
einem gewiſſen Grade wieder heraeftellt
wurde. Mit Grauen ftiegen die jonit
jo kühnen Soldaten des erften Kailer:
reichs hinab in die gräßlichen Kerker
des heiligen Gerichtes und ftarrten
entfeßt die Folterwerkzeuge au, mit
denen Taufende und aber Tauſende
zu Tode gequält worden waren. Man
rechnet, daß die Inquiſition Spanien
zwei Millionen feiner Kinder entriſſen
babe.
In Deutihland wollten die Glau:
bensgerihte nie recht Fuß fallen.
Schon der erſte Kegerrihter, Kon:
rad von Marburg, warb 1233
erichlagen; auch wiberjtrebten Die
deutſchen Biſchöfe ihrer Einführung.
Dafür gediehen aber in unjerem Vater:
ande, unter dem Schuße des Aber:
glaubens, im Namen des fo oft miß:
brauchten Rechtes um fo furchtbarer
die gleich widerwärtigen Herenproceije,
und neben Zauberern und Heren gab
e3 noch genug Ketzer und Srrlehrer.
——
Hexerei und Ketzerei galten als Ge—
ſchwiſter, deren Urheber der Teufel war.
Ein Jahr nach Luther's Geburt
beſchenkte am 5. Dezember 1484 der
Papft Innocenz VIII. die Deutichen
mit der Einrichtung der Herenprocefie.
Er erließ nämlich an diefem Tage eine
Bulle, in welcher er jagt, daß er ver:
nommen, wie in einzelnen Gegenden
Dberdeutichlands, ſowie im Mainzifchen,
Kölniſchen, Trieriichen, Salzburgiichen
und Bremiichen, viele Berfonen beider:
lei Geſchlechts, uneingedenf ihres eige-
nen Heild und vom fatholifchen Glau—
ben abweichend, fih mit Teufeln männ:
liher und weiblicher Figur abgäben,
und alsdann dur Hilfe diefer ihrer
Bundesgenoſſen vermittelft zauberifcher
Mittel und hölliſcher Künſte Menfchen
und Thieren unfäglih viel Elend zu—
fügten, ja die Früchte der Erbe, jelbit
Weinberge, Baumgärten, Miejen und
Saatentelder zu Grunde richteten; daß
fie außerdem den Glauben, den fie in
der heiligen Taufe angenommen, mit
gottesläfterlihem Munde abſchwören
und noch ſonſt allerlei Nuchlofigkeiten,
Ausſchweifungen und Verbrechen auf
Anftiften des Feindes der Chriftenheit
begingen, zum Untergange ihrer Seelen,
zur Beleidigung der Majeftät Gottes,
zum verderblichen Beijpiel ihrer Mit:
menichen. Er ertheile aljo kraft diejer
Bulle zwei Predigermönden die Voll-
macht, die Laſter der Zauberei in
Deutichland auszufpähen, zu beftrafen
und auszurotten, wie fie nur müßten
und Fönnten, und gebe namentlich dem
Biihof von Straßburg den Auftrag,
fie darin auf alle Weiſe zu unter:
ftügen. Weiter verbot der Papft den
Biſchöfen und Erzbiſchöfen ausdrücklich,
dieſe außerordentlichen Inquiſitoren zu
beläſtigen oder ſie irgendwie in der
Vollziehung ihres Geſchäfts zu hindern
oder hindern zu laſſen; auch ſolle Nie—
mand ſich wider die Unterſuchung die—
Mit dieſer gräßlichen Verordnung
ward der entſetzlichſten Tyrannei Thür
und Thor geöffnet. Leib und Leben,
Ehr’ und Gut waren unwiſſenden, rohen
Heren- und Kekerrichtern übergeben, die
ohne allen Unterſchied jeder Anzeige
von Hererei, fie mochte von böfen Bu—
ben oder von blinden Werkzeugen des
Wahns, oder von der Einfalt einge:
geben fein, mit fanatiicher Bereitwillig-
feit Glauben jchenften. Freilich hatte
gerade damals der Wahn, es jei mög-
lih, mit dem Teufel ein Bündniß ein-
zugehen, im gemeinen Volfe jo tief
Wurzel gefaßt, daß an wirkſamen
Miderftand gegen diefe furchtbare Bulle
auch nicht einmal zu denfen war.
Die beiden Dominifanermönde,
welche der Papſt als „Inquiſitoren der
ketzeriſchen Verruchtheiten” für die Rhein—
gegenden beſtellte, waren Heinrich
Inſtitor und Jakob Sprenger,
und ſie begannen alsbald, trotz leb—
haften Widerſpruchs der Gebildeteren,
mit größtem Eifer ihre Ketzer- und
Hexenjagd. Aber hiermit begnügten ſich
die beiden Männer nicht, deren Namen
die Geſchichte für ewig gebrandmarkt
hat, fie brachten all den wahnwitzigen
Aberglauben, den Fanatismus, Herrich:
ſucht und Geiftesrohheit ausgefonnen,
in ein Syitem und drüdten damit den
tollften Ausgeburten menfchlicher Ber:
irrungen den Stempel der Beredhti-
gung auf. Ihre Anfichten, Vorurtheile
und angeblichen Erfahrungen legten fie
in "einem berüchtigten Buche, dem
„Hexenhammer“ — malleus malefi-
eorum — nieder. Noch hatten fie in
Deutichland nicht feiten Fuß gefakt
und es galt daher, alle Hinderniſſe zu
befiegen, die Gemüther gleichfam zu
betäuben und die Möglichkeit und Wirk:
lichkeit der SHererei aus der Bibel,
den Kirchenvätern, der Geſchichte ꝛc.
zu beweiſen. Vermittelſt des „Hexen—
hammers“ gelang es in der That dem
ſer Art von Verbrechen, ſo wenig als unermüdlichen Jacob Sprenger, der
gegen die Ausſprüche
durch Aurufung des römiſchen Stuhls
verwahren können.
der Richter, als Hauptverfaſſer des abſcheulichen
Buches daſteht, in Deutſchland Boden
zu faſſen und ſeinem Wirken eine ge—
jetlihe Grundlage zu ſchaffen. Der
Herenproceh aalt fortan als eine An:
gelegenheit des göttlihen Willens, als
nothwendig zum Heile der gefammten
Ehriftenheit. Das Buch erfchien zum
erftenmale in Köln um's Jahr 1489
und zerfällt in drei Abtheilungen. Die
erſte jtellt das Zauberweſen als wirf:
lid vorhanden dar und erklärt es für
Keberei, daran zu zweifeln. Auch wird
darin erflärt, warum gerade am mei:
ſten die Frauen fich dem Teufel über:
lieferten.
Der zweite Theil zeigt, wie man
fih vor der Macht der Zauberei hüten
und ihre Wirkungen aufheben, löſen
und heilen könne. Die Kirche mit ihren
Heildmitieln wird biefür als Gegen:
zauber hingeſtellt.
wird nun mitgetbeilt, wie geiftliche
und weltliche Gerichte wider die Zau—
führen jollen.
Dasjelbe Buch ift von der theologi-
ihen Facultät zu Köln approbirt und
jogar durch ein Diplom vom dama—
ligen römiſchen Könige Marimilian
beftätigt. Raum iſt's zu glauben,
daß der „Herenhbammer”, die
jes bedauerlide Gefegbud
für Verbrechen, die man erft
erfand, um fie beftrafen zu
fönnen, durch Jahrhunderte
Geltung erhalten fonnte Es
fam bald in unferem Baterlande jo
weit, daß ſelbſt die Gebildetiten dem
BZauberwahne verfielen. Und nun, nach:
dem die Hexenrichter durch mohlbe-
rechnete Maßregeln den flaren Blick
der gejeglihen Obrigfeiten gebannt,
Bernunft und Unfchuld unter die Füße
getreten hatten, nun durfte fich Nie:
mand erbreiften, der erfolgten fich
zu erbarmen, wenn der Kühne es
nicht auf fih nehmen wollte, gleiches
Geſchick mit den Verfolgten zu tra=
gen. Lange, lange Zeit wagte es auch
Niemand. War doh im „Herenham:
mer” das Ungeheuerlichite deutlich be—
wiejen, ſtimmte doch dies Alles nur
zu jehr mit der öffentlichen Meinung
Im dritten Theil
einen
berer, Heren und Ketzer den Proceß
überein! Man fand es durchaus in
der Ordnung, daß Zauberer und He—
ren, ohne Anfehen der Geburt, des
Standes, der Bildung, verbrannt wer:
den mußten; Recht und Gerechtigkeit,
Glaube und Treue, Erbarmen und
Menichlichkeit hörten jetzt auf.
Furchtbare Thatſache! Und wie
lange währte diejer grauenhafte Wahn!
Alle Leidenschaften wurden nun auf:
gerührt, die Menfchen verwilderten bis
zum Entjegen. Wer fih an Yemand
rächen wollte, brauchte ihn nur in den
Verdacht der Hererei zu bringen und
die Herenrichter ergriffen den Unglück—
lihen. Eine alte Frau mit ein Paar
rothen Augen — fie waren vielleicht
nur roth geweint! — fonnte, jobald
der Verdacht der Hererei auf ihr ruhte,
und dies war fajt immer der Fall,
ganzen Ort in Verzweiflung
bringen, daß fih Niemand mehr jei-
ner Geſundheit, feines Lebens und
feines Wohlſtandes einen Augenblid
ficher hielt, Traf man auf der Heer:
jtraße, auf dem Felde, im Walde mit
irgend einem fremben luſtigen Gefellen
zufammen, der Bänder am Hute, einen
Degen und rothe Holen oder ganz
ſchwarze Kleidung trug — To hatte
man den Teufel jelbit gejehen und
fehrte zitternd und bebend in jeine
Wohnung zurüd. Zwei Weiber zanfen
fih, eine nennt die andere eine Here;
durch eine dritte Frau wird die Sache
angezeigt. Die beiden Weiber werden
eingezogen, gefoltert und zeigen viele
andere Frauensperlonen im Dorfe an,
diefe bejchuldigen wieder andere. Nun
verlaflen die in Furcht geſetzten Fa:
milien Haus und Hof, flüchten in
andere Dörfer und in die Wälder;
unterdeß wird daheim der Proceß
beendet. Ein Dutzend Männer und
Meiber, vielleicht find auch Kinder
dabei, werben verbrannt, und der Ort
hat das Ausjehen, als wenn Krieg und
Peſt darin gemüthet hätten.
Dft genug fam es vor, daß bie
Herenrichter durch bezahlte Spione
einen Drt fo aufregen ließen, daß bie
202
Leute jelber gelaufen famen und um
Gotteswillen baten, die Herren möchten
kommen und ihre Stabt, ihr Dorf
von den gräulichen Hexen befreien.
Raſcher, als es fonjt in weltlichen
Streitigkeiten geſchah, famen die Rich:
ter herbei, oft feierlich eingeholt von
Nath und Bürgerfchaft. Bor allen Din:
gen wurde nun an die Thür ber
Kirhe oder des Nathhaufes ein Ans
ichlag geheftet, demzufolge fie män—
niglih aufforderten: „jede Perſon,
von welder man etwas auf Zauberei
Hindeutendes wiſſe, oder von welcher
man jelbft nur gehört habe, daß fie
im übeln Ruf ftehe, binnen zwölf
Tagen anzuzeigen. Wer dies unterlaffe,
den ſolle der Kirchenbann und weltli-
he Strafe treffen. Dagegen warb dem
Angeber nicht nur Verſchweigung des
Namens, fondern auch Geld und der
geiftliche Segen ertheilt.
Leider fehlte es nie an Ankflägern.
Da hatte diefes oder jenes Weib das
Vieh bebert, „Gewitter gemacht“, Kin:
der bejchrieen, den Hereniabbath und
Herentanz auf einer Dfengabel bejucht
u. ſ. w. Die Unglüdlichen wurden
fofort eingezogen und in den SHeren-
thurm geworfen. Dort wurden ihnen
Arme und Beine in den Stod einge-
ſchraubt oder an eiferne Ringe ange:
ſchmiedet, und bier in finfteren, feuch-
ten Kellergewölben ließ man die Armen
oft Monate lang bei elendefter Nahrung
liegen: man wollte fie „mürbe machen”.
Endlih werden die Angeklagten
zum Verhör gebracht. Ein armes Weib
wird nun gefragt, ob ihr befannt
jei, daß fie von den Leuten eine Here
genannt worden? Warum fie fih im
Stalle oder auf dem Felde habe jehen
laffen? Was fie bei Entitehung des
Hagelwetterd auf dem Felde gemacht
habe? Ob ihre ſchwarze Kate, oder
die Kröte, die in ihrem Seller gewe—
fen, der Teufel ſei? Ob fie den be-
rüchtigten Hexenſabbath bejucht habe,
zu welchem fich allerdings in Frank:
reich thatſächlich Tauſende von bethör-
ten, im Wahne gefangenen Menjchen
zu. wüſten Ansichweifungen verſam—
melt hatten, wie die Parlaments-Acte
von Montpellier, Air u. ſ. w. fund
gaben. Wußte nun eine Angeſchuldigte
nicht8 von dergleichen Gräuelu, ver:
neinte fie aljo die ihr vorgelegten
Fragen, jo bedrohte fie der Richter
mit der fcharfen Frage, der Folter.
Denn geftehen mußte fie, war doch
der Richter jchon von allem Anfang
an fih Ear, daß er eine leibhaftige
Here vor ſich habe. Geſtand fie auch)
jet nicht, jo Sprach der Richter: „Da
Du leugneft und nicht willſt befennen
in gütliher Weife, fo übergebe ich
Dich kraft meines Amtes dem Frei—
mann (Henker), auf daß er thue an
Dir zum rechten Bekenntniß mit Schraus
ben und Leitern, mit Striden und
Feuer oder dem, was ih, Dein Rich:
ter, für gut halte in der jcharfen Frage.”
Jetzt wurde bie vermeintliche Here
in die Folterfammer geführt. Ein
fürchterlicher Drt, gewöhnlich halb un
ter der Erde, mit diden Mauern und
ftarfen Thüren, die feinen Laut hin—
dur laſſen; denn „die Orte, da die
Tortur vorgenommen wird, jollen ab:
gelegen jein, auf daß feine Leute hin—
zulaufen, damit der Richter die Ur—
gichten des Hexenvolks geheim halten
fann. Die Gemwölber follen did fein,
damit der Inquiſiten Gejchrei und
MWinfeln den Umberwohnenden nicht
beichwerlich falle.” *)
Vor den Augen der Inquiſitin
wurden nun vom Scharfrichter und
jeinen Knechten die Folterwerkzeuge
zurecht gelegt. Es wurde der Marter:
jtuhl herbeigeholt, die Daumfchrauben
geöffnet, die Leiter hergerichtet und
das Alles mit großem Geräufh, um
durch Furcht die Angeklagte zum Ge:
ftändniß zu bringen. Entſetzt ſchaut
das arme Weib um fich. Gejteht fie,
dann ift der Sceiterhaufen ihr ge:
wiß. Vielleicht erträgt fie die Qual;
fie ſchweigt — und nun beginnt ber
Henker fein Werk. Die Folterkunft
*) Wie human! Die Red.
durchlief fünf Grade, einer graufiger
al3 der andere. Mit den Daumſchrau—
ben wurde begonnen und dabei die
Daumen jo gequeticht, daß das Blut
bervorjprang. Der zweite Grad war
das Schnüren mit den Banden. Die
Arme der Deliquentin zog der Henfer
nad rückwärts und ummidelte fie mit
einer feiten Schnur, die dann jtraff
angezogen wurde. Oft drang die Schnur
bi8 auf den Knochen und befonders
entjeglich waren die Schmerzen, wenn
der Strid hin: und hergezogen mwurbe.
Im dritten Grade wurde die Here
auf die Leiter gelegt und ihr Körper
darauf fo auseinander gezogen, daß
die Gelenke in allen Fugen frachten.
Der gräßlichfte Jammer ftörte weder
Richter noch Henker noch ihre Anechte.
„Es ſoll“ — heißt e8 in der Hals-
gerihtdordnung Karl's V. — „ber
bartnädige Inquiſit alfo auseinander
gezogen merden, daß man durch ſei—
nen Bauch ein LXicht fcheinen fieht,
das hinter ihm gehalten wird.” —
Im vierten Grade der Tortur
hatte die Here die Beinfchrauben oder
ſpaniſchen Stiefel auszuhalten. In
ähnlicher Weile, wie bei den Daum:
ihrauben, wurden hier die Beine auf
fürdterlihe Weile zulammengepreßt,
und in Folge davon blieben Die, welche
auch diefen Grad überftanden und ſpä—
ter freigelaffen wurden, zeitlebens ver:
früppelt. Als leßter Grab galt bie
Feuerfolter. Sechs zu einem Bündel
zuſammengeſchnürte Lichter wurden an—
gezündet und die Flammen ben Ge:
marterten unter die Achjelböhle gehal:
ten. Erfährt man, daß dieſer Folter:
grad bi8 zum Jahre 1793 ausgeübt
worden ift, dann findet man es ber
greiflih, wenn fich angefichtS ſolcher
gräßlichen VBerirrungen die rohe, un:
gebildete Menge jo jehr an Blut und
Martern gewöhnt hatte, daß die große
politiihe Ummälzung im letzten Jahr—
203
Ein ganz ſchauerliches Marterin-
jtrument waren bie Zangen — ungulae
— die zuerft im 16. Jahrhunderte
zur Anwendung famen. Man nannte
fie auch Spinnen, da fie mit dieſem
Inſecte der Form nach einige Aehn-
lichkeit haben. Man jchlug dieje Eifen-
ſpitzen in das Fleisch der Verurtheilten
und riß damit große Stüde aus dem
Körper. — Und alle diefe erjchreden-
den Graujamfeiten, von Menjchen an
ihren Mitmenschen verübt, gejchahen
zur Ehre Gottes und im Namen des
Heilandes, der doch vor Allem einft
die Nächitenliebe verkündet hatte.
Gewöhnlich geitanden die Heren
ihon in den erften Graben ein, was
der Nichter haben wollte. Das finn:
loſeſte Zeug wollten fie geſehen und ge—
than haben und leider muß binzuge-
fügt werden: im Irrwahn haben in
der That Viele das Unglaubliche und
Tollite gethan und — in Folge einer
geiftigen Peſt, welche die Gemüther
ergriffen, an die Perirrungen bes
Wahns, dem fie fi hingegeben, feit
geglaubt. Sie geitanden, mit dem Teu-
fel Zufammenfünfte gehabt und ben
Herentanzplaß bejucht zu haben, wo
der Böje in dem munberlichften Ge:
ftalten mit ihnen verkehrte; daſelbſt
hatten fie dieje oder jene Nachbarin,
welche nun fofort eingezogen wurde,
gejehen; fie hatten Kinder verzaubert,
Vieh verhert, Hagelmetter gemacht und
dgl. mehr. — Der Nichter fand da-
durh die Anklage beitätigt und das
Volt erfuhr mit Schaudern, welches
Ungeheuer endlich entlarot worben jei!
Das Ende war der Scheiterhaufen,
auf dem der Pöbel die verruchte Here,
die fo viel Schaden angerichtet, mit
Vergnügen brennen jah. —
Tiefe Verwirrung bemächtigte fich
der Gemüther, ja von jelbit famen oft
die Unglücklichen und Elagten fih an.
Entjegliher Wahn ergriff ganze Ort:
zehnt des vorigen Jahrhunderts fich ſchaften und Diftricte. Auch die Zeit
darin gefallen konnte, unbarmberzig | der Kirchenverbefferung iteuerte dem
Ströme Blutes zu vergießen und Tau- | Herenproceß nicht, er blühte in pro-
jende Unjchuldiger zu morben.
teftantifchen Ländern eben jo üppig wie
in den römisch-fatholiichen, ſelbſt ein
Luther warf fein Tintenfaß nach dem
Höllenfürften, — der gräßliche Wahn
erbte fich fort von Gejchlecht zu Gefchlecht.
Der „Herenhammer“ hämmerte weiter
und jchlug von Jahrhundert zu Jahr:
hundert Hunderttaufende zu Boden;
nur hatten mit der Zeit die weltlichen
Gerichte den geiftlichen die Arbeit ab:
genommen.
Aber gerade zu jener Zeit, da in
proteftantifchen wie in fatholifchen Län:
dern der Herenproceß die meiften Opfer
forderte — zur Zeit des menjchenver:
nichtenden breißigjährigen Krieges —
wagte e3 ein Priefter, gegen ihn in
die Schranken zu treten. Er war Mit:
glied eines mit Necht oft geſchmähten
geiftlichen Ordens, — ein Jeſuit, aber
er war einer der edeliten, die je gelebt
baben — Friedrih von Spee
beißt der Menjchenfreund.
Friedrich von Spee erblidte 1591
zu Kaiſerswerth unterhalb Düſſeldorf
das Licht der Welt und ſtammte aus
dem noch blühenden Geſchlechte der
Spee von Langenfeld. Als Yüngling
trat er in die Gejellihaft Jeſu ein,
doch feine Seele blieb frei von ber
jpisfindigen Moral feiner Xehrer, wohl
aber fam die Weihe der Poefie über
ihn, und in berzinnigen Liedern, Die
bis auf unfere Zeit gefommen, zeigt
fih die Tiefe eines eblen Gemüths.
Zunächſt, nach Vollendung feiner Stu:
dien, lebte er in Köln und lehrte dort
Philoſophie und Moraltbeologie. Spä:
ter, im Sabre 1627, befahl ihm fein
Drden, nad Franken zu gehen, um
dort die zum Tode verurtheilten Heren
und Zauberer auf die Nichtftätte zu
begleiten. Und im Verlaufe weniger
Jahre hat er zmweihundert auf dem
legten Gange beobachtet. Sein gütiges,
belle Auge jehaute in die Herzen der
Unglüdlihen und erfannte gar bald
mit tiefem Seelenfchmerze, daß unter
diefen zweihundert Opfern des Wahns
auch nicht eins ſchuldig war; da drängte
es ihn zu beten:
204
„Bor Traurigkeit im Herzen
Seufz' ich aus tiefem Grund,
Bor innerlihen Schmerzen
Ruf ich all Tag’ und Stund'.
Die Zähren mir verinnen
Mie fanfter Regenguß,
Und meine Augen ſchwimmen
Mie fteter Waſſerfluß.
O wann wird er erfdheinen,
Der vielgewünfdhte Tag,
Wenn ich von ftetem Meinen
Einmal aufhören mag ?“
Der Gram über al den Jammer,
den er mitanfehen mußte und doc
nicht lindern Fonnte, ließ fein Haar
vor der Zeit ergrauen. Da fragte
ihn eine® Tages ſein vertrautefter
reund, der Kanonikus Johann Phi:
lipp von Schönborn: „Woher kommt
es do, daß Eier Haar grauer ift
\al8 Euer Alter erwarten läßt?” Mit
tonlofer Stimme erwiederte der eble
Spee: „Das will ih Euch, als mei—
nem liebften Freund, wohl jagen: es
fommt von den vielen Seren ber, die
ih zum Scheiterhaufen begleitet habe.“
Erftaunt fragte Schönborn weiter:
„Wie habe ich das zu verjtehen ?”
„Ich habe”, erzählte Spee, „bei
den wegen Hexerei zum Feuertode ver:
urtheilten Perfonen die jorgfältigiten
Unterfuchungen angeftellt; alle Bor:
theile, die mir in meiner Stellung als
Beichtvater zu Gebote ftanden, hab’
ich gewiſſenhaft benugt, um der Wahr:
beit auf die Spur zu fommen. Troß
alledem habe ich auch nicht bei einer
Perſon von allen Denen, die ich zum
Scheiterhaufen begleitete, die geringfte
Spur gefunden, die mich hätte über:
zeugen können: e3 jei irgend ein Grund
vorhanden, um fie der Zauberei be:
zichtigen zu können. Fragte ich die Ein-
fältigeren, jo geftanden fie mir zuerft
allerdings, fie wären der Zauberei ſchul—
dig ; aber — fie thaten's einzig und allein
aus Verwirrung und Furcht, daß fie
nochmals der Folter unterworfen wer:
den follten. Sobald fie mich aber beifer
fennen lernten, da faßten bie Unglüdli-
hen Zutranen zu mir und fagten bie
reine Wahrheit. Da ftürzten ihnen Thrä-
205
nen aus den Augen, da erzählten fie mir
von der Argliit der Richter und riefen
Gott zum Zeugen ihrer Unſchuld an.
Das Alles Hab’ ih nun jo oft erfah:
ten, und das ijt’3, was mir die Haare
vor der Zeit grau gemacht hat!“
Tieferichüttert hörte Schönborn zu,
und als er jpäter Kurfürft von Mainz
geworden war, da trat die Bekennt—
niß jeines längſt geftorbenen Freundes
vor feine Seele, und in feinem Lande
hörten die Herenverbrennungen auf.
Den Inhalt jenes Gejpräches aber
bat er dem Philoſophen Leibnig mit:
getheilt, und durch dieſen iſt's der
Nachwelt überliefert worden.
Bon feinem warmen Herzen ge:
trieben, trat Spee entjchieden - gegen
die Herenprocelje auf. Die Fortdauer
dieſes himmeljchreienden Unrechts ließ
ihn Tag und Naht nicht ruhen ; oft
„umleuchtete e3 ihn wie Feuerſchein,
oft umrauſchte es ihn wie Weinen und
Seufzen“, — da jchrieb er jein Buch:
„Kriminalifche Vorſicht“, oder: „Bud
über die Prozefje gegen bie Heren, an
die deutſchen Obrigfeiten, zu Dielen
Zeiten nothmwendig, aber auch den Rä-
then und Beichtvätern der Fürſten,
den Inquiſitoren, Richtern, Advofaten,
Beichtvätern der Angeklagten u. ſ. w.
jehr nüglich zu leſen.“
Er nannte fi nicht al3 Verfafler,
jondern fchrieb nur „von einem römiſch—
fatholiijhen Gottesgelehrten“. Spee
verjchwieg jeinen Namen gewiß nicht
aus Feigheit, aber er mußte es thun,
jonft wäre nicht nur er verloren, fon:
dern auch die hochwichtige Angelegen:
beit, für die er in die Schranken trat,
auf's höchſte gefährdet geweien. Nur
Philipp von Schönborn wußte um
das Geheimniß des Freundes und
bewahrte es fo treulich, daß Spee bei
Lebzeiten unangefochten blieb. Erſt jpä-
ter theilte er es Leibnig mit, wer der
Verfaſſer jenes Buches geweſen.
Anfangs ging Spee’3 Werk mur
in Abfchriften von Hand zu Hand. Im
Jahre 1631 wurde es zuerft zu Rin-
teln gedrudt und erregte folches Auf:
jehen, daß ed wenige Monate jpäter
zu Frankfurt am Main abermals er-
ihien, und zwar mußte hierbei eine
Abſchrift benugt werben, weil ein ge:
drucdtes Exemplar der erjten Auflage
durchaus nicht mehr aufzutreiben war.
Wie rein und edel tritt und Spee
in dieſem Buche entgegen! Mit war:
mer Menschlichkeit, mit ruhiger, faft
mwehmiüthiger Sprache, weder vorlaut,
noch überlaut, führt er darin die Sache
des Nechts. Auch er ift noch im Wahne
jeiner Zeit befangen und ftellt die Mög—
lichfeit eines Teufelsbündniſſes nicht
in Abrede; aber er wendet all jeine
Kraft gegen die graufame Willkür des
Herenprocejjeg, gegen Tortur und Schei-
terhaufen. Unerſchrocken dedt er alle
die Niederträchtigfeiten auf, die hier
in Uebung waren. So ſchreibt er:
„Die Here wird gefoltert, daß fie die
Wahrheit ſage, d. 5. fih Ichlechthin
als eine Zauber'ſche befennen ſoll.
Sie mag Anderes ſagen, was ſie wolle,
ſo iſt es nicht wahr. Bekennt ſie auf
die erſte Folter, fo geben fie vor, fie
babe gutwillig und ohne Folter befannt,
und fie wird getöbtet; denn Widerrufen
gilt hier nichts. Bekennet fie nicht, To
torquirt man fie zum zweiten, britten
und viertenmale; denn bei dieſem
Procefje gilt, was nur dem Richter
beliebt. Verwendet fie nun etwa in der
Folter vor Schmerzen die Augen oder
ftarrt mit offenen Augen, jo find’s
neue Indieia, denn dann ſprechen fie:
„Sie ſchaut nah ihrem teuflifchen
Buhlen.” Wird fie dann härter gefol-
tert und will doch nicht befennen, ver:
ftellet ihre Geberben wegen der großen
Marter, oder fommt gar in eine Ohn—
macht, jo rufen fie: „Die lacht oder
ihläft auf der Folter; die hat etwas
gebraucht, daß fie ſchweigen kann.“
Begiebt ſich's daß Eine oder die Anz
bere auf der Folter ftirbt, jo jagt man:
„Der Teufel hat ihr den Hals gebro:
hen.” Dann ſchleppt der Henker die
Leihe hinaus und begräbt fie unter
dem Galgen, —
206
„Wo ift hier für eine Angeflagte | kannte beine Hoheit, deine Größe!
die Möglichkeit, zu entkommen? Ach! Wahrhaftig, es ift nicht das geringjte
Du äußerſt Unglüflihe, was haft Du
gehofft? Warum haft Du nicht gleich
beim erjten Eintritt in das Gefängniß
Dih für ſchuldig erflärt? O Du thö-
richtes und unbejonnenes Weib ! Warum
willſt Du jo oft fterben, da Du nur
einmal fterben fonnteit? Nimm guten
Rath an, befenne Did, ehe Dich
irgend eine Strafe trifft, ſchuldig und
ſtirb!“ —
Zum Schluß des Buches jchreibt
der edle Mann:
„Ich wagte gerne mehr zu fagen,
allein der Schmerz übernimmt mich
dergeftalt, daß ich diefen Auszug nicht
genau und volljtändig vollenden fan.
Auch kann ich, welches ſonſt nicht ohne
Nugen fein würde, auf feine deutiche
Ueberfegung denken; -vielleicht finden
fih Einige, die das aus Liebe zum
Vaterlande und zu den Unjchuldigen
beſſer vollführen. Ich beſchwöre endlich
alle gelehrten, frommen, verſtändigen und
beſcheidenen Beurtheiler dieſer Sachen
(denn die Uebrigen achte ich nicht), daß
ſie das, was ich geſchrieben habe, ſehr
fleißig leſen und — wohlgemerkt —
auch überdenken mögen. Alle obrigkeit—
lichen Perſonen und auch die Fürſten
befinden ſich in großer Gefahr ihrer
Seligfeit, wenn fie nicht jehr aufmerf:
jam jein wollen. Sie werben fich nicht
wundern, wenn ich fie etwas nachdrücklich
und muthig ermahne. Denn e8 jtebet
mir nicht an, unter Denen zu fein,
die der Prophet ftumme Hunde nennet,
die nicht bellen fönnen. Sie mögen
auf fich jelbft und auf die Heerde wohl
Acht haben, die Gott dereinit auf das
genauefte von ihrer Hand fordern
wird,“
Edler Mann, dein Buch in fo trü-
ber Zeit war der erſte Sonzenftrahl
nad trüber Naht; du felbft ein Held,
deſſen Lorbeer unvergänglic ift! Un—
beachtet von den Zeitgenofjen, die, wenn
fie geahnt hätten, was du gethan, dich
am liebjten verbrannt hätten, ging dein
Leben dahin; erſt die Nachwelt er:
Verdienſt des großen Leibnig, daß er
der Nachwelt das Andenken Friedrich
von Spee’s in diejer Beziehung über:
mittelt bat.
Auch ald Dichter hat der Edle,
wie ſchon oben gejagt, in unjerer deut:
ihen Literatur einen Elangvollen Na-
men. Nach jeinem Tode gab einer jei-
ner Schüler eine Sammlung feiner
geijtlichen Xieder unter dem Titel
„Trutznachtigal“ heraus. Außerdem
befigen wir noch von ihm „das gül-
dene Tugendbuh”, ein theil in un:
gebundener Nebe, theils in Liedern ab:
gefaßtes Erbauungsbud. In jeinen
Liedern Liegt fein Herz, die ganze kind—
lihe Reinheit feiner Seele klar aus:
geſprochen da, es leuchtet daraus der
ganze Schaf von Liebe hervor, der
in ihm lebte. —
Die letzte Zeit feines Lebens ver:
brachte er in Trier. Als im Jahre
1635 die Raiferlihen die Stadt er:
oberten und in allen Straßen und
Gaſſen das Blut in Strömen floß,
da jtürzte Spee mitten ind Handge—
menge hinein, und gleichgiltig gegen
jede Gefahr, verhinderte er, wo er nur
fonnte, Raub und Mord, und trug die
Verwundeten, Freunde wie Feinde, aus
dem Getümmel, um fie in den Spi-
tälern verpflegen zu lajjen. Allein über:
menjchlihe Anjtrengungen warfen ihn
aufs Kranfenlager und ein bösartiges
Fieber machte feinem edlen Leben am
7. Auguft 1635 ein Ende.
Spee's Buch batte auch anderen
Leuten Muth gemacht, gegen den He:
renwahn anzufämpfen. Eine ganze Reihe
edler Menichenfreunde erhebt ſich gegen
diefe barbarifche Verirrung, unter ihnen
auch ein Prediger zu Amiterdam, Bal—
tbajar Beder, von Geburt ein
Deutjcher, der in jeinem Buche „Die
bezauberte Welt” den Teufel enttbronte,
Es erregte ſolches Auffehen, daß da=
von in zwei Monaten viertaujend Erem:
plare verfauft wurden. Freilich brach:
ten es jeine Gegner dahin, daß er
207
feines Amtes entfeßt ward, und als er
am 11. uni 1698 die Augen ge:
ichloffen, da juchten die Anhänger des
Teufels ihn noch im Tode zu beſchim—
pfen, indem fie das Gerücht verbreite:
ten, Beder habe auf dem Sterbebette
jeine Grundjäge geändert. Aber fein
Sohn trat für die Ehre des trefflichen
Baters ein und veröffentlichte deſſen legte
Reden. Der legte hervorragende Käm—
pfer, der entſchieden gegen den Deren:
proce& auftrat und der, wie Friedrich
der Große jagt: „den Weibern das
Recht zufpricht, alt zu werden” —
war Chriftian Thomajiuß.
Am 1. Januar 1655 zu Leipzig
geboren, genoß er durch jeinen Bater,
den Profeſſor Jakob Thomafius, den
Lehrer von Leibnitz, eine jorgfältige
Erziehung und erlangte bereitS im
17. Lebensjahre den philofophiichen
Doctorhut. Hieranf ging er nad) Frank:
furt a. d. D., ftubirte dort die Rechts—
wiflenichaften und ward daſelbſt 1679
Doctor der Rechte. Nach Leipzig zurüd-
gefehrt, trat er als Advocat und afa=
demiſcher Lehrer auf, denn er meinte,
Theorie ohne Praris jei nur ein todter
Körper; letztere ſei der einzig richtige
Prüfftein für die erjtere. Er war der
erfte Leipziger Profeſſor, der im Jahre
1688 eine deutſche Abhandlung an das
ſchwarze Brett ſchlug und feine Colle:
gien in deutſcher Sprache vortrug.
Damit verjegte er dem alten Borur:
theil, als jei unjere Mutteriprache des
Lehrituhls auf der Univerfität unwür—
dig, den erjten Todesſtoß. Weiter be:
gann er eine Monatsjchrift in deut—
ſcher Sprache herauszugeben, in der
er auf3 freimüthigite wiſſenſchaftliche
wie politiihe Fragen erörterte und
dabei hie und da gar manchen ge:
lehrten Profeffjor am fteifen Zopf an—
griff. Freilich zog er ſich dadurch viel
Feindichaft zu, was ihn jedoch wenig
befümmerte. Bejonderd waren es die
Theologen, die ihn aufs bitterjte haß—
ten und jogar von ber. Kanzel herab
das Bolt und die Studenten gegen
ihn aufzuhegen verfuchten. Wirklich ge:
lang es ihren Umtrieben, den fühnen .
Mann bei der Regierung zu verleum:
den und einen Verhaftsbefehl für ihn
zu erwirfen. Jedoch Thomafius merfte
die Gefahr und entiloh 1690 aus
Leipzig, wo man all jein Eigenthum
einzog. Der Verfolgte wandte fich nun
nach Berlin. Dort bat er den Kur:
fürften Friedrich III. um Schuß und
um die Grlaubniß, fih in Halle nie:
derlaſſen zu dürfen, um der jtubiren:
den Jugend, die ſich etwa dort um
ihn verfammeln möchte, akademiſche
Borlefungen zu halten. Der Kurfürft
nahm feinen Anjtand, dieſe Bitte zu
bewilligen. Er ernannte Thomafius zu
jeinem Rath und jegte ihm einen Ge
halt von 500 Thlen. aus. Damit
beginnt nun die eigentliche jegens:
reihe Wirkſamkeit des verfolgten Ge:
lehrten.
Auf der Nitterafademie zu Halle
jeßte er unbehindert feine Vorlefungen
fort, die gar bald zu hohen Ehren
gelangten und überaus ftarf bejucht
wurden. Seine Leipziger Feinde fuhren
fort, Alles in Bewegung zu ſetzen, um
ihm zu ſchaden. Einer derjelben wandte
fih nochmals an den Kurfürften von
Sachſen, nannte den Entflohenen einen
„notoriſchen Erzböjewicht“ und ver:
langte dringend, daß man vom Kur:
fürften von Brandenburg feine Be:
ftrafung fordern jolle. Ja, in Kopen—
hagen wurden jogar einige Schriften
von ihm durch Henfershand verbrannt.
Aber Thomafius befand fih nun in
fiherem Schuge und lachte über das
Schimpfen jener bifligen Leute, beſon—
ders jener von Leipzig. Mehr und mehr
Stubirende wandten fih nad Halle,
um den berühmten Rechtögelehrten und
Philoſophen zu hören, und diefer außer:
ordentliche Beifall wurde die nächite
Beranlafjung zur Gründung der Halle’
ihen Hochſchule, denn als der Kur—
fürft bei einer Durchreife die große
Anzahl der Studenten gemwahrte, be:
Ihloß er die Errichtung jener Univer:
fität. Sie ward im Jahre 1694 er—
öffnet.
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Im Jahre 1709, als der Stern
diejes bedeutenden Mannes immer leuch:
tender aufgegangen war, da erkannte
man aud in Leipzig, wo inzwijchen
feine alten Gegner gejtorbeu und ver:
borben, was man an Thomafius ver:
loren. Man verjuchte ihn unter vor-
theilhaften Bedingungen zurüdzurufen,
aber er jhlug den Antrag aus.
Sein Fürft ernannte ihn dafür noch)
in demjelben Jahre zum Geheimrath;
bald nachher wurde er Director der
Friebrih8-Univerfität, Profeſſor pri-
marius und Decan der Juriftenfacultät.
Diefen erleuchteten Denker hatte
die Vorſehung dazu auserjehen, dem
Herenproceß in Deutjchland die Todes:
mwunde beizubringen. Er war der rechte
Mann dazu, es jelbit mit dem Teufel
aufzunehmen, und es gelang ihm, die
ZTeufelsfurht gründlich zu beſiegen,
ben Zauberglauben in jeinem Nichts
darzuitellen und dadurch dem Seren:
proceß für alle Zeiten den Garaus zu
maden. Anfänglich hatte er das He:
rengeſpenſt nicht beachtet, ja er hatte
fi übereilt, als die erjten Herenacten
an die neue Univerfität geichidt wur:
den, dur die bisherige Gewohnheit
verführt, feine Stimme ohne Weiteres
gegen die Beklagte abzugeben. Aber
feine Collegen dachten anders, als fie
ihn überftimmten. Dadurh auf den
Stand jener Angelegenheiten erſt auf:
merfjam gemacht, prüfte er gründlich
das Verfahren bei dieſen Procefien ;
er ſuchte hinter das Weſen des Höllen-
fürften zu fommen und die Natur der
Zauberei jomwie der Proceßführung da—
bei zu durchdringen.
Da fand er nun, daß der Teufel
ber Heren faum älter als fünfhundert
Jahre jei und daß ein Verbrechen der
Zauberei gar nicht eriftire, aus dem
einfachen Grunde, weil es feine Zau:
berer geben könne. Hierauf legte er
feine Forſchungen bejonderd in zmei
wichtigen Schriften nieder: „Kurze
Lehrſätze von dem Laſter der Zauberei”
der bie Heren“, in denen er den Un:
ſinn und die Nechtlofigfeit dieſes Ge—
richtsverfahrens auf's jchlagendfte und
unmiderleglichite nachwies.
Er erkannte ganz klar, was vor
Sahrhunderten den Papſt bewogen, den
Herenproceß in Deutichland einzufüh:
ren. „ES diente“, jchreibt er in diejer
Beziehung, „Diele Fabel von den Bünd—
nifjen mit dem Teufel noch dazu: wenn
irgendwo ein frommer und redhtichaf-
fener Mann war, der es mit der Gle-
rifei aus vielen Urjachen verborben
hatte, daß dieje ihm war gehäflig ge:
worden, gleihwohl aber wegen feiner
behutjamen Aufführung ihm unter dem
Vorwande eines Irrthums in der Lehre
oder Ketzerei nicht in die Haare fom-
men fonnte, da war fein bequemeres
Mittel, einen ſolchen auf den Scheiter:
haufen zu bringen, als wenn fie ihn
wegen des Laſters der Zauberei ver:
dächtig machte, und duch taujenderlei
Marter ihn dahin brachte, daß er ihre
unzähligen erdichteten Lügen von der
Gemeinschaft und von dem Bündniß
des Teufels mit den Zauberern durch
jein erzwungenes Bekenntniß befräfti:
gen mußte.”
Schließlich weiſt Thomafius Die
Nichtigkeit alles deijen nad, was bie
Juriſten von den Kennzeichen der Zau—
berei zu lehren pflegten, und jchließt
jeine Schrift mit den Worten: „Was
mich vor jeßo anbetrifft, als der ich
das ganze Lajter der Zauberei für eine
Fa.el halte, rathe diefe einzige Behut—
jamfeit: Der Fürft als die hohe Obrig-
feit verjtatte niemals, daß wegen des
Later der Magie, d. i. wegen bes
Bündniffes mit dem Teufel, eine In—
quifition angeſtellt werde; die Fleinere
Obrigfeit aber vollziehe jolches nie-
mals!“ — Ebenſo entjchieden ſprach
er fich gegen die Folter aus.
Kein Wunder, daß er von Juris
jten und Theologen jeiner Zeit als der
ärgite Frevler an Gottes Wort, als
ein „Atheift, Duäfer, Socinianer, Sad—
und „Unterfuhung vom Urjprung und ducäer“ Hingeftellt wurde, Sogar die
Fortgang des Jnquifitionsprocefjes wi- | Poefie wurde aufgeboten, um ihm den
209
Proceß zu machen. Freilich waren bie
Verſe au darnach. So ſchreibt
ein Hamburger gegen Thomaſius:
Geſpenſter glaubt er nicht, auch
—
keinen Bund
der Hexen,
Welch' atheiſtiſch Gift, das er hierunter hegt!
Er ift ein Höllen-Huhn, das jetzo erſt will
fädien,
Bis daß ed nad und nad die Eier hingelegt,
Den Sadduzäer-Beijt von Neuem auszjubrüten ;
Ad, dafür woll’ uns dod der liebe Gott be-
hüten.
Thomafius hörte und las mit
Sleihmuth diefe plumpen Angriffe.
Er meinte: „Vor dem Teufel joll man
ih hüten, aber ihn nicht fürchten.
Alſo Hüte ich mich vor meinen Läſte—
tern, jomwohl vor denen, die des ge:
malten Teufels Partei nehmen, als
vor den anderen, ſowohl vor alten als
jungen, — aber ich fürchte mich nicht.
Ich nehme mich in Acht, daß ich ihnen
feine Urſache zur Teufelei, d. i. zur
Läſterung gebe; thun fie e8 aber den:
noch, jo laſſe ich fie diabolifiren fo
lange fie wollen, und lafje fie gehen,
wenn fie ſich auch in einen Engel des
Lichtes verjtellen und unter dem Schein
des Gebetes ihre Läjterungen wider
mih ausüben.“ Bisweilen ließ
Thomafius feinem glänzenden Witze
freien Lauf, um jeine Gegner zurüd:
zumeijen. So hatte ein gewiljer Pre:
diger Erdmann wider ihn gejchrieben,
unter dem Namen Salzmann, Thoma:
fius jagte nun, das habe er gethan,
weil er fih der Stelle aus Matthäi
erinnert: Ihr jeid das Salz der Er-
den, und weil der arme Erdenkloß ge:
meint, es ſchicke fich vortrefflich auf
ihn. Thomafius rieth ihm, die Stelle
bei einer folgenden Schrift auf das
Titelblatt zu jegen, aber ja die Worte
nicht zu vergejlen, daß das Salz zu:
weilen bumm würde,
Alles MWiderftreben jener Dunfel-
männer konnte die große Geiftesthat
des Edeln nicht hindern. Er erlebte
es noch, daß fein Fürft, König Fries
drih I. von Preußen, die Brandpfähle
aus jeinen Landen verjchwinden ließ.
Bofeggers „Heimgarten‘‘ 3. Heft
Mit heiterer Ruhe ſah er dem Tode
entgegen, der ihn am 23. Sept. 1728
der Erde entrüdte. Er bat, wie ber
berühmte Staatsrechtslehrer Schlözer
behauptet, auf Mit- und Nachwelt
mehr gewirkt, als alle Philoſophen
Griechenlands zuſammengenommen, und
der Hiſtorike Johannes von Mül—
ler jagt von ihm: „Viele, die mit
großer Pracht und Macht ihr Zeit:
alter auf das Glorreichite unglücklich
gemacht oder mit unjäglicher Lift und
Kühnheit myftificirt haben, werden nicht
die Achtung und Liebe, wie joldh ein
Mann, bei der Nachwelt finden.” Auch
in der Gegenwart ift fein Gedächtniß
nicht erlofchen, denn vor wenig Jahr:
zehnten hat die Univerfität zu Leipzig
in ihrer Aula die Büfte des uner:
ichrodenen Kämpfers aufgeftellt.
Das Andenken an diefen braven
deutijhen Mann aber möge uns er:
muntern, wo wir nur können, Aber:
glauben und Gewiſſenszwang, die fi)
auch in unfern Tagen noch in ver:
ſchiedenen Formen zeigen, Fräftig zu
befämpfen und ung ſelbſt frei zu bal-
ten von den Gebilden des Wahns,
der glei erbarmungslos ſich wendet
gegen den darin Befangenen wie gegen
Andere. Ward in früherer dunkler Zeit
der Kampf gegen blutigen Aberwiß
geführt, der ſich gegen vermeintliche
Zauberer, gegen Ketzer und Anders:
gläubige wandte, jo gilt e8 heute vor—
nehmlich, denen gegenüber zu treten,
welde höhere Bildung, Erhebung des
Menjchen zur Wohlfahrt und Freiheit
in geiftigen wie bürgerlichen Beziehun-
gen aufzuhalten oder zu verhindern
juchen. Eitles, vergebliches Bemühen !
Jeder Tag, der dem Borjchreiten der
Menschheit durch Unterriht, Bildung
und Hebung in allem Schönen, Guten
und Großen gewonnen wird, verjcheucht
mehr und mehr die dunfeln Wolfen
der Nacht, welche die Geifter eines
guten Theiles der Menjchheit noch
immer umlagert. Auf alljeitig befjere
Erkenntniß wirken heutzutage Schule
und Leben, wirken fort und fort Wort,
14
210
Griffel und Feder, wirkt die unüber-
jehbare Thätigfeit der Druckpreſſe. So
jehr auch die Gewalthaber und Ber:
ächter der Geiftesfreiheit den freien
Meinungsausdrud durch die reife
verfolgten und knebelten — fie, bie
niht an Ort und Stelle gefeffelt ift,
läßt fi eben jo wenig durch ben
Machtſpruch der Gemwalthaber unter:
drüden, als der Geift der Glaubens:
freiheit duch Scheiterhaufen und Tor:
tur erjtidt werden fonnte. Das erhe—
bende Gefühl, daß Einer für Alle und
Ale für Einen einftehen müffen, wird
immer lebendiger und durchdriugt die
Gegenwart, ja in ihm murzeln alle
Hebel der Volfsbildung. unfrer Tage
ſowie der Zufunft. Und jo arbeite denn
ein Jeder unverbroffen am Werke der
Aufklärung. Denn leider, leider
Des Aberglaubens alte Rechte
Erftreden ſich auf jedes Haupt;
| Roch ift im menſchlichen Befchlechte
ı Ihr Einfluß größer, ald man glaubt.
Wenn id komm’, wenn id wiederum komm!’ !
Habt ihr Schon gehört? Der Rein:
Dem Reinhard ift aber auch nicht
hard, Lorle's Neinhard ift wieder da;| wohl gewejen, wie das Lorle davon
— Ihr könnt euch doch noch erinnern war und er ſich jagen hat müffen, er
an die Gejchichte von der Frau Pro: | wäre die Schuld; fo ift er bald darauf
fefforin — vor dreißig Jahren? ſie fort nah Stalien. Er ift als Maler
bat ja in ganz Deutfchland Aufiehen
gemacht. — Dazu mwäret ihr zu jung.
Aber gelefen? in Auerbachs Dorf:
geſchichten gelefen? — Nun, ber
Profeffor Reinhard, der berühmte
Maler, hat die Wadeleswirths-Tochter,
die Lorle, geheiratet. Im Schwarzwald
wars und jo gings zu: Der Reinhard
bat ein Altarbild für die Kirche ges
malt und fi) dabei ind Modell ver:
liebt — in's jchöne, marienhafte Lorle.
Hats geheiratet, ift mit ihm in die
Stadt gezogen. Es war eine echte Liebe
gewejen, aber das Dorfkind hat fi
in das vornehme Stadtleben nicht zu
finden gewußt und der Reinhard hat
fih feiner geſchämt, hat es in bie
hohen Kreije, in die er gezogen wor:
den, nicht mitnehmen können und noch
obendrein hat eine vornehme Frauens—
perjon ihm den Kopf verdreht. Wie das
das Lorle inne worden, ift e8 davon
und zum Vater heim. Sie hat den
Reinhard fo von Herzen lieb gehabt,
daß fie ihm nicht auf dem Wege
ftehen wollte zu feinem Glüde — und
fie hat ftill und geduldig gelitten da—
heim in ihrem Dorfe Weiſſenbach.
jehr berühmt worden, aber in ben
legten Jahren hat man gar nichts
mehr von ihm gehört und es hat ges
heißen, er wäre gejtorben.
Da ift er nun auf einmal in
Weiſſenbach. Mit dem Bahnzug ift er
gefommen, denn feit dreißig Jahren
haben fie durch die Gegend die Eifen-
bahı gebaut. Die Leute hätten ihn
hier nicht mehr erkannt, denn er
trägt einen grauen Bart. Aber um
etlihe Wochen ift er zu fpät daran;
das Lorle, mit dem er fo unfelig
auseinander gekommen iſt und das er
jest, nad dreißig Jahren erft wieder
aufſuchen will — es ift tobt. Noch
ehe fie ftarb, hat fie dem Reinhard
ein Grab beftellt an ihrer Seite. Und
jegt fam er und wollte nicht mehr
von der Welt und wollte bald fterben
und bei dem Lorle begraben fein. Aber
wie der Reinhard ſchon ein Menſch
ift, dem’3 immer anders kommt, als
er jelber will, fo verliebt er fih nun
geihwind, noch bevor er zu feinem
Lorle ins Grab fteigt, in ein junges
Mädchen und bald ift er mit demiel-
ben verlobt.
211
Man nimmt ihm’s fehr übel —
nicht bloß die Weiſſenbacher allein —
auch andere Leute. Eine hat er jchon
ind Unglüd gebracht vom Dorfe, jetzt
geht er die zweite an. —
Und wenn er denn die Erjte rich:
tig jo lieb gehabt hat, wie er thut
und daß er, wo er geht und fteht an
fie denkt und gar nicht weiß, wie er
jein Herzleid ftillen ſoll — fo fteht’s
ihm gar nicht gut an, jegt, da noch
nicht einmal Gras wächſt auf ihrem
Grabe, ſchon wieder an’3 Heiraten zu
denfen. Der Reinhard jollte überhaupt
ganz ledig bleiben — ſchon den hun:
derttaujend Frauen zu Lieb, die jeine
Geſchichte lejen. Ein erſtes Heiraten
bat man in einer Liebesgeichichte
gern — aber ein zweites lieſt fich
wahrhaftig nicht mehr gut. Ein Witwer,
bejonders einer, der im Buche fteht,
ſoll entfagen, Allem entfagen und für
immer entjagen, damit die Welt an
ihm die Poefie „der treuen Liebe” ge
nießen fann. — Früher hat der Dich:
ter ſolch verwitweten PBerjonen gerne
fihb aus Gram das Leben nehmen
oder anders wie an gebrochenem Her:
zen fterben laſſen; — das war ein
Genuß für die Lefer. Neuere Schrift:
fteller ziehen es vor, das Leben und
Streben eines verwitweten Helden voll-
fändig von allen weiblihen Weſen
ab: und großen Thaten zuzumenden,
durch welche fie der ganzen Menfch-
beit oder mindeftend einem guten
Theil derjelben nügen. Das erhebt
die Lejer und fie freuen fich, daß
jo ein Mann no vorfommt —- und
wenn er auch nur gebrudt fteht.
Und der Reinhard, au; den man |
ſeit dreißig Jahren her jo viel gehal: |
ten, will wieder heiraten; — und
was denn das nüßt, wenn man über
fo Einen Bücher jchreibt, der nicht
beſſer und nicht jchlechter ift, wie
andere Leute! —
Ah, fie ſollen ſich nur nicht zu
früh die Zunge wegen. Mein Gott,
es wird's ja bald genug die ganze
Welt erfahren, was gejchehen iſt. —
Dom Söller herabgeftürzt . . . herabge:
worfen! — Das ganze Dorf läuft
verwirrt und jammerndb durch die
Gaſſen ...
Eine böſe, traurige Geſchichte! —
Die Sahe hat ſich jo zugetragen: Als
vor dreißig Jahren das arme Lorle
von der Stadt zurüdgefommen in’s
Dorf, da ift gerade ihre Schwägerin,
ihre8 Bruders Frau, in der guten
Hoffnung und da hat fich diejelbige
über die unglüdlihe Heimfehr des
Lorle jo erfchredt und entiegt, daß
fie eine Frübgeburt gemadt. Das
Kind, ein Junge, wuchs wohl auf,
war aber blöde, ein Trottel und bös—
artig noch dazu. Dieſer Burſche hat
nun den angefommenen Reinhard nicht
leiden mögen und iſt's gemwejen, ber
den Man in feinen zweiten Braut:
ftänden von dem Söller des Haufes
hinabgeftürzt hat. — Jetzt haben fie
des Lorle's Reinhard neben dem Lorle
begraben.
In diejer Zeit ift auch der „Kohle
brater“, der Herr Reichenmeyer, wieder
einmal nah Meiffenbah gekommen
und hat den Reinhard bejucht. Aber
das ift ein unangenehmer Menjch ge:
worden — jo über alle Maßen ge:
ſcheidt und altflug — jo hochgelehrt,
ein Weltverbeijerer, der über all feine
Selbftlofigkeit die Freundſchaft verlerut
und mit jeinen rüdfichtslofen Vernünf:
teleien dem armen Reinhard, der an
ihm das warme Bruderherz zu fin:
den wähnte, bitter weh gethan hat.
Aber ſonſt doch eine gute Seele. Er
joll geweint haben im Walde, als er
wahrgenommen, daß er den Reinhard
beleidigt. Er hat feinen Jugendfreund
mitnehmen wollen auf Entdeckungs—
reifen in die Eisregionen — vielleicht
wäre das ein Nechtes gemwejen, denn
der Herr Neichenmeyer war troß all
jeiner Wiſſenſchaften — er hat, wie
die Leute jagen, alle Jahre eine neue
gelernt — ein guter, natürlicher Menfch
und folche Leute treffen unbewußt oft
das Rechte. — Nun, ’3 iſt Alles vor:
bei. Der Herr Collaborator ijt wieder
14°
212
fort, wir wiffen nicht wohin, wiſſen
auch nicht, ob er noch einmal ein
zweites Tauſend feiner oft wahrhaft
weifen und oft wahrhaft jeltfamen
Gedanken in ein Buch druden läßt,
wie er e3 ſchon einmal mit dem erften
Tauſend gethan hat. — Malva, jo heißt
die zweite Braut Reinhard's, ijt des
Bräutigam Erbin geworden. Auch fie
wird leicht einen Zweiten finden, doc)
rathen ihr die Leute, fie ſoll ja feinen
Stadtheren nehmen, das thäte — und
wäre die Liebe noch fo groß — ein
für allemal fein gut. Lorle's und Rein:
hard's Gejchichte hätt's bewieſen. —
Es iſt hier von einem neuen Buche
die Rede, welches die Cotta'ſche Buch—
handlung in Stuttgart erſt vor Kur—
zem hat drucken laſſen. Dem Berthold
Auerbach fiel es nämlich jetzt, nach
dreißig Jahren plötzlich ein, ſeine
Dorfgeſchichten fertig zu ſchreiben, nach—
dem dieſelben dreißig Jahre lang alle
Melt für fertig gehalten hat, bie
Charlotte Birchpfeiffer ausgenommen,
welche in ihrem „Dorf und Stadt”
dem Lorle zu einem „guten Ausgang”
behilflih war.
Die Geſchichte von des Lorle's
Neinhard kann recht paden, aber mid
dünkt, wenn ſchon nichts Großes und
Erfreuliches mehr zu erzählen geweſen
ift, jo hätte man die längftvergange:
nen Dinge in Gottesnamen Tollen ſchla—
fen laſſen.
E3 mögen vielleicht derlei Fort:
jegungen und NMeiterentwicdlungen dem
Mejen der Dorfgefhichte entiprechen,
jo wie faum zu zweifeln ift, daß Auer:
bach auch hierin feine Nahahmer fin:
den wird. Im Dorfleben hängt Alles
viel natürlicher und inniger zufammen,
als in anderen Geſellſchaftskreiſen, das
Geſchick des Einen hat daher oft große
Folgen für Nachbar: und Nachkom—
menjchaft. — Kann der Erzähler da-
mit schließen, daß er 3. B. feinen
Helden nach Amerika gehen läßt? Da—
mit fängts ja eben wieder an und
Alles frägt: Wie gehts ihm in Ame—
rifa ? Wird er reich? Geht er zu Grun—
de? Wird er wiederfehren? So bei
Auerbachs „Tolpatſch“; — und das iſt
im Buche die zweite Gefchichte.
Der Sohn des vor dreißig Jah—
ren ausgewanderten Tolpatih kehrt
in's Schwabenland zurüd, um ſich
ein deutjches Weibchen zu juchen. Und
jujt die, welche ihm fein Vater ver:
bietet, weil fie das Kind jenes Weibes
ift, das dem Alten einft untreu war,
juft die nimmt der Schall. Macht
aber nicht3, der alte Tolpatjch drüben
ift mit der Wahl des jungen Tolpatſch
hüben ſchließlich einverftanden und
dad junge Paar fährt luftig nad
Amerifa. — Das lieft fih fein und
würde fih noch feiner lefen, wenn es
mit etwas weniger Meisheit gejchrie:
ben wäre.
Die dritte Geſchichte endlich ſchließt
ih den alten „Sträflingen” an und
beißt: „Das Neft an der Eijenbahn“.
Zwei Bahnmwächtersleute, die einmal
eingejperrt waren (da muß man aber
die „Sträflinge“ Iejen), Haben viele
Kinder — Buben und Mädchen, auf
die theilweife noch der böje Leumund
der Eltern Einfluß hat, die aber all:
mälig recht glüdlich verforgt werden.
Auerbach ift jegt vierundſechzig Jahre
alt und jo iſt das Beltreben, all’
feine Kinder, auch die mißrathenen,
möglichit zu fihern, wohl begreiflich.
Allerdings find ihm dieſe feine
Kinder ganz entwachjen oder er ihnen.
— Auerbach ift fein Dorfgefchichten:
jchreiber mehr. Seine Naivität ift da=
bin. Er gejtaltet nicht mehr, er grü—
belt. Oft jcheint es, als gelte ihm die
Fabel feiner zu erzählenden Gejchichte
nicht viel mehr, als ein Nagelftod, um
jeine verjchiedenen Betrachtungen daran
zu hängen. Und Auerbach ift gedan—
ken- und ibeenreih wie faum ein
Zweiter. Schon vor dreißig Jahren
waren die Auerbach'ſchen Bauern im
Schwarzwalde jehr gejcheibte Leute;
und feither find fie noch viel geſcheidter
geworden. — Falt Jeder von ihnen
fann die tauſend Gedanken des Colla—
borator3 auswendig.
213
Seit feinem vollendeten Roman | Sentenzluft beißen bie Elemente, bie
„Auf der Höhe”, in welchem mit der | den Werth der „Neuen Dorfgeſchichten“
reihen Weltanschauung des Verfaſſers Auerbachs jo empfindlich jchmälern.
fih noch die urſprüngliche Schaffens: | Nicht oft mehr bligt die Genialität
fraft gepaart, ift Auerbach mit jebem |de3 berühmten Meifterd aus deſſen
neuen Werte tiefer herabgeftiegen. |neuem Werke hervor. Wo fie ſich aber
Nene Hoffnungen erwedten die „Neuen | zeigt, dort wird das Herz des Leſers
Dorfgeſchichten“, aber dieſe find uiht | warme und das Auge feucht; bort
mehr vom alten, fondbern von dem) freuen wir uns an der Echtheit und
gealterten Auerbach, der fih nun von |dem Adel der Schöpfungen und bort
feinen eigenen Epigonen foll meiftern | glauben wir wieder an die große Be:
lafjen müſſen. Süßlihe Sentimentalis | deutung Berthold Auerbach's in ber
tät, Neigung zur Lehrhaftigfeit und | deutichen Literaturgefchichte. R.
Derfe unterm Schwarzen ren.
Bon 3. Raldıberg.*)
Der Zeitgeift.
Wie in der Vorzeit regiert noch jept das eiferne Fatum,
Beugt mit gewaltiger Fauft mächtiger Sterbliden Troß.
Zeitgeift nennt fi fein Sohn, und wenn ihm trogen die Herrſcher,
Wanken die Throne, es weicht den Beherrſchten das Glüd.
Wunſch der Zeit.
Völker, ihr wünſchet fo fehr zu dämmen die Willfür der Krone,
Aber habt ihr aud Muth, treu zu bewahren den Damm ?
Bald verdorret entlaubt die Eiche beglüdender Freiheit,
Saugt die Wurzel nicht Kraft tief aus der Bürger Gemüth.
Macht der Liebe.
Völfergebieter, vertraut nicht Bajonneten die Throne,
Laßt befteh'n fie nur treu, von der Liebe bewadt.
Warnung.
Völkergebieter vertraut nicht heuchelnden Schranzen das Scepter,
Nichts ift empörender, ald SHave von Sklaven zu fein.
Die Täufhung.
Kreuze, Bänder und Eterne tragen am Herzen fo Viele ;
Dod im Herzen erglänzt jo felten der Tugend Geftirn.
Eitles Blendwerk der Welt! Vor jenem erhabenen Throne,
Wo nur die Wahrheit beftcht, finfen die Masten in Staub.
Die Weltgeſchichte.
Die Geſchichte der Welt enthält in reichlihen Bänden
Monumente der Schmad, zahllos der Menfchheit erbaut.
Völker, wünſchet euch nicht, in diefen Büchern zu prunten,
Glüdlih feid ihr nur dann, ſchweigt die Gefchichte von euch.
*) Vor uns liegt ein Band noch ungedrudter Gedichte, Erzählungen und hiftorifcher
Aufſätze des fteirifchen Dichters I. Ritter v. Kalchberg, zufammengetragen im Jahre 1825. Vieles
davon und nicht das Unbedeutendſte ift mit dien, ſchwarzen Strichen überkreuzt. Das hat die
Genfur getban, Eben nur das, was damals unftatthaft war, fann uns heute nod) intereffiren
und fo heben wir die Grabfreuze weg und laffen für heute einige Diftihen auferftehen,
214
Wos ban ara Ibarofdhung auſſa kema kon.
Fon Fritz Reuter.
In die fteirifhe Mundart übertragen von P. 8. Rofegger.*)
Gegn liab Weihnatn zumi mar dos
in infern Haus olamol a Lafn und
Drofhln (Flüftern) und Fleanichln, a
Hoamlithuerei und a Vaſteckn! In
d Stubn hobn mir — die floan Leit
— gor nit einiderfn, bo drinan is die
liab Muada ghuckt mit a por a
drei Noderinen (Näherinnen) und bot
gnaht und gnaht in an neign Zeig af
d Weihnachtn fi meini Schweſtern und
fir ind Buabn; zu da fewin Zeit jein
die KloanbuabnjöppIn und Höſerln
noh glotweg in oagnan Haus gmocht
mworn, und nit ban Mobdifchneida. —
Na, und don und won id oans von
ins einighoaßn worn, hobn eahm d Augn
vabundn und Fäuftling onaftedt —
und fo bobn 83 eahm 3 Gwandl
ongmefin in da vabodnen Stubn.
D Fäuftling, de hot mein Ahndl auf:
brot, wir in vagongen Johr mein
elteri Schmwefter, d Liefl, mit n Händn
ollaweil umafroblt hot, daß as het
erfohrn, va wos Zeig ihr Rod gmocht
wurd,
„Na ſchau, du Gredl!“ fogt mein
Ahndl, „wos der Teirl afcheidt is!
wart, des mil ih da vatreibn!” —
und ftedt ihr d Fäuftling on. Und
fivadem wird ohni Fäuftling Koans
mehr in d Stubn einigloffn.
Hobn ſcha de Oldn wos Hoamlichs
ohobt, fo hobn mir Jungen ah wos
Hoamlichs ghobt. — Por Weihnachtn
fein ollamal unferi dochnenen (thöner:
nen) Sporbihin in Scerbn ghaut
mworn, und wos das Jahr aufgmeſſen
bot, des wird auffagnomen und nochha
wird einfaft. Mei Voda, der friagt
von an Jedn ollamol fei Stangl Pet:
ſchirwochs und a Bleiftiftn; und mir
wilin 8 jcha, wan mar eahm de zu
Weihnachtn ſchenkn, jo kriagn ma 's
zu Neijohr wieda zruck. — Späda
kriagt er va meina Schweſter gnonnts
(genanntes, regelmäßig) a por gſtickti
Hauspotihn, de er oba nit onglegt
hot — wir er gitorben is, hobn ma
fiebn Bor davon gfundn in jein Koftn.
Aft nohha, warn mei Moam, d Sche-
ningerin noh an neign Kampl Friagt
hot, und mein Ahndl a buderlwormi
Pelzhaubn — zu den mir, vafteht fih,
DI zſomgſchoſſn hobn — i8 fi d Mua-
der ollamol noh 's meiſte Geld üba-
bliebn — und nochher is d Hoamlifeit
erft ongonga — 8 onder hobn mar
eh olls gwißt, weils olle Johr s Gleich
i8 bliebn. Und wan ih nochha zan
Kroma bin arent und a faubers Stüdl
einfaft bon mit der Ausnohm — und
des is ins ollemol auftrogn worn —
daß 's wieder umtaufcht wern fon —
jo lauf ich drauf iber und iba zu ba
Muada und ſog: „Muada, Muada,
ih jchmeiß dir ah wos in Korb!”
Sogt d Muada: „Loß ma’3 neamt
onſchaun, wos d hoſt!“
„Ab na“, ſog ih, „dös zoag ih
fan Menjchn nit, juft dir will ih 8
joagn, des is dos und dos.“ —
Na, ih bin elta worn, bon ah 8
Maul holdn glernt, und mir ih va da
hochn Schul 8 erftimol zu da Weib:
nochtäzeit' in mein Wobershaus af
Bſuach fema bin, do bin ih jo hoamli
gweſn mit mein Gſchenk, daß nit amal
mei Vetta, da Mathiasl, wos davon
*) Ich babe hier verfucht, eines der Iuftigften Stüdlein des trefflihen norddeutfhen
Dialektdichters Friß Reuter unferem Publikum verftändlich zu machen. Durd eine Leber-
febung ins Hochdeutſche würde man dem Schmetterlinge des Reuter'ſchen Humors den Gold-
ftaub wegwiſchen. Diefe urwüchfigen Dichtungen fönnen nur in eine naive Sprache gelleidet
fein. Allerdings würde — in die Alpenmundart überfegt — auch Manches an deren Inhalt
unferen örtlihen und gefellfhaftlihen Verhältniſſen angepaßt werden müffen. In vorliegendem
Stüde brauchte id hierin nur ein ganz Weniges von dem Originaltegt abzugeben.
zwiffn kriagt hot. Juſt oba, wir ih Ih woaß, daß |’ fa Dufn bot und
des einpodn will und babei mehr Sigl- ollaweil aus da Popiertiten jchmirt,
wos, Bindfobn und Popier vabraud, | und fo will ih ihr z nahſt Kirwah
a3 da gonz Bettel wert is gwen, fimt | (Kichweih) a hoamlichi Freid mochn
er ma briber und frogt:
dann do?“
„Wos Hoft und ſchenk ihr a ſchöni Schnopftabok:
dufn. Du Bua, des hot mih nit jchlechton-
Ober ih Fon jchmeign und ſog: gſchmirt. Sie jchmeißt ma ’3 Ding
„a, nie nit.“
„Nie nit?“ frogt er, „ih gſiach
oba doh, daß d wos hoſt.“
„De braudft du nit zwiſſn“,
ſog ih.
„So!“ moant er, „is des an Ont—
wort fi dein Bettern?” — und —
ſchwupps — bon ih Dans afn Gnack.
Hiazt bin ih oba wild af d Hech
gſchoſſn, bin ih doh a Terzianer gweſt,
und biazt frog ih n, ob er 8 mul
wiſſad, daß ih a Terzianer bin!
„Leida Gottes”, ſogt er, „woaß
ib 3, daß du noh a duma Bua biſt;
oba, wan 3 d ah der Erft in da gonzn
Schul warſt jo bleib ih doh dabei,
bit a Lopp!“
Nu, ih hon mi blad (gebläht), hon
mih bamt — wir in a jo an jechzen-
jährign Schlanggl da Höllfaggra feine |
Ghirn ſcha vabeifelt gſpitzt auſſa—
ſteckt. Mei Vetter is a Menſch gwen,
der an Gſpoaß vaſtondn hot; ober in
Ernſt id s mit eahm nit guat kerſchn—
efin gwen — und ih hon d Herner
wieder ftab einzogn.
„Na“, fragt er ſchean hondſum,
„wos hoft dan do?”
„Better Mathiasl”, ſog ih, „bes
fog ih nit. Ich will mei Muada da—
mit ibarumpeln und will ihr a hoam-
liche Freid damit mochn.“
„So!“ ſogt da Better, „iberrum:
peln willit a8? na, jelm loß da fogn:
ih bin in mein Lebn heifti gnua iba-
rumpelt und ibaroſcht worn, ober fir
ol de Ibaroſchungen gib ih nit a
Pfeifn Tabof, und de hoamlichn Freidn,
mein Suhn, de ind onderi Leit mochn,
wern imeramol recht bitteri Leidn —
afs mindaft Vabruß und Irganuß. —
Wos bon ih nit mit da Moam, mit
da Scheningerin, fir an Elend ghobt.
afn Kopf und fchreit, ih war an older,
unvaſchemta Hufarnipigbua. — Und
nohha, mein Suhn, wos is bes nit
vorige Johr fir a fauberi Ibaro—
jhung gmweit, ba der Ausipielung fi
die ormen Leit, wir ih 3 Spinradl
gwungen bon und dei Muada die Pu:
delhaubn mitn guldan Poſchn (Quaſte),
und die Pforafehin d Reithoſn und
da Her Pfora 3 kloan Werklgſpiel!“
„30, Vetta“, fog ih, „zu Weih—
nachtn is jo bes amol a jo da Braud,
und do finen doh ſelchteni Vadraht—
beitn und Vabriaßlifeitn nit firfema.”
„Valoß dih nit drauf!“ fogt er,
„Set dih nieda. D Nukonmwendung, be
hoſt ſcho voraus kriagt, und biazt lous
zua, hiazt will ih dir ah die Gſchicht
dazehln.”
* *
*
Vor an etla Hohen, wir ih amol
a zeitlong z Parchau glebt hon, is in
Gißdorf noh da Herr Omtmon Zärner
mit Frau und Tochter gweſt — hot
ab ſei Schwagerin ban eahm ghobt.
Na, de drei Meibaleit fein olli Morgn,
de Gott in Himel wern loßt, zwiſchn
eilfi und zwelfi ſpozirn gfohrn af jo
an loan Jogdwogn mit a longa Wurft
hintn. Voron afn loan Bod, der hot
ogſchrauft wern kina, figt da Kutſcha;
die Omtmänin und d Schwagerin hudn
bintn af n Benkn, und die Tochter,
de reit af da Wurft.
Na, und amol — 8 is nit weit
vor Weihnachtn gwen — kimt da Hut:
ſcher einer: „Herr Omtmon“, jogt er,
„fe hobn ins de Nocht in Bok von
Wogn oftuhln.”
Da Herr Omtmon ſchaut n fo
awenk va da Seitn on und geht granti
eini in fei Stubn. Und wir er grob
in beftn Grant (Aerger) is, fohrt jei
Schwoga, der Omtmon Daringer z Par: |wia Weg und Stroßn bſorgt wern
hau daher. miabn und mo ſih da löbli Magiitrat
Zu der febin Zeit hobn die Par: |iberoll drein zlegu bet. Da Her Omt:
Hauer noh viel gholtn af an Omt- | mon Daringer iS ober jein Schwogern
mon bi Johrn; no, in Hern Daringer in Diſchgarirn viel z bös, jo a Su:
fein ollahond fo Iuftigi Streich noch: | pernumera bot ollahand fcheni neigi
ofehn worn — is noh, wia ma gjogt | Einfall, de in Hern Omtmon Zärner
bot — Supernumera gmweit. Des is | bei der olljarign Gholtseinnohm noch
er freili dreiazwoanzg Johr long gweit ‚und noh draufgonga fein. No, und
und het jchon ah feine Schelmenfticin | wia de Zwen DIS jo zan Nugn ber
afn Nogl henkn deafn. Oba na, er Gißdorfer und der Parchauer ausgredt
bot eahm holt denkt: Mer gibt ma hobn, fein j’ ins Bett gongan und
wos dafir? muaß doh umſiſt Omt- hobn, wia ma jogt, in Schlof bes
mon jpieln, zwe jul ih mit ehrwirdigi | Gerechtn gefchlofn.
Gedonkn mei glot3 Gfiht vaſchimpfirn? — Ih fi mein Thoal, ſogt
Und macht holt imma zua und auf|mein Vetter, da Mathiasl und riblt
jo an Eloan Gſpoaß af onder Leit | (reibt) eahm in Kopf, a3 wia war bo
Koftn. Het3 oba Koan rotn megn, af
feini Koſtn an ſchlechtn Wit zmochn
— do kehrt er gleih fein Omtmon
auffer und wos n an feiner Ehrwir—
digfeit ogeht, des mocht er mit feina
Biffigfeit wieda guat.
No, wia da Her Omtmon Daringer
biazt in d Stubn einafimt, iS er tul
lufti, und as gfreit n 8 Wiedafehn ;
und der Her Dmtmon Zärner is recht
drin ah jo a por rudigi (toftige)
Gedonfn jung wern jultn, — ih mecht
völli frogn, worum, wan die Hern
Bürgermoafters olli Johr eahneri Pu—
lizei- und Brondvafomlungen boltn,
juln inferi Hern Omtmana nit ah
amol a Spritn und Keichnfigung
bobn? — af Gmeindeunfoftn natirli.
%o, und bes is gwiß, ſid die zwen
Hern driba gredt hobn, fein die Spri-
|
|
vadriaßli, denft af n gftuhlnen Bod. | kan z Gißdorf und z Parchau ollemol
Und wia drauf d Weibaleit dazuafeman, |vor n Feir probirt worn. Da Nupn
is dös 8 thoals a Freid va wegn an va jo aner Einrichtung ligt af ba
Bruadan und 8 thoal3 a Load va
wegn an Bod. Hiazt miafin d Spo-
zirfohrtn eingitelt mern; da Kutſcha
fon jo nit fiten und daß er mit da
Tochter banond af da Wurft hudab,
Hond.
Na guat. Da Her Dmtmon Da—
ringer fohrt af Brud und noch a finf
a ſechs Togn fimt er wieda zrud,
und hot hintn af fein Wogn a großi
that ſih doh nit ſchickn. Wird holt | Kiftn, und ſei Schwoga Zärner frogt:
driber a Zeit long hin und hergredt | „Wos hoft dan du in ber großn Kiftn
und af d legt gehn 3 aufji und gudn |drein?” Do fticht in Ondern da Hober,
in led on, wo da Bock gieffn is. |der Supernumera ſchlogt eahm ins
Der Omtmon luagt recht gleim zumi Gnack und er denkt: Sulft an loan
und denft ban eahm jelba: Des war Witz mochn! und jogt: „Na, dent dir
a ſchens Gſchenk fi dei Schweita zu amol! War dir 3 Brud fo a Kerl
Weihnachtn. Miad (müßt) jo wia fo | mit wildi Thier und hot ah an ®ir:
af Bruf zwegn fein großn Prozeß, do |offn; und bes Thier iS eahm frepirt.
funt er die Bodonglegnheit gleih | Und weil ih woaß, baß ih infern
richtn. Schuldirekter a Freid damit moch, ſo
Af d Nocht noch da Suppn ſchwatzn hon ih eahm die Knochn und 8 Fell
da Gißdorfer Omtmon und da Par: mitbrocht; da Mon legt fir inſa große
chauer Omtmon ſtork von Omtsſochn, Schul grod a Naturalienkabinet on,
wias z Gißdorf d Feirſpritzn probirn und jo a Giroff, zimt mih, wa fa
und z Parchau die neig Keichn (Arreſt), ſchlechter Onfong.“ Und denkt ban
217
eahm jelba: Wos wird bes fir an Iba—
roſchung wern, wans aus bella Nei-
girifeit die Kiſtn aufmochn und findn
gſtotn Giroffn — in Bock.
Oba da Her Omtmon Zärner und
ſeini Weibaleit ſein nix neigieri gweſn
afn Giroffn; und wir Togs drauf da
Her Omtmon Daringer ogroaſt is, und
mit Fleiß die Kiſtn vageſſn bot, geht
fein Schwoga her, ſiacht die Kiftn mitn
Giroffn und ſogt: „Gottstaufnd, hiazt
bot da Daringer fein Giroffn vageſſn.
Fickl, Tauf um und ſuach a Fohrglegn:
heit af Parchau!“
Findn gleih vani, und der Omt-
mon Zärner fogt zan Fuhrmon: „A
Briaf is nit vonnöthn. Griaß ma n
vielmol und ih ſchick eahm do fein
Giroffn.”
Da Fuhrmon fohrt in Pardau
vor n Hern Omtmon ſei Thür, und
wia die Kiſtn oglodn wird, fteht da
Guldſchmied Bohrer do und frogt:
„Wos is dan in der Kiftn drein?“
„A Giroff“, jagt da Fuhrmon.
Glei rent da Guldſchmied Bohrer
zan Judn Freidnthola und dazehlt
eahms, und da Zub zan Brener und
da Brener zan Bädn — und fa Stund
fteht3 on — nit a Stund, jog ih da
— jo woaß 8 gonz Parchau: der
Dmtmon het an Giroffn ongjchofft.
Skandal vor olli Leit. Schmeißts ma
de vadonkt Kiſtn aus n Haus!“
Die Frau Omtmänin schickt gſchwind
zu die Kaufleit in da Stodt rum, ob
8 dan fa Fohrglegnheit af Gißdorf
wißabn; fie het a Kijtn af Gißdorf
3 ſchickn und a por lari Weinfaßln
af Brud. Die Dirn fimt glei wieda
zrud und fogt: „A ſcheni Empfelung
von Hern Kaufmon Zihuri; da Fuhr—
mon Schnafberger fohrt morgn fria
iba Gißdorf af Brud, und die Frau
Omtmänin jult eahm d Sohn na glei
ſchickn, er wults ſcha bejorgn.“
De ſchickt eahms ah. Und wir togs
drauf da Fuhrmon fohrn will, ſogt
da Kaufmon Zichuri: „Na, und die
Kiſtn va da Frau Omtsmänin ...“
„Ah jo“, locht da Fuhrmon, „die
Kiſtn mit n Giroffn, woaß ſcha —
hon mit da Frau Omtmänin ſelba
gredt, a gſpoaſis Stuck, Her Zichuri.“
„Ra, fo woaßt jo wia oda wo“,
jogt da Kaufmon und da Fuhrmon
fohrt zua.
Na, da Her Dmtmon wird a bißl
ſtork mit fein Giroffn groagt (genedt)
und ſei liabi Frau hot a bifjl vil von
jeini Vadriaßlichkeitn z leidn. Oba noch
a drei vier Togn is des ah wieda
guat gwen, und die Frau Omtmänin
ſitzt recht ſtil und zfriedn ban ihrn
Kafee und ſogt zan ihr ſelba: „Gott
Daweil kimt der Omtmon Daringer Lob und Dank, na, ſid de nariſch
ausn Omt zruck und wir er auf ſei Gſchicht vabei is!“ — geht die Thür
Haus zuageht, ſteht der old Jochem
vor da Thür und ſogt: „Guat Morgn,
Her Omtmon! enka Giroff is kema.“
„Wos Teifel!“ moant der Omt—
mon. Und wir er ins Haus ſteigt,
ſogt der Guldſchmied Bohrer: „Her
Omtmon, war in Giroffn von Koſtn
ausloſſn, — zoagn 8 ma 8 Beſt ah
amol.”
Der Dmtmon beidlt fein Kopf ba
der Ned, und wir er in Hof auſſigeht
— richti! — do fteht jei Giroffn—
Kiftn.
„So a Holblopp von an Schwoga !” |
Ihreit er, „bo will ih n a hoamlichi
Freid mochn, und er bringt mih in an
auf und da Poſtbua bringt zwen Briaff,
van firn Hern Omtmon und van fir
d Frau Omtmänin — an iada va
Brud. Sie bridt in Briaf ehzeit auf
und wia j’ left, finfn ihr oll zwen
Drm afn Leib owi und fie fchreit:
„Himliſcha Voda, wos id des!” Gie
‚left und leſt, ober ima 8 Nemlichi.
Da Weinhondla z Brud jchreibt, d
Weinfaſſerln waren richti onfeman,
ober ah a Kiftn, wo nochn Fuhrmon
feiner Ausfog a Giroff fin ſult —
und er frogt, wos mit dem z mochn wa.
Und grod, wia j’ in ihra Vazweif—
lung iba d Stubn auf und oh rennt,
fim ih — dei Better Mathias —
218
eina. Sie ftellt fih gleih vor mih Hin
und jogt: „Vetter Mathiasl“ — woaßt
jo, daß ih iberoll da Vetter bin —
„3 18 aus da Meis! 8 iS aus da
Weis! Woaßt, wo hiazt der faggra-
mentiſchi Giroff iS?“
„In Gißdorf“, fog ih.
„3 Brud! ſchreit d Frau Amt:
mänin und nochha dazehlt8 ma die
gonz Gichicht. „Na“, moant j’, „wan
mei Mon des Stüdl wieda zmwifin
friagt, jo wird er wild und er hot fa
ruaſumi Stund.” Aft hot die orm Haut
bel onghebt zan Rehrn.
Ih, notirli, muaß af d Seitn
ihaun, hon jo 8 Lochn ſchier nit va-
holtn megn; bon mih oba doh chriſtli
zſomgnoman und hon ſ' tröſt.
„Gehns“, ſog ih, „zwegn jo wos
do! Mir wern an ſcha noh kriagn,
den vadonktn Giroffn. Muaß eh morgn
af Bruck und kehr iba Gißdorf zruck,
und wan S' ma s Onvatraun ſchenkn
welln, ſo bſorg ih des damiſchi
Thier, daß 3 da Her Omtmon z Giß—
dorf doh amol richti kriagt. Heind is
Irta, afn Freita hobn ma in heilin
Obnd — do kimts grod noh z rechta
Zeit.“
Na, ſie gfreit ſih recht iba den
Schick und bedonkt ſih. Drauf kimt
da Her Omtmon einer und ſogt:
„Guatn Obnd!“ und ſie blinzlt mar
ollaweil zua, daß ih jo nix ſogn ſul
und gibt eahm ſein Briaf va Bruck.
Den left er und wir er gleſn hot,
jchmeißt ern vadriaßli afn Tiſch und
ſchreit: „Hul da Kukuk den Prozeß!
nu muaß ih morgn wieder af Brud!”
„Des reimt ſih guat“, ſog ih,
„ih muaß morgn ah hin und do roaſn
ma mitanond.” Drauf is 3 noh aus—
gredt worn und togs drauf zeiti fign
mar ollzwen afn Mogn und fohrn af
Bruck.
Wia mar af Gißdorf keman, ſog
ih: „Wellns nit, daweil Mittog gfua—
dat wird, a bißl zan Hern Schwogan
gehn?“
Schwoger is an Eſl und ſeine Wei—
baleit ſein nit viel onderſt. Daweil ih
eahnar a hoamlichi Freid mochn will,
mochn ſ' mih zan an Norn vor da
gonzen Welt.“
„Holtn ſ' eahna Maul!” ſogt er,
„wil nie meh davon bern. Hiazt hot
er die Kiſtn, da Schwoger und aus:
lochn wil ih mih nit von eahm loſſn.“
So fein mar af Brud fema, fein
ban Mittabrei ogftiegn und Friagn
zwoa Stubn nebnanonder; ih Numera
ocht und er Numera nein. Und mir
ib mei bißl Gepäf aufi biteit bon,
denk ih: Sulft hiazt gleih deini Gäng
varichtn und geh zerit zan Weinhondla.
„Guat Nomittog!” ſog ih — mir
fenan ins guat — „Sie hobn a Kiſtn
von da Frau Amtmänin z Parhau
kriagt?“
„Freili“, ſogt er olßa lochanda,
„wo da Giroff drein is.
„Richti“, ſog ih, „ſeins ſa guat
und ſchickns ma die ſewi morgn fria
zan Mittabrei af Numera ochti.
„Gern“, ſogt er, „oba wan des
Beſt lebendi is gweſt, nochha wirds
wul tod fein; gfuadat hobn ma nix.“
„Is ollsoans“, ſog ih und geh.
No und wir ih Obnds drauf in
mei Goſthaus geh und af mei Stubn,
ſogt ma da Kellna: „Bitt' Her, Sie
ſchlofn af Numera nein. In Hern
Omtmon is ſei Bett z kurz gwen und
hot mit Eahna tauſcht.“
„Is ſcha recht“, ſog ih und denk
af nix Böſ's, geh in mei Bett und
ſchlof bis ma z Morgns db Sun in
d Augn ſcheint.
Ih ſitz auf, trink mein Kafee, do
her ih danebn afn Vorſol an grauſlin
Lerm. Und wir ih aus Neigirigkeit
ba da Thür außiguck, do rennt drauß
da Her Omtmon umanond in da bloßn
Pfoad und ſchreit und ſchimpft und
timelt vor Zorn, und zwen Orbatsleit
ſtehn ban ara großmechtin Kiſtn und
„Kunt ma nit einfolln“, brumelt drahn eahneri Hauban afn Kopf um—
der Omtmon und wird folſch, „mei undum und frogn hintern Ohrwaſchln.
„Se, wos gibt® dan?” Frog ih.
„Der höllmentiſch, der verfluachti
Giroff!“ fchreit der Omtmon und
Ipringt in fei Stubn eini und fchmeißt
die Thür ins Schloß, daß 3 gonz
Haus zidert. Ih wink d'Orbatsleit mit
da Kiſtn in mei Stubn, loß fie 3a da
Mond fteln und wirf die Bettdedn
driba.
Daurt nit gor long, fimt Der
Omtmon zu mir ibera und jet fih
gonz unjchuldi af ſei Giroff-Riftn und
Ihondirt iba d Leit und jchilt iba die
gonz Welt: Des war an onajtifts
Gſpiel und er kenad jeini guatn Freind
3 Parhau dur und durch — de bein
eahm des onthon und er wult eahıa 8
ſcha gedenfn.
„Wo hobns dan die Kiftn hinbſtellt?“
frog ih.
„In d Mur ſulns as jchmeifin,
bon ih zu de Kerl gſogt.“
„Recht“, ſog ih, „no hobns a
Rua.“
Mir redn noh von inſera Roas
und daß ma morgn hiſch vor Togs
obfohrn miaßadn, 's wa ba den Flitſch—
weta jo da Weg ſo ſchlecht, und wir
ih wornim, daß er gehn will, ſog ih
— weil mi de Gipoffngſchicht ſcho
hölliſch figlt hot — „Her Omtmon“,
ſog ih, „ſetzus Eahna do liaber af an
Stuhl, Se kuntn leicht in Kiſtndekl
durchiſitzn.“
„Wos fir a Kiſtn?“ frogt er und
fohrt af d Hech, as hetn a Noder
gſtochn.
„Je“, ſog ih, „Eahna Giroffn—
kiſtn“, und ziach die Deckn ower und
mog dabei wul ah a wenk glocht hobn.
— A zeitlong ſteht er do und ſchaut
aus wir a Stier, dem mar a roths
Tuach vor die Augn holt't; noh guckt
er mih on, gukt die Kiſtn on — und
fohrt er dir in d Hor! Drauf ſpuckt
er a pormol aus, gibt — daß's olls
ſchepert — da Kiſtn an Fuaßtrit:
„Verafluachts Giroffn-graffel!“ — und
auſſi is er ba da Thür
219
Schleicht ober in gonzn Tog um
mih uma, wia die Kotz um au hoaßn
Brei, und gamt und betrocht mih
ollaweil ſo va Weitn; und wan ih'n
zuafeli onſchau, guckt er af d Seitn,
daß ih ſcha ſelba zu mir ſogn muaß:
Wos er dan hot? Der fohrt af d Letzt
morgn gor nit .mit dir! — Und dazua
bon ih8 jo da Frau Dmtmänin va—
ſprochn, daß ih die Kiftn af Gißdorf
mit bringa will. Und wan ers ine
wird, daß diefebi mit ins afn nemlin
Wogn i8 — fo fohrt ernotirli erft recht
nit mit. Ih loß ma va da Kelnerin
die Kiſtn in a ſchworzi Woſchleinwad
einpofn, ruaf in Kutſcher und fog:
„Beh, Jochem, nim dih um de Kiftn
on; pofs heint af d Nocht af n Wogn,
und wan der Omtmon frogn jult, wos
drina wa, fo fog: a gneiger engliicha
Sotl, den fulft fin Dokter Ampl mit:
bringa.“
Is guat. Togs drauf fohrt der
Omtmon doh mit mir. Und wia mar
in Duſtern durchn tiafn taunoſſn Weg
ſo fuatfohrn, redt er ka Wörtl. Mir
keman gegn Hogndorf, weln in Rofin
a wenk a Fuada gebn loſſn, und wia
mar oſteign, kriagt er die ſchworz Kiſtn
zſehn. Er daſchrekt ſih haſn (faſt) a
wenk, luagt a ſo vadechti hin und hot
an urndlin Grugl (Gräuel) davon.
Und daweil ih in d Stubn einigeh,
wink ih n Jochem, daß er mit eahm
redn mecht. Der hot eahm drauf die
Gſchicht mitn Sotl aufbundn ; und wir
er nochfimt, iS er gonz fideel und redt
wieder amol. So fema ma noch und
noch af Gißdorf; 3 is ſcha ſpot noch:
mitog und gor fa Gebonfn mehr, daß
ma ba Togliadtn noh af Parchau
fema kuntn.
So fign ma in Wirthshaus banond
‚und do jog ih: „'s iS da heili Obnd,
ih denk ma: aha, hiazt paß auf, hiazt heint.
„30“, fogt der Omtmon, „3 id
da heili Obnd, heint.“
„Kuntn jo leiht a wenk zan
Eahnan Hern Schwogan gehn”, jog ih.
„Na“, jogt er kurzweg.
220
„Na“, ſog ih, „do wil ih a went
Die Frau Omtmänin kriagt a
zan eahm ibrifchaun, bin jo guat mit ſchworzſeidanes Kload. Der Her Omt:
eahm befont, und in jo an Abnd is
ma doh liaber in aner urndlin Familt,
a3 wir in Wirtshaus ſitzn.“ Bind ma
s Holstiahl a wenk gicheiter und fteh
auf. — Na, des mogn wul ab nit
ollsoans fein gweit, daßn a wildfremba
Menſch voron fam; er fteht auf und
jogt: „Do geh ih doh ah amenf mit.”
Und mir gehn.
Ehanter bon ih 3 noh in Jochem
zuagfteft: „So um ochti nimſt die
ſchworz Kiftn, ftelft a8 in Hern Omt—
mon Zärner fein Hof und jchreift 108
d konſt: „Hop, hop!“
No, und wia ma zan Omtmon
Zärner feman, is ſcha dunkel worn,
und die Shen worm Stubn iS hel va
lauta Liachta, und die Gfichta va die
Meibaleit — und in Omtmon feins
jelba — fein hel va Freidn, de onrufn
wern. Do is ah in Omtmon Daringer
8 Herz aufgonga.
Des hot nit long daurt.
Grod iS 8 fo recht worm und
gmiatli worn, fteigt der Omtmon Zärner
afn Omtmon Daringer los, Elopftn af
d Ochſl und frogt: „Na, mei liaba
Schmoga, hoſt du dei Giroffenzkijtn
rihti kriagt?“
Der Omtmon ſchiaglt (ſchielt) n fo
rar in d Augn, wos er wul moan
kunt, aft gukt er mih on, ob ih nit
loch. Oba wir er ſiacht, daß ſei Schwoga
gonz ehrli dabei ausſchaut und ih gonz
ernſthoft — hon mih jo tul in die
Zung biſſen, daß ih nit loch — do
ſogt er: „Jo, jo. Is olls in Richtig—
keit.“
Hiazt keman d Weibaleit und
frogn, ob ſih da Schuldirekter wul
recht gfreit het? und ob s Beſt aus:
gſtopft wurd? — und ollahond jo
Martern thoans n on, in Omtmon
Daringer, der wir a Kelchſilber (Qued:
filber) af fein Stuhl hin und herrudt
und nir wia jo und na foat.
Zan Glik hobn de zwidan Sohn
bol aufghert und die Bicherung is
losgonga.
mon friagt an Schlofrof, daß er mit
jein Schlof doh nit gonz af d Amts:
ftubn ongwiein wa; und d Schwagerin
friagt an holbn Kresfrogn — die ander
Helfti iS noh nit fiati gwen — und
dritholb por Strümpf — in van ftrift
die Tochter nohd — und an Nahtifch,
ba den noh d Fiaß und 8 Obagſtell ogeht
(fehlt). Die Tochter oba, de kriagt jo
viel, daß guat zwoa Töchter von obn
bis untn ausftafirt wern funtn. Drauf
iS a großes Hefn Punſch feman in d
Stubn, und Guglhupf und Nußn und
Epfel und hiazt is d Herlifeit erft recht
ongonga.
Da Her Omtmon geht in ba
Stubn um und putzt d Liachter und
brumt ollaloi luftigi Liada zwiſchn die
Zehn und blemafcht (blinzelt) ma zua
und fleanichlt: „Des ift erſt ber On:
fong, s Bet fimt noch. Ih hon fi
meint Weibaleit noh a Iuftige Iba—
roſchung ⸗
D Frau Omtmänin biagt ſih von
ihrn el zu mir her und ſogt:
„Schauns amol, wia da Zärner luſti
is; oba der wird erſt ſpäta noh hupfn;
mir ibaroſchn an mit an ſauban
Kriſtgſchenk.“
Na, hot ah nit long daurt, geht
d Ibaroſchung los.
„Hop, hop!“ ſchreit Dana vor da
Thür und ſtekt an großn Pok in d
Stubn einer. In Hern Omtmon Zärner
ſein Nom ſteht drauf. Der mochts ah
gleih auf, und wos is drein: a neiga
Kutſchnbok.
Zerſcht mocht der Omtmon ſo an
ungwiſ's Gſicht und ſchaut d Weibaleit
on wia die Hua a neigs Thor; oba
mit da Weil foltn wos ein und er
jogt zan eahm jelba: Schaut Dana
des Nagazeig (Naderzeug) on! Se
hobn mei Prefent auskundſchoft und
ſchmirn mih on mit meiner oagnan
Fetn. — „Der Gſpoaß is nett!“ ſogt
er drauf laut und locht und frogt:
* gfreits enk dan?“ Seini Weiba—
leit lochn ah und ſei Schwagerin
221
ſogt: „Gelt, Olter, af dos hoſt doh
nit denkt?
„Denkt? ih af dos nit denkt? Na,
wer het dan af ſo wos denkt! — Ih
hon ma denkt, denk ih ma... .”
„Jo“ fogt fie, „und mir hobn ins
denkt, af des kunſt gwiß nit denkn und
des deafad ſcha die gicheitajt Iba—
raſchung fein, hobn mar ins denkt.‘
„Fi mih?“ frogt der Omtmon
Zärner gonz dafema (vadutt).
„30 freili, ſi 6ip!” ſogt ſei liabi
Frau.
„Is olls Dans”, moant die Tochta.
„Hop, hop!” rehrt wieder Dana
draußt und jchiabt drauf wieder a
jo a Pokat eina ba da Thür, fi d
Frau Omtmänin. Und wos is’ 3? —
A neiga Bof.
Da Her Omtmon Zärner ſchaut
ſeini Weibaleit on und aftn mih und
aft ſein Schwogan, rukt ſei Schlof—
mign af d Seitn und jogt: „Na, zwen
Bök! — des fon fih mochn,”
„Zwen Bök“!“ jchreit ſei liabi Frau
und jchlogt d Hend zjom, „Du liaba
wia wars nit gonz richti wa mit eahm
und er het fein Zehnwehtog, und in
da Kiſtn wa 8 Hondwerkszeig zan
Zehnausreißn drein. Er goft die Kiſtn
on, a3 wult er mit fein Augnan in
Teifel totichlogn, wan er dina wa.
„Des is doh!“ fogt er und ſchaut
af mib, „des iS doh!“
„Fi mih und mei Frau?” jogt
der Omtmon Zarner und jchneidt d
Leinwad auf. Oba fnop kimt die Kijtn
zan Vorjchein, fteßt da Her Omtmon
Daringer in Hern Dmtmon Zärner af
d Seitn — und paff, figt er jchen broat
af da Kiſtn. — „Is an Irthum!“
chreit er, „iS an Irthum! Do drein
i8 a Sotl fin Dofter Ampl z Obadorf.“
„Ah na“, ſogt der Omtmon
Zärner.
„Ah nah“, ſogt jei Frau.
„Ab na“, ſogn die zwoa ondern
Weibaleit, „er wil nar an Gſpoaß
mochn.“
Hiazt wird er va da Kiltn af db
Hech drudt, oba wia ma bie Oba—
defn va da Kiſtn gſiacht, bo jchreit
Hergott, Olta, jo mir hobn ins denkt..“ der Omtmon Zärner: „Mei Lebatog
„Jo“, jogt er, „und ih bon ma
denkt ....“
Und hiazt hobns onghebt zan Hin—
undherredn und zan Wartln, und wos
is dabei auſſakeman! a Vadriaßlichkeit.
Grod da Her Omtmon Daringer
locht hoamli ban eahm ſelba, ſchaut
af mih und ſogt ſtil: „Gott ſei tau—
jndmol Donk, daß mei vahölti (un—
jelige) Kijtn af Roaſn is. Da Teirl
mecht wein, warn de heint ah noh on-
fema war, nochha wa die Gichicht fiati.”
„Hop, hop!’ jchreit Daner intn
in da Labn.
„So“, og ih zu mir jelber, „Un—
glik, Hiazt geh dein Gong.” Ih fen
in Jochem jei Stim. Die Thür geht
auf, mei ſchworzi Kiſtn fimt eina, mit
der Aufihrift: An Hern und Frau
Omtmänin Zärner z Gißdorf. De bon
ih voreh draufpift.
Klewa (kaum) bot da Her Omt—
mon Daringer die ſchworz Kiftn giehn,
jpringt er auf. Er goft die Kiſtn on,
na, des iS jo die Giroff-Kiftn !“
„Höllmentiſch, varafluachti Kiſtn!“
ſchreit der Omtmon Daringer, „loßts
mih aus, loßts mih aus — ih wil
3 Haus!“
Dba zwiichn eahm und da Thür
ftehn d Weiberleit: „Af d Leßt iS 3
gor von eahm jelba, des war erjt an
Sbarofhung! Nir auffilofn!“
Da Her Omtmon Daringer ſchmeißt
fih af die Bulftabonf und locht grimi
ban eahm jelber und brumelt: „Schen,
ichen, na jo loßts enf holt ibarojchn.
Ih bon hiazt gnua, und Se!” draht
er fih zu mir, „Se fina morgn aloan
fohrn, mit Eahna fohr ih fan Schriat
meh !“
Die Kiſtn wird aufgmocht, und
wos is drina? A neiga Bol! —
Liaba Gott! Wie ſchaut hiazt da Her
Omtmon Zärner aus und wia jchaut
jei liabi Famili aus! — bern Omt:
mon Daringer aber iS biazt gach a
giftige Luftigfeit fema, laut locht er:
222
„So, jo, Zärner, Du Holbeil! Du
hoft mih mit dein Kiſtnnochſchikn zan
Norn va gonz Parchau gmocht. Hiazt
hoſt Dein Giroffn. So, fo, Zärner,
wans fimt, fo fimt3 mit Haufn. So,
jo, Zärner, biazt weln mas amol
oldrei nebnanonda fteln, daß ma doh
die Bſcherung ibafhaun fon! So, fo,
Bärner, biazt folt ma noh ein, hiazt
hot an Jads von enf fein vagnan
Leibbod,
Dba fasweiß wird er, wia hiazt
nohamol die Thür aufgeht.
In Hern Omtmon Zärner ſei
Kutſcher, da Fritzl, kimt eina, hot wos
af der Ochjl und ſogt: „Mecht mul
doh ah gern ah hoamlichi Freid
mochn, heint, zan beilin Obnd, Her
DOmtmon. Do — der olti Bof is
wieda firfema. Do is er.“
Und jegt in viertn Bok in d
Stubn eina.
ri *
„So, mei Suhn“, ſogt hiazt mei
Vetter, da Mathiasl, wir er die
Gſchicht dazehlt hot, „hiazt hoſt doh
eppa gnua hoamlichi Freidn und Iba—
roſchungen. Hiazt ſuach da von beſtn
Dani aus, nochha wern mas doh noh
zwiſſn kriagn, wos du deina Muada
fir an Ibaroſchung mochn willſt.“
Ih pok drauf mei Pakel aus—
anonder und wos kimt auſſer? A por
Brilln.
„Schau“, ſogt er, „Brilln? wia
kimſt dan do drauf?
„Je“, ſog ih, „wia ma neili af
d Nocht mitanonda bin Tiſch ſitzn,
wil d Muada a Nahnodl onfadnan
und des wil nit recht gehn; do wirds
hel vadriaßli und ſogt: Mecht ma
doh ſchier Brilln onſchoffn. Und des
hon ih ma gmirkt.“
„Nah, jo kim mit”, ſogt mei Vet:
ter, ruaft mei Schweita, d Lijerl und
frogt: „Liferl, wos ſchenkſt du da
Muada?“
„Sogs nit gern“, moants, muaßt
as oba nit weitaſogn — a por Brilln.“
„Und du, Guftl?“
Da Guftl, des is fo recht a dika
Mugl, der gigazt (jtottert) a bißl und
wir er amol dalchreft is, do bringt
er fa Wort auffa. Oba finga fon er,
und do hots da Vetter Mathiasl ban
eahm eingfihrt, daß er fein Ontmwort
ollamol finga muaß. Na, da Guftl
mocht hiazt holt a recht a broats
Gſicht und hebt on zan gigazn.
„Sing, fing, Bua!“ fogt da Better
und da Bua fingt mit hela Stim noch
da Melodei von Jungfernkronz:
„Ih ſchenk da Muader a Brilln
Veilhenblaue Sei —i —de”
„Shen, brav, mei Suhn“, fogt
da Better Mathiasl, draht fih zu mir:
„Wos ſogſt dan dazua?“
Ih ſog nir.
„Nit wohr?“ ſogt er, „und dei
Muada, de het ſih iba drei por Brilln
haſn gwiß mehr gift wia gfreit und
wans nit ſo a gſcheiti Frau wa, ſo
het ſies leicht fir a Gſpötlerei holtn
kina. — Kim her amol“, ſogt er und
draht ſih zan Fenſta, „wos ligt do
draußt af da Stroßn“.
„Schnee“, ſog ih, „'s is jo Winta“.
„Richti“, ſogt er, „und da Schnee
und da Winta wern vagehn und s
Fruajohr wird kema, oba nit af
Danmol — noch und noch. Und fo
geht3 ah mitn Sumer und mitn
Hiabſt — bis da MWinta wieder onruft
— und 8 gonz Johr duch. — ba:
roſcht ins inſa Hergott in da Win:
terszeit amol mit an Opfelbam, ber
in da Blia fteht? Und fimt in Sumer
amol a folt3 Weta, do friagn die Yun:
gen in Schnupfn und die Oltn gor
leicht in Tod. Des thuat infa Hergott
und er wirds wiſſn, zu wo 's guat i8.
Oba warn mir Menſchnwirm eahm
amol wos nochmochn weln, jo mochn
mar a Dumbeit und fteln a narijches
Zeig on. Freid und Load, wans ing
gach ibern Hals feman, jein zwoa—
jchneidige Schwerter und ghert a feita
Kopf und a hirt® (hartes) Herz dazua,
weln mas von ind omwenden, daß ins
nit in Grund fteßn. —
ZU
Wul, wul, mei Suhn, ah d Freid, | Frauenzimmer) und fie bleibt an olti
wand unvahofft fimt, hot an bittern | Zofchn und fie iS nit amol zan a
Gſchmochn — is 8 loan, va Valegen-
heit und eppa gor Babriaßlifeit, iS s
groß, von zuafinftin Unglid. — Schau
in Millnajung on, ber juft fein Binggl
Woazmehl ind Haus einatrogt — wan
der heint 3 groß Los gwingt, jo iS er
jei lebertog der ungliklichſti Menfch ;
und war morgn da Kaijer inja Kechin
heirat, wos wurd fih de au Flek ein:
bilden — 8 dumi Menfch left ollaweil
Gihihtnbiahln, — fie wurd old Kai:
ferin 8 Spetafl von gonzn Lond —
Kechin z brauchen. — An iaba gicheite
Baur fogt, 3 befti und reichſti Johr wa
de3, wos an ruarin (ruhigen) und richtin
Valauf hot ;und ih jog dir: das gliklichſti
Menſchnlebn is des, wos jo viel wia
migli von Ibaroſchungen vajchont
bleibt.” — Und dabei draht er fih
um und fein olts, luſtis Gſicht is
trauri worn.
Hold und holb glaub ih eahms;
jei Wort bon ib ma gmirft und
van Nutzn hots fi mih doh ghobt: ih
und fie is an olti Zoſchn (unfauberes | hon mei lebatog nit in d Luterie gſetzt.
Pflanzen und Thiere im deutfhen Volksglauben.
Bon Ludwig v. Hörmann,
L
Längſt ſchon hat das leuchtende | Natur das eigene und fremde Schid-
Tagesgeftirn der chriftlichen Lehre das
Dunfel des Heidenthums aus den
deutſchen Gauen verdrängt. Auf ben
Stätten, wo vor Zeiten Blutopfer
zur Ehre der Götter rauchten, bat
die Religion des Friedens Kirchen
und Kapellen erbaut und ftatt des
allmädhtigen Wuotan und der milden
Hulda thront der Gefreuzigte und bie
wunderthätige Maria auf den geſchmück—
ten Altären. Obwohl jedoch das Chrijten-
thum dem eigenjten Charakter des deut:
ſchen Volkes wie feinem andern entſprach
und die neue Religion ſozuſagen in
das Fleiih und Blut unjerer Bor:
eltern überging, konnten doch die Spu—
ren des früheren tiefgewurzelten Glau—
bens nicht völlig ausgelöjcht werben.
Mit der angeborenen Treue und Ans
bänglichkeit hielt das deutſche Wolf
an den ererbten Sitten; es brachte
die ihm Liebgewordenen Gebräude zum
neuen Cultus in Beziehung, und faft
unbewußt wurde das, was urjprüng-
li den Göttern geweiht gewejen, aud)
jpäter noch für heilig gehalten. So
wird aus verjchiebenen Zeichen in ber
jal gejchloffen, es gibt Glüds- und
Unglüdstage und bedeutungsvolle Jah:
len. Gewiſſen Thieren und Pflanzen
werden geheime Zauberkräfte zuge—
jchrieben ; die einen umgibt der Nim—
bus der Heiligkeit, andere werben als
verberbenbringend gefürchtet. Daß fi
diefe alten Bräuhe und Meinungen
in Gebirgsländern, deren ftille Thä-
ler vom Völkerverkehr faft abgejchnit-
ten liegen, vorzüglid erhalten und
dort ihren Zufluchtsort gefunden haben,
liegt in der Natur der Sade. So ift
3. B. Tirol noch gegenwärtig reich
an dieſen alten Sagen und Traditionen,
die, ein Schag für die Wiſſenſchaft,
auch dem Laien manches Intereſſante
bieten.
In grauer Vorzeit gab e3 heilige
Wälder und Haine, in denen die ge
weihten weißen Roſſe genährt wurden
und bie Priefter wahrjagten aus dem
MWiehern der Thiere und dem Raus:
ihen der Bäume. Letztere bejonders
genoffen vorzüglihe Verehrung und
ſtanden gewiſſermaßen unter dem Schuße
des ganzen Volkes, Dieſe Heilighal—
224
tung der Pflanzen ift ein Grundzug
aller jener Völker, die zum großen
Stamme der Arier gehören; fie er:
blidten darin etwas dem Menjchen
Freundliches und geheimnißvoll Ver:
wandtes. Bäume, Sträucher und Kräu—
ter wurden entweder verehrt, weil
man in benjelben eine Beziehung zu
den Göttern oder eine Nehnlichkeit
der inneren oder äußeren Eigenfchaften
mit denen eines Gottes fand — wie
überhaupt jeder Gott jeine ihm ge-
weihten Pflanzen und Thiere beſaß —
oder man gebraudte fie als Talis—
man, um fi vor Unglüd und ſchäd—
lihen Einflüfen zu bewahren; fer:
ners gab es auch Zauberfräuter, mit:
teljt welchen allerlei Schwarzkünfte ge:
trieben werden fonnten. Hat auch ber
Gang der Zeit Vieled daran verwifcht
oder umgejtaltet, die lebendige Tra=
dition hat doch manches dem Mythen:
und Sagenfammler für die Forſchung
übrig gelaffen.
Der deutſche Urbaum ift die Eiche.
Die alten Deutichen und Skandinavier
jahen im Eichenwipfel das Haus des
Donnergottes, des gewaltigen Donar,
und die Mijtel, die auf dem Eichbau—
me wächſt, wurde von den Prieitern
gepflegt, denn von einem Mijtelzweig
durh die Hand des blinden Hödhr
getroffen, ſank verblutend der jchöne
jugendlihe Balder, der edelite der
Bötter. Der Epheu der Sage und
Dichtung ummob einft den Stamm die:
ſes majeftätifchen Baumes; aber ge:
genwärtig überbröhnt der lärmende
MWeltverfehr das geheimnißvolle Rau:
jchen jeiner Blätter, die einjtigen gro:
Ben Eichenbezirfe find gelichtet und
jeder Axtſchlag reißt ein Stück Tra-
dition mit fih. Bejonders in Süd:
deutjchland verſchwindet die Eiche im:
mer mehr und Tirol, dieſes Schaf:
fäjtlein alter Weberlieferungen, hat
gerade noch jo viel diefer Veteranen
aufzumweilen, dab ein Sprofjfe ber
jebigen waldfrevelnden Generation noch
allenfalls die Sage verjtehen kann, die
jih von diefem Wälderfönig erhalten
bat. Daß nämli die Eichen gezadte
Blätter haben, ſoll von folgender Be-
gebenheit herrühren. Es hatte Einer,
jo erzählt und %. Bingerle in jei-
ner Sammlung Xiroler Sitten unb
Gebräude, mit dem Teufel einen
Pact gemadht und ihm feine Seele
zugefagt auf die Zeit, wo das Eichen:
laub abfalle. Als die andern Bäume
ihr Zaub fallen ließen, fam der Teu-
fel, um nach der Eiche zu jehen. Diefe
ftand aber noch im vollen Blätter:
ihmude und ließ ihr altes Laub erft
abfallen, als ſchon das junge nad):
trieb. Der Teufel ſah ſich betrogen,
fiel im Zorn über die Eiche her und
zerfragte jämmerlich ihre Blätter. Uebri—
gens, hätte ein jeder zuvor jagen kön—
nen, daß der Teufel bei dem ganzen
Handel zu furz fommen würde; denn
der Andere ſoll ein Vinſchger gewe—
jen jein. Wenigſtens wird nur in
Vinſchgau diefe Sage erzählt.
Ein anderer beiliger Baum ift
die Eiche. Die nordiſche Götterjage
erzählt von der Eſche Ygdraſil, dem
Baume, ber das Weltall trägt; aus
einer Ejche und einer Erle wurde das
erite Menjchenpaar gejhaffen. Sie ift
ferner ein prophetiiher Baum, von
ihr herab wird dem Dradentödter
Siegfried durch einen Raben fein Schid-
ſal verfündigt und in altdeutſchen Ge-
dichten ift die Eſche in ihrer ſturm—
trogenden Kraft vielfach ein Bild der
Helden. Spuren des obgenannten alten
Mythus finden ſich noch in mehreren
Gegenden Tirols. So jagt man, die
neugeborenen Kinder kämen aus dem
Walde oder wüdhjen an Bäumen; in
Bruneck ift ein alter hohler Eichen:
baum der Ort, aus dem nad) der
Sage des Volkes die Kinder geholt
werden. Daß der Ejchenbaum in einer
geheimnißvollen Beziehung zum Men:
ichen jtehe, lehrt auch der Glaube der
DObernberger, daß die Trude nicht nur
die Menfchen, fondern auch die Eiche
drüde. Die Trud ift nämlich ein ge
jpenftiiches Weib, das fih dem Schla:
fenden auf die Bruft ſetzt und dem
225
Gequälten Stimme und Athem benimmt. | ein Streichlein mit einer Hafelruthe,
Wenn die Trud den Menjchen Los: ſo ijt es augenblidlich todt.
Beinahe
läßt, jagen die Leute, jo ſetzt fie fich | diefelbe Marienlegende wird vom Kar:
auf eine Eiche. Daher fommt es, daß wendel erzählt, der ihr auch geweiht
an diefen Bäumen jo viel wunderlich
verfrüppelte Formen, Trubenfnöpfe
genannt, vorkommen, die Bifchofsftä- |
ben, Sicheln und andern jonderbaren
Geräthen ähnlih jehen. Wenn der
Charfreitag, jo heißt es bei Schwaz
Verfündigung zufammenfällt, jo joll
man an diefem Tage Aeſte von der
Eiche jchneiden und zwar von demje—
nigen Theile, der von der Morgen:
fonne nicht befchienen wird. Auf ſolche
Weiſe geichnittenes Eichenholz ift un:
verweslih und hat fi Jemand mit
einer Waffe verwundet, jo jchluge er
diejelbe in diejes Holz und die Wunde
wird jchnell Heilen. Auf den Baum:
cultus weiſt auch die Prozeffion, die
zu Mals noch bis in's fiebzehnte Jahr:
hundert zu einem Baume gehalten,
dann aber bei einer bifchöflichen Viſi—
tation verboten wurde.
Alte Volkslieder befingen die Zau—
berfünfte der Frau Hafel. Demzu:
folge geht die Sage, die Zweige ber
Hajelftaude jeien die geeignetiten zu
Wünfchelruthen, mit welchen man He:
ren bannen, Geifter eitiren und zum
Sprechen vermögen und Schäße erhe-
ben könne. Die Nuthen müſſen aber
Nahts zu einer heiligen Zeit von
einer Weißhajelftaude, die gegen Son:
nenaufgang fteht, und mit einem noch
nie gebrauchten Meſſer gejchnitten
werben. Die Hajelftaude gilt als der
Muttergotted geweiht; denn als bie
heil. Jungfrau über's Gebirg ging,
da raftete fie unter dem Schatten des
genannten Strauches. Seit diefem Er:
eigniß Schlägt in die Hafelftaude Fein
Blig ein; wer ſich baher vor dem:
jelben ficher jtellen will, pflüdt am
Maria » Heimjuhungstage Hafelzweige
und jtedt fie vor dag Fenfter, auch
hält fih unter dem Gezweige des
heiligen Strauches feine Schlange auf
und gibt man foldem Gewürm nur
Kofeggers „Heimgarlen‘‘ 3. Heft.
dieſes aber dem Teufel,
im Unterinuthale, mit dem Feſte Maria |
ift; ja nad) der Sage der Zillerthaler
foll die Gottesmutter den Zunamen
„Karwendlin“ geführt haben und des—
halb werde das Kraut von den Men:
ſchen jo verehrt. Dejto verhaßter ift
der jeinet-
wegen um die Seele mancher unaus—
gejegneten Wöchnerin oder Braut ge:
fommen ift; deshalb jollen ſich beſon—
ders Letztere in diejem wichtigen Les
bensftadium der Pflege und Verehrung
dieſes Kräutleins befleißigen, damit
es ihnen nicht gehe wie jenem Mäd—
hen, das von der Hochzeit weg von
einer unheimlichen Macht getrieben
weiter und weiter gehen mußte, bis
e3 ermüdet auf einen Karwendelrajen
niederſank. Da entpuppte fi ihr un:
jichtbarer Begleiter ald Junfer Sata:
nas, der fi mit den Worten empfahl:
„Wärft du nicht auf Karwendel geſeſſen,
Wärſt du ewig mit mir in der Höll’ gewefen.
Unzweifelhaft hängt die Verehrung
diefer beiden Pflanzen mit dem einjti-
gen Eulte der Hulda und Frouwa zus
jammen; e3 zeigt dies jchon die Ueber:
tragung auf ihre hriftliche Vertreterin
Maria, der diefe und noch viele andere
Pflanzen geweiht find. Dazu gehören die
Heidern, die Marienblümden
(Mapliebhen), die an jedem Frauen:
tage blühen jollen, und, was jchon
der Name jagt, die zierliden gelben
und blauen Blüthen de8 Frauen
ſchuhes. Auch der Hollunder iſt
ein edler Baum. In einigen Dörfern
Vinſchgau's trägt man bei Begräbniffen
ein Kreuz aus Hollunder vor, das dann
auf dem Grabe eingepflanzt wird.
Wenn nun die abgejchnittenen Zweige,
wie leicht möglich ift, wieder zu grü—
nen anfangen, jo verfihern die gläu:
bigen Vinſchgauer, der Begrabene jei
nun gewiß im Himmel, denn das Kreuz
habe ausgeſchlagen. Eine minder ernite
Deutung verbindet der Bauernburjche
15
226
mit dem Koller (sambueus niger),
defjen glänzend ſchwarze Beeren ihn
an die Kohlenaugen der ungetreuen
Liebjten mahnen:
„Schwarz fein die Hollerbeer,
Weiß fein die Blüh,
Schön fein die ſchwarzen Augen,
Treu fein fie nie.”
Zu den mwidtigften heiligen Pflan-
zen gehören die jogenannten Palm:
taten (Blüthenfägchen von salix ca-
prea und einigen anderen Weidenar-
ten). Sie bilden, meiſtens verbunden
mit einem Zweig des Sebenbau-
mes (juniperus sabina), den Haupt:
beitandtheil der Palmbüſchel. Diefe
werden an langen, mit bunten Seiden-
bändern und Bregeln geichmüdten
Stangen von Burfhen am Palmſonn—
tag in die Kirche getragen, um bei
feierliher PBroceijion um dieſelbe ge
weiht zu werden. Man jegt eine große
Ehre darein, die längjte „Palme“
zu haben und der dichte Wald von
bebänderten und raujchenden Palmen
gewährt einen prächtigen Anblid, be-
jonders wenn jchönes Wetter die Feier
begünftigt. Gegentheilige Witterung
fieht der Zandbmann ungern, denn
Schneit's am Palmfonntag in die Palmen,
Schneit's jpäter in die Garben,
und
Wenn's fchneit in die Palm’,
Schneit's Vieh aus der Alm.
Dieſe eingejegneten Palmbüjchel
find zu vielem gut. Naht ein Gemit:
ter, jo verbrennt man in Südtirol ein
paar Palmkätzchen. Noch ficherer ift
man vor dem Blif, wenn man am
Palmfonntag drei, vier davon ſchluckt;
auch iſt man dann das ganze Jahr
vor Haldweh fiher. Ich will es aud
glauben, es erinnert diefe Cur an wei—
land Doctor Eiſenbarts „eigene Art“,
franfen Leuten für ewige Zeiten von
ihrem Schmerz zu helfen.
Der lieblic) Elingende Name Wach—
holder erinnert an die freundliche
milde Göttin Hulda. Man nennt ihn
auch Krauewittſtrauch und der Tiroler:
bauer ehrt ihn micht nur wegen bes
ftärfenden Tranfes, der aus den bitter:
‚füßen blauen Beeren gebrannt wird,
der berühmte „Kranenmwitteler”, fon:
bern jchreibt auch den Wipfeln befon-
dere Heilkräfte zu. So ftedt er ein
Zweiglein auf den Hut und glaubt
dann beim meiteften Gang nicht zu
ermüden. Die Bäuerin aber „nimmt
zum Buttertreiben einen Schlegel aus
Kranemittholz, damit die Milch ſchneller
breche. Denfelben Dienft leiftet auch ge:
weihter Höllenbrand (orobanche),
der unter den Kübel gelegt wird.
Wen es aber gelüfter nach Geld
und Reichthum, der lege in der Jo—
hannisnacht Tücher und Papier um
die Stengel der Farrenfräuter.
Denn in diefer heiligen Nacht blühen
diefelben und um die zwölfte Stunde
werfen fie ven Samen ab. Diefer Same
fann auf ſolche Weije aufgehoben wer:
den, ohne daß man ihn berührt. Man
muß fi aber hüten, den Stein, wo—
mit man allenfall3 die Unterlage be—
jchwert hat, bergauf zu werfen, denn
dad miürde dem Sammler jchweres
Unheil bringen. Der Farrenfame, zum
Gelde gelegt, bewirkt, daß dasjelbe
troß aller Ausgaben nie weniger wird.
Diefer Glaube verdankt feine Entftehung
wahrjcheinlich ven paarweife auf dem Rü-
den der Farrenblätter gereihten runden
Früchtchen, die allerdings eine Aehnlich—
feit mit aufgelegten Gelbftüden haben.
Eine eigene Glaffe der heiligen
Pflanzen bilden bie Weihefräuter.
Diefelben werben in den „Drei:
Bigen“, das ift die Zeit zwifchen dem
Feſte Mariä Himmelfahrt und Mariä
Geburt, gepflüdt; in den drei Rauch—
nächten wird dann damit das Haus
durhräudert. Zu den Weihekräutern
gehören: Rauten, Johanniskraut, Ha:
jelzweige, Himmelbrand, Wermuth,
Mohlgemutd und Mutterkraut. Am
Weihnachts- und Neujahrsabend und
am Abend vor dem Dreifönigsfefte
legt der Hausvater einen Büfchel der
gebörrten heiligen Kräuter nebſt ein
paar Weihrauchkörnern auf die Gluth—
— — —
— — — — — — —— — —— — — — —
pfanne und beräuchert damit Stube,
Kammer, Stall und Scheuer. Ihm
iſt die vorzüglichite die Bibernell:
zur Seite geht die Bäuerin mit dem
Meihbrunnfrügel und beiprengt ſeg—
nend alle Gegenftände mit dem ge:
weihten Waller. Hinterdrein gehen die
Kinder und das Hausgeſinde. Wäh—
rend der Handlung wird gebetet und
man glaubt durch die Kraft der vor-
benannten heiligen Pflanzen vor jedem
Schaden, welchen Heren und der Teus
fel Menſchen und Thieren zufügen
im Hochſommer aufjteigende ſchwarze
Wolken ein verderbliches Gewitter ver-
fünden, werden gemeihte Kräuter ver:
brannt, denn das drohende Unmetter
ift ein Werk der boshaften Wetter:
beren, der gemweihte Rauch aber be=
nimmt ihnen die Gewalt und das
Unheil bringende Gewölk muß fich zer—
theilen.
Wehe aber dem kecken Schützen
ober Bergjteiger, dem e3 einfällt, ein
rothes Alpenröslein bei fich zu
tragen. Er wird unter ein Gemitter
fommen, der alte Gott brummt, jagt
man, wenn e3 donnert, und das Ge-
ſchoß Donars wird den Frevler töbtlich
treffen. Darum beißt die rothe Alpen:
roſe auch Donnerroje. Wegen ihrer
rothen Farbe war fie dem Donnergotte,
heilig, der mit feuerfarbenen Loden
und Bart auf feinem goldenen, mit
Böden bejpannten Wagen dur Die
Lüfte flog. Selten find weiße Alpen:
rojen. Es ſollen deren auf der Burg:
eifer Alpe wachſen, auch im fchönen
Gnadenwalde bei Hal trifft man fie
an einigen Stellen. Sie können aber
nur von unjchuldigen Leuten geliehen
werden, doch hat fi der glüdliche
Finder einer ſolchen Wunderblume wohl
vor Bethörung zu hüten. Er darf von
der erblidten Blume nicht wegſehen,
fondern muß jeinen Hut oder ein Tuch
derauf beden, Leute berbeirufen und
auf dem Plate nacharaben. Bald wird
unter der Rojenjtaude ein großer Schaf
vor den erftaunten Augen des Gräbers
liegen.
Unter den Pflanzen, denen eine
befondere Heilkraft zugeichrieben wird,
wurzel, die gegen anſteckende Krank:
heiten dient. Folgendes Geichichtlein
wird die Wahrheit des Gefagten er:
bärten. Vor vielen Jahren wüthete
in Tirol eine ſchreckliche Peſt. Da
flohen die von der Seuche noch ver:
ihont gebliebenen Bewohner von Zirl
auf den daneben liegenden Martins:
bühl und beteten mehrere Tuge und
können, gefichert zu fein. Auch wenn |
|
Nächte lang um Abmwendung der gro:
Ben Sterblichkeit. Da erichien eine
weiße Geftalt und ſprach:
„Eßt Kranemwitt und Bibernell
Dann fommt der Tod nicht zu ſchnell.“
Die Zirler thaten wie ihnen ge-
heißen, und von Stund an hörte die
Veit auf. Zum Andenken an dieje Be-
gebenbeit murde die noch heutzutage
itehende Geifterfapelle erbaut, in wel—
her das Bild des pfeildurdhbohrten
heiligen Sebaftian, des tiroliſchen Peft-
patrones, verehrt wird.
Noch eine Art von heiligen Pflan-
zen iſt zu mennen: bie eigentlichen
Zauber: und Herenfräuter.
Um jchwarze Künſte zu treiben,
nüßt befonders die Nlraunmurzel
und die Veitsblume (Brunelle);
auch die Miftel ijt ein Herenfraut,
wie jchon ihr Beiname, „Trudenfuß”,
befagt. Am befannteften aber ift ber
prophetiiche Klee. Wenn ein verlieb:
tes Bauerndiendl duch die Wieſen
und Aecker jchreitet, fo fchielt fie wohl
neugierig ins Kleefeld, denn wer einen
Vierflee findet und ihn Nachts unter
das Kopfkiſſen legt, träumt von feinem
zufünftigen Schatz. Findet aber Je—
mand einen Zweillee und iſt es ge-
rade die glüdliche Zeit am Sonnwend—
abend beim Aneläuten, jo wird ihm
im Lauf des Yahres eine Braut oder
Bräutigam zu Theil. Aber auch an:
derer Zauber liegt im Vierklee ver:
ſteckt. Wenn fich eine reine Jungfrau
am Frohnleichnamstage oder in der
heiligen Nacht während des feierlichen
15*
228
Amtes einen Vierklee in's Haar flicht,
dann ſieht ſie alle Hexen. Dieſe Höllen,
candidatinnen ſtehen nämlich mit dem
Rücken gegen den Altar. Um im Spiel
ſtets Glück zu haben, gebrauchte ein
Miniſtrant folgendes Mittel. Er legte
ohne Wiſſen des Prieſters einen Vier—
klee in das Meßbuch. In Folge deſſen
kam der Prieſter beim Meſſeleſen nicht
vorwärts, ſondern mußte öfters wie
verzaubert inne halten. Aber der pfif—
fige Miniſtrant zupfte jedesmal den
Prieſter am Meßkleid, um ihn wieder
zum Bewußtſein zu bringen und die
Meſſe ward vollendet. Der Beſitz des
jo geweihten Krautes brachte dem Mi-
niftranten den erwünfchten Gewinn.
Das Auszupfen der weißen Blätt:
hen der Wucherblume, aud Ora—
kelblume genannt, iſt allgemein
bekannt. „Er liebt mich, liebt mich
nicht“, ſagt Fauſts Gretchen. In Tirol
heißt es: „Er liebt mich von Herzen,
mit Schmerzen, ein wenig oder gar
nicht.“ Die Mädchen, welche den Stand
ihres künſtigen Bräutigams zu erfah:
ren wünſchen, fragen: „Edelmann,
Knödelmann. Bürger oder Bauer.”
Was es auf das lehte Blatt trifft,
ift der zufünftige Ehegatte. In Obern-
berg aber läßt man die Blume eine
jehr ernſte Frage entjcheiden, indem
man jagt: „Himmel, Hölle, Fegfeuer.”
Was auf das legte Blatt trifft, dahin
fommt die Seele des Fragenden nad)
dem Tode.
Es joll öfter vorkommen, daß
Leute an einem Orte, wo ihnen ſonſt
Meg und Steg genau bekannt ift, fich
plöglid” nimmer ausfenmen und fich |
endlih nad lungem Herumirren auf
derjelben Stelle finden, von der fie
ausgingen. Man jagt dann: „Er iſt
auf eine Irrwurz getreten“ und
Ihreibt es hölliichem Zauber zu. Die:
je3 kann einem auch paijiren, wenn
man Viorgens ausgeht, ohne ein Va—
terunjer gebetet zu haben. Denn zu
ſolcher Stunde ijt man in der Gewalt
des Teufels, dem es Freude macht,
die armen Menfchenkinder zu foppen.
Ferner find unheimliche Kräuter
die Kragdiitel und Wollgras.
Sie benehmen den heiligen Kräutern
die Weihe; es fol daher vorgekommen
fein, daß fie von böfen Menjchen heim:
lich unter die Weihebüſchel geſteckt wur:
den. Und wer Abends ausgeht und
hört die Kratzdiſteln flüjtern und
fieht die weißen Büſchel des Woll-
grafes fich zu einander neigen, der eile
nad Haufe, denn er iſt im Bereiche
böfen Geiſterſpukes.
Ein eigenthümlicher Brauch der Ti-
roler Holzhauer finde noch hier jeine Erz
wähnung, der, wenn er auch nicht uns
mittelbar die Verehrung ber Pflanzen
betrifft, doch mit derjelben in Beziehung
steht. Wenn nämlih ein Baum ge—
fällt wird, jo hadt der Holzhauer drei
Kreuze in den Strunf. Damit die He:
ren nicht darauf figen, heißt es an
einigen Orten, meiſtens aber jagt man,
und das ift der jchöne urjprüngliche
Grund, dieſes geſchehe zum Schutze
der ſaligen Fräulein. Denn dieſe mil—
den, dem Menſchen freundlichen Weſen
würden oft von den wilden Männern,
der Sane nad) culturfeindlihe Niefen
von übermenſchlicher Geſtalt, verfolgt ;
ein fo geweihter Baum aber gewähre
den Bedrängten Aſyl und Echug vor
ihren böjen Verfolgern. Damit jchließe
ih die Neihe heiliger Pflanzen, ob:
wohl ih nur die vorzüglichiten mit
den fich anschließenden Meinungen und
Aberglauben berührte. Noch mans
hen Bäumen, mancder Blume und
mandem Kraut wohnt nach der Sage
des Volkes geheime Kraft ein, die
troß Beichtſtuhl und Kanzel im Stillen
erprobt wird. Bejonder3 intereffant
wäre die Zujfanmenjtellung der ver:
Ichiedenen Pflangennamen, wie fie im
Munde des Volkes leben und die dem
Foriher manden Anhaltspunkt für
deutiche Mythologie und alten Götter:
cultus bieten könnten.
229
Don der Gemüthlihkeit der Bauern.
Eine Bolksftudie von 9. A. Roſegger.
Gemüthlichfeit ift eine dehnbare
Haut, die fih über alles Mögliche
Ipannen läßt. Gemüthlichkeit fol von
Gemüth abjtammen, ift aber dieſem
jeinen edelherzigen Vorfahren ſehr ent:
rathen. Gemüthlichkeit ift eine Vaga—
bundin, die fih heut zu Tage mit den
ungefittigften Gejellen herumtreibt. Im
Gewöhnlichen verjtehen wir unter Ge:
müthlichfeit den Gegenſatz von Ernit,
Zurüdhaltung , Gemefjenheit, von
ftrenger Umgangsfitte und Höflichkeit.
Und was iſt da nicht alles gemüth-
ih! Gemüthlichkeit befigt nicht einmal
einen Rod, fie läuft in Hemdärmeln
um; fie ift bald mit Jedem gut
Freund, jchäfert und hüpft mit dem
nächſtbeſten Fremden und ſchmiegt ihm
den Arm um den Nacken, und trinkt
aus eines Jeden Glas und ißt mit
eines Jeden Löffel und hat allweg
gutmüthig zwinkernde Aeuglein. Sie
nennt ſich gerne treuherzig, iſt aber kein
wahrer Freund, denn im Unglücke und
ſelbſt in Geldſachen ſchon hört die
Gemüthlichkeit auf.
Das wäre eigentlich gar nicht
ſchmeichelhaft für den Steirer, der
ſich des Rufes beſonderer Gemüth—
lichkeit erfreut. Indeß aber iſt die
Gemüthlichkeit des Landmannes wie—
der etwas Anderes als die des Städ—
ters. Die des Städters iſt ſo oft
eine verunglückte Nachahmung der
ländlichen Natürlichkeit und des natür—
lichen Humors. Die Natürlichkeit und
der Humor des Landmannes jedoch iſt
ſo häufig wieder was Anderes als
das, was wir unter Gemüthlichkeit
verſtehen. Der Bauer hat weniger
Gemüth als der Culturmenſch, aber
mehr ſogenannte Gemüthlichkeit, und
dieſe Gemüthlichkeit des Naturkindes
in die Weltſprache überſetzt heißt —
Frivolität. Eigen ſtellt ſich's dar, wo |
mit der 7
fih die „Gemüthlichkeit“
heit paart.
„Heut' iſt's luſtig“, fchreit der
Bauer bei der Kirchweih, „heut' muß
gerauft werden!“ Sie ſind ja unter
ſich und aus lauter Gemüthlichkeit
heben fie Händel an und wenn Einer
halb todtgejchlagen ift, jo ſagt der
Thäter zu ihm: „Mußt nit harb fein
desweg; Schau, fo Hab’ ich's nit ge:
meint.“
„Bin auch nit harb“, entgegnet
etwa der Geſchlagene; „aber wenn ich
wieder auf kann, bring’ ih Dich um.“
Ein anderer „gemüthlicher“ Fall.
Der Schwarz’ Toni war ein Lumpen—
ferl; er trieb fih in den Schenfen
und mit allerhand Meibsbildern um.
Deß war fein Weib nicht zufrieden
und oftmals weinte fie in ihre Schürze
hinein: „Ad Gott, ach Gott, wäre
ih ledig (unverheiratet) geblieben!“
Da fam eined Tages der ſchwarz'
Toni halb bejoffen und ärgerlich über
ein verlornes Spiel vom Wirthshaufe
heim. Sein Weib jchluchzte wieder,
da padte ihn der Zorn, er faßte das
Tiſchmeſſer, ftieß es ihr in die Bruft
und jagte dabei mit weichmüthiger
Stimme die Worte: „So, meine Luiſerl,
ist bift wieder ledig.“
Einen gemüthlicheren Mord kann
man fich doch nicht denfen.
Ganz anders gemüthlich ift freilich
der Lackenſepp. Das iſt ein Großbauer
in der Ratten, ſonſt ein jehr ernſt—
hafter Mann.
Sein Gefinde hat großen Nejpect
vor ihm. Wenn er aber im Wirths-
haus ift, wird er luftig. Für's Erite
thut er den Nod aus, er bat allfort
ein friſches Hemd am Leibe; dann
thut er jeine porzellanene Tabakspfeife
hervor, auf welcher ein tirolijches
Liebespaar gemalt ift, das mit einander
Zither jpielt, und auf der andern Seite
ein tirolifches Ehepaar, das fih prügelt.
Dann bringt der Wirth des Laden:
jepp Stammglas, darauf ift ein tau-
melnder Mann zu jehen, der den Hut | Bauernhaus! Der Sepp jagt es jelbit:
ichief in den Kopf gebrüdt hat und er möchte am liebiten die Knechte auf:
das MWeinglas ſchwingt. Darunter fteht \weden, daß fie ihm belfen, etlichen
zu lejen: „Heunt geh ih 's nit hoam!“
oder e3 liegt ein Betrunkener unter
dem Tiſch und neben heißts:
„Dös is a Lump, dös is a Qump,
Der mit an Rauſch fimt z Haus!
Drum ſchlof ih mein Rauſch, ib mein Raufch
Im Wirthshaus aus.“
Dh, der Lackenſepp ſchläft noch
lange nicht. Wein her! Den beiten
und viel! er bewirthet den ganzen
Tiſch.
„Und wan da gonz Rattnboch Wein wa,
Und warn da gonz Rattnbocdy mein wa,
Dös war a Welt!
Und olle Mühln bliebn da ftehn in Birkfeld!“
Der Rattenbach ober bie Feiſtritz er reibt fich kichernd die Hände. Da
fließt nämlich nah Birkfeld, und der gommt ihm noch ein beſſerer Einfall,
er hült die Dede dem Kachelofen
Sepp meint, wenn ber Rattenbach
Mein und fein märe, jo würde berjelbe
gleih an Ort und Stelle ausgetrunfen
und jo allen untenftehenden Mühlen
die Triebfraft genommen.
Hernah wird im Chor gefungen ;
die Lieder find alle gemüthlich, find
ale in Hemdärmeln — ja, nod
wunders, wenn fie ein Semblein am
Leibe tragen.
Spät in der Naht muß fich der
Ladenjepp trennen von den luſtigen
Genofien. Er geht nach Haufe, er hat
feinen Rauſch, aber der Wein ift doch
ein feines Trankl! „Herrgotts Vater, |
der ijt dir beffer gerathen, ald wie
das Trinkwaſſer! — Gelt, Mond da
oben, du ſagſt es aud, du Monpd,
du haft heut’ einen Raufh! Tralla
la, tralla la, wie ift die Welt jo
wunberihön! Aber HerrgottS Water,
ift der Meg jhmal! — Du Sonn:
wenbfäferl, wenn du nicht mweggebit,
ih tret’ dich zufammen! — Was
Dummbeiten! Schön ernithaft
man fein — tralla la, tralla la —“
Glücklich kommt er nah Haufe.
Still im ganzen Hofe, Alles jchläft.
Iſt das ein langweilig Neft, jo ein
muß |
Schabernad zu treiben — 's iſt allzu
taufendluftig heut! Aber vor dem Ge:
finde muß der Großbauer ftet3 ernit-
haft fein. So will er mit dem Ketten—
hund anbinden: „Türfel! ſchau, Türfel,
geh’ ber da! ich laß’ dich los, Türfel,
wir Springen noch Eins um.” — Aber
der Hund knurrt, er erkennt feinen
Herrn nicht wieder.
So ſucht der Sepp die Kammer
auf. Sein Weib fchlaft wie ein Maul-
wurf, und er weiß ſich vor Auftigfeit
gar nicht zu helfen. Ju allen Gliedern
zudt’s ihm, was joll er nur anfangen ?
Die Oberdecke zerrt er dem Weibe
aus dem Bett und hängt fie an deu
Wandnagel. Das ift ein feiner Spaß,
über, Er jubelt vor Entzüden. Da
erwacht jein Weib: Was treibit denn,
Seppel? Biſt närriſch worden?”
„Na du mein liab’ Weibel”, lallt
er, „'s iſt jo viel gemüthlich heut’,
jo viel gemüthlich.”
Derlei ift eine gemachte Gemüth-
lichkeit, und nicht jene natürliche,
ihalfhafte, die den Landmann charak-
terifirt, die uns in alten Sprichwörtern
und MWolfsliedern To oft antritt.
Manches ſchwere Gejhid legt der
Bauer auf die leichte Achiel; es iſt
nicht die ftille Ergebenheit, die wir
bei ihm finden; er fucht fi an jeinem
Elende durh Spott zu rächen und
gleichzeitig mit dem unvermeidlichen
Mifgeihide Du und Du zu werben.
Das Unglüd imponirt ihm nicht. Er
ift wigig, beißend, höhniſch aufgelegt,
wenn ihn ein Ungemach verfolat. ALS
dem Raid-Michel die Kornfuhr das
erftemal umkippte, that er einen
ſcharfen Fluch, worin gar feine Ge:
müthlichkeit lag. Als ihm die Korn—
fuhr das zweitemal überfchlug, meinte
er: „Aha, geht richtig auch der Teufel
paarmeife”, und als die Kornfuhr das
231
drittemal fiel, ſagte er:
recht, alte Kraren,
„Iſt schon ſo tritt und die Gemüthlichkeit, bier
ist kannſt ſelber die wohlwollende, ftillvergnügt heitere
aufftehen, ich geh' und leg' mich auch Art, meiſt bei betagteren Bauersleuten
in's Gras.“
| entgegen. Die Jüngeren geben fich
Gar draſtiſch ift der Ausipruc | lieber troßig, übermüthig, oder wigelnd
de3 alten Häusler-Nag. Der wollte
Weizen anbauen und hatte feinen
Dünger dazu. Er jäete aber doch und
machte eine Wallfahrt auf die gute
Meinung, daß der gute Herrgott ihm
doch einen guten Weizen wachen lafjen
möge. As jedoh die Ernte kam,
ftand es jchleht mit feiner Frucht.
„> ſeh's ſchon“, Elagte er dem
Pfarrer, „das Beten hilft auch nichts.
St denn das ein Weizen?” „Aber
lieber Freund“, fagte der Pfarrer,
„Ihr habt ja nicht gebüngt.” „Je!“
rief der Bauer, „wenn ih Miſt hätt’,
brauchet ich den Herrgott nit.”
Eigen muthet es an, wenn zwei
Bauersleute mit einander in heftigem
Mortfireit find. Die Ausdrüde und
Gleichniſſe, deren fie fich bedienen, find
nicht immer bloß derb, jondern oft
auch witzig und beißend.
„Wie Du, find mir neun Tag
Regenmwetter lieber, das ſag' ich!“
„Das glaub’ ich jchon, die Kröten
find dem Regen gar nicht feind.“
Oder Anders.
„Wenn Eins von Dir was derlangen
will, muß man eine gute Gnad' Gottes
haben.“
„Wie fann denn ein KHöllbratel,
wie Du hift, eine Gnad' Gottes haben ?“
„Du, ein Hölbratel geb’ ih Dir
nit ab, das ſag' ich troden!“
„Wärft mir auch viel zu mager,
Du. Bift ja ein zaundürrer Scherben.”
In diefem Tone gehts oft eine
Meile fort, die gegenfeitigen Vorwürfe
find mitunter gar trollig, und nicht
zu jelten gejchieht e8, daß der wüthend
angefangene Streit mit einem Gelächter
endet.
Mit dem Humor geht die ländliche
Gemüthlichkeit Hand in Hand. So
wie fih im Allgemeinen der Humor
erft nach verjchiedenerlei Erfahrung im
vorgeſchrittenen Alter einzufinden pflegt,
LT — —— —— — — — — — nn — — — — — — — — — ——— — — —
und ſpottend. Ich meinestheils weiche
darum den jungen Bauersleuten, wo
ſie in Mehrzahl beiſammen ſind, gerne
aus und geſelle mich zu ben Alten.
Selbft wo das wahre, tiefe Gemüth
ſpricht oder auffchreit in Weh und
Schmerz, ift gerne ein meſſerſpitzvoll
Schalkheit, Gemüthlichfeit dabei.
Dem alten Marhofer war fein
Meib geftorben. Langſam, aber jtetig
ichritt er in dem öden Haufe umher.
„Ei, ei“, feufzte er, „nur noch einmal,
wenn fie mich nur noch einmal aus:
greinen (auszanfen) thät, meine Zilla!”
Ehte Gemüthstiefe mit Gemüth-
lichkeit gepaart offenbarte fih mir in
einem Zweigeſpräche, welches ich einft
zufällig zu hören befam.
Vor einer Mühle auf dem Korn:
fade jaßen ein junger und ein betagter
Bauer. Der junge mijchte fortweg
Staub von feinen Knien und ſagte
dabei ein für's anderemal: „'s ift
wohl hart.“ Ihm war das Weib ge:
ftorben.
„Sa freilih ift jo mas hart“,
entgegnete der Aeltere endlich.
„Das Weib entrathet man ver:
fluchtlet Schwer im Haus.“
„Das ift gewiß”, gab der Andere
bei, „wirft Dich wohl wieder um Eine
umichauen müflen, Hans.”
Der Jüngere bürftete mit der
flahen Hand beharrlich an feinem Knie.
Dann murmelte er: „Was es etwa
nachher ift, wern man einmal geitorben
it? Was meinst, Jak, kommen Eheleut’
im Himmel oben wieder zuſammen?“
„Dasfelb denk’ ih mir wohl.”
„Nachher kann ich nimmer heiraten.
Mas fangit denn im Himmel mit zwei
MWeibern an?”
Der Jak ftußte. „Iſt auch wahr“,
fagte er dann, „auf das hätt’ ui mein
Lebtag nicht denkt.“
232
„Ja, wie bin ich denn nachher zuſammengeſeſſen auf den Mühlfäden,
dran? Die Erjt’ will ich nit verſetzen.“ ‚ober anderswo.
„Leicht iſt's jo, Franzel: Dleibft
der Erften getreu und heiratft nimmer, |
jo fommft wieder zu ihr. SHeirateft
aber wieder, jo wirft gotifeit der Erjten
ungetreu und wirft im Himmel wohl
mit der Letzten bei einander fein. So
den?’ halt’ ich mirs.“
„Wird auch nit viel anders fein.
Und igt weiß ich's, ich verbleib’ ledig.“
Der Franzel hat dazumal that:
fächlich nicht geheiratet. Aber weil es
wahr ift, daß man „das Weib ver:
fluchtlet Schwer im Haus entrathet”, jo
hat er fich eine Wirthichafterin genom—
men. Die war no um etliche Jahre
jünger al3 er. Und nad einer Zeit
„Sranzel , ſchmunzelte der Alte,
„wenn Du's jo treibjt, jo wirft leicht
nit mit deiner Erften im Himmel zu:
jammenfommen, viel eher mit Deiner
Zweiten in der Höll.“
„Meint?“ verfegte der Andere,
„Du, in der HöN wär's mir zu heiß.“
Darauf bat der Franzel feine
Haushälterin Form rechtens geheiratet.
Naivität und Schalfheit zufammen
macht das aus, was wir unter Ge—
mütbhlichfeit im guten Sinne verftehen.
Unverſehrt finden wir fie nur noch in
entlegenen Strichen, die bisher vom
Zeitgeift nicht verjengt worden, und
die vom tiefen Elende der Armuth ver:
find der Franzel und der Jak wieder ſchont geblieben find.
Das Peftmännlein.
Eine Sage aus Oberbaiern,
Fernab von allen menschlichen Woh-
nungen, verborgen in der Dede und
Schattennadht der Wälder oder auf
freien Inftigen Höhen, einfam in ben
Hochwieſen, findet man bei ung Fried:
höfe mit eingefunfenen Gräbern und
verfallenen Mauern, bei den wenigjten
ein ärmliches Bethäuslein, meiſt nur
einen vermwetterten Bildftod inmitten
der Hügel ohne Stein und Kreuz.
Das find die Stätten, wo in ben
Todesernten ber Peft die zahllojen
Opfer hajtig verfcharrt wurden. Mehr-
mals ftreifte die Seuche in vergange-
nen Jahrhunderten über dieje fonft fo
lebeusreiche Gegend, ein nimmerjattes
Unthier. Dieje verödeten Nubeftätten
heißen meift „die Peſthöfeln“ im Munde
des Volld. In wehmüthig jchöner
Stille liegt ein ſolcher Gottesader,
brad wie ein ruhendes Feld, in der
grünen MWaldesfühle nahe am Fußſteig,
der vom uralten Heerwege bei Rotten-
buch rechts abbiegt nad) der wunder:
. *) Siehe Seite 244.
erzählt von J. F. £entner.*)
bolden Einfamkeit der „Wildfteige”,
de.n fleinen Weiler mit der alten
Kirche St. Sebaftiand, des Patrons
gegen Belt und jähen Tod, in der
Nahbarichaft der ruhigen Seen am
Fuße der Hochberge, die hier mächtig
anwachſen zur fernfpähenden „hohen
Bleiche“, zu den jonnenreichen Matten
der Trauchgauer Almen. — Die Bu:
hen breiten ihre Aeſte weit herein
über die niedbere Mauer, als hielten
fie ſchützende Arme über die Schläfer;
ernfte dunkle Tannen verhüllen bie
verwijchten Heiligenbilder in einer
Blende und hochauf wuchert im fri:
icheiten Grün das Riedgras, mit tau=
jend Feldblumen durchwirkt. Ein Bäch—
lein geht unter den Bäumen und
raufcht einichläfernde Lieder ; aber oben
im Gezweige fingen hochauf die Vögel
von Leben und Kiebe.
Durh das milde „Freithöfle“,
wie man es nennt, wanderte ich ein:
mal mit einem geſprächigen Landmann,
233
dem Meßner unſers Dorfes. Der wies
mir im Eleinen Friedhofe in einer Ede
einen vereinzelten Hügel, ber allein
noch über den Boden fich erhebt, ob:
gleih ohne irgend eine Bezeichnung.
Hier jei, fagte dazu der Davida Hannes,
der Letzte begraben, den die Peſt ab-
geholt, und davon wollte er mir eine
jeltfame Gejchichte erzählen, die er
wieder von rechtichaffenen Leuten habe,
die das Grab noch ſchier friſch kann—
ten und etwa ihr Aehni gar noch Den,
der da unten liege.
Vor Jahren hatte das Stift zu
Rottenbuch ſein eigen Recht und Land
und ließ ſeine Leute vor dem eigenen
Stuhle richten, ſelbſt auf Leben und
Tod. Sie hielten ſich dazu einen eige—
nen Richter und da war denn auch
einmal ein gar ſchlimmer und ſcharfer,
der für die Chorherren Schwert und
Wage handhabte, aber weit lieber mit
dem einen darein ſchlug, als auf das
richtige Zeigen des Züngleins an der
anderen wartete. Er hatte keinen Obern
über ſich, als den hochwürdigen Herrn
Abt; der war aber ein guter Herr
und ſeinem Vogt wohl geneigt, er
wußte auch warum. Die Patres in
den Klöſtern hatten dazumal ſchon ver—
lernt, wie die erſten Eremiten zu beten,
zu faſten und Holz zu hauen und in
ſchlechten Spelunken zu hauſen; ſie
hatten feine, große Häuſer als Loſa—
ment, mit hohen, lichten Stuben, Alles
gar zierlich verſchnörkelt und vergol—
det, Marmor als Fußboden und Sam—
met als Polſter. Dabei aßen ſie recht
gut und tranken nicht ſchlechter und
zur Bewegung trieben ſie allerlei edel—
männiſche Kurzweil, als Jagen, Fiſchen,
Vogelſtellen, Kartenſpiel und Damen:
ziehen, und mancher ſaß öfter zu Roß
als im Chorſtuhle. Sie meinten es
dabei freilich nicht bös und hielten
derlei für eine billige Entſchädigung
für ihr gethanes Gelübde. Waren
auch manche darunter, die ſich in Bü—
chern und Schriften vergruben und
allerlei gelehrtes Weſen an den Tag
brachten. Es kam viel Geld durch ſie
unter die Leute, aber das Geld herzu-
treiben, war nicht immer leicht, und
die Hörigen der Klöfter im Pfaffen—
winkel') jpürten es tüchtig, wenn eben
ein Abt am Regiment war, der es
hoch gab und den Neichsprälaten
jpielte.
Im Auftreiben von Elingender
Münze war aber der Vogt von Rot:
tenbuch, von dem ich fpreche, ganz
abſonderlich geihidt, und wenn oft
der Pater Schaffner meinte, jegt müſſe
der Sädel leer jein und fih kaum
zu begehren traute, fam jener von
jelbft und bot ihm Geld an, fo viel
er wollte. Das war dem Abt und
dem ganzen Convent ein gemähtes
Wieslein und darum waren die Augu—
ftiner von Rottenbuch auch die Leeften**)
unter allen Herren, Tießen den Herr:
gott einen guten Mann fein und jubi-
lirten alle Tage, al3 ob bei ihnen das
ervige Neich Schon begonnen hätte. Kam
ein Bäuerlein oder mehrere von ihren
eigenen Leuten, klagten über den Vogt,
murrten über Pladerei und Schinden,
wie er fie von Haus und Hof pfände
und jtenere, daß fie die Gilten und
Geleifte nicht aufbrädhten, die er im
Namen der Gotteshäufer eintreibe, jo
hörte man fie nicht oder lachte oder
ihidte man fie heim mit den dürren
Worten: „Wart’, brummiger Bauer,
Du hHalsjtarriger Gejelle! der Vogt
fol Did zahm machen und Dir das
grobe Maul binden.” So ging e3 den
Klofterleuten recht Schlecht und verfamen
ihrer eine Menge.
Einmal nad) einer großen Tafelei,
es war gerade des Herren Prälaten
Namenstag, lag der Richter in feiner
Behaufung wie ein Stüdfaß auf dem
Zotterbett und jchnaubte und athmete,
gleih dem Blafebalg in einer Ham—
merjchmiede, als wollte er zur Stunde
erſticken; denn er hatte fi) das Ban
) PBfaffenwintel heißt im Munde des
Volks die ehemals Tlofterreihe Gegend am
Fuße der Berge, am Amper und Led.
**) Rep — ſchlimm, arg.
234
fett zu wohl behagen laffen. Die
Truthähne, Fafane, Kapaunen, Hechte
und Forellen belafteten jeinen Magen
und die diden Ungar: und Beltliner:
meine ftopften ihm fat die Adern zu.
— Sn feinem QTaumel hatte er lange
nicht bemerft, daß ein Menſch vor
ihm ftand, ihm zujah in feinen Nöthen
und dabei lachte, jo gut es fein ſau—
red Geficht erlaubte. Der Menſch war
ein ſchmutziger Bauer, mit nußbrauner
Haut und einer Igelperüde, knochigen
Leibs und faum in ein paar Leder:
feßen gemwidelt. Man hieß den milden
Gefellen den „Filzdraden”, weil er wie
ein Drade im öden Forſt am Filze*)
fih eine Lehmhütte gebaut und dorten
in Noth und Elend haufte mit Weib
und Kind.
Der Drad alfo brummte ein paar:
mal etwas in den Bart und madte
jo jeine Gegenwart fund, daß darob
der Klofterrichter au8 feinem ſchweren
Schlaf erwadhte. Wie er nun den
Bauer vor fih ſah, erſchrak er erficht-
lih und erhlaßte troß feiner veilchen-
blauen Weinwangen; denn er hatte
den Mann, einen Zinspflichtigen des
Stiftes, Fürzlich im Uebermuth und um
Ichlechten Vorwand hart gebüßt und
ihm die einzige Kuh aus dem Stall
getrieben. Schnell aber nahm er fich
wieder zuiammen, und wie das bie
GerichtSherren im Brauch haben, wenn
ihnen ein Untergebener vorfommt, bem
fie Unrecht getban, ward er grob und
begann den Filzdracken zu inquiriren,
was er bier in der Stube juche, mie
er gleich Diebsgeſindel bereingefom:
men, weshalb er ihn bösmillig erfchrede
und mehr dergleichen, wobei er ihm
fchließlih mit Keuche und Nuthenitrei-
hen drohte. Der Filzdrad ließ fich
aber des Geitrengen Zorn nicht irren,
ftellte fich jteif vor ihn bin und hielt
ihm mit einer Feuerzange einen alten
zerbrüdten Bauernhut hin, ohne ein
Wort zu jagen.
) Moorland mit niederem Buſchwerk.
„Was jollen die Narretheien!*
grollte da der Vogt; „weshalb bringt
Er den Hut in der Zange? Was
treibt Er für Gefpötte mit mir?”
Dabei riß er dem Bauer den Hut
weg, zerbrüdte ihn mit beiden Fäuften
und trat dann mit den Füßen darauf
herum. Der Filzdrack aber öffnete
jein breites Maul und begann faul
und eintönig: „ch habe Em. Geftren:
gen nur berichten wollen, wie es fi
mit dem Hute verhält, weil das eine
befondere Sache ift und mir viel zu
bedeuten deucht. Mein Bub, der Jürge—
naß*), hütet die letzten zwei Gailen,
die Em. Gnaden mir noch übrig ge—
laffen, müßt Ihr willen, und die trieb
er heute in das Wäldlein gegen bie
Wildfteig hin. Da jaß der Bub und
weinte, weil ihn hungerte und er
alaubte, man müſſe dann efjen. Er
ift noch dumm und weiß nit, daß
Em. Gejtrengen es nicht leiden mögen,
wenn wir Bauern jatt find, und uns
darum das Tiſchtuch kürzen. Wie er
jo heulte, fam mit einemmale ein
wunderliches Männlein, jchier nadend,
mit einem Zaubgürtel um die Lenden
und ein Hütlein auf, aus dem Wald
gelaufen und ehe mein Bub vor Angit
und Furcht entlaufen konnte, hatte es
ihn erwifcht und hielt ihn am Kittel
feft. Das Männlein, jagt der Bub,
war fäfebleih und gelb, zottig von
Haaren, ſah darein mit gläjernen
Augen und Frächzte ein Kauderwelſch
mit weinerliher Stimme Meinem
\ürgena ward todtenübel, er riß ſich
mit Gewalt los und rannte heimwärts;
das Männlein aber fpraug ihm nad)
eine gute Weile und jchrie dazu:
„Wehe und aber wehe!“ daß es wie-
derhallte im Holz. Wie mir der Bub
die Märe vorgefeucht, Taufe ich weid—
lih hinaus, das Männlein zu jehen.
Es war aber verkommen und jein
Hut lag am Boden, dem es meinem
Buben hatte jchenfen wollen, Worauf
mir fchnell beifiel, ich habe einmal
*) Georg Ignaz.
235
gehört, wie damald, al3 der große
Sterb gewüthet im Land, ebenfalls ein
nadend Weib zu einem Hirtenmäbel
aufs Feld gefommen und ihm ein
Paar Strümpfe geichenft habe; wie
dann alljogleich die Dirn an der Pe—
ftilenz verftorben und mit ihr viel tau-
jend Menichen, die allein im milden
Freithof liegen oder bei St. Ruperts
Münfter, das nun zufammengefallen
it. Da ſprang ih in meiner Einfalt
zu Em. Gnaden und wollte vermelden,
was geichehen und mie ich feit glaube,
daß dieß Weſen das Männlein ift
vom jelbigen Weiblein und alsbald
ein großer Sterb und Tobfall anheben
wird. In dem Hute hat es uns bie
Veit gebracht und darum habe ich ihn
auch nur mit der alten FFeuerzange
angefaßt, fintemalen ich gar aut weiß,
daß man fie erbt, wenn man auch nur
mit der Fingerfpige ein verpejtet Ding
berührt.
Kaum hatte der Filzdrack dieß
Wort geiproden, jo hättet ihr ſehen
jollen, wie der Vogt von Neuem er:
blaßte und hinſank in die Kiffen. Er
hatte ja ven Hut des Peſtmännleins
mit beiden Händen erfaßt; er mußte,
daß es wahr fei, was der Bauer
vom Peſtweiblein erzählt, deun er
hatte es in einer Chronifa gelejen, die
im Klofter lag. Er fühlte fih mit
einemmale todtfrant und elend; er
hatte die Veit. Der Filzdrad, als er
des geftrengen Herrn Uebelbefinden ver:
merkte, lachte boshaft; jener aber
griff nach der filbernen Pfeife auf
dem Tijchlein und wollte den Frohn:
fneht rufen, damit er den Boten des
Todes falle. Der Filzdrack aber jpürte,
wo das hinaus follte, ſchlug ihm die
Pfeife aus der Hand mit der Eifen-
zange, lupfte jeine Lederkappe und
ging von dannen, indem er noch als
ein B'hüt Gott zur Thüre hineinrief:
„Ich wünſch Euch wohl zu ſterben,
geſtrenger Herr!“
Dem Vogt aber warb noch erbärm-
licher zu Muth, und er legte fich den
Abend noch hin und ftarb uriter unſäg—
lihen Martern gerade um zwölf Uhr
Nachts. Er konnte bald nicht mehr
reden, nicht beichten, noch beten, ſon—
dern fuhr hin in feinen Sünden, voll
Grimm und Wuth auf jeinem rothen
itolzen Geficht. Bei feinem Tode ent:
jtand ein großes Geſchrei und allge:
mein ward die Furcht, daß die Pefti-
lenz wieder losbreche. — Man begrub
darum den böſen Pfleger von Rotten-
buch in dem wilden SFreithöfle, ohne
Segen und Weihbrunnen, ohne Licht
und Leucht. Der Schinder mußte ihn
verfcharren.
Darauf erzählte man überall von
dem „Beitmännlein‘‘. Mancer hat e8
geliehen, wenn er dur einen Wald
ging ; bie Hirten auf bem Felde ichredte
e3 und wild jchreiend lief es Einzelnen
nad).
Bald war e8 da, bald dort. Einer
hatte es auf dem Berg*) gefehen, der an:
dere traf e* im Taftwalde am Lech. Da
befehrten Tich die Menſchen in ihrer
Todesangft, die Pfaffheit warb barm—
berziger gegen die Bauern und allzu—
fammen beteten um Abmwenbung der
großen Noth zu Gott und St. Seba-
ftian. — Es fam auch Niemand mehr
um denn einzig der gemaltthätige
Vogt, den der Herrgott aetroffen hatte
mit feinem ftarfen Arm. Gar viel
Leute meinten auch, feine Seele habe
feinen Frieden und er geilte mit dem
neidigen Schaffner, der den Armen
das Brot zu Flein gab, unten in ben
fteinernen Stuben am Strausberg in
ber Ampenleithe. Das Peſtmännlein
aber verſchwand und jeitdem hat man’s
nicht wieder geſehen.
*) Den Berg nennt man in Lechrain vor-
zugsmeife den Weißenberg mit feiner herrlichen
Ausſicht.
236
Kleine
Unſer Schillertag.
Wien, im November.
Die hundertjährige Schillerfeier im
Jahre 1859 gab in Wien den erſten
Anſtoß zur Errichtung eines großartigen
Scillerdenfmals in der öfterreichifchen
Hauptjtadt. Der Verein „die Glode“,
weldher am Abende des Wiener Schiller:
feſtes 1859 von Wiener Bürgern ge:
gründet wurde, war e8, der 1868 auf's
Neue die Anregung gab zur endlichen
Errichtung eines Schillerdenfmals. Im
März 1868 murde ber herrliche, von
dem Obmanne de3 Sciller:Comites,
Anaftafius Grün verfaßte Aufruf zu
Beiträgen für ein Schiller-Denfmal in
Wien veröffentlicht. Des Kaifers Spende
von 1000 Gulden war der erfte Beitrag
zu dem fchönen Werfe. Später gewährte
der Monard 50 Gentner Erz im Werthe
von 9000 Gulden zum Zmwede des
Monumentes. Im Jahre 1870 waren
50.000 Gulden gefammelt, die either
auf das Doppelte angewachſen find.
Damald wurde die Aufforderung zu
Entwürfen eines Schiller » Denkmals
ausgefchrieben. Unter vierundvierzig
Entwürfen ging der des Profefiors
Schilling in Dresden ald angenommen
hervor.
Vor dem neuen pradhtvollen Gebäude
der Mfademie der bildenden Künſte
wurde das Denkmal aufgeftellt. Dasjelbe
iſt 33 Schuh hoch. Aus rothem ſchwe—
difhen Marmor gehauen find die vier
maffigen Stufen, die zum vieredigen
Sodel aus Bronze hinanführen. Aus
den vier Eden des Letzteren ragen alle:
gorifche Figuren hervor, die vier Men:
fchenalter darjtellend. Darüber erhebt
fih ein Eleiner Sodel, auf deflen vier
Seiten in Hautrelief3 die Geſtalten des
Genius, der Mufe, der Weltweisheit
und der Humanität ftehen. Und hoch
über all’ dem ragt das eilf Schuh hohe
erzene Standbild Schillers.
Taube.
Am 10. November dieſes Jahres,
als am hundertſiebzehnten Geburtstage
des großen Dichters, wurde das herr:
lihe Monument enthüllt. Schon der
Vorabend verfegte die Kaiferftadt in
Feſtſtimmung. In den Theatern und
Vereinen wurden Schiller® Dichtungen
aufgeführt und vorgetragen. Am bedeu:
tungsvollften darunter war die Auf:
führung der „Räuber“ von den Stu:
denten im Stadttheater. Eine echtere,
begeiftertere Huldigung des Dichters läßt
fich nicht denken, als diefe Wiedergabe
des jturmbewegten Freiheitöfanges von
der alademifchen Jugend. Die mahre
Begeifterung erſetzt bisweilen vollends
den gejchulten Künftler und nur die
Jugend, die heigblütige, die für das
hohe Ideal erglühende, vermag die
„Räuber“ fo wieder zu geben, wie fie
Schiller gemeint hat. Es war fein Spiel,
e3 war ſchäumend Yeben, und die Bretter
waren zur ſturm- und leidenſchaftdurch—
brauſten Welt geworden.
Schiller lebt nicht allein in ſeinen
Dichtungen, er lebt im Fleiſch und
Blute unſerer Jugend.
Man hat Scheffel den Studenten:
Dichter geheifen — er iſt's in der
Kneipe; Schiller ift’3 in der Aula und
überall, wo der Jüngling die emigen
Güter der Menfchheit anftrebt.
Selten oder vielleiht nod) nie werden
die „Räuber“ von Dilettanten mit der
Vollendung gegeben worden fein, als
am 9. November im Stadttheater zu
Wien, unter der Leitung des Profefjors
Strakoſch. Abgeſehen von dem mufter:
haften Zufammenfpiele, wie man es bei
den „Meiningern“ nicht befjer haben
‚Tann, waren die Rollen des Franz, des
Karl Moor , des alten Moor, des
Spiegelberg, Schweizer, Roller, Koſinsky,
des Paſtors u. ſ. w., wahre Meifter:
leiſtungen. Wenn fih die Wiener Preſſe
‚diefer Aufführung gegenüber theilweife
| etwas rejervirt gehalten bat, jo that
—
237
fie recht; junger Ehrgeiz ift bald ent:
zündet, die Bühne verlodend — und
ichlieglih würde doh nicht Jeder als
Schauſpieler feinen Meifter jtellen fönnen,
den er, unterftüßt durch die Urſprüng—
feit feiner Begeifterung und durch die
Meiheftimmung des Feſtes bei der
Aufführung der „Räuber“ hervorzufehren
Gelegenheit hatte.
Am 10. November, Schlag 12 Uhr
Mittags, ift die Hülle vom Standbilde
Schillers gefallen. Das Donnern des
Volfsjubels erfüllte den weiten Platz,
aber der ſchneeſtöbernde
umbraufte das eherne Bild, das nun
in der Zeiten Sturm und Sonnenſchein
ragen foll, ein glorreiher Hort des
Ideals, hoch über dem Gewühle Fünf:
tiger Geſchlechter.
Nah der Enthüllung war ein Felt
mahl privaten Charakters, an welchem das
Scillercomite und einige andere Perfön:
lichkeiten, die zum Feſttage in näherer
Beziehung ftanden (darunter ein Enkel
Schiller's) theilnahmen. Die Feſtſprüche
waren zahlreich. Prof. Schröer gedachte
in edlen Worten des Dichterd Anton Auers:
perg, eriten Bräfidenten des Comité's. Bor
Allem zu bemerken ift die Nede Heinrich
Laube's, welche, bisher nicht veröffent:
licht, ich zur Verfügung ftellen fann.
— „Es gibt eine Stadt in deutjchen
Landen”, ſagte Laube, „welche unfern
Friedrich Schiller gleihfam zu ihrem
Schutzpatron erwählt hat. Nirgends fonft
wo — und id) bin viel herumgefommen
in deutfchen Städten — habe ich eine
fo begeifterungsvolle Verehrung und
Liebe für einen Dichter gefunden als
in Wien für Friedrih Schiller. Soll
ih an das Scillerfeit vom Sahre 1859
erinnern ? Es ift faum je fo was erlebt
worden. Vom Praterftern im Norden bis
zum Paradeplag im Süden, die ganze
Breite der Stadt Wien hindurh Menſch
an Menſch und bis zu den höchſten
Dadfenftern hinauf Kopf an Kopf und
auf dem Paradeplage Leib an Leib und
unter al’ den SHunderttaufenden der
einftimmige Ruf: „Schiller! Schiller!“
Und dies in einer politifch ſehr ge
Winterjturm |
ipannten Zeit. Wir Hatten eben ben
franzöſiſch-italieniſchen Feldzug verloren
und aus dem ganzen Weiche erhob ſich
der Nuf nad einer PVerfaffung. Ein
Ausbruch des Vollsunmillens war überall
zu befürchten. Wie gefährlich diefer Mo-
ment war für eine öffentliche eier, das
bewies mir der Zorn des damaligen
PVolizeiminifter® , des Freiherrn von
Thierry. Er machte mir Vorwürfe, daß
ih ala Hofbeamter — ih war Director
des Hofburgtheaters — in erfter Neihe
ftünde bei einer ſolchen Unternehmung,
ihlug Alles ab, namentlich den Fackel—
zug durch die Stadt, und rief entrüftet::
Wollen Sie die Verantwortung über:
nehmen, wenn der Tumult ausbricht
bei folder öffentliher Reizung ? —
Ja, Ercellenz, ermiderte ich, ich über:
nehme fie, denn ich fenne die poeti-
fhen Wiener und bin überzeugt, daß
‚fie ihren Schiller über Alles ftellen und
‚bei feiner Feier nichts Anderes einmifchen
werben. Das glaube ih nid,
ihloß er, und es bleibt bei dem Ber:
bote. Mir aber gelang es, die Frage an
den Kaifer zu bringen und der Kaifer,
aud ein Verehrer Schillers, bemwilligte
Alles, auch den großen Fadelzug durd)
die ganze Stadt. Und die Wiener be:
währten fih. Nicht ein Laut ließ ſich
vernehmen als der Name: Schiller!
Schiller! Das höchſte Intereſſe, die tiefite
Verehrung, der Gedanke an den hohen
Dichter allein mwaltete in den Menjchen:
mafjen, mie eine weihevolle Andacht.
Könnte das außer Wien in irgend
einer großen deutſchen Stadt gejchehen ?
Ich fage: Nein! Und aud die Her:
ftellung des koſtbaren Denkmales be:
treffend, wer hat es zu Stande gebradt ?
Wien! Neun Zehntheile der Kojten
zahlte Wien.
Wien ift geradezu eine religiöfe
Gemeinde Schillers und fo rufe id
getroft am heutigen Feiertage. Es lebe
die deutiche Schillerftadt, es lebe Wien !”
Eine ganz befondere Stimmung
hatte der Fadelzug, den an dem Abende
des Feſttages die Studenten Wiens
den Manen Schillers bradten. Es
238
mögen an die taufend Lunten geweſen
fein, welche in einer endlofen Reihe vom
Stubenring heranflutheten, von Mufik,
Trommelgemwirbel und Volfsgejohle um:
raufht, von Schneegeftöber ummeht,
vom Sturm des Winterabends durch: |
brauft, jo daß die Flammen jegt in
tiefer Nöthe hoch auffladerten in den
finfteren Rauch, jetzt im weißen, mild:
brilfenden Lichte zudten und raften —
hoch gehoben über den jungen Trägern,
die in raſchen Schritten dahintrabten,
— fröhliche Revolutionäre, das feurige
Schwert des Lichtes ſchwingend. Empor
über die Paläfte des Ring wirbelte
der geröthete Raud, und der Himmel
leuchtete, wie vom Feuerſchein eines
großen Brandes. Wohl! das heilige,
welterhellende, mitunter auch gefährliche
Feuer jugendlicher Begeifterung mar
entfacht und ftedte aud die Menge an,
die wie ein finfteres Meer links und
rechts der lodernden Kette bahinwogte.
Die Polizei war auf der Wacht, zu
Fuß und hoch zu Roß, und in Bereit:
ſchaft ftanden die gewaltigen Kaſernen
- aber nein, e8 war nit Sturm und
Drang, ed mar der helle Cultus der
Liebe und Dankbarkeit dem Genius des
deutſchen Volfes.
Der Lichtſtrom des Fadelzuges
ergoß fih auf den Scillerplag und
umfluthete im Wirbel das Denkmal,
defien hohes Standbild einfam ragte in
die fliegenden Wolfen des Rauches.
Laut erflang das (saudeamus und
manch' begeiftert Wort ſcholl über die
Menge hin und mwedte die Herzen, und
da wurde wohl in Mandem das Be:
wußtjein wach: Defterreih, du bilt es
werth, die großen Dichter des deutſchen
Volles auch dein zu nennen!
Endlich bewegte fi) der mänadiſche
Zug gegen die Votivfirdhe hin und die
Studenten eilten in ihre Feſtcommerſe.
Die Fadeln waren erlofhen und auf
dem Ring funfelten wie immer die
taufend und taufend blaſſen Gasflammen
in den Xaternen. H. M.
Für Diesmal genug!
| „Sinder, jetzt iſt's genug!” rief
uns der Vater zu in unferen hals:
brecherifchen Productionen über Stühle
und Bänke, zu denen er jelbft uns an:
fangs angeeifert hatte, um zu fehen,
wie hoch wir flettern und wie flinf wir
ſpringen fonnten. Aber die Geifter, die
er rief, wurde er nicht eher los, als
bis fich einer oder der andere von uns
Rangen eine Beule an der Stirne ſtieß
oder ein Loch in den Kopf fiel, oder
gar den Fuß brad, wie es des Nach:
bars Engelbert einmal erging.
„Jetzt ift’3 genug, Kinder!“ mag
die civilifirte Welt und die Wiſſenſchaft
den Seefahrern zurufen, die immer und
immer wieder von Nenem ihre Bravour:
fahrten nach dem Nordpol unternehmen.
Die Nordpolerpeditionen haben es längſt
fihergeftellt, daß der Nordpol nicht er:
reichbar, oder wenn durd die außer:
ordentlichite Gunſt der Zufälle erreichbar,
derjelbe für unſere praftifchen Beftre:
bungen durchaus nuglos ift. Thatſächlich
fommt jede neue Erpedition ihrer voran—
gegangenen ſtets um etlihe Minuten
voraus, dafür weiß fie dann nur von
noch größerer Kälte, von noch diderem
Eife, von nod längeren Nächten zu er:
zählen, als die Vorfahrer.
Angeeifert durch die öjterreichifche
‚Nordpolfahrt, die allerdings für Die
Wiſſenſchaft einigen Werth aufzumeifen
‘hat, ging im Juli 1875 eine englifche
| Erpedition mit den zwei Schiffen „Alert“
und „Discovery“ nad dem Norden ab.
Diejelbe kehrte im October diejes Jahres
zurüd mit der Meldung, daß die „Er:
reihung des Nordpols unthunlich“ jei.
Diefe Entdedung fojtete der Expedition
vier Mann, welche unterwegs zu Grunde
gegangen waren.
Die Erpedition verließ Port Foulfe
am 29. juli 1875 und gelangte in die
Eisregion auf der Höhe des Caps Sabine
(an der weſtlichen Küfte des Smith:
Sundes unter 79 nördlicher Breite).
Nach mühevollen Anftrengungen erreichte
fie die Nordfeite von Lady Franklins
239
Bay (zwifhen 81% und 82° nördlicher
Breite), wo die „Discovery“ zurüdblieb,
um dajelbft den Winter zuzubringen.
Der „Alert“ erreichte die Grenze der
Schifffahrt am Geſtade des Polarmeeres,
wo das Eis an Dide bis zu 150 Fuß
vartirte. Das Präfidentenland (angeblich
unter 84°) eriftirt nicht.
Der „Alert“ brachte den Winter
im 820 27° nördlicher Breite zu. An
diefem Punkte ging die Sonne während
eined Zeitraumes von 142 Tagen nicht
auf und der verfpürte niedrigjte Kälte:
grad war 23 Grad. Mit dem Reiſen
waren ungewöhnliche Mühſeligkeiten ver:
fnüpft. Eine nordwärts abgejendete
Mannjhaft war 70 Tage abmwefend und
erreichte den 83" 20° nördlicher Breite.
Eine Expedition umfuhr das Gap
Colombia, den 830 7° nördlicher Breite
fituirten Punkt von American: Yand,
und bereifte dad Land 220 Meilen
weftlih. Auch Grönland wurde weit
nah Oſten durchforſcht. Der nördlichſte
Punkt von Grönland wurde unter 82V
57’ gefehen. Die Mannſchaften der
Schlitten litten alle durch Sforbut und
fanden fein Wild. Hans GChriftian
Peterſon jtarb. Ein Seemann vom
„Alert“ und zwei Matrofen von der
„Discovery“ ftarben auf der Schlitten:
reife. Esfimos wurden nicht angetroffen,
Die alten Spuren hörten nördlich von
800 52° nördlicher Breite auf. Eiöberge
wurden jenjeitd des Caps Union (83°)
nicht gefehen.
Außer der Bermuthung, daß ber
Nordpol mit 200 Fuß diem Eife
umgeben jei, mußten die Engländer,
fo viel bis jest befannt, nichts Neues
zu erzählen, was nicht ſchon Weyprecht,
Payer und die Früheren uns erzählt
hätten.
Für heute genug. Seiner Seit,
wenn die Seefahrt wieder ein Stüd
vorgefchritten fein wird, wenn Wiſſen⸗
ſchaft und Induſtrie den Menfchen neue
Mittel gegen elementare Hindernifje an
die Hand gegeben haben werden, dann
wieder eine Fahrt gegen den Pol —
— — — — — ——
— — — — ———— —— — — — — — — — — — — — — — —
denn wohl anſteht es ja dem Ge—
ſchlechte der Menſchen, wenn es die
Mittel geſtatten, ſeine Heimat, den Erd—
ball, zu durchforſchen, bis in den letzten
Winkel.
Vom rothen Cardinal.
Am 6. November ſtarb zu Rom
Jakob Antonelli, der Staatsſecretär des
Papſtes, welcher auf die unſeligen Ge—
ſtaltungen der kirchlichen Verhältniſſe in
unſerer Zeit ſo großen Einfluß geübt
hat. Antonelli war mitten unter Räubern
geboren, der Sohn eines Rinderhirten.
Noch heute ſollen einige Verwandte des
Cardinals das Räuberhandwerk treiben.
Er ſelbſt war niemals Brigant geweſen.
Seine großen Reichthümer, die er theils
ſeinen Verwandten, theils dem päpit-
lihen Stuhle vererbt hat, ftammen
jelbftverjtändlich wo anders her. Anto—
nelli fam frühzeitig nah Nom in ein
Seminar. Papſt Gregor XVI. entdedte
den talentvollen Kopf, zog ihn in feine
Nähe und beftimmte ihn für die jtaats-
männifhe Yaufbahn. Seit 1847 war
er Gardinal und jeit diejer Zeit der
einflugreichite Nathgeber Pius IX.
Antoneli war — mie 9. Gras:
berger in feinem geiftvollen Eſſai (Prefle,
7. November) jagt — der böje Schatten
des guten Papftes, Sr. Heiligkeit un—
heiliger Diener, in Begleitung reichlichen
Segens ein lud. Pio Nono wurde
immer geliebt, Antonelli nie; Pio Nono
wurde nie gefürchtet, Antonelli ftets ;
mit der langen Regierungszeit Pio
Nono’3 verjöhnte man fih troß allen
Gelüften nad einem neuen Conclave
immer wieder, aber man fand es unver:
zeihlih, daß der langlebigſte Papſt aud)
den langlebigften Cardinal-Staatsjecretär
zur Folge haben follte. Die inftinctive
wie die principielle Abneigung gegen
Antonelli reihte aus dem Volke auch
in die Prälatenfreife hinauf. Es mar
Einer der unabhängigften Monfignori,
der, keineswegs von Ehrgeiz oder Riva:
240
lität getrieben, dem Papſt in’s Geficht
erklärte, Antonelli ſei Pio Nono's Sünde.
Auch in anderen Sachen waren die
beiden Männer Antipoven. Pio Nono
ift heiter, Antonelli war grämlid. Pio
Nono ift Leutjelig, zugänglid und hat
unter allen Umftänden ein Scherzwort
und ein Lächeln in Bereitfchaft, Anto:
nelli bildete zu alledem eine wenig er:
quidlihe Kehrſeite; Pio Nono ift „ein
Fanatiker des Vertrauens”, um uns
des Ausdruds eines deutſchen Diplo:
maten zu bedienen, Antonelli war ein
ftändiger Zweifler und Peſſimiſt; Bio
Nono wollte nachgeben, wo Antonelli
unbeugfam mar, und umgekehrt; Pio
Nono endlih hat Glück und Erfolge
aufzumeifen, während Antonelli mit all’
feinem Weitblid und feiner diplomatifchen
Kunft doch nur einem unabwendbaren
EC hidjal ein langfameres Tempo aufzu:
nöthigen vermochte. Antonelli war der
unpopulärfte Minifter des populärften
Papſtes.
In der Chriſtnacht.
Im Palaſt, im ſchmucken Saale
Flammt ein Chriſtbaum lichterloh;
Um ihn ſteh'n verſammelt alle,
Jung und alt, Familienglieder
Wer ſoll da an Kummer denken,
Denken, daß ein Leben bricht? —
Unter trauernden Cypreſſen,
Am verſchneiten Grabgefild'
Aber friert und weint indeſſen
An der Mutter friſchem Grabe
Ein verlaſſ'ner Waiſenknabe,
Von des Todes Hauch umſpielt.
Weint und ruft und bittet klagend,
Will zum Mütterchen bineiu ;
Wirft fih auf das Grab verzagend,
Und — ein Engel hat Erbarmen;
Sanft gewiegt in feinen Armen
Scläft er auf dem Hügel ein.
Heller Mond und Sterne ſchimmern.
Die Cypreſſe auf dem Grab’
Iſt fein Ehriftbaum, Leuchtend flimmern
Eisfryftalle an den Zweigen,
Und auf Strahlenleitern fteigen
Lichtgeftalten auf und ab.
Und der Knabe ſieht's im Traume —
Ach, wie ift fein Traum fo ſchön! —
Mutter winft vom Himmelsraume,
Engel um die Krippe fingen,
Und empor auf Seraphſchwingen
liegt er zu den lichten Höh'n. —
Felix Ende,
December.
Und Gelad’'ne hoch und nieder,
Heiter und des Feſtes froh.
Gold'ne Ehriftgefhenfe prangen
Um den heiligen Weihnadhtsbaum ;
Aber alle Blide hangen
An dem Anäblein, hold und blühend
An den Eltern, wonneglühend,
In des Kreiſes Vorderaum.
Welch' ein Jubel, welch' Entzüden !
Wie das Anäblein jauchzt und lacht!
Wie die Eltern frob ſich büden
Zu dem hoffnungsvollen Kleinen,
Wie die Seelen laut fi einen
In des Glüdes Zaubermacht!
Heit're Mienen, frohe Herzen,
Selig jedes Angeficht !
Bei dem Glanz von taufend Kerzen,
Bei den pruntenden Gefchenten,
Der zwölfte und legte Monat un:
fere8 Jahres. Bei den alten Römern,
die ihr Jahr mit dem März anfıngen,
war er der zehnte gewefen, daher der
Name des Monats (vom lateinischen
decem, d. i. zehn). Karl der Große
hat für diefen Monat den Namen Heil:
mond aufgeftellt, weil in denfelben das
Feſt der Geburt des Heilandes fällt.
Die Deutfchen haben diefe Benennung
lange beibehalten, endlich ift Chriftmonat
an feine Stelle getreten, eine Benennung,
der auch Völker nicht chriſtlicher Con—
feffionen beigeftimmt haben. — Der
December ift in Mitteleuropa in ber
Regel der trübfte Monat des Yahres.
Der Tag fcheint zu verfterben, die we:
nigen Sonnenftrahlen, die durch den
Nebel brechen, in Eiszapfen zu erftar:
241
ren. In den Stäbten brennen die Gas:
flammen faft den ganzen Tag über.
Alle Feld: und felbjt die meiften Gar:
tenarbeiten find eingeftellt; der Land—
mann, muß er nicht noch im Walde ſich
das Wärmholz jchlagen, hat ſich ein-
gepuppt in fein Haus. Spinnen, Späne:
flieben, Bejenbinden und dergleichen
Heine Dinge find nebjt der Stallarbeit
feine Beihäftigung. Wohl eine ganze
Woche nimmt die Vorbereitung für die
„Feiertage“ in Anſpruch und fein Feſt
im Jahre feiert der Landmann fo cere=
moniös und pietätvoll, als das Weih—
nachtsfeſt. Die Kirche beginnt ein neues
Jahr, fie feiert in ihren nächtigen No:
raten den Advent, am 8. die unbefledte
Empfängnig Mariens und fiebzehn Tage
fpäter das Chriftfeftl. Der Bergmann
begeht am 4. Dezember das Felt feiner
Schußpatronin Barbara. Die fleinen
und großen Kinder treiben am 5. und
6. den gemüthlih tollen Niklo- und
Bartelfultus. Freunden des Spuf: und
Herenwejens zu Troft fommt die Tho:
masnacht als die längjte, und Sylvefter
als die legte geheimnigvolle Nacht des
Jahres.
Vom Himmel fallen dicht die Flo:
den, auf den Straßen fchellen die Schlit-
ten und ungen im freien formen
johlend ihr Ebenbild aus Schnee. Und
Adjwänke.
Ein Gefhihtlein aus dem Stubir:
zimmer.
Draußen im Schwabenland, fo um
Freiburg und Karlsruhe herum, ift es
der Braud, daß jeder Pfarrer feine
Köhin hat. Die Küche heift man dort
des Pfarrers Studirzimmer und den
Keller des Pfarrers Bibliothef. So
war's einmal im Studirzimmer, daß die
Köchin juft das Frühftüd für den Herrn
bereitete, Forellen mit Eier und Schnitt:
lauh drauf. E3 war nämlid Freitag
und der Herr Pfarrer hielt ftark aufs
Falten; der hätte um Alles in ber
Melt am Freitag fein Ochjenfleifch ge:
geſſen, umfomehr, als im Dorfe gar
‚fein Ochſenmetzger wohnte, fondern nur
\ein Kuhmeßger.
| Klopfts an die Küdenthür. Ein
Bäuerlein ftedte den Kopf herein und
getraute ſich das Uebrige, was nod)
‚daran hing, nicht recht nacdhzuziehen. Die
Dauern hatten vor der Jungfer Annas
Margreth einen fchauderlihen Reſpect
und fie wußten warum,
„Der Sepp-Toni !” rief die Ködin,
„was wollt ihr denn?“ und wendete
die Filhe in der Pfanne um, daß fie
brotzelten.
Da ſchob ſich das Bäuerlein vollends
bald kommt junger Wald hereingewan- zur Thür herein, ballte in den Händen
delt in die Stadt, in den Familien bes ſeinen Dreifpig: „Hätt' halt gern mit
ginnt ein heimlidy Treiben; in den Kin- | dem geiftlihen Herrn felber geſprochen.“
dern erwacht die Vorahnung einer herr: „Selber geſprochen! Natürlich, man
lihen, glüdfeligen Stunde. Und wir | meint, der Herr wär’ nur wegen eud)
Alle, Alle werden zu Kindern an jenem | Bauern da! Der Herr —“ und fie
heiligen Abend und die mitternächtigen | fchlug die Eier in die Pfanne, „wird
Glocken weden längftvergangene Zeiten | jest gleich feine Morgenandadt verrich—
in und auf. ten und da darf man ihn nicht ſtören!“
Dann acht Tage no, und zufries „So, fo“, murmelte der Bauer
den oder enttäufcht begraben wir das | mit einem finnenden Blid auf die Fo—
Jahr und ftreden unfere Arme fehnend |rellen, „will halt jpäter wieder fommen,
einem neuen entgegen, überſchwänglich wenn die Morgenandacht vorbei iſcht.“
an Furcht oder Hoffnung. Denn aud) „Na, fo was wollt's denn?” fragte
das neue Jahr bringt wieder die alte | die Köchin etwas freundlicher; fie hatte
Sonne und die alten Menſchen. in feiner Handein ledern Beutelchen erblidt.
„hät halt gern — — wiſſet Se,
Jungfer, von wegen meined Bruders
jeinem Sohn die Frau, der Marei
Rofegger’s „Heimgarten‘* 3. Heft. 16
242
ihrem Gefhwifterfind, Bärbele hat fie |
geheißen, für die möcht! ich gern ein’
Meß leſen laſſ'n —.“ Und der Bauer
that fein Beutelden auf, legte vier
Sechſer auf die Ede des Küchentifches,
„da ifcht auch gleich die Bezahlung —
's wird ſo recht fein.“
Die Jungfer ſchob mit dem Koch—
löfel die Geldſtücke auseinander, da
ſtieg ihr das Blut zu Geſicht: „Was,
ſechs Batzen und da noch ein Coburger
drunter! Seid Ihr verrückt? Na, das
wär’ mir! Da fönnten wir weit fommen
bei den theuren Zeiten. Um ſechs Baten
eine Mei! — Verftehts!” und fie ftellte
fi mit geftemmten Armen ihm fed vor
die Nafe: „Unter dreißig Kreuzern leſen
wir feine — gut ifts und aus iſts!“
„Halt ja, halt ja“, ſagte der vor
dem fuchtelnden Kochlöffel zurüdge:
ſchreckte Bauer, „ih laß’ mid) ja berich—
ten“, und legte nod einen Sechſer dazu.
„So, Toni“, drauf die Köchin, be-
fänftigt das. Geld in ihren Küchen:
ſchurz ſteckend, „am Sonntag nad) der
Predigt wollen wir fie leſen.“
—- „Das ift ſchon e Malefiz-Perſon,
die Anna: Margreth“, murmelte der
Bauer, ala er den Pfarrhof verließ.
„Die iſch durd. Ich erlebs noch, daß
die auf der Kanzel ſteht! Das Maul:
werk hat fie dazu.“
Der Bauer hat die Gedichte im
Adler erzählt. Und fo ift in derjelben
Gegend bis auf den heutigen Tag —
wenn man anbeuten will, wer in irgend
einem Haus die Hofen anhat -— das
Sprihwort geblieben: „Unter dreißig
Kreuzer lieſt fie feine”.
Spradliher Unterridt.
Das Du und Er und Ihr iſt in
der Umgangsſprache zwifchen nicht ver:
trauten Perſonen eigentlich ſchon abge:
fommen, aber der Herr Polizeidirector
von ©. hat immer nod die Gemwohn:
beit, faft Jedermann, ſelbſt adıtbare
Männer, mit Ihr oder gar mit Er an:
zureden. Bor Kurzem nun hatte ber
Herr Polizeidirector einen Mann zu
verhören, der fi durchaus artig und
böflih benahm, deſſen geſchmeidig ver:
ſchmitztes Weſen jedoch fo viel Verdacht
und Mißtrauen erwedte, daß der Poli:
zeimann im Zorne ausrief: „Ad, Er
iſt ein Spigbub!“
Ganz fühl und in belehrendem
Tone antwortete Jener: „Man fagt:
Sie find ein Spigbube, Herr Polizei:
director. !*
Tapfer!
's iſt immer ſchön, wenn man ſich
einer heldenhaften That zu rühmen hat;
und dem jungen Soldaten aus dem letzten
Kriege ſollte man, wenn ſchon nicht ein
Gedenkzeichen auf die Bruſt, ſo doch eins
auf die entgegengeſetzten Theile geben.
„Ja!“ ſagte dieſer junge Held,
„bei Weißenbach habe ich doch einem
Franzen die Beine abgehauen, daß es
nur gleich ſo!“
„Die Beine?“ entgegnete ein An—
derer, „warum nicht gleich den Kopf?“
„Ah, der war fchon fort‘,
Man weiß doch, wovon man fett
wird,
„Wie gehen fie e8 an, Better“,
fagte im Eifenbahncoupe ein magerer
Reifender zu feinem ſehr mwohlbeleibten
Nachbar, „wie gehen Sie es an, Better,
daß Sie jo prächtig ausjehen ?
„Ja“, antwortete der Dide, „das
ift feine Kunft — vom Kukuruz leb' ich.“
— Vom Kufuruz, — das ließ fi
der Magere gejagt fein. Kufuruz ift
ein nahrhaft Ding — fo will er fid
nun ftet3 mit dieſer Frucht ernähren,
damit er doch ein bischen was auf
feine Knochen befommt. —
Beiläufig nah einem Jahre kamen
die Beiden wieder zufammen. Der Wohl:
beleibte war ſeither noch dider, ber
Magere noch dünner geworden.
„Zum Kukuk“, Vetter, fagte diefer,
„jet würge ich ſchon feit einem Jahre
alle möglichen Kufuruzfpeifen hinab und
werde nur immer nody mägerer. Sagen
Sie mir dod, wenn Sie vom Kufuruz
243
leben, wie Sie fih die Sad denn zu:
bereiten, daß fie Ihnen fo gut befommt ?“
„Ei“, antwortete der Dice, „Jo mag
ich den Kukuruz nicht, ich füttere ihn den
Schmeinen und erft die Schweine effe ich.“
Und fo that ein Mann, der von
der naturwiſſenſchaftlichen Theorie der
Metamorphoje faum jemals ein Wört:
chen gehört hatte.
Die neue Statue.
Ein Lieferant — man muß juft
nicht wiſſen, was für einer — fam fid)
fo intereffant und nicht allein für die
Mit, fondern auh für die Nachwelt
fo bedeutend vor, daß er vor einem
Jahre in feinem großen Parke, in wel:
chem ohnehin ſchon viele fteinerne Figu:
ren von Löwen, Tigern, Adlern und
anderen Raubthieren ftanden, fih aus
Marmor die Statue feiner eigenen Per:
fon errichten ließ. 's ift ein fchönes
Kunftwerf geworden ; der Lieferant führt
feine Gäfte gerne in den Park, um es
bewundern zu laſſen.
So aud an einem der Dctobertage,
die dies Jahr fo ſchön waren. Der
Lieferant hatte einen General und einen
Negierungsrath bei ſich und als er mit
ihnen im Parke wandelte, glüdlic über
das Lob, welches die Herren feiner
Statue ſchenkten, fchritten zwei Bauern
durh das offene Thor,
folder Gelegenheit ebenfall3 die Herr:
lichkeiten zu bejehen.
„Aha“, flüfterte der Lieferant, „da
fommen aud ein paar; möchte doch
willen, welchen Eindrud die neue Statue
auf ſchlichte Naturmenfhen madıt. Bitte,
treten wir auf einen Augenblid hinters
Gebüfch und hören wir, was fie fagen.“
Es geſchah. Die Bauern traten
näher und fahen lange mit offenen
Augen und Mund auf das Steinbild.
„Sauber ift er wohl“, fagte der
Jüngere, der feines aufrechten Ganges
wegen Soldat zu fein ſchien, „es wun—
dert Einen nur von fo einem Herrn,
daß —“
„Was meinſt?“ fragte der Aeltere.
um ſich bei |
„Weißt, Hanns, ed ftaunt mid)
daß er feine Handſchuh' anhat‘.
„Ah geh’, fagte der Andere, „der
braucht feine Handſchuh', der hat ja
feine Hände immer in unferen Tafchen.‘’
nur,
Warum fol ich’s leſen?
Der alte franzöfiihe Schriftiteller
Fontenelle begegnete einft einem ihm
befannten Dichter, der mit glühenden
Mangen, bebenden Lippen und mwüthen:
den Geberden in einer Flugſchrift las.
„Was gibts, was gibts?‘ redete
diefen Fontenelle an.
„Eine Schmähſchrift gegen mich‘,
ftieß Jener hervor.
„Und darum ſo erhitzt?“ fragte
Fontenelle, ‚‚lieber Freund, fommen Sie
mit und trinfen Sie ein Glas Wein
bei mir.”
Und als fie beifammen faßen und
Mein tranfen, rief Fontenelle plötzlich
feinem alten Bedienten: „Jakob, bringe
mir den Schlüffel vom großen Koffer !‘'
Der große Koffer war ein unge:
heurer Kaften, der faft eine ganze
Wand bevedte. Fontenelle öffnete ihn;
der Kaften war mit lauter Heften und
Büchelchen angefüllt. ‚Sehen Sie“,
fagte der Greis zu feinem Gajte, „das
find lauter Kritiken und Schmähſchrif—
ten, theild gegen meine Perfon, theils
gegen meine Werke.
| „Iſt Das möglich!’ vief Jener und
jetzt ſah er erft, daß die Brojchüren
nicht einmal aufgefchnitten waren. „Es
ſcheint, Sie haben von diefen Schriften nicht
eine einzige geleſen!“
„Warum fol ich fie leſen?“ fagte
Fontenelle, „das Gute, das fie etwa
‚enthalten fonnten, erfuhr ich fiher und
'fchon viel früher von meinen Freunden
und fonnte es benügen; das Schlechte
und Biffige würde mid) nur geärgert
haben. Meine Ruhe war mir viel zu lieb.“
Fontenelle ift hundert Jahre alt
geworden — das wäre faum von ihm
zu fagen, hätte er den Geifer der gif:
tigen Zungen nicht zu meiden gemußt.
16*
244
Rüder.
Geſchichten aus Tirol und Oberbaiern
von Joſef Friedrih Lentner (weite
Auflage), Verlag von Emil Baenih in
Magdeburg.
Zu Anfang der Fünfziger = Jahre
erfchienen die „Geſchichten aus den
Bergen“ von dem bairischen Dichter J. F.
Lentner, Sie fpielten in Tirol und Ober:
baiern. Die meiften derfelben waren ent:
ftanden noch bevor Auerbad) die „Dorf:
geſchichten“ entvedt hat; fie find mohl
nod unberührt von jenem ®eifte, der
ſpäter die Dorfgefchichte zur Runftnovelle
erhoben hat, aber aud noch frei von
jenen Clementen der Sentimentalität
und der Neflerion, die fpäter die Dorf:
geſchichte wieder gefährdeten. Lentner's
Gefhichten waren furz in der Form
und wahr im Inhalte; fie haben ihre
Freunde gefunden und waren feit jahren
im Buchhandel nicht mehr zu haben.
Da veranlafte mi im lettver:
gangenen Sommer der erleger der
„Geihichten aus den Bergen“, Herr €.
Baenfh in Magdeburg, von dieſem
Lenter'ſchen Buche eine zweite Auflage
herauszugeben. Wir verftändigten uns,
ob und inwieweit dad Buch umgear:
beitet und für die heutigen Tage zurecht:
gerüdt werden folle. Als ich mich jedoch
an eine wiederholte Durchficht der Ge:
ſchichten machte, fand ih, daß bier
nichts geändert werden dürfe. Das nahm
mich zwar bei den eigentlichen Dorf:
geihichten und Sagen nidt Wunder,
denn jolche, echt und ewig Menjchliches
behandelnd, bleiben immer das, was fie
find, und merden verjtanden fein zu
jeder Zeit, ganz bejonders heute, da die
Ziteratur fi immer mehr dem Realen
und dem Volksthume zumendet. Doc
findet fih im Lentner'ſchen Buche ein
Anhang, der eigentlih nicht zu den
Dorfgefchichten gehört, den wir „Som:
merfrifchleben“ bezeichnen, und von dem
ich fürdhtete, daß er — mohl fchon in
den Vierziger-Jahren verfaßt und viel
| philofophirend — heute nicht mehr in der
Gunft der Geifter fein dürfte. — Ich
habe den Streichftift umfonft gefpigt.
Die touriftiichen Plaudereien über die
Umgebung von Innsbruck und Bozen
fönnten in vieler Beziehung gejtern ge:
fchrieben fein. Und ſelbſt das, mas ge:
wiſſermaßen bereits veraltet, wollteich nicht
ausfcheiden, weil es durch die mißige
und Humoriftiihe Schreibmweife immer
noch unfer Intereſſe beanfpruden darf.
Menn und Lentner in feinen „Gefchichten“
als jchlichter, treuherziger Bauernpoet
entgegentritt , in feinen anmuthigen
Schilderungen, tragifhen Bildern und
Iuftigen Schmwänfen nicht über den Kreis
des bäuerlichen Fühlen®e und Denkens
hinausjpringt, hingegen innerhalb des:
felben um fo padender wirkt: fo haben
wir im „Sommerfrifchleben“ den tief:
gebildeten und erfahrenen Weltmann
vor uns, der die großen Zuftände des
menſchlichen Denkens, Schaffens und
Ningens dem Dorfleben und der unent-
mweihten Alpennatur gegenüberitellt. Und
dabei — wo er geht und fteht, ſei's im
Thale des Inn, ſei's auf dem Mittel:
gebirge bei Innsbruck, ſei's auf dem
luftigen Nitten, fann er das Fabeln nicht
lafien. Und fo vernehmen wir im frohen
Wandern mit dem Moeten bald Die
treffendften Charafterifirungen und Er:
läuterungen des Volkslebens, bald pathe:
tiſche Reminiscenzen aus der Geſchichte,
bald die anmuthendften Sagen undMärchen
Tirols. Lentner iſt ein redlicher Schat:
gräber auf den irrlihtumgaufelten Un
‚gründen des Volfsthums, der Volta:
‚phantafie in Sage und Märden; frei
von den Schladen tendenziöjer Zuthaten
weiß er das Goldkorn zu heben und fo
in feinem Buche ein Schapfäftlein uns
zu bieten, das wir ehren und wahren
mögen als Kleinod von einem der
waderjten Stämme des deutfchen Volkes,
als gerettete® Bruchtheil des in den
Abgrund gemworfenen Nibelungenjhates.
Bei Wiedereinführung eines jolden
Werkes ift dem Herausgeber befondere
Gewifienhaftigfeit geboten. Ich erlaubte
mir nur etlihe Sätze zu glätten, einige
245
Fremdwörter durch deutfche zu erfegen,
ein paar Gapitelüberfchriften zu ftellen
und den Haupttitel zu ändern. Der ur:
fprüngliche Titel des Buches : „Gefchichten
aus den Bergen” war mir für unfere
dorf: und berggefchichtenreiche Zeit etwas
zu wenig genau; aljo taufte ih, den
Schauplag der Darftellungen näher an:
deutend, das Buch:, Geſchichten aus Tirol
und Oberbaiern.“
So weit unterridtet, möchte der
Lefer nun wohl aud fragen nad) einer
Kunde über das Leben Joſef Friedrich
Zentnerd. Unfere Literaturgefchichten find
hierin recht verfchwiegen und berühren
nur furz, doch anerfennend des Mannes
Bedeutung als Volksfchriftfteller. Einige
biographifhe Nachrichten habe ich mir
von dem perfönlihen Freunde des
Dichters, Herrn E. Baenſch, erbeten.
Joſef Friedrich Lentner ftammt aus
Münden, wo er aud feine Ausbildung
empfing. Er follte Theologie ftudiren,
doch die Schwarzröde verleideten ihm
das Handwerk. Sein frifcher Geift ließ
fih nit niederhalten, er wendete ſich
ber Kunft zu. Er war ein großer Freund
der Natur, wurde Landfchaftsmaler und
hielt fi gern in Tirol auf. Auch be:
ſchäftigte er fich viel mit Literatur, und
auf eine Protection des damaligen Kron-
prinzen Marimilian und bes Herzogs
Marimilian in Baiern wurde Lentner
mit fchriftftellerifchen Arbeiten betraut.
Er bewohnte auf Koften feiner hohen
Gönner abwechſelnd die Schlöffer Poflen:
hofen , Berdteögaden und Hohen:
ihwangau. Im Revolutionsjahre ging
er nah feinem geliebten Meran, um
feine angegriffene Gefunbheit zu ftärfen.
Wenige Jahre hierauf erlöfte den noch
jungen Mann der Tod.
Außer den Gefchichten erfchienen von
J. 3. Lentner „Das Tiroler Bauern:
ſpiel“ (1841), „Ritter und Bauer“,
Roman in vier Büchern (1844), und
dad „Novellenbuh“ (1848).
AM diefe Bücher find heute ver:
griffen und dürften wohl, zum größten
Theile wenigftens, neuer Auflagen mwerth
fein.
Lentner’3 Geiftesfinder find — wie
ihr Vater jelber gefteht „etwas
zigeunerhaften Urfprungs. Sie find ge:
boren in vieler Herren Länder: in dem
alten hemdärmeligen München mit dem
Bierfruge, im bairifchen Oberlande unter
dem Sennhüttendad, oder neben dem
Himmelbettlein eines alten Schlofjes
ftand ihre Wiege; eines kroch Hinter
einem böhmifhen Zaune hervor und ein
anderes genof feine erjte Bildung unter
den Studenten von Padua. — Seht
fteht das Häuflen am Pulte; fie follen
in die Melt hinaus. Es erübrigt nichts,
als fie mit dem beften Segen ihrer Wege
zu jchiden. In ihrem neuen Xeip-
ziger Mefrödlein werden fie fih dem
Lefer vorftelen und eben ſchwätzen,
wie ihnen der Schnabel wuchs. —
Was feine Lebensart anbelangt, ſtehe
ich für nichts, aber Eins möchte ich ihnen
nachſagen dürfen: 's find gute Kinder
— und mit einem Stüd Schwarzbrot
nebjt freundlichem Geberblid jo zufrieden,
wie mit Marzipan und gnädigem Stirn:
küſſen.“
Lentner hat mit Adalbert Stifter
Manches gemein; wie dieſer war er
dem prieſterlichen Stande beſtimmt, wie
dieſer gab er ſich der Malerei hin, wie
dieſer wich er vielleicht abſichtlich der
Revolution aus. Auch in ſeinen Schriften
zeigt Lentner eine gewiſſe Verwandtſchaft
mit dem Dichter der „Studien“, beſon—
ders in der Objectivität ſeiner Geſtalten,
in ſeiner liebevollen Natur- und Cha—
rakterſchilderung und im feinen Humor.
In ſeinem Erzählen von Sagen hingegen
erinnert Lentner an Peter Hebel. Und
ſo mag er wohl auch, wie die beiden
genannten Dichter, ein lieber Hausfreund
der deutſchen Familien werden.
P. A. Roſegger.
246
Wohlthäter der Menfchheit.
Herausgegeben von Franz Otto, Leipzig Hermann
Otto Spamer. (Zweite Auflage.)
Nichts ift geeigneter, empfängliche
Gemüther zu dem Idealen hinzuleiten,
den jugendlihen Sinn mit Liebe für
das ewig Wahre und Schöne zu er:
füllen, als die Betrachtung des Lebens
großer Menfhen. Darum ijt befonders
für die Jugend das vorgenannte Buch
nicht genug zu empfehlen. Dasselbe führt
eine Anzahl wahrer Freunde der Menfch:
heit, Kämpfer für die Cultur und Hel-
und bemweift die Wahrheit der Worte
Zinggs:
Von Aegyptens Pyramiden
Bis zu Delphi’s Priefterin
Und zu Ganges’ Tempelfrieden
Serrfhe einer Lehre Sinn:
Troft zu fpenden, Schmerz zu lindern,
Licht zu weden weit und breit,
Freiheit allen Erdenkindern,
Freiheit, Liebe, Menſchlichkeit.
Juſchu.
den des Friedens vor. Den Blicken Tagebuch eines Schaufpielers. Roman von
des jungen Leſers zieht eine Reihe der Hans Hopfen. Verlag: Eduard dallberger,
verehrungswürdigſten Menſchen vorüber.
Da kommen: der edle Prieſter Las Ca—
ſas, der chriſtliche Sendbote und uner: |man das Bud)
Indianer; | bleibt fühl.
müblihe Fürſprecher der
Stuttgart.
Mit vielen Erwartungen beginnt
zu leſen und
Das ift wieder einmal
Friedrich von Spee und Chriftian Tho: |ein Tagebuh, das immer nur für den
mafius, die Belämpfer des Hexenweſens | da zu fein fcheint,
(Siehe Seite 196 des „Heimgarten“);
Auguft Hermann Frande, der Armen:
und Waifenfreund; der Abbe de l'Epée,
Samuel Heinide und Valentin Hauy,
die MWohlthäter der Taubftummen und
Blinden; Peſtalozzi und Salzmann, die
Neformatoren des Unterrichtes deutfcher
Jugend und freunde der Erzieher ;
Sellert, der Fromme Sänger und Lehrer;
Ernft Ludwig Heim, der leidenden Menſch—
heit Beiſtand; William Wilberforce, der
Fürfprecher der Negerfllaven ; Fröbel,
der Begründer der Kindergärten; Die:
fterweg, der wadere Pädagoge; Nathu:
fius, der Gefhäftsmann, wie er fein
ſoll; Sir Dſchamſidſchi Dſchiſchibhoy,
der Wohlthäter Indiens; George Pea—
body der Wohlthäter Englands und
Nordamerikas; Guſtav Werner, der
hilfreiche Begründer vieler Wohlthätig—
keitsanſtalten und endlich eine Gruppe
edler Frauen, Schutzengel der Gefan—
genen, Gefallenen, Kranken und Ver—
wundeten. — Mehrere tüchtige Schrift—
ſteller im Vereine haben das Buch ge—
ſchrieben und Otto Spamer, der Bücher:
mann der deutſchen Jugend, hat es mit
der es geſchrieben
hat. Man will ſich nicht weiter zwin—
gen, ſondern die Zeit für ein ande—
res, intereſſanteres Buch eignen. Aber
dieſes Tagebuch eines Schauſpielers aus
der Hand zu legen, will ſeltſamer
Weiſe auch nicht gelingen. Man lieſt
wieder ein Stück weiter. Lauter Schil—
derungen, Betrachtungen, Geſpräche,
Tändeleien — und es geht nichts vor
von alldergleichen, was ſonſt einen Ro—
man ausmacht. Wieder will man das
Buch fallen laſſen — ſiehe, es klebt
an der Hand, die Finger halten es
feſt und nun werden wir uns der Um—
ſtrickung und Spannung bewußt, die
uns bereits gefangen genommen hat.
Lebendig wird unſer Intereſſe für die
wenigen Perſonen, die in dem Buche
vorkommen und deren eigenartige Cha—
raktere mit bewunderungswürdiger Mei:
ſterſchaft geſchildert ſind. So ſeltſam
haben ſich die Dinge allmälig gewen—
det, daß unausbleiblich iſt eine ſchwere
Kataſtrophe, der wir raſch und raſcher
über die Zeilen hin mit fiebern—
dem Athem entgegeneilen. — Plöglich
ft fie da mit erfchütternder Ge:
vielen Bildern ausgeftattet. Für Yung | malt — und nun erft weiß man, warum
und Alt anregend zu leſen, rechtfertigt | daS Buch gejchrieben worden iſt. —
diefes ſchöne Weihnachtöwerk fein Motto | Der Roman fpielt in der Kaiferftadt an
247
der Donau. Er führt unter Schaufpie:
ler und Mebdiciner und ftellt uns be:
ſonders die leteren mit einer ſolchen
Wahrheit und FFeinheit vor, dak wir
in Hans Hopfen wohl entfchieden einen
der allerbejten Charalterzeichner unferer
Zeit begrüßen fönnen. Zudem fcheint
uns in Hopfens Dichtungen der Rea—
lismus jhön und natürlid mit dem
Idealen gepaart. Warm anheimelt uns
der Schlußſatz feines Romanes „Juſchu“:
Zufall? und wenn aud wirflih nur
diejer ? Sit denn der Zufall etwas Ge:
ringeres, als der Fleine Finger an ber
Hand des allmächtigen Gottes ?!
Deutihe Hochlandsgeſchichten.
Von Auguſt Silberftein. Verlag: Eduard
Hallberger, Stuttgart,
Auguft Silberftein ift es, der das
jo beliebt gewordene Genre der Dorfge:
ſchichte in Defterreih eingebürgert hat.
Und unjer Alpenland ift unermeßlich
reich an poetifchem Volfsthume; es wa—
ren vergrabene Schäße, erft die „Dorf:
ſchwalben“ haben davon gefungen. Dann
famen die Schatgräber all und gruben
— Viele unfundig, in taubes Erdreid,
Manche auf wunderbar ergiebigem Bo-
den der Urjprünglichfeit. — Und als
Eilberftein nah Jahren wieder als
Dorfgeihichtenerzähler kam, ſchien er
äußerlich nicht mehr jo eigenartig, hin:
gegen unterfchied er fich durch die künſt—
leriiche Vollendung feiner Geftalten um
jo vortheilhafter von feinen Epigonen.
Die „Hochlandsgeſchichten“ („Der Gems—
jäger vom Atterſee“, „Auf der Alm
des Salzburger Gaisberg“, „Chriſtkindl
im Schnee”, „Das Kräutlein Widertod‘,
„Die Schifferdirn‘, „Der Hochzeitsbit—
ter”, „Der Salzgräber von Halljtadt‘‘
und „Der Schuß bei Zell am See‘‘)
find Prachtſtücke der Dorfgeſchichte. Wer
Silberſtein noch nicht fennen follte, dem
rathen wir nur, das „Chriſtkindl im
Schnee” zu lefen und er wird einen
liebtrauten Erzähler und Freund ge:
funden haben, von dem er fi fobald
nicht mehr trennen mag.
Ziroler Bolkstypen.
Beiträge zur Gefhichte der Sitten und Klein-
induftrie in den Alpen von Dr. Ludwig
vb. Hörmann, Verlag Earl Gerold’s Sohn,
Wien.
Mit Spannung erwartete man die:
jes Merk eines der gründlichiten Kenner
Tirols. Die Volkskunde ift durch das:
jelbe um einen hochſchätzbaren Beitrag
reiher geworden. Volfögeftalten, die
uns bisher in der alpinen Literatur nod)
jelten oder gar nicht begegneten, treten
uns entgegen: die Robler und Dör-
cher, die Saltner, Züchner und Granat:
ler, die Montafoner Krautfchneider und
die Ameifenheren — das find neue,
und jedem Freund des Volksthums
willflommene Gäfte, wenn fie uns ein
Führer, wie Hörmann es ift, vorftellt.
Ein ſolches Bud ift eine That nicht
bloß für heute und morgen — es hat
bleibenden Werth.
Geſchichte der Peſt in Steiermarf.
Bon Dr. Ridhard Peinlich, Graz, Verlag
des Daupt-Stadtpfarramtes.
Bis zum Auguft des Jahres 1875
ftand auf dem Hauptplage zu Graz ein
Denkmal aus der Meftzeit, die Drei:
faltigfeitöfäule. Die Entfernung diejer
Bildfäule regte zu Betradhtungen und
zum Studium über die furchtbare Geißel
an, welche einft die Völker heimgefucht
hatte, und fo gab uns Dr. Richard
Veinlih ein Werk, für welches die Hi—
itorifer und die Freunde der vater:
ländifhen Geſchichte ihm nicht genug
danken können. Schon der erfte Theil
des Werkes berechtigt zu Ddiefem Aus:
ſpruche. Derfelbe ift theils einleitend
und lehnt fih an die Geſchichte der
Peſt im Allgemeinen, er ſpricht von dem
Weſen der Peſt und ihren Drangfalen,
von den Urfachen der Peſt und der Infee—
tion, von der Contagion (Uebertragung
und Vererbung), von den Vorzeichen
der Peſt und von den Vorkehrungen
gegen diefelbe. Wir finden in dieſen
Darftellungen nicht bloß den Fleiß des
Forfhers und Sammler (in unferem
hronifenarmen Lande all die nöthigen
248
Quellen aufzufinden, war gewiß feine
Kleinigkeit), fondern auch ein tiefes
Verftändniß jener längjt vergangenen
Zeit, deren Denfmale, weil fie jo
häufig an Drang und Trübfal ge:
mahnen, den Kindern der heutigen
Tage nicht behagen. Mögen wir, von
unferen neuen Errungenfdaften etwa
übermüthig gemacht, nicht jpotten über
unfere Vorfahren, die ihre befte Kraft
und ihren ganzen Scharffinn zur Selbit:
vertheidigung gegen wilde Feinde aller
Art verwenden mußten. Peinlichs Bud)
it fo reich an intereflanten Ein:
zelnheiten, daß und aus demjelben ein
Hares, freilih alzu düfteres Bild aus
jener Epoche aufgeht. Die mebicinifchen,
polizeilichen, religiöfen und allgemein
wiſſenſchaftlichen Zuftände des 16. und
17. Jahrhunderts, die verſchiedenen
Zandplagen jener Zeit treten und vor
und die Wirkungen derfelben auf das
menſchliche Gemüth und auf die volf3:
wirthſchaftlichen Beftrebungen. In dra=
ſtiſchen Zügen ift Vorurtheil und Aber:
glauben des Volkes und der Gelehrten
gefhildert und — mas bejonders zu
bemerfen — dieſes Alles ift mit jener
ftrengen Objectivität behandelt, die lei:
der bei den Geſchichtsſchreibern immer
feltener wird und den Autor eben dort
fo gerne verläßt, wo es fih um Bar:
teiftandpunfte dreht.
Den zweiten Theil diefes verbienit-
fihen Werfes erwarten wir mit Span
nung, er wird die Peftchronif der Steier⸗
marf enthalten. Der Neinertrag diefer
Schrift ift einem fünftlerifhen Zwecke,
Stadtpfarrfirche in Graz gewidmet. Bei
der Gefchmadlofigfeit des Baues und
der inneren Einrichtung unferer Kirchen,
die fih bis in die jüngften Tage herauf
in jo unglaublicher Weife breit gemacht
bat, begrüßen wir diefe fpecielle Beſtim—
mung des Buches mit befonderer Freude.
Poftkarten des Heimgarten:
M. Sch. in Badenweiler. Herzlichen Dank
für ihr Wohlwollen. Leider liegt Ihr freund-
licher Eurort dem Intereffe unferer Lefer zu
ferne, als daß wir von Ihrem Anerbieten Ge-
brauh maden könnten.
R. in 6. Als Neuling madhen Eie keine
ſchlechten Berfe, doc vergeflen Sie über der
Form den Inhalt. Wer nad dem Krug greift,
den dürftet nah Wein,
3. 3. in A. Der Styl Ihres Begleit-
ſchreibens fchredte uns ab, das Manufcript
zu lefen. Wiefo famen Sie auf die Idee, daß
Sie ein Dichter wären ?
3. 3. in 6. Sie dichten Waffer, ja wenn
ed noch reines Waſſer wäre!
Herrn R. 3. R. Wien. Fahren Sie nur
fort. Solche Peffimiften, die fid an den Be-
ftrebungen und Erfolgen Anderer freuen Eön-
nen, find uns ftets willtommen.
$. M. Im Stadtpark haben Sie am 6.
November 1876 gedichtet, dab, wie die Blätter
vom Baume fallen, fo aud die Menfden
fterben müffen. Wir find auf Ihren Wunſch
gerne bereit, dieſe traurige Wahrheit öffent-
li zu conftatiren.
Dr. &. 3. in Trieſt. Viel zu troden und
ftizzenhaft für unfere Zwecke.
Herrn W. 3. in 3. Ihr Dialektgedicht
wißig; nur Schade, daß Sie feinen volfs-
thümlichen, urfprünglichen Stoff gewählt haben,
fondern in der naiven Sprade des Landvol-
tes für Offenbachs „Schöne Helena” Propa-
nämlich der Nenovirung der Haupt und | ganda madyen.
Drud von Leplamsofefsthal in Graz. — Für die Nebaction verantwortlid P. A. Kofegger.
— -
Jänner 1877.
Es HA, 2. Marla
E Se a
— — —
Ein Weg zur Schuld.
Erzählung aus dem Bolfsleben von P. R. Roſegger.
Beim Wiefenwirtd am Zechtiſch junge Mann beim Wieſenwirth hat
fauern zwei Männer und fchnarchen. auch ſchon eines. Es ift die fchöne
Man fieht von ihnen nur die ftruppi-
gen Häupter, das eine röthlich behaart,
das andere grau. Die Gefihter find
in bie Aermel gepreßt. In den halb:
geleerten Weingläfern, die davor auf
dem Tiſche ſtehen, jchwimmen ein
paar ertrunfene Fliegen.
Bei einem andern Tiſch, der am
d
wächſt
Wirthstochter, die Walpa, die feurige
Augen hat und jenes reiche, rothbraune
Haar, das nur auf den Häuptern
er Heißblütigſten und Begehrſamſten
AS die Walpa dem jungen Tou⸗
riſten das Weinglas vorgejeßt, hat er
ihre Fingerchen erhajcht, hat fie hier-
Dfen fteht und der eigentlich eine Bett: auf an der Hand gefaßt und weiß an
ftatt ijt, welche des Tages mit einer ihren nadten runden Armen immer
Holzdede überfchlagen eine Gafttafel | weiter hinanzutaften. Beim Grübchen
bildet, fißt ein junger Mann, ber des Ellbogens angelangt, jagt er ihr
bäuerlihe Kleider trägt, fonjt aber
recht ftäbtiich ausfieht. Er hat bie
Haare glatt nah rückwärts gefettet,
jo daß fie in der Mitte ben ſchnee—
weißen Scheitel bilden und er trägt
etwas feingefämmten Badenbart. Er
Teint zu ber neuzeitlichen Secte der
ZTouriften zu gehören, welche auf allen
einen Schrei aus, denn fie it „brem—
ſelig“. Die beiden Schläfer fchlafen
behaglich weiter.
Des kecken Stäbterd weiße Hand
umfpannt des Mädchens Oberarm, jo
weit das Hemd zurüdgeichlagen ift;
dann will er fie niederziehen auf fei-
nen Schoß, der heute ja in einer Dis
hohen Bergen herumklettern und alle| den Vockledernen ftedt. Das Mädchen
hübſchen Landmäbchen beunrubigen. Der
Bofeggers „Heimgarien“ Heft 4.
fträubt fih eine Weile, dann fügt es
17
ih doch; Walpa ift Schon manchem
Burſchen auf dem Leber geſeſſen.
250
Das Mädchen deutete auf jenen
der Schlummernden, der die grauen:
Manche Gäſte haben das gern und) den Haare hatte. — „Was darf ich
schen bafür umſo waderer und der | bringen ?”
Wieſenwirth kann es feiner Tochter
nicht oft genug ſagen: Nur fort hand—
ſam ſein mit den Gäſten und unter—
haltſam — man weiß heutzutag, ſeit
die Poſtwägen aufgehört haben, ohne—
hin nicht mehr, wie man die Kreuzer
in's Haus bringt.
Da nun die Walpa auf ſeinem
Schenkel ſitzt, ſchlingt der junge Fremde
— ſie kennt ihn gar nicht, er iſt
das erſtemal im Hauſe — ſeinen Arm
um ihre Geſtalt, beugt fein Haupt
jo nahe zu ihrem Gefichte, daß ſein
Athemhauh ihre Wangen bethaut.
Dann jagt er leife das Wort: „Aber
Du gefallit mir, Mirzel!” In Steiers
marf, meint der Touriſt, müfje jedes
Bauernmäbchen Mirzel heißen. Die
Walpa date, weiß er meinen Namen
nicht, jo braucht er ihn auch nicht
zu willen. „So“, jagte fie, „will ber
Herr noch einen Wein?“
„Einen Kuß!“
Wenn Der nicht mehr als ein
Seitel trinkt, dachte Walga, jo iſt es
nicht ber Mühe werth, daß ih auf
feinem Knie fig’, und machte fich mit
einem entfchiedenen Ruck los. Er er:
haſchte fie und raubte ihr einen Kuß;
fie blieb dabei anfcheinend falt, wie
eine Marmorjäule Aber aus ihrem
Auge ſprühte ein Feuerftrom, vor
welhem dem Gtäbter graute. Haß
oder Liebe? Er wollte e8 unterfuchen,
da traten zur Thür drei Männer ein.
„Ich komme wieder, mein Kind“,
jagte der junge, hübjche und jo freund:
lie Städter, ihre Hand drüdend und
ein gutes Trinkgeld reichend, „bleib’
gefund, Mirzel, wir werden noch recht
befannt werden miteinander, Adieu,
Schatz!“
Er ging und die Angekommenen
traten in Herrſchaft.
„Der Wieſenwirth daheim?“ fragte
Einer der Dreie.
„Weckt ihn auf!“ gebot einer der
Ankömmlinge.
„Wenn die Herren mit meinem
Vater was zu ſchaffen haben“, ſagte
die Walpa, „ſo müſſen Sie wohl ein
anderesmal kommen. Heut' iſt's nichts, er
iſt ganz —“. Sie machte eine Geberde
gegen die Stirne, anzeigend, daß der
Mann heute nicht zurechnungsfähig.
„Wieſenwirth!“ rief der Mann
und ſchlug mit dem Stock auf den
Tiſch, „die Schätzungscommiſſion iſt
da!“
Der Wirth pfuſterte, hob ein wenig
ſein roth angedunſenes verſchlafenes
Geſicht, murmelte etwas, dann ſank
das Haupt wieder auf den Arm nieder.
„Laſſet ihn“, ſagte ein Anderer,
„wir haben ja Alles ſchon in dem
Protokoll, wir wollen heute nur die
Objecte mit Beſchlag legen. — Du,
Mädchen, biſt wohl die Tochter. Nimm
die Schlüffel und fomme mit uns.
Auch ein Kerzenlicht brauchen mir.”
Die Walpa wußte ſchon, was es
geſchlagen. Die ganze Feine Wirth:
ichaft war verfchuldet. Wenn fchlechte
Zeiten find, dann mag das Wirths—
töchterlein den Gäften auf den Knieen
boden wie fie will — es gibt nichts
aus.
Die Gerihtsmänner durchſtöberten
Kiften und -Käften, Vorrathsfammer
und Keller, brüdten überall das Amts—
jiegel auf und dann gingen fie ruhig
wieder davon.
Da mar es öde im Wirthshauſe,
die Walpa jaß auf der Ofenbank und
ſchluchzte.
Endlich, als in der Stube die
Dämmerung des Abends zu herrſchen
begann, regte ſich der Schläfer mit
dem fuchsrothen Haupthaar und ver—
langte Wein. Es war ein Mann von
etwa fünfunddreißig Jahren, knochig
und rauh von Figur. Die Wangen
und das Kinn waren glatt raſirt,
851
der rothe Badenbart unter den Obren
und ber Schnurbart ftanden jteif und
ftruppig; die Augen waren grau und
tiefliegend und die Knochenwände, bie
darüber hervorftanden, ließen wohl den
eifernen Willen vermuthen, der in die—
jem Kopfe ſchlummerte. Im Webrigen
waren die Züge jo wie bei anderen
Bauersleuten, und doch wieder anders;
fie waren abſtoßend und doch inter:
eſſant. Als er feine Augen vieb und
das Mädchen erblidte, nahm er eine
freundliche Miene an.
Jetzt wachte auch der Graufopf
auf und ſchrie nach Wein.
„Ihr habt zu lang geſchlafen“,
jagte Walpa, „dieweilen find Gerichts—
leut' dageweſen und haben Alles ver—
petſchirt.
„Herr Jeſſes! bei den Weinfäſſern
werben fie doch ‚nicht geweſen ſein!“
„Freilich, auch bei den Wein:
fäſſern.“
„So bring’ einen Holzapfelmoſt!“
befahl der Wirth.
„Ja“, jagte das Mädchen, „das
Moftfafjel Haben fie auch verpickt.“
„Himmelherrgottsdiru, jo trag ei:
nen Branntwein her!”
„Iſt Alles verichmiert, Vater, und
‘hr denkt nur fort an's Trinken,“
„Ra, jo bring’ was zu eſſen?“
„Ja, zu effen haben mir freilich
auch nichts, das Mehlfaftel und der
Schmalztopf find verfiegelt. Wir find
fertige Bettelleut’.“
Jetzt wurde der Wieſenwirth nüch—
tern. Zuerſt polterte er mit dem Mäd—
chen, daß es Alles habe verſiegeln laſſen,
dann fluchte er über das Gericht, über
die Gläubiger und über die ganze
Welt; ſchließlich fragte er, ob ein Strick
noch im Hauſe wäre, er hänge ſich auf.
Der Andere, der neben ihm erwacht
war, lächelte hämiſch und murmelte:
„Biſt ein verzagter Steffel, Du. Weißt
ja, daß Du einen guten Freund haſt.
Ich bleib' auch jetzt noch bei meinem
Wort, und wenn Du ja ſagſt, Wirth,
ſo reiß' ich Dich auf eins zwei aus
der Klemm'.“ Er riß eine bauſchige
Bruſttaſche aus dem Sack.
„Was hilft mein Jaſagen, Du
Tropf, wenn die Dirn nicht will!“
„Wenn die Dirn nicht will —
nachher — — iſt's freilich was An—
ders,“ ſagte der Rothaarige und ſchob
die Geldtaſche wieder ein.
Der Wirth war aufgefprungen und
hatte feine Tochter bei der Hand ge:
faßt. „Walpa,“ ſagte er, „laß’
noch einmal mit Dir reden. Schau,
zweiundzwanzig Jahr bift alt. Schöner
wirft nimmer. Stolz jein, das tragt’3
Dir nicht; 's ſelb' magft mir ſchon
glauben. Jetzt freilich noch hupfen Dir
allerlei Mannerleut nad. Die werben
Dih bald nicht mehr kennen. Nur
zum Zeitvertreib bift ihnen gut, hei—
raten will Dich eh’ feiner. 's wird
Dich reuen, fo viel Du Haar auf dem
Kopf haft, wenn Du jetzt beim braven
Seizmüller nicht ja jagt.“
Das Mädchen hielt die Schürze
vor das Gefiht, und ja jagen von
Herzen, das könnt’ fie halt nimmer.
„Was willft denn anheben?” fragte
fie der Vater. „Vielleicht morgen ſchon
fommen jie und werfen uns aus dem
Haus. Du kommſt, wenn's gut ge:
räth, in einen harten Bauerndienft ;
wirft nicht zu lachen haben dabei.
Und Dein alter Vater geht mit dem
Betteljad um.”
Seine Augen waren immer naß
und roth unterlaufen, an ihnen war
eine Gemüthsbewegung nicht zu merken.
Hingegen weinte Walpa bitterlih und
der Nothhaarige — das war ja ber
Seizmüller — trommelte mit den Fin:
gern auf dem Tiih. —
Noh am jelben Abend lief bie
Malpa zu der Nahbarin: „Thorhof:
bäurin, ein Stein liegt mir auf...”
Und fie ſchluchzte.
„Maria und Joſef, Walpa, was
ift denn geſchehen?“
„Weiß mir nimmer zu belfen.
Heut’ haben fie uns Alles verfiegelt
und jegt ſoll ich den Seizmüller neh:
men.”
17*
252
„Was ſagſt?“
„Der Seizmüller gibt das Geld
ber, wenn ich ihn heirate, und daß ſich
mein Vater wieder kunnt heraushelfen.“
„Es ift kaum ſechs Wochen her,
jeit er jein exit Weib in den Freithof
hat tragen laſſen,“ jagte die Thorhof:
bäurin.
„Desweg, das gefällt mir jchon
gar nicht und mich deucht, diefen Men:
chen heiraten, das kann ich nimmer.
Ich hab’ nichts gegen den Seigmüller,
aber allweg kommts mir vor, das iſt
für mich nicht der Rechte, und es geht
mir halt was zu Sinn. Thorhofbäu:
rin, ich bin ſchon heil verzagt.”
„Walpa,” jagte die Bäurin, „ſetz'
Di her und iß mit uns Schmalz:
nocken.“
Dann kam auch der Thorhofbauer
herbei, der ſagte: „Mit euch Mädeln
iſt's halt ein Kreuz. Ihr wollt's was,
und wißts nicht was, und da habt ihr
ſo allerhand Einbildungen. Ich weiß
nicht, warum Du den Seizmüller
nicht ſollt'ſt nehmen. Ein braver, flei—
ßiger Mann, der reichſte in der Ge—
gend. Oft eine Andere wär' zu tauſend—
mal froh über eine ſolche Heirat, und
es iſt ja ein Glück, das euch Gott
vom Himmel ſchickt, jetzt, wo die trau—
rige Sach mit der Pfändung vor der
Thür iſt. Mit allen Vieren greif' zu,
Walpa, das kann ich Dir ſagen.“
Als ſie davon wollte, eilte ihr die
Thorhofbäurin noch bis zur Thür
nach und that dort mit leiſer Stimme
die Frage: „Ja, Walpa, weißt Dir
einen Andern?
„Gar nicht, gar nicht,“ verſicherte
das Mädchen und hat jo ein Geheim:
niß verichwiegen.
Ungetröftet ging fie heimmärts.
Am andern Tag, als fie zur Meile
ging, redete fie mit dem Kirchenvater,
dem Erlsberger, was denn ber meine.
„Gefreut mich, daß Du meinen
Nath verlangft, Dirndl,” fagte der
Erlsberger, „ſchau, mi geht das
Ding nichts an, kann auch nicht jagen,
daß ich auf den Seizmüller ertra was
hielt’; er ift bisweilen ein biffel kno—
pfig; aber ich thät Dir doch rathen,
daß Du ihn nimmft. Es wirds Schon
thun. Immer eine Ehe, die aus lauter
Liebſchaft geichloffen wird, iſt zuletzt
gar nicht glücklich, und immer eine,
bei der ſich die zwei anfangs völlig
nicht mögen, macht ſich nachher recht
gut. Das iſt halt, wie die Leut zuſam—
men geſchaffen ſind. Eine Einſicht hat
er doch auch, der Seizmüller, und
wenn er jetzt um Dich anhält, ſo wird
er auch brav auf Dich ſchauen. Und
mußt wiſſen, Walpa, in ſolchen Din—
gen muß man ſeinen Eltern folgen.
's iſt doch auch was, wenn Du Dir
Dein Lebtag lang ſagen kannſt, Du
haſt Deinen Vater aus der Noth ge—
riſſen, und bei ſo einem Kind wird
der Gottesſegen auch nicht ausbleiben.“
„Wenn ich nur ein Biſſel was
verſpüren thät,“ meinte die Walpa,
„und er iſt halt gar ſo viel herb und
wirbt um mich, als wollt' er — Gott
wirds mir verzeihen — einen Mühl—
eſel kaufen. Iſt halt ein trauriger
Werber, der keine Lieb' mitbringt.“
„Wesweg will er Dich denn,
wenn nicht aus Lieb',“ wendete der
Bauer ein, „er könnt' wohl gewiß
reichete haben, als Du biſt — auf
das mußt Du denken, Walpa und ſo
mußt Dir's auslegen.
„Vergelt's Gott, Erlsberger,“
ſagte nach einer Weile die Wirthstoch—
ter, „Ihr habt mir leichter gemacht.
Ja, ja 's wird das Beſte fein, ich
probir's.“
„Mit dem Probiren iſt's nichts,
Walpa. Sagſt ja, ſo ſagſt es für's
Leben. Und da möchte ich Dir noch
rathen, daß Du, wenn Du Dich ſchon
entſchloſſen haſt, friſch und munter
drein gehſt. Das Wanken und Zwei—
feln und Fürchten taugt nichts. — '8
wird ſchon gehen, er iſt brav, ich bin
brav und uns hat Gott zuſammenge—
führt — ſo mußt Dir denken. Na,
Dirndl, wünſch' Dir viel Glück!“
Darauf, wie ſie den Vater ſucht,
daß ſie ihm's ſagte, ſie wäre bereit,
253
findet fie ihn unten im Keller. Hat|ren noch als Poſtillon duch die Ge:
von der Pippe des größten Faſſes das | gend gefahren und hatte das Poſthorn
Amtsſiegel herabgeriifen. geblajen, daß es eine Herzensluft gemwe:
„Aber um der Heiligen Willen, | jen. Beim Wiejenwirth war er ftet3 ein:
Vater, was treibt Ihr denn?“ gekehrt, wenn auch nur auf ein Elein
„Trinken.“ Tröpfel zum Staubhinabſchwemmen —
„Da ſperren fie Euch ja ein!“ llänger wollten die Rößlein und die Rei—
„Deß' will ih mich früher er: |fenden nicht warten. Dem Blafi war
Jäufen.“ die Walpa nicht ein einzigmal auf dem
Nun fagte ſie's, fie wolle den Seiz: | Bein gehodt, wie etwa dem fürmigigen
müller nehmen. Darauf tranf er erft | Stabtheren, der unter der Bodleder:
recht. nen ſchauderlich dürre Knochen gehabt
Keine Zeit war zu verlieren, denn | hatte. Der Blafius hatte fie auch nie jo
die Gant des Wieſenwirthshauſes war genedt, nie bewitzelt, war immer ernſt—
ausgejchrieben. Am nächiten Tage wurde haft und freundlich geweſen und hatte
die Walpa Braut des Seizmüller. Der immer gerade am Wieſenwirthshaus
Bräutigam lachte viel und zeigte, daß | jeine ſchönſten Weifen geblafen. Hätte
er gemüthlich fein könne. Alljogleich | Einer die Walpa gejehen, wie fie
faufte er ihr im nädjten Städtchen
Stoff für ein goldgelbes Kleid und
eine hochaufgebauſchte Haube mit feuer:
rothen Bändern, wie fidh’3 für eine
Frau Müllerin wohl geziemt. Aber
Walpa dachte, wenn ich diefen Anzug
muß tragen, jo zeigen die Leute mit
Fingern auf mid.
No in den legten Tagen vor der
Hochzeit ging Walpa zu ihren Belann-
ten um, und fragte, wie fie denn dran
jei, ob fie den Müller doch nehmen
fole. Die Allermeiften riethen dazu,
und bie ihr davon abrebeten, von de:
nen fagten wieder Andere: „Geh, geh,
wenn man auf To Leute Reden lojen
wollt’! Die wiſſen gegen Jeden was,
wen er heiratet, das ift jchon jo der
Braud. Aber wenn Du nachher allein
daftehft und Hilf brauchſt, helfen thun
Dir nit.“
Sin der legten Nacht vor der Trau-
ung ift der Walpa im Traume die
verjtorbene Mutter erjchienen, die hat
gewintt, hat die Tochter bei der Hand
genommen, al3 wollte fie fie davon—
führen. Es war ein füßer und babei
wieder ein angjtvoller Traum. Die
Böllerfhüffe haben fie davon geweckt.
Unter den vielen Hochzeitsgäften
war auch der Blafius Steiger, ein
frifcher, jauberer Burjche, den die Walpa
wohl fannte. Er war vor zwei Jah:
diejem Blafen zuhörte, jo hätte ber
leicht merken können, daß die Burſchen
alle genarrt waren, denen fie auf der
Ledernen ſaß. Der hätte ahnen mögen,
daß dieſes Mädchen nicht jo ſeicht
wäre, als es fih mwohl geben mußte.
Seit der Eijenbahnzeit war der Bla—
fius im Pongau drüben gewejen; nun,
und heute war er unter den Hochzeits—
gäften, eigentlich unter den Mufifanten ;
er blies das Flügelhorn. Nur ein-
oder zweimal hatte Walpa den Bur:
ihen verftohlen angeblidt — nichts
weiter, fein Ehrentängchen, fein Lächeln,
fein freundlich Wort über vergangene
Beit . .
Mittags, zehn Minuten nad eilf
Uhr, war Walpa das Weib des Geiz:
müllers geworben.
Nach der Trauung ließ fie fih im
Wirthshaus ein Stübchen aufiperren,
um die Kleider zu wechjeln. Sogleich
ftand ihr Mann da: „Was willft denn?”
„3 thut mir leid um das ſchöne
Gewand,” fagte fie, für's Effen und
Tanzen will ich einen leichteren Rock
anlegen.“
„Weißt, Walpa,“ verjegte er, „wenn
's mir nicht leid thut d'rum, fo brauchft
feine Umftänd’ zu machen. Es geht
aus meinem Sad, mußt nit ver:
geſſen.“
254
„Ich Hab’ nur gemeint,“ entgeg: | das Nechte zu finden, um den Haus:
nete fie leije, „weil's die Andern auch Frieden zu erhalten.
al’ jo machen.” Ben der Kirche ging fie auf den
„Auf die Andern haft gar nicht | Frievhof und legte einen Kranz auf
zu ſchauen, Walpa; ich bin der Herr, | da8 Grab des erjten Weibes ihres
mir haft zu folgen, und das kannſt | Gatten; der Erdhügel war ganz Fahl,
Dir merfen ein für allemal.“ nicht ein einziger Grashalm ftand da—
„Hätt' mir doch gedacht, daß ich rauf. Walpa Hatte ihre Vorgänge:
von meinen Kleidern anlegen kunnt, rin nicht näher gekannt, diefe hatte
was ich jelber wollt? — und das muß immer ganz zurüdgezogen in ihrem
ih Dir Schon fagen: theuer mag das
Kleid wohl gemwejen fein, das Du mir
gefauft haft, aber jauber ift es nicht.”
„Isa hörst, Weibel, wem willit
denn jeßt ſonſt noch gefallen? Etwa
dem Boftbuben — den Du voreh fo
verliebt angelugt haft? Du, das ſag
ih Dir, in ſolchen Sachen verjteh’ ich
feinen Spaß!”
Ziemlich jchwer ließ der Seizmül-
ler bei dieſen Morten die Fauft auf
den Tiſch niederfallen. Walpa jagte
fein Wort mehr und behielt das oranz
genfarbige Kleid und die Flitterhaube
mit den feuerrothen Bändern am Leibe.
Sie war den einfahen geihmadvollen
Anzug der Oberländerinnen gewohnt,
fie wußte wohl, wie fein ihr derjelbe
ließ. — Nun wäre fie am liebften gar
nicht mehr unter die Leute gegangen,
aber fie wollte ihrem Manne feinen
weiteren Anlaß zur Unzufriedenheit
mehr geben, und jo fügte fie fich in
das für fie recht traurige Hochzeitsfeit.
Der Wieſenwirth war dabei gar
luftig; gab's ja viel Wein und auch
daheim waren wieder alle Spundlöcher
offen, ſeitdem der Seizmüller:Schwie:
gerjohn das Geriht und die Gläubi:
ger durch etliche große Banknoten be:
Ihmwichtigt hatte.
Laut war’3 im Feithaufe, und die
Leute können heute noch nicht Wunders
genug jagen, wie es dod jo Luftig
gewejen wäre bei des Seizmüllers
Hochzeit. —
. Am andern Tage, als Bater und
Gatte noch jchliefen, ging Walpa in
die Kirche und betete unter heißen Thrä-
nen um Gnade und Kraft, ſich gedul—
dig in das Ehejoch zu fügen und ftet3
Haufe gelebt und erjt von ſich fprechen
gemacht, ald es hieß, ein im Wetter:
fturm nieberftürzendes Dachbrett habe
die Seizmüllerin erſchlagen — Walpa
wußte aber, daß es die Ehmänner nicht
ungern jehen, wenn bie zweite Gattin
das Andenken der erjten ehrt, und da—
rum den Grabfranz.
Etlihe Tage ſpäter jagte der
Miller zu feinem Weibe: „Ich habe
gehört, auf dem FFreithof draußen bei
meiner Alten jol jo ein Laubwiſch
liegen. Haft Du's gethan, jo will ich
Dir nur fagen, es ftünd’ Dir beſſer
an, Du thätit Dich um die Lebenbi-
gen kümmern, al® um die Xodten.
Wie jchaut demm mein zerriffen Unter:
leibel aus?“
„Da bitt’ ich Dih wohl um Ber:
zeihung, ich hab’ gar nicht gewußt,
daß Du ein Unterleibel tragjt.“
„Trag' auch keins, aber könnt'
eins tragen, und eine gute Hausfrau
thät' wenigſtens darnach fragen.“ —
So iſt dieſe Ehe angegangen. Dieſe
Ehe, die zum größten Uebel hat geführt
und deren Geichichte über manchem
Thore jtehen ſollte als Warnungstafel :
Verbotener Weg!
Der Seizmüller, jo heiter und
laut Iuftig er in Gefelichaft und
im MWirthshaufe bei Kameraden fein
mochte, fo finjter, herrifch gab er ſich
zu Haufe. Er konnte feinen Wider:
fpruch leiden, widerſprach aber jelbft
in allen Dingen. Troß reizte ihn, und
auh Milde; und wenn er gereizt war,
jo jchlug fein ſonſt höhniſches Wejen
in einen förmlichen Wuthraufch über
— und in jolden Momenten Fannte
er feine Leberlegung.
255
Ditmals Hat fih in dem jungen
Weibe der Trog aufbäumen wollen, |
wenn ihr jo jehr Unrecht geſchah; dann
aber fagte fie wieder: Nur noch ein
Eichtel Zeit hab’ Geduld, Leicht kommt
noh ein Friedensengel in's Haus.
Böſ' und Schlecht ift er ja doch nicht, mein
Man, nur herb und ein wenig wun—
derlich ; mein Gott, er hat feine Sorgen
und Wergerniß in der Wirthichaft. —
In der Wirthichaft jtellte der Seiz-
müller feinen ganzen Mann. In der
Mühle flapperten allfort vier Gänge
und daneben ging eine emfige Bretter:
jäge. Dann war auch eine Stampfe
für Leinſamen dabei, die jedesmal im
Winter, wenn die Säge ftillitand, viel
verdiente, Die Aecker und Wiejen, die
zur Mühle gehörten, mwurben gut be—
wirthſchaftet. Freilih that auch die
Walpa viel dazu, um durch Güte die
Dienftleute und Mühljungen zu be:
ihmwichtigen, wenn fie die Grobheit und
Unbilligfeit des Müller8 zu vertreiben
drohte.
Bei ſolch einer Gelegenheit, als
fie einem Mühlburfchen, der in ber
Kammer jeit einigen Tagen frank lag,
eine fräftigende Fleiſchbrühe zufchanzte,
die jonft nicht gebräuchlich war, be:
fam die Walpa von ihrem Manne den
eriten Schlag. -„Heimlichkeiten mit dem
Mühljungen !” qurgelte erberaufcht von
Mein, dem er immer mehr und mehr
zuſprach, „wächſt fi die Kellnerin:
liebelei jo aus? Walpa, Walpa, Dich
muß man anders biegen, mit der Gü—
tigfeit richtet man bei Dir nichts !”
Unter Weinen lachte fie auf.
Mit Gütigfeit! jo jagte Der, von dem
fie faum ein einzig freundlich Wort
noch gehört hatte.
Sonſt war fie zu ihrem Water ge:
gangen, um ſich an feiner Bruit aus:
umweinen. Seht, ein Jahr nad der
Müllerspochzeit lag der Wiefenmwirth |
unter der Erde. In jeinem Keller war
er todt gefunden worden. Da flagte
fie ihre Noth; anderen Leuten, und da—
rüber jagte ihr der Gatte einmal:
„Du bift Schon ein fürnehm Ehweib
— — ——— ——— — — — — ——— —— —— — —
Du, gehſt von Haus zu Haus und bringſt
Deinen Mann um den guten Namen,
machſt mich zum Tyrann, zum Wild:
fang, zu was weiß Gott Alles! Du,
Walpa, ich ſag' Div’s, gib Obacht, daß
e3 nicht wahr wird, was Du jprichit !”
„O, das ift lang ſchon wahr!”
tief fie aus, „und ich weiß nicht, wie
ih mich denn jo verfündigt hab’, daß
ih an einen ſolchen Menjchen Hab
müſſen gebunden werden. Sein größe:
res Kreuz auf der Welt!”
„Ja freilih, winſeln und flennen,
das iſt noch Dein Beſtes, Du Bettel:
dien!” und er ftieß fie hintan, daß
ihr Leib an Die Kante des Herdes fiel
und fie zuſammenbrach.
„So — jo —“ jtammelte fie mit
dumpfer Stimme, „an mir — weil
id wohl, daß Dir nichts gelegen iſt,
aber daß Du Dein Kind im Mutter:
leid — —“
Da late er auf und meinte, das
müſſe man erft unterfuhen, ob es
fein
Das Weib lag in einer Ohnmacht.
Tagelang jchwebte fie zwiſchen Le—
ben und Tod, und als fie endlich —
der Gatte hatte fie in der Krankenftube
faum ein einzigmal befuht — inſo—
weit gerettet war, daß fie wieder zu
denfen und zu finnen vermochte, Teufzte
fie ein um das anderemal: „Das ijt
eine Ehe! o Gott, mein Gott, verlaß'
mich nicht!“
Und im Traume hörte fie das
Poſthorn Eingen; da rief fie mehrmals
laut den Namen: Blafius. Und auf:
wacend flehte fie zur Mutter Gottes;
„Bewache mich, daß diejes Wort nit
nod einmal über meine Lippen fommt,
jonft iſt's mein Verderben.“
AS fie wieder jo meit genejen
war, daß fie — ein Schatten gegen
früher — in das Freie wanken konnte,
ſuchte fie den Pfarrer auf und fragte
ihn, ob es denn gar fein Mittel gebe,
daß fie von dieſem Menſchen, dem Seiz:
müller, wieder befreit würde.
Der geiftliche Herr riß die Achſeln
empor und gab ihr jchöne Lehren.
22
256
„Ei, ei?“ unterbrach ihn die Walpa, | Sterben nicht erfahren, daß ich in fol-
„was der Herr da fagt, das hab’ ich | her Angelegenheit bin dageweſen.“
lang’ ſchon gewußt und gethan. Scei-
den laffen will ih mich.“
Der Pfarrer machte ein ſaures
Gefiht und lächelte. — „Scheiben
laffen — das ift leicht gejagt, meine
liebe Seizmüllerin. Bon Tiſch und
Bett könnt' ihr euch trennen, aber vor
Gott feid ihr doch ein Ehepaar.”
„Bor Gott find wir nie ein Che:
paar gewejen!” jagte das Weib, „ich
bin [hier mit Gewalt in dieje Ehe
bineingebrängt worden, mein Herz hat
nicht3 davon gewußt, nnd immer ift
es nicht gut, wenn das Kind feinen
Eltern folgt.”
„Müllerin”, verfegte ber Pfarrer,
„das iſt feine chriftliche Red’, und
wenn man Euch hört, jo fönnte man
faft meinen, e8 wäre an Euch jelber
die Schuld." —
Ganz ohne Troft, nur noch vath:
loſer und erbitterter verließ fie den
Pfarrhof.
Eine gutmüthige Nachbarin rieth
ihr, ſie ſollte zum Gericht gehen. Sie
ging zum Gericht und drängte auf
Scheidung.
— Eheſcheidung?! Das war was
Neues, das war in der Gegend ſeit
Menſchengedenken noch nicht vorge—
kommen.
„Liebe Frau,“ ſagte einer der
Herren, „zum Eheſchließen müſſen Zwei
jein, und zum Ehetrennen auch. Wird
Euer Mann einwilligen ?”
„O,“ rief das Weib, „der will
wen zum Beinigen haben, ber wird
fein Lebtag nicht einwilligen.“
„Dann ift nichts zu machen. Das
Beſte, Ihr verſucht e8 noch einmal
neu, Euch gütlic miteinander zu ver:
tragen. Wenn es Euch recht ift, fo
wollen wir Euren Manı, ben Geiz
müller, rufen laſſen und ihm feine
Verpflichtungen vorhalten, damit —“
„Um Gotteswillen, nur das nicht!
Menn ich Schon bei ihm bleiben muß,
jo darf er’3 um al’ mein Leben und
„So geht heim und verjucht e3
noch einmal, e8 wird ſich geben, nur
der redlihe Willen gehört dazu. Be:
hüt' Gott!”
— &o vernünftig reden fie und
wiffen nicht, wie e8 in der Mühle
ausſieht — Zank und Hader, Troß
und MWildheit, Haß und Gewalt. Die
Walpa fol wieder zurüdfehren zu
ihrem größten Feinde.
Da beſann fie fih. Hoch oben auf
dem Zinfen jteht eine Kapelle mit ei-
nem wunberthätigen Marienbilde. Schon
Viele find durch der Jungfrau Fürs
bitte befreit worden aus ihrer Noth.
Sie ftieg mit Mühe den hohen Berg
hinan. Und dort oben zmwijchen ben
Felſen, wo fein Bäumlein und fein
Blümlein mehr wächſt, lag fie vor dem
Bilde und betete: „Gib mir ein, o
Mutter, was ih thun ſoll! Weiſe
mir einen Ausweg, und wenn jchon
fein anderes Mittel ift, jo laſſ' mid
fterben.”
Am Eingang der Kapelle jtand,
von ihr unbemerkt, ein Tourift und
hörte ihr zu. — Ein blafjes, hübjches
Weib betet vielleicht in Liebesjehnjucht ?
As ſich Walpa erhob, trat er
zu ihre; er erkannte fie nicht mehr,
fie fah es, das mar der junge fede
Städter, mit dem fie vor länger als
einem Jahre in ihrem Heimatshaufe
zujammengejellen war.
„Bit ganz allein bier oben?”
fragte der Fremde, „dann will ich
Dich führen und will Dir aud den
Ausweg weifen, um ben Du eben
gebetet haft.“
„Wohin wollen denn Sie mid
führen, wohin 2”
„Einjtweilen bis zu den Zirm—
büfchen hinab, bier geht ein fcharfer
Wind.“
Walpa ftieg an feiner Hand hinab
und gedachte dem Fremden, der ihr
ihon das zweitemal freundlich genaht
war, ihr Anliegen mitzutheilen.
257
Auf dem Bergmoos zwifchen Dich:
ten Sträuchen, die fie wie ein undurch—
dringliher Wall umgaben, jaßen fie
und Walpa fchüttete ihr Herz aus
vor dem, der ihr jo theilnahmsvoll
zubörte.
Und als fie ſchluchzend geendet
hatte, jagte er: „Was Du da erzählit,
das fönnte Einem da3 Herz durch—
jchneiden. Das hält fein Menſch aus;
diefer Seizmüller muß eine elende
Greatur fein. Von dem mußt Du Dich)
befreien. Wenn Du es nicht fchon
jo machen kannſt oder willft, wie es
die Kathrina Schmadegger gemacht
bat, deren Proceß vor wenigen Tagen
abgelaufen ift, jo — nu, fo mußt
Du es eben anders machen. Du bift
hübſch und noch jung, meine Freundin,
Dir kann's nirgends fehlen. Gehe in
die Stadt .
Nimmer konnte es das harmloſe
Landweib verſtehen, was der Fremde
meinte. — In die Stadt gehen, das
gefiele ihr ſchon. Wenn ſich nur Alles
ſo einrichten ließe, daß kein Aufſehen
entſtünde und daß der Seizmüller
ſchließlich nicht etwa ihren Aufenthalt
entdeckte. Lieber wäre ihr freilich noch
ein anderer Ausweg, als den ange-
trauten Ehmann jo zu verlaffen — und
was denn die Kathrina Schmachegger
gethan habe, von ber er vorhin ge-
jprochen ?
„Die Schmachegger war eine Bäue—
rin aus dem Unterſaß“, belehrte ber
Fremde, „dieje hat ihrem Chgatten,
mit welchem fie im Unfrieden lebte,
in einer Krankheit, die über ihn ge:
fommen war, ben Beiftand verjagt
und ihn verderben laſſen. Sie ift aber
freigefprohen mworben, denn e3 war
doch nicht bewiefen, daß ihre bejondere
Pflege ihn geſund gemacht hätte, Und
e3 war nur die Unterlaffung einer
"Tugend, zu der das Geſetz nieman:
ben zwingen kann.“
Darauf hat die Walga ftillge-
ſchwiegen und der Stabtherr, der in’s
Gebirge gefommen war, um die Natur
breitet, fie möge ihn für den Freund
halten, fie möge fich entjchädigen für
das harte Kreuz, das fie tragen müſſe,
und fie möge biejes Kreuz mit aller
Macht abſchütteln.
Still war's; auf ſolchen Höhen
ſummen keine Mücken und die Vögel
hatten ſich verſteckt in's traute Heim
unter den Büſchen. Der Zirm ſchien
höher und höher zu wachſen, ein
weißer Schmetterling gaukelte im Zickzack
heran.
„So!“ rief die Walga plötzlich
und ihre Stimme war laut, „ein ſol—
her Freund find Sie?" — Nein,
lafjen Sie mi! Jetzt fit doch ſchon
überall der Hölliiche, wo man hin:
ſchaut!“
Sie floh davon und wie lange
der Bergwanderer noch gelegen ijt
zwijchen den Büſchen, man weiß es
niht — verlangt es auch nicht zu
willen.
Walpa war wieder zurücgefehrt
in die Mühle und hatte fich noch ein-
mal feſt vorgenommen, dem Müller
ein treues Ehemeib zu jein, Alles, was
über fie fommen follte, mit Ergeben-
heit zu tragen und ihr Herz verhärten
zu lafjen zu einem Stein.
Mohl, Herzen fönnen verhärten,
bleiben aber dennoch heiß und ſchwer
und glücbegehrend. Walpa jah andere
Ehen voll ftilen, fröhlihen Glüdes ;
ſah an ihrem Haufe vorbei manch
freudige® Paar wandeln, manchen
Brautzug, ſah mand Kindlein tragen
von den Engthälern heraus gegen die
Kirche zur Taufe. Sie könnte e8 auch
jo haben, — Ob der Blafius wohl
ihon ein Weib hat? — Der liebe
Schutzengel behüte vor aller Berfuchung.
— Ihr Mann ijt ja auch ein Menfch,
fie will ihn ſchätzen, will ihn pflegen ;
er bat ja doch niemanden auf ber
Welt als fein Weib. — Die mildeften
Worte hatte fie für den Gatten und
mit Sorafalt bereitete fie ftet3 fein
Mahl. Er aß es brummenb und
zu genießen, bat feinen Arm ausge- |finfter. Wenn er nüchtern, jo hörte fie
258
von ihm faum ein Wort. — Das | Er langte nah ihren Locken, fie
war ihre glüdliche Zeit und fie dachte, ſtürzte davon, draußen, hart am Mühl-
jagt er nichts, fo wird er wohl zus bache ſank fie zu Boden.
frieden fein. Aber wie jelten! — & — Ihrem Leben ein Ende machen?
verging kein Tag, an welchem fie | — Noch jo jung, jo weltbegehrend —
von ihrem Manne nicht eine neue und biejes Wütherichs wegen jterben !
Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte — — Nein, dafür haßt fie ihn zu jehr.
und jpöttelte und höhnte, er that ihr Sie kennt mun ihren Entſchluß, fie
Schimpf um Schimpf an und wenn ſinnt nicht mehr, ſie weint nicht mehr
ſie dagegen auftrat, ſo gings ihr hart — in ſtiller Nacht, während der Mann
wie einer Sklavin, wie einem Hund, im Wirthshauſe ſitzt, ſchnürt ſie ihr
den der Zornige mit Fußtritten von Bündel und geht davon. Wohin fie
fih ftößt. Es ging aud die Wirth: kommt, was mit ihr geſchieht, —
Schaft jchlechter und in ber Mühle alleins. In alles erbenflihe Elend
ruhten die Näder öfter als es Sonn: | will fie fich lieber ftürzen als bei
tag war. Den Seizmüller reute das | diefem Teufel zu leben.
Geld, welches er für den Wiefenwirth | Mit der Haft einer Verbrecherin
ausgegeben hatte, anftatt er Braut: floh fie, alles zurüdlaffend, was ihr
habe hätte befommen follen. „Wie eigen war auf Erd. Mit dem erjten
mich der Teufel nur fo hat verblen- Schritte über die Markung der Mühle
ben mögen!” rief er im Grimme, hinaus war fie in Acht und Banı
„daß mir fo ein Bettelmweib hat Fön: | der Armuth und Noth. Aber fie freifchte
nen gefallen. Deine Schönheit? Ha, auf vor Luft, als fie fich frei fühlte.
da muß ich lahen! Angetban hat fie So mweit man fie noch kennt, ift fie
mir’3 und jeit fie in der Mühl’, iſt die Müllerin, die mit ihrem Bündel
fein Segen mehr.“ ‚eine drüben in ber Scharn erfranfte
Da hob die Walpa zu ihm die Muhme heimjucht. Später, wo ſie
gefalteten Hände: „Lieber Mann, jo | wer anfrägt, ift fie eine Schnitterin
laß’ mich wieder fort! Ich ſeh's ja aus dem Unterſaß und geht aus auf
auch ein, wir taugen nicht für ein: einen Verdienſt. — Sie hätte jo viel
ander, wir können beide nicht dafür. Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in
Ich will ja mein Lebtag lang feinen der Transau, jagte ihr ein alt Weib:
andern Mann, ich will Dir danfen |lein. „Ya“, entgegnete die Walpa,
bis zum legten Athemzug, nur fort | „ich bin mit ihr verwandt.“
laß’ mich, ich bitte Dih um des hei- „Wie's nur fein hat mögen, daß
ligen Kreuzes Jeſu willen!“ die das große Glück mit dieſer Hei-
„Ah!“ jtieß der Seizmüller ſchnau- rat hat gemacht ?” meinte das Weiblein.
bend heraus, „davonlaufen, das geht „Nach der ihrem Glüde verlang’
Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinft ich nicht“, ſagte die Walpa.
ih wollt’ nicht auch meinem Gott dan— „So ſollt's legtlich doch wahr fein,
fen, wärſt Du aus dem Haufe? — was die Leut’ reden?” warf bie
Thätſt Dir wohl in die Fauft lachen, | Alte ein.
wenn die Leut’ mit Fingern auf mich „Wüßt' nicht, daß die Leute viel
zeigten: jchau, ſchau, das ift der alte) drüber thäten reden.“
Ejel, dem ift fein Weib durchgegangen ! | „Daß der Müller jo ein Wildling
In's Unglüd haft mich Schon gebracht, | wär! jagt man. Allerweil im Raufd).
jetzt willſt mid auch noch in die) Soll’8 denn wahr fein: das erfle Weib
Schand bringen? — Jeſſ es, mir zus hätt' er erſchlagen und dem zweiten
den gerade die Händ’! in die Mauer | Weib wollt’ er’3 g'rad fo machen. —
wollt’ ih Dih — Du — Du Krea: Ich glaub’s jhon! vom Seigmüller
tur!” glaub’ ich Alles, mit dem ift mein
Hanfel in die Schule gegangen und
der weiß jaubere Sachen zu erzäh:
len. Ein durch und durch jchlechter
Menih, der Müller. Die arme Haut,
die Walpa !”
„Am beften wär's, der lieb’ Herr:
gott thät fie zu fich nehmen“, verjeßte
ein neu hinzugetretenes Weib mit
einem Seufzer.
„Geh', Närriſch!“ rief die Alte.
„Die Walpa ift ja feinem Menjchen
im Weg auf der Welt, aber den
Müller joll der leidig Teufel holen!”
„Berzeih’ Dir die Sünd'!“ fiel die
Andere ein.
„Ra, grimm’ Dich nicht. So eine
Sünd’ wird der Herrgott gerne vers
zeihen. Wenn's Alles wahr ift, was
die Leut’ jagen, wahrhaftig, jo thät
id mir gar fein Gewiſſen draus
machen, diefem Menjchen mas anzu:
thun.“
„Ich ſag', es ſoll Jeder Gott
danken, dem's beſſer geht“, meinte die
Walpa und eilte weiter.
Tagsüber irrte ſie in den Berg—
wäldern. Von Müdigkeit übermannt,
ſchlief ſie auf einer Steinplatte, über
welche der Epheu ſpann
Eidechſen hin- und herliefen.
Auf dieſem Stein — ihr ſchönſter
Schlummer war's geweſen. Im Klange
eines Poſthorns hatte ſie der Jugend
fröhliche Zeit geſehen — da fühlte ſie
plötzlich einen Stoß, als ſei die Welt
zerſprungen. Raſch fuhr fie empor. Es
war dunkel im Wald und nur auf
hohen Gipfeln lag des Abends gold:
reiher Sonnenſchein.
und die
Und neben Walpa ftandb der Seiz:
müller und grinfte. Wie ein
ſchrecktes Reh ſprang fie auf und
einen getrennten Fetzen ihres Kleides
no zurüdlaffend in feiner frampfigen |
Fauft, lief fie den Hang hinab über
das fantige Geftein und der finfteren
Schlucht zu. Hinter fich hörte fie das
Dröhnen feiner Sprünge, hörte feine
ichnaubenden Flüche. Gott rief fie an
und ihren heiligen Schußpatron —
und huſchte durch dorniges Gefträuche | Der Müller Flagte es mit
ge: |
und glitt nieder über jchroffe Lehren,
daß Moos und Sand in den Lüften
wehten. — Sie entkommt ihm, fchon
ift fie feinen Augen entſchwunden und
das Braufen eines Wildbaches vereitelt
ibm das Geräufh ihrer Schritte. —
Da ſteht fie jählingg am Wafler und
fann nicht weiter. Sie eilt am Ufer
auf und ab und hört de Mannes
Lachen. Ein wildäftiger Tannenbaum,
vom Sturme gebrochen, liegt über dem
giichtenden Bache. Auf diefen jpringt
fie, um hinüber zu Elettern.
Der Mann ftürzt ihr nad. Die
morjchen Aefte krachen. Walpa’3 Haare
verjchlingen ſich in's dürre Gezweige,
da faßt er ſie — und hier auf dieſem
unheimlichen Grunde, der Verzweiflung
voll und der Wuth, ſtemmt ſie ſich
wie raſend ihm entgegen und ihre
Finger zucken nach ſeiner Gurgel. So
ringt das Ehepaar auf der wilden
Brücke, daß der Baumſtamm ächzt
und aus dem mächtigen Abgrunde
herauf ſchimmert der Schaum des
Bergſtroms. — Walga fühlte, daß es
ihr Verderben, wenn fie den verhaßten
Mann in diefem Augenblide nicht zu
vernichten vermöge, doch fie vermag
nicht aufzufommen gegen des Mannes
Kraft, nur einen Augenblid loszu—
machen fucht fie fich von feinen ehernen
Armen, um fi in die Tiefe zu ftürzen
— da erfaßt er fie noch, reißt fie
zurüd und jchleudert fie hinan das
Ufer.
Blutend und betäubt liegt fie im
Brombeergebüjch und der Müller, an
den Lippen noch den Schaum der
Wuth, fteht hohnlachend vor ihr. —
Leicht hätte man es jehen mögen, daß
es ihm zur Luft und Leidenſchaft ge:
worden — vielleicht zu jeinem höchiten
Zebensgenuß, fein armes hilflofes Weib
zu peinigen. Darum hatte er fie ver:
folgt mit heißer, verlangender Gluth,
darum brachte er fie nun tief befrie-
digt zurüd in jein Haus. —
Bon diefer Zeit hatte man die
Walpa tagelang nicht mehr gejehen.
befüm:
260
merter Miene den Leuten, fein Meib
ſei franf und es made fih in ihr
etwas wie eine Geiftesftörung bemerf:
bar. Wohl fei fie bisweilen launenhaft,
auch tückiſch und trogig geweſen, aber er
babe doch jtet3 die Nachfiht und Liebe
mit ihr gehabt, die einem Ehemanne
ziemet. Nun aber, wahrfcheinlich von
einem unruhigen Gewiſſen gequält,
oder vielleicht auch durch andere Zu—
ftände verwirrt, litte fie am Berfol-
gungswahn. So ſei fie vor einiger
Zeit mitten in der Naht aus der
Mühle davon und in den Scharnwald
hinüber, wo fie fih in das Waſſer
jtürzen wollte. Juſt daß er — der
geängftigte Gatte — noch zu rechter
Zeit nachgekommen fei und fie gerettet
habe. Seitdem müffe er die Arme be:
wachen, er hoffe aber, daß durch eine
richtige Behandlung fih die Sache
wieder jchlichten werde.
Walpa war eingefperrt in eine
Kammer rüdwärts der Mühle, wo ber
Müller Kornjpreu und verborbenes
Getreide gelagert hielt. Auf dem
Spreuhaufen lag fie und wühlte bie
Körner hervor, die fie gierig ver:
ihlang. Durd ein vergittertes Fenfter
ftarrte eine kahle Felswand herein,
und das ewige Rauſchen des Fluders
betäubte das Ohr.
„Jetzt ſehe ich es Far”, murmelte
fie, „Gott fei Dank, daß ich es endlich
jehe. Alle Stege find gebrochen. Nur
ein einziger liegt noh da — nur
noch ein einziger. Walpa, das ift ein
Ihwindelnder Steg! — Mein junges
Leben, du bift das einzige, was id)
noch hab’, dich halte ich feit. — Ob
ibn das Gericht verurtheilen thät,
wenn es willen fönnt’, wie er mich
martert? Das kann's aber nicht
willen, er ſagt's nicht und man fann
e3 nicht jagen, weil es nicht zu jagen
ift. Gott, der’3 weiß, verurtheilt ihn
gewiß.“
Aus tiefen Träumen fuhr fie
manchmal empor und fagte: „ES ift
feine Sünde und bie Kathrina Schmad):
egger hat fih auch geholfen,“ —
| Damm betete fie ein Waterunfer um
das andere und in die Worte: „Führe
uns nicht in Werfuchung, Sondern er:
löſe uns von dem Uebel“, legte ſie
ihr ganzes Herz.
Bon draußen hörte fie zuweilen
das Poltern und Fluchen des Müllers.
Dann wieder in den Nächten vernahm
jie neben und über fih das Unweſen
der Mäufe und Natten und oft that
fie einen Schrei des Grauens, wenn
fo ein Thier über ihren Körper lief.
Danı des Morgens, wenn bie alte,
taube Magd mit augjtvoller Geberde
das jpärliche Brot brad)te, jtellte ſich
die Walpa fchlafend oder ftarrte in die
Finſterniß hinein. — Man wird fie
doch wieber freilaffen, man muß ja,
denn fonft würden die Nachbarn kom—
men und die franfe Müllerin jehen
wollen. Dann will fie ihre Erlöſung
vollenden.
Mas will fie? So weit hätte fie
ihn ſchon zurüdgelegt den Weg bes
Leidens, der Schmach, der Anfechtung,
der Hölle, daß fie jetzt auf der legten
Station fteht? Wiejenwirthstochter !
Du, mit deinem guten, liebevollen
Meibesherzen, eine Einzige aus Mil:
lionen, die das vollbringt? —
Endlih war die alte Magd ein:
mal davon gegangen, ohne die Thür
der Kammer zu verichließen. Die
Walpa blieb nod. Sie jah einem
Spiele zu. Nein, es it nur dem
Menſchenauge Spiel — dem Thiere
iſt e8 Arbeit und Streben nad feinem
Lebensziele. Don der morjchenben
Dede, von der bei allen Erfchütterun:
gen in der Mühle dev Moder nieber:
ftaubte, ging ein feiner Faden herab
bis gegen die Füße der MWalpa. An
diefem Faden ftrebte eine Kreuzipinne
empor.
— Sept, das foll mir das Zeichen
fein und der Richterſpruch, dachte
Walpa und ftarrte auf das Thier.
Kann e8 nicht hinauf bis zur Dede
ober bricht der Faden, jo gehe ich und
werfe mich in den Räderdumpf. Kommt
261
die Spinne hinauf, jo bringe ich ihn
um. —
Das Thier krabbelte träge und
langſam und mußte oft raften. Es
war jchwer, e3 war noch weit unten
und der Faden fchien fich bismeilen zu
dehnen. Dann wieder nahm die Spinne
einen raſchen Lauf, und dann wieder
ftand fie lange ftill auf einer und der:
jelben Stelle. Es war ein gejpenftig
Weſen und das weiſe Kreuz auf feinem
Nüden — ein Grabfreuz — went galt
e3, ihr oder ihm?
Endlich, die Spinne war noch eine
gute Elle von der Dede entfernt, wollte
fie nicht mehr weiter, ja kehrte ſich ein
paarmal um, und war dann wieder
bewegungslos.
Walpa zitterte, ſchier ſtockte ihr
der Athem. Das Thier blickte mit
ſeinen vielen großen Augen gegen den
Boden hinab. — Soll ſie in's Grab?
Iſt auch bei dieſem Gethier, das kein
Geſetz kennt, das tödtet, wenn es nicht
ſelber getödtet werden will, kein Er—
barmen? ...
Plötzlich nahm die Spinne eine
Wendung und lief haſtig den ganzen
Faden empor bis zum Holzmoder, wo
ſie herfiel über eine im Netze gefangene
Fliege.
„Es iſt gut“, ſagte die Walpa
laut.
„Was iſt gut?“ rief der Müller
ſcharf zur Thüre herein, „willſt noch
trotzen? Heraus geh'!“
Sie ging zu ihm heraus. „FJetzt
ijt mir ſchon wieder befjer“, ſagte fie
heiter, „jegt, Mann, will ich recht
fleißig fein, daß ich die Zeit wieder
einbring’, in der ich krank geweſen
bin,”
„Ja, möcht” mich gefreuen !*
„Aber die vielen Natten in ber
Mühl’, die muß man doch abfüttern.”
„Die Ratten allein freffen mein
Gut nicht auf“, gab er zur Antwort.
Ihr Geficht blieb freundlich. Sie
ging an ihre Arbeit. Sie ftäubte mit
Sorge die Kleider ihres Mannes aus,
fie überzog jein Bett mit frifcher Lein-
wand, fie jegte ihm das beftgefochte
Ejien vor und hatte dazu ein gütiges
Wort. Und auf al’ feine Rohheiten
ſchwieg fie ftill.
(Schluß folgt.)
Fink.
Was ich gethan und was id) lieh,
Ihr werdet es einft nicht verbuchen...
Wie meines Lebens Räthſel bieh,
Richt noch in meinem Staube fuden.
Ich weiß, es wird Vergeſſenheit
Mein Loos — wie heute fie mein Hoffen —
Nach troftlos langer, dunkler Zeit,
Die ich durdjlebt, zu Tod getroffen.
Vergeſſen, raſch vergeſſen wird
Des heißen Herzens lautes Klagen...
Der Schmerz nur dur die Lüfte irrt,
Den meine Seele ftumm getragen.
Ada Ehriften,
262
Der junge Better.
Eine Gefhichte von A. C. Müller.
(Schluß.)
Sie berichtete den wichtigen Fall| fein, wie die Schreiberin dieſes Briefes
mit allen Nebenumftänden an Freundin
Helene, und mit mufterhafter Pünfkt:
lichkeit jandte dieſe am dritten Tage
eine lange, wohldurchdachte Antwort,
die im Weſentlichen darauf hinauglief,
daß die Herren gerade für diejenigen
Damen das regfte Intereſſe hätten,
die fie am meiften ärgerten ober quäl-
ten; eine Anficht, die freilih Marga-
retha nicht theilte, die das Bild durch—
aus für eine Malice oder günftigften
Falls für das Product der Langweile
hielt, „in welcher er das Bild eines
armen Mädchens carrifirte, welches ihm
aus irgend welchem unbekannten Grunde
nun einmal mißfiel*.
„Intereſſe für mich!” fchrieb fie
an Helene zurüd, — „ja, wenn i
eine landwirthſchaftliche Mafchine wäre,
ein Dampfpflug oder eine Patent-Egge,
da möchte er mich vielleicht beachten.
Du meinft, er habe mir doch eigent:
li nie Beweife von Gehäffigfeit ge:
geben, das ift richtig, aber er ift zu
wobhlerzogen, um unböflih ober un:
angemefjen gegen mich zu banbeln;
ihn anfah, denn ſchon am Morgen nad)
feiner Rückkehr begleitete er fie in den
Gemüfegarten, wo fie Spargel jtechen
wollte. Die Begleitung machte fie ei-
nigermaßen verlegen und fie mußte
nicht recht, wie fie fich mit ihm unter:
halten follte. Um wenigſtens etwas zu
lagen, fragte fie ihn, da fie ihn ohne
die gewohnte Gigarre jah, warum er
nicht rauche?
„Ich glaubte bemerkt zu haben,”
jagte er, „daß Ahnen der Rauch un:
angenehm ift, und da Sie mir erlaubt
haben, Sie zu begleiten, jo wollte ich
Sie Ihre Güte nicht bereuen laſſen,
indem ich Sie beläftigte.“
„Sie geniren mid) durchaus nicht.
ch Aber jagen Sie mir, ift das Rauchen
nicht eine feltfame Augewohnheit! Ich
fann mir faum vorjtellen, welchen Ge:
nuß es gewähren joll, eine Rolle trod:
nen Krautes anzuzünden und dieſe in
Brand zu halten.”
„Das Rauchen,” entgegnete er,
„it Doch etwas mehr, als Sie glauben.
Diefe ſcheinbar nutzloſe, häßliche Be:
ich ſchiebe ſeine Abneigung gegen mich ſchäftigung iſt von wohlthätiger Wir—
einzig und allein auf perſönliche Ab—
neigung; und mit dieſem Gedanken
will ich mich beruhigen. Die Zeit
meines hieſigen Aufenthaltes wird in
nicht allzuweiter Ferne ablaufen, er
wird ſchon früher nach Hauſe zurück—
kehren, und was iſt dann weiter?
Zwei Menſchenkinder ſind ſich auf ei—
ner Station der großen Landſtraße des
Lebens begegnet, haben ſich begrüßt,
mit einander gegeſſen und getrunken
und find dann nach verſchiedenen Rich:
tungen auseinander gegangen, um —
fich nicht wieder zu ſehen und fi zu
vergeſſen.“
fung. Aus dem blauen, ſich ktäuſelnden
Rauch, aus dem milden Aroma einer
guten Cigarre entiteigen allerlei Ge—
danfen und Empfindungen , oft poeti-
ſcher Art, und diefe trodne Rolle ift
ein angenehmer Geſellſchafter, der,
wenn man mit ihm allein ift, die Lang:
weile verſcheucht. Die Cigarre bejchäf:
tiget ung; man muß fie pflegen, in
Brand halten, die Aſche abſtoßen, aus
dem Munde und in denjelben thun,
furz, in jedem Nugenblide gewährt fle
uns Beihäftigung, und offenbar wirkt
fie belebend und anregend auf den
Geift. Jeder Gelehrte, Staatsmann,
Ganz jo mochte aber der Ange: | Feldherr und Dichter follte rauchen und
klagte doch wohl nicht denken oder ich übertreibe wohl nicht, wenn ich
— 2
fage, daß brei Viertheile der Männer:
welt wirflih der Havanna oder den
Pfälzern huldigen.“
„Sie ſind ein beredter Anwalt
Ihres Lieblings,“ ſagte Margaretha,
„und in Anerkennung Ihrer Verdienſte
erlaube ich Ihnen, jetzt einen braunen
Sorgenbrecher als Freudenopfer zu
Aſche zu verbrennen.“
Er machte von dieſem Anerbieten
Gebrauch, und ſo ſchritten beide zu
den Spurgelbeeten.
„Man muß den Spargel von nun
an in Ruhe laſſen,“ meinte er, „eine
Zeit ift um, und wie Alles in der
Welt muß er jegt Blüthe und Frucht
treiben. Das ift der Zweck jedes
Pflänzchens, das ijt ber Zweck ber
lebenden Mejen, des All's.“
„So hat alſo aud die Menjchheit
diefen Zweck?“ fragte Margaretha
ſchüchtern.
„Gewiß, ſie hat ihn.“
„Und was iſt die Blüthe des
Lebens?“
„Die Liebe“, erwiderte er ernſt.
Sie fühlte, wie ſie erröthete. Die
Liebe die Blüthe des Lebens, Zweck
des Daſeins, und ſie hatte dieſe Liebe
ganz aus dem Leben ſtreichen wollen!
„Und was iſt denn die Frucht des
Lebens?“ fragte ſie weiter.
„Unſere Werke,“ antwortete Wolf—
gang, „das, was wir ſchaffen mit
aller Kraft in dem uns zugewieſenen
Kreis des Daſeins. Wer dieſen ausfüllt
und ſchaffend mitarbeitet an dem Werk
der Menſchheit — deſſen Leben hat
Frucht getragen.“
Er brach ab; vielleicht bereute er,
mit einem jungen Mädchen über ſolche
Dinge geſprochen zu haben, und im
nächſten Augenblick hatte er dem Ge—
ſpräch eine ſcherzhafte Wendung ge—
geben.
Margaretha ſtach inzwiſchen den
Spargel und legte ihn in das Körb—
chen. Dabei fiel ihr das Meſſer aus
der Hand, ſie bückte ſich und griff
darnach, er gleichfalls, und, war es
Zufall oder Abſicht, ſeine Hand ſtreifte
die ihrige und hielt ſie eine Secunde
lang; dann hielt er das Meſſer und
überreichte es ihr.
„Sie kennen den alten Aberglauben,
daß überreichte Meſſer die Freund—
ſchaft zerſchneiden,“ bemerkte er lächelnd,
„ich denke, wir beide ſind von ſolchem
Glauben frei.“
„Gewiß,“ ſagte ſie etwas zerſtreut,
„ich denke an ganz andere Dinge.“
„Ei,“ meinte Wolfgang heiter, „ich
möchte einmal in ein ſolches Köpfchen
hineinſehen können und die bunten
ſchelmiſchen Gedanken ſchauen, die da—
rin niſten. Da iſt gewiß lauter Leben,
Maienluſt und Blumenduft und Er—
innerungen an die letzte Saiſon, an
Cotillonorden, Bouquets und — “
Ein Blick aus ihrem Auge, der
nicht gerade ſehr ermunternd war,
veranlaßte ihn, ſich zu unterbrechen.
Und indem er ihr die Hand hinhielt,
fragte er ſie, ob ſie ihm zürne?
Margaretha reichte ihm die ihrige,
denn was ſollte ſie thun? Sie war
froh, als die Arbeit beendet war und
ſie dem Hauſe zuſchritten; aber nach—
denklich hatte dieſer Vorfall fie doch
gemacht, und fie war ziemlich fill und
einfilbig, biß ber Onkel fie auf andere
Gedanken brachte, indem er eine Fahrt
zur Familie von Goben vorfchlug, die
auf den Mittag angetreten wurde.
Das Wetter war köftlih, die Ge-
ſellſchaft, die man dort vorfand, ſehr
animirt, der Herr Vetter, ganz Humor
und Vergnügen, war aufgeräumt, wie
ſie ihn noch nie geſehen hatte. Mar—
garetha ſchob das auf Emmy's Nähe,
und die junge Baroneſſe ſah mit ihrem
Lockenköpfchen und in der hellen Som—
mertoilette allerliebft aus und erzählte
mit großer Xebendigfeit, wie viele
Metzen Kirſchen, Beeren und Nüſſe ſie
in dieſem Jahre einmachen wollte,
welchen Ertrag die Obſtbäume ver—
ſprachen, und Margaretha ſah ſchon
im Geiſte Wolfgang als Emmy's Gat—
ten und wünſchte den Beiden von gan—
zem Herzen Glück, natürlich in Ge—
danken.
264
Am Nachmittage unternahm man
einer Frau nur eine MWirthichafterin
einen Spaziergang nah einer alten | jehe?
Burg, die in der Nähe des Gut lag
und als eine reizende Ruine gerühmt
war. Sin derjelben vertheilte fich bie
Geſellſchaft in den verichiedenen meit-
„Durchaus nicht,“ Tautete feine
Antwort. „Kann man nicht das Eine
thun, ohne das Andere zu laſſen?
Kann eine Frau nicht reizende Gemälde
läufigen Räumen, und Emmy nahm ſchaffen und doc eine gute Köchin fein,
den Arm eines Hauptmanns von Bel:
ter an, Wolfgang aber bot feiner ſchö—
fann fie nit Beethovens Compofitio-
nen jpielen und gut Gurfen einmachen,
nen Gegnerin den Arm und führte | das Kochbuch jekt und Romane nad):
fie duch Thore, Gänge und Gemächer,
indem er mit großer Sadfenntniß bie
Einrihtung einer alten Veſte erklärte.
„Hier war der große Saal,“ fagte
er, „in welchem bie Ritter fneipten;
aber ich bedauere, gnädiges Fräulein,
Ahnen eine Illuſion ftören zu müfjen.
Unfere Romantiker haben uns meift jehr
poetiiche Bilder von Nittern, Burg:
fräulein und holden Liebesicenen ge:
jchildert, die das Mittelalter in dich-
ber leſen? Ich denfe, das wäre mög:
ih, ebenfo gut, als ein Dichter ein
jehr vernünftiger, praktiſcher und arbeit:
jamer Mann jein fann und nicht mit
Ichiefgetretenen Stiefeln, wallenden
Loden und unjauberem Kragen als
verfanntes Genie umberzulaufen braucht.
Jedes Ding hat eben feine Zeit —“
„gupinen und Berje,“ warf fie
muthmwillig ein. „Wollen fie auch dieje
beiden Begriffe mit einander verjöh-
teriichen Duft und Nebel hüllen. Lei: | nen ?“
der waren die Burafräulein ebenfo:
wenig ätheriſche XTransparentwejen,
„Ih kann es,“ ſagte er ruhig;
„it die Lupine nicht eine ungemein
al3 unjere modernen Damen. Wie dieje | buftige, freundliche Blume, ein poeti-
ein Beefftead oder ein Dutzend Auftern, |
einen Kelch Bier oder ein Glas Punſch
nicht verihmähen, mit holdem Mund
oft arg die Zofe auszanken oder in
Küche und Keller rumoren, jo waren
die Burgfräulein richtige Landpomeran-
zen mit Schlüffelbund und Spinn—
roden, die in der Milh: und Käſe—
fammer, in der Küche und auf dem
Boden wader mit angegriffen und
keineswegs ein Gejhäft Daraus machten,
feufzend auf dem Altan zu jtehen,
Stidereien für den Geliebten zu machen
und Zither ſchlagend den Rhein hinauf
oder die Elbe hinunterzufchauen. Und
die jo zart gemalten Ritter waren derbe
Landjunker, die befjer im Pferdeſtall ala
in der Literatur Bejcheid mußten. Dieje
angedichtete Romantif hat mich von
jeher geärgert, denn ich liebe die
Salonpuppen nicht, weder im vier:
zehnten, noch im neunzehnten Jahr:
hundert.”
Margaretha glaubte darin eine
Anspielung jehen zu müflen, und fie
ſches Kind der Flur, ein dankbares
Geſchöpf des Bodens, der fie nährt,
ein Sinnbild der Beicheidenheit? Und
welchen reizenden Namen bat ihr ber
Vollsmund gegeben: Je länger, je
lieber! heißt fie. Iſt das nicht Schön
‚und finnig? Iſt das nicht ein holdes
Gelübde Liebender Herzen? Ye länger
ich dich jehe, je lieber hab’ ih Dich;
je länger ih Dich liebe, je lieber haft
Du mich; je länger ih Dich hege, je
Schöner ſcheinſt Du mir; je lieber ih
Dich pflege, je theurer bin ih Dir. —
Laſſen Sie die goldige Zupine gelten,
liebe Margaretha, und bie Dichter da—
zu, und,“ fuhr er lächelnd fort, „Gnade
auch für Lupinendichter !”
Die Vershen über die Qupine
hatten Margarethen nicht mißfallen ;
fie hätte gern gewußt, ob er fie
jelbit gemacht. Aber fie wollte nicht
darnach fragen, und Wolfgang machte
fie fogleih auf die Sonne auf:
merfjam, die jo eben in das Meer
tauchte. Er verglich fie mit der Menſch—
fragte etwas gereizt, ob er denn in heit, mit den Dingen der Welt, die
265
auch ihren Untergang finden; er er: ihm Necht, daß er die Melt nicht wiſ—
innerte fie daran, daß die Natur im: |fen ließ, was in feinem Herzen vor:
mer wieder aus fich jelbit erſteht, ſich ging; aber fie bedauerte ihn auch we:
ewig neu verjüngt, und daß wir auf nen des Verluſts Emmy's, dem, jagte
Gräbern wandeln und unjere Blumen | fie fih, wenn diefer Mann liebt, jo
aus Grüften blühen; er zeigte, wie Ge- | geſchieht es gewiß mit der ganzen
ſchlechter vor ung lebten und liebten und | Energie und dem ganzen Ernſt, ber
vor uns hinabftiegen, daß Geſchlechter
nah ung da fein werden und auf unfern
Todtenhügeln jcherzen und fingen.
Dann aber entjchuldigte er fich,
ihr den ſchönen Abend, wie er es
nannte, mit Philoſophien verdorben
zu haben, die nicht einmal den Reiz
des Neuen bejäßen, und führte fie hi-
nab zu der übrigen Gefellihaft, die
fi) wieder gejammelt hatte; und von
da ab machte fi) der Hauptmann zu
Margaretha’3 Cavalier und unterhielt
fie höcht lebhaft von Prinzeſſin Eleo:
nore, vom Frankfurter Pferderennen,
von Verdi’3 Opern und von Hundes
drefjur, bi8 man endlich daheim war,
bald darauf zum Souper ging, und
endlich zwei Stunden jpäter den Heim:
weg antrat, Margaretha in der feften
Ueberzeugung, daß zwifchen Wolfgang
und Emmy nun „Alles richtig” jei.
Wie ſehr jah fie fi deshalb drei
Tage jpäter überrafht, als die Nach—
riht bei der Tante und dem Onkel
eintraf, daß Emmy fich verlobt hatte
— mit dem Hauptmann von Zelter!
Der Onkel las die Anzeige vor, und
Margaretha meinte, Wolfgang müſſe
fih jett entfärben und würde äußerſt
überrajcht fein, aber er zündete nur
ruhig eine neue Cigarre an und ſagte:
„Das ift ja prächtig. Der Hauptmann
it ein jehr braver Manı, und Emmy
wird eine vortreffliche Hausfrau fein. ch
wünſche ihnen von ganzem Herz Glück!“
Ja, es mar erjtaunlich, wie ſich
diejer Herr Vetter in der Gewalt hatte!
Keine Miene, kein Zuden feiner Lippen,
fein Zittern der Stimme verrieth die
Pein, die er nah Margaretha’s Ueber:
zeugung doch fiher in diefem Augen:
‚feinem Mejen eigen ift; und wenn
ih auch mit ihm auf jchlechtem Fuße
jtehe, jo muß ich doch zugeben, daß
er ein ehrenwerther Mann ift.
Eines nur war ihr unerflärlich,
nämlih, warum Wolfgang, deifen Be:
ſuch doch nur von furzer Dauer hatte
fein jollen, noch immer nichts von jei-
ner Abreife vernehmen ließ; aber fie
hatte nicht viel Zeit, fi den Kopf
darüber zu zerbrechen, denn jchon wieder
gab es etwas Neues und zwar etwas
ganz Unermwarteted. Von der Freundin
Helene fam nämlich ein Brief mit der
aufregenden Nachricht, daß Helene
Braut ſei, die Braut des Aſſeſſors, der
jeit einigen Monaten in ihres Vaters
Haufe verkehrte.
Das war abjheulich von der Freun—
‚din, die damals in Margarethen’3 Ar-
men geſchworen hatte, daß fie nie,
niemal® „heiraten würde, weil Die
Männer ſowohl im Ganzen als im
Einzelnen unmwürdig wären, und nun!
— Aber jo ſehr unangenehm mußte
ein Brautftand doch auch nicht fein,
denn in Helenens Brief war lauter
Jubel und heller Sonnenſchein, und
Margaretha hätte — matürlid nur
aus Wißbegierde — gar zu gern eine
Idee gehabt, wie einer Braut eigent:
(ih zu Muthe ift; und hübſch mußte
e3 Doch geweſen fein, als der Aſſeſſor
zu Helenen gefommen war, vor ihr
gefniet und ihr gejtanden hatte, daß er
fie liebte, anbetete, vergötterte und daß
fie allein ihn zum Glüdlichiten aller
Sterblihen machen könnte, daß er aber
fterben müßte, wenn Helene ihn ver:
ftieße. Da hatte diefe natürlich feinen
eventuellen Tod nicht auf ihr Gewif:
blid in feinem Innern fühlte. Er blieb | fen nehmen mollen, und der Afjeflor
ruhig, als ob nichts gejchehen wäre. | hatte fie gefüßt. Freilich Hatte fie erft
Margaretha bewunderte ihn und gab die Abſicht zu jchreien, aber fie befann
Kofeggers „Heimgarten‘* heſt 4. 18
266
fi doch wieder und ba das Küſſen
gar nicht wehe that, jo Füßte fie wie:
der — und das Alles lad nun Mar:
garetha Schwarz auf weiß. Natürlich
ging fofort ein langer, langer Antwort:
brief mit Glückwünſchen nad ber Ne-
ſidenz, und in der unvermeiblichen
Nahichrift, die in dem Brief einer
Dame niemals fehlen darf, jtanb fo
Allerlei von Nefignation und das Ganze
Ihloß mit der wehmüthigen Betrach—
tung: „Entbehren und Entjagen ge:
winnt das Himmelreich !”
Und nun war gar noch Marge:
retha’8 Geburtstag herangefommen.
Heut wurde fie achtzehn Jahre,
und das machte fie ehr, jehr nachdenklich.
Der Onkel und die Tante waren
die erften, die ihr gratulicten, dann
famen ber Inſpektor, der Verwalter,
die Haushälterin und das Gefinde. Alle
hatten fie gern, das jah fie ihnen an,
und rei, überreihlich wurde fie be—
ſchenkt. Bon den Eltern kamen Ge-
Ichenfe und Briefe, von Helenen eine
lange Epijtel, die ganz warm war
von heißer Freundfchaft und glühender
Liebe, mit welcher auch die Braut
noch ihrer gedachte und des Aſſeſſors
Photographie überlandte, und Marga—
reiha war jo glüdlih, fo froh, daß
fie hätte binauslaufen mögen, um
draußen im ftillen Walde mit ihrem
Glück allein zu fein. Aber es regnete,
liebte fie ja nicht und fie liebte ihn
nicht, aber er hätte doch troß all’ jei-
ner Abneigung gegen fie ſchon aus
Höflichkeit rückſichtsvoll fein müſſen,
hatten doch jelbft der Hauptmann und
Emmy gejchrieben !
Da ließen fih Hufichläge auf dem
Hofe vernehmen; fie hörte Wolfgangs
Stimme und ein tiefer Groll gegen
ihn überfam fie. Er ging in fein Zim—
mer; er hatte fie vergefjen. Doch was
war das? E3 Elopfte.
„Herein.“
Die Thüre öffnete ſich — Wolf:
gang trat, ſchnell umgekleidet, im ele—
ganten Promenadenanzug in ihr Zim—
mer, und ſie fühlte, wie ihr das Blut
in's Geſicht ſtieg.
„Verzeihen Sie, Fräulein Marga—
retha“, ſagte er freundlich, „daß ich
mir erlaube, Sie hier aufzuſuchen,
und geſtatten Sie mir, Ihnen dieſes
Bouquet als den beſcheidenen Herold
meiner herzlichiten Glüdwünfche über:
reihen zu dürfen, und nehmen Sie
dies Album von mir an, es ilt ein
ſolches, wie Sie vor einigen Tagen
zu befigen wünſchten.“
Bouquet und Album waren in
Wahrheit prächtig zu nennen; und in
diefem Augenblid, wo Wolfgang fo
freundlichrubig vor ihr jtand, hätte
fie ihm nicht mehr böje jein können,
und wenn er fie früher auch noch fo
was vom Himmel wollte, und fo jaß ſehr gefränft hätte.
fie denn bald allein in ihrem Zimmer
faltete bie Hände und überdachte bie
Zeit, die fie verlebt, Glück und Un:
glüd, das fie erfahren. Achtzehn Jahre!
Eine kurze Zeit und doch eine jo lange,
der Mai des Lebens, die Blüthe des
Dafeins. Aber der Mai ſchwindet und
die Blüthe welkt, das junge Herz wird
einft alt und das blonde Haar ergraut
— fie wurde ganz ſchwermüthig . .
Ale hatten gratulirt; nur er hatte
fih nicht einmal jehen laffen; ja, er
war, wie fie erfuhr, ganz in der Frühe
fortgeritten, offenbar, um fie zu ver:
meiden; und das fränfte fie tief. Sie
hatte ja feine Anfprühe auf ihn, er
Sie dankte ihm freundlich und be—
mwunberte die Gejchenfe, In dieſem
Augenblide trat die Tante ein.
„Ab,“ rief fie, „ba ijt der Defer:
teur alio wieder! Sieh’ nur, Kind,
diefen Böſewicht; reitet uns in aller
Frühe davon, jagt fait zwei Meilen
im tolliten Regen —“
„Aber Tanthen — !*
„Nein, feine Gnade! und macht
denselben Weg zurüd, um uns aus
der Stadt diejes Album zu holen.”
„Und um meinetwillen find Sie
in dieſem Unwetter jtundenlang zu
Pferde geweſen,“ ſagte fie in großer Ver:
legenheit, „wie fol ich Zhnen danken 2*
267
Sie reichte ihm die Hand und er
füßte fie. Noch nie hatte fie ihn Je—
mandes Hand küſſen jehen, fie glaubte,
e3 jei dies gegen jeine Grundjäße —
wenige Secunben jpäter war er, als
ob er jein Thun bereute, aus dem
Zimmer und die Tante folgte ihm.
Erit bei der großen Haupt: und
Staat3action des Tages, beim Feſtdiner
zu Ehren „des achtzehnjährigen Din:
gelchens,“ in nüchterner Proſa Margare:
tha genannt, Jah fie ihn wieber, als fie im
Vollbewußtſein ihres würdigen Alters
und „unter der Laſt der Jahre gebückt“
in heller Sommertoilette in den Speife:
jaal „ſchwebte“, um an der Seite bes
„Lupinendichter8” der Küche der Tante
alle Ehre zu erweifen. Der Herr Bet:
ter brachte den Toajt auf die Gefeierte
aus und ftieß mit ihr an, trank auch
ein vollesGlas auf ihr Wohl, wurde dann
aber jhweigjam, als ob diejer Toajt jein
ganzes Waarenlager von Reden gewejen |
und dasjelbe nun total erjchöpft wäre.
Inzwiſchen hatte der Regen aufgehört,
die Sonne lachte freundlich von oben
und trodnete die naffe Erde, und Mar:
garetha pilgerte auf eigene Fauft hinaus
an den Strand und wanderte biejen
entlang, das Köpfchen jo recht voll von
allerlei Gedanken und Träumen, Plöß-
lih vernahm fie Schritte Hinter fich,
wandte fih um, und Molfgang trat
grüßend zu ihr und reichte ihr Die Hand.
„Darf ich Ahnen meine Begleitung
anbieten, Fräulein Margaretha?” fragte,
er, „oder ftöre ich Sie vielleicht in
Ihren Gedanken, denen Sie foeben
Audienz zu ertheilen jcheinen 2”
„Wenn Sie mich geleiten wollen”,
jagte fie, „jo wird e8 mir ſehr ange:
nehm jein. Meine Gedanken können
inzwischen im Vorzimmer Plat neh:
men, und übrigens hoffe ich, daß Ihre
Unterhaltung mich diefelben durchaus
nicht wird vermiſſen lafjen.”
„Da haben Sie eine jehr gute Mei-
nung von mir,“ erwiederte er jcherzend,
„und ich werde mich bemühen, mir
dieje zu erhalten; mir liegt an der gu—
ten Meinung jedes ehrlichen Menſchen.“
„And Halten Sie mich für einen
ſolchen?“
„Ja; ohne Complimente. Dieſes
Geſicht, Fräulein, kann nicht trügen,
ſo wenig als die reine Sonne dort,
die ihr goldnes Strahlenſiegel auf das
blaue Himmelszelt gedrückt hat.“
„Der ſchöne Tag begeiſtert Sie
zu dichteriſchen Bildern; das iſt mir
neu an Ihnen; ich glaubte, Sie hul—
digten nur dem realen Sein und lach—
ten über uns ſentimentale Seelen.“
„O nein; jeder Menſch iſt eigent—
lich Dichter“, entgegnete er, „und
nebenſächlich iſt es, ob er ſeine Dich—
tungen der Preſſe übergibt, oder ob
er ſie für ſich behält, vielleicht ver—
ſchließt. Die Fähigkeit des Reimens
macht den Dichter nicht.“
„Sie ſagen, jeder Menſch ſei Dich—
Gilt es demnach von Ihnen auch?“
„Es gilt,“ ſagte er lächelnd.
„Alſo iſt es wahr,“ rief fie, „was
ih ſchon vor Wochen hörte! Und den-
noch haben Sie uns Ihre Werke vor:
enthalten. Das ift ein Unrecht gegen
ung —“
„Das Sie mir, bitte ich, verzeihen
wollen! Wenn es Ahnen Vergnügen
macht, jo werde ich mir erlauben, bei
unferer Rückkehr Ihnen meine Bücher
zu überreihen. Unfere Dichtungen find
die Ergänzungen unſeres Thuns. Sie
haben mich im Uebrigen fennen ge:
lernt, mögen Sie nun Ihr Urtheil
über mich vervolljtändigen; ich hoffe
und wünjche, daß e3 nicht allzu ftreng
ausfalle. Ich habe in mir das Pro—
blem zu löſen verſucht, ein thätiger,
praftiiher und nüchterner Mann zu
jein und doch mir die Poeſie des Le—
bens, die Wärme des Gefühls, Die
Idealität der Anfchauungen zu be:
wahren.”
„Es iſt Ihnen gelungen,” jagte
Margaretha nachdenklich. „Ich hatte
oft den Wunſch, einen Dichter zu ſehen;
dieſer Wunſch iſt nun erfüllt —; frei—
lich ſind Sie anders, als ich mir in
meiner Phantaſie einen Muſenſohn ge—
dacht hatte, und ich geſtehe Ihnen offen,
18*
ter.
268
daß mir Doppelflinte, Sautgetreide,
Patentpflüge und Dreſchmaſchinen an:
fänglic als jehr wunderliche Attribute
eines Poeten erjchienen find ; aber ich
babe dieje Widerfprüche jet mit einau—
der verjöhnt, weil ich fie in Ihnen
verjöhnt finde.”
„IH danke Ihnen für Ihre gute
Meinung über mich,“ unterbrad er
fie. „Aber e8 wird Zeit, an ben Heim:
weg zu denken; die Tante erwartet
und zum Eſſen, und, ehrlich geitanden,
ic habe auch noch nicht gelernt, Son:
nenſchein zu jpeifen und Mailüfte oder
Zephyrwinde dazu zu trinken.“
Er bot ihre den Arm und fchritt
langjam mit ihr dem Haufe zu, wo
die Tante bereits ihrer wartete. Eine
halbe Stunde fpäter war Margaretha
im Befige der verjprochenen Bücher
und war nicht wenig überraſcht, in
ihnen Gedichte und Erzählungen wieder:
zufinden, die im legten Winter in der
Refivenz fo bedeutendes Auffehen er:
regt hatten, um fo mehr, da ber Ver: |
faſſer derjelben nicht befannt geworden
war. Beſonders aber interejjirte fie
der legte, ihr noch völlig unbekannte
Band, der furzweg „Eine Gejchichte
aus dem Leben” benannt war. Ya,
das war wirklich aus dem Leben, aus
dem vollen, warmen Leben, jo einfach
und doc fo großartig, jo tief poetifch
empfunden und gefhildert, jo alle Luft
und alles Leid zujammenfaflend, daß
fie mehr als einmal das Buch nieder:
legte und fich fragte, ob dies wirklich
derjelbe Mann gejchrieben, ber da vor |
ihr wandelte, der mit ihr im Wagen
gejeffen, der fie beim Regen in den
Mantel gewickelt und ihren Eierfuchen
gelobt hatte — der Lupinendichter !
Sie ſetzte fih am Abend an den
Schreibtiih und trug etwas in ihr
Tagebuch ein; und da wir einen Paſſe—
partout als Schriftiteller Haben, fo
haben wir der ſchönen Gorrefpondentin
über. die Schulter gejehen — natür:
ih nur im Intereſſe unferer verehr:
ten Leſerinnen — und geben bier den
betreffenden Abjchnitt wieder: Vortreff-
liher Mann, Wolfgang, Dichter von
Gottes Gnaden, vergieb mir den jchnö-
den Lupinendichter, den ich Dir in
meiner Unwifjfenheit angehängt Habe,
vergieb mir alle meine Fieinen Bos—
heiten und die ſchlechte Meinung, die
ich von Dir hatte, denn fiehe, ich thue
Abbitte, zwar nicht auf meinen Knien
in Anbetracht meiner neuen Nobe, und
weil es nicht reputirlich wäre für eine
junge Dame aus der Nefidenz, aber
verzeihe mir meine Ungezogenheit, wie
ih Dir die Beiftiftzeichnung „Salon:
puppe und Hausfrau” und nicht mins
der das unbefugte Einwickeln von da—
mals vergebe. Du bilt ruhiger und
verjtändiger gewejen, als ic), aber das
war, genau genommen, natürlich, denn
Dein Taufihein zeigt ein um mehr
als zehn Jahre älteres Datum, als
der meinige, und außerdem gehörft
Du zum ftärferen Gejchlecht, was bei
Deiner Fräftigen Figur ganz augen:
fällig ift, ich aber zu dem jchwächeren,
oder, wie Du bei der Strohhut:Affaire
als wohlerzogener Mann behauptet
haft, zu dem jchönen Gejchleht. Nur
noch einmal, mein braver Lupinendich-
ter, erlaube mir, Dir diefen Namen
zu geben und Dir zu bemerken, daß
ih jetzt vollftändige Buße gethan und
mein Gewiſſen Dir gegenüber falvirt
habe. Damit mußt Du zufrieden fein,
wenn Du es auch nicht gehört haft,
denn es ift das Neußerfte, wozu ſich
Deine Hausgenoffin verjtehen kann.
Punktum.
Nun war aber der für Marga—
retha's Abreiſe beſtimmte Termin nahe
gerückt; es wurde Zeit, daß ſie ernſt—
lich an den Abſchied dachte, und ſo
beſuchte ſie denn noch einmal alle die
Orte, die ihr lieb geworden waren,
meiſt begleitet von dem pfiffigen weiß—
gelben Dock, der faſt nie mehr von
ihrer Seite wich und den der Onkel
ihr als Geſchenk zugeſagt hatte. Auch
Wolfgang ſprach von ſeiner Abreiſe,
und Margarethen fiel das Wort ſchwer
auf's Herz; ja, als ſie allein war,
kamen ihr Thränen in die Augen.
269
E3 ift eben ein eigen Ding, von einem | Scheidend wäre und — bat Marga:
Menjhen gehen, mit dem man ſo retha um Berzeihung, wenn er fie je:
mandhen Tag gemeinjam gelebt, den mals irgendwie gefränft haben follte,
man jchäßen und würdigen gelernt |und daß fie ihm eine freundliche Erin-
bat; und ganz melandoliih mar fie, |nerung bewahren möchte. Damit leerte
al3 am Nachmittag ein Spaziergang er fein Glas auf ihr Glück und Wohl:
unternommen wurde, vermutblich der |ergehen, nachdem er mit ihr angeftoßen.
legte. War es Zufall oder Abſicht, Nach dem Effen muficirte er mit ihr
fie trug den Strobhut, der damals |und ſang Geibel’3 Gondellied, welches
ihre erjte Belanntichaft mit Wolfgang er damald auf dem Meere gefungen
vermittelt hatte, und er, er führte bie | hatte:
Gejellichaft gerade nad der Stelle am) O komm’ zu mir, wenn durd die Nacht
Strande, wo dies gejchehen war — | Wandelt das Sternenheer!
und erzählte ſcherzend die ganze Ge: | So hatte feine Stimme noch nie ge:
Ihichte, zur Beglaubigung — Mar: | Elungen; jo hatte fih Margaretha noch
garethen’s Strauß, hübſch getrodnet, |nie ergriffen gefühlt, und als gar die
aus einem kleinen Etui präfentirend. | Worte kamen:
„Er hatte ihn alfo nicht in’8 Meer | Das ift für Liebende die Stund',
geworfen“, dachte Margaretha, „das Lieben, wie ih und Du;
gefchieht erit, wenn ich fort bin.” Sie da hätte fie ihm um den Hals —
wagte nicht aufzubliden und bejchäf: | doch nein, das ſchickte ſich ja nicht für
tigte fich angelegentlich mit dem Hunde, |ein wohlerzogenes junges Mädchen,
der mit ihr gehen und Nefivenzbe: | und es unterblieb; aber das Herz hätte
wohner werben follte, von dem aber ihr jpringen mögen. Glücklicher Weiſe
Wolfgang mit feinem Lächeln behaup- fam der Onkel dazu und unterbrach
tete, daß das treue weißgelbe Land: fie, und fie dankte ihm innerlich für
find dennoch wohl feine Tage einft im | diefe Dazwiſchenkunft.
Dorf beichließen würde, eine Neuße: Stunde auf Stunde verrann und
rung, die Margaretha nicht ver: |fie wurde immer unruhiger; alles Den:
fand. — — — fe, alles PVhilofophiren ließ fie im
Und nun war endlich der vorlegte Stih, ihr Verſtand war ohnmächtig,
Tag erihienen, und mit ihm ſtellten als das Herz ſprach, am Liebjten wäre
fih in Margaretha’s Köpfchen zahl: | fie fogleih davon gefahren, um mur
reihe Gedanken ein, und endlich kam) der Dual zu entriunen. Sie war in
fie zu dem Schluffe, daß es aut jei, ihr Zimmer gegangen und lehnte ſich
daß ſie ſcheide und Wolfgang nicht in ihr Sopha; ſie ſchloß die Augen,
mehr wiederſehe. Aber ein | | um nichts zu denken, aber da erjt recht
Andenken wollte fie ihm bewahren, |famen ihr taufend und aber tauſend
hatte ſie doch von ihm ſo manches ge- Gedanken; aus allen Winkeln und
lernt, hatte ſie ſich doch, ohne es ſelbſt Ecken ſchlüpften ſie hervor und um—
zu ahnen, an ſeiner geiſtigen Reife tanzten fie, und fie fühlte ſich jo recht
und Weberlegenheit herangebildet, wie | unglücklich, daß es zum Herzbrechen war.
ihr jegt plöglih Har wurde, Mochte | Südlicher Weiſe geht es mit dem
er nun fie immerhin vergeſſen — was | Herzbrechen nicht jo eilig, und das
that es, was war fie ihm! Und dann | mar gut.
— aber fie wollte gar nicht mehr an Enblich eilte fie hinaus und fuchte
ihn denken, das hatte fie fich Schon Ruhe im Garten.
längſt vorgenommen. Wolfgang war Am Rande des Gartens erhob fich
an diefem Tage merkwürdig fill; bei ein Hügel mit blühendem Gehölz und
Tiſch ergriff er fein Glas und erin: am Fuße desſelben ftand eine Bank
nerte daran, daß dies der Tag des von Gebüſch umgeben, fo heimlich und
270
lauſchig, Jo einfam und traulich, daß
fie Margarethen immer ber liebfte Plat
und der Ort ihrer Träume geweſen
war. Sie ſetzte ſich nieder und hatte
bald die Welt und Alles um fich ver:
geſſen. Mechanifch zeichnete fie mit
ihrem Sonnenſchirm Kreife und Linien
auf den Boben.
Wie lange fie jo geſeſſen hatte,
mußte fie nicht; da vernahm fie plöß-
ih Schritte unmittelbar an ihrer
Seite; fie blidte auf, und — Wolf:
gang ftand neben ihr.
Mit der ihm eigenen freundlichen
Ruhe begann er das Geſpräch:
„Berzeihen Sie, wenn ih Ihre
Einjamteit ftöre”, fagte er, „wenn Sie
befehlen, ziehe ich mich fogleich zurück.“
Margaretha lud ihn zum Sigen ein.
„Sie haben“, fing er wieder an,
„Ion Alles zu Ihrer Abreife vorbe-
reitet; Sie wollen alſo wirklich mor:
gen fort?“
Sie bejahte dies.
„Und Sie jcheiden ohne Bedauern
von diefem friedlihen Ort?“
„Ohne Bedauern? Nein, Hier ift
mir Alles lieb geworden, und es wird
mir jchwer, davon zu gehen. Aber
einmal muß doch Abichied genom:
men werben, und je jpäter e8 ge:
„Wenn Menfhen auseinander gehn,
So jagen fie: Auf Miederfehn !"
Er fette fih neben fie, während er
bisher geftanden hatte. Dann fuhr
er fort:
„Fräulein Margaretha, ein gütiges
Geſchick hat Sie auf meinen Weg ge:
führt, und lange habe ich das Glüd
gehabt, unter einem Dache mit Ihnen
zu wohnen, mit Ihnen zu leben. Sept
wollen Sie gehen, und Alle fehen Sie
mit Schmerz fcheiden, alle Herzen be:
wahren Ihnen eine treue Erinnerung ;
— dürfen wir hoffen, daß aud Sie
uns nicht vergefjen werden; dürfen wir
glauben, daß Sie aud in der Ferne
an die Strandbewohner zurückdenken?“
„Gewiß, gewiß!“
„Und wenn Sie fo in ftillen Stun:
den träumen, fi erinnern an bie
Tage, die Sie hier verlebten, darf ich
zu hoffen wagen, daß auch ih in
Ihrem Gedächtniß Tebe, daß Sie —“
Er faßte ihre Hand mit feiner
Rechten; fie wollte ſich erheben; aber
er hielt fie mit ſanfter Gewalt zurüd.
„Nein, gehen Sie nicht, Marga:
retha”, bat er bewegt, „bleiben Sie,
ich bitte! Ich kann nicht ſcheiden, kann
nicht ſo von Ihnen gehen, und dieſe
ſchöne Stunde darf noch nicht enden.
Margaretha, was ich ſeit vielen Wo—
ſchieht, deſto ſchwerer möchte es fein.“ | chen tief im Herzen trage, ein Geheim—
„Sie haben Recht,“ ermwiberte er
finnend, „wir find ja überhaupt nur
Gäſte auf Erden, und unjer Reben ift,
genau genommen, nur ein immer wie:
derholtes Gehen und Kommen. Bald
jo, bald fo, bald hier, bald dort jchei-
den wir von Menjchen und Dingen,
mit denen wir lebten und vielleicht
fogar glüdlich waren. Und nur ein
Troft bleibt uns in diefem Lauf der
Welt.” —
„Und diefer Troft iſt?“
„Das Wiederſehen!“ — —
„Und doch“, meinte Margaretha,
„lollte, wer jcheidet, immer jcheiben,
als ob er niemals wiederkehrte.“
„O nein, nein!“ unterbrach Wolf:
gang fie lebhaft:
niß, das mich unſäglich elend und
unſäglich glüdlih macht, Sie müſſen
e3 erfahren, und von Ihren Lippen
will ich mein Urtheil hören! Marga—
retha“ — und leije legte er den Arm
um ihre Schulter, „ich liebe Dich, ich
liebe Dih mit aller Kraft meiner
Seele, jeit jenem Tage, wo Du mir
den Strauß gegeben haft; ich liebe
Dih und Dein Bild, Dein ſüßes Bild
allein erfüllt mein Herz, mein ganzes
Sein und Denken; und nun, nun
ſprich: Iſt die Hoffnung, die ich hegte,
Deine Gegenliebe zu erwerben, ift fie
ein leerer Traum geweſen, oder darf
ih Did in meine Arme jchließen,
darf ich dies Köpfchen an meine Bruft
lehnen — Margaretha ?“
271
Sie wußte nicht, wie e3 gefommen
war, aber feine Arme umijchlangen
fie, ihr Haupt ruhte an feinem Her:
zen, fie mweinte vor Wonne und Selia-
feit, und dann ein langer, langer Kuß,
und ihre Hände lagen ineinander; die
Bäume raufchten, die Blumen nidten,
die jcheidende Sonne übergoß die bei:
den Liebenden mit ihren vothglübenden
Strahlen.
„Margaretha, meine Margaretha!“
jubelte Wolfgang, und fie flüfterte ſei—
nen Namen, und es war eine Stunde,
wie fie eben nur einmal im Menfchen:
leben blühen kann. Zwei glüdliche
Menſchen dachten den höchiten aller
Gedanken, fühlten das hehrſte aller
Gefühle: die Liebe. Und nun erzählte
er ihr, wie er fie gleich zu Anfang
gern gehabt; aber er hatte es nicht
merken laffen, um fie erit zu ftubiren
und kennen zu lernen, denn er hatte
fie der Gaderobe wegen für eine ober:
flächliche Salondame angejehen. Dann
aber im Berlauf der Zeit war er eines
Beiferen belehrt worden, und ganz
hatte jie jein Herz gewonnen, als er
ſah, daß fie aud für das Praktiſche
reges Jntereſſe hatte.
Ihr unbemerkt hatte der Böſewicht
ſie erzogen; ohne es zu wollen, hatte
ſie ſich nach ihm gebildet. Er meinte,
nun paßten ſie Beide zu einander, wie
nur zwei Seelen paſſen könnten, und
er hatte Recht. Es war abſcheulich
von ihm, jo mit ihr zu verfahren.
Aber er leitete nun auch Abbitte,
So ſcherzten, lachten, plauberten
fie miteinander. Da erichallte des On—
fel3 Stimme im Garten, welche nad)
Margaretha rief.
Sie ftand auf.
„Laß uns gehen,” fagte fie, „und
Deinem Princip getreu das Praktiſche
mit dem SYdealen, das Poetiſche mit
dem Materiellen harmoniſch zu ver:
binden, wollen wir dem Souper ber
Tante unfere Aufmerkjamfeit ermweijen.
Er milligte fröhlich ein; und bevor fie
ih noch widerfegen konnte, ergriff er
fie, hob fie empor, wie ein Kind, und
trug fie jubelnd duch den Garten,
obgleich fie fich fträubte.
Bor der Laube ftand die Tante,
im Begriff, ein Brett mit Tellern auf
den Tiſch zu ſetzen, als fie die Beiden
erblidte.
„Um Gottes Willen, Wolfgang“,
tief fie ihm entgegen, „was gibt es
denn 2?”
„Eine niedlihe Kleine Braut!”
jubelte er laut, „und einen glüdlichen
Bräutigam!”
In demjelben Augenblid flogen
Brett und Teller klirrend auf den Bo:
den; Wolfgang aber der Unmenſch,
legte die kleine Margaretha in bie
Arme der Tante, die nun Beide um
die Wette herzte und füßte, daß ihr
die hellen Thränen über die Wangen
liefen. Der Onkel fam natürlich bald
hinzu, und die Scene jpielte noch ein:
mal. Margaretha weinte mit; ber
Onkel und Wolfgang lachten; Dod
bellte Iuftig dazwijchen. Da hob Wolf:
gang den Hund empor und rief:
„Sieht Du, Dod, Du kommſt nun
doch nicht in die Nefidenz, Du gutes
Vieh! Das fleine Gretchen bleibt ja
jelber auf dem Lande und an ber
See und wird nun — im Vertrauen
gejagt — die allerliebite Landpome—
ranze!“
„Wolfgang“, ſagte der Onkel, „Du
haſt mehr Glück, als Du verdienſt!“
„Ich weiß es“, rief er lachend,
„aber ich bin nicht böſe darüber!“
Noch an demſelben Abend ging
die telegraphiſche Meldung von dem
Geſchehenen an Margaretha's Eltern,
und demnächſt an Helene ein Brief,
deſſen letzte Worte unſere ebenſo lehr—
reiche als wahrhaftige Geſchichte be—
enden ſollen:
m. + Wolfgang tritt in dieſem
Moment zu mir und trägt mir herz:
lihe Grüße an Dich auf, die ich hier:
mit ausrichte. Bald jehe ich Dich wie:
der und umarme Dich; bis dahin ge:
dulde Dich und — der Herr Rupinen:
dichter küßt mich eben auf den Mund
und meint, das jei der befte Schluß !"—
272
Hausfprüde.
Bon Hans Grasberger.
Der befte Grund, der eig'ne Grund,
Das fchönfte Haus, das eig'ne Haus,
Der beite Wein vom eig'nen Spund;
Erwerben macht den Segen aus.
Rechtſchaffen
Heißt Recht ſchaffen.
Mit einem Thunichtgut
Thut's nicht gut.
Die Sindfluth fteigt, ein off'nes Grab,
Der Wirbel faßt und fehlingt hinab,
Entweicht, fo lang es Zeit, dem Grant,
Der Rettung Arche heißt: das Haus.
Haft gleich den ftattlihen Palaſt Du,
Du fühlt in ihm Did nicht zu Haus,
Und diefe Billa, jene haft Du,
Und füllft der Häuſer Feines aus,
Statt Ruhe findeft farge Raſt Du,
Dieweil dahier ein flüchtiger Gaft Du.
Nicht jedes fremde Bette
It eine Schlummerftätte;,
Man muß im neuen Rod erft ſchwitzen,
Dann wird er ſitzen.
Und wer fein häuslich Glück will rein leben,
Muß erft ſich einleben.
Der Unraft Wildnik muß durchmeflen fein,
Des Haufes Friede will erfeffen fein.
Das ABE.
Die Wildheit, die Verwilderung
Sind Eins, ob alt, ob jung;
Man muß in beiden fhlimmen Lagen
Nach gleihen Rettungsmitteln fragen
Und predigen wie vor und ch
Kultur, der wahren, ABC:
Bom Boden, der und Alle nährt,
Daß Pflug und Art und Spaten ehrt,
Daß Arbeit Pflicht, dab Schwindel ſchändet,
Daß Eins dem Andern ift verpfündet,
Daß Redlich edler ift als Klug
Und Zuviel weniger als Genug,
Daß Mürde ging und Bildung aus
Rom eignen Zelt, vom Heim und feften Haus.
Der Plug.
Bedenke Jeder, der fein Brot verzehrt,
Was er dem Boden ſchulde, der uns währt.
Gefiel's dem Bauer, diefes Jahr zu raften,
So müßten Spaten, Schwert und Feder faften.
Mie body der Geift zu nehmen wagt den Flug,
Ein Faden Mnüpft, ein Tau ihn an den Pflug.
Ein Cato, wißt, hat Aderbau "getrieben,
Virgilius Georgica gefchrieben.
Vom Pflug eilt Eincinnat zum Schladhtenglüd
Und kehrt, ein Held, zu feinem Pflug zurüd.
Den Garten zu Salonä zu beitellen,
Läßt Iovius fein Meich den Heergefellen.
Denkt, wer „Der Bauer ift fein Spielzeug‘
fang,
Als noch der Vogt das Volk zur Robot zwang.
Ein Gröf’rer fang vom ew’gen Stiftungsbunde
Des Menſchen mit dem mütterlihen Grunde.
Noch wirft die Weihe jener Scholle nad,
Die Iofef einft, der Menſchheit Schätzer, brad.
Der Menſch, der edle, liebt die gute Erde
Und theilt den Schweiß, auf daf fie fruchtbar
werde ;
Was er auch wagt und fchafft mit Mannes-
nutb,
Ein Theil der Sorgen kommt dod ihr zugut.
273
Die Salzburger
in Oftpreußen.
Von R. 3. Schröer.
Da mid diefen Sommer befondere
Verhältniffe privater Natur in das
ferne Oftpreußen führten, das nicht
jo bald ein Defterreiher zur Sommer:
friſche wählen wird, beichäftigte mich
überall der Gedanfe: wie e8 denn ge-
fommen, daß aus diefem uriprünglich
nicht einmal deutjchen Erdenwinkel die
Großmacht Preußen und damit aud)
das mächtige neue deutiche Kaiſerthum
hervorgehen konnte. Was mar
Preußen im 12. und 13. Jahrhundert?
eine Wildniß, bewohnt von barbarifchen,
heidniſchen Völkern. Das war die Zeit
ber erften Blüthe der deutjchen Lite:
ratur, als Defterreih allen andern
deutſchen Gauen voranftand, als dort
die Lieder der deutſchen Heldenjage
ihre legte Geftalt gewannen und ver
Hof von Wien die gepriefene Freiftätte
der deutichen Dihtung war! — Wal—
ther von der Vogelweide war längit
Ihon todt und die Blüthezeit des deut:
Then Minnelanges vorüber, als Königs:
berg gegründet wurde. Ottokar von |
Böhmen und Marfgraf Dtto von
In den erjten Tagen meines Aufent:
haltes hier war ich von einer gräfli:
chen Familie auf dem Lande zu einem
Kinderfeft geladen. Solche Kinderfeite
geben hier, immer einmal im Sommer,
die Gutsbeſitzer den Schulkinder, bie
fih auf der Herrichaft befinden. Da
famen nun die Kinder, von den Leh—
rern geführt, aus verfchiedenen Orten
in den gräflihen Park angezogen, alle
mit ſchwarzweißen Fähnchen, nur Eine
große deutsche Fahne mar zu ſehen.
Es wurden nun Kinderipiele im Freien
angeordnet und die Kinder wurden
mit Speife und Tranf erquidt, und
am Abend fammelten und orbneten
ih die Schaaren wieder vor dem
Schloffe, e8 wurden Danfreden gehal:
ten vom evangeliihen Pfarrer und
einem Lehrer, dabei ward des deut:
chen Naterlandes und des deutjchen
Kaiſers und preußiichen Königs ge:
dacht, und mit der preußifchen Volfs-
hymne marjchirten fie mit ihren ſchwarz—
weißen Fahnen wieder ab. — Auf
mich machte bejonders die Erjcheinung
Brandenburg brachen mit einem Kreuz: | Eindrud, wie die ſchwarzweiße Fahre
heere, zur Befehrung der Heiden, im hier doch noch im Ehren jteht, der
Fahre 1255 in Samland ein und er: | preußiiche Staatsgedanfe! Soll ih an
bauten in dem Walde Twomgſte die
Feſte Königsberg, die dann 1457 zum
Site des Hochmeiſters des deutichen
Drden® und 1525 bis 1618 unter
den preußifchen Herzogen zur Haupt:
Habt Preußens erwachſen follte. Erſt
1618 fiel Preußen an Brandenburg.
Welch' glänzende Stellung nahm indeß,
jeit dem 13. Jahrhundert in Deutjch:
land Deiterreih ein! Ihm ſchien dje
Sendung der Führerfchaft in Deutich-
land zugefallen, durch fein Herrſcher—
haus jchien es beitimmt, den alten
Glanz eines mächtigen deutſchen Reis |
ches wieder herzuftellen, eine Sendung,
die dann auf das Fleine Preußen über: |
gegangen und von ihm nun erfüllt u]
— Wie ift das nur gefommen? —
den öſterreichiſchen Staatsgedanken er:
innern, an die Farben jchwarz:gelb ?
In meiner Jugend waren e3 noch die
Reichsfarben, auch in Ungarn und
Siebenbürgen ſah man fie noch. Und
jest! — Man fürdte hier nicht eine
Glorifivation von Schwarzweiß und
Schwarzgelb mit allem was darunter
veritanden wird leider identificirte
fih mit dem Staatsgedanken auf bei:
den Seiten die Neaction; ich ſah mich
nur zu einer Parallele veranlaßt beim
Anblid jener ſchwarz-weißen Fähnchen !
Sie erinnerten mih an einen ftarfen
Staat, erfüllt von ftarfem Willen, der
von Erfolgen begleitet iſt.
Tiefer noch griff mir
al3 Defterreiher an’3 Herz eine andere
— — —
274
Erſcheinung in Oftpreußen: bie bier
1732 augefievelten Salzburger!
Neihe Grundbefiger, angejehene, in
hoher Achtung ftehende Männer der
Bevölkerung, namentlich von Preußiſch—
githauen, find die Nachkommen jener
Salzburger, die um 1732, weil fie
Proteftanten waren, auswandern muß
ten! Daß das Erzbistum Salzburg,
nicht Defterreich, jene Proteitanten ver:
trieben habe, kann mich als Defter:
reicher über das Geſchehene nicht be:
ruhigen, wenn ich an die ähnlichen Aus:
treibungen in Ober: und Niederöfter:
reich, Steiermark 2c. denke. Das Dogma,
um das es ſich handelte, findet heut:
zutage wenig Theilnahme bei der gegen
Glaubensſachen theilnahmslofen Welt
und ich will davon hier nicht |prechen.
Daß aber jene einfachen Menſchen von
einer unmiberftehlichen Macht, wie von
einer Naturnothwendigfeit getrieben
waren, fi von der römifchen Hierar—
hie loszufagen, wird jeder Unbefan—
gene erkennen, Der erwägt, daß bie
Erſcheinung gleichzeitig in der ganzen
germanifchen Welt auftrat, bei Eng-
ländern, Schweden, Dänen, Holländern
und Deutichen. Die germanifche Welt
jprengte die römischen Feſſeln. Es voll:
309 fi) die große Scheidung zwiſchen
der romanifhen und germanijchen
Melt! —
Es ift nicht von geringer Bedeu—
tung, daß die preußiichen Herricher
diefer die germanifche Welt bewegen:
den Strömung von Anfang an mit
aller Entichiedenheit fih anſchloſſen.
Schon 1544 gründeten nnter andern
auch die Herzoge von Preußen bie
Univerfität zu Königsberg mit rein
proteftantiihem Charakter. —
In Salzburg hatte der Proteftan:
tiömus, ſchon im Jahre 1520 Wurzel
gefaßt. Als der Erzbifchof Lange einen
gewiffen Mathäus wegen Verbreitung
evangelifher Lehre gefangen nehmen
ließ, befreitenihndie Bauern.
In nächiter Umgebung des Erzbiſchofs
befand fich Luthers Freund Johann
von Staupit als Hofprediger, und Paul
Speratus verfündigte im Dom zu Salz:
burg die evangeliſche Lehre. Wohl er:
ſchrak der Erzbifchof darüber und Spe—
ratus mußte vor feinen Werfolgungen
nah Wittenberg zu Luther flüchten.
Er ftarb zu Königsberg in Preußen
1554 als evangelifher Biſchof, ein
Vorgänger der fpäter vertriebenen,
nah Preußen ausgewanderten Salz:
burger. Denn der Proteftantismus
war in Salzburg nicht auszurotten,
wen: man aud die proteftantiichen
Prediger vertrieb und hinrichtete. Schon
1588 erfchien ein erzbifchöfliches Ebdict,
durh das alle Proteflanten Landes
verwiejen wurden. Es wanderten ſchon
damals Viele aus, aber bei den Zu:
rücbleibenden mwurzelte im Geheimen
(fort der Proteftantismus. In ben
Jahren 1613—1615 fanden PVerfol:
gungen der Proteftanten ftatt, daß
man denfen fonnte, nun müſſe bie
neue Lehre bi auf die legte Spur
vertilgt fein. Bei alledem blieben bie
ı Herzen der Salzburger dem Proteftan:
tismus zugewandt. Ich will die grau:
famen Berfolgungen und Gemwaltthaten
nicht wiedererzählen, die vergeblich an—
gewandt wurben, um fie zu befehren.
Im Winter 1685 ließ der Erzbifchof
alle, die als MProteftanten befannt
waren, gemwaltthätig austreiben, indem
er ihnen ihre Habe, ja ihre Kinder
vorenthielt! Aus dem Tefferegger Thal
wurden allein 429 Perſonen vertrieben,
denen 311 Kinder und ein Vermögen
von 6000 Gulden vorenthalten wurde !
Vergebens nahm ſich damals jchon der
große Kurfürft Friedrich Wilhelm von
Brandenburg unaufgefordert, aus eige—
nem Antrieb der Unglüdlihen an. Er
richtete in der Angelegenheit ein eigen—
bändiges Schreiben (12. Februar
1685) an den Erzbiihof. — Im Fahre
1727 kam in Salzburg Erzbiſchof
Leopold Anton zur Regierung, von
dem bekannt iſt, daß er den Schwur
gethan: er wolle die Ketzer aus dem
Lande haben und ſollten darüber auch
Diſteln und Dornen auf den Aeckern
wachſen!
275
Er hat den Schwur gehalten und | fort; über 14.000 Menfchen wurden
fegtere8 Ziel erreicht! —
in biefer Zeit, mit Losreißung
Die damals verkündete Berfügung von den Kindern, ausgetrieben —
des Papſtes, Daß die fatholifchen Ehriften
fi mit den Worten: „Gelobt fei Jeſus
Chriſtus!“ grüßen follen, mit der Ber:
heißung, daß man für jeden folchen
Gruß 200 Tage früher aus dem Fege:
feuer fomme, empörte die Proteftanten
Salzburgs. Sie wollten den Gruß
nit annehmen und verriethen fich
dadurch als Proteftanten. Nun began:
nen erjt die Verfolgungen gegen jeden
Einzelnen. Um aber die Sade mit
Einem abzuthun, erging die Weifung,
daß Alle zu befennen haben: ob fie
Proteftanten find oder nicht. Es follten
ihriftlihe Namensverzeichniffe ange:
fertigt werden. Man hoffte offenbar,
daß die Meiften vor dem Bekenntniſſe
zurüdichreden würden, dann konnten
fie, al3 Katholiken, zu den Gebräuchen
der Kirche gezwungen werben. Uner—
wartet raſch füllten fi die Namens:
Verzeihnife. Zwanzigtauſend—
ſechshundertachtundſiebzig
Perſonen erklärten ſich als Proteſtanten
und baten um freie evangeliſche Reli—
gionsübung oder um freien Abzug in
proteſtantiſche Länder! Darüber
war man faſſungslos. Man wollte von
den Erklärungen nichts wiſſen, warf
Viele in Gefängniſſe und verhinderte
ſie, ſich an den Kaiſer zu wenden. Den
Kaiſer erſuchte man aber um Truppen,
—
Im Gerichte Werfen z. B. waren
von 500 Angeſeſſenen kaum 7 Bauern
auf ihren Höfen geblieben! Dornen
und Diſteln wuchſen auf den Aeckern.
— Da erließ der König von Preußen
Friedrich Wilhelm J. den 2. Februar
1732 ein Patent, worin er ſich bereit
erklärte, die evangeliſchen Salzburger
in Preußen aufzunehmen und ihnen
daſelbſt Ländereien anzuweiſen.
Die proteſtantiſche Geſinnung des
preußiſchen Herrſcherhauſes ſteht wohl
über jeden Zweifel erhaben da in der
Geſchichte. Friedrich Wilhelm J. war
aber nicht nur ein frommer, ſondern
auch ein ſorgſamer Hausvater feiner
Unterthanen. Bei ihm fam allerdings
neben der Sympathie mit den leiden:
den Proteftanten auch noch die Ein:
fiht, die er ald Monarch befak, in
Rechnung: welchen großen Werth für
den Staatshaushalt tühtige An:
fiedler in voltleeren Gegen:
den haben. Er fand in Litthauen
1713 bei feinem Regierungsantriite
60.000 Hufen herrenloje Land und
reijte ſelbſt nach Inſterburg, um
fih aus eigener Anſchauung von ben
BZuftänden der Provinz zu überzeugen.
Er hob die Leibeigenjchaft auf und
vertheilte die herrenlojen Ländereien
an Goloniften, mit Abgabenfreiheit auf
„um die Nebellen zu züchtigen”. Die |drei Jahre. In dem von Natur aus
Soldaten rücten ein und nun begann fruchtbaren Lande fand er aber überall
die Austreibung erbarmungslos. Man „polniſche Wirthſchaft“. Die Mafuren
ergriff die Leute, wo man fie antraf
und geftattete ihnen nicht, Abſchied zu
nehmen oder nöthige Kleider und Hab—
jeligfeiten zu holen. Man ergriff zuerft |
die beſitzloſen Knechte und Mägde und
hoffte durch die gegen dieſe Armen
angewandte Strenge den wohlhabenden
Bauernftand abzujchreden. Statt aber,
daß dies Verfahren abgejchredt hätte,
ſchloſſen fich den mit Kolbenftößen ge:
triebenen Schaaren freiwillig auch Die
verſchont gebliebenen Bauern an! Die
Austreibungen dauerten zwei Monate
der Umgegend lebten gerne in Saus
und Braus, träge, gedanfenlos, gajt>
frei, dem Trunfe ergeben. Wir kennen
dergleichen Wirthichaft auch in Ungarn.
Die neuen Wirthe ließen, nad)
Ablauf der drei Freijahre, ihre Wirth:
ſchaften im Stih und gingen nad
Polen. Die heimlich Entmweichenden
wurden vergeblih mit dem Strange
bedroht. Da reifte der König 1722
wieder nach Litthauen und erließ neue
Patente mit den größten Begünftigun-
gen für Einwanderer. Die jährlichen
276
Staatseinnahmen von Preußen be: Sobald fie aber bei ihrer Ausmwande-
trugen damals nicht mehr als 7,400.000 | rung die Grenze überjchritten, hatten ihre
Thaler und der jparfame König, der|Leiden ein Ende. Ihr Auszug durch
für feine Krönung nur 2547 Thaler | Deutjchland gli einem Triumphzuge.
9 Pfennige bemilligte, gab zur Hebung | — Auf die Nachricht, daß 2000 Salz:
Litthauens 6,000.000 Thaler aus! burger in Regensburg angefommen ,
— Man kann fi denfen, wie will: | fchrieb König Friedrich Wilhelm zurüd:
fommen dem Könige die fleifigen Salz: | „Gott Lob ! Was thut Gott dem branden:
burger waren! Sie erfchienen ihm wie | burgiſchen Haus für Gnade; denn
ein wahrer Segen des Himmel! — |diejed gewiß von Gott herkömmt!“
63 war in der That ein ganz | ALS der preußifche Commiſſär v. Göbel,
anderes Volt, dieſe fleißigen, von faſt erichroden über die Anzahl, mel:
einer ſittlichen Idee gehobenen Salz: | dete, er hätte num ſchon 6000 Salz:
burger. Den Unterricht ihrer Kinder | burger übernommen, es fämen aber
hatte man abfichtlich verabfäumt, da: immer noch mehr, antwortete ber
mit fie nicht proteftantiiche Bücher | König: „Gott Lob, und wenn Zehn:
fefen, die Bücher hatte man ihnen ge- taufend kommen!“ Bald waren e8 aber
nommen, die Prediger vertrieben und über Siebzehntaufend, Alle erhielten
fie hielten, Generationen hindurch, aus
und wunterrichteten ſich ſelbſt. In
Wäldern hielten ſie Bibeln und Ge—
ſangsbücher verborgen und gingen mit
der Art, wie zur Arbeit, zur Waldes—
andacht, um fich zeitweiie zu erbauen.
Im Haufe unterrichteten fie Weiber und
Kinder. In der größten Bedrängniß
eilten Boten durch die Gebirge und
NReifediäten vom Könige und überall
wurden fie von der proteftantifchen
Bevölkerung mit Begeiiterung aufge:
nommen, bejchenft und bemirthet. Als
aber in Klein-Nördlingen die Katho:
lifen ihnen das Waſſer verweigerten,
führten die Juden fie zu ihren Brunnen
und reichten ihnen überdieß Brot und
Bier. — Es ijt überhaupt ergreifend,
beriefen eine heimliche Verfammlung | wie theilnehmend die armen Juden fich
auf den 5. Auguft 1731. Damals |zu den Auswanderern verhielten. In
ward der berühmte „Salzbund“ ges | verjchiedenen Städten ſammelten fie für
ſchloſſen. An 300 Abgefandte waren die Pilger und bejchenkten fie. Im
an dem Tage auf heimlichen Pfaden | Yudentempel zu Halberſtadt wurde
in Schmwarzah zufammengefommen. |verfünbet: „Der ſei verflucht, der den
Die Aelteften ermahnten Diejenigen, | geringjten Vortheil an dielen Leuten
die fih ſchwach fühlten, zurüczutreten, | fucht !“ — Sie dachten an den Aus—
denn ſie ſeien gekommen, dem evange- zug ihrer Ahnen aus Egypten. —
liſchen Glauben Treue zu ſchwören Gott müſſe Großes vorhaben, da ſolches
bis in den Tod! — Wie, nach
zweite Chronik Capitel 13, Vers 5,
Jehova mit David und ſeinen Söhnen
einen Salzbund ſchloß, ſo ſchloſſen ſie
einen Salzbund mit Gott dem Herrn.
Salz war aufgeſtellt, Jedes tauchte
den Finger darein und that ſeinen
Schwur. Dann knieten ſie nieder zum
Gebet. Noch wird im Gaſthauſe zu
Schwarzach ein Tiſch gezeigt, auf deſſen
Platte jene Begebenheit in Oel gemalt
dargeſtellt iſt. — Sie haben ihren
Schwur, allen Martern und Qualen
zum Trotze, gehalten! —
geſchehe, ſagten ſie. In Frankfurt an
der Oder und in Berlin thaten ſich
die Juden beſonders hervor durch
Wohlthätigkeit gegen die Salzburger.
Sie prieſen die Weisheit in den Ant—
worten, die ihnen die Salzburger
gaben.
In Berlin, wo nach und nach
14,728 Salzburger durchkamen — die
Uebrigen gingen über Stendal und
Frankfurt an der Oder — begrüßte
ſie der König perſönlich. Er unterhielt
ſich mit Einigen über Lehren des Evan—
geliums und forderte dann Alle auf,
mit ihm das Kicchenlied von Sigmund | Man fieht aus Allen, daß fie in ihrem
Weingärtner anzuftimmen : Lande müſſen gute Wirthe gemejen
‚fein, denn ihre Wirthichaft it auf das
„Auf meinen lieben Gott
Trau id in Angit und Roth!
Er kann mich allzeit retten
Aus Trübjal, Angſt und Nötben:
Mein Unglüd kann er wenden,
Steht All’ in feinen Händen! ”
Die Salzburger hatten wohl Ge—
ſangbücher, in denen das Lied ftand,
aber die Singweiſe war ihnen nicht
befannt. Als fie dies äußerten, jagte
der König in feinem heiligen Eifer:
„Dann will ih fie Euch lehren!” und
Ordentlichſte eingerichtet. — Es bleibt
auch dabei, daß dieje Leute allen andern
Coloniften den Ruhm nehmen werden. *
Sept find ihre Nachkommen in Oſt—
preußen ein reich begütertes, wohl:
habendes Geſchlecht. Nah der gütigen
Mittheilung eines angejehenen Salz:
burgerd, — die Nachkommen werben
noch jo genannt, — der in Gumbinnen
eine hervorragende Stellung einnimmt,
hat fich ihre Zahl in Preußiſch-Litthauen,
begann mit donnernder Stimme ihnen wo fich zehntaufend niedergelaffen, auf
das Lied vorzufingen. Schon bei ber |preißig- bis vierzigtaufend vermehrt.
zweiten Strophe fielen die Salzburger | Die meiften find angefiebelt in Gum:
ein und jo fangen jie, vor dem Könige hinnen, Stallupönen, Pillfallen, Ragnit,
vorbeimarjhirend, das Lieb mit ihm Tilſit, Goldap, Darkehmen und Inſter—
bis zu Ende. — Das iſt feine Sage hurg. Viele von ihnen find Abgeordnete
etwa, jondern eine hiſtoriſche Thatſache des Neichstages und des preußifchen
und wer ben Charakter des lichten, | Abgeordnetenhauſes. — Die Salz
ehrlich = frommen Königs kennt, wird | hurger Mundart wird nur mehr in
auch ſogleich zugeben, daß dieſe wun- einigen Dörfern des Stallupöner und
derbar ergreifende eier, mit der er des Goldaper Kreiſes geſprochen, die nur
die Salzburgec empfing, feine überlegte yon Salzburgern bewohnt find,
Komödie war, jondern unmittelbar | Man hört fie auch noch bei einigen fehr
aus feinem treuen Herzen Fam. Die alten Leuten im Salzburger Hofpital
ſtaatspolitiſchen Abfihten, die er mit |zu Gumbinnen. Sie ftehen noch im
den Salzburgern vorhatte, traten hier allgemeinen Anfehen als gute Haus:
ganz in den Hintergrund: die Haupt: | wirthe und rechtliche , zuverläffige
ſache war ihm bier ber evangeliiche | Menjchen.
Glaube und die gottergebene Gefinnung Das „Salzburger Hofpital” in
der Auswanderer. — Aber, fragen wir Gumbinnen, eine wohlthätige, groß:
uns, mußte ein joldes Auftreten eines | artige Anftalt, wurde noch unter für-
Königs, ein ſolch herzliches, bürger- ſorglicher Mitwirkung des Königs
liches Hand -in: Hand: gehen mit den Friedrich Wilhelm I. gegründet. Es
Strömungen des deutſchen Volkes nicht | pefigt ein eigenes ftattliches Gebäude
einſchlagen in die Herzen? und eine eigene Kirche,
Die Eingewanderten wurden Fragen wir noch, was Preußen
alle in Oft: Preußen untergebracht, | groß gemacht? — Es war von jeher
wobei der König, fortwährend auf von einem mächtigen Staatsgedanfen
ihre Wohlfahrt bedacht, überall per: | erfüllt. E3 ging mit dem Strome der
jönlih eingriff, wo eine Verfügung | Zeit, mit den Sympathien eines großen
zu ihren Gunften zu treffen war. Volkes. Es verftand es, zu colonifiren.
1734 im Sommer wurde jchon an) Es wußte den Werth fleißiger Colo-
den Hof berichtet: „man fiehet jegt |niften zu fchägen und mußte fie zu
auf den Feldern ungemein viel Salz: ſchützen. Jh will nicht von Coloniſten
burger in ihren kurzen Nöden, welche | in unferer Monarchie jprechen ; ich könn—
bei ihrem Aderbau ſich luftig, munter, | te in centraliftiiche Gedanken hineingera-
vergnügt, gut und emfig bezeigen. |then, was ja bekanntlich verpönt ift. —
278
Ich bin auf den Gegenftand, die — ein ſolches ift unfer Volt doch —
deutſchen Golonien in Ungarn, Sie: was ein von der Natur reich ausge:
benbürgen und Krain, Schon jo oft zu | ftattetes Land — auch das haben wir
ſprechen gekommen, indem ich der Er: | — irgend Großes erreichen könne! —
forſchung ihrer Mundarten meine Auf- | Freilich, der Uebergang von verrotteten
merkfjamfeit widmete, daß ich mir’s
ſchon gefallen lafjen muß, wenn man
mir in dieſer Nichtung eine gewiſſe
Voreingenommenheit zufchreibt, al3 ob
ih hierin ein Stedenpferd ritte. Den:
noch glaube id, daß die Bedeutung
der deutſchen Colonien in den nicht:
beutjchen Ländern der Monarchie nicht
zu verfennen iſt. Die arpadijchen Kö—
nige Ungarns mußten fie wohl zu
ſchätzen, fie gaben ihnen die Freihei-
ten, die ihnen in unjerer Zeit leiber
genommen werben! Treuere und nütz—
lihere Unterthanen bat die Monarchie
faum, als jene Coloniften. Sie zu
Ihügen liegt im Staatsintereffe.
Nun, wir haben ja jegt eine Ver:
faflung, die in der That von dem
Geifte der Humanität gejchaffen ift,
mit der, jollte man denken, Alles zu
erreichen ilt, was ein begabtes Volk
Zuftänden zur freien Entwidelung aller
Kräfte hat feine Schwierigkeiten. Der
Beamtenjtand hat jeine alten Trabi:
tionen aus früherer Zeit, und jo lange
die der Fall ijt, dauern bie alten
Zuftände latent fort und führt die
Verfaſſung nur ein Scheinleben. Unjere
Verfaffung kann nur Wahrheit werben,
wenn von maßgebenden Stellen her
unzweideutig der Geijt ausftrömt, von
dem unſere Verfaſſung durhdrungen
ift, jo daß jede Hoffnung auf Umfehr
ausgefchloffen ift und Diejenigen Ele:
mente wie welfes Laub abfallen, die
eine Umfehr für möglich halten und bie
durch ihren geräufchlojen Widerftand
derart wirken, Daß es geradezu herfömm:
[ich geworben ift, an allem wahren Fort:
jchritt zu verzweifeln. Doch) wo gerathe
ih bin? — Ich wollte ja nur von den
Salzburgern in Oſt-Preußen berichten !
Als ih candidirte.
Humoreste von Leon R—g.
Mein Freund war nach der gewonz: | hoffe, Sie werben mir ihre Stimme ge:
nenen Schadhpartie guter Laune und | ben.” Ich jchaute mir das faum 4 Fuß
tief mir nah, als ich eben im Be- hohe Männlein an und konnte mich,
griffe jtand, das Kaffeehaus zu ver- der ich nahezu ſechs Fuß meſſe, bei
laſſen: „Herr Meier, candidiren Sie dem Gedanken, wer nicht alles gewählt
denn heuer nicht für ben Gemeinde: | werben wollte, eines Lächelns nicht gut
rath?“ erwehren.
Ich zuckte die Achſeln und ging. Wie Seitdem die Pariſer Commune eine
ſollte ich auch den Wunſch, der ſchon ſo welthiſtoriſche Bedeutung gewonnen
längſt in meiner Bruſt gehegt wurde, hat, iſt die Würde eines Gemeinde—
vor ein paar Leuten, die eben zur
Verdauung ihren Kaffee einnahmen,
bekannt geben! Im Nachhauſegehen fiel
mir aber doch die Kundmachung des
Bürgermeiſters bezüglich der Gemeinde—
rathswahlen auf und ich blieb ſtehen
um fie zu lejen. Hinter mir ftand
mein Nachbar Breiling, der mir jagte:
„Am 7. finden die Wahlen ftatt, ich
rathes ſelbſt in Krähmwinfel auf ein
höheres Poſtament geftellt — jo dachte
ih, als ich zu meiner rau eintrat,
die gerade unjer Jüngſtes abhielt, mit
jeinen fettigen Fingerchen einen Pracht:
band der Bibliothek zu ruiniren. Kaum
erzählte ich ihr jedoch, was mich be-
ſchäftigte, ließ fie Frig und Goethe
[08 und ihr Gefiht verflärte ſich zu—
279
jehends. „Hieronymus“ fagte fie, „Du
wirft doch eine jo ſchöne Gelegenheit,
und zu einem Titel zu verhelfen, nicht
unbenüßt vorbeigehen laſſen. Warum
follteit Du es auh? Ach bitte Dich,
candidire, Du bijt e8 Frau und Kin—
dern ſchuldig!“ Fri Friegte hier einen
Klaps, weil er im Begriffe war, ein
paar Blätter aus Fauft zu reißen, um
fie als Düte zu gebrauchen. „Oder
glaubſt Du etwa“, fuhr fie fort, „daß
Du diejen Poſten minder gut ausfüllen
wirjt als Arnheim oder Heuering ?” Daß
meine Frau mir gerade die unfähig:
ften Mitglieder des bejtehenden Gemein:
derathes entgegenftellte, ärgerte mich
nicht wenig, der ich mich im Gehei—
men mit den Beſten verglichen hatte,
Schon wollte ih ihr in ziemlich unbe:
jcheidenem Tone entgegnen, al® mir
mein Buchhalter melden fam, ein jäu-
miger Schuldner, den wir die Abficht
hatten, pfänden zu lafjen, jei im Bureau
und erbitte ih unverichämter Weiſe
eine neuerliche Frifterftredung zur
Zahlung feiner jahrealten Schuld.
Gegen diefen armen Mann, einen
Tiſchlermeiſter, wollte id) meinen ganzen
Herger loslaſſen, als mir noch recht:
zeitig einfiel, daß derſelbe ein einfluß-
reicher Wähler jei, den ich jegt, ſchon
um meiner Frau zu beweijen, was ich
gegebenen Falls Leiten könne, nicht ver:
legen durfte. Statt ihn barſch anzufah:
ren, wie mein ganzes Perjonal er:
wartete, ſtreckte ich ihm freundlich die
Hand entgegen, hieß ihn Plat nehmen
und bot ihm eine gute Gigarre an, wie
er fie wohl in feinem Leben nicht wie:
ber rauchen wird. Der Manıt jelbjt traute
faum jeinen Sinnen und brachte ſchüchtern
jein Anliegen vor. Jh kam ihm aber
auf halbem Wege entgegen, jagte, daß
ih ihn für einen ehrlichen Menschen
halte, daß es nichts ausmache, wenn
er jpäter zahle und daß er ſich wegen
diefer Schuld feine Sorgen machen
jolle.
Dabei lag ein fortwährend mwohl-
mwollendes Lächeln auf meinen Lippen.
jo hieß der Mann, und ich gab ihm
bis zur Thüre das Geleite. Dort aber
hielt ih ihn, wie mich plötzlich be—
finnend, an und frug ihn, in gleich:
giltig jein jollendem Tone: „Bei Ge:
legenheit, wer hat denn jetzt Hoffnung
in den Gemeinderath zu fommen ?”
Der Mann entgegnete, daß wohl
wieder Candidaten in Vorſchlag gebracht
jeien, daß aber erſt eine heute Abend
in der goldenen Ente jtattfindende Wahl:
beiprehung zu einer Klärung führen
dürfte. Er wollte darauf gehen, ich
aber hielt ihn am NRodärmel feft.
„Willen Sie“, fagte ih mit ge:
dämpfter Stimme — ich mochte nicht,
daß ber in der Nähe Lampen pußende
Burjche eine Lüge höre —, „daß meine
Freunde die Abficht Haben, mich durch:
zubringen!“
„Wenn Sie candibiren wollten,”
entgegnete der Tiſchler, „Sie hätten
viel Chancen.”
Mein Herz hüpfte vor Freude,
ih brüdte ihm jehr warm die Hand
und Ffehrte hierauf finnend zu mei—
nem Schreibtijche zurüd. Mein Buch—
halter, erlaubte fih, zu bemerfen,
daß ich nicht gut daran gethan Hätte,
dem Manne die Zahlungsfrift zu er:
jtrefen, ich hörte aber gar nicht auf
ihn. Ich dachte nur an die goldene
Ente, an die Wähler und die Ganbi-
datenrede, die ich halten wollte. Bis—
her hatte ich zwar nie öffentlich ge-
jprochen, jegt aber war mein Ehrgeiz
erwedt und da hieß es die natürliche
Schüchternheit befämpfen. Was aber
jagt man den Wählern, das war bie
Frage, bie mich bejchäftigte; noch mehr
die andere: wie jagt man ihnen
dad, wovon ich noch nicht mußte,
was e3 fein werde. Welchen Ton jchlägt
man an, welche Haltung gibt man
jeinem Körper und namentlich was macht
man mit den Händen während der Rebe ?
Ich dachte auch einen Augenblid da—
ran, meiner etwas taub Flingenden
Stimme durch roh genofjene Eier nad)
Art der Dpernfängerinnnen einen hüb-
Ganzverwirrt verabjchiedetefih Schmidt, | ſchern Klang zu geben.
280
In allen diefen hübſchen Betrachtun- nicht, hat Jemand ein Erbrecht auf
gen aber wurde ich geftört: da famen
Geichäftsfreunde, die mich jprechen
wollten, Depefchen liefen ein, die ich
ducchlefen mußte, Briefe waren zu
unterfertigen und Rechnungsauszüge
zu prüfen — ih war fat verjucht,
meine Thätigfeit als Chef eines Bank—
hauſes zu verfluchen,. Wäre lieber ein
Tischler ohne Beihäftigung. Und in
dem Momente, als ſich troß alldem
einige Gedanken für die Nede bei mir
anjegen wollten, war es fieben Uhr:
das Ende der Bureauzeit, das geräuſch—
volle Zuflappen der Geſchäftsbücher,
das Empfehlen des Perſonals und die
Stimme der Magd, die mich zum
Kaffee rief, da die gnädige Frau be-
reit3 warte, Meine Frau erzählte mir
fie habe Beſuch gehabt: Frau Thener
das größte Plappermaul der Stadt,
und fie habe ihr mitgetheilt, daß ich
canbidire. Das hieß dem Reuter’fchen
Telegraphenbureau eine Senſationsnach—
richt mittheilen. Nun waren die Schiffe
hinter mir verbrannt, es hieß fie
gen oder ſich blamiren. Die Zärtlich—
feiten meiner Kinder, die alle gleichzeitig
auf mich herauffriechen wollten, ließen
mich falt; ich achtete nicht auf die
Klagen meiner Frau, daß die Kö—
hin neuerdings einen Topf zerbrochen,
nicht auf die Bemerkungen meiner
Schwiegermutter, daß uns dieſe Ber:
fon noch ruiniren werde (indem fie
monatlich Geſchirr von zwanzig Kreu—
zern zerbrach); ich goß den Kaffee in
mich hinein und ging raſch in's Ca—
fino, unter Menfchen, unter Wähler.
Der Erfte, der mir dort entgegenkam,
war mein Verwandter, der penfionirte
Hauptmann Balfinger, ein Gemeinde:
rath, der dieſes Jahr austrat und
wieder gewählt werben wollte.
Er empfing mich mit einem: „Was
höre ih, Sie wollen aud) in den Ge:
meinderath ?” welche Frage nicht ironi-
ſcher hätte klingen fönnen, wenn ich
auf Petri Stuhl Aufprühe gemacht
hätte,
Ich entgegnete erregt: „Warum
diefe Würde?”
„Nein,“ fagte er, „aber ich würde
Ahnen keineswegs rathen, zu candidiren,
Sie haben nicht die mindejten Chancen.”
„Wie können Sie das willen?“
„Man kennt Sie nicht. Ihr Reich:
thbum, Ihre Stellung als Bankier
geben Ihnen noch feine Berechtigung —
im Gegentheil. Das Volk will Leute
aus feiner Mitte, will Leute, die feine
Wünſche kennen, will feineswegs ſolche,
deren Neichthum im ewigen Wachjen ift
zum Schaden der Gejammtheit.”
„Here“ brach ich los, haben Sie fo
wenig Begriff von der Volkswirthſchaft,
daß Sie glauben, der Reichtum des
Einen bedinge die Armuth des Andern?
Willen Sie nicht, daß jede probuctive
Arbeit, gleichzeitig indem fie das In—
dividuum bereichert, der Menge zu gut
fommt? haben Sie denn einen Smith,
Nicardo, Mill, Rau undRöfcher ftubirt 2“
Ich wußte, daß er fie nicht ſtu—
dirt habe, wie überhaupt Manches
nicht und traute mich deshalb, fie in
die MWagichale zu werfen — ich der
ich fie gleichfalls nicht ftubirt Hatte und
nur aus dem Dühring’schen Werfe
kannte,
Es traf fi gut, daß diefe lebhafte
Converſation durch einen Herrn unter:
brochen wurde, der für einen verun—
glücten Diener des Gafinos eine Sam-
lung veranftaltete und ſich mit einem
einladenden: „Sie werden doch Ihr
Scherflein beitragen“ an mich wendete.
Yedes andere Mal hätte ich mich mit
einer Kleinigfeit aus einer ſolchen
Affaire gezogen; demm wenn man reich
ift, hat man das Necht wenig zu ge
ben, weil man behaupten kann, man
gebe oft; jetzt aber galt es von ſich
reden zu machen und für die Armen
etwas zu thun: ich warf eine große
Banknote in den Teller und — ging.
Aber nur bis in's nächite Zimmer, von
wo ich nach einer Weile umfehrte um
mih an der Wirkung zu erfreuen,
die meine große Gabe hervorgebracht
haben mußte. Gewiß jpricht Alles da:
281
von, dachte ih, als ich wieder in's wie dieſe Leute, die ich nie im Le-
große Zimmer trat. Aber kein Menſch | ben gejehen hatte und mit benen ich
ſprach davon, man fpielte Karten, nicht gern in einem Hohlwege zu:
Domino, Shah wie vordem; es war |jammen getroffen wäre, jo mußte das
wie wenn nichts geichehen wäre. Selbft |jchließlih eine ganz hübſche Sippe
der Veranftalter der Sammlung rauchte | werben.
ruhig feine Cigarre, ohne mir bie min) Der Kellner kam. „Bier gefällig !*
defte Dvation darzubringen. „Ja, bringen Sie mir weldes.“
Es ſchlug neun Uhr, fonft Zeit) „Vielleicht auch ein Stückchen
nad Haufe zu gehen, heute Beginn | Wurſt?“ Ich dachte am mein gutes
der Wahlverfammlung in ‚der Ente. Abendeffen zu Haufe, ich ſchaute mir den
Auf der Stiege traf ich mit meinem Fettfleck auf dem Fracke des Kellners an,
Schwager zufammen. Du gehſt heim, der den halben Schultertheil einnahm,
frug er mich. Ich ſchämte mich, ihm | und fagte abwehrend: „Nein.“ Die
die Wahrheit zu geftehen und entfernte | Wurft ift gut, ſagte Einer von der
mich mit einem unverftändblichen Brum— Gefellfchaft, den ich im Verdachte hatte,
men. er habe fie jelber fabrizir. Er war
Ich muß es geftehen, es wurde aber kein Selcher, wie ſich dann her:
mir falt und warm, als ich vor dem | ausitellte, ſondern erzeugte Stiefelwichfe.
Gafthaufe ftand und im Begriffe war | Um Wurft und Bier drehte fih nun
die Thüre zu öffnen, hinter der wohl | das Geſpräch eine gute Weile. Ich
Hunderte von Mitbürgern verjammelt | hätte nie gedacht, daß dieſe beiden
waren, um die Beſten aus ihrer Mitte | Genußgegenftände bei oberflächlicher
für die Verwaltung ihrer nädhiten | Behandlung eine jo lange Auseinan—
Angelegenheiten zu erwählen. Cäſar | derjegung zuzulaſſen im Stande wären.
am Nubicon mag nicht mehr Beklom- Von Zeit zu Zeit fam ein Gaft ober
menbheit gefühlt haben. Aber die Er: | Wähler und ließ fich nieder. Keiner
innerung an ihn gab mir Muth — |war mir befannt: ich weiß wahrlich
ih überfhritt die Schwelle. Die gol: |nicht, wo diefe guten Leute das ganze
dene Ente war ein Gafthaus dritten | übrige Jahr fteden mögen. Enblich ein
Ranges, das ich heute zum erjten male | befanntes Gefiht: mein Schneider,
betrat. Der Speijefaal, wo die Ber: | über den ich mich nie jo gefreut habe
Fee, ftattfinden follte, war ziem- | wie jeßt.
lich groß, matt erleuchtet und zu mei- B :
em gcoen Eau von TE | oe et Mas Ham
bis fieben Individuen befucht, die an (etjtunde fpäter waren wir etwa
i Heinen Tiſche in einer Ede bei: e Pe 2 Era
vn | zwei Dugend beijammen und ein ält-
Jammen jagen. Im erſten Augenblide licher Herr, von dem ich glaube, daß
un id), ie a — * haben, er ein Winfeljchreiber war, klopfte be-
. = eb ai iſchler ir auf * zu deutungsvoll auf den Teiler und er—
und lud mich freundlich ein, Platz zu zarte die Wahlverfammlung für er:
nehmen. Er rauchte noch immer an|. ; ;
meiner guten Cigatte und e8 ft mit |uNp die Ciladht benin. Aber. e
noch jest ein Rätbel, wie dieſe acht wurde darauf wieder jtill und ftiller
Stunden vorhalten Fonnte. nur bie und da ericholl der Ruf: „Kell:
„Alſo doch bier“ jagte ich, „aber | ner, ein Bier!“ Endlich faßte einer den
gewip nicht heute.“ Muth und fagte: „Meine Herren, ich
„Heute, heute,” jagte mein Mann, |glaube es märe gut, wenn wir ein
„es werben ſchon bald die Andern kom: | Comité wählten, das die Gandidaten
men.” Wenn die Andern jo ausfahen, | bezeichnen joll.
Kofeggers „‚Heimgarten‘‘ 4. Heft. 19
282
„Ja, ja!“ jehrie die Menge, und
Einige wieder, wohl zum zehnten Ma—
le: „Kellner, Bier!”
Sept hielt ich e8 an der Zeit, in
Action zu treten und fagte meinem
Tiſchler, ih wünſchte in's Comite zu
fommen.
„Wählen wir Herrn Meier hinein !”
ſchrie der Mann.
„Isa, ja, Herrn Meier!” rief das
halbe Dugend, mit dem ich eine mar:
tervolle Stunde vollbracht Hatte.
Zehn Gemeinderäthe waren vom
dritten Wahlförper zu wählen, zehn
Mitglieder famen in's Comite, das fi)
in eine Ede zurüdzog und bejchloß,
daß Jeder von ihnen einen Gandibaten
mittelft Zettelabgabe bezeichnen follte.
Die Zettel wurden feierlih aus dem
Hute gezogen und — fonderbar — jedes
der zehn Comitémitglieder erſchien als
Candidat auf der Xifte, Die ausgefer:
tigt wurde.
Der vorerwähnte alte Herr verzog
feine Miene als er dieſes Refultat er:
fuhr. Mit einem gewiſſen Anftanbe
trat er wieder, wie wir Alle, unter
die harrende Menge (14 Berjonen)
und verfünbete die Namen der Ge:
wählten. Lautes Bravo ertönte, be:
jonderd von meinem Tijchler, als er
hörte, daß ich gleichfall3 von den Er:
wählten jei. Ich glaubte mic) tief ver:
neigen zu müſſen als „Meier“ verlejen
wurde. Dann beantragte man, die Lifte
noch in dieſer Nacht druden zu lafjen
und morgen ber Bevölkerung durch
Plakate bekannt zu geben. Wurde an:
genommen.
Ein Rauchfangkehrer, der ſich die
ganze Zeit über nach Bier heifer ge-
geihrien hatte — und nicht vergebens
— umarmte mich jegt zu öftern malen,
jedesmal länger in meinen Armen lie:
gend, jo daß ich befürchten mußte, er
werde ſchließlich in denfelben einfchlafen.
Ich warf ihn daher zulegt gelinde in
einen Stuhl; meine Wäfche aber hatte
entjeglich gelitten.
Es ſchlug eilf Uhr — ich eilte
beim. Meine Frau war noch wach,
|fe eilte mir bis zur Stiege entgegen.
„Gewählt“, rief ich ihr zu, und „ge
ı wählt“, jubelte fie inmeine Arme ſinkend.
„Haft Du geſprochen?“ frug fie
dann.
„Nein, ih kam, ſah, nund ſiegte.“
Aber wie Wenige wir geweſen,
daß unter dieſen Wenigen Manche
wahrſcheinlich gar nicht wahlberechtigt
waren und wer dieſe Wenigen waren,
alles dies hielt ich nicht für angemeſſen,
ihr auseinanderzuſetzen.
Ich ſchlief erſt um drei Uhr Mor—
gens ein; ich dachte an den Effect, den
die nicht gehaltene und gar nicht aus—
gedachte Rede hätte machen können und
war ſchon um ſieben Uhr auf den
Beinen. „Will ein bischen ſpazieren
gehen!” ſagte ih, aber ich wollte
meinen Namen auf den Plakaten lefen.
Und richtig! Gleih an der erften
Ede lebte eines und die Hempel, Müller
und Meier prangten in fauftbiden
Lettern: man hätte fie eine halbe eng-
lihe Meile weit fehen können. Warum
foll ich es nicht geftehen? Mir lachte
das Herz vor Freude. Troßdem aber
[a3 ih den Zettel mit einer fo un-
Ihuldigen Miene, als menn mir die
geftrigen Vorgänge gar nicht befannt
gewejen wären und wunderte mich jchier,
daß mein Name gleihfall® auf der
Lifte jtand. Ich Heuchler! Beim zweiten
Plafate — fünf Schritte weiter —
die Teufelsferle hatten fie an jeder
Ede angebracht — wiederholte ich das—
jelbe Manöver. Wem that id damit
was zu Leid? Neben mir ftanb dies:
mal ein anderer Herr, der gleichfalls
die Candidatenlijte mufterte, und fich
dabei vergeben? abmühte, aus einem
erlöfhenden Cigarrenſtümpfchen Rauch
zu ziehen. Als er den letzten Namen
halblaut abgeleſen hatte, rief er ärger—
lich: „Pfui“, warf die Cigarre weg
und ging von dannen. Ich hätte etwas
darum gegeben, zu wiſſen, wem dies
Pfui galt.
In dieſem Augenblicke tauchte am
anderen Ende der Gaſſe ein in faden—
ſcheinigen ausgewajchenen Kleidern
283
ſteckendes, einen burch Regengüffe und ‚trieb hervor.
Mögen alle andern
Sonnenftrahlen ſtark mitgenommenen |Neune in die Naht bes Vergeſſens
Hut tragendes, bärtiges und bebrilltes | finfen, wenn nur mein liebes Jh aus
Individuum auf, das in Wochentagen
und gewöhnlichen Zeitläuften Advoca-
tenſchreiber war, nach wichtigen Ereig-
niffen aber fid als Gorrefpondent
einer großen Yeitung in der Refidenz
entpuppte. Der Mann war mir von
früher ber verpflichtet: ich hatte ihm,
als er noch ftudirte, zu verjchiedenen
malen nicht ganz abgetragene Stiefel
geſchenkt und ich nahm mir bei feinem
Anblide vor, erſtens feine Meinung
über die Erleſenen der goldenen Ente
zu hören, zweitens bei der Wichtig-
feit, die ich bdenfelben beimaß, zu er:
fahren, ob er bereit3 telegraphiich,
oder mindeſtens mittelft empfohlenen
Schreibens ihre Namen feiner Zeitung
mitgetheilt habe. Ich fteuerte aber
nicht direct auf das Ziel los, fondern
erfundigte mich vorerft nad feinem
Wohlergehen. Nun erwartete ih, er
werde al3 gebilbeter Menjch einjehen,
Daß mir dasjelbe jehr gleichgiltig fein
müfe und mir eine kurze Antwort
geben ; alleiner ſchien gar feine Lebens:
art zu befigen und lieferte mir feine
vollftändige Biographie: daß er ver-
heiratet jei, mit feinen Schwiegereltern
in Hader lebe, zwei Kinder habe, und
ein drittes erwarte; daß eines ber
Kinder an den Maſern frank liege und
das zweite Zähne befomme, daß bie
Zeiten fchlecht wären, und jo fort. Da—
bei hatte er den Blid immer zu Bo:
ben geſenkt, jo daß ich vermuthen
fonnte, er ftubire den Stand meiner
gegenwärtigen Beſchuhung, um ihre
Brauchbarkeit für fi zu ermitteln.
Ich unterbrah ihn kurz und machte
ihn auf den Anſchlagzettel aufmerkſam.
„Ich habe ihn geleſen,“ ſagte er mit
trauriger Stimme, bie mir hier jehr un-
paſſend erjchien, „aber“ — „Aberwas ?”
„Dieſe Lifte hat feine Hoffuung,
durchzugehen.“ Damit entfernte er fi.
Einen Augenblid blieb ich zurüd,
wie mit kaltem Waſſer übergofjen,
Dann aber trat der Selbfterhaltungs:
der Urne bervorgeht. Die Lifte hat
feine Hoffnung, hat denn aber Keiner
von der Liſte Hoffnung? Indeß war
mir doh ein Stüd Glückſeligkeit ab-
handen gefommen und es berührte mich
faft unangenehm, als mir meine Frau
beim Nachhauſekommen leuchtenden Au:
ges erzählte, unſere Bonne hätte mich
auf ber Gandidatenlifte gejehen.
„Sandibaten find noch feine Ge:
wählten,” ſagte ich ihr und ging in's
Bureau.
Um meine fortwährende Aufregung
theilweije zu beſchwichtigen, hätte ich
dasjelbe am liebſten big zum entjcheiden-
den Tage fperren mögen. Mich 309 es
hinaus, auf die öffentlihe Meinung zu
horchen. Was waren mir jebt Cours—
berichte aus Wien, Berlin und Ham:
burg, id wollte nur Eines willen:
welden Cours meine Gandibatur habe.
Und deshalb ging ich hinaus auf den
Markt, wo ein Tebhafterer Berfehr
ftattfindet und wo auch richtig eine
Gruppe vor unferen Plakaten ftand.
Ein dicker Herr las unfere Namen in
jehr ironischem Tone gerade in dem
Augenblide ab, als ich vorbeiging und
meinte zulegt, da8 wäre weniger eine
Lifte von Gemeinderäthen, als von
Komödianten. Ein wieherndes Gelächter
folgte diejer Bemerkung. Ich hätte
diefem Manne den Hals umdrehen
mögen. Wäre aber der atlantifche Ocean
dort in der Nähe gewejen, ich weiß
nicht, ob ich mich damals nicht hinein-
geworfen hätte. Aber ich jperrte mic)
zu Haufe in meine Stubirftube ab
und juchte Troft in Schopenhauers
Auseinanderfegungen tiber die Schled:
tigfeit der Menjchen. Die Frau des
Tiſchlers hätte ich aber damals un
barmherzig zur Witwe gemacht, wenn
er ſich bei mir gezeigt hätte.
Am nächſten Morgen war ich
ruhiger, Pulsichläge nur noch 150 in
ber Minute. Gallergießungen im Nach—
19*
284
lafjen. Ausfehen übernädhtig. Ich ſaß
ruhig in meinem Burau und heuchelte
mir Intereſſe für die gewohnte Be:
ichäftigung vor. Da fiel wieder der erjte
Lichtjtrahl in meine Bruft: unfer Pro—
vinzblatt brachte einen Bericht über die
Verſammlung in der Ente, ohne irgend
eine Bemerfung an die Namen der
Canbdidaten zu knüpfen. Alfo die öffent:
lihe Meinung bielt ung nicht für
Komöbdianten oder gar für Seiltänzer,
wie jener dicke Herr mit feinem Chore.
Und ald nun gar mein Freund Rath
Willig zu mir fam und feine Befrie—
digung darüber ausbrüdte, daß ich
in die Gemeindevertretung kommen
wolle (e8 handelte fih nit um's
Mollen, jondern um’3 Können), da
fingen die Schatten in meinem Ge—
müthe zu verfchwinden an. Ich erfuhr
auch von ihm, daß an jenem Abende
im Nathhausjaale eine Wählerver:
jammlung ftattfinde, zu ber er mir,
fich verabjchiedend, rieth, nur recht viel
Freunde hinein zu ſchicken. Das war
ein Wink, den ich nicht mißverſtand.
Eben jtedte unſer Hausfenfal feine
Nafe zur Thüre herein — ih frug
ihn, ob er von der heutigen Verfamm:
lung etwas wife. Der Mann erwartete
von Wechſeln, Rimeſſen und Devifen
zu hören und war ganz verbußt über
meine Frage. Auch der alte Bud):
halter, der es ftet3 als eine Entwür—
digung der heiligen Gejchäftshallen
anfah, wenn von etwas Anderem als
vom Handel in benjelben gejprochen
wurde, erhob feinen Kopf aus den
Zehen, in denen er ftedte. Ich aber
jagte: „Meine Herren, jchicen Sie fo-
viel Freunde als möglich zur heuti-
gen Berfammlung, Sie werden mid)
jehr verpflichten.“
Und fie thaten, was fie konnten.
ALS ich Abends im Nathhausfaale er:
ſchien, war derfelbe gefüllt von Ge:
jihtern, die mich anlächelten und es
fehlte nicht viel, daß fie einftimmig
bei meinem GEintritte Vivat gerufen
hätten. Ya, die Gefellichaft war fo
jehr zu meinen Gunften disponirt, daß,
wenn ich es gewollt und nicht eine
lebenslänglihe Verſorgung in einem
Staatsgefängniffe gefcheut- hätte, fie
mir fogar zugerufen hätten: Es lebe
der Kaiſer. Von diefen Leuten, vielen
Lieferanten meines Haushalte und
Clienten meine Banfgejchäftes, hätte
ich alles erwarten können, wie gejagt
au einen Thron, aber fo hoch ver:
ftieg fich vorläufig mein Ehrgeiz nicht,
ih begnügte mich damit, mit Jubel
wieder als Candidat aufgeftellt zu fein.
Das machte meine Gegner ftußig.
Ich hatte deren nicht nur unter den
mitconceurrirenden Gandidaten, jondern
auch unter all’ ihren Verwandten big
in’s fünfte Glied. Ich hatte aber auch
Gegner unter den Leuten, die gar
nicht candidirten, e8 aber nicht leiden
fonnten, wenn es ein Anderer that.
Die Hauptgegner aber, Gegner auf
Tod und Leben, hatte ih an ben
Männern der Freundinnen meiner
Frau, die ſchon im Intereſſe des
Friedens in ihrem Haufe e3 nicht zu:
geben Fonnten, daß meine Frau Ges
meinderäthin werden follte. Von ben
jogenannten confervativen Leuten will
ih gar nicht reden, die beim Alten jo
lange verharren möchten, bis es ver:
fault.
Der ſchon erwähnte Hauptmann
in Penſion, Balfinger, erfah wieder eine
Gelegenheit, mich anzupaden, gebrauchte
aber diesmal andere Waffen. „Sehen
Sie”, jagte er, „Sie find noch zu
jung, es gibt ältere Leute in der Ge:
meinde, die auf dies Ehrenamt An:
ſpruch machen können, Sie erzeugen
durch Ihre Candidatur eine Spaltung,
die Ihnen nichts nügen wird und Anderen
ſchadet“.
Da der Mann diesmal den Socia—
liſten abgelegt hatte und ſich nur als
Friedensapoſtel präſentirte, hatte ich
leichteres Spiel und ſetzte ihm aus—
einander, daß Spaltung immer ein—
treten müſſe, wo nicht alles ein Stück
bleiben wolle, daß Jugend kein Ver—
brechen ſei, und die Frage vom Nutzen
und Schaden bei jeder verſchiedenen
285
Beleuchtung ſich anders ausnehme.
Zum Schluſſe jandte ih ihm aber noch
eine Kugel nach: daß ich die Candidatur
fefthalte allen Gegnern zum Troße.
Die Wellen der Wahlbewegung
gingen von Tag zu Tag höher. Die
Candidatenlifte der Berfammlung in
der Ente, die faft nur neue Namen
zu Tage gefördert hatte, regte alle
Ehrgeizigen der Stadt an, ſich in die
Gemeindevertretung wählen zu lafjen.
Wo man hinfam und hinfah gab es
Sandidaten. Nur im Scoße jeiner
Familie, umgeben von Weib und Kin:
bern, ſah man feine Mitbewerber, wie
man aber nur über die Schwelle feines
Hauſes fam, ftieß man auf fie bei
jedem Schritte. Möglich auch, daß die
Aufregung die Phantafie erhigte und
man Gejpenfter jah, wo feine waren.
Einmal jah ich einen Herrn, der ein
Paket Schriften trug und alle Welt
höflich grüßte. Jch hätte gewettet, das
jei ein Candidat; es war jeboch nur
ein Briefträger.
Wo man hinfam, wurde von den
Wahlen gejprohen und ich glaube
auch da, wo man nicht hinkam. Ich
zeigte mich überall, nur nicht in meinem
Bureau.
Im Kaffeehaufe las ich einmal die
Zeitung, als ein jogenannter Freund,
deſſen Bruder gleichfall3 gewählt wer—
den wollte, auf mich zufam und mic)
in einem impertinenten Tone frug,
wie ich es denn wagen könne, zu canz
bidiren. Ein hitziger Menjch hätte mit
einer Obrfeige geantwortet, ein ruhiger
weitergelefen — ich aber entgegnete
mit jcheinbarer Ruhe, daß das größte
Wagniß bei der Sache nur das jei,
von ungejchliffenen Leuten Grobheiten
hören zu müfjen.
Indeß ärgerte mich die Sache. Es
gab häufig Momente, wo ich es leb—
haft bedauerte, aus meinem ruhigen
Leben herausgetreten zu fein und Ans
laß gegeben zu haben, daß alle böjen
Leidenſchaften gegen mid) wach wurden.
Konnte ich aber zurüd? Nein. Ich
mußte vorwärts, ich mußte fiegen;
nicht um meinen Ehrgeiz zu befriedigen,
jondern um meine Feinde, und ganz
beſonders um meine Freundezu ärgern.
Da hieß e8 aber auch, allen Vorfällen
Aufmerkſamkeit widmen und fich nichts
entgehen laffen, was zur Förderung
des Zweckes nothwendig wäre.
Der doppelte Stempel, den ich
als Gandidat befommen hatte, befrie:
digte mich nicht ; ich wußte, daß nicht
viel dahinter fei, daß die eigentliche
Bevölkerung noch nicht geiprodhen hatte.
Parteien gab e3 in der Gemeindever:
tretung feine, ober wenigjtend noch
nicht jolche, die fih auffällig von ein—
ander unterichieden. Nur daß die Jün—
geren im Nathhausjaale für Verſchö—
nerung der Stadt uud alle möglichen
Neuerungen, die natürlid mit ent-
Iprechenden Ausgaben verbunden waren,
eintraten, während die Alten Die
Pfennige feithielten und mo möglich
den status quo erhalten wollten.
Einige Tage vor der ftattfindenden
Mahl rührte fih endlich auch die
Bürgerfchaft: fie wählte ein Comité,
das die definitiven Candidaten auf:
jtellen follte und bier erit hieß es:
Hier iſt Rhodus, zeige Dich als ges
ſchickter Turner.
Das Comité beitand aus einem
Dutzend Perjonen, die aber, man war
durch die Erfahrung gemwibigt, Keinen
aus ihrer Mitte wählen durften. Da:
gegen follten Diejenigen, die fie vor:
ichlugen, unbedingt als Kandidaten
angenommen werben. Es war dies
Comité, wie man fieht, ein reiner
Wohlfahrts-Ausſchuß, und fi die
Gunſt desfelben erwerben, hieß die der
Gejammtheit befigen. Mit jenem un:
bejtimmten Gefühle von Furcht und
Hoffnung, das den Angeklagten be:
ichleihen muß, wenn er die Lifte der
Geihmworenen lieft, die über ihn
urtheilen follen, prüfte ich die Namen
diejes allmächtigen Dutzends. Ich er:
tappte mich einmal dabei, wie id) mic)
im Geifte flehentlih an fie menbete
und fie, umgekehrt wie ein Angellagter,
mit erhobenen Händen bat, fie mögen
286
Gnade üben und mich ſchuldig Iprechen,
vier Jahre im Gemeinderathe feftge-
halten zu werben.
Daß das Comité meift aus Be-
fannten beftand, verfteht fich in einer
mittleren Provinzftabt, wo alle Welt
fih fennt, wohl von felbit. Was mir
aber nicht befannt fein fonnte, war,
wie fie über meine Candidatur dachten.
Einer von ihnen, das wußte ich gewiß,
war mein erflärter Feind: weil mein
Soncurrent im Bankfahe. Genaueres
hierüber ift in dem jchönen Gapitel
von Darwin: Kampf um's Dafein,
nachzulefen. Ein Zweiter war mir nicht
hold: fein Schwager und ber meine
führten einen langjährigen Proceß
miteinander. Dafür konnte ich zwar
wenig, aber die Sünde warb heim:
geſucht an Schwägern und Vettern, wie
wir e8 ſchon aus ber Bibel wilfen.
Meine Frau warf einen Blid in
die Lifte. Einer der Frauen dieſer Ge-
waltigen war fie jeit Jahr und Tag
einen Beſuch ſchuldig, den fie fich bis-
ber noch nicht hatte entſchließen können,
abzutragen. jene Dame war nämli
nur bie Gattin eines Detailhändlers,
alfo eine® Mannes, der Woll: und
Seidenſtoffe nad) der Elle verkaufte,
die alfo auf einer niedrigen Sprofje
der gejellichaftlihen Leiter ſtand;
während Bunkiersfrauen bekanntlich
Ihon auf einer fehr hoben Stufe
ftehen, höher als die Großhänblerinnen,
in gleihem Range mit den Frauen
der hohen Beamten und faft in gleichem
mit denen des niebrigften Adels. Ya,
fie bilden fi fogar ein, nicht viel
weniger Werth zu befigen, als herab:
gefommene Gräfinnen, was indeß von
ftarfer Weberhebung zeugt und nur
dann einen Schein von Berechtigung
für fih haben fann, wenn bejagte
Gräfinnen ſchon fehr herabgefommen
find. Denn hätte dieſe Einbildung
etwas an fih, dann Fönnte man bas
ftolge Wort jenes Schufterfohnes be-
greifen, der, als ihm feine Geliebte
jagte, — fie war eines Schneiders
Tochter — ihr Vater werde nie in
die Heirat willigen, weil er feinem
Stande nicht? vergeben wolle, darauf
furz und mit dem echt demofratifchen
Zuge unferer Zeit entgegnete: Bin ich
denn weniger als er?
Meine Frau aber, mir ergeben
und ehrgeiziger als ich, beſann fich
nicht lange, warf fi in Sammt und
Seide und ftattete der Schnittwaaren-
händlerin einen Beſuch ab, der volle
3,, Stunden dauerte. Jene war darüber
fo entzüdt, daß fie ihrem Manne gewiß
die Augen ausgekratzt hätte, wenn er
für mich nicht ftimmen würde; ja, ich
glaube, fie wäre in einem ſolchen Falle
im Stande gewejen, fih von ihm
ſcheiden zu laſſen, troß der ſechs Kinder,
mit denen ihre Ehe gejegnet war.
Einer war gewonnen und ben
zweiten führte mir mein Glüdsjtern
zu, als meine Frau eben weg war,
um ben erften zu angeln. Er war
Beamter und hatte einen verwidelten
Erbichaftsproceß in einer entfernten
Stadt, deu er mit Hilfe meiner ein:
flußreihen Bekanntſchaft in derjelben
ch auf gütlihem Wege auszutragen ge:
dachte. Ich behandelte ihn mit aus:
nehmender Höflichfeit, ftellte ihm meinen
ganzen Einfluß zur Verfügung; ja,
wenn er e3 verlangt hätte, ich hätte
ihm einen unbejchränften Creditbrief
auf Rothihild in Wien gegeben. Zum
Glück brauchte er ihn jedoch nicht und
zu noch größerem Glüde ftand ich mit
Rothſchild gar nicht in Correfpondenz.
Ich gab ihm aber bis zur Stiege das
Geleite, indem ich ihm vor und hinter
jeder Thüre die Hand drückte. Neun
mal im Ganzen. Wäre das Küffen
nicht außer Mode gekommen, ich hätte
ihn, trogdem fein Schnurbart ein flei-
nes Magazin von Schnupftabaf ent:
bielt, herzlich gefüßt.
Bei den Namen diefer Beiden aber
machte ih rothe Stride. (Ich hatte
gerabe einen rothen Stift zur Hand.)
Mein gutes Geihid mollte es
auch, daß ich zufällig, ober ſoll ich
jagen : in Folge nervöfer Aufregung
natürlicher Weife, Zahnweh befam und
237
einen Zahnarzt auffuchen mußte. Ach |
fand ihn nicht zu Haufe, wohl aber,
eine dicke Heine unreinlihe Köchin am
Herde, die fih bald als feine Frau
entpuppte, nachdem fie fih gewaſchen
und eine Haube aufgejeht hatte. Wenn
man fie fo allein am Feuer ftehen ſah,
jah man e3 ihr gar nicht an, daß fie
jo viel reden konnte. Was die Zange
ihres Mannes gut machte, das machte
ihre Zunge ſchlecht. Aber mitten unter
ihren enblojen Erzählungen, die ich
neben dem Zahnweh über mich ergehen
lajlen mußte, und von dem mir nur
das in Erinnerung geblieben ift, daß
der Herr Doctor, als er um feine
Frau warb, grüne Sammethojen trug,
was mich vermuthen ließ, baß er
ſpaniſcher Abkunft fei, lang mir eine
Nachricht entgegen, um deren willen
ich diejes Tratſchmaul mit einem Kuſſe
hätte jchließen mögen: der Doctor‘
war, wa3 ich überjehen hatte, Mit: |
glied des mächtigen Comité's. |
Man wird es begreifen, daß ich nun
der Frau jo andächtig zuhörte, wie ein
frommer Jude den Gejängen feines
Vorbeters; man wird ſich nicht wun—
dern, daß ich feine Miene verzog, als mir
der Mann ben rechten und gleichzeitig
einen unrechten Zahn zu Tage für:
derte; man wird nicht ftaunen, daß
ih ihm ein Honorar gab, das nicht
nur für die Mühe, zwei Zähne (ach!)
gerifjen zu haben, hinreichte, ſondern
das, ich bin davon überzeugt, ihm einen
guten Theil der für fein Stubium, die
Bange zu hantiren, aufgewendeten Koſten
reihlih dedte. Jh gab ihm auch die
Berfiherung, daß ich mich freue, un:
fere auf etwas ſchwachen Beinen ſte—
hende Bekanntſchaft erneuert zu haben.
Und natürlih wird man es auch fin=
den, daß er mir beim Weggehen er:
zählte, es hätte geftern einen Kampf
um mich gegeben, worauf ich lächelte;
natürlih, daß ich der Frau galant
die Hand küßte, die etwas nad
Zwiebeln roh und am natürlichiten,
daß der Zahnkünftler nicht begreifen
konnte, wie man einen bejjern Candi—
ausrichten ;
daten finden fönnte als mich, was
die Frau beftätigte.
Gegen jo viele Verbündete fonnte
mein Gollege im Bankfache nicht3 mehr
ih wurde in zmölfter
Stunde in die Lifte aufgenommen. Um
diefen Collegen zu gewinnen, hatte ich
ihon daran gebadht, ein Gerücht aus:
jprengen zu laffen, daß mich eine Bör—
jenoperation zum größten Theil rui-
nirt babe.
Eines Gegners muß ich noch er:
wähnen, eines Mannes, der als Wahl:
agitator feines Gleichen juchte und der
allein das ganje Comit& aufwog. Die:
ſem Manne gefiel, wie es jcheint,
mein Name nicht und ich weiß noch
heute nicht, wa8 Einem an dem Namen
Meier nicht gefallen kam; er ift Doch
jehr unſchuldig. Zudem mar jeine
Frau gewohnt, von jedem armen Can—
didaten einen Handkuß zu befommen,
und id armer Candidat war zu ftolz
gewejen, ihr einen zu geben. Meine
Frau hätte mir auch die Augen aus:
gefragt, wenn ich e3 gethan hätte. E83
blieb mir demnach nur das fleinere
Uebel zu wählen, die Frau des Agi-
tator3 ftatt der meinen zu erzürnen
und durch fie ihren Mann. Er war
wohl mädtig, allein viele Mächte
waren mit mir.
Den Abend vor der Wahlſchlacht
ſaß ih im Kreiſe der Meinen mit
jener ermwartungsvollen Gemüthsun—
ruhe, wie fie Ludwig Philipp nad)
der Julirevolution gehabt haben mochte,
al3 er jeden Augenblid die ihm nun
fichere franzöfische Krone erwartete, als
der ſchon erwähnte Balfinger Tächelnd
in's Zimmer trat. Sein Lächeln war
eine Molke für meinen Himmel, aus
dem die Geigen zu verjchwinden an:
fingen.
„Das Comité hat Sie gewählt”,
fagte er, „und Sie glauben nun jchon
fiher auf den Sik im Gemeinberathe
rechnen zu dürfen; aber das Comite ift
noch nicht die Wählerſchaft; Einige wer:
den demjelben folgen, Viele nicht, und
288
Ihre Gegner entwideln eine nie gejehene
Nührigkeit. Man ift nie jo nahe dem
Durdfallen, als wenn man fi am
ficherften glaubt. Und dazu kommt
no Eines, was Sie ganz überjehen
haben: Sie heißen Hieronymus Meier;
Ihr Better, der Eijenhändler, trägt
den gleichen Bor: und Zunamen. Ge:
fett, Sie fommen aus der Urne ber:
vor, dann wollen die Gegner dieſe
Mahl anfechten und behaupten, nicht
Sie, fondern der Andere fei gewählt
worden, und ob ſich die Stabt ein
zweite® mal Shretwegen in Bewe—
gung jegen wird, ijt eine Frage. Hät-
ten Sie fih nur nicht in das Ganze
eingelaſſen.“
Der Mann hatte mir einen Gift:
tropfen in's Herz gejegt und ging.
Wohl jagte mir mein gejunder Sinn,
daß es Sophismen waren, die er vor:
gebracht, daß das Comité, das mich
aufgeftellt hatte, den erößten Theil
der Bürgerichaft repräfentirte; daß
die Gegner gar nicht Urſache Hatten,
jo wüthend gegen mich zu fein, und
daß mein gleichnamiger Vetter gar
nicht wählbar, weil unter dem gejeß-
lich vorgefchriebenen Alter ſei: allein
meine Ruhe war hin, mein Herz war
ihwer. Und mas meiner Tante anno
dazumal eingefallen war, ihren Jungen
gerade Hieronymus und nicht anders
zu nennen, während ihr doch Tau:
jende jchönerer Vornamen zu Gebote
ftanden, das war mir damals auch
unverftändlih. Hätte er doch Klaus
geheißen, es hätte ihm ficherlich in
jeinen Garriere nicht gefchadet !
Meine Frau tröftete mich, es fei
nicht wahr, was Belfinger ſagte; er fei
unfer Feind und fie ſehe mich Schon
im Geifte als Gemeinderath vor fich,
— aber die böjen Ahnungen behielten
die Oberhand. Nachdem ich lange ge:
ſchwiegen, fagte ich ihr in einem
ironisch fein follenden Tone:
„Du glaubit alſo wirklich, es fei
mir jo jehr darum zu thun, in Kräh—
winfel Gemeinbevertreter zu werben?
Habe den Spaß eine Weile getrieben,
Inun wird er mir bald zu bunt, und
ih werde froh fein, wenn ich durch—
falle. Glaube mir, wenn es fih um
eine Krone handelte, e3 wäre nicht
der Mühe werth, feine Ruhe auf's
Spiel zu feßen. Iſt nicht jener rö—
milche Imperator vom Throne herab:
geitiegen, um Kohl zu pflanzen, wor:
aus Du erjiebit, daß das Glüc weder
auf den rothſammtenen Kaijerftühlen,
noh auf den braunledernen Gemein:
derathsſtühlen zu finden ſei.“
Trotzdem wollte mir fein Biſſen
vom Nadteffen munden und im Bette
Ichloß ich wohl die Augen — denn wes—
halb follte ih in's Finftere ftarren ?
— aber einzufchlafen war es mir
unmöglich.
Der Morgen vom 7. Dctober fam ;
e3 wurde 9 Uhr; der Rathhausſaal
wurde geöffnet; die Wahlcommilfion
nahm Pla; die Bürger famen ans
fangs jpärlich, dann in großer Menge
zur Urne; auf der Gafje und in dei
Corridoren juchten die Agitatoren noch
die Einzelnen umzuftimmen; es gab
dort Lärm und Bewegung ; auch eine
Menge Grobheiten und einige wenige
Ohrfeigen wurden im Gebränge aus:
getheilt und empfangen ; Volizei mußte
zur Herftellung der Ruhe aufgeboten
werben ; e3 wogte und wimmelte; und
Einer, der Alles aus einer Ede er:
wartungsvoll anjah, empfing jedesmal
einen Stich durch's Herz, wenn ein
vermeintliher Gegner feinen Zettel
abgab. Diejer Eine war ich, und mein
Herz ein Sieb bis zum Abend, als ber
Obmann der Gommiffion die Wahl
für beendet erflärte.
Das Scrutinium begann; allein
mir fehlte die Kraft, demfelben bei—
zuwohnen und neuerdings Stiche in's
Herz zu empfangen, jo oft ein Zettel
ohne meinen Namen verlefen wurde.
Ich ging nah Haufe, nahm einen
falten Umſchlag um den Kopf und
griff — zur Bibel. Um fromme Ge:
müther nicht zu täujchen, will ich bier
gleich erflären, daß dies nicht geſchah,
um Troft zu juchen, ſondern um meine
—
Unruhe zu verbergen und daß ich eben
ſo gut zum Krakauer Kalender gegriffen
hätte, wenn er zur Hand geweſen wäre.
Die Kinder wurden zu Bette ge—
bracht, nachdem ſich Fritz vergebens
bemüht hatte, mir den Umſchlag vom
Kopfe zu reißen. Meine Frau blickte
mich oft an, aber ſie ſchwieg. Ich
las die Stelle von David's Erhebung
in den Königsſtand wohl ein dutzend—
mal. Was manche Leute für ein Glück
haben, dachte ich. Dann erhob ich mich,
um, eingehüllt von den Schatten der
Naht, in meinem Schlafzimmer über
meine Chancen ungejtört nachdenken
zu können. Da erſchollen Schritte auf
der Stiege — mein Schwager kommt,
um mir die Nachricht mitzuteilen,
daß von den 600 abgegebenen Stimm:
zetteln bisher 300 entrollt jeien und
ih auf 160 berjelben als Candidat
ericheine; aljo bisher immer mehr als
die nothwendige Hälfte hatte. Meine
Frau jubelt auf — id aber ſage
nichts als: Gute Naht — gehe zu Bett
und ziehe die Dede über die Ohren.
Ich lag noch im Halbichlafe, als
mir des andern Tags das Dienft:
mädchen die Zeitung und eine Gorre:
Ipondenzfarte brachte. Auf diejer ftand
wörtlich folgender Morgengruß :
„Mein Herr! An Narren hat e8 bis—
ber in unferer Gemeindevertretung nicht
gefehlt, warum wollen Sie die Zahl
derjelben noch um einen vermehren ?
Warum wollen Sie ein öffentlicher
Narr werden, nachdem Sie bisher nur
ein privater gewejen? Genügt Ihnen
die bisherige beſcheidene Stellung nicht
mehr und muß denn die Welt erfahren,
wer Sie find? Ein Freund,“
Die Correſpondenzkarten find, mie
man fieht, das billigfte Beförberungs:
mittel von Grobheiten.
Aus der Zeitung aber erfuhr ich
meine Wahl zum ®emeinberathe.
So hat mir e3 mein Freund Meier
erzählt und fo erzähl’ ich e8 zu Nuß
und Frommen fünftiger Gandidaten
wieber.
An eine Philofophin.
Das krauſe Räthfel diefes Lebens
O laſſ' es ruh'n! — wir löfen’s nicht,
An dem JIahrtaufende vergebens
Die Weisheit fi den Kopf zerbricht;
Laſſ' uns nit finnen, rathen, fragen,
Wo Keiner Antwort je gewußt!
Wir find nun einmal da, zu tragen
Des Lebens Web, des Lebens Luft.
Mie Vieles aud dom Weltgetriebe
Sich dunkel nur begreifen ließ —
Ein Klares gibt e8 doch: die Liebe,
Und diefes Eine ift uns gewiß
Auf Erden und in Geifterlanden,
Beahnten über Raum und Zeit —
Denn Herzen, die fi Einmal fanden,
Die finden fi in Ewigkeit!
Ernfi Raufder.
290
Unheimlihe Gäfte.
Ballade von Anafltafius Grün.
Das war der Dedant von Haſelbach, In’s Salzfah ſtreu' Sanct Stefansjalz,
Der gaitfrei und ehrenfefte, Ein Kruzifig begleit’ es,
Er fegnet beim Opfer Brot und Wein, Gieß Weihbrunn in die Kannen ein,
Doch trinkt und ißt er nicht gern allein Die Krüge füll’ mit Kirdenwein,
Und denkt fhon der kommenden Gäſte. 3um Imbiß bring’ nur Geweihtes.“
Da fteht mit dem Kännlein der Miniftrant | Mefiglödlein rufen die Junker zum Mahl,
Und flüftert in's Ohr ihm leife: Doch tafeln fie unerſchrocken;
„Sie fommen nit! Denn der Eine jagt, Weihwafler laffen fie Waffer fein,
Der Andr’ erwartet die neue Magd, Sie tauchen den Baum in den Opferwein,
Der Dritte rüftet zur Reife.” In’s heilige Salz die Broden.
Dem Alten entglitt der Meßkelch faft, Und Abend wird's; vom Altare holt
Des heiligen Ortes vergeffen : Der Knabe gemweihte Kerzen ;
„Der Dachs im Bau nur fhmauft allein, Sie zünden am Licht die Pfeifen an,
Da lad’ ih mir lieber drei Teufel ein!’ Verfhwinden in Nebeln und Wolken dann,
Im Schmerze ſchwört er's vermeffen. Man hört nur ihr Singen und Scherzen.
Doch kaum geſprochen, bereut er's ſchon; Wie er ſo tapfer ſie zechen ſieht,
Im Pfarrhof ſitzt er jetzt betend, Dem Dechant beginnt zu bangen:
Da klappert im Hofe Pferdegetrab, „Die Zeiten werden gar fhlimm und ſchwer,
Drei feltfame Junker fpringen ab, Selbit Teufel glauben am gar nichts mehr!
Flint in die Hausflur tretend. Mein Mittel will nicht verfangen.”
Er feufzt: „Aha, da find fie ſchon!“ Da wünfhen die Junker ihm: „Wohl be-
Doch artiglic grüßen die Andern : fomm's!
Wir hörten vom gaftlihen geiftlihen Herrn |1md danken für Trank und Speifen :
Und lüden aud uns zu Tiſche gern „Wenn wir dereinft im eigenen Dans,
Mit Hunger und Durft vom Wandern.“ Vergelten wir gern den heutigen Schmaus,
D lt’ uns die Ehr' erweifen.‘
Er nit fein Ia, fchlägt ftill fein Kreuz a
Und weiß ſich ſchnell zu faffen ; „Verzeiht, ihr Herren, mir thun nicht gut
Doch reicht er den Bäften nicht die Hand, Die überheizten Gemäder ;
In ihrem Handfhub glimmt ja ein Brand, | Auch fchmedt verbrannter Braten nicht fein,
Drum wagt er nicht, ihm zu faflen. Hab’ lieber den eigenen fauren Wein,
d Sch lim B *
Er muſtert die Drei vom Scheitel zur Zeh', a a ee ih En de
Ein Büfchlein am Hut trägt jeder, Längft ward zu Gaſt von größerem Herrn
Das Schuhwerk ſcheint nit vom zierlichften | Der gute Alte geladen ;
Bau, Jetzt blickt er von feinem Stern in's Land,
Den Pferdfuß darunter erkennt er genau, Hat längft in den Gäften von damals erfannt
Wie oben die Hahnenfeder. Studenten auf Wanderpfaden.
Er denkt: Die Mahlzeit verleid’ ich euch), Und der euch gefungen diefen Reih'n,
Ihr ſollt's nicht zweimal wagen! Mar felber bei der Gefchichte,
Dann winkt er den Meßnerjungen herbei: War Einer von den fahrenden Drei'n,
„Bich" Deinen Ehorrod an als Livrei Er hat getrunken des Dechants Mein,
Und rothen Talar und Kragen. Geküßt des Dechants Nichte.
„Su der Veranda.“
291
Ein neuer klimatifher Wintercurort.
„Eine neue mebicinifhe Reclame
mit Paukenſchlägen und Xrompeten-
fanfaren für einen neuen Gründungs—
ſchwindel?“ So rufit Du, geehrter
Lejer, unwillig aus, Wenn nun weis
ter3 gejagt wird, daß durch dieſen
neuen Gurort den tiefgefühlten Be:
bürfniffen von Taufenden unferer franz
fen Mitmenfhen abgeholfen wird,
große Summen, bie früher nutzlos
beffen ganzer Luftkreis nah faulen
Seewafjer riecht, nicht das häufigen
Temperaturwechſeln in Folge Falter
Winde ausgejegte Genua, nicht das
ftaubige Pifa. Er muß fort, nad
dem Süden, minbeftens bi8 Neapel.
Dort und in Sicilien wäre e3 vielleicht
für Gefunde, die fi vor dem Bri-
gantaggio nicht fürchten, nicht unan—
genehm. Der arme Bruftfranfe, den
vergeubet wurden, erjpart werben, | man hinunter hetzte, hat hier aber mit
u. ſ. w., fo mwitterft Du hinter allen den ihn auf Schritt und Tritt ver:
diefen Verfiherungen mit gerechtem , folgenden Vorurtheilen der Staliener
Miptrauen ein Attentat auf Deinen zu kämpfen, da die Tuberculofe eine
ohnehin von anderer Seite genugjam im höchften Grabe anftedende Krank:
geſchröpften Gelbbeutel und fränft mit heit fei und man beim Verfehr mit
kalt-kritiſcher Nüchternheit: Gibt es ſolchen Patienten alle erdenkliche Vor:
denn nicht ſchon genug klimatiſche
Wintercurorte, wozu brauchen wir
einen neuen?
Dieſe Frage kann uns jedoch nicht
in Verlegenheit ſetzen. Wir beantwor—
ten fie ruhig und wohldurchdacht da⸗
fiht anmenden müffe, während doch
im Gegentheile gerade der Patient
beſſer daran thäte, fi) vor der Mehr-
zahl der italienifchen Aerzte in Acht
zu nehmen.
Auch die Inſelſtationen haben ihre
hin: Weil die bisherigen Himatifchen | Schattenfeiten. Bekanntlich führen noch
Eurorte allefammt nicht3 taugen. ‚feine Brücden über das Meer, und der
Jeder von ihnen hat den gemwiffen | Kranke muß deshalb eine längere See—
wunden Fleck, von dem er wünfcht, daß reife unternehmen, deren Veſchwerden
er von ber Sonde der Kritik nicht bes | (insbefondere die wivermeidliche See-
rührt werde. In Krems, das ſich gerne | krankheit) auf jein Allgemeinbefinden
Öfterreichifches Nizza jchimpfen läßt, in hohem Grade ungünftig einwirken.
ift der Winter für Mitglieder eines
Eislaufvereined ebenſo angenehm, wie
in Wien oder Prag. Meran, Bozen
und Görz haben alljährlih, aus:
nahmsweiſe in biefem Jahre, einen
ganz ungewöhnlich ftrengen Winter.
Ebenjo bieten Arco, wo man nur
zwiſchen hohen Gartenmauern prome: |
nirt, das geljenreihe Riva, das arifto-
fratifch-bureaufratiiche Abazzia mur
berrlihe Spätherbft: und Vor-Früh—
In Malta quält den Kranken der
‚Staub. Auf den jonifhen Inſeln
‚tritt das MWechjelfieber endemifch auf,
‚und wenn die Freunde Madeira’s
beſagten, daß das Klima gerade dieſer
Inſel für Tuberculoje fo heilfam fei,
jo mögen fie und erflären, warum
gerade in Madeira (nicht minder in
Korfu und Malta) eine jo große An:
zahl ber Eingeborenen an Lungen:
ſchwindſucht zu Grunde geht. Außer
lingstage. Wer aber auch im Decem: | den jpeciellen Gebrechen, die jedem
ber, Jänner und Februar frifche Luft | diejer „Wintercurorte” anhaften, ver:
im Freien während des ganzen Tages einen fie eine gemeinfame Summe von
mit Sicherheit genießen will, der muß, | Unannehmlichkeiten, die den Kranken,
von der Naßkälte gejagt, fi viel der doch ſtets nervös, reizbar und
weiter in ben Süden flüchten. Dem | empfindlicher als der Gefunde ift, dop—
Hilft nicht das melandholifche Venedig, | pelt hart betrifft.
292
Da fteht er, ferne von der Hei:
mat, ferne von dem troftreihen Zu—
ſpruche feiner Lieben im fremden Lande,
deſſen Sprache er nur mangelhaft oder
gar nicht Fundig iſt. Ihm fehlen all’
die taufend Kleinen Aufmerkjamfeiten
und Bequemlichkeiten, mit denen Freun:
deshände fein trübjeliges® Dafein zu
verjchönern bemüht waren.
Ah, wie martert ihn die Lang:
weile, für welche es bier gar fein
Mittel gibt. Zu lefen, zu arbeiten,
viel zu denken, verbietet der geſchwächte
Organismus,
Paufe, die er jonft zu Haufe jo be
baglid mit Eſſen ausfüllte, ift ihm
bier vergällt. In welcher Beziehung
ift nämlich der Menſch am intoleran-
teften? In Bezug auf den Stände:
unterfchied, auf Religion, auf Natio:
nalität? Nein. Die Bauern und bie
Feudal-Ariftofraten vom veinften Waf-
fer, die Juden und Katholiken, die
Slaven und Germanen werben ficher
in allen anderen Punkten ihre diver—
girenden Anfihten mehr rejpectiren,
als in Betreff des Ejjens. Da hält
ſich jeder für berechtigt, feinen Nach—
bar für den ärgften Tölpel zu erflä-
ren. Gangfett, Butter, Schweinſchmalz
und Del find die vier Elemente ber
Kochkunſt ebenjo vieler Nationen ; und
wer nad) dem Süden wandert, nehme
von den erſten Dreien Abjchied, denn
Del wird von nun an ausfhliehlic |
die Fettjtoffe in allen feinen Mahlzei—
ten vertreten.
Wir gehören nicht zu jenen Ma:
terialijten, welche hierin eine Verlegung
der menſchlichen Würde ſehen; aber
hart ift e8, wenn man zu Haufe die
belicateften und zweckmäßigſten Spei-
fen haben könnte und nun der Gnade
und Willfür eines italienifchen oder
griehifhen Boutikenkoches preisgege—
und ſelbſt die kurze
die heimiſchen Wein- und Bierſorten
wohl mitführen oder ohne zu große
Gefahr durch die ortsüblichen vertre—
ten laſſen; was wir aber in der Fremde
abſolut entbehren müſſen, obwohl es
für unſer Gedeihen viel nothwendiger
iſt als alle geiſtigen Getränke, das
iſt das heimiſche gute Trinkwaſſer.
Gutes, reines Trinkwaſſer iſt jedoch
für die Geſundheit des Organismus
ebenſo nothwendig, als die Einath—
mung einer temperirten Luft.
In den meiſten ſüdlichen Winter—
curorten, beſonders in Oberitalien,
muß man aber gutes Trinkwaſſer ent—
behren und erſetzt es nothdürftig durch
eine filtrirte, im Eis gefühlte Flüſſig—
keit, an welche ſich nur ſehr kräftige
Organismen gewöhnen können. Daß
dieſe Gewöhnung bei geſchwächten, Fran«
ken Organismen nur ſehr ſchwer
ſtattfindet und in vielen Fällen eher
die Auflöſung beſchleunigt wird, liegt
auf der Hand. In dieſem Momente
möchten wir auch den Schwerpunkt
der Unzulänglichkeit der bisherigen
klimatiſchen Curorte ſuchen. Ob reich,
ob arm, ob vom raffinirteſten Luxus
umgeben, ob auf die beſcheidenſten
Mittel beſchränkt, keiner der in Win—
tercurorte Exilirten entgeht der Noth—
wendigkeit der Akklimatiſation. Den
Einen trifft ſie ſchwerer, weil er von
Haus aus verwöhnter, weichlicher er—
zogen, kleine Veränderungen härter
empfindet; dem Andern thut ſie um
ſo mehr wehe, weil ſeine beſcheidenen
Mittel ihn manche Annehmlichkeiten,
die er zu Hauſe umſonſt genoſſen, nicht
verſtatten, ſich in der Fremde für Geld
anzuſchaffen.
Trinkwaſſer und Koſt, Einwirkung
auf Geiſt und Gemüth, veränderte
Lebensweiſe, ja das Klima ſelbſt ſollen
angewöhnt ſein, und noch dazu nicht
ben iſt. Zur Noth helfen reiche Mittel, von Geſunden, ſondern von Kranken!
vernünftiges Anſchmiegen an die Lan—
desſitte und weiſe Auswahl aus dem
Ian diefe Opfer und Anftrengungen,
denen gar Mancher unterliegt, find
jeweilig Gebotenen über die ärgjten |aber nußlos. Hat der Kranke endlich
Klippen hinweg. Anders verhält es | feinen Afklimatifationsproceh glücklich
fih mit dem Getränfe.
Mir können durchgemacht und ihn nicht mit dem
Leben bezahlt, fo muß er jchliehlich
doch wieder in die Heimat zurück. Und
bier? — Hier Fann er wieder von
vorn anfangen. Seht ift er an das
ſüdliche Klima, die fremden Sitten,
die fremde Lebensmeije, Koft und
Trinkwaſſer gewöhnt. Das Alles muß
er wieder abftreifen und feinen Orga:
nismus wieder in neue Bande zwän—
gen, welche in den meijten Fällen wies
der die alten Leiden hervorrufen.
Wir fehen demnach, daß die Eli-
matifchen Wintercurorte, in welche un:
jere Kranken gewöhnlich geſchickt wer:
den, in der Praxis lange das nicht
leiſten, was mander Theoretifer fich
von ihnen verſprochen.
In vielen Fällen find fie geradezu
von Schaden. Niht nur für Sene,
beren Leiden fich in klimatiſchen Win:
tercurorten verſchlimmern, fondern auch
für Jene, welche, weil es ihre Ge:
jchäfte oder ihr Geldbeutel oder ihre
Krankheit nicht erlaubt, zu Haufe blie-
ben, und fih nun mit dem Gedanken
quälen, wie gut e3 ihnen gegangen
wäre, wenn es ihnen möglich gemwejen
wäre, einen MWintercurort aufzujuchen.
Wie behaglihd und mohlthuend für
Herz und Geldbeutel ift dagegen ber reiner ift als dieſes Waſſer.
athmen eine Luft, welder in gas
Er ift ohne Mühe | förmiger, aljo unfichtbarer, aber ohne
klimatiſche Curort, für den wir hier
Neclame maden.
und Koften für Kranfe und Gefunde
erreichbar, gejtattet die Verpflegung
zu den billigiten Preifen, aber auch
Befriedigung der Iururiöfeften Paſſio—
nen. Curtaxe wird nicht eingehoben,
dafür werben aber auch die Ohren
der P. T. Curgäſte von feiner fa-
den Curmuſik malträtirtt. Die ge:
jammte Curordnung inclufive ſämmt—
liher Vorſchriften des Gurarztes be:
fteht aus einem einzigen Paragraph,
welcher lautet: Bleib’ im Lande
und nähre Did redlid.
Diefe Vorfchrift, ftrenge und con-
jequent durchgeführt, genügt aber, um
jedes Kranfenzimmer in einen Flimati-
ſchen Curort zu verwandeln. Wir
glauben, unfere Kranken vedlich zu
nähren, wenn wir fie mit den ausge:
293
fuchteften Delicateffen vollftopfen, alle
Medicamente der lateiniihen Küche in
fie füllen. Wenn es die gejchäßten
Leſer des „Heimgarten“ intereffirt,
werden mir ihnen ein andere mal
nachmweilen, daß an der gejammten
franzöfiichen und Tateinifchen Küche
beinahe nur die Gier mit Gemwißheit
als ungefälfchte redliche Nahrung be
trachtet werden dürfen. Für diefesmal
wollen wir nur auf jene maßlofe
Verfälihung des unentbehrlichiten aller
Nahrungsmittel hinweiſen, welches un-
bedingt hinbeigejellt werden muß, wenn
das SKrankenzimmer den Chrentitel
eines Elimatifchen Curortes verdienen
fol. Es ijt dies die Verfälſchung der
Luft, die wir athmen und die ganz
gewiß das wichtigste Nahrungsmittel
ift, da wir von der Wiege bis zum
Grabe gar fein anderes in folchen
Maffen conjumiren müfjen, wenn wir
uns am Leben erhalten wollen. Wer
wird das Waſſer trinken wollen, in
das fein befter Freund hineingeſpuckt
hat? Mit Efel wendet ſich Jeder ſchon
bei dem bloßen Gedanken ab. Und
doch athmen die Meiften in gejchlof-
jenen Zimmern eine Luft, die viel un:
Sie
jedes hemijche Reagenz durch die Ge-
ruhsorgane erfennbarer Form eine
Maſſe von Unrath beigemijcht iſt. In
der Luft des Krankenzimmers finden
wir die Producte der trockenen Deſtil—
lation des Tabaks, die Reſultate der
Athmung von Menſchen, Hunden,
Katzen und Stubenvögeln, die Aus—
dünſtungen der Auswurfsſtoffe der
Kranken. Stellt in die Krankenſtuben
einen gut ventilirenden Ofen, lüftet
überdies fleißig, indem ihr Bor: und
Nachmittags eine Stunde bei offenem
Fenfter heizt, und entfernt Alles, was
zur Verſchlechterung der Luft beiträgt.
Die minutiöfeite Neinlichkeit ift für
unferen Zweck unentbehrlih und muß
unaufhörlihd mit größtem Berftänd:
niffe durchgeführt werben.
294
Die modernen Aerzte jehen mit
geringihägendem Lächeln auf die älte:
ren herab, welche verpejtete Kranken:
zimmer durch Näucherungen mit Efjig
ober Weihrauch zu „desinficiren” glaub:
ten. Sie jagen, das Räuchern fei eine
Selbittäufchung, die nur bezwedt, einen
unferen Geruchsorganen wiberlichen
Dunft dur einen wieder unangeneh-
men zu bemänteln, und daß die Luft
dur die gemeinfame Wirfung bes
urfprünglidhen und des daraus erzeug:
ten Dunſtes gerade doppelt jo jchlecht
ſei al3 vordem. Sie verfallen ja in
diefelbe Selbfttäufhung. Sie „begin:
fiiren“ mit Garbolfäure und find
überzeugt, Wunderwerfe für die Sa—
nität vollführt zu Haben, wenn die
ganze Atmojphäre ihrer Krankenftuben
vom Garbolgeftanfe durchdrungen iſt.
Die Carbolfäure, die ſchon in
Heinften Mengen niedere Organismen
töbtet, ift ganz gewiß, fortwährend
eingeathmet, auch höher organifirten
Weſen (befonders Franken) nicht zu:
träglich.
Sorgt für reine Luft in den Kran—
fenftuben, dann braucht ihr weder
Weihrauch, noch Carbol; dann braucht
ihr aber auch nicht eure Kranken nad)
dem fernen Süden zu jenben, um fie
für theures Geld unter fremden Leuten
auf einen Sonnenftrahl warten zu laf-
jen, der ihnen erlauben würde, unter
großen Opfern in Bezug auf alle au:
deren Lebensgenüſſe im Winter im
Freien manchmal einen Mund voll gu-
ter Zuft zu atmen, — denn dann habt
ihr zu Haufe ben beiten Elimatijchen
Wintercurort.
Dr. €. Lewy.
Anſere Schwächen.
II.
Deutſches Leſepublikum.
Wir ſtehen vor folgendem Zwie—
jpalt: Das deutfche Volk hat unter
allen europäifchen Völkern die meiften
Dichter und Schriftjteller und bie
wenigſten Bücherfäufer.
In den beutjhen Salons findet
man Alles, was das In- und Aus:
land an Schönem und Anmuthigem
hervorbringt — nur feine Bücher.
Auf dem Tiſche wohl ein paar präch—
tige Einbände mit etwas Inhalt, dann
irgend einen Bilderatlas, dann ein Mo-
dejournal (von Zeitungen fol hier
nicht die Nede fein), ſchließlich noch
eine ober die andere neue Novität,
die weder gut noch ſchlecht, fondern
blo8 in der Mode zu fein braudt —
und bie geiftigen Schäge des Hauſes
find gezählt.
Nicht doch! Im Schlafgemadh ber
Dame, auf dem Nachtkäftchen, Tiegen
ein paar jchöngeiftige Werke, aber in
einem Zuftande, der e8 nur der größ-
ten Toleranz zu danfen bat, im ele-
ganten Gemache ber Frau mitten unter
dem Feinften und NReinften der Linnen
und Seiben ruhen zu dürfen. Denn
gudet einmal und — nein, gudet
lieber nicht. Ihr würdet auf dem Bett:
tiichchen der Frau, die ihr bisher ja
doc gewohnt jeid, fo hoch zu achten,
ſchlechte Bücher finden, eine recht un—
jaubere Lectüre, wie ihr fie der Dame
wohl nie zugetraut hättet. Wir ſpre—
hen bier nicht vom Inhalte, es it
wahrſcheinlich Paul Heyfe, oder Victor
Sceffel oder Abalbert Stifter oder
Robert Hamerling, oder Guftav Frei:
tag, oder fonjt einer unferer großen
Erzähler — das Unfaubere Flebt gott:
lob nur außen dran. Es find Erem:
plare von ber Leihbibliothef. Sie find
eben jchon in allerlei Geſellſchaft ge:
wejen. Aber es kommt eben billig,
und biejelbe Dame, die alljährlih für
Handjhuhe zwei: ober breihundert
Gulden ausgibt, ift jparfam wie eine
Höderin, wo es fih um Bücher han-
belt. Nicht als ob fie nicht bie eif-
—
rigſte Leſerin wäre; aber wozu, meint ſtock hat gelegentlich den Wunſch aus—
ſie, wären die Leihbibliotheken, wenn geſprochen, er wolle weniger gelobt,
man ſich die Bücher anſchaffen wollte?
Und wozu die Bücher, wenn man ſie
durchgeleſen hat? Hinausgeworfenes
Geld. — Dieſe letzte Aeußerung bringt
uns ſchier auf das Vermuthen, daß
unſere Leſerin mit leichterer Waare
vorlieb nimmt als ſolcher, wie wir
oben angedeutet haben, etwa mit einer
Lectüre, die man mit einmaligem Durch:
fliegen für ſich vollends entwerthet.
Dann freilid werden und auch die
verjchiedenen Küchenjpuren, die Fett—
und Wachsflecken, der Schnupftabaf:
ftaub u. ſ. w. erklärlich — und es
freut uns nur der demokratiſche Sinn
unjerer feingebildeten Dame, die ihre
geiftige Nahrung mit dem Dienftboten-
und anderen Volke aus einer Schüj:
ſel ißt.
Selten ift ein entlehntes Buch in
jenem äußeren Zuftande, wie wir es für
unjere liebenswürdige Leſerin wünjchen
möchten, es müßte denn ganz neu oder
gar nicht begehrenswerth fein. Je in-
terefjanter das innere eines Buches,
defto unappetitlicher fein Aeußeres, und
gerade oft auf einer Seite, wo fich etwa
eine parabdiefiiche Idylle abipielt, prangt
ein Merkmal, deſſen räthſelhafter Ur:
ſprung mit den äſthetiſchen Intentio—
nen des Dichters nachgerade gar nichts
gemein hat.
Unſere Beurtheiler, die entweder
aus moraliſcher Entrüſtung gewiſſe
Bücher verdammen oder ſolche mit
heimlichem Vergnügen leſen und ſie
dann zerzauſen, um zu beweiſen, daß
ſie ſcharfe Krallen haben — ſie arbei—
ten für die Leihbibliotheken. Schlechte
Bücher will man nicht kaufen, gute
nicht leſen. Daher läßt man ſich die
erſteren aus der Leihanſtalt holen und
die letzteren verſtauben und vergilben
im Magazin des Verlagsbuchhändlers,
wenn dieſer ſo unvorſichtig war, die
Auflage über das erſte Tauſend hin—
aus zu erweitern, und wenn der Re—
cenſent ſo gutmüthig oder ſo boshaft
aber mehr geleſen ſein. Der Arme
wird leider gelobt noch bis auf den
heutigen Tag und weder Buchhändler
noch Leihbibliothekare machen mit ihm
auch nur ſo viel Geſchäfte, was das
Salz in ihrer Suppe koſtet.
Doch dem Rechnung tragend, hat
man ſich heute modificirt. Ein Wiener
Schriftſteller vertraute uns vor Kur—
zem, daß die Wiener in der Regel
nur ſolche Bücher leſen, welche „or—
dentlich heruntergeriſſen“ worden wä—
ren, und das ſei auch die Urſache,
weshalb in der Kritik jener gewiſſe
burſchikoſe und peſſimiſtiſche Ton Mode
geworden wäre, der hier Aerger her—
vorbringe, dort Lächeln, da Beifall,
aber Reſpect nirgends.
So löblich uns einerſeits die Ab—
ſicht einer Recenſion erſchiene, die durch
ihre Pikanterien das Publikum für die
in Frage ſtehenden Bücher gewinnen
wolle, konnten wir doch eine ſolche
Charakteriſirung unſeres literariſchen
Richterſtuhles nicht oder nur beſchränkt
gelten laſſen.
Sei das wie immer, wir erinnern
uns hier an einen Berliner Verlags—
buchhändler, welcher ſeinem Recenſen—
ten ein neues, etwas obſcönes Werk
überreichte: „Meiſter, ſchreiben Sie
etwas darüber!“
„Aber, lieber Freund“, verſetzte
der Berichterſtatter, „über dieſes Buch
vermag ich wohl nichts Anſtändiges
zu ſagen.“
„So ſagen Sie Unanſtändiges“,
rief der Buchhändler, „loben Sie es,
verſchandiren Sie es, wie Sie wollen,
nur ſchreiben Sie etwas.“
Schuld an ſolch ungeſunden Zu—
ſtänden iſt indeß weniger der Recen—
ſent als das Publikum. Wo Lärm
gemacht wird, dort laufen eben die
Leute zuſammen und wenn ſie es zehn⸗
mal im voraus wiſſen, daß es wieder
ein Lärm um nichts iſt.
Die Leihanſtalt iſt für uns ein
war, das Werk zu loben. Schon Klop- | zu intereſſanter Ort, als daß wir nicht
296
noch einmal in dieſelbe zurückkehren
ſollten. Hier könnte der deutſche Schrift—
ſteller die fruchtbarſten Studien machen.
Hier ſagt das große Publikum, was
es haben will. Es will das Kraſſe,
das Extreme, das Aufregende, das
Pikante und Leichtfertige, das Ga—
lante, Graziöſe und Charmante —
es will — den Franzoſen. Aber nicht
kaufen, ſondern nur ſeine flüchtige Be—
kanntſchaft machen. Vor Allem wird
der Schriftſteller dabei das Eine wahr—
nehmen, daß das Publikum weder be—
lehrt, noch erbaut, ſondern lediglich
nur unterhalten ſein will. Gleichzeitig
aber wird er auch eines Exempels deut—
ſcher Sparſamkeit inne werden. Die
reichſte und vornehmſte Kundſchaft
bringt es über ſich, die Lectüre des
intereſſanteſten Romans bis zur Dis—
poſition eines nächſten Bandes auf
Tage, ja auf Wochen zu unterbrechen,
bevor ſie ſich entſchließt, das Werk zu
kaufen.
Und begegnet die Ariſtokratin in
ſchwerer Seidenſchleppe einmal dem
Schriftſteller, ſo weiß ſie ihm kein
feineres Compliment zu ſagen, als
daß ſie herablaſſend mittheilt, ſie habe
ſein neueſtes Buch eben — aus ber
Leihbibliothel holen laffen oder fonft
wo entlehnt. Nur der Gelehrte und
der Bürger, der SKleinbürger, ber
Handwerker fauft die Bücher, in bie
er fih dann förmlich verjenft.
Wir wünſchen ja von Herzen den
Leihbibliothefen gutes Gedeihen. Ob:
zwar fie es einerfeit3 find, welche ben
Verlauf der Bücher und fomit das
berechtigte Einfommen der Schriftiteller
einschränfen, jo mögen es anbererjeits
eben wieder biefe Leihbibliotheten fein,
auf welche mander Verlagsbuhhänd-
ler baut. Weiß er 3. B., e8 gibt 700
größere Leihbibliothefen in Deutſch—
land, jo fann er bei einem neuen
Nomane wohl ziemlich bejtimmt auf ben
Abſatz von 700 Eremplaren rechnen,
während ihm das faufende Publikum
Aber daß es nicht die ärmeren,
fondern die wohlhabenderen Glafjen
find, welche den billigen Vortheil der
Bücherleihanftalten für fi in Anſpruch
nehmen, und daß gerade bie gebildete
Welt ihren Bücherfhranf draußen in
einem öffentlichen Gewölbe ftehen hat,
das befremdet. — Man mag uns der
Uebertreibung anflagen; jchöne Aus:
nahmen gibt es ja, aber im Ganzen
haben wir leider recht.
Menn fih unfere guten Häufer,
die ja überall dort glänzen, wo es
Edles und Schönes zu fördern gibt,
entjchließen wollten, jo wie die Fran
zofen und Engländer, ſtets das Beſte
der neuen literarijchen Erjcheinungen
ihrer Nation fi anzueignen — wie
wäre das plößlich anders! Die jchöpfe-
rifchen Geifter, die Träger der erha-
benften Ideen ihres Volkes, würden
nicht fortweg zu Hagen haben über
materielle Sorgen. Die Bücher würden
um niedrigeren Preis verkauft werben
fönnen und aljo auch den Unbemittel-
ten zugänglider werben als bisher.
Und, was wohl eine Hauptfache wäre:
der Salon hätte feine Bibliothef. Wel-
chen Converjationsftoff, welche Gele:
genheit zu geiftigen Ercurfionen gäbe
eine ausgewählte Bücherfammlung !
Und weld’ eine Zierde — ſchön ges
bundene Bücher in einem jchön ge:
formten Schranf! — Der Engländer
nimmt fich nicht viel Zeit zum Xejen,
aber er kauft die Bücher ſchon zu
dem Zwede, um die großen Geijter
feines Baterlandes um ſich zu haben,
und daß die pradtvoll gebundenen
Folianten feine Wohnung ſchmücken.
Der Franzofe fauft die Bücher ſowohl
zur Ergößung feines Geiftes, als aud)
zur Zierde feines Salons. Auch der
vornehme Staliener, der Ruſſe uud
jelbft unfer politifher und fiamefijcher
Zwillingsbruber, der Ungar, halten et:
was aufeine gut gewählte und georbnete
Bibliothef. Nur der Deutſche will le:
jen, ohne das Buch zu kaufen. Er
faum den Conſum von 10 Eremplaren | füllt die Wände feiner Salons und
fichert.
Wohnzimmer oft lieber mit allerlei Ge-
mu
297
jpiegel, Hirfchgeweihen, barofen Möbel: | noch jagt, in welden Punkten er mit
ftüden und verschiedenen ungereimten | dem Verfaffer des Buches einveritan-
Dingen, al3 daß er durch einen zier- den war, oder welch’ anderer Anficht
lihen Bücherfchranf das Zeichen gei-
ftigen Lebens aufitellte.
Die eigentlihe und tiefe Bedeu:
tung einer Hausbibliothef aber Tiegt
noch ganz wo anders. Selbitverjtänd:
lih würden für den Hausſchatz nur
gute und gediegene Bücher gefauft. |
Diejelben würden allmälig von den
Familienmitgliedern gelejen, beiprocen,
mit Nandglojien verjehen. So gehen
fie dann über zu den Nachkommen
und vermitteln die geijtige Richtung
der ganzen Gefchlechtslinie. Doppelt |
er geweſen ift.
Die Blüthezeit der deutſchen Li-
teratur — So beißt es — ift vor:
bei; aber die Fruchtzeit muß erſt kom—
men. Die allgemeine Einführung der
Bücher in’d Haus wäre eine Epoche
des wahren Erntens, nicht allein für
‚ Schriftitelleer und Buchhändler, — in
eriter Linie wohl für das Publikum
jelbit.
Und die holde Leſerin in ihrem
Boudoir würde freudig erjtaurfen, wenn
fie anjtatt eines unjauberen Schartef:
werth und wichtig muß dem Kinde |leins plöglih ein geihmadvoll ge:
ein Bud fein, in welchem es noch die | bundenes Buch mit ſchneeweißen Blät-
Nandbemerkungen von jeinem längit- |tern in der eben jo weißen Hand
verftorbenen Vater findet. Sit ihm doch | hielte — und dieſes Buch mit feinem
der Water gemifjermaßen jelbit zum | geiftreichen und herzenswarmen Inhalte
Schriftiteller geworben, der es heute
— ihr Eigentfum wäre! H.M.
Fine
Poge.
Aus dem Franzöfifhen von Quadrelles.
Kennen Sie Herren Pinglet? Nein.
Nun gut, Herr Pinglet ift Admini—
ftrator einer anonymen Lebensverfiche-
rungs-Gejellichaft.
Was das für eine Gefellichaft ift?
Sch weiß e3 nicht. Sie hat ihren klei—
nen Adminijtrationsrath, ihre kleinen Bu—
reaur, ihre Kleinen Proſpecte, ihre Eleinen
Berficherten, kurz Alles wie eine andere.
Sie zahlt zwar feine Dividenden, wer
wird aber auch Alles haben wollen!
Herr Pinglet beſchränkt jich indefjen
niht darauf, einen Adminiftrations-
rath zu bejigen: er hat auch eine Frau, |
eine Schwiegermutter, eine Schwäge-
rin, drei Kinder... . kurz, von Allem
etwas. — Eines Tages trat er ftrah:
lend in den Kreis feiner verfammelten
Familie.
„Rathet, was ich euch mitbringe!”
„Du bringft uns etwas? Ach! wie
liebenswürdig Du bift !“
„Lab doch jehen!“
Bofeggers „‚Heimgarten‘‘ 4. Heft.
„Sehen laffen? nein, nein, rathet!“
„Etwas zu eijen?“
„Nein, etwas Beſſeres.“
„Als zu ejjen?“
ir a.”
„Iſt's ein Kleid für mich?” jagt
die Schwiegermutter.
„Das nicht.“
„Ein Velociped?“ ruft der ältefte
Rabe.
„Rein.“
„ven Pelz, welchen ich gewünfcht
habe?“ fragt die Schwägerin.
„Auch das nicht.“
„Sag’ es ſchnell!“
AIch bringe
eine Loge.“
„Iſt es wahr?”
„Und zwar für das Gaité-Theater!“
„Nicht möglich!“
„Hier iſt die Karte.“
„Ah, wie herrlich, wie ſchön!
Da kann man ſich unterhalten!“
20
euch ..
298
„Ich habe eine große Profceniums: |
loge genommen. Wir werden dba Alle
fehr bequem Raum haben.“
„Du bift ein Schatz!“
„Der befte der Gatten!“
„Und der Väter !“
Die Freude ift eine allgemeine,
man ift entzüdt, man macht über:
ſchwängliche Pläne.
„Es wird doch gefungen, ſprich?“
„Gewiß. Vorzüglich !”
„Gibt man den Orpheus in ber
Unterwelt ?”
„Etwas viel Beſſeres. Glaubt ihr,
ih würde eine Loge zu Offenbach
nehmen? Ich bin für ernfte Stüde,
für die großen Schöpfungen unjerer
claſſiſchen Meifter.“
Man macht bebenflih Tange Ge:
ſichter.
„Was gibt man denn alſo?“
fragt unſicher Frau Pinglet.
„Athalie! .... Nichts Geringe—
res als „Athalie“ von unſerm unſterb⸗
lichen Racine!“
„Sie haben aber doch von Geſang
geſprochen“, wirft Mile. Nemufet, die
Schweiter der Frau Pinglet, ein;
„ich glaubte, wir würden lachen.”
„Ihr werdet die bewunderungs—
würdigen Chöre von dem unfterb:
lihen Mendelsjohn hören !“
„Mendelsſohn .. . . ein Preuße!“
ſeufzt enttäuſcht Frau Pinglet.
„Das Genie hat kein Vaterland,
Madame Pinglet. Sie werden doch
Ihre Kinder nit in's Gaite-Theater
führen wollen, um ihre Augen und
Ohren beihmugen zu. laffen durch den
Anblid und das Anhören einer folchen
Schändlichfeit, wie Orpheus es it?
... Außerdem haben wir ihn Schon
vier mal gejehen!“
„Ih mwürbe ihn recht gern noch
einmal ſehen!“
„Ich auch aber nicht mit Clemens,
Anatol und Valentin. Sie find jeht
Ihon zu groß, um ohne Gefahr den
Olymp und die Unterwelt anjehen zu
fönnen, Athalie bietet feine ſolchen
Unzufömmlichfeiten wie Orpheus“.
„Oh! nein!“ feufzt Die ganze Ver-
wandtſchaft niedergeichlagen. Die Klei-
nen find entzüdt. Sie quält fein Zweifel
über da3, was fie erwartet. Nur ein
Umftand madt fie traurig: daß fie bei
Tage ind Theater gehen follen, ftatt
Abends wie die großen Leute. —
Herr Pinglet hätte gewünſcht, daß
man den Abend damit zubrädte —
in feiner Abweſenheit — das Stüd
den Kindern vorzulejen, damit fie die
Handlung beſſer auffaffen möchten.
Frau Pinglet jedoch zieht es vor,
ihnen die Heberrafhung nicht zu rau—
ben. Die drei Kleinen legen fi früh
zu Bette, um am nächſten Tage recht
friſch zu jein.
Am nähften Tage beim erjten
Morgengrauen warf fih Herr Pinglet
in ein Sagbfoftüm. Die Jagdtaſche
umgehängt, daS Gewehr auf der
Schulter, erfhien er vor den Augen
feiner erftaunten Ehehälfte.
„Nun, wohin gehen Sie denn in
diefem Aufzuge?“
„Sie jehen e8 doch, ich gehe auf
die Jagd.”
„a8
dee?”
„Es ift bereit3 zwei Monate ber,
daß ich meinem Freunde Paturel ver:
ſprochen, ein paar Schüſſe in feiner
Gejellichaft zu thun, und immer babe
ih ihm faljche Zuficherung gegeben.
Heute iſt Schönes Wetter; ihr werdet
euch unterhalten, aljo fann ich ohne
Gewiſſensbiſſe gehen.”
„Indeſſen ...“
„Ich bedaure unendlich, das Mei—
ſterwerk unſeres unſterblichen Racine
nicht mit euch hören zu können. Ich
kenne nichts von ähnlicher Schönheit
... Aber Paturel würde mir zürnen.
Unterhaltet euch gut.“
Und Herr Pinglet entfernt ſich,
indem er die Arie aus dem zweiten
Acte des „Orpheus“ vor ſich her—
trällert.
Eine halbe Stunde nach dem Ab—
gange ihres Gatten tritt Frau Pinglet
bei ihrer Schwefter ein. Sie hat eine
ift denn das für eine
299
äußerft geſchmackvolle Toilette gemacht:
Und Mile. NRemufet, mit zorngerö-
ſchwere Seide und Sammt mit werth: | theter Stirne läutet dem treuen Antonin.
vollem Pelzwerk und ein perlengefticttes
Jäckchen.
„Schon angekleidet ...
Hut auf dem Kopfe?“
„Ja wohl; ich gehe zur Mutter.
Ich habe ihr verſprochen, ſie zur Ein—
uhr-Meffe in die Notre-Dame-Kirche
zu begleiten.”
„Du wirft aber nicht zur rechten
Zeit zurüd fein.“
„Ih habe deshalb auch darauf
gerechnet, daß Du die Kleinen ins
Theater führen wirft.”
„Wie? ... Du willft mich allein
lafien ?”
„Ich habe einmal der Mutter ver-
ſprochen, fie in den Segen zu begleiten.
Der Abbe Chantehoeur wird über die
Enthaltjamfeit der flavijhen Stämme
in ber zmeiten Hälfte des zwölften
Yahrhunderts ſprechen; freilich wird
das weniger amufant fein al3 das
Meifterftüd unferes unfterblichen Racine
und ich bedaure lebhaft, an dem Ber:
gnügen ber Kinder nicht theilnehmen zu
fönnen. Aber fann ich denn die Mutter
um biefen Vortrag bringen, nur um
ind Theater zu gehen?”
„Gut, gut! Gehe nur... laß
mir den Frohndienft ... ich bin da—
ran ſchon gewöhnt ... Ich bin ja bie
Veberflüffige in der Familie.“
Es entjpinnt fih ein Wortwechiel.
Der unfterblihe Nacine erhält einige
Kothipriger. Der ausgezeichnete Herr
Pinglet fommt gleichfall ſchlecht weg.
Madame verläßt ihre Schweiter nad)
einem unſanften Wechſel jüß-faurer
Redensarten.
„Das ift wirklich ausgezeichnet !...“
ruft Me. Réemuſet. „Sch bin gut
dazu, die Athalie zu hören .
Athalie ift gut genug für mid!
Während meine Schwefter Pr&3-Saint-
Gervais, den Thierbändiger Bibel,
Girofle-Giroflä, kurz alles Mögliche
zu jehen befommt, part man mich für
die Athalie auf... das muß ein
Ende nehmen.“
und den
Antonin ift der Kammerdiener des Herrn
Pinglet, ein verläßliher Man.
„Antonin, wollen Sie die Kinder
ins Gaite-Theater begleiten?”
„Wäre dad möglih! ... Ins
Saite ... Ah! Da wird es einmal
was zu lachen geben.”
„Laſſen Sie Ihre Arbeit ruhen.”
„Ja wohl, Mademoifelle.”
„Und machen Sie fich bereit.”
„Jetzt ſchon?“
„Hier iſt die Karte. Proſcenium—
loge Nr. 1, acht Plätze. Sie werden
es dort ſehr bequem haben.“
„Iſt das für Matinée?“ fragt mit
kläglichem Tone der treue Antonin.
„Ja, für eine Matinée. Da gibt
man Athalie”.
„Athalie? Iſt das von einem ver:
ftorbenen Dichter, Athalie ?“
„Das ift das größte Werk unferes
unjterblichen Racine.“
„Das iſt ... Jh Habe meine
Lampen noch zu putzen, die Kamine
blank zu ſcheuern. Madame würde
jehr unzufrieden fein, wenn .. .“
„Aber, Unglücklicher! Athalie ift
ein Meijterwerf !”
„Die clajfiihen Stüde, Mabemoi-
jele, um Ihnen die Wahrheit zu ge—
ftehen, find mir jchredlih. Ich liebe
die Stüde, bei denen man lachen kann,
Wenn Mademoijelle e8 erlauben, wird
der Hausmeifter an meiner Stelle ge
ben. Joſeph war noch jehr jelten
im Theater, Er wird vielleicht im
Stande jein, das zu vertragen.“
„So ſei es denn! ... Sagen Sie
ihm, er joll fi) bereit machen. Hier
find fünf Franc, Sie werden ihm die—
jelben geben. Damit fol er die Schlie—
.| Berin bezahlen und den Kindern wäh—
rend der Zwijchenacte Backwerk kaufen.“
Der Hausmeijter jagt zu. Man macht
fih auf den Weg. Die Kleinen ftrah-
len vor Vergnügen. Herr Joſeph ift
unruhig. Man kommt im Theater an;
die Freude der Kinder ftreift an En
thuſiasmus. Sie ftürzen fich in bie
20*
300
Loge und verſchlingen den Zuſchauer—
raum mit den Augen. Sie beflatjchen
den Luſter, das Orcheſter, während es
ftimmt, die Schließerin und ihre Sige,
die Berfäuferinnen von Operngläfern und
Theaterzetteln; fie beklatſchen Alles.
Man gibt das dritte Zeichen. Wie fie
jih in den Vordergrund der Loge
ftürzen! Sie wollen ſich nicht nieder:
jegen. Wie fie fih zujammendrängen,
Seite an Seite, im Knäuel; die Ell—
bogen auf die Sammtbrüftung geftügt,
Augen und Ohren weit aufgerijjen,
hängen fie mit dem halben Körper
über die Loge hinaus, wechjeln freude:
ftrahlende Blide und machen fich ge
genfeitig durch leichte Stöße aufmerkjam.
Die Duverture erjcheint ihnen
zwar ein wenig ernſt, aber fie find da,
um fi zu unterhalten, und unterhal-
ten ih. Sie Hatjchen in die Hände
wie berufsmäßige Glaqueurd. — Der
Vorhang geht in die Höhe. Kaum
haben fie Joad und Abner erblidt, jo
ſchlagen fie ein helles Gelächter auf.
Das Publikum blidt überrafht auf
fie, Here Joſeph zieht fich beftürzt in
ben Hintergrund der Loge zurüd und
ermahnt fie von weiten, zu jchweigen.
Eben jo gut könnte man aber einem
Orkane Stilljehweigen gebieten, wenn
er vor den Thüren jauft. Sie find
außer Rand und Band; Alles ruft
ihre Heiterfeit hervor. Sie halten Joad
wegen jeined großen Bartes für einen
Zauberer und Abner für einen Schot:
ten wegen feiner nadten Beine. Nach
und nad mäßigt fich ihre Begeifterung
und da fie nichts verjtehen, beruhigen
fie fi allmälig.
Herr Joſeph findet, daß Joad, Ab-
ner und Sezabel viel zu lange reden,
ohne etwas zu jagen. Eine Luft zu
ſchlafen wandelt ihn an, die er nicht
mehr bewältigen fann. Während des
eriten Actes hat er diefe Anwandlun—
gen wader niebergefämpft; er wagt
es aber faum zu hoffen, daß ihm das
au ein zweites mal gelingen werde
uub weil er einen jehr lärmenben
Schlaf hat, zieht er es vor, auf bie
Gaffe zu gehen und dort feine Pfeife
tauchend das Ende des Stüdes abzu-
warten, nachdem er vorher den Kin-
dern einen Kuchen zugeitedt hat.
Wie fich diefe in ihrer großen Loge
mit dem jchredlich dunklen Hintergrunde
allein jehen, werden bie BVerlaffenen
traurig.
„Unterhält euch das Stüd?“ fragt
Balentin.
„Und Dich?“ Fragt Clemens ent:
gegen, der fich noch nicht aussprechen will.
„Oh! Ich bin groß genug, um
mich zu unterhalten: aber, mein Gott,
wie ihr euch langweilen müßt!“
„Ich habe Durſt.“
„Ich auch! Wollen wir nicht ins
Freie gehen? Wir könnten ja allſogleich
wieder zurückkommen, damit ſich Joſeph
nicht beunruhigt.“
Schon ſind ſie auf dem Gange.
Sie miſchen ſich in die Menge, welche
gegen den Ausgang drängt. Bei der
Ausgangsthüre angelangt, befindet ſich
Clemens, welcher vorausgeht plötzlich
einem Herrn gegenüber, welcher ihm
eine Karte präſentirt.
„Nimm ſie nicht an!“ flüſtert ihm
lebhaft Valentin ins Ohr. „Man könnte
vielleicht etwas dafür bezahlen müſſen.“
So treten alle drei aus dem Theater,
ohne das ihnen angebotene Retourbillet
anzunehmen. Und zum erſten male
befinden ſie ſich nun allein auf der Straße.
„Valentin ... haft Du Furcht?“
„Ich habe nie Furcht.“
„Ich auch nicht. Wilft Du, daß
wir jet ſogleich wieder zurüdfehren ?“
„Ich habe Durft. Und dann brin-
gen fie ja die Leute um mit ihrem
Stüde.”
„Gehen wir doch zurück.“
„Noch nicht. Es wird ja ohnehin
nur der Schluß unterhaltend fein.
Habt Ihr nicht auch Durft ?“
„Mir if, als hätte ich einen
Schwamm im Magen.“
„Würdeſt Du Di getrauen, in
einem Schanfladen etwas zu trinken,
vor Leuten, die Du nicht kennſt?“
fragt Anatol den Valentin.
301
„Ih? ... das kannſt Du ſogleich
jehen. Wie viel Geld habt ihr denn
in ber Tajche ?“
„Ich habe noch 43 Sous, welche
mir von Neujahr geblieben find.”
„sh 37.“
„Und ih 52. Wie viel gibt das
zujammen 2“
Nach vielem Hin- und Herrechnen
fommt man zum Schluffe, daß das
127 Sous ausmache. Jetzt langen fie
vor einem MWeinladen an. Im Hinter:
grunde des Ladens find noch Pläße frei.
„zreten wir ein!“ ruft entjchloffen
der Neltefte. „Man wird uns wohl
nicht aufefjen.”
Ein Kellner tritt zu ihnen.
„Womit kann ich den Herren die—
nen ?”
„Geben Sie uns um 127 Sous
etwas zu trinken“, ermwiderte Valentin,
die Fauft in die Seite gejtemmt.
„Um 127 Sous? Um 127 Sous,
aber was?”
„Kann man vielleiht um 127
Sous mehrerlei Sadhen haben?” fragt
äußerſt verjtändig Anatol.
„Gewiß!“
„Dann geben Sie uns alſo von
Allem etwas.“
Verblüfft ſucht der Kellner ſeinen
Patron auf. Er ſetzt ihm auseinander
welchen Auftrag er erhalten. Selbſt—
verſtändlich lacht man weidlich am
Schanktiſche. Alle Augen richten ſich
auf die Kleinen. Valentin allein behält
ſeine Faſſung. Der Wirth nimmt eine
Flaſche von ungewöhnlicher Form,
eine kleine durchſichtige Büſte angefüllt
mit einer goldgelben Flüſſigkeit, ver—
picht und verſiegelt: Rübenſaft mit
Knoblauch gemiſcht, Zuckerbranntwein,
engliſcher Senf und Anis. Das führt
den Namen: „Liqueur du bon pa-
triote“, DieBüfte, welche diefen Götter:
trank umjchließt, ift die Thiers’.
„Bier das Belte, was wir haben“,
jagt der Kellner und feßt den erjtaun-
ten Kindern bie Flaſche und drei Bier:
gläjer vor. „Sie können das unbeforgt
nehmen.“
„sit das für 127 Sons?“ fragt
der weiſe Anatol.
„Ganz genau für 127 Sous.“
Nah Ablauf von zehn Minuten
hatte Herr Thier3 fein Hirn leer; am
Ende der erften Viertelftunde fängt
jeine Nafe an burchfichtig zu werben
wie ein fleines Seefrebschen; nad) ei:
ner halben Stunde hat der „bon
patriote“ nichts Nöthlihes mehr als
jeine Kravate. Die Kleinen find ange:
trunfen wie Lumpenfammler. Man
umgibt fie, man fragt fie aus. Valen—
tin tanzt um den Schanftifch. Clemens,
den ein Herzleid überwältigt, weint
heiße Zähren und fragt alle Vorüber-
gehenden um feine Tante Rémuſet,
währent Anatol einen Gaffenhauer
verfucht, den ihn ein Todtengräber zu:
fällig gelehrt. Die Flajche ift leer;
das Ganze ift höchft erbaulich.
Als feine Gäfte an den Kleinen
feine Unterhaltung mehr finven, ſetzt
fie der Wirtd — ein Familienvater —
vor die Thüre. Clemens, der einen
ihmweren Rauſch hat, erinnert fich zu—
erit an Sofeph und „Athalie”. An bie
Mauern taumelnd, athemlos, von ber
Menge genedt langen die drei unglüd-
lihen Opfer des Herrn Thierd am
Säulengange des Gaite-Theaters an.
Der Controlor verjperrt ihnen den
Meg; Anatol und Clemens weinen
bitterlih, während Valentin ſich den
Eintritt zu erzwingen jucht.
Um fieben Uhr findet fie Joſeph
auf dem Polizeibureau, wo fie um bie
Wette Schnarchen. Herr Joſeph ift eben
nicht ftolz, als er die Kleinen ihrer
Familie zurüditellt. Ale Welt be:
Ihuldigt alle Welt und wäſcht ſich
felbft jo weiß wie Schnee. Am Ende
liegt die ganze Schuld an Racine.
„Das ift einerlei!” murmelt Mile.
Rémuſet, indem fie ihren Neffen einen
Kamillenthee bereitet. „Das werben
drei fede Burfchen werden. In ihrem
Alter in drei Stunden Athalie und.
einen „bon patriote* auszuhalten, das
zeugt von großer Leiftungsfähigkeit !”
Armer Racine!
302
Ein ſeltſam Büdlein.
In Staub und buntem ZTrödlertand
Id einft ein uralt Büchlein fand
Mit blaffem Rand von Gold,
Das id) um Hellerswerth erftand,
Meil id) es lefen wollt‘,
In meiner Stub’, bei Lampenfchein
That ich den eriten Blid hinein,
Forſcht' eine Weil’ darin,
Doch 's mußten Bauberworte fein
Mit rätbfelhaftem Sinn ;
Denn jeglih Sprüchlein, jeglid Wort
Mar wie von Zaubernacht umflort
Und jeder Deutung bar,
Id) legte drum das Büchlein fort,
Vergaß es endlih gar, — —
Man Iahr verging und mandes kam
Und brachte Leid und Luft und Gram,
Als durch des Zufalld Spiel
Das alte Büchlein wunderfam
Mir in die Hände fiel,
Ih ſchlug e8 auf und — fonderbar —
Das, was mir einft ein Räthſel war,
War mir nunmehr enthüllt,
Gleich einem Born, aus weldem Klar
Die Lebenswahrheit quillt !
Da ftanden Weisheitsfprüche drin,
Die wiefen auf die Jahre hin
Aus der Vergangenheit ;
Und Deutung fand und Maren Sinn,
Ein jeglih Glüd und Leid. —
Manch Blättchen hab ich noch gefehn,
Deß Inhalt mir noch ungefchehn
Und darum deutlos war.
Mand Leid und Glück muß drüber gehn,
Bis mir aud) diefer Mar.
Rahm ich das Buch oft ſchmerzbewegt,
Ih hab’ es lächelnd mweggelegt,
Durd Glüd und Leid belehrt:
Durch's Leid, wie man es ftandhaft trägt,
Durch's Glüd, wie man’d vermehrt. —
Und modt id in das Büchlein ſchau'n,
Bei Sonnenſchein, bei Wettergrau'n,
's war Troft zu jeder Zeit,
Es zog in's Herz mir wie Vertrau'n
Und Hoffnungsfreudigkeit. —
®. $. Müller.
Planzen und Thiere im deutfhen Volksglauben.
Don Ludwig vd. Hörmann,
II.
Das innige Naturgefühl, welches
unfere Vorwärter die Erjcheinungen
des Pflanzenlebeng mit lebhafter Theil:
nahme betrachten und deuten ließ,
machte in noch höherem Grade die
Thierwelt zum Gegenjtande aufmerf:
jamer Beobadhtung und Verehrung.
Aus ſolchen Anſchauungen entiprang
die Thierfage, diejes Erbgut der mei:
jten arifchen Wölfer, in welder uns|
Thiere, Neinhart der Fuchs, Sen:
grimm der Wolf ꝛc. gleich Menjchen
denfend, redend und handelnd vorge:
führt werden. Denn gerade dieſe dem
mit Vernunft begabten Menjchen zu:
nächit ftehenden Weſen wurden als
mit bejonderen Wunderfräften begabt
angejehen und in inniger Beziehung
mit den Göttern und Halbgöttern ge:
dacht. So erichienen Götter und Göt—
tinnen im Falfenkleide, Helden ver:
wandelten fih in Schwäne, ſelbſt der
Altvater Wuotan verſchmähte es nicht,
ih von Adlersihwingen durch Die
Lüfte tragen zu laſſen. Wenn biefe
Thiere aljo verehrt wurden, fo galt
303
biefe Verehrung ursprünglich nicht
ihnen jelbit, jondern dem höheren
Weſen, das fie bewohnte.
Für das edelfte Thier hielt man
von Alters ber das Pferd. Der
treuefte Gefährte des Helden in Kampf
und Schlaht war fein Roß, fein
liebjter Freund, mit dem er fich trau:
ih unterrebete und mit dem er Freud
und Leib theilte. Weiße Roſſe waren
den Göttern geweiht und wurden in
heiligen Hainen gehalten. Wenn zu
beiliger FFeitzeit der Gott feinen Um:
zug dur das Land hielt, fo zogen
die heiligen Roffe den Wagen; aus
ihrem Wiehern meisjagten die Prie:
fterinnen, und begehrte die Gottheit
ein Dank: oder Sühnopfer, jo rauchte
das Blut der eblen Thiere auf dem
Altare. Sogar im abgejchnittenen
Pferdehaupte wohnte noch eine ge:
heimnißoolle Zauberkraft. Wer fennt
niht das Märchen vom treuen Fa:
lada, deffen über dem Thore ange:
nagelter Kopf mit der vermeintlichen
Bänjemagd ſpricht und dem Königs:
paar auf diefe Weije ihre Fönigliche
Herkunft entdedt? Noch findet man
auf den Giebeln mancher Bauernhäufer
in Tirol gejchnigte Pferdeföpfe. Die
Bauern fagen, es fei dies ein alter
Brauch und für Vieles gut.
Das Rind war den Alten gleich:
fall3 ein heiliges Thier. Vor bie
Wägen deutiher und norbijcher Kö—
nige mwurben Hengfte oder Stiere ge:
ſpannt; desgleichen hielt die Göttin
Nerthus ihren Umzug in einem von
Kühen gezogenen Wagen. In Tirol
findet fih noch ein Nachflang dieſes
ehemaligen Cultus in ber ſchönen
Nothburgalegende, nad) welcher zwei
Ochſen den Leichnam diefer frommen
Magd in einem Wagen durch den
hochangeſchwollenen Innfluß zogen und
jelben im St. Rupredtsfirchlein in
Eben vor dem Altare niederjeßten.
Auh von redenden Dchjen erzählt
die Sage, doch reden dieſe nur in
der Nacht vor dem hl. Dreilönigsfefte. | hat, ſich zu rächen.
Einem Bäuerlein fam einmal ein
Zweifel gegen die Wahrheit dieſes
Glaubens und er horchte deswegen an
der Stallthüre. Da fagte ein Ochs zu
dem andern: „Dieſe Woche werden
wir Holz zur Säge ziehen — dem
Bauer zur Todtentruhe.“ Und jo ge:
ſchah es, der vorwitzige Bauer er:
franfte und ftarb. Aus den Brettern
eines Fichtenftammes machte der Tijch:
ler den Sarg. Thiere als Verkünder
des Todes kennt auch die griechiiche
Sage. So wird dem Achilles, als er
zur Schlacht fährt, von feinem Pferde
Nanthos der nahe Tod vorausgejagt.
Das Schwein, der entartete
Vetter des dem Gotte Fro gemweihten
Ebers, hat faſt ganz fein Anfehen ver:
loren. An feine einftige Bedeutung als
Opferthier mahnt nur noch der Ge
brauch des tirolifchen Bauers, zu
Weihnachten ein Schwein oder Ferkel
zu jchlachten. An diefer Sitte wird
aber auch mit aller Zähigkeit feſtge—
halten, und es muß jchon ein jehr
„Fröttiger (armjeliger) Kleinhäusler“
fein, wenn e3 ihm diefen Weihnachts:
ſchmaus nicht trägt. Es ijt dies eine
ſchwache Erinnerung an bie große
mwinterliche Fyeitzeit der Germanen, wo
man in den Zwölften den Juleber
ichlachtete und dazu Fros Minne tranf.
Sie transit gloria mundi! Jetzt be:
deutet ein über den Meg laufendes
Schwein Unglüd, wie umgekehrt eine
vorbeiziehende Schafheerde für ein
glückliches Leichen angejehen wird.
Nicht viel beſſer als dem Schweine
ergeht es den Katzen. Einft zogen
dieje gejchmeidigen Thiere den golde:
nen Wagen der jchönen Göttin Frou—
wa, jeßt aber ftehen fie in fchlechtem
Geruche; beſonders folche, die einen
langen Schweif haben, gelten im
Volksglauben für verwandelte Heren,
die gerne in die Schlafzimmer jchlei-
hen, ben Schlafenden in den Hals
beißen oder ihn gar mwürgen. Darum
fol fich jeder hüten, einer Kae ein
Leib anzuthun, damit fie feine Urjache
Denn ift dieſes
304
der Fall, jo erfcheint Nacht3 in ber
Kammer des Webelthäters die ganze
Sippe dieſes Thieres mit brennenden
Lichtern in den Pfoten, und der Er—
ſchrockene wird mit den ſcharfen Krallen
tüchtig zerkratzt und geſchunden. Trotz
ſo wenig ſchmeichelhafter Eigenſchaften
haften manche Züge an dieſem Glau—
ben, woraus ſich die einſtige Bedeu—
tung dieſes der Liebesgöttin Frouwa
heiligen Thieres erkennen läßt. Dahin
gehört der Glaube, daß Liebende und
beſonders Bräute den Katzen ſchmei—
cheln und ſie gut füttern ſollen; und
in einem Tiroler Märchen „vom Kö—
nigsſohne“ gewährt die freundliche
Göttin in Katzengeſtalt dem Jüngling
die gewünſchten Gaben. Welch große
Rolle dieſe Thiere im Hexenglauben
unſeres Volkes ſpielen, iſt bekannt.
Noch eine Eigenſchaft der Katzen darf
ich nicht vergeſſen, die ſie vermuthlich
ihren feinen Naſen zu danken haben;
ſie ſind vorzügliche „Viſitenſchmecker“.
Putzt ſich nämlich ein Kätzchen mit
der rechten Pfote, ſo kommt ein Be—
ſuch oder eine Neuigkeit, geſchieht es
aber mit der linken Pfote, ſo geht
Jemand aus dem Hauſe.
Das ſchnelle Wieſel mit den
klugen Augen, in Tirol „Harmele“
genannt, kennt die „Springwurzel“.
Das iſt nämlich ein Zauberkraut, mit—
telſt welchem man Schloß und Riegel
öffnen kann. Erzürnt Jemand ein
Wieſel, ſo holt es ein Blatt von die—
ſem Kraut und bläst damit den Feind
an, damit er mitten entzweibricht. Gu—
ten Morgen!
In der alten Thierfabel find die
wejentlichften Thiere Bär, Wolf
und Fuchs So groß mar bie
ſcheue Ehrfurcht vor denjelben, daß
man ihre Namen gleich denen der
Götter nicht zu nennen wagte; man
nannte ſie mit umſchreibenden Schmei—
chelnamen; ſo den Bären den „Alten“,
„Großvater“ oder gar „Süßfuß“, den
Wolf „Hölzing“, „Goldzahn“. Seit
aber die Urwälder Deutſchlands ein
Opfer des fällenden Eiſens geworden
find, wurden auch die Bewohner der:
jelben faft zur Sage und die ver:
Ihwundenen Thiere jpielen im Volks—
glauben feine hervorragende Rolle mehr.
Der Fuchs aber, der liſtige Schleicher,
it zum Unglüdspropheten geworben
und der Bauer, dem Morgens ein
Fuchs begegnet, jchidt ein frommes
Gebet zum Herrgott, daß er das be-
vorjtehende Böſe gnädig abwenden
möge.
Von viel größerer Bebeutung als
die vierfüßigen Thiere find die Vö—
ael. Die Bewohner der Lüfte find
Göttern und Geijtern näher und be:
figen Kunde von ihren Geheimnijfen.
Götter verwandelten ſich in Vögel und
‚wählten biejelben zu ihren Boten. Sie
müfjen weit ausfliegen über Berg und
Thal und wenn fich die geflügelten
Sefandten verfammeln, jo beiprechen
‚fie fi über das, was fie gejehen und
gehört haben, in einer eigenen Vogel:
ſprache. Darum achtete man von je:
her auf das Erſcheinen diefer Götter:
lieblinge, auf ihren Geſang, auf ihren
Zug, auf ihre Gejchrei in der Nähe
der Menſchen. Auch die Seite, von
welher man den Ruf des Vogels
hörte, oder von welcher er zuflog,
war bedeutjam; die rechte galt immer
als die glücliche.
Der Rabe, Wuotans heiliger Vogel,
iſt weiſe, ja allwiſſend. Er riecht das
Pulver, ſagen die Schützen, darum
kann ein Rabe ſo ſchwer getroffen
werden. Aus ſeinem Erſcheinen wird
Unglück prophezeit. Krächzt er auf
einem Hauſe, ſo ſtirbt darinnen Je—
mand; auf einem Friedhofe bedeutet
es, daß jüngſt Einer lebendig begra-
ben worden. Wenn auf einer Alm
über einer gewillen Stelle die Raben
freifen und zu Boden fahren, jo wird
auf jelbem Plage in kurzer Zeit ein
Stück Vieh zu Grunde gehen. Auch
‚dem Hühnerhof verfündet das Gejchrei
des Naben die Nähe des würgenden
Geiers. Die Naben haben in ihren
Neftern einen wunderbaren Stein, durch
deſſen Kraft man fi unfichtbar machen
n
|
305
kann und deſſen Beſitz außerordentlich
glückbringend ſein ſoll. Iſt der alte
Rabe bedroht, ſo ſchluckt er denſelben
und entgeht ſo den Augen des Jägers.
Derjenige nun, der ſich einen ſolchen
Stein auf den bloßen Arm bindet,
ſowie jeder Gegenſtand, der mit dieſem
Talisman in unmittelbare Berührung
kommt, wird unſichtbar. Dieſe Sache
hätte allerdings etwas Verlockendes
für einen gewiſſen Induſtriezweig und
Mancher aus dieſer edeln Zunft ſoll
ſich bemüht haben, den Wunderſtein
zu finden; allein dies iſt kein Leichtes,
da Neſt und Inhalt nur mit Hilfe
eines Spiegels entdeckt werden können.
Von den Raben und Krähen
wird faſt in ganz Deutſchland eine
ſchöne Legende erzählt. Dieſelben waren
einſt ſchneeweiß und ſehr ſtolz auf
ihr Gefieder, weswegen ſie ſich oft
badeten. Da geſchah es zu der Zeit
als der Heiland noch auf Erden wan—
delte, daß der göttliche Knabe großen
Durſt hatte und aus einem Bächlein
trinken wollte. Darin ſaßen aber die
Raben, die unaufhörlih das Waifer
trübten. Da ſprach Jeſus: „Weil ihr
jo undankbar und jo ſtolz auf euer
blendend weißes Gefieder ſeid, follt
ihr zur Strafe von nun an bis zum
Weltuntergangeſchwarze Federn haben.”
So wie der Rabe für feinen Fre:
vel beftraft wurde, ebenjo reich mit
allerlei Tugenden gefegnet iſt ber
Krummihnabel, der Chriſtus
vom Kreuz befreien wollte. Die be:
fannte, von Julius Moſen glücklich be-
handelte Legende iſt auch in Tirol
verbreitet. Faft in jeder Bauernftube
wird ein Krummſchnabel gehalten, denn
die Leute glauben, daß er alle Krank:
heiten, welche bie Hausbewohner be:
befallen würden, an fich ziehe. Auch
das Waſſer, von dem ein Krumm—
Ihnabel getrunfen hat, ſoll ein Heil-
mittel gegen die Gicht fein. Ebenfo
beliebt wie der Krummfchnabel find
die freundlichen Boten des Frühlings, |
die Shwalben. Sie find Mutter: |
gottespögel:
„Im Maria Verkündigung
Kommen die Schwalben wiederum.‘
und:
„Maria Geburt
Ziehen die Schwalben furt”
jagt das befannte Bauerniprüchlein.
Die Schwalben haben Gott Bater den
Himmel bauen geholfen; darum be:
deutet ein Schwalbenneit am Haufe
Glück und wo fie ihre Wohnung auf:
ihlagen, ift Frieden und Gottes Se-
gen und fein Blitz jchlägt in das
dur ihre Anweſenheit geweihte Haus.
Schredlich find die Strafen, die Den:
jenigen treffen, der ben Schwalben
etwas zu Leide thut. Tod der liebiten
Angehörigen, Unglüf, Feuersbrunſt
und Biehleuchen ereilen den Frevler.
Im Puſterthal jagt man, wer eine
Schwalbe tödtet, deſſen Kühe geben
rothe Milh und fterben. Auch die
Schwalbe kennt die Springmurzel,
Menn man das Neft mit einen Faden
ummidelt und jo den Eingang ver:
fperrt, muß fie diefelbe bringen. Wenn
Schwalben fieben Jahre in einem
Neſte brüten, fo Hinterlaffen fie darin
ein Steinden von wunderbarer Schön:
heit und großer Heilkraft, befonders
gegen Augenleiden. Auch Derjenige,
der im Frühjahre die erfte Schwalbe
fieht, kann in Beſitz eines kräftigen
Heilmittel3 gegen das falte Fieber ge:
langen. Er jtehe nur allfogleich ftill
und grabe mit einem Meſſer unter
feinem linfen Fuße nad, jo wird er
eine Kohle finden, durch deren Kraft
die böſe Krankheit weichen muß.
Die Schwalbe bringt Glück und
Segen, der Kufuf aber bringt —
Geld. Man darf nur in der jchönen
Maienzeit fleißig den Geldbeutel ein-
ſtecken; denn die Depthaler verfichern,
wenn man zum eritenmale den Kukuk
jchreien hört und Geld im Sade hat,
jo gehe Einem dasjelbe das ganze Jahr
nicht aus. Wie, fönnte man da nicht
in der Wohnung unjeres Finanzminis
jter3 ein paar Steigen voll dieſer
Bögel aufhängen? — Der Kufuf jagt
auch dem Fragenden, wie lange er
306
noch lebt.
Kinder:
„Bugge Lüger,
Leutbetrüger,
Wie viel Iahre leb’ ich noch ?“
So vielmal der Kufuf fchreit, fo
viele Jahre hat man noch zu leben.
So fröhlich die ermachfene Jugend
den Iuftigen Vogel zur Frühlingszeit
begrüßt, — denn: Wenn der Kukuk
fohreit, ift für die Lieb die Zeit —
fo ungern hört man ihn nach Johanni;
denn ba bebeutet fein Ruf Mißwachs,
falten Winter und Theuerung ; läßt
er fih aber zufällig bei einem Haufe
jehen, jo wird in diefem Jemand fter:
ben. Diejelbe üble Bedeutung hat auch
das Geſchrei der Nachteule, der
Dhreule — Buhin, wie fie der
Tiroler nennt — des Käuzchens,
ver Dohlen und Elftern. Lebere,
welche auch oft als verwandelte Heren
angejehen werben, bringen Unfriebe
und böſes Geſchwätz. Mit den Gebei-
nen und Eingeweiden ber Nachteule
fann man AZauberfünfte treiben; bie
jogenannte Klag aber, oder das
Käuzchen galt Schon im Alterthume
al3 todverfündender Vogel, fein Ruf
tönt dem Volke wie „lich“, Leiche, kla—
gend wie das Weinen eines Kindes,
und wer ihn hört, ſtirbt bald.
Von den geflügelten Hausthieren
umgibt den Hahn der Nimbus der
Heiligkeit, und zwar den weißen, der,
wenn man ihm begegnet, als Glücks—
vogel angejehen wird. Hingegen das
Träumen von weißen Hennen verfün-
det den Tob eines Freundes ober
Bekannten. Auch der Hahn auf unje
ren Kichthürmen mag ein heibnifcher
Abkömmling fein.
Bon zwei fabelhaften Vögeln jei
no bier die Nede, welche, obwohl
fie wenigjtens folcdhergeftalt in feiner
Naturgeſchichte zu finden find, dennoch
im Bolfsglauben eine große Rolle
jpielen. Es find der Alber und bie
Habergeis. Unter dem Alber ftellen
fih die Degthaler einen feurigen Vo—
In Leutaſch rufen die gel vor, in dem der leibhaftige Teufel
ftedt. Er wohnt in ben Höhen bes
Gebirge in einem Felsloch, das er
alle fieben Jahre verläßt, um fich auf
anderen Bergen einen Aufenthalt zu
juchen. Wenn man ihn fieht oder wenn
er fih gar in der Nähe eines Dorfes
bliden läßt, jo muß man fich fegnen
und befreuzigen, auch gemweihte Rojen:
fränze follen ein gutes Mittel fein,
um ben boshaften Geift in refpect-
voller Entfernung zu halten. Nicht
überall tritt er jedoch als ſchadendes
Weſen auf; an vielen Orten wirft er
ſegensreich als guter Geift. Gewiß
hat Jeder, der es liebt, auf Höhen
und Alpen herumzuſteigen, bemerkt,
wie oft auf den Mulden neben kargem
Grasboden ein Streifen des üppigſten
Grüns ſich findet. „Da iſt der Alber
darüber gegangen“, ſagt das Volk,
denn er hat ſchmalzige Füße und ſein
bloßes Auftreten düngt die Erde, daß
ſaftiges Gras emporſprießt.
Mehr gefürchtet iſt ſeine hölliſche
Baſe, die ſogenannte Habergeis.
Fragt man die Bauern, was denn
das eigentlich für ein Vogel ſei, ſo
hört man gar ſeltſame Geſchichten.
Der Eine ſagt, die Habergeis ſei halb
Vogel, halb Geis und ihr Geſchrei,
ein langgedehnter Pfiff, ähnlich dem
Meckern einer Ziege, bedeute Unglück
und Tod. Nach Andern iſt ſie ein
großer abſcheulicher Vogel mit drei
Füßen oder ein geflügelter Drache,
in dem der Teufel wohnt. Darum
ſagen die Bauern, wenn dieſer Vogel
ſchreit: „Der Teufel juchzt.“ Das
Nachäffen ſeiner Stimme erzürnt ihn
und lockt ihn herbei, und wer ſich
nicht ſegnet und ſchützt, der wird
jämmerlich von ihm zerriſſen. In Ober:
ſtein iſt es Sitte, daß mit dem heili—
gen Nikolaus vier Männer als Haber—
geis vermummt anſtatt des Klaubaufs
auftreten. Daß darin einer der vielen
Anklänge an den Cultus des Donar,
dem bekanntlich der Bock heilig war,
zu ſuchen ſei, hat die deutſche Mytho—
logie längſt anerkannt.
307
Wer Fennt nicht die liebliche Sage
von der Krönlnatter, die aus dem
Schüſſelchen des Kindes Milch trinkt
und jpäter aus Dankbarkeit der er:
wachſenen Jungfrau die Glück und
Segen bringende Krone zum Braut:
geihente gibt? Die Hausnattern gal-
ten und gelten noch in ganz Deutſch—
land gleihfam ald die Schußgeifter
der Menihen und des Haufes. Ihre
Gegenwart bringt Glück und Segen;
mit ihrem Tode welft auch das Leben
des Menjchen. Anders die Kreuzotter.
Die Schönheit ihrer Form und bie
Gefahr ihres Biffes gebieten Ehrfurcht
und Schen. Im Ultener ;Thale willen
die Leute eine Zauberformel zum
„Würmerbannen”. Mittelft diefer wer:
den diejelben durch ein Feuer gejagt und
fo getöbtet; ifl aber ein weißer Wurm
darunter, fo ift die Grecution des
Beichwörerd fiherer Tod; denn das
Unthier überfpringt das Feuer und
fährt ihm mitten durch den Leib.
Die Blindheit der Blindſchlei—
hen ift Strafe eines Frevels, den
fie begangen. Sie waren einſt jehend,
aber jo bösartig, daß fie dem begeg-
nenden Menjchen mitten durch pen
Leib fuhren. Aber ſeitdem eine ber:
felben die Mutter-Gotte8 heftig er:
ſchreckte, tragen alle die Strafe für
dieſes Vergehen.
Dagegen ift die häßliche Kreuz
fpinne ein Liebling ber heiligen
Yungfrau und ihr Erfjcheinen in Haus
und Stall al3 ein glücliches Vor:
zeihen angejehen. Man jchreibt ihr
eine prophetifche Kraft zu und manches
arme Tirolermütterlein ſperrt fie des—
halb in ein Glas und legt neunzig
Nummern dazu. Diejenigen Nummern,
weldhe die Spinne am Dedel anfpinnt,
werden das nächſte mal in der Lot:
terie gezogen und Mancher joll Glüd
und Reichthum dem umſcheinbaren
Thiere zu verdanken haben, welches
wir Ungläubigen jo verächtlich mit
Füßen treten. Die Spinne war der
Hulda heilig, jener freundlichften aller
deutſchen Göttinnen, der Gönnerin
aller waderen Spimnerinnen und Be:
fchirmerin des Hausfriedens.
Auch die Mäuſe müſſen einft in
großer Verehrung geſtanden jein, ba
ihrer in Sagen häufig Erwähnung
geſchieht und mander abergläubifche
Gebrauch damit zufammenhängt.
Als Großvater freien ging.
Ein Gefhichtchen von P. R. Rofegger.
Beim Kreuzwirth auf der Höh’
faßen fie um den großen Tiſch herum:
Fuhrleute von oben und unten, Gewerbs⸗
leute von Pöllau und Borau, Holz:
arbeiter vom Rabenwald und Mafen-
berg, Grenzwädter von der un
gariichen Markung. Mein armer Groß-
vater, der Bauer von Alpl war auch
unter ihnen. Er war damals eigentlich
noch lange nicht mein Großvater, und
ihm war fie noch voll und rund, bie
Welt, die jpäter jedesmal ein Loch be:
fam, jo oft das jchlimme, tollwitige
Enfelein nicht bei ihm war. So geht's
auf der Welt, man meint in jungen
Jahren, man hätte es fertig mit Allem
und ahnt nicht, welche Herzensgewalten
no in der Zukunft jchlummern.
Und daß ich denn erzähle. Mein
Großvater — Natz — Nat, wie er eigent:
ih hieß... nein, da ich einmal da
bin, fo will ich ihn doch lieber Groß:
vater heißen jchon in feiner Jugend:
zeit — mein Großvater aljo ging da—
mal3 gerade „im Heiraten um”. Im—
mer war er auf dem Biehhandel aus,
oder im Moftlaufen, oder im Wall-
fahrten , oder in diefem und jenem
— und feinem Menfchen jagte er’3,
warum er eigentli wanderte. Der
hübſchen Mägdlein und jungen Witwen
gab es genug im Lande; mancher
—
Bauer ſagte, er gebe auch eine gute Aus—
fteuer mit, bevor man noch wußte, daß
er eine heirat3mäßige Tochter habe.
Aber mein Großvater war einer von
denen, die nad) etwas Anderem guden.
Er hatte den Glauben, für jeden Mann
gebe e3 nur Ein Weib auf der Welt,
und ed fäme für ben Heiratsluftigen
darauf an, dasjelbe aus allen anderen
lächelnden und minfenden Weibern
herauszufinden. Er hat nach jahrelan:
ger Suche jchließlih die Rechte und
Einzige gefunden, aber nicht in ber
weiten Welt draußen, fondern ganz
nahe — zehn Minuten - feitab von
feinem Baterhaufe. Dort war fie eines
Sonntags im langen Heidebeerfraut
berumgegangen, um für ihre Mutter
friihe Beeren zu fammeln. Das
Lodenköpfchen und vom Bufen ein er:
Hedliher Theil ragte hervor, alles
Andere ftaf im Kraut.
Mein Großvater Iugte ihr dur
das Gezmweige des Dickichts zu, ſprach
fie aber nicht an. Und als fie fort
war, ſchlich auch er davon und dadıte:
Jetzt geh’ ich morgen noch einmal in
die Pöllauergegend hinab, und wenn
mir feine Gejcheidte (hier fo viel ala
pafjende) unterfommt, jo laß ich's gut
jein und nimm Die da.
So war er no einmal in der
Pöllauergegend gewejen. Und dort
hatte er richtig Eine aufgetrieben, die
reicher und jchöner war, als da3 Mä—
del im Heidekraut; aber gar zu gern:
gebig. Das freute ihn wohl für den
Augenblid, doch ließ er's dabei bewen-
den; eine Häusliche wollte er haben
und er lenkte feine Schritte heimmwärts
— ber Sparjameren zu.
Und da ward unterwegs, daß er
beim Kreuzwirth auf der Höh’ ein-
fehrte. Er ſaß anfangs abjeit3 beim
Ofenbanktiſchchen, trank ein Glas Apfel:
moft und biß ein Stüd ſchwarzes Brot
dazu. Seine Gedanken hatte er —
wie alle Freiersleute — nicht beiſam—
men; feine Ohren nahmen wohl Theil
an dem lebhaften Geſpräche der ge-
mijchten Gejellihaft, die um den gro:
Ben Tiſch herumſaß und Wein tranf.
Die Grenzwächter hatten draußen in
der Holzhauerhütte ſchwerverpönten
ungariichen Tabak gefunden und mwoll-
ten demnach den Eigner desjelben mit
fih fort zum Gerichte führen. Da
famen jeboh andere Männer des
Maldes herbei und mit gehobenen Knüt—
teln ftellten fie den Grenzwächtern die
Mahl, was ihnen lieber wäre: Prü—
gel oder zehn Maß beim Kreuzwirth,
denn mit dem Schergengejchäft wär's
diesmalnichts. Wollten die Ueberreiter,
wie man die Grenzer nannte, fofort
zu ihren Gemwehren greifen; dieſe wa—
ren aber jählings in den Händen ber
Holzhauer, — ſonach wählten fie von
den beiden verfügbaren Dingen Die
zehn Maß Mein beim Kreuzwirth.
Nun ſaßen die Grenzmwächter Tuftig
unter den luftigen Zechern, hielten
Bruderichaft mit den MWaldleuten und
Fuhrmännern und ftopften fchließlich
ihre Pfeifen mit jenem Tabak, den
fie in der Holzhauerhütte in Beichlag
genommen hatten.
Zum Kartenjpielen kam's und
viel Silbergeld Eollerte auf dem Tiſch
herum. Einer der Holzhauer ein fchie-
lendes, weißhaariges Männlein, war
nicht glücklich; fein bodleverner Beu—
tel, der manchen gewichtigen, jchrillen-
den Fall auf den Tiſch gethan hatte,
der immer tiefer umgeftülpt werben
mußte, bis die dürren gierigen Finger
auf fein filberne® Eingeweide kamen
— .der Beutel gab endlich nichts
mehr herfür. Da 309 das Männchen
feine Taſchenuhr hervor: „Wer kauft
mir den Knödel ab?“ Die Uhr ging
im Kreis herum; es war ein tüchtiges
Zeug mit drei ſchweren Silbergehäu-
jen und einer Schildfrötenfchale am
Rücken, welde ringsum mit Silber:
nieten bejegt war. Ein Spinbelwerf
ferner, mit einem gewaltigen Ziffern:
blatt, auf welchem der Mejfingzeiger juft
die dritte Nachmittagsftunde anzeigte.
Dreißig Gulden verlangte der Mann
für die Uhr; man lachte ihm hell ins
Geficht, der Eigenthümer aber behaup:
tete: „Was wollt ihr wetten! ehe ber
Zeiger auf halb vier jteht, ift bie
Uhr verkauft!” darauf lachten fie noch
unbändiger.
Mein Großvater, der hatte von
jeiner Ofenbank au3 die Sache jo mit-
angejehen. Dieje verfäuflihe Uhr mit
dem Scildfrötengehäufe, fie machte
ihm die Seele heiß. So eine Uhr war
längſt jeine Paſſion gemwejen; und
wenn er nun als Bräutigam eine
fönnte im Hojenbujen tragen, oder
wenn er fie gar der Braut zur Mor:
gengabe jpenden möchte! Eine Uhr!
eine Saduhr! eine filberne Saduhr
mit Scildfrötengehäuje! —
So weit kam's, daß mein Groß-
vater aufftand, zum großen Tiſch hin-
ging und das Wort ſprach: „Geh, laß
mich das Zeug anjchauen !“
„De, Du bift ja der Bauer von
Alpl!“ rief der alte Holzhauer, „na,
Du fannft leicht ausruden und Dir
darf ich's unter vierzig Gulden gar
nicht geben!“
Mein Großvater hatte aber nicht
viel im Sad; darum ſagte er: „Stei:
ne haben wir dies Jahr mehr im Alpl
ala Geld.”
„Was willſt denn, Bauer, Haft
nicht groß Haus und Grund?“
„Im Haus fteht der Tiich zum
Eſſen, aber auf dem Grund wächſt lauter
Heidekraut,“ entgegnete mein Großvater.
„Und Korn und Hafer!” rief Einer
drein.
„Wohl, wohl, ein wenig Hafer“,
ſagte mein Großvater.
„Hafer thuts auch”, rief der Weiß—
fopf, „weißt Bauer, wenn Du einver:
ftanden bift, ich lafj’ Dir die Uhr billig.“
„Damit bin ich ſchon einverjtanden,“
antwortete mein Ahn.
„But,“ und damit riß ihm der
Holzhauer die Uhr wieder aus ber
Hand, wendete fie um, daß das Schild»
frötengehäufe nach oben lag, „fiehit
Du die Silbernieten da am Rand
herum ?“
. „Sind nicht übel,” entgegnete mein
Großvater.
309°
„Webel oder nicht,” rief der ſchie—
lende Weißkopf, „nach diejen Nieten
zahlft mir die Uhr. — Für die erfte
Niete gibft mir ein Haferforn, für
die zweite gibft mir zwei Haferförner,
für die dritte vier, für die vierte acht,
und jo verboppelft mir ben Hafer bis
zur legten Niete, und die Uhr gehört
Dein mitjammt der Silberfette und
dem rauenthaler, der d’ran hängt.“
„Gilt ſchon!“ lachte mein Groß:
vater bei ſich bedenkend, daß er
für eine ſolche Uhr eine handvoll Ha—
fer doch leicht geben könne.
Der alte Kreuzwirth hatte im ſel—
ben Augenblid meinen Großvater noch
heimlich in die Seite geftoßen, der
aber hielt das für luſtige Beiftimmung
und jchlug feine Rechte in bie des
Alten. „ES gilt, und alle Manner,
die beim Tiſch figen, find Zeugen !“
Er hatte aber feinen Hafer bei fich.
That nichts. Sofort brachte der
Kreuzwirth ein Schäffel herbei um, durch
Zählen der Körner, wie mein Ahn
meinte, die Rechnung zu beftimmen.
Sie jegten fih um den Hafer zu:
jammen, mein Großvater, vom frifchen
Apfelmoft im Kopfe erwärmt, lachte
in feinen jungen Bart; des Gemwinnes
gewiß, freute er fih jchon auf die
großen Augen, die Das Heidebeermägd⸗
lein zur gewichtigen Uhr machen werde.
Zuerjt wurden die Nieten gezählt,
die um das Scildfrötenblatt herum:
liefen ; e8 waren beren fiebzig. Dann
fam’3 an die Haferförner; mein Grof-
vater jonderte fie mit den Fingern,
der Holzhauer zählte nah, und bie
Anderen überwadhten das Gejchäft.
Erjte Niete: ein Korn; — zweite
Niete: zwei Körner; — dritte Niete:
vier Körner; — vierte: acht Körner;
— fünfte: ſechzehn; — ſechſte: zwei—
unddreißig; — ſiebente: vierundſechzig;
— achte: hundertachtundzwanzig; —
neunte: zweihundertſechsundfünfzig; —
zehnte Niete: fünfhundertzwölf Körner.
— „Wirthin, den kleinen Schöpflöffel
her!“ — Das iſt gerade ein geſtrichener
Schöpflöffel voll.
310
Mein Großvater ſchob die Körner
mit der Hand hin: „Macht 's weiter,
ih ſeh's ſchon, es wird ſchier ein
Metzen herauskommen.“
Und die Anderen zählten: Eilfte
Niete: zwei Schöpflöffel voll Hafer;
— zwölfte Niete vier Löffel voll; —
dreizehnte: acht Löffel voll; — vier—
zehnte: jechzehn Löffel vol. Das macht
eine Maß. — fünfzehnte Niete: zwei
Maß; — jechzehnte: vier Maß. —
Das ift ein Maßl (Schäffel). Siebzehnte
Niete: zwei Mahl; — acdhtzehnte:
vier Maßl; neunzehnte: acht
Maßl; — zwanzigfte Niete: fechzehn
Maßl, oder ein Wecht. —
Seht that mein Großvater einen
hellen Schrei. Die Anderen zählten fort
und bei ber dreißigſten Niete Foftete
die Uhr über taufend Wecht Hafer.
Das war mehr, al3 die Yahresernte
der ganzen Gemeinde Alp.
„Set hab’ ich mein Haus und
Grund verfpielt,“ murmelte ber Freier.
„Sollen wir noch weiter zählen?”
fragten die Männer.
„Wie Ihr wollt,“ antwortete mein
Großvater.
Bei der breiundvierzigften Niete
hatten fie eine Million Wecht Hafer.
Bei der fünfzigften rief mein Groß-
vater die Hände zufammenfchlagend aus:
„DO Du bimmlifcher Herrgott, jetzt
hab’ ich Deinen ganzen Hafer verthan,
den Du feit der Schöpfung der Welt
haft wachſen laſſen!“
„Sollen wir weiter zählen?” frag—
ten die Männer.
„Richt nöthig,“ antwortete das
weißköpfige Männlein gemeſſen, „das
Uebrige ſchenk ich ihm.”
Mein Großvater — er erbarmt
mich heute noch — war blaß bis in
den Munb hinein. Er hatte es in
feiner Kindheit ſchon gehört, die Welt:
fugel mit Allem was auf ihr, drehe
fih im Kreiſe; jetzt fühlte er's deut:
lih, daß es jo war — ihm jchwindelte.
— Da geht er in's Heiraten aus und
verthut fein ganzes Güte. — „Alle
Nöffer auf Erden” rief er, „freffen
nicht fo viel Hafer, als die lumpigen
paar Nieten da in der Uhr!”
„Sted’ fie ein Bauer, fie gehört
ja Dein,” fagte der alte Waldmann,
„und zahl den Bettel aus.”
„Ihr Leut’” ftotterte mein Groß—
vater, „hr Habt mich übertöppelt
(überliftet).“
„Du bift auch nicht auf den Kopf
gefallen,“ entgegnete man ihm, „Du
fannft zählen, wie jeder Andere, —
und bie ehrenmwerthen Zeugen!”
„3a, ja, die ehrenwerthen Zeugen,“
rief mein Ahn, „lauter Zeut’, die ges
ſchwärzten Tabak rauhen!”
„Sei fill, Bauer!” flüfterte ihm
ber Kreuzwirth zu, „umliegend (rings⸗
um) ift der Wald! wenn fie Dich an-
gehen, ih kann Dir nicht helfen.“
Der alte Weißkopf ſchielte in den
mwurmftihigen Tiſch hinein; er mochte
merken, baß für ihn hier eigentlich doch
nicht3 Rechtes herausfam, er jagte da—
ber zu meinem Großvater: „Weißt,
Bauer, Du fönnteft jett mwohlfeil zu
einem Körndl (Korn, Getreide) fommen.
Ich will Hafer verfaufen. Gib mir
dreißig Gulden für den ganzen.”
Abgemacht war’3. Leichten Herzens
legte mein Großvater dreißig Gulden
auf den Spieltiih und eilte davon.
Im freien Wald jah er auf die Uhr;
der Zeiger ftand auf halb Bier.
Mein Ahn kehrte heim, warb um
das Heidebeermädchen und verehrte
ibm die Uhr zum Brautgejchenf.
„Aber,“ jagte er, „mein Schaf, das
nehm ich mir aus, Du mußt mir für
bie erfte Silberniete da ein Buffer!
geben, und bei jeder weiteren Niete
die Buſſerln verdoppeln !”
. Das argloje Mädchen ging d’rauf
ein. —
Die Leuten find über achtzig
Jahr alt und mährend dieſer Zeit
meine Großeltern geworden, doch jtars
ben fie lange, bevor die Uhr bezahlt
war. Und mir Nachkommen werben
faum jemal3 im Stande fein, dieſe
Schuld ver Großmutter vollends wett
zu machen.
Wan 5 Diandl deafad ſuachn.
In oberfteierifher Mundart*)
V. R. Roſegger.
Gets Mona, gets,
As moants and räids
Wias as daftets.
Däi, hoaßts, and däi,
Dos ift die Recht!
— Klewa, daß fd Augn dadrat,
Mochts as ſcha ſchlechd.
Do zoags glei: Di Doußi,
Di Doutzi ſchauts on,
Bart d Fadſchn nou noch
And mäichd ſchan an Mon! —
Ais Maner, äis frali,
Wan enk Dani gfold,
Ks gets as käik on,
And in Sol hobs as bold. —
Oma mir ormi Diandla,
Wan mir i da Ghoam
A Biabl gern hobn, —
Mia gen aus, mia gen hoam,
Mia doan niz dasgleichn,
Mian d Augn zan Boun fchlogn,
Mian d Liab ftil bigrobn
And deafn nig fogn.
— Mian woatn, mian mwoatn,
Bis a felba fimp frogn ...
-
Und wan Dana fimp,
Der Dani gern mäidhd,
Sar is 8 gwis an Onerer
And feltn da Recht.
Wunaſeltn da Rechti,
Af den ma hot denkt,
And den ma ſei Leib and Sel
Mad Freidn bed gichentt.
Owa weil ma fi grimp,
8 Kunt da Recht nid meh fema,
Sa muas mar afd Läift
Ab in Unrechtn nema.
An Unglit fi Zwoa!
Dwar ausbleibn funts ab,
Wan 8 Diand! deafad ſuachn
Wou der Irige wa
And warn jn hed gfundn,
Deafad nema ba da Hond:
Du gfolft mar, and mogft mi,
Sa bleim ma banond. —
Duft monigas Ehpoar
Is nid glidlar and gfäignt,
Weil's Diandl nid räidn deaf,
Wan ia da Liabfti bigäignt.
*) Diefes Gedicht ift möglichft ge mau der urfprünglichen Aussprache nadhgefchrieben. Das
di darf nicht ähnlich wie etwa ei ausgefproden werden, fondern fo, daß das ä und das
i gefondert zum Wusdrude kommt. Das n als m ift ein Nafenlaut.
312
Kleine Saube.
Januar.
Ein neues Jahr. Jänner heit der
erſte Monat oder Januar, benannt nad)
dem römifchen Gotte Janus, der das
Doppelgefiht hatte eines blidte
nad rückwärts, das andere nad) vor:
wärts. Auch der Menjc hat zum Schluffe
und zum Beginne eines „Jahres dieſes
Doppelgefiht, fein Gedanke ift: Ber:
gangenheit und Zufunft. Trogdem nimmt
er auch die Gegenwart wahr. Kaum
find die heiligen drei Könige als die
legten Weihnadtsgäfte fort, fo naht
der Tolle mit der Schellenfappe, der
Hofnarr der Civilifation — der Gar:
neval. Leider ift das heutige Geſchlecht
nicht mehr froh und wißig genug für
die Narrheit und darum heißt der a:
nuar aud der Starr: oder Langweil—
monat. Friſcher geht’8 draußen zu,
Schlittenfahren, Schlittfhuhlaufen und
Eisſchießen belebt den kurzen Tag und
wenn der Sonnenftern am tiefblauen
Himmel funfelt und der Schnee auf
den Flähen und auf den Bäumen
gligert, und unter den Füßen des Wan:
belnden doch der Pfad knarrt in
Harer Kälte — dann ift’3 ein Januar:
bild, das den Menſchen erquidt. Der
Landmann benügt den Schnee, um in
Wald und Feld Fuhrwerke zu verrich—
ten, die zu anderen Zeiten fchmwieriger
wären. Die Holzjchläger brauchen den
Schnee als Rutſchbahn für die in das
Thal zu befördernden Baumftämme. An |
Teihen und Tümpfen wird Eis ge:
ihnitten, um fo ein Stüd erfprieflicher
Kälte auh für den Sommer zu be
wahren. Die Kirche begeht außer dem
Neujahrstag: „Beichneidung des Herrn“,
und SHeiligbreifönig das Namenjefufeft
mit dem achttägigen Ablafje; es iſt
der Monat, in welchem ber Fatholifche
Cultus die wenigften Geremonien auf:
weil. Am 25. Januar ift Pauli Be:
fehr — „Schlitten weg, Wagen her‘,
wie das Sprichwort fagt. Auf den
Dächern aber liegt immer fo viel frifcher
Schnee, daß die Spuren der Ammern,
Heher und Spaten zu fehen find und
all der Vöglein, die mit ihrem befchei:
denen Gefang den Winter preifen.
Bunte Dentzettel.
Von Oskar Blumentbal.
Das praßtifhe Jahrhundert.
Wo lodert noch ein Herz im wilden Brand ?
Nur lind und lauwarm riefeln unfere Triebe,
Verlor man fonft vor Liebe den Verftand,
Berliert man heute vor Verſtand die Liebe.
Der neue Glaube,
Es bildet fih der Glaubensfag allmälig:
Der liebe Gott ift todt — Gott hab’ ihm felig!
Aus Wien.
Einft fah ein Freund der Mimik fort und fort
Hier Rangers Poſſen, Weilens Dramen
dort.
Da mußt’ ihn jäh fein Schidfal denn ereilen:
Der Aemfte ftarb an Langerweilen!
Beitungskritiken.
Der Autor befhaut’s nicht,
Den Lefer erbaut's nicht,
Den Beweis bleibt man ſchuldig —
Das Papier ift geduldig.
Einem Liebhaber.
Du ſtellſt im Luftfpiel mit guter Routine
Als feſcher Liebhaber ftets Deinen Mann:
Mich wundert nur, daß die heutige Bühne
Wirklich noch Liebhaber finden kann !
313
€. Marlitt,
Sie ift das treuefte Conterfei
Bon phrafentrunfener Blauftrümpfelei.
DO wäre doch Alles, was fie gefchrieben,
Der alten Mamſell Geheimniß geblieben!
Offenbach.
Wohl littet Ihr's, wenn er es wagte,
Die Bühne ſchamlos zu entweihn.
Doch daß er Euch fo ſehr behagte
Das konntet Ihr ihm nie verzeihn!
Modernfies Srühlingslied.
Es ziehn die goldnen Wolfen
Morüber in der Luft,
Es zieht in alle Gemüther
Der mächtige Pebensduft.
Es zieht in Dichterherzen
Der Morgenfonnenfcein.
Es zieht der geiteigerte Miether
In neue Wohnungen ein.
Es zieh'n die Wanderbögel
In Schaaren zu uns ber:
Ah, nur der Gründungsfhwindel
Bieht leider gar nicht mehr.
Das Jahrhundert, in welchem wir leben,
bat längit im Glauben ein ber gefunden
und ihn daher als Aberglauben über Bord
geworfen.
Je früher dem Menichen die Augen auf- |
geben — defto früher wird er begehren, fie
zu fchließen,
Wenn es überhaupt einen Finger Gottes
gibt, fo hängt er nicht mit dem Arm der Be-
rechtigfeit zuſammen.
War es wirkli fo weife vom Diogenes,
daß er eine Laterne anzündete, um einen
Menfhen zu ſuchen? Er hätte fie vielleicht
lieber auslöfchen follen, um — feinen zu
finden... .
Da es kein Mittel gibt, fih das Leben
zu verlängern, fo muß man nah Mitteln
fuden, fi die Zeit zu verkürzen.
Bofeggers „Heimgarten‘‘ 4. Heft.
Mas fann man auf diefer langweiligen
Lehmkugel Vernünftigeres thun, als unver-
nünftig zu fein?
Wer kennt nicht die Gefhichte von jenem
Herrn, der feinem Affenpintfher die Obren
abjchneiden wollte? „Damit es der Beitie
nicht fo weh thät“, fchnitt er täglid nur ein
Stüdchen ab.
Wir find die Affenpinticher des Schidfals.
Es ift kein Wunder, daß die Meiften fich
felbft nicht fennen: es ift bei den Meiften
eben eine unlohnende Bekanntſchaft.
Man glaube nicht den Thränen der Neue:
die Reuigen beweinen meift ihre Strafe, fel-
ten ihre Schuld.
Dürften die Menfhen auf ihren Neu-
jahrswunfchkarten aufrihtig fein, fo fände
ſich hinter dem üblihen P. £. auf manden
vielleicht noch ein u. i.
Die Gejellfhaft fordert von Keinem, daß
er etwas fagt, fondern nur, dab er etwas
redet. . .
Meiber ohme Weiblichkeit find nur für
Männer ohne Männlichkeit.
Den bäflihen Mädchen muß man Vieles
verzeihen: fie find oft nicht einmal Schuld
an ihrer — Unſchuld.
Mard ein Mädchen, das dir Liebe ſchwor,
die Frau eines Andern, fo gibt es dafür nur
einen Troft: — daß fie nicht die Deine ge-
worden.
Um Frauen zu gefallen, it oft nichts
weiter nöthig, als daß man fie begehrt.
An den nüßlichſten Lebensregeln ift ge-
wöhnlich doch Eines unnüg: daß fie gegeben
wurden.
20 8
314
Schmünke.
Wie Graf Adlerſtamm den Hahn
ſchoß.
Im RM. ..... auerthale ſteht die
alte moosbärtige Fichte, an welcher das
Wunder geſchehen iſt. Dort hat der
Graf Adlerſtamm den Hahn und der
Preiner⸗Michel den Bock geſchoſſen.
Im letztvergangenen Frühjahre war's,
als der Graf in Nimrods kecker Ruſtung
in's Thal fuhr. Der Oberförſter hatte
für Jagd und Wild zu forgen. Er
war rathlos. In die nahe Holzinedt-
hütte ging er hinüber, hieß den Bor:
hader, den Preinermichel mit fi, und
als fie allein durch den Wald gingen
und der Michel feinen Tabakbeutel
vom Nüden herüberzog, wo er ihn im
Gurte fteden hatte und feine Pfeife
füllte, fagte der Förfter: „Möcht' ich
wifjen, wie wir das anfangen.”
„Iſt was anzufangen?" fragte ber
Michel.
„Der Graf ift da und will morgen
früh einen Auerhahn ſchießen.“
„Dem gehört die Jagd, der kann's
thun. ”
„Der kann's nicht thun”, fagte
der Oberförfter.
„Warum? Heuer gibt’3 ja Hähne
genug, weiß jelber einen ober zwei.
Der Herr Graf muß halt gut auf den
Stand geführt werben.”
„Das ift zu wenig, mein Lieber,
der Graf trifft nichts. Cs muß was
gejchehen. et, dent Dir einmal, iſt's
heuer das zehnte Jahr, daß der Herr
auf den Hahn fommt, und hat nod
nicht ein einzig Federl gefchoflen. Er
wird Dir endlich verzagt, verkauft die
Jagd und das wär’ arg; Du weißt,
Michel, er gibt —“ und machte mit
den zwei Gebefingern eine bedeutſame
Gefte. „Kurz, er muß morgen den
Hahn ſchießen. Wenn ic) mir das nur
anzufhiden wüßt'.“
„Binden wir ihm den Hahn auf
den Baummipfel”, meinte der Preiner:
| Graf höflich gemwedt.
zwifchen bie Vorderzähne und ftedte
den Tabakbeutel wieder in den Gurt.
„Anbinden”, ſagte der Förſter,
„dran habe id) ſchon gedacht, aber
es ift zu wenig; er trifft ihm nicht.“
„Wenn er aber zweis und dreimal
hinaufbrennen kann?“
„Trifft ihn nicht. Der Graf ift
furzfichtig, das weißt, hat feinen feften
Anſatz und feine fihere Hand und feine
Geduld und Ruh’; dem fehlt nicht
mehr als Alles zum Jäger.“
„Nachher Funnt ich feinen Rath
geben”, fagte der Michel.
„Es gibt nur ein Mittel”, ver:
feste der Förfter mit leifer Stimme,
al3 traute er nicht einmal den Bäu—
men, „und "weil es das einzige ift,
muß ed ausgeführt werben.”
„Nachher iſt's ja recht !”
„Aber dazu brauch’ ih Dich, Michel.
Los einmal.“
Und fie blieben jtehen und der
Förfter brachte dem Vorhacker was bei.
„Ra, Du“, fagte diefer, plötzlich
laut auflachend, „das thu’ ih nicht!”
„Kannft es ganz ruhig thun; 's ift
gar feine Gefahr. Er fchießt zum mil:
deften eine Klafter weit an Dir vorbei.”
„Su dem Geſchäft ſuch' Dir einen
Andern, Förfter. ”
„Nun, zu Deiner Beruhigung —
Du weißt ja, daß ih dem Herrn den
Büchfenfpanner abgebe — merde id
das Gewehr blind laden.”
„Das iſt eine Ned’. Jetzt haft mid).
Wo mill der Herr Graf den Hahn
ſchießen?“
Oben im Donnerwald, etwa bei der
Zwiſelfeichten. Je weiter und ſchwieriger
der Weg, deſto größer das Vergnügen.
Kennſt ja das von den hohen Herren.
Und um drei Uhr, wo's g’rad nod) die
rechte Finftere hat.“
„Iſt recht.“
Sie verabredeten noh Manches und
verloren fih im Walde.
Um Mitternadt wird der Herr
Er beladet fi)
mit Allem, was dem echten Jägers—
Michel, nahm feine angeftopfte Pfeife mann an den Leib fteht. Und wenn
315
der Förſter meint, das oder das fei
heute nicht nöthig, fo fagt der Graf
fürfichtig, 's wär’ immerhin befjer, man
hätt's bei fich.
„Excellenz!“ fagt der Förfter un:
terwegs, „heut? gilt’s Einen. ch fag’s.
So ſchön ift mir noch Keiner geftanden
wie der heutige.“
„Sol Sein Schaden nicht fein.
Doch — hat Er’3 gehört, jet? iſt das
nicht ein Schuß gemefen ?“
„Wahrhaftig“, lachte der Förfter,
„auf's Haar wie ein Schuß; das hat
mih anfangs auch immer getäufcht.
Nein, Ercellenz:Herr, eine Lawine iſt
im Höllgraben drüben abgegangen. Das
ift um diefe Zeit nichts Seltenes.“
Se höher fie emporfamen gegen den
Donnerwald, defto leifer wurde ihr Ge:
ſpräch. Als fie bei der Nothbuche wa:
ren und horchten, hörten fie das erfte
mal Balzen. Nun hub das Laufen an,
um dann, während der Hahn wieder
ſchwieg, jtarr wie ein Baumftrunf ftill
zu ftehen.
So waren die beiden Jäger allmä-
lig zur Zwiſelfeichten gekommen, in
deren buſchigem Gewipfel das Thier
ſchnalzte und balzte, daß es eine Luft
war.
Der Förfter führte den Grafen auf
den rechten Standpunft und fragte
flüfternd, ob er dort oben den Hahn
wohl jehe.
„Wohl, wohl! 's ift ein ſakriſch
mädtiger Kerl.”
„Natürlich, das ſchwarze Bündel
dort ift der Baummipfel. Daneben der
Heine Punkt ....
„Gut, gut!“ entgegnete raſch der
Graf und fuhr mit dem Schaft zur
Wange. — Puff! war auch ſchon der
Knall da. Man meinte, ſchier zu früh,
aber ſiehe diesmal Glück! Das
Thier rauſchte herab von Aſt zu Aſt
und ſchwer fiel es nieder auf den
Boden.
Der Graf ſprang hinzu, jauchzte,
jubelte; es war auch ein prächtiger Vo—
gel. — Das Telegrafenamt! Allſogleich
berichten der Gemalin, den Freunden:
Vivat, den Hahn geſchoſſen.
großer Schmaus! —
Ein herrlicher Vogel, fürwahr, und
gerade mitten in die Bruſt getroffen!
Aber — was hängt doch dran? An
den Klauen hängt ein Knollen, was
das ſein mag? — Sogleich iſt Licht
gemacht — welch eine Erſcheinung?!
In die Klauen verhackt lag ein vollge—
dunſener Tabakbeutel.
„Verdammter Eſel!“ fluchte der
Förſter und raſch ſetzte er bei: „Der
erſte Fall in meiner Praxis, Ercellenz:
Herr, wo mir das vorfommt, was er:
zählt wird, daß Auerhähne bisweilen
in die Nähe der Holzarbeiter dringen
und verſchiedene Gegenjtände, die die
Leute irgendwo bei Seite gelegt, mit
fich forttragen. Ich wette, diefe Tabaks—
ift ein folder Raub. Seltfam,
Morgen
ſeltſam!“
Der Graf ſtarrte drein und ſagte
kein Wort. Den Vogel lies er liegen;
auf dem kürzeſten Wege eilte er dem
Bahnhofe zu.
Und der Michel kletterte verzagt von
der Zwiſelfeichten, von welcher er früher
den todten Vogel herabgeſchleudert hatte.
„Was kann denn ich dafür!“ be—
theuerte er dem Förſter, „Ihr ſeid zu
früh dageweſen. Wie der Schuß fällt,
hängt der Vogel noch feſt an meinem
Gurt. Ich reiß' ihn eilends los, nu,
und hab' halt meinen gottverbligten
Zabafbeutel mit hinabgeworfen.”
In acht Tagen war das Revier
verkauft.
Der große Hanns.
Papſt Nifolaus V. hatte einen et:
was munderlihen Cecretär, der aber
wieder einen Gecretär hatte, den er
feinen Schreiber hieß. So hatte der
Schreiber das Amt und der Gecretär
die Würde. Diefe vortrefflihe Einthei-
fung ift heute nod nicht abgefommen ;
der Eine trägt Pfliht und Arbeit, der
| Andere Titel und Mittel.
Eines Tages bradte der Schreiber
dem Gecretär den Entwurf eines Brie:
316
fes, der etwad mangelhaft war und | Mann und fprad mit dumpfer Stimme
deshalb dem Verfaſſer zurüdgegeben | folgende Worte: ‚Wenn Sie erlauben,
wurde mit dem Befehle, er folle das | meine Herrſchaften, jo möchte ih Ihnen
Schreiben befjer maden. Am andern |
Morgen fand fih der junge Menſch
mit feinem Briefe wieder ein, hatte
aber fein Wort daran geändert, fondern
feine Abendzeit hoffentlih angenehmer
verbracht, ala Schreibfehler auszubeflern.
„Ih glaube, mein Freund‘, fagte
der Cecretär, „Du hältft mid für den
großen Hanna ?“
„Warum, Herr Secretär, wer war
diefer große Hanns?“
„Dad will ih Dir fagen. Der
große Hanns, das war ein Mann, der
weder Verſtand befaß, noch was gelernt
hatte — fonnte nicht lefen und ſchrei—
ben, rechnen nur nad den zehn Fin—
gern*), und der es dod zu Ehren und
Reichthümern gebraht hat — mie es
folh aroße Hänfe wohl noch heute in
der Welt gibt. Er hatte feine Secre:
täre, die für ihn fchreiben mußten, und
um dieſen Refpect einzuflößen, pflegte
er jedesmal, wenn fie ihm Briefe zum
Unterzeichnen bradten, ſich zu jtellen,
alö ob er diefe Briefe aufmerkſam durd:
läfe. Hernah gab er fie zurüd und
fagte: Taugt nichts, macht es befier.
— Seht weißt, was ein großer Hanns
ift und jegt geh.‘
Der Schreiber ging nah Haufe,
änderte nit einen Buchſtaben und
bradte am andern Morgen die Briefe
wieder.
Der Herr Secretär las fie auf:
merffam dur, nidte mohlgefällig mit
dem Kopfe und fagte: „Gut, recht gut
fo, jegt bin ich zufrieden.‘
Wenn Sie erlauben, meine Herr:
ſchaften! |
Nah einem Gaftmahl war's, mir
faßen arglo8 und heiter beifammen um
den ſchwarzen Kaffee. Da erhob fid plöß: |
lich aus unferer Mitte ein blafjer junger |
*) Aha, das Decimalfpitem! Anmerkung
des Scepers.
bei dieſer jchönen Gelegenheit
neueftes Drama vorlefen.‘
Ein Anderer rief auf diefe Worte
ein halblautes Bravo, mir übrigen
ftarrten in die großen Nauchmwolfen, die
wir bliefen.
Haftigen und ficheren Griffes, wie
der Bandit nah dem Dolce haſcht, z0g
der Dichter ein grauenhaft dickes Heft
aus der Taſche. „Die erfte Scene‘,
hub er erflärend an’, fpielt in Capa—
docien. Sie müſſen fih, meine Herren,
in dieſes Land verjegen und in den
Charakter der Nation eingehen.”
Darauf entgegnete Einer aus der
Geſellſchaft: „Können Sie uns aud die
Verfiherung geben, daß hr Stüd die
Reiſekoſten deckt?“
„Glaubt Ihr der Poet hätte uns
einen verächtlichen Blick zugeſchleudert
und wäre, ſich eines Beſſeren bewußt,
hintangeſchritten? Nein. Mit rührender
Sanftmuth begann er ſein Werk zu
leſen.
Als er damit fertig, war Niemand
mehr da als der alte Diener, welcher
die Porzellantaſſen und Aſchenſchalen
wegräumte.
„Wo ſind die Herren“, fragte der
Dichter befremdeten Blickes.
„Wahrſcheinlich nach Capadocien.“
— Der junge Mann iſt heute noch
nicht geheilt, ſondern ſchmuggelt ſich
immer noch in Geſellſchaften, beſonders
in Theezirkel ein, um die Leute meuch—
lingd mit irgend einem neuen MWerfe
zu überfallen.
mein
Wie einmal der Dichter den Juden
geprellt Hat.
Ein armer Dichter war einem reichen
Juden hundert Dufaten ſchuldig. Dar:
über lies fih der Jude mund graues
Haar wachſen, während des Dichters
Loden hübſch Ffaftanienbraun blieben.
Auch der Bart wollte in ähnlicher Farbe
leihtfertig wuchern, doch der Dichter
317
hatte ſich jeit jeher für ein glattes Ges | blifum die Lyrik in Mißcredit gebradt.
ſicht entjchieden.
Eines Tages, er ſaß gerade in der
Barbierftube und der Haarfünftler hatte
ihm eben das Antlitz vollgefeift, trat
der Jude ein.
„Ei, ei”, fagte der Sohn Iſraels,
„da hinter der Seife ſteckt wohl das
fehr verehrte Geficht des Musjeh, der
mir feit Jahr und Tag hundert Dur
caten jhuldig ift. — Mer ein graußes
Vergnügen, den Herrn hier zu treffen.“
„Ah, Sie fuchen mich, um mir die
Schenfungsurfunde einzuhändigen, von
der bereits die halbe Stadt jpricht !”
rief der Dichter mit freudiger Geberde.
„Wie haißt Schenfungsurfunde ?
Mein Geld will ich haben.“
„hut mir leid“, antwortete der
Dichter, „daß es mir in diefem Mo:
mente nicht möglid ift, Ihrem Wunſche
zu entſprechen. Hätten Sie vielleiht die
Güte, zu warten, bis mir diefer Herr
den Bart abgenommen hat ?“
„Ei bitte, gern, gern will ih fo
lange warten“, fagte der Jude erfreut.”
„Wohlan“, ſprach der Dichter zum
Frifeur gewendet, „Sie find Zeuge,
mein Herr!“ Stand auf und ging mit
ungejchorenem Barte davon.
Bücher.
Gemüth und Welt.
Gedichte von Friedrich Marx. (Dritte um
die Hälfte vermehrte Auflage). E. J. Gunther,
Leipzig.
Ein formfertiges Gedicht zu machen—
iſt gar keine Kunſt, ſondern eine Künſte—
lei, die heute von aller Welt geübt
oder zum mindeſten verſucht wird, ſo
etwa, wie man ſich mit Rebusauflöſen
bejhäftigt. Die Meiften unferer Verſe—
mader jind nichts als Wortkünſtler,
oder vornehmer gejagt: Phrajeurs. Ihre
Spielereien wären an und für ſich ganz
unſchuldig, ja vielleiht fogar löblich —
doch ift der Schaden groß, den jie ver:
urjadht haben. Sie haben vor dem Pu:
Ein neues Bändchen Gedichte mit Gold—
Schnitt! wie fich gleich Alles wegmwendet !
— Dann heißt e8, die Welt wäre pro:
jaifch geworden. Das ift nicht wahr;
die Menfhen werden immer das Ber
dürfniß haben, den Ausdrud, die Ver:
förperung ihrer tiefften Gefühle und
Stimmungen vor fich zu jehen, um dadurch
gemahnt und überzeugt zu werden, daß fie
mit ihrem großen Glück oder Leid, dasihnen
das Herz will zerbrüden, nit einfam
und unverftanden find, daß Seelenluft
und Herzweh Gemeingut Aller ift. —
Aber nicht Wortgeflingel will das tim:
mungsfchwere Gemüth; nad heiligen
Sonntagsglodenklängen jehnt es fi, oder
nad) dem Geſange der Lerche über den
friedensreihen Wäldern.
Darum wendet fi das Publifum
von der heutigen Lyrif ab und traut
auch den Recenjenten nicht mehr, welche,
wenn fie wohlmwollend find, jedes derglei:
chen Büchelchen anpreifen als „eine ſchöne
Ausnahme von der Dutendwaare, die den
Büchermarkt überfluthet”.
Und wenn endlich einmal eine wahrhaft
bedeutende Erſcheinung in der Lyrik auf:
taucht, welches Mittel gibt es denn noch,
diefelbe dorthin zu leiten, wo fie hinge:
hör, in das Wolf? Keined. Die land:
läufigen Beſprechungen werden ignorirt,
die große Trommel zu rühren verjchmäht
die Sade. Und fo ift ed einem echten Buche
ganz anheimgeftellt, ſich ſelbſt allmälig fein
Reich zu gründen, indem es durch der
Jahre Lauf immer tiefer und tiefer in
das Volf und in die Herzen bringt.
Die Wenigen unferer bedeutenden Lyriker
haben auf dieſem weiten aber natürli:
hen Wege ihr Anrecht erlangt.
Zu diefen Wenigen mögen wohl aud)
die Poeſien unferes Friedrid Marr
zählen. Vor jahren ift die erfte Auflage
jeiner Gedichte „Gemüth und Welt“
‚erfchienen. Sie haben nit jenes Auf:
ſehen gemadt, wie etwa Dichtungen,
die nur auf jenen Theil des menſch—
lihen Herzens [peculiren, welder am
heißeften und am ſchwächſten ift und
318
den Geldbeutel in feiner Nachbar:
Ichaft hat. Hingegen find Marr’ Gedichte
heute nicht vergejlen, find lebendiger
alö je, haben im Laufe der Zeit man-
ches dankbare Gemüth gefunden und
erquidt. Heute feiern fie die dritte Aufer:
ftehung und zwar mit neuen Gaben
reich verſehen. Dieſes Buch ift nicht
mehr auf den Bafjirfchein der Preſſe
angemwiefen, es iſt geborgen und hat das
Heimatöreht. Aber — da mir fo oft
in die Yage fommen, die Nichtigkeit und
Anmaffung neuer literarifcher Erzeug-
niffe zu erfahren — jo möchten wir
zur eigenen Genugthuung einmal laut
gejtehen, wie dankbar wir Jedem find,
der uns eine wahrhaft gute Gabe
ſpendet.
Gemüth und Welt! zuſammen ein
einziges Ganzes und doch ſtets in zwei
Theile geſchieden zum ewigen Zwieſpalt.
Wie aber verſöhnen dieſe Gedichte nach
beiden Seiten! Ein reines, treues Buch
ohne jene bewußten Prätenſionen und
Effecthaſchereien, aber voll inniger
Seele, voll männlichen Ernſtes und
tiefer Gedanken, voll Liebe zu allem
Schönen und Edlen. In herzenswarmen
Liedern feiert der Dichter die Liebe zum
Geſpons, zu Eltern und Kindern, zum
Freund, zum Vaterlande; in ſtimmungs—
vollen idyliſchen und in hymnenſchweren
Geſängen verehrt er die Natur und
vor Allem ſeine Heimat, unſer herr—
liches Alpenland. Wohl etwas ſchwer—⸗
müthig zuweilen, dann aber wieder welt:
freudig und fromm blidt dieſes gottge:
fegnete Auge hinaus, und mo Andere
Elend, Troftlofigkeit und Niedergang
ſehen, dort erblidt eö Hoffnung und Ur:
ftänd des Idealen.
Mer diefe Stunden und Stimmun:
gen wahrnimmt, dem wird das Bud)
von Friedrich Mare zur Freude fein.
R.
Dorfleben im adhtzehnten Jahr:
hundert.
Culturhiſtoriſche Skizzen aus Inneröfterreich
von Dans vd. Zwiedinef-Südenhorit.
Verlag Earl ®erolds Sohn, Wien.
Wir fennen culturgefcichtliche Werke,
welche dem Gelehrten zu oberflächlich
und dem großen Publitum zu gelehrt
find. An diefem Büchlein mögen
Männer der Wiffenfhaft wie Laien ihre
Freude haben. Es läßt an Neichhaltig:
feit von Driginal:Urfunden und Acten
nichts zu wünſchen übrig, von Urfun:
den, deren Stil fo vertrodnet und ver:
ſchnörkelt ift, daß ſelbſt der ffeptifchfte
Forscher an ihrer vollften Echtheit nicht
wird zweifeln fönnen. Aber es find
nur folhe Stoffe aus den bäuerlichen
Zuftänden des 18. Yahrhunderts aus:
geſucht, die jedermann interejfiren müf:
jen. Es find Dorfgefhicdhten im alten
Kanzleiftile, und zwar Dorfgefchichten,
die ſcharf in die Weltgeſchichte eingrei:
fen. Der Titel erfcheint uns vorläufig
wohl etwas vielfagend, doch glauben
wir, daß der Autor es nicht bei diefen
uns dargeftellten einzelnen Fällen aus
Kärnten und Steiermark bewenden laj:
fen, fondern durch weitere Lieferungen
den Titel vollftändig rechtfertigen wird.
Uns freut vor Allem das Verftänd:
niß und die Achtung, welche der Ver:
fafler dem Bauernthume entgegenbringt.
„Der Bauer“, fagt 9. v. Zwiedineck,
„iſt und fremd geworden, fremder als
unferen Vorfahren; durd viele Yahr:
Dod will ein Igrifches Gedicht nicht | zehnte hindurch hat ſich der Städter
nur recht gemacht, es will auch recht | mit einem fehr wenig vornehmen Dün-
und zu rechter Zeit gelefen fein. Die | fel von ihm abgemwendet und ſich um alles
Andaht des Herzens ift abzumarten. | das, was fein inneres Xeben betraf,
Das Lied hat — wie der ernfte/faum mehr befümmert. — Selbft un:
Ruf des Nachtwächters und wie das |fere Richter und Aerzte, unfere Advo:
Jauchzen des Schäfers auf fonniger caten und Kaufleute, die in fleineren
Au feine Stunden und Stim: | Drten leben, fennen den Bauer nicht
mungen. immer. Gie wiffen zwar Mandes von
—
319
feinen Schrullen und Eigenheiten zu
erzählen, jchiden jich wohl auch in fein
Begehren, wenn fie dadurd Nuten er:
zielen fönnen, doch fie willen nicht, wie
er jo wurde. Niemand hat ihnen von
der Entwidlung des bäuerlichen Charaf:
ters etwas erzählt, fie ſelbſt forſchen
nicht darnach und dünfen fi ganz an:
ders geartet, obmohl fie felbft fo man:
hen Zug vom Nahbarn aus der Dorf:
gemeinde angenommen haben. Gewiß ift,
daß der Strom des bäuerlichen Lebens
nur breite ruhige Wellen wirft, nur
jelten wird er in feinen Tiefen aufge:
wühlt. Viele Bewegungen, die in ben
Städten von jedem Einzelnen Tebhaft
gefühlt werden, gehen an den Dörfern
ſpurlos vorüber. — Daran werden aud)
die Eifenbahnen nichts ändern.
Und Eines föünnen mir”, ſetzt
Zwiebined hinzu, „aus den (in feinem
Buche gebotenen) Erzählungen ohne
viel Nachdenken entnehmen: wie der
Bauer zu allen Zeiten den här—
teften Kampf um's Dafein zu füh-
ren hat, wie alle Refultate höherer
Gultur auf feiner Leiſtung beruhen,
wie alle Laſten des größeren Befites
auf feine Schultern überwälzt werden,
und mie der doch felbjt in den An:
fprüden, die er an den Staat mad,
ftets der Beſcheidenſte bleibt. Ich
würde mich glüdlich preifen, wenn die
Bilder, die ih aus dem Leben des vo:
rigen Jahrhunderts flüchtig zu zeichnen
verjudht habe, nur einige meiner Leſer
bewegen würden, in der Beurtheilung
unferer Bauernihaft etwas mehr Ge:
rechtigfeit walten zu laſſen, als es ber
fonders in unjeren ‚liberalen‘ Kreifen
Mode ift. Nicht mit dem Singen der
„Vierzeiligen“, mit Jodeln und Juchzen,
nicht durch den Gemsbart am Hut und
grüne Strümpfe wird das Verſtändniß
für das Leben geweckt, das außerhalb
der großſtädtiſchen Schlagbäume ſich auf
und nieder bewegt, — die Laſt und
den Kummer, den geheimen Groll und
den offenen Ausbruch lange unterdrück⸗
ter Xeidenfhaft, das Gute und Böfe
im Herzen des Bauerd muß man fennen
lernen, wenn man diefen ſchätzen und
lieben will.‘
Allerhand Ungezogenheiten.
Von Oscar Blumenthal. (Fünfte Auf-
lage.) €. I. Günther, Leipzig.
Die Welt entfchuldigt diefe Unge:
zogenheiten und der Leer freut ich,
daß hier ein rückſichtsloſer Sarkaftifer
den Leuten einmal die widerhaarige
Wahrheit jagt. Weil ſich Keiner für
den getroffenen hält, wird dieſe geift-
volle Lectüre jedem Vergnügen machen.
Zwar werden Etliche mit dem Namen
gezeichnet, aber das gefällt den Ande—
ren gerade. Noch entzüdender ift frei:
[ih das, was allgemeine Schwäden,
Verprehtheiten und falfhe Richtungen
betrifft. Da ift 3. B. ein böfes Capitel
über die Vorleferepidemie, ein anderes
über Aehnlichkeitäjäger, über Kritiker
und Künftler, über Deutfchthümelei. Da
finden wir ein ftarfes Pülverlein gegen
die unzähligen Verſemacher, welches in
feiner Nebaction belletriftiicher Blätter
fehlen follte. Im Auffage: Kuhmägde
der Literatur wendet Blumenthal feinen
Wurffpieß gegen jene Art von Dorf:
gejhichten, welche mit großer Wichtig:
thuerei erzählen, wie die Bauern ver:
dauen und Mift führen. Auch auf die mo—
derne Erfcheinung der Gebirgsreifenden
und Naturenthufiaften ift unfer Sati-
rifer nicht gut zu Sprechen. — „Wie“,
jagt er, „viefer Naturenthufiasmus ma—
nierirt ift, erfieht man ſchon aus feinem
zudringlichen Pathos. Wer einem land—
ihaftliden Anblid gegenüber ein „fa=
mos!“ in die Welt fchmettert, zeigt
ihon dadurch die geringe Innigkeit
feines Naturverftändniffes. Und wie
blafirt, wie armfelig, von einer Wiefe
zu jagen, fie fei ausgebreitet wie ein
Teppich, oder von einem See, er fei
far wie ein Spiegel — als wenn die
Natur erſt anfinge, ſchön zu werden,
wenn man das Meublement eine an:
'ftändigen Salons darin wiederfindet.“
‚Wir freuen und über diefe Bemerkung,
‚fie beweift, daß dem Verfafler der „Un-
320
gezogenheiten” doc auch etwas Anderes
innewohnt, als der Geiſt der Vernei—
nung, den man ihm zum Vorwurf
madt. Allerdings, eine eben große
Freude zeigt Blumenthal im Allgemeinen
an diefer Weltorbnung nicht, und im
Grunde möchten wir uns mit feinen
Negationen nicht immer einverftanden
erklären; man freut fich eben nur an
dem Geifte, der gerade aus den elen-
ften Zuftänden den Stoff zu gewinnen
weiß, um und Andere zu ergößen. Ein
folh mohlthätiger Dämon ift Oscar
Blumenthal. Einige feiner Epigramme,
die wir an anderer Stelle mittheilen,
werden es bemeifen.
—-
Italienische Blätter.
Bon Robert Schweicdel. Verlag Otto
Janke, Berlin.
Kalten ift unerfchöpflih und macht
auf die verfchiedenen Beſucher desjelben
verſchiedene Eindrüde. Daher begrüßen
wir jede neue Schrift über diefes wun—
derbare Land mit Intereſſe, und mit
ganz befonderem, wenn ein jo geiftreicher
Schriftjteller, wie Robert Schmweichel
fie uns bietet. Wir reifen in dieſem
feinem Buche mit ihm, leben mit ihm
und laſſen uns von diefem Führer
gerne belehren über Alles, was in
funftgefchichtlicher, culturhiftorifcher oder
ethnographifcher Beziehung wiſſenswerth
ift. Schweicheld Darftellungen find an:
muthig, lebendig und ftimmungsvoll,
und werden ‘jedem, der Italien fennt
oder fennen zu lernen wünfcht, willkom—
men fein.
Hoftkarten des Heingarten:
Fräulein B. R. in 6. Cie bitten verge-
bens um Antwort, fo lange Sie uns Ihre
Adreſſe nit nennen.
Herren M. $. in B. Danken verbindlichſt
für Ihre freundliche Sendung; Ddiefelbe wird
den Anſprüchen unferer Lefer zurecht gelegt
werden.
Herrn R. 3. M. in Dresden. Sie freuen
fi, daß wir den Auerbach „verriffen* ? Wir
bedauern, daf ‚Sie den Artikel mißverftanden
haben, deflen etwas raifonirendes Gehaben
nur von den neuen PDorfgejhidten
handelt. Wir chren Berthold Auerbah und
glauben mit gutem Gewiffen conftatiren zu
fönnen, dab weder in Dresden, noch in Graz
ein Dorfgeſchichtenſchreiber lebt, der dem
Schwarzwälder Erzähler nahe gejtellt werden
könnte.
An mehrere Einſender. Der „Deimgar-
ten‘ ift fein Magazin für Eritlingswerfe,
Herrn J. R. in P. Sie find mit Ihrer
Ballade um hundert Jahre zu fpät gefommen.
3 W., Wien. Verfchonen Sie den
„Heimgarten“ mit Arancesconi-Eultus. Der
Begenitand ift, abgeſehen von dem gräßlichen
Morde und der Dinrichtung, durd die Sen-
timentalität und Bejtialität der Menge uner-
quidlich genug geworden. Ein Volt, das jeine
Verbrecher in fo begeifterter Weife feiert, iſt
.... (Das llebrige unter Goupert.)
a. W. St. Oswald. Hübſch, aber für
uns zu fentimental. Auch foll bei Gedichten
die letzte Strophe die beite fein.
R. 3. R. Wien: Haben Ihnen raſch die
Seite 311 verehrt.
T. 3. in Prag. Leider haben Sie Recht,
wenn Sie Stelzhammer's Dialektfchriften einen
verfintenden Schatz nennen. Schuld daran
trägt theild der Eigennuß, theils die Fahr-
läfligkeit der betreffenden Verleger, welche das
Recht auf neue Ausgaben von Stelzhammer's
Merten weder gegen billigen Erſatz bergeben,
noch jelbit ausüben. Gin Beweis, weldes
Intereffe das Publitum dem oberöjterreidhifchen
Dichter noch entgegenbringt, iſt die enthufia-
ftifhe Aufnahme von Stelzhammer's bod)-
deutichen Liedern „Liebesgürtel“, welde vor
einem Jahre bei Heckenaſt erſchienen find.
Drud von Legfam-Jofefsthal in Graz. — Für bie Rebaction verantwortlih P. A. Rofegger.
1
PERS
—
| Heft 5.
,
m:
im
webruar 1877.
vEEITErTT
I. Jahre.
Der Kampf eines Poecten.
Novelle von Ludwig Habicht.
Sa, es ift ſchön auf dem Lande,
in einer friedlichen, aumuthigen Natur !
Wie lat der Himmel, wie grünt die
Erde, wie viel Frieden ſenkt fich ba,
leife und unfichtbar in’s Herz! Und
doch auch das Leben in einer großen
Stadt entbehrt nicht aller Poefie, ge
währt und Stunden ftiller Einkehr,
tieffter, feligfter Befriedigung.
Wie wunderbar fühlt fi die Seele
berührt, wenn fie mitten in dem wil-
ben, ewig tobenden Menjchenocean ſich
eine Feine Stätte gefchaffen, wo fie
ruhig träumen, denken, fih in fi
jelbft zurüdziehen und wieder auf bie
Ziele befinnen fan, die ihr in folchen
Meiheftunden leuchtend vorſchweben.
Die Rouleaur find heruntergelaſſen,
bie Lampe brennt auf dem Schreib:
pulte — draußen mogt und brauſt
das Leben ruhelos weiter und doch,
wie ftill wird es im Herzen! — Da
liegen Bücher — Alles, was ber
Menichengeift Großes und Herrliches
Kofeggers „Heimgarten“ 5. Heft.
geichaffen, breitet fih in wunderbarer
Fülle vor und aus, .... . wir Fönnen
träumen und ſchwelgen in einer anderen
Welt und troßdem bleibt uns das
fihere Bemußtfein, daß wir niemals
‚in Gefahr ſchweben, von diefen Träu—
mereien entnerot zu werden, denn ein
Schritt aus unferem Zimmer und wir
erwachen — wir befinden uns wieder
im Strudel des Lebens — ftehen
wieder in ber wildeften Brandung,
die all’ unfere Kräfte fordert und uns
beftändig aufitahelt, in dem allge:
meinen Ningfampfe unferen Platz
würdig auszufüllen . . .
Es ift der Scharfe Gegenſatz zwiſchen
der lärmenden Welt da draußen und
ber ftillen, geheimnißvollen in unferem
Innern, der uns bier jo mächtig er:
faßt und bewegt.
Draußen tobte uud rafte das Le-
ben der Hauptitabt unaufhaltſam
weiter. Der junge Mann, der in feinem
Studirzimmer bei der Lampe jaß,
2l
322
merfte nicht8 davon; er hatte joeben
ein Buch aus der Hand gelegt, ftüßte
jegt den Kopf in die Nechte, und blickte
halb träumeriſch, halb gebanfenvoll
vor fih hin. Es war ein blafjes, aus:
druckvolles Geficht, das jegt von ber
Lampe ſcharf beleuchtet wurde. Auf
ber hohen gemölbten Stirn thronte
fihtbar ein Gedankenreichthum und in
den grünsgrauen Augen leuchtete eine
fanfte Schwärmerei, bie auf ein echt
poetiſches Gemüth jchließen ließ.
Endlich erhob ſich der ftille Denker,
ftrih mit der Hand über die Stirn
und wanderte mit heftigen Schritten
im Zimmer auf und ab. Seine Augen
verloren den träumeriſchen Ausdrud,
fie begannen wunderbar aufzuleuchten,
feine Bruft hob fih, der Athem ging
raſcher und mit einem ſelbſtbewußten
Läheln um die blühenden Lippen
murmelte er vor fih bin: „Nein, ich
werde niemal® dem Gejchmade des
großen Haufens fröhnen, mag man
immer meine Arbeiten zurüdjenben,
mögen meine Freunde mir beftändig
rathen, zum Publikum jo tief hinab:
zufteigen, bis es mich verfteht. Ich
fann es nicht; Lieber will ich meine
Feder zerbrehen und auf all’ die
Träume verzichten, die von Kindheit
auf durch meine Seele gegaufelt.” —
Er trat wieder an den Schreibtiich
zurüd, legte die Hand auf das Bud
und fuhr, wie im ſeligen Raufce,
begeiftert in feinem Selbitgejprädhe
fort: „DO, wie recht hat der Dichter:
Entledige Dich der Feſſeln allen,
Die gutgemutbet Du bisher getragen,
Und wolle nidyt mit findifhem Verzagen,
Der ſchnöden Mittelmäßigfeit gefallen.
Die legten Zeilen wiederholte er,
wie ſich jelbft zum Troft und zur Er-
munterung.
Dann that er einige Schritte zu
jeinem Bücherfchrant, ließ finnend den
Blick über die ftattlichen Reihen gleiten
und rief in tiefer, ſchmerzlicher Erre-
gung aus: „War e8 Euch Glüdlichen
allein vergönnt, zu ſchaffen und zu
geftalten, was leuchtend vor Eurer
Seele Iebte, und müfjen wir Armen
ganz darauf verzichten?! Sollen wir
allein dem Gott des Tages dienen,
nur um gehört zu werden? Während
diefen Geiftesheroen das beneibens-
werthe 2008 zufiel, ihren Zeitgenoffen
eine ideale Welt hinzuzaubern, die bis
in die jpäteiten Jahrhunderte ihren
Glanz behalten wird, fordert man von
uns die Wiedergabe der alltäglichiten
Wirklichkeit und jeden erhebenden Ge-
danken, jedes fühne, in die Zukunft
weijende Wort belächelt man, wie das
Bemühen eines abjonderlihen Thoren,
ber die Gegenwart nicht verfteht, nicht
veritehen will.“
„Schon wieder über unfterblichen
Werfen brütend? — Stubenhoder ?“
ließ fih eine fräftige Stimme ver:
nehmen, und ein breitfcehultriger robufter
Mann ftand plößlich vor dem Sinnen:
den und wedte ihn unfanft aus feinen
Gedanken. Deutlih prägte fich auf
dem beweglichen Antlit des Andern ber
Unmuth aus, den er über die uner—
wartete Störung empfand.
„Mache nicht erft ein grämliches
Gefiht, lieber Leopold,” lachte ber
Anktömmling, „ih wußte jchon, daß
ih nicht willfommen war, denn Deine
Wirthin wollte Dich verleugnen, nur
läßt fih ein Menſch, wie ich, mit
ſolchen Redensarten wie: der Herr ift
nicht zu Haufe — nicht jo ohne weiteres
abjpeifen. Du haft wohl über Deinem
poetiihen Träumen ganz vergefien,
daß heute Mittwoch iſt?“
„SH babe wirflih nit daran
gedacht, Gottfried,” war bie zerftreute
Antwort. Man konnte deutlich bemerken,
baß der junge Mann Mühe hatte,
aus feiner Idealwelt in die Wirklich:
feit zurüdzufehren.
„Gewiß brüteft und feilt Du
wieder über eine Novelle, in der Du
die wunderbarſten Gedanken nieder:
legen, bie tieffinnigften Probleme Löfen
willſt, anftatt, wie ich Dir beftändig
tathe, herzhaft darauf los zu jchreiben
und Dich um alle Regeln ber Aeſthetik
323
nicht zu kümmern, nach denen unjer
leſendes Bublifum ohnehin wenig fragt.“
„Ich habe nicht gejchrieben,” ent:
gegnete Leopold ausweichend.
„Roh ſchlimmer! Das müßige
Grübeln taugt nicht3!” war die Ant:
wort Gottfrieds. „Doch nun raffe Dich
auf, kleide Dich raſch um, die Freunde
werden uns jchon erwarten.“
„Ich wäre heute am liebiten zu
Haufe geblieben.“
„Daraus wird nichts!” rief ber
Freund mit großer Entjchiedenheit und
jeine ohnehin Fräftige Stimme nod)
erhebend fuhr er lebhaft fort: „Wie
willft Du das Leben ſchildern, wenn
blühenden Zippen, das bei aller Träu—
merei doch zumeilen wunderbar auf:
bligende Auge davon, daß der junge
Mann einem heiteren Sinnengenufje
nicht ganz verſchloſſen ſei. Leopold von
Ferber machte ſchon auf den erfien
Bid den Eindrud eines feinen
ariftofratifhen Geiftes; auch jein
ganze8 Auftreten mar von großer
Liebenswürdigfeit, wern auch anfangs
ein wenig zurüdhaltend. Er ſprach
gerne leife und nur in Momenten der
Aufregung ließ er fich hinreißen, dann
befam feine Stimme einen mächtigen
Klang, ohne deshalb an Wohllaut zu
verlieren. Neben feinem freunde er:
Du es nicht fernen lernſt? Der Schrift: | hielten jeine feinen Formen eine faft
fteller muß hinaus, der Wirklichkeit
ihre Geheimnifje ablaufchen, dann erft
mädchenhafte Zierlichkeit.
Gottfried Schmidt war eine herku—
liefert er die rechte Nahrung für das liſche Geftalt; groß, breitichultrig,
Volt” — und als er ſah, daß fein
Freund gegen dieſe Behauptung Wi-
derſpruch erheben wollte, fette er raſch
hinzu: „Wir wollen heute die alten
Streitfragen unberührt laſſen, jebt
verlange ih nur, daß Du in fünf
Minuten fertig bift. Ich werde inzwiſchen
bier, wie Mirza Schaffy, der Erwar—
tung Pfeife rauchen” und der Freund
machte fich’8 auf dem Sopha bequem,
zündete fih langſam eine Cigarre an
und dampfte große Rauchwolken vor
hin.
Wenn nad dem ziemlich allgemein
geltenden Grundſatze Gegenſätze ſich
anziehen, ſo waren zwiſchen den beiden
Freunden deren genug vorhanden,
melde ihren gemüthlihen Verkehr
rechtfertigten.
Leopold von Ferber war kaum
von mittlerer Größe, ſchlank und zart
gebaut, mit einem bleichen, burchjich-
tigen Gefiht, das durch das lange
Ihwarze Haar noch mehr hervortrat
und das man, einmal gejehen, nicht
jo-leicht vergaß. Um die fein gebaute
Nafe fchlängelte fih ein Zug von
Stolz, ja vielleicht von Hochmuth, und
während bie obere Partie des Gefichtes
mit ihrer hohen gewölbten Stirn mehr
den Denker befundete, fprachen bie
etwas aus dem Groben gehauen, aber
der gutmüthige Ausdrud in dem
breiten, von einem mächtigen hell
blonden Bart umrahmten blühenden
Gefiht verjöhnte damit. Auch bie
Stirn war ziemlich hoch, über den
Augen ftarf gewölbt; fie verrieth einen
tüchtigen, ſoliden Menjchenverjtand,
auf der etwas plumpen, bereit3 röth:
lich ſchimmernden Nafe hodte ziemlich
nadhläffig eine goldene Brille, Hinter
der Heine Fuge Augen bervorlugten.
Der große Mund mit feinen ftarf ent—
widelten Kauwerkzeugen befundete, daß
Gottfried Schmidt den Genüffen einer
guten Tafel nicht abhold war.
Er hatte etwas von einem beutjchen
Reden und das blonde, beinahe aſch—
farbene Haar, die blauen, gutmüthig
dareinfhauenden Augen würben ohne
die goldene Brille das Bild vervoll:
ftändigt haben; der alte Burjchen:
ſchafter blieb aber auf jeden Fall übrig
und fein ganzes Auftreten verrieth,
daß er fich darin gefiel, nody immer
den Studenten herauszufehren, obwohl
er Schon mehrere Jahre die Univerfität
hinter ſich hatte.
Schmidt Hatte freilih ein paar
Semefter länger als üblich die alma
mater befucht und e8 war fein Wunder,
21*
324
daß ihm der alte Burſche tief im
Fleiſche ſaß; er Hatte anfangs, aus
Liebe zur Mutter, Theologe werden
wollen, als dieje aber plötzlich ftach,
raſch noch einmal umgefattelt und Jura |
ftubirt, und jegt war er wirklich ſchon
als Referendar bei einem vorzüglichen
Rechtsanwalt der Nefidenz beichäftigt.
Leopold von Ferber dagegen hatte
eine bejtimmte Fachwiſſenſchaft nicht
ergriffen; er hatte eine Menge Collegien
gehört, aber von Jugend auf hatte
e3 ihn mit ummwiberftehliher Gewalt
zur Poeſie gezogen; ſchon auf der
Univerfität entftanden eine Menge
Dramen, die freilih alle unaufgeführt
blieben, doch einige feiner Lehrer in:
terejfirten fich für das junge, vielver:
ſprechende Talent und nach Abjolvirung
feiner Studien beichloß Leopold, ſich
ganz der Schriftjtellerei zu widmen.
Ein fleines Vermögen ficherte ihn
wenigftend® für den Anfang gegen
die drückenden Nahrungsjorgen.
Obwohl der junge Dichter nun
ſchon feit drei Kahren an allem Mög:
lichen feine Kraft verjucht hatte, waren
al’ jeine Bejtrebungen bisher vom
Glück wenig begünftigt worden. Hier
und da hatten wohl die Journale ein
eines tief empfundenes Gedicht oder
irgend eine Abhandlung gebracht; aber
feine größern Arbeiten kehrten mit
rührender Treue zu ihm zurüd.
Niemand mochte den Verſuch
wagen, gerade jolde Saden von
einem ganz namenlofen Autor zu
bringen. Xeopold von Ferber und Gott:
fried Schmidt waren jchon auf der
Univerfität befreundet gemwejen und
diejes Berhältniß war mit den Jahren
no berzlicher geworden. Es verging
wohl fein Tag, wo nicht die herkuliſche
Geftalt Gottfried's bei dem Freunde
erihien und wäre e8 nur gemelen,
um ihm einen guten Morgen zu jagen.
Trotz der großen Verſchiedenheit
ihrer Charaktere, ihrer Anfichten und
ihres Temperaments, fühlten ſich doch
Deide von einander angezogen ; ber
junge Dichter empfand die derbe Na-
türlichfeit, Friſche und Geſundheit
Gottfried’S wie eine Ergänzung feines
Weſens, und diejer hatte doch den in:
ftinctartigen Drang, durch den An
Ihluß an ben ibealiftiichen Freund fich
vor der Gefahr zu Shügen, im rohejten
Materialismus völlig zu verfinfen.
Jetzt erichien Leopold aus feinem
Schlafzimmerchen und während er noch
jeine Handſchuhe anzog, ſagte er eifrig:
„Wir können jegt gehen, ich bin bereit.“
Schmidt dehnte fih noch behag—
liher auf dem Sopha.
„Laſſ' mich erft meine Cigarre zu
Ende rauchen, es hat nicht ſolche Eile.“
„Aber warum brängteft Du mid
jo?” fragte Leopold verwundert.
„Ih wollte Dih nur aus Deiner
Träumerei aufrütteln”, war die Ant:
wort de3 Neferendard, er ftrich jetzt
bedächtig die Aſche von feiner Gigarre
ab, und das Aichenhäuflein aufmerkſam
betrachtend, als ſei es der jorgfältigften
Studien würdig, fuhr er langſam
fort: „Ja, was wollte ich Dir denn
ſagen? Richtig, da fällt mir's ein.
Die Humoreske, die ich in einer müßigen
Stunde flüchtig hingeworfen und die
Du als roh und realiſtiſch hart ver—
urtheilt, hat der Redacteur der „Dor—
nen“ mit Entzücken angenommen, ſo—
fort abgedruckt und mich zu der Ein—
ſendung neuer Arbeiten dringend auf—
gefordert. Ich ſehe auch wirklich nicht
ein, warum ich mich nicht ebenfalls
der Literatur in die Arme werfen
jollte.* Schmidt hatte in einer fo
nadhläffigen Weile geſprochen, als
handle es fih um die gleichgiltigften
Dinge von der Welt, und er blidte
halb fragend, halb herausfordernd zu
dem Freunde auf. Diejer ließ ſich davon
nicht täuſchen; er kannte Schon bie
Manier Gottfried's, der fih gern das
Anjehen gab, als jtehe er über dem
Allen.
„Ich warne Dich ernftli davor”,
rief Leopold ungewöhnlich Tebhaft.
„galt Du nit an den bittern Er:
325
fahrungen genug, die ich mache? Gibt
e3 wohl einen härtern Kampf als den
de3 jungen Schriftjteller®, und wer
bürgt dafür, daß al’ jein heißes
Ringen und Streben endlich noch zu
einem befriebigenden Ziele führt ?”
Der junge Mann hatte mit großer
Wärme geiprohen und jeine Augen
nahmen einen jchwermüthigen Aus:
drud an. Er mußte an jein eigenes
Schidjal venfen, das noch jo wenig
entichieden war. Mit welchen Hoffnun-
gen hatte er dieſe Laufbahn betreten
und wie war ihm jeitdem jchon oft
der Muth entjunfen!
„Du redeft mir jo entjchieden ab;
wenn ich eine mißtrauifhe Natur
wäre, müßte ih glauben, daß Du
mich einmal zu fürchten hätteft”, er:
widerte Gottfried mit furzem Auf:
laden.
Leopold machte eine abmwehrende
Bewegung; er nahm die Bemerkung
nicht ſcherzhaft auf und entgegnete
baftig: „ES geichieht wirklich aus
reinſter Freundichaft, wenn ich dringend
abrathe, nicht den Weg zu betreten,
welcher Dir feine Roſen bieten kann,“
und mit jener herzlichen Offenheit, die
er feinen Freunden ftet3 bewies, fuhr
er fort, indem er die Hand auf die
Schultern des Neferendars legte: „Du
bift ein prächtiger Menjch, ein wackrer
Freund, ein Elarer, praftiiher Kopf;
aber wa man von einem Poeten for:
dert, das haft Du nicht und jo viel
Selbitfenntniß traue ih Dir zu, um
dies ebenfall3 zu wifjen.”
„Bolllommen, und trog alledem
werde ich es verfuchen” — mar Gott:
fried’8 ruhige Antwort.
„Ab, Du willſt Dich unglücklich
machen?“
„Laſſ' mich nur ausreden,“ ent—
gegnete der Referendar, und behag—
lich den Rauch ſeiner Cigarre vor
ſich hinblaſend, fuhr er fort: „Ein
praktiſcher Kopf, wie Du mich eben
zu nennen beliebteſt, läuft nicht ſo
leicht in ſein Unglück. Wir ſind jetzt
in der Literatur bei der Kleinmalerei
angelangt. Nun, ich habe mich nicht
umſonſt in der Welt umhergetrieben,
ich werde ſie ſchildern, wie ſie iſt, die
Leſer werden entzückt davon ſein, die
Redactionen ſich um meine Erzählungen
reißen, ich werde herzhaft darauf los—
fchreiben und in wenigen Jahren habe
ih mein Schäfchen im Trocknen.“
„Ah, laſſ' die alten Scherze!
Mir ift heute durchaus nit ſpaßhaft
zu Muthe.”
„Wer jagt denn, daß ih Spaß
treiben will?“ entgegnete Schmibt,
und jein breites, volles Geficht verän—
derte fich nicht im Minbdeften. „Bei
meinem üppigen Vollbart, es ift mein
beiliger Ernft” — und er ftrich mit
der Hand über das helle Buſchwerk,
auf das er nicht wenig ſtolz mar.
„Wie ich nun einmal Oben angefchrieben
jtehe,” fuhr er langſam und bedächtig
fort, „habe ich jobald auf eine etat3-
mäßige Nichterjtelle nicht zu hoffen.
Hier dagegen winkt mir ein hübjcher,
angenehmer Erwerb. Huſſah, ich werbe
Erzählungen fchreiben, welche man ver:
ſchlingen fol. Dorfgeſchichten, Erimi-
nalnovellen, Humoresken, — alles
derb, gejund, der Wirklichkeit abge
lauft. — Die Kritif, die anfangs
mit offenem Munde meine Sachen an:
gaffen und nicht willen wird, was fie
dazu fagen fol, muß endlih Rad
ſchlagen vor Entzüden, denn bier wie
überall entfcheidet nur der Erfolg.” —
Leopold jchüttelte den Kopf; er
wußte noch immer nicht, ob er bie
wunderlihen Reden Schmibt’3 für
Ernft oder für Scherz nehmen follte,
denn der Humor des Freundes gefiel
fih darin, mit der nüchternften Miene
von der Welt allerhand tolles Zeug
auszuframen und e3 ftet3 unentſchieden
zu laffen, wie er eigentlich) eine Sache
gemeint habe.
„Sieb mich immer verwundert
an,“ rief Gottfried lachend: „Ich
werde Dir doch beweijen, wie e8 ein
praftiiher Kopf anfängt, um ohne
alle Poeſie fih in der Literatur eine
Stellung zu erwerben. Jetzt aber lafj’
326
uns aufbreden und made nicht ein
ſolch' bedenkliches Gefiht, ich bin
heute noch ganz nüchtern und deshalb
gar nicht zum Spaß aufgelegt.” —
„Run, um jo jhlimmer, wenn Du
im Ernft Dich ſolchen Illuſionen hin:
geben follteft,“ entgegnete Leopold und
jein Gefiht nahm einen bedenflichen
Ausdrud an.
Schmidt lachte noch Fräftiger:
„Made Dir um mein Schidjal feine
Sorgen. Es ift mein fefter Entichluß,
ih gehe unter die Schriftfteller und
weiß genau, was ich dort erwerben
fann: — viel Gelb und viel Ehre.
— Du folft noch Wunbderdinge an
mir erleben.“
Sein Freund wußte jekt genug;
er fannte jchon den harten Kopf Gott:
fried's, der niemals vox einer Sache
abließ, die er einmal erfaßt hatte,
und daß ihn jeder Widerfpruch noch
bartnädiger machte; es war deshalb
ale Mühe vergebens, dem tollen
Menſchen Vernunft zu prebigen, troß-
dem mochte er ihn nicht in feiner
fühnen Zufunftsträumerei beftärfen,
und er fagte deshalb ohne jeden Rück—
halt: „ch fürchte, daß Du weder das
Eine noch das Andere finden wirft.”
Gottfried zudte mitleidig bie
Achſeln. Er war feines Erfolges viel
zu gewiß und er erwiberte etwas ge:
reizt: „Komm' nur enblih, beim
zweiten Glaje wird Dir die Gefchichte
ſchon in ganz anderer Beleuchtung er-
ſcheinen,“ und er zog ben Freund mit
ſich fort.
Die Mittwochgeſellſchaft, welche
jet die Beiden auffuchten, beſtand
aus einem Fleinen Kreife von jungen
Shhriftftellern und Künftlern, ber fich
almwöchentlih an diefem Tage regel-
mäßig verfammelte, um durd einen
lebhaften Austausch ihrer Anfichten,
Hoffnungen und Träume fich gegen:
jeitig anzuregen unb weiter zu ent:
wideln.
Faft al’ die hier Verſammelten
hatten fein anderes Vermögen unter
der Some, als ihren Lebensmuth,
diefe unverfiegbare Kraft der Jugend,
und ihre Hoffnungen dieſe Million der
Armen. AS die Freunde erjchienen,
war die kleine Geſellſchaft beinahe
volftändig verfammelt unb die leb—
baftefte Unterhaltung hatte bereits
begonnen.
Wie viel Träume von künftigem
Glück und Ruhm gaufelten an diejen
jugendlichen Herzen vorüber, die, im
Beſitz ihrer zwanzig Jahre, alle Ent:
behrungen und Täuſchungen nicht
völlig entmuthigen konnten. — Ad,
wie fie laden und jauchzen die jungen
Talente, die jo zuverfichtlih an ihren
guten Stern und ihre Zukunft glauben!
— Dort der blaſſe, hagere Menſch
mit bem langen Haar und ben funfeln:
den Augen hat feine anderen Gebanten,
als einmal Cornelius und Kaulbad)
zu verbunfeln; er fpricht Dies mit
jugendlicher Kedheit offen aus — unb
wie würde fein ehrgeiziges Herz zu:
fammenzuden, wenn er einen Blid in
die Zukunft thun, und ſich nach zehn
Yahren als armer Photograph ſehen
fönnte, ber froh ift, wenn ſich ein paar
Kunden in fein Atelier verirren. Wer
ihm dies Schidjal prophezeihen wollte!
Der junge Künftler würde laut auf:
laden und dieſe Zufunftsmalerei als
Wahnfinn bezeichnen — und doch wird
nah zehn Jahren jeine ftolze Seele
längft den fühnen Flug verlernt haben,
der junge Aar flügelgebrochen, philifter-
haft ftill und dumpf brütend, in feinem
Käfig boden.
Jener junge Journaliſt mit dem
blonden, koketten Bärtchen und ber
iharfen Stimme träumt von großen
Staatsumwälzungen, bei denen er eine
hervorragende Rolle jpielen muß, —
vielleicht winkt ihm der Präfidenten-
ſtuhl — und in zehn Jahren figt der
feurige Republifaner im Nedactions:
bureau eines Negierungs:Drgans und
wendet jeßt allen Wit daran, um
die Ideen zu befämpfen, für bie er
einft geſchwärmt.
‘a, wer all’ den hier Verfammelten
die Zufunft deuten könnte; wie viel
327
bittere Täufchungen, wie viel Ummege
wären ihnen erjpart, aber auh um
wie viel beglüdende Illuſionen wären
fie ärmer ...
Zu den Uebermüthigften und Lu—
ftigften gehörte ein fleiner blondhaariger
Menih: er Hatte ein gemöhnliches
Geficht ; nicht3 verrieth die Bedeutung
ſeines Innern, und doch beſaß er,
wie al’ feine Freunde anerkannten,
ein bervor.agendes Talent. Der Heine
MWildbah hatte die größten Anlagen
zum Satyrifer, die aber durch ange:
borene Gutmüthigfeit gemildert wurden.
Er war ber heiterfte Gejellichafter,
deſſen unverfiegbare gute Laune nicht
wenig dazu beitrug, daß fich die er:
bigten jugendlichen Geifter, die oft
hart an einander prallten, immer wieder
verföhnten.
„Es ift Zeit, daß Ihr kommt,“
rief Wildbad) fogleich den eintretenden
Freunden zu. „Bon heut ab beginnt
für uns eine neue Nera und Ihr
follt fie mit genießen.“
„Ab, verſchone und mit dieſen
„arariihen Hoffnungen”, witzelte der
Sournalift, „die in einem echten Demo:
fratenherzen nie wieder Wurzel jchlagen
fönnen.”
An Dich, politifcher Schwarzfärber,
babe ich dabei auch gar nicht gedacht,“
entgegnete Wildbach, „nur für uns
Söhne des Apoll minft ein neues
Daſein.“
Man fragte lebhaft durcheinander.
— Iſt ein Karl Auguſt geboren wor:
ben, ein neuer Cosmo de Medici in
ber Hauptftabt eingetroffen? Scherze
und übermüthiges Gelächter folgten von
allen Seiten.
„Nichts da, laßt mid nur zu
Morte fommen!” rief der Kleine, und
jeine Stimme gewaltig anftrengend,
fegte er im feierlichen Tone Hinzu:
„Ein Buchhändler wird fi heute
Abend bei uns einfinden.”
Ein allgemeines „Ah“ des Er-
ftaunend war die Antwort; nur ein
junger Lyriker jchrie ganz erbittert:
„Ich will von diefen Ungeheuern nichts
willen ; fie find unfere Todfeinde.“
„Weil fie durch trübe Erfahrungen
gewigigt, von Deinen unfterblichen Ge:
dichten, dunkler Ahnungen voll, ſich
entichloffen abwenden?” fragte Wild—
bach jpottend.
„Diefe Buchhändler find die ge:
tährlichften Mitglieder der menſch—
lihen Gejelichaft; fie verlegen alles
Schlechte, Unbebeutende, während fie
der wahren Poeſie rückſichtslos den
Meg verlegen,” erklärte der Lyriker.
„Isa, al’ diefe Barbaren haben
Dein legtes großes Epos ſehr gewiſſen⸗
haft zurüdgejhicdt, weil fie aus Er-
fahrung wiſſen, daß von jolchen
Saden nicht zehn Eremplare abgelegt
werden. Ich würde einen Buchhändler
bemitleiden, der fih noch von ben
Gedichten eine8 jungen Poeten ein
Geſchäft verſpricht,“ mifchte ſich Gott:
fried mit ſeiner nüchternen Lebensan—
ſchauung in die Debatte.
Während ſeiner Rede war geräuſch—
los ein junger Mann eingetreten; er
mußte die letzten Worte Schmidt's
noch gehört haben, denn ſein kluges,
intelligentes Geſicht überflog ein bei—
fälliges Lächeln und er betrachtete mit
Aufmerkſamkeit den Sprecher. Jetzt
hatte auch Wildbach den Ankömm—
ling bemerkt: „Ach, meine Freunde,
hier kann ich Euch unſern beſten Ver—
bündeten vorſtellen, Herrn Verlags—
buchhändler Burchardt; er will den
nicht verachtenswerthen Muth haben,
ein Häuflein junger Talente um ſeine
Fahne zu ſchaaren.“
Man begrüßte den Verlagsbuch—
händler mit großer Zuvorkommen⸗—
heit; manchem angehenden Schriftfteller
pochte unruhiger das Herz, denn von
diefem Manne konnte leicht das Schid-
jal feines ganzen Lebens abhängen
und da Herr Burchardt das Liebens-
würdigfte Benehmen entfaltete, befand
fi die Heine Geſellſchaft bald in der
behaglichſten Stimmung.
Mie wurden erft die jugendlichen
Geifter entzündet, al3 der Buchhändler
328
die vertrauliche Mittheilung machte,
daß er ein neues belletriftiiches Your:
nal gründen und den Rath der An-
wejenben über Form und Inhalt des
Blattes hören wolle.
Nun Schwirrten die Anfichten bunt
und wirt durcheinander. Jeder hatte
feine bejondere dee, von der er ſich
den glänzendſten Erfolg veriprad).
Der Buchhändler hörte aufmerkfjam
zu, wie Jemand, welcher fi) eifrig
bemüht, aus einer Menge Spreu einige
Körnchen Wahrheit zu entdeden.
Nur Leopold und Gottfried hatten
fich jtill verhalten, freilih aus ganz
verschiedenen Gründen. Der Eine, weil
ihm das Geſchäftliche diejer Angele:
genheit fein Intereſſe einflößen konnte,
der Andere, weil er die ausgeframten
fühnen Ideen lächerlich fand.
„Ihr habt ja gar noch nicht3 ge:
jagt,” wandte fi endlich Wildbach
an die beiden Freunde: „Lieber Leopold,
warum willſt Du nicht auch Deine
Meinung zum Beiten geben?“
Noch ehe diejer eine Antwort er:
theilen fonnte, fuhr Gottfried mit
feiner kräftigen Stimme dazwijchen :
„Laſſen Sie fi, lieber Herr Burchardt,
von diefen fühnen Träumereien nichts
einreben. Veredelung des Ge:
Ihmades, forgfältige Kritik-Lectüre
für die Gebildetend— damit find meine
Freunde rajch bei der Hand und das
Hingt Alles recht Schön, aber wir
haben derlei Journale im Weberfluß
und bier ift nirgend eine Lücke vor:
handen, aber was wir brauchen, ijt
ein Blatt für die unterften Schichten
des Volfes — derbe, gejunde Koit,
dabeiäußerft billig — ich verficherefhnen,
ein ſolches Unternehmen, geihidt an:
gefaßt, hat noch eine große Zukunft.“
Die Aeußerung Schmidt's medte |
bei den jungen Idealiſten den leb—
bafteften Widerſpruch, doch Gottfried
war nicht der Mann, der fich jo leicht
einschüchtern Tieß. Se heftiger. man
ihn befämpfte, je rüdjichtslofer jchlug |
er jeine Gegner aus dem Feld und
mit der ihm eigenen Verſtandes ichärfe |
verfocht er feine Anficht. Jedes feiner
Worte befundete den nüchternen, praf:
tiſchen Menſchen, der jorgfältig allen
Träumereien und Selbfttäufhungen
aus dem Wege ging. Ye länger ber
Neferendar ſprach, je beifälliger hörte
der junge Buchhändler jeinen Ausein-
anberjegungen zu und als die erhigten
Köpfe ein wenig ruhiger geworden
waren, löfte er endlich jein Fluges
Schweigen und Gottfried die Hand
hinreichend, jagte er mit freundlichem
Lächeln: „Sch theile volllommen Ihre
Anfichten, Herr Schmidt, und werbe
fie mir bei Gründung meines Blattes
zur Richtſchnur dienen laſſen.“
„Das freut mich,“ entgegnete Gott:
fried gejchmeichelt und blidte trium—
phirend auf feine Freunde.
„Und damit Sie jehen, daß es
mir damit Ernſt ift,“ fuhr Herr
Burchardt ruhig fort: würde ich jehr
glücklich fein, wenn Sie die Redaction
meined® neuen Blatte® übernehmen
wollten.“
Der Vorſchlag fam den Anweſen—
den jo unerwartet, daß fie in ein un—
auslöjchliche8 Gelächter ausbradhen.
Freund Schmidt, Nebacteur eines belle:
triſtiſchen Blattes — der Gedanke
ſchien den jungen Dichtern und Künft-
lern zu komiſch — ihre Heiterkeit
wollte fein Ende nehmen. Selbft über
das ernfte Antlit Leopold’ glitt ein
Lächeln. Er adtete wohl den
Charakter jeines Freundes; aber von
jeinen Geiftesgaben hatte er feine jo
‚hohe Meinung und am wenigſten hielt
er den miüchternen, bausbadenen Ge—
jellen für fähig, einem ſolchen Unter:
nehmen vorzuftehen.
Das Anerbieten des Buchhändlers
fam zwar Schmidt ein wenig über:
rafchend, aber er faßte ſich fchnell.
Sein ſtark ausgeprägtes Selbſtbewußt—
jein fühlte fich den jchwierigften Auf:
gaben gewachſen, und da jeiner Derb:
heit jede Empfindlichkeit fremd mar,
nalım er nicht einmal das höhniſche
ı Gelächter der Freunde für eine Belei-
digung auf, ja er hielt es nicht ber
329
Mühe werth, diefe unpaffende Heiter:
feit gehörig abzutrumpfen.
„Wenn wir ung über das Re:
dactionshonorar einigen fünnen, dann
nehme ich jofort Ihr Anerbieten an
und ich hoffe, das neue Journal bald
zu dem gelejenften Blatte zu machen.“
Trotz jeiner gewaltigen Stimme hatte
Gottfried alle Mühe, das Gelächter
zu durchdringen, das noch immer nicht
enden mollte.
„Er ift fühn, dieſer literariſche
Bayard,“ rief der junge Sournalift,
und Wildbach ſetzte ſpottend Hinzu:
„Unſer Freund beſitzt nun einmal jene
Verwegenheit, die vor keinem litera—
riſchen Verbrechen zurückſcheut,“ und
das Lachen begann von Neuem.
Weder Schmidt noch der Buch—
händler ließen ſich von dem kecken,
übermüthigen Benehmen der Anderen
irre machen, ſie zogen ſich in eine Ecke
des Gemaches zurück, und während
die kleine Geſellſchaft noch immer über
den drolligen Einfall witzelte und das
Ganze für einen Scherz hielt, brachten
die Beiden ihre Angelegenheit raſch
in's Reine.
Der junge Buchhändler hatte mit
ſcharfem Blick erkannt, daß er gerade
an Schmidt den rechten Redacteur für
fein neues Unternehmen gefunden. Al’
jeine Anfichten waren verftändig, hat:
ten Hand und Fuß und erhielten Bur:
chardt's vollen Beifall. Auch über das
Honorar einigte man fich jchnell, da
Gottfried für den Anfang feine über:
triebene Forderung ftellte.
Nach wenigen leifen, geflüfterten
Morten waren fie einig und Schmidt
trat jogleih mit einem triumphirenden
Lächeln an den Tiſch zurüd und rief
mit einerStentorftimme: „Meine Freun:
de, die Sache iſt abgemacht. Ihr jeht
den wohlbeſtallten Redacteur des neuen
Journales vor Euch.“
Einige lachten wieder hell auf und
fanden die Geſchichte doch zu beluſtigend;
Andere zeigten ſich plötzlich ernſt. Die
Sache mußte ihre Richtigkeit haben,
das zeigte ſchon das Benehmen des
jungen Buchhändler, und mun Fam
Manchen doch der Gedanke, daß fie
für die Nebaction weit bejjer gepaßt
hätten als diejfer rohe Burſche. Re:
ferendar Schmidt, Nebacteur eines
Blattes, das ging über allen Spaß! —
„Ich hoffe, daß Ihr mich Alle
mit Euren Talenten unterftügen werdet
— id will mit allen Traditionen
brechen und mich wenig um bie gefeier-
ten Namen kümmern; wer mir eine
gute Novelle einſchickt, der joll mir
willfommen fein, gleichviel, ob er Hinz
oder Kunz heißt.“
„Bravo, der neue Nedacteur fol
(eben! Seine Anfichten find vielver:
ipredhend für uns Namenloje!” rief
MWildbah und erhob fein Glas, Halb
war es Spott, halb Ernft — Schmidt
nahm ‚es für das Lebtere, ergriff jein
Glas und ftieß mit feinem zukünftigen
Mitarbeiter fräftig an.
Das Beilpiel fand Nahahmung.
Mit der Beweglichkeit der Ingend
fügte man fi raſch in die veränder:
ten Umftände. Dem Referendar war
einmal duch blindes Glück die Nedac-
tion zugefallen und es wäre Thorheit
gewejen, ihn länger vor den Kopf zu
ftoßen. Er war plößlich eine einfluß-
reiche Perjönlichfeit geworden, deren
Gunſt man nicht verjcherzen durfte.
Jeder von den jungen auf:
ftrebenden Schriftftellern dachte ſchon
an die im Pult liegenden Novellen
und Gedichte, die endlich durch Schmidt
die Bewunderung und da Entzüden
der Melt erregen jollten, denn es
war felbitverftändlih, daß ihr alter
Freund dieſe Sachen zuerft in feinem
Blatte bringen mußte.
Mährend der Neferendar Schmidt
in dieſer Gejelichaft von Schöngeiftern
und jungen Poeten bisher nur gebul-
bet wurde und Mander an feiner
projaifhen Denkweiſe den härteften
Anftoß nahm, war er ganz unerwartet
der Mittelpunkt des Eleinen Kreiſes ge:
worden. Mit der ihm eigenen Kedheit
maßte er fich raſch eine größere Herr:
ſchaft an; er hatte ſogleich das volle
330
Bewußtſein feiner veränderten Stellung
und ließ e8 auch ſofort den Freunden
fühlen.
Wenn man jet von allen Seiten
auf ihn einredete, ihm verſprach, aus
reiner Freundſchaft bie befte Novelle, ben
glänzendften Artifel ihm zu überlaffen,
fagte er nur troden: „Schidt e8 mir
ein, Kinder, ich werde Alles gewiſſen—
baft prüfen.”
Während die jungen Apolloföhne
das neue Unternehmen beſprachen und
Jeder feine perſönlichen Hoffnungen
darauf fegte, verhandelte Gottfried
mit dem Buchhändler das Geſchäftliche
weiter; man einigte fich über Format,
Preis, alle Neußerlichkeiten, und Herr
Burchardt gewahrte immer mehr, daß
er an Schmidt den rechten Mann ge:
funden, denn berjelbe entwicelte für
al’ diefe Dinge eine Umfiht und Ge:
wanbtheit, die ihm bie beſte Bürg-
Ihaft für das Gelingen feines Inter:
nehmens war. Er nahm deshalb auch
‚feinen Anftoß daran, daß Schmidt
den baldigen Abſchluß eines Gontrac-
te3 forderte und ficherte ihm benjelben
bereitwilligft ſchon für den folgenden
g zu.
Gottfried hätte am Tliebften bie
Sade auf der Stelle jchriftlich abge-
als der junge Journaliſt fcherzenb
ausrief: „Der neue Redacteur müſſe
jeine Mitarbeiter jogleih mit Cham:
pagner bewirthen,“ und bie Meiften
diefem genialen Vorſchlage zujubelten,
ließ er fih durdaus nicht verblüffen
und entgegnete rüdhaltslos mit lauten
Aufladen: „Fällt mir gar nicht ein.
Ihr habt jegt alle Urfache, mich warm
zu halten, nicht aber ih Euch.“
Gottfried war durchaus fein Knaufer,
in Iuftiger Gejellihaft Tieß er gern
etwas b’raufgehen; es wiberftrebte
jedoch feiner felbftfüchtigen Natur,
Andere freizubalten, und mie er
auch gern ben alten Burſchen heraus:
fehrte, in diefem Punfte entwidelte er
ftet3 eine zähe Schlauheit, die ſich
hütete, für gute Freunde die Zeche
zu bezahlen.
„Dann wollen wir den neuen Re—
dacteur bewirthen, um ihn bei guter
Laune zu erhalten“, rief Wildbad)
übermüthig und beftellte Champagner.
„Du wirft Dich zu Grunde richten”,
warnte ein Freund,
„Bah, ob ih ein paar Thaler
mehr Schulden habe, joll mir morgen
feine Kopfichmerzen machen. Ich liebe
das Heute,” war bie Antwort, und
mit dem Leichtfinn ber Jugend ſtimm—
macht ; aber er mochte fein allzugroßes ten Andere dem Gollegen zu.
Mißtrauen zeigen, um jo weniger, als
Die Heine Geſellſchaft wurde immer
ber junge Buchhändler der Inhaber | heiterer, die Lebensplane eines Jeden
einer alten, im beften Rufe ftehenben
Firma war. Deshalb wußte er, daß
er fein unermwartete® Glück in feften
Händen hielt, und zugleih war er
von fich felbft überzeugt, daß er
e3 nicht mehr loslaſſen würde. Als
fih daher der junge Buchhändler bald
daraufempfahl, thaute Schmidt vollends
auf. Er hatte fich bisher bei feinen
Freunden immer etwas zuſammenge—
nommen und jeinem „eigenartigen”
Humor nicht die Zügel hießen laſſen,
nun fehrte er mit ficherem Behagen
die wahre Seite jeined Weſens heraus.
Die überſchwänglichen Glückwünſche,
die noch einmal auf ihn einſtürmten,
nahm er äußerſt gleichgiltig hin, und
wurden immer kühner — und unbe—
kümmert, ob man in dem allgemeinen
Wirrwarr Beachtung fand, ließ man
die Hoffnungs-Raketen luſtig ſteigen.
Wie rauſchten ſie glänzend durch die
Luft, um dann vielleicht in ewige
Nacht zu ſinken ...
Je mehr die Anderen ſprachen,
deſto ſtiller war Leopold geworden. Die
Träumerei der Andern brachte ihn
plötzlich zum Bewußtſein, daß er an
demſelben Fehler litt. Welch' über—
ſchwellende Hoffnungen, welch' kecker
Uebermuth, der das Höchſte zu leiſten
meint, weil er noch nicht die eigene
Kraft völlig erprobt. — Litt er nicht
an derſelben Unreife, die ſich unerreich—
331
bare Ideale Schafft und der Melt feind:
li gegenüberftellt, weil fie ihr eigenes
Können weit überſchätzt? — Wenn
bie geachtetiten Blätter ihm und feinen
Freunden bisher den Raum in ihren
Spalten verweigert hatten, jo mußte
doch wohl ein anderer Grund vorhanden
fein. Gemwiß lag es nicht an der uner:
gründlichen Tiefe ihrer Probuctionen,
fondern an der mangelnden Welt: und
Menſchenkenntniß, welche auf himmel:
blauem Grunde nur romantifche
Schattenbilder entwarf, anftatt der
vollen blühenden Wirklichkeit, welche
man von den Schöpfungen der Gegen:
wart forbert.
Schmidt war auf dem Heimmeg
in befter Laune, er fchob ben Arm
in den feines Freundes, und faum
hatten fie das Local verlaffen, da
tief er lahend: „Die Narren glau-
ben wirflih, daß ich ihren phan-
taftiichen Krimskrams aufnehmen und
damit mein Blatt im erften Biertel-
jahr zu Grunde richten werde. Außer
Wildbad und Dir haben bie Anbern
nicht das mindefte Zeug zum Schrift:
fteller. Nun, Ihr könnt lange warten.”
„Du haft es ihnen aber doch ver:
ſprochen.“
„Daß ich ihre Beiträge prüfen
welch' innere Kämpfe Leopold ſoeben
durchgemacht. Um ſo behaglicher ent:
wickelte er noch einmal ſeine Anſichten,
was man dem Publikum bieten müſſe
und wie man es anzufangen habe,
deſſen Beifall zu finden. Aufmerkſam
hörte ihm der Andere zu und Schmidt
fühlte ſich davon außerordentlich ge—
ſchmeichelt.
Als die Freunde ſich trennten,
drückte er Leopold ſo heftig die Hand,
daß ſie dieſen ſchmerzte: „Von heute
an gehört die Zukunft uns. Wir
wollen das Eiſen ſchmieden, ſo lange
es warm iſt,“ und mit einem kräftigen
„Gute Nacht“ eilte Gottfried ſeiner
Wohnung zu.
E3 = *
Das neue illuftrirte Volksblatt er:
blickte wirflih das Licht der Welt und
Gottfried fchrieb gleich für die erfte
Nummer unter dem buftigen Namen
„Gottfried Roſen“ eine Criminalge—
ſchichte, die feine Leſer auf eine fo furcht—
bare Folter fpannte, daß fie die Fort:
fegung nicht erwarten konnten.
Das Glüd der neuen Zeitfchrift
war damit gemadht.
Mährend fonft derartige Unter:
nehmen ftet3 mit großen Schwierig:
werde”, war Schmibt’3 Antwort; „ich ‚feiten zu fämpfen haben, ftrömten dem
fann mir jedoch die Mühe fparen, Schmidt'ſchen Blatte zahlreihe Abon-
denn ich weiß ſchon, daß all’ die Ge- nenten zu; freilich famen fie aus ben
ſchichten nicht einen Pfifferling werth | unterften Volksſchichten, aber Gottfried
find.“ hatte mit ſcharfem Blicke gerade nur
„Dann werde ic mich hüten, Dir für dieſe Kreife Form und Juhalt
ein Manufcript anzuvertrauen.“ feiner Wochenſchrift eingerichtet und
„Ah, das ift ganz was Anderes, | der intelligente Verleger war mit ber
Du bift mein befter Freund! Freilich | Wahl feines Redacteurs außerordent—
mußt Du Did auch etwas herunter: | lich zufrieden.
ſchrauben, wenn Du für mein Blatt Wenn auch Gottfried mit derber Rüd—
geeignete Beiträge liefern willſt.“ ſichtsloſigkeit feines Weges wanderte und
Es hob Gottfrieb’3 Selbitbewußt: | der fteigende Erfolg feine unbefangene
jein nicht wenig, als ihm der Freund, | Grobheit noch ftärfer hervortreten ließ,
anftatt wie jonft lebhaft zu wider- | für die Freundſchaft hatte er ſtets in
Iprechen, ruhig zuftimmte. „Er beugt | feinem robuften Herzen eine gemifje
ebenfall3 fih jchon vor dem künftigen | Schwäche gehabt, und beſonders war
Redacteur” — dachte er jelbitgefällig, |e8 Leopold, an welchem er wirklich in
denn er hatte feine Ahnung davon, | ehrlicher Gefinnung fefthielt und für
332
den er fogar bereit war, fih in Be:
wegung zu jegen, wenn es galt, ihm
irgend einen Dienft zu erweiſen. —
Deshalb blieb Schmibt’3 uner:
wartete Uebernahme einer Redaction
auch auf das Schidjal und den Lebens:
gang feines Freundes nicht ohne Ein:
fluß. Nah Tebhaften Auseinander:
jegungen und Erörterungen gelang es
Leopold, einen realiftiichen Beitrag zu
liefern, der Gottfried’3 Beifall fand
und zu deilen Annahme er fich bereit
erflärte, wenn ihm der Freund kleine
Kürzungen und Abänderungen geftatten
wolle.
Leopold hatte ohnehin nicht, mie
fonft, die Arbeit mit vollem Herzen
geichrieben ; fie war ihm deshalb weit
gleichgiltiger und er willigte gern in
die Forderungen des neuen Redacteurs;
aber als er dann ſeinen Beitrag ge—
druckt ſah, fühlte er ſich doch unan—
genehm berührt, denn der Freund war
mit ſeinem kleinen Werke allzu willkür—
lich umgeſprungen. Er hatte nur ſpär—
lich einige Gedanken und poetiſche
Reflexionen eingeſtreut, aber auch dieſe
waren dem unerbittlichen Rothſtift des
Redacteurs zum Opfer gefallen.
Der junge Dichter konnte nicht
umhin; er mußte ſich bei dem Freunde
beſchweren.
Dieſer lachte hell auf, als Leopold
um ſeine weggeſtrichenen Gedanken
jammerte, und ihm derb auf die
Schulter klopfend, ſagte er in beſter
Laune: „Klag' nicht um Deine tief:
ſinnigen Betrachtungen; hätte ich ſie
ſtehen laſſen, dann wäre ich ſicher, daß
Tauſende meiner Leſer aus Langerweile
den Gähnkrampf bekommen hätten.“
„Du willſt alſo, daß in die Seelen
dieſer armen Leute nicht ein Lichtſtrahl
fallen ſoll?“
Schmidt zuckte mitleidig die Achſeln:
„Wie oft ſoll ich Dir's noch ſagen.
Mein Leſer will, nachdem er Tages—
laſt und Hitze getragen, unterhalten
jein; — da muß immer was vor:
gehen, was ihn tüchtig in Athem hält
und auf die Fortſetzung gefpannt
macht; jede, felbft die ſchönſte Reflerion,
fieht er für ein unmüges Beiwerk an,
das ihn nur aufhält und das ihm die
ganze Gejhichte verleidet, wenn es zu
oft fich hervorzutrauen wagt.“
„Und denkſt Du denn nie daran,
welche Verantwortung Du haft? Daß
Dir die Schöne Aufgabe geworden, das
Volk zu erziehen, feinen Geſchmack all-
mälig zu läutern und ihm den Blid
für das wahrhaft Gute und Schöne
zu öffnen?“
„Gewiß, theurer Freund“, ver:
fiherte Schmidt zuverfichtlih: „Laſſ'
und nur erit die Abonnenten völlig in
dem Sad haben, dann wollen wir an
das Erziehungswerf gehen,” und der
junge Redacteur nahm eine jehr ftolze
Haltung an.
Die Aufnahme der Novelle, die Leo:
pold unter dem Autornamen „Leonhard
Fernthal“ veröffentlicht, hatte wenig:
ſtens das Gute, daß auch andere
Blätter auf den jungen Schriftiteller
aufmerffam wurden; er befam von
mehreren Seiten Aufforberungen zu
der Mitarbeiterfchaft, und nach Ber:
lauf von zwei Jahren war fein literari=
ſcher Nuf ſoweit gegründet, daß feine
Beiträge auh in den beften Zeit:
ſchriften Aufnahme fanden. Was zu
der Seltenheit gehört, auch ihr beider:
jeiter Erfolg trennte die Freunde nicht.
Schmidt war viel zu jehr von fich
eingenommen, um auf ben jungen
Ruhm Leopold’S eiferfüchtig zu fein.
Wurden die Novellen des Dichters
„Fernthal“ auch von einigen Bad:
fiſchen und geiftreichen Frauen gern
gelejen, was wollte das gegen jeine
eigene literarifche Thätigfeit viel be:
deuten? — hm Elatichte das ganze
Volk ſtürmiſchen Beifall zu, und wenn
er in ein öffentliches Local trat, mar
er ficher, daß ihm eine ſchwielige Hand
dankbar die Hand drückte für die köſt—
liche Gejchichte, mit der er feine Lefer
jüngft beglüdt. —
Gottfried war auh der Mann
dazu, dieſe Popularität mit vollem
Behagen zu genießen; es verging fein
333
Tag, wo er nicht feinem Freunde ein
ſolch' kleines Begegniß erzählte, das
feine wachſende Berühmtheit in’s
glänzendfte Licht ſetzte. Was wollte
da die Wirkſamkeit Leopold's viel be:
deuten? — Und hatte diefer nicht all’
feine Erfolge ihm allein zu verdanken?
Wenn irgendwo der Dichter Fern:
thal genannt wurde, fonnte Gottfried
nie umbin, laut zu verkünden, daß er
allein dieſem Schriftjteller den Weg
gebahnt habe, und daß er ohne ihn
zu Grunde gegangen wäre.
Obwohl Leopold dem Geichmade
des großen Haufen nicht mehr, wie
im Anfange, dieſelben Goncejfionen
machte und fih Form und Inhalt
des Schmidt’schen Blattes nicht im
Mindeſtens geändert hatte, nahm Gott:
fried dennoch bereitwillig von dem
Freunde Beiträge auf; ja, er ver:
zichtete dabei jogar auf fräftige Hand:
habung feines Rothſtiftes.
„Da ſiehſt Du meine Freundſchaft,“
rühmte er ſich ſelbſt; trotzdem war
dies bei dem ſchlauen Praktikus nicht
der einzige und letzte Grund. Zur
Abwechſelung für ſeine Leſer konnte
eine ſolch' ſtille Geſchichte auch nichts
ſchaden und es ſchärfte nur den Appe—
tit für die kräftigeren Speiſen, die
ſeine übrigen Mitarbeiter und vor
allen Dingen er ſelbſt dem Publikum
zu bereiten mußten.
Schmidt Hatte damals Recht ge:
habt. Bon ben Freunden, die mit‘
jugendlicher Schwärmerei den QTempel
der Kunft umlagert, war ed nur noch
Einem gelungen, die Pforten zu
Iprengen und fi den Eingang zu er:
fämpfen — dem Heinen Wildbach,
und mit ihm blieb Leopold im leb-
bafteften Verkehr.
Während Gottfried die Schrift:
ftellerei immer handwerf3mäßiger auf:
faßte und nur darauf bedacht war,
fih mit feiner Feder jo viel Geld wie
möglich zufammenzujchreiben, blieb
Leopold fand deshalb bei dem Fleinen
Freunde jo manche Berührungspunfte.
War Schmidt in ihrer Gejellichaft,
dann wußte er ftet3 die Unterhaltung
auf das Niveau des Alltäglichen herab:
zubrüden, dann wurde vom Geichäfte
geiprodhen, von Erzählungen, welche
man bei ihm beftellt, und höchitens
von dem jtürmijchen Beifall, den ihm
irgend ein jchlichter Handwerker ge:
ſpendet; — waren aber bie beiben
Freunde fich jelbit überlaffen, jo wen:
deten fie ihre Aufmerkſamkeit Dingen
zu, die allein ihre Seelen ausfüllten.
Bei jolden Gelegenheiten mußte
Leopold ſtets das feine Empfinden,
das Scharfe Urteil Wildbach's aner-
fennen; aber noch mehr wurde er
überrafcht von der Tiefe und Gluth,
mit ber fein Kleiner Freund feinen
Lebensberuf erfaßt. Seitdem ſich die
Beiden näher aneinander ſchloſſen,
geſtattete Wildbach zuweilen einen Blick
in ſein Inneres, und zu ſeinem Er—
ſtaunen gewahrte Leopold, daß in
ſeiner Bruſt die Flamme einer hohen
Begeiſterung nicht reiner und heiliger
lodern konnte, als in der des Freundes,
während er doch aller Welt gegenüber
den Satyriker oder den harmloſen
Lebemann herauskehrte, der es ebenſo
leicht mit Ausübung ſeiner Kunſt nahm.
Als ihm einſt Leopold dies Ver—
ſteckſpiel vorhielt, entgegnete Wildbach
lächelnd: „Wer ſein innerſtes Empfin—
den wahrhaft lieb hat, darf es nicht
der Welt enthüllen. Uebrigens iſt,
was in mir lebt und glüht, nicht mein
Wert, — die Flamme hat meine
Schweiter angezündet, und oft fommt
e8 mir vor, daß fie nur jo lange
brennen wird, als dieje fie ſchürt.“
„Deine Schwefter?” rief Leopold
erftaunt, ich habe bisher nicht einmal
gewußt, daß Du eine Schwefter haft.”
„Wir hatten immer jo viele Ideen
auszutaufchen, daß wir noch niemals
bis zu Solch’ perfönlichen Geihichten
gefommen find’, entgegnete Wildbad
Wildbach ebenfalls einer idealen Auf: | — „und doc jollte ich Dir Schon immer
fajlung feines Lebensberufes treu und | jagen, daß es meiner Schweiter Ver:
334
gnügen machen würde, den Dichter
Fernthal kennen zu lernen“.
Leopold erröthete. „Das haft Du
nicht nöthig“, ſpottete ſogleich jein
kleiner Freund: „Meine Schweſter iſt
ſchon längſt, was die Welt eine alte
Jungfer nennt; aber da ich mich ein—
mal ihres Wunſches erinnert habe,
wie wäre es, wenn wir ihn erfüllen
wollten?“ Wildbach ließ ſeine klugen
Augen auf dem Freude ruhen.
„Ich bin auf der Stelle bereit“,
erwiderte Leopold, der mit Mühe ſeine
Enttäuſchung zu verbergen ſuchte, um
Wildbach nicht Gelegenheit zu geben,
feine ſatyriſche Neigung an ihm aus:
zulaffen.
Die Freunde machten fih auf den
Meg. Wie dies in einer großen Stabt
nicht8 Seltenes if, hatte ſich früher
ihr Verkehr darauf bejchränft, an
einem verabredeten Abende im Kaffee
hauſe zufammenzutreffen, und erjt in
jüngfter Zeit hatte Wildbach den Freund
in feiner Wohnung aufgefucht, ohne
je ihn ebenfalls einzuladen.
Leopold war deshalb etwas neu:
gierig, wie fich fein Fleiner Freund,
der noch feinem feiner Bekannten einen
Einblick in feine Häuslichkeit geftattet,
eigentlich eingerichtet habe.
Der Weg war ziemlich lang und
führte zu einer Vorftabt, die vorwie—
gend von Arbeitern bewohnt wird.
„Ein Anderer würde Ihnen viel-
leiht jagen, er babe feine Wohnung
nur beshalb hier gewählt, um feine
Studien unter diefen Leuten zu machen ;
— ih erfläre Ihnen aber ganz ehrlich,
daß mid die Noth dazu getrieben‘,
meinte Wildbad, und auf ein Eleines
Haus mweifend, vor dem fie angelangt
waren, jegte er lachend hinzu: „Da
it unjere Höhle.“
Gerade diefe Bezeichnung verdiente
das fleine Gartenhaus am wenigften,
das, hinter grünen Bäumen verftedt,
inmitten der gewaltigen Häufermaffen,
bie e8 von allen Seiten umringten,
beinahe idylliſch hervorlugte.
Die mächtigen Akazienbäume rag«
ten über das Dach des kleinen ein—
ſtöckigen Gebäudes hinaus.
Wildbach führte ſeinen Gaſt die
Stiege hinauf: „Wir haben die ganze
Etage inne“, ſagte er lachend, „was
freilich nicht viel bedeuten will.“ Auch
die Zimmer, die ſie jetzt betraten,
waren klein, ein wenig niedrig, aber
ſtatt der ärmlichen Einfachheit, welche
Leopold erwartet hatte, fand er eine
Eleganz, die ihn überrafchte. Die
ganze Einrichtung verrieth nicht nur
das jorgfältigfte Beftreben nach Com:
fort, fondern auch ben feinften Ge—
ſchmack.
Die klugen Augen Wildbachs muß-
ten in dem Antlig Ferber's gelejen
haben, denn er bemerkte raſch: „Nicht
wahr, es fieht recht leichtfinnig aus,
daß ein Schriftfteller, welcher noch
mit der verhängnißvollen Namenlofig-
feit zu kämpfen hat, ſich mit ſolchem
Zurus umgibt? Und doch geftehe ich
Dir, daß ich diefen hübſchen Trödel
brauche und mir lieber in allem Andern
Beſchränkungen auflege.“
„sch theile ganz Deinen Gefhmad“,
entgegnete Leopold, „und wenn mir ein:
mal das Glüd wird, eine Häuslich—
feit zu gründen, dann müßte ich eben
ein jolch reizendes kleines Neſt haben“,
und feine Blide ruhten mit Behagen
auf den freundlichen Zimmerchen, die
nur buch Portieren von einander
getrennt waren.
„Freund Schmibt:Rofen würde uns
freilih für Narren erklären”, bemerkte
Wildbad, „er jchreibt feine unfterbli-
hen Werke in einem verräucherten
Malepartus, in dem ich feine Zeile
bervorbringen könnte.“
Wildbah gewahrte wohl, daß
Ferber eine Frage auf den Lippen
hatte: „AK richtig, ich ſoll Dich ja
meiner Schwefter überliefern”, ſetzte
er lebhaft Hinzu; „da wir fie bier
nicht getroffen, müſſen wir uns ſchon
in den Garten bemühen.”
Durch die Andeutungen bes Freun:
des war unmilltürlih in der Seele
335
Leopold’3 ein Bild von dem alten
Mädchen entitanden. — Ein kleines,
zierliches Figürchen, ein fchmales, geift:
reiches Geficht, das durch jeine Häß—
lichkeit intereffirt, und dabei eine poe-
tiſche Schwärmerei, die zu ben vier:
unddreißig Jahren nicht mehr recht
ftimmen will, — fo dachte er fich die
Schweiter Wildbach's, und als fie
jegt in den hinter dem Haufe gelegenen
Garten hinaustraten, beachtete er des—
halb die hohe Frauengeftalt nicht, Die
in einem Seitengange auf und ab wan—
derte; — im leichten Sommerfleide,
den breiten Strohhut auf dem Kopfe,
ein zufammengeflappte® Buch in ber
Hand, in das fie den Zeigefinger ge:
ſchoben. Diefe ftattlihe Erjcheinung,
deren Haltung und Bewegungen jo
viel Jugendlichkeit verriethen, konnte
unmöglich die zehnJahreältere Schweſter
des Freundes fein; aber jet rief ihr
ihon Wildbad zu: „Guten Morgen,
Emilie, wir fuhen Dich!”
„Ih bin leicht zu finden“, ent:
gegnete fie mit einer Fräftigen, voll-
tönenden Stimme und wendete nun
ihr Antli den Ankömmlingen zu.
Set konnte Ferber wohl bemerken,
daß fie über die erjte Jugend hinaus
war, denn bie Züge ihres regelmäßigen
gebräunten Antlitzes hatten jchon einen
recht jcharfen Ausdrud, troßdem war
die Schweiter Wildbadh’3 noch immer
eine feffelnde Erfcheinung, die Niemand
jo ohne weiteres zu den alten Jung:
fern zählen konnte. Schon ihr hoher,
ſchlanker Wuchs, die Raſchheit all’
ihrer Bewegungen erinnerten nicht an
ihre Jahre, noch weniger bie tieflie-
genden bunflen Augen, bie jet wun—
derbar aufbligten, als Wildbad den
Namen de3 Freundes nannte.
„E3 freut mid, Ihre Belannt:
ihaft zu machen“, jagte fie und in
ihrem Munde langen die Worte nicht
wie eine gewöhnliche Redensart. Sie
ſtreckte ihm dabei die wohlgepflegte kleine
Hand entgegen.
ichaft verrathen habe”, fette Wildbad)
hinzu. „Gegen alle Welt werde ich
Deine Pfeubonymität auf's ftrengite
zu wahren wiffen, aber Emilie ge-
hört mit al’ ihren Seelenfräften zur
Gilde, vor ihr brauchen wir fein Ge:
heimniß zu haben.”
„Ja, ich habe alle Novellen von
Fernthal gelejen und deshalb ift es
mir beſonders angenehm, ihren Ver:
faſſer kennen zu lernen.”
- „Um ihn mit Schmeicheleien zu
füttern“, nedte der Bruder.
„Du weißt, daß mir dies unmög—
ih it“, entgegnete Emilie und fie
bob ein wenig den Kopf ftolzer in den
Naden.
„I haſſe auch nichts fo jehr wie
Schmeidheleien, die nur auf unfere
Dummheit oder Eitelfeit zu wirken
ſuchen, mir ift dagegen ein unum—
wundenes Urtheil unſchätzbar.“
„Das ſoll Ihnen werden“, ent—
gegnete ſie raſch und jetzt ſtreifte ihr
Blick mit unbefangener Neugier den
jungen Dichter. Sie ſchien mit dem
Reſultat zufrieden zu ſein, denn ſie
nickte, wie befriedigt, mit dem Kopfe.
Es lag in ihrem ganzen Benehmen
ein unverkennbares Selbſtbewußtſein
und eine gewiſſe geniale Nachläſſigkeit,
die es mit den Formen nicht allzu
genau nimmt, und doch hatte ihr Auf:
treten hinwiederum nichts Abftoßendes,
e3 hielt fich noch immer in den Schran=
fen der Meiblichfeit — jobald man
eben nur ben Frauen eine ftärfer aus:
geprägte Individualität geftattet.
„Gehen wir in bie Laube, dort
läßt fich ungeftörter plaudern”, ſetzte
Emilie Hinzu, und fie nahm ſofort
den ihr gebotenen Arm Ferber's,
während der Bruber ihnen langjam
folgte.
Es war gar nicht, als ob die
Beiden fih zum erjtenmale gefehen ;
Emilie ſchlug jogleih einen Ton an,
als ob der junge Dichter ſchon jeit
Jahren zu ihrer vertrauteiten Bekannt:
„Du wirft mir nicht zürnen, daß |fchaft gehöre, und Leopold wußte jelbft
ih meiner Schwefter Deine Autor: |nicht, wie e8 kam, fein im Grunde
336
fcheues, ſchüchternes Weſen war diefem
Mädchen gegenüber völlig verſchwun—
den, er gab ſich willig dem behaglichen
Eindrud hin, welchen e8 immer madt,
dort eine Herzensthür jchon offen zu
finden, wo wir glaubten, erſt mühlam
aufichließen zu müſſen, und unmwillfür:
lih gab er diefem Gedanken Ausdrud.
Ueber Emiliens Antlitz flog ein
Lächeln, das fie noch mehr verjüngte:
„Ja, diefen BVortheil hat der Schrift:
fteller, daß man bei ihm beimifch wird
und längft die tiefften Blicke in feine
Seele gethan hat, no ehe man ihn
perjönlich kennt.“
„Und fo habe ich mich wohl auch
ſchon Ihnen völlig enthüllt?” fragte
Leopold.
„Das möchte ich doch nicht be-
haupten. Man gewahrt wohl in Ihren
Arbeiten einen gewiſſen Reichthum,
aber auch, daß fie ihn noch nicht völlig
zur Schau legen durften.”
Ferber blidte überraſcht in ihr
Antlitz. Er mußte ſich geftehen, daß
fie dad Rechte getroffen.
Emilie bemerkte jein Erftaunen
und fuhr ruhig fort: „Oft Tegt ein
junger Schriftjteller den Schaf feiner
Lebenserfahrungen, al’ feiner Geban-
fen in jeinem erjten Werfe nieder und
in feinen fpäteren Arbeiten bleibt ihm
nichts übrig, als fich zu wiederholen;
ein Anderer greift mit jedem Werke
nur um fo tiefer in ben unerjchöpf:
lihen Born feines Junern, und was
er und gibt, bleibt und ewig neu und
überrafchend. Sie ftehen ebenfalls erft
am Anfang ihrer Laufbahn.”
Ein junges, mit fih und der
Welt ringendes Talent fühlt fich immer
unfiher, heute glaubt e8 an die Macht
jeines Könnens und morgen verzwei—
felt e8 an Allem. So berührten auch
Leopold diefe aufmunternden Worte
mwunberbar und mie ein belebender
Haud. Sie Hatte jo ruhig und mit
ber ihr eigenen Sicherheit geſprochen,
als habe fie nur völlig objectiv eine
Beobachtung zum Beften gegeben, und
da fie jegt in der Laube angelangt
waren, machte fie eine einlabenbe
Handbewegung, auf der einfachen Holz:
bank Plap zu nehmen.
Wildbach war ihnen fo dicht gefolgt,
daß er ihr Gefpräh hören mußte;
er ſetzte ſich an die Seite der Schweiter,
und feine Hand leicht auf ihre Schul:
ter legend, ſagte er mit einem bitteren
Aufzuden im Gefiht: „Was Hilft ung
das Alles! Gerade das gebilbetfte
Publikum hält meiftens feine Lectüre
mit den Glaffitern für abgeſchloſſen
und läßt die neuen Hervorbringungen
unbeadhtet. Der Dichter muß hinab:
fteigen, um gehört zu werben, und
zulegt weiß er felbft nicht, wie tief
er dabei herabgefommen, wie die reis
hen Schätze ſeines Innern tobtes
Geſtein geworden, weil er ſie nicht
zur rechten Zeit an das Licht fördern
durfte.“
„Das iſt eben die ſchwere Kunſt,
ſich oben zu erhalten und dennoch die
Menge zu gewinnen,“ entgegnete Emilie.
„Ich glaube, ein Ausweg wird nur
dann gefunden, wenn der Schriftſteller
durch den ſtofflichen Gehalt ſeines
Werkes die weiteſten Kreiſe zu befrie—
digen und durch die feine Form auch
die Gebildeten anzuziehen weiß.“
„Ich kann Dir nicht ganz Recht
geben”, war Wildbach's eifrige Ant—
wort. „Das ganze Unglück iſt, daß
der große Haufen nicht denken, nicht
ſich weiter entwickeln, ſondern nur
unterhalten ſein will, deshalb ſtößt
ihn ſchon die geſchliffene Form zurück;
man ſoll ihm ſeine derben Lieblings—
gerichte auch in irdener Schüſſel vor—
ſetzen, wer ſie ihm in ſilbernen Scha—
len zu bringen wagt, den behandelt er
mit Mißtrauen. Unſer Freund Gott—
fried verſteht das Geſchäft; er hat
ſich zum erſten Schank- und Speiſe—
wirth aufgeſchwungen und bald wird
er ſeine kecke Drohung, die uns damals
ſo lächerlich erſchien, wahr gemacht
haben.“
Das Geſpräch bewegte ſich jetzt
von Einem zum Andern und immer
blieb es intereſſant und anregend.
337
Emilie entfaltete eine Tiefe des
Geiftes und Vielſeitigkeit des Wiſſens,
die jedem Gegenftande eine neue Seite
abzugewinnen mußte, und Leopold
Ihied in einer jo behaglichen Stim—
mung, wie er fie lange nicht empfunden.
Er fand fih jekt ſehr oft bei
Wildbad ein, bald war er ber täg-
lihe Gaſt, und er blieb, ſelbſt wenn
jein Freund gar nicht anmwefend war.
Zulegt fühlte er ſich ſtets am wohl:
ften, wenn er mit Emilien allein war,
und hatte Wildbah feine Neigung
errathen oder wurde er durch Arbeiten
in Anſpruch genommen, genug, er
überließ die Beiden fich felbit, und
un empfand e3 wie ein höchftes
ück.
Wohl hatte ſein Herz ſchon einige
Vorſtudien durchgemacht, im lyriſchen
Drange eine Schönheit beſungen; es
war jedoch mehr der junge Dichter
geweſen, der für die Ueberfülle ſeiner
Empfindungen irgend ein Object geſucht,
das er zu beſingen vermochte; aber
noch niemals hatte ein junges Mäd—
chen einen ſolchen tiefen Eindruck auf
ihn gemacht, wie die Schweſter Wild—
bach's, welche ſich ihrer vierunddreißig
Jahre ſo bewußt war.
Ihr Benehmen gegen den jungen
Mann war deshalb deſto unbefangener
und natürlicher; — ſie hegte die Ueber—
zeugung, daß ſich in ihr beiderſeitiges
Verhältniß keine ſchwärmeriſchen Ge—
fühle miſchen konnten und in dieſer
Sicherheit gab ſie ſich ganz dem Be—
hagen hin, das für ſie aus dem An—
ſchluß des jungen Schriftſtellers ent—
ſprang.
Ihr Bruder war im Grunde eine
zu reflective, ſatyriſche Natur; auf
ihn konnte ſie nicht den begeiſterten
Drang ihres Herzens ausſtrömen und
ihn mit fortreißen. Leopold dagegen
folgte willig ihrem kühnen Gedanken—
fluge und ihr Einfluß machte fich bald
in feinen neueften Arbeiten geltend.
Er beſprach mit ihr die Stoffe zu
Novellen; fie wußte oft mit feinem
fünftlerifchen Verftändnig den urfprüng-
Wofeggers „Heimgarten‘ 5, Heft.
lihen Plan zu erweitern und zu ver:
tiefen, und wenn er dann ihr bie
fleine Dichtung vorlas und fie fich
billigend darüber ausſprach, fühlte er
fih reicher belohnt, al8 durch den
etwa folgenden Beifall des Publikums.
Niemals war ihr Lob überſchwäng—
(ih, ermüdend, immer enthielt e8 zu:
gleich den Stachel zu neuen Anftren-
gungen und wie glänzten dann ihre
großen dunklen Augen, wenn fie mit
brennenden Wangen von den Zielen
ſprach, die ihm noch vorjchwebten.
Was Leopold bejonders an jeiner
Freundin ſchätzte — fie hielt nie nad)
Frauenart irgend eine weibliche Arbeit
in der Hand, jobald er ihr vorlag;
jondern opferte ihm willig die ganze
Zeit, ließ müßig die Hände in ben
Schoß finfen und auf ihrem aus:
drudsvollen Antlig prägte ſich beutlich
die gejpannte Aufmerkjamleit aus,
mit der fie feiner poetiſchen Schöpfung
folgte.
Der junge Dichter mußte dies
Opfer zu würdigen, und die Theil:
nahme, welche fie feinen literarijchen
Beftrebungen entgegentrug, jenkte immer
wärmere Strahlen in jein Herz.
Er vergaß den Unterfchied ber
Jahre; für ihn war Emilie noch von
wunderbarer Schönheit und in vollfter
Jugendblüthe. Was ihr die Jahre ge-
nommen, das erjehte fie reichlich durch
ihren Geift, mit dem fie Alle über-
jtrahlte. Er ſah nicht eine alternde
Jungfrau vor fi, jondern nur eine
ideale Frauengeftalt, die erſt mit ihrer
fühnen, feurigen Seele in ihm bie
Flammen ber echten Poefie weckte,
jeinem noch zaghaft herumtaftenden
Talent die Richtung gab. Sie war e8,
die beftändig ihn drängte, fi dem
Drama zuzumenden, das allein dem
Dichter den höchſten und ſchönſten Lohn
gewähre.
„Ale andern Hervorbringungen
find vergänglich” — darauf Fam fie
immer wieder zurüd — „fie mögen
heut noch fo fehr die Bewunderung
der Menge erregt haben, morgen find
22
338
fie vergeſſen, höchftens ſchmeichelt fich | heftiger als fonft: „aber einmal wird
noch das Lied in das Andenfen bes
Menſchen ein, aber wer für die Nach—
welt wirfen will, muß fih die Bühne
zu erobern ſuchen.“
In ſolchen Augenbliden erfchien fie
Leopold von einer hinreißenden Schön:
heit. Wie wunderbar leuchteten ihre
Augen, wie bebten ihre Lippen vor
innerer Erregung und welch’ bezau-
bernden Klang hatte dann ihre tiefe,
fonore Stimme.
Sa, fie war die echte Muſe eines
Dichterd, die mit ihm jubelte, mit
ihm träumte und ihm in leuchtender
Ferne das glänzende Ziel zeigte,
wenn er ermattet mitten auf bem
ſchweren, dornenvollen Wege zujam:
menbrechen wollte...
Mie hätte er ihrem Drängen,
welches ihn jo unendlich glücklich
machte, widerſtehen können! — Von
ihrer flammenden Begeiſterung fort—
geriſſen, ſchrieb er in kürzeſter Friſt
ein Drama.
In ruhigen Stunden ſagte er ſich
wohl ſelbſt, daß ſeine ideale Dichtung
den realiſtiſchen Anforderungen der
Bühne von heute nicht entſprechen
würde; aber als er Emilien ſein
Werk vorlas und ſie ihm mit Enthu—
ſiasmus zujubelte, es gerade eines
echten Dichters würdig fand, daß er
dem Geſchmacke des großen Haufens
nicht frohne, da vergaß er all’ feine
Bedenken und in höchſter Aufregung
reichte er ihr die Hand: „OD, wie
dan?’ ich Ihnen für Ihren Beifall,
mehr bedarf ich nicht, nun bin ich
reich genug belohnt.“
Auch Emilien hatte heut’ ihre ge
wöhnliche Ruhe etwas verlafjen. Biel:
leicht jchwellte doch etwas das ftolze
Bewußtſein ihre Bruft, daß fie allein
diefe Dichtung hervorgerufen und ihr
Wort mädtig genug war, in feiner
Seele jede noch ſchlummernde Kraft
zu weden.
„Dan wirb das Drama nicht gleich
aufführen, nicht heute, nicht morgen“,
jagte fie raſch und ihre Bruft hob fich
— — — — — — — — — — —
————— —— — — — mm —
doch ſeine Stunde ſchlagen, früh oder
ſpät iſt Ihnen der Erfolg gewiß“.
Sie ſprach mit jener Sicherheit,
die ihr eigen war und ihre dunkel
blitzenden Augen ſchienen prophetiſch
in die Zukunſt zu blicken. Wie jubelte
und jauchzte es in dem Herzen des
jungen Schriftſtellers! Solch' glühende
Theilnahme konnte nur eine wahrhafte
Liebe zeigen, und von diefer edlen,
feurigen Seele geliebt zu werben,
dünkte ihm das höchfte Glück. — Wohl
wagte er fein Wort der Erklärung,
aber wie mit magnetifher Gewalt
zog es ihn zu Emilien, ihre Unter:
haltung erjeßte ihm Alles und er
ihloß fi immer mehr gegen die
übrige Welt ab.
Wildbad gemwahrte wenig von der
wachſenden Neigung des Freundes zu
feiner Schmweiter oder mochte nichts
gewahren. Für Emilie hatte er nicht
zu fürchten; er kannte fie zu genau,
ihr Harer, ſelbſtbewußter Geift ließ
fih nimmermehr von einer blinden
Leidenschaft unterjochen, und für den
Freund jah er darin weiter fein großes
Unglüd. Was konnte es ihm jchaden,
wenn fein Herz in lebhaftere Schwin-
gungen verjegt wurde ? — der Schrift:
jteller 309 gewiß daraus ben reichlich:
iten Gewinn. —
Leopold hatte fein Drama an die
deutſchen Bühnen verfandt, von einigen
völlig ablehnende, von andern hin:
zögernde Antwort erhalten; feiner war
geneigt, die Arbeit eines dramatifchen
Anfängers raſch zu bringen, obwohl
fih derfelbe bereit8 auf anderen Ge-
bieten einen geachteten Namen erworben.
Der geiltanregende Verkehr mit
Emilie war für das Schaffen des jun:
gen Dichters vom allerbelebendften Ein:
fluß. Seitdem jchien feine Kraft gewach—
fen zu fein, eine novelliftiiche Arbeit
nad der andern entjprang feiner jeßt
raftlofen Feder; aber er jchrieb nur
im Hinblid auf die Geliebte.
Sie drängte ihn immer wieder
zu neuen Productionen, und von ihr
339
ein beifälliges Lächeln zu erhalten, ein |vorging, daß er bereits längft ihrer
aufmunterndes Lob, war ihm der ein: | Weifung gefolgt war und fie liebte,
zige und höchſte Lohn. Mas die übrige | jo tief und ſtürmiſch, wie er nur ein
Welt zu jeiner jchriftjtelleriihen Thä- Mädchen zu lieben vermochte? — aber
tigfeit jagte, war ihm völlig gleich würde fie ſonſt fo unbefangen dieſes
giltig ; mochte fie feine VBerfuche bewun: Thema berührt haben.
dern oder verurteilen, es härmte ihn „Und wenn nun wirflih ſchon
wenig; — an dem Urtheil Emiliens ; diefe Liebe in meine Bruft eingezogen
allein lag ihm Alles — und er jchuf
nur fo raſch neue Arbeiten, um ihren
‚ wäre?” fragte er mit zitternder Stimme
‚und feine Augen ruhten voll tiefer, lei-
raſtloſen Geift beftändig zu beſchäftigen. denfchaftliher Empfindung auf Emilien.
Wenn er ihr eine Novelle vorlag, „IH Tann die Spur davon in
fie eingehend fich mit Form und Inhalt Ihren Arbeiten nicht finden“, war
berjelben befchäftigte, dann fonnte er
bemerfen, wie glüdlich fie dabei war,
wie fie nur in einer Idealwelt lebte,
und darüber die Wirklichkeit vergaß.
ALS er ihr eines Tages wieder
eine Erzählung mitgebracht hatte und
fie nad) deren Borlejen längere Zeit
ſchwieg, fragte er lebhaft: „Sind Sie
Damit nicht zufrieden? Halten Sie mit
Ihrem bärteften Urtheil nicht zurück;
Sie willen, daß ich’8 vertragen fann
und nur das einzige Ziel im Auge
babe, mich weiter zu entwideln.“
Emilie zögerte noch eine Meile
mit der Antwort; fie hielt nach ihrer
Gewohnheit die Hände läflig im Schoß
und ihn mit ihren großen dunklen
Augen anblidend, entgegnete fie ruhig:
„Ih wollte e8 Ahnen ſchon immer
jagen, ich hielt mich jedoch meiner
Sache nit völlig gewiß; jetzt aber
bin ich von der Richtigkeit meiner Ent:
deckung überzeugt; — Ahnen fehlt noch
eines, um ein großer Dichter zu wer:
den, Sie müfjen ſich Teidenjchaftlich
verlieben.” —
In ihrem ſchönen regelmäßigen
Antlige regte fich bei diefen Worten
feine Muskel; fie jprach ihren eigen:
thümlihen Rath fo ruhig aus, wie
ein Arzt, der endlich die richtige
Diagnofe gemaht zu haben glaubt
und dem Kranken die heilende Arznei
verordnet.
Der junge Dichter wurde von
ihrer Bemerkung feltfam überrafcht :
fein Herz gerieth in bie heftigſte Wal-
lung. Ahnte fie nicht, was in ihm
'ihre Antwort, und Ton und Haltung
blieben diejelben.
„Weil fie nur in meinem Herzen
lebt. O, Emilie, willen Sie denn noch
immer nicht, daß ich Sie verehre, wie
ih noch nie eine Frau verehrt habe,
daß Sie mir Alles, Alles geworden
find und jeder Athemzug, jeder Puls:
ihlag nur Ihnen gehört?” Er wollte
auf fie zueilen, fie ſtürmiſch an feine
Bruft ziehen; aber fie blieb unbemeg-
li fißen, fein Zug in ihrem vollen
Antlige veränderte fih und fie ent-
gegnete mit befonnener Ruhe: „Ih
ahnte wohl, daß es jo kommen, daß
Sie fih einmal jelbit über Ihre
Gefühle täufhen würden, — doch
glauben Sie mir, die ich zehn Jahre
älter bin als Sie, was Sie für mid)
empfinden, ift nur eine ſeeliſche Freund:
ſchaft, — hr Geift fühlt ſich zu
mir bingezogen und ihr jugenbliches
Herz nimmt irrthümlich für Liebe,
was niemal® auf diefe Bezeichnung
Anſpruch machen kann.”
„Nein, nein, ich liebe Sie mit der
ganzen Gluth meiner Seele und jeder
Gedanke — mein beſſeres Selbſt weilt
nur bei Ihnen,“ rief Leopold in leiden—
ſchaftlicher Erregung und ſuchte ihre
Hand zu erfaſſen, ſeine feurigen Blicke
in ihr Auge zu ſenken, um dieſelben
Flammen dort anzuzünden, die in ſeiner
Bruſt loderten.
Emilie hatte längſt den Ausbruch
dieſes Sturmes vorausgeſehen und ſie
war deshalb davon nicht im Mindeſten
überraſcht. Ihr klarer, unumwöllter
22°
340
Geift war fi viel zu objectiv gewor-
ben, um nicht ihr Berhältniß zu dem
jungen Schriftfiellee bis in feine
Heinften Einzelnheiten zu überfehen.
Sie wußte, daß feine Liebe nicht Dauer
haben würde, denn fie fannte jchon
dieſe flüchtigen, leicht erregbaren Dich-
terherzen, die ewig auf der Wanderung
find nad) irgend einem Ideal — und
fie machte fich feine Illuſionen darüber,
daß er früh oder ſpät aus feinem
Traume erwadhen und in der einit
Vergötterten die zehn Jahre ältere Frau
entdeden mwürbe, und fie war viel zu
ſtolz, um den Gedanken zu ertragen,
daß ihn einmal nicht3 Anderes an
fie fefleln folle al3 die Pflicht. —
Dennoh mochte fie ihm gerade biefe
Vedenken nicht mittheilen; fie wußte
ſchon, daß ein leidenſchaftlich erregtes
Herz auf jolde Einwürfe doch nicht
hört, und jtet3 von der Emwigfeit feiner
Gefühle überzeugt ift, deshalb entgeg-
nete fie ausmweichend: „Ich bin nicht
bie pafjende Frau für einen Dichter.
Sie muß ihm mit geiftiger Schmieg-
famfeit überall bin folgen, ſich ihm
zu Seiten willig unterordnen, ihn ftets
bewundern, und ich fönnte ewig nur
die Muſe eines Dichters fein, welche
aufftadhelt, die Flamme ſchürt und ihn
an die fernen, unerreihbaren Ideale
mahnt, die ewig vor feiner Seele
ftehen müſſen“ — und als er fie
unterbrehen und ihr jagen wollte,
daß fie ja damit alle feine Anſprüche
erfülle, ſchien fie feine Gedanken er:
rathen zu Haben, denn fie fuhr in
größerer Erregung fort: „Mir würde
niemals jein Schaffen genügen, ich
würde ihm niemal® Ruhe gönnen,
etwas Höhere, Größeres von ihm
fordern, bis feine Kraft erjchöpft zu—
fammenbräcde.”
Leopold hatte Emilie noch niemals
fo gefehen, ihre Augen leuchteten in
faft wildem Feuer, fie hatte die Hände
auf die hochwogende Bruft gedrückt
und ihre Lippen zudten. Ein Dämon
Ihien fie erfaßt zu Haben und mit
fortzureißen, und noch ehe Ferber et:
was ermwiebern fonnte, ſetzte fie raſch
hinzu: „Mein theurer Freund, id)
tauge nicht zur fanften, gebulbigen
Hausfrau eined Dichters, und weil
ich es eben weiß, bis zur Weberzeugung
weiß, jo mag ih Sie und mich nicht
erſt unglücklich machen.”
Sie hatte das entſcheidende Wort
mit einer Sicherheit ausgeſprochen, die
von vornherein jeden Einwand abwies,
Sept reichte fie ihm die Hand, fie war
wieder völlig die alte, ihr wilder Baroris-
mus, der fie noch eben heimgejucht
und ftürmifch mit fortgeriffen, fchien
erlojhen und mit dem Verſuch eines
Lächelns jagte fie jo ruhig wie immer:
„Sie jehen, wie furchtbar ich werben
fann und beshalb fliehen fie mich, eh’
e3 zu ſpät iſt.“
Der junge Dichter gab noch nicht
all’ jeine Hoffnungen verloren ! er be-
bielt ihre feine Hand in feiner Rechten
und fie finnend betrachtend, als wage
er nicht, ihr in's Antlig zu bliden,
entgegnete er in tiefiter Bewegung:
„Und haben Sie mir nicht eben be-
wiejen, daß Derjenige der glüdlichite
Sterblide if, dem Sie für immer
zur Geite treten, denn Ihre ftolze,
unbeugjame Seele zeigt ihm beftänbig
das leuchtende Ziel und Sie ftacheln
ihn von Neuem auf, wenn er ermattet
zufammenbrechen will.”
„Ih jagte Ihnen ſchon, daß mir
fein Mannes, auch Fein Dichterherz
genügt. Unvereinbares fordere ih. Wen
ich Lieben joll, den muß ich bewundern,
zu ihm aufjehen können, und doch
würde mein Stolz nicht eher ruhen,
bis ich ihn zu mir herabgezogen, und
wäre mir dies gelungen dann müßte
ich ihn verachten.“ Ihre dunklen Augen
leuchteten wieder jo unheimlich wie
vorher und auf ihrem jchönen Antlig
prägte fich deutlich der geiftige Hoch:
muth aus, der ihr eigen war und ber
noch niemals fo Scharf und rückhaltslos
zu Tage getreten, als in diefer Stunbe.
Der junge Schriftjteller wurde von
diejen Worten in's innerfte Herz ge:
troffen. — Er fühlte e8 deutlih, —
ein Riß ging durch feine Bruft, fie
waren nach diefem offenen Bekenntniß
getrennt auf immer.
War's nur eine Anwandlung von
Ueberjpanntheit, zu ber ihr hochfliegen-
der Idealismus hinneigte, oder hatte
fie damit das tiefite Geheimniß ihres
inneren enthüllt? Leopold wußte es
nicht, er wußte nur jo viel, daß ihr
unerträgliher Hochmuth auch feinen
Stolz geweckt und das fchöne, befeli-
gende Verhältniß zerbrochen vor feinen
Füßen lag. Sie hatte ihn alfo nur
ertragen, weil jie ihn tief unter fich
gedacht und fie bebte vor dem Ge—
danken zurüd, daß er ihr gleich und
zulegt über ihr ſtehen folle. —
Die widerftreitendftenEmpfindungen
burhmühlten feine Bruft. Und biefes
Mädchen, dad ihn mit ihrem wahn—
finnigen Dünkel wieder herabzuziehen
drohte, wenn er fi auf irgend eine
Höhe geſchwungen, hatte er geliebt
und al3 den Genius feines Lebens
betrachtet ? j
Welch' ein fürchterliches Erwachen
aus dem erträumten Himmel! Er rich:
tete fih in die Höhe, ſtrich mit der
Hand über die Stirn, als könne er
damit die letzten füßen Phantom:
bilder verfcheuchen, und fo ruhig, wie
e3 nur jeine innere Erregung zuließ,
fagte er nad einer langen Pauſe:
„Ich danke Ihnen, daß Sie mich von
meinem Irrthum geheilt haben. Ach
glaube nun auch nicht mehr, daß
eine Tobtenbläffe, fie hielt die Hände
übereinanbergefaltet und nicht das
leifefte Zuden verriet, was in ihr
vorgehen mochte.
Kein Laut fam als Antwort über
ihre Lippen, fie ließ den Freund ruhig
hinausgehen ; aber als fi die Thüre
hinter ihm leife ſchloß, das Geräuſch
feiner Tritte auf dem Flur verhallte,
da fam plöglih Bewegung in ihren
Körper, ihre Lippen öffneten fih uud
mit einem wilden, verzweifelten Auf:
jchrei rief fie feinen Namen. — Er
war fort — er fam nicht wieder . . .
Sie rang jammernd die Hände —
Vergeblich flüfterte ihr die Vernunft
zu: es mußte fein — dieſer eine heiße
namenloje Schmerz erjpart dir taufend-
faches Leid und furchtbare Demüthi-
gungen — fie ftürmte in wahnfinniger
Berzweiflung durch das Zimmer und
endlich Löfte fich ihr Schmerz in einem
unaufhaltfamen Thränenftrom.
So fand fie der Bruber. Er ahnte
fogleih den Zuſammenhang: „Und
meine felbitbewußte Schweſter hat den—
noch dieſes große Leid über fich ge:
bracht?“ fragte er voll zärtlicher Theil-
nahme; „troßdem weiß ih, daß Dein
Stolz ihn zuerft vergefjen wird, damit
Du von ihm nicht vergeflen wirft.”
Sie fchüttelte düfter das Haupt
und mehr für fich jelbit, al3 zu dem
Bruder gewandt, rief fie mit ſchmerz—
lich zuckenden Lippen: „Mußte ich ihn
denn aufgeben? Und wäre es mir
Ihnen die Kraft innerwohnt, mich auf nicht möglich gemwefen, ihn für immer
die Höhe zu bringen, die Ihnen vor:
Ihmwebt und bamit wird Ihnen auch
der Schmerz erjpart werben, nich als:
dann wieder herabzuziehen. Leben Sie
wohl, Emilie, und welch tiefe, unbeil-
bare Wunde Sie auch meinem Herzen
geſchlagen haben, jeien Sie überzeugt,
daß ih das Andenken von Ihrer
Freundſchaft Heilig Halten werde.“
Seine Augen ruhten noch einmal mit
einem tiefichmerzlihen Ausdrud auf
ihr ; fie ſchien feine Blicke zu fühlen,
zu feſſeln?“ Unwillkürlich warf fie
dabei einen Blick in den Spiegel, als
wolle fie prüfen, ob ihr nicht von
ihrer Schönheit noch fo viel geblieben,
um fich fein Herz zu fichern.
„Nein, Du haft Recht gethan!“
entgegnete der Bruber mit großer
Beftimmtheit und feine Augen ruhten
voll inniger Theilnahme auf der ge:
liebten Schwefter: „wenn auch Dein
Geift über Deinen Körper eine ver:
jüngende Macht geübt, jo wäre doch
aber fie regte fih nicht. Ihr vorher der Unterfchieb der Jahre fpäter weit
noch jo glühendes Antlitz bedeckte jett | jchärfer hervorgetreten und Du darfſt
342
nicht vergeffen, daß er zur Gilde der ſamkeit wußte er ihr überall hin zu
Poeten gehört. Dieſe Dichter ſchwär- folgen. —
men unb brennen ſtets für eine ein-
gebildete Gottheit und fie haben nichts
als ein wenig Aſche für die einfache
Sterbliche, die fie ebenfalls zu lieben
fih zuweilen einbilden, oder nur vor:
geben, denn ihre vagabundenhafte Phan:
tafie feſſelt fih an nichts und folgt
jeder raufchenden Robe und jedem
flatternden Bande. Glaube mir, der
ih mic) ebenfalls zur Zunft zählen
fann und Selbftfenntniß genug befige,
um die und anhaftende Schwäche ein:
zuſehen.“
Emilie hatte ſich dieſe herben
Wahrheiten nur zu oft ſelbſt geſagt,
waren ſie doch mächtig genug geweſen,
ſie zu dem heiligen Entſchluß zu drän—
gen; trotzdem klang nur durch ihr
Inneres ein einziger Schmerzſchrei,
daß fie ihn verloren . Sie war
fih ftets fo jeelenftarf vorgefommen
und hatte immer das Bemwußtjein ge:
habt, daß fie jolch’ jentimentalen An:
wandlungen nicht unterworfen ſei und
abfeit8 von der Menge, einjam und
ruhig, unbeirrt von leidenfchaftlichen
Empfindungen ihres Weges gehe. Nie:
mals hatte fie es für möglich gehal-
ten, daß fie einen Mann lieben würde,
Smmer waren ihr die Repräfentanten
des fogenannten jtarfen Gejchlechts
ſehr ſchwach vorgekommen; ihr ge:
ſchärfter Blick hatte überall kleinliche
Schwächen und unangenehme Eigen—
ſchaften entdeckt, welche ſie abſtießen. —
Nun kreuzte Leopold ihren Lebensweg
und der junge Mann ſchien ihr wie
das Ideal ihrer Mädchenträume. —
Alle ſeine Anſchauungen trugen den
Stempel des Edlen und Reinen, ſeine
feurige Seele nahm gern den Flug
zum Höchſten und mit geiſtiger Schmieg—
Weil ſie ihr Herz ſchon durch
den Unterſchied der Jahre für ſo
ſicher gewähnt, hatte fie ſich rüdhalt-
los dem Genuß hingegeben, der für
ſie in dem Verkehr mit dem jungen
Dichter lag. Ihr Stolz fühlte ſich ge—
ſchmeichelt, daß ſie das Feuer in ſeiner
Bruſt ſchüren, ihm den Weg weiſen
konnte, der ihn zum Ziel führen mußte,
und eh' ſie es ſelbſt geahnt, war eine
tiefe, glühende Liebe in ihr Herz ein—
gezogen. — Sie ſah, daß auch die
Gefühle Leopolds eine andere Färbung
erhielten und nun begannen für ſie
die tiefſten und furchtbarſten Seelen:
fämpfe.
Wohl war fie jetzt feiner Liebe
fiher; aber wer bürgte ihr für das
flattrige Herz eines Dicters! und
fie hätte niemal® den Gebanfen er:
tragen, daß eine Zeit kommen jollte,
wo fie dem theuren Mann nicht mehr
Alles wart — Mer weiß, ob fie
jelbjt fo viel Entjagungsfraft bejeilen,
um auf immer fein Herz mit jeiner
Mufe zu theilen! — Der Mann, den
fie liebte, ſollte ihr allein gehören und
doch jagte ſich wieder ihr reflectiren:
der Verftand, daß Leopold dies nicht
dürfe, wenn er jein Talent nicht unter:
graben wolle und daß fie ihm das
Letztere ebenfalls nicht verzeihen würde,
Für diefe tiefen, unverföhnlichen
Widerſprüche gab es nur eine Löſung —
das Scheiden auf immer und ſie hatte
heute dieſen Ausweg gewählt, — wie
viel er ihr koſtete, das vermochte ſelbſt
ihr Bruder in ſeinem ganzen Umfange
nicht zu ahnen. Es war die erſte und
einzige Liebe, die ihre Bruſt erfüllt
und es brach ihr ſtolzes, ſtarkes Herz,
auf das ſie ſtets ſo gepocht, in Stücke.
Fortſetßung folgt.
343
Ein Weg zur Schuld.
Erzählung aus dem Volksleben von P. R. Roſegger.
(Schluf.)
Am nächſten Sonntag fagte fie:
„Haft nichts dagegen, Mann, jo wollt’
ih heute gern eine Kirchfahrt verrich-
ten zu Danf für die wiebererlangte
Gejundheit. Wollteft mitgehen ?“
„sa, ja, häng' Dih dem Herr:
gott nur recht an die Zehen, Du Bet:
ſchweſter und verfcherg’ (verſchwärze)
mich bei ihm, verjchergft mich ja fo
gern.”
Sie ging hinaus gegen den Marft
Salgftein. Sie fuchte die ödeften Wege,
wo die wenigſten Kirchengänger wan—
delten. Sie hatte Angft, fie werde fich
durh ihre Miene verrathen beim
Kaufmann, wenn fie Rattengift ver:
lange. Das mußte fie gut machen,
fie mußte fih üben. In einem ver:
lafjenen Waldſchachen ſtellte fie ſich
zuerſt vor einen fahlen Baumſtrunk,
dann vor einen grünen Strauch,
endlich wendete ſie ſich gegen ein Eich—
hörnchen in den Zweigen, hielt geſittig
das Sacktuch in den Händen vor der
Bruſt und ſagte halblaut, wie ſich
Bäuerinnen in Kaufmannsgewölben
gerne ſtellen: „Hätt' auch gern ein
wenig was. — Aber das ſind ſaubere
Seidentüchel, die koſten gewiß recht
viel. Schön ſind ſie. Ja, daß ich ſag,
ein Hüttenrauch zum Rattenfutter hätt'
ich gern.“ Sie war aber nicht ganz
zufrieden. Ob ſie vom Rattenfutter
lieber gar nichts ſagen ſollte? Wenn
man Hüttenrauch kauft, ſo verſteht
ſich's ja von ſelbſt, daß man es als
Rattengift braucht.
Im Kaufladen zu Salgſtein waren
„Wir haben ſo viele Ratten in
der Mühle.“
| „Da müßt Ihr Euch wohl aus—
weiſen, wer Ihr ſeid, meine &iebe,
jonft darf ich fein Arjenif hergeben.“
„Ra, na”, rief Einer aus der
Menge, „bei Der ift’S nicht jo gefähr:
(ih, das ift die Seizmüllerin in der
Transau.“
„Nachher hat's keinen Anſtand“,
ſagte der Kaufmann. „Thut das Ding
nur gut verwahren, ’3 iſt ein wildes
Gift.“
ALS die Walpa auf dem Heimmeg
an dem Salgfteiner Armenhauje vor:
beiging, jaßen davor etliche Pfründner.
Ihr Herz war heute jo jehr zum Wohl:
thun aufgelegt, daß fie alles Geld, welches
jie bei fih trug, an die armen Leute
verſchenkte. Dann eilte fie der Transau
zu. Wer fie heute jo hätte gehen ge:
jehen, die jchöne Frauengeftalt, im
einfachen Sonntagsftaate, an weldhem
nicht Eitelkeit, wohl aber guter Ge—
ſchmack zu jpüren war! Tauſend rohe
Worte hatte fie darüber erbulden müſſen,
aber die gewohnte Art, fich zu kleiden,
hatte fie den Launen ihres Mannes
nicht zum Opfer gebracht. Ihr Antlig
war in feiner Bläffe nur noch jchöner ;
doch mwehte heute über ihre Wangen
zuweilen ein rofiger Hauch. Ihr Auge
leuchtete in lebensvoller Klarheit, als
fie hinanblidte zu den fangumjauchzten
Wipfeln des Waldes und zum Himmels:
blau. — Ihr war wohl, wie einer
wiedergeborenen Seele. — Man hat nur
ein einzig Leben, und das joll man
fi) wahren, von dem foll man Alles
h
nad) dem Gottesbienfte viele Leute bei- fernhalten, was häßlich ift und ver-
jammen. Walpa verlangte zwei Ellen | derblih, um das fol man Alles ſam—
blaue Hemdſchnüre, um fünf Kreuzer | mein, was Freude wedt. So aud
Neugewürz und um drei Zehner Hüt- | Hieften e8 bie anderen Menfchen, fie
tenraud). mochten jung fein ober alt, weltlich oder
„Wozu braudt Ihr den Hütten= | bigott; fo hielt es felbft das Thier
rauch ?” fragte der Kaufmann. und jedes Geihöpf. — Und endlich
344
follte fie — die Walpa — ja der Welt
wieder fein, follte leben, wie Menſchen
leben mit jungem frifchen Blute und
fröhlihem Sinn. Sommerlicher Hauch
vol Waldodem jpielte um ihr lodig
Haupt. Ihr Fuß jchien den Kalkſand—
boden des Maldmweges faum zu be:
rühren ; es hätte ihr auch weh gethan,
heute eine Ameife, ein Wiürmlein zu
zertreten. So freudvoll war fie und
die Arme breitete fie aus: Sei gegrüßt,
mein ſüßes Leben! — An einer alten
Rothföhre fam fie vorüber, an welcher
das Bild der Jungfrau mit dem Kinde
bing. Diefem Bilde gab fie einen
Kranz von Glodenblumen und wilden
Lilien.
Zur fpäten Nahmittagszeit nad
Haufe gekehrt, fand fie ihren Mann
in der Stube auf einer Wandbant aus:
geftredt und ſchlummernd. Lange ftand
fie da ftil und blicte ihm in's An—
gefiht. Der harte Zug auf dem
jelben war verfchmunden, fanfte Ruhe
lag darüber hingegoſſen. — Wie ſchön
war diefer Mann, wenn er fchlummerte!
— — AS fie jo auf ihn hinſah,
leuchtete ihr Auge. Seine rechte Hand
hing über die Bank hinab, fanft hob
und bradte fie dieſelbe in eine be-
quemere Lage. — Er hat Mühjal
und Sorgen, wie gut wirb ihm bas
Schläſchen thun!
Auf dem Tiſche, in Papier halb
eingeſchlagen lag neuer lichtblauer
Schafwollenſtoff für ein Frauenkleid.
— Den hat er mir heute gekauft,
's wird ja mein Tag fein in ber
Woche! jubelte das Weib im Herzen,
nein, er ift gewiß micht jo hart, wie
er thut. Er ift doch ein guter Mann.
Gott verzeih’ mir Alles! — Ahr
Herz wurde warm. Wie wollte fie ihn
jo gerne liebhaben! — — Es ver:
langte ihr, ihm einen Kuß zu geben.
Sie beugte fih zu ihm nieder — fein
Athem roch nah Fufel. Haftig ſchreckte
der Mann auf, fprang empor —-
ftarrte fie an und grinfle.
„Daft gut geichlafen”, ſagte Walpa
janft.
„Was ſoll's denn!“ fuhr der
Müller los, „Sol ich etwa nicht mehr
ihlafen in meinem Haufe? Was
ihleihft denn jo um mic herum?
Willſt mir die Augen ausfragen ?“
„Geh’, Mann“, verjegte die Walpa
lächelnd, „das ift ja doch nicht Dein
Ernit. Weißt es wohl, Du meinft mir’3
befjer, al3 Du's jagen magjt. Ich be:
dank mich für den ſchönen Rockzeug.“
„Bedanfit Dich!“ lachte der
Müller auf, „meint, er gehört Dein ?”
„Wüßte nicht, wem fonft“, fagte
fie, „oder weißt eine Andere dafür?”
„Und wenn auch!“ fohrie er und
ftarrte fie mit rothunterlaufenen Augen
wild an, „haft Du mich etwa gepadhtet ?
Wie viel haft denn "geben für’s Jahr,
he? Zehn Beflere weiß ih, und Du
bift mir die Schlechteft’ !”
Das war ihr wie ein Stich in’s
Herz. Ohne noch ein Wort zu jagen,
ging fie hinaus, —
Ymmer mehr ergab fich ber Seiz-
müller dem Trunfe,
In der Gegend Hatte fi ein
zweiter Müller angefiedelt, ein ferner
Verwandter von der Walpa. Er ver:
ſchlechterte dem Seizmüller das Ge—
ſchäft; dieſer ließ es ſeiner Frau
entgelten. Seine Luſt war, ihr wehe
zu thun, ſeine Labe der Krug. Oft gab
es Stunden, da er in Tobſucht aus—
brach und ſich ſein Weib gar nicht
vor ihm ſehen laſſen durfte. Der Arzt
kam in's Hans, dem weinte fie bitter:
lid vor.
„Iſt traurig, liebe Müllerin“,
jagte diefer, „aber das mag Euch noch
tröften: jchlecht ift er nicht. Und das
mögt Ihr fiher glauben, wenn er Euch
wehthut, jo ift ihm auch felbft nicht
wohl. Er ijt frank, er leidet an fo
einer Art Manie und er kann felber
nicht anders,”
— An fo einer Art Manie! dachte
die Walpa bei fih, — daß er neben
mir andere Meibsleute hat, denen er
Geſchenke macht — ift das aud fo
eine Art Manie? — Seine aufgededte
| Treulofigfeit hatte in ihrer Seele einen
345
Dämon erwedt, ben fie früher noch
nicht gefannt, der nun fort und fort
an ihr rüttelte, wenn fie fonft in
Stumpfheit verfinfen wollte; da bäumte
fie ih auf und ihre Nerven bebten
und ihr ganzes Wejen bürftete nach
einer That.
Ihre Obliegenheiten im Haufe be-
jorgte fie mit auffallender Milde und
Sanftmuth. Ihr Angefiht war bla,
oft fait fahl, die Augen waren mie
eingefallen unb dennoch voll ſeltſamen
Glanzes.
„Weiß gar nicht“, bemerkte in
dieſen Tagen eine Magd des Hauſes,
„wie mir neuzeit unſere Müllerin
vorkommt; mich deucht alleweil, die
lebt uns nicht lang.“
Vor der Hausthür mehrten ſich
die Bettler; denn es waren die Gaben
größer geworden, und Walpa reichte
den Armen mit vollen Händen.
Eines Tages hatte ſie einem müh—
ſeligen alten Weiblein drei Silberzehner
in die Hand gedrückt: „Sieh, das nimm
Dir, und thu' beten für mich!“
Ueber den Hof hinabtorkelnd be—
gegnete die Beſchenkte dem Müller,
aus Herzensfreude und Dankbarkeit
wollte ſie ihm die Hand küſſen: „Für
das viel Geld, Seizmüller, für das
viel Geld. Dein Weib hat mir drei
Zehner geſchenkt. Davon leb' ich wie
ein Graf; vergelt's Gott bis in den
Himmel!“
Eilte der Müller in's Haus, be—
ſchuldigte ſein Weib der Verſchwen—
dung und ob ſie das Geld auf der
Straße aufzuheben habe, daß ſie das—
ſelbe wieder auf die Straße werfe; und
ſie ſei nur zum Verſchleudern da, er
ſehe ſchon, er müſſe ſie todtſchlagen,
wolle er nicht, daß ſein ganzes Haus—
weſen und er ſelbſt zu Grunde gehe.
Und gleichzeitig hat er ihr einen
Schlag verſetzt auf das Haupt, daß
ſie in die dunkle Nebenkammer taumelte.
Er ſtand auf ſeinem Flecke wie
angewurzelt ſtill und ſchrie: „Komm'
heraus, Walpa, komm' nur noch ein-
mal heraus!“
Sie meldete ſich nicht, kam nicht
heraus. Da trat er mit geballten
Fäuſten in die Kammer und ſah, wie
ſein Weib eben etwas hinter dem
Wandſchrank verbarg.
„Was haſt Du dort! Gib her!“
ſchrie der Müller und haſchte nach
ihrer Hand. Dieſe war leer.
„Heimlichkeiten?!“ ſagte er und
grinſte vor Hohn und Wuth.
Ihre Gurgel war einen Augenblick
wie zugeſchnürt, ihre Augen traten
ſchroff hervor; bald aber entgegnete ſie
voll ſtumpfer Ruhe: „So ſchau, ſo
ſuch', was ich für Heimlichkeiten hab’,
wirft es wohl jehen.”
Vom Gewehr, das an der Wand
hing, riß er den Ladftod herab und
ftöberte mit bemfelben hinter dem
Wandſchranke herum. Ein paar halb:
blinde Müden kamen zuerit hervor,
dann etwas Staub, dann der FFegen
eines Spinnengewebes, dann etliche
alte Papierſtückchen, dann eine blaß—
rothe Halsichleife.
Der Müller hob mit dem Stäbchen
die Schleife empor und fragte: „Was
ift denn das, meine Liebe?"
„Das ift ein Halsband“, antwortete
fie ruhig.
„Das weiß ich wohl, Du Schlange
Du”, verjegte er, „aber warum haft
Du denn dieſes Halsband vor mir
verbergen wollen, he?“
„Weil — weil ih mich nicht ge—
trau, weil Du fo hart bift auf mich.”
„Biel taufendmal zu gut bin ich
noch für Dich, Du ſchlechte Creatur!“
ſchrie er, „jetzt auf der Stell' ſag'
mir, wo haſt Du dies Halbband her,
oder ich erſchieß' Dich mauſetodt!“
„Sagen will ich Dir's wohl,
Franz“, antwortete ſie gelaſſen, „dies
Band hab' ich vor Yeit von einem
Buben friegt; das Band ift ſchon lang
blaß und der Bub’ ift lang ſchon ver:
ftorben, und jegt weißt es.“
Da lachte der Seizmüller wild auf
und rief mit einer Stimme, die man
faum verftand, dazwiſchen: „So wohl,
346
Walpa, fo wohl! Der Bub’ wird noch
nicht verftorben fein!“
„Ru, jo lebt er noch“, antwor:
tete fie.
„IH ſteh' ihm nicht gut auf drei
Tage. Und Dir, Weib, Dir jchlag’
ich die eheliche Lieb’ noch mit Haſel—
ſtöcken hinein, darauf leg’ ich Dir ein
Jurament ab!” Und er ftürzte aus
dem Haufe.
Die Walpa ftand eine Weile wie
betäubt und trodnete ſich mit einem
Tuche das Blut, das ihr aus dem
Munde floß. Dann verriegelte fie bie
Thür und juchte Hinter dem Wand—
ſchranke ein blaues Papieren hervor,
das fie in der Eile dort hinabgeworfen,
und welches fie dadurch vor den gieri-
gen Bliden des Müllers zu fichern
getrachtet, daß fie das alte Halsband
als den Gegenftand ihres Geheimnifjes
ausgegeben hatte. Das Halsband war
eine Brautgabe ihres eigenen Mannes
geweſen; wäre jedoch dasjelbe nicht
Ein Aufſchrei aus ihrer Bruft. Es
war ein Schredruf; er hatte geglaubt,
es wäre ein Schrei des Geſtändniſſes
gewejen. „Mein Geld ift weg!“ rief
er, „lag’, Beitie, wo haft Du meine
Brieftafche? Ah, jetzt meiß ich's, Die
haft Du geftern hinter der Wanblad’
verftedt, Du faljher Satan, Du!”
„Mißhandle mich nur nicht, ich
jage Dir Alles.”
Er ließ fie los: „So jag’ eg!“
„Bei meinem Gott, Franz, von
Deinem Geld weiß ich nichts.“
„Here, Dir will ich die Wahrheit
noch herausziehen!“ Und fofort begann
ein Auftritt, ben der Erzähler nicht
Ichildern kann.
Später, als Licht gemacht wurde,
fand fich die Geldtaſche auf der Bett:
dede de3 Müllers, auf welche fie aus
dem Rodjade gefallen war.
Walpa fauerte in einem Winkel;
fie klagte nicht, fie ſchluchzte nicht. Kein
Menſch hat das fchredlihe Beben ihres
als fremdes Liebeszeichen vorgefchügt | Herzens vernommen. — Vielleicht er-
worden, jo hätte der Müller weiter
geſpäht und das blaue Papier mit
feinem ‚Inhalte gefunden.
Nun aber hatte Walpa die lebte
Brüde hinter fih abgebrochen. Sie
mußte, welch’ neue Waffen fie durch
ihre Angabe dem Gatten an die Hand
gegeben hatte, daß e3 nun in feiner
Macht lag, feine Rohheit gegen fie vor
allen Leuten zu rechtfertigen und ihre
Ehre vollends zu nichte zu machen. -—
Am andern Morgen jtieg der Seiz-
müller zu ſehr früher Stunde aus
dem Bette Er wollte auf den Korn:
markt fahren. Draußen Elapperte die
Mühle, er rief fein Weib; das hörte
ihn nicht jogleih. Er tappte im Fin:
ftern an feinen Kleidern umber, er
riß das Minkelfäfthen auf, das in
der Ede hinter feinem Bette ftand.
Dabei hub er zu laden an und fein
Lachen war wie ein Röcheln. Und als
die Walpa kam, fuhr er fie an: „Du,
jegt weiß ich's, Du kannſt leicht Al-
mojen geben. Du haft mir mein Gelb
gejtohlen.“
wartete fie num von ihrem Manne
Abbitte. Diefer hatte ſich wortlos aber
pfufternd angefleidet und plöglich ſagte
er! „Wer weiß es, kannſt das Geld
doch am Leib’ gehabt und mir dasjelb’
nur jo auf’3 Bett hingeworfen haben.
Dir trau ih nimmer. — Troll’ Di
jegt, Du Kröte, und hau, daß ich
mein Frühſtück Erieg’ I”
Noch zwei Augenblide war Walpa
nah diefen Worten gefauert in ihrem
Winkel. Dann erhob fie fi, richtete
ihre Angefiht gegen die Dede bes
Zimmers empor und ging in die Küche
hinaus, Sie war wieder die Emfige,
und bald ftand das Frühftüd auf dem
Tiihe. Walpa ging mit feltiamer Ge:
(affenheit an weitere Arbeiten.
Der Müller, immer noch grollend,
ichnitt Brod in den Kaffee. Dann af
er und gab indefjen durch furze, ber:
hervorgeftoßene Sätze Befehl, mas
während feiner Abwejendheit im Haufe
zu gejchehen habe.
Plöglih hielt er ein und jah
jeinen Löffel an. Dann ftarrte er in
347
bie Schon halbgeleerte Schale und fog
mit ber Zunge an feinem Gaumen.
„Du, Walpa”, fagte er hierauf,
und feine Stimme war unficher, fajt
mweih, „Du Walpa, geh ber da. Iß
mit mir Kaffee: er ift übrigs genug
für allzwei.“
Sie ſchichtete fein Bett auf, ging
dann in die Vorſtube und überhörte
die Einladung.
Erregt, indem er fih mit ber
flahen Hand über die Stimme fuhr,
fand der Müller vom Tiſche auf
und fagte noch einmal in gedämpftem
Tone: „Weib! verfoft’ mir jet den
Kaffee!
Die Walpa ftürzte zur Thür
hinaus.
„Herr Jeſu! Herr Jeſu Chriſt!“
ſchrie der Müller, „jetzt hat ſie mich
vergiftet! — Jetzt bin ich hin! —
— Du Weib! — mußt mit mir!“
Hinaus raſte er. Im Vorhauſe
erfaßte er mit krampfhaft zucken—
den Armen ein ſchweres Beil und
ſtürzte damit der Fliehenden nach.
Die Walpa floh über den Hof,
floh, an Stock und Pfeiler rennend,
durch den Wagenflur, floh in die
Mühle — der Müller in wüthender
Haſt, doch ſchwankend, ihr nach mit
gezücktem Beil und ſchäumendem Mund.
Um den Mehlkaſten noch ging der
Beiden raſender Lauf, da erreichte
Walpa wieder die Thür, ſchlug dieſe
hinter ſich zu und ſtand im Freien.
Noch hörte ſie es, wie er inner—
halb der Thür mit einem gräßlichen
Schrei zuſammenbrach.
Dann ging ſie im Morgengrauen
davon. Sie war ledig und erlöſt, ſie
war frei. Ihr Herz jubelte, ihr Ge—
wiſſen war leicht und licht, wie nach
einer guten That.
licht geworden. Walpa ging dahin und
ſah nicht um und für jeden ihr Be—
gegnenden hatte fie einen heiteren
Morgengruß.
„Wohin jo früh?“ rief ihr ein
junger Fuhrmann zu.
„In die Kir’, wenn Du willſt
mitgehen.”
„Ob, da vergehft Dich ja, Seiz—
müllerin, der Meg führt fein Lebtag
nicht in die Transau.“
„So wird er wohl wo anbers
binführen.“
„Ei freilich, Freilich, Seizmüllerin,
das ift gewiß.”
ALS fie zur Brüde fam, wo ber
Meg über den Fluß jegt und ein
ſchmaler Steg über ben hier fi ab-
zweigenden Mühlbach leitet, begegnete
ihr eine lebhafte Schaar von Schul:
findern. Die Erfahrung zeigt, daß
zur Serbftzeit die Kinder viel Tebhaf:
ter und lauter find, als in anderen
Jahreszeiten Naturforfcher haben den
Grund dafür in der Kühle und Dünn:
beit der Luft gefunden. So johlten
auch heute die Kinder hüpfend und
muthwillig heran, nedten fi gegen:
jeitig, jchlugen fih mit ihren Hüten,
Hauben und Schulfäden, warfen fich
auf die Straße hin und lachten dabei
und kletterten auf die Zäune und
Sträude, auf das Brüdengeländer
aud und büpften über den Mühlfteg
bin und ber und warfen Steine in's
Maffer und ftießen mit Stangen in
die Dümpfe unter den Uferrajen hinein
und lärmten in heller Luft, wenn
fie eine Forelle aufjchredten. Plötzlich
ein Schrei, ein hohes Aufgitichen im
Flufe und: „der Michel, der Michel
ift in's Waſſer gefallen!” zeterten bie
Kleinen durcheinander.
Die Walpa, noch nicht weit von
der Stelle, eilte zurüd, ſah, wie der
Ueber dem Thale thaute ein bünner | Knabe, von dem jet nur noch ein
Herbftnebel; neben dem Wege, auf Fuß hervorftand, im tiefen Wafler
welchem Walpa hineilte, lagen grünende | davonrann. Ohne Bedacht ftreifte fie
Rübenfelder und abgeweidete Wieſen, ihren Ueberrod von fi und fprang
auf denen bie blafjen Kelche der Zeit | in den Fluß. Sie rang mit den Wellen,
loſe ſtanden. — Allmälig war es|fie verlor allen Grund und Halt, fie
348
fiel um, wallte davon und verfchwand | heute ftede und daß für ben Abend
unten, wo fih die Weidenbüfche ſchwer | auch er ſelbſt in's Wirthshaus fomme.
und bunfel über den Fluß mölbten.
Die Kinder fchoffen planlos um:
ber; nur ein ahtjährig Mädchen blieb
gefaßt und fagte zu einem andern:
„Du, jest muß ich zum Pfarrer gehen,
daß geläutet wird, weil der Hütten:
baumer Michel und die Seizmüllerin
ertrunfen find.”
Da wand fih unten zwifchen den
Sträuden die Walpa hervor, in ihrem
Arm den bewußtlofen Knaben haltend,
aus deſſen Mund ein Waflerftrom
hervorquoll. Sie legte ihn fofort über
der nächſten Feldplanke auf den Bauch,
fo, dak Haupt und Füße zu beiben
Seiten niederhingen, fie preßte alles
Waſſer hervor und rieb feinen Leib
— da hub der Kleine wieder an zu
athmen.
Bald kamen mehrere Leute zuſam—
men und der Michel und die Walpa
wurden unter freubiger Erregung nad)
Transau gebradt.
„Heut’ hat die Seizmüllerin ben
Hüttenbaumer Buben aus dem Waller
gezogen!” Die Kunde verbreitete fich
bald im ganzen Thale. „Sie wäre
felber ſchier dabei ertrunfen. Sie iſt
aber ein Fräftiges und muthiges Weib,
bat fih und den Knaben mit Noth
noch herausgearbeitet. Jetzt ift fie im
Pfarrhof unten und der Richter ift
zu ihr gegangen und die Herren find
alle beifammen und loben die Walpa ;
und die Hüttenbaumerleut’ find auch
ihon herausgelommen von ihrem Gra-
ben und fie wiſſen gar nicht, was fie
der Müllerin Gutes anthun follen.”
E3 war auch fo. Die Walpa
wollte fort; aber fie ftaf in den Klei—
dern der Pfarrersköchin, denn Die
ihren waren nod nicht getrodnet.
Eine große Unruhe war in ihr, aber
fie mußte aushalten und für den
Abend wollte man zur eier ber Hel-
denthat eine Unterhaltung anitellen ;
— und dem Müller wollte man es jchon
zu wiffen thun, wo fein braves Weib
Da berichtete Einer, der Seizmüller
wäre heute gar nicht daheim und dem
lauten Klappern nah ginge auch
die Mühle ſchon den ganzen Vormit—
tag leer.
„Ja, find denn ſonſt feine Leute
auf der Mühl?” fragte man.
Der Miühlburfhe fei vorgeitern
davon und die Anderen wüßten nicht
Befcheid. Auch könne man gar nicht
in die Mühle hinein, fie ſei verjperrt
und e3 würde doch nöthig fein, daß
die Müllerin auf ein halbes Stünd:
hen nad Haufe gehe.
Als Walpa gegen die Mühle kam,
eilte ihr eine Magd entgegen: „Sie
folle doch nicht gar zu hart erſchrecken
um bes lieben Gottes Willen, in der
Mühle ſei Heut’ was gejchehen.“
Wortlos aber feiten Schrittes
ging Walpa weiter. Die Thür der
Mühle war bereit3 weit offen, das
Räderwerk war geftillt. Nacbars-
leute ftanden herum, ſprachen viel hin
und ber, und als nun die Walpa
nahte, ftellten fie fidh bei Seite und
redeten nichts. Nur Einer trat ihr
entgegen: „Müllerin, dieweilen Ihr
heut’ fo wader ſeid geweſen, ift ba-
heim Schlecht gehauft worden. —
Kein Menſch weiß, was ihm wider:
fahren.“
Er führte fie in die Mühle und
deutete im Dunkeln hinter der Thür
zu Boden. Dort lag, hart am Pfoften,
der Seizmüller ftarr und tobt.
Die Leute hatten fi herange—
drängt, um zu fehen, wie fi das
Weib bei dem todten Gatten geber:
den werde. Set blidten fie fih ge:
genfeitig an. Walpa ftand an ber
Leiche ohne ein Zeichen des Schmer-
zes, ohne ein Wort der Klage. Nicht
einmal Ueberrafhung war an ihr zu
merken. In grauenhafter Ruhe ftand
fie vor dem Todten.
„Da kann er nicht liegen bleiben“,
fagte fie endlich, „die Leute ſollen ihn
ins Haus bineintragen.”
349
„Nein“, verjegte einer der Männer,
„das darf nicht geſchehen; wir müſſen
ihn liegen laſſen, bis der Arzt und
bie Herren vom Bezirksgericht da find.”
„Was wollen denn bie?” fagte
die Walpa falt, „daß er tobt ift, das
feht ihr auch, und jo hat man nichts
weiter zu thun, als ihn zu begraben.”
Die Leute ftußten.
„Der liegt Schon lang’ da hinter
der Thür”, bemerkte ein Bauer, „viel
leicht jeit früh, da die Müllerin
jelber noch in der Mühl’ gemefen ift!”
„Leicht fieht fie ihren todten Mann
jegt nit das erftemal”, fagte ein
Anderer.
„Das Schaut feltfam aus.”
„Die zwei Leut' Sollen fich ja
jpinnefeind gewefen fein.“
„3 geht nicht recht her.“
„Am Ende hat fie ihn umgebracht“,
warf Einer ein.
Sie fonnte e8 gehört haben, that
aber nichts besgleichen.
Da ftellte fih Einer vor fie hin
und rief: „Du, Müllerin, viel wett’
ih nicht, Du haft was angejtellt !“
„IH?“ verjegte fie mit den Au:
gen zudend, „was kann ich denn an-
geftellt haben?”
„Wird fich weiſen!“ —
Spät Abends kamen Werzte und
Herren vom Gericht. Sie jahen zu:
erft die Leiche des Müllers und be:
Ichrieben, wie fie lag hinter ber
Thür. Sie fagten: „Es läßt ſich
ziemlich fiher conjtatiren, daß er eines
natürlichen Todes nicht gejtorben ift.”
Die Herren vom Gericht gaben Wei—
jung, daß fofort das Haus bewacht
werben folle, jo daß niemand dasſelbe
verlaffen könne. Hierauf ftellten fie
eine Bank mitten in der Mühle auf,
legten die Leiche auf diejelbe hin und
ließen mehrere Spanlunten anzünden.
Friſch mit dem Meffer machten fie
fih daran. Ziemlich wortfarg ging
die Arbeit vor fih, nur mandhmal
ein furze3 Gemurmel, ein verftänbniß-
voller Blick.
Nah kaum einer Stunde war’ der
zerriffene Körper mit einem meißen
Tuche bededt.
Die Herren begaben ſich — es
war ſchon Mitternacht — in die Stube
der Müllerin. Diefe lag angefleibet
auf dem Bette und barg ihr Geficht
in das Kiffen. Man rüttelte fie auf.
Sie ſtrich fih mit Haft die Haare
aus der Stirne und ftarrte ben
fremden Männern ind Geficht.
Einer von dieſen erhob feine
iharfe Stimme und fagte: „Euer
Mann, der Seizmüller, ift dur Ar-
jenif vergiftet worden.“
„So?“ antwortete fie, „dann hat
er Rattengift gegeifen.”
„Man bat ihm das Gift in ben
Kaffee gethan!“
„— Wer wird ihm denn das Gift
in ben Kaffee gethban haben”? fagte
fie dumpf.
„Es iſt alles bemwiefen. Hier ift
der Reſt in der Kaffeefchale, die ihr
ihm jelbit vorgefeßt habt. Euch Hilft
gar nicht3 mehr, Seizmüllerin, gefteht
es nur, ihr habt Euern Mann ums
gebracht.“
Da fuhr die Walpa zufammen,
ein wilder Krampf jchien durch ihr
ganzes Weſen zu toben. Die Männer
ftanden bewegungslos da und blidten
fie an. Nun löfte fi allmälig bie
grauenhafte Starrniß, ihre Arme
janfen auf den Schoß und fie hauchte:
„Da — da bin ih. Hab's ja gewußt,
diefe Ehe bringt mid noch auf den
Galgen.“
Am nächſtfolgenden Tage iſt ſie
dem Gerichte überliefert worden.
*
* *
Zange ließ man die Seizmüllerin
nicht in ihrem Gefängniffe. Wozu ſoll
der Staat ein ſolches Wejen noch
füttern? hieß es.
Eine Woche vor dem Allerheiligen—
feſte, zur Zeit, da in der Gegend die
lautluſtigen Kirchweihen abgehalten
wurden, führte man die Walpa in
den Gerichtsſaal. Da ſtand fie vor
350
dem grünen Tifhe, auf dem das
Kruzifir und zwei rothe Kerzen ragten.
F
Hinter dem Tiſche ſaßen die Richter. darmen ſtanden,
Nicht weit von der Sünderbank
Walpa, neben welcher zwei Gen—
wieder an einem
Links davon auf einer Doppelbank eigenen Tiſchchen, ſaß endlich ein ganz
waren zwölf Männer, theils in ſtäd—
tiſcher, theils in ländlicher Kleidung.
Walpa ſah Bekannte darunter. Da
war der Thorhofbauer, der ihr einſt
zur Heirat mit dem Seizmüller ge—
rathen, da war der Erlsberger, der
ihr auch nicht abgeredet hatte. Neben
dieſem ſaß der Kaufmann von Salg:
ftein, der ihr das Nattengift verkauft
hatte; nicht weit von dieſem ber
Hammerſchmidt, welcher ihr mehrmals,
fie bedauernd, zu verftehen gegeben,
der wilde Seizmüller würde fie noch
eine? Tages todtichlagen, jo wie er
fein erſtes Weib todtgejchlagen habe.
Und endlich jaß noch Einer unter den
ernfthaft dreinichauenden Männern,
bei deſſen Anblif der armen Walpa
das Herz weinte. Es war ber einftige
Poftillon, der Blafius Steiger — nun
ſchon glücklich verheiratet — es war der
Mann, an den fie Liebend und fehn:
juchtsvoll jo oft gedacht hatte. — Das
waren jegt ihre Richter, die Gefchwornen.
Rechts vom grünen Tiſch, vor
einem Pulte ſaß auch ein Bekannter,
Es war jener Herr, den die Walpa
ſchon zweimal gejehen hatte. Das erfte-
mal vor etlihen Jahren, no im
Wieſenwirthshauſe; das zweitemal
ſpäter oben auf dem Zinken bei der
Kapelle und bei den Zirben. Er
hatte damals Manches zu ihr ge—
ſprochen, woran ſie ſeither oft und
oft gedacht, er hatte ihr ja einen ganz
neuen Lebensweg vorgeſchlagen — „er
hätte es gewißlich gut mit ihr ge—
meint”.
Heute trug er einen jchmarzen
Frad, deſſen Aufſchläge mit filbernen
Borten und Knöpfen geziert waren.
Er warf nur ein paar furze Blicke
auf die Angeklagte hin, blätterte dann
eifrig in den Schriften und Büchern,
die vor ihm lagen und jchrieb zu:
weilen mit dem Bleiftift etwas auf
ein Blatt.
fremder jchwarzgefleideter Mann mit
dunklem Vollbarte und blaffem Ge:
fiht. Auch der hatte ein Buch vor
ſich liegen, doch ftülpte er fein Haupt
auf den Elbogen und ftarrte vor ſich
in das Leere.
Walpa ſah nicht um, merfte aber
feiht, daß hinter ihr eine große
Menſchenmenge verfammelt war. Diefe
flüfterte und war unruhig und fonnte
den Beginn der Berhandlung faum
erwarten.
Endlich begann das Verhör. Der
Richter fragte die Angeklagte, was
fie veranlaßt habe, ihren Mann aus
dem Leben zu jchaffen.
„Ich habe mir nicht anders zu
helfen gewußt“, antwortete die Walpa.
Hierauf wurde Punkt für Punkt
erörtert, von der Werbung des Geiz:
müller8 bi8 zu deſſen Xobe, Die
Miphandlungen und Rohheiten, die
fie zu erdulden gehabt, ihre Verjuche,
von ihm loszufommen, ber Feimende
und wachſende Gedanke endlich, ſich
dur) das legte Mittel von ihrem
Peiniger zu befreien.
Malpa gab auf die Fragen, die
ihr geftellt wurden kurze, aber ent:
jchiedene Antworten. Eine befonbere
Aufregung war an ihr nicht au merken,
und als fie der Richter fragte, ob
fie denn feine Neue empfinde, die
That begangen zu haben, die ihr
Lebensglüd, vielleicht ihr Leben ver:
nichtet habe, antwortete fie: „Es ift
nicht möglich, daß es noch jchlechter
mit mir wird, als es gemejen ift.“
Nah alldem und Anderem begann
fih der Mann zu rühren, der rechts
vom Richtertiich bei feinen Schriften
ſaß und während des Verhörs immer
in feinem Buche geblättert hatte. Er
erhob fi nun, und derjelbe, der jeiner-
zeit im Gebirge zu Walpa gejagt
hatte: dieſer Seizmüller muß eine
elende Kreatur jein, von dem mußt
351
du bich befreien, — begann nun eine
Rede zu Halten, in welcher er die
Guttenmörderin mit den ſchärfſten
Morten anflagte und jeden Erſchwe—
rungsgrund angelegentlichit hervorhob.
Und feine Rede jchloß er mit folgen:
den Worten: „Sie jehen alfo, meine
Herren, daß bier ein Langgeplanter,
zielbemwußter, meuchlerifher Gatten:
morb vorliegt. Das ſchwärzeſte Blatt
in den VBerbrecherannalen heißt Gatten:
mord. Dieſes Verbrechen richtet die
Familie zu Grunde und erjchüttert
dadurch die Grundfeften des Staates.
Ferner müflen Sie erwägen, wie tief
verborben ein Weib fein muß, das
im Stande ift, gerade jenen Mann
auf die graufamfte Weife zu tödten,
ber fie al3 die Kiebfte erforen, dem
fie ewige Treue geichworen, ber fie
zur geachteten Stellung der Frau er:
hoben hat, der ihr Ernährer und Be-
Ihüger war. Sie haben gejehen, wie
die Angeklagte gerade in der größten
Berlegenheit eines zerrütteten Haus:
weſens, ich möchte jagen, als Bettel-
dirne von dem Seizmüller aufgenom:
men morden ijt, wie der Seizmiüller
ihren Batter gewifjermaßen vor bem
Untergange gerettet hat. Wer folche
Wohlthaten mit dem Giftbecher Lohnt,
der verdient das Leben nicht. — Ad
babe mich ſehr nach Milderungsgrün:
den umgejehen, denn der Staat, wel:
hen bier zu vertreten ich bie Ehre
habe, kennt Feine härtere Aufgabe,
al3 einen feiner Bürger vom Leben
zum Tode bringen zu müffen. Es
mögen in den Fall allerbing® Um:
fände hineinjpielen, welche Sie, meine
Herren, zur Milde ftimmen könnten ;
aber prüfen Sie ftrenge! Selbit ein
Mann, der Brot entwendet, weil feine
Kinder hungern, wird verurtheilt. Was
bier vor ung liegt, ift ein faltberedh-
neter Gattenmorb, und die vollftändige
Reulofigkeit, weldhe Sie auf dem Ge-
fihte der Angeklagten leſen, fie gelte
Ihnen mehr, als alle Erſchwerungs—
gründe, ſie mahne Sie, durch ein ge—
rechtes Urtheil weitere Verbrechen zu
verhüten. — Was Ihnen etwa noch
geſagt werden mag von Menſchlichkeit
und Milde, ſo bedenken Sie, meine
Herren Richter aus dem Volke, daß
Sie nicht geſchworen haben, hier Ver—
brechen zu verzeihen, ſondern dieſelben
nach Gerechtigkeit zu beſtrafen. Laſſen
ſie ſich durch falſche Gefühle zu einem
milden Urtheile beſtimmen, wohlan,
ſo geben ſie allen Ehefrauen, auch den
Ihren, meine Herren, das Anrecht,
ſich ihrer etwa unbequemen Gatten
durch ein übelgewürztes Frühſtück zu
entledigen. Ich verliere weiter kein
Wort, ich verlange für die Gatten—
mörderin Walpurga Wiesamer den
Tod durch den Strang!“
Nach dieſen Worten ließ ſich der
Staatsanwalt mit faſt gleichgiltiger
Miene nieder auf ſeinen Sitz und
ergriff eine Bleifeder, um damit zu
ſpielen. Walpa richtete ihr großes
Auge auf dieſen Mann, der, wie ſie
ſah, da war, um ſie zu verderben.
Sie bewahrte auch jetzt noch ihre
Ruhe, nur fuhr fie fih mit dem
Hermel einmal über die Stirne. Sie
erwartete nun von dem Richter das
Urtheil. Diejer aber ſagte falten Tones:
„Der Herr Bertheidiger.”
Sofort erhob fih der jchlanfe,
blafje Mann, welcher in der Nähe der
Angeflagten feinen Plag hatte, und
blidte zuerjt mit befümmerter Geberbe
die Nichter und die Gejchwornen an.
Plötzlich nun ſchoß ein Leuchten aus
jeinen Augen und er begann anfangs
in etwas beißender, dann in warmer
Betonung fo zu fprechen :
„Meine Herren Richter!
Der Herr Staatsanwalt hat ſich
Mühe gegeben, mir, dem Sie um
Milde und Menfchlichkeit Bittenben,
Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch
erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen
gar nicht bedarf, daß ich in dieſem
heutigen Falle nur Ihre Vernunft ans
zurufen brauche, um eine Unglüdliche
zu retten, die erbarmungslos in den
Tod geftürzt werden joll, weil fie in
der Nothmwehr ihren größten Feind ges
352
töbtet hat. — Nie noch ift mir mein ſchen vermählt. Walpurga hatte ben
Fürſprecheramt leichter geworben, als
heute, da die Verhandlung jo Har
und deutlich gezeigt hat, daß weder
Böswilligkeit noch ſchmutziger Eigen-
nuß, noch ein anderer Zug eines
ſchlechten Charakters die begangene
That verurfaht hat. Lediglich die
Liebe zum nadten Leben hat biejes
Meib auf die Sünderbank geftoßen.
Und wer, meine Herren Gejchwornen,
wer wollte nicht leben! Lebenwollen
ift ein Naturgefeß, deſſen fich ſelbſt der
binfällige Greis nicht entjchlagen kann,
geſchweige denn ein warmes Blut
von fiebenundzmwanzig Jahren. Sie
haben ja gehört, wie entjeglich ber
Seizmüller jein Weib gequält hat,
wie er fie beiſpielsweiſe wochenlang
in einer finftern Kammer gefangen
bielt, wie er fie ſchlug und der Un:
treue und Unreblichkeit zieh, während
er gewiſſenlos alle Rechte der Frau
mit Füßen trat. Sie finden in bem
Charakter des Mannes nit einen
lihten Punkt; er war ein ganz jchlech-
ter Menſch, deſſen empörende Roh—
heiten durch nichts zu entſchuldigen,
die für ihn ſelbſt zwecklos waren und
ſogar für den Pſychologen abſtoßend
und völlig intereſſelos ſind. Sie haben
gehört, wie dieſer Wütherich ſeinem
ſanftmüthigen Weibe wiederholt mit
dem Todtſchlagen gedroht. Der Seiz-
müller hätte jein Wort gehalten.
Hätte die Malpurga, nachdem Alles
vergebend gemwejen, fih von ihrem
Folterfnechte freizumachen, das Los
ihrer Vorgängerin theilen ſollen? Oder,
im beſten Falle, meine Herren, ſagen
Sie ſelbſt, ob es für ein junges, lebens—
beiteres Weib möglich ift, neben einem
Menſchen, wie diejer Seizmüller war,
zu eriftiren? Und bie freunde, an die
fie fi gewendet in der Noth, haben
fie verlaffen, ja, haben ihr ſelbſt viel:
leicht den Gedanken des einzigen, legten
Mittels beigebracht. Lag es doch offen
da: dieſe beiden Menſchen mußten
gejhieden werben. Sie waren ja nicht
vor Gott, fondern nur vor den Men-
Müller nicht geliebt und nicht ermählt ;
nur ein Opfer war ihr Entichluß,
den Mann zu nehmen; dieſes Opfer
bat fie ihrem verzweifelten Vater ge:
bracht. Aus einer Tugend, aus der
Kindesliebe, ift diefe That entiprungen,
die vor der Welt nun als Verbrechen
gelten fol. Sie haben bei der Unter:
juhung gejehen, meine Herren Ge:
ſchwornen, welche Kämpfe das arme,
einfame Frauenherz durchgerungen hat,
bi8 es dem Dämon der Natur unter-
legen ift. Wie unfagbar fie, die wohl—
erzogene und gefittete Frau, gelitten
haben mag, das Täßt fich freilich in
einer Unterfuhung nimmer zeigen. ch
fage abfihtlih, die mohlerzogene, ge:
fittete Frau, denn im vorliegenden
Falle hat der PBertheidiger wahrlich
nicht nöthig, auf die beliebten Milbe-
rungsgründe einer ſchlechten Erziehung
binzumeifen. Auch Unzurehnungsfähig-
feit und Srrfinn mag ich gerne ent:
behren, denn meine Glientin hat logisch
und fo gehandelt, wie fie handeln
mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte
mit größerer Intelligenz oder mit
weniger Ehrlichkeit begabt, fie wäre
nicht in’8 Criminal gekommen, fie hätte
leicht Mittel gefunden, den Verdacht
eined Mordes von fich abzulenken ;
und der Seizmüller wäre vor den
Augen der Welt eines jähen Todes
geftorben, wie auch deſſen erftes Weib
eines jähen Todes geftorben fein fol.
Daß aber die Angeklagte ihre That
nicht einen Augenblid geleugnet hat,
daß fie jelbft in diefer Stunde noch
ruhigen Gemüthes dafteht, das beweilt:
ihr Gewiſſen klagt fie nicht an,
der ftrengfte Richter in der eigenen
Bruft klagt fie nidt an! — Und
fällt e8 Ihnen nicht auf, meine
Herren Gejhmworenen, daß die Vor:
jehung durch einen Zufall dem armen
Meibe, wenn nicht ihre Beiftimmung,
fo doch ihre Gnade geoffenbart hat?
Walpurga hat in derjelben Stunde,
ba ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem
andern Hoffnungsvollen Menjchen das
353
—— ⸗—— —
Leben gerettet. Wollen Sie, meine
Herren Richter, den Tod mit dem
Tode beſtrafen, ſo müſſen Sie auch
das Leben mit dem Leben belohnen. —
Wenn mein geehrter Herr Vorredner
behauptet hat, Sie gäben durch ein
mildes Urtheil Ihren Frauen das An—
recht auf eine gleiche That, ſo ſage
ich: das, was Sie an dieſer Frau
ſtrafen, verſchulden Sie in demſelben
Augenblicke in einem viel höheren
Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte,
jo ſchwören Sie moralijch zur Tyran-
nenherrichaft des Ehemannes und be:
gehen einen Verrath an den Frauen.
Ya, um es kurz zu jagen, fie begehen
einen Verrath an fich jelbit, an der
Menichheit und Menjchlichkeit, wenn
Sie nah dem ftarren Buchitaben ein
bedrängtes Herz mit dem Tode richten,
das den Tod nicht verdient. Und wenn
Sie, meine Herren aus dem Volfe,
im Pharifäerftolge das Schulbig fällen,
dann fteige mit der armen Walpurga
Miesamer auch noch mand)’ Anderer
mit hinauf zum Schaffot, dann Iprechen
Sie ein Schuldig über Alle, die mit
ihrer ganzen Kraft um's liebe Dajein
fämpfen. — Nein, meine Herren, Sie
fliegen aus dem Herzen des Volfes
empor zum Nichterjtuhle, und Ihre
Stimme ift Gottes Stimme. Gott ijt ge:
recht und gütig und barmberzig, —
feien Sie es auch, und laſſen Sie
dieſes Meib, das bisher nichts vom
Glüde der Erde genofjen, das mit
heißer Lebensſehnſucht im Auge ftumm |
Sie anfleht — laffen Sie e3 leben!“
einer langen, ernften Reihe aus dem
Saale in das Nebengemad.
Und nun berrichten im Gerichts:
jaale jene für das Publikum jo auf:
regenden, für den Angeklagten jo gräß:
lihen Minuten des Schwanfens zwijchen
Freiheit und Kerker, zwiichen Leben
Sterben. Staatsanwalt und Vertheidiger
ſaßen ‚anjcheinend ruhig auf ihren
lägen, ihrer Morte Frucht gemärti-
gend. Der Richter ſaß zurüd in feinen
Seſſel gelehnt und ſchloß halb die Augen.
Die Angeflagte fauerte auf ihrer Bank
und bewegte ſich nur ein wenig, To
oft fie tiefen Athem jchöpfte aus ihrer
Bruft. Ihre Züge waren wie die Wand
jo blaß. Einen umflorten Blid that
fie gegen das Fenfter hin, zum hellen
Sonnenjchein. — Diejes liebe goldene
Licht! oder die ewige Naht! —
Welches ſoll nach menschlicher Sagung
num ihr Antheil jein? —
Endlih ging die Thür auf und
in einer ernften Reihe, wie fie hinaus:
geſchritten waren, jchritten die zwölf
Geſchworenen wieder in ben Saal und
nahmen Platz in ihren Bänken.
Dann wurde das Verdict der Ge:
Ihwornen verkündet: Auf den Antrag,
Ihuldig zum Tode durd den Strang,
hatten eilf Stimmen mit Ja, eine mit
Nein geantwortet.
Walpa hatte e8 gehört. Sie richtete
jih auf und mit feiter Stimme ſagte
fie: „Ich bitte nur um Eins. Lapt
mir’? willen, welcher hat mir das
Nein geſchenkt?“
Keine Antwort. Finfter blickten
Erjchöpft war der Sprecher zurüdige: | Nichter und Geſchworne drein. Nur
junfen auf den Stuhl. Auch die Walpa | Blafius Steiger, der einftige Burfche
ließ fich nieder auf ihre Bank, In mit dem Poſthorn, ſchlug fein Auge
ihrem Auge ftand eine ſchwere Thräne. | nieder und wurde roth und blaf.
Der Vorſitzende fragte die Ange: Walpa jah es und aufathmend,
klagte, ob fie irgend noch was zu be: | hell wie im Jauchzen rief fie das
merken habe. Sie verneinte mit einem | Wort: „ch hab's gewußt, er kann
Niden des Hauptes. So erhoben fich | mich nicht verdammen. Nun habe ich
nun die Gejchwornen und fchritten in | gelebt, nun will ich fterben!”
Rofengers „Heimgarten‘‘ 5. Hefl. 23
354
Altdeutfhe Bilder.
Bon R. 3. Schröer.
Ein Mutterfegen.
In alten, alten Zeiten ftand
Ein Mütterlein an Bergesrand.
Und unten zog ein junger Deld,
Ihr Sohn, fort in die weite Welt!
"Ihr war, fie wußte felbft nicht wie,
Da fiel fie nieder auf die Knie.
Und, wie fie ihn fah ferne zieh'n,
Hob fie die Hände über ihn:
„Ich hau Dir nach und jende Dir
Mit jeder meiner Hände Dir,
Mit jeder Hand fünf Fingern mein,
Dir fünfundfünfzig Engelein!
„Daß Bott Dich einft mit gutem Glück
Mir wieder jende heil zurück;
Er öffne Dir das Freuden Thor
Und ſchließ vor Dir der Leiden Thor,
„Er jei vor Dir und binter Dir
Und ober Dir und unter Dir!“
Und wie fie ſprach jo inniglich,
Verklärten ihre Züge ſich.
„Und wo Du wallef, wo Du eilt,
Sei Frieden mit Dir, wo Du weilit,
Sold Frieden, wie er war beitellt,
Da unfer Seiland kam zur Welt !“
Der Mutter Segen zog mit ihm
Mie Seraphim und Cherubim ;
In Glück und Unglück ibn umtreift
Der Mutter liebevoller Geift.
Dod als nad) Iahren ihn das Glück
Führt! in die Heimat heil zurüdt,
Da wurde ihm das Herz jo ſchwer,
Da ftand der Mutter Hüttlein leer!
Sie lag im ftillen Grab allein,
Bededt von einem ſchlichten Stein.
Da kniete lang im Abendwind
Der beimgefehrte Mann, ihr Kind,
Die Brave Htiefmutter.
(Motiv eines Poltsliedes.)
„3wo Sonnen ſah idy am Simmel ftebn,
Ich ſah's mit bangem Muth,
Und vor eurem Fenſter eine Fahne weh'n,
Da ſchoß mir zum Herzen das Blut.”
„Ad Dirnlein, liebes Dirnlein mein,
Mit den Wangen fo frifc und roth:
Zwo Sonnen nidt fünnen am Simmel jein;
Die Fahne mir kündet den Tod!
„Verlaffen muß ich, jo ift mir's beſtimmt,
Meinen Deren und die Waislein mein;
Mein Herr dann Dich zur Gemahlin nimmt,
Du wirft feine Hausfrau jein
„Und wenn Du wirft jeine Dausfrau jein,
Und wenn Du recht glücklich bift,
So thu' an meinen Waislein Bein,
Mas gut und was menfdlich iſt!
„Wenn Du Deinen Kindern gibit weißes Brod,
Gib audy meinen, wenn ſchwarzes aud nur;
Wenn Du Deinen Kindern gibjt Wein fo rotb,
Gib auch meinen, wenn Wafler auch nur!
„Und jchüttelft Du Deinen das Federbett
Und find fie recht frifch und froh:
Gib aud meinen Raum zur Lageritätt‘,
Gib ihnen, wenn aud nur Stroh!“
Die Frau ift geftorben, der Herr, er nahm
Das Pirnlein, das junge Blut.
Doch als fie jelber Kinder bekam,
Da that fie menſchlich und gut:
Den Waislein gab fie das weiße Prod,
Den eig'nen das jchwarze nur;
Den Waislein gab fie vom Wein jo rotlı,
Den Eignen vom Wafler nur.
Den Waislein gab fie ein Federbett,
| Da waren fie frifh und froh!
‚Den eignen gab fie zur Lagerftätt
| Auf der Erde ein Schäublein Strob.
| Da jpridt eines Tages der Herr zu ihr;
„Du liebe Hausfrau mein,
‚Mas gibft Du nicht gleich, o ſage mir,
All unſern Kindelein ?"
Das Pirnlein kömmt zur Frau hinein,
Der Morgen dämmerte faum:
„Ach Arauchen, liebftes Frauchen mein,
Wer deutet mir den Traum ?
„Deine erſte Frau mid bat, wenn Du
‚Mein Ehgemal einft bift:
Daß ich an ihren Kindern thu'
Mas gut und menjchlich iſt!“
355
Das Porträt.
Der Bejuch der kleinen Refibenz:
ftabt hatte mich einen ganzen Tag
feitgehalten. Der Hofgarten mit jeinem
Belvedere, von dem man die Ausficht
auf die dunfelblauen Berge bat, ber
fleine, von Trauerweiden beichattete
Tempel am Teiche mit feiner Statue
der Penelope als PBerionification der
Gattentreue, das fleine Theater, wo
einjt mythologische Allegorien und fran:
zöſiſche Paftorale aufgeführt wurden,
fie gaben Stoff genug zur Betrachtung.
Ich belebte mir die verlaffenen Räume
mit den Gejtalten der Hofherren in
der Puderperrücke und der goldbetreften
Roquelaure, die mit leicht tänzelndem
Schritt die großen Bandroſen ihrer
Schnallenſchuhe zeigen, mit den Ge:
jtalten der Hofdamen in baujchiger
Robe, die auf ihrer hohen Fontange:
frijur den feinen Schäferhut tragen.
Ich wandelte im Geijte in der Zeit
des Nococo.
Eine Allee von uralten Platanen,
der Gartenjcheere längft entwachjen,
führt zu einem ſeltſamen eliptijchen
Bau: dem Gartenjaal. Ich ließ mir
ihn aufjperren. Statuen ftehen umher
in den Nifchen, bier Pan mit der
Flöte am Munde, hier Paris mit der
phrygiſchen Müte auf dem feinen
Köpfchen, hier Frau Venus mit ihrem
Söhnlein, hier die Göttin der Yagd
mit der Hinde. Schwarze Neger:
könige mit Federfronen tragen bie
vergoldeten Leuchter, auf denen ſonſt
Gruppen von Wachskerzen geſtanden,
ein ungeheurer Kronleuchter hängt
von der mit reicher Stuccatur ge:
ihmüdten Dede herab. Alles ift
wohlerhalten, aber verblaßt und er:
ftorben, ein jeltjamer Modergeruch
erfüllt den Raum. Gerade fünfzig
Jahre iſt's her, daß diejer vom Groß:
vater des jetzt regierenden Herrn er:
baute Saal das legte Feſt geſehen
hat. Seitdem iſt er verſchloſſen geblie-
ben, fein Sonnenjchein ift mehr hineinge:
|drungen, fein Kerzenglanz hat ſich in den
ovalen Trumeaur wiedergejpiegelt.
Die Geſchichte aber, weshalb er
jeit jener legten Feſtnacht geichloifen
gehalten wurde, hat fih noch in der
ı Erinnerung einiger alten Leute erhalten.
Ich gebe fie einfach, ohne Aus:
ihmüdung wieder.
I
Franzisfa von Marwitz hatte fich
faum ein Jahr nah ihrer er:
beiratung auf eine traurige Reife
begeben müſſen. hr junger, vor
furzem noch blühender Gemahl war
an einem jchleichenden Leiden erfranft,
die Nerzte meinten, daß nur von einem
milden Klima Heilung erwartet wer:
den könne. So lebten die Gatten
einen Winter in Venedig. Aber bie
Krankheit ſchritt ohne Stiljtand vor:
wärts, der Tod raffte den jungen
Mann dahin und ald Witwe von zwan:
zig Jahren kehrte Franziska in die
Heimat zurüd.
Die beiden Gatten hatten ſich
unausiprechlich geliebt. Vor dem Schei-
den loderte die Leidenſchaft in beiben
Herzen noch einmal fo hoch auf. Es
mar nur eine freie Neußerung ihres
Schmerzes, dab Franzisfa am Bette
des Sterbenden das Gelöbniß ablegte,
dem Geliebten noch über dag Grab
hinaus die Treue zu bewahren und
fih nie wieder zu vermählen.
Drei Jahre hindurch hatte fie
jede Freude, jede Zerftreuung ge:
flohen und war nicht zu bewegen ge:
weien, ihr jchwarzes Witwenfleid ab-
zulegen. Wilft Du denn, fragten fie
täglich ihre Verwandten, Dein junges
Leben ganz vertrauern? Meint Du,
daß die Todten darum willen, ob wir
Ihwarz dahergehben? Du haft lange
geweint, es jei genug. Du haft genug
Freuden an Dir vorüberziehen lafjen,
es ijt Beit, wieder zur Welt zurüd:
zufehren,
28*
356
Franziska hatte gegen das Männer:
geſchlecht die größte Gleichgiltigkeit
bewahrt. Nun näherte fich ihr ber
Fürft, ein Schöner, noch junger, lediger
Mann. Er machte ihr zuerjt von acht
zu acht Tagen einen Beſuch, nun
bewog er fie, ind Theater zu gehen
und ſich ein ernſteres Stüd anzujehen,
er zeigte fi dann unfehlbar in ihrer
Loge. Das gab viel zu reden in ber
Refidenz, denn noch feiner anderen Dame
war bieje Ehre widerfahren.
Der Fürft verbarg feine Gefühle
nit. Er ſagte wiederholt zu feinen
Freunden: Es gab nie eine liebens—
werthere Frau, als Franziäfa von
Marwig. Ich würde mich glücklich
Ihägen, wenn fie meine Hand annähme.
Sie erfuhr dieſe nicht unabfichtlich
fallengelafjenen Aeußerungen; aber fo
oft der Fürft ihr näherrüden wollte,
war's, als träte ein Hinderniß zwi—
jhen Beide: der Todte, dem fie die
Treue überd Grab hinaus gelobt.
Indeſſen konnte die treue Anhäng-
lichfeit und warme Verehrung eines
jo waderen Mannes wie der Fürft
war, ihren Eindrud auf das Herz
der jungen Witwe doch nicht ver:
fehlen. Frau von Marwitz zeigte an,
daß fie dieſen Winter bei ben Hof:
feften erfcheinen werde.
Sogleih fagte der Fürft ein
coftümirtes Ballfeft an, um den Ein: |
tritt würbig zu feiern.
Alles was die Stadt und bie
Umgegend an vornehmen und vor:
züglihen Perſönlichkeiten befaß, war
geladen worden. Der eirunde Garten:
jaal war mit den fchönften Gewäch—
jen der fürftlihen Treibhäuſer ge:
Ihmüdt, der mächtige Kronleuchter
ergoß jein Licht auf ein Gebränge
von frohen Gäften, unter denen die
reizvolliten Frauen nicht fehlten, Die
Ihwarzen Negerfönige mit den Feder—
fronen hielten ihren Strauß von
Wachskerzen gleihjam in heiterer
Dienftbarfeit empor... ALS Frau
von Marwitz, die Königin des Feſtes,
den Saal betrat, fiel die Mufik mit
einem feitlihen Jubel ein. Das Be:
wußtjein, daß das Feſt ihr gelte,
machte fie ftolz und gab ihrem fonft
jo ernten Gefichte einen heiteren Zug.
Aber fie hatte kaum einige Schritte
vorwärts gethan, als fie jtodte. Sie
fühlte fih genirt in ihrer Robe von
carmoifinfarbener Seide und bewegte
fih nur wie ſcheu.
Der Eintritt zahlreiher Masten
jteigerte indeß die laute Heiterkeit
ber Gäſte. Es wurde nach dem Takte
der Mufif eine Promenade burch den
Saal ausgeführt. Die ganze Geſell—
ihaft 309 in den abenteuerlichiten
Schlangenwindungen paarweije dahin,
Franzisfa am Arm des Fürjten.
Der Fürft hatte feine Dame eben
verlaffen und die Muſik jchwieg, als
eine männlihe Maske in jchwarzer
Kleidung an Frau von Marwig heran:
trat. Die Maske hatte kaum einige
Worte mit der jchönen Frau gewech—
jelt, als fie ein goldene® Medaillon
aus der Bruft 309. Dabei ftreifte der
hwarze Ritter den Handſchuh ab,
er drückte eine Feder und hielt der
Dame ein Miniaturporträt entgegen.
Die Wirkung war eine jchredliche.
Frau von Marwig war augen:
blicklich ohnmächtig geworden und
wurde todtenblaß und bemwußtlos von
den Armen der Umftehenden aufge:
fangen.
Ein Bild des Schredens, eilte der
Fürſt herbei.
„Einen Tragjeffel!” hörte man
ihn rufen.
Man ſah fich beftürzt an, man
jtellte fich in Hundert Formen die Frage
wie das gelommen? Niemand wußte
eine Erklärung. Man fuchte nun den
ſchwarzen Ritter, den Unheilftifter.
Aber er war verſchwunden.
Bald darauf hörte man einen
Wagen rafjelnd davonfahren. Es war
die Hofequipage, die Frau von Mar:
wig nad Haufe brachte.
Der Ball hatte ein rafches Ende
gefunden.
—
357
I.
Als Frau von Marwik langiamı
unter der Obhut ihrer Tante zu fich
gefommen war, erzählte fie Folgendes:
„Du weißt Doch wie alles war. Der
legte Tag war gefommen, die Nacht,
von ber ich nicht wußte, daß fie bie
legte fein jolle. Ich hatte ein wenig
meinen Schwur gemahnt. Ich darf
den Fürften nie mehr jehen.“
Troftlo8 verließ der Fürſt das
Haus, ohne Franziska gefehen zu haben.
Während man die Kranfe zu Bette
brachte, ſprach der Medicinalrath mit
den Angehörigen.
„Wir haben es“, fagte er, nachdem
geichlafen. Da ließ mich Marwig rufen. |er deren Erzählung angehört, „mit
Ich trat an's Bett. Seine Augen einer ftarfen Nervenerjhütterung im
erfannten mich nicht mehr, wohl aber | Folge eines gehabten Schredens zu
noch da3 Medaillon mit dem Porträt, |thun. Doch an der Heilung der Pa:
das er in Venedig hatte malen laflen. |tientin wird dem Bolizeidirector ein
Er hatte es während feiner Krankheit ebenſo wichtiger Antheil wie dem Arzte
nie von fich gelaffen, er 309 e8 immer |zufallen. Die Sade it far. Man
wieder aus der Bruft hervor und hat das Grab des Herrn von Marwitz
blidte e8 an. „Ich habe eine Bitte beraubt und das Medaillon wieber
an Dich“, flüfterte er, — ad, mit
welcher Stimme, jo hohl — jo klagend
— „es ijt mein legter Wunſch, Du
wirft mir ihn erfüllen. Laß mir dies
Medaillon, gib es mir in's Grab
mit...” Ich verjprad es ihm. Er
wollte mir danfen, feine Stimme ver:
jagte den Dienft, aber ich fühlte den
Drud feiner Hand. E3 fam ein letter,
furchtbarer Anfall und er erlebte den
Tag nicht mehr.“
„Run, und“ —
„Nun, das Medaillon, das er nicht
von fih laſſen wollte, das Porträt,
dad man ihm feinem Wunſche gemäß
in’3 Grab mitgegeben, Er hat es mir
entgegengehalten! Er — denn ich weiß
ihm nicht anderd zu nennen. Ich er:
fannte das Bild, Zug um Zug, ich
erkannte das Medaillon.”
„Eine jchredhafte Einbildung !“
„Nein, feine Einbildung. Wohl
aber eine Erſcheinung. Was ich ge:
jehen, hab’ ich geſehen.“
Der Fürft ließ fih melden.
„Ich darf ihn nicht wiederjehen“,
tief Franziska, erſchreckt aufipringend.
Nie, nie mehr. Warum fam Er und
hielt mir das Bild entgegen, ſchwei—
gend, wie mit vorwurf3vollem Blide?
Weil er um mich geworben — weil
ih nahe daran war — doch nein,
nichts mehr davon. Er hat mich an
zu Berfauf gebradt. Ein Böswilliger
hat e8 erftanden und es Frau von
Marwig triumphirend vorgemwiejen. Es
war ein graufiger Scherz und daß ber
Thäter die Tragweite desſelben kannte,
beweift der Umftand, daß er nicht mehr
aufzufinden if. Der Mann in ber
ſchwarzen Maske ift ein Räthſel.“
III.
Das Fieber, das Frau von Marwitz
befallen hatte, war ſchwer und führte
jie bi$ an den Rand des Grabes. In
‚ihren Phantafien ſprach fie immer von
ihm, der aus dem Grabe gefommen
jei, ihr ihre Untreue vorzuhalten.
Sie lag noch zwiſchen Tod und
Leben darnieder, als ein junger Menjch,
der fich durch feine äußere Erfcheinung,
wie durch fein gebrochenes Deutjch als
Fremder und zwar als taliener ver:
rieth, fih im Haufe meldete und Die
Dame zu jprechen begehrte.
Man ermwiderte ihm, daß fein Be
ſuch vorgelafjen werben bürfe.
„Ich ftelle mich Ihnen”, ſagte nun
der Fremde zu den Angehörigen „als
den Unglüdlichen vor, der unmiffentlich
und ohne es zu beabfichtigen, die eble
Frau jo jehr erichredt hat. Als ich
von den Folgen meiner Unvorfichtigfeit
hörte, bin ich tief erfchroden, ſeitdem
lage ih mich fortwährend jelbit an
und bin zurüdgeeilt, das Räthſel, das
358
fie beftürzt hat, zu löjen. Ich bin ein | betrachtete es lange, legte es dann
Venetianer, der Sohn des Malers wieder ſcheu weg.
Signorelli, der die Dame in Venedig Sie ſchien der Etzadlung keinen
gemalt hat und ſelbſt Maler. Ich ſah rechten Glauben beizumeſſen.
die Dame im Atelier meines Vaters, Der Fürſt verdoppelte ſeine Auf—
ich beneidete ihn um das Glück, das be ı merkjamfeit, die ſich ‚sranzisfa mit
zaubernde Bild malen zu dürfen und einer milden Freundlichkeit gefallen
copirte e3 im Stillen für mich, während | ließ. So viel treue Liebe, durch alle
mein Vater daran arbeitete. Derjelbe | Vorkommniſſe noch vertieft, ſchien end-
Goldſchmied verfertigte die beiden Me: | [ih belohnt werben zu ſollen. Man
daillous. Eins wurde Herrn v. Mar: ſprach wieder von einer bevorftehenden
witz übergeben, das andere behielt ich | Heirat, aber je näher der Tag fam,
zurüd... Als eintheures Andenken habe | der die Beiden hätte vereinigen jollen,
ih es bei mir getragen. Auf einer deſto ernfter und bläffer wurde Fran:
Reife duch Deutichland begriffen,
fonnte ich an der Etadt nicht vorüber: | eine unrubige, jprunghafte Stimmung
gehen, in der die bewundernswürdige auf, die der jonft jo ruhigen, gleich:
Frau mohnte. Ich kam am Tage des | mäßigen Frauennatur gänzlich fremd
Ballfeſtes an, mein Wunſch, fie zu war. Endlich erklärte fie, e8 könne von
fehen, war unbezwinglich, ic) verjchaffte | einer Verbindung zwiſchen ihr und dem
mir einen Masfenanzug und bin unter | Fürjten feine Rede fein, fie wolle dem
deſſen Schuß in den Saal gelangt. | Todten die Treue bewahren.
Ich Habe mich ihr, das Bild in der Im nächſten Winter — gerade am
Hand, vorjtellen wollen — doch fie | Jahrestage jenes Feſtes mit traurigem
verjtand nicht meine Anjprache, meine | Ausgang — erkrankte Frau von Mar:
Bewegung muß mich ihr unheimlich ha- | wit ein zweitesmal. Nach drei Tagen
ben ericheinen lafjen: ich jah wohl, daß |raffte fie der Tod hinweg.
fie mid) wie eine Geiftererjcheinung Der Fürft ließ ihr zur Erinnerung
anftarrte. ALS ich fie ohnmächtig Jah, den Tempel am See erbauen und
entfloh ih. Mehrere Tage habe ich |ftellte darin die Statue der Penelope,
mich in ber Nachbarſtadt aufgehalten. |die an fie erinnern follte und ihre
Dort erſt erfuhr ich, welches Unheil | Züge trug, auf.
ich angerichtet. Aber der arme Signo- Der Gartenjaal wurde für immer
relli ift unfchuldig! Die edle Frau hat geſchloſſen.
feinen wärmeren Verehrer. Kann das Der Fürft lebt noch, ein Greis
Medaillon die Kranke von ihren Vor- | und unverheiratet.
ftelungen heilen — bier — fo werth —
es mir war, ich laſſe es in Ihren Als ich Abends noch den Teich
Händen zurück. Es hat ſchrecklich ge- entlang ging, überglänzte ihn die
wirkt in meiner Hand, nie mehr könnte niedergehende Sonne und ließ den
ich es ohne Schmerz betrachten“ ..... ſchilfumrankten grünen Punkt in der
Das Räthſel war hiemit gelöſt, Mitte wie eine Geiſterinſel erſcheinen.
aber Frau von Marwitz war nicht in Ich trat in das kleine Heiligthum des
der Lage, die Löſung zu vernehmen. Tempels, das mich jetzt mehr als vor—
Ihr Geiſt irrte noch in dem wilden | hin anzog und las auf einer Granittafel
Gebiete der Fieberphantafien umher. am Sodel folgende Zeilen:
Sie kam doch auf. Die böſen „Zur Erinnerung an Franziska
Geifter fchienen für immer in die | von SINN: ——
= : Dauernder in den Steir
u ent | Aid ine de, arten
; — Jenſeits noch werd' ich Dich lieben,
Zaghaft nahm fie es in die Hand, Gibts für ums ein and'res Sein.“
359
Der jchmerzlihe Gedanke, der in
biefen einfachen Worten zum Aus:
druf kam, feſſelte mih und ließ
mich einen Augenblid zögern. Auf
dem Seejpiegel vor mir zogen Schwäne
ihre Kreife. Zwei berjelben, ganz
ihwarz, in treuer Gattenliebe vereint,
zogen immer paarweiſe, ein dritter,
grauer, war allein. Nun tauchte Eins
der beiden Gefährten unter, erfchien
wieder und verſchwand auf ber Inſel.
Der Zweite folgte. Der Graue war:
tete, als ob fie mwiederfehren würden,
dann ſchien er fih einfam zu fühlen
und wollte folgen Laß fie, dachte
ih bei mir, fie find einander genug.
Störe fie nit auf ihrer Geifterinfel!
Alfred Meiner.
00%
Pord Byron’s erſter Schritt in’s öffentlide Peben.
Bon Emilio Cafelar.
Deutfh von Prof. Julius Shan; in Rom.
Der Eultus der Kunft hätte im
Leben Lord Byron’s für die von feinen
Eltern vernadhläfjigte Erziehung und
jeine erjte unglüdlihe Jugendliebe
einen wohlthuenberen Erſatz bieten kön—
nen. Eine dee abjorbirt das Leben
dermaßen, daß fie dem Herzen feinen
Raum läßt, auf andere Gedanken zu
fommen, no dem Willen die mate:
vielle Zeit, fih mit dem Böjen zu be
Ihäftigen. Das unenblihe Vergnügen
an ber Arbeit, an der langſamen Aus:
arbeitung eines Werkes, an der beftän-
digen Betrachtung jener Urbilder, welche
uns durch den Sinn ziehen, vertreibt
in Wahrheit allen Gejhmad an der
niedrigen Wolluft der Materie. Es
gibt Fein phyfiiches Vergnügen, wel-
ches fi mit der geiftigen Freude an
großen Künftler-Schöpfungen oder an
großen wiſſenſchaftlichen Entwürfen
vergleichen läßt. Die Kunft erzog
Michelangelo, die Mathematik Newton,
die Philojophie Kant zu einer jo reinen
Keuſchheit, daß fie gewiſſermaßen bis
zu einer myſtiſchen, ja einer klöſter—
lihen Jungfräulichkeit ging. Ihre Liebe
war das Ideal, ihre Geliebten waren
die been, ihre Nachfommenjchaft die
Statue der Nacht, die Kritik der reinen
Vernunft, die Berechnung bes Unend-
lihen. Byron gehörte der Menjchheit
mehr an als dieſe Genien, die eine
Art Solitair des Gebanfens, eine Art
lihen bee erleuchtet werden ; Byron
war gejhaffen, um zu lieben und um
geliebt zu werden. Ohne Zweifel war
jedoch die Begeifterung, die Gegenwart
des Idealen, der reinen Liebe zu den
reinen Formen der poetiihen Schön:
beit, alles Große, was ihm die Seele
erfüllte, mächtig genug, um ihn nicht
in jene® namenlofe brutale Lieben
verfallen zu laffen, das zwei in bas
unreine Vergnügen eine® Moments
verjunfene Körper empfinden, der vor-
übergeht wie der Schwindel des Rau—
iches, um im Geifte nur eine Erinne:
rung voll Beihämung und im Herzen
das Gefühl einer ewigen Enttäufchung
für das ganze Leben zurüdzulaffen.
| Gleichwohl war er auch im Eul-
tus der Kunft unglüdlid. Er ftrebte
vor der Zeit nach Ruhm und begeg-
nete dem herbiten Tadel.
Man muß mit dem Berufe zum
Schriftiteller geboren jein, um die Un—
geduld zu begreifen, mit der man im
eriten Jünglingsalter feine Werke ge:
drucdt zu fehen wünſcht; und wenn
fie gebrudt find, die Ungeduld, mit
der man jedes Urtheil jammelt, mit
ber alle Stimmen gewogen werben.
Die Eigenliebe vergrößert das
eigene Verbienft in einer ungeheuer:
lichen Weiſe. Allein diefe Unruhe
über das Urtheil Anderer ift ein Be:
weis bes Mißtrauens gegen fich jelbit,
Statuen find, welche von einer unfterb: | ein Beweis, wie das Gemiffen im
—
Menſchen über jeder Leidenſchaft, auch Seine Ideen gingen weder über das—
über der Liebe zu ſich ſelbſt ſteht.
ſelbe Niveau hinaus, noch darunter
Unzähligemale wird der Beifall, herab, gerade wie ein ſtehendes Ge:
den man der Mittelmäßigfeit leicht
zugefteht, dem ungewöhnlichen Ber:
dienfte verweigert. Sebe große Natur
bat etwas Unbegreifliches. Jede große
Eigenichaft hat etwas Erhabenes. Und
das Erhabene erdrüdt uns mit einer
unberechenbaren Laft, vor allem wenn wir
jeine Größe nicht zu fallen vermögen.
Wie viele Leute habe ich gefehen,
die, nachdem fie das Gewölbe ber
Sirtiniichen Kapelle, da8 Wunderwerk
Michelangelos, jene Legion von Ti:
tanen, Phropheten und Sibyllen, welche
die äußerften, dem Ausdrud der Seen
zugeitanbenen Grenzen berührt, und bie
höchſten Gipfel der Kunft erreicht haben,
eine zeitlang betrachtet hatten, nichts
davon trugen als aus all’ ihrer Betrach-
tung einen großen Schmerz im Naden.
Und nichts ift leichter als jchlecht
über das reden was man nicht be:
greift. Noch mehr, e3 gibt literarische
Schulen, wie es politiiche Schulen
gibt, die alles verwerfen, was nicht
in ihre Aeſthetik oder in ihre Ber:
faflung paßt. Der Mord. und die
Verleumdung erjcheinen ihnen als gute
Waffe gegen ihre Feinde. Diejenigen
vorzüglich, die einen langen Zeitraum
hindurch den Ruhm monopolifirt haben,
können feinerlei Mitbewerber vertragen,
noch dem Sünglinge es verzeihen, ber
ihren Plag einnehmen will. Sie haben
ein Symbol des fritiihen Glaubens
gebildet, eine Kirche des Geſchmacks
gegründet, ercommumiciren die Ketzer
und verbrennen ihnen, da fie fie nicht
mit Haut und Haaren verbrennen
fönnen, das Blut.
Byron trat mit feinem erſten
Band Poeſien vor dieſe Gerichtähöfe
der Kritif, vor die berühmte Nevue
von Edinburg. Diejed angejehene Jour—
nal goß geihmolzenes Blei in bie,
Wiege des Dichters. Nie war die
Kritif jo hart, nie fo unverjöhnlich. |
Der junge Autor hatte e8 nicht ein:
wäſſer. Man nannte ihn minderjährig
im Tone der Entjhuldigung und warf
ihm die Minderjährigfeit vom Anfang
bis zum Ende feines Werkes als un:
zertrennliche Begleiterin jeines Styles
vor. Es war ihm wie allen ergangen:
er hatte von feinem Austritt aus dem
Golleg bis zu feinem Abgang von
der Univerfität eine lange Reihe aben-
tenerlicher Verje geichrieben. Man hielt
ihm vor, daß man, um Dichter zu
fein, zum wenigſten ein bischen Ge-
fühl und ein bischen Phantafie haben
müffe. Die Nahahmungen Oſſian's
und Homers waren nicht mehr als
gute Probearbeiten für eine Claſſe
der Nhetorif, und verdienten daher
nicht veröffentlicht zu werden. In der
Mitte des Artikels machte fich der
Hauptgedanfe geltend, daß der edle
Lord nicht zum Dichter geboren jei
und eine fo jeltene Kunft befjeren
Talenten überlaffen müſſe.
Lord Byron fühlte den Schlag
mit der den Dichtern eigenthümlichen
nervöfen Reizbarfeit. Der Faden diejer
Kritik ging ihm durch's Herz. Seine
Lippen jpien Blut und Galle. In
jeinem Schmerze wendete er fidh er:
zürnt gegen das Vaterland und gegen
ſämmtliche Zeitgenofjen, die mit mehr
oder minder berühmten Namen ge:
ihmüct waren. Alle die jatanijchen
Eigenſchaften, mit denen er mit jehr
ı
|
wenig Cigenliebe begabt zu jein
glaubte, hoben fich ab von dem dunklen
Grunde feiner Satyre: der Cynismus,
die Ironie, der Sarkasmus, die Wuth,
der ungejchliffene Groll und die Rach—
luſt. Der hinkende Unfterbliche tritt wie
Bulfan mit dem glühenden Ham:
mer in den Olymp Englands und ver:
ichont dort auch nicht eine der Statuen
feiner Gottheiten. Zu den einen jagt
er, daß fie geizige Kaufleute und Feine
beaeijterten Dichter find, zu den anderı,
daß man, da ein Jdiot zum Helden
mal bis zur Mittelmäßigfeit gebracht. | eines Werkes gewählt wurde, nad) der
361
Lectüre desjelben nicht wife, wer der |fahrenheit, daß er ihm ein Buch ge:
Idiot jei, ob der Held oder der Ver: | widmet habe, indem er verficherte, das
faffer des Buches; zu dieſen, daß fie | jämmtlihe Blut der Howards reiche
ein furchtbares Duell mit Piſtolen nicht bin, um aus einem Grobian
ausfochten, die mit Staub geladen |einen Gavalier, aus einem Einfalts-
waren; zu jenen, baß fie Camoëns mit | pinfel einen Weifen zu machen. Der
engliichen Spigen befleideten ; zu einem | Grund zu dieſer unfterblichen Rache
edlen Lord, daß jeine Diner mehr | verdient befannt zu werden, denn er
werth jeien als jeine Weberjegungen;|fteht im engiten Zujfammenbang mit
zu einem berühmten Gefchichtsichreiber, | einem der Gefichtöpunfte, unter denen
daß er jchreibt, weil er ift und ißt wir Byron betrachten, mit feiner Be:
weil er jchreibt; zu den Lords, daß
fie Gejellichaften bejuchen, wo ſich ihre
Töchter unter einer Schaar bezahlter
Gunuchen dem lasciven Tanze und fie
fih dem ruinirenden Spiele ergeben,
während jich jeder -in dieſem laiter:
baften Babel fjchmeichelt, das Geld
deutung als Nebner, und mit einem
der wichtigften Ereigniffe feines Lebens,
mit jeinem Eintritt in die Kammer
der Lords von England.
Lord Byron hatte Carliſte um
Schu und Beiltand gebeten, damit
‚er der Berfammlung vorgeftellt werde.
und das Weib des Nächiten zu ge: | Nichts natürlicher als der Wunſch,
winnen. Man ftelle fi vor, melche in diefer großen Oligarchie zu figen,
Wirkung dieſe Satyre in einer Geſell- | die durch ihre Aehnlichkeit, bejonders
ichaft bervorbringen mußte, wo die dazumal, mit dem römiſchen Senat
Achtung vor der Scham jo gewifjen: | und dur ihren Einfluß in der Welt
haft beobachtet nird, in der die Lip: | die Einbildungsfraft des Dichters aller:
pen jo keuſch find und die Spracde | dings erwärmen und entflammen fonnte.
jo rein! Man ftelle fich vor, wie die
von diejem feurigen Genie Getroffenen
ih gegen die Hände wenden mußten, |
die ihnen das Fleiſch verbrannten !
Eine Molfe von Schmähungen über:
309 den oeten.
Dieſe verwünjchte Satyre trug nicht
wenig zu dem unverjöhnlichen Haile
bei, mit dem er von jeinen Zeitge:
noſſen verfolgt wurde. Lord Byron
veröffentlichte fie anfangs anonym
und ſetzte jchließlih feinen Namen
davor, indem er erklärte, daß er in
London jede gewünjchte Satisfication
geben würde. Und da ſich alle darauf
bejchränften, zu murren, ohne ihn her:
auszufordern, rief er traurig aus:
„Die Zeiten der Nitterlichkeit find vor:
über !”
Unter den am ärgiten Mitgenom:
menen befand ſich einer der Seinen, |
Garlifta, der jein Vormund geweſen
war. Der edle Jüngling bereute es
nie, Die3 gethan zu haben. Sim Gegen:
theil beflagte er in einer der Aus-
gaben jeiner Werke jeine eigene Uner:
In der Seele Lord Byrons wohnte
‚neben jenem bei allen ungewöhnlichen
und genialen Talenten natürlichen
Heimweh ein außerordentlich lebhaf—
ter Ruhmdurſt. Und der größte, der
‚beraufchendfte menſchliche Ruhm ift
ohne Zweifel der Ruhm des Redners,
der ohne einen Tropfen Blut zu ver:
gießen, ohne feine Zorbeeren mit den
unjeligen Trophäen des Soldaten
zu befleden, von der Tribüne herab
die Herzen feiner Zuhörer erobert und
fie alle mit feiner Seele in Eins ver:
ihmilzt. Es gibt fein ähnliches Schau:
ſpiel, das fih mit dem Redner ver:
gleichen läßt, der gleichzeitig Philo-
ſoph, Dichter, Künftler, Mufifer, Taf:
‚tifer jein muß, aus ber Tiefe jeiner
Seele die Schätze des Gedankens zie—
ben, fie mit jener ſchöpferiſchen Kraft,
die gleih dem Morte Gottes Welten
erſtehen läßt, und durch ein Wunder
der Intelligenz und des Willens unter
nicht endenben Beifallsjtürmen unficht-
bare Ketten flechten muß, an welche
die Herzen fi wie die Sklaven jener
362
Magie hängen, deren übernatürliche |einem Knaben herrührten, feinen Na:
Macht eines der tiefften Geheimniffe men feiern und unfterblih machen
des Geijtes ift. Byrons unruhige, thä- |follten, als feine eigenen Thaten, feine
tige Seele träumte ſich ſchon in den Thaten als gereifter Mann, jchon
Viſionen ihrer eigenen Phantafie als | vergeffen waren. Und er weigerte ſich
Siegerin über alle Feinde durch die ſogar, dieſes große Genie, das unter
Meifterfchaft des Wortes und im
Dienfte des Menſchengeſchlechts durch
die Heiligkeit der been.
Ja jener Mann, den bie Gegner
als gleihgiltig für alle menjchlichen
Leiden, al3 einen Zmeifler an allen
been, al3 einen Werächter feines:
gleihen und als einen Widerſacher
Gottes ſchildern, der nur dem Cul—
tus jeiner Eitelkeit und ber Be-
friedigung feiner Laſter ergeben iſt,
hatte in der Tiefe feiner großen Seele
einen der Religion der Unterbrüdten
vorbehaltenen Altar: den Fortjchritt,
der ſtreng genommen nur die Erfül-
lung der göttlichen Gejege der Ge-
rechtlichfeit auf Erben ift.
feiner Stirne einen Himmel voll Poeſie
trug, dem Oberhauſe vorzuftellen. Lord
Byron trat in dasjelbe in Begleitung
eines entfernten Verwandten ein, ben
er faum fannte.
Das hohe Haus widmete fich den
gewöhnlichen Geſchäften mit jener
mathematiſchen NRegelmäßigfeit, die
dem englifchen Leben eigenthümlich iſt.
Niemand in diefer ariftofratifchen Ver:
jammlinng vermuthete, daß der edle
Lord, der gekommen war, um einen
diefer curuliichen Stühle einzunehmen,
in Zufunft der Dolmetjch des Gedan—
kens feines Jahrhunderts fein würde,
der Sänger feiner Schmerzen und
ı Zweifel. Vielleicht ſah Byron aus
d 1 d Gr ‚ d ‚ , . bi
Es lag nicht allein ein Gefühl eooie| er Tiefe der Erniedrigung, in bie er
verfallen war, und troß des Sfepti-
ſtiſcher Eigenliebe in der gerechten Un: | igmus, den bie brutalen Kritiken ihm
geduld Byrons, die Rechte zu verlan:
gen, die ihm der Erbfolge nad zu:
famen, jondern es leitete ihn dabei auch
in die Seele geworfen hatten, mit
dem Bemußtjein des eigenen Werthes
und mit dem natürlichen Blick des
die edelſte Liebe zur Menjchheit, wie Genies den unter der Dornenkrone
er ſpäter bewies, als er jein kräftiges
Wort zu Gunften der Katholifen Jr:
lands einjeßte und damit den Samen
der Inſtitutionen ftreute, die in unfrer
Zeit aufgehen ſollten, ein Prophet,
wie alle großen Geifter, einer neuen
focialen Welt.
Allein auf alle dieſe edlen Wünjche
antwortete Lord Carliſte mit einer
verdammungsmwürdigen Gleichgiltigkeit.
Doh nein, wir haben uns falſch aus:
gedrüdt: er antwortete mit dem leb-
hafteften Wunfche, den wenn auch ehr:
geizigen, aber immerhin heiligen Be:
ftrebungen des Neffen entgegenzutreten,
Er vernichtete die vom Geſetz gefor:
derten Documente, damit feine offi-
cielle Aufnahme in das Oberhaus ver:
zögert würde. Er nahm mit Ent:
rüftung die Widmung einiger Dich—
tungen auf, die, obwohl fie nur von
| verborgenen Zorbeerfrang und die der
Zufunft ſeines Talentes vorbehaltene
Verklärung voraus. Ohne Zweifel
mußte den Jüngling eine geheimniß—
volle Atmojphäre umgeben und eine
glänzende Aureole um feine Schläfe
itrahlen. Er war ſchon damals einer
jener Symbol: Menfhen, die unter
vielen auserwählt find, ein Jahrhun—
dert zu perjonificiren und zu reprä=
jentiren. Ganz wie unfer Zeitalter
mußte er Seinen Körper wie ein Nep:
til am Boden dahinjchleppen und feine
Seele wie ein leuchtended Sternbild
durch die Unendlichkeit ; finnliche Freu—
den ſuchen und nur Eine volle Freude
an der Betrachtung der been haben ;
den Glauben lächerlich finden und für
ſeine Ueberzeugung jterben ; einen bru—
talen Epifuräismus erheucheln und es
‚verdienen, durch fein Leben unter die
363
Helden und durch jeinen Tod unter
die Märtyrer gezählt zu werben.
Seine Figur, die jchönen Züge feines
griechiſchen Kopfes, feine breite Stirn,
die geſchwungenen Augenbrauen, bie
Tiefe feiner Augen, die bald heiter
ausfahen wie der Himmel, bald dun—
fel wie ein Abgrund, gleich einem
Ocean verworrener Gedanken, die über:
aus jhöne Form feiner Lippen, die
wie geihaffen zu jein jchienen um
ewige Gejänge ertönen zu laffen, feine
Adlernaſe, fein mit einer unvergleich:
lien Grazie gewachſener Bart, die
olympijche Geberde, die majeftätifche
Haltung, die durch Güte gemilderte
Grandezza, das Genie, welches aus
jever jeiner Stellungen ſprach, Diele
bleihe und bronzene Farbe gleich einem
Marmor, der von der Sonne und den
Sahrhunderten gebräunt ift, fein gan—
zes Weſen, feine ganze Perfönlichkeit
mußte es offenbaren, daß Gott ein
fo vollendetes Gefäß nicht ſchuf, da—
mit e3 leer fein jolle, jondern um es
mit unfterblihen Efjenzen zu füllen.
Sein Eintritt in das Dberhaus
war falt und fürmlid. Die Sikung
war eine gewöhnliche und nur wenige
Lords anmwejend ; der Kanzler nahm
ihm den Eid ab und erklärte feine
Zulafjung wie man eben ſtets und überall
dergleihen übliche Formen herjagt.
Ich babe den alten Parlaments:
palaft nicht gejehen, allein ich kenne
den neuen und fann verfihern, daß
er in mir einen unvergänglichen Ein:
drud zurüdgelaffen hat, ähnlih wie
die Kathedrale von Toledo, wie das
Golofjeum in Rom, wie der Kirchhof
von Piſa. Troß der unglüdlichen Dri-
ginalität der Architeftur und der all:
zugroßen Häufung der Ornamente laf-
jen die hohen gothiſchen Mauern, die
furdhtbaren Thürme, die Größe der
Berhältniffe, die durch den Rauch aus
die von den Strahlen einer geheim:
nißvollen Sonne erleuchtet werben,
in der Seele ein unerflärlihes Bild
von Größe zurüd, gleihjam als der
erhabene Ausdrud der Souveräni:
tät eines Volkes, der durch die Sanc-
tion der Jahrhunderte in's Riefige
gefteigert wurde. Die Gemälde und
die Sculpturen zeichnen fih nur durch
ihre Unzulänglichfeit aus. Doc die
hohen Bogen und die ausgedehnten
Linien geben dem Geifte gewiß eine
See von allem Großen. Allein das
was euch überrafcht, ift nicht ſowohl
‚das, was ihr jeht, ald vielmehr das,
wad ihr unter diefen Wölbungen
denkt: die Macht der Auftitutionen,
die Größe der Freiheit, der Fortſchritt,
der feine Unterbrechung erleidet, das
Anfehen eines Volksſtammes, der feine
Rechte zu retten wußte vor der all:
gemeinen Sklaverei, in die alle ande:
ren im jechzehnten Jahrhunderte ver-
fielen, al3 der Abjolutismus eingeführt
wurde, der alles nieberwarf.
Ich für meine Perſon dachte in
diefem ungeheuren Palafte an ben
unermeßlihen Schaden, den fie ihrem
Paterlande zufügten, als fie Byron
duch ihren unbejonnenen Haß von
diefen Bänken ausſchloſſen. Vielleicht
würden ihn die hohen focialen Ideen
und die fortfchrittlihen Neformen dem
Abgrunde entriffen und feinem unend—
lihen Verlangen nach Liebe Nahrung
gegeben, vielleicht würde die Leiden:
ſchaft für die Freiheit feine Seele
pofitiver erfüllt haben als die Leiden:
ihaft für das Ideal, vielleicht würde
er zu den Glorien ber Poeſie auch
die Glorien der Berebtjamfeit gefügt
haben. Die Freiheit ift feine Bacchan—
tin wie die Fortſchrittsmänner in der
Melt fie darftellen, ſondern die treue
Braut ernfter Tugend und Feufcher
Fruchtbarkeit. Wir können für fie lei-
den Efjen der Fabriken und bie neb- den, kämpfen, fterben, in ber Weber:
ligen Ausdünftungen der Themſe noch !zeugung, daß künftige Jahrhunderte
erhöhte dunkle Farbe, die Bergol- |die Frucht al’ unſ'rer Opfer ernten
dungen der Bogen in den hohen Kup: | werden. Der gegen Byron verjchmworene
peln, dunklen Cypreſſen vergleichbar, | Haß zwang ihn, nicht allein die Kam:
364
mer zu verlaffen, fondern auch das
Vaterland.
In feiner Verzweiflung brachen
tauſend Verwünſchungen aus feinem
Bujen. England trieb ihn von fich
fort, ohne zu willen, daß er einer ber
Ihönften Sterne jeine® Firmaments
werben jollte.
Dies Scheiden Byron’3 war feine
Reife, jondern eine Verbannung. Er
jelber jagt ung, daß er aus England
traurig ging, wie Adam aus dem
Paradieſe.
Wenn euch euer Vaterland für
unverträglich mit ſeiner Ruhe, ſeinen
Staatseinrichtungen oder ſeinen An—
ſchauungen hält, bleibt euch kein an—
derer Ausweg, als es zu verlaſſen,
obgleich ihr mit ihm die Hälfte des
Lebens verlaßt, Luft gibt es überall,
allein es iſt nicht die Luft, welche die
Seufzer der erſten Liebe vernahm.
Alle Nationen können euch ein Obdach
bieten, allein nirgends findet ihr das
Haus, wo ihr den Segen eurer Mutter
empfinget. Der Himmel iſt groß und
breitet ſich über die ganze Erde aus,
allein nirgends findet ihr den Himmel,
unter dem ihr mit euren in der Blüthe
geſtorbenen Hoffnungen träumtet und
glücklich waret unter lachenden Illu—
ſionen. Jeder Winkel der Erde kann
eure Leiche bergen; aber ach! eure
Gebeine werden einſamer in der un—
geweihten Erde ruhen, welche die Ge—
beine eurer Väter noch nicht birgt.
Auf fremder Erde ſterben iſt die
größte aller Strafen. Nicht umſonſt
wurden wir in einem Lande geboren.
Wir nahmen vom Boden einen ähn—
lichen Saft auf, wie ihn die Wurzel
des Baumes aus der Erde zieht; wir
erhielten von unſerem Himmel einen
unvergänglichen Kuß auf die Stirne
gedrückt, unſer Herz wurde hier aus
dieſem Thon geknetet, unſere Ideen
verſchmolzen ſich gewiſſermaßen mit
den Worten, die das Vaterland uns
auf die Lippe legte. Die Verbannung
verwandelt fich jchließlich in eine mo:
EEE
raliſche Gemüthskrankheit. Ihr wünſcht,
ihr ſehnt euch, euch unter Leuten zu
finden, mit denen ihr durch jene Ge:
meinſchaft des Urfprungs, des Blutes,
der Sprade, des Lebens verbunden
ſeid, welche das Weſen eures Vater:
landes, die Erweiterung eures eigenen
Weſens bildet. Und wenn, nachdem
ihr die größten Nationen der Welt,
die berühmteſten Städte, die erhaben—
ſten Monumente geſehen, nachdem ihr
mit den ruhmreichſten Männern ver—
kehrt, nachdem ihr eine große Sitzung
in den Kammern von Paris oder Lon—
don, einer Meſſe in der Sanct Peters:
firhe in Rom, einem Sonnenunter:
gang in der Bucht von Neapel, einer
Serenade auf dem Canal grande
in Venedig beigewohnt und eine Er:
curfion auf die Gipfel der Alpen, un:
ter den ewigen Gletfchern, bei dem
Getöſe der Waflerfälle, die braufend
in’8 Thal herniederjtürzen, und dem
Donner der Lamwinen, bie den Schnee
gen Himmel wirbeln, mitgemacht habt,
wendet ihr bie Augen traurig dort:
bin, in das ferne Land, wo eure
Wiege gejtanden, und ſetzt allen euren
Ehrgeiz darein, der lebte feiner Bür:
ger, der unbefanntejte feiner Söhne
zu fein, um beute unter eurer Fa—
milie und ben Freunden ein Haus
und morgen in der Erde eurer Väter
ein vergeflened Grab zu haben.
Die Liebe, nur die Liebe hätte
für Byron eine neue Welt des Glüds
und der Hoffnung Schaffen Fönnen.
Allein die heftigſte Liebe feines Le—
bens, die erfte, wahrhaft große Liebe
feines Herzens, fand nicht die Erwi-
derung, die fein dauernde Glüd ge:
worden wäre. Lieben und nicht geliebt
werden! Könnt ihr euch eine größere
Dual vorftelen? Nur in einem ein:
zelnen Herzen wachſen Schlangen wie
in der Wüſte. Niemand kümmert fich
um euer Leben und intereffirt fich für
euer Schidjal. Die ſchönſten Gedanken
verfinfen duch ihre eigene Schwere
in den Abgrund der Seele, denn ihr
habt Niemanden, dem ihr euch mit:
365
theilen könnt. Ihr könnt ausgehen jo
oft ihr wollt, ohne daß euch Jemand
anhält, und wieder heimfehren, ohne
daß euch Jemand erwartet. Da eure
Gejundheit nur euch angehört, gebt
ihr fie der eriten beften Gefahr preis,
jegt ihr fie auf die erfte bejte Karte.
Weil der Tod nur ein einfames Herz
treffen kann, erwartet ihr ihn mit
Gleichgiltigkeit. Iht habt Niemanden,
mit dem ihr euren Kummer, Nieman:
den, mit dem ihr eure Freuden thei-
len könnt. Die Seele, die fih, wenn
fie jih unter Zwei theilt, bis in’s
Unendlihe vergrößert, jchrumpft in
Egoismus zuſammen und vertrodnet
wie jene Früchte, die grün vom Baume
abfallen.
Wenn die jtarfen Regungen einer
männlichen Bruft, wenn die rauben
Seiten eines Charakters, der viel zu
fämpfen hatte, nicht vom Lächeln eines
geliebten Weibes gemildert werden,
nehmen fie etwas Verwildertes an,
wie bie unbeftellt gelafjenen selber.
Nach einem Sturme tritt feine Ruhe
ein, auf die Nacht folgt Fein Früh:
roth, aus dem Zweifel entipringt fein
Glaube; nad dem Schmerze gibt es
feinen Troſt — ein Leben ohne Liebe
ift ein Himmel ohne Sterne. Miß
Chamworth raubte Byron, indem fie
ihn verftieß, vielleiht die Fittige,
mit denen er gen Himmel geflogen
wäre, und gab ihn mitten im
Strudel der Welt den Leidenjchaften
und der Einfamfeit des Gedankens
preis.
Vor feiner Abreiſe wollte der
Dichter fie noch einmal jehen. Er
hatte in der That den Muth, den
Blick jener Frau zu ertragen, Die
glücklich in den Armen eines Anderen
war, der nicht ihr erjter Geliebter ge:
wejen. Indem er feinem Herzen und
feinem ganzen Innern Gewalt anthat,
trat er in jene3 Zimmer, das er für
bejtimmt gehalten hatte, der Tempel
jeine® Glüds zu fein. Das blonde
Haupt verneigte ih, um ihn zu grü-
Ben. Die Augen der beiden Liebenden,
die für immer getrennt waren, begeg-
neten fich bei diefem legten Lebewohl.
Byron erflärte ihr, daß fein einziger
Wunſch das Glück jeiner Freundin
war und daß er zufrieden abreije, da
er fie glücklich ſehe; daß er einen
großen Schmerz empfinde, allein daß
er vor und über Allem eine unenb-
lihe Freundſchaft für fie fühle, die
jo weit gehe, daß er fähig fei, ihren
Gatten zu lieben, weil er fie liebe.
Als er das Kind Maria’3 ſah, das
damals faum zwei Jahre zählte, als
er in feinem Gelihte Spuren ber
Phyfiognomie des Vaters entdedte,
brach jein Herz vor Eiferfucht in tau—
jend Stüde; allein al3 er es näher
betrachtete und die Augen jeiner Mut:
ter erblidte, brüdte er e8 an das
Herz und küßte es bis zum Erftiden.
Endlich entſchloß er ſich zur Abreife.
Be.
Don einem vergeflenen Dichter.
Ein Kiteratur und Yebensbild aus vergangenen Tagen.
Bon Pr. Anton Schloßar.
I.
Das 3. Heft des „Heimgarten”
brachte eine Reihe „Verſe unter dem
Ihmwarzen Kreuz” von Johann Ritter
von Kaldhberg, von einem Manne,
der jeinerzeit Ruhm und Anjehen ge
nofjen wie wenige Poeten der Steier:
marf, deſſen Werke Hoch und Nieder
mit Entzüden gelefen, der zu den beiten
Schriftſtellern Deutſchlands gezählt hat,
den in: und ausländiiche Blätter — und
das letztere wollte damals mehr jagen als
heute — mit den glänzenden Sternen
verglihen, melde gleichzeitig am
deutjchen Literatenhimmel aufgegangen
waren, von einem jener echten und
rechten Dichter, wie fie nicht jedes
Yahrzehnt, ja nur jelten jedes Jahr—
hundert hervorbringt.
Und was ijt aus dem Ruhme dieſes
Mannes geworden? Er ift unverbient
verblihen in der Reihe der darüber
binweggezogenen Jahrzehnte, er ift faft
ganz vergeffen worden. Auch die Bücher
der deutjchen Literaturgejchichte gönnten
dem ſteiermärkiſchen Dichter nicht eben
viel Raum; die Nachrichten über fein |
Leben, über jeine Thätigfeit, waren |
und blieben Lüdenhaft und feine Dich: |
tungen, die jchönften derjelben kennt
heute der Steiermärfer jelbft faft nicht,
ih müßte denn eine oder die andere
dramatiſche Arbeit — nicht einmal die
beſte — ausnehmen.
Die nahfolgenden Zeilen find nun
dazu beftimmt, den Vergefjenen wieder
befannt zu machen, ein poetijches Ta-
lent Steiermarf3, Oeſterreichs, ja
Deutichlands vorzuführen, das, wenig:
ſtens innerhalb der Grenzen bes
Staates, in dem e3 lebte, nicht feines
Gleichen hatte ; die nachfolgenden Zeilen
wollen das Leben und Dichten jenes
Mannes Schildern, welcher für die ganze
literariiche Bewegung Defterreih3 zu
Ende de3 vorigen Jahrhunderts von
folder Bedeutung war. Damals kannte
und liebte man den Dichter, jeine ge:
müthvollen Erzählungen waren all:
überall verbreitet, feine freundlichen,
wohllautenden Berje ſprachen die Herzen
an und ergriffen, von der Bühne herab
geiprodhen, jo mädtig das Gemüth
der Zuhörer, und als die Bücher, in
welchen feine Werke gedrudt ftanden,
erſchienen, da konnte man fie bald bei
Hoch und Nieder finden; man betrachte
heute dieje vergilbten, zerlefenen Bände,
wenige nur wird man überhaupt noch
finden, aber die man findet, find alle,
alle durch viele Hände gegangen, fie
tragen die Spuren vielmaligen Leſens
an fi; heute noch wird jedes Bänd-
hen von Kalchberg, das zufällig ir:
gendwo zum Verkaufe ausgeboten ift,
raſch von irgend einem Freunde der
Poefie angefauft ; denn fo vergefjen ift
doch, Gott jei Dank, der Dichter von
einft fo bebeutendem Namen nicht, daß
nicht hier und da ein Freund des
Schönen fi fände, der es hegt und
pflegt und fi durch die zerlejenen
Blätter erzählen ließe in Vers und
Profa von den ritterlihen Thaten
jeiner Ahnen, von der fchönen Welt
vergangener Jahrhunderte; der fich
niht an der Hand ber anmuthigen
Dichtkunft führen Tiefe in ihr herrliches,
zaubervolle® Reich durch einen ihrer
bedeutendfien Jünger. Dieje kleine
Schaar jollen die nächſtfolgenden Blätter
mehren und vergrößern und dem
Dichter der „Tempelherren“ wieder
einen Theil jenes Ruhmes zuführen,
deſſen Glanz ihm vor achtzig und mehr
Jahren geleuchtet.
Das Mürzthal in Oberfteiermarf | und von manderlei Krankheiten heim-
it die Heimat des Dichters.
lebten zu Anfang bes vorigen Jahr—
Dort | gejucht, entfaltete ſich jpäter der Kör—
per des Kindes, wie auch der Geift
hunderts in dem Orte Wartberg die | desfelben ſchön und kräftig. Früh von
Großeltern Kalchberg's noch mit dem
ſchlichten bürgerlichen Namen Veit
Kalchegger und Johanna Katharina
Kalchegger. Ihnen wurde am 10. Jän—
ner 1704 ein Sohn geboren, der den
Namen Joſef Jakob Erhard erhielt
nachträglich mit Diplom vom 30. De—
zember 1760 in den Adelsſtand erhoben
Er hieß nun Joſef Jakob
wurde,
Erhard Kalchegger von Kalchberg und
it der Stammvater des ganzen
Geſchlechtes, das ja befanntlich heute
noh fo bebeutende, hervorragende
Mitglieder aufweiſt. Er verehlichte fich
viermal, zuerft mit der „edlen, ehr:
und tugendjamen Frau” Anna Maria
Faſching, Witwe nah Joſef Faſching
in Krieglach, dann mit der Jungfrau
Katharina Kippner von Kapfenberg,
ferner mit der „gnädigen Frau“ Anna
Maria de la Mare, verwitweten Ba—
roneſſe von Ghabelkhofen. Wie die
beiden andern Gattinnen, ſo ſtarb auch
der Mutter einem geliebten jüngeren
Bruder nachgeſetzt und von dem viel
beſchäftigten Vater wenig beachtet,
blieb der feurige Knabe mit allen in
ihm ſchlummernden Kräften und An—
lagen faſt ohne Führer und Freund,
FR jelbft und der Natur überlafjen,
an die er fi aber auch mit deſto
innigerer Liebe anſchloß. Noch in ſpä—
ten Tagen erinnert ſich Kalchberg feiner
Jugendzeit und der prächtigen Natur:
umgebung des heimatlihen Schlofies ;
in feinem Aufjage „das Mürzthal“ *),
welcher eine Reife durch Oberjteiermarf
bejchreibt, ruft er beim Nahen an
‚feinen Geburtsort aus: „Je näher ic
ihm fomme, je traulicher jprechen alle
Gegenſtände mid an. Selbjt die Luft,
die ich einathme, jcheint mich als eine
altbefannte Freundin zu umjäujeln.
Diefe Straße, dieſe Felder, dieſe
Bäume, ſelbſt diefer Hohlmeg von
Geſträuchen überſchattet, den ich hier
dieſe nach kurzem ehelichen Glück und zur Linken erblicke — alles iſt mir
Kalchberg ſchloß die vierte Ehe mit ſo bekannt, ſcheint mich freundlich zu
dem „hochedelgebornen“ Fräulein Anna ‚begrüßen und erweckt in meinem Ge—
Katharina Wampl, Edl. v. Summers- |
torff. Indem ich die Kinder aus den
früheren ehelichen Verbindungen über:
gehe, führe ih nur an, daß die leßte
Gattin ihn mit drei Kindern befchentte.
Franz X., Alois und Johann Nep. *);
ber [eftgenannte ift unfer nachher zu
jo bebeutendem literarischen Rufe ge:
langter Johann Nitter
Kalchberg.
müthe ſüße Jugenderinnerungen. Es
iſt doch ſonderbar, daß die Erfahrungen
aus der Blüthenzeit, ja ſelbſt aus der
Kindheit unſeres Daſeins, daß ſogar
unbedeutend ſcheinende Ereigniſſe einen
unauslöſchlichen Eindruck in unſerer
Seele zurücklaſſen, indeß die ſpäteren
Erſcheinungen, wenn ſie auch wichtiger
von ſind, einen ſchwächeren Eindruck auf
unſer Gedächtniß machen.“ Und er trifft
Er ward am 15. März 1765 auf immer wieder alte liebe Stellen; hier
dem väterlichen Schloſſe Pichl im lief er den Schmetterlingen als Knabe
Marzthale geboren. Anfangs ſchwächlich nach, hier ſaß er als Jüngling, „hier“,
rührt er rührend fort, „unter dem
9 Dieſe Daten find authentiſch, ich ent- |
nehme fie den Aufzeihnungen aus den Ma-
trifen zu Krieglach, welche mir durch die Güte
des hochw. Herrn Ioh. C. Röſch (im 9. 1869
Kaplan im Krieglach) zufamen und ergreife
gleidyzeitig freudig dieſe Gelegenheit, dem ge-
nannten geiftlihen Herrn für diefe Auskünfte
meinen verbindlichiten Dank auszuſprechen.
D. Verf.
*) 3. Mitt. v. Kalchberg's ſämmiliche
Merfe. V. ©. 84. Ein für allemal bemerfe
ich, dab meine Citate fih auf die genannte
Ausgabe beziehen, welde in den I. 1816 u.
1817 in Wien (Gerold) in 9 Bänden er-
ſchienen ift. Vorkommende Ziffern weifen alfo
ı auf Band u, Seite diejer Gefammtausgabe bin,
grünen Dache der jchattigen Linde, bei
dem fernen Geräufhe des Waſſer—
falles, jenfte fich zumeilen aus ben
leife liſpelnden Aeſten der Dichtkunft
heilige Mufe zu mir berab, und ber
Jüngling machte jeine erften Verfuche.“
Und dann gibt er wieder in einem
Ihönen Gedichte, das dem genannten
Aufſatze eingefügt und ihm fo recht
aus dem Herzen gefloſſen tft, feiner
Stimmung Ausdrud. Aus diefem Ge-
dichte jeien nur wenige Strophen hieher
geſetzt:
„Kleines Plätzchen auf der großen Erde,
Wo mein Aug’ der Sonne fid) erjchloß,
Mir als Kind am lieben Vaterherde
ESilberrein die Lebensquelle floß,
Sei gegrüßt mit deinen heil'gen Mauern!
Hier, wo fih mein Dornenpfad begann,
Sceinet alles über mid zu trauern,
Ah, und fpriht mid doch fo traulid an.
Wie ein Beift aus andern Weltgefilden
Seinen Staub befucht, jo ſteh' ich bier;
Fremdling ward’ id, nur in Traumgebilden
Schwebet die Vergangenheit vor mir. — —
Diefe Thürme, diefe traute Linde,
Dort des Bades naher Wafferfall,
Rings umber die grünen Wiefengründe
Und die Bäume, Berge, Thäler al —
Web, fie ſprechen laut zu meinem Herzen:
Alter Freund warum entflobeft du!
Fandft du Troft für deine Seelenfchmerzen,
Fandeſt du im Weltgewühle Ruh? —
Doch nun wieder zurüd zur frühen
Jugendzeit unjered Dichters. Die an-
muthige Lage des Schloſſes Pichl
und die herrliche Umgebung übten,
wie man jchon aus dem Erwähnten
fieht, auf die poetiihen Anlagen des
Knaben einen nachhaltigen Einfluß aus.
Das Schloß ſelbſt ift ein echter alter
Herrſchaftsſitz mit vier alterthümlichen |
Thürmen und einer Linde im Hofe,
welhe die Schloßmauern überragt.
Eine Kapelle, getäfelte Gemächer mit
Heinen enftern und vielen uralten
Gemälden befinden ſich Hinter diejen
Mauern. Ueberall, wo man binfah,
erinnerten damals Reliquien an eine
längſt entſchwundene Vorzeit, alte
Waffen, Nüftungen, ein Turmirſattel,
legterer „ein wahres Meijterjtüd der
Kunſt“, wie e3 der Dichter ſelbſt nennt,
gemahnten noch an die prachtliebenden
Zeiten des ritterlichen Heldenthums.
Was Wunder, daß die Phantafie des
Knaben in ſolcher Umgebung gemwedt
und angeregt wurde!
Den erften mangelhaften Unterricht
erhielt Kalchberg von einer im Schloſſe
lebenden alten Tante. Die Schidjals-
ſchläge des Lebens jollten ihn ſchon in
der Jugend hart treffen, denn er er:
reichte faum fein eilftes Jahr, als er
feinen Vater verlor. Der Knabe wurde
nun einem benachbarten Pfarrer in
Hohenmwang übergeben, um von diejem
in der lateiniſchen Sprache unterrichtet
zu werden. Der geiftlihe Herr mar
aber ein übler Zehrmeifter, ftatt feinem
BZöglinge mit Liebe und Vertrauen ent:
gegen zu fommen, kannte er mur
Schläge und Mifhandlungen als Hilfs:
mittel der Erziehung, ja er brachte es
damit jo weit, daß der arme Knabe
beinahe Abſcheu vor aller Wiſſenſchaft
erhielt und fich leider ſchon in jener
zarten Jugend der Hang zur Melan-
holie und Schwermuth in Kaldhberg
entwidelte, der jpäter feinen büftern
Schatten über des Dichters ganzes
Leben warf.
Drei peinvolle Jahre machte der
Knabe hier durch, endlich erfchien auch
für ihn die Zeit der Erlöſung; er
fam in das k. k. Seminarium nad
Graz zu feiner höheren wiſſenſchaft—
lichen Ausbildung. Allerdings lebte er
bier düfter und förmlich menſchenſcheu.
Wenn feine Kameraden fih in mun—
teren lauten Spielen ergögten, blieb
der „Landjunker“ in irgend einer Ede
fiten und wurde wohl auch von den
' Spöttereien der übrigen verfolgt. Die
Anftalt hatte damals eine treffliche
Dberleitung, es dirigirte fie ber für
die Jugendbildung jener Zeit jo ein:
369
flußreiche Gelehrte GajparRoyko*).
Das Seminar faßte junge Leute aus
allen „Klaffen, Berufsarten und Stän-
den; Stiftlinge und Koftgänger, Gym:
nafialen, Zöglinge der Philofophie,
des Rechtes und der Theologie”. Der
Director fannte jeden einzelnen dieſer
BZöglinge genau und wachte, ohne über:
trieben ftreng zu fein, al3 wahrer Pä-
bagoge über bdiejelben. Dem armen,
nun ſchon dem Sünglingsalter fich
nähernden Knaben war anfangs bier
jelbft die Welt des Geiſtes verjchlofjen,
ja in einer handjchriftlihen Lebens—
beſchreibung des Dichters, welche nie—
mand Geringerer, ald die Tochter des:
jelben, Emilie v. Kalchberg, eine geift-
volle Dame, verfaßt hat und die fi
nun in meinen Händen befindet, er:
zählt die jedenfall competente Bio-
graphie, daß einmal Kalchberg es einem
freundlichen Kameraden beinahe übel
nahm, als diejer ihm zumuthete, ſich
die Zeit mit Lejen zu vertreiben; ber
künftige Dichter verficherte, er habe
jhon an den Büchern in feinen Lehr:
ftunden genug. Bald lernte er feinen
Irrthum einjehen; die großartigen
Schöpfungen unjerer clajfiihen Dichter,
in ihrer herrlichen Zeit lebte ja Kalch—
berg, wurden ihm bekannt und bald
war jein Geift, der nur auf einen An—
ftoß gewartet hatte, faft übermältigt
von den Schönheiten der damals mo:
dernen Dichter Klopftod, Leſſing, Wie:
land, Uz, Schiller, Goethe u. N.
Freilich wurden ſelbſt hier dem nad
Erlöfung ringenden Geiſte Schranfen
gejegt, es war ftreng verboten, fich
mit Lecture zu befaſſen, die nicht der
genaueiten Prüfung der Leiter einzelner
Abtheilungen der Anftalt unterzogen
wurde und die Bücher unferer claffi:
jhen Autoren waren es bejonders,
welhe den Zöglingen jo wenig als
*) Das Nähere über dieſen ausgezeid)- |
möglih zu Gefihte fommen burften.
Manche Naht ſaß nun Kalchberg im
hellen Mondſchein an feinem Fenfter
und verjchlang mehr als er las bie
herrlihen Schöpfungen der großen
Geilter des Jahrhunderts.
Aber einem Manne war das Rin—
gen dieſes Geiſtes doch aufgefallen,
nämlich dem Director Royko ſelbſt;
dieſer erkannte in dem Jüngling das
erwachende Genie und wandte ihm nun
beſondere Aufmerkſamkeit zu; er zog
ihn in ſeinen näheren Umgang, machte
ihn ſogar zu ſeinem Tiſchgenoſſen und
geſtattete ihm den unbeſchränkten Ge—
brauch ſeiner ausgezeichneten Biblio—
thek, die beſonders an Dichtungen der
neueſten Literatur reich war. Einem
Manne, wie Royko nachzufolgen, ward
gar bald des jungen Dichters eifrig:
jte8 Beftreben und jo wurden in bes
Jünglings Bruft die Triebe jener
edlen Ehrbegierde gewedt, die, ein
mächtiger Sporn, ihn auf der Bahn
des Willen! und Wirkens raſtlos vor:
wärts trieb bis zu jeinem Lebensende.
Das Fahftudium, dem fih Kalchberg
eigentlich gewidmet hatte, war das ber
Rechte, daneben betrieb er aber bald
auh mit großer Vorliebe biftorifche
Studien; von literariichen kann feine
Nede fein, weil eine beutjche Literatur:
wiſſenſchaft damals faft gar nicht
eriftirte und bie wenigen Vorlefungen
über Aeſthetik, welche allenfall3 ab:
gehalten wurden, bebeutungslos8 und
jehr wenig anziehend waren. Der be:
gabte junge Mann, welcher fih nun
bald mit den Wiſſenſchaften vertraut
gemacht, verjuchte fih dann bald auch
in eigener Produktion und war erjt
einundzwanzig Jahre alt, als die dra—
matijche Erftlingsarbeit: „Agnes, Gräfin
von Habsburg” (Gräß 1786), von ihm
im Drude erjchien. Mit diefem Drama,
auf das ich noch eingehender zu ſpre—
hen komme, hatte Kaldhberg ein Ge:
neten Mann findet Derjenige, welder fi) dar- | hiet betreten, das bis dahin von den
über Auskunft zu verfhaffen wünſcht, im|
meinem „Grazer Leben zu Ende des vorigen
Jahrhunderts” II. 5. in der (Grazer) Tages-
poft v. 27. September 1876. M.Bl.
Bofeggers „‚Heimgarlen‘‘ 5. Heft.
Schriftjtellern Oeſterreichs und Steier:
marks noch geringer Aufmerkſamkeit
gewürdigt worden war: das des hi:
24
370
ftorifchen vaterländifchen Schaufpieles, | förderes der deutjchen Literatur ihm
und ſchon diefe Arbeit lenkte die Auf:
merkjamfeit auf den ftrebjamen Ver:
fajler, da der Stoff der ganzen höchft
gelungenen Dichtung erſt auf dem
mühſamen Wege des Forichend aus
Familien-Urkunden mit Fleiß zufam:
mengetragen und dann dramatijch bear:
beitet worden war.
Kalchberg hatte zu dieſer Zeit
jeine Studien beendet; er follte fich
zur Wahl eines Lebensberufes ent:
ſchließen und dieſe warb dadurch ent:
ihieden, daß er im Jahre 1785 in
k. k. Bankaldienfte trat, deren trodene
Berufspflichten freilich mit der Streb-
jamteit des feurigen Geifte® wenig
harmonirten. Er verließ diejes Amt
auch bald und verbrachte eine Zeit
auf dem heimatlichen Schloffe Pichl,
woſelbſt ihm ein bis in’s Alter treuer
Freund, der Dichter Franz Schram,
dejjen Namen wir nod in Diefer
Skizze begegnen werben, Gejellichaft
leijtete.
Was feine literariihe Thätigfeit
betrifft, jo erjchien inzwifchen im Jahre
1788 das Drama „Die Tenpelherren“,
welches der Dichter jchon in feinem
19. Jahre entworfen Hatte und das,
zu jeinen beften Zeiftungen zählend,
ihm bald einen bedeutenden Nuf im
In- und Auslande verjchaffte. Gleich:
zeitig war eine Sammlung Iyrijcher
Gedichte aus der Feder Kalchberg's
erichienen, die ebenfalls nicht verfehlte,
bei den damaligen jo unendlich trau:
rigen Literaturverhältniffen Defterreichs
Aufjehen zu machen. Die Anerkennun:
gen blieben nicht aus; Kalchberg ge:
noß in demjelben Jahre die Auszeich—
nung, von der arkadiſchen Geſellſchaft
in Nom deren Diplom überjendet zu
erhalten. Indem ich vorgreife, erwähne
ih noch, daß die herzoglich beutjche
Sejellihaft zu Jena im Jahre 1793
ihn, „deſſen Liebe zu den jchönen Wiſ—
jenichaften, deſſen Eifer für Die Chre
unjeres Baterlandes den würdigſten
Beifall der Kenner und den Ruhm
eines edelmüthigen und geſchickten Be:
|
|
ſchon längft erworben”, zu ihrem „vor:
nehmen“ Mitgliede ernannte.
Im Jahre 1788 vermählte fi
der Dichter zum erjtenmale mit einer
jungen Witwe, Hedwig von Gemiljcheg,
die ihm aber ſchon nad) drei Jahren
duch den Tod entriffen wurde. Durch
eine Neife juchte ber tief gebeugte
Mann feinen Geift aufzurichten; er
durchreifte den größten Theil Ober:
italiens und fehrte ſodann über Trieft
zurüd. Hier war es, wo er ein mit
vortrefflihen Eigenſchaften des Geijtes
und Gemüthes ausgejtattetes Mädchen
feinen lernte, das er nach der Ueberwin—
dung vielfacher Hinderniffe, die ihm da—
bei in den Weg gelegt wurden, zum
Altare führte und mit der jungen
Gattin jodann auf feinem väter:
lichen Schloffe bleibenden Aufenthalt
nahm. — Schon 1789 gab Kalchberg
die für die dichteriſchen Verhältniſſe
der Steiermark jo intereffante und
bedeutjame Sammlung, „Früchte var
terländiſcher Muſen“, heraus, den er:
ten Mufenalmanah, der im Lande
erichien, und 1790 folgten „Die Gra-
fen von Gilli”, zwei zuſammenhän—
gende Schaufpiele, die ſich durch präg-
nante Charakteriftif und eine glän-
zende Diction auszeichnen.
Die Stände Steiermark, welche
dem nun immer bedeutender werben:
den Manne ihre Aufmerkjamfeit zu: '
wendeten, wählten ihn 1791 zu ihrem
Ausſchußrathe, welche Stelle er zwar
annahm, aber Schon 1792 wieder zu:
rüclegte und nah Wildbad, einem
Gute im Marburger Kreije, 309, das
er nah dem Verkauf von Pihl an
ih gebracht Hatte. Kalchberg ftand
damals mit den ausgezeichnetiten Män-
nern des In- und Auslandes in Ver:
bindung. Von hier aus erjchienen die
folgenden Dramen: 1792 „Die Ritter:
empörung“ (in der Folge in Berje
umgearbeitet und „Andreas Baum:
kircher“ betitelt), 1793 „Maria The:
reſia“ und 1796 „Die deutjchen Rit:
ter in Accon“, eine vorzügliche dich—
371
terifche Leiftung, anläßlich welcher eine
Kritik bemerkte, Kalchberg verdiene
duch fie „unter den deutſchen Schrift:
ftelleen wirklih einen claſſiſchen
Rang”.
„Attila, König der Hunnen“, das
legte Drama Kalchberg's, erichien 1806.
Bor nun an widmete fi Kalchberg
aber ausschließlich den ernjten Studien
der Geichichte, und zwei Bände im
Jahre 1800 gebrudte hiftorifche Skiz—
zen zeugen von feinen Arbeiten auf
diefem Gebiete, wenn er den Poe—
ten freilich auch bier nicht verleugnen
fonnte und die Refultate feiner Stu:
bien in heitern oder ernften, doch poe-
fizvollen Darſtellungen niederlegte, die
zu den gelejenften Büchern ihrer Zeit
gehörten.
Die Stände wählten 1796 jchon
ben Dichter wieder zum Ausjchußrathe,
und er nahm diesmal die Stelle mit
allen ihren jchwierigen Pflichten auf
fih, ohne fie wieder zurüdzulegen.
Kalchberg's Amtsgeihäfte nahmen ihn
immer mehr in Anſpruch, er ward
Mitglied mehrerer ftändiichen Deputa-
tionen und Commiſſionen, Kanzlei—
director, Theatercenfor und Mitglied
ber ftänbifchen Oberleitung des Thea:
ter3 und überall arbeitete er mit Auf:
wand aller Kräfte. Eine Folge feiner
ausgezeichneten Leiftungsfähigfeit war,
daß er im Sahre 1810 von ben
Ständen zum zweiten Verorbneten bes
NRitterftandes erwählt wurde. Nach
einer Wahl mit gleihem Rejultat im
Jahre 1816 rüdte er 1817 zum er:
ften Verorbneten der Stände vor und
ward 1823 nochmals als ſolcher be-
ftätiget.
Ein bejonderes Verdienft hatte fich
Kalchberg durch bie eifrige Theilnahme
an der Gründung jener vortrefflichen
gelehrten Anftalt in Graz erworben,
bie unter dem Namen des „Joan—
neums“ heute noch jo glänzend ba-
fteht. Ein ausgedehnter Briefwechſel
mit dem eigentlihen Begründer des
Soanneumsd, mit Erzherzog Johann
jelbft, von dem es ja ben Namen
trägt, zeigt das warme Intereſſe,
welches der Dichter für diefes fo be-
deutfame Unternehmen (die Anſtalt
wurde im Sahre 1811 gegründet)
immer gehabt hat. Erzherzog Johann
ernannte denn- au dur ein vom
26. November 1811 datirtes Schrei-
ben den Grafen Ferd. v. Attems, den
Abt zu Admont, Gotthard Kuglmayı,
und den „Herren Johann v. Kalchberg,
befannt durch feinen literariichen Auf,
durch feine Landeskenntniß und feine
Denkart“ zu Guratoren des Joan—
neums.*) Kalchberg widmete ſich nun
faſt ausſchließlich ſeinen ſtändiſchen
Geſchäften und den Pflichten, welche
ihm durch fein Curatorenamt bezüg—⸗
lich des Joanneums auferlegt waren.
In Verbindung mit dem Archivar
Wartinger hinterlegte er ſogar ein
Capital, von deſſen Intereſſen jährlich
eine paſſende Medaille angeſchafft und
dem in der ſteiermärkiſchen Geſchichte
kenntnißreichſten Jünglinge übergeben
wurde. Zahlreiche gelehrte und für
Verbreitung des Schönen und Nütz-
lihen geitiftete Gefellfchaften hatten
den Dichter inzwiſchen durch Berlei-
hung von ehrenhaften Mitgliederbiplo:
men aufgezeichnet. „Seine Kenntniß-
fülle, feine durch lichtvolle Darftellung
ausgezeichneten Ausarbeitungen, fein
durch vieljährige Uebung erlangter
praftifcher Tact, der im wirren Knäuel
ftreitender Intereſſen den Faden glüd-
lihen Entwindens fo oft getroffen“,
entging dem Scharfblid höherer Be:
börden nicht, daher v. Kalchberg jpä-
der dem 1820 eingetretenen Grundſteuer⸗
Proviforium und bei der darüber auf:
geftellten Commiſſion zum Referenten
ernannt worden war.
Doh Hatten den Armen jchon
früher harte Schidjalsfchläge getroffen.
Eine ſchwere Krankheit hatte im Jahre
1812 ihn faft bis an den Rand des
Grabe gebradt; ein ſchleichendes
*) Näheres hierüber zu finden in Dr.
Göth's „Das Joanneum in Graz“, Gray,
1861, ©. 14 ff.
24*
Nervenfieber, in welches eine heftige
Lungenentzündung übergegangen war,
war jeiner phyfiihen Kraft unendlich
nachtheilig geworden. Kurz zuvor er:
litt Kalchberg durch den Verkauf von
Gütern und die nachher eingetretene
unglüdliche Finanzoperation des Jahres
1811 enorme Vermögensverlufte; ber
Gebanfe, die materielle Eriftenz jeiner
Familie nicht gefichert zu jehen, mag
wohl nicht wenig zum Ausbruche der
langwierigen Krankheit beigetragen ha=
ben. Mehrere Todesfälle, Darunter der
eines alten Jugendfreundes, Joſef
Linze, wirkten zu jener Zeit nicht
minder nachtheilig auf das ohnehin
ſchon zerrüttete Gemüth des zartfüh:
lenden Mannes. Mit unermüdlichem
Fleiße widmete er fih von Neuem
den Gejchäften feines Berufes und
ging beinahe ganz in benjelben auf.
Durch diefe in Anſpruch genommen,
fonnte er, mie feine Tochter erzählt,
den eigenen Arbeiten immer feltener
einen Augenblid widmen, obſchon er
oft ganze Nächte hindurch am Schreib:
tiſche ſaß. Seine literarifchen Arbei—
ten beſchränkten ſich aber von nun an
nur auf Aufſätze und Gedichte in
Journalen und Zeitſchriften; beſon—
ders enthält das vortreffliche von 1811
an in Graz unter der Redaction Koll
mann's erjchienene Blatt „Der Auf:
merkfjame” manchen intereffanten Bei:
trag aus Kalchberg's Feber.
In den Jahren 1816 und 1817
erschienen des Dichter Werke gejam-
melt bei Gerold in Mien, nachdem
fih das Bedürfniß einer ſolchen Ge-
jammtausgabe längft gezeigt hatte.
Die Ausgabe umfahte 9 Bände. We—
niges und nur Trauriges ift ed, was
man über die legten 10 Lebensjahre
des Dichters noch zu berichten vermag.
Sein Geift erjchien gebrochen, fein
Körper fiechte dahin. Eine unglüdliche
Induſtrieunternehmung, durch die er
jeine und feiner Familie materielle
Lage zu verbefjern gedachte, ſchlug
ebenfall8 fehl und der gebeugte Mann
ward 1824 noch einmal an den Nand
des Grabes gebradt. Zum Tekten
male erholte er fih noch, aber die
Bruſtkrankheit wollte ihn nun nimmer
verlaffen. Vielleicht war auch feine
troß des Körperleidens nicht zu unter:
drüdende geiftige Regſamkeit Urſache
de3 fchnelleren Todes. Am 3. Fe:
bruar 1827 war fein jchmwerer Kampf
mit dem Leben ausgefämpft. Freilich
war für ihn das Grab nicht tief, ſon—
dern, um mit ben Worten des großen
Sean Paul zu ſprechen, der leuchtende
Fußtritt eines Engels, der ihn lange
ſuchte und endlich die Dornenfrone
von jeinem Haupte nahm.
Wie die Gefchichte jeines engern
und weitern Baterlandes dem Dichter
bei Lebzeiten jchon eine treue Freundin
war, jo wollte er auch im Tode einem
der intereffanteften hiſtoriſchen Denk:
mäler der Stabt nahe bleiben: ber
durch ihr Alter ausgezeichneten Kirche
der bdeutichen Drdenscommende am
Leech. „Ih wünfche, an der Leechkirche
begraben zu werden“, jchreibt v. Kald):
berg in einem ſchon im Jahre 1812
verfaßten in meinen Händen befind-
lihen Teftamente, „da ich einer der
Erften war, die in der Steiermarf
die Liebe zu den Wiſſenſchaften wieder
belebten, dem Staate fünf, den Ständen
vierzehn Jahre unentgeldlich diente,
jo könnte man diefen Wnnſch wohl
erfüllen.” In demielben Schriftjtüd
bittet er um einen Grabſtein mit fol—
genden von ihm verfaßten Berjen als
Inſchrift, die ich bieherfege, um das
Gemüth und das Herz des Tichters
zu beleuchten:
Wandrer, ich war nur ein Menſch, ein Freund
der Natur und der Mufen,
Viele verftanden mich nicht, Wenige fannten
mein Gerz.
Halt du Sinn und Gefühl, jo ſchentk' ein
Thränchen dem Menſchen,
Weih' ein Blümchen dem Grab, wo bier
der Dichter verftummt.*)
) In der Gefammtausgabe T, ©. 212,
ſteht dieſes Gedicht auch, doch weichen die
Schlußzeilen in Einigem von dem oben ange-
führten ab, ich lieh abfichtlich die Verſion nad
der Handſchrift, die mir vorliegt, ſtehen.
Uebrigens drückte Kalchberg feinen
Wunſch, an der Leechfirche begraben
zu werben, auch jpäter (1823) in
einem Gedichte an die Stände aus,
das ebenfall® im Auszuge bier feinen
Plag finde :
Ein armer Pilger, der des Wallens müde,
Sich ſchon nad einem Ruhepläßchen ſehnt,
Wo in der Mutter Schoß der ew'ge Friede |
Sein fchlummernd Haupt mit Todtenbiumen
frönt,
Hat fid ein ſolches Plägchen auserjehen,
Und bittet nun mit frommer Serzlichkeit,
Es ihm zu gönnen, wenn im Thal der Meben
Der Todesengel feine Hand ihm beut.
Dort an der Kirche mit zwei Heinen Thürmen,
Morauf die Zeit jelbit Eiſenkreuze bog,
Die Alles beugend, unter taufend Stürmen
In ſechs Iahrhunderten vorüberzog,
Wünſcht er zu ruben, nah’ dem Marmorbilde
Des alten Ritters, und ein Meiner Stein
Soll an der Kirchenmauer im @efilde
Des Todes feines Grabes Herold fein. — —
Vielleicht, dak mander von den Enfeljöhnen
Dort noch fein Grab befucht in jpäter Zeit,
Ihm, wenn der Seimchen Abendlieder tönen,
Gerührt ein jegnend Angedenken weiht;
Vielleicht, daß dann auch manche ſanfte Schöne
Mehmüthig auf den kleinen Hügel blickt,
Des Dichters Grab bethaut mit einer Thräne
Ind es mit einen Myrtenkranze ſchmückt.
Kalchberg ift denn auch in ber
That feinem Wunſche gemäß an bie:
jem altehrwürdigen Bau, dem älte-
jten Denkmal ächter Gothif in Steier:
marks Hauptftadt, begraben worden.
Der Grabjtein erſcheint au der Süd:
jeite des Kirchleins eingemauert, wahr:
jcheinlich hatte der Dichter aber jpäter
über bie Inſchrift anders verfügt; die
beigejegten Verſe wenigſtens find nicht
diejenigen, welche er in der obengenann-
ten legten Willensverfügung wünſchte.
Diefe Inſchrift Tautet:
Hier ruht
Johann von Kaldhberg,
gelehrten Gefellfchaften, Verordneter der fteier-
märkifhen Herren Stände und Gurator des
Mitglied mehrerer
Joanneums, welder geboren warden 13. März
1763*) und ftarb den 3. Februar 1827.
Dir geweihet, Vaterland !
War fein Dichten, war fein Leben
Und — ſchon an des Todes Hand
Nod dein Beil fein höchſtes Streben.
Mander deiner beiten Söhne
Denkt in fpäter Zeit noch fein
Mit des Danfes ftiller Thräne.
Als Denkmal der Liebe ihm geweiht von den
Seinen.
Von den Nachkommen des Dichters
lebt noch ein Sohn Heinrich und eine
Tochter Emilie. Der befannte Staats:
mann Sofeph Freiherr v. Kalchberg,
ehemals Statthalter von Schlefien und
ſpäter k. k. öfterreichifcher Handels:
miniſter, iſt ein Neffe von Kalchberg
und hat ſeinen gegenwärtigen Aufent—
halt in Graz.
Das Leben eines Poeten ſind ſeine
Lieder, ſind ſeine Werke, dort hat er
Alles niedergelegt, was er gefühlt und
gedacht; dort hat er die ganze Kraft
ſeines Geiſtes zuſammengefaßt, und
wenn wir bisher in Kalchberg den
Menſchen und den tüchtigen Beamten,
den für das ganze öffentliche Wohl
jo einflußreihen Mann kennen gelernt,
fo wollen wir uns in dem Nadh-
folgenden mit jeiner BDichtfunft be:
Ihäftigen und einen Blid werfen auf
fein geiſtiges Schaffen. Um diejes
aber recht beurtheilen zu können, iſt
e3 nothwendig, einen Blick auf die da—
maligen AZuftände ber Xiteratur zu
werfen.
Es ift befannt, wa für einen
Einfluß auf das bis etwa um bie
Mitte des 18. Jahrhunderts ziemlich
regungsloſe Leben der beutjchen Litera—
tur die Schöpfungen derjelben hatten,
welche in ber zweiten Hälfte und be:
fonders im letzten Drittel desjelben
Jahrhunderts zu Tage getreten find,
die Anafreontifer Schon, jene Sänger,
wie Uz, Gerftenberg, Gleim, die im
*) Diefe Datirung ift, wie man aus
meinem oben mitgetbeilten nachgewieſenen
Datum erfieht, unrichtig.
374
— — —
Anklange an den griechiſchen Dichter
der Liebe, Anakreon, ihre Stimme er—
hoben, gaben dem bis dahin ſo
trockenen Tone der Dichtung einen
bedeutenden Umſchwung; ihnen folgten
die Fabeldichter Gellert, Pfeffel, Licht—
wer und Hagedorn, und die großen
Geiſter unſerer Nation, wie Klopſtock,
Leſſing, Wieland, Herder, Schiller und
Goethe waren ihnen theils zur Seite
getreten, theils bald nachgekommen,
ſo daß der deutſche Parnaß nun auf
das würdigſte vertreten erſchien.
Ich habe ſchon oben erwähnt, daß
die Lecture der genannten und anderer
Nachtheil waren; ſelbſtverſtändlich über⸗
wog die Wiſſenſchaft der Theolo—
gie und jede andere Kunſt und Wil:
ſenſchaft erſchien der Gottesgelehrheit
untergeordnet. Daher fommt e3 denn
au, daß lichtvollen Schöpfungen bes
Geiſtes nur bebingungsmeife ber Ein:
gang zur Jugend, ja ſelbſt in das
größere Publikum geftattet wurde,
daß beiſpielsweiſe die Dichtungen eines
Leffing verpönt waren, daß man mit
mißtrauifchen Augen über jeden Schrift:
fteler wachte, welcher freiheitlihem
Geifte die Zügel ließ ; dazu fam weiters
die volftändige Abhängigkeit ber
ungenannten großen Geifter belebend | Preſſe von der Biücherrevifion, von
und anregend auf die Production | der Genfur. Heutzutage, in unferer
Kalchbergs auf poetiihem Gebiete ge: lichtvollen aufgeflärten Leit begreift
wirft hatte. Es laſſen fih in ben
einzelnen uns von Kalchberg vorlie-
genden Iyriihen und lyriſch-epiſchen
man ben großen Zwang gar nicht,
der damit auf den jchöpferifchen Geift
ausgeübt wurde; mußte doch Jeder
Gedichten die Richtungen leicht be— fürchten, ſeine beſten, trefflichſten Ge—
zeichnen, denen er folgte. Schillers
„Jugenddramen“, von den „Räubern“
angefangen, müſſen ſelbſt bis in die
gebirgigen Gaue der Steiermark
einen ungeheuren Einfluß auf die Ge—
müther der Jugend ausgeübt haben,
auch ſeine Gedichte fanden bald Ein—
gang in alle Herzen und das in ihnen
pulſirende Leben hatte auf die ganzen
danken von ber Büchercenſur unter:
drüdt zu ſehen. Wenige mwagten es
daher, mit neuen Schöpfungen ben
Meg der Deffentlichkeit zu betreten,
ja wenigen jogar war es vergönnt,
die großen Werke ber neueften Dichter
auch nur zu fennen, die vielleiht an-
tegend auf ben gährenden Geift ein-
gewirkt hätten. Zu dieſen wenigen
Literaturverhältniffe eine lange, nach: | gehörte Kalchberg, der mit feinem
baltige Wirkung ausgeübt.
pofitiven Wiſſen auch ein bedeutendes
Aber die Bedeutung, welche die Formtalent verband und daher bald
erſten poetiſchen Schöpfungen Kalchbergs
errungen, liegt noch in einem eigen—
thümlichen Umſtande, der ſich ſpeciell
auf das Geiſtesleben Oeſterreichs in
jener Periode bezieht, die man die
Aufklärungsperiode zu nennen pflegt. ſicht nach,
Bis zu den Zeiten Joſephs II. laſtete
ein Drud
leben innerhalb der öfterreichifchen
Grenzen. Die Sefuiten hatten bie
nah feinem Belanntwerden den da—
maligen Heroen der Wiener Literatur:
Denis, Maftalier, Ratſchky u. a. an
yereiht wurbe, obgleich er an Schwung
und dichterifchem Feuer, meiner An:
alle Genannten übertraf.
Die „Gedichte“ Kalchbergs im
auf dem ganzen Literatur: | engeren Sinne des Wortes jeien es
zuerft, welche wir einer Betrachtung
unterziehen wollen, hier ſchon betone
niebere und höhere Ausbildung der ich jedoch, daß des Dichter ganzer
Jugend in ber Hand, fie Hatten jede
Art von Gelehrſamkeit zu vertreten.
Man braudt fich auf feinen politifchen
Sonderftandpunft zu ftellen, um ein:
Ernft eigentlih im Drama liegt, auf
welches ich in einem Folgeartikel zu
Iprechen fomme. Die erfte Sammlung
Heinerer Poeſien erſchien im Jahre
zuſehen, wie ſehr dieſe Einflüſſe auf 1788 und nachher öfter, die voll:
die Entwicklung des Geiſteslebens von ſtändigſte befindet ſich in dem J. Bande
der „Sämmtliden Werke“, daran
ſchloſſen ſich im Jahre 1789 und 1790
zwei Bändchen, „Früchte vaterländifcher
Mufen“ betitelt. Um bie Bedeutung
auch diejes Unternehmens ganz würdigen
zu fönnen, muß man wiſſen, wie
wichtig die Entftehung der Mufenal:
manache für bie Literatur des 18. Jahr:
hundert3 geworden ift. Die Mufenal-
manache wurben, ſeitdem der erfte (von
je'nem Drudorte jogenannte Göttinger)
von Boie und Gotter herausgegebene
derartige Almanad) erihien, der Sam:
melplag aller damaligen poetifchen
Größen der deutjchen Nation: Klopftod,
Goethe, Schiller, Bürger, Gleim, Hölty,
Leſſing u. a. m. betheiligten fich
eifrig mit Beiträgen, geben auch wohl
jelbft derartige Anthologien heraus.
Karl Goedeke zählt zwei enggedruckte
Seiten nur von Titeln ber erfchienenen
Mufenalmanade auf; die jchönften,
unvergänglichften Perlen deutſcher Boefie
wurden oft bier zuerft veröffentlicht.
Ein folder Almanach war auch Kalch—
bergs Unternehmen, allerdings waren
es meiſtens Beiträge provinzieller
Dichter, welche er enthielt, aber wir
finden hier Stücke von großer Schön—
heit und, was die Hauptſache iſt, dieſe
Sammlung zeigt den Anſchluß an das
große deutſche Literaturleben, zeigt
den Abglanz jener Beſtrebungen auf
geiſtigem Gebiete in der ſchönen
grünen Sieiermarf und darum iſt fie
für die ganze Geifteswelt des Defter:
reich jener Zeit jo wichtig und bebeu-
tend. Unter den nennenswerthen Mit:
arbeitern der „Früchte vater!. Muſen“
finden wir die Namen, Dr. %. €.
König, Franz Schram, Xav. v. Un:
ruhe, J. J. Sceiger, vor Allem ift
der Herausgeber jelbit durch Moefien
vertreten. Ausführlicher darüber habe
ih an anderem Drte gehandelt*) und
nur Kalchbergs Lyrik ift hier ins
Auge zu faſſen.
Der eigentlich Iyrifhen Gedichte
finden fich nicht überwiegend viele,
—
mehrere erinnern im Metrum und im
Tone an die Oden Klopſtocks, manche
in derſelben Weiſe an Schiller. Ein
echter Freund ſeiner Heimat zeigt ſich
der Dichter gleich in dem Eingangs—
gedichte „An die Steiermark“, von
dem ich einige beſonders wohllautende
Strophen hieherſetze:
O du in deſſen waldigem Schoß mein Aug’
Den erſten Strahl der wärmenden Sonne tranf,
Du, deß forellenreiche Ströme
Einſt um die Wiege des Dichters ſauſten,
Dir, holdes, theures Vaterland, tönt mein Lied
Dir, das ich liebe glühend und innig, wie
Der gute Sohn den Vater, wie die
Zärtliche Tochter die Mutter liebet!
Schön biſt du, unter Oeſterreichs Töchtern, ſchön,
Es gab Natur der Reize ſo viele dir;
Auch ihres Segens ganze Fülle,
Reichlich zu nähren die guten Kinder.
Die antiken Metra, welche Klop—
ſtock zuerſt wieder in die deutſche
Literatur einführte und welche bekannt—
lich auch von Denis, Maftalier und
anderen Wiener Dichtern gepflegt wur:
den, finden fich in Kalchbergs Iyrifchen
Gedichten nicht felten vertreten, jeden:
falls find dies Anklänge an die Jugend:
lectüre des Dichters. Daß Kalchberg mit
dem Dichterfreife der öjterreichifchen
Nefidenz in Verbindung jtand, be:
weifen ja zahlreihe Stellen in jeinen
Werfen und beijpieläweile die Ode
„An die Freiheit”, welche an jeinen
„Freund“, den Dichter Neger in Wien
gerichtet ift, die mit der Strophe
beginnt:
O gold’ne Freiheit! Süßer ald Sphären-Klang
Dem Dichter, als dem durftigen Wanderer
Der kühlen Quelle fernes Murmeln
Tönt mir entzüdend dein holder Name.
Mancher wird vielleicht heutzutage
diefes oder jenes der Gedichte Kaldı-
bergs etwas phantaftiih, wohl aud
in der Form nicht ganz correct finden.
Hiezu mag wohl die Jugend des
Dichters viel beigetragen haben; jagt
*) „Grazer Leben z. €. d. dv. 3.” IT. 4. er doch felbft in der Vorrede zu ber
Gejammtausgabe, welche an den Erz. | Ah! ſchon fing mein Hoffen an zu wanten,
berzog Johann, feinen hohen freund: | Schon verfanf ich tief in dem Gedanken,
lihen Gönner, gerichtet ift: „Die
meiften dieſer Geifteserzeugniffe ent:
ftanden in jener früheren Epoche meines
Dajeind, wo no der Jugend er:
wärmenbe Frühlingsftrahlen Phantafie
und Herz mit rofigem PDämmerlichte
erfüllten.” Welch’ ein edles Herz dem
Dichter im Bufen jchlug, zeigt jede
Seite der Gedichte, man leſe die „Phan—
tafien eines Weltbürgers”, das Gedicht
„Auf den Tod Leopold’8 Herzogd von
Braunſchweig“, die prächtige, melan-
holifch:ernfte „Elegie“ und man wird
nit nur ben gemüthvollen Dichter,
fondern auch den für bie höchſten
Soeale "der Menjchheit begeifterten
Menſchen Eennen lernen.
Aber auch der Frohfinn und bie
Luft nahen dem Sänger:
Laßt uns fröhlich fein, ihr Brüder!
Und genießen unfere Zeit....
Die Vergangenheit wird immer
Unfrer Macht entriffen fein;
Schwacher Menfchenblid dringt nimmer
In der Zukunſt Tiefen ein.
Nur die Gegenwart, ihr Brüder,
It dem Menſchen zugetheilt,
Die ihn füffet und dann wieder
Raſch aus feinen Armen eilt....
Bon den Liebes: und Freund:
ſchaftsliedern erinnern manche über-
raſchend an Vorbilder ber gleichzeitigen
claffifchen Literatur, jo beiſpielsweiſe
das Gedicht „An Mariannen”.
Holde Schöpferin geheimer Triebe!
Die mich mit den Fefleln heißer Liebe
Schnell an ihren Siegeswagen band,
Gute, traute, fanfte Marianne!
Heil mir, daß auf meinem Lebenstahne
Ih im Ocean der Welt Di fand.
Lange, lange ſucht' ich ſtets vergebens
Unter Traumgeftalten diefes Lebens
Eine weiblihe Bolllommenheit ;
Nicht allein zum Durfte nied’rer Sinne,
Auch gemacht zur höhern Geifterminne
Und zur mwechfellofen Bärtlichkeit.
Daß mein Suchen ewig fruchtlos fei;
DO, da fah ih Dich, erhab'ne Schöne!
Und der erite Deiner Silbertöne
Machte mid) von meinen Zweifeln frei.
Gedanke und Form laffen hier
den Einfluß von Schillers Jugend—
lyrik nicht verfennen, Humor und
Scherz find dem Dichter nicht fremd,
das zeigen manche humoriſtiſch ange—
hauchte Verſe, ſo das Gedicht „Der
Weiberfeind“ oder „Die zweifache
Schminke“, „Siegeslied eines Weiber:
helden“, „Mädchenlaunen” u. 4.
Bemerkenswerth erjcheinen in ber
Sammlung auc) die Balladen. Kalchberg
war ber erfte, ber fich in Defterreich
ber Balladendichtung wieder zumenbete.
Die Wiener Dichter pflegten zu jener
Zeit nur die Lyrif im engften Sinne
des Wortes, und die in den „Früchten
vaterländifcher Muſen“ zuerft veröffent-
lichten, fodann in die Sammlung auf:
genommenen Balladen bürften wohl
zu ben erften gerechnet werben können,
die überhaupt in der Steiermarf, ja
im ganzen Staate diefe Gattung der
Dichtkunft belebten. „Hans von Stein“,
„AndreasEberhard vonRauber”, „Heinz
von Plaßmann“ gehören bhieher, bie
Stoffe entnahm auch hier der Dichter
meift der Gejchichte feiner Heimat.
Die dramatische Belebtheitder Handlung
zeigt in biefen einer frühen Zeit an-
gehörigen Dichtungen ſchon deutlich
die Gejtaltungsfraft Kalchbergs, welche
den „Dramatiker“ in der Folge fo
berühmt gemacht und den wir noch
eingehender beſprochen in einem Folge:
artifel fennen lernen werben.
Man wird es dem Dichter viel-
leicht übel nehmen, daß manche ber
Verſe einen, wenn ih mich fo aus:
drüden darf — lüfternen Charafter
an fich tragen. Diefer Vorwurf fönnte
aber nur einen Dichter treffen, der
heute fo fchriebe; damals lag ber
Ton im Gejhmade der Zeit, man
durchblättere nur die Schiller'ſchen
377
Gedichte der erften Periode, die
Goethe'ſchen Poefien vom Ende bes
18. Jahrhunderts und bie Merfe
anderer Igrifcher Feitgenoſſen Kalchbergs.
Kürzere erzählende Gedichte Kalchbergs
und einige Fabeln gemahnen an
Gellert und Leſſing.
So ſehen mir überall Anklänge
an die große Flaffifche Zeit, Anklänge,
die um fo bezeichnender genannt
werben müflen, als fi daneben auch
wirffihe Originalität und Selbft-
ftändigfeit bei Kalchberg geltend macht.
Der erſte Theil biefer Skizze
ſchließe nun mit einem ber hübſcheſten
aus den Fleineren Gedichten der Samm-
lung:
Gleichniſſe.
Ein Merk des Wißes iſt ein ſchimmernd Aleid,
Es blendet nur des Pöbels Sinn;
Dod mit dem flüht'gen Reiz der Neuigfeit
Stirbt bald auch die Bewund'rung bin.
Ein fanftes feelenrührendes Gedicht
Iſt wie der holde Abenditern:
Iahrtaufende ſchon ftrahlt fein mildes Licht,
Noch trinkt e8 unfer Auge gern.
— — — —
Drei Zigeunerburſche zogen.
Von
Auguſt Silberſtein.
Mit Trompet und Fiedelbogen
Drei ZSigeunerburſche zogen
Ueber Ungarns Saideland.
Froſtig war's und fdhneebededet
Lag die Erde hingeftredet
Bis zum fernen Nebelrand.
Keine warme Schenfe rauchte,
Nur der böfe Nordwind haudhte
Raftlos feinen Athem aus.
Singt er aud fein Lied den Ohren,
Eilen heißt es underfroren,
Denn es harrt das Hochzeitshaus.
Plöplih bei dem Weiterfputen
Seh'n fie's fern wie Kohlengluthen
Und Geheule dringt berbei.
Herrgott ! Diefe graufe Stimme —
Wölfe find's im Hungergrimme,
Angft erftidt den Todesſchrei!
Starr gewurzelt auf’ den Plähen
Steh'n die Spielleut vor Entfepen,
Blaß wird felbft ein braun Geficht !
Und ſtets eng’re Kreife ziehen
Iene Grimmen — ein Entfliehen
Gibt e8 für die Opfer nicht.
Da — ſchon wär: er matt gefunfen,
Zuckt's dem Geiger wie ein Funken
In's Gehirn, dad Nacht umfing;
Und er leget bloß die Fiedel,
Streiht darauf gar feſt ein Liedel,
Daß ed durd die Rüfte dring' !
Eilig folget der Trompeter
Mit dem Blafen, und nicht fpäter
Stimmt des Bafles Geiger bei.
Wölfe, derlei nicht gemärtig,
Steh'n und friegen’s nimmer fertig,
Was da nun zu machen fei.
Schnuppernd mit der ſcharfen Nafe,
Prüfen fie Gegeig', Geblafe,
Halten auch die Ohren fteif.
Endlih, zum Entfchluß gefommen,
Wenden fie ih um zum Frommen
Mit tief eingeflemmtem Schweif.
Immerfort mit Melodeien
Die Zigeuner fih befreien,
Bis die Wölf auf ferner Fahrt.
Nur beim fpäten Hochzeitseſſen
Iene fih mit Wölfen meffen
Und trinten nah Mufltantenart !
378
Aus dem Stimmen: und Paut:Concert der niederen
Thierwelt.
Wir beftaunen ben wunderbaren und zum Theil auch in Noten auf:
Drganismus der menschlichen Sprache,
wir laufhen dem füßen Gefang der
Nachtigall, das markige Gebrüll des
Löwen flößt und Nefpect ein vor dem
„Wüſtenkönig“, die mannigfachen Laut:
äußerungen zahmer unb milder Vier:
füßler find uns vertraut, auch aus
ber Kleinwelt deffen, was da „kreucht
und fleugt“, entfinnen wir und manches
unverbrofjenen Schreihalfeg, mandes
aufdringlichen Lärmmachers. Aber nur
dem fleißigen und jchärfer aufhordhen-
ben Ohre des Naturforfchers, des ge—
naueren Beobachter der Thiermwelt,
ift befannt, daß es unbedingt jtumme,
jeder Fähigkeit einer Lautäußerung
beraubte Thiere, jelbft unter den ver:
bältnigmäßig Heinen und kleinſten,
beinahe gar nicht gibt. In der That,
auch das Fleinfte Thierlein will fein
bischen Stimme oder Laut haben, um
jein bishen Seele hineinzulegen,
und wenn es nicht miteinftimmen dürfte
in das große Concert der Lebendigen,
jo würde es feine Freude haben am
Daſein.
Sich äußern will jede Creatur
und wenn ihre Kehle von der Natur
nicht bezogen iſt mit der ſchwingenden
und tönenden Saite der Stimmbe—
gabten, jo macht fie wenigftend ein
Geräuſch zu ihrem Vergnügen, in-
dem fie gewiſſe Gliedmaßen rhythmiſch
gegeneinander reibt und fo, wenn nicht
fingt, doch mufizirt.
Da fam mir fürzlih ein merk:
würdiges Buch in die Hände, ein echt
deutſches Buch, betitelt: „Thier:
ftimmen von Dr. 9. Landois,
Prof. der Zoologie“ (Freiburg
i. Br, Herder’jhe Verlag
handlung 1874). Sn diefem Werke
find mit deutſcher Gründlichkeit alle
Stimmen der niederen Thiere belaujcht
geichrieben. Es wird Bericht erftattet
über die Lautäußerungen der Mufcheln,
der Schneden, der Krebfe, der Spinnen,
der Grillen, Heufchreden und Küchen:
Ihaben; der Negflüger, ber Fliegen
und Mücken, der Schmetterlinge, der
Bienen, Ameijen, Käfer und fonftiger
Inſekten; ferner der Fiſche — ja,
wahrhaftig auch der Fiſche! — ber
Molhe, Fröfhe und Kröten, ber
Schlangen, Krofobile und Schildkröten.
Von allen diefen wird erörtert und
erwiejen, wie und warum und womit
fie raſcheln, rafjeln, quiden, quaden,
zirpen, pfeifen, pfauchen, jummen,
brummen, ſchnarren, knurren, Eniftern,
fnarren u. f. w. Sorgſam in Noten
aufgezeichnet find bie Melodien oder
„geitmotive” der verfchiedenen Grillen:
arten, der Feldheufchrede, des Moſchus—
bod3, der Schnabelwangze, der Schmeiß—
fliege; desgleichen die Melodien unter:
i&hieblicher Fliegen und Mücden, wie
der Mittags, Stuben, Schwebe:,
Schlamm: und Schnabelfliege, der ge
meinen und der geringelten Stechmüde ;
ferner die der Erbhummel und Moos:
hummel, der Wegmwespe und ber Blü—
benbiene, auch die des Landfrofches,
Laubfroſches, grünen Waſſerfroſches
und der Kröte.
Man kann übrigens neben den
Sängern recht gut die verſchiedenen
Inſtrumentiſten und Orcheſtermitglieder
der kleineren Thierwelt unterſcheiden.
Es gibt Bläſer, Pfeifer, Geiger,
Trommler u. ſ. w.
Geiger ſind z. B. die Grillen und
Heimchen, ganz beſonders aber die
Feldheuſchrecken. Ihr Schenkel entſpricht
dem Fiedelbogen; eine längs der Flü—
geldecke verlaufende ſcharfe Kante ver—
tritt die geſpannte Seite, als Fiedel—
bogen dient eine gezahnte Ader bes
379
Schenkels, die jogenannte „Schrille durch deren mieberholte® Auffchlagen
aber” ; al3 Reſonnanzboden tönt beim
Anftrih der Saite die ganze Flügel-
decke mit. Auch die Küchenjchabe ift
nad den Beobachtungen der Natur:
fundigen zu den Geigern zu rechnen,
indem bie Männchen, wenn fie fich zur
Paarung anfhiden, ihre leberartigen
Flügeldeden in kurz abgebrochenen
Stößen an einander reiben, was mit
einem ſchwachen rhythmiſchen Geräufch
verbunden ift.
Die Termiten find Trommler,
was ihrem beherzten und Friegerifchen
Charakter gut entſpricht. Einige ſchla—
gen, beſonders in der Aufregung, mit
dem Kopfe, andere mit dem Hintertheil
zu wiederholten malen jcharf gegen
die Wand ihrer Gebäude, oder gegen
eine fonftige fefte Unterlage und brin-
gen damit einen Ton hervor, ben man
4—5 Fuß meit ungefähr wie das
Piden einer Taſchenuhr vernimmt.
Etwas Aehnliches wird von ben weißen
Ameifen berichtet. Auch das Käferlein,
da3 den jchauerlihen Namen ber
„Todtenuhr“ führt, ift nur ein arm—
feliger Trommler. Man muß nämlich
das Pochen, welches durch das Zer—
nagen des Holzes von Seite der Zar:
ven biefer Käferchen entfteht und das
abſichtliche Klopfen des Thiercheng unter:
jcheiden. Will man dasjelbe beim Ticken
beobachten, jo braucht man nur mehrere
Individuen diefer Art in ein Holz
döschen zu fperren. Klopft man her:
nach in ihrer Nähe mehrere mal hinter:
einander mit dem Nagel auf den Tifch,
jo beantworten die Thierchen jofort
den vermeintlichen Lodruf, ja, fie find
jo fed, daß fie auch bei geöffnetem
Dedel ihr Trommeln fortjegen und
man kann bann genau beobachten, wie
fie dasjelbe zu Stande bringen. Sie
jeßen ihre ſechs Beine feit an einer
Stelle auf; dabei machen fie mit dem
Körper abwechjelnd in der Richtung
nad) vorn und nach hinten ſchlagende,
hämmernde Bewegungen. Man überzeugt
fih bald, daß es die Oberfiefer bes
fapuzenartig eingebogenen Kopfes find,
das regelmäßige Getid entfteht.
Als fimmkräftige Trompeter
im großen Concert fungiren die Fröſche.
Sie find von der Mutter Natur mit
einem Stimmorgan ausgerüftet worden,
deſſen Stärke und Ausdauer begreiflich
wird, wenn man bie äußerft grob-
maſchigen Zungen dieſer Thiere be-
trachtet. Die außerorbentlihe Menge
von Luft, weldhe in den Froſchlungen
gleihfam aufgeſpeichert ift, vermag
natürlih auch die Stimmbändber in
eine ftarfe und ausdauernde Schwin-
gung zu verfegen, nicht zu reden von
dem ftimmverftärfenden Apparate, der
fogenannten Schallblafe, die fih am
Kopfe des Froſches angebracht findet.
Jedoch nur am Kopfe des männli-
hen Froſches — denn es ift eine
ebenfo merkwürdige als unbeftreitbare
Thatjache, daß, während beim Men:
ſchengeſchlechte die Zahl der Sänge-
rinnen unb Glavierflimperinnen faft
noch größer ift, al8 die der muficiren-
den Männer, im Thierreihe der mu—
fitalifche Beruf faft ausfchließli dem
männlichen Geſchlechte vorbehalten ift.
Die männlihe Waflerwanze 3. B. be:
figt einen eigenthümlichen Reibapparat
zur Erzeugung von Tönen, von mel:
chem man faum eine Spur bei ben
Weibchen antrifft. Bei den Weibchen
der Feldheuſchrecke bleibt die Reibleifte
zeitleben® im Larvenzuftande. Pries
doch ſchon der alte Grieche Xenarchus in
einem Epigramme die Cicaden glücklich,
weil ihre Weiber — ftumm find!
Dagegen gereiht es ben Thier-
weibchen zur Ehre und könnte vielleicht
als ein Vorzug vor ben Weibchen ber
menſchlichen Art bezeichnet wer:
den, daß fie, wie es namentlich bei
dem Vogelgeſchlechte jo ſchön hervor:
tritt, mehr durch bie edle Kunftfertig-
feit, alfo bie äfthetiichen Vorzüge ihrer
Bewerber, al3 durch gemeinere Eigen-
ſchaften berfelben beftochen und gewon—
nen werben. Die Cicadenmweibchen ver:
jammeln ſich um,mufizirende Männchen,
die fi, al3 Rivalen in ber Liebe, in
380
eine Art Wettjang einlaffen. Bei den
Schlammfliegen fieht man zumeilen im
brennnenden Sonnenschein das Meibchen
ruhig auf einem Blatt oder einer
Blüthe ſitzen und fich behaglich ſonnen,
während gerade fenfrecht über ihm in
gewiſſer Entfernung ein Männchen fich
jchwebend erhält und dabei einen un-
abläffigen, gleihmäßig hohen Sington
von fih gibt. Zuweilen jchießt e8 auf
einen Augenblid herab, jtreift bas
Meibchen und ftößt es flüchtig an, wie
um jeine Aufmerkjamfeit noch ftärfer
anzuregen. Ueber diefem Männchen
ſchwebt dann zuweilen, ebenfo raft-
[08 jummend und ebenfo von Zeit
zu Zeit das Weibchen ftreifend, ein
zweites. Selbit der männliche
Alligator tummelt ih brüllend in
der Lagune und hält dies für eine
Galanterie gegenüber dem’ Weibchen !
Daß die Thiere und Thierchen
auch ohne Rückſicht auf das Geſchlecht
mit ihren Lauten einander anloden,
ift gewiß und bies geht jo weit, daß
man fie häufig durch Nahahmung
ihrer Stimmen täufchen und herbei:
ziehen kann. Unſere gemeine Stech—
mücke läßt an warmen Sommerabenden,
wenn fie in Schwärmen wolkenartig
umberfummt, ihre Stimme in der
Höhe des Tone „e“ oder „d* ver:
nehmen. Singt man diefen Ton in der
Nähe eines derartigen Schwarms oder
ftreiht ihn auf der Violine an, fo
läßt ſich plöglich der ganze Schwarm
auf den Sänger oder Geiger hernieder.
Menn man die Stimme des Laub:
froſches nahahmt, fo ftimmt er fofort
ein: „Ich habe Jahre lang”, jagt
unfer Autor, „Laubfröſche in Glas:
behältern gehalten, welche auf das
Signal „pp, äpp, äpp!“ mit mir
ein Duett fangen.“
Kein Wunder übrigens, wenn in
einer Melt, die ebenjowohl auf den
Streit, als auf die Liebe gegründet
ift, auch das Stimmchen des Thier-
leins nicht immer ein Lockruf ift, fon:
dern gar manchmal aud ein Streit:
fignal, ein Warnungsruf oder ein
|Nothichrei. „Wird das Heimchen“, jagt
| Darwin, „während ber Nacht über-
raſcht, jo gebraucht e3 feine Stimme,
um jeine Genofien zu warnen.“
Unter ben Käfern gab es, wie
unfer Autor fih ausdrückt, Kanoniere
ſchon lange, bevor Berthold Schwarz
das Pulver erfunden hatte. Die Bra:
chinusa ten erwehren fich ihres Feindes
auf ganz militärifhe Manier, indem
ſie ihm durch ein Bombardement von
fich abzuhalten juchen. Gelingt es einem
ſolchen „Bombarbierkäfer” nicht, feinem
Verfolger zu entjchlüpfen, jo erwartet
er ihn in anjcheinender Ruhe, läßt
ihn bi8 auf eine gewiſſe Entfernung
heranfommen und eröffnet ſodann das
Bombarbement, d. h. er ftößt einen
blauen, unangenehmen Dunft mit einem
hörbaren Knall nach feinem Feinde
aus. Durch Beugung der Bauchgelente
fann er dem Schuß eine beliebige
Richtung geben. Erjchredt zieht der
Verfolger fih auf einen Augenblid
zurüd, wiederholt dann feinen Angriff,
wird aber immer auf die gleiche Weife
empfangen, bis er fich entſchließt, fein
Wild fahren zu laſſen. Dies eigen:
thümliche Schugmittel des Käfers be:
jteht in einer ätzenden Flüſſigkeit, bie
jo flüchtiger Natur ift, daß fie fi in
Berührung mit der Luft in einen
bläulihen oder weißlichen Dunft ver:
wandelt.
Höchſt anerkennenswerth ift ohne
Frage der Eifer, mit welchem unfer
treffliher Autor den Zwecken nad;
jpürt, welche die Kleinwelt der Thiere
in Lieb’ und Streit, in guten unb
böfen Augenbliden mit ihren Laut:
äußerungen verbindet. Aber ich glaube,
einen Fal und nicht den jeltenften,
bat er zu wenig hervorgehoben: mie
die Thierlein auch ohne allen Zweck
und Grund, zu ihrem bloßen Ber:
gnügen, fih äußern, klangfroh fich
deflen erfreuen, was die Natur an
Zautfähigkeit in fie gelegt hat. Es ift
die reine Dafeinsluft, die von feinem
menſchlichen Peſſimismus angefränfelte
Lebensfreude, die aus allen Stimm:
und Lautbegabten hervorjauchzt,
erihöpft in ſüßen Frühlingsliebern,
bis hinunter ſogar zu dem gräulichen
Geihlehte der Klapperſchlangen, die
in der Einjamfeit transatlantischer,
frühlingsduftiger Wälder, zu zwanzig
in einen Knäuel geſchlungen, ihr Ver:
gnügen darin finden, mit erhobenen
Köpfen zu ziſchen und dazu aus Leibes:
fräften mit ihren Klappern zu rafjeln...
Dürfte man den Biographen eini-
ger berühmter Componiften und Vir—
tuofen glauben, jo hätte bei manchem
Thiere die Freude an Sang und Klang
— durch „Anpaffung und Vererbung“,
würden vermuthlih die Darmwinianer
jagen — zu einer Art von mufikali-
ſcher Kennerſchaft fich entwidelt. Die
Rolle, welche befanntlih der Delphin
in der Lebensgeſchichte des Arion jpielt,
wird in den Biographien einiger mo-
derner PVirtuofen, 3. B. Paganini’s,
den Spinnen zugetheilt, die fich, jo
oft ihr Lieblingsgeiger oder Pianift
in jeinem Gemach mufizirte, von der
Dede des Zimmers auf das Inſtru—
ment des Künftler3 herabgelafien haben,
um feinen Tönen zu laufchen. Das ijt
aber noch gar nichts im Vergleich zu
dem, was dem yriechifchen Lauten:
ipieler Eunomos von Seite einer Ci—
cade widerfuhr. Als nämlich diefem
bei feinem Wettjtreite mit dem Arijton
eine Saite jprang, ſetzte fich eine zu—
horchende Gicade auf jeine Laute und
half für die Töne der geiprungenen
Saite mit ihrer Stimme jo gut aus,
daß fie ihrem Schügling den Sieg
über feinen Nebenbuhler verſchaffte.
Die Griechen ſchwärmten für die
Gicaden; müchterner jtand ihnen der
Nömer gegenüber. Birgil beflagt fi
geradezu, daß ihm die Gicaden den
Hain „vergällen”. Wer hat Recht?
Ich für meine Perfon halte es bei
Tage mit den Griechen, bei Nacht mit
Virgilius. Was jedoch unſern thierjtim-
menzfreundlichen Autor betrifft, jo er:
Härt diejer, auch jeine Nachtruhe mit
jergnügen zu opfern, um das Concert
| Belten gab”,
von der kleinen Schreihälfe nicht zu vers
dem Vogel auf dem Baume, der fich | jäumen.
„Man wird freilich”, jagt
er, „dieſem Gicadengefange den Bor:
wurf der Einförmigkeit machen können;
aber bei aller Einförmigkeit hat ber:
jelbe doch etwas ungemein Sanftes (?)
und Rührendes (!), das fih beſon—
ders in der ftillen Naht dem
Gemüthe des laufchenden Menjchen
leicht mittheilt! — Habeat sibi!
Sind doch aud über die Fröjche
und ihre muſikaliſchen Leitungen die
Stimmen jehr getheilt. Ziemlich unge—
ſchlacht läßt ſich z. B. der alte Abra-
ham a Saneta Clara in feinem „Yu:
das der Erzichelm über diefelben ver:
nehmen. „Die grüngehojeten Laden:
dreicher”, jo jchreibt er, „verbringen
ja eine verbrießliche Muſik vie mehrejte
Zeit, wenn fie auf einem moofigen
Geſtade eines Fiſchweihers oder Teiches
ihre Pfundgojhe aufjperren, daß fait
der Kopf nicht ficher ift, daß er nicht
zum Maul berausfalle; ſie machen
ſolche Triller in ihrem Geſang, daß
gegen ihnen ein kropfeter Pinzger
ein lieblicher Amphion im Singen
fcheint zu fein, und joniel man ben
Text ihres lieberlichen Liedes verfteht,
jo quafezen fie nichts anders, als: gib
Acht, gib Acht, gib Acht!” Auch da:
gegen hat unſer Autor jehr viel ein:
zuwenden. Er ift ein Sohn Weſtphalens,
welches, wie er fi ausdrüdt, „ſeines
feuchtwarmen, amphibiotiſchen Inſel—
klimas und ſeiner zahlreihen Lachen
wegen einer überaus großen Anzahl
von Fröjchen einen beliebten Aufent-
halt bietet“. Er ijt der Meinung, dab
des Froſches Stimme und Geſang
„eben ſo gut zur Frühlingszeit ge—
hört, wie das Lied der Nachtigall“.
Und er verfihert, „tüchtige Muſik—
fenner in Städten“ gefannt zu haben,
die „fih im Garten unmittelbar in
der Nähe ihrer Wohnungen eigene
Froſchteiche anlegen ließen
und ganz verjtimmt wurden, als die
gefangene Schaar, trotz ſorgſamſter
Pflege, ihr lärmendes Lied nicht zum
— Sind ohne Zweifel
382
auch Weftphalen gemejen, diefe „guten
Leute” und trogdem nicht „Ichlechte
Mufilanten” — wir Anbern aber,
um beren Wiege die Fröjche nicht jo
zahlreih gefungen haben, befreunben
uns in der Regel etwas ſchwerer mit
ihnen; wir finden das Froichgequad
in ber Frühlingsnacht begreiflich und
verzeihlih, aber nicht immer ange
nehm, unb wir tröften ung dann höch—
ftend mit dem Gedanken, daß in ber
Nähe unferer Schlafgemäder wenig:
ftend der Aderfroſch und der nord-
amerifanifhe Bull ober Ochſen—
froſch fih nicht anfiebeln, von denen
der erjtere ſich durch ein „heftiges
Brüllen“ auszeichnet, „welches viele
Aehnlichkeit mit dem einer Kuh hat“,
während der lettere die Größe eines
Heinen Kaninchens befigt, mit welcher die
Stimme natürlich im Verhältniß fteht.
Glücklicher Weile ift auch das
Geſchlecht der Riefen-Cicaden nur jen-
jeit8 bes Oceans heimiſch. „Jeder,
der in einem tropiſchen Walde um—
hergewandert iſt“, ſchreibt Darwin,
„wird über den Klang erſtaunt gewe—
jen fein, den die männlichen Cicaden
hervorbringen. Der von ihnen bervor-
gebrachte Laut konnte deutlich am
Bord des Beagle gehört werben, als
dieſes Schiff eine engliſche Viertelmeile
von der Küfte entfernt vor Anker lag,
und Gapitän Hancock fagt, daß ber
Laut in der Entfernung einer eng—
liihen Meile gehört werden könne.“
Eine Schilderung des Gejanges
diefer Cicade gibt Lenz: „Sie trillert
meiften® das zweigeftrihene e mit
dis eine halbe Minute lang ſehr jchnell
und zieht dann duch die zwiſchen e
und dem eingeftrichenen g liegenden
Töne zu legterem Intervalle herunter,
jo ald wenn man auf einem Saiten:
inftrumente mit ben Fingern ſchnell
nieberruticht unb dabei doch mit bem
Bogen auf berfelben Saite ftreicht,
worauf fie entweder im eingeftrichenen
g ſchließt oder zu einer neuen ‘Periode
wieber zum zweigeftrichenen e hinauf:
zieht, und dabei immer auf dem An:
fangston der Periode länger als auf
dem Schlußtone verweilt.“
Es jcheint, daß dieſe Cicadenart
im Thierreiche die „Muſik der Zu—
kunft“ vertreten will und des Bay—
reuter Meiſters allein ſeligmachende
„unendliche Melodie.“ R. H.
Die Dankfagung.
Eine Hochzeitsrede aus Oberfteier,
Wenn Gäfte, die vom Feſtgeber
zu einer Mahlzeit geladen wurden,
ſchließlich
ber zahlen müſſen, ſo iſt das eine
kurioſe Sach'.
Auf der Bauernſchaft Rede,
Kreuzköpfel auf hat und der Sachen
4
ihr Speid und Trank jel: | herein und hält die „Dankſagung.“
Die Dankjagung, das ift eine
die in ſpaßhafter Weiſe das
ift das nichts Seltenes : und wo fäme | Anliegen des, Speifemeifters" (Wirthes)
der junge Gamshofer oder Wiesbauer,
oder wie er jchon heißen mag, wo:
fäme er hin, wenn er die ſechzig ober
achtzig Perfonen, die er zu feiner
Hochzeit laden muß, weil es lauter
Nahbarsleute und Blutsfreunde find,
aus eigenem Sädel einen ganzen Tag
füttern wollte, und noch dazu mit
dem Köftlichften, was das Dorf zu
bieten vermag! Sein ganzes Gütel
ginge drauf und die erheiratete Sach’
von jeinem Weibe mit drein.
Am Hochzeitämorgen im Haufe
der Braut ein Frühftüd, das „guat
und gmua iS“, das gibt man ohne:
hin. Das Hochzeitsmahl aber, das
nah der Trauung meift von der
Mittagsjtunde bis in den Dunkeln
Abend Hineinwährt und aus einem
dbreimaligen „Zujammenfigen” (jedes
Zujammenfigen mit fünf bis jechs
Gängen) befteht, dad muß jeder Gaft
jelber zahlen. Nun mögen es aber
die Alten jchon gefühlt Haben, und
vielleicht merfliher als heute die
Yungen, daß es doch feinen rechten
Schick hat, wenn plöglich, mitten in
vorbringt und endlich den Betrag an:
gibt, den jeder der Hochzeitsgäfte zu
entrichten bat. Dieſe „Dankſagungen“
find verjchieden und je nach dem Ta—
lente eines vielleicht längſt verjtorbe:
nen Verfaſſers oder des Nebners,
mehr oder weniger wißig. Sch habe
in meinem „Volksleben in Steiermarf”
bei der Schilderung ber Bauernhoch—
zeit Gelegenheit gehabt, ein paar
ſolche Feitreden wiederzugeben. Heute
liegt mir ein andere dieſer Rede—
ftüde vor; dasjelbe ift jchon auf
Veranlafjung des Volksfreundes Erz
herzog Johann aus der Gegend von
Fohnsdorf im Murthale hervorgeholt,
bisher aber nicht veröffentlicht wor:
den. Es charakteriſirt jo recht den
Bauernſpaß, ift aber auch noch darum
erhaltenswerth, weil derlei Dentmale
bäuerlichen Humors ohnehin mehr und
mehr in Vorfall kommen.
Unfere jungen Bauern haben fein
Dergnügen mehr an ben eigenartigen
Sitten und Iuftigen Schnaden der
Vorfahren, und neuzeitlih findet man
äußerft jelten mehr eine jener bunten,
der feitlichen Luftbarfeit, der Wirth | humor- und poefievollen Bauernhoch—
mit jeiner Kreide kömmt und den |zeiten, bie einft jo berühmt unb ge-
Leuten das Sünbenregifter ihrer Völ- ſucht geweſen find. Heute — je mehr
lerei vormadht.
durch welche in Inftiger Weile das
traurige Zahlen, das „Meijen”, wie
es auf Hochzeiten heißt, eingeleitet
wird.
So tritt zur Stunde, wenn das
Mahl zu Ende ift, entweder der „Bi: | bemerken fie ihn,
oder ein
der „ein
delmann“, Hochzeitäleiter,
Anderer aus dem Dirt,
Sie haben ſich daher alte Leute auf der Hochzeit find, deſto
Geremonien und Sprüche ausgebacht, | heiterer geht’3 dabei zu. — Ein
Bei:
jpiel den Jungen, wie die Alten jun-
gen, jei die „Dankſagung“ hierher:
gejekt.
Der Mann tritt mit fomijch-
pathetiſcher Geberbe zur Thür herein;
fo wird's gleich
ftil im Feſtſaal. Mancher ift jchon
begierig, ob jein Weisgeld, das er in
384
ber Hofentafche bereit hält, auslan—
gen oder davon gar noch was übrig
bleiben wird.
Snmitten des Saales bleibt der
Mann, gegen die Ehrentafel, mo
Bräutigam und Braut figen, gewen—
det, ftehen, und fängt an jo zu reden:
„Diaz bin ih mehr amol bo,
meini liabn Hochzatleit. Hiaz wa 3
ma wul bold jchleht gonga.“
„Zwe dan? zwe dan?“
„30. Ih und da Wirt hetn ing
bold zgreint. 's het wos ogebn, wan
er nit rund gonga wa.“
„Zwe dan? zwe dan?“
„35 geh in Keller einhi, hon
welln an Wein hobn. Do huft er
hintern Foß, und mocht da mit da Kreibn
daheifti Krotza. — Wos er bantat? frog
ih’n. — Zſomroatn, wos ös vaſoffn
hobs. jogt er. — Auweh! ſog ih
drauf, hobn dan d Leit jo viel
trunfn? Muaßt wul na du jelba
gſoffn Hobn, weil da des einbilbit.
— Glei fluigt er ber af mih, will
mar Dans einigebn. Bin oba gſchwinda
gwen, ſchmeißn hinta d Faſſa, daß
er gmegazt hot. Ih ren zan Foß,
wiſch d Strichla glei wek und denk:
hiaz hots da grotn. Daweil ſteht da
Wirth wieder auf, gibt ma guati
Wort und ih ſult ſo guat ſein, ſuln
8 Sachl zſomroatn helfn. — Mochſt
an Gſcheitn, ſog ih, ſo will ih da
helfn. — Na guat, mir hebn on zan
roatn — und roatn — und roatn,
und wos er voron hot aufgſchriebn,
hon ih hintnoch wieda wekgwiſcht
und hon ma denkt, ſo geht da Hondl
ſcha guat. — Oba da Wirt, des is
an Odrahta (ein Schlauer)! Bringts
Luader auſſa, die Poſchaun (Perſon)
ſult a zwoanzg Guldn zohln. — Je—
gerlas! hon ih drauf gſogt, du biſt a
Nor! wia kuntn dan d Leit ſo viel
zohln, des wa gfahlt! Koan Danziga
kam da mehr ins Haus! — Und
bon onghebt zan hondln, bi grob
worn;
brocht bis af drei Guldn und hon
ma denkt, hiazt hots da grotn.
Daweil kimt da Breitigon zu
mir, frogt, wos ih mochad. Ih dazehl
eahm die Gſchicht, daß s zan Zohln
wa. — Sult ſtill ſein, ſogt er, ſult
nix varothn, er thats Olls ſelba
zohln. — Scha Nor! hon ih gſogt,
wos folt da dan ein! Wirſt dei Selb
ha no braudn; Fehr um d Hond,
fonft a Wiagn kafn, a Fatſchn. Wa
weit gfahlt! Muaßt kluag (jparfam)
wern! Zwe juln dan d Leit nit jelba
zohln, wos j geſſn und trunfn hobn,
fein jo lauta rundi, bravi Leit —
wia da Hulabar, — ber hot jo jo
viel gefin, daß n d LXeiblfnepf afn
Hiasbarn fein Tala jein umigiprunga.
Und da Tonibar hot mi in jei Briaf-
toſchn loſſn ſtirn (ftarren), de iS da
jo jo wompab (baudig) gwen, daß er
flewa ba da Tir hot einigmedt. Da
Meftlbarin hobn d Dar(Eier-Jfreiger
in Kidljof die Knia aufgwezt; wuaſcht
(würde) vula Grand fein, wan fie 8
wiada miad hoamtrogn. — Na, aftı
hots da Breitigon loſſn gelten unb
hot mih betn, ih mecht mih ban enk
holt wul gſtot jeina bedonkn.
— Und zan Erftn, olo, bebanft
fih der ehrnwerti Breitigon mit jeina
liabn Jungfrau Braut, daß ſeids
fema zan Ehrntog und hobs valiab:
gnoma mit an Leffl Suppu, und daß
eahna 8 Bloat (Geleite) hobs gebn
von eahna n Haus iba Gofin und
Stroſſn bis zu da lobwirdige Pfor-
fichn, zan heilign Pforpatron Ruperti
(oder wie er eben heißt), und hobn
in hochheilign Meßopfer und da Kup:
lazion beigwohnt. Bedonkn fih, daß
eahna wiada hobs 3 Bloat gebn iba
Goſſn und Stroßn, iba Weg und
Steg, ber bo, bis zan ehrnwertn
Hern Speismoafter, in Joglwirt (oder
wie er eben heißt) und hobn eahnern
Ehrntog mit Lujtbarkeit und Freidn
und in da liabn Danigkeit zuabrodt.
Ban Zweitn bedonkt fi da Her
eahm is da Schiah ongonga | Speismoajta, daß oll jeids kemen
(hat ſich gefürdtet), hon an owa und mit den kloan Traktament valiab
385
hobs gnoma. Hot zwor wul gjogt, der Eriti. Ma fon nit DMi af vanmol
daß feini Geſt wos Beſſers warn |zgleich ehren.
wert gwen, hot ah a Duzat Fiſcher Aft wird af an iadn Tiih a
und Jager und Wildihign ausgichikt. | Startin Johanesjegn aufgwelzt wern,
D Fiſcha warn datrunfn, d Jaga den jultS fein briaderli zuatrinfn,
warn va die Wildſchitzn dajchlogn
mworn, und die Wildſchitzn hetus ein
gfongt. — Mei, mei, bon ih gſogt,
jog ih, 3 wird Koana humeri (hun—
gerig) hoamgehn derfn; d Monleit
hobn eahneri Seckl und Hiat ongfült
mit Bichoadelin, des ibabliebn is,
und d MWeibaleit hobn eahnan Toal
ins Firter eingfoßt. — Aft hot? n
jelber ah wiada gfolln.
Und zan Drittn bedonfn ſih d
Spielleit fir Olls und fie mechtn |
winſchn, das des Lebn an ocht Tog
a jo tat daurı. Ih blibad weida mul
jo lang do, wans enf recht wa. Wos
olli Tiih efin, mecht ih gern zohln, |
oba wos d Leit braun, von jebin
gang ma da Schiad) on.
Zan Teirl eini, da Wirſcht dojcht,
da Her Speismoaſta, will ih fogn,
moht ſchon a ſaurs Gſicht — er
wurd jcha gern 3 Geld hobn. Na jo,
wand as ehanta nit vaſtondn hobs,
jo jog ih enf3 holt nohamol: d Mons—
bilda jultn zohln na glei a drei Gulon ;
oba d Weibsbilda, de hiſch viel Dar-
geld in Sof hobn, mian zohln drei:
hundert Kreizer. —
Und weil bes hiaz amol in da
Nichtifeit is, jo wird af d Leßt der
ehrjami Brautfihra fema, wird d
Jungfrau Braut aufbegehrn von Tiich
af a drei Tanz af an ehrlicha Tonz-
ftot. Sul an Jada (Jeder) fein Ehrn:
tonz mit ihr mochn. Sul ſih Koana
vaftefn, jul af jein Ort fign bleibn;
e3 jul der Erjti jo guat fein, wid
ba Leßt, und da Leßti jo gut, wia
Kofegaer's „‚Heimgarten‘‘ 5. Heft,
‚Daner in Onbern. Und hiazt mochts
gichleini (ichleunig) in Beidl auf,
zohlts in Wirſcht aus, und iber a
Kloans hobs mih gjehn, und iber a
Kloans ſechts mih neama.“
Iſt der Nebner verſchwunden, fo
fommt der „Speifemeifter”, vom Braut:
führer begleitet, mit einem weißen
Teller, geht damit unter Muſikklang
die Tiichreihen ab und Jeder legt die
verlangten Gulden auf. An Braut
und Bräutigam aber eilt der Teller
flüchtig vorüber; deren Theil ift bereits
den Anderen miteingerechnet worden.
Es laſſen fih die Feitgeber von
ihren geladenen Gäjten freihalten; —
und doch fühlt fich Jeder erfreut und
geehrt, der zur Hochzeit geladen
worden. — Manchem mögen berlei
alte Dinge unweſentlich erjcheinen.
Doch näher bejehen haben fie nicht
allein für den Freund des Volksthüm—
lihen, fondern auch für den Eultur:
und Sprachforfher und dem Ethno—
graphen einen gewiſſen Werth. Die
Volkskunde ift eine Wiſſenſchaft ge:
worden und Jeder, der zur Vervoll:
ftändigung derſelben ein Scherflein bei:
trägt, dient jener Richtung unferer
Zeit, die der Gefellihaft neue Kräf—
tigung aus dem Materiellen und der
Urfprünglichkeit zuführen zu müſſen
glaubt.
Anundfürfih intereffirt ung das,
was das Bauernvolf denkt, ſpricht
und treibt in ber Regel nicht — nur
die Leute jelbft wollen wir dadurch
lennen lernen. Und das ift wichtig.
>. K. Roſegger.
386
Das Kräutlein für den Tod.
Ein Geſchichtchen, wie ſich's das Volk erzählt.
Aus den Thalgründen der Maros
erhebt ſich ein finfterer Fels, fo fteil
wie eine Wand und von Weiten zu
jehen über der Ebene ragen wie eine
graue ungeheure Feſtung. Dieje Fe—
ftung ift ein Schagfäftlein der Volks—
poefie. Sagen und Lieder gehen im
weiten Ungarland vom ſchatzreichen
Geifterfchloß, an deifen Grund die
gelben Wellen der Maros fluthen,
herangewogt aus Siebenbürgens fer:
nen Bergen. Im Innern des Felſens
Gold und Edelgeftein, und außen an
den wüſten Schroffen ſeltſam blaue
Blümlein, die nirgends fonft wachſen
auf der Erbe, Heilkräuter, Wunder:
pflanzen, — darunter auch das Kräut—
lein für den Tod. — Das FKräutlein
für den Tod, jagen die Leute und
verftehen barunter ein Mittel, ben
Tod zu tödten. Iſt ſchon Mancher
emporgeflettert die finjtere Wand an
der Maros, aber das Wieslein, wo
jene Kraut wächſt, war noch Keinem
erreihbar. Man fieht3 von unten, es
it wohl fiebenmal jo hoch oben, als
jo wird ſchon das Gethier die Kräut:
lein finden; gar der Bär und ber
Wolf werden froh fein, wenn der
Tod nicht mehr lebt.
Da laden die Andern. Wenn
der Tod nicht mehr ift, dann muß
der Bär und der Wolf felber ver:
jterben ; oder wovon leben tenn bie
Raubthiere? vom Tode Anderer. Und
weil der Menſch das größte Raub—
thier ift, jo könnte leicht er am we—
nigften leben, wäre ber Tod umge:
bracht.
Das iſt den Erſten wieder nicht
recht und ſo bilden ſich um den Fel—
ſen an der Maros zwei Parteien; die
eine ſagt: der Tod iſt das Leben,
und die andere ſagt: das Leben iſt
der Tod.
Und über all dem Streit bleibt
der Fels wie er war.
Am Fuße des Felſens und hart
am Ufer des Fluſſes lebte ein Mann.
Er war anſcheinend arm und nährte
ſich von Feldbau und Fiſcherei, aber
die Leute ſagten, er ſei in Freund—
die höchſte Eiche kann ragen, es iſt ſchaft mit den Geiſtern des Berges,
nicht ſenkrecht, es iſt überhängend und
das Moos und die Kräutlein wachſen
von oben herunter. Und alte Leute
ſagen, dieſe Pflanzen wüchſen immer
länger aus dem Stein, und vor ein
halb hundert Jahren hätte man ſie
noch nicht ſo herniederranken geſehen
wie jetzund, und allmälig würden ſie
ſich ſchon herabſchlängeln und von
den Menſchen erreicht werden.
Ja, ſagen Andere, die keinen
Glauben mehr haben an die liebvollen
Wunder der Welt: herabſchlängeln
werden ſie ſich ſchon, die Kräutlein für
den Tod, aber der Tod wird ſich
wohl beeilen und die Menſchen früher
vertilgen.
Wenn auch, ſagen wieder die Er—
ſten, und iſt der Menſch nicht mehr,
welche die ungeheuren Schätze bewad:
ten, und biefe ließen ihn nicht bar:
ben. Darum famen fie in ihren Nö-
then auch oft zum Manıe, auf daß
fie ihn um Nath fragten. Sie mein-
ten, wenn fie den guten Alten um
guten Rath baten, fo würde er ihnen
vielleicht Flingendes Silber und Gold
geben — denn es gibt auf ber Welt
fein befjeres Auskunftsmittel, als das
liebe Geld. Aber der Mann am Fuße
des Felſens gab fein Schärflein in
Worten. Zu verachten war's auch
nicht, gewißlich nicht, und die Leute
jahen es bald ein. Der Mann war
jo gut und theilnahmsvoll und troft-
reih und weile, daß ‚Mandhem mit
einem Wort aus feinem Munde mehr
gedient war, wie mit einer Hand voll
387
von Silberlingen. — Nicht Alle wiſſen trank den Reit nicht aus, der vor
e3, was ein rechtes Mort zu rechter ihm im Glaſe ftand, er küßte ber
Zeit werth ift, aber der Alte freute | jungen Schenfin auch nicht mehr ben
fit) darüber, daß er einen Schaf be- | Thau von dem Mund, der ganz nahe
ſaß, von dem er reichlich theilen fonnte, |an den feinen herangehaucht gefom:
ohne daß er zur Neige ging. men war, er ftand auf und ging ber
Aber der Mann, der Anderen | Heimatshütte zu.
Gutes that, hatte ſelber ein tiefes Er hielt fih drei Schritte vor
Leid im Herzen und das fonnte Nie: | dem Kranfenbett und ftarrte mit wir:
mand von ihm nehmen, und das ver: ren Augen auf den blaffen Vater hin.
bitterte ihm fein Leben. Wenn er’3 „Aha,“ ſagten die Leute, „jebt
auch erreichen hätte fönnen, das Kräut: |ift er da, daß er ja die Erbſchaft
lein für den Tod, er hätte es nicht nicht verſäume.“
gepflüdt. E3 war ihm ein Trojt, daß „Kind,“ jagte der Alte mit trü-
er fterben fonnte. Der Mann hatte|ber Stimme, „ich jehe Dih doch noch
nämlih einen Sohn, der ungerathen | einmal. Komm’, daß ich Dich jegne !“
war. Ungerathen, jo wußte er e8 und Und als der Sohn jah, es gebe
jo jagten die Leute. Der Sohn war | feine menfchlihe Hilfe mehr für fei-
leichtlebig und ging feiner Jugend nen Vater, da wartete er nicht auf
nad. Er trank feurigen Wein in den den Segen und nicht auf bie Erb-
Schenken und fang dazu Lieder, welche |jchaft. Haftiger noch, als er gekom—
die jhönen Mägdlein heranlodten, | men, ging er wieder davon. Die Leute
und die Mägblein, die nahm er dann | jchauten ihm ftaunend nach, mit Stod
gefangen in feine beiden Arme. Eins |und Hafen und Strid gerüftet ftieg
um's andere, ja, und ließ fie nicht er den Felſen hinan.
mehr los. Den alten Vater aber ließ — Mo mill er denn hin? Weiß
er in der Einjamfeit der Hütte, die/er da oben eine Schenfin? — Man
unter der finfteren Felswand ruhte, ſah es bald, er fletterte dem Ueber—
am Ufer der Maros. Selten fam ber hange zu, an welchem das Kräutlein
Sohn nah Haufe und vernahm die | für den Tod wuchs. — Iſt er wahn-
liebreihen Worte des Baterd. Er finnig geworben?
borchte ihrer mit Andacht und guten Hoc ftieg er empor, feitwärt3 an
Borjägen, aber als die Melt mwieber |der Wand, wo er fih an Strupp und
winkte, ging er wie vor und eh fröh: | Strunk halten konnte. Er verſchwand
ih ihren Freuben nad. im Gebüſch. — „Ei,“ jagten fie,
Aus Gram darüber wurde der | „der geht ander&wo hin, als um
Alte krank — Schwer und bis auf! Medicin für feinen Vater!”
den Tod frank. Da famen die Leute Nah einer Stunde baumelte hoch
herbei, die ihn ehrten, und verjuchten, oben über der wilden vorjpringenden
ihn zu tröften, zu erquiden und zu Wand an einem Seil ein Menjchen:
heilen, mit ihren armen Mitteln, die |förper nieder — fo, als ob eine
nicht8 beleben und fräftigen fönnen, Spinne herabichwebe an ihrem dün—
al3 einzig nur die Hoffnung. Der alte nen, unfichtbaren Faden. Und dort,
Mann aber hatte die Hoffnung, daß wo eine Felsleiſte hinausftand, klam—
er von feinem Herzleide nun bald |merte fi der Tollkühne an's Geftein
erlöst werben würde, denn daß er/|und fletterte quer an demſelben wei—
ein mißrathenes Kind hatte, das hielt ter. Wie ein Schattenpunft an ber
er für das größte Unglüd auf der | glatten Wand, jo bewegte er ſich da—
Welt. bin; von unten ſah man die Fleinen
Endlich hörte auch der Sohn von | Vorjprünge und Sträuche nicht, die
der Erfranfung jeine® Vaters. Er aus den Sprüngen wucherten, und
”25
388
die Leute wollten lärmen vor Staunen
und Bewundern, und fie konnten vor
Angft kaum Athem holen. Er bat
auch längſt den Strid nicht mehr um
jih, der viel zu kurz geworden war,
und es war feine Menjchenmöglichkeit
da, wieder heil vom Gewände zu
fommen.
Der Kletterer hatte nicht mehr
weit zur Stelle hin, wo vom Weber:
hange nieder das MWunderfräutlein
wuchs. Vor ihm war noch eine Kluft
zu überjprirgen und dann wäre er
dort, wo er wie eine Fliege müßte
Heben können am UWeberhange, wollte
er nicht auf der freien Zuft ftehen.
Er ftand fill und blidte um fi, als
jähe er fich noch einmal die Welt an.
Wie roth leuchtete der Abendſchein
unten in den Fluthen! — dann wen:
bete der junge Mann jein Haupt
nieder gegen die Hütte des Vaters,
und dann — dann machte er einen
weiten, fräftigen Sprung; noch ein:
mal: berührte fein Fuß einen Stein,
während er mit der Hand gegen bie
in Halmen und Blättern niederhän-
genden Kräuter fuhr — und der
zweite Sprung fand feinen Boden
mehr — im Bogen zuerjt und dann
jenfrecht ftürzte er nieder wohl an die
fiebzig Klafter, und fiel in die Krone
einer Eiche, wie fie unten ftanden,
Gar zerichlagen und zerriffen ha:
ben fie ihn in die Hütte gebracht,
den Todten, der frampfhaft in feiner
"Hand noch hielt das Kräutlein für
den Tod,
Der Alte hatte Thränen gelacht
und dann von dem Kräutlein etliche
Blätter an die Lippen geführt. Und
wiſſet, daß er wieder gefund worden
iſt! —
„Bin ich auch ganz allein auf
Erden,“ hatte er noch oft geſagt, „ſo
freut mich jetzund doch wieder das
Leben, da ich weiß, ich hab' ein gutes
Kind gehabt, Und mache ich die Augen
zu, ſo bleibt's noch für andere Eltern
wahr: ein liebes, braves Kind holt
das Kräutlein für den Tod.
— — — — ——
R.
Der Weltverdruß.
In öfterreihifcher Mundart von Franz Reim.*)
Mir is mei Bater g’ftorb'n,
Mir is mei Mutter g'ftorb'n,
I hab fa Schweiterl und fa Brüederl kennt.
I bin a ledigs Kind,
Als wiar a Staudn im Wind:
3 bin der Weltverdruß, — fo hams mi gnennt.
Oft fteh i draußt im Feld
Und fhau in d' weite Welt
Und dent: Wer bat denn 8° Glüd fo ungleid)
thalt ?
Der Ane kennt fa Not,
Der Andre kränkt fi z' Tod,
Wann Aner herzkrank is, er wird nöd ghalt.
I foll mi luſti ftölln,
Weil D’Dirndeln danzen wölln —
So danzt's nur zua! i fpül eng auf zum Dany!
I kanns ka'n Menſchen fag'n,
I kanns ka'm Menden klagn,
Für mi hat d' Welt fa Freud und d' Sun
fan Glanz!
I hab wul glaubt amal,
Daß i an Pirndel gfall;
Da hab ich gjuchazt, gjuchazt, daß 's bat gällt!
Und i hätts wifin folln,
Du haft an Andern wolln,
Es blüet fa Blümerl für mi auf der Welt!
So pfüet Di Gott, ma Schatz,
J fuh an andern Plap,
I mueh in d’ weite Welt, mir lahts fa Ruah.
So lang mei Geig'n no fingt,
So lang mei Herz nöd fpringt,
So lang ertrag i's, — aft nader is's gun!
*, Berfaſſer des Iraueripiels „Sulamith“.
389
Kleine
Ein Capitel das uns nahe geht.
Der Menſch — er mag wiſſens—
denkbaren Bereiche der’
Schöpfung durchwandern — intereffirt
durftig alle
ſich doh vor Allem für ſich felbit. |
Auch ift er, wie ein berühmter Gelehr:
ter jagt, das Maß und der Mefler der Gurt
Schöpfung; er kann daher erft dann
mit Erfolg das Studium der äußeren
Welt betreiben, wenn er fich felbft Tennt.
Das Grundwefen unferes Lebens —
die Seele — entzieht fich freilich noch ſehr
unferen Beobachtungen, doch was in
ihrem Bereiche der Philofoph nicht leiſtet
das vollbringt vielleicht der Statijtiker.
Wo alle Propheten jhweigen, da fommt
er zieht aus taufend und taufend beobad):
teten Fällen das Mittlere
jtellt diefes als Norm hin und jagt:
Willſt du wiſſen, Menfch, wie es mit
$Saube.
eine gleich große Zunahme des Menjchen:
gejchlechtes herbeiführen, wenn nicht von
Zeit zu Zeit Kriege und andere außer:
"halb des regelmäßigen Ganges der Na:
tur liegende Ereignifje wieder eine Ab:
nahme der Menjchenzahl nad) fich zögen.
Einen wefentliden Einfluß auf Ge:
und Tod üben die Tageszeiten
aus, und zwar will man bemerft haben,
daß Geburten ſowohl ala Todesfälle
am häufigjten während der Naht —
vornehmlih von Mitternacht bis 6 Uhr
früh — vorfallen.
Hängt ſchon Geborenwerden und
| Sterben an gewiſſen, gleichförmig wal:
tenden ewigen Geſetzen, fo herrſcht ein
er :mit der Wobrfeinfichleitsreiuung; | re Gefeg rüdfigtlig der verſchie
denen Geſchlechter. Die Bergleihungen
Hufeland’s über das Zahlenverhältnig
heraus, | der beiden Geſchlechter lieferte nämlich
folgende Reſultate: Während bei den
Thieren in der Regel das weibliche
dir im Beſonderen iſt und ſein wird, Geſchlecht in der Zahl ein bedeutendes
jo fieh, wie is im Allgemeinen fteht —
darnach richte dich ein.
Auch dieſes Hauptjtüd hat
Wahrſcheinlichkeitsrechner gefchrieben.
Die Bevölkerung der Erde wird zur | das weibliche hat,
Zeit auf mehr als 130 0 Millionen gefchägt.
Uebergewicht über das männliche hat,
\fteht bei den Menfchen das Geſetz
ein | feft, daß das männlige Geſchlecht ur:
ſprünglich einen Fleinen Ueberſchuß über
der fi wie 21 zu
20 verhält, fih aber ſchon vor dem
Das mittlere Yebensalter des Menſchen 14. Lebensjahre wieder aufhebt und fo
beträgt ungefähr 33 Jahre 6 Monate.
Ein Viertel der Geborenen ftirbt vor
dem 7. und die Hälfte vor dem 47.
Jahre. Von 100 Berfonen erreichen
ſechs das Alter von 60 Jahren und
darüber; von 500 wird eine 80 Jahre
und von 1000 nur eine bis 100 Jahre |
alt. Jedes Jahr fterben 33 Millionen
Menfchen, aljo im Durchſchnitte 96.000
den Tag, 3730 die Stunde, 60 die
Minute, 1 die Sekunde. Mithin macht
durchfchnittlich jeder Schlag des Sefun: |
denpendel3 ein Menjchenleben erlöjchen.
Die jährlihen 33 Millionen Todesfälle
werden aber durch 42", Millionen
Geburten mehr als erfegt und es würde
der Ueberihuß von 9%,
Millionen |
die völlige Gleichzahl der Geſchlechter
herjtellt. Nah Hufeland ift diefes be:
‚stimmte Verhältnig über die ganze Erde
verbreitet und in
nämliche.
Das neugeborne Kind wird von
der äußeren Luft, in die es jetzt zuerſt
tritt, ſo gewaltig angegriffen und ge—
reizt, daß ihm der Schmerz die erſten
Töne des Schreiens auspreßt; aber
eben durch dieſes Schreien lernt es
athmen. (Haller.)
Nach Ariſtoteles lachen die Kinder
nie vor dem vierzigſten Tage. Den
Alten galt das frühe Lachen der Kinder
für eine gute Vorbedeutung. Die Tra—
dition erzählt, daß Zoroaſter ſchon am
allen Zonen das
390
Tage feiner Geburt gelacht und bie |
Hand der MWehmutter vom SKopfe ge:
ſchüttelt habe.
Ein Kind hat in der Regel mit
drei Jahren die Hälfte feiner Länge
erreicht; wenn wir noch einmal fo lang
würden, ald mir bei fünf Jahren
waren, jo würde ein Riejengefchlecht
die Erde bewohnen. (Erdmann, Pſychol.
Briefe.)
Die Höhe (Länge oder Statur)
des Körpers, welche beim Erwachſenen
etwa fünf bis ſechs Fuß beträgt, wird
hauptſächlich durch die Höhe des Knochen:
gerüftes bejtimmt. Sie erreicht erſt im
fünfundzwanzigſten bis dreißigften Jahre
ihr Marimum und nimmt mit dem
fünfzigften Jahre wieder etwas ab. Im
Allgemeinen findet fih in den gemäßig:
ten Zonen ein größerer Menſchenſchlag,
als in den heißen und falten Klimaten.
Der Umfang, die Breite und Dide
des Körpers wird bedingt: durch Die
Entwidlung des Anochengerüftes, durch
die Ausbildung der Muskulatur und
durh den Fettreichthum. Im Allge:
meinen trifft man magere und fchlanfe
Körper bei den Bewohnern der heißen
Erditriche, dicke und breite Dagegen bei
denen der falten.
Dad Gewicht des Körpers, welches
durchſchnittlich beim Manne bei 60 bis
64 Zoll Höhe, 125 bis 150 Pfund,
bei der Frau bei 56 bis 60 Zoll Höhe
110 bis 150 Pfund beträgt, richtet
fi bejonders nad) der Ausbildung der
Knoden und Muskeln und hängt des:
halb vorzüglich von der Statur und
dem Umfang des Körpers ab. Der
Mann erreiht das Marimum feines
Gewichtes gegen das vierzigfte, das
Weib erft gegen das fünfzigfte Jahr;
dann nehmen beide merflicd wieder ab.
Es fallen nad Solon gegen das
7. Jahr dem Menſchen die erften Zähne
aus und erfcheinen die bejtändigen.
Ludwig XIV. bradte drei Zähne mit
auf die Welt, womit er feinen Ammen
fo bejchmwerlih fiel, daß man zus
ichlagen das Beißen abgewöhnte. Hugo
Grotius gab dies jcherzhaft in einem
Briefe an Drenftierna für eine Bor:
bedeutung fünftiger Naubgier aus, was
nur zu fehr eintraf.
Gegen dad 14. Jahr wird der
Leib mannbar und mir fehen gegen
das 21. den Bart wachſen und die
Bruft fi vorzüglih ermweitern. Das
4, Stufenjahr wird durd viele Krank:
heiten und in gefundem Zuftande durch
das Eintreten der höchſten Muskelkraft
merflih. Es findet fih im 5. Stufen:
jahr die reifere Vollendung des Zeu:
gungätriebes, im 6. die Mäßigung der
Begierden, im 7. die Reife des männ—
lihen Verſtandes und der Ueberzeugung,
im 8. bliebe es fo beharrend, im
9. nehme es ab, im 10. reife ber
Menfh zum Grabe.
Als ein feltenes Beifpiel von Ueber:
eilung der Natur führt die Geſchichte
Ludwig IL, den Frühzeitigen, König
von Ungarn, auf. Er fam zu früh,
faft noch ganz ohne Haut, auf die Welt,
hatte im 14. Jahre ſchon vollfommenen
Bart, im 18. graue Haare und ward
im 20. auf der Flucht nah der un:
glüklihen Schlacht bei Mohäcs (1526)
von den QTürfen getödtet. Diefem rafchen
Procefje der Natur war auch der Lauf
feiner Scidfale ganz angemefjen. Er
war fchon verlobt, ehe er noch geboren
war, wurde im 2. Jahre gekrönt, fam
auf den Thron im 10. und heiratete im
15. Jahre.
Der Körper des Menſchen befteht
aus 245 Knochen und hat über 500
animale (millfürlihe) Muskeln. Die
Menge des Blutes ift nad Alter, Kör:
perbau, Temperament und Lebensweiſe
jehr verfchieden; man ſchätzt die ge
fammte Blutmenge bei Erwachſenen
auf acht bis 10 Pfund, etwa des
ganzen Körpergemichtes.
Die Entdeckung des Blutfreislaufes
war befanntlih dem großen Engländer
Wilhelm Harvey aus Falkſton (geb.
1578, gejt. 1657) vorbehalten, mel:
legt eine Bäuerin zu dem Gefchäfte | her, durch 17jährige gründliche Forſchung
nahm, die ihm in der Angft durch Zus | hierüber ficher geworden, zuerft im Jahre
391
1619 die Nüdfehr des Blutes durch
die Venen und zulegt durch den großen
Stamm der Hohlvene in die rechte
Herzlammer lehrte, ſowie das Aus—
ſtrömen aus dieſet nach den Lungen
und von hier zurüd nad der linken
Herzlammer, welche dann das neu be:
lebte Blut dur die Arterien nach allen
Theilen ſendet.
Der Puls fchlägt im neugeborenen
Kinde circa 140, im einjährigen 124,
im zweijährigen 110, im dreijährigen 96,
im fiebenjährigen 86, im Jünglinge 80,
im Manne 75, im Greife 60mal in
einer Minute; in krankhaften Fällen
fann die Pulsfrequenz fich bedeutend
erhöhen und ebenfo vermindern. Nimmt
man das Körpergewicht für einen er:
wachſenen Menſchen zu 140 Pfund an,
jo würde fih deſſen Blutmenge auf
circa 11 Pfund belaufen. Ungefähr
2/, Pfund Blut werden mit jeder ein:
zelnen Herzzufammenziehung durch den
Körper getrieben, und demnach, etwa
27 Zufammenziehungen für einen Um:
lauf der Gefammtblutmenge erforderlich
fein. Die Zeit binnen welcher dieſe zu
Stande fommen, beläuft fih auf drei—
undzwanzig Secunden. Eine Herzzufam:
menziehung nimmt alfo nicht ganz eine
Secunde in Anjprud.
Die Zahl der Athemzüge beträgt
bei Erwadfenen etwa 12 bis 20, bei
Säuglingen gegen 40, bei größeren
Kindern 24 in der Minute. Ein Er:
wadjener gibt per Stunde 40 Gramm
Kohlenfäure und 20 Gramm Wafler
von ſich. Was Kinder betrifft, jo gehen
hier nicht etwa, wie anderwärts deren
zwei auf einen Erwachſenen, fondern
ein Kind von 50 Pfund Gewicht pro:
ducirt ebenfoviel Kohlenfäure, wie ein
Erwachſener per 100 Pfund Gemidt.
Der menschliche Körper enthält durch:
ſchnittlich etwa 70 Percent Waffer. Auf
ein Körpergewicht von 130 Pfund wür—
den demnach etwa neunzig Pfund Waf:
fer fommen. ®erliert der Körper bei
anhaltendem Dürften täglich etwa 5 Pfund
Waſſer, jo finkt fein Waffergehalt nad)
nad zwei Tagen auf circa 66 Percent,
nach ſechs Tagen auf 60 Percent, nad
10 Tagen 50 Percent. Sind auch dieſe
Zahlen nur annähernd richtig, fo find
fie doch hinreichend, zu erläutern, warum
der Menſch einige Tage dürften fann,
ohne daß Gefundheit und Leben ernft-
lih bebroht werden. Der Körper hat
in feinem Innern fo viel Wafler auf:
gefpeichert, daß innerhalb weniger Tage
beim Dürften der durchſchnittliche Waſ—
fergehalt feiner Theile nur um wenige
Percent herabgedrüdt wird.
Ein erwadhfener Mann hat in uns
feren Elimatifhen und fonftigen Ber:
hältniffen im Durdfchnitt tägli un:
gefähr nöthig 2500 Gramm MWaffer
und außerdem (alles Folgende im trode:
nen Buftande gedacht) etwa 100 Gramm
Albuminate (ftidjtoffhältige, eiweißähn—
lihe Körper), 250 bis 350 Gramm
Kohlenhydrate (kohlenftoffhaltige Körper :
Stärke, Zuder 2c.), 100 Gramm Fette
und 25 Gramm Salze.
Das Vermeilen der Nahrungsmittel
im Magen beträgt, je nad) der Löslich—
feit derfelben, zwei, vier, ſechs Stunden ;
die Zeit, binnen welder Genoſſenes
den Verdauungskanal paflirt, ift ge:
wöhnlich 12—18 Stunden. Kerne fah
man erft nach drei bis vier Tagen ab»
gehen. Nah den Beobachtungen des
Amerifanerd Beamont macht Rinder:
braten drei, Kalböbraten vier, Kaffee
und Butterbrot vier und ein halb, hartes
Ei fünf, eingefalzenes Schweinefleifch
gar ſechs Stunden unferem Magen zu
ſchaffen.
Von acht Pfund Speiſen bleibt nur
der fünfzigſte Theil, etwa 35 Loth
im Körper; alles Webrige geht durch
die Verdunftung und dur die Excre—
mente ab. Aber felbft diefe 5 Loth ver:
mehren das Gewicht des Körpers bei
ausgewachſenen Menfhen und im ge:
funden Zuftande fat um nichts; aud
fie verdunften theilweife allmälig. mit.
Die Oberfläche des menschlichen Kör:
perd wird im Mittel auf 14 bis 15
einem Tage auf circa 68 Percent, | Duabratfuß berechnet, jo daß der Drud
392
der Atmofphäre auf diefelbe über 300
Zentner beträgt. Die Zahl der Lungen—
zellen ift fo bedeutend, daß fie, in einer
Ebene ausgebreitet, 14.000 Quadrat:
fuß oder einen halben preußifchen Mor:
gen bededen würden.
Für die normale Lebensdauer gab
der franzöfifhe Phyfiolog Flourens als
Formel an: die Zeitdauer des Wachs—
thums (der Körper wächſt fo lange, als
die Knochen mit ihren Anſätzen nicht
verbunden find) mit fünf multiplicirt.
Darnad ergibt fich ald normale Lebens:
bauer für den Menfchen 100 (für den
Elephanten 200, das Kameel 40, das
Pferd 25, den Ochfen und Bären 20,
den Hund 19) Jahre. Die Meflungen
von Quetelet habe indeß erwiefen, daß
feineswegs mit dem zwanzigiten Lebens—
jahre, wie Flourens annimmt, das Yän-
genmaß des Mannes beendet ijt. Die
Zeitdauer der Knochenentwicklung bei
Thieren ift jest faum annähernd befannt.
Mas die durdhfchnittliche Lebens:
dauer anbelangt, jo beträgt fie nad ge:
madten Beobachtungen bei Geiftlichen
65, Kaufleuten 62, Gelehrten und Land—
leuten 61, Militärperfonen 59, Yuriften
58, Künftler 57 und Aerzten 56 Yahr.
Nah den Ländern claffıficirt: für
Rußland 21, Preußen 29, Schweiz 34,
Franfreih 35, Belgien 36 und Eng:
land 38 Jahre. Diefe letteren, fchein-
bar viel ungünftigeren Zahlen erflären
fi Teiht dur die große Sterblichkeit
vor erreihtem 20. Jahr.
Nah mebdizinifchehiftorifhen Nach—
weiſen follen die meiſten Menfchen, die
nicht von Epidemien weggerafft werden,
in ber Nähe ihres Geburtstages oder
Zeugungstages fterben.
Der menschliche Leihnam bedarf un:
mittelbar in der Erde faſt nur eines
Frühlings und eines Herbjtes, um zu
verwejen. Die Beichaffenheit des Bodens
bewirft indeſſen zumeilen aud ein
Debergehen der Leihen in Fettwachs—
bildung, wie das noch vor nicht fehr
langer Zeit in Worcefter und Zürich
nachgewiefen worden ift.
An letzterem Drte fand man auf
dem Kirchhofe an der Promenade, wel:
her im jahre 1849 eröffnet wurde,
ald man die Umlegung der Leichen vor:
nahm, ſämmtliche Leihen in Leichen:
fett verwandelt. Es ift dies eine Maſſe,
die die Form: und Geſichtsbildung ganz
deutlich erhält, eine totale Verfettung
des menſchlichen Körpers. Sie fommt
ftet3 nur da vor, wo Xeichen längere
Zeit 11, bis 2 Jahre auf einem
lehmigen Boden und vollitändig im
Waſſer eingebettet liegen. Aehnliche
Wahrnehmungen hat man früher fchon
in Venedig, Brüfjel, Paris, Touloufe
ꝛc. gemadt.
Auh die Verwefung unferes Hör:
pers ift eine Entwidlungsftufe der ewig
jungen, ewig fproffenden Natur. Nur
in dem Momente des eintretenden To:
des ift der Stoff unjeres Körpers zweck⸗
und leblos; der erjte Augenblid des
Todes ift ſchon wieder der erfte Augen:
blid eine neuen Lebens. Das Tage:
werk ift aus; die Stofftheilchen, die
fih gemwiffermaßen als Arbeiter ver:
dingt und zufammen eine Körperfchaft
gefchlofjen hatten, gehen auseinander —
jeder zu den Seinen — um aber als:
bald wieder neue Verbindungen einzu:
gehen, und allmälig fo im Dienfte aller
Weſen zu arbeiten, die auf Erden leben.
Die Wiffenfhaft wird humoriſtiſch.
Ein mißiger Kopf hat es unter:
nommen, die Darminifche Lehre von
der Abjtammung des Menſchen aus
der Thierwelt in fchöne Verslein zu
bringen. Für alle Jene, welche ſich
auf dieſem noch ungewöhnlihen Weg
über die epochemachende Theorie zu
unterrichten wünfchen, fei hier ein Feiner
Vortrag aus dem Bude: „Das neue
Laienbrevier des Hädelismus* von M.
Reymond dargelegt:
Meine Herren !
Der Menſch ift ein gelehrtes Haus,
Weiß überall, wo ein, wo aus;
Indeß — Sie nehmen mir's nicht krumm —
In einem Stüd ift er dDodh dumm:
Ihm fehlt's an mäherer Bekanntſchaft,
Mit feiner eigenen Urverwandticdaft !
Um diefe Lüde auszufüllen,
Will mein Spitem ih nun enthüllen,
Mit dem ich's Mar herausgebradt,
Wie fih die ganze Sache macht;
Dod muß ab ovo ich beginnen,
Will Ihr Verftändnik ich gewinnen !
Id frage gar nicht, was ein Ei
Nach Weſen und Beftimmung fei ;
Denn Ihre Antwort wär! — id) wette:
„Der Stoff zu einer Omelette!“
Wie fehr der Menih auch Bildung heuchelt
Und cultivirt zu fein ſich fchmeichelt,
Er weiß vom Ei nur dies genau:
Man kauft es bei der Eierfrau !
Erfahret d’rum aus meinem Munde
Zum erftenmal die ernfte Kunde :
Das Ei ift eine fimple Zelle,
Des Lebens primitivfte Quelle ;
Dem Ei fo Menſch als Thier entfpringt
Und nit der Storch die Kinder bringt !
Habt diefes Ihr erfaßt mit Fleiß,
So höret, was ich weiter weiß:
Der Embryo im Mutterleib
Verwandelt ſich zum Zeitvertreib,
Bevor er, wie es meift gefchieht,
„Bapa zum Spreden ähnlich ſieht“,
In Beitien jehr verfchied'ner Art,
Erft gleicht er der Amöbe zart,
Da er als Ei, wie Ihr ſchon wißt,
Einzellig nur, gleich diefer, ift.
In feiner nädhften Wandelform
Dient die Gafträa ihm als Norm;
Seefheidenartig nimmt er dann
Die Grundform eines Wurmes an.
393
'bemalten Brieffajten
welchem die Engel, als die himmlifchen
Die Briefpoft in den Himmel.
Ein Beitrag zur Geſchichte des Aberglaubens.
Daß Kinder in befonderen Anliegen
dem lieben Gott oder der Jungfrau
Maria Briefe fchreiben, dieſelben nad
dem Himmel adreffiren und in den
Brieflaften werfen, iſt ſchon öfters ge:
ſchehen. Wenn das aber auch Er-
wachſene thun, fo ftedt der Narr da—
hinter oder wer Anderer.
Sin den hinteren Ländern von Süd—
amerifa, weitab von den Gultur:
völfern, ift fo ein Winkel, wo e3 un:
glaublich zugeht. Dort war es, wo in
den Fünfziger-Jahren die Gläubigen,
befonders die Frauen und Jungfrauen
aufgefordert wurden, fih mit der
Mutter Gottes in Correfpondenz zu
ſetzen, um berfelben ihre geheimiten
Anliegen und Bitten vorzutragen. Die
Briefe waren zu verfiegeln und mit
Piaftern zu franfiren. Die Frauen:
firhe in Sanjago (Chile) war eine
berühmte Wallfahrtsjtätte. Am Ein:
gange derjelben hatte man einen ſchwarz—
angebradht, zu
Briefträger, die Schlüffel beſaßen. Schon
vor Jahrhunderten hat ein Heiliger
Kircbenlehrer gefagt, daß die Engel
Gottes im Dienfte des Priefters ftünden.
Jede Frau und jedes Mädchen hat
mindeftens ein Geheimniß, das fchier
zu ſchwer ift für ein weiblich Herz,
oder zu dunfel für den Mitmenjchen,
oder gerade ſüß genug für ein hold:
jelig Engelein, dad es der himmlischen
Drauf ähnelt er — 'd ift wirklich tomiſch — Drau unterbreitet. Manden ift bloß
Dem Fiſch, wenngleih nur anatomiſch;
Dod; bald geftaltet er fi um
Zum richtigen Ampbibium.
Um daun durch weiteres Bariiren
Zum Schnabelthier zu avanciren,
Und dieſes fpigt fid) mälig zu
Zu einem netten Kängurub.
Das Beutelthier, es wird zum Affen,
Aus diefem wird der Menſch gefhaffen.
‚um die Mittheilung ihres Geheimnifjes
zu thun, den meiſten freilid um Ab:
hilfe in irgend einer Noth.
Mädchen von 12 und 14 Jahren
fhreiben in Südamerika ſchon ganz
intereffante Briefe. Bräute brauchen
die Mutter Gottes in der Regel nicht,
denn alle Herzensdinge fommen ſchnur—
gerade dem Bräutigam zu. Hingegen
waren hoffnungslos liebende Fräulein
und eiferfüchtige Ehefrauen die eifrigften
Himmel3correfpondenten. Mander Jung:
394
frau Sehnen blieb nicht unerfüllt und
geruhte die gnabenreiche Empfängerin
der Briefe zumeilen als Vollſtrecker
ihrer Huld irgend einen Erdgebornen
zu bejtimmen,
So find denn jeden Abend ums Dun-
feln die jungenFrauen dem geheimnißvollen
Brieffaften der Wallfahrtskirche zu San:
jago zugehufcht und haben in volliter Zu:
verficht, deren gläubige Gemüther fähig
find, ihre verfiegelten Schmerzen und
Wünſche auf die Himmelspoft gegeben.
Freilich find hinterher bald die Ver:
lobten und die Gatten und die übrigen
Intereſſirten gefhlihen und haben mit
Leimftäbhen die Briefe wieder aus
der Lade geholt. Da hat's dann Auf:
tritte gegeben, bei denen die Vermitt:
lung der himmliſchen Adreſſatin nicht
im Mindeften zu verfpüren gemejen.
Geſetzlich war diefen Frevlern des
Briefgeheimniſſes nicht beizukommen,
denn die diesbezüglichen Beſtimmungen
Südamerikas gelten nur für die irdiſche
Poſt. Die Geiſtlichkeit mußte ſich ins
Mittel legen; ſie verordnete die Auf—
ſtellung des Briefkaſtens im Innern
der Kirche. Die Wallfahrtskirche war
prächtig aufgeputzt; jede Andächtige
hatte einen Kranz, einen künſtlichen
Strauß, ein Band, einen Schleier ge—
opfert.
Am Hochaltare war der Himmels—
briefbeutel angebracht ; dort wurde er
an beftimmten Tagen geöffnet, dort
wurden die Briefe dur den Priefter
während einer Mefje, vor aller Leute
Augen verbrannt. Es hatten fih näm—
lih böswillige Gerüchte verbreitet, Die
zu widerlegen ſich die Geiftlichfeit an-
gelegen jein ließ. Freilich flüfterte die
Bosheit weiter, wären die verbrannten
Stüde nur leeres Papier; die echten
Briefe wife man ſchon bei Seite zu
ſchaffen, um diefelben gelegentlih zu
berüdfichtigen.
Lafjet böfe Zungen ſchwätzen. Die
Gläubigen mußten doch, daß in Ge:
ftalt des Rauches ihre Anliegen ge:
gen Himmel ftiegen und dort oben beim
Marienbilde genau in jenen Worten |
ausflängen, in welden fie hiernieben
aufgefchrieben worden. Es ift mas
MWunderbare3 um den Glauben, er ift
ein Zauberftab, ihm ift Alles möglich.
Er ift, von außen befehen, Täufhung,
aber feine Wirkungen im Menfchenge:
müthe find thatſächlich, und fo ift
der Glaube eine reale Kraft.
Der auffteigende Rauch von ben
verbrannten Briefen fonnte alfo den
Herzen der Gläubigen nur nützen, lei:
der haben die damit auffteigenden Flam—
men nicht immer basfelbe gethan.
Am 8. Dezember 1863 bei der
Frühmefje war's, als vom Altare eines
der Flammenzünglein emporflog in das
Flitter⸗ und Bänderwerk des Marien:
bildniſſes und dasſelbe ergriff. In un:
beſchreiblicher Haſt ſtoben die Flammen
weiter, nach wenigen Augenblicken
brannte das ganze Innere der mit
Menſchen überfüllten Kirche. Alles
drängte in wahnſinniger Flucht dem
Ausgange zu. Viele wurden erdrückt,
zertreten, erſtickten im Dunſt oder ver-
brannten. Faſt die ganze Verſammlung,
zumeiſt aus Frauen beſtehend, iſt zu
Grunde gegangen. Wilder, ſchwarzer
Qualm iſt über dem Klageſchrei der
Sterbenden gegen Himmel geſtiegen.
Sind auch die ſe Briefe geleſen worden
dort oben?
In der Stadt Sanjago brach über
dieſes Ereigniß eine förmliche Empö—
rung aus. Gegen die Prieſter gings
los, auch gegen die Unſchuldigen. Und
die Himmelsbriefpoſt iſt ſeitdem aufge—
laſſen worden.
Gedichte
von Stephan Milow.
Aeber Nacht.
Geſtern Knospe, noch verhüllt;
Heute eine offne Roſe,
Farbenglühend, reich gefüllt —
Schnell entfalten ſich die Loſe.
Geſtern ſcheu der erſte Kuß,
Banges Zaudern und Verhehlen;
Heut — o ſüßer Ueberfluß! —
Küffe, nimmermehr zu zählen.
395
Mad) der Arankdeit.
Du arme Seele, bimmelftrebend,
Du arme Seele, jo genügfanı ;
Noch geftern ſtolz dich überhebend,
Und heute fhon fo ftill und fügfam.
Das war ein Sadern, rollen immer
Im Ringen nad dem höchſten Preife,
Und jept, o welch ein Gnadenſchimmer,
Daß Du nur wieder athmeft leife.
(„In der Sonmenmwende”.)
Yebruar.
Der Hornung, oder wie der Deutjche
lieber fagt, der Feber (Februar, ge:
nannt nah dem altitalifhen Gotte
Februus), iſt ein recht merkwürdiger
Monat. Er ift der Fleinfte von den
zwölfen, aber an ihm allein liegt es,
ob das Jahr ein Gemein: oder ein
Schaltjahr fein fol. Er ift ein über:
müthiger Gefelle und fchellt mit feiner
Narrenfappe die ganzen Nächte hin:
durch. Plötzlich wirft er fie weg und
wäſcht fein Antlig mit Aſche, bis es
ganz fahl wird und fpielt den Büßer.
In feiner tollen Zeit ift der Feber ein
arger Kuppler, er möchte aus den
jungen Männern und Mädchen Iauter
Liebespaare und aus den Liebespaaren
lauter Eheleute machen. Die geriebenen |
Städter gehen ihm, mas das Leßtere
betrifft, nicht fo leicht in die Falle;
aber die Baueröleute laſſen fich maſſen—
haft fangen, und diefe Gefangenen
reibt er dann mit Ajche doppelt ein,
und am beiten hilft fich jedes über:
Iiftete Paar dadurch, daß es ſich bie
Aſche gegenfeitig von der Stirne füßt.
— Der Feber ift der Heiratmonat und
darum iſt es vielleicht nicht ungefchidt,
daß er fo wenige Tage hat. — Mit:
ten im übermüthigen Garneval meiht
die Kirche (zu Lichtmeh) die Opfer:
und die Sterbeferzen. Schon vor dem
Eintritte der eigentlichen Faftenzeit ver:
hüllt fie ihre Altäre, fo wie draußen
die Natur ihren feuchten Nebelmantel
über das Land breitet. Aber unter der
grauen Larve feimt der Lenz-
Schwũnke.
Ein luſtig Stücklein von
hohen Herrn.
Von einem volksthümlichen öſter—
reichiſchen Prinzen wird Folgendes er—
zählt:
Derſelbe gab in ... berg, wo er
fih im Sommer mit Worliebe aufhielt,
einmal einen Ball. Da waren alle
Jäger und Förfter und Werksbeamte
dabei, und die frifcheften Bauern der
Gegend, und die hübfcheften Schwaige:
rinen fehlten auch nicht. Der Iuftigjte
darunter — ein echter Waldburſch über
und über — in Bodlederhofen und
bloßen Hemdärmeln — war der Prinz.
Ein ſolches Beifpiel voran, gings toll
zu bei der felbigen Luftbarfeit. — Nach—
ber aber, als beim Wirth die Rechnung
zu zahlen war, ſchnitt diefe fo tief im
die Hunderter hinein, daß es den hohen
Herrn gar verbroß. Nicht ala ob er's
nicht gehabt hätte, das Geld, was
andern Leuten jo häufig paffirt; aber
dad offenbare Unrecht, das ihm ge:
Ihah, that dem Herrn gerade fo weh,
ald es unfereinem armen Gaudh ans
Herz geht, wird man gleih auch nur
um etliche Kreuzer befchwindelt. — Und
von diefer Zeit an hat der Prinz an
die zehn Jahre und länger . . . berg
nicht mehr befucht.
Endlich aber, da jener gewinnſüch—
tige Wirth und feine Mithelfer nicht
mehr an der Stange waren, iſt er doch
wieder gefommen, und ift oft gelommen
und die guten Yeute ließen ſichs nicht
nehmen, ihn ſtets mit Pfeifen, Gloden
und Trommeln zu empfangen, gleich:
wohl unjer lieber Erzherzog allerorts
mit ländlicher Muſik, Pöllerfnall und
Glodengebimmel genugſamlich gequält
wurde. —
„'s iſt ihm zuwider“, meinten Einige.
„Ah, 's g'freut ihn doch“, ſagten
Andere, „jo Herren finds gewohnt
‚und 's thät armfelig ausfchauen, wenn
er g’rad bei uns nit befjer ala mie
‚die alt! Hammerfchmiedin einfahren
müßt’, und nichts wie die Hund’ thäten
einem
396
dem Wagen nachkeifen — na, na, das
thät's nit.“
Und einmal wieder fo.
Im Dorfe . . . berg war der
Prinz angefagt. Am Abend wurde er
erwartet. Der alte Schullehrer dreffirte
tagsüber als Kapellmeifter feine Notte
— und ging dann des Abends auf
Schleihwegen aus, um noch rechtzeitig
das Nahen des fürftlihen Wagens zu
erfpähen. Es murde finfter und die
meiften der Mufifanten waren am Ein:
gange des Dorfes bereits verfammelt.
Nur der alte Schmied:Michel, das
budelige Kerlchen, das fich arg ver:
fäumt hatte, fchnaufte noch der Kirche
zu und die Chorftiege hinan, um die
zwei Feltpaufen zu holen. Bald Fam
er follernd damit die Treppe wieder
herab, rannte jchnaufend im Finftern
dur den Baumgarten, um noch recht:
zeitig — man hörte über den Yinden-
bühel jchon den Wagen raſſeln —
bei den Mufifanten zu fein.
„He, Alter, wohinmitDeinenKübeln?“
rief eine Stimme im Buſchweg dem
Schmied-Michel zu.
„Wer hätt’ denn jetzt — Zeit zum
Antwortgeben!” ächzte diefer ohne aufzu—
bliden, „werd's leicht doch willen —
daß der Prinz fommt.”
„Du ſchleppſt ja aber wie unfinnig“,
ſagte der Andere, „halt, lange mir her
die eine Paufe, will fie Dir tragen.
Vielleiht fann ih aud beim Mufik:
machen mitthun.“
Üeberließ ihm der Schmied brum:
mend das Inſtrument — und bald
darauf jtanden die Beiden mitten unter
der mit einer Spanlunte beleuchteten
Dorffapelle. Aber der Schulmeifter war
noch nicht da, und ed war die höchſte
Zeit zum Anfangen, der Wagen — es
war am meiden Rollen die prinzliche
Caleß' Teicht zu erkennen — fam jchon
nahe. Der Kaufmann fjchwingt feine
rehte Hand als Dirigentenftab: „Eins,
— zwei — drei — bums! fielen die |
Da — verftummten jählings die
vorderften Bläferr und die anderen
hinterher und nur die zwei Paufen-
ſchläger donnerten noch eine Weile drein.
Das Stüd ift deshalb nicht ausge—
jpielt worden, weil im Wagen, der
mittlerweile angehalten hatte, fein Brinz
zu fehen war. Die zwei Laternen am
Bock jtrahlten in das breite, lachende
Geſicht des alten Schulmeifters, welcher
drinnen jaß.
Enttäufhung und Gejohle.
„So hör’ doch Du einmal auf, Du
verbligter Trommler mit Deinem hölli—
ihen Lärm!” jchrie Einer dem immer
noch polternden, fremden Baufenjchläger
zu. Da ftieß der Schmied:Michel ſchon
den Schredhauh aus: „Herr Helles,
das iſt der leibhaftige Prinz!”
Hat ſich nicht geirrt — ed war
der leibhaftige Prinz.
Hinter dem Lindenbühel drüben
hatte der hohe Herr den lauernden
Schulmeifter entdedt, aufgegriffen und
ihn in den Wagen geftedt, während er
jelber auf Fußwegen heranfhlid, um
aus dem großen Pathos einen großen
Spaß zu machen. Zufällig begegnete
er im Baumgarten dem Paukenträger,
dem er, da er fchon einmal in Iuftig:
ſter Yaune war, feine Dienfte anbot,
um das Stüdlein zu frönen.
Seither hatten die guten . . . berger
den Prinzen nie mehr mit Muftf em:
pfangen. Der leutfelige Herr fam nun
aber um jo öfter in ihr Dorf, als fie
ihn unbehelligt kommen und ziehen ließen.
Er übte dafelbft jo mand’ kleinen
Scherz und bedachte den Ort mit fo
manch’ großer Wohlthat. Mit dem
alten Schmied: Michel hielt er's befonders
gern und hieß ihm nie anders, alö den
Gollegen in der Mufil.
Johannes aber taufte...
Bauern find zumeilen fürchterlich
Paufen drein und die Pfeifen jodelten |in ihrem Humor, wie folgendes Ge:
durcheinander.
„Hoch, Vivat!“ —
ihichtchen zeigt, das fi die Kärntner
gerne erzählen, und das wir als harm—
ofen Volksſchwank, bei dem
Ertraftube Priefter und Laien
wiedergeben.
Im Liejerthale lebte ein Pfarrer,
der auf der Kanzel häufig gegen die
Uebertretung des Faſtengebotes predigte;
eines Sonntags ſchloß er feinen Vor:
trag mit den Worten: „Wer am hei:
ligen Freitag Bratel (Braten) ißt, der
wird felber einft ein Höllenbratel wer:
den, Amen”,
Ein Bäuerlein, das e8 hörte, ver:
droß das und es dachte bei fih: Un
ſerm Pfarrer thu’ ich doch wahrhaftig
was an. Und am nächſten Kirchenfefte,
dad auf einen Freitag fiel, lud das
Bäuerlein den Pfarrer demüthiglich ein
zu einem Löffel Suppe, und der hoc):
würdige Herr follt! halt zufrieden fein
mit dem Menigen, was der arme Tifch
bieten könnte.
Redensart, denkt fich der Pfarrer,
und jtellt jih mit gutem Appetit beim
Bauer ein. Die Stube hübſch ausge—
ſcheuert, gelüftet, der Tiſch ſchneeweiß
gedeckt. Da kommt eine Einbrennſuppe.
Der Gaſt ißt davon nur ein paar Löf—
fel voll, will ſich den Appetit nicht vor—
zeitig verderben. Nach der Suppe ſitzen
fie da und reden von allerhand und — es
fommt nicht8 mehr. Etliche male zieht
der Pfarrer die Uhr aus der Tajche
und endlich meint er, der verehrte
ESpeifenmeifter möge ſich nicht geniven
und das Weitere nur bringen laſſen.
Der Bauer fieht den Gaft erftaunt
an und jagt ganz Heinlaut: „Mu
wohl recht um Berzeihung bitten, aber
bei mir wird an Freitagen halt fonft
nichts gefoht — mein Gott, man will
doch auch die Gebote halten.“
— Haft mid) überliftet, Fuchs, denkt
fih der Pfarrer, aber wart’, das bleibt
dir nicht geſchenkt. Mit dem Schulmei:
fter redet er fi ab, wie er es dem
Bäuerlein am Beften eintränfen könnte.
Der Schulmeifter rathet unter anderm,
mit der Bibel ihn in PVerlegenheit zu
feßen, darin ſei der Bauer gewiß
nicht bewandert.
in Der
lachen,
Und bei einer nächſten Gelegenheit,
wieder an einem Faſttag, wird das
Bäuerlein vom Herrn Pfarrer zum
Speifen geladen. Aha, denkt fich das:
jelbe, gejcheidt fein, heut’ thut er mir
was an. Höflich findet es fich im Pfarr:
hofe ein; iſt jchon Alles bereitet, der
Schulmeifter ift auch da.
Sie fegen fi zu Tifche. Die Suppe
wird guten Muths verzehrt. Nun folgt
ein fein zubereiteter Fiſch mit Sauce.
— Sei auf der Hut, Bauer, denkt der
bei ſich ſelbſt.
„Meine lieben Gäſte“, ſagt der
Pfarrer, „wiſſet, bei mir iſt's der
Brauch, daß Jeder bei dem Heraus—
nehmen eines Stückes auf den Teller
irgend einen Spruch aus der heiligen
Schrift aufſagt. Ich beginne ſonach und
ſage: „Im Anfange ſchuf Gott Himmel
und Erde!“ Dabei hob er die obere
Hälfte des Fiſches auf ſeinen Teller.
Der Schulmeiſter aber ſpricht:
„Gott iſt von Anfang bis zu Ende!“
und nimmt vom Fiſch die andere Hälfte.
Für den Bauer iſt nichts mehr
da, als die Sauce. Wohlan, er erhebt
ſich feierlich, ergreift die Taſſe und
mit den Worten: „Johannes aber
taufte Jeſum im Jordan!“ gießt er
die Sauce über das Haupt des Pfarrers.
Bücher.
Novellen aus Oeſterreich.
Von Ferdinand von Saar, Verlag von
G. Weiß, Heidelberg.
Dieſe Sammlung beſteht aus den
fünf Erzählungen: „Innocens“, „Ma—
rianne“, „Die Steinklopfer“, „Die
Geigerin“ und „Das Haus Reichegg“.
Wenn die neue Literatur ein Dutzend
muftergiltige Erzählungen aufzumeifen
hat, jo gehört Saar’3 „Innocens“ da—
zu, eine Erzählung, die jo allfeitig be
fannt und anerfannt worden ijt, daß
hier weitere Worte überflüffig find.
„Marianne”, ein eigenartiges Stück in
Tagebuhform, reiht ſich dem erjten
398
trefflih an. Schwächer erfcheint „Das
Haus Reichegg”, trot des außerorbent:
lich guten Tone im Eingange. Die
ergreifende Geſchichte von der „Geige:
rin” erzählt das unglüdliche Leben und
Lieben eines Mädchens, welches fein
gutes, treues Herz an einen Unwürdigen
hing.
Die Dorfgefhihte „Die Stein:
flopfer” fpielt am Semmering und
in unferer Steiermarf. Wir wollen fie
etwas näher befehen.
Ein gemeiner, halbfieher Soldat
verliebt jih in ein armes Mädchen,
erjchlägt deſſen Vater und führt es
davon. Iſt das ein Gegenftand für eine
Novelle? Iſt das nidt ein Fall für
die Gerichtöhalle ? — Sachte!
Es war zur Zeit, ala über den
Semmering die Eifenbahn gebaut wurde.
Da ftieg eines Tages ein fieberfranfer
Urkauber den Berg binan, um bei dem
Baue Arbeit zu fuchen. Im Haufe des
Arbeitsauffehers traf der Soldat ein
Mädchen, das den Ankömmling freund:
lih und mitleidig aufnahm. Der Auf:
jeher Hingegen, des Mädchens Stief:
vater, war ein gar roher, böſer Menſch,
der die Gtieftochter nicht felten miß-
handelte und aud den neuen, armen
und kränklichen Arbeiter in herzloſer
Weife quälte. Georg und Tertfchla, wie
die beiden Leutchen hießen, hatten
gar Niemanden auf der Welt; jo
ſchloſſen fie fi) einander an. Tertſchka
nährte und pflegte den Urlauber, bis
er genas; fie arbeiteten zufammen im
Steinbrud, Mopften fleifig Steine und
erleichterten fich gegenfeitig die Bürden
des Tages. Bald aber gemahrte ber
Auffeher das freundliche Verhältniß der
jungen 2eute, und nun war es fein
angelegentlichjtes Werk, fie zu trennen.
Aber Georg und Tertſchka famen am
Sonntag auf dem Kirchwege zufammen,
gönnten fih mandes ftile Stünddhen
im Waldesfhatten, und da vertraute
dad Mädchen dem Freunde einmal, wie
der Stiefvater, der auch ihre Mutter
in das Grab gebracht, gegen fie, die
Tochter, Abfihten hege, die er, wenn
niht mit Zärtlichkeit, fo mit Gemalt
zu erreichen hoffe. Das erbitterte den
Urlauber noch mehr gegen den Aufjeher.
Sonft fanften, nadjgiebigen Charalters,
befhloß Georg, das Mädchen zu [hüten
und ed um jeden Preid von dem Un-
holde zu befreien. So verlangte er eines
Tages vom Stiefvater, mit Hinweis auf
obige Thatfache, freien Abzug des be-
reits? großjährigen Mädchens. Das
bradte den Auffeher in Wuth, er warf
Tertichla hinter Schloß und Riegel,
und auf weitere Andringen des Sol:
daten ftürzte er mit einem Mefjer auf
diefen los. Im Drange der Nothwehr
erraffte Georg den Steinhammer und
verfegte damit dem Wüthenden einen
Etreih auf die Bruſt. Der Urlauber
wurde als Todtſchläger in das Stock—
haus gebradt; er fam mit einer mehr:
monatlihen Unterfuhungshaft davon,
aus welcher ihn Tertſchka zu befreien
mußte. — Bei Ehrenhaufen in Steier-
marf fteht ein Bahnmwächterhaus, darin
follen Georg und Tertſchka mit mehre-
ren Nachkommen zu finden fein.
Das ift der Grundzug der einfachen
Gefhichte, die und Ferdinand Saar fo
Ihliht und wahr erzählt.
Es ift behauptet worden, daß Ar:
muth, Entbehrung und das Tagesmühen
gewöhnliher Menfchen im Reiche der
Poeſie nicht das Bürgerrecht befäßen.
Dem miderfprechend, fönnten wir darauf
binweifen, daß Noth beten lehrt, erfin-
deriſch madt und Eifen bricht, und daß
die ehernften, impofanteften, ja vielleicht
gediegenften Charaktere in der Regel
nicht aus den licht: und überflußvollen
Salons hervorgehen, fondern meit eher
aus der herben Noth armer Hütten.
Das ift uns fein braver Xefer, dem
Herzenstreue und Geelengröße nicht be
hagt, weil der Arbeiterfittel darüber
hängt. Wir felber tragen mit wenigen Aus:
nahmen den Rod des Arbeiters. Auch
unter und und tiefer und ſelbſt in den
ärmften, verfommenften Kreifen können
einzelne große, edle Menjchen leben,
deren Seelenbilder des Dichtergriffels
würdig find.
399
Saar's „Steinklopfer* find ein
neuer Beweis dafür. Sie mögen ftein-
Hopfen immerdar ; fo lange in ihnen
die Ergebung in ihre Pflicht einerjeits
und die heldenhafte Entfchloffenheit an:
dererſeits, und fo lange die Liebe und
die Treue in fo reiner Geftaltung fteht,
wie fie bier gejchildert wird, — fo
lange müfjen wir dem Dichter danken,
der und mit folchen Menfchen zufam:
menführt.
Naſia & Comp.
Eine Familiengefhichte von®.M. VBacano,
Verlag von Eduard Schröder, Teſchen, Leipzig.
Ein ganz kleines, rothwangiges
Bud. Aber die Bücherpolizei hat da-
für Reclame gemadt. Confiscirt und
wieder freigegeben ! fteht mit großen
Zettern über dem Titel. Was muß das
doch für ein böſes Büchlein fein? Man
will wiflen, daß der Verfafjer mit
feinem Helden eine befannte Perfön-
lichfeit meint. Wäre das wahr, fo
müßten wir das Werkchen mit aller
Entſchiedenheit zurüctweifen. Doch fehen
wir feinen Einklang zwiſchen Diefer
Dichtung und jener Wirklichkeit. 's ift
nichts weiter, als ein Roman in felt:
fam phosphporeäzirendem Schimmer.
Deutſches Dihterleriton,
für Freunde der Literatur zufammengeftellt
von Franz Brümmer. Berlag der Krüll!-
fhen Buchhandlung, Eichftätt und Stuttgart.
Trog al’ unferer Lexikas und
Literaturgefchichten haben wir bis heute
fein biographifch:bibliographifches Nach—
ſchlagebuch der deutfchen Dichter und
Scriftfteller gehabt, das fo wie diejes
gediegene Werk den Bebürfniffen ent:
Iprähe. Es hat zwei Bände und er:
zählt und das Wichtigſte aus dem Leben
und Wirfen von 3500 deutſchen Dich—
tern und belletriftiijhen Schriftftellern,
unter denen mehr als 700 Autoren
der Gegenwart, mit weldien der Heraus:
geber in birecten Verkehr getreten ift.
Wenn wir gleihwohl im erften Band
| Namen vermiffen wie 2. Anzengruber,
N. Bittner, A. Dur, H. Grasberger,
U. v. Hörmann u. a., fo fällt das in
einem fonft fo ausführlihen Merfe
ſtark auf. Indeß erfcheinen alljährlich
Nachträge, welche die Fehlenden und die
Neuen hoffentlih mit Gemifjenhaftigkeit
nachbringen werben.
In der Sonnenwende.
Nenefte Gedihte von Stephan Milom.
Verlag von Georg Weiß, Heidelberg.
Das Bändchen ift eingetheilt im
„Lieder“, „Vermiſchte Gedichte”, „Hym—
nen der Liebe“ und einen philofophifchen
Winkel: „In der Einfamfeit.“ Man:
ches feelenvolle Gedicht ift hier nieder:
gelegt. Von großem Weiz find die
Hymnen der Liebe, die in ihrer ge:
funden Sinnlichkeit an Mirza Schaffy’s
Lieder erinnern.
Liederquelle.
Ausgewählte Lieder für Defterreihs Volks—
und Bürgerfchulen, herausgegeben von Adal—
bert Proſchko und Franz Pammer,
Verlag M. Quireins, Linz.
Mas Eingt jo Lieblich und fo Har?
Mas ift jo * und doch fo wahr ?
Was dringt fo mächtig zum Demuth 7
Es ift des Volkes ſchmucklos Lied.
Freudigft begrüßen mir den Gefang
in der Volksſchule zu einer Zeit, da
die Inſtrumentalmuſik mehr und mehr
untergeht. Und doppelt zu begrüßen ift
eine gute Auswahl von Liedern für die
Kinder und Jugend zu einer Zeit, die
das Beitreben hat, der Kindſchaft all-
zufrüh die profaifhe Praxis des Lebens
einzupfropfen. Märchen und Geſang
find des Kindes geiftig Leben. Darum
die Freude, die wir an dieſen vorlie:
genden Liedern hegen; diejelben find
für die Zeit vom 1. bis zum 8. Schuljahre.
Spiel, Turn, religiöfe, patriotifche
Lieder u. f. w. nad Grundlagen der
einfchlägigen Werfe von Ludwig Erf,
Heinrich Hoffmann, Fallersleben, Hugo
Holtſch bilden die Reihe. Die patrioti=
ſchen Lieder, deren Einbeziehung in die
Sammlung der Landesſchulinſpector
Adam angeregt hat, ftammen tertlich
zum großen Theil von Dito Prechtler
und Johann Nep. Vogl. Die Melodien
find faft durchwegs dem Schatze des
deutichen Volksliedes entnommen.
Handbudh für öfterreihifche Ge—
ſchworne
von Dr. Victor Leitmaier, Verlag Ip.
von Kleinmayr und Ferd. Bamberg,
Laibach.
Dieſes Büchlein iſt allen, die ſich
für das Geſchworneninſtitut intereſſiren,
insbeſondere aber den Geſchwornen ſelbſt
auf das wärmſte zu empfehlen.
Der Verfaſſer hat im erſten Ka—
pitel die allgemeinen Rechtsgrundſätze
des Strafgeſetzes behandelt und die für
die Folgerung eines gegebenen Falles
unter das Strafgeſetz aufgeſtellten Re—
geln an den wichtigſten und am häufig:
ften vor das Forum der Geihmwornen
fommenden Delicten erläutert.
Das zweite Kapitel behandelt fohin
nebjt einer furzgebrängten Geſchichte des
Gejhworneninftitutes die wefentlichen
Grundfäße der neuen Strafproceforb:
nung und erläutert ſchließlich die wich:
tigften Beſtimmungen dieſes Geſetzes
inſoweit ſie auf das Verfahren vor den
Geſchwornen Bezug haben. Der am
Schluſſe dieſes Kapitels erzählte Schwur—
gerichtsfall ſoll den Geſchwornen ein
klares Bild von der Hauptverhandlung
geben und das Verſtändniß des letzten
Kapitels vorbereiten, in welchem die
Aufgabe der Gefchwornen auseinander:
gejegt und die Wege und Mittel zu
ihrer richtigen Löſung nebft den haupt:
ſächlichen Rechten und Pflichten der Ge:
Ihwornen erörtert werben.
400
Boftkarten des Heimgarten:
Einfender von Erzählungen werden er-
ſucht, in einem beiliegenden Briefe an die
Nedaction den Inhalt der offerirten Ar-
beit kur und bündig darjuthun. Wir
haben nur Zeit, folde Erzählungen näher zu
prüfen, deren Gegenftand originell, bedeutend
und von allgemeinem Interefle ift.
R. 3. R. Wien. Befonderen Dank für
Ihre freimüthige Beurtheilung, fie ift uns
fräftigend. Von R 9—g finden Sie ſchon
in dieſem Hefte einen uenen Beitrag; über
Anaftafins Grün’s neues Buch im mädhiten
Defte Die Gefhichte, wie Defregger Maler
geworden, fommt jpäter.
6. 3. 3. Manufeript liegt zum Abholen
bereit.
9. M. in Gray, 3.6. in Hamburg. Auf
Beurtheilung don Gedichten können wir und
nicht einlaffen.
Rothe Maske: Ihre Frage ift ſchwer zu
beantworten. Selbft der würdige Hiddigeigeri
im „Trompeter von Sädingen” bat fi mit
diefem Probleme vergebens beſchäftigt:
Warum küflen fi) die Menjchen ?
's ift nicht Daß, fie beißen ſich nicht,
Hunger nicht, fie freffen fih nicht.
's kann auch Fein ziwedlofer, blinder
Unverftand fein, denn fie find fonft
Klug und felbitbermußt im Dandeln.
Warum alfo, frag’ umfonft ich,
Warum Füffen fih die Menjchen ?
Beffer, Sie gäben Antwort, anftatt zu
fragen.
Herrn 9. Martini in Cilli. Beglüdiwün-
ihen Sie zu der ſchönen Idee umd prächtigen
Ausführung des Anaitafius-Grün-Bildes mit
den Anfichten der Mohnhäufer unferes Dic-
ters. Den zahllofen Verehrern A. Grün’s
wird diefes Bild willtommen fein.
Freund Petöf’s: Bezüglich der angedeu-
teten Erzählung „Ein Walzer von Strauß‘
ift, fo lange wir Sie nicht kennen, feine Zu-
fage möglid).
3. E—pf, Trieſt. Sie wollen durch Ro-
manleftüre Culturgeſchichte ftudiren? dann
lefen Sie Stifter's „Witiko“ und Scheffel’s
„Eklehard“.
U! Zahlreiche Klagen, beſonders von Re—
daktionen, laufen uns ein darüber, daß Heim—
gartenhefte unter Kreuzband ihre Adreſſe nicht
fänden. Mo bleiben die Seudungeu?
3. ©. Wien. Bon dem Bergfturg bei Stein-
brüd hoffen wir im nächſten Hefte ein mög-
lichſt vollftändiges Bild bringen zu können.
Drud von Leylam-Jofefäthal in Graz. — Fr bie Rebaction verantwortlid P. A. Nofegarr.
—
Beit 6.
März 1877.
— in *
— — ar —
* eittinar el en —
— —
1. Sabre. ie \
Der Kampf eines Poecten.
Novelle von Ludwig Yabidt.
(Bortfegung.)
Für das Herz des jungen Schrift: | wurben jeine Arbeiten eifrig begehrt
ſtellers war dieſe bittere Erfahrung
ein harter Schlag; aber für fein lite
rariiches Schaffen wurde fie von ber
und gebrudt ; verjuchte er jeboch, fich
ganz in eine Idealwelt zu flüchten,
Alles das wiederzufpiegeln, was fein
höchſten Bedeutung. Jetzt erſt zeigten | eigenes Herz gelitten und gefühlt und
jeine Arbeiten jene Wärme und Tiefe, höhere Gedanken und Anfchauungen
welche der Dichter aus einem leibbe-
wegten Innern ſchöpft. Was feine
Seele erfüllte, erhielt Form und Ge:
ftalt, er fand nun wieder fein einziges
und reinftes Glüd in feiner fchriftitel-
leriſchen Thätigfeit ; aber wie verwan—
belt fehrte er zu einem Schreibtiſch
zurück! Was er früher nur durch Re—
flexionen erzeugt, brach jetzt voll und
friſch aus ſeinem tief verwundeten
Herzen. Er kannte nun Liebesluſt und
Leid aus eigenſter ſchmerzlichſter Er—
fahrung und wußte es zu ſchildern ..
Aber damit wiederholten ſich auch zu
weilen die alten Kämpfe.
Wenn er dem Gejchmade bes
großen Haufen —— machte,
Rofeggers „‚geimgarten" 6. Heft.
zu weden, dann fanden feine Broduc-
tionen wenig Abnehmer, denn die Zahl
jener Blätter, die einen wahrhaft ge:
bildeten Leſerkreis um fich zu verſam—
meln gewußt, war noch gering.
Erhielt der junge Schriftiteller
dann eine ſolch' jorgfältig gehegte und
gepflegte Arbeit zurüd, während weit
füchtigere Erzeugniffe mit Vergnügen
acceptirt worben, dann überfam ihn
doch eine rechte Muthlofigleit und der
Gedanke von dem Vergeblihen all’
. [feines Ringens und Strebens kehrte
immer öfter bei ihm ein. — Er fühlte
ſich frei von Neid und doch, wenn er
fah, wie fein Freund Gottfried und
Ale, welche ihr literarifches Wirken
26
402
eben jo handwerksmäßig auffaßten,
die Helden des Tages geworden, ba
fonnte er fih kaum einer bitteren
Empfindung erwehren. Er grollte die:
fen ſcheinbar Glücklichen nicht, bie
gerabe in ihrer Mittelmäßigfeit gol-
dene Ernten bielten, während Derje:
nige, der ed Ernit mit feinem poeti-
jhen Schaffen nahm, fi kaum das
Nothwendigfte erwarb; aber er grollte
einer Zeit und einer Welt, welche in
ihrem Materialismus auh auf dem
Gebiete der Kunft und Poeſie gern
den robeften Talenten zujubelte. —
Da ſchwellte plöglich ein unerwar—
tetes Glüd feine Dichterbruft. — Das
Drama, das bei allen Bühnen jo
lange unbeachtet gelegen, war durch
Zufall einem Manne in die Hände
gefallen, der beim Theater einen gro-
Ben Einfluß bejaß und der nicht eher
ruhte, al3 bis wirklich das Stüd zur
Aufführung angenommen wurde.
Leopolds Herz ſchlug in ftürmifcher
Erwartung. Jetzt nahte ſich die Ent:
ſcheidung feines ganzen Lebens. Emilie
hatte ihm gejagt, daß feine Kraft im
Drama liege und er fühlte es jelbit.
Hatte doch all’ jein Sehnen ihn dahin
gebrängt und nur die zwingende Noth:
mwendigfeit ihn bisher daran gehin-
dert, fi auf dieſem Gebiete mit vol-
ler, bingebender Begeifterung herum:
zutummeln.
MWelh’ wunderbare Hoffnungen
jchwellten feine Bruft und doch auch
wieder welch’ angitvolle Befürchtun:
gen fuchten ihn heim. Er wagte nicht,
jeine Pjeudonymität aufzugeben und
bat feinen Freund Gottfried, ben Pro-
ben in feinem Namen beizumohnen,
der fi gern dazu bereit erklärte.
Der Tag der Aufführung rüdte
immer näher. Man war auf das
Drama um jo geipannter, als fich
Leonhard von Fyernthal bereit? auf
novelliftiichem Gebiet einen jehr geach—
teten Namen gemacht hatte und alle Lite:
traturfreunde dann recht gut wiffen, wie
viel gerade ein folder Autor auf das
Spiel ſetzt. Das ehrenvolle Ringen
und Streben von zehn Jahren kann
jegt ein einziger unglüdjeliger Theater:
abend vernichten. — Für den Schrift:
jteller, der fich bereit3 auf andern Ge:
bieten eine Stellung errungen, ift ber
Erfolg feines erjten Drama's bejon-
ders verhängnißvol,. Das Drama
eines völligen Neulings in der Kite
ratur wird weit unbefangener beur:
theilt, während man an das Werk
eines befannten Schriftiteller8 mit An-
fprüchen und meift zu hochgefpannten
Anſprüchen berantritt, welche Teicht
zur Ungerechtigfeit verführen.
Auch Leopold follte e8 büßen, daß
er ſich nicht mit dem Erfolge begnügt,
der ihm auf novellijtiichem Gebiet
bereit3 geworden war; alle jungen
und alten Dramatiker ftimmten ohne
jede Verabredung darin wunderbar
überein, den feden Eindringling zurück—
zuweilen und noch ch’ der Vorhang
aufging, hatte Leonhard Fernthal die
Stimmung eines Theiles der Zuſchauer
gegen fi. Obwohl Leopold Anfangs
der Muth fehlte, ber erften Borftellung
beizumohnen, ließ er fich doch dazu
von feinem Freund Schmidt überre-
den und er mußte dem alten Praktikus
Recht geben, der behauptete, daß der
junge Dramatifer durhaus die Wir:
fung feines Stüdes zu beobachten habe.
In einer der dunfeljten Barfetlogen
harrte Leopold auf das Aufgehen des
Vorhanges. Er fühlte das heiße, ſtür—
miſche Klopfen feines Herzens und
dennoch faß er ftill und unbeweglich
da. Niemand Hätte in dem blaffen,
ſchweigſamen Mann den Verfaffer des
Stüdes vermuthet. Nun jollten die
Geftalten, die bisher in feiner Seele
gelebt, verkörpert vor ihn hintreten
und fih die Gunft des launenhaften
Bublifums erobern...
In athemlojer Spannung Taujchte
Leopold auf jedes Wort — jede jchlechte
Betonung einer Silbe machte ihn er:
zittern, jedes Geräufch der Zuſchauer
erfüllte ihn mit namenlojer Unrube,
denn Beides konnte den Erfolg feines
Stücdesbeeinträchtigen. Der Angſtſchweiß
perlte ihm auf der Stirn, wenn eine | Die Dppofition die Oberhand. Der
Stelle fam, von der er fich eine mäch—
tige Wirfung verfprochen und die fpur-
los vorüberging.
Nun gewahrte er erſt, an welch’
Fleinen Steinen das Ganze fcheitern
konnte, — Das Ungefhid des Stati-
ften, ein bei einer Verwandlung zu:
rüdgelafjener Sefjel war im Stande,
den Eindrud der beften Scenen zu
ftören. — Und wie verzerrt ftarrte ihn
feine Dichtung an, wie war fie von
der Negie verftümmelt worden und
wie thaten jekt die Darfteller das
Uebrige, um fie dem Berfaffer un:
kenntlich Zu machen.
Trogdem gingen die beiden erjten
Acte mit fteigendem Beifall vorüber,
und ſelbſt die ewigen Nihiliften, die
grundſätzlich nichts anerkennen dürfen,
um ihren überlegenen Geift und ihr
fritiiches8 Talent zu zeigen, wagten
fi) jo wenig mit der Oppofition ber:
vor, wie bie dramatijchen Gollegen
Leopold's, die mit der Abficht gekom—
men waren, Leonhard Fernthal mo
möglid für immer von der Bühne
zurüdzufcheuchen.
Der dritte Act wies jchon einige
Längen auf, der Darfteller des Helden
hatte noch dazu jchlecht gelernt und
ſprach beshalb in Momenten leiden—
Ichaftliher Erregung jo gedehnt, wie
ein Sonntagsnahmittagprediger, um
nur jedes Wort vom Souffleur bequem
abzufangen.
fälle erregten zuweilen Heiterfeit am
unrechten Orte und die Oppofition
wußte dies geſchickt auszunutzen; —
fie erweiterte das leije Geräuſch zu
einem Gelächter.
Nun war einmal die gute Stim—
mung des Bublifums erjchüttert. Moch:
ten immerhin die folgenden Acte noch
tiefgreifende, echt poetiſche Scenen
und Gedanken bringen; fie wedten
fein Eho mehr; — die entjchloffenen
Gegner des Drama’3 braten einzelne
Beifallgzeichen jogleich zum Schweigen
und am Schluffe des Stüdes behielt
Unbedeutende Zwiſchen—
Vorhang fiel unter Lärmen und Zifchen.
Wie Leopold dad Theater verlaf-
jen, wußte er felbft nicht. In feinem
Ohre klang nichts weiter als dies ver:
bängnißvolle Ziſchen, er hörte es be-
ftändig und auf Tritt und Schritt,
‚die ganze Nacht über, es kam fein
Schlaf in feine Augen und am andern
Morgen war fein Entihluß gefaßt.
Mit diefem einzigen harten Schlage
war Alles in ihm zerbrochen, jede
Hoffnung erloſchen. Er war es mühe,
noch ferner um die Gunjt des Publi-
fum3 zu bublen, ja müde, nur je
wieder eine Feder anzufegen. Sein
Ehrgeiz fühlte fi) zu tief verlegt und
‚eine völlige Abneigung gegen Alles,
was ihm bisher fo theuer und heilig
geweſen, bemächtigte fi feiner Bruft.
— Er wollte mit feiner Vergangen—
beit brechen, auf immer breden, das
ftand unerjchütterlih in ihm feft und
wie ihm bisher die Ausübung feiner
Kraft Alles geweſen war, fo follte
ihn von jekt ab nichts mehr daran
erinnern. Sein Entihluß war bald
gefaßt und mit jener unbeugfamen
Hartnädigfeit, der er bisher feine Er:
folge zu danken hatte, führte er ihn aus.
Seine Freunde trafen ihn nicht
mehr heimiſch; ſelbſt als Gottfried
kam, ließ er ſich verleugnen. Er be—
durfte keiner Troſtworte — was in
ihm bisher gelebt, war herausgebro-
hen — eben fo wenig mochte er ihre
vernünftigen Vorftellungen hören. Sie
würden feinen Schritt thöricht, unſin—
nig ſchelten, ihn mit Aufbietung aller
Ueberredungsfraft davon abzubringen
ſuchen, das wußte er Schon, und doch
wollte er ihnen die Mühe erjparen ;
was er jebt that, geſchah nach reifli-
cher Ueberlegung und feine Macht der
Erde konnte ihn mehr davon abbringen.
Wie er feine Vergangenheit haßte
|feit jenem Abend, an ben er nicht
denfen durfte, ohne daß ihm nicht ein
Ekel anfam vor Allem, was auf Li—
teratur nur irgend Bezug hatte! Seine
Hoffnungen und idealen Träume lagen
26*
404
tief eingefargt; er war jet ein müch-
terner, realiftiicher Menſch wie fie alle
— der fühl und verftändig feines
Meges ging, und deshalb wollte er
in einem Welttheil fein Heil verjuchen,
der am entjchiedenjten mit dem Ydealis-
mus gebrochen hatte — in Amerika.
Dort, fern von den Menjchen,
auf einer einfamen Farm, mollte er
vergeffen, was einft feine ganze Bruft
erfült — dort drängten fi nicht
mehr poetifhe Träume und Gedanken
zu feinem unruhig zuckenden Hirn,
dort brauchte er nur feine Arme, und
er wollte fie kräftig rühren, um den
bisher raftlo8 arbeitenden Kopf in
Ruhe zu jegen.
In kurzer Zeit war er zur Aus-
mwanderung gerüftet, unb ohne von
feinen Freunden Abſchied zu nehmen,
die e8 endlih müde geworben, ben
allzuempfindlichen Menjchen aus feiner
Schwermuth aufzurütteln, fuhr er
auf den Bahnhof, um zuerft Hamburg
zu erreihen. —
Mit welch’ eigenthümlichem Beha—
gen hatte er all’ feine Bücher ver-
fauft, aus denen er einft fo viel Glüd
und reine Befriedigung geichöpft! We:
der Feder noch Tinte Hatte er in
feinen Neifekoffer gepackt — er empfand
einen förmlichen Efel vor all’ diejen
Dingen, und er hatte fich gejchworen,
fie nie wieder zu berühren.
Wie frifh und gefund fam er fich
augenblidlih vor, ſeitdem er diejer
papiernen Welt den Rüden gekehrt!
— Selbſt fein Aeußeres hatte er
völlig verwandelt und als er jegt im
Wartefalon auf: und abging und fein
Blick zufällig in den Spiegel fiel, war
er mit fich zufrieden. Er ſah bereits
wie ein Landwirth aus, mit dem man
gewiß nicht literariſche Geſpräche ein:
zufädeln weiß, denn vor nichts graute
ihm mehr, als nur durch ein flüchti-
ges Wort Anderer an feine Vergan:
genheit erinnert zu werben. Sie jollte
für immer aus feinem Gedächtniß,
Mit welcher Ungeduld wartete er
des Nugenblides, welcher ihn davon:
trug! — Endlich wurden die Wagen:
thüren geöffnet, er durfte einfteigen,
die Signale erſchallten und der Zug
jegte fih in Bewegung.
Wie er aufathmete, als die Loco—
motive mit ihm davonbraufte und
er nun glüdlid die Stadt zurüdlafjen
fonnte, die ihm fo bitter wehe gethan !
— Nun mußte bad Zijchen in feinen
Ohren verftummen. — Was bärmte
ihn noch alle Kritik, alle Gleichgiltig-
feit des blafirten Publikums — er
fuhr einem neuen Leben, einer neuen
Welt entgegen, und wie von einer
furchtbaren Laſt befreit, hob fich feine
Bruſt. — Ihm war's, als habe er
bisher in einer erſtickenden Atmoſphäre
ſein Daſein zugebracht und er athmete
nun erſt freie reine Luft.
In ſeinen Selbſtbetrachtungen ver:
ſunken, hatte er anfangs gar nicht
auf ſeine Umgebung geachtet; erſt
nachdem die Fahrt eine längere Zeit
gedauert und die Hauptſtadt ſich immer
mehr in einen Nebelſtreif gehüllt hatte,
gewahrte er, daß er im Coupe nicht
allein jaß. Am andern Fenſter hatte
ein alter dicer Herr und ihm gegen:
über eine Dame Plat genommen, die
einen tiefen Schleier über das Geficht
gezogen und von Zeit zu Zeit den
Raub mit ihrem Taſchentuche weg:
wehte, den ihr der alte Herr mit jei-
ner Fräftig dampfenden Cigarre rück—
ſichtslos ind Geficht blies.
Plöglich erhob fih die Dame und
faßte einen raſchen Entſchluß. Sie
nahm ohne weiters Leopold gegenüber
Pla und fih an ihn mwendend, jagte
fie mit einer leichten Verbeugung:
„Berzeihen Sie, daß ich mich hierher
flüchte, aber wie ich jehe, rauchen Sie
nicht, und da ich leider in einem Da-
mencoupe feinen Plat mehr erhielt,
muß ich wenigſtens verjuchen, mich
vor dem Tabaksqualm joviel wie mög:
lich zu ſchützen.“
Früher würde Leopold dies etwas
jeinem Herzen ausgelöfcht ſein .. .. ſichere Auftreten nicht ſehr bewundert
405
haben, jegt, in feiner angehenden Far:
merjtimmung, war er entzüdt bavon.
Die Stimme ber Fremden hatte
einen weichen, angenehmen Klang; er
konnte fich nicht denken, daß die Be
figerin derjelben häßlich jei, obwohl
es ihm unmöglid war, hinter dem
dichten Schleier ihre Gefichtszüge zu
erfennen.
„Ihr Vertrauen wird Sie nicht
täuſchen, da ich überhaupt nicht rau—
che,“ erwiberte er verbindlich.
„Das freut mich”, war ihre raſche
Antwort, „mein voriges Gegenüber
verftand oder wollte nicht verftehen,
daß mir der Tabakrauch läftig war.”
Sie ſprach fo laut, daß es der alte
Herr hören konnte, der nun doc aus
jeinem Gleihmuth aufgerüttelt wurde
und ein jehr ärgerliches Geficht machte.
Herrn v. Ferber gefiel dieſe rück—
haltlofe Offenheit immer mehr; er
bemühte fi) deshalb, das Geſpräch
fortzujegen: „In Amerifa würde es
fein Herr wagen, ohne bejondere Er:
laubniß der Damen weiter zu rau:
hen und da ich dahin unterwegs bin,
muß ich mich ſchon auf dieſe Pflich-
ten gegen das fchöne Geſchlecht etwas
einüben.
„Sie wollen nach Amerifa? Ach
habe auch Verwandte drüben und jchon
immer Luft gehabt, diejes merkwürdige
Land kennen zu lernen.”
„Was hindert Sie daran?” fragte
er zurüd.
Sie lachte ganz unbefangen. „Für
eine alleinftehende Dame hat eine ſolch'
weite Fahrt doch ihre großen Be—
denken.“
Ihr Lachen klang ſo friſch und
ſilberhell. Sie konnte unmöglich alt
ſein. Er wollte den heiteren Plauder—
ton beibehalten, vielleicht entlockte er
ihr wieder ein Lachen, das ihn ſo
angenehm berührte. „Aber Fräulein,
haben Sie nicht ſchon den Muth zu
dieſer Reiſe gehabt?“ fragte er weiter.
„Ach, mein Herr, ich komme nicht
ſoeben aus der Penſion, ich bin eine
alte Frau, die ſchon ſeit Jahren ge—
zwungen iſt, auf eigenen Füßen zu
ſtehen.“
Alſo doch nicht mehr ein junges
hübſches Mädchen, wie er gehofft! Er
bedurfte all’ jeiner Artigkeit, um feine
Enttäufchung zu verbergen. Das Ge:
ſpräch plöglich abzubrechen, wäre un-
böflih gemwejen; er mußte e8 weiter
jpinnen, obwohl es für ihn alles In—
terefje verloren und er am liebiten
fih in einen Winkel gedrüdt und von
dem Urwald geträumt hätte, ber ihn
erwartete.
„Dann find Sie glüdlich zu prei-
jen, denn nur wenige Frauen lernen
dies zur rechten Zeit“, raffte er ſich
nach einer Pauſe zur Entgegnung auf.
„Nein, nein“, war ihre lebhafte
Ermiberung ; „es gibt für eine Frau
nichts Dualvolleres, al3 das Allein:
ftehen ; wir find nun einmal dazu nicht
geihaffen“, und etwas wie ein Seufzer
entichlüpfte ihren Lippen.
Leopold hätte laut auflachen mö—
gen. Eine alte Frau, die dennoch ihre
BVerlaffenheit beflagte! — Hatte fie
noch immer nicht ihre Hoffnungen auf:
gegeben und ſuchte fie vielleicht jet
noch einen Gatten al3 Stüge für ihr
Alter? Die Dame fteuerte mit ameri-
kaniſcher Rückſichtsloſigkeit auf ihr
Biel los.
Mer bürgte ihm dafür, daß fie
nicht im nächften Augenblid das Aner:
bieten machte, ihm über den Dcean
zu folgen? Es war Zeit, ſich vorfich-
tig zurüdzuziehen. — Um fie abzu-
Ihhreden, entgegnete er deshalb: „Und
ih habe feinen andern Wunſch, als
ganz allein zu fein, deshalb werde ich
mid im fernften Weſten Amerifa’s
anfiebeln.“
„In unferem Erzgebirge gibt es
auch noch Stellen, die an Einſamkeit
nicht8 zu wünſchen übrig laffen”, war
ihre Antwort, „und ich habe ebenfalls
auch das Glüd, einen ſolchen Winfel
mein zu nennen.“
„Ich beneide Sie darum”, ent:
gegnete er raſch und bereute fofort
feine Webereilung. Wenn dieſes hei-
ratsluftige alte Meibsbild ihn nun
einlud, dieſes Glüd mit ihr zu theilen?
Zu feiner Beruhigung zudte fie
mit den Achſeln und ſchwieg. Leopold
glaubte fi nun auch jeder weite
ren Antwort überhoben, lehnte ſich
in feiner Ede zurüd und ſchloß raſch
die Augen, als jei er ſehr ermübdet
und bebürfe der Ruhe. Schade, daß
fein Gegenüber eine alte Frau war,
— ihr rejolutes Wefen gefiel ihm, fie
wäre eine paflende Gefährtin geweſen,
auf dem neuen Lebenswege, ben er
jeßt eingefchlagen und ben er fejt ent:
ſchloſſen war, bis an's Ende zu gehen.
— Einen fol’ praftifchen, nüchternen
Charakter brauchte er — das fühlte
er felbft, das allein konnte ihn vollends
in feiner, dem Realen zugewandten
Richtung befeftigen. —
Was war es für ein verworrener,
phantaftiicher Traum gemwejen, der bis:
ber feine Sinne umnebelt! Seht fuhr
er der Wirklichkeit entgegen, das Leben
nahm ihn auf feine ftarfen Arme, er
brauchte nicht mehr dies Doppeldafein
zu führen, das ihm jo viel gefoftet
und jo wenig eingetragen...
Bilder einer glüdlihen Zukunft
gaufelten vor feiner Seele und all:
mälig fchlief er wirflih ein. Der
wunberlichite Traum verfolgte ihn. Er
hatte das Ziel erreicht und ſaß vor
jeiner Blocdhütte, um von des Tages
Arbeit auszuruhen; da erjchien plöß-
lich Emilie vor ihm, ſah ihn mit
ihren bunflen Augen verwundert an
und überhäufte ihn mit bitteren Vor:
würfen, daß er ber Poefie untreu ge-
worden — er vermodte fein Wort
hervorzubringen, aber die Fremde trat
ganz unerwartet vor Emilie hin, jtieß
ihr helles, glückliches Lachen aus und
ihlug ein Schnippdhen in die Luft,
al3 wolle fie jagen: — „Was härme
ih mi um Dein phantaftiiches Ge-
ſchwätz!“ — und dankbar eilte er auf
fie zu, um ihr die Hand zu drücken
— da erwadte er.
Sein Traum war jo lebhaft ge
wejen, daß er die Hand ausgeftredt.
— — — — — —— nn a nam —— — — —
406
Er mußte ſich erſt einen Augenblick
beſinnen, wo die Wirklichkeit eigentlich
begann. —
Vor ihm ſaß wohl noch die Fremde,
aber es war keine alte Frau, ſie hatte
jetzt den Schleier zurückgeſchlagen und
zeigte ein hübſches, freundliches Geſicht,
welches höchſtens einer Zwanzigjährigen
gehörte. Es machte freilich auf hervor—
ragende Schönheit keinen Anſpruch,
im Gegentheil war das Geſichtchen mit
feinem ſtumpfen Näschen und feinen
blauen, ziemlich ausbrudslojen Augen
etwas alltäglich ; aber dennoch war in
diefen Zügen fo unverkennbar eine
große Herzensgüte ausgeprägt, Die
unwillfürlih für die Fremde ein:
nahm. Auf dem Antlig Leopold's
mochte fich zu deutlich feine Verwirrung
gezeigt haben, denn fie mußte lächeln
und fagte dann wie zu ihrer Ent-
ihuldigung: „Sie haben trefflich ge:
Schlafen, mein Herr!”
„Und inzwiſchen hat fich viel ver:
wandelt,“ entgegnete er raſch: „aus
der alten Frau, welche mir vorher
gegenüber ſaß, ift ein junges Fräu—
fein geworben.” Da die Fremde fidh
jo zwanglos benahm, glaubte auch er
einen feden Ton anfchlagen zu dürfen.
Sie erröthete anfangs bis in bie
Schläfen, dennoch ging fie fofort auf
den Scherz ein: „Sie unterfchäßen
mein Alter, ich bin ſchon ſeit Jahren
Witwe,”
Ferber machte ein ſehr verwunber:
tes Gefiht: „Dann müflen Sie ſehr
jung das Glüd der Ehe gefoftet Haben.“
„Es war fein Glüd dabei,” er:
widerte fie mit jener Offenheit, die
ihn bei jeder Anderen abgeftoßen hätte
und die ihm an der Fremden außer:
ordentlich gefiel, vielleicht weil fie mit
ihrem ganzen Wejen völlig harmonirte.
Diefes runde friſche Gefichtchen mit
den blühenden Lippen und ber etwas
nieberen Stirn war wie zum heiteren
Lebensgenuß geſchaffen; dieſe junge
Frau gab fi, wie fie war, unbefan:
gen, jorglos, ſogar no mädchenhaft
naiv; fie hütete ſich wohl, tieffinnige
407
Gedanken auszuframen, bie fie nie
gehabt hatte, und beſprach nur Dinge,
die in ihrem Gefichtsfreije lagen. Für
den ausgepfiffenen Dramatiker, der
feft entſchloſſen war, allem Geift, aller
AHeithetif für immer den Rüden zu
fehren, war bie Unterhaltung mit
einem ſolchen Naturkfinde eine wahre
Erholung und äußerft bequem.
Mit einer zutraulihen Offenheit,
die für Leopold etwas Rührendes
hatte, erzählte fie ihm ihre Vergan:
genbeit, ihre früheren Lebensſchickſale,
die jo einfach waren, mie fie ſelbſt .5.
Die Fremde war die älteſte Toch—
ter eines Landedelmannes, deſſen Ehe
mit jo viel Töchtern gefegnet worden,
daß er froh war, als ſich ein Bewer:
ber um die Hand feiner Welteften, in
Geftalt eines feiner Freunde fand, ber
mitten im Erzgebirge ein anjehnliches
Beſitzthum hatte.
Nah dem Willen Emma's mwurbe
nicht viel gefragt; fie war ohnehin
erft 16 Jahre und konnte froh fein,
eine jo hübſche Verjorgung zu finden,
und ein junges Mädchen, deſſen Eltern:
haus noch von Geſchwiſtern wimmelt,
verläßt es ohnehin weit leichter —
wie der halbflügge Vogel, dem das
Neit zu enge wird.
Die Ehe mit dem alten kränklichen
Manne war natürlich Feine glüdliche.
Der fiebzigjährige Gemahl ließ an
jeiner jungen Gattin all’ feine üble
Laune aus und fie ertrug biefelbe mit
ziemlicher Geduld. Ihre Unbekannt:
ſchaft mit der Welt half ihr über das
Schlimmſte leichter hinweg. Noch eh’
ihr heiteres Gemüth verbittert, ihre
offene Gerabheit völlig gebeugt werden
fonnte, ftarb der alte Herr. Nun war
fie mit 18 Jahren frei; — aber auch
gezwungen, die Verwaltung eines weit:
läufigen Gutes auf ihre jungen
Schultern zu nehmen. War ihr Sinn
ihon von je auf das Praftijche ge:
richtet geweſen oder hatten erſt bie
neuen Pflichten benfelben in ihr gemeckt ?
— jebt war fie ficher eine Frau, bie
mit ruhigem Blicke und ficherer Hand
ihr Beſitzthum verwaltete, ſich bie:
jer Lage gewachſen und darin wohl
fühlte.
Troß ihres fiheren Auftretens,
das fie fih buch die Verwaltung
ihres Gutes erworben, mußte fie doch
das Bebürfniß nach irgenb einem An-
ſchluß empfinden, denn fie machte am
Schluſſe ihrer Erzählung Leopold bie
Mittheilung, daß ber Zweck ihrer
Reife fei, fih aus Hamburg eine Ge:
jelichafterin abzuholen, eine Freundin
aus den Kindertagen, die eben wieder
aus Amerika zurückkehre.
Das Geipräh mit ber Fremden
erhielt für den zukünftigen Farmer
einen immer höheren Reiz. Gerade
die Abmwejenheit al’ derjenigen Unter:
baltungsitoffe, die Gebildete herbeizu-
ziehen fuchen, war ihm fo erquidlich.
Mit feinem Worte wurde die Litera-
tur, die Kunft, das Theater berührt
— für den verunglüdten Dramatifer
die wunbefte Stelle. — Man plauberte
über den Zanbbau, über die Induſtrie
bes Erzgebirge und die junge Frau
wußte über Land und Leute bie an-
ſchaulichſten Schilderungen zu geben!
Sie bewies mit jedem ihrer Worte,
daß fie mit offenen Augen bie Welt
betrachtete und an dem Geſchick ihrer
Umgebung denlebhafteften Antheilnahm.
Dem ehemaligen Schriftjteller ver:
flogen über diefem Geplauder die Stun:
ben der Fahrt wie Minuten, und er
war ganz überrafht, als der Zug
ſchon die prächtige Handelsſtadt erreicht
hatte. Er mußte ſich geftehen, daß er
jeit langer Zeit nicht eine fo erfrifchende
Unterhaltung geführt, als mit ber
jungen Witwe,
Die Schaffner öffneten die Wag—
gonthüren und Alles ftrömte hinaus.
Auch die Fremde erhob fih raſch,
nidte Leopold freundlich zu, wünſchte
ihm eine glüdlihe Weiterreiſe und
eilte dann mit rafchen, fiheren Schritten
der Gepäckkammer zu.
Mie auch v. Ferber fich feft vor:
genommen hatte, mit feiner Vergan—
genheit völlig zu brechen und ein tüch-
408
tiger Nealift zu werben, etwas von
ber alten Träumerei fehrte jett doch
zurüd, Eine Wehmuth überfam ihn,
wenn er daran dachte, wie von jet
ab Alles flüchtig an ihm vorüberftrei:
fen würde ...
Was er jetzt noch ſah, von dem
mußte er ſogleich auf ewig Abſchied
nehmen.
Unwillkürlich begleitete ſeine be—
wegliche Phantaſie die junge Frau
auf ihrer ferneren Lebenswanderung.
— Sie kehrte nach wenigen Tagen
mit ihrer Geſellſchafterin in ihr ſtilles
Gebirgsthal zurück — und nun fan—
den die beiden ehemaligen Freundinnen,
daß fie ſich zuſammen noch mehr lang—
mweilten, als jede vorher für fich allein.
Sept ftellten fih die Gutsbefiger ber
Nachbarſchaft ein, denn die junge
Witwe konnte endlich jchiclicherweife
Beſuche empfangen, einem ber jungen
Herren gefiel die hübſche Frau oder
das hübſche Befigthum, und nun ver:
lebte fie bie friedlichften Tage, war
eine glüdliche Mutter und Hausfrau
und ihre Gedanken verirrten fich nie:
mals wieder zu dem Manne, mit dem
fie harmlos ein paar Stunden geplau:
dert und der jetzt einfam in feiner
Blodhütte ſaß und noch immer von
der Erinnerung jenes fleinen anmuthi-
gen Reifenbenteuers zehrte ...
So vor fi Hinträumend, hatte
es Leopold mit dem Auffuchen ber
Gepädfammer nicht ängftlich gehabt,
und als er jegt enblih in den Be-
fig feiner Neifefahen fam, war bereit3
alles Fuhrwerk in Beſchlag genommen.
Er wollte verbrießlich in die Bahn:
hofshalle zurücfehren, um die Ankunft
anderer Drojchfen abzuwarten, da
winkte ihm aus einem eben abfahren:
den Wagen eine Dame zu; es war
die Witwe. Sie mußte jchon erfannt
haben, in welcher Berlegenheit ſich ihr
Neifegefährte befand, denn fie rief ihm
ſogleich freundlich zu: „Fahren Sie
mit mir, wir haben noch Beide Platz
im Wagen.“
Er nahm ohne weiteres ihr lie—
benswürdiges Anerbieten an und bald
ſaß er an ihrer Seite, ihr herzlich
dankend, daß fie ihn durch ihre Güte
des läftigen Aufenthalts überbhoben.
Sie lehnte beicheiden alle Verbind—
lichkeit ab. „Ich würde jedem Frem—
den dieſe Gefälligfeit erwiejen haben.“
„Und bin ich Ihnen nicht eben:
falls ein Fremder?“ fragte Leopold
lächelnd.
Die Witwe erröthete ein wenig,
dann entgegnete ſie raſch: „Doch nicht
ganz. Auf Reiſen macht man ſchnell
Bekanntſchaft und zu Ihnen konnte ich
gleich Vertrauen faſſen.“ Sie ſprach
das wieder in ihrer offenen, rückhalt—
loſen Weiſe, die ihm gerade an dieſer
Frau ſo wohl gefiel. Und als empfinde
ſie ſelbſt, daß ſie zu viel geſagt habe,
fuhr ſie lebhaft fort: „Aber welchen
Gaſthof haben ſie gewählt, damit der
Kutſcher bald die Richtung dahin ein—
ſchlagen kann?“
„Ich habe mich gar noch nicht
entſchieden und wollte das dem Zu—
fall überlaſſen,“ war ſeine Autwort.
„Dann wäre es vielleicht am ein⸗
fachſten, Sie ftiegen in dem Hotel mit
ab, das mir empfohlen worden.“
„Ad, diefen Vorſchlag nehme ich
mit Vergnügen an.“
Ueber das frifche Geficht der Witwe
flog wieder ein Lächeln. Leopold hatte
mit einer Wärme zugeftimmt, als
wenn ihm damit ein unermartetes
Glück geboten wäre. Er hielt e8 nun
doh an der Zeit, der Fremden, bie
ihm mit jo liebenswürdiger Offenheit
entgegengefommen war, jeine Karte
zu überreihen, und auch fie nannte
ihren Namen: „Emma Wiefenburg“.
Seht hielt Schon der Wagen vor
dem Hotel und die Kellner eilten mit
dem geliehenen Lächeln und den Büd-
lingen herbei, die auf den Neijenden
jtet3 jo widerwärtig wirken.
Eine Menge Leute hatten fich der
Reiſeſachen bemächtigt und wollten
ſie in alter Gewohnheit ſo hoch wie
möglich ſchleppen; aber kaum war die
—
junge Witwe auf der erſten Stiege ſtand nach Amerika; — er wollte die—
angelangt, ſo erklärte ſie entſchieden, ſer papiernen Welt auf immer den
daß man fie nicht weiter bringen Rücken kehren. — Man hatte ihn zu
dürfe und fie hier ein Zimmer haben ſchnöde und rückſichtslos behandelt. —
wolle. Und wozu dies ohnmächtige Ringen um
„Es ift nur noch ein Feines Stüb: | den Beifall des Publitums, da ein-
hen vorhanden.“ mal jein Inſtrument nicht die Saiten
„Um jo beffer, ich lege darauf | bejaß, die den Leuten bie gefälligften
Beihlag,” war ihre Antwort. Melodieen aufjpielten ?
Der Oberfellner blickte verlegen auf Das Bild der Fremden kehrte be-
ihren Begleiter, den er für ihren ſtändig und immer anmuthiger zu
Mann hielt und bemerkte mit einem ihm zurück. Je mehr er fich ihren
Bückling: „Ihrem Herrn Gemahl | Charakter zurechtlegte, defto mehr ge:
fönnten wir aber nur in ber britten fiel fie ihm.
Etage ein Zimmer überlafien, wenn) Nein, fie war fein Charakter, aber
Sie niht —" eine Natur und zur Lebensgefährtin
„Der Herr wird ſich wohl in das für ihm wie gejchaffen. Die ewig in
Unvermeidlihe finden,” jagte fie mit | Idealen fehwelgende Emilie hätte ihn
einem hellen Aufladen und ih gegen | mit ihrem hochſtrebenden Geifte zulegt
Leopold verneigend. unendlich elend gemacht — diefe Frau
‚ Der angehende Farmer nahm den jedoch bewahrte ficher für ihn diefelbe
Heinen Zwiſchenfall nicht jo unbefanz| gleichmäßige Gemüthswärme, die ftet3
gen hin, wie die junge Witwe; uns| fo wohltuend berührt, heute nicht erfäl-
willkürlich kam ihm der Gedanke, — tet und morgen nicht erhitzt.
wenn er bies reizende friſche Geſchͤpf Wenn er ihr nun ben Vorſchlag
zu ſeiner Lebensgefährtin erhalten, fie] einer ehelichen Verbindung machte?
wäre mit ihrer Heiterkeit im Stande, Er ſteuerte ja dem Lande zu, wo foldh’
vollends ben legten dunklen Tropfen rafche Entjchlüffe an ber Tagesorb-
aus feinem Blute zu verdrängen und nung waren, und warum follte er
Ahn zum Genuß ber Wirklichkeit noch yicht auch bei Beiten feine Seele ame:
kräftiger aufzuftacheln. 2. |tifanifiren ?
Sie hatte wohl jchwerlid eine Da fiel ihm ein, baß fie bie Be:
|
— u > De je figerin anſehnlicher Güter war und
fagte flüchtig: troß jeiner Sehnſucht nach dem Ur—
„Ufo, ic habe wohl noch das wald regte ſich in ihm das zarte Be⸗
Vergnügen,“ und dann war fie ſchon — * — De Ta F—
er x eine jolch’ fede Werbung a nöde
in ihrem Stübchen verſchwunden. Gewinnfucht gelten Tonnte.
Leopold hätte noch lange an der ar.
Thür ftehen mögen, hinter der ſie ES war nihts — er mußte bie hüb-
Ihe Witwe wieder in ihr Erzgebirge zie—
verſchwunden war; aber die Kellner ‚ur
machten mit den Reifefachen jo viel hen lafjen und allein die Wanderung
in den Weften Amerika's antreten...
Geräufh, daß er aus feiner Träu—
merei auffchredte und ihnen langjam Ferber raffte ſich gewaltſam auf;
ſolch' wunderliche Träumereien waren
folgte.
Nachdem die dienſtbaren Geiſter keine würdige Vorbereitung für fein
endlich verſchwunden und v. Ferber künftiges Farmerleben, und anſtatt noch
allein war, begann erſt das Jüngſt- länger die unnützen „wenn“ zu erwä—
erlebte in ihm nachzuwirken. Auch gen, beſchloß er, wie ein echter Yankee
dies kleine Reiſeabenteuer hatte ſeinen unverwirrt das Auge auf die Gegen—
Entſchluß nicht erſchüttert — fein Sinn | wart zu richten Er trat ſogleich feine
—
Wanderung an, um ſich nad dem ſſehen und genoſſen als fie,
nächſt abgehenden Schiffe zu erfunbi-
gen und bie Meberfahrt zu verabreden.
Das Schiff ging erft in zwei Tagen
unter Segel; er miethete jeinen Platz
und damit fühlte er fich bereits ent:
wurzelt. —
Nun gab es fein „Zurück“ mehr
— eine neue, unbekannte Zukunft that
ih vor ihm auf... Wie lag bie
Vergangenheit plöglich weit, weit hin:
ter ihm! ... Er mußte lächeln, wenn
er daran dachte, wie tief und frank:
haft er ſich in ein Dafein eingefchloffen,
das eigentlich keins mehr war, weil
es der vollen, blühenden Wirklichkeit
entbehrte. — Die Gedanken und Ge-
Ipräche al’ feiner Freunde hatten fich
ewig nur um literariiche Dinge ge:
dreht — fie lebten in einem fchrift-
jtelleriichen Bannfreis, der alles Anz
bere ausſchloß. Ihr Verkehr beichränfte
fih beinahe ausſchließlich auf Collegen
— wie jorgfältig beftillitt war da
Alles, was fie noch etwa in fi auf:
nahmen! Anftatt aus friichem, unbe:
rührtem Boden, zogen fie ihre Nah:
rung und ihre Kraft aus einem geifti-
gen Erdreih, das ſchon taufenbfältig
durcheggt und burchpflügt war. —
Nun lag diefer Brennpunkt des
Geiftes glüdlich Hinter ihm und ein
friiher Hauch berührte feine Stirn.
— Sn der prächtigen Hafenftabt, Die
es vorwiegend mit leiblichen Genüſſen
hält, ſchwanden wie von ſelbſt die
blaffen Gedanken und Träume...
Das Leben an bdiefem Orte war
die befte Vorbereitungsfchule für den
Weiten Amerifa’s.
In diefer guten, angeregten Stim:
mung vergaß er jogar jeine Reijege:
fährtin und murbe erft bei ber Mit:
tagstafel an fie erinnert, wo fie gleich
ihm erſchien und deshalb ohne Wei:
teres, nach einem freundlichen Gruße,
an feiner Seite Pla nahm.
Wie ſich von felbft verftand, taufch:
ten fie zuerft die Eindrüde aus, bie
fie von der fremden Stabt empfan-
gen, und da Leopold weit mehr ge:
mochte
unmillfürlich der Gedanfe in ihr auf:
fteigen, wie jehr ihr Geſchlecht ihr doch
bei jolchen Gelegenheiten im Wege ftand,
denn fie bemerkte plöglih: „Wäre nur
erft meine Freundin bier, es ift doch
für eine alleinftehende Frau ganz un:
möglich, aus dem Reifen ben rechten
Genuß zu ziehen.“
„Barum nehmen Sie nicht vorläu:
fig mich als Gejellfchafter an?“ fragte
er rajch und blidte mit einem Lächein
auf feine Nachbarin, das unentjchieden
ließ, ob er im Ernft oder Scherz die
Bemerkung bingemworfen.
Sie zeigte fih anfangs von dem
wunberlihen Einfall überraſcht, dann
aber vermochte fie faum ihre Heiter:
feit zu unterbrüden: „Ihr Vorſchlag
verdient Ueberlegung,“ fagte fie, nad)
dem fie ihn flüchtig angeblidt und
jegt wieder all’ ihre Aufmerkfamfeit
dem Zertheilen des Bratens zumanbte.
„Erſt übermorgen geht mein Schiff
ab und bis dahin jtelle ich mich Ihnen
bereitwilligft zur Verfügung.“
Sie wiegte nachdenklich das kleine
Köpfchen Hin und ber, während fie
dabei Gabel und Meffer in Häuden
behielt ; dann wandte fie ihm plößlich
ihr frifches, fröhliches Geficht zu und
fagte lächelnd: „Ich bin bereits fertig
mit meiner Weberlegung. Warum jollte
ich nicht von Ihrem freundlichen An:
erbieten Gebrauch machen? Dies Allein:
herummandern ift zu langweilig und
da —“ troß ihrer Offenherzigkeit ftodte
fie nun doch, den Nachſatz auszu—
ſprechen.
Leopold hatte ihre Gedanken er—
rathen. — „Und da Sie übermorgen
nach Amerika abſegeln und ich in's
Erzgebirge zurückgehe, ſo kann ja ein
läſtiges Verhältniß daraus nicht ent—
ſtehen. Wollten Sie das nicht ſagen?“
Und er beugte ſich zur Seite, um ihr
neckend in's Antlitz zu ſehen.
Sie hielt ſeinen Blick ruhig aus:
„Ja, das wollte ich ſagen,“ entgegnete
ſie ohne Bedenken.
„Unfer Pakt gilt alfo?“ rief herrſchenden Tebenftrogenden Philofo-
v. Ferber eifrig; er erfaßte ihre Hand,
die fie ihm willig überließ.
„Es gilt,“ entgegnete die Witwe
mit ihrer gewohnten Entjchlofjenheit.
„Und wanı wollen wir unjere
gemeinschaftliche Wanderung antreten?”
„In einer halben Stunde.”
Da an ihrer Tafel wenig Gäfte
faßen, hatten fie ihre Unterhaltung
ganz ungeftört führen fönnen. Jetzt
war das Diner zu Ende und v. er:
ber reichte der Witwe artig den Arm,
den fie ohne Weitere annahm.
Mit einer den Frauen ungewöhn:
lihen Pünktlichkeit war fie nah Ab»
lauf der halben Stunde fofort bereit,
und mit einer Eindlichen Neugier, als
ob fie Beide erft jept die wunderbarſten
Dinge entdeden würden, traten fie
ihre Wanderung an.
Der junge Doctor fühlte ſich wie
verwandelt — nun ſchwand ber lekte
Hauch von Träumerei aus feiner Seele.
— In dem Zufammenfein mit diefem
friſchen, fröhlichen Geſchöpf beftand
ein erquidender Genuß, der ihn wie
Frühlingsodem belebend anmwehte. Er
hielt gefliffentlih in der Unterhaltung
Alles fern, was ſicher über ihre Gei-
ftesbildung hinausging, und doch hatte
er das behagliche Gefühl, daß er noch
niemals ſolch' angenehme Stunden ver:
lebt, al3 mit diefer anfpruchslofen Frau,
die mit ihrer herzgewinnenden Natür:
lichkeit ihn völlig gefefjelt nahm.
Er wagte gar nicht, an das Ende
der glüdlihen Zeit zu denken. —
Warum jollte er ſich nicht voll und
ganz dem Genuß des Nugenblides
hingeben und fih bie gegenwärtige
Seligfeit durch den Gedanken trüben
lafien, daß fie morgen vorüber, auf
immer vorüber fei...
Mar nicht jo flüchtig jedes Glück?
— Was ließe fich wohl ewig in diejer
vergänglichen Welt fefthalten? — Ob
Stunden, ob Jahre, einmal entwin-
phie huldigen.
ALS aber der legte Morgen herauf:
bämmerte und nun wirklich das füße,
faum gefannte Glück in Nichts zer:
rinnen jollte — erfaßte ihn doch eine
Schwermuth, ber er vergeblih Herr
zu werben fuchte. Das Scheiden von
der Heimat, von Allem, was ihm
bisher lieb und theuer gewejen, hatte
feine Bedentung verloren — nur ber
Schmerz um ben Berluft diefer an:
mutbigen, belebenden Frauenjeele nagte
mit vernichtender Gewalt an feiner
Bruſt ...
Als er jetzt hinunter ging, um
von Emma Abſchied zu nehmen, ver—
mochte er kaum, ſeine tiefe Bewegung
zu verbergen.
Trotz der frühen Morgenſtunde
war ſie bereits völlig zum Ausgehen
angekleidet, „Ich habe Sie ſchon er—
wartet,“ ſagte ſie ſo ruhig-freundlich
wie immer: „Sie haben mir bisher in
liebenswürdiger Bereitwilligkeit Ihre
Zeit geopfert, daß Sie mir geſtatten
müſſen, Sie nun auch meinerſeits auf
Ihrer letzten Wanderung auf dem Con—
tinente zu begleiten.“
Ferber konnte ſeine freudige Be—
wegung nicht verbergen: „Das iſt ein
größerer Beweis von Freundſchaft, als
ich erwarten konnte, wie danke ich
Ihnen!“ und er ſtreckte ihr ſeltſam be—
wegt die Hand entgegen.
Sie ſchien zerſtreut ſeine Bewegung
nicht beachtet zu haben, und indem
ſie das Band ihres Hutes feſter knüpfte,
ſagte ſie mit gezwungenem Lachen:
„Ja, müſſen Sie nicht ſelbſt geſtehen,
daß wir in der kurzen Zeit recht gute
Freunde geworden?“ Sie wandte dabei
das Geſicht nach dem Spiegel, als
wolle ſie noch einmal ihren Anzug
prüfen.
Leopold durchſchaute ihre weibliche
Kriegsliſt, und zum Ueberfluß warf
ihm der Spiegel ihr Bild zurück, und
det ſich doch Alles unſeren zitternden er konnte deutlich die Thräne bemer:
Händen! — Er wollte als künftiger ken, die in ihrem Auge zitterte. So
Bewohner Amerika's auch der dort war auch ihr die Trennung nicht gleich—
412
giltig und fie empfand dies Scheidten! Emma verjuchte jet ihren Nach—
für immer als einen fchmerzlichen | bar plötzlich anzubliden, aber dieſer
Berluft. Er hätte über dieje Entdeckung ſchlug nicht die Augen auf und ſchaute,
laut aufjubeln mögen und doch zer: | ohne zu antworten, nachdenflih vor
Ihnitt fie ihm zugleich das Herz... ſich Hin. Diefe ſeltſame Mittheilung
Ein unerbittliches Verhängnif ri feiner Neifegefährtin brachte fein Herz
fie auseinander — nein, nur die in wunderbare Schwingungen. Wenn
jenigen Mächte, die freilich bei ung er num ebenfo vajch und entſchloſſen
noch größere Gewalt ausüben, als das | die Hand nad) einem Glück ausitredte,
ſtärkſte Schickſal. — Peinlihe Rück—
ſicht — feige Furcht, ſich durch Ent—
hüllung der uns beherrſchenden Gefühle
den Andern preiszugeben. — |
Sie trug vielleicht diefelbe Her:
zenswunde in ihr jtiles Thal, wie er
nach dem Weſten Amerifa’s, und doch |
gebot e3 die althergebrachte Ordnung,
die Rüdfiht auf das Schickliche —
ſchweigend auseinander zu gehen, den
Abſchied in der pajlenden Form zu
nehmen. Er durfte ihr doch nicht fagen:
behalte mich hier — denn fie war ja
Beſitzerin anjehnliher Güter, und er
bejaß faum fo viel, um fi in Amerika
bequem arzufiedeln — und auch fie
durfte nicht die Schranken durchbrechen
und ihm offen befennen: „Geh' nicht
erſt über den Ocean, komm mit mir.”
das ihm in wenigen Secunden auf
immer zu entjchwinden drohte... .
Auf feinem blaffen Antlige moch—
ten fich deutlich feine Gedanken und
Empfindungen ausdrüden, denn um
den Mund der jungen Witwe zudte
e3 jchmerzlih auf und nachdem ihr
‚Auge flüchtig auf ihm geruht, ſenkte
fie jett ebenfall8 den Blid zu Boden
und jchwieg.
Es war eine traurige Fahrt und
wie fchmerzlih auch Beide bemegt
waren, fie dünkte ihnen doch viel
zu fur.
Nur fo lange noch hatten fie das
füße qualvolle Glück, neben einander
zu fißen, ihre Athemzüge zu hören,
eine ftumme und doch beredte Sprache
zu führen. Viel zu jchnell war ber
Beide ſaßen lange nebeneinander | Hafen erreicht: — Welch prächtiges,
im Wagen, ohne ein Wort zu fprechen, | Farbenreiches Leben entfaltete ſich vor
fie wagten nicht einmal, ſich anzujehen, ihnen! — Wie bie zahllojen Wimpel
als fürchteten fie, daß dann doch ihre luſtig flatterten, dort der Rauch aus
Gefühle mächtiger würden als fie jelbit.
Endlih unterbrah die Witwe das
Schweigen. „Denken Sie, Herr von
Ferber, ih muß wieder jo leer nad) |
Haufe reifen, wie ih gefommen bin.”
„Warum?“ fragte Leopold zer:
jtreut und ftarrte gedankenlos auf bie
Häufermafle, die an ihm vorüberglitt.
„Ich babe heut die Nachricht von
meiner Freundin erhalten, daß fie auf
dem Schiffe die Bekanntſchaft eines
Arztes gemacht, mit dem fie fih noch
auf der See verheiratet hat und fofort
wieder nad) New-Norf zurückgekehrt ift.
Man fieht, daf fie nicht ohne Nuten
ih jahrelang in Amerika aufgehalten
und dort gelernt hat, raſche Entſchlüſſe
zu faſſen.“
den Schloten fuhr, und jo weit das
Auge reichte, ſich das Bild einer rie-
jenhaften, raftlojen Thätigfeit in ewig
wechjelnder Geftaltung bot! — Sie
hatten heut für dies großartige Rin—
gen und Arbeiten feinen Blid.
Das Boot ftand ſchon bereit, das
ihn zum Schiff bringen follte, und
faum noch feiner Sinne Herr, unfähig,
ein Wort bervorzubringen, wollte er
ihr zum Lebewohl die Hand reichen.
„Ih begleite fie bis an das
Schiff, das Boot kann mich ja zurüd:
bringen,“ ſagte fie leife, und er wagte
feinen Widerſpruch.
Mit rafhen Schlägen glitt ber
Kahn durch das Schiffs: und Bootge:
wirr des Hafens.
413
Dort jtand jchon das Ungeheuer,
das ihn dem fernen MWelttheil zutragen
jollte. Aus der Eije wälzten fich bereits
dide Rauchwolken und Alles auf dem
Schiffe verrieth, daß es in ber näch—
ten Stunde unter Segel ging. Die
Schiffstreppe fiel — der Europamüde
wurde oben erwartet. — Nun endlich
mußte gejchieden werden. —
Langſam erhob ſich Leopold, fein
Herz ſchlug hörbar; er verſuchte zu
lächeln, als er ihr noch einmal feine
zitternde Hand entgegenftredte; — fie
fühlte das Glühen derjelben und jah
ihn mit einem jo zärtlichen bitten-
den Blid an, daß er im Innerſten
erbebte. Er wandte das Geficht von
ihr und wollte die Treppe zu errei-
hen ſuchen; aber fie hielt noch immer
jeine fiebernde Rechte feit, und als er
jest dennoch mit dem Aufwand all’
jeiner Kraft den Fuß auf die erſte
Sprofje jegte, flüfterte fie ihm in tief-
fter Bewegung zu:
„Leopold, muß ich Ihnen denn
jagen, daß Sie nicht fort dürfen, wenn
Sie nicht Alles mitnehmen wollen, was
mir lieb und theuer iſt?“ — Er zog
den Fuß zurüd — ein Freudentaumel
erfaßte ihn und er hatte Mühe, ich
aufrecht zu erhalten. — Emma! —
mehr brachte er nicht über feine Lippen.
„Kommen jie mit mir?” fuhr fie
mit leuchtenden Augen fort: „Sie fin-
den bort diejelbe tiefe Einſamkeit, die
Sie juhen, aber zugleih ein Herz,
das nur für Sie lebt und athmet.“
„IH komme mit Dir!” jauchzte
Leopold, „ich juche weiter nichts; Du
allein kannſt mir Alles erjegen.”
Und zur Berwunderung des Schiffs:
perjonales fuhr der Europamüde wie—
der dem Lande zu. — Die beiden Glück—
lichen jaßen Hand in Hand; fie küm—
merten fi wenig um den Spott und
das Gelächter, das ihnen folgte.
*
* *
Erzgebirges und war der Gatte Emma
Wieſenburg's.
Selbſt Amerika hätte ihm keinen
Winkel zu bieten vermocht, der ſo zu
ſeinen jetzigen Neigungen paßte, wie
die Beſitzung ſeiner jungen Frau.
Das Gebirge, welches durch feine
einförmigen Fichtenwälder und traurig
ih Hinziehenden Moorgründe jo leicht
dad Auge ermüdet, war für feine
Stimmung wie gejchaffen. Er hätte
gar Feine Gegend vertragen können,
die durch ihre lachende Schönheit feinen
ihwermüthigen Sinn zu berüden ge:
jucht, gerade dieſe büftere Staffage
brauchte er für das Einfiedlerleben,
das er mit feiner jungen Gattin füh-
ten wollte.
AS er ſich entſchied, Emma zu
heiraten, hatte er wohl auf jeine
Träumerei von einer Blodhütte in
Amerifa verzichtet; aber wer hinderte
ihn daran, bier das jchönfte Farmer—
leben zu führen? Es waren hier frei:
ih feine Urwälder zu lichten; aber
Leopold Hatte fih auch nicht nad) der
Arbeit, ſondern nad der Lage eines
Hinterwäldlers gejehnt, und diefer ftille,
abgelegene Gebirgswinfel verrichtete ihm
diefelben Dienfte. —
Er war deshalb entjchloffen, feine
Zeit mit Jagen, Fiſchen, Reiten oder
Herumpftreifen in dem Gebirge zuzu:
bringen; er wollte nie wieber ein
Bud, eine Zeitung in die Hand neh:
men, auf alle Correſpondenz verzichten
und Papier und Tinte mit wahren
Abihen aus dem Wege gehen. —
Nur an jeinen alten Freund mußte
er noch jchreiben, ihm die Wandlung
jeines Schickſales mittheilen, und er
lud ihn dabei ein, ihn zu bejuchen,
um auch einmal das Glüd zu koſten,
das in dem Zurücklaſſen aller Bil-
dungsmijere, in dem Genuß einer
erfrifchenden, belebenden Wirklichkeit
liegt.
„Komme hieher, wenn Du einmal
einen tüchtigen freien Athemzug thun
Vierzehn Tage jpäter ſaß v. Ferber willſt,“ jchloß er feine Epiftel, „ſeit—
in einem ber abgelegenften Thäler des dem ich die Schriftftellerei an ben
414
Nagel gehängt, fühle ich erft, daß ich
ein wahrer Menſch geworden. Der
Dichter Fernthal hat mich vor ber
Zeit alt und müde gemadht — bier
werde ich wieder jung, und Du, der
Du ftet8 mit gefunden Sinnen das
Leben erfaßt, Du mußt bieher fommen,
ehe Dir die Literatur das frijche Heiz:
blut abzapft; dann aber erwähne mit
feinem Wort gegen meine Frau, daß
ich je die Thorheit begangen, mid) mit
ber Schriftftellerei abzuquälen. ch
will nicht vor diefer frifchen, gefunden
Natur erröthen; fie hat feine Ahnung
davon, wel’ Literarifcher Verbrechen
ih mich früher ſchuldig gemacht, und
fie fol e8 auch nie erfahren. Für fie
bin ich der Doctor v. Ferber, der Jura
ftubirt, das trodene Jus jatt befom-
men und in die Urmälder Amerifa’s
gehen wollte, um feine Kräfte emplich
auszutummeln. Deshalb find auch bei
mir Tinte und Feder verbotene Dinge,
die Du in unferem Haufe vergeblich
fuchen wirft — die ſchlimmen Werk:
zeuge, mit denen ich noch dies letzte
Handſchreiben an Dich ermöglicht, flie-
gen fofort zum Fenfter hinaus und
bei uns ſollen dieſe Plagegeifter wei—
ter fein Unheil anftiften.“
Nachdem v. Ferber den Brief be
enbigt und gejchloffen, führte ev buch:
ftäblich feine Drohung aus. Er wollte
fih unter allen Umftänden vor jedem
Rückfalle in die alte Schreibjeligfeit
fihern. Seiner Frau hatte er bald
nad ihrer BVerheiratung mitgetheilt,
daß er gegen Bücher und Schreibereien
eine unüberwindlihe Abneigung habe.
Sie nahm es anfangs Tcherzhaft und
entgegnete, daß die Ausübung dieſer
ſchwarzen Kunft ein nothwendiges Uebel
jei und er wohl das Führen von
Wirthſchaftsbüchern und Aufjchreiben
von Wäjchezetteln gejtatten würde;
aber als fie jah, daß er alles Ernſtes
fih die Aufitellung von Büchern und
Schreibmaterialien verbat, fand fie ſich
raſch in diefe wunderliche Grille, mit
ramentes. Und wenn er von ihr ge
fordert hätte, daß fie eine Dornhede
um ihre ganze Befigung ziehen follte,
um fi auch ſymboliſch von ber Welt
abzufondern, wie es ſchon thatſächlich
der Fall war, ſie würde ihm gewill—
fahrt haben. Sie las ſeitdem keine
Zeile — wenigſtens nicht in ſeiner
Gegenwart — er ſah weder Feder
noch ein Buch in ihren Händen.
Leopold mußte ſich geſtehen, daß
die Wahl ſeiner Lebensgefährtin eine
außerordentlich glückliche war. — Sie
entſprach all' den Erwartungen, die
er auf ſie geſetzt. Niemals ſuchte ihn
Emma durch geiſtreiche Geſpräche auf—
zuſtören, immer war ſie einfach und
natürlich, die echte Hausfrau eines
Mannes, der feſt entſchloſſen, dem
Daſein nur die ideale Seite abzuge—
winnen.
Er nahm ſich mit großem Eifer
der Wirthſchaft an und bereitwillig
ging ſie auf ſeine Verbeſſerungspläne
ein, die ihm durch den Kopf ſchwirrten.
Sein täglicher Umgang waren jetzt
Voigte, Förſter, Knechte; von ihnen
ließ er ſich in die Geheimniſſe des
Landbaues, der Vieh- und Forftwirth:
haft einmweihen und er wibmete ſich
diefer neuen Aufgabe mit bderfelben
Ausſchließlichkeit, mit der er fich einft -
dem poetiichen Schaffen hingegeben.
Seine Frau war anfangs entzüdt
über den raftlojen Eifer, den er ent:
faltete, jah fie doch darin feine glü-
hende Xiebe, die ihr manche Laft von
den Schultern abnehmen und ihr in
der That die einzige und befte Stüße
jein wollte. War e8 nicht bewunderungs—
würdig, daß ein Mann, der Jura
ſtudirt, fich jeßt aus Schwärmerei für
jeine Frau, zum tüchtigſten Defonomen
umzuformen juchte? — Und was ihr
Entzücden noch vermehrte, fie hörte
fein Lob aus Aller Munde,
Ihr erjter Gemahl war ein echter
Theoretifer geweſen; er hatte al’
jeine SKenntniffe nur aus Büchern
der ganzen Fügſamkeit ihres Liebens: geſchöpft und mit allerhand Neuerun:
würdigen und liebebebürftigen Tempe: | gen, wunderlihen Maſchinen und Erpe:
415
timenten, feine am Alten bängenben
Leute nicht wenig geärgert. Da war
zu ihrer großen Herzenserleichterung
der junge Herr ganz anders. Er
mochte von der Bücherweisheit gar
nicht3 willen, die Praris galt ihm
über Alles und er hörte bereitwillig
auf die Rathſchläge alter, erfahrener
Leute. — Das war ein Mann nad
ihrem Herzen und fie wurden nicht
mübe, ber gnäbigen Frau fein Lob
zu fingen, um jo mehr, als fie wohl
bemerken Eonnten, wie gern fie dies
örte.
Freilich hätte ſie es lieber geſehen,
wenn ihr theurer Gatte ſeine Aufgabe
nicht gar ſo ernſt genommen; er fand
kaum noch Zeit, mit ſeiner jungen
Frau ein Stündchen zu plaudern.
Schon am frühen Morgen eilte er
hinaus und er war in Feld und Wirth—
ſchaft überall geſchäftig, um hier anzu—
ordnen, dort zu überwachen und dafür
zu ſorgen, daß Alles im rechten Ge—
leiſe ging. Wenn er dann zu Tiſche
kam, war er abgeſpannt und ermüdet,
und die Unterhaltung wollte niemals
recht in Gang kommen.
Was ſollte auch beiprochen werden,
was nicht ſchon zehnmal erörtert wor:
den? — Es waren ja immer diejel-
ben alltäglihen Vorkommniſſe, die das
Thema zu liefern hatten, denn andere
höher liegende Gegenftände wagte bie
junge Frau nicht zu berühren. Er
hatte in feiner vorwiegend praftijchen
Neigung zu deutlih merken laſſen,
daß ihm äjthetiiche Geipräche wider:
wärtig jeien, und fie liebte ihn viel
zu jehr, um ſich nicht auch in dieſe
mwunberlihe Eigenheit zu fügen und
von ihm nicht zu fordern, was er nicht
mehr bieten konnte oder wollte. —
Emma beobachtete jehr Scharf, und
deshalb mußte fie ihr Benehmen ben
Wünſchen und Anforderungen ihres
Gemahls forgfältig anzupafjen. Er hatte
nicht die mindefte Ahnung davon,
welhe Mühe es ihr koſtete, ganz und
gar die Frau zu werben, wie er fi
das Ideal berjelben gedacht. Ihr Leo:
pold wollte nun einmal eine fchlichte
Hausfrau haben, einfach, ſorglos —
ſtets bereit, fih für Wirthichaftsfachen
ausjchließlih zu intereffiren, und fie
war ein viel zu weicher, ſchmiegſamer
Charakter, um fih nicht jchließlich
in jede Form drüden zu laſſen. Wie
fie auh in ihrem Innern manchen
Kampf durchgekämpft — äußerlich zeigte
fie ſich ſtets friedfertig, fogar etwas
ichwerfällig und bequem.
Wie hätte ihr Gatte dahinter kom—
men follen, was in ihr lebte und was
fie jet künſtlich in fich abfterben lieh.
Mit ihrem fcharfen Blid war es
der jungen Frau nicht entgangen, daß
ihr Mann mit feiner raſtloſen Thätig-
feit irgend einen geheimen Schmerz zu
ertödten juchte — aber was ihn eigent-
lich quälte, vermochte fie nicht zu ergrün:
den. War es eine unglüdliche Liebe,
die er Durch dieſen fieberhaften Schaffens:
trieb begraben wollte oder hatte fein
juriftifcher Ehrgeiz nicht die rechte Be—
friedigung gefunden? — Sie wußte es
nicht und wagte auch nicht, nach die—
fer Seite hin fein Herz zu ſondiren.
Da fie die Urſache feines heimli-
hen Schmerzes nicht Fannte, vermochte
fie ihn nicht zu heilen, ja fie durfte
ihn nicht einmal, wenn auch noch fo
fanft, berühren, und mußte es ber
Zeit überlaffen — dann erſt Fonnte fie
darauf rechnen, ihn völlig zu befigen.
Leopold dagegen jah in feiner Frau
nicht weiter, als die ſchlichte, einfache
Natur, und es famen bereitd Stunden,
wo fie anfing ihn zu langweilen. Es
war doch etwas gar zu eintönig, mit
der guten Seele von weiter nichts
reden zu fönnen, als vom Sartoffel-
bau und al’ dem Wirthichaftströbel,
der täglich derjelbe blieb. Er machte
ihr durchaus feine Vorwürfe, fie war
ja no immer die Frau nah dem
Wunſch feines Herzens, aber zumeilen
fam ihm doch der Gedanke, daß es
wohl angenehmer wäre, wenn fie ihn
ganz verftehen, und ihm überall Hin
folgen könnte, ſelbſt auf Gebieten, die
ihr leider völlig fern lagen. Wie anders
416
waren die Stunden mit Emilien ver-
flogen und die wenigen Minuten, die
er mit feiner jungen, hübjchen Frau
zubringen mußte, zogen jo bleiern an
ihm vorüber...
Das Leben in biefem einfamen
Erdenwinkel bot doch nicht die Befrie-
digung, die er davon erhofft. — Er
hatte in dieſer abjoluten Abjperrung
von aller Welt die höchite Seligfeit
zu finden gemeint, und nun begrüßte
er das Eintreffei eines Briefes von
jeinem Freunde Gottfried mit einer
Freude, die er ſelbſt faum begreifen
fonnte.
Der wadere Volksſchriftſteller war
in feinem Schreiben jo robuft unb
gefund wie immer. Er machte jeinem
Freunde Vorwürfe, daß er die Büchſe
jo rafch in das Korn geworfen. Was
wollte da8 Durchfallen eines einzigen
Stüdes viel bedeuten, in einer Zeit, wo
ohnehin das Theater nicht mehr das
allgemeine Intereſſe in Anjpruch nahm!
„Du warft auf dem beften Wege,
Dank meiner guten Lehren,” fuhr ber
Freund mit aller Selbftgefälligfeit fort,
„ein tüchtiger Novellift zu werden, das
haft Du nun Alles in den Wind ge-
ſchlagen; zum Glück bift Du wenig:
ftens bei Deiner Heirat vernünftiger
zu Werke gegangen, als je in Deinem
Leben und dafür erhältit Du mein
ungetheiltes Lob. Was wirft Du dazu
jagen, daß ich die Yunggejellenwirth:
Schaft auch fatt befommen und ganz
ernftlich auf Freiersfüßen herumlaufe.
Meine literarifche Stellung erlaubt mir,
bei der Wahl meiner fünftigen Gattin
über das Vacat eines Vermögens hin-
wegzuſehen. Die unvermeiblihe Hoch—
zeitSreife werben wir natürlich) dazu
benugen, um Dich mit umzuftoßen und
Euch ein bischen aufzufriſchen. Ihr
werbet es jchon bedürfen. —
„Da hätte ich bald vergefjen, Dir
einen Brief beizulegen, dev noch an
den Dichter Fernthal gerichtet ift und
unſerer Redaction zur Abgabe einge: |
ſchickt worden. — Der Handſchrift nach, |
gewiß irgend eine Verehrerin Deiner |
Muje! Sieht Du mun ein, welches
Verbrehen Du an Dir felbit durch
Deinen übereilten Rüdzug begangen ?
Ich dagegen weiß, was ich der Nation
Ihuldig bin, ich werde nicht ſobald
die Waffen ftreden und dem Publikum
das Herzeleid zufügen, daß es auf
meine jpannenden Erzählungen verzich-
ten joll, denn bie Kunft, den Leſer fo
recht zu paden, veritehen doch alle
meine Mitarbeiter nicht. Ich jehe nicht
ein, warum ich das nicht jagen joll,
da es bie volle Wahrheit ift.
„Webrigens ift es gut, dab Du
mir Deine Idioſynkraſie gegen Tinte
und Feder ehrlich befannt haft; damit
ih mir bei unferem Beſuche mein
Handwerkszeug mitbringen kann, denn
hoffentlich wirft Du wenigftens geftatten,
daß Dein alter Freund auch bei Dir
jeinen Pflichten gegen die Menfchheit
nachkommen und feinen Leſern die ver:
Iprochene „Fortſetzung folgt” jelbft aus
Deinem Tuskulum heraus liefern kann.“
Leopold fühlte fi von dem Briefe
jeine8 Freundes nicht jehr erbaut.
Die literariiche Aufgedunfenheit Gott:
fried8 machte doch auf ihn einen ab-
ftoßenden Eindrud und er empfand
wieder das ganze Behagen, das in
jeiner Abgejchloffenheit von al’ diejen
Dingen lag. Er hatte zu oft Gelegen-
heit, es zu beobachten, daß gerabe bie
unbedeutendften Talente auf die Elein-
ften Erfolge den größten Werth legten,
mit denen ein glüdlicher Zufall fie
begünftigt. Und wie jpreizten und brü-
jteten fich diefe Menfchen, als ob künf—
tige Jahrhunderte Schon ftaunend und
bewundernd hinter ihnen ftänden, wäh:
rend ihr betriebjames Schreibwerf
Ihon der nächite Tag verjchlang. Wie
war jein feinfinniger Geift, der nie-
mal3 mit ſich jelbft und mit feinen
Arbeiten zufrieden war, von dieſer
anmaßlichen Selbftgenügfamfeit ange:
widert worden, und nad bem Leſen
dieſes Briefes bereute er weniger als
je feinen Entjchluß.
Das beiliegende Schreiben wollte
er ſchon uneröffnet vernichten. — re
417
gend eine überipannte Nomanlejerin
ſprach gewiß darin ihre Anerkennung
über eine jeiner Novellen aus. —
Er Hatte ſtets Schmeichelei 'ge-
haft und war ihr forgfältig aus dem
MWege gegangen, weil er recht gut
wußte, wie viel die Elle von dieſem
Zeuge koſtete. — Zum mwohlbegrün-
beten Tadel gehört Berftand und ſorg—
fältige Prüfung einer Arbeit. — Lob
dagegen jpendet Derjenige gewöhnlich
am freigebigften aus, der bamit feine
völlige Unbekanntſchaft verbeden will.
Warum follte er aber den Brief nicht
lejen? Er half ihm über einige lang:
weilige Minuten hinweg, und ba er!
jeine Feder für immer aus der Hand
gelegt, konnte ihm ja die ſchwärme—
riihe Anwunderung nicht mehr ſcha—
ben, ihm höchſtens jet ein ironiſches
Lächeln entloden. — Er brach bes:
halb das Schreiben auf, das fein und
zierlih und doch nicht allzu fofett aus:
ſah. Gleichgiltig wollte er das Papier
überfliegen, aber jchon die erften Zeilen
wedten fein Intereſſe, und aufmerf:
jamer als er fich vorgenommen, las
er ben folgenden Brief zu Ende.
„Aus Ihren poetiſchen Schöpfungen
babe ih jo viel Vergnügen, jo viel
Troft geichöpft, daß ich nicht Länger
tiefen umverftandenen Seele jchlägt
aus Ihren Arbeiten die Augen zu
und auf und feufzt nach einer ver:
wandten Bruſt. — Und nun geht
das Gerücht, Sie wollten Ihrem jchö-
nen Berufe entjagen, weil ein übel-
launiges Publikum Ihr erſtes Drama
mißhandelt hat. Ich will's nicht glau—
ben, weil ich es nicht für möglich
halte, daß ein Talent, welches es bei
ſeinem Schaffen ſo ernſt nimmt, welches
ſo große herzerhebende Gedanken in
ſeinen Werken niedergelegt, nun plötz—
lich ſeiner ſchweren und dennoch be—
neidenswerthen Aufgabe ſo leicht ent—
agen kann. Denken Sie dabei nicht
an die Vielen, die in meiner Lage
ſind und die durch Ihr Schweigen
um höhere Genüſſe kommen, als Sie
vielleicht in Ihrer Beſcheidenheit ahnen?
„Ich bin gewiß zu weit gegangen
— weit über die Grenzen des Schick—
lichen, und doch iſt es mir, als dürfte
ich Ihnen, gerade Ihnen, Alles ſagen?
— Zürnen Sie wenigſtens nicht meiner
Offenheit, und ich wäre glücklich, wenn
Sie mich durch zwei Zeilen darüber
beruhigen wollten, daß Sie mir meine
Zudringlichkeit verzeihen. Vielleicht laſ⸗
ſen Sie mir dieſelben unter der Chiffre
‚A. H., Dresden, zukommen, ſobald
dem Drange mwiberftehen kann, Ahnen | das Fire Zeit erlaubt.“
zu ſchreiben. Muß es doch den Dichter
erfreuen und ihn zu neuen Schöpfun—
gen anſpornen, wenn er ſieht, welches
Echo er zu wecken vermocht. Gewiß
haben Sie bei Ihren Productionen
auf die Allgemeinheit zu wirken ge—
ſucht, aber mir war es oft, als hät—
ten Sie nur zu mir allein geſprochen
und die Gedanken und Gefühle in
wunderbarer Schönheit zum Ausdruck
gebracht, die ſich dunkel und unklar
in meiner Bruſt bewegt, und deshalb
bildete ich mir zuweilen ein, Sie hätten
nur für mich geſchrieben, für mich
ganz allein, während Ihre Bücher
doch von der gebildeten Welt geleſen
und bewundert werden. Ja, Sie ſind
ebenfalls ein Dichter von Gottes Gna-
den; denn das ganze Herzeleid einer
Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 6. Heft,
Die Lectüre des Briefe Hatte
doch Gedanken und Träume in ihm
geweckt, die er bereits eingefargt wähnte.
So war doch ein Herz auf ber Welt,
das Antheil au ihm nahm und ben
Moeten in ihm entdedte! — Er hatte
jo oft an fich felbjt gezweifelt und
ih in Stunden der Entmuthigung
gejagt, dak al’ fein Ringen vergeb:
[ih jei. Aber wenn feine Gedanken
und Empfindungen in einer einzigen
Seele nachzittern, war dies nicht Lohn
genug? —
Wohl war diefer freundliche Zu:
ſpruch nit im Stande, ihn feiner
Refignation untreu zu machen, doch
er mußte wenigſtens der liebenswür—
digen Schreiberin antworten, dad war
er ihr ſchuldig. Er wollte es jofort
27
thun, eh’ die gute Schreibjtimmung
entflog und ſah fich jetzt nach Tinte
und Feder um. Es war im Zimmer
nichts zu entdeden, und nun fiel ihm
ein, daß er felbft über dieſe Dinge
den Bannftrahl gejchleubert.
Er Elingelte und befahl dem ſo—
fort erjcheinenden Dienſtmädchen, ein
Tintenfaß zu bringen.
Die Dirne blickte ihn ganz er:
ftaunt an, „Ein Tintenfaß?“ wieder:
— ſie, als habe ſie nicht recht ge—
— wohl und Papier und Feder“,
drängte Leopold ungeduldig.
„Sie haben ja ſelbſt befohlen,
gnädiger Herr, daß wir in Ihren
Zimmern kein Tintenfaß aufſtellen
dürfen.“
„Dann frage meine Frau danach,
vielleicht hat ſie Schreibzeug.“
„Ja, bei der gnädigen Frau hab’
ih eins gejehen, das fteht aber in
ihrem Schlafzimmer und dort fchreibt
fie wohl alle Morgen.“
„Dann hole e8 und das bald“,
drängte der gnädige Herr.
Leopold betrachtete inzwiſchen noch
einmal den Brief. Die zierliche feine
Handſchrift machte Schon äußerlich den
beiten Eindrud, und nur ſuchte fein
aufgeregter Geift weitere Schlüffe zu
ziehen. Eine Seele, die ein jo zartes
Verftändniß für Poefie hatte, konnte
er fih unmöglich alt und häßlich den:
fen, fie mußte jung und hübſch ein.
Warum hatte fie nicht eher feinen
Lebensweg gefreuzt! Ein fol’ finni-
ges Gemüth zur Frau eines Dichters
wie geſchaffen. — Wie anders war
die Sprade der jchönen Schreiberin
al3 die Emiliend, deren glühende
Seele ein ewiges Feuer forderte, das
jelbft die reichte Bruſt endlih aus:
brennen mußte.
Warum?! — a, warum! —
Aus jeinem Hinbrüten wurde er durch
das Erſcheinen Emma's aufgeſcheucht.
Seine Forderung war ihr ſo un—
erwartet gekommen, daß ſie das Schreib—
zeug felbſt brachte; dennoch wußte ſie aus dem Schlummer
ihr Befremden geſchickt zu verbergen,
und ſo ruhig, wie immer, fragte ſie:
„Genügen Dir ein paar Briefbogen
oder —“
„Ich habe nur einem alten Freunde
zu antworten, der mich um Nachricht
quält“, entgegnete er etwas unſicher.
„Dann will ich Dich nicht länger
ſtören“, war ihre Antwort, und mit
einem freundlichen Lächeln, das dies—
mal ihr Gemahl nicht erwiderte, ver:
ließ fie das immer.
ALS jeine Gattin gegangen war,
verglih er fie unmillfürlich mit dem
Bilde, welches er ſich von der hübſchen
Briefſchreiberin gemacht.
Sie mußte ſchön und jung ſein
— von dieſem Gedanken konnte er
ſich einmal nicht trennen! Und wie
vertraut war er bereits mit dieſer
Unbekannten! Er ſah ſie vor ſich, ein
zartes, blaſſes Geſicht mit blaſſen
Augen, in denen ſich ein ganzer Him—
mel wiederſpiegelte. Von dieſer feinen,
ſinnigen Seele allein wurde er ver—
ſtanden, ſie konnte mit geiſtiger Schmieg—
ſamkeit ihm überall hin folgen —
ſie wußte ſein ganzes Leiden und
Lieben, denn ſie hatte das, was er mit
dem Herzen geſchrieben, auch mit dem
Herzen geleſen, während ſeine arme
Frau niemals den Schlüſſel zu ſeinem
tiefinnerſten Weſen finden konnte, hatte
ſie doch nicht die leiſeſte Ahnung von
ſeiner frühern literariſchen Thätigkeit,
ja ihrer durchaus praktiſchen Lebens—
richtung war die Poeſie überhaupt ein
fremdes Feld. Er konnte mit ihr nie—
mals Gedanken austauſchen, denn fie
batte feine, höchſtens die allerhaus:
badenften.
Und dennoch mochte er fi jelbft
nicht geitehen, daß er ſich bei der
Wahl einer Lebensgefährtin übereilt
und damals feine Anforderungen zu
niedrig geitellt hatte.
War fie {hm damals nicht als das
deal einer Frau erjchienen ? Seine
Gattin jollte ihn ja nur zerjtreuen,
erheitern — er wollte nicht durch fie
aufgeſcheucht
419
werben, in ben er jeine Seele zu wie: | für edle, zartbefaitete Frauenherzen
gen juchte. Nach der ewig in Idealen
ſchwebenden Emilie war ihm bie Be-
rührung mit diejer einfachen, ſorglos—
heiteren Frau mie die munderbarfte
Erquidung erjhienen, und er mußte
jelbit befennen, Emma hatte ſich nicht
im Mindeften geändert, fie war noch
immer jo herzlich offen, jo friſch und
natürlih, wie am erften Tage. Er
durfte nicht ungerecht gegen fie fein
und trotzdem fiel der Bergleich zwifchen
ihr und der unbefanuten Briefjchrei-
berin zu ihren Ungunften aus. Leopold
fügte lange den Kopf in die Hand
und ftarrte finnend vor ſich Hin, eh’
er feine Gebanfen zu einer Antwort
orbnen konnte. — Endlich warf er
haftig einige Zeilen auf das Bapier.
„Ihr Brief erreichte mich in einem
Augenblid, wo ih, anjtatt Andere zu
tröften, des Troſtes jelbit bebarf.
Wohl hab’ ich meine Feder zerbrocdhen,
weil ich in einer finjteren Stunde auf
immer an meinem Xalent verzweifelt,
aber Glück und Zufriedenheit, die ich
in einer praftiichen Thätigkeit zu fin:
den gemeint, find mir nicht geworben.
Sch fühle bereitä den tiefen Zwieſpalt,
ber fih in meinem Innern regt, und
boch bin ich durch die bittern Erfah:
rungen, die ich in meiner literarijchen
Laufbahn gemacht, zu tief verwunbet
worden, — ih habe nicht mehr die
Kraft und die Unbefangenheit, in jene
Welt zwrüdzufehren, die mir eimft
Alles war. — Ihnen mache ich dies
Bekenntniß, Das ich mir bisher felbit
faum zu geftehen wagte, weil e3 mir
it, als hätte mein beſſeres Selbit bei
Ihnen eine Heimat gefunden. Wie
tief und eigenthümlich hat mich hr
Belenntniß berührt, daß ich Ihre ge
heimſten Gedanken und Empfindungen
errathen und daB es Ihnen gemejen
jei, als hätte ich ausſchließlich für
Sie gejchrieben. Dies Wort wird mir
die buftigfte Roſe bleiben, die mir
aus meiner früheren Thätigkeit ent-
ih nichts — Ihre verftänbniß-
zu Schreiben, in denen jeder Ton har:
monifch wieberflingt, den der Schrift:
fteller anfhlägt, und der Yweifel an
diefer Befähigung hat meinen Ent:
ihluß beſtärkt, meinem früheren Be:
rufe Valet zu jagen. — Wer weiß,
ob ich dazu den Muth gefunden, wenn
Ihr Brief eher eintraf. Dennoch be-
volle Theilnahme bat mid für bie
Vergangenheit reich belohnt und bleibt
mir ein freundliches Gedenken für
alle Zeit... .*
Er wagte den Brief nit mehr
durchzuleſen; jchrieb dann noch ein
paar Zeilen an Freund Gottfried, in
welhen er jeinen Glückwunſch und
die Freude ausbrüdte, ihn bald hier
zu jehen und ihn zu gleicher Zeit
bat, ben beigejchloffenen Brief auf die
Poſt zu geben — er jei einer jungen
Dilettantin, die fih an ihn gewandt,
diefe Antwort ſchuldig.
Zur größeren Sicherheit wollte
Leopold den Brief felbjt in ben Poſt—
fajten fteden, der im nächſten Dorfe
augebradht war.
Er nahm deshalb die Flinte auf
den Nüden, pfiff einem Hunde und
gab fih den Anfchein, als wolle er
anf die Jagd gehen. Er hatte es in
leter Zeit auch mit biefer Zerftreuung
verfudht und war eifrig im Walde
umbergeftreift, aber troß jeines guten
Willend und der unermüdlichen Wei:
jungen des alten Förfterd war aus
dem früheren Biücherhelden fein tüch—
tiger Waidmann geworben.
Es war jo prädtig, mit der
Büchſe auf dem Nüden in dieſer
tiefen Waldeinſamkeit herumguftreifen
und ben Athemzügen zu laufchen, bie
bier die Natur förmlih leife und
verfiohlen zu jchöpfen wagte. Dann
beſuchten wohl die alten Träume feine
Bruſt, er dachte an das reine, wun—
derbaxe Glück, das er ftet$ empfunden,
wenn er fich in feine Welt zurückge—
gegen gehlüht. — E3 war ftet3 mein |zogen, die fich immer new uud wech—
höchſter
und beſeligendſter Wunſch, ſelnd geſtaltete, je nachdem es ſeiner
27°
420
Phantafie gefiel. — In der Wirk:
(ichfeit war Alles feftitehend, unbe:
weglih; wie viel Mühe foftete es
nit, nur ein Stüd unbedeutenbes
Land in einen Garten zu verwandeln.
— Mo bisher jeine Heimat gemejen,
da entjtand Alles mit einem Zauber:
ichlage und war jo unvergänglid, —
wie jedes Seal . .
Kein Wunder, daß der ehemalige
Dichter nur jelten aus der Traum:
welt ſich ermunterte, um irgend ein
Wild zu erlegen, das ihm jhußgerecht
in den Weg lief.
War dann feine Jagd ganz ohne
Erfolg geweſen, juchte er gewöhnlich
noch den alten Förfter auf, der ihm
irgend eine Jagdbeute heimlich in die
Taſche ftedte, damit fein Herr wenig:
jtens nicht ganz leer nach Haufe kam,
und von Ferber ließ es ſtillſchweigend
gejchehen. Heute war Leopold, nad):
dem er jeinen Brief fortbejorgt, mehr
als je der Wirklichkeit entrüdt; —
er juchte die ftillften und einjamiten
Plätze des Waldes auf und er dachte
nicht einmal auf dem Heimmege daran,
ih durch den alten Förfter feinen
leergebliebenen Yagdranzen füllen zu
lafjen. Wie immer empfing ihn feine
Battin an ber Thür und hieß ihn
mit ihrem gewohnten Lächeln will:
fommen. Sie gewahrte wohl in neue:
jter Zeit feine wachjende Verftimmung ;
aber die junge Frau ſchrieb dieſelbe ande:
ven Urſachen zu, dem fie war ſich
bewußt, daß ihre Benehmen ihrem
Marne nicht die geringite Veranlaſ—
fung zum Trübfinn gab, zeigte fie
ihm doch jtet3 dasſelbe frifche Naturell,
dieſelbe harmlofe Heiterkeit, die ihm
jeit der erften Stunde ihrer Belannt-
haft jo unendlich wohl gethan.
Mit ihren ſcharfen Augen bemerkte
fie fogleih feine leere Jagdtaſche.
„Richt einmal ein Rebhuhn?“ fagte
fie ſcherzend. „So fehl haft Du ja
noch nie getroffen.“ Der ehemalige
Scriftfteller dachte daran, daß fie
gewiß anderer Meinung fein würde,
wenn fie von feinem ausgezijchten
Drama Kenntniß gehabt; aber er ver:
ihmwieg klüglich, was ihm unwillfür-
lih eingefallen war und entgegnete,
den Scherz erwibernd: „Man darf
nicht in Allem Glück haben“, und er
ſchenkte feiner Frau einen freundlichen
Blick.
Gerade, weil er ſelbſt fühlte, daß
er im Begriff war, dieſem liebens—
würdigen Geſchöpf heimlich Unrecht
zu thun, das ihm die gleiche Herz—
lichkeit entgegentrug, mochte ſein Be—
nehmen ſein, wie es wollte, drängte
es ihn heute, ihr wenigſtens ein an—
erkennendes Wort zu ſagen. Und ſie
war dafür ſo dankbar!
Auf ihrem hübſchen, friſchen Ant—
litz ſpiegelte ſich die Freude wieder,
die ihr ſeine Entgegnung gemacht, ſie
reichte ihm nochmals die Hand: „Ja,
Du haſt Recht, wir haben für uns Beide
Glück genug und brauchen nach nichts
weiter auf der Welt zu fragen.“ Sie
zeigte deutlich die Zuverſicht einer
Frau, die des Herzens ihres Gatten
völlig ſicher iſt — und merkwürdig
genug, dies Auftreten verſtimmte ihn
wieder. Wie kam ſie dazu? — War
ſie denn davon ſo ſehr überzeugt, daß
ſie alle Eigenſchaften beſaß, die einen
Mann, wie ihn, auf die Dauer feſſeln
konnten? — Was wußte ſie, wie viel
und wie ſtürmiſch es in ſeiner Bruſt
auf und nieder wogte, welch' zweite
Welt noch immer ſeine Seele umſchloß,
von der ſie nicht einmal die leiſeſte
Ahnung hatte ...
Auch heut beim Abendbrot drängte
ſich ihr Geſpräch wieder um die all—
täglichſten Dinge — und damit glaubte
die gute Frau ihn angenehm unter—
halten zu haben. Und während ſie
wie immer Wirthſchaftsgegenſtände mit
ihm beſprach, wurde er den Gedanken
nicht los, in welche Schwingungen die
unbekannte Briefſchreiberin ſein Herz
verſetzt haben würde, wenn ſie, ſtatt
dieſer ſchlichten einfachen Frau an
ſeiner Seite geſeſſen.
Das eheliche Zuſammenleben mit
einer Frau, die für Literatur und
Poeſie auch nicht das mindefte Inter: als bis fie feine Gründe zu dieſer
eife hatte, war doch weit langweiliger, | Weigerung erfuhr, mußte er ſchon
als er e8 je für möglich gehalten. | mit dem Bekenntniß herausrüden, daß
Daß er ſelbſt den Geiprächsftoff be |ihm jede Berührung mit Leuten vom
ſchränkt und durch feine Abneigung | Theater verhaßt jei.
gegen Bücher und Schreibereien in] Immer wieder dieſelbe Abneigung
ihr die Meinung erzeugt, fie müſſe gegen alles, was ſich auf Kunft und
ihm zu Liebe dieſe Anſchauungen oefie bezog! — Aber, warn wäre
theilen oder fich wenigſtens biefen Anz | 23 nicht einer Eugen, liebenswürbigen
ſchein geben, fiel ihm nicht ein. Er rau gelungen, den nod fo feiten
war überzeugt, in Emma eine Fran | Entichlug des Mannes wanfend zu
zu befigen, beren ſchlichter, einfacher | machen! Auch Emma verftand fo lange
Sinn aller Bücherweisheit wiberftand, zu fchmeicheln und zu bitten, bis Leo-
und fie hinwiederum wurde immer holds Widerſtandskraft gebrochen war,
mehr in der Meinung beftärkt, daß Er willigte endlich in die Reife, unter
fein Haß gegen Alles, was Literatur der einen Bedingung, daß ihn fein
bedeute, unaußrottbar fei. künftiger Schwager und deſſen Anhang
Ihre zweitältefte Schweiter vers | mit allen äſthetiſchen Geſprächen ein-
mählte fih mit einem höheren Beam: für allemal verfchonen wollten.
ten des Dresdener Theaters.
Als fie ihrem —— die Einla⸗ Von den Brautleuten kam die Zu—
IR «+, fiherung ein, daß man gemwillenhaft
* — Rn u den Wunſch erfüllen würde, ſchon um
ihrer Wunſche ablehnend. Er wollte das Vergnügen zu haben, dieſen Sohn
unter feinen Umftänden der Feier bei: der Wildniß kennen zu lernen.
wohnen, und da fie nicht eher rubte, (Schluß folgt.)
Reiſch.
Ein Bild aus dem Herzen des Volkes von
P. R. Roſegger.
Jetzt biſt du noch in Sorgen und in Kummer und Drangſal haben ge—
Kummer; in einer Stunde wirſt du lebt. Das iſt bisher dein Lebenslauf
fröhlich fein. Jetzt biſt du noch de: geweſen. Aber heute — Maria Stein:
miüthig und mußt dienen; in einer | wenderin — heute ift dein Mann nach
Stunde wirft du bereichen. Jetzt bift | Landeel gegangen, um befjere Zeiten
du noch arm — in einer Stunde wirft | heimzutragen in bein Haus. Geld wird
du reich jein. Gutes Weib, liebe Maria er bringen, viel Geld, jo Lafterhaft
Steinwenderin, wie ift dir um's Herz? | viel Geld, daß du jetzt Schon anfängft,
Dein lebelang haft du Feinen laften= dich vor der Hölle zu fürchten, bie
freien Tag gehabt; ſchwer arbeiten nach der Bibel reichen Leuten fo ge-
vom frühen Morgen bis in den fpäten | wiß ift.
Abend und dann die müden Hände Zwölf Wochen mögen nun aus
erſt aufheben zur Bitte um's tägliche | fein, oder gar ein Vierteljahr — mie
Brot. Und vor dem Einfchlafen die | doch die Zeit vergeht! — ſeit du das
Angft, deinen Kindern könne es einft | geftridte Gelblädlein gefunden haft.
noch ſchlechter gehen, als dir, und im | Unten auf der Innbrücke mwar’s, und
Schlafe träumen von beinen verftor: | juft zwiſchen zwei Balken iſt's gelegen,
benen Vater und Mutter, die wie du |und wenn die Balken um ein nabel:
422
ſpitzbreit weiter auseinander geweſen daß ſie es gar nicht wagte, in das
wären, ſo wäte das Säcklein in's Städtchen zu gehen, um ſich von ihrer
Waſſer hinabgefallen.
Es war nicht Enuttäuſchung zu überzeugen. Dajchleppte
gar dick, ei zuſammengerunzeltes Hei: | ſich ein Dörchergeſpann bes Weges,
ligenbilbchen war drin — der heilige | das die Bauernhäufer und Kleinhäus:
Jakobus — und vier Zehnkreuzerſtücke. ler abbettelte und ablauerte, ob nicht
Als wie wenn es glühende Kohlen
gemwejen wären in deiner Hand, jo bift
du mit dem Fund in ben Pfarrhof
gelaufen und dreimal ift’3 verfündet
worden auf der Kanzel: e3 wär’ auf
der Stubener Innbrücke ein Geldjädel
gefunden worden und der Verluftträger
möge e3 im Pfarrhofe abholen. Ber:
wunderlich! ’8 ijt Niemand gefommen
um bas Geld und dasſelbe ijt der
Maria Steinwenderin al3 Eigenthum
anheimgeftellt worben.
Darauf hat fie eine ganze Nacht
nicht Schlafen mögen, hat fimulirt, was
fie denn anfangen ſollt' mit dem Fund,
daß er ihr am beften gebeihe und auch
der armen Seele des Berluftträgers
noch zugute fommen möge. Und ba
— wie jhon der Hahn das erftemal
fräht draußen in der Lauben, fält
ihr jählings ein, daß der heilige Ja—
fobus, der beim Gelb gelegen wäre,
ein Batron für die Lotterie ift. Ordent—
ih einen heißen Stich gibt’3 ihr im
Herzen; ja, in die Lotterie jegen will
fie die vier Münzen und das wird zum
Glücke fein. Sie betet noch ein Vater:
unjfer und dann will fie einjchlafen,
da ift jhon die Zeit zum Aufitehen
und fie muß die Steine abtragen von
des Nachbars Kornfeld. Und am Sonn:
tag, wenn ihr Mann heimkommt von
der Holzarbeit und bie zwei Kinder
hütet, geht die Marie nah Lande
und jet drei Nummern — mie fie
ihr zufällig in den Kopf kommen —
in die Lotterie. Sie hat jo große Hoff:
nung auf den Gewinn, daß fie den
Kindern zwei Lebkuchen kauft und ihrem
Manne neue Schuhriemen und, weil
fie immer noch Geld in ber Taſche
hatte, auch einen großen Weder. Je
näher aber die Zeit der Ziehung kam,
deſto Eleiner wurde die Hoffnung und
am legten Tage war fie jo muthlos,
irgendwo etwas heimlich zu erhajchen
wäre und das den Leuten die Nummern
angab, welche bei der nädhften Ziehung
herauskommen müßten.
Die Maria Steinwenderin ſchenkte
dem Gefindel ein paar Stüde Brot
und fagte, um neue Nummern wär’
ihr nichts, aber die zuletzt herausge:
fommenen möchte fie wiſſen.
„Kahn ja gern fein, Bäuerin“,
gab ein altes Fraulein zur Antwort
und holte mit den erdfalben Fingern
ein PBapierftüdchen aus ihrem Wanber:
buche, „derlei heißt Eins fort mit,
wenn man aus ber Stabt geht. Sind
brühwarm, find erft geftern heraus:
gekommen.“
Die Maria griff nad) dem Papier,
ſah, las die Ziffern und erjchraf fo
heftig, daß fie fih auf die Bank ſetzen
und das Fraulein bitten mußte, es
möge ihr die Gutheit thun und ein
Schöpfel friſch' Wafler holen vom
Brunnentrog.
Die Ziffern, mit wiberfpenftigem
Dleiftift von der ftarren Hand einer
Bettlerin auf das zerfnitterte Löſch—
papier geftigelt, jagten der Maria,
daß fie rei war, daß fie wohl — —
jett mußte das Weib auf die Bank
ſinken — wohl an die taufend Gulden
baar -in der Stabt liegen Habe, bie
ihr und ihrem Manne und ihren Kin-
dern alle Noth ein Ende machen foll:
ten. — Weiter konnte fie nicht mehr
denken, bis das Wafler fam. Unb
während fie, die Elbogen zitternd auf
die Knie geftemmt, trank und abjeßte,
um tief Athem zu holen und wieber
trank — trottete das Dörchergeſpann
träge davon.
Und noch an demſelben Tage hat
fie in's Holz zu ihrem Manne geſchickt,
er ſolle Alles liegen und ftehen laſſen
und eilends heimkommen.
—
„Na, in Gottesnam'!“ ſagte der
Gatte, als er die Botſchaft hörte,
„jetzt kann ich mich zuſamm'halten,
jetzt iſt daheim was geſchehen. — Das
Haus ſteht noch?“ fragte er den Boten.
„Warum ſoll's denn nimmer ſtehen?“
„Hat mein Weib ſelber mit Dir
geredet?“
„Sie hat mich ſelber geſchickt.“
„Und hätteſt auch noch einen klei—
nen Buben geſehen?“
„Zwei Bübeln — recht flinke,
ſaubere Bübeln — ſind vor der Thür
herumgelaufen.“
„Hui!“ jauchzte der Holzer auf,
„ſonſt kann's ſein, was es will!“ und
eilte nach Hauſe. Daß anſtatt dem
großen Unglücke ein großes Glück da
war — wie hätte der arme Mann
daran denken können!
Als er vernahm, ſie hätten einen
Terno gemacht, faßte er ſein Weib
mit beiden Armen um die Mitten und
rief: „O du ſakriſche Mirzel!“
Dann verglichen ſie die Nummern
mit denen auf dem Setzſchein und es
waren dieſelben — das Glück war
verbucht.
Und am Tage darauf ging alſo
der Holzer Simon hinaus nach Landeck.
Er nahm einen ſchweren, knorzigen
Weißdornſtock mit ſich, er ſchliff ſich
noch das Tiſchmeſſer, das ſonſt zum
Brotſchneiden war und fledte es in
den inwendigen Rodjad, denn das
wußte er, wer Geld hat, der muß auch
Mehr haben. Als er fortging, ftolperte
er noch über ben holperigen Fußboden
ber Vorfammer und brummte lachend:
„on verfluchtlete Keiſchen, du alte, von
dir laß ich mir Schon lang noch feinen
Fuß brechen!“
Und nun verging im Haufe der
Bormittag und die Maria zählte die
Stunden auf ber wurmftihigen Wand:
uhr bis zur Rückkehr des Simon. Die
Uhr Hatte mit ihrem hölzernen Zeiger
fünfzig Jahre oder mehr herabgemeſſen,
aber mit dem heutigen Tage wollte
fie nicht fertig werben. Jetzt war's
um zwei Nachmittag. Die Maria hatte
ein gutes Mittagefien fertig, das fie
auf dem Herde forgfältig mit einer
umgeftülpten Rochpfanne zubedte. Sie
aß jelbft feinen Biſſen davon, mit ihm
zufammen wollte fie heute Mahlzeit
halten und in einer Stunde konnte
der Simon ba jein.
Aber das Glück — weil's ch fo
jelten fommt — muß man höflich em:
pfangen. Zuerſt warf die Maria ihre
rauhen beflidten Werktagskleider weg
und 309 was Beſſeres an. Dann wuſch
fie den beiden Knäblein Geficht und
Hände und verfah diejelben mit frifchen
Hemdchen. „Müßt nicht ſchlimm fein
heut”, jagte fie, „es kommt ja das
Geld !”
„Sit das Geld brav?” fragte ber
fleinfte Knabe, der in feinem ſchnee—
weißen Hemdchen auf dem Strohpolfter
ſaß, mit feiner zarten Hautfarbe ſchon
jegt anzufehen mie ein Herrenfind, das
nur zufällig in die Holzerhütte gekom—
men fein mochte.
„Ja freilih, Tonel“, antwortete
die Mutter, von freubigfter Hochſtim—
mung getragen, „das Geld ift wohl
brav. Wifjet Kinder — geh her, Sepple,
und je’ Dich da auf die Bank und
[aß mir das Fingerfugeln fein! —
jest Tofet einmal zu. Wenn der Vater
mit dem Geld fommt, nachher kaufen
wir das Hochbrunnerhäufel, wo wir
geftern oben geweſen find.“
„Und den Taubenfobel auch dazu?”
fragte der größere Knabe.
„Freilich Sepple, auch den Tauben:
fobel dazu. Und nachher kauf ich euch
ein ſchönes Gewandel, wie bie Schlag:
wirthbuben haben und nachher gehſt
mir mit dem Schlagwirthbuben in die
Schul’, Sepple, und lernt was und
fommft nachher gar auf Sprugge und
fannft ein Pfarrer werden. Wirſt aber
jauber jein, wenn Du in ber weißen
Pfaid prebigen thuft und nachher mußt
für Deine Mutter jhön eine Meh’
lefen —”
„And wenn Du ftirbit, fo werde
ich Dich einjprengen” (einfegnen), fagte
ver Kleine.
424
Sie lachte über den Einfall des wird er jagen, der Sepple hat ch
Kindes, doch das war doch ein Dämpfer | feinen Finger im Maul.“
gewejen und fie brad die weiteren Da 309 der Junge feinen Beige:
Schilderungen von ihrem fünftigen | finger aus dem Mund, ballte bie
Pfarrer ab. Hand und ftedte fie rajch in die Ho-
„Herentgegen du, Tonel“, fagte ſentaſche. Ging aber nicht lang ber,
fie aber zu dem kleinſten Knäblein ſo fand er ben Finger wieber zwi—
„Du wirft nachher Schön daheim blei- | Then den Lippen ; ganz von jelber und
ben, wirft Dein’ Vater und Mutter | ohne daß es der Sepple gemerft hatte,
haufen helfen und in zehn Jahren | war er hineingefommen, dafür bif der
mögen wir leicht einen großen Hof Junge jegt die Zähne darüber zujam:
kaufen, den Thalfchlöfferhof, weißt, men, um ben Ungeberbigen zu ftrafen
wo der große Kettenhund ift.“ * age > * —
gang | Finger ihm jetzt ſelber weh tha
— - — Die Maria Steinwenderin aber
graute vor dem Kettenhund, der ihm hub nun an, zum Fenſter hinauszu:
in Erinnerung war, weil derſelb' vor guden. Der Simon fonnte ſchon ba
etlichen Tagen, als er mit bem Water ſein oder fie follte ihn für's wenigit
am Hofe vorbeigefommen, fo ſchauder dort über bie Grabenwieje berangehen
haft bös gebellt hat. ſehen. — Im Schlagwirthshaus unten
Mein’s Närrle Du!“ rief bie wird er vielleicht ein halb Stündlein
Mutter, „wenn Du Bauer auf ben | Fraken. — * — —
Toalihlfferher hit, mitt ion ft) her fang’ Beit sr wicht file, das
fein, wenn Du einen jcharfen Ketten: veiß ich nr fo möcht” er Schon da
hund haft. Der Thalfchlöfferhofer Hat... 3 ab he:
piel Sachen, ba find bie Gehelm’felt, — Mens mans aber vecht be
(Diebe) nit weit. — 9a, Büble aber dentt, fo fann er noch nicht leicht da
halt’ Mill, daf ich Sir Es Raible fein. Das Geld werben fie ihm nicht
fann eintnöpfeln! Du magft doch nit — Be cu — a eins
a ae a Sa Sen arten (nen, Genen); ba ie
Zhalictöferhofbaner” Hit, wirft jon | Ing zu Ahım ein ab alle Ge
gemwetten (eingeipannt) werben. Alle ichrift ausgeitellt werden müffen, 8
Kammern voll Korn und alle Ställ' gsi Mo:
— iſt kein' kleine Sach'. Oder zuletzt hat
voll Küh und Dchfen wirft haben, die Lotterie gar nicht einmal fo viel
Lämmle auch! Freilich Lämmle aud). ir , :
Und Dienftknechte wirjt haben müſſen ae — pol ——
und Mägde, daß es nur ſo ſtaubt
‚| nur nicht überdöppeln (übervortheilen)
im Hof. Nachher bift angejehen weit | fügt und da wir Alles kriegen, was
und breit, und nachher mußt Dir ein | „ng gebührt! — So fimulirte das
Weib Heiraten —" Weib, und es waren ſchon neue Sor:
‚ „And nachher Eriegft Du kleine gen da, bevor noch das Geld Fam.
Kinder“, ergänzte der Sepple mit — Daß ihm unterwegs nur nichts
ernithaftem Kopfneigen. Böfes begegnet fein wird! dachte fie
„Ja, und Du laß’ lieber das | weiter, es gibt allerhand fo Leute auf
Fingerjugeln fein!” mahnte die Mutter |der Straßen, und daß Einer in ber
den Größeren, „weißt, was ber Vater Lotterie was gewonnen hat, kommt
jagen wird, wenn er heimfommt und |gleih auf. — Nein, ’3 iſt ja ber
einen Zebzelten (Lebkuchen) mitgebracht | helllihte Tag. Wenn au; den Holz:
hat? Den geb’ ih allen dem Xonel, | meifter haben fie auch beim helllichten
— —— — — — — ñ — —— — — —
425
Tag in's Maffer geworfen und haben
ihm das Geld mweggenommen, mit
dem er hätt’ follen die Knecht aus:
zahlen. Vor einem Jahr wird’ ge:
weien jein, und bie Leut’ find heut’
auch nicht befler, wie dazumal und
Maria, da jchrien die Kinder:
fommt das Geld!” und polterten ber
‚trat
„seht
Thüre zu. Dieje ging jehärfer als
gewöhnlich auf und nicht ganz ohne
Gefahr für die Kleinen. Der Simon
herein. Wortlos jchob er die Kin:
das Gefindel wird allerweil mehr auf|der von feinen Knien weg, fchritt
der Straßen.
dann jchwerfällig über die Stube, zog
‘Immer tiefer dachte fie fih in feinen Janker aus und warf ihn auf
die Angft hinein. Da rief der Sepple, | die Bank hin.
der auf ber Bank kniete und zum
Fenfter hinauslugte: „Der Bater geht
über die Grabenwieſen!“
„Du machſt wieder ein’ Poſſen!“
rief die Mutter, als wollte fie die
Kunde erft nicht glauben.
„Sa, und aufrichtig Gott wahr,
er geht über die Grabenwieſen!“
Die Marie ſah es nun jelbit.
Mit großen, aber jehr Tangjamen
Schritten ftieg der Simon über den
weichen Moorgrund, wo bie und ba
ein Brett, ein Stein lag, um ben
Fuß darauf zu jegen. Seinen Stod
benüßte er als dritten Fuß, auf wel:
hem er fi bisweilen über einen
Sumpf oder Wafjergraben ſchwang.
— Iſt fo viel wie gar fein Meg,
da von der Straßen bis zum elen-
digen Steinwenderhäufel. Ein emwiges
Glück, daß Eins von diefem Grund
einmal erlöft wirb.
zu Boden ſchaut, der Simon, und in
die Erden hineinlaht! Und nicht ein-
mal die Pfeifen bat er heut’ im
Davor erjchraf Die
Maria etwas. Er hing den Rock ſonſt
immer hübſch an ben Nagel, wenn
er ihn auszog, und heute, wo in
dem Sad die volle Brieftafche ftaf,
follte er's ſchon ganz beſonders thun.
Der Simon wird doch von denen
Keiner jein, die leichtfinnig werben,
fobald fie Geld haben! Nein, das
nicht, ein Seitel getrunken bürft’ er
haben — das macht nichts, jegt wirb
er fih wohl was vergunnen bürfen.
Der Simon, ben Hut noch auf
dem Kopf, etwas in's Geſicht herein-
geichoben, ging in der Stube fo hin
und ber, griff ein um's anberemal
auf die Leiften hinauf, als ob er was
fuchte, fuhr fih dann mit den Hemd—
ärmeln über das rauhe und geröthete
Geficht, wobei er in feinem Schnur:
barte eine arge Verwirrung anrichtete.
Dabei fnurrte er gegen die Wand ge:
— Und wie er|fehrt ein paar Silben, die nicht ver:
ftanden werben konnten.
Sein Weib war nicht weit von
der Ofenbank geftanden und hatte ihn
Mund. Dem fieht man’s leicht an, ſo von der Seite angejehen.
daß er ertra was hat. Glaub's gern,
„Na“, ſagte fie endlich, „jetzt
ber ift feiner Tag mit Taufendern |rud’ nur aus.“
noch nicht viel umgeiprungen. — So
„Ein höllvermalebeites Glumpert!“
war wieder das Denken der Häus- |ftieß der Mann wild Bervor.
lerin.
Aber, Sim, was —? wirft
Als der Eimon von ber Wieſe doch nit! ftotterte das Weib.
über die Holzichranfe auf den Haus:
anger hereinftieg, brach er einen Zaun- ſchrie ihr in's Geficht:
Da wendete er fich gegen fie und
„Derftunfen
fteden, daß es krachte, und ſchleuderte und derlogen iſt's!“
ihn dann von ſich. — Wie er ſchon
„Wird leicht doch nicht ſein“,
übermüthig iſt! dachte Marie, nun, hauchl⸗ ſie.
wir brauchen auch dieſen alten Zaun |
gar nicht mehr.
„Keinen Hunds⸗Kreuzer haben wir!”
' rief er, „wit eine Nummer ift ba,
„Jetzt, Kinder, jeid hübſch ruhig, nit eine, die auf unferm hölmentifchen
jegt fommt das Gelb!” flüfterte die | Fetzen Reht.
's ift eine angefpielte
426
Sad’ ober ’3 ift ein helles Teufels:
o’ipiel, daß die Nummern, die Du
Io
„Der ift Dir niedergebrannt und
darfft mit einmal Brandſteuer
Dir von dem Strolchen haft aufſchwatzen Sammeln gehen.“
laffen, juft zufammpaßt haben. Aus—
„Und follten wieder fortradern
g'lacht haben fie mich, wie ich, der und fortfümmern in der Elendigkeit.“
Narr, heut’ Hintrott' und 's Geld
ze will. Und gemeint Hab’ ich,
ei der Gurgel paden müßt‘ ich ihn
auf der Stell’ den Lotteriefchreiber,
bi8 er mir mein’ Sad’ weiſt. Zum
G'rathen, daß fie mich nit eingefpert
haben. Ich fag’ Dir, Alte, eine Beftie
fannft werden, wenn Du Dir zuerft
einbildeft, Du hätteſt die Sädel voll
Geld und ein einzig Wort, ein Rau:
bermwort, greift Dir hinein und reißt
Dir's weg. So ein Rauberwort ift
das gewefen, wie ber Schreiber den
Feen anſchaut und jagt: Was wollt's
denn Ihr? Habt's ja nichts errathen !
Lump! ſag' ih ihm in's Ge
fit, weil Ihr meint's, ein Arbeits:
menſch kunnt fih nit verefentiren
(vertheidigen), jo wollt's ihm's ab:
laugnen. a, mie ih jag’, ein
feines Gfehlt hat's g’habt, daß
fie mich nit in die Keichen (Arreft)
ſtecken.“
Die arme Maria war blaß ge—
worden. Sie ſetzte ſich jetzt auf die
Ofenbank und ſagte kein Wort. Die
Kinder kamen zu ihr und fragten,
wo das Geld wäre. Dem Kleinen
reinigte ſie mit ihrer Schürze das
Näschen. Und mit derſelben Schürze
fuhr ſie ſich dann ſelbſt zu Geſichte,
um anſcheinend ein ähnliches Geſchäft
zu verrichten, in Wahrheit aber, um
in die Leinwand zu ſchluchzen.
„So was halt' ich für das größte
Unglück“, verſetzte der Simon und
ging, die Hände in den Hoſentaſchen,
raſch über die Stube.
„Iſt es auch“, antwortete das
Weib, „und oft genug hat der Schlag:
wirth gefagt: Die Armuth kennſt
nur, wenn Du einmal reich geweſen
biſt. Jetzt trifft's uns ſelber.
Ich hab' mir ſchon den Thalſchlöſſer—
hof gekauft gehabt“, lachte ſie mit
naſſen Augen.
Er blieb vor ihr ſtehen und die
Fäuſte in den Taſchen machten zwei
große Anoten an den Hüften: „Weißt,
daß ih jetzt ein ſchlechter Menſch
werben kunnt?“
Sie ſah ihn an.
„IH trau’ mir nimmer.”
„So mußt Halt nicht benfen“,
ſagte fie.
„Wenn's mir einmal fo zujeßt,
daß, wenn Eins ſchon bettelarm ift,
man vom Herrgoft noch obendrein zum
Narren gehalten wird — nachher bin
ih Alles im Stand.”
„So undrifilih möcht’ ich mir
auch wieder nicht denken“, ſagte das
Weib.
„Ich möcht” auch nicht!“ rief er,
„aber wenn’s Einen jo überfält und
der Menſch in den Inn geftürzt ift,
mit dem ich heut’ unten bei der Kreuz:
ward zufammenfommen bin —“
Sie ſprang von der Bank auf,
daß das Sepple, welches ihr in dem
Schoß gehodt war, orbentlih auf ben
Boden hinabkollerte.
„Jeſu Ehrifti — Simon !* Freifchte
fie, „wirft doch nichts angeftellt Haben !”
„Schon vor dem Poftwirthshaus
3’ Landeck Hab’ ich ihn ’troffen. So
ein Stabtherr, der fih vor lauter
Gutleben in der Stadt gar nimmer
zu helfen weiß, daß er für nicht3 im
Gebirg herumfteigt, weil er fein Lebtag
einmal möcht’ müd' und hungrig werben.
Mit einem Hunderter hat er den Poſt—
meifter auszahlt ; hab’3 wohl gejehen,
hat noch mehr jo Papier gehabt in
feiner Brieftafchen. Und nachher, wie
ich fpäter hell verzagt auf der Straßen
daher geh’, zur linken Hand die Stein-
wänd, zur rechten das Waſſer, und
fein Menſch ift weit und breit, als
wie der Stabtherr, der ein paar Büc;-
ſenſchuß vor mir hinfteigt, To hab’
ih mir denkt: Simon, weil’3 heut’
fo jchlecht ausgangen ift und daß bit
noch verlacht worden bift, dieweil deine
Elenbigfeit wieder neudings anhebt,
mag’ einmal ein ander G'ſpiel.“
„Simon!“ jchrie das Weib, und
als wie wenn fie ihn würgen mollte,
fuhr fie mit den Fingern gegen jeinen
Hals: „Reb’ mir mit weiter!”
„Weiß auch nicht3 mehr”, ſagte er.
„Der lieb’ Herrgott wird Dich be:
ſchützt haben!“
„Auf den hab’ ih nit denkt. —
Du bift mir eingefallen — die Kin:
ber —“, bie Stimme verſchlug's ihm.
„Geh'“, fuhr er dann fpöttifch
fort, „grimm’ Dich nit um den Stabt-
bern, der fteigt friſch und geſund
dem Engabin zu, und Du haft ja jo
viel einen braven Mann, der läßt
Weib und Kind fchon noch eine zeit-
lang Hbungerleiben.“
„Vom Hungerleiben ift gar feine
Red'“, jagte fie, „und wenn wir und
unfere Kinder in Plag und Kümmer:
nuß fortleben müffen, fo ift das frei-
lich wohl bös, dieweils Anderen fo
Wahr iſts: wer einmal heiratet, der
begeht ſiebenmal eine Narrheit und
neunmal eine Dummheit, und gar
eine Straf’ Gottes iſt's, wenn Bettel-
leut’ zuſammenheiraten.“
So ging’3 zu, und ed mar ein
rechtes Elend zu diefer Stunde in
dem fonft jo friedlichen Steinwender—
hauſe. Der Mann grollte, das Weib
ihmollte, die Kinder jchluchzten. Der
Sepple aber, ber fi) gar nicht beru:
higen wollte, weil er das Böfe, jo
in’8 Haus eingefehrt war, ſchon ahnte
— er befam von der Mutter endlich
doch eine Birne geſchenkt, bie ihm ben
Mund ftopfen follte. Der Tonel hodte
in einem MWinfel, nicht3 am Leibe,
al8 das weiße Hemdchen, das ihm
zur Feier des Tages angethan wor:
den mar. Das erwartete Glüd
aber ließ fich fein entjchuldigen, es
jei bei Fürften und Grafen gelaben,
e3 könne nicht kommen, fchide aber,
da bie alte Armuth denn einmal ab-
gedankt ſei, eine neue in’8 Haus. —
An der äußeren Seite der Stuben:
gut geht, aber day Eins desweg' thür war ein Taſten nach ber Klinke,
jchlecht werben müßt’ —“
„Sei lieber ftill!” fuhr er fie an,
„wir find einmal für bie Mühfal auf
der Welt, und dba Hilft fein Neben.
Du bift auch jo dumm! Hätteſt das
Geld, das Du haft gefunden, Lieber
im Sad behalten, anftatt dem Kaiſer
einzufpielen, der eh genug hat, wär’
mir der heutige Tag verjpart blie—
ben und bie Aergernuß. Das hätteft
Dir denken mögen, hätteſt ein Tüpfel
Berftand in Deinem biden Kopf.”
„Freilich!“ entgegnete fie gereizt,
„su tobt gern haft mir's glaubt, wie
ih Dir vom Glück hab’ erzählt. Und
jegt hätt’ ich bie Schulb! — Geht’3
weg, ihr Gezücht!“ damit fchob fie
die beiden Kinder, bie fih an fie ge
drängt hatten, unwirſch von fid.
„Euretweg hat man nichts But’3 und
fein Stündel Ruh’ auf der Welt, und
letztlich gebt’3 auch Ihr Einem die
Schuld feiner Tag, wenn’ euch nit
jo geht, wie's euch thät taugen. —
ein unſicheres Drüden an berjelben,
bi3 endlich die Thür ein Hein wenig
aufging, dann aber wieder langjam
zugezogen wurde. Dem Kleinen fam
das jo unheimlich vor, daß er tro&
Allem von feinem Winkel zur Mutter
ſchoß. Aber draußen war feine Ruhe
und an ber hölzernen Thürklinke
knarrte und ächzte es leiſe, bis es
dem Simon zu toll wurde. Er trat
zornig zur Thür, tif fie auf — da
follerte ein alter Bettelmann, ber fi)
an ber Klinke geftügt haben mochte,
über die Schwelle herein zu Füßen
des Holzers.
Diefem wäre ber Bettler jehr ge:
legen gefommen, um an ihm feine
Wuth auslaffen zu können; aber vor
Allem mußte der Alte von der Erbe
aufgehoben werben. That wohl felbft
das Möglichite, der breithafte Mann,
um wieder auf die Beine zu kommen,
aber der ftarfe Arm de3 Simon war
doch auch möthig. Und als der Holzer
ſah, wie ihn der Alte mit feinem | Mitleid, den alten Mann bejchaute ;
abgezehrten, ftoppelbärtigen Gefichte, an ihrem Arm das Fleine herzige
mit feinen miüben und trüben Augen
fo traurig und dankbar anblidte, da
verging ihm alle Wilbheit.
„Wie närriſch, daß ihr da herein:
gefallen ſeid?“ jagte er.
Der Alte blidte ihn an und ant:
wortete nicht.
Stand auch ſchon die Marie dba
und fragte: „Mas wollt Ihr denn?
St Euch letz geworben, gelt?”
Er richtete fein müdes Auge auch
auf fie; mit halbgeöffnetem Munde
und vorgebeugtem Haupte ftand er
da und fagte noch immer fein Wort.
„Mein Gott, Ihr feid ja hell
nit bei Euch felber !” rief das Weib.
Da taftete der alte Mann zitternd
nah ihrem Arm, um fi zu jtügen,
und mit der andern Hand fuhr er
gegen den Mund und machte die Gefte
des Eſſens.
Sept blidte die Marie ihren Mann
an und er fi. Nun mußten fie, der
Greis hatte Hunger.
Der Simon hieß ihn auf die Ofen-
banf niederfegen, aber der Alte hörte
die Einladung nicht, er wanfte wieder
zur Thür hinaus und vor berjelben
auf der Wandbank legte er mühevoll
fein Bündel ab und fette fich mit
Hilfe ſeines Stodes daneben Hin.
Mel’ eine Mühſal, ber jelbit das
Abraften jo fauer wird!
Das kleine Tonele auf dem Arm,
das fi feſt an fie jchmiegte, eilte
die Maria Steinwenderin in die Milch:
fammer und brachte eine volle Rein
Milch heraus, von der fie nicht ein-
mal die Rahmſchichte weggeblajen
hatte, wie fie fonft ftet3 that, wenn
fie den Ihren die Gottesgabe auf:
tifchte.
tiefer, als fonft.
Und als die Maria an der Thür
ftand, an ihrer Seite der neugierige
Sepple, der an feiner Birne nagte
und dabei, halb in Furcht, halb in
Der Simon nahm aus der
Tiihlade den Laib Brot, ſchnitt ein | fort.
Stück davon ab und das Meffer ging |
Knäblein in weißem Linnen, mit apfel-
rothen Wangen und feinen paar klaren
Augenfternen — ein engelhaft holdes
Kindestöpflein, fid an den Mutter:
bufen jchmiegend, und wie fie, Die
Maria, in ihrer drallen Geftalt, mit
zierlich geflochtenem Blondhaar, da—
ftand und mit einem Angefichte voll
Milde und Wohlwollen die Milch:
ichüffel reichte, da blidte der Simon
nur jo hin. — Und als der alte
taubftumme, allverlaffene Mann vor:
gebeugten Leibes mit zitternder Be:
gier nach der Schüffel Iangte, während
die blaffen Lippen zudten und aus
den ftieren Augen ber Hunger gloßte,
da blidte der Simon nur jo Hin.
Und während der Greis draußen
Milh und Brot verfchlang und Maria
in die Stube zurücgefehrt war, jette
fih der Holger auf einen Dreifuß,
hielt die Elbogen auf feine nadten
Kniee geftügt und ſah zu feinen Schub:
ipigen hinab.
„Geh' ber ein wenig, Maria“,
fagte er nad) einer Weile, ohne auf:
zubliden.
Sie ging ganz leife zu ihm, neigte
ihr Haupt nieder zu dem feinen und
ſagte: „Willſt mir was, Simon?”
Ihre Stimme war weich und innig.
„Maria“, verjegte er und zog mit
beiden Händen, aber läflig die Riemen
feiner Bundſchuhe feſter. „Mußt nit
bös ſein deſſertweg, daß ich ſo bin
geweſen. Mußt mir die Red' ver—
zeihen, ſo ſchlecht, wie ich's geſagt,
hab' ich's nit vermeint.“
„Geh', ſei nit närriſch“, war die
Antwort.
„Gar verſündigen kunnt man ſich
mit ſolch gottloſem Zeug“, fuhr er
„Wenn man's nimmt, möcht'
wiſſen, was uns fehlt? Sind geſund,
mögen unſere Sach' verdienen, haben
unſer Dach und Fach, halten brav
zufamm’ und haben feine Feindſchaft—
lichfeiten herum. Naher — Maria —
ihau Dir einmal die zwei Buben ba
429
an. Friih wie's Leben. — Wenn
früher jo wirt niebergehangen.
Er
man’ nimmt und wenn man ben|mwar geftärft. Und als er jah, daß
alten Haſcher anſchaut da draußen, | die Eheleute auf
ihn Hinfchauten,
jo fann man wohl jagen, wir find tappte er mit dem Finger feiner rech—
nit arm, wir find reiche Leut'!“
Darauf antwortete das Weib:
„Gerad' wie Du's jekt gejagt halt,
jo hab’ ich denkt, wie ich dem armen
Manır das Neindl Milch hab’ gereicht.
Der ijt alt und krank und Hat leicht
feinen Menſchen auf der Melt, zu
dem er kunnt feine Zuflucht nehmen.
Und jein Anliegen, das kann er nit
jagen, und wollt’ ihn wer tröften, jo
kann er's nit hören. Halb blind iſt
er auch Schon. — Der ift arm und
bob weiß man’s nit, ob er auch un—
glücklich iſt. Zwiſchen Armuth und
Unglück liegt ein tiefer Graben, hab'
ich oft gehört. Und andertheils, wenn
man bedenkt, daß wir reich ſind, da—
mit allein wär’ ih noch lang’ nit
zufrieden. Im Herzen drin muß Einem
leicht jein — und bas ift mir jeßt
wieder. Schau’ mich an, mein Simon!
Belt, Du verzeihft mir das grob’
Wort, das ich voreh Hab’ daherge—
ſchrien, wo ich jelber nit dran glaubt
hab. Belt’ Simon, 's thut Dir nit
mehr weh ?”
Er neigte mit dem Kopfe tief
hinab, zog die Schuhriemen ganz über-
mäßig feit zujammen und jah ftarr
zu Boden. Sie braudt es juft
nicht zu willen, daß jeine Augen
naß find.
Yet ging wieder die Thür auf,
ganz leife, aber weit, und herein
Ihaute der alte Bettelmanı und der
hatte ein ganz anderes Geſicht, als
das erjtemal. E3 war nicht fo ſchmal
und blaß, es lächelte und die Augen
waren viel lebhafter und von der
grauenden Haarlocke frei, die ihm
ten Hand auf die linke Seite feiner
Bruft und zeigte darauf haftig mit
demjelben Finger nad) oben.
„Geſegne Euch's Gott!” rief ihm
die Maria zu, gleichwohl fie jchon
die Meberzeugung gewonnen hatte, daß
er taubſtumm war.
Der Simon fprang auf, rajcher,
als man es ſonſt thut, will man ein
gut Werk verrichten, ſchnitt noch ein
Stüd Brot ab und reichte e8 dem Alten.
Diefer dankte duch allerlei Ge—
berden, dann trippelte er auf feine
Banf zurüd, lud das Bündel auf
den Rüden, faßte den Stod und wan—
delte davon. Völlig friſch und munter
jah er aus, der Beſättigte, aber ber
Schüfel, die auf der Bank ftehen
geblieben, war es nicht anzujehen,
was heute in ihr gewefen jein mochte.
Nur Kettenhunde fegen fonft die Schüſ—
jeln jo blank und rein.
Der Simon hatte dem Alten eine
Meile nachgeblidt; dann fegte er fi
wieder auf den Dreifuß, aber mit
der Miene des Behagend. Dann that
er einen Pfiff und fagte: „Geht her,
Buben, wir wollen Ein's hopſen mit
einand! — Und Du, Mutter, wenn
Du was zum Eſſen haft, jo bring’s
herein, jonft krieg' ih Schaben im
Magen.“
Da war fie die gefchäftigfte Haus:
frau und das glüdjeligfte Weib. Und
der Simon, als er am Tiſche ftand
und Brot in die Suppe fchnitt,
wadelte mit dem Haupte und mur—
melte: „Du verdangelte Sad’! jet»
und wär’ ich heut’ bald verrüdt wor:
den. Eine Schand für die Welt, daß
der Bettelmann muß reich machen !”
430
Aus der Rinderſtube.
Aus dem Italienifhen des Emilio Praga. Deutid von Bulius Schanj.
1.
Er fchlug an jenem Tag die Fenfter auf,
Und grüßte dankbarfroh der Blumen Düfte,
Und fah mit Dank zum Yyurblau hinauf,
Und fprad : Wie lieblich fäufelt ihr, o Lüfte!
Fahrt wohl! rief er den Schwalben zu mit
Schalle,
Fahrt wohl und fegne Bott euch Wand'rer alle!
Beim Worte Bott durdrann mit fühem Graus
Die Ehrfurdt ihn und mit geheimem Beben
Iehovah! Schöpfer! Water! rief er aus,
Heil Allen, die auf diefer Erde leben,
Vergangenheit und Zukunft zu vereinen,
Läßt er ein Unvergängliches erfcheinen.
Und zu ſich felbft fprad er: Ambroſ'ſche Luft
Will mir des Herzens tiefite Pforten fprengen !
Vertauſendfachtes Glück der Menfchenbruft,
Ström' ans dich in begeifterten Geſängen.
Ein Kind, ein Kind, ein Knäblein ift erfchienen,
Er kam, er fam der Knabe zart und fein.
Als ein Meſſias in das ftille Häuschen
3og der erfehnte Freudenbringer ein.
Im weißen Hemden und im bunten Kräuschen,
Mit Stidereien links und rechts gezieret,
Liegt er in feinem Wieglein einquartieret.
Schon hab’ verſunken in fein fromm’ Geſicht
Ich jeden fühen Simmelstraum geträumt ;
Nun glaub’ id an die Engel und das Licht,
Das ihre Stirn mit Glorien umſäumt.
Ihr Bücher, lebet wohl; in diefer Stunde
Hab' ih die Welt erkannt im tiefiten Grunde,
Was fein Levit, fein Weifer euch enthüllt,
Erſchloſſen liegt e8 frei vor meinem Blide;
Die Thräne, die im Aug’ des Kindes ſchwillt,
It das Geheimniß unferer Gefchide:
Lebt wohl, ihr Zweifel, ihr geträumten Schmer-
zen,
Friſch, kräftig und mit gottgeküßten Mienen. | Ih ſchau und fühl’ und fegne Gott im Herzen.
II.
Nun wirft Du gebadet,
Mein herziges Kind,
Der Dichter liebt nur
Mas lieblih und Lind ;
Das fühe Wunder
GErfülle die Luft,
Wie Vehreugefäufel
Und blumiger Duft.
Es fei in Gedanken
Ein Kranz ihm geweiht,
Doch keuſch und gefällig,
Doch ſchön und leicht:
Das Shidfal zu lefen
Und glüdlid zu fein
Benüget fein Kuß
Und fein Herz uns allein.
Wenn Dornen hohnlachend
Der Pöbel uns flicht,
Beihüg’ uns fein Feines
Unfhuldig Gefidt,
Und wenn in der Welt uns
Ein Kranz noch umlaubt,
So ſchmück' er fein blondes,
Sein fonniges Haupt.
Und du, ob du Schidjal,
Ob Zukunft did mennft,
Das allein feine Freuden
Und Thränen Du kennft,
O blid’ ihn mit heiteren
Augen nur an,
Vergold’ ihm wie Yrühroth
Die duntele Bahn.
Und ift ihm des Genius
Stempel verlieh'n
Und muß mit dem Brandmal
Des Dichters er zieh'n,
Dann fehre noch einmal
Die Zeit des Gefangs,
Unfterblien, zarten
Und kräftigen Klange.
Doch befier, weit befler,
Wenn einftmal fein Loos,
Ein friedlihes Häuschen
Der Ruhe im Schoß;
Bon Schwalben umniftet
Zu Shup und Wehr
Häng's zwifchen dem Himmel
Und zwiſchen dem Meer,
Barum mein Knabe,
Barum fo bleid ?
Was blidet Dein Auge
So blau und fo weid,
Das nie ein Schleier
Des Zweifel umfing,
Stets nad) des Himmels
Azurenem Ring ?
Blid’ nicht fo ſchmachtend,
Lieb Knabe mein,
In jenen Baldadjin
Gottes hinein,
Denk' nicht in’s Ienfeits
Von mir zu flieh'n,
Wo nur die Todten
Hinüber zieh'n.
Schau’ nit in den täufchenden
Spiegel hinein,
Eing', plaud’re, mein Knabe,
Du fingft ja fo fein!
Auch ih, o mein Knabe,
Auch id), fieh her,
Erhebe mein Aug’
Zu den Wolken nicht mehr,
Flieht, Wolken, geh auf
Du azurenes Licht,
IH ſchau nur allein
In Dein ſchönes Geſicht!
Eeitdem id Did) wiege
An diefer Bruft,
Steigt wieder zu mir
Paradiefifche Luft.
Dein zartes Geficht
Mit dem goldenen Haar —
Es gibt feine befjere
Bibel fürwahr,
D'rauf niederzulegen,
Wenn Zorn uns durdhbebt,
Die Hand, die bereits ſich
Bur Rache erhebt.
Dein zartes Geſicht
Mit dem Näschen darin,
Geformt wie ein Blättlein
G'rad wie der Jasmin,
431
E
Mit jenen rofigen
Wänglein klein,
Wie die Mimofe
So zart und fein.
Wenn auf dem Schoße
Der Mutter Du
In feligem Schlummer
Dein Aug’ ſchließeſt zu,
Und wenn im Traume
Du fhüttelft den Kopf
Wie ein Alter, der träumt
Vom Nahtmüpentnopf;
Wenn übereinander
Die Aermchen gededt,
Die keinen Händchen
Breit ausgeftredtt,
Aus Deinem Bettchen
Du ſchaueſt nad) mir,
Als ftünd’ ohne Kappe
Ein Mönd vor Dir:
Dann tauchet empor
Die Erinnerung fo gern,
Dann fhweif ih und fuche
In dümmernder fern’
Und ſuch' den Verbannten
Und find’ ihm zulept,
Den Knaben, den Iüngling,
Den Bater anjept.
Ih find’ ihn: befchäftigt
Im Geift auf dem Land,
Steht er an den ſchwarzen
Schiefer gebannt,*)
Ih feh mit der Schweiter
Zur Besper ihn geh'n
Und in der Taſche
Brotfügelchen dreh'n,
Anftatt zu beten
Den Roſenkranz;
Ih ſah ihn verkläret
Bon Beifall ganz,
As vor deu Seinen
Er zog an das Licht
Sein erftes, den Glocken
Abgelerntes Gedicht.
*) Un die Schreib und Redpeutafel
Sch ſchwör' es den Menſchen
Und ſchwör' es zu Gott,
Daß dankbar ich ſegne
Den Haß und den Spott,
Die jemals im Leben
Den Pfad mir umranft,
Wie einem alten
Freunde man dankt.
Mein Knabe voll Unſchuld,
Du Gottcreatur,
Wachſ' auf und belaufche
Das Herz der Natur,
Wachſ' auf zu reiner
Freuden Genuß,
Dem Herzen entitröme
Dein leberfluß.
In die Schule gehen
Zum Wald wir hinaus:
Bon Blumen und Blättern
Und Wogengebraus,
Auf Höhen und Tiefen
Hallt wieder dort
Bis in den Himmel
Hinauf mein Wort.
Bwei echte Poeten,
So ſtolz als ſchlicht,
Begehren Pedanten
Und Pfaffen wir nicht.
Zum Teufel fahre
Die Heuchelei,
Wir glauben und lieben
Allein und frei.
IV.
Zur Abendftunde, wenn die Bloden ſchweigen,
Singt dem Gemüthe, das nad) Ruh’ begehrt,
Der Frieden und die Liebe ihren Reigen.
Müd' ift der Mann vom Tagwerf heimgefehrt,
Des MWeibes Aug’ von feuchtem Glanz; um-
ſchwommen,
Ein gold'nes Kirchlein iſt der traute Herd.
Indeß die Flamme lichterloh entglommen,
Wächſt und berabfintt, kämpfend mit der
Selle
Des Mondeslicht's, das till herbeigefommen:
Indeß der ſchwarze Kater an der Schwelle
Geheimnißvoll in tiefem Traume ruht,
Als rüd’ er niemald mehr von diefer Stelle:
Steig’, wie ein Taucher in die Meeresflutb,
Ich in das Herz, das mir ein Bott gegeben,
Mein athmend Kind, es fhläft fo fanft und gut,
Zeigt mir den Weg, den Perlenfhaß zu heben.
V.
Memento.
Ach läge nicht die Ahne längſt im Grabe,
Ihr Hügel ſehnet ſich nach Deiner Wiege,
Wenn fie noch, die zuerſt geliebt ich habe, Komm, laſſ' uns geh'n und ſehen wo fie liege.
Sid wie vor Zeiten unter ums bewegte,
Was müßte das ein Glüd fein, wenn ich legte
And Herz ihr diefe junge Liebesgabe.
Was wäre das ein Jubeln und Frohloden,
Ihr Silberhaar und Deine blonden Loden,
Dein Haar von Gold zu ſchau'n mit ihr im
Bunde !
Wie müßt’ mein Knabe lächeln froh erſchrocken,
Lebt! unf're Urgrofmutter noch zur Stunde.
Sei ftill, mein Kind, wenn ich im Arm did) wiege,
Und lerne feſt mir in das Auge ſchauen,
Denn ein Geheimnik will ich Dir vertrauen :
Hier ift das Grab der Bütigen bereitet,
Die liebevoll und ſchweigend mid) begleitet,
3og ich im Geift zu fernen Länderftreden
Mit frifhem Winde, der die Jugend leitet,
Goldland und Perlenküften zu entdeden.
Im Ocean, in weiter, weiter Ferne
Auf meiner Weltfahrt arg verfchlungnen Bahnen
Liep mehr als Gold und Perlen Dich das
Mahnen
Des eignen Herzens jene Heil'ge ahnen,
Mein Kind, glei einem ſchönen Zufunfts-
fterne.
433
Sie legte fih in's dunkle Arab danieder,
Und nimmer aus der falten Erde wieder
Mird fie empor an's Licht des Tages fteigen:
Ein neu Geſchlecht ließ hier im Haus fich nieder,
Das einft ihr Tempel war, nun unfer eigen.
Doch mein Idol ftarb auf dem falten Pfühle
Richt ganz, umd ihre heiligiten Gefühle,
Sie wurden nicht im Sarg mit eingefdloffen:
Eie find ein Schak, der, über das Gewühle
Der Welt hinaus, auf uns fi ausgegoffen.
Ich erbte ihn für Dich, mein ſüßer Anabe,
Dein Herz mit diefer jelt'nen Himmelsgabe
Bu engelreiher Schönheit zu erziehen.
Zu jener Schönheit, die nod) aus dem Grabe
Uns anhaudt in Gefang und Melodien.
Ich werd’ an Poefie und Schwindſucht fterben:
Befing' (auch Du, mein fünftiger Rhapfode
Weißt dann, wie Liebe raſch oft geht in Scherben!)
Großmütterlein und mich in Einer Ode
Und Bott wird mir auch gnädig fein im Tode.
Die lebte Gabe.
„on der Veranda’, eine dichterifche Nachlefe von Anaftafius Grün. (Brote'jche
Verlagshandlung, Berlin). Beſprochen von R. 3. Schröer.
In dem vorliegenden Büchlein er:
halten wir eine Gabe, wie fie nicht
jede Meſſe bringt. Das Vermächtniß
eines großen Mannes, der rein wie
ein Lichtftrahl fein ganzes Leben Hin-
buch der Mitwelt vor Augen geftan-
den. Wie jchmerzlih empfinden wir,
daß es ein Vermächtniß if. E3 war
nit dazu beftimmt. Schon im April,
an feinem 70. Geburtstage, follte das
Buch erſcheinen. Aeußere Umſtände
haben die Veröffentlichung hinausge—
ſchoben und der Tod hat inzwiſchen
den Dichter ſelbſt uns plötzlich, uner—
wartet entriſſen! Er ſollte das Büch—
lein nicht mehr erleben, ſollte nicht
mehr ſehen, welchen Eindruck es her-
vorbringt! —
Ich hatte das unſchätzbare Glück,
ihm perſönlich näher zu ſtehen und
ich kann nicht umhin, bei ſeinen Ge—
dichten ſeiner Perſon zu gedenken.
Auersperg dachte von ſeinen Dich—
tungen ſo beſcheiden, daß ich nicht
ſelten überraſcht war über ſeine Aeuße—
rungen. Ich fragte ihn wiederholt: ob
er denn feine zerſtreut in den Sour:
nalen erjchienenen Gedichte nicht in
einer Geſammtausgabe erjcheinen Laffen
werde, ober aber fie bei einer neueren
Ausgabe feiner Gebichte nicht einzu:
reihen gedenke? Jedesmal ermiberte er:
er wiſſe denn boch nicht, ob er daran
denfen jolle. Viele, dachte er, wären
Hofeggers „„Geimgarten‘‘ 6. Heft.
doch ſchon veraltet; und fie einzu—
reihen in die „Gedichte“ jchien ihm
ein Unrecht gegen die Abnehmer ber
früheren Ausgaben! — Wie angenehm
war ich daher überrafht von einem
Briefe vom 5. März 1875, in dem
er mir fchreibt, daß er doch mun ben
Gedanken ventilire eine Nachlefe von
Gedichten zufammenzuftellen, ja, in dem
er jogar mir einen Fleinen Antheil an
diefem Entſchluß freundlich zufchreibt.
Schon in einem Briefe vom 13. Fe
bruar 1875 hatte er mich mit war»
men Worten erfreut, mit denen er
mein Buch: „Die deutiche Dichtung im
19. Jahrhundert (Leipzig 1875)” be—
urtbeilte, und den 5. März überraſchte
er mich nun mit ber Mittheilung, daß
das Buch für ihn eine praftiiche Be:
deutung gewonnen habe, Ich hatte
gefagt „Teine Gedichte veralten nicht”,
und das veranlaßte ihn, allen bis:
herigen Bedenken entgegen, die Gedichte,
die in der Sammlung nicht enthalten
find, doch zufammenzuftellen, um fie
mir gelegentlich mitzutheilen, mit ber
Aufforderung, ſie einer rüdhaltslojen
Kritik zu unterziehen. Wirklich erhielt
ih im Sommer 1875 das ganze Ma-
nujeript und es begann ein lebhafter
Briefmechiel darüber, wobei ih meine
Aufgabe darin fah, mich wiederholt
für die Veröffentlihung auszufprechen
und alle Bedenken dagegen zu befiegen.
28
Die Sammlung ift in ber That ein
Merk von größter Bebeutung; fie be-
gleitet die Entwidlung ber Geichide
Defterreih3 vom Jahre 1842 bis in
unfere Tage mit warmen Herzichlägen
eines reifen Geiſtes und ift ſchon von
biefer Seite aus betrachtet, ein Denk:
mal von bleibendem Werth. Sie zeigt
uns zugleih im Zufammenhange das
Verhältnig des Staatdmannes und
Dichters zum öffentlichen Leben, wie
wir dies auch aus der Reihenfolge
feiner epifchen und aus feinen bisher
befannten lyriſchen Dichtungen erkennen
fonnten, Ein Irrthum ift die Annahme,
daß die Sammlung nur folche Gedichte
enthalte, die jchon in Zeitfchriften und
Almanaden erjchienen waren. Dies
überall zu beftimmen hält wohl ſchwer.
Auersperg wurbe jo vielfach von Unter:
nehmern von Zeitfchriften, Jahrbüchern
u. ſ. f. um Beiträge angeſprochen,
denen er immer zu entjprechen bemüht
war, daß es ſchwer ift, mit Beitimmt:
heit von jebem Gedichte zu jagen: ob
und wo e3 einmal gedrudt war. Ich
fragte ihn darüber jelbft und erhielt
ben 1. April 1876 zur Antwort: „Wie
Ste ganz richtig vermuthen, ift ein
großer Theil der in diefer Samm—
lung zufammengeftellten Gebichte no ch
ungebrudt. Ich nenne beifpiels-
weile bie älteren Liebeslieder,
einige Sonette, die Fortiegung
ver Walhalla-Nichtgenoſſen,
den Nachklang nad dem
Shüpenfefte, fämmtlide
Sprüde, dann die Rebe, „zur
434
zeit nad) vom Jahre 1842 bis 1876,
bis zu feinem 70. Lebensjahre und wir
müfjen geftehen, daß an ihnen vom
eriten bis zum legten nicht eine Spur
von Abnahme der Kraft wahrzunehmen
ift. Es fönnen feine legten Gedichte
neben feine Jugendgedichte geftellt
werden und wenn ein Unterjchied wahr:
zunehmen ift, jo liegt er nur barin,
daß der Ausdrud in den fpäteren Ge:
dichten die früheren an Klarheit über:
trifft, wenn auch gewiſſe Härten, bie
das Verftändniß manchmal erfchweren
und deren er fi) wohl bewußt mar,
ihm immer eigenthümlich geblieben find.
Vorherrfhend gehören die Ge:
dichte nicht in das Gebiet der Lyrif.
Des Dichters Auge ift meift auf das
Menjchenleben mit feinem Wohl und
Wehe gerichtet. Intereſſante bedeutende
Situationen hält er feft. Dabei ftehen
ihm nun bie großen Gaben zu Gebote
ſowohl plaftiicher Geftaltung, als auch
ſpannenden Vortrages, echt epiſcher
Kunſt. Oft iſt ſeine Dichtung voll
glänzender Gedanken und erhebt ſich
mit rhetoriſchem Schwung, an Schiller’3
Gedankendihtung erinnernd. Zumeilen
aber gibt er ſich auf das anmuthigfte
rein dichteriſchem Spiele hin und läßt
dann immer bie reinſte poetiſche
Wirkung zurüd. Wir wollen nur Ein-
zelne3 hervorheben, um das Gejagte
zu iluftriren. Schon daraus werden
wir erjehen, mit welcher Gabe von
bleibendem Werth unfer Schriftenthum
durch dieſes Büchlein beſchenkt ift.
In einem Gedicht ald Vorwort
ihönen Wirthin“, Unheim: ſagt ber Dichter, bezeichnend genug für
lide Gäfte, Eine Jahres:
feier (ber Polen), Der Erzher—
309 Reichsverweſer u. ſ. w.
ſeine freie und unerſchütterlich hoff—
nungsfreudige Natur: „Der ich einſt
ſpazieren ging, raſte nun in grünen
Ich kann die Liſte nicht vollſtändig Laub
geben, da ſich das geordnete Inhalts—
verzeichniß mit dem Manuſcripte in
Berlin befindet.“
Da das Ganze nun gedruckt vor
uns liegt, jehen wir leicht, daß es
unter allen Publicationen des Dichters
auben ; in dem wechjelvollen Ring
blieb mir Eines doch: mein Glauben!
Glauben an die Sonnenfraft, die im
Menfchengeifte lodert; Glauben an den
Lenz in Haft, der jein Recht bes
Freien fodert; Glauben an das Vater:
land, an das große, deutſche Eine,
eine hervorragende Stelle einnimmt. ob auch ein geriſſ'nes Band heute noch
Die Gedichte reichen ihrer Entjtehungs- | man Aug’ beweine.“
Aber alles
435
Enbliche vergeht, ſelbſt das Herz altert,
die Freunde bes Dichterd aus jeiner
Sugendzeit find dahin. Er fühlt fich
einfam. „Doch, fieh da,“ fährt er
fort, „ein Zodenhaupt naht zu laufchen
meinen Saiten; freunblih, wie ich
faum geglaubt, winft e8 Beifall gar
zu Zeiten, Fühlt das Kind der neuen
Zeit heute no, wie wir gejungen?
Klingt der Alten Luft und Leid tönend
fort durchs Herz der Jungen? — —
— Diejes Bild, noch halt ich's feit
mit den friſchen Farben allen, wenn
die müde Wimper läßt drüber ihren
Vorhang fallen.“ Obwohl dieſes Ge—
dicht nicht ſein letztes iſt, können wir
es doch ſeinen Schwanengeſang nennen,
deſſen Schluß uns jetzt doppelt ergreift.
Es ſpricht übrigens ganz fein fieg-
hoffendes Weſen aus. Wenn ſeine
Ideale ſich auch nicht unmittelbar ver—
wirklichten, wenn auch manche politiſche
Beſtrebung, an der er betheiligt war,
ſcheiterte, ſo fühlte er doch, daß ſein
Wort Herzen gewann und ſah ſich
durch die wachſende Zuſtimmung von
allen Seiten getragen, gleichſam von
Sieg zu Sieg! Das gab ihm den
„Glauben an die Sonnenkraft, die im
Menſchengeiſte lodert; Glauben an den
Lenz in Haft, der ſein Recht des Freien
fodert“. — Er hoffte nicht jo ſehr
Dauer feiner Gedichte, aber zuver-
fihtlich feiner Gedanken. Die Herzen,
die das freie Wort gewann, waren
ihm Bürgſchaft für den endlichen Sieg.
— Gingeleitet wird die erſte Abtheilung
der Sammlung (Lied und Leben) durch
ein wunderbar zartes Gedicht: Läute:
rung.
Daß wir glüdlih waren, jagt der
Dichter hier, willen wir erft wenn wir es
nicht mehr find. Eines Menfchen ganzen
Werth zu fennen, müßt ihr ihn begraben.
Was uns lieb ift, wird uns durch die Ferne
noch jchmerzlich lieber. Diefe Gedanken
ihließt nun die prachtvolle Strophe:
„Blick' nieder, wo von ihrem Gruß
Die Friedhofhügel wogend ſchwellen,
Des dunteln Stromes grüne Wellen,
Der fo viel Liebes ſcheiden muß! —
Sie fpülen Makel weg und Fehle, —
Und wie ein Schwan beim Wellenfchein,
Im Drüberflug ahnt deine Seele:
Hier bad’ id einft den Flügel rein!“
ch übergehe die Hier fich anrei-
henden föftlihen Perlen der Lyrik
Auerspergs und hebe daraus nur Eine
hervor: Weihe Roſe, ©. 32, die
fih gewiß des größten Beifall er:
freuen wird. Die nächſte Abtheilung
(„Zeit:Rlänge”) begleitet, wie gejagt,
die Zeitgejchichte vom Jahre 1842
bis 1873.
Dies find nun allerdings Zeit-
länge von wahrhaft hiſtoriſchem Werth,
nah allen Seiten hin helle Lichter
werfend. Rußland unter Nikolaus ; die
felbft in ber Verbannung uneinigen
Polen; Ludwig von Baiern, der mit
feiner Walhalla ein deutjches National:
werk jchaffen wollte und unfern Kaiſer
Joſeph, unjern Andre. Hofer und
ebenjo Zuther aufzunehmen zu Elein-
denfend war; das gefnechtete Deutjch:
land von 1847 — alle dieſe Erinne:
rungen erſcheinen bier in bebeutenden
Zügen dargeftellt. Aber von wahrhaft
entzüdender Schönheit find die vor
Ausbruch der Revolution entjtandenen
politifchen Dichtungen Vorboten. ©.
60—68, wo er mit echt bichteriicher
Kunft das Bild unferes guten Kaiſers
Ferdinand vor uns entftehen läßt. Er
preift ihn „dem's faft gelang, durch)
Milde zu verjöhnen“.
„Weil alle Wirklichkeit zu arm für deinen
Drang zu helfen,
Verliehen deinem Königsarm Heilkräfte milde
Elfen;
Ein offner Kelch ward deine Hand, drein
güt’ge Feen giehen
Die Wellen Golds, die dann vom Mand
verſchwendriſch überfließen.“
Aber umſonſt. Bei aller Güte des
Kaiſers verfällt das Reich und das
Volk iſt unglücklich.
„Leg' auf fein Haupt die Königshand, heil-
fräftig nod zur Stunde,
Senf an fein Herz dein laufhend Ohr, da
pocht dir ſolche Kunde:
28*
„Ih knirſch' im Born ob deines Reichs “|
rühmlihem Berfallen,
Das ragen könnte body und ftart, der Stolz
und Preis von allen !" — —
„D önnt' an Fürftenmilde nod ein Bölfer-
herz gefunden,
Benefen wäre ſchon dein Bolt und längft
vernarbt die Wunden,
Seit du den Ahnenthron beftiegft in liebli-
chem Geleite:
Die Gnade rechts, Verzeihen links an ſchöner
Herzensſeite,
Drum ſchaare, Herr, um deinen Thron, in
deiner Fürſtenhalle,
In ſchöner Gliedrung deines Volks Vertreter
Alle, Alle!
Dann weht im Baldachin ob dir ein Säuſeln
und ein Mahnen,
Als ſteh' die heilge Linde hier, wo einſt getagt
die Ahnen.“
Aus der Reihe all der „Zeitklänge“
lacht uns auch der herrliche „Feſtgruß
zum Schützentag in Wien 1868“ ent—
gegen, der wohl noch vielen Tauſenden
lebhaft in der Erinnerung lebt, wenigſtens
die Wirkung, die er hervorgebracht.
Wie uns damals die Worte ergriffen:
Sie hat den Feſtſchmuck angethan, die Kränze
grüner Reiſer,
Berjüngt vom Lenzhauch neuer Zeit, die alte
Stadt der Kaiſer!
Bon ihrer Mauerfrone weh'n die Blumen
und die Bänder,
Den Leib umflieht in Faltenpracht das reichte
der Gewänder.
Eie ſchwingt das alte Banner hoch in matel-
lofer Reinheit.
Das alte Schwarzrotbgold ift noch der Hort
der Volkeseinheit.“ —
Mit dem herrlichen, hinreißenden
Schluß !
Man that Unreht, wenn man
Auersperg beutich = Öfterreichifche Ge—
finnung abſprach und ihn „preußiſcher“
Tendenzen beichuldigte. Er erkannte
die Senbung des deutſchen Elementes
in Defterreidhh ganz genau und mußte
wohl, daß in ihr eine Lebensfrage
der Monarchie enthalten ift. Der
Deutihe hat den Nationen dieſes
436
Reiches den Mittelſtand gegeben, ber
ihnen fehlt, und ihnen Bildung und
Gefittung gebracht. Durch ihn find
fie ein Ganzes. Kein treuerer öfter:
reihiicher Unterthan als der Deutiche
in Böhmen, Ungarn oder Siebenbür:
gen, fo lange er ein Deutjcher iſt;
wie er fi entnationalifirtt, wird er
zum jchlimmften Gegner der Staats:
einheit, wie alle Profelyten bie Er:
treme lieben. Es ift fein Zufall,
fondern eine Nothwendigfeit und eine
Wohlthat für Defterreich’3 Völker, daß
an ihrer Spite ein deutjches Herricher:
haus fteht. Ohne ungerecht gegen an:
dere Nationalititen zu fein, foll es
deutſche Bildung ſchützen und pflegen,
zum Mohle Aller. Im Klaren Er:
fennen dieſer Aufgabe liegt das Große,
das die Melt an Kaifer Joſeph be:
wundert. Das hat Auerdperg wohl
erfannt. Wie jchon in den Spazier:
gängen, wies er auch jpäter immer
wieder auf Kaifer Joſeph zurüd. So
noch 1871 beim Grillparzerfeit. Das
fchöne Gedicht fteht in der „Veranda“
S. 93. Er führt da den Gedanfen
dur, daß auch in Grillparzer jofephi-
niſcher Geift fortlebte. Er jei geboren
furz nach Joſeph's Tode:
„Kaum im Fürſtenhaus gebrodhen war das
Der; dem Habsburgfohne,
Der ein Bürger war im Purpur, der ein
Meifer mit der Krone,
Ienes Herz, das für fein Deftreid,
für die Menfchbeit auch gefdlagen,
Das in ſich fo viel der Liebe, doch auch bittern
Leid's getragen.
Seine Sterbenshaude mwehten falt
noch auf dein Wieglein nieder,
In dein Schlummerlied, o Meifter, klangen
nody die Trauerlieder.“
Er erinnert an den Moment, da
Grillparzer Radetzky zurief: in deinen
Lager it Defterreih! Da fällt ihm
der ſeitdem eingetretene „Dualitmus“
ein und er ſagt mit tiefem Schmerz:
„Jenes Saatforn ward zertreten, jene Stapfen
längft verfchüttet,
Ein zerbrochner Banberfpiegel
liegt der Heimat Bild zerrüttet.
437
Still davon, o ftill! wenn Liebe heit're Feſte
geht zu feiern,
Wil fi ziemen, Trauerbilder zu verhängen
tief mit Schleiern!“ —
Daraus wird man wohl erfennen,
daß der Dichter als Dejterreicher fühlte.
Wie er die Aufgabe der Deutjchen
auffaßte, die unter andern Nationali:
täten leben, jehen wir in dem Gedichte
an bie deutſchen Studenten in Prag
(1873) S. 97. Er mahut fie, das
Erbe der Eultur zu wahren. Es jei
ihrer Hut anvertraut, aber nicht nur
für Einen Volksſtamm beſtimmt:
„Deutſch fein heißt: offene Freundes:
arme für alle Menjchheit ausgejpannt ;
im Herzen doch die ewig warme, bie
einziae Liebe: Vaterland!”
Noch gar Manches wäre hervorzube:
ben aus den Zeitklängen. Ich gedenke nur
noch des Prolog! zu einer Akademie
für das Schiller-Denfmal (1869), ©.
89. Dort führt er aus, wie Schiller
einft als Flüchtling feine Heimat ver:
laſſen, von Fürften » Ungunft bedroht,
eingehen wollte, wie viel gäbe es noch
hervorzuheben aus den „Bildern und
Geitalten” S. 241—307! Hier be-
ſonders tritt glänzend hervor Die
Plaftit und Lebendigkeit der Geftalten,
die wir in Aueröperg’3 Gedichten finden,
3.2. in den prächtigen Bildern Gnei—
jenau in Erfurt, ober in Kabinetftüden
wie: Querjad, wo er einen Bettelmönd
ſchildert, der fih auf einen Meilen:
ftein jeßt und fi vom Schweiß bie
blanfe Glage rein wiiht, um in
Träumereien zu verfinfen. — Wunderbar
durchgeführt ift das Bildchen „Ein
Liebesbote”, ©. 291. Ein Mädchen
beichtet, ihr Geliebter fei ala Mäbchen
verkleidet zu ihr gefommen. Sie bittet
den Mönch, daß er ihm jage, er
möchte das nicht mehr thun unb daß
es ihm das Ninglein zurüdgebe, das
fie von ihm erhalten. Der Mönd
überbringt die Botjchaft und der Ge:
liebte erfennt darin die Lift des Mäb-
hend, die ihm auf dieſe Weiſe ben
Meg zeigt, zu ihr zu kommen. Er be-
und wie er zulegt in der Fürſten- folgt den Winf und bie Liebenden
gruft zu Weimar fein Grab gefun:
den! So jei in Defterreich auch einft
fein Geift, wie ein Berbannter, auf ver:
hülltem Pfad geirrt, dem jet ein Denk:
mal vor allem Volk erfteht in Wien!
Die nächſte Abtheilung enthält So:
nette, unter denen beſonders hervorzu:
heben die ergreifenden, die an Lenau ge-
richtet find, alle jhon an ben bereits
Wahnfinnigen. — Noh wäre Manches
zu jagen über die Sprüche ©. 149 bis
158, über die Dichtungen aus Krain
©. 169—184, aber die Palme ge:
bührt den rein dichterifchen, meift epi-
ſchen Dichtungen, die den Schluß. des
Buches bilden, von S. 191 bis 307.
Boran fteht der Herrliche Romanzen:
cyclus auf Prinz Eugen, aud ein
Stück öſterreichiſcher Geſchichte und
eine wahre Bereicherung unſeres hei—
miſchen Romanzenſchatzes. Ein ähn—
licher Eyclus ergreifender Zeitbilder
zur Geſchichte Oeſterreich's iſt der
Tambour von Um S. 221 — 238.
Aber wenn man auf alles Einzelne
find glüdlih. Der Mönd in feiner
Belle blidt Abends hinaus zu bei
Sternen und wie Roſenſchimmer jpielt
ein Lächeln ihm um's Geſicht:
„Bleibt nur in dem Wahn, ihr guten Kinder,
Daß ich nichts errieth, ein Blöd’ und Blinder !”
Erhebend und Höchft anziehend ift
„Ein Dichterhaus“. Es mahnt
diefe Dichtung wohl an Schiller, ob:
wohl es eigentlih mehr den Dichter
überhaupt barftellt. Er ſchrieb mir
darüber den 24. October 1875: „m
„Ein Dichterhaus“ ift wirklich
Schiller und deſſen Geburtshaus in
Marbad gemeint; aber es ift auch
auf bie jpäteren Wohnftätten Bezug
genommen. Bei der Zuſammenfaſſung
örtlich fo verſchiedener Lebensmomente
in den Rahmen einer bejtimmten Lo:
calität würde bie ausbrüdlichere Hin-
weifung auf Schiller nicht zutreffeud,
vielmehr beirrend fein; ich z0g es
daher vor, Ueberſchrift und Tert mehr
allgemein zu halten, ein Dichterſchick⸗
jal als folches, nicht aber das einer
438
bejtimmten bichterifchen Perfönlichkeit | die für den König gefallen, bier ge:
zu Schildern“. Sch denke, daß dieſe floffen ift; die Bloufenmänner jagen:
Abficht des Dichter volltommen ges | hier find die Volksmänner gefallen
rechtfertigt ift.
Aber
für unfer Recht; davon blüht ber
id muß nun fchließen. | Baum.
|
Ein Bericht über ein jo reidhhal- „Sie wähnen jede Ader des Baumes über-
tige8 Büchlein kann nicht Alles be:
ſprechen, was beſprechenswerth ift!
Nur auf Ein Gedicht will ih noch Hin-
mweijen, das den Schluß bildet: „Ein
Baum“! — Schön menschlich, hoch über
allen Parteien ftehend, nimmt bier
der Dichter Abjchied von und. — Er
betrachtet einen jchönen blühenden
Kaftanien-Baum im Tuileriengarten.
Die Edelleute jagen von ihm: er blühe
jo jhön, weil das Blut von Edelleuten,
boll
Geträntt mit ihrem Hader, mit ihrem Zwiſt
und Groll !
Dod Er, o mildes Taufchen! er läßt ihr
zürnend Weh'
Im Blätterfrang verraufchen, verweh'n im
Blüthenfchnee.
Verraufhe und verwehe fo unfer Reid und
Streit!
Den Blüthenkranz nur fehe davon die Enkelzeit.
Bon einem vergeffenen Vichter.
Ein Literatur. und Lebensbild aus vergangenen Tagen.
Von Dr. Anton Schloßar.
I.
Darauf, daß Kalchbergs poetifches | von Ritterfchaufpielen zu Folge gehabt ;
Talent vor allem in der dramatifchen
Geftaltung mwurzelte, habe ih jchon in
bem erſten Auffate über dieſe bebeu-
tende bichteriihe Kraft Steiermarfs
aufmerkſam gemadt. Es ift bekannt,
daß bie fchönften Erzeugniffe der dra—
matifchen Literatur Deutichlands in
das letzte Drittel des achtzehnten Jahr:
hunderts fallen, alle diefer Erzeugnifie
überhaupt, welche irgend einen bebeu-
tenden Einfluß auf das Literaturleben
ber Folge ausgeübt, in die zweite
Hälfte des genannten Jahrhunderts.
Hieher rechne ich vor Allem Leſſings
muftergiltige Meifterfchöpfungen: „Min-
na von Barnhelm”“, „Emilia Galotti“,
„Nathan der Weiſe“; Goethes edelſte
Dramen, insbejondere „Iphigenia“
und „Taſſo“, und Schiller? „Don
Carlos“, ſowie die demjelben folgen:
den Schaufpiele des geliebteften aller
beutfchen Dichter. Der „Götz von
Berlichingen“ des Altmeifterd Goethe
mit den Romanen von Spieß, Vulpius,
Cramer u. A. erfchienen von dieſen
Verfaſſern Ritterftüde der verjchieden:
ften Art, und ber Geſchmack des Pu—
blitums begann ſich ganz biefer „Rit-
terliteratur” zuzuwenden. Das Thea:
terpublitum fannte nah dem Er:
ſcheinen des „Götz“ nichts Feſſelnderes,
als die Darſtellung kühner Abenteuer
und Schickſale ſeiner ritterlichen Ah—
nen auf der Bühne und dieſe eigen—
thümliche Geſchmacksrichtung hatte ſich
lange Zeit erhalten.
Es iſt begreiflich, daß unter ſolchen
Umſtänden ein wirklich begabtes Talent
doppelt Aufmerkſamkeit erregen mußte,
welches, obgleich ſeine dramatiſche
Richtung in dem erſchienenen Erſtlings⸗
werke eigentlich dahin zielte, aus dem
Leben der vaterländiſchen Vor—
fahren wirkliche Vorgänge poetiſch zu
geſtalten und auf die Bühne zu brin—
gen, in ber Zeit doch auch weit zurück—
hatte aber auch zugleich eine Unzahl griff und dem momentanen Leitge:
439.
ihmade, ohne unfinnige Worgänge
und Begebenheiten zu erdichten, voll:
fommen Rechnung trug.
man auch den damaligen Zujtand ber
Schauſpieldichtung in Defterreich ſelbſt
zu erwägen und zu bebenfen, baß ge:
rade Dramatifer unter ben hervor:
ragendften Dichtern der Monarchie,
(ih nenne etwa Denis, Maitalier,
Blumauer), jehr jelten anzutreffen
waren, wie man ja die poetiſche Kunft:
gattung des Drama’ in Wien, dem
Gentralpunft des öfterreichiichen Kite
raturlebens überhaupt faft ganz ver:
nadhläffigte, Talente der älteren Leit,
wie Ayrenhoff und jelbit Gollin aber
in Scherz und Ernſt ihrer Stüde
nichts Feſſelndes mehr darboten..
Es war im Jahre 1786, als in
Graz das Schaujpiel Kalchbergs: „Ag:
nes Gräfin von Habsburg“
erſchien. Der Dichter, damals erft
21 Jahre alt, entfaltete in diefer Jugend:
arbeit, — hatte er doch ſchon im 19. Le:
bensjahre den Plan dazu entworfen, —
eine überrafchende dramatifche Kraft.
Der Stoff zu dem Stüde, das jpäter
unter dem Titel: „Wülfing von
Stubenberg“ umgearbeit erjchien,
war der SHeimatsgejchichte entlehnt,
biftorifche Forſchungen, die ſchon der
Süngling jo gern betrieb, als jpäter
der ernite, gereifte Mann, waren ge:
hit mit wenig phantaftifher Zu-
gabe vermengt, benüßt und jo dem
Dichter ein farbenreiches dramatiſches
Gemälde gelungen.
Dies erfte Stück Kalchbergs ſchon
kam auf die Bühne nd gefiel aus:
nehmend wohl. Man war über das
ih in einem Landsmanne fundgebende
Talent überrafht und jah der Ent:
widlung besjelben mit Spannung ent:
gegen. Diefe Entwidlung jollte auch
nicht fange auf ſich warten laſſen. —
Kaum zwei Jahre fpäter erichienen
„DieTempelbherren“, eine brama:
Dazu hat
überhaupt das erjte bramatijche Ge:
dicht von Bedeutung, welches in der
Steiermark entjtanden ift) hat ſich fein
geringeres Vorbild genommen, als ben
großen Schöpfer des „Nathan“ jelbft,
ohne daß natürlich damit gejagt fein
ſoll, Kalchberg habe dieſen gerabezu
nachahmen wollen; die Zeichnung der
Scenerie jedoch, einzelne Züge in den
vorgeführten Charakteren und die
Gruppirung des Ganzen weiſen darauf
hin, daß der Steiermärker ein wür—
diger Nachfolger ſeines Vorgängers
geworden. Eine Inhaltsangabe möge
die Fabel des Stückes klarlegen,
welche um ſo kürzer ſein kann, als
auch hier der ſtreng hiſtoriſche Boden
nirgends verlaſſen iſt. Der Groß—
meiſter des Ordens der Tempelherrn,
Jakob von Molai, und fein Verhält—⸗
niß zu Philipp dem Schönen, der be—
kanntlich den ritterlichen Templer den
Flammen des Scheiterhaufeus über:
antwortete, bildet die eigentliche ge—
ſchichtliche Grundlage dieſes drama—
tiſchen Bildes. Molai ſtößt Alles
zurück, was ihn den Satzungen ſeines
Ordens abwendig machen will, ſelbſt
die Liebe der Tochter des Königs
Blanca vermag ed nicht, ſeine Stand⸗
haftigfeit zum Wanfen zu bringen.
Den Gegenjag zu den beiden edlen
Charakteren Molais und Blancas bildet
der charakterloje Kanzler Wilhelm von
Nogaret; um jeden Preis will dieſer
die Templer ins Verberben ſtürzen —
der Verräther Noffo Dei, ein ausge—
ftoßener Tempelritter, der um jchnöben
Gewinn feine früheren Gefährten und
Freunde ind Unglüd ſtürzt und
die buhleriihe Mathilde, Nogarets
Tochter, des Königs Geliebte, welche
ihr Auge deſſenungeachtet auch auf
Molai geworfen und da er alle ihre
nur allzudeutlichen Anträge zurückweift,
grimmen Haß und Tod dem Gegen:
ftande ihres Verlangens geſchworen
tiſche Arbeit, in der uns bes Dichters hat. Die in den drei genannten Per—
Talent ſchon geklärt unb gereift ent: 'fonen verförperten böjen Gewalten
gegentritt.
Dieſes in Jamben ge— vereinigen fih zum Sturze bes Groß:
ſchriebene dramatiſche Gedicht (es ift | meiſters und jeiner
edlen Schaar.
440
Molai wird in ben Kerfer geworfen,
jeine große Seele weiſt die Rettung
aus demjelben, welche ihm noch Blanca
zu Theil werden laffen will, edel und
ftolz zurüd, Mathilde hat unterdeſſen
Alles daran gejegt, den König zur
Unterzeihnung des auf Scheinbeichul-
bigungen und auf das faliche Zeug:
niß Nogarets erlafenen Todesurtheiles
zu veranlaffen ; lange ſchwankt Philipp,
endlich unterliegt der gute Genius in
ihm und Molai endet auf dem Scheiter:
haufen, in befjen Flammen Mathilde
aus dem Fenfter hohnlächelnd und
ſchadenfroh blidt. Blanca aber, un:
fähig al’ das Grägliche zu überleben,
tödtet fich ſelbſt, man findet fie
durchbohrt von jenem Schwert,
Mit dem ihr Molai einft auf der Jagd
das Leben rettete, und das er ihr,
Nah ihrem Wunfh — zum Angedenten
ſchickte.
„Die Tempelherren“ waren es ins—
beſondere, welche Kalchbergs Namen
weit außerhalb ſeinem Vaterlande be—
kannt machten und auch Deutſchlands
Aufmerkſamkeit auf das gewaltig an:
gelegte Talent lenkten.
Deſſenungeachtet verließ der Dich:
ter nicht den eigentlihen Boden, in
dem alle jeine Produfte murzelten,
den heimifchen Boden des Vaterlandes
nämlid. Schon das nächſte Stüd,
welches er verfaßte, gibt Zeugniß hie:
von. „Die Grafen von Eilli,
Eine Begebenheit der Vorzeit” benennt
er den erften 1790 erjchienenen Theil
eines in zwei Abtheilungen geglieder:
ten Dramas, welches uns zwei Haupt:
figuren, des einft jo glänzenden eblen
Geichlehtes und ihre Schickſale vor:
führt, die in der That fo unendlich
viel zu einer dramatifh bewegten
Handlung darbieten. Die zweite Ab:
theilung der „Grafen von Eilli” er:
Ihien drei Jahre jpäter als die erſte
und beſchloß mit dem Tode des legten
jener jtolzen Edlen die dramatifirte
Gefhihte der Eillier Grafen. Wie
zeihnung ber Geftalten vortbeilhaft
bemerfbar, befonder8 das erfte Stüd:
„Friedrich, Graf von Cilli“, ift ein
Mufter in dieſer Beziehung. Ohne
bie hiftorifche Treue zu verlegen, weiß
der Dichter den Gang ber dramatiſchen
Handlung feilelnd zu geftalten und
im bunten Wechjel der Scenen ben
Grundton doch immer durchklingen zu
laſſen. Anfänglid Hatte Kalchberg
mit dem Erſcheinen diejes erften Theiles
der „Grafen von Eilli” gar nicht be—
abfihtigt, ein Schaufpiel zu ſchaffen
und daher auch die Eintheilung in
11 Abjchnitte getroffen, mie fie fich
in der erften Ausgabe findet. Aber
die Begabung, welche in ihm ſchlum—
merte, hatte beinahe unbewußt ein
wirkliches dramatiſches Gemälde ge:
ihaffen, da8 den Leſer und ben Hörer
zu fejleln weiß. Der Inhalt des
Ganzen ift, wie erwähnt, biftorifch, in-
wieweit er allenfall3 von der Ge
ſchichte abweicht, möge derjenige, wel-
cher mit berfelben vertrauter ift, aus
einer furzen Inhaltsangabe entnehmen,
die zugleih für den, welchen mehr
die poetiſche Seite des Schaujpieles
interejfirt, al3 eine gebrängte Zujam:
menftellung der wichtigften Vorgänge
dienen fann.
Friedrich iſtder Sohn Hermanns IL.,
Grafen von Eilli, eines fehr herrſch—
ſüchtigen, ehrgeizigen Mannes, der auf
den Ruhm und Glanz feines Ge:
ichlechte8 und nur auf dieſen allüber:
all bedacht ift. Ein Liebesverhältniß,
das Friebrih mit Veronika von Deſſe—
nig, einem Mädchen aus dem niederen
Adelsftande, Schon lange fortführt, hat
daher feine Ausfiht, von dem Vater
gebilligt zu werben und ba es ziem:-
lich gewiß ift, daß Hermann nie feine
Einwilligung zu einer Verbindung ge:
ben werde, jo heiraten Friedrich und
Veronika heimlich und leben zufammen
auf dem Schloſſe Gurkfeld, doch nicht
jo verborgen als Friedrich glaubt,
defjen Feind, der Ritter Jobſt von
in den früheren Dramen, jo macht | Helfenberg, Alles ausgefundichaftet hat.
ih aud hier die treffliche Charakter: | Yndeffen werben große Feſtlichkeiten
441
auf der Burg Eilli zu Ehren der An:
wejenheit von Hermanns Tochter, der
Königin Barbara von Ungarn ahge-
halten. Barbara, eine troß ihres
hohen Ranges verworfene niebrige Na:
tur, die der Dichter eigentlich noch
glimpflicher behandelt, als jie die Ge:
ſchichte darftellt, erfährt von der Ber:
mählung Friedrichs und ihr Haß trifft
vor Allem Beronifa; auch Hermann
mwüthet und verlangt die Trennung
biefer Ehe. Friedrich wird in ben
Kerker geworfen. Unterdeſſen jucht
Beronifa verfleibet von Gurkfeld zu
entfliehen, wird aber von Jobſt von
Helfenberg erreiht und im Einver:
ſtändniß mit Barbara auf dem Schloſſe
Dfterwig gefangen gehalten. Ein
Fteund Friedrihs, Jakob von Edling,
befreit jedoch, indem er das or:
gehen Hermanns uud Barbara’s gegen
Friedbrih befreundeten‘ Nittern des:
jelben mittheilt, dieſen im Xereine
mit den Rittern aus dem Kerker.
Alle eilen nun nach Oſterwitz. Eben
will Jobſt von Helfenberg die Vero—
nifa zwingen, einen Becher mit Gift
zu leeren oder fih ihm zu ergeben.
Zur rechten Zeit ift Friedrich einge:
troffen. Auh Hermann trifft auf
dem Schloffe ein, die Nachricht von
dem Tode jeine® zweiten Sohnes
Ludwig bat ihn mild und gefügig
gemacht, er verzeiht Alles und Bater,
Sohn und Schwiegertochter find ver:
jöhnt. Aber die wüthende Barbara
erſcheint verjchleiert und unerkannt
in der Verfammlung und gerabe nad)
dem Hermann Friedrih und Veronika
gefegnet und mit den Worten: „Dies
mein Wunſch — mein Segen!” ge
endet, tritt die ruchlofe Königin her—
vor und ftößt Veronika einen Dolch
in die Bruft mit dem Ausınfe: „Und
dies die Mitgift einer Schwägerin !“
„Barbara von Eilli”, ruft fie dann
aus „rettete die Ehre ihres Stammes“
und geht davon, während e3 Niemand
wagt, fih ihr zu mähern. Dies bie
beiläufige Inhaltsſkizze des „Friebrich |
Graf von Eili”.
| raktere
Auch in dem zweiten Drama:
„Ulrich Graf von Eilli”, ſpielt die
jelbe Barbara, von deren lafterhaftem
Leben alle Schriftfteller ihrer Zeit
genug zu erzählen willen, eine Haupt:
tolle. Der Kampf Ulrih3 von Eilli
mit Labislaus und des Grafen Unter:
gang ift in diefem übrigens ebenfalls
ganz jelbftftändigen Drama gefchilbert.
Barbara, welcher ihr Neffe Ulrich
niht den Schu gewährt hat, ben
fie, au8 dem Klofter entflohen, von
ihm verlangte, reizt unter der Maske
einer Zauberin den Hunyaden Zabis-
laus Corvinus gegen Ulrih auf. Doc
wird berjelbe von dem Grafen ge:
fangen, freilich fol er noch in der
Gefangenschaft auf Anrathen Barbara's
Ulrichs Gemahlin, in die er heftig
entbrannt, eutführen, Ulrich jelbit aber
hindert ihn hieran. Den Schluß des
Ganzen bildet die Ermordung Alrichs
durch Verfchworene, an deren Spiße
Ladislaus fteht, abermals durd Bar:
bara, das böje Weib verblendet und
gegen den Grafen von Eilli aufgefta:
chelt, welcher, der legte des edlen Stam-
mes auf fo traurige Weife um’3 Leben
fommt. — Leben und Wärme zeigen
alle Geftalten in Kalchbergs „Grafen
von Eilli”, man fühlt e8, daß man
e3 mit Weſen zu thun ‚habe, die eri-
firen und die der Dichter oft mit
wenigen Strichen meifterhaft entworfen
bat. Die Sprache ift fräftig und da—
bei den Situationen angemeſſen.
Die deutſche Kritik ſprach ſich
ſchon nach dem Erſcheinen des erſten
Theiles der „Grafen von Cilli“ rück—
haltslos günſtig über das Talent
Kalchberg's aus, welches auch in keinem
der bisher erſchienenen Werke ſo zwei—
fellos zu Tage getreten war, als hier.
Eine kritiſche Stimme*) erklärte:
„Man kann dieſes Stück als ein
dramatiſches Gedicht anſehen; beſon—
ders da die Schilderung der Cha—
trefflich, die Sprache dem
*) Oberdeutfche allgemeine Literaturzei-
|tung vom Jahre 1791. CXU. Stüd,
442
15. Jahrhundert anpafjend und über: | hervorragendfte Leiftung des achtzehnten
all das Coſtüm beobachtet worden ijt.“
Wenn ich jelbft heute noch eine Mei-
nung faflen und hier niederlegen darf,
jo jei es die, daß durch eine Umarbei-
tung in Verſe auch die „Grafen von
Cilli“ unendlich viel gewonnen hätten
und den übrigen dramatiſchen Gebich-
ten bes Dichters nicht nur ebenbürtig
angereiht werben fünnten, jondern bie
meiften berjelben noch — da Kalchberg
die Sprade ganz in feiner Gewalt
hatte und den Vers (wie wir gejehen)
leicht und glatt handhabte — an poe—
tiſchem MWerthe weit übertroffen
hätten.
Ich übergehe nur in ber Zeitfolge
einige dramatiſche Arbeiten des Dich:
ter3, auf welche zurüdzufommen,
ih weiter unten Gelegenheit bieten
wird, um jogleih auf des Pichters
beftes Werk hinzumeifen, nämlich auf
das im Jahre 1796 im Drud erjchie-
nene, ſchon auf dem Titel als „dra—
matiſches Gedicht“ bezeichnete Schau:
jpiel „Die deutſchen Ritter in
Accon“ (VIL, ©. 117, umgearbeitet
und mit dem Titel „Bertram von
Dietrichftein”“ verfehen).
„Die deutſchen Ritter in Accon“,
jagt eine zur Zeit des Todes Kalch—
berg's erjchienene Beiprehung des Dich—
ter8 und feiner Werfe*), „bilden den
Culminationspunft feiner dichterijchen
Plaſtik“.
Dieſes Drama hängt nun freilich
nur loſe mit der Geſchichte des Heimat—
landes zuſammen, da die eigentliche
Begebenheit, welche das Stück darſtellt,
zu Accon im Jahre 1291 zur Zeit
des letztes Kreuzzuges vor ſich geht,
und die ganze Fabel beruht diesmal
nicht auf ſtreng geſchichtlicher Grund—
lage, ſondern iſt eine Erfindung dich—
teriſcher Schöpferkraft.
Oeſterreichs dramatiſche Literatur
hat jedenfalls in dieſem Stücke die
*) Steiermärf. Zeitſchrift von 1827, in
dem von Prof. Appel verfahten „Nekrolog“.
Jahrhundertes aufzumeijen, das ſowohl
in technifcher, als auch in poetifcher
Beziehung allen Anforderungen ent:
jpriht, die man an ein bühnenge-
rechtes und dabei ohne Effecthafcherei
von tiefer Empfindung belebte8 bra-
matiſches Gedicht ftellen kann.
Eine Inhaltsſkizze mit eingefloch:
tenen charafteriftiihen Scenen, fo
weit fie der Raum zu geben geftattet,
wird dieſe Bemerkungen deutlicher
machen.
Bertram don Dietrichftein, ein
fühner Nitter des deutſchen Ordens,
befindet fich im deutſchen Haufe zu
Accon und nimmt von dort aus Theil
an den Kämpfen gegen die Türken,
indem er Wunder von Xapferfeit
übt. Aber ein tiefes Leid trägt er
in feinem Herzen, Ida von Kheven:
hüller, welche er mit aller Gluth
jeines Herzens noch in der beutjchen
Heimat geliebt, ift, während fie ihm
Hoffnung auf ihre Liebe gab, mit
Wilhelm von Seinsheim entflohen.
Doh die Neue kam über Beide und
fie ziehen als Pilger in's heilige Land.
Hier treffen fie mit Bertram zuſam—
men, ber in einer ſchönen Scene, in
welcher fie ſich gegenjeitig erkennen,
Alles vergibt. Unterdeſſen hat Ber:
tram Emma, die Geliebte des Sultans
Khalil, welche von einer Rotte gemeiner
chriſtlicher Reijigen verfolgt wird, geret=
tet, und jendet fie in's Türkenlager ohne
Löſegeld zurüd.
Der Sultan, dem Emina zurüd:
gebracht wird, jubelt über ihre Net:
tung, er erfüllt jogleih das Ber:
iprechen, welches das Mädchen dem
Nitter gegeben und gibt allen gefan-
genen Chriften die Freiheit. Leider
zweifelt er jedoch nicht ;lange darauf
an Emiend Qugend, die Bewunde—
rung, welche jie dem Ritter Ber:
tram offen zollt, verdächtigt das Mäd—
hen in des Sultans Sinn; darüber
empört, gibt ihm Emina ihre Verach—
tung Bund:
—
Emina hat Dir nichts — nichts mehr zu
ſagen.
Zerriſſen iſt das Band! — Ich haſſe Did.
Dein Anblick ſei auf ewig mir verächtlich.
Du mähnft vielleiht, es fürdte ſich die
Sklavin ?
Wer vor dem Tod mit bebt — verladht
Thrannen.
Und wollte Khalil Sultans Macht aud je
An mir verüben — gut; dann wird ein Dold
Mit meinem Blute fein Gelüfte fühlen.
Der Sultan nimmt alle Verfpre:
Hungen, die er gemacht, zurüd und
läßt den Befreiten nacheilen, gleich:
zeitig machen die Chriften einen Aus:
fall, Wilhelm wird gefangen und vor
Khalil gebracht. Bertram eilt ihm
nad. Eine lebendige Scene jchließt
den Act.
Bertram (inner der Scene):
Ad, Wilhelm! Wilhelm !
Khalil:
Melde Stimme? Bord... .!
(Bertram erfdeint)
Ha! bift Du da, verruchtefter der Deutſchen!
(Stürmt auf ihn loß).
Bertram:
Halt, Sultan! Eh’ ein Wort — dann fteh
ih Dir.
Mein Freund ift Dein Gefangener , gib mir
Ihn frei, ich biete taufend Sarazenen.
Khalil:
Auch nicht um Hunderttaufende.
Bertram:
So ſei's!
Das Löfegeld ift —
Bertram !
Khalil:
Voraus mit Dir; er folge bald Dir nad. —
(Er ftürzt auf ihn los, fe fümpfen. Bertram
wirft den Gultan zu Boden und jept ihm
das Schwert an die Bruft.)
Bertram:
Ergib Did, Sultan!
(In diefem Augenblid eilt Omar mit mehre-
ren Sarazenen hervor; fie entwaffnen ihn.)
Khalil:
Sklave! Da Dein Sigg.
Mit taufendfahem Zode ſchlacht' ich morgen
Auf Aecons Trümmern Dich und Deine Hunde.
Bertram:
Verachtung Dir, marklofer Knabe!
Khalil:
Laß' mir ihn frei:
Ha!
(er haut nad) Bertram ; diefer fängt ihm den
Arm auf, reißt iym den Säbel aus der Hand
und ſchlägt fi durch; Alle eilen ihm nad.)
In Accon herrſcht großer Jammer
über die Gefangennahme der Ritter.
Ida klagt über den Berluft des Gat-
ten, da Bertram zurüdfehrt, iſt
die Ueberraſchung allgemein. da bit:
tet ihn, der jo viel vermag, den ge
liebten Gatten zu befreien.
Und Bertram’3 Ebdelfinn läßt es
nicht zu, weiter zu miberftehen, er
ſchleicht fih in’ Lager der Sarazenen,
dort trifft er Eminen; welche Ueber:
rafhung für ihn, als er in einem
Geſpräche mit ihr entdedt, fie jei —
Ida's Schweiter, ihr Vater jei ein
deutjher Ritter, Khevenhüller, gewe—
jen, bei Askalon hätten Sarazenen
ihre Mutter geraubt. Mit Hilfe Emi-
nens erfährt er nun die Loſung, es
gelingt ihm, den Sultan jelbft zu
rauben und nad Accon zu bringen,
gegen deſſen Auslieferung erhalten
Wilhelm und alle gefangenen Chriften
die Freiheit. Emina und Ida erfen-
nen einander nun als Schweitern,
Bertram gefteht Eminen jeine Liebe,
Khalil hat Eminend Flucht erfahren
und ftürmt wortbrüdig den Chriften
nad, noch erreihen aber alle bie
Schiffe und der Sarazenen Wüthen
ift vergebend. Damit jchließt das
Stüd, deſſen dramatiſche Lebendigkeit
ſchon in dieſer Inhaltsſkizze hervor:
treten dürfte, deſſen Gliederung ſich
daraus erkennen läßt.
Wie in den meiſten Dramen Kalch—
berg's, ſo iſt auch hier die Zeichnung
der Charaktere vortrefflich gelungen.
Wir ſehen in Bertram den kühnen
Ritter, der vor keiner Gefahr zurück—
bebt, ein Bild echter Männlichkeit,
begeiſtert für den Dienſt, dem er ſich
gewidmet hat, und doch mit einem
Herzen voll Milde und Güte. Ber—
tram's Geſtalt belebt, wo ſie auftritt,
ſie wirkt auf den Zuſchauer wie eine
Erſcheinung aus einer beſſeren Welt;
er erhebt, ermuntert in dem Drama
überall, wo er ſeinen Einfluß geltend
macht. Dieſer Heldenfigur gegenüber
ſteht Emina, die zarte Frauengeſtalt,
welche trotz aller Unterwürfigkeit dem
444
Sultan die ganze Macht ebler|zum Vorwurfe; in der Umarbeitung,
MWeiblichfeit fühlen läßt. Das reuige | welche verfificirt ift — zuerft erfchien
Paar, Wilhelm und Ida, gibt Ber: es in Profa — erhielt e8 eine ganz
tram vielfach Gelegenheit, feine Her:
zengeigenfchaften im glänzendſten Lichte
zu zeigen, Wilhelm ſelbſt wird ber
Freund Bertram’3 und ift ihm treu
ergeben, Ida, von der fi ja bie
Liebe Bertram’3 gewandt, büßt ihr
Vergehen bitter genug, um jo tiefer
fühlt fie ihre Schuld, als fie in Ber:
tram den Einzigen fieht, ber den Gat—
ten retten kann und dieſe Rettung
auch wirklich unternimmt.
Es ift daher auch begreiflich, daß
„Die deutſchen Ritter in Accon“ auf
den Bühnen de3 In- und Auslandes
mit großem Beifalle aufgeführt wur:
bei, daß eine wichtige kritiſche Stimme*)
erklärte, daß „unter den ziemlich ma-
geren Geiftesproducten, die jeßt zu
Mien von Zeit zu Zeit erjcheinen,
biefes Gedicht jehr vortheilhaft her:
vorragt”, daß „Alles, was man dar:
über zum Lobe des Verfaſſers jagen
könnte, für Diejenigen, die das Stüd
nicht jelbft gelefen oder auf der Bühne
gut vorgeftellt gejehen haben, zu jchmei-
chelhaft jcheine”, daß die „ſchöne, reine
und durchaus richtige Sprache” und
viele andere Vorzüge dem Dichter
„unter ben beutichen Schriftftellern
wirklich einen claffifchen Rang” fichern.
Damit komme ich wieder auf die
der Zeit nach früher erfchienenen dra—
matifchen Arbeiten Kalchberg's zurüd,
die einen minder poetifhen Werth
haben dürften, als die bejprochene,
jevenfall® aber für die Entwidlung
im geiftigen eben bes Verfaffers und
auch andererſeits von Intereſſe er:
feinen. Hieher gehört zuerft „Die
Ritterempörung“, eine wahre Be:
gebenheit der Vorzeit, umgearbeitet unter
dem Titel: „Andreas Baumkircher“.
Das Stück hat ben fteierijchen
Nationalhelden Baumkircher und dei:
fen merkwürdige traurige Schidjale
*) In der fhon erwähnten „Oberdeut-
fen allg. Literaturztg.“, 1796. CLU. Stüd,
vom 2]. December, &. 1195.
veränderte Geftalt, und zwar zu fei-
nem Vortheile. Schon der Titel
weift auf den Inhalt Hin, wel:
her fi) wieder ftreng an bie hiſto—
riſche Ueberlieferung hält. Kalchberg
jelbft jagt in der Vorrede: „Die er:
findende Dichtkunſt gab nichts dazu,
als ein einfaches, wenig geſchmücktes
Gewand.*) In der Gefammtausgabe
geht dem Drama eine treffliche hiſto—
riſche Einleitung voraus, die viele
heute noch wichtige Detail® zur Ge-
ſchichte Baumkircher's enthält.
So plaſtiſch uns die Geſtalten
Baumkirchers, feiner Gattin Marga—
retha, ſeines Eidams Hanns von Stu—
benberg entgegentreten, ſo gelungen
die Figur des Kanzlers Riederer ſich
zeigt, ſo fehlt doch dem Ganzen jene
gewiſſe Abrundung, die bei den andern
früheren Stücken Kalchberg's zu Tage
tritt; auch die ſcharfe Charakteriſtik
vermiſſen wir hier, dafür hat der
Verfaſſer es an mehreren Bühnen—
effekten nicht fehlen laſſen, die ſich
jedesmal noch als wirkungsvoll er:
weilen. Warum bat ſich aber gerade
dieſe dramatiſche Dichtung vor allen
andern jo lange auf dem Repertoire
erhalten, während die andern Arbeiten
Kalchberg's unverdienter Vergeſſenheit
anheimgefallen ſind? Die Beantwor:
tung dieſer Frage iſt leicht. Das Bild
Baumkircher's iſt nach und nach von
dem Schleier der Sage umwoben wor:
den, er wurde, was uud bie ftrenge
Geſchichte darlegen mochte, zum Heros
feines Volkes, deffen Sympathie ihm
durch die Jahrhunderte hindurch zu—
gewendet blieb, in berjelben Stabt,
wo das Stück gegeben wird, jpielt
fih der blutige Schluß der ganzen
Begebenheit ab; wie erwähnt, ift
*) Ueber das ftreng Biftorifhe, Baum-
firder betreffend, eriftiren mehrere trefflicdhe
Arbeiten des Biftorifers Krones, insbejon-
dere „Andreas Baumkircher“. Gin Lebens-
und Zeitbild. Graz, 1869,
45
das Stück mit dramatiſchen Effecten
reich ausgeftattet. Grund genug, daß
Kalchberg's Baumkircher am wenigiten
von Kalchberg's Dramen in Vergeſſen—
heit gerathen ift.
Auh das folgende dramatiſche Ge-
dit: „Maria Therefia“, leidet
an verfchiedenen Mängeln, welche des
Dichters übrige Schaufpiele nicht auf:
zumweifen haben, insbejondere nicht bie
früheren Stüde. Welche Momente aus
dem Charakter der Regentin Kalchberg
in diefem Drama befonder3 hervorheben
wollte, zeigen bie Worte jeines Vor:
berichtes zu demjelben: „Wenn wir
die Gejchichte mit einem forfchenden
Blide durchgehen, fo fehen wir im
Spiegel der Vergangenheit zwar manche
große Frau, die durch Schönheit und
Geiftesgaben geflimmert und die Men:
als Geiftlicher der Fatholifchen Kirche
Ruhe und Schuß vor ſich jelbit, vor
feinem eigenen inneren Kämpfen gejucht,
aber nicht gefunden hat.) Es wäre
eine intereffante Aufgabe, die beiden
dem Inhalte nah gleihen Dramen
miteinander zu vergleichen, wiürbe aber
bier zu weit führen. Werner’3 Tra-
gödie, jo viel bemerfe ich, ift wild,
phantaftifch, zeigt das zerriffene Ge-
müth des Verfaffers; in Kalchberg’s
„Attila“ macht ſich des Dichters Ta:
(ent in ruhigerer, nur bier und ba
von den Ausbrüchen der Leidenfchaft
bewegterer Darftellung kenntlich. Kalch—
berg’3 Attila ift fein unedler Charakter,
der Schluß des erften Actes, da ber
Franke Hagano den Hunnenfönig er
morben will und dieſer dem Mörder
verzeiht, nimmt den Leſer, beziehungs:
ichen beherricht hat; aber mur felten | weile Hörer für den König nicht wenig
finden wir eine, bie von ber oft kargen ein. Ich führe ben legten Theil der
Natur mit einem alumfaffenden Ber: | Scene hier an:
fand ein gleich edles Herz empfing.
— Unter diefen Wenigen glänzt Maria
Therefia, wie der Mond unter den
Sternen. Dieje große Tochter Habe:
burgs beſchenkte die ewige Worficht
mit ihren drei größten Gaben: Schön:
beit, Weisheit und SHerzensgüte und
um ihr Meifterftüd zu vollenden, ſetzte
fie diefelbe auf einen der höchiten
Throne dieſes Erdenrundes, damit diefe
Tugenden befto heller ftrahlen und ber
ſpäten Nachmelt noch zum Mufter
dienen ſollen.“ Thereſias Geftalt tritt
auch in der That jo vortrefflich ge:
zeichnet, wie nur überhaupt der Dichter
feine Figuren zu zeichnen gewohnt war,
überall in glängendem Lichte hervor;
dem Drama als ſolchem aber fehlt troß
vieler lebendiger, ergreifender Scenen
die eigentliche Handlung.
„Attila, König der Hunnen“
benennt der Dichter das legte dramatiſche
Produkt, welches im Jahre 1806 er:
ſchienen iſt und fomit den „Deutichen
Nittern in Accon” folgte. Zwei Jahre
jpäter erfchien unter gleichem Titel eine
Tragödie von Zacharias Werner, jenem
wilden, ruhelojen Talente, das zuletzt
Hagano:
Was du verfagit, das will ich ſelbſt mir nehmen.
Frei fei Hagano, frei fein Vaterland.
(Er führt mit gezüdtem Dold den Stoß nad)
Attila's Bruft, der ihm raſch in den Arm fällt
und den Dolch entwindet.)
Attila:
Tolltühner Bube!
Dagano:
Grauſames Geſchick!
Attila:
Geſteh': wer dingte dich zum Meuchelmörder?
Hagano (entſchloſſen):
Die Liebe für mein Vaterland, die Menſchheit.
Attila:
Nicht auch der Römer Gold?
Hagano:
Solch eine Frage
Geziemet ſich nur für Thyrannenknechte.
Mein Haß iſt es, Despot, weil alle Völker
Du graufam unterjocheit, unerfättlich
Nach Leihen bungerft und nad) Blute düritejt.
Von dir die Menfchheit zu befreien war
Mein Zweck; er ift mir leider nicht gelungen.
Nun denn, auf deine Henker. — Süßer ift
Der Tod, als dies entehrend Sklavenleben.
*) Zacharias Werner hatte fpäter auch
Steiermark beſucht und im Jahre 1813 in der
BWallfahrtstirhe Maria Troft bei Graz gepredigt.
Attila:
So ſprech' ich jept dein Urtheil. — Attila,
Der ftet? nah PBlute dürftende Tyrann
Verzeiht dem Mörder, — ſchenket ihm die freiheit.
Sagano:
Thrann! Du glaubft, daß dein Geſchenk mich
rühre ?
Nimm es zurüd! ich kann nicht dankbar fein,
Kann meinen Haß in Liebe nicht verwandeln.
Den Tod ertrag ich, deine Großmuth nicht.
Aitila:
&o lohne denn mit Undank meine Gnade.
Dein Hak und deine Liebe find mir gleich.
(Wirft ihm verädtlih den Dolch vor die
Füße und gebt ab. Hagano fteht einige Augen-
blide betroffen da, rafft dann ſchnell den Dolch
auf, und eilt davon.)
Auch die Liebe des Hunnenkönigs
zu Hildegunden ift tief, und die Scene,
in welcher er Walther dieſe Xiebe
fundgibt, zeigt den ganzen leiden—
ichaftlihen und doch wieder mild ver:
jöhnlichen Charakter des Königs. Mit
wenigen Strichen weiß Kalchberg das
Berhältnig Walthers zu Hildegunden
zu zeichnen und jene Scene, in ber
a.
der Verſuch gemacht ift, in populärer,
allgemein verftändlicher Form hiſtoriſche
Begebenheiten, welche der Lanbesge-
jhichte entnommen find, durch eine
hübſche, anziehende Darſtellung einem
größerenLejerkreifezugänglich zumachen.
Der Verſuch gelang volllommen, Kalch—
berg’3 Erzählungen dieſer Art wurden
bald jehr beliebt bei Hoch und Nieder
und gehörten zu den in Defterreich ge:
lefenften Büchern dieſer Art. Heute
noh wird man fait alle Stüde mit
demfelben Intereſſe, mit demſelben Ber-
gnügen an der einfachen, Maren Dar:
ftelung durchlejen und wenn auch der
Beitgefhmad, für ben manches, 3. B.
der an manden Stellen etwas füßliche,
lüfterne Ton berechnet war, fi ge
wendet bat, jo wird doch ber Freund
einer hiſtoriſchen Lectüre — die auch
dem romantifhen lemente gerecht
werben will, bei der bunten Bilderreibe,
die der Dichter in diefen Skizzen vor:
Walther diefer feine Liebe erklärt, ift | führt, gerne verweilen.
eine der jchönften, welche ber Dichter
überhaupt entworfen.
Kalchberg hat nachher fein Drama
mehr geichrieben, der finnige Dichter
hat die Feder meggelegt, der ernſte
Geſchichtsſchreiber hat fie wieder er:
griffen, Forfchungen auf dem Gebiete
der Landesgefhichte, der Specialge:
ſchichte Inneröſterreichs waren es, mit
denen er ſich von nun an beſchäftigte.
Und dennoch ließ ſich der poetiſche
Drang im Imnern unſeres Dichters
nicht unterbrüden, auch die Nejultate
feiner jegigen Forihung mußte er,
wenn auch in fchlichter Proia, feilelnd
und anziehend zu geftalten und in
Strenger Hiftorifer ift Kalchberg
in ber vortrefflihen Arbeit: „Ur:
fprung und Berfaffung ber
Stände Steiermarfs“, die ich,
obgleich wir es hier mit dem Dichter
zu thun haben, doch zur Bervollftän:
digung ermähne. Diefe Abhandlung
bearbeitet ihren im Titel angegebenen
Stoff in Harer, lichtvoller Darftellung
an der Hand von vielen bis dahin
nicht befannt gewordenen Quellen und
gibt eine treffliche geichichtliche Ueber:
ficht des fteiermärfifchen Ständeweſens.
In der Gefammtansgabe findet fich
der Auffaß in V. ©. 3. — Freund—
lihe Landſchaftsbilder, durch hiſtoriſche
Form von Erzählungen und Schilde: | Ercurfe belebt, bietet endlich bie zuerft
rungen fanden auch biefe Arbeiten | im
„Aufmerkſamen“ veröffentlichte
Kalchberg's einen großen Leſerkreis. Neifefchilderung „Das Mürzthal“, in
„Hiftorifhe Skizzen“ betitelte der auch fo manches ſchöne Gedicht,
fi eine Sammlung ſolcher Erzählungen, | fo manche poetiſche Erinnerung an bes
die im Jahre 1800 erſchien. Er hatte | Dichters Jugendzeit enthalten ift. Im
bier eine Reihe von lesbaren, anziehen: | erften Theile der gegenwärtigen Dar-
den geſchichtlichen Erzählungen geliefert, | ftelung *) ſchon, anläßlich ber Bes
die großen Anklang beim — — des Jugendlebens Kalchberg's
fanden und insbeſondere dadurch au
für die Folge wichtig wurden, daß darin
) Im Februarheft des „Heimgarten“.
—
447
babe ih einige Stellen aus dieſer gere Arbeit „Ueber Urjprung und Bes
finnig=gemüthvollen Neifebefchreibung | Ichaffenheit der Urbarialabgaben in
citirt. nneröfterreich” (1818), die bes treff-
Die ſchriftſtelleriſche Thätigkeit | lichen hiſtoriſchen Materiales eine Fülle
Kalchberg's ericheint damit abgeichloffen, | enthält.
da3 Bild vollendet, welches ich von Ich bin zu Ende, und jeder, ber
dem Manne zeichnen wollte. diefe Zeilen über den Dichter auf-
Noh fand fih ein Band neuerer, : - 4
1825 gefammelter Werte hanbjcprifttich | Meriam burcgelefen, wird mir bei
im Nachlaß vor, welcher der Bücherrevi- —— —— re
fionsbehörde vorgelegen ift und, vielfach en frifch, fo A rüngli u ala
durch die Striche des Cenſors reducirt, , ab
. in Defterreih jelten zu finden war.
hätte gebrudt erjcheinen follen. Aber *
Mag man über des Dichters Jugend—
er erſchien nicht, ſei es, daß die dem|.. a z
; lieder, vielleicht auch über mande der
Dichter Naheftehenden nach feinem Tode |. . 2
j ag x fpäteren Iyrifchen Poeſien lächeln und
die Auffäße nicht verftümmelt gefammelt fie unbeachtet bei Seite legen, fie
jehen wollten, ſei es, daß andere äußere A gen, —
Hinderniffe dazroifchen getreten find, zeugen doch von einem gemedten —
dieſer Band wurde niemals gedruckt. — eo... N. Ser
Zehlreiche Gebiäte barin zeigen ben Boefte "Fr jene Zeit eine gar jeltene
Dichter von der Seite des freimüthigen, Sadı J g
wahrheitsliebenden edlen Mannes, als ur
der er ja au im Xeben immer er: Der Gedanke, eine neue Ausgabe
ſchienen. Beſonders der poetifche der Werke Kalchberg's zu veranftalten,
inhalt des Bandes ift zum großen iſt jchon öfter angeregt worden, möchte
Theile ungebrudt und um fo charaf-|er endlich zur Wirklichkeit werden und
teriftiicher, al er Gedichte aus der in feinem, im deutſchen Wolle jene
Periode nach dem Erfcheinen der Ge: Unterſtützung finden, welche zur end-
fammtausgabe enthält, aljo aus einer | lichen Ausführung beiträgt. In ben
Zeit, in welcher der greife Sänger | verjchiedenen Literaturgefchichten ift der
jelten mehr feine Leier ertönen ließ. | Dichter, wo er erwähnt erjcheint, mit
Die Proſaſtücke jchließen fih den ähn: |einer jo auffallenden Unfenntniß feiner
lihen Schilderungen und Erzählungen, | Werke behandelt, daß man es deutlich
von denen ich oben geſprochen, an, fie | fieht, wie wenig fein Talent gekannt,
find gefammelt aus den Zeitfchriften, | wie jehr im Laufe des Yahrhunderts
in welhen fie zum erftenmale er= einer der beften dramatifchen Dichter
ſchienen; zur Landesgeihichte Inner: | Defterreihs vergefjen worden ift, ber
öſterreichs liefern fie eben jo intereffante | für den Literarhiftorifer eben jo be-
Beiträge, wie die beiprochenen Skizzen | deutjam, als für den Freund finniger,
und Schilderungen. Beſonders bemer: | gemüthvoller Dichtung zu Herzen ſpre—
kenswerth ift darunter auch eine Tän=! chend genannt werben muß.
Heber 3. Kürnberger’s „Piterarifhe Herzensſachen“.
Bon Robert Yamerling.
„Literarische Herzensſachen“ betitelt |tabeln würde, wenn das Princip und
Ferdinand Kürnberger einen Band von |die Tendenz und die perfönliche oder
gefammelten Fritifchen Journalartikeln. Parteiftellung zur literarifhen Indi—
— Die Kritif aljo Sache des Ge: |vidualität des Autors es gerabe ver:
müths, bed Herzens, der Stimmung?
Warum nicht? Wenn die poetifche und
fünftlerifche Production mehr und mehr
zur Berftandesfahe wird, warum
jollte nicht dafür die Kritit zur Her-
zensjahe werden? — Ober mißver:
ftehen wir den Titel vielleicht? Nein,
Herr Kiürnberger jagt es felbft in der
Vorrede, daß bei feiner Kritif „ein
vielleicht allzu übervolle8 Herz feine
ſtarke Subjectivität ausfpielte”. Mit
diefem Geftänbniß entwaffnet ber Autor
diejenigen, die ihn um eines ſcharfen
oder heftigen Wortes willen angreifen
möchten. Und wenn man fich anberer-
feit8 einigermaßen wundert, zu fehen,
daß Herr Kürnberger Necenfionen
Ichreibt über Bücher, die ihm debicirt
worden find, fo fommt er aud in
diefem Punkte dem Vorwurf zuvor,
indem er ausbrüdlich zugibt, daß er
zuweilen, wenn auch nur „ausnahm®-
weile”, aus „Höflichkeitsrüdfichten”,
über das eine oder das andere Buch
eine perſönlichen oder literarifchen
Freundes ein „literarifch - Fritifches
Lebenszeichen“ gibt.
Herr Kürnberger kann aljo auch
höflich fein. In der That, dies Buch
beweift auf vielen Seiten, in welchem
Maße er e3 fein kann, wie zart und
rückſichtsvoll in Lob und Tabel er fi
auszudrüden im Stande ift. Er trieft
förmlih von MWohlwollen. Wenn er
einen Roman von Erwin Schlieben
wit feinfter Delicateffe getadelt hat,
jo fügt er hinzu: „Es müßte ent-
züdend fein, von der Hand dieſes
Dichters ein reines und tabellofes
Kunſtwerk zu befigen.” Er ift ein
Meifter in der Kunft, zu loben, wo
man auch tabeln könnte, wenn man
wollte, ja maßlos tabelı könnte und
langte.
Aber man darf fih dadurch an
Herrn Kiürnberger nicht irre machen
lafjen. Er lobt im Grunde doch nur
mit dem Kopfe ; die eigentliche Herzens:
ſache bleibt ihm der Nerger, und ber
Kampf jein Element. Kritiſche Wölfe
nehmen manchmal einen Schafspelz
um, hätſcheln und verhimmeln zur
Abwechslung Einen mit demfelben Eifer,
mit welchem fie die Anbern zu zer:
reißen pflegen. Auch Herr Kürnberger
ift im Stande, das ganze Alphabet
durcdhzuloben, um feinen Invectiven
gegen X, D, 8, auf die es ihm
eigentlich ankommt, ein größeres Relief
zu geben.
Sn Einem Punkte aber unter:
jcheidet fich Kürnberger von Allen, bie
ihm etwa fonft in Betreff des „über:
vollen Herzens“ und ber „ftarfen Sub:
jectivität” gleihen. Er ſudelt nie
mals. Mit flüchtig und bedachtlos hin-
gemworfenem, leichtfertigem Geſchimpfe
Seiten oder Spalten zu füllen, wie
es wohl Andere fich geftatten, denen
e8 doch auch nicht an Geift mangelt,
ift feine Sache nicht. Was er jchreibt,
ift immer wohl überdacht und ausge:
klügelt, ja reflectirt und raffinirt bis
zum Exceß. Er ift in dieſer Beziehung
der gewiſſenhafteſte Schriftfteller, ben
ich kenne. Er macht bismweilen uner:
hörte Anstrengungen, um das, was
er behauptet, auch zu beweiſen; er
will überzeugen, und wenn er jeine
Bemweisführung hie und da foreirt,
ober fie in einer Weiſe zufpigt, daß
die Spite abbricht, jo bleibt fein Vo-
tum, fein Meinungsausbrud unter
allen Umſtänden ein Eleines, fein cije-
lirte8 Kunſtwerk, das bie Eriftenzbe-
rechtigung in feiner Form hat.
449
In jeiner Meinungsäußerung liegt | gliede jtehen fünnte), oder: „es war
immer etwas Prägnantes, Einſchnei- als ob der Zephyr die Blumen küſſen
dendes, Frappantes, jo daß fie ent:|würde” — „er jahaus, als ob ihn
weder zu lebhafter Zuftimmung ober | die Sache niht3 angehen würde”
zu lebhaftem Widerſpruche reizt. Sie |u. dal.
vegt zur Gloſſirung an, und da es Ein Theil unferer Bubliziften wagt
meift intereffante literariiche oder fo: | ſchon nicht mehr zu fagen : „ih ginge“,
cinle Tagesfragen find, welche Kürn- „ih böte“, „ihträte”, „ih höbe“
berger behandelt, jo lohnt es ih auch, ꝛc. Man wählt eine jchwerfällige, oft
ihn zu gloffiren.
Gleich die erften Artikel des Buches,
„Die Blumen des Zeitungsſtyls“ und
„Spradhe und Zeitungen“, find eben
jo treffend als unterhaltend. Aber
gleich hier möchte man die Bemerkung |
hinzufügen, ob denn die Schärfe völlig
berechtigt jei, mit welcher der Autor
unter Anderem den öfteren und allge:
meineren Gebrauh der Ausdrücke
„Tragweite“ und „Sendung“ ver:
urtheilt. Sie haben eine tropijche oder
eine emphatiiche Bedeutung, jagt Kürn—
berger. Ganz recht; aber ift unfere
Sprade nicht voll von urjprünglich
bildlichen und emphatifchen Ausdrücken,
deren Bedeutung fich abgejchliffen hat,
geradezu fehlerhafte Umjchreibung, man
läßt die vorhandene organische Form
durch Nichtgebrauch ſchnöde verfüm:
mern. Dergleichen führt zum allmä—
ligen Erſterben des Sprachorganismus
überhaupt, und dagegen ſollte jeder
Schriftſteller mit allen Kräften ſich
ſtemmen.
Gelegentlich räth Kürnberger einem
„aufmerkſamen Leſer in der Provinz,
der ſeine Zeitung wirklich noch liest“,
ſich die Mühe zu nehmen, und ſich
die ſprachlichen Wunderlichkeiten zu
notiren, die ihm nach und nach vor—
kommen. Dabei mußte ich ſogleich
eines ganz ſpezifiſchen Lieblingsaus—
drucks der Grazer Schriftſprache, des
und die heutzutage, jo zu jagen, zur | Wörtleins „Anwurf“ gedenken. In
Heinen Münze des alltäglichen Sprach- Grazer Blättern erjcheint Fein Einge:
verfehr8 gehören? Wer möchte dem |jendet, in welchem micht irgendwer
Entwidlungsgang einer Sprache Halt | einen „Anwurf“ zurückweiſt; im Grazer
gebieten, und den Punkt beftimmen, | Gerichtsfaal entkräftet der Vertheidiger
von welhem am nicht mehr gejchehen |die „Anwürfe“ des Staatsanwaltes,
joll, was bi! dahin erlaubt war? — | und jelbft in der Grazer Lanbftube
Wie kann man übrigend? — will ſchwirrt es von „Anwürfen“, welche
ih bier jo nebenbei fragen — über die Parteien einander zujchleudern.
Sprachverderb jchreiben, ohne des neue: | Died unappetitlihe Wort, das man
ften und ſchlimmſten ſprachlichen Gräuels
zu gedenken, der aus den Zeitungen
auch ſchon in einzelne Bücher über—
geht, und der nicht eine Weiterbildung,
ſondern eine Rückbildung, eine Ver—
kümmerung, eine Preisgebung werth—
vollen Sprachbeſitzes in ſich ſchließt:
ich meine die um ſich greifende ängſtliche
Vermeidung der organiſchen Verbal—
form im bedingenden Satze, das häß—
liche: „Wenn ich wiſſen würde
ꝛc., jo würde ih ꝛc, oder: „Würde
ih die8 gewußt haben, fo hätte
ich nicht jo gehandelt“ (mo das „würde
vergeblich in einem beutfchen Wörter:
buche juchen wird, ift das merfwürdigjte
mir bekannte Beijpiel eines auf eine
einzige Stabt bejchränften, aber hier
auch in der Schriftipradhe mit palfio:
nirter Zähigkeit fejtgehaltenen Local:
ausdruds. —
Wenn Kürnberger in dem Artikel
„Bücher-Frou⸗Frou“ gegendie moderne,
faft kindiſche Illuſtrationsmanie zu
Felde zieht, jo wird man jeinen Eifer
nicht in der Sache felbit, jondern nur
in der Art der Begründung etwas
allzu bilderftürmerijch finden, und un:
ih“ correct nur im zweiten Satz- | bebingt wird der Befonnene auf feine
Kofegaer's „„Geimgarten’* 6. Heft.
29
450
Seite treten, wenn er in ben „talfchen | jeliger, ja trübfeliger Schluß beein-
Anfichten” Die
„geißelt”, die fich für die Beurtheilung
von Charakterzügen und Lebensver—
hältniffen der Dichter — natürlich nur
der längjt verftorbenen — allerlei ver:
meintlich zartjinnige, in der That aber
unberechtigte und zum Theil wider:
finnige Standpunfte zurechtmacht.
Schlagend genug ſchildert Kürn—
berger in den Artikeln über Bogumil
Goltz den „Naturalismus“ des tief:
finnigen und gemüthvollen Polterers.
Aber e8 wundert mi, daß feiner
Wahrnehmung, wie e8 jcheint, ent:
gangen ift, wie nicht dieſer Naturalis:
mus an und für fi, Sondern der
Gonflict desjelben mit jeinem Ge—
gentheil in der Bruft des merkwürdi—
gen Mannes, der unverjöhnte MWider-
ftreit zwiſchen Herz und Geift, in
welchem fein Denken und Empfinden
moderne Affectation | trächtigt die Geſammtwirkung bes jo:
vialen, nur leider plans, ziel- und
formlojen Buches.
Zu dem Schärfften, was Kürn-
berger gejchrieben, gehören feine Auf:
läge über „Denkmäler“ und insbe:
jondere über den „Denkmalbettel“,
mworunter er das Eintreiben von Bei:
trägen für Denkmäler duch „Haus:
bettel“, wie er es nennt, und perjön-
lihe Preſſion verfteht.
„Den ehrliebenden Verleger,“
jchreibt er, „der einem todten Dichter
aus jeinen eigenen Werfen ein Denf:
mal jest, läßt man im Stich, pfropft
aber Erzpuppen auf Erzpuppen, wenn
der Denkmalpfennig erpreßt wird von
reclamefüchtigen Auffehenmachern, wel:
hen man die Thüre zu weiſen zu
ſchwach it.”
Es kommt jogar eine Stelle, wo
zeitlebens befangen blieb, und der in | Herr Kürnberger nach der Polizei ruft.
Geſprächen und perfönlihem Gebahren | „Es ift hohe Zeit,” jagt er, „daß der
feine jchärfften Spiten hervorkehrte, obrigkeitliche Schutz eintritt, und daß
den eigentlichen Schlüſſel ſeines leiden—
ſchaftlichen, weil innerlich widerſpruchs⸗
vollen und nicht zur Harmonie durch—
gedrungenen Weſens bildete.
Eine wahre Herzensfreude bereitete
mir der Artikel über Claude XTillier
und feinen „Onkel Benjamin“. Auch
ih madte vor Kurzem zufällig die
Belanntfhaft diefer unvergleichlichen
Farce, und empfehle Jedem, der fich
einmal gründlich ergögen will, itatt
jo viel ſchalen und alltäglichen Zeuges
dies originelle, naturwüchfige Buch zu
lefen, das ben derben Humor eines |
Rabelais oder Fiſchart mit dem Esprit
eines modernen Franzoſen vereinigt.
„Warum ift dies Buch nicht welt:
berühmt und in Aller Händen ?“ fragt
man fich, während man es lieft. Aber
freilih, die Antwort liegt ziemlich
nahe, jobald man e3 zu Ende gelejen.
Die Schilderung eines gutmüthigen,
jovialen, aber unverbefjerlich leicht-
finnigen Saufaus, höchſt ergöglich im
der Regelung des Dentmalbetteld die
Gejeßgebung ihr Auge zumenbet. Ich
ipreche vom Denfmal-Bettel al3 Hau $-
bettel, wohl gemerkt!" — Sollen
Denkmäler gelegt werden, jo will er
fie auf Staatsfoften, oder durch wirk—
ih freiwillige Subfcriptionen begrün-
det wiffen. „Nur jo,” fährt er fort,
„kann ſich der Eultivirte das Denfmal-
ſetzen denken bei einem Gulturvolfe.
Die dritte Art dagegen, daß jeder
Nächftbeite fich zu einem Denkmalvater
aufwirft, ein paar Freunde als Co:
mit wirbt und mit polizeiliher Nach—
ficht nun getroft auf den Hausbettel
ausgeht: dieſe Art jcheint mir an:
ftändiger für Tungufen und Peſcherähs,
al8 für ung. — Aber mit deinen
aufliegenden National» Subfcriptionen
fommt in Emigfeit nichts zufammen !
Bit: Nicht jo laut! Nicht jo unvor:
fihtig! Das ebenift ed ja, was
ih hören wollte hr jeid mir
vortrefflih aufgeleffen. Kommt nichts
Einzelnen, bat doch auch etwas Un- |zufammen — und ich habe es immer
erquicliches im Ganzen, und ein arm: |jo geahnt — dann ift eure ganze
451
Denkmaljegerei eben nicht National-
ſache, wie e8 eure Phraſen jo wiber:
fih lügen, fondern fie ift Privatjache,
fie ift Sache eurer perjönlichen Lieb-
haberei, um nicht das Schlimmere zu
jagen, eurer perfönlichen Eitelfeit. Dann
bat der Banquier Königswarter u. U.
auch nichts für Schiller gegeben, Jon:
dern er hat gegeben für Herrn X, den
Sammler und Glaubensgenoffen, der
ihn perſönlich bedrängte. Und bier
eben iſt's, wo ich nach der Polizei
rufe... Ich fürchtete anfangs, gegen
den Strom zu jchwimmen, aber ich
fange an zu capiren, daß ein Strom
überhaupt nicht eriftirt, daß die öffent:
lihe Meinung vielmehr dem Denfmal-
bettel von Herzen gram ift, denn alle
Perfonen, jo viel und jo bunt ich
beren noch Sprach, fand ich von jeltener
Einigkeit in dem Abſcheu gegen den
Terrorismus des Denfmalbetteld. Ich
fand fie alle nah einem Gideon
jeufen, nad) einem Manne, ber den
Muth hätte, das Wort des Wiber-
ſpruchs zum erjtenmal laut auszuſpre—
chen.”
Diejes Gideon-Muthes wird Herr
Kürnberger fi nicht mehr ſonderlich
rühmen bürfen. Der humoriſtiſchen
Blätter nicht zu gedenken, ftellt das
Feuilleton der gefammten Wiener Preſſe
fi) auf beiläufig denjelben Standpunft,
jeit in Wien, nachdem man das Schil-
lerjtandbild faum enthüllt, auch jchon
für ein Grillparzer-, ein Beethoven,
ein Grün-Lenau:Monument gefammelt,
und ein Mozart, ein Haydn, ein
Goethe-Dentmal in Ausfiht genom:
men wird. In welchem Berhältnifie
ftehen die zahlreichen Dichterfefte und
Denfmäler zur wirklichen Begeifterung
der Nation, zur thatſächlichen Aner:
fennung der Dichter? Wie reimt der
Eifer, mit welhem man Schillerbilder
aufrichtet, fih damit zufammen, daß
man unter Kritifern, unter Leuten, die
„auf der Höhe der Zeit” ftehen, es
nicht mehr ohne verſchämtes Erröthen
‚fen Zwed jehr Leicht weit beſſer Geeig-
wagen darf, Schiller fir einen großen
Dichter zu halten?
Eine feiner ausführlichften Erör—
terungen widmet unjer Autor dem
Rhapfoden Jordan. Man wird ihm
zuftimmen müfjen, wenn er es als
einen Irrthum diefes an fi fo an-
erfennenswerthen epiſchen Meifters be-
zeichnet, aus altem, den @eift ganz
anderer Zeiten wiederjpiegelnden Sagen
gewebe, das im Bewußtjein des Volkes
längft nicht mehr lebendig ift, Lafje
ih nachträglich auf fünftlihem Wege
ein Nationalepos ſchaffen, welches für
die Deutſchen das jei, was die Jlias
für die Griechen. Nur muß man fic)
auch einigermaßen wundern, daß Kürn-
berger ſpäter, wo er von Gottfried
Keller3 „Sieben Legenden“ mit über:
ſchwenglichem Lobe jpricht, fein Wort
des Bedauerns mehr hat für eine
dichteriſche Kraft, die an einen noch
weit weniger lebendigen Stoff, an eine
wunderliche firchliche Legendenwelt ver:
ſchwendet ift. Ueberdies muß bemerkt
werden, daß in dieſem Aufjake über
Jordan der Autor im Bemühen,
gründlicher al3 gründlich zu fein, und
eine Sache, an welcher Niemand zweifelt,
zu beweilen, ſich in einem ermübenden
hiſtoriſchen Execurs verliert und jeiten-
lang vom Katheber herunter redet wie
ein Privatdocent.
Wie bier zu umständlich in ber
Beweisführung, ift er anderswo zu
jubtil, klügelt Motivirungen aus, die
nur das Intereſſe der Sonderbarfeit
für fih haben, wie zum Theil in den
Artifeln über Turgenjem und über
Grillparzer.
Daß Kürmberger immer nur mit
dem jchweren Geihüß des Gedanfens
wie bed Ausbruds ins Feld rück,
haben wir ſchon gejehen. Bon ihm
läßt fi in der That jagen, daß er
„mit Kanonen nah Spatzen ſchieße“.
Wozu z. B. ber Lärm ©. 119 über
eine mittelmäßige Horaz:Ueberjegung ?
Wollte er wirklih an einem Beijpiel
zeigen, „welcher Schund in Deutidh-
land gedruckt wird“, jo hätte er fir die—
netes, d. h. Schlechteres finden können.
29*
452
In einem Nekrolog auf Moriz
Hartmann macht Kürnberger die Be:
merfung, Hartmann habe das Weſen
des Hellenen mit dem bes Juden
in feiner Natur vereinigt. Möglich,
daß dies fich jo verhielt; dann war
aber Hartmann eine Merkwürbigfeit
ohne Gleichen, und ich begreife nicht,
wie Kürnberger eine ſolche Verſchmel—
zung jübifchen und helleniſchen Weſens
für eine leicht mögliche, ja naheliegende
Sache nehmen mag. Größere Gegen:
ſätze kennt die Weltgeſchichte nicht,
als den naturinnigen, naiven Hellenen,
und ben durch und durch ſpiritualiſti—
ſchen, verſtandeskalten, zerſetzenden Se—
miten, und da der Jude von Natur
ein unwandelbares, auf ſich beruhen—
des Weſen iſt, ſo fällt es äußerſt
ſchwer, an die Verwandlung eines
Juden in einen Hellenen, oder an die
Verſchmelzung eines Juden mit einem
Hellenen zu glauben. Wenn ein Heine
mit ſeinem Hellenismus prahlte, ſo
wird das doch Niemand für Ernſt ge—
nommen haben? —
Die reihen jüdiſchen Banquiers
der Reſidenz jcheint Kürnberger ent:
ſchieden nicht zu den bellenifirten
Semiten zu rechnen. Diefen gegenüber
verläßt ihn feine „Höflichkeit“ und
daß er auf ein Gouvert an ihren
gaftfreien Tiſchen verzichtet, beweiſt
der Xrtifel, den er dem „Berhältniß
der Wiener Börfenmänner zur Litera-
tur” widmet. Hier beginnt denn doch
die heftige und draſtiſche Art Kürn—
bergers etwas unerquicdlich zu werben.
Die armen Reihen! Kümmern fie fich
nicht um Literatur und Kunft, jo
ſchilt man fie; fümmern fie fi darum,
jo verhöhnt man fie! —
Ein Meifterftücd in der Form, dem
Inhalt nad eine große Schrulle ift
der Artikel über Friedrih Halm und
jeinen „Fechter von Ravenna“. Kürn:
berger beweift bier auf ein paar Sei:
ten nichts Geringeres, als — man
höre! — „die ſpecifiſche Nichts:
würdigfeit diefer Schandko—
mödie!” — Da haben wir ein Exem—
peljener „pradtvollen Strenge”,
über welche fi Kürnberger auf S. 326
freut wie ein Kind, wenn fie von
einem feiner Gollegen geübt wird.
Wenn Hinz und Kunz, meint er, vor-
ber in Notizen gelobt worden find,
hernach aber der höheren Kritif vor
die Klinge fommen, dann „merkt man
e8 der pradtvollen Strenge
der leßteren ordentlih an, daß fie ihr
Nächeramt mit einem langgejparten
Grimm und avec une sorte de gaite
verwaltet“. — Ohne e8 zu wollen,
berührt Hr. K. hier die wunde Stelle
unferer Tageskritif, Weil Hr. A. den
&. gelobt hat, ſchreibt Hr. B. über
denjelben &. einen wüthenden Schmäh:
artifel. Ueber dieſe „prachtvolle Strenge“
freut fih Herr Kürnberger. Und das
Publitum? Ye nun, das Publikum,
zwifchen ben Lobenden und ben maß:
[08 Schimpfenden geftellt, glaubt weder
dem Einen mehr noch dem Anbern.
Amüfant geftaltet fih das Schau:
jpiel, wenn eine „starke Subjectivität“
auf eine andere, ihr verwandte ftößt.
Dies gejchieht in Kürnberger's Feuille-
ton über Melchior Mayr’3 „Geſpräche
mit einem Grobian“. Nicht als ob ich
fonft Kürnberger und Melchior Meyer
nebeneinander ftellen möchte; Hr. Kürn-
berger ift ein Kopf von Diftinction,
der ſelige Meldior Mayr dagegen
ſcheint, wenigſtens nah den von K.
angeführten Proben zu fchließen, fi
innerhalb ziemlich enger geiftiger Schran:
fen bewegt zu haben. Aber fie gehören
beide zur Claſſe der Nervöſen. „Mel:
chior Mayr's Zorn“, jagt ung Kürn:
berger, „iſt zumeilen ſehr ſchön. Gut
gedacht, heiß empfunden, hinreißend
wahr und energiſch im Ausdrude, zer:
mwettert er, wie der Blitz, was er trifft.“
Auf der nächften Seite: „Gegen dieje
Siehlinge (A la Melchior Mayr) mit
der moraliichen Gehirnerweihung und
Herzbeutelwafferfuht, gegen die Ber:
jöhnler und Ohnmächtler, welche jeder
Tragödie einen gemüthlichen Circum—
fler anfhänden, werben wir noch aparte
Geißeln mit Skorpionen Flechten und
453
fie manches Jahr unjers Lebens durch:
ſtäupen.“ — „Man fängt oft an, den
Autor liebzugewinnen und ift im Be:
griff, ihm herzlich die Hand zu drücken.”
Und wieder: „Ei, fo wag's doch,
wißiger zu jein als Heine! Wer hin:
dert di daran, kleine, neidgift-
platzende Kröte?“ — So med:
felt Anziehung und Abftoßung, Bru—
derfuß und Obrfeige, und man bedauert,
daß der felige Mayr das Eine wie
das Andere nicht erwidern kann.
Einer merkwürdigen Stelle muß
ih noch Erwähnung thun, in welcher
Hr. Kürnberger die „allgemeine Ber:
lotterung bes deutſchen Nationalgeiftes”
in Ausfiht ftellt, weil — ja meil
einmal Gott weiß welder Recenjent
„Homer und Hamerling“ neben ein-
ander genannt hat. Hier geht Hr.
Kürnberger in feiner Bejorgniß offen:
bar zu weit. Hat doch ein bedeutender
Wiener Kritifer den Berfaffer des
„Neuen Tannhäufer” mit Dante und
Shakespeare zufanmengeftellt und ges
funden, daß jener dieſen in einigen
Beziehungen ſogar noch überlegen ift.
Der „deutſche Nationalgeift” hat fich
jo ziemlich gewöhnt, die Privatanfich-
ten der Kritiker ohne Schaden an fich
vorübergehen zu laſſen. Wenn mic
eine halbverblaßte Erinnerung nicht
trügt, hat Hr. Kürnberger vor Jahren
jelbft den ethiſchen Gehalt der Werfe
bes PVoeten, den er heute fo gründlich
verachtet, auerfannt, nnd ich möchte
glauben, daß die vorurtheilslofe und
aufmerffame Lectüre diefer Werke,
weit entfernt, der Verlotterung bes
Nationalgeiftes Vorſchub zu Teiften,
vielmehr ein wirkſames Gegengift gegen
die Verlotterung wäre. Ich möchte
mir bei biejer Gelegenheit erlauben,
den Ausspruch eines Holländers, des
Herrn U. ©. van Kamel, anzuführen.
Diefer Kritiker, im fernen Holland,
völlig außerhalb der literarifchen Bar: |
viel ober zu wenig gelobt mworben,
hat er zu viel oder zu wenig Erfolg
gehabt, jondern das, was der Poet
geichrieben, unbefangen auf fich wirken
lafjend, hat in jchroffem Gegenjag zu
beutfchen Feuilletoniſten bie folgende
Heußerung gethan: „Dies dürfen wir
verfichern, daß das Reich der Humanität
den Menfchen einen Schritt näher
gerückt fein wird, wenn Hamerlings
Leſer feine Poefien genießen können
mit derfelben Einfachheit und Reinheit
des Herzens, mit derjelben Liebe für
Alles, was ſchön und gut ift, die den
Dichter befeelten, als er fie ins Leben
rief.” — Ich citire diefe Stelle nicht,
um mir etwas Darauf zu gute zu
thun; es bleibt der Leſewelt anheim—
geftelt, wen fie lieber glauben will,
dem „übervollen Herzen“ und ber „ftar:
fen Subjectivität“, oder dem hollän-
diſchen Phlegma.
Ich beihäftige mich vielleicht ſchon
zu lange mit Herrn Kürnbergers Buche.
DhneZweifel erregt e8 Kürnbergers Un:
willen, daß ich mir angemaßt habe,
ihn in fo vielen Punkten zu corrigiren
und zu meiftern. Aber diesmal ift er
der Autor und ih der NRecenjent ;
ein Kritifer aber ift befanntlih un:
fehlbar und verfteht Alles beſſer als
der Autor. Im Uebrigen, da für
mein Urtheil über einen Menjchen
nit das maßgebend ift, was er von
mir hält, jondern das, was ich von
ihm halte, jo bin ich weit entfernt,
Herrn Kiürnbergers Vorzüge irgendwie
herabfegen zu wollen. Herr K. ift,
von feinem Erzählertalent abgejehen,
unter allen Umftänden ein gewaltiger
Held der Feder, ein halbmythijcher
Vogel Greif im Haufen der Rohr:
ſperlinge. Es ift pure Schelmerei,
wenn er ©. 147 von fich felber jagt,
er fei in der Publieiſtik „längſt nicht
mehr ber Erſte“. Herr Kürnberger
weiß es jehr gut, und befjer vielleicht
teien Deutſchlands ftehend, nicht fra: | als irgend Einer, daß er, fo lang er
gend: ift der Autor dieſes Buches zu | will, noch immer ber Grfte iſt.
Der Vergſturz.
Epifoden aus der Kataftrophe bei Steinbrüd.
Zwei Eheleute in ihrer Stube Das Blei fiel zifchend in das
machten fi Iuftig über die Sylveſter- Wafler und lag auf dem Boden der
nacht, in welcher fie mitten drin jaßen. | Schale. Sie gudten nad) der Form.
Das Weib hielt einen Blechlöffel Der Mann late: „Da haft es, gar
über die Nerzenflamme; der Löffel nichts ift d'raus worden. Was joll
war unterhalb jchon kohlſchwarz von denn das vorftellen? Einen Stein:
feinftem Ruß; im Löffel rutichte eine
fih löſende Maffe wie Quedfilber
bin und her — da3 war Blei.
Der Mann bereitete eine Schale
Waſſer und fagte: „Schau aber, daß
was Rechtes herausfommt, Geld oder
jo was; weißt ja, daß ich in diejem
Yahre mein Haus vergrößern will.
Und um Gotteswillen!” ſetzte er
nedend bei, „oib Acht, Weib, daß
nicht wieder ein kleines Kind d’raus
wird!”
„Sei mir ftil davon!“ verwies
fie, „haben eh ſchon ſechſe.“
„Ja, dann hätten wir bie fieben
Schmerzen beifammen.”
Das von den Sehien war feine
Mähr; um ben Dfen und an den
Wänden herum fchliefen fie in Eleine-
ren und größeren Betthen — Knäb-
lein und Mägdlein — lodige, roth—
haufen, wenn Du willſt.“
Ein Knäblein regte fih und ver:
langte zu trinfen.
„Ja, mein Lieber”, ſagte ber
Mann, „andere Leute trinken jebt
Champagner — Du wirft wohl mit
Wafler fürlieb nehmen müſſen.“ Und
er reichte dem Kleinen ein grünes
Krüglein.
„Butes Waſſer ift auch nicht zu
verachten”, bemerkte das Weib.
„Ja“, jagte er, „wenn das nicht
Sannwaſſer, wenn e8 ber friſche Brun-
nen von der Plejchen wär’, der uns
neuzeit den Dienſt aufgefagt hat —“
„Du, jeßt weiß ich’3, warum der
Brunnen ausgeblieben ift“, jagte fie,
„exit Fürzlih hat mir's die Nachbarin
erzählt.“
„Haft Dich wieder einmal an:
ſchwatzen laſſen!“
„Mein, ich glaub’ ſonſt nicht auf
wangige Köpfchen in kindlicher An- ſolche Sachen, aber das möcht” doch
muth und ſüßem Schlummerfrieden. wahr fein. Vom vothbartigen Ita—
Man hätte fi recht gerne noch ein liener, weißt, der lang auf der Bahn
fiebentes hinzugedacht, und — die gearbeitet hat. Da ift einmal ein
Schüſſel auf dem Tiſche braucht des- mühjeliges Bettelweib dahergegangen,
wegen nicht größer zu werben, nur hat fih am Bahndamm niedergefetzi
der Löffel müſſen um einen mehr fein. | und ben Staliener um einen Trunt
Das jei dem Bater gejagt, dem bra- | Waſſer gebeten. Aber der hat ihr ein
ven Steinmeg, der das Brot für | hartes Mort fürgeworfen: Wenn fie
Weib und Kind allerdings hart und | Durft hätt’, fo follt’ fie fich ihr Waf-
daß es oft Funken gibt, muß heraus ſer felber holen, er hätte was Belle:
ſchlagen aus den Steinen. res zu thun, als wie Bettellent’ zu
Das Blei war nun vollftändig | bedienen. — Darauf fol die Alte
jerronnen. cheltend fortgehumpelt fein, und Abends
„Seht gilt's“, fagte die Frau, d'rauf, wie fih ber Staliener fein
„8 it ja nur ein Zeitvertreib, glau- Kochwaſſer holen will, ift der Brummen
ben thut man ohmehin nicht d'rauf. | troden und ſeit der Zeit rinnt er
Na, jo ſchau!“ nimmer,”
455
„Die Mähr ift nicht dumm“, ent:| Am Eifenbahndamm bdahinfchrei-
gegnete der Mann, „und ich denk’, tend, blidte er noch mehrmals zurüd.
das neue Jahr ift jegt da — leben Senjeit3 des Fluſſes ftand die
wir halt weiter, Weiberl, wie bisher, | Delfabrif und auf der Anhöhe das
und jest gehen wir jchlafen; morgen | Herrenhaus und das Kirchlein. Wie
muß ich bei Zeiten fort.” bejcheiden war hingegen biesjeit3 fein
Still war es im Oertchen Briſche Heim, das fi mit noch ein paar
und vernehmbar nur das Raufchen | anderen Häuſern jo traut an die Berg:
der Sann und bisweilen das Braujen lehne ſchmiegte. Die Hänge waren
eines vorübertofenden Eifenbahnzuges. ſchneelos und zwiſchen dem kahlen
An den Feljen und fteilen Erdiehnen Buchengeftämme blinfte das Gerölle
des Plefcheberges, der hinter den drei und Erbreid. Zur Sommerzeit ift
Häufern des Dertchens aufftrebte, la- es dort oben gerne lebendig, unb
gen die blafjen Schleier des Mondes Steinhen hört man riejeln, als ob
und über der ganzen herrlichen Berg- Gemſen umftiegen. Aber auf dem
gegend, die fih von Cilli bis weit | Boden liegt die „Sommerg’frier“, und
in’3 Kraineriſche hinein erſtreckt, ruhte die Ebene auf dem Berge heißt bie
der geheimnißreihe Friede der Syl- gefrorene Wieſe. Trogdem ift in bie:
veſternacht.
An einem der nächſten Tage nahm
der Steinmetz ſeinen Korb, um in's
Tagwerk zu gehen. Die fröhlichen
Kleinen umkreiſten ihn und als ſie
ſahen, daß er die Schranken durch—
brach, hingen ſie ſich an ſeinen Rock
und wollten mit. Es war eine Mühe,
ſich loszumachen, aber dem Manne
lachte das Herz; das Kleinſte hob er
noch zu ſich herauf und koſte es, die
Größeren nahm er ſchäckernd bei den
Ohrläppchen.
„Ich weiß nicht“, ſagte das Weib,
„ich ſelber laſſe Dich nicht gern fort,
wenn Du in den Steinbruch gehſt,
und wenn man nachdenft, was bei
jo einer Arbeit Alles fein kann —
gib mir doch nur Acht!“
„Oh“, entgegnete der Mann, „die
Steine ftürzen nicht jo leicht herab,
die find allzufeſt zuſammengewachſen,
das verjpürt mein Stemmeijen jchon
noh am beiten. Behüt' Euch
Gott miteinander! Und jet, Kinder,
laſſet los — eilomarjch !“
Er job und commanbirte fie
von ſich; das Hündlein Tief und bellte
ihm noch eine Weile nad; mit einem
Steinwurf mußte er es zurüdicheuchen,
dann that’3 ihm doch wieder leid
um das treue, anhängliche Thier.
jem Winter noch fein Eiszäpfchen ge:
jehen worden — hingegen wachſen
"blaue und weiße Blümlein um die
Meihnachtäzeit und das ift er:
freuli und grauenhaft zugleich, denn
in den DPecemberblumen blüht bie
Drangjal, haben alte Leute gefagt;
wird wohl doch nicht wahr fein.
„Schlag' nicht gar zu viel drein
die Moden, Nachbar!” rief ber
Schmied von feiner Effe durch bie
Thür heraus.
„Und Du aud nicht”, antwortete
ber Steinmeß, und das war der Gruß.
Er ging über die fteinerne Brücke,
von welcher der Punft „Steinbrüd”
beißt, er ging die vaufchende Save
entlang und in's Kraineriſche hinein.
In Sagor hatte er feine Arbeit.
Er war friſch beim Gefchäft;
hart arbeiten den ganzen Tag ift nicht
einmal jo ſchwer, wenn man babei
dent, daß man’s für Weib und Kin:
der thut. Und jchläft man die Nächte
‚um jo beſſer.
Der Steinmetz blieb mande Nacht
über in Sagor, er hatte dort ſtets
das Gejchäft zu überwachen, und es
wäre auch weit geweſen, jeden Abend
zu den Seinen heimzufehren.
In der Sonntagsnacht auf den
15. Jänner aber war er mehrmals
wach geworden und da war ihm ge:
weſen, als ginge draußen ein Sturm: |
wind. Er ftand auf und horchte — |
e3 war bie ruhſamſte Nacht. |
156
„Sie können vielleiht noch am
Leben fein“, antwortete endlich der
Bote. Da fragte der Andere nicht
Am andern Tage wollte die Ar- | mehr weiter.
beit nicht recht von jtatten, es war
ein fo trübjeliges Wetter und ber
Nebel umflorte auch die Fröhlichkeit
des ſonſt jo emfigen Steinmeßmeifters.
Plöglih ftand das Hündlein von da—
heim zu feinen Füßen und jchnupperte
ihn an und wollte bellen, war aber
ganz beifer.
Was Toll denn das bedeuten?
dachte ber Mann, iſt der Hund da,
fo muß eins von meinen Leuten nicht
weit weg fein. Allein lauft er nicht
jo weg vom Haus.
Da kam ein VBahnarbeiter von
Brifhe daher; er war jehr eilig ge:
gangen, aber als er jet den Stein:
metz ſah, blieb er jtehen, kehrte fich
um, als wollte er die Gegend um
Sagor anjehen — und fah doch nichts
als Nebel, Endlich trat er auf den
Steinmet zu und murmelte etwas.
„Kommft Du zu mir?“ fragte)
diefer. |
„Sollſt geſchwind eingehen“, ſagte
der Bote, „es gibt Steine wegzuar—
beiten vor Deiner Hausthür.“
„Wie ſo denn?“ fragte der Ar—
beiter und langte ſchon nach ſeinem
Oberrock.
„Ja, geh' nur geſchwind, es iſt
eine Lawine vom Berg gekommen und
jetzt können Deine Leute nicht aus
dem Haus.“
Sie eilten mitſammen davon. Der
Steinmetz wollte nachfragen, aber es
war ihm die Bruſt ſo eng.
„Die andern Häuſer hat's auch
verſchüttet“, ſagte der Bote und ließ
ſeinen wirren Blick überall herum—
zucken, nur den ſah er nicht an, der
neben ihm daherlief, den armen Mann,
deſſen Gut und Glück die Erde ver—
ſchlungen in dieſer Nacht.
„So red', was iſt geſchehen?“
br der Steinmeß ein um’3 andere
mal.
Nah Stunden, als fie gegen Stein:
brüd kamen, hafteten auf allen Wegen
Männer mit Eifenframpen und Spaten
dahin, und als jie in das Engthal
der Sann famen, bevedten wogende
Menihenhaufen die Straße und den
Eifenbahndamm, und Gendarmen mit
funfelnden Bajonneten hatten zu thun,
um Orbnmung zu Schaffen.
„Da kommt er! hier iſt er!“
flüfterte es allerfeit3 in der Menge,
und Alles drängte ſich an den Stein:
meß heran, um zu ſehen, wie er ſich
nun gebahren würde. Der Pfarrer
von Laak trat ihm entgegen, faßte
ihn an der Hand und mit einer Thräne
im Auge fagte er die Worte: „Nur
gefaßt fein, lieber Matſchek, Gott hat’8
gegeben — Gott hat's genommen!”
Und jegt ftand der Mann da und
ftarrte wirr um fih — wo waren bie
Häuſer — wo jein Haus?
Eine ungeheure Wucht von Schutt
lag da und von der Bergmulbe nie—
der leuchteten die grauen Erdwände
einer niedergegangenen Lawine.
Einen Schrei nach feinem Weibe, _
nach feinen Kindern jtieß ber Unglüd:
lihe aus und ftürzte bin auf ben
Schutthaufen und wühlte mit ben
Händen im Erbreid).
Drei Häufer mit Nebengebäuben
waren auf dem Platze geſtanden
auch micht die kleinſte Spur davon
war geblieben, nicht ein einziger Bal—
fen noch war an's Tageslicht geichafft
worden, troß der zahlreichen Arbeiter,
die an der Stätte bereits beichäftigt
waren.
Der arme Mann mwurbe in das
nahe Wirthshaus jenjeit3 des Fluſſes
gebracht; er ließ es willenlos gejche:
ben, mar ftarr vor Entſetzen. Im
MWirthshaufe, das von Menjchen voll:
gebrängt war, ſaß der Schmied und
mußte immer und immer wieder er:
zählen, was er mußte Auch fein
457
Haus war begraben, aber er hatte]
ſich und etliche Andere noch glücklich
gerettet.
„So gegen halb vier Uhr in der
Naht mag's gewejen jein”, erzählte
der Schmied, „da weckt mich jäh ein
Fenfterflirren auf. Na, dent’ ich,
Zumpen, jegt werfen fie mir die Fen—
fter ein! Aber als das Zündhölzel
brennt, jeh’ ich, wie mir Steine und
Erde in die Stube fahren und das
ganze Häufel kracht. Jeſus, denk’ ich,
was ift das? lauf' hinaus und hör’
das Braufen, juft als wie wenn ein
Eifenbahnzug auf die Häufer losging’.
— Leut'! fchrei’ ich zum Nachbar
hinein, Tauft’3 gejchwind aus! Was
es iſt, das weiß ich nicht,
— Gleich fahren fie
will nah dem Gewand greifen, ift
ſchon allzufpät ;
paden und hinausichleppen, das Haus
wanft — mit dem nadten Leben tern fanden bereit,
jpringen wir in ber finfteren Nacht
davon — da kracht's hinter mus,
daß e8 ein Graus ift, und nachher
rauſcht's noch eine Weil’ vom Berg
herab und nachher iſt's till. — Sonjt
weiß ich jelber nichts, und mie wir's
beim Licht anfchauen, fehen wir, 's
ift Alles bin, fein Haus und feine
Maus ift Davongefonmen. Der Bahn:
heizer und fein Weib und die Mut:
ter und die Kinder find bin, und bie
Dienftleut’, und dem Steinmeg find
halt Alle weg. — Gemeint hab’ ich
hell, der jüngfte Tag iſt da.“
Wieder andere Leute kamen in’s
Haus und denen mußte der Schmieb
wieder erzählen, und von Steinbrücd
und von Römerbad kam ſtets Bier
und Wein und unter ber Menge gab
es Leute, die fich recht gut unterhielten.
Der Steinmeß jaß in einem Min:
fel und ftartte auf den Boden, und
ET das AZureben ber Menjchen
nicht.
Plötzlich ſprang er auf und rief:
„So geht, Leut’, jo helfet graben.
aber es
fallen die Häufer um, das obere Haus
- ift ſchon weg.
ans dem Schlaf; die alte Mutter‘
'im Mutterherzen
die Buben müſſen fie
Sie leben ja noh!” Er ftürzte zur
Unglüdsftätte, wo in die Richtung
gegen jein Haus bereits ein Stollen
angelegt wurde, um Xebenbige etwa
noch zu retten. Er meinte, er müſſe
mit feiner Stimme das Erbreich durch:
dringen, um feiner lebendig begrabe-
nen Familie Troft und Kunde von
der nahen Rettung zuzurufen.
Nicht Tange, To ftießen fie auf
eine arg zermalmte Kindesleiche von
der Heizerfamilie. Und fie fanden in
den durchnäßten Erbmaffen den oberen
Körpertheil von dem Heizer und
feinem Weibe, legteres nur mehr an
den blonden Haaren zu erkennen.
Das Meib war noh am Abend
vor der Unglücksnacht Hoch in der
Hoffnung geweſen, jebt fand man an
ihm das neugeborene Kind. Was da
vorgegangen jein mochte im Haufe,
— mer kann es
denken?
Zwölf Särge aus weißen Bret—
und die Leute
arbeiteten Tag und Naht gegen das
"Haus des Steinmeß hin und am
dritten Tage gelangten fie an deſſen
Dachſtuhl. Mit ernenerter Anſtrengung
wurde gegraben ; in der Nacht erhell:
ten zahlreiche Spanlunten die Unglücks—
ftätte.
Schon vermeinten fie die Ver—
jchütteten zu finden, und ber arme
Gatte und Bater hielt feine Arme
ansgeftredt nach Weib und Kind —
da war's plöglih in der Nacht auf
den Freitag, daß von den Mächtern,
die am Hange aufgeftellt ftanben, das
Zeichen gegeben wurde, die Arbeiter
jollten fih eiligft davon machen, es
bebe oben auf dem Berge wieder an
zu krachen. Wie das Saufen des
Mindes war es von der Höhe nieder
zu hören. Sie liefen nad) allen Sei-
ten hinweg, nur ein Bergfnappe dachte,
feinen Hut ließe er nicht im Stich,
eilte zurüd und ift den anderen nicht
mehr gefolgt. — Ein furzes, ſchweres
Tofen war's, ein Beben in der Erbe,
ein Stoß in ber Luft, ein Aufgifchten
458
— und dann wieder Alles ftarr und
„Da bin ich”, fagte er und war
ftil. Noch ein Schrillen in den Tele recht blaß im Gefichte, „iſt jeltiam,
graphendrähten war gewejen und dann jegt bin ich beim Wirthshaus da.“
hörte man nichts,
Rauchen der Sann.
nicht einmal das
„Haſt Dih doch wo gebudt? 1°
fragten fie ihm entgegen, „ja, das
ALS fih die Leute endlich wieder |ift ein Glüd, wie haft es denn ange
hinwagten, um zu jehen, was denn
jest Unerhörtes geſchehen jein konnte
— ja, da ſahen ſie's. Es gab keine
Eiſenbahn mehr und keine Straße,
und es gab keinen Fluß und es gab
fein Thal mehr, Ein Berg lag nieder:
geftürzt in die Enge, und unterhalb
desfelben gegen Steinbrüd hin jchlän-
gelten und zucten die Fiſche auf waſ—
jerlojem Grunde und oberhalb gegen
Nömerbad hin ftaute fih die Sann,
die jeit Jahrtaufenden hier geronnen
fein mochte, ohne daß ihr fo gemalt:
jam ber Lauf verlegt worden war.
So lange noch die Brüde hielt,
eilten die Arbeiter über diefelbe dem
Wirthshaufe zu;
drängniß war der Bahnwächter. Bon
oben herab und von unten herauf
. waren Züge fignalifirtt. Gegen Römer:
bad ſchickte er feinen Sohn mit ber
Nachricht und er felber fprang über
die Schon ſchwankende Brüde und über
die fih noch in Bewegung befindenben
Schuttmafjen hinweg nah Steinbrüd,
um dort das Ablaffen des Zuges zu
verhindern.
Es war ſtockfinſtere Nacht und
man wußte nicht, was geſchehen, und
raſch ſtieg der mächtige Alpenfluß und
trat über die Ufer hinaus.
Die Verwirrung in den nahen
Häufern und in der Fabrif war eine
unbejchreibliche ; im Kirchlein läuteten
fie Sturm und die Leute meinten, ber
jüngfte Tag ſei gefommen.
Aber das Trinken ſchmeckt immer,
und das Wirtshaus ſtand gefichert
auf der Anhöhe; da drinnen faßen
Arbeiter und bedauerten ihren verun—
glüdten Kameraden, der feines Hutes
willen wohl viele Klafter tief in Schutt
begraben war. — Da trat der Berg:
fnappe, allerdings wieder ohne Hut,
zur Thür herein.
‚jest
aber in großer Be:
ftellt 2
„Was weiß ich ?” jagte der Knappe,
„was das jet ift gemwejen, weiß ic)
nicht und wie ich über das Wafler
gefommen bin, weiß ih auch nidt.
— Ich juch’ noch den Hut, dba hat's
mir binterwärt8® auf einmal einen
Nud gegeben, und wie ich wieder zu
mir jelber fomm’, lieg’ ich da draußen
beim Gartenzaun, und wie ich mic)
zujammenflaub’, fehlt nicht ein Stüdel,
ganz bin ih und gejchehen iſt mir
gar nichts.”
„Das ift ein wahrhaftiged Mira:
fel”, riefen fie, „darauf mußt Du
brav trinken.”
Das ließ der Knappe ſich nicht
zweimal jagen, und es begann ein
Iuftige8 Zehen, während unten das
abgefperrte Waffer immer höher und
höher ftieg.
AZulegt kam auch noch ein Bauer
dazu, der in einem der verjchütteten
Häufer feine Wohnung gehabt hatte.
Den Hatte fein befter Freund, ber
Mein, gerettet. Der Bauer war bie
Nacht über, als der erfte Erdſturz
|gefchah, im Wirthshaus gewejen. Aus
Dankbarkeit für den Netter Hatte er
fich feither nicht mehr von dem Glafe
getrennt; vorausfichtlih wird er dem
Freunde ewige Treue und Anhänglich—
feit bewahren.
Die Nahriht von dem neuen
Berafturze war, trotzdem der Telegraph
zerriſſen, bald nad) allen Seiten hin
gebrungen und als e8 Morgen ward,
jtrömten Menjchenmaffen nad) der Uns
glüdsftätte. Und da gab's ein Stau:
nen und Verwundern. Das Thal war
vollſtändig abgefchnitten. Ein viele
Klafter hoher und wohl an Hundert
Meter breiter Sattel aus gelblich:
grauer Erdmaſſe lag da und auf
demjelben ftanden und Tagen wirr
459
durcheinander die Bäume des Buchen:
waldes, der geftern noch hoch oben
auf dem Berge, weit ober der erjten
Rutſchung geweien war.
Links an der Sann waren bie
Maſſen niedergefahren, war die Eifen-
bahn gegangen, waren die brei Käufer
geftanden. Und recht3 derjelben, hoch
an der Lehne des Berges, war der
größte Haufen, waren jeßt die Schwel-
len, Eiſenſchienen, Telegraphenftangen
und dort und da das Stüd eines
Dacftuhles, und fogar mafjige Stüde
der Duadernmauer, bie brüben eine
Heine Eijenbahnbrüde geſtützt hatte,
Alles über die weite, tiefe Schlucht
hinübergefchleudert und den Gebäuden,
die zur Fabrif gehörten und auf der
grünen Anhöhe jtanden, vor die Thür
geworfen. Und unten in der Fabrif
ergoß ſich das Waſſer zu den Fen—
ftern hinein, ein gehobener Dachſtuhl
glitt dahin und allerlei Geräthe, und
Hunderte von Delfäffern ſchwammen
auf tem Wafjerfpiegel, der wie ein
See jhon bis gegen Römerbad hin-
aufreichte. Weite, braune Delfchichten
glitten in munberlichen Formen über
die Flähe Hin und die Holzbrüde
hatte fih Fradhend gehoben und war
geborften. Aus Römerbad, aus Tüffer
famen Nachrichten, das ganze Thal
jei in Gefahr, Gebäude und Brücden
ftünden unter Waffer. Und gegen
Steinbrüd Hin ragte im Flußbett das
trodnende Geftein, und allerhand Waſ—
jergethier trieb ſich bedrängnißvoll in
den noch übrigen Dümpfen herum
und verendete. Aber jedes große Un:
olüd wirft Beute ab für Naben und
für Hungernde, darbende Menjchen.
Unten fingen fie Fiſche, oben hockten
alte Weiblein in den Pfügen und
ihöpften Del.
Von dem Plejcheberg nieder aber
ftarrte die ungeheure Mulde, und
man jah bem Berg in das Herz hinein.
Arbeiterzüge langten an. Die nahen
Fabrifen, die Gewerkſchaft Trifail,
die Sübbahn u. ſ. w. ftellten ihre
verfügbaren Kräfte. Hunderte und Hun—
derte von Menſchen arbeiteten am
Durchſtich. Ingenieure und DOfficiere
commanbirten laut, als gälte es, einen
feindlichen Feftungswall zu erjtürmen.
Männer der Willenichaft jtellten ihre
Beobadhtungen an, unterfucdhten das
Erdreich, ftiegen den Berg hinan und
brachten Kunde zurüd, daß oben viele
Klafter tiefe Spalten und Klüfte gähn:
ten und ein newer, noch größerer
Sturz wahrſcheinlich fei. „Der
Plefcheberg ift beiläufig 1500 Fuß
hoch und wird ſüdlich von einem jäh
auffteigenden Korallenkalfriffe gebildet ;
zwilchen dieſem und dem eigentlichen
Felsſtock des Pleſche ift eine Mulde,
durch welche früher ein Eleines Bäch—
lein niederfloß. Die Mulde befteht
aus einer dunfelbraunen, weichen Te:
gelmafje, welche durchweicht eine jei-
fige Art annimmt. Das Wafjer fiderte
ein, burchfeuchtete das Erdreich und
war Urfache des Abfturzes. MWenigftens
zwei Millionen Kubifmeter Erdmaſſe
find niebergefahren.“
Von dem Ausgraben der verfchüt:
teten PVerfonen war nun feine Rebe
mehr; waren ja doch durch den zweiten
Sturz auch die Särge verfchüttet wor:
den, die jene hätten aufnehmen jollen.
Der arme Steinmeß ſaß auf dem
Schutt — hatte Alles verloren, bis
auf das Hünblein, das nimmer von
ihm wich, das traurig zu feinem Ge:
fichte auffah, als wollte e8 ihm er:
zählen von der gräßlichen Stunde
jener Nacht, von dem legten Auffchrei
des Meibes, von dem Wimmern ber
fterbenden Kinder.
„War's denn eine VBerfündigung“,
murmelte der Mann, „daß ich in ber
Neujahrsnacht gejagt: Wenn zum ſechs—
ten noch eins kommt, ſo haben wir die
ſieben Schmerzen beiſammen! — O,
mein Gott, Du haft es ja gewußt,
fie find mein Leben gewejen. — Ad,
wenn fie nur im Augenblid zu Grunde
gegangen find! Wenn fie in dem feften,
gemauerten Haufe nur nicht etwa noch
eine Zeit gelebt haben — lebendig
begraben ... Jeſus, Jeſus!“
460
Sie durften ihn nicht allein Taffen. |
Am Gemwände des Berges hinan |
waren Soldaten aufgeftellt, welche von
Zeit zu Zeit, wenn das Gejchütte oben
riefelte und wieder in Bewegung zu
fommen schien, Sianalfchüffe abfeuerten.
Gegen Abend des Freitag war
das Maffer um fünf Klafter geftiegen.
Die Delfabrif ftand im See, die
Straße zur Rechten war überſchwemmt,
ber Eifenbahndamm zur Linken ragte
noch etwas aus der Fluth.
Die Neifenden aus der Richtung
von Trieft, Agram und Wien fonnten
nicht weiter und ftauten fich in ben
engen Bergichludten an der Sann
und an der Save.
Taufende von Menfchen Eletterten
am Gejchütte und an den Berglehnen
bin. Buben mit Erfrifhungen waren
aufgerichtet an den Hängen gegenüber
dem Bergfturze. Da gab es ein Stau:
nen und Klagen und Muthmaßen, und
fo oft ein Signalfhuß hallte, war
das ein aufgeregte® Erwarten eines
neuen Ereigniſſes und meil es
nicht fam, jo wurde Manchem end»
ih die Meile lang und er Eletterte
aus dem Bereiche des Bergfturzes,
der gemwifjermaßen zu einem Nolksfefte
geworden war.
Einer ging in der Menge mit
dem Hut herum und jammelte milde
Gaben für bie Geretteten, unb dieſes
Manöver lichtete das Gedränge erfolg:
reicher, als die Gendarmerie, welche
die Menſchenmaſſen von den gefähr-
lihen Stellen zurückzudämmen hatte.
Als es am Abende zu bunfeln be:
gann, machte Einer ben Vorichlag,
große Dochte in das ſchwimmende
Del zu werfen, bdiejelben anzuzünden
und jo den Arbeitern eine Leuchte zu
ihaffen. Der Durdftih war endlich
jo weit gelungen, daß das Waſſer
jelbft zu mwühlen und zu bohren an-
fangen konnte. Da brad es zuerft
riefelnd, dann raufchend und endlich
wild ſchäumend und braufend durch.
In trüben Fluthen ergoß es fich gegen
Steinbrüd und ſchwemmte manches
Stüd von den verjchütteten Käufern
aus der engen Klaufe hervor.
Und der arme Witwer jaß am
Ufer, auf daß er, wenn auch nur
eines jeiner Lieben oder wenigſtens
einen Ballen feines Haufes wiederjehe.
Auch das blieb ihm verfagt. Sn tief:
fter Seele traurig ging er davon —
ſuchte eine Bibel, um die Weiffagung
zu lefen von der Auferftehung der
Todten.
Mocenlang arbeiteten Hunderte
an ber Negulirung des Fluffes, an
der Miederherftellung der Eifenbahn
und ber Straße. Aber die Spuren
diefer Kataftrophe werben unvergäng:
[ih fein, e8 müßte fih denn ein
neuer, noch größerer Bergſturz ereig-
nen und den alten begraben.
Da man die Leichen ber zwölf
Verſchütteten nicht fand, fo ift ber
Schutthügel durch eine kirchliche Ein-
fegnung zum Friebhofe gemacht wor:
den, wohl des Landes eigenartigfter
Friedhof, über melden ber fchöne,
mächtige Fluß aus den Sulzbacher—
alpen und die bebeutenbite Verkehrs—
aber des Neiches ihren Lauf nehmen,
Auf dem Tchenmarkt zu Gras.
Eine Erinnerung aus der Knabenzeit von 9. R. Rofegger.
Als Knabe litt ih häufig an Heiz |
nen Augenentzündungen ; Daran Urjache |
war das nächtliche Leſen bei trübem |
Kienſpanſchein. Unſere Nachbarin war
ihres Augenübeld wegen zu einem
Stadtdoftor gegangen; jo jagte ich
eines Tages zu meinen Eltern, ic)
würde auch meiner Augen wegen nad)
Graz gehen müfjen. Freilich der Augen
wegen, aber nicht, weil fie frank waren,
als vielmehr, weil fie Graz jehen
wollten. Der Better Franz hatte mir
oft „nach Graz gezeigt” ; da hatte er
meinen Kopf zwijchen feine beiden
Hände, wie in eine Zange gepreßt,
mi jo eima einen Schuh hoch vom
Boden emporgehoben und gefragt, ob
ih ſchon nah Graz jähe Ich Jah
zwar noch lange nicht über die Wald:
bergrüden hinaus, aber um wieder
auf die Füße zu fommen und mein
Haupt zu befreien, gab ich vor, ſchon
nah Graz gejehen zu haben. Die
Poſſe erregte aber meine Sehnfucht
und jo ging ich nun mit Zuſtimmung
meiner Eltern „der Augen wegen” nad)
Graz.
Ich nahm meinen Weg über bie
Fiſchbacher Alpe; dort begegnete mir
ein Almhalter mit einem Knüttelftode,
fragte mich, ob ich eine Saduhr ober
Geld bei mir hätte. E3 freute mid)
jehr, daß er an mir eine Saduhr
vermuthete, denn — weil Bauernfnaben
dergleichen nur jelten im Sade haben
— fo mußte er mich für einen erwad):
jenen Burfchen halten, der ich mit
Sehnfuht jo lange gerne gemwejen
wäre, bis ich einer war, Dann freilich
hätte ich wieder lieber ein Kind jein
mögen. Aljo:
„Uhr,“ fagte ih, „habe ich feine
bei mir, aber vier Gulden Geld.”
„Und fürchteſt Du Dich jo allein
auf dem Wege nicht vor den ſchlech—
ten Leuten?” fragte der Almbalter.
„Fürchten thu' ich mich nicht,“
war meine Antwort.
„Aber was wirft denn machen,
wenn Dir Einer das Geld wegnehmen
will?”
„Ich rauf’ oder ich lauf’.“
„Damit wirft nicht weit kommen.
Hörft, wenn Dir auf der Straße Einer
unterfommt, dem Du nicht recht trauft:
nur gleich anbetteln. Ked das Hütel
herab und anbetteln; gibt er Dir
nichts, jo nimmt er Dir nichts. Behüt’
Did Gott und laſſ' Dir Zeit auf
dem Weg.“
So der Almhalter, dann ging ic)
fürbaß. Kam nah Fiſchbach, wo die
beruf’nen Raufer daheim waren; fam
duch den großen Fiſchbacherwald, in
dem ein hohes vothes Kreuz fteht, als
Denkmal, wie dort einft einem Sonn:
tagsjäger ein Hirſch erjchienen war,
der zwifchen den Geweihen ein Kruzifir
trug; fam nad) Birkfeld, wo der ge:
ftrenge Dechant wohnte, der zu ben
Schulprüfungen auch ſchon mehrmals
in unfere Gegend gegangen war; kam
nad) Anger, wo auf dem Berge das
graue Gemäuer eines Raubjchlofies
ſteht; fam nach Weiz, wo der Kerker
war, in welchem alle Diebe und Wild:
ſchützen aus der Fiſchbachergegend ein-
gejperrt wurden — und mir ift auf
dem ganzen Weg nichts zugejtoßen,
al3 ein großer Qunger, ben ich beim
Fleiſchhauer in Weiz durch eine Schüfjel
„Spedfled“ vertilgte. Bei demſelbigen
Fleiſchhauer jchlief ich die Nacht über
in einem Stall, in weldem die Maft-
ochſen aufbewahrt wurden, die am
nächſten Morgen geichlachtet werden
follten. Die armen Genoſſen bezahlten
diefe Nachtherberge mit ihrem Leben,
ih mit ſechs Kreuzern, wovon einer
derart breitgejchlagen war, daß ihn
die Wirthin anfangs für einen alten
Groſchen, dann aber, als ich fie auf:
462
merffam machte, es jei nur ein ge-
flopfter Kreuzer, gar nicht nehmen
wollte.
Ich kam glücklich durch die Raab—
ſchlucht, wo das Hochwaſſer gerade
vor mir eine Brücke mit dem Schutz—
engelbilde mweggeriffen hatte und mid)
ein Müllerburſche über den Bach tra-
gen mußte; fam nad) Albersborf, wo
ein großer Hund mich wohlmwollend
anjchnüffelte, weil ih in ängitlicher
Gelaffenheit an ihm vorüberging und
wo mih ein kleiner Pintjch in die
Made biß, weil ih mit dem Stode
ihn genedt hatte; und ich Fam auf
die Höhe, von wo aus man das erfte-
mal die jchimmernden Thürme von
Mariatroft fieht und im Hintergrunde
den Grazer Schloßberg, umhüllt von
blauem Dunfte.
Im Walde hinter Mariatroft lag
auf dem Bauche ein Handmwerfsburiche ;
„Wir gehen mitfammen.“
Das war ein braver Menſch. Und
weit gereift! Er erzählte mir unter:
wegs, daß Graz ein Dorf fei gegen
die großen Städte Wien, Prag und
Pribram. In Pribram war er daheim.
Als wir zu einem Bächlein Famen,
nahm er mi um die Mitte und
bob mich hinüber; dabei hatte ſich
jeine Hand zufällig in meine Hoſen—
tafche verannt, fo daß ich jagte: „Er
wird mir doch meinen Geldbeutel nicht
ftibigen wollen!” Er lachte, es war
ja nur im Spaße gejagt. In Krois:
bad, nicht weit von der Kohannes-
fapelle [ud mich mein Gejelle ein,
mit ihm in ein Wirthshaus zu geben,
er wolle mir ein Glas Wein zahlen,
auf baß wir vor unferem Auseinan-
vergehen miteinander Gefundheit trin-
fen könnten.
Iſt Schon geſcheidt, dachte ich, Ge-
jundheit kann man wohl brauden —
und ging mit. Nach dem erſten Glafe
fam ein zweites und, weil es juft
Mittag war, ein zwiefacher Schweing:
braten auch noch dazu. E3 ging mir
ſehr gut und zum Meffer- und Gabel—
abwiſchen war ein rothes Tiſchtuch da,
das zu allen Seiten weit über ben
Tiſch Hinabhing. Mein Herz mwurbe
für den guten Handwerfsburfchen immer
wärmer und ich dachte mir höfliche
Morte aus, in denen ich mich bedan—
fen wollte, wenn wir auseinander:
gingen.
Als es zum Zahlen fam, fuhr er
mit beiden Händen in jeinen Säden
herum und that einen Fluch um den
andern. Der Rod war wahrhaftig
nicht mehr neu, der Sad war grund-
(08 und der arme Burſche hatte fein
Geld verloren. Ich muß blaß wie die
Wand geweſen fein — das Gelbver:
lieren war bei uns daheim das Schreck—
lihfte, was wir uns denken konnten,
und vielleiht auch das Unerhörtefte,
denn wir hatten jelten eins.
Der Unglüdliche bat mich traurig,
daß ih einftweilen für ihn zahle;
und bieje Bitte riß ein gutes Dritt-
theil von dem Inhalte meines Geld:
beutel3 hinweg.
Verftimmt ging ih zur Stadt
hinein, auf deren Anblid ich mich
ihon jo jehr gefreut hatte. Aber der
Handwerksburſche neben mir, der hatte,
wie ein rechter Mann, fein Unglüd
bald verwunden. Er pfiff und ließ
feinen Stod dazu tanzen, er legte mir
von Zeit zu Zeit feine Hand auf bie
Achſel und vertraute, wie er mid
liebgewonnen babe, da ih ihm in
feiner Noth jo chriftlich beiftehe und
wie er mich, der ich das erftemal in
der Frembe jei, um feinen Preis ver-
lafjen wolle.
Da fam ein Mann mit Säbel
und funfelnden Nodfnöpfen auf uns
zu und fragte den Burfchen nach dem
Paß. Diefer zog haſtig etlihe Papiere
aus dem Sad. Der befäbelte Mann
wollte fih damit nicht zufriedengeben,
aber der Burſche fagte, alles Weitere
hätte er verloren. Der Mann machte
ein ſehr finfteres Geſicht, brummte
Einiges und führte meinen Genofjen
\
463
mit fih. — Weiß heute noch nicht,
wie es zuging, daß der Sicherheits:
mann nicht auch mich angehalten hatte;
ih hätte in meiner Lodenrocktaſche
nur ein Papier gehabt, und zwar die
„Sieben Himmelsriegel, fieben fräftige
Gebetter, die den, der fiean der Bruft
trägt zu Wafler und zu Land von
allen Gefahren behüten”. Weiß nicht,
ob fie den Mann befriedigt hätten, aber
— jo meinte nachher, als ich die
Sade zu Haufe erzählte, die Muhm’
Kathel: „Hätteft nur die Himmels—
riegel nicht bei dir gehabt, wurd'ſt
ſchon gejehen haben, wie dich ber
Standar angehalten und zuſammen—
gepadt hätte!“
Allein ging ich weiter durch das
Geidorf herein, wo mitunter jchon
ein recht fchöne® Haus ftand, aus
welhem Mufifflänge auf mich nieder:
famen, von denen ich mir nicht hätte
denfen fönnen, aus was für einem
Inſtrumente fie entitanden fein moch—
ten. Es war aber fein Lied und fein
Tanz und fein Marſch und auch feine
Kirhenmufif, fondern ein Gemifch von
allem zufammen. Heute zmweifle ich nicht,
daß damals mand ein ſchönes Fräu—
lein auf dem Glavier etwas „Klaffi-
ſches“ gejpielt haben wird. — An den
meiften Käufern war auswendig To
Ihön zu leſen, wer drinnen mohnte
und was er für ein Gejchäft hatte
und das mußte ich doch gleich daheim
dem Köhler-Yörgel rathen, der fich
ohnehin jelber jo gern laut mad:
er foll mit großen Buchftaben aus-
wendig auf feine Hütte oder auf ben
Meiler jchreiben laffen: „Georg Ober:
leitner, Kohlenbrenner und Strohforb-
flechter — brennt Tag und Nacht und
fliht Körbe um drei Groſchen“. —
An den Thüren der Wirthshäufer
waren allerlei Sachen aufgejchrieben,
die man drinnen befommen konnte und
der Preis dabei, jo daß man bie
Rehnung auch ohne Wirth machen
Hauſteiner-Bäck bädt zweimal bie
Mode und da noch muß es kranke
Zeut’ geben, daß er die Semmeln alle
anbringt. Freilih, in jo einer Stabt
wird’3 wohl auch viel Eranfe Leut'
geben.
Endlih jtand ich dort, wo man
die Herrlichkeit fieht. Ein weiter grüner
Plag und rundum lauter prächtige
Häufer und mitten der Schloßberg.
Ich kehrte mich linker Hand und ging
über den Plat, der jo glatt wie eine
neugemäbte Wieje war, voran.
Jeſſes und Heuländ! Die Menge
Leute dort! ift denn was geichehen?
Kirchtag war in Graz — ja noch mehr,
der Tandelmarft, von dem ich daheim
ihon jo Vieles und Wunderliches
erzählen gehört hatte, wurde juft ab:
gehalten.
Damals war der Grazer Fetzen—
markt noch in jeiner Blüthe. Zweimal
im Jahre und zwar in Verbindung mit
den zwei großen Jahrmärkten in Graz,
welch’ leßtere aber nicht auf dem Glacis,
fondern auf dem Lendplage ftatthatten,
wurbe der Fetzenmarkt abgehalten —
zu Mitfaften und zu Anfang Septem-
ber, jedesmal dauerte der Fetzunmarkt
zwei Tage lang. Heute ift der Jahr:
marft auf der Zend derart zufammen-
geſchrumpft, daß er neben ſich auch
dem Fetzenmarkte Platz gemacht hat.
Dieſer iſt ſeit der Anlage des Stadt—
parks von den Glacisgründen ja ver—
bannt worden und hat ſeitdem ſeine
Originalität verloren.
Damals ging der Fetzenmarkt vom
Cirkusgebäude (Stadttheater) faſt bis an
die Stelle, wo heute der Stadtparkbrun⸗
nen fteht. Daswarein Meervon Menſchen
und Buden und Feen. Wenn man ein
paar Jahrmärkte zufammenftellt, und
ein Volksfeſt hinein und ein Dutzend
Schnaps, Käſe-, Salami-, Kaffee
Boutiquen und etliche dreißig Trödler—
hütten und inzwijchen jedes noch übrige
Stückchen des grünen Erdbodens mit
fonnte. An den Bäderhäufern ftand | Feen und Gerümpel büngt und fäet
zu lefen: „Dreimal friſches Gebäck.“
Ich dachte: wozu bie Umftände? der
vornehme Stadtherren und Stabtfräu-
lein, Bauernvolf, Krämervolf, Stu:
denten, Tafchenfpieler, Froatijche Zwie—
belhändler, Yuben, Soldaten und ein
paar Hundert Bettler hinein — fo
hat man den Fetzenmarkt beiſammen,
wie er noch vor fünfzehn Jahren war.
Gewinnſucht und Elend, Luſtbarkeit
und Hunger fanden fich ein; es war,
al3 ob der Herrgott eine ganze Welt
mit Reich und Arm in Fetzen zerriſſen,
durcheinandergemengt und auf das
Grazer Glacis hingejtreut hätte. Und
der Contraft jpielt in's Lächerliche und
in’8 Tragifche. Hier friſche Eßwaaren,
dort verdorbene, hier ſchwere Seiden—
fleider, dort Halb verfaulte Lumpen.
Möbel aller Art, mit vergoldetem
Prunf, mit kunſtvoller Arbeit, mit
Wanzen ; Bettjtätten mit Bildern, Stüh—
len, Büchern und Vogelkäfigen gefüllt.
Kunftreihe Gpsfiguren und grobes
Töpfergejchirr daneben ; funkelnde Stahl-
waaren und roſtige Eifenwerfzeuge
für alle Stände, Bücher — neue,
alte, zerfegte, bejubelte Bücher auf
Tiſchen aufgehäuft oder in großen
Körben oder auf den nadten Erbboben
hingeworfen ; manch vielbändiges Werk
in Schweinsleder oder Reinwand, manch
nadtes Büchlein ohne Umschlag, ohne
Titel, jo daß es felbft nicht einmal
weiß, wie e8 heißt. Daneben einzelne
Blätter als die legten Ueberreſte eines
vielleicht bedeutenden Werkes noch
einen Käufer fuchend. Dazwiſchen
Kupferftiche, Gemälde mit fein gefchniß-
ten Rahmen und durchlöcherter Lein-
wand, Familienbilder und Hausjchilver,
alte Lederſtücke, verroftete, verbogene
Schuhnägel haufenweije, Shmudgegen:
ſtände und fettfledige Kellnerfräde und
zerriffene Beinkleider und manch joli-
der Rod darunter, von feinem unfoliden
Befiker an den Wucherer bingegeben.
Und Schuhwerk, unzählig Schuhwerf,
das längft Schon alle möglichen Hüh—
neraugen gebrüdt, jet nad neuen
jucht. Dann Reitjättel, aus denen das
Eingeweide grinft, alte Matragen,
Sophas, Spielfarten und Würfel,
Dolde, Eäbel und Degen, die ich
möchte über ihren vergangenen Lebens:
lauf. Dann wieder buntbemalte Thee:
Ichalen, an denen manches Frauen:
zünglein gejchärft, pakfongbeichlagene
Tabakpfeifen, über denen mancher
Traum von Vergangenheit oder Zu:
funft geträumt worden fein mochte.
D, was war in dem bunten Trö-
del für Menfchenleben und Menfchen:
glüd und Unglück durcheinanderge-
ſchüttelt! Wie viel Geiftesarbeit ruht
in den Millionen Blättern Papier,
die hier auf dem Boden zerftreut lie:
gen, wie viel Studium, wie viele
durchwachte Nächte! und wie werth
mochten fie die jeweiligen Befiger
gehalten haben — jetzt find fie in
den Wind geflogen und wenn fie Nie:
mand mag, der Käjeftecher wird fie
ſchon kaufen. Gegenftände, die vielleicht
vor Kurzem noch die freundliche Woh—
nung glüdliher Menfchen ſchmückten,
an denen vielleicht Tangjähriges Wün—
ihen und Trachten gebaut hatte, die
durch Liebe alte Erinnerungen mit
hoher Weihe ummwoben worden waren:
die theuren Gegenjtände find hier
hinausgejchleudert auf die Straße,
unter bie Fußtritte fremder Menjchen.
Marktjchreier rufen fie mit rohen
Späßen aus, Wucherfeelen dürften
nah dem Blutgelde des Gemwinnes,
der dreimal jo groß jein muß, als
der Betrag, welchen fie dem zum Ber:
faufe Gezwungenen dafür bingegeben
haben. Oder es fißt bei einem Häuflein
von Trödel eine blafje Frau in ſchwar—
zem Kleide oder es kauert ein trüb-
äugiges Mütterlein dabei. Sie haben
das Marktſchreien und das Feilſchen
nicht gelernt und die Menfchen eilen
und haften vorüber uud wenn doch
ein Blif auf die ärmlichen Waaren
fällt, jo ift e8 ein geringſchätziger —
denn Keiner fieht den ftillen Schmerz
der Frau, die Nahrungsforge des
Mütterleins. — Wer denkt auch auf
dem Iuftigen Fetzenmarkt an die Fetzen
zertrümmerten Glüdes !
Und wie ſchon der Weltgang it,
nicht gerne zur Verantwortung ziehen | dem Elende fpielt man Mufif auf.
465
Hier ein Leierfaften, dort eine Dreh:
orgel, da ein trillernder Kanari im
Käfig, ein plappernder Staar, ein
Papagei. Eine Zigeunerbande weiter
bin, und die Klänge bei den Ringel:
jpielen, Seiltängern, Guckkäſten und
Gauflern. — —
Verkommene, abenteuerliche Ge:
ftalten, die man felbft in der Stadt
das ganze Jahr Hindurd nicht zu
Gefihte befommt, find aus ihren
Schlupfwinkeln hervorgefahren und wan—
ben, huſchen, lungern auf dem Fetzen—
markte herum und machen Geſchäfte
nad ihrer Art.
So iſt dieſer fonderartige Markt,
wie ihn außer Graz nicht leicht eine
Stadt aufweiſen wird, zum Tummel—
platz für alle Stände und zweifel-
haften Unternehmungen geworden. Mich
ſetzt das ſchillernde, ſchellende, tolle,
armſelige Weſen und Treiben dieſes
Schacherfeſtes ſtets in eine unangenehme
Stimmung — als ahnte ich den Tag,
an welchem all das, was jetzt mein
Haus ſo heimlich und traut macht,
die lieben erinnerungsreichen Gegen—
ſtände, die Reſultate meines geiſtigen
Strebens einſt auf dem Fetzenmarkt
verjüdelt oder verſchleudert werden
ſollen. — Wie wäre es doch ſchön,
ein eigenes feſtes Heim zu haben, in
welchem ſelbſt nach dem Tode den
Nachkommen all die Dinge in ihrer
Ganzheit beiſammen blieben, die zu
ſchaffen und zuſammenzuhalten die
Hauptaufgabe eines Lebens war.
Andererſeits iſt doch der Fetzen—
markt wieder eine wohlthätige Gele—
genheit für jene armen Leute, die von
Zeit zu Zeit ein Kleines an Trödel
und Fetzen erübrigen, um ohne Zwi—
ſchenhändler dafür
einzunehmen.
Zur Zeit, als ich das erſtemal
nach Graz kam, fand der Fetzenmarkt
noch mit all ſeinen Eigenthümlichkeiten
ſtatt. Vom Lande herein war ein
großer Zulauf und manches Bäuerlein
ſparte im Gange des Jahres all ſein
Geld, um auf dem Tandelmarkt Ein-
Rofeggers „Heimgarten‘‘ 6. Heft.
einige Groſchen
| fäufe machen zu können. Auf Kleine
Hauseinrihtungen, Arbeitswerkzeuge
und Wäſche gings bejonders los; und
das war dann ein Beguden und Feil—
ſchen, um Hoſen und Pfaiden, deren
einziger Vorzug oft nur darin bejtand,
daß fie jchneeweiß gewaſchen waren,
Der Bauer kauft nichts ohne zu feil—
jhen, aber mitunter waren auf dem
Fetzenmarkte die Preije dieſes Nudel:
brette8 oder jenes Stiefelpaares fo
unter aller Erwartung niedrig, daß
der Kaufluftige wortlos nah feiner
Geldtafche langte und nur Acht haben
mußte, daß er fih etwa durch eine
gewiſſe Haft im Auszahlen nicht ver:
rathe, wie frevelhaft billig er ben
Gegenftand halte. Mancher hat fich
freilich jpäter überzeugt, daß er beim
Handel doch nichts gewonnen. Anderen
wieder kam's wohl zu ftatten. In ber
Birkfelder Pfarre war ein Schubflider,
jtet3 mit grauem Garnloden gekleidet
wie ein armieliger Häusler ging er
einher. Der kam eine® Tages von
Graz als nobler Herr zurüd. Ein
feines ſchwarzes Beinfleid und einen
Frad hatte er am Leibe und einen
Gilinder hatte er auf dem Haupte;
das Beinfleid war ihm zu lang, fo
daß es über den Anöcheln in vielen
Falten zufammenjaß, ähnlid, wie es
erſt viel jpäter bei den Stabtherren
in die Mode fam; die Aermel bes
Frades hinwiederum waren fo kurz,
daß fie nicht allzumweit über die El:
bogen hinansgingen. Der Gilinder
war tadellos, nur wollte man in
Birkfeld willen, in der Stabt trage
man in der Negel nur ſolche, die
feine Narben, Höder und MWiderhaare
hätten. Den ganzen Anzug hatte ber
—— auf dem Fetzenmarkt um
einen Gulden ſechsunddreißig Kreuzer
gekauft. —
Da ih nun damals in die Stadt
gefommen, fah, daß Fetzenmarkt war,
beichloß ich ſofort, mich in anderen
Auslagen möglichit einzuichränfen, um
Einiges von den Schägen zu erjtehen,
die hier ausgebreitet lagen.
30
466
Ein Meines Haustheater ftach mir
in die Augen. Ich hatte daheim aus
Papier auch jo ein Theaterchen ge-
der Doktor Fauft auf feinem Mantel
in bie Lüfte fliegen und ihn endlich
ber Teufel in Stücke zerreißen werde.
jchnigt, wie ich e3 einmal zu Krieglach Das Eine wie das Andere fam nicht
auf dem Kirchtag von wahrbaftigen
Komödianten gejehen ; hatte die Fleinen
Figuren hübſch bemalt, fie dann von
rückwärts aus auf ber Bühne mit
den Fingerjpigen hin: und hergefchoben
und den Tert dazu ertemporirt. Meine
Geſchwiſter mußten zufehen oder zu:
hören und hätten nach meiner Meinung
bravo rufen follen; aber fie [achten
mich aus und bald war der Zuſchauer—
raum leer. Ich hätte daher zur Beſſe—
tung ber Theaterverhältniffe die nette
Bühne auf dem Fetzenmarkte jehr gerne
fäuflih an mic gebradt, aber wie
fie nah Haufe bringen? Die Sache
unterblieb. Hingegen erſtand ich ein
Budfäftlein mit den drei Weltſtädten
Paris, London und Neapel — zufam:
men um achtundbvierzig Kreuzer. Auch
das Meer mar darin und der feuer:
fpeiende Berg; ich meinte, ich müſſe
in die Lüfte fliegen vor lauter Glüd-
jeligfeit. Später habe ich für nächtliche
Zeit durch Fleine Nadelftihe in den
Bildern bei diefen Städten die Gas—
beleuchtung eingeführt und damit da:
heim unter meinen Genoſſen mehr
Süd gehabt denn ala Theaterdirektor.
Die Schilderung meiner jonftigen
Abenteuer in Graz gehört nicht hierher.
Die Uhr und die „Lijel“ auf dem Schloß:
berg und die Kettenbrüde, und bas
eiferne und das gemalte Haus und
die Thierfammlung im Soanneum
bilden für den Landmann, jo ziemlich bie
hervorragendften Sehenswürdigkeiten,
die auch mich höchlich interefjirten.
Den Abend verbrachte ich im vierten
Stode des landihaftlihen Theaters;
zuerft ſchaute ich auf die Köpfe hinab,
die unten wimmelten und glaubte hei:
läufig, das wäre ſchon die Borftellung,
his der Vorhang aufging und mir nım
erft die Aehnlichkeit dieſes Haufes mit
den früher geſehenen kleineren Bühnen
auffiel. „Fauſt“ wurde gegeben ; durch
das ganze Schaufpiel wartete ich, wie
und ich verließ unbefriedigt das Theater.
Am andern Morgen fand ich mic)
zeitlich wieder auf dem Fetzenmarkte
ein. Ein Ueberjchlag in Bezug meiner
Geldverhältniffe hatte mir gezeigt, daß
ih noch Einiges einkaufen dürfe. Ich
entfchied mich für Bücher. Da lagen
auf grünem Raſen die fieben Todſün—
den von Eugen Sue; um dreißig
Kreuzer jchienen fie mir alle fieben
nicht zu überhalten; aber die dritte
fehlte.
„Ja, die ift Schon weg,“ ſagte mir
die Verfäuferin, „die hat früher gerade
ein alter Herr mitgenommen.”
„Und vom Born fehlt auch ein
Stüd.“
„Nein, ich bitte, das wird bei der
Trägheit liegen.”
Mährend diefer Unterfuchungen
fam ein betagter Herr berbei.
„Junger Mann,” ſagte er und
flopfte mir auf die Achjel, „das find
für Sie feine Bücher!“ zog feine Gelb-
tafhe und faufte mir die ſechs Tod—
jünden vor der Naje weg. Mögen fie
ihm wohlbefommen. Sch habe ein Leben
Ehrifti erftanden, das mir fpäter da-
heim die Muhm’ Kathel in den Ofen
geworfen bat, weil es von Martin
Luther geichrieben gewejen mar.
Ich wollte mich jchon wenden, da
ſah ich auf dem Fetzenmarkte plöglich
meinen Handwerksburſchen von gejtern
wieder. Wie er der Behörde entfom:-
men, bas weiß ich nicht; er feilfchte
eben um einen grauen Tuchrock.
„Wenn der nicht feine ſchweren
ſechs Gulden werth ift!“ rief der Ver—
fäufer und riß das Kleidungsſtück beim
Henkel in die Höhe, „To foll mich auf
der Stelle der Erdboden verjchlingen!
Nur weil heut’ der heilige Aegyditag
ift, laß’ ich ihn um fünfe. Gerade erft
hat mir ihn ein Herr verfauft, ein
jehr folider Herr, ich könnte fagen um
ſechs Gulden, wenn ich Lügen wollt’;
467
aber mein Prinzip ift die Ehrlichkeit, | „wie mir jegt wieder Einer aufge:
um fünf Gulden hab’ ich ihı gekauft, ſeſſen ift? Eine alte Brieftafche habe
um fünf Gulden jollen Sie ihn haben
— nur Sie! find ein Neijender? na
|
ih in den Rockſack gethan, kaum er
fie bemerft, hat er angebiffen. Der
ja, weiß es au, wie es Einem da ) wird Augen machen, wenn er die
geht. Sie, ich bin Ahnen durch ganz
Ungarn und Siebenbürgen zu Fuß ge:
reift, bis hinein nach Paris. Na, den
Rock müfen Sie mir abfaufen, meil
ih ihn eben kriegt hab’! Nur daf
was gehandelt wird, jag’ ich aller:
weil!“
Trog ber jchönen Rede wollte fich
der Handwerksburſche wegwenden, denn
der Rod jchien nicht drei Gulden
werth zu jein, ba blieben jeine Augen
plöglih daran hängen. Er befühlte
ihn noch eine Weile, ob wohl ein
guter Stoff, Tieß ihn aber nicht mehr
aus den Händen und zahlte — er
mußte glüdliher Weiſe fein Geld
wieder gefunden haben — die fünf
Gulden. Ohne noch einmal umzuſehen,
machte er ſich davon.
„Haft Du's gefehen,“ Tachte ber
Kleiderhänbler zu feinem Nachbar,
Brieftafche unterfuht und auf dem
Zettel das Wort: Spigbub! lieſt —
ba, ha!”
JH ging meines Weges und pries
insgeheim die Gerechtigkeit des Schid:
jals, welche an dem Strolche heute
ſchon beftrafte, was berjelbe gejtern
am mir gefündigt. Freilich hätte ich
e3 noch treffender gefunden, wenn ich
wieder zu meinem Gelbe gefommen
wäre, anftatt daß der fchlaue Kleider:
händler den Profit eingeftrichen hat ;
aber das Schidfal ift ja blind, und
jelbft in der „Klinik“ zu Graz gibt e8
feinen Doktor jo hoch ftubirt, daß er
dieſem Blinden zu feinem Augenlicht
verhelfen könnte — während ich meine
ſchwachen Augen durch das Schauen
der Welt beilte, befriebigte und mit
erweitertem Geſichtskreiſe wieder heim-
fehrte in das Thal der Wälder.
30*
Sleine Saube.
Wie Bienen Hochzeit halten.
Das Voll der Bienen befteht aus
Männden (Drohnen), Weibchen und
Geſchlechtsloſen. Letztere find zwar
auch Weiber, aber unfrudtbare, doch
machen fie fi) anderſeits nützlich ge:
nug — fie find die Arbeiter, während
erftere nur das Geſchäft der Fort:
pflanzung zu beforgen haben iſt dieſer
Pfliht Genüge gethan, fo verfommen
fie oder werden von dem Wolfe der
Arbeiter ermordet. Ein Bienenftaat hat
nur ein Weibchen — die Königin,
welche einen männliden Harem von oft
6—800 Männchen befigt.
Hat fih ein Bienenfhwarm mit
feiner jungen Königin vom Mutterftamme
losgelöft und ſich auf feiner neuen An:
fiedlung niedergelafjen, jo ift nun das
erfte und wichtigſte Geſchäft die Hoch—
zeit der Königin. Dabei geht's luſtig
zu und Alles ift auf den Beinen und
Flügeln; felbft auf die Arbeit wird
vergefjen, und das will bei den Bienen
fhon viel jagen, es wäre denn, daß
die Gemächer der Braut noch ordent:
lich gereinigt, mit Wachs tapeziert mit
Nahrung und Dienerfchaft verforgt
werden müßten. Cin helles Summen
und Singen ift das im Reiche und ein
Balgen und Schwelgen und Alles fchaart
fih um die Königin, die Holde und
Hehre, die Schöne, minnevolle Frau.
Aber nicht weil fie Königin ift, wird
fie fo hoch verehrt, ſondern weil fie die
Mutter der Nachkommenſchaft werden foll.
Da fliegen ein paar Bienen in's
Freie, fehen nad, wie es mit dem
Wetter ſteht. Warm und mwindftill,
fein Wölklein am Himmel und die Sonne
leuchtet nieder über die weite, grünende,
blühende Welt. Diefe Nachricht bringen
fie in die Stadt. Das ift ein Tag
zur Hochzeitsreiſe. Der Ehemänner et:
liche haben fich vielleiht an der Feſt—
tafel etwas zu gütlich gethan, haben
den Honigopfern, welche die Arbeiter
aus der Muttercolonie noch mitjchleppen
mußten, vielleicht in zu reihem Maße
zugejproden und möchten nun am lieb:
ften ein bischen Sieſta halten. Aber
die Königin ift höchft aufgeregt — fie
verlangt nah einem Ausflug und
das Volk drängt auch darnach und ge
traut ſich'ſs wohl zu jagen, daß ihm
fehr um einen Thronerben und über:
haupt um jungen Nachwuchs zu thun
ift. Die faulen Ehegatten werben
förmlih aufgetrieben und aus dem
Haufe gejagt — und endlich erhebt fi)
der Hochzeitäzug in die Lüfte.
Die Arbeiterbienen bleiben discreter-
weiſe zurüd, umtanzen aber fortwährend
den Stod und find in großer Erregung.
Mit Aengſtlichkeit bewachen fie ihren
neuen Heimatsort und weder Menſchen
noch Thieren wäre zu rathen, fih in
diefer Zeit dem Stode zu nahen. Dann
wieder beobachten fie den Himmel, ob
wohl feine gefahrdrohende Wolfe auf:
taucht, die dem Brautzug gefährlich
werden fünnte. Und wenn fi ein
Wind erhebt, welch' eine Verwirrung,
welder Schref und Sammer in der
Menge, wel’ wildes Summen und
Umberfchießen! Boten werden audge:
ſandt, um nad der Richtung zu jpähen,
in welcher ſich der Hochzeitäzug erhoben
hatte, und um, wenn er einzuholen ift,
469
ihn zu warnen und zum Rückzuge zu
bewegen — denn die Hochzeiter felber
fommen faum dazu, erſt eine Weile
nah dem Wetter zu lugen. Aber fie
find nicht zu finden.
Die Königin ift mit ihrem Harem
davon und hat fich gefreut darüber,
daß der Plebs zurüdgeblieben. Die
Ehemänner fchlugen zuerft das grüne
Geäfte einer Linde zum Ruheplatz vor.
„Nein“, fagte die Königin (und
die Bienen haben ihre Sprade fo aut
wie die Menfchen), „nein“, fagte fie, „da
find die Müden und die Hummeln,
und die Käfer und die Ameifen fteigen
den Stamm herauf — mir mollen
höher fliegen.”
Und als fie um die Wipfel und
Kronen des Waldes tanzten, mollten
die Herren fich dort niederlaffen.
„Nein“, fagte die Königin, „hier
flattern noch die Schmetterlinge, ſchwirren
die Häher und die Meifen und anderes
Boll. Wir wollen höher fliegen.“
Und als fie jo hoch in den Lüften
waren, daß der Zug von unten wie ein
winziged Rauchwölklein zu jehen, und
als fie ſich überzeugt hatten, daß fein
Habiht und Feine Lerhe und fein
anderes Weſen mehr in der Nähe war
— und ala die Gatten hier wieder
angefragt hatten — ſchwieg die Köni—
gin ftil. — In diefem Brautgemache
des hohen Himmels konnte fein unbe:
rufene® Auge ihre Fraulichfeit mehr
verlegen. — Ruhig ſchwebt das Häuf-:
lein auf einem Punkte und die Jüng—
linge bringen der Braut ihre Huldi—
gungen. —
Erſt nad zwei Stunden denken fie
wieder an die Heimkehr — aber wer
weiß jeht den Weg? Da unten der
weite Wald mit feinen taufend MWipfeln,
bort die Wiefen, dort wieder der Wald
— mo ift ihr Heim? — Ueber den
Bergen fteigen Wolfen auf, durch bie
Luft geht mander Stoß und fchiebt
unfere bangenden Hochzeiter vor fi
bin. Sie find rathlos, hilflos. Sollen
fie fi niederlaffen auf fremdem Gebiet ?
Wie fih ernähren? Das Arbeiten
| baben fie nicht gelernt, den Genuß und
‚den Lurus find fie gewohnt und Nach—
fommenfchaft iſt zu erwarten. Gi
eine fremde Golonie, ein Hummel:, ein
Wefpenreih erfämpfen, den Honigvor:
rath rauben? Die Königin wirft bie
Frage auf; die Ehemänner zittern. —
„FFeiglinge!“ ruft fie ihnen zu, „nur
'im Genuß und in der Eiferfucht feid
ihr ftarf, im Heben und Läftern, und
im Uebermuth erftecht ihr euch felber;
— wo's was Rechtes gilt, da ſeid ihr
Memmen. Ad, wäre ich bei meinem
Volke daheim ?“
Mittlerweile fieht fie ein Bienlein
beranfliegen. Es ift Einer aus den Ar:
beiterfchaaren ihres Reiches. Sie eilt
dem Sendling zu, er will fie auf feinen
Rüden nehmen und nad Haufe tragen,
er hat den Weg gut gemerkt, den er
hergefommen und findet leicht zurüd.
Mit Jubel wird fie daheim em:
pfangen. Ein fleiner Theil der Che
männer ift ihr gefolgt, aber Keiner im
Staate kümmert fih jest mehr um
die männlihen Gatten. Hingegen mwirb
die Königin mit um fo größeren Auf:
merffamfeiten überhäuft, und einige
aus dem Volke treten vor unb ver:
beugen fi tief und ſprechen von ber
hohen Ehre, die ihnen zu Theil werde,
indem fie erwählt wären, dem Volke
die Meberzeugung zu verſchaffen, inmie-
weit die Hochzeitsreiſe von allgemei-
nem Nuten geworben wäre.
Die Königin hat feine Urfache, bie
Folgen geheimzuhalten, kann obendrein
den Begriffftügigeren no mit einem
handgreiflihen Beweis erfüllter Pflicht
dienen, indem fie wohl im Stande ift,
irgend ein Härchen vom männlichen
Barte vorzumeifen.
Die Zukunft ift geſichert, der Ju—
bel ift grenzenlos. Alles Wolf ftredt
die Hinterbeine aus und fächelt mit
den Flügeln und jauchzt und fingt und
drängt fi herbei, die Königin mit
Lecken und Beftreiheln zu liebkoſen.
Und fofort beftimmt e3 ihr einen Hof:
ftaat von zehn oder auch zwanzig Bie-
nen, welde fie überall hin zu begleiten
m———
und für alle Bebürfniffe zu forgen
haben.
Und ſchon nad) wenigen Tagen
muß die Wiege her. Die Königin legt
Eier, je eines in eine bejondere Zelle,
jeden Tag über hundert bis taufend
Stüf — vermag im Laufe des Som:
merd 30—40.000 Eier zur Welt zu
bringen. — Glüdliher Weife hat fie
für eine Familie felbft nicht zu ſorgen,
das thut das Volf. Nur zu bald aber ift
eine junge Königin da, oder es find deren
gar mehrere, und die Königin-Mutter
muß dad Feld räumen, will fie nicht
von ihren Unterthanen erftochen werben.
Die Bienen find feltfame Xeute,
fie fennen fein Mitleid, feine Dankbar:
feit und feine Penfion; fie halten Je—
den aufrecht, fo lange er dem allge:
meinen Wohle nöthig ift — dann aber
ſchaffen fie ihn raſch aus dem Felde.
R.
Wie das Publitum, jo die Kunſt.
Seit dem benfwürdigen 9. Mai
1873, an dem die Aera des „volfs:
wirthichaftlihen Aufſchwunges“ wie mit
einem Donnerichlage ein jähes Ende
erfuhr, um einer Epoche Plab zu maden,
welche fich leider immer mehr als jene
des vollswirtbichaftlihen Niederganges
manifeftirt, herrſcht aud an jenen Stät-
ten, wo biö dahin die Mufen ein gold:
ftrahlendes Heim gehabt, äſthetiſches
Heulen und Zähnellappern. Die Thea:
terbirectoren, welche vordem nicht ohne
Geringſchätzung auf die Revenuen der
glüdlichiten kaliforniſchen Diamanten:
fucher geblidt haben mögen, fahen mit
einemmale ihre eigenen Goldgruben
in einen finfteren, gähnenden Abgrund
verwandelt, der alles Gold verfchlang
und aud nit das kleinſte Körnlein
wiedergab. Dieſer aufreibende Kampf
mit dem Deficit hat noch immer fein
Ende nit erreicht. Es ift eine Situa:
en
Wort, dem aber leider die unerbittliche
Logik der Thatfahen bereits einen bau:
ernden Pla in der Terminologie ber
Kunſtchronik angemwiefen zu haben fcheint.
Die Wechfelbeziehung, welche zwi:
jhen der eingangs ermähnten Zeit:
ftrömung und der Kunjt befteht, ift
leicht gefennzeichnet. Zur Zeit, da Alles
in Millionen ſchwamm, wurde aud auf
den Bühnen ein Lurus eingeführt,
welder in feinem Berhältniffe jtand zu
den Durchſchnittseinnahmen, die ein
Theater in normalen Zeitläuften er:
zielen fann. Aber es herrfchten eben
feine normalen Verhältniffe und jo
fonnte aud die Differenz bald durd)
eine allgemeine und namhafte Erhöhung
der Eintrittöpreife ausgeglichen werden.
Die Erhöhung wurde willig zugeftanden
beftand doch das Publikum fait
durchwegs aus ſolchen Glüdlichen, von
denen jeder Einzelne, wie der mwadere
„Don Yanuario“, gern hunderttaujend
Viftolen darum gegeben hätte, um nur
zu erfahren, wie reich er eigentlich fei!
Dasſelbe Publikum war aber durd die *
Genüffe, welche der leihterworbene Reid):
thum ihm bot, und durch den Luxus,
mit welchem es in immer wahnfinnigerer
Verfchwendung ſich umgeben fonnte, bald
fo blafirt geworden, daß auch das aus:
gefuchtefte Naffinement der Bühnen:
productionen feinen abgejpannten Ner:
ven feine Empfänglichleit mehr zu ver:
leihen vermochte. Wohl war der Büh—
nenflitter von einft der echten und
wirklichen koftbarften Pracht gewichen,
aber das müde Auge ruhte gelangweilt
auf ihr ; die Kunft, welche früher durd)
ihren Adel gewirkt, madte nun Harle—
finfprünge, aber nichts verfing — zum
Teufel war der Spiritus, dad Phlegma
war geblieben. Erſt als nad) dem tollen
Fafchingstaumel der Börje endlich der
finanzielle Aſchermittwoch fam, wurden
die Theaterbireftoren mit Schreden ge:
wahr, welde gefährlihe Bahn fie be:
tion, die Unternehmungen und Eriften: | treten hatten, und wie ſchwer die Um:
zen zerjtört und für melde die Nefi:
gnation die moderne Bezeichnung „Thea:
terkrach“ gefunden ein häßliches
| fehr ei.
Wir ftehen heute — trogdem
auch bereit3 der Gulden allmälig mie:
471
der eimen Hang in der bürgerlichen
Gejelihaft einzunehmen beginnt
vor der Thatfache, dab an die Leiſtun—
gen der Bühnen in ber Regel nod
immer nad jeder Richtung hin der
Mapftab der meitgehenditen Anſprüche
angefegt wird, daß aber der überreizte
Gaumen des Publikums nur ſchwer
Geſchmack an den Productionen der
Kumft findet: mit einem Worte, daß
das Publikum die Gegenleiftuna, einen
entjprechenden Theaterbefuh, einfach
ſchuldig bleibt.
Mo ift die Urfache diefer Erfchei:
nung zu fuhen? Hat unfer Publikum
fein Geld für den Theaterbefuh, oder
nicht das ausreichende Verſtändniß für
die Gulturmiffion der Bühne? Uber
find die Leiftungen der Theater fo
ſchlecht, daß dieſe der Unterftügung
eines urtheilsreifen Publifums nicht
werth erfcheinen? Oder endlich find es
etwa gar die Zeitungen, melde ihren
Einfluß auf das Publikum zu Ungunften
der Theater ausüben ?
Leider können nicht alle dieje Fra:
gen verneinend beantwortet werben.
Immer deutlicher treten in den letzten
„Jahren Symptome dafür zu Tage, daß
das hauptftädtifhe Publilum die Be:
deutung, welche die Theater für die
allgemeine Bildung haben, weit unter:
ihägt, und daß es fich entweder gar
feiner moraliſchen Pflichten diejen Pfle—
geftätten der Kunft gegenüber bemußt
zu jein jcheint oder doch zum Mindejten
diefe Pflichten fehr leicht nimmt. In
funftliebenden Städten bildet beijpiels:
weile die Neubejegung irgend eines
claſſiſchen Stüdes ein Ereigniß — bei
uns dringt die Würdigung eines folchen
Ereigniſſes faum über die Kreife der
TIheaterfritifev hinaus. Hier wie dort
ift es der nüchternſte geſchäftliche Stand:
betreffende Theater ſtets ungleich nad):
haltigere Mißerfolge nad fi, als der
glüdlichite Griff ihm Erfolge gebradt,
und dann find die leeren Häufer an
der Tagesordnung und — die Direc-
toren fämpfen Tag für Tag einen ver:
zweiflungsvollen Kampf um das Heute.
Auch das aufmunternde und mahnende
Wort der Zeitungen — wer wollte es
diefen verargen, wenn fie den Theatern
gegenüber das möglichſte Wohlmwollen
befunden? — verhallt wirkungslos ge:
genüber dem Publiftum. Cs fehlt das
pietätvolle Intereſſe für die künſtleri—
ihen Bejtrebungen, und man ſcheint
denjelben leider nur infofern eine Be:
rechtigung zuauerfennen, als fie ber
momentanen Genußfudht der Menge
auch thatjächliche Befriedigung zu bieten
vermögen.
In um fo reicherem Maße — und
hier fommen wir zu einer wahren Xei:
densftation unjerer heutigen Betradhtun:
gen — pflegt die Theilnahme unferes
Publikums ſich ſolchen Productionen
zuzuwenden, bei welchen weder der Geiſt,
noch das Herz, noch das Gemüth, ja
nicht einmal der nüchterne Verſtand
auch nur im Geringſten engagirt wer—
den. Leute, die ſich den Gulden zwei—
mal beſehen, ehe fie ihn auf dem Altar
der dramatifchen Kunft opfern, drängen
fich oft nicht ohne Lebensgefahr an die
Caſſen des Hippodroms, und es ift
eine Thatfache, die wir nicht ohne Be:
ihämung regiftriven, daß der Circus
Garre oder Suhr Wochen hindurch
tagtäglich bis auf das letzte Winkelchen
ausverfauft war, während in Theatern
den Anftrengungen der Directoren und
ihrer Mitglieder zum Troße eine trüb:
jelige Dede herrſchte. Täglich Füllten
Tauſende und aber Taufende den Cir—
cus, und täglich wiederhallte diefer von
dem wiehernden Gelächter über die ab:
punkt, den das Publikum den Divectio: | gedrojchenen Plattitüden der Clowns
nen gegenüber einnimmt — volles
Maß des Amüfements für den bezahlten
—* von dem dröhnenden Applaus, der
|
irgend einem gliederverrenfenden Kaut:
Preis, oder der Preis wird fhon beim |jchulmann, einem waghalfigen Trapez:
zweitenmale unnacdfichtlih verweigert !
Der kleinſte Mißgriff zieht für das
Karate einem dreſſirten Pferde geklatſcht
wurde, Die große Menge folgt diefen
472
Productionen ohne jede weitere An:
Ein paar dreffirte Pferde werden doc
ftrengung ; das Auge gafft — bafta! wohl nicht das Um und Auf des un:
Zu denfen gibt's gar nichts mehr dabei,
niht einmal fo viel,
ja eigentlih ſchon zu Olim's Zeiten
und zum großen Theile auch ſchon in
weit befjerer Ausgabe dageweſen. Erft
wenn irgend eine Seiltänzerin oder eine
arme Parforcereiterin ftürzt und Arm
und Beine bricht, wird Publicus für
einen Augenblid ftußig, um fih er:
röthend einzugeftehen, daß es doch nicht
eben rühmlih für das Menfchenherz
fei, folhem gefährlichen Spiele mit dem
Menjchenleben überhaupt beizumohnen,
geſchweige denn, Gefallen daran zu
daß Alles Dies
widerftehlichen Zodmittels fein? Welchen
äfthetiichen Werth fann es aber mohl
haben, wenn ein Jongleur es glüdlich
dahin gebracht hat, fünfzig Blechfugeln
auf einmal in die Luft zu werfen und
wieder aufzufangen? Oder wenn ein
Clown feine jämmtlichen Collegen auf
der Nafenipite balancirt? Oder fann
irgend ein praftifher Nuten daraus
refultiven, daß ein Afrobat auf dem
Rüden des anderen die Geige Fragt,
oder ein Dritter es richtig fertig ge
bradt hat, mit dem Kopfe nad unten
an dem Plafond zu fpazieren? Wir
finden. Und jeder Einzelne aus diefem | geftehen, daß wir mit unferer — übri-
vieltaufendföpfigen Ungeheuer, das man |
richtung derlei „Kunftleiftungen“
Publikum nennt, entſchuldigt ſich dann
wohl auch damit, daß er ja eigentlich |
gens rein bürgerlihen — Geſchmacks—
nun
einmal aud nicht den allergeringiten
nur „ausnahmsweiſe“ dageweſen ſei und | Reiz abzugewinnen vermögen, ja wir
nun gewiß nicht wieder fommen werde. find unverfroren genug, in dem Ge:
Am nähften Tage aber find fie Alle | fallen an folden Productionen fogar
wieder da und Alle brüllen fie wieder |eine gewiſſe Art von Geſchmacksver—
vor Freude, wenn der zinnoberwangige
Clowm feinem „Couſin“ eine Obrfeige
herunterklatſcht. An das Unglücksgeſchöpf,
das geftern vom Seil gejtürzt und nun
für’8 ganze Leben ein Krüppel ift, denkt
Niemand weiter, und felbjtverjtändlich
auch nicht an die edlen Vorſätze von
geſtern ....
Und fragt man, was das Publikum
an derlei Productionen denn eigentlich
ſo verlockend findet,
ſich vom Standpunkte der geſunden
Vernunft auch nur halbwegs motiviren
ließe. Mit dem Galerie-Publikum mol:
len wir da nicht weiter rechten, denn
dieſes Steht ja durchſchnittlich nod auf
man ſich's zum mindeften erflären kann,
wenn ed ſolche Schaufpiele vorzieht,
denen ed mit dem Auge allein eine
ausreichende Aufmerffamfeit zuzuwenden
vermag — und warum follte man aud) |
fo wird man ver: |
geblih nah einer Antwort fuchen, die
irrung zu erbliden.
Die Moral, melde aus alledem
zu ziehen ift, liegt auf der Hand:
Hunderttaufende von Gulden werden
durch diefe Productionen jenen Inſtitu—
ten entzogen, welche ein weit höheres
Anreht auf die Theilnahme des Publi—
fums haben. a wohl, ein Anrecht —
denn die Theater amufiren ihr Publi—
fum nicht allein, fie tragen auch nad):
haltig zu deſſen Bildung und Veredlung
bei. Wenn die unteren Rolfsflafjen im
Theater nichts weiter lernen, als wie man
geht und fteht, wie man in’3 Zimmer tritt
und grüßt — fo hat ihnen das Geld,
das fie für den Theaterabend bezahlten,
jedenfalls reichlichere Zinſen getragen,
einer fo primitiven Bildungsſtufe, daß
als jenes, welches ſie dem Moloch der
Mandge in den Rachen geworfen. Daß
aber die Pflege der Kunſt auch nur
dort von Erfolg ſein kann, wo man
ihren Intereſſen die gehörige Würdi—
gung entgegenbringt, iſt ein Satz, den
beim Mob einen feineren Kunſtgeſchmack die Erfahrung ſanctionirt hat.
vorausſetzen dürfen, als bei den ſoge—
nannten „gebildeten“ Claſſen? Was
aber finden dieſe Letzteren im Circus?
3. —chnitzer.
——
473
Falſche Sprüche.
Wie die Menfhen auf der Erde
Doc zumeilen Kindifh find —
Sagen da: Der Glaub’ macht felig
Und die Liebe, die madt blind!
Hat mein Liebfter doch bewiefen
Und mir oft gefagt: „Mein Kind,
Nur die Liebe, die macht felig
Und der Glaube, der madt blind.” —
E. A. Schroeder.
Zu fpät.
Wenn jeglih Wort, das mild und hold,
Du tröftend heut für mid) erdenkſt ..
Wenn Du mir heut der Erde Gold
In einem einzigen Barren ſchenkſt;
Wenn Du den Himmel plündern kannt,
Und alle feine hehre Luft,
Die Du der Gottheit abgewannft,
Mir legteft in die öde Bruft:
So kommt dies Alles doch zu fpät,
Im all der Martertage Zahl,
Wo jeder mir hinmweggemäht
Ein Stüd des Ichs — mit blutiger Qual,
Ada Ehriften.
Je nun — jo dann!
Am 17. Februar ift der Dichter |thal Folgendes verfügt:
Mofenthal geftorben.
Er war der Sohn jüdischer Eltern,
in Kafjel geboren 1821. Im Sahre
1842 ging er in die weite Welt und
erfor fi die KRaiferftadt an der Donau
zur zweiten Heimat. Seit 1851 lebte
er zu Wien im Staatödienfte und wurde
1871 in den Abelsftand erhoben. 1851
trat er mit dem Mädchen feiner Jugend:
liebe in den Eheſtand; feine Gattin ge:
bar feine Kinder und mwurde ihm nad)
zehnjähriger Ehe durch den Tod ent:
riſſen. — Geither lebte er als „alter
Junggeſelle“ fröhlich dahin, war ein
überall gern geſehener Bonvivant; den
| Ein neues Zeugniß von der Ge:
müthstiefe dieſes Dichters liefert deſſen
Teftament. In demfelben heißt es unter
Anderem :
„Saft fünfzehn Jahre find ver:
flofien, feit mit dem Tode meiner ge-
liebten Gattin mein Glück zu Grabe
ging. Ich ftehe einfam und allein wie
eine Schildwache, die pflichtgetreu und
ein Lied pfeifend, warten muß, bis fie
abgelöft wird; ih bin ein Gaft im
Wirthshaus der Welt, der nichts be-
gehren darf, als daß man ihn anftän-
dig behandle, jo lange er feine Zeche
zahlt. Ich bin nicht undankbar gegen
meine Angehörigen und Freunde geme:
fen. ch verzeihe Allen, die mich ab:
fihtlih oder unabſichtlich gekränkt haben.
Ihre Namen habe ich längſt vergeflen
Ich habe abfichtlih Niemanden Böfes
zugefügt und gern für jede freund:
ſchaft zurüdgezahlt. Meine fünftlerifche
Aufgabe habe ich ernjt und redlich zu
erfüllen gefucht, und wenn ich der Eitel-
feit und Gelbjtüberhebung geziehen
wurde, fo weiß es Gott, daß ich in
meinem Herzen alle Erfolge ala Ge:
fchenfe feiner Huld erkannt habe und
die Fehler meiner Arbeiten beſſer als
meine höhnifchen Kritiker eingefehen habe.”
Ueber feine Beerdigung hat Mofen-
„Das weiße
Atlaskiſſen und das Sterbefleid meiner
theuren Lina fol man mir unter das
Haupt in den Sarg legen. Gemalte
Mappen verbitte id) mir. Meine Orden,
die nicht zurüderftattet werben müffen,
foll man in der Synagoge von Kaffel
neben den Ehrenzeichen der Freimilligen
aufhängen. ch will in meinem Salon
aufgebahrt werden, nicht in der Todten-
fammer des Friebhofs. Zelotifcher Eifer
wird mir Blumen und Mufif an meinem
Grabe nicht verfagen. Ich will an ber
Seite meiner geliebten Lina begraben
‚fein, und wenn die Friebhofägefege mir
den bereits angefauften Pla nicht gön-
Poeten hieß er ſchweigen, wo die Welt nen, fo foll ihr Staub erhumirt wer:
fih laut madte. — Er dachte mit der |den und neben dem meinen ruhen und
Bäuerin in feinem „Sonnenwendhofe” :
de nun — fo dann!
ein Orabftein gleih dem ihren foll
meine Ruheſtätte bezeichnen.“
474
Man ift heutzutage gewohnt, berlei
Wünſche ald Schwärmereien eines über:
fpannten Menſchen zu betradten. War
denn aud der Lebemann Mojenthal ein
folder ?
Mofenthal hat 18 Dramen geſchrie—
ben, wovon „Deborah“, „Der Sonn:
wendhof“, „Der Schul; von Alten:
büren” die beliebteften find. Ferner
fchrieb er Terte für 16 Dpern, Ge:
legenheitsfpiele, heſſiſche Novellen und
Gedichte.
Im legtvergangenen Sommer be:
gann der Dichter, fih an einem der
Ihattigen Hänge des MWienermwaldes,
von wo aus man tief unten die ftolze
Kaiſerſtadt überblidt, ein Landhäuschen
zu bauen. Bevor es fertig mar, trug
man ihn hinaus zur Gruft.
— Je nun — fo dann!
März.
Dieſer Monat war bei den Rö—
mern dem Kriegsgotte geweiht. Es geht
in demſelben auch kriegeriſch genug her
— ein zarter Jüngling ringt mit dem
ſtarren, finſteren Alten. Letzterer kämpft
mit Eis und Schnee und all ſeinen
Stürmen. Die Alpen umhüllt er mit
froſtigen Nebelmaſſen, die Meere wühlt
er in ihren Tiefen auf. Mit ganz an—
deren Waffen ſtreitet der Jüngling;
Sonnenſtrahlen ſind ſeine Schwerter,
grüne Hälmchen ſeine Speere, Blumen—
knospen ſeine Bomben. Ein warmer
Kußhauch bricht die wüſte Macht des
Alten. Der Jüngling ſiegt durch die
Milde. — Frühling wird es wieder,
und am 19. des Monats — am Feſte
Joſefs — ſiegt der Tag über die
Nacht
Aller Winterſchlaf iſt vorbei, die
Leute ſuchen wieder ihre Gärten und
Felder auf und begraben freudig Frucht
und Same in das Erdreich — „denn
auferſteh'n wirft du nad kurzer Ruh'“.
In den Kirchen aber ſchweigen alle
i 3 lei Gab in.
freudenreichen Klänge — und die Got: Iepte ODER Ein
gegen. Ein einzig Felt fallt in die
Düfternig der Faſtenwochen, ein Feſt,
bei dem die Kirche wieder lächelt, wie
zur holdfeligen Weihnachtözeit — der
Erzengel Gabriel fommt in's Kämmer—
lein zur Jungfrau Maria. Bald
auch naht der „Palmeſel“, fommen die
traurigen Paſſionsceremonien alle — aber
der Monat ſchließt unter Freudenfeuern
und Pöllerknall — in der Dfternadt.
Sitten und Schmäünke.
Das Klödeln.
Adventnaht in einem Bauernhaufe
des Kärntner Oberlanded. In der
Gegend hoher Schnee. Der Bauer gudt
in feinen Kalender; die Bäuerin und
etlihe faubere Mädchen, Menſcher ge:
nannt, fißen an ihren Spinnrädern. Da
werden von außen Schritte vernehmbar
und Glodengeflingel und an dem Fen—
fter ein Klopfen und heftiges Boden.
Die Bäuerin und die Mägde halten
beim Spinnen inne, der Bauer ftust,
und will fhon den Stod holen, um Orb:
nung zu fchaffen und die Ruheſtörer
zu züchtigen, da fällt es der Oberdirn ein,
daß heute „Klödlerabend“*) iſt und
draußen die Klödler ihr Mötten (Un:
weſen) treiben. Auf dieſes aufmerk—
ſam gemacht, ſtellt der Bauer den Stock
bei Seite und läßt den alten Brauch
ſeines Rechtes walten.
Das Pochen wird immer ärger, da
ſagt eine der jungen Dirnen:
Biſt du a Mon
So klock noch a mol on!
Biſt du a Bua,
So flog nar brav zua!
hierauf „Klödeln“ die Burſchen noch
*) An dem Donnerftag vor und an dem
Donnerftag nad Nifolaitag ziehen die jungen
Bauern und Burfchen im Drauthale und an
den Adventdienfttagen im Möllthale von Haus
zu Haus „anklöckln“ und heimfen hiefür aller-
Der zweite Donnerftag und
Dienftag im Advent heißt der beilige
teshäufer dunfeln dem Charfreitag ent: | Klödlerabend.
475
Vebhafter an das Fenſter, bisweilen fo Die Dirnen haben die Spinnräder
arg, daß die mit Eisblumen geziertenSchei: | bei Seite geftellt, und hänjeln Die
ben in Trümmer gehen und der Bauer | Klödlerbuben, indem fie ihnen zurufen:
mit dem Stode in die Horde fahren Unten im Moos
muß und felbe zum Flüchten zwingt. | Ligt a toats Rob
Sit der erfte Lärm vorüber, frägt Is hinin und vorn off'n
die Bäuerin: | Seind die Klöckler draus g'ſchloff'n.
Klödler, wog wöllts den drauf’ ? Natürlich bleiben die Klödler bie Ant:
Seide topfer, jo fümt's in's Saus! | wort nicht ſchuldig. E3 geht nun ein
\improvifirtes Wettreimen an. Schnei-
dige Dorfjarfasmen in Knittelverfen
und Vierzeilern werden losgelafjen, die
nicht eher enden, ald bis die Bäuerin
Mir wünfh'n in Baurn an goldanan Hof das Klödlergut auf den Tiſch ſtellt.
Zwa rigglate Oxn, zwa bildſcheane Pferd; Selbes beſteht aus Würſten, Kletzen
und eigenen runden Laiben Roggenbrod,
Mir wünſchn dar Bäurin an goldanan Derd | ee ;
Damit fie fon kochn was fie will und begehrt. welche Batzen, auch Klodler⸗Radlan ge:
Mir wünſch'n dar Tochter a guldanas Radl, nannt werben. Nachdem fie bieje Ga⸗
Damit fie fon ſpinnan ihr feinaſtas Pfoadl; | ben erhalten und eingeheimit, siehen fie
Mir wünfhn dar Dirn a goldane Stiagn, | weiter der nachſten Behaufung zu. Das
Af an iedn Stapfl a Kind in dar Wiagn, iſt um Weihnachten und Neujahr bie
Mir wünſchn in Knecht a goldane Hokn, Form des Glückwünſchens in Ober:
hierauf jagen die NKlödler folgenden
Spruch:
„Heint is dar heilge Klöcklerobend,
Den Gott dar Herr erſchoff'n hot!
Daß er fie fon den Himmel einhokn (?) färnten. Audolf Weijer.
Mir wünfhn den Kindern an goldanan Tiſch —
In dar Mittn drinnan an bockanan Fiſch
Af an iadn Eck' a Glaſele Wein, Wie man in Tirol das böſe Weib
Das ſie dabei kinnant luſti ſein. austreibt.
Mir wünſchn enk an Buſchn und Flindarlan Dumpfe Schläge gellende Gloden
d’ron ; . /
eifengequide, Raſſeln, verworrener
Steckt's 'n afn Öuat, das recht ſchean werd's en geq * —
davon
t Feuer im Dorfe?
Davor afn Zaun, ſitzt a Vögala braun | > am an der Straße
So viel's Vögerl hot Federn und Hor | wirb’s hell. Glührother Fadelfchein
— « —*55 ’
2 biel wünſcht mar Ent glüdlihe Jor! Weiber und Männer in verſchiedenen
nd hiatz hörmar ſchon die Scheiter krochn Gruppen
Die Bäurin wird uns eppas bochn, | gu
Mir hörn a fhon die Schüffel klingen | „Ze brennt if Alter? Er
| „Brennen ? Sie treiben das böje
Vie Bäurin wird uns wos außa bringen! | Weib aus. — Marie, zur Thüre, die
Nach Beendigung dieſes Spruches ſagt Burſchen ſind wild.“
die Bäurin: „Ih fürcht' mich nit, Vater, —
Das KHlödlerguat findats berinnen am Tiſch, der Chriſtel ....“
Geais eina und holt' ent 's friſch! — Hei, da ſind ſie! Ohrenzerreißendes
das laſſen ſich die Burſchen nicht zwei: | Fohlen und Toben, als ob eine Rotte
mal jagen. Sie ftürmen herein ftams | junger Teufel der Hölle entjprungen.
pfend und Elingelnd und repräfentiven | Der größte voran, ohne Müte, in
ſich als eine ganz abjonderlihe Gefell: | Hemdärmeln, mit Kurzhoſen und barfup,
ſchaft. in der Hand eine Pechfackel. Damit
Die Joppen haben fie verkehrt an- ſchwingt er den Takt. Die Anderen
gezogen, manche find mit Stroh ver: ſind Muſikanten. Hafendeckel, Kuh:
mummt und das Ungeficht geſchwärzt. ſchellen, Gießkannen, Pfeifen und alle
476
denkbaren Tärmenden Geräthe brauchen
fie als Inſtrumente. Der Letzte trägt
ein Faß. Das bearbeitet er als tür:
kiſche Trommel.
tiges Gehöfte, eine® ber fchönften im
Dorfe.
Der Kranzbauer hauft dort, ber
Kranzbauer, der morgen mit ber Vroni
Vorbei ftürmen fie gleich der wil- | Hochzeit hält. Die Vroni ift ein armes
den Jagd und fchreden die Mädchen.
Was fol der Aufzug ?
Auf dem Dorfplage maden fie
Halt. Das Faß mird zur Tribüne,
Der mit der Fadel ſchwingt ſich hin:
auf. Ein Wink, und nur das ferne
Echo gibt Zeugnik vom plöglich ver:
ftummten Lärmen.
„Rieder !*
Auf die Knie ftürzen die Burfchen.
„Wer zum Wittib ward und noch
einmal freit, bleibt ein Narr für alle
Ewigfeit.“
Der auf dem Falle lieft e8 von
einem ſchmutzigen, zerfnitterten Blatte
herab.
„Amen“, [halt e8 im Chor.
„Und nun lafjet uns beten für ihn
die Litanei vom böfen Weibe”, tönt
ed wieder im falbungsvollen Prediger:
tone.
„Von einem Drachenweib.“
„Verſchone uns, o Herr!“
„Von der, die den Teufel im Leib.“
„Verſchone uns, o Herr.“
„Von einer Rangenbrut.“
„Verſchone uns, o Herr.“
„Von der, die uns quält bis auf's
Blut.“
„Verſchone uns, o Herr.“
„Ein Ausbund von Häßlichkeit.“
„Nie für uns.”
„Ein Keflel voll Eitelkeit.“
„Nix für uns.”
Und fo fort in diefem und nod
derberem Tone. Eine Traveftie der
firhlihen Litanei, wie fie der naivfte
Vollswig nur grobkörnig zu fchaffen
vermochte.
Wehe Dir, wenn Du bei diefem
tollen Acte zu lächeln mwagft! Gleich
fpringen ein paar Burfhen auf Di
zu und nehmen Dich gefeffelt in ihre
Mitte. Was und wem foll aber der
ganze Aufzug? Das Haus, vor dem
fih die Notte aufgeftellt, ift ein präd-
Mädel, ihr Bräutigam einer der Reich:
ften weitum. Den Reichthum hat er
aber nur erheiratet. Vor fünf Yahren
nod war er ein armer Knecht. Damals
hat er mit der Vroni angebandbelt und
— die Kranzbäurin heimgeführt. Die
aber ift vor Jahr und Tag geftorben.
Morgen fol die Vroni an ihre Stelle
rüden. Die Männer zudten die Achſeln,
die Dirnen mifperten und flifperten
am Dorfbrunnen. Der Kranzbauer lachte
und gab der Vroni feine Hand.
Und die Burfhen? Die fpielten
dem Paare den eben geſchilderten Streich ?
Weit vom Biel. Sie übten nur
einen Braud nah altem Net, nad)
alter Satzung. Wenn ein Wittib noch—
mals heiratet, treibt die Dorfjugend
ihm das böfe Weib aus. Sie rufen
ihm bie böfen Eigenfchaften feines erften
Meibes in’s Gedächtniß zurüd.
Mit einem Kraftſpruche ſchließt bie
Litanei.
Der Burſche fpringt vom Faſſe
und wird fofort von zwei Gefellen auf
die Schultern gehoben. Ein Fenfter im
erften Stodwerfe klirrt. Dahin tragen
fie ihn. Ein Mann mit dunflem Voll:
bart beugt fih aus demſelben. Das ift
der Kranzbauer. Er ftredt die Hand
vor. Im rothen Scheine der Fadel
gligert und funfelt es hell in derfelben.
Kling! fällt e8 auf den emporgehalte:
nen Blechdedel des Burfchen. Und nod
einmal ling. Hei, das find harte,
blanfe Thaler, die der glüdliche Bräu—
tigam gefpendet. Damit hat er fi
vom böfen Weibe losgefauft. Ein Dan-
feshalloh der Burfchen mit dreimaligem
Tuſch. Kreifhend fliegen die Spaten
und Schmwalben au8 dem Schlafe ge:
fhredt ringsum von den Dächern.
Die Unglüdlihen, die von den
Burſchen gefangen, erzittern. Sommer:
frifhler find e8, Opfer ihrer Neugier.
Dorfbewohner kennen den Braud und
477
halten fih ferne. Wichtig naht fi
ihnen der Führer, Auf ein Wort fal-
len zerfchnitten die Fefleln. Mit bedeu:
tungsvollem Schmunzeln aber hält er
den Befreiten feinen Blechdedel ent:
gegen. Das Löſegeld fällt reich aus.
Die Städter freuen fih, fo leichten
Kaufes den Händen der Notte entrin-
nen zu fönnen.
Zum Schluſſe ein „gemüthlider”
Abend beim Dorfwirth. Gelage, Tanz,
Rauferei. Dies krönt das Felt.
Die Sitte findet fih auf dem Mit:
telgebirge um Innsbruck und in Dör:
fern des Oberinnthales. In feinem
ber verbreiteten Werke über unjer Al:
penland habe ich davon Erwähnung ge:
funden. Ein Zufall nur hat mich zum
Zeugen gemadht, wie man in Tirol
das böſe Weib austreibt.
Sofef Erler.
Bücher.
Der Schandfled.
Roman von 2. Anzengruber.
Diefer erfte Dorfroman von Anzen-
gruber (Berlag 2. Rosner Wien) ift
faft makellos bis auf den — Titel.
Der „Schandfleck“ muß mweggepußt wer:
den. Ich habe während der Zeit der
Lektüre das broſchirte Bud in ein Um:
ſchlagpapier gethban, um Umfchlag und
Titelblatt zu fchonen; das war aber
nur Borwand, denn gute Bücher
lafje ih mir ſtets einbinden, nad):
dem fie das erftemal gelefen find.
Allein ich wollte nit, dag mein Stu:
benmäbchen es fehen follte, daß ich einen
„Schandfleck“ Tefe. Diefer Titel ift nicht
einmal motivirt, ohne Gänfefüßchen
ſchon gar nicht. Die Heldin des Romans
ift nichts weniger, als ein Schandfled,
ift ein Mädchen, an dem gewiß Jeder
— ob jung oder alt, ob Land: oder!
geheißen und nur felten find die An-
deutungen, daß fie alö der Schandfled
ihrer Familie betrachtet werde. Mag:
dalena litt etwas ſtark an der Erbfünde,
fie hätte nämlich nit auf der Welt
fein follen. Der Mann ihrer Mutter
war nicht ihr Vater. Das war das
Unglüd ihrer Familie, jedoch ihr eigenes
Glück und wir finden in dem poetifchen
Bilde dieſes Menfchenlebens die Ber:
heißung, daß die Sünden der Eltern
fih nit an den Kindern rächen, gleich:
wohl gerade das Gegentheil erwieſen zu
werden ſcheint. Magdalena wird von
ihrer Mutter und von ihrem Pflegevater
nicht geliebt und daher nicht verzogen,
wie die übrigen Kinder des Hauſes,
welche fpäter die Eltern mißachten, den
alten Vater fogar verftoßen. Freilich
hatte Magdalena aud einen fchweren,
vielleicht den ſchwerſten Sturm unter
Allen zu beftehen gehabt. Sie liebte den
bübfhen Sohn des Dorfmüllers, mit
dem fie von Kindheit an befannt war ; aber
ala fie fo recht in die Glüdfeligfeit
hinein wollten, da mußten fie es er-
fahren, daß fie Geſchwiſter wären. Der
Müller hatte nicht immer auf feiner
Mühle im Wafjergraben gemahlen, war
in feiner Jugend ein arger Schelm ge:
weſen, nichtöbeftomeniger von manchen
Meibsleuten und fo aud von der ver:
heirateten Reindorferin gern gefehen. So
kams und fo mußten der Müllersfohn
und das Reindorfer Mädchen auseinander.
Der Burfhe wurde aus Verzweiflung
darüber ein leichtfertiger Menſch und
ging bei einem Raufhandel zu Grunde ;
das Mädchen that gefcheidter, das ging
in die Fremde, fam in den Dienft einer
braven Familie als Wärterin eines
mutterlofen Kindes. Der Müller daheim
— als man ihm feinen todbten Sohn
gebraht — hatte die Magdalena als
jeine Tochter ind Haus und ins Teſta—
ment nehmen wollen, aber das Mädchen
hatte gemeint, dad Xeben wäre das
MWenigjte, was Einem gegeben werden
Stadtmenſch — feine Freude haben | könne, und was an ihr fonft wäre, das hätte
mag. Auch wird fie von ihrer Umge- | fie dem Neindorfer zu verdanken, und
bung gar nicht nad} dem häßlichen Worte | den Reindorfer erkenne fie als Vater
478
an. — Und fie that darnad. Sie
heiratete den jungen Witwer, deſſen
Kind fie gepflegt und dann nahm fie
den alten verjtopenen Reindorfer
der fie fonft als den Schandfled feines
Haufes betradhtet hatte — zu fid.
Man glaubt faum, daß man über
eine fo einfache Gefchichte ein 370 Seiten
großes Buch fchreiben kann. Und doch
möchte ich feine Zeile ftreichen, auch
eine ſolche nicht, welche den Bauers:
leuten wirflih bisweilen Aeußerungen
in den Mund legt, die bei unferem
öfterreihifhen Landvolfe faum vorfom:
men mögen. Aber diefe Gedanken find
immer fo originell und geiftvoll und
zwar ftet3 in fo volksthümlicher Form
gejagt, daß man fie gerne aufnimmt,
ohne daß dadurd der bezwedte Dichte:
rifhe Eindrud geftört wird. Ein fein
bischen ſchemenhaft erfcheinen die Stabt-
geftalten und gerade diefen gegenüber
tritt auch das Bauernmädchen Magdalena
etwas aus der Richtung. Faft alle Dorf:
gefchichtenerzähler dichten dem Dorfkinde
in der Stabt eine zu auffällige Naivität
an. Die Wirkung des Gegenſatzes ift
verlodend. Der „Schandfleck“ erinnert
nur in geringem Grabe an diefen allge
meinen Berftoß. In allem Weiteren
find die Geftalten dieſes Romans fo natur:
wahr und realiftifch gezeichnet, daß man
Aehnliches in der Dorfgefchichtenliteratur
faum wieder findet. Aber der Erzähler bleibt
im fünftlerifchen Bereiche, und fo wird
jein Realismus poetifcher und erhebender,
als die aus Thränen und Mondes:
ftrablen oder aus Blut und Modergerud
gewobene Schablone vielgepriefener Ro:
mancierd. Beſchriebe uns Anzengruber
den Stallduft — der, mie man fagt,
in Dorfgefhichten nicht fehlen dürfe —
wir hielten bei der Lektüre unfere leib-
lihe Nafe zu, denn was er fchreibt,
das genieken ordentlich die Sinne, und
in diefer Hinficht ift er auch ala Er:
zähler Dramatifer.
Was nun den philofophifchen Stand:
punft anbelangt, fo hat man unterwegs
den Verfaſſer oft genug im Verdacht,
er gebe nicht einen Grofchen für die
Welt und die Menfchen, melde darauf
leben. Da leſen wir, was der fterbende
Müller Herlinger fagt: „Oft ift mir
ſchon beim Baterunfer in den Sinn ge:
fommen, auf die Legt hat unfer Herr:
gott auch — mie Manche daherunten
— doch zu viel Kinder und fann nicht
für Jedes auf gleiche Weife forgen.“
Dover mas der Reindorfer einmal fagt:
„Biel weiter, als das liebe Vieh, hat
es der Menſch auch nicht gebracht, nur
daß er fih ſchämen thut, das hat er
voraus.” Oder was der Autor jelbft
fagt: „Seltſame Menfchen! glaubt ihr
nur darum an einen Gott des Erbar:
mens, damit ihr alle Milde und alles
Mitleid ihm allein anheimgeben könnt?
Hofft ihr nur darum auf ein Neich des
Trofte und der Gnade, damit ihr jedes
verlangende Sehnen und jede mweinende
Bitte dahin vermweifen könnt? Warum
vermögt ihr nicht, milde zu fein Einer
gegen den Andern und Herz zu faflen
Eines zu dem Andern, warum nicht?
Haß, fo groß und gewaltig er fein mag,
zeigt ihr offen — Liebe, fo klein und
gering fie fein mag, verbergt ihr ſcheu!
D, wie ihr euch doch wehe thun mögt,
jeltfame Menſchen!“ Oder wieder ein
Wort des Reindorfer: „O du mein
Herr und Gott! wie hilft fih doch A:
les auf der Welt fo elendig durch,
was geboren wird, bis es wieder ver:
fterben muß !* Oder ein anderes: „Treu
und Glauben find Narrenfadhen.“
Das ift unterwegs. Steht man aber
am Ziele und blidt zurüd, fo findet
man überall die poetifche Gerechtigkeit
walten und die peffimiftifhen Ausfprüche
mweifen fi als Geburten momentaner
Stimmungen de3 Dichters.
Wie herrlich feiert unfer Dichter
das Haus, dad Familienleben! — „Auf
Erden,” fagt der Neindorfer zu Mag-
dalena, „ann es fein lieberes Anjchauen
geben, als neben einem rechten Mann
ein rechtes Weib.“ Und Guftan, der
Bräutigam Magdalenens, fagt: „IH
weiß mir nichts Beſſeres, als ein pflicht-
getreues Weib! In der ferne alles
Rechte, Liebe und Befte denken fünnen
479
und heimgefehrt e3 nicht anders finden,
jeven Gedanken ald wahr, jedes Träumen
ala wirklich — das iſt Glück!“
Und der Autor fagt: „Wunder,
nicht außer und nicht über der Natur,
fondern inmitten derfelben. Daß du bift,
ift ein größeres Wunder, als alle, die
uns überliefert werden, und es mieber:
bolt fih und geſchieht und wird gewirkt
in Jedem, fo viel ihrer unter dem Tage
wandeln; daß Andere find, das ift ein
gleiches, und daß rückwirkend mir ihnen
find und fie uns, das ift das größte!
— Der gemaltigfte Menfchengeift ver:
mag nur nadzuftammeln, was ihm die
urewige Natur vorfpricht, fo lieblich, fo
geheimnißreih! Jahrtauſende ftammeln
wir: Mutter und Kind! bei ihr fcheint
es nur ein Wort, Sprud und Zauber
zugleich, wer fpricht e8 ihr nah?“ —
Das genüge, um den Geift des
Buches anzubeuten.
In manden bisherigen Fleineren no:
velliftifchen Arbeiten Anzengruber’s fällt
hie und da eine gewiſſe Edigfeit und
Schwerfälligfeit der Spradhe auf; um
fo angenehmer überrafcht in diefem neuen
Buche die Einfachheit, Zierlichfeit und
Klarheit der Form. Was die Schreib:
mweife des Dialeftes anbelangt, fo be:
friedigt diefelbe in Anzengruber’s Volks—
ſtücken nicht immer ganz, eine gemifle
Inconſequenz wäre nachweisbar, wenn
nicht bedacht werben müßte, daß bier
nur auf das Verftändnig und die Auf:
fafjung des Schaufpielers Rückſicht zu
nehmen war. Im Roman hingegen ift
dad Nechte durchgeführt. Die Eigen:
tbümlichfeit und der Reiz der Volks—
mundart liegt nicht in den einzelnen oft
unverftändlihen Worten und meift recht
unfchönen Betonungen, fondern in ber
Wortſtellung und Sagbildung. Wer aus
einem bäuerlichen Idiotikon alle Worte
zu fchreiben und zu fprechen gelernt hat,
der kennt deswegen die Mundart noch
lange nit; er müßte auch wiſſen, wie
diefe Worte zu einander geftellt werden,
auf daß fie die wahre Eigenthümlichkeit — „Adelaide.“
des volfäthümlichen Gedanfens und Aus-
drudes wiedergeben. Angengruber be:
obachtet, wo er die Bauern fprechen
läßt, die volksthümliche Satbilbung, die
Worte jedoch ſchreibt er Hochbeutich, mit
Ausnahme weniger, beſonders charakte—
riftifcher, die aber durch Anmerkungen
erläutert werden. —
Es ift eine reiche Gabe, die Anzen-
gruber in feinen Roman dem beutjchen
Volfe Hingelegt hat. Ein Dichterwerf
für Kopf und Herz, ein Gedankenbild
der heutigen Zeit — eine meifterhafte
Behandlung jenes gewaltigen Conflictes,
der im Bauernhofe zwar feltener ein-
fehrt, als anderswo, hingegen aber dort
um fo bebeutfamere Wirkungen und
Folgen nad ſich zieht.
Eingelangt
find neuerdings an den „Heimgarten“ folgende
Bücher, deren gelegentlihe Beiprehung wir
uns vorbehalten.
2. Anzengruber: „Der ledige Hof“,
Schaufpiel in 4 Alten. (X. Rosner,
Wien.)
F. v. Bärenbach: „Bom Baume
der Erkenntniß“, Novellen (Carl
Gerolds Sohn, Wien.)
— „Herder als Vorgänger
Dar wins und der modernen Natur:
philoſophie“. Beiträge zur Gefchichte
der Entwidlungslehre im 18. Jahr:
hundert. (Theobald Grieben, Berlin.)
L. Bühner: „Aus dem Geiſtes—
leben der Thiere ober Staaten
und Thaten der Kleinen“. (A. Hof:
mann & Comp. Berlin.)
Glara Cron: „Roſen u. Dornen.“
Geſammelte Novellen für die Frauen—
welt. (E. Baenſch, Magdeburg.)
— „Auf und ab.“ Geſ. Novellen
für die Frauenwelt, neue Folge.
(E. Baenſch, Magdeburg.)
— „Regina.“ Ein Charakterbild
für die Frauenwelt. (E. Baenſch,
Magdeburg.)
Ein Charakterbild
für die Frauenwelt. (E. Baenſch,
Magdeburg.)
480
2. Eihrodt: „Melodien.“ (J. B. E. Schatmaper:
Megler, Stuttgart.)
8. E. Franzos: „Aus Halb:
Afien, Eulturbilder aus Galizien,
der Bulomwina, Südrußland, und
Rumänien. Zwei Bände. (Dunfer
& Humblot, Leipzig.)
— „Die Juden von Barnom“,
Novellen. (Eduard Hallberger, Stutt-
gart.)
8. Francois! „Die letzte Recken—
burgerin“, Roman. Dritte Auf:
lage. (O. Janke, Berlin.)
S. Friedl: Illuſtrirter Briefmarken:
Katalog mit circa 800 Abbildungen.
(M. Perles, Wien.)
8. Gutzkow: „Die Zauberer
von Rom“, Roman in neun Büchern.
Vierte Auflage. (D. Janke, Berlin.)
J. Fhr. v. Helfert: „Geſchichte
Oeſterreichs vom Ausgange des
Wiener October-Aufſtandes 1848“,
4 Bände. (F. Tempsky, Prag.)
H. Hopfen: „Verfehlte Liebe”,
Roman in zwei Bänden. (E. Hall:
berger, Stuttgart.)
€. Klee: „Mignon: Maria.” Hi:
ftorifche Erzählung aus dem Leben
Sean Pauls. (Richter & Kappler,
Stuttgart.)
Kroner: „Rheinfahrt.” Won den
Quellen des Rheins bis zum Meere,
reich illuſtrirt, Schilderungen von
K. Stieler, H. Wahenhufen, F. W.
Hadländer. (Gebr. Kröner, Stutt:
gart.)
Dtto Rudwig: „Die Heiterethei
und ihr Widerſpiel.“ Erzählung.
(D. Janke, Berlin.)
Emerih du Mont: „Der Fort:
Ihritt im Lichte der Lehren
Schopenhauers und Darwins.“ (FF.
U. Brodhaus, Leipzig.)
R. Peinlih: „Geſchichte der Peſt
in Steiermarf”, erfter Band
vollftändig. (Vereinsdruderei Graz.)
„Die Kaifer
reife durch Dalmatien.“
(Selbftverlag des Verfaſſers, Trieft.)
A. Schmidt: „Epohen und Kata:
ftrophen“. (N. Hofmann & Comp.,
Berlin.)
R. Schweihel: „Der Bildſchnitzer
vom Achenſee“. Roman. Dritte
Auflage. (D. Janke, Berlin.)
J. 2. Stiger: „Die amerikani—
hen Frauen.” Abwehr gegen
einen Angriff in der Augsburger
„Allgemeinen Zeitung“. (Berlags:Ma:
gazin, Zürich.
Th. Storm: „GeſammelteSchrif—
ten.“ Zehn Bände (G. Meter:
mann, Braunfchmweig.)
3. Zandler: „Sprudbüdlein“.
(R. v. Waldheim, Wien.)
Hoftkarten des Heimgarten:
a. 6. Wien, M. v. J. Seitmerik, F. 3.
Wien, %. A. Rönigsbere, 3. 8. Wien, 8. 3.
Agram. F. R. Graz. Für und nicht verwendbar.
©. C. Gray. Gute und originelle Schwänfe
willtommen. Verlangte Adrefie: Wien, Magi-
milianftraße 12.
®. 3. R. Wien. Bitten um Ihre nähere
Adreffe.
KR. £ v. W. Baden. Ift nicht unfere
Sache. Aus Billigfeitsgefühl möchten wir aber
doh hinweiſen auf die „Neue Illuſtrirte
Zeitung” und die „Heimat“ in Wien und Sie
bitten, fich felbft überzeugen zu wollen, ob
diefelben an Gehalt oder Ausitattung den
beliebteften ausländifchen Wochenblättern nad)-
ftehen.
E. W. in 8. Willtommen! Oftergebräudje
find zu allgemein bekannt; die andere treff-
liche Skizze wird im Iunihefte erfheinen.
3 M. in Wien. Ihre Anforderungen
unferem ®Blatte gegenüber würden meniger
ungerecht fein, wenn Sie daran die Ziffer des
Abonnementspreifes betrachteten. Diefe fällt
Ihnen natürlich nicht auf, weil Sie den „Deim-
garten“ — gratis erhalten.
4. d. £.d. „Bergflug”. Es mag die
Schilderung in Nebenfählihem etwas did-
terifch gehalten fein; daß fie aber im Wejent-
lien, was die Kataftrophe anbelangt, ftreng
richtig ift, davon haben wir uns an Ort und
Stelle felbft überzeugt.
Drud von KeylamsJofefstgal in Graz. — Für bie Rebaction verantmortlig P. 8. Kofegger.
April 1877.
VEN
.
I. Jahrg
Bie Spielen um ein Her.
Eine luftige Geſchichte von
Hans Malfer.
Im Korne lagen zwei junge Männer;
bie vollen, reifen Aehren hingen ihnen
nieder auf das wildumlodte Geſicht.
Der Eine hatte Mähnen, die nicht viel
dunkler waren, al3 die Aehren; ber
Andere hatte dunkles Haar und an den
Baden etwas ſchwarzen Bartflaum.
Es waren Stubenten, Jugendfreunde
auf Vacanzen, die, von dem biden
Gutsbeſitzer Reichthal zu Gafte geladen,
nun deſſen Getreide zerwälzten.
Sie lagen nahe beiſammen; nur
wenige Halme ſtanden zwiſchen ihnen
empor. Keiner ſprach heute ein Wort.
Der Goldlockige entblätterte eine Mohn:
blume, bis er auf dem Stiel die nadte
Kapſel hatte; der Dunkle zerdrückte eine
Kornähre und faute an den Körnern.
„Guido,“ ſagte diefer Letztere nun
plötzlich, „ich werde Dir was mit-
theilen.“
„Juſt habe ich auch den Mund
aufthun wollen,“ antwortete der Andere.
„Wohlan, ſo ſprich.“
Kofeggers „Heimgarten‘‘ 7. heſi.
„Du haft den Anfang gemadt, fo
ſprich Du zuerft, Adalbert.”
„Nein, bitte! Ich werde jpäter
vielleicht lang zu reden haben.“
„Meine Sache läßt ſich auch nicht
mit zwei Worten abmachen,“ verjegte
Guido.
„Merkwürdig?“ ſagte Adalbert,
„jetzt ſind wir ſeit Wochen beiſammen
und ſchwätzen uns ſo gründlich aus,
daß man meint, nicht ein Stäubchen
Heimlichkeit wäre zwiſchen uns mehr
vorhanden — und nun plötzlich gegen—
ſeitig wichtige Mittheilungen!“
„Ich finde es auch merkwürdig.“
„Hier in der Hand halte ich zwei
Halme, der eine hat eine Aehre, der
andere nicht. Ziehſt Du die Aehre, ſo
ſollſt Du zuerſt ſprechen — anders
kommt man bei ſo rückſichtsvollen
Freunden zu keiner Entſcheidung.“
Die letzten Worte waren fröhlichen
Tones geſprochen worden. Guido zog
den Halm mit der Aehre.
3l
482
„Run?“ jagte Adalbert.
„Ih bin verliebt,” fagte Guido.
„Ich ja ebenfalls !” rief der Andere.
„Aber ernftlih, wirklich, diesmal
entſchieden; mit aller Leidenſchaft, wie
noch nie, und mit Abfichten !“
„Freund, das ift ganz mein Fall,“
verjegte Adalbert ernithaft.
„Und ich möchte Dich daher um
einen Freundichaftsbienft bitten, den Du
mir, wie ich Dich fenne, gewiß nicht
abſchlagen wirft. Es handelt fich bier
um feine Tändelei, wie jonjt oft, wenn
wir einem hübſchen Kinde den Hof
machten. Ich will Dich bitten, Adalbert,“
und die folgenden Worte ſprach er mit
flehenber Stimme, „daß Du demFräulein
Ada Feine Kirſchen mehr pflüdeft.”
Adalbert erhob ſich Halb und jagte:
„Wie meinft Du das?“
„I will damit jagen, daß es mir
lieb wäre, wenn Du dem Fräulein Ada
von nun an etwas mehr fern bliebeft
als bisher.”
„IH? Oh ganz im Gegentheil.
Ich muß Dich erſuchen, lieber Freund,
daß Du von jegt an die Erbbeerfpenden
einjtellft, womit Du bisher Ada zu
beglüden glaubteft. Ich werde mid) |
zwei fchneeweißen Blättern lag eine
gepreßte, aber noch nicht verblaßte
Roſe; „die gab fie mir.“
„Ha, wie welt!“
„Weil ich fie Schon länger befige,
als Du deine Pechnelfe, die Du Dir
doch wahrſcheinlich felbft irgendwo ab-
geriffen haft.“
Der Dunkle wollte eine zornige
Entgegnung thun, da wurden fie eine
Frauengeftallt gewahrt, die dem Feld—
raine entlang herankam.
„Sie iſt es,“ flüſterte Adalbert,
„ich werde ſie begleiten.“
„Und ich ſie fragen, welchen von
Beiden ſie will!“
„Das wäre toll. Sie würde uns
beide auslachen und davonlaufen.“
„Du haſt Recht. Sie darf es auch
nicht ſehen, daß wir hier im Korne
niſten, wie ein paar brütende Feld—
hühner. Wir müſſen uns ganz auf den
Boden legen und ſtill verhalten, bis
ſie vorüber iſt.“
Sie duckten ſich tiefer unter die
Halme, aber ſo, daß ſie die Vorüber—
ziehende noch ſehen und beobachten
konnten.
Ada war die einzige Tochter des
noch heute dem Fräulein erklären, und Kaufmanns Settenbach, ſie hatte mit ihrer
das iſt es, was ich Dir ſagen wollte.“ Mutter für die Sommermonate eine
„Du willſt mit ihr ſpielen, wie
Du mit manch Anderer ſchon geſpielt | Reichthal inne.
Haft 2"
Wohnung im ſchöngelegenen Schloſſe
Unter einem Dache
mit dem heiteren dicken Beſitzer des
„Guido,“ ſagte Adalbert, „berlei Landgutes und mit den zwei luſti⸗
Bemerkungen muß ich mir verbitten.
Ich habe die ernſteſten Abſichten auf
Fräulein Settenbach!“
„Vielleicht ſind die meinigen min—
deſtens ſo ernſt,“ bemerkte der Blonde,
„auch will ich Dich verſichern, daß Ada
ſich für mich intereſſirt.“
Der Andere lachte auf. Dann
langte er nach ſeinem Hute, an dem
ein Nelkenſträuschen prangte: „Das
hat ſie mir erſt heute Morgens, als
ih mit ihr im Garten promenirte, ge⸗
jpendet.”
„Weil Du ihr e8 wirft abgeſchwätzt
haben ‚“ jagte Guido und 309 jein
Notizbuh aus der Taſche. Zwiſchen
‚gen Studenten, die jeit einigen
Wochen beim Alten zu Gafte waren.
Ada war noch in jener Zeit, in
welcher die Mädchen fich gerne älter
anfagen, als fie find. Sie war faum
fiebzehn. Aber groß und fchlank und
ſchön — heiter wie eine Lerche zu
Sonnenaufgang, und dann wieder ernft
wie ein Nahtwächter zur mitternächtigen
Stunde. Sie trug — als fie heute am
Rande des Kornaders jo heranfam —
ein weißes Kleidchen, das fo leicht und
‚zart ſchien, wie die Blüthenblätter eines
Schlehdornes, an dem fie dort unten vor:
übergefommen war. Mancher Schmetter:
ling und manches Bienlein, von denen,
483
die fie umgaufelten, mochte fie wirk- Jetzt aber thue ich es und ſchwöre
lich für eine wandelnde Blume halten,
ihre Wänglein und Lippen waren auch
ſo roth und thauig friſch, und ihre
Augen, die unter dem lichten Stroh—
hütchen hervorlugten, hätte man leicht
für zwei große ſchattige Thautropfen
halten mögen. Sie trillerte ein Liedchen,
das aber die zwei Burſchen im Korn—
ſtroh nicht verſtanden, ſo ſcharf ſie die
Ohren auch ſpitzen mochten. Sie bückte
ſich ein ums anderemal und pflückte
Blümchen weiß, blau und roth, wie
ſie eben an ihrem Wege ſtanden.
„Das wird ein Strauß für mich,“
flüſterte der Dunkle.
„Oh, fie nimmt nur meine Lieb—
lingsblumen, ſiehſt Du, das Frauen-
ſchühlein, den Ehrenpreis, die Korn:
blume.”
„Das find meine Farben,“ ver:
jegte Adalbert.
„Seit warn das? erſt geftern haft
Du den gelben Frauenfchuh bie Farbe
bes Neibes geheißen.”
„Pit! fie naht.“
Kaum drei Schritte von den Füßen
der beiden Jünglinge pflüdte fie eine
flammenfarbige Blume des wilden
Mohns. Yedem zudte e3 heiß in ben
gehen, als fie den Stengel abriß.
Aber fie ging trillernd vorüber und
hatte bie Studenten nicht bemerkt.
Sie ging über die frifchgemähte
Wieje hin, auf welcher das duftreiche
Heu lag, und ging den Alleebäumen
bes Schloßparfes zu, zwiſchen denen
ihr Kleidchen noch eine Weile leuchtete
und bann verſchwand.
„Ein Engel!” fagte nun Adalbert,
„Ad, wenn der erft meine Frau fein
wird!“
„Guter,“ entgegnete Guido und
erhob ſich, daß ſein Kopf über das
Korn emporragte, „wenn Du glaubſt,
mich ungeſtraft necken zu können, ſo
täuſcheſt Du Dich.“
„Und ich ſage Dir dasſelbe. Haſt
Du jemals geſehen, daß ich die rechte
Hand an mein Herz gelegt hätte?
Dir, daß ich Ada liebe.“
Guido ſchwieg und wand gedanken⸗
voll einen Buſchen Halme um ſeine
Finger.
„Du haſt keine Ahnung, Adalbert,
wie mir das ſchrecklich iſt,“ ſagte er.
„Wie hätte man meinen können, daß
auch Du die Sache fo ernſthaft nimmſt!“
„Warum nicht? Soll denn ich nicht
lieben, nicht freien? Und dabei habe
ih feinen Freund — mußt du wiſſen!
Da kenne ich Feine Rückſicht und in
der Eiferfucht bin ich Alles im Stande.
Ich werbe nicht von Ada laſſen.“
Ich auch nicht,“ fagte Guido
finfter. —
Nah einer Weile, als fih auch
der Dunkle erhoben hatte und beibe
aus dem Korn getreten waren, ſprach
Jener das Wort: „Wenn e3 jo
jteht, jo wird es fein anderes Mittel
geben. Wir müffen uns auseinander:
ſchießen.“
„Ein Duell! — Einen ſolchen
Vorſchlag haſt Du heute, Du junger
Doctor der Rechte, der Du mir erſt
vor drei Tagen den kraſſen Unſinn
und die Rechtloſigkeit des Duells aus:
einandergeſetzt und es als ein alle
Cultur ſchändendes Ueberbleibſel aus
dem wilden Mittelalter erklärt haſt,
das zu bekämpfen und zu beſiegen
Du als die Hauptaufgabe Deines
Lebens erachteteſt! — Du biſt ein
Heuchler!“
„Und Du eine Memme! — Oh,
oh, oh, das iſt nicht ſo ernſt gemeint.
Siehſt Du, wie feſt Du ſtehſt? Ein
einziges Wort könnte Dich hinreißen
zu einem Acte, den Du an mir und
allen Anderen ſo wüthend verdammen
würdeſt. — Nein Guido”, fuhr Adal⸗
bert fort”, mit blinder Leidenſchaft
fommen wir nicht an’3 Biel, weder
Du, no ih. Wir müffen vernünftig
handeln. Du ftehft freiwillig nicht ab
von dem Mädchen, ih auch nidt.
Beide Fönnen wir es nicht haben.
Einer von und muß aus dem Wege.“
31*
484
„— Daß jo unjere Freundichaft
enden muß!” ſeufzte Guido.
„Warum denn enden 2“
der Dunkle, „wir haben uns einmal
gefunden und dürften ung für's Leben
noch öfter brauchen. Es gilt nur
einen Kampf. Haben wir uns nicht
oft gegenfeitig im Kartenfpiel, beim
Schachbrett, auf der Kegelbahn, auf
der Schußfcheibe befämpft ? Hatte ber
Eine gefiegt, jo war der Andere jtet3
unterlegen. Kam deshalb die Freund:
ihaft zu kurz?“
„Ich begreife nicht, wie Du ſolche
Zapalien in unferen gegenwärtigen
Fall hereinzerren kannſt“, verjegte
Guido.
„Du willſt Profeffor der Philo-
jophie werben”, jagte Adalbert, „da
ift Logik nun die Hauptfahe. Wenn
man mit Karten und Kugel um einen
fleinen Preis fpielen kann, jo —“
man kann um Gelb
„Wohl,
„Auch um Haus und Hof, um
Städte und Länder.“
„Selbſtverſtändlich.“
„Um Ehre und Leben!“
„Um Ehre und Leben.“
„Auch — um ein Herz?“
„Auch um ein Herz“,
der Dunkle gelaſſen.
Sie ſchritten trotzig nebeneinander
hin.
„Mit Karten um ein Mädchen
ſpielen, pfui!“ rief Guido nun aus.
„Es müſſen ja nicht gerade Kar—
ten ſein“, gab Adalbert, der eine
merkwürdige Kaltblütigkeit zu Tage
legte, zur Antwort. „Eine Kegel—
partie ?”
„Ab, weil Du weißt, daß id
darin feine fihere Hand habe. Gut,
damit Du fiehit, daß ich auch in ber
Liebe der MUeberlegung fähig bin:
jpielen wir. Der Perlierende Hat
Reichthal auf der Stelle zu verlaffen,
der Andere bleibe.“
„Einverftanden.”
„Aber Schad.“
antwortete | vierzug nad) Wien ab. Punkt acht Uhr
„Oho!“ rief Adalbert, „Dir ift
befannt, daß ich auf dem Schachbrett
fragte | niemals Glüd gehabt habe.“
Guido blieb ftehen und jagte:
„Mir fällt was Beſſeres ein. Sieht
Du dort am Bahnhofe links die vier
Pappeln ſtehen?“
„Du meinſt, dort iſt die Schieß—
ſtatt?“
„Es ſteht ſeit geſtern die Hertha—
ſcheibe noch. Dort ſchießen wir um
den Preis.“
„Nun endlich“, ſagte Adalbert,
„alſo, wir ſchießen uns auseinander.
Wir ſchießen ſo ziemlich gleich gut,
oder, wie Herr von Reichthal ſagt,
gleich ſchlecht. Zwei Schüſſe; wer
zunächſt dem Centrum iſt, dem ge—
höre das Feld.“
„Und der Andere fahre mit dem
nächſten Zuge auf Nimmerwiederkehr
davon.”
„Brauchen wir einen Sefundanten?“
„Rein.“
„Alſo komm’. Unjere Gewehre
‚stehen noch im Schügenhäuschen.“
„Sadte! Heute kann es nicht
mehr geſchehen; wir müfjen die Kof:
fer paden und die Abreife unauffällig
machen. Morgen früh acht Uhr fie:
benundzwanzig Minuten geht der Cou-
find wir auf der Schießftatt.“
„Abgemadht.“
„Was gedenkſt Du heute noch zu
beginnen?” fragte Guibo.
„Das ift meine Sache”, antwor:
tete der Andere furz.
Auh die meinige“, ſagte ber
Dlonde. „Meines Wiffens ift eine
Kahnfahrt auf dem Teich mit ber
Familie Settenbach verabredet.”
„Run alſo — wozu fragen nad
einer Sade, die man weiß ?“
„Hört Du, mein Lieber, aus ber
gemeinfamen Kahnfahrt darf nichts
werden. Das gehört zur Sache. Wer
‚fie verliert, jol fie gar nicht wieder
ſprechen; der Andere mag noch genug
mit ihr kahnfahren.“
485
„Ib laffe mir vor der Entjchei-
dung nichts verbieten.“
„Wieder zu Hikig! Das Verbot
fällt doch audh auf mid. Willft Du
Doctor jus werden, jo ift Rechtsſinn
die Hauptſache.“
„Du haft recht. Ich werde heute
weder in ihrer, noch in Deiner Ge-
ſellſchaft ſein. Von Dir verlange ich
dasſelbe.“
Mit flüchtigem Gruße gingen ſie Ada
auseinander.
Jeder von den Beiden war auf—
geregter, als er es zeigen wollte. Das
Mädchen war vielleicht verloren, der
Freund auf jeden Fall.
Adalbert ſchritt dem Schloffe zu,
das Hinter einem dichten Buchenwäld—
chen hervorragte.
Im Buchenwäldden auf einer
Lehnbank jah er Ada figen und aus
einem Büchlein lefen. Er hätte vor:
überfchleihen können, ohne bemerkt
zu werben; er ftand auch einen Mugen:
blick unſchlüſſig, ob er es thun follte
„Sehen Sie, Fräulein Ada, wären
ſie Beide in Eine verliebt geweſen,
ſo hätten ſie ſich ohne alle Secir—
meſſer berühmter Aerzte ſelbſt aus—
einandergeriſſen.“
„Und ſollte Aehnliches auch bei
unſeren zwei Herren der Fall ſein?“
bemerkte das neckiſche Mädchen und
ließ die Blätter ihres Buches ſpielen.
„Und wenn es der Fall wäre,
au
Sie blickte ihn von der Seite an
— mit einem merkwürdig fcheuen
Blick.
„Ach, laden Sie mich doch ein,
daß ich mich zu Ihnen auf die Bank
ſetze!“
„Ich bitte“, ſagte Ada gedämpft,
rückte haſtig an den Rand hinaus
und bauſchte ihr Kleidchen zuſammen,
mehr als es nöthig war.
„Wie Sie ja andeuteten, mein
Fräulein, daß ich ſtets in Geſellſchaft
des Herrn Stolling geweſen ſei, ſo
mögen Sie ſich denken, daß ich Ein—
ober nicht. Endlich eilte ex haſtig auf ſamkeit nicht gewohnt bin.“
das Mädchen zu und grüßte es mit
einer hohen Schwenfung bes Hutes,
und zwar jo auffallend, daß fie das
Sträuschen erbliden mußte, welches
fie ibm am Morgen gebunden hatte.
„Ei”, lachte das Mädchen, „Herr
Saltegg, wo haben fie denn heute
Ihre Hälfte gelafjen ?”
“ „Sollte ih mir nicht einbilben
bürfen, mein Fräulein, daß Sie mich
auh ohne meinen Collegen für volls
ftändig hielten 2
„Darüber habe ich wirklich noch
feine Betrachtungen angeftellt”, ent:
gegnete Ada jchalfhaft, „ich las nur
einmal, daß die fiamefifhen Brüder
bi8 zum Tobe zufammengewachfen
verblieben, weil es die berühmteften
Aerzte nicht wagten, fie zu trennen.“
andern Frau.”
„Natürlich.“
| Ada
Da laſen Sie wohl aud, daß
die fiamefiihen Brüder verheiratet ge:
weſen jeien — aber jeder mit einer |
die
der dicke Herr Neichthal mit feinem
„Daß Sie Ihren Freund aber
dann verlaffen haben, Herr Saltegg ?”
verſetzte das Mädchen.
„Das iſt, weil —“ er beſann ſich
etwas und fuhr fort, „weil jeder junge
Mann endlich zur Einſicht kommt,
daß ein guter Freund für die Länge
nicht die richtige Geſellſchaft ſein
kann?“
„Warum denn nicht?“ fragte ſie
und beugte ihr Geſichtchen über das
Buch, in dem ſie blätternd etwas zu
ſuchen ſchien.
„Warum? Weil der gute Freund
plötzlich treulos wird und ein Mäd—
chen nimmt.“
„Ja, da muß der Andere eben
auch ein Mädchen nehmen“, lachte
auf.
„Das meine ich ja eben!“ rief
Adalbert entzückt und wollte ihre Hand
faſſen. — Das Mundſtück eines ſehr
langen Pfeifenrohres tippte ihm auf
Finger. Hinter der Bank ſtand
486
gelblich-weißen Vollbart, feinem rothen
Gefiht und feinen grauen, weißbufchi-
gen Yeuglein. Der ganze Kopf ftaf
in ber Bruft berunten, die breiten
Achſeln gingen ihm bis zu den Ohren
hinauf, über denen ein filbergeftictes
Hauskäppchen ſaß. Der ganze Herr
war in einem braunen Schlafrod, der
durch eine rothe Schnur um den um:
fangreihen Leib zujammengehalten
wurde. Seht, da er mit jeinem Pfei-
Der Herr von Reichthal war, wie
er ja jelbit fagte, einmal ſehr jung
gewejen und demzufolge ein Freund
der Jugend geblieben. War lange ein
bemofte8 Haupt gewejen, dann Soldat
geworden, hatte ed zum Major ges
bracht und fih dann penfioniren laf-
jen, um auf feinem Lanbgute gemäch—
li für fi Hinzuleben und mohlbe-
leibt zu werben. In früheren Jahren
waren die Forellen, Hafen und Reb—
fenrohre ein ficherlich holbes Geſpräch hühner verfolgt worden, jet ließ ber
geftört Hatte, Ficherte er Iebhaft und | behaglich gewordene Herr das Per:
fein Kopf jchien fich dabei noch immer | gnügen Jüngeren über.
tiefer in den Bruſtkorb einbohren zu | hatte er feine.
wollen.
Verwandte
Zu den FFerialzeiten
hatte er immer ein paar Stubenten
„Daß doch der —!” rief er nun, |bei fich, die mit ihm farteten, fegel-
aber feine Stimme war völlig tonlos | ten,
als | firten, Knafter rauchten und Anderes
und einem Röcheln ähnlicher,
Pulver verpufften, Hunde dref-
einem luſtigen Ausrufe, der's wohl | trieben, was ihren fröhlichen Seelen
fein follte.
und gelenfigen Leibern eben angenehm
Die jungen Leute erhoben fich und | war.
grüßten ihn.
„Endlich weiß man's“,
Herr von Reichthal, „wo man bie,
jungen Herren zu juchen bat, wenn
man mal 'n Spielhen machen will. |
„Morgen wird wieder ein präd):
gurgelte | tiger Tag jein zum Kojen“, fagte Herr
von Reichthal unterwegs zu Adalbert,
| „meinen Sie nit?“
„Dazu iſt mir jeber Tag und
— Glaub's gern! Ein alter Rnafter: jedes Wetter gut genug.”
bart und ein jung, bildſchön Fräulein,
das ift 'n Unterfchieb. Nu —
laßt Euch nicht ftören”, ſetzte er
lächelnd bei, „hab' nichts gehört und
nicht3 gejehen.
jung gewefen, ſogar jehr jung.
Na, behüt’ Sie Gott!“
Aber Adalbert und Ada *
ein, ſie konnten nun nicht mehr bleiben
im Schatten des Buchenwaldes. Ada
empfahl fih flüchtig und eilte, um
ihre Mama zu ſuchen; der Stubiofus
ging mit dem alten Herrn in ben
Hof, wo Lebterer fein Hunbearjenal
hatte, vom feifenden Mops bis zum
zottigen Neufundbländer — feine Wacht
und Waffen in den öden Spätherbft:
und Wintertagen,
einfam und die heiteren Sommerpar:
teien und Studenten wieder in die
Stadt gezogen waren und den alten
Herrn bei der ‚halbtauben Haushälte—
rin allein zurüdgelaffen hatten.
„Wenn's nicht zu feucht ift im
Park“, bemerkte der Alte blinzelnd,
„ih dächte denn, wir follten die ſchö—
nen Tage vorderhand für was Ande—
Man ift auch 'mal res benützen. Eine Spritzfahrt morgen
in's Schlehenthal zum Förſterhaus!
Was ſagen Sie dazu?“
„Auf morgen kann ich gar nichts
beſtimmen“, antwortete der Studioſus.
„Der Förſter hat vor etlichen Ta—
gen eine friſche Weinladung erhalten.“
„Aha!“
"Der Förfter ſoll euch auf Hoch—
wild führen. Ihr Herr Gollega ift
gewiß mit einverftanden.”
„Das weiß ich nicht.“
„Der Förſter befitt auch zwei
wenn dad Schloß hübſche Töchter!”
„Zwei ?”
„Vielleich —“ und Herr von
Reichthal drehte feine Aeuglein gegen
Adalbert, „wären auch Frau und
Fräulein Settenbach von der Partie?“
487
„Rund gejagt”, verjegte Adal— Da ſah er ihre Lippen an. Sie
bert, „ich traue dem Wetter nicht; aber Iugte durch das dünne Geflechte
e3 309 heute Mittags der Südwind.“ der Krempe in fein Angeficht, in fein
„Wir wollen e8 ja noch jehen. ſchönes, männliche Auge, das heute
He, Sultan! Mohr! Hopp, huff!“ faſt ernft und betrübt war. Aber er
Sie waren im Hofe. gefiel ihr fo. Immer luſtig und fed
fein, fteht nur den MWildlingen gut.
RR . Mer jedoch ein echter junger Mann,
Fräulein Ada ging duch den der zum Philofophen geboren ift,
Park, ging über ben Anger gegen ben der dem Freunde untreun wird und
Teih bin und fand bie Mutter nicht. ein Mädchen nehmen wil, der muß
An der Tehne, im Schatten eines | ernfipaft fein und ein bischen ſchwär—
alten Ahorns lag ein Mann, er ſchien men können. Wie fchlant und frei
zu jchlafen oder unverwandt in bie er daftand mit feinem dichten, wei-
ſtahlblaue Fläche des Waflerd zu hen Gelode, das unter dem fchlich-
ſchauen. Als er das Mädchen ges | ron Gute hervorquoll! Weſte und Hemd
wahrte, erhob er jih und ging zwi | yaren zwar etwas Loder, fo daß ein
ihen Ahorn: und Birkenſtämmen hin: Streifhen jehneeweißer Bruft hervor:
weg. Es war Guido Stolling. fhimmerte.
— Weshalb flieht er vor mir,) „Sie haben ja Ihr Halstuch ver:
dachte dad Mädchen, war er doch fonft | foren“, fagte fie, „ba müflen Sie fich
jo Lieb, jo herzlich? — Sollte ich ihn beſſer einhüllen, Herr Stolling, wenn
irgendwie gefränft haben? ich wüßte wir auf dem Teich gehen.”
nicht. Jedenfalls verdient jein unjchid- „Wir müffen do warten, bis
lid) Benehmen, daß man ihn verfolgt. | auch die Anderen kommen”, wendete
— Und fie eilte ihm nad und rief er ein.
ihm ein ſtrenges Halt zu. „Ja, damit wir gar nicht fahren
Guido blieb ftehen, that, al3 ob |fünnen. Der große Kahn ift geftern
er das Fräulein jegt erſt bemerkte jchabhaft geworden; wir, ih und
und trat ihr num einige Schritte ent: | Mama — ich fahre mein lebelang
gegen. nicht mehr ohne Mann — find an
„Sollte man's doch glauben!“ einen Stein angefahren und hätten
rief fie ihm zu, „daß Sie jelbjt Ihrem | bald Schiffbruch gelitten. Heute ift
Freunde untreu geworben find?” nur der Seelentränfer da und auf
„Selbft meinem Freunde?” ent | demjelben hat entweder nur ber alte
gegnete er befrembet, „wer hat denn | Herr Platz oder zwei leichte Perſonen,
das gejagt?” heißt das, die nicht viel Gewicht
„Bor einer Biertelftunde Ihr Herr | haben.”
College.“ Ein Erröthen zeigte an, daß fie
„So“, fagte er. Und im Stillen: |die Doppelfinnigfeit ihres Ausdrudes
Schnurgerade ift er nach dem gege: | bemerft hatte, und fie bückte fich raſch,
benen Worte, heute nicht mit ihr zu um nachzufehen, ob nicht Erdbeeren
verkehren, gegangen, um das Wort da wären.
zu brechen. Gut, jo muß ih es auch Guido hatte recht bald ein Sträuß:
nit halten. hen zur Hand. Sie nahm es und
Er nahm fie an der Hand und fagte: „Die wollen wir auf dem
blidte ihr in's Auge. Waſſer miteinander effen.”
„Wenn Sie mich fo Scharf anjehen, Sie ahnte nicht, daß der junge
jo —” mit diefen Worten rückte en any in fi einen ſchweren Kampf
ihr Strohhütchen über die Augen auszufechten hatte. — Adalbert, jo
herab. ſann er, hat fein Wort gebrochen, jo
488
ift auch das meine gelöft. Wie? Wer
hat es denn gelöft? Iſt ein Anderer
Herr meines Wortes? Weil ein An
derer pflichtvergefjen ift, darf deshalb
ih es auch fein? Darf Einer, der
fein echter Mann ijt, fein Auge zu
diefem herrlichen Mädchen auffchlagen ?
Und ift das ein echter Mann, ber
fein Wort bricht ? — Aber, er könnte
ihr heute das Geftändniß machen, fich
ihrer Liebe verfihern und fo das
ganze, eigentlich gewiſſenloſe Spiel,
das geplant ift, überflüffig machen. —
Und dann kann morgen Saltegg vor
ihn Hintreter und ihm in ihrer Ge
genwart vielleicht einen „Schuft !” in's
Gefiht jehleubern. Nein. Ehrlich will
er fein, die Liebe wird feine Hand
fegnen, wenn die Kugel zur Scheibe
fliegt, und er hat fich den Nebenbuhler
aus dem Felde gejhoflen, der anders:
wie jobald nicht befeitigt werben könnte.
— Aus derlei bunten Gedanken ging
die Bitte hervor, die Kahnfahrt auf
morgen zu verjchieben und in jedem
Falle feiner, Guido's, dabei freundlich
zu gebenfen.
Sie entgegnete mit Schalkheit, fie
denfe immer nur an ben, ber ihr
einfiele und demnach wäre es mohl
an ihm und feiner Begleitung auf
dem Teiche, fih in gutem Andenken
zu bewahren.
„Und an abwefende Freunde bäch-
ten Sie nicht ?“
„Wenn fie mir einfallen, o ja.
Aber wenn man Tuftig auf dem Kahn
fährt, da fällt Einem ſchon gar Keiner
ein, der nicht da ift.”
„Da möchte ich nicht der Freund
fein, der von Ahnen fort müßte“,
fagte Guido mit einem leifen Seufzer.
„Der müſſen Sie auch nicht fein,
Herr Stolling, und ich habe über:
haupt noch gar nie daran gedacht,
daß Sie je fortgehen follten.”
Vom Schloffe her Hang e8: „Ada!“ |
„Mama ruft“, jagte das Mäd—
hen, „fe ift ſchon wieder bejorgt;
aber ih bin ganz ruhig, mir ift ja
nichts geſchehen.“
Guido blidte fie ſchwermüthig an,
dann hob er mit beiden Händen ihre
Rechte, küßte fie heftig und jagte:
„Ada, leben Sie wohl!” Ging bavon
und ſah nicht mehr um.
Ada blidte ihm lange nad. Jetzt
bat fie das Erbbeerfträuschen noch in
der Hand, und fie wollte ihn doch
daran mitgenießen Laffen.
Die Mutter, eine gejegte, aber
noch recht behendige Frau, fam ihr
entgegen. „Liebe8 Kind“, ſagte fie,
„Du bift ja eine wahre Naturſchwär—
merin gemworden, ich vermiſſe Dich
von Tag zu Tag länger. Haft ſchon
wieder Erbbeeren ?”
„Sa, Mama, für Did.“
„Für mich?” entgegnete die Frau
gedehnt. „Nun, diesmal will ich fie
auf Treu’ und Glauben nehmen!“
Sie ſah das Mädchen etwas ftrenge
an. Dieſes wurde roth, und Frau
Settenbach j&hüttelte das Haupt, daß
die blauen Haubenbänder raufchten.
Als Guido Abends durch das Hof:
thor fchritt, ging Adalbert an ihm
vorüber. Sie warfen ſich gegenjeitig
einen finfteren Blid zu und ſchwiegen.
Seber ſchalt den Andern im Gedanken
einen Wortbrüchigen. Auch Adalbert
war nicht im Zweifel darüber, daß
der College ihr „zufällig“ begegnet fein
wird.
„Ru, unge”, röchelte Herr von
Neichthal dem nahenden Guido zu
und blies reichliche Wolfen aus feiner
‚langen Pfeife. „Rüften Sie fi, mor:
gen wird in's Schlehenthal gefahren,
zum Förſterhaus.“
„Guido blidte zum Himmel, drehte
fich im Kreife und entgegnete: „Das
Wetter wird nicht halten.”
„Das Wetter? 's ift ja ber fchönfte
Abend.”
„Es ging zu Mittag der Nord:
wind”, fagte Guido zerftreut.
|
489
„Was ging?” pufterte der Alte, warm und theilnahmsvoll die Hand;
„der Norbwind? Ihr ſeid mir rechte |rauchte in jeiner Stube noch eine ein:
alte Weiber, bei meiner Seel’! der
Eine will ſchlecht Wetter haben, weil
der Sübmwind ftrih und der Andere,
weil der Norbwind zog. Wiſſet, daß
ih der alten blechernen Wetterfahne
inder Sach’ mehr glaube, al3 zweien hoch:
gelahrten Mufenjöhnen. Und die Fahne
zeigt den Weſt. Da fällt in drei Wo:
hen nicht für einen burftigen Gimpel
Wafler.”
„Nein, Herr von Reichthal, ich
meine nur, weil mir vor zwei ober
brei Tagen faum von ber Partie zu:
rüd fein dürften.”
„Berfteht fih, werden wir uns
Zeit laſſen.“
„Und e3 möglich ift, daß ich ober
mein College plöglich abreifen müſſen.“
„Was fol denn los fein?”
„Da von mir eine Tante ſchwer
frank if. —”
„Haben Sie aljo doch Verwandte,
indeß Sie mir erzählten, daß —“
„Heißt das, Salteggs Tante, die
mir immer wie eine Mutter entgegen:
gefommen iſt.“
„Ra, fo, jo, das ift was Anders.
Schön von eu, daß ihr der alten
Frau gedenkt. Hoffen wir, daß fie bald
wieder hergeftellt ift und fie beide in
ihrer Erholungszeit beruhigt fein
können.” —
Beim Abendtifhe waren die Stu:
benten recht einfilbig.
„Die Tante ift ſchwer Frank“,
jagte Guido über den Tiſch zu Adal—
bert und warf ihm einen ernten, be:
beutungsvollen Blick zu, „wir müſſen
ſtündlich gefaßt feinauf ein Telegramm.“
„Aber”, bemerkte Herr von Neid):
thal, „daß Herr Saltegg nicht direct
von der Erkrankung feiner Verwandten
benachrichtigt wurde?“
„Man wollte Dich wahrſcheinlich
ſchonen, indem man die Sache mir
mittheilte“, ſagte Guido zum Collegen.
„Danke“, verſetzte dieſer.
Die Herren gingen bald zu Bette.
Der Alte drückte den Beiden ſehr
ſame Pfeife und murmelte ein- ums
anderemal: „Die Tante iſt krank.“
Die beiden Studenten hatten Ein
Zimmer. Geber von ihnen lag in
diejer Nacht ſchlaflos auf jeinem Bette
und ärgerte fi, daß der Andere jo
ruhig jchlummere.
Adalbert richtete es aber ein, daß
er wie im Traume den Namen „Ada“
ftammelte, im Falle ber Andere doch
wach wäre. Darauf brummte Guido
mit ſchwerer Zunge: „Schufterle!”" —
Kein Inſekt hätte den angehenden
Suriften jo arg aus ber Nachtruhe
aufftacheln können, als obiger Ausruf,
aber er blieb ruhig und der Andere
hatte das Wort ja doch nur im
Traume gejagt.
Meiter hatte fih in der Nacht
nicht3 ereignet.
ALS der Morgen graute, ſprangen
die Beiden faft gleichzeitig aus ihren
Betten und ftarrten ſich mit einer
Miene an, ald ob Jeder in dem An:
‚dern den Freimann fähe, von dem er
‚heute gehenft werben follte.
Berbiffen huben fie an, ihre Koffer
zu paden. Ohne Ordnung warfen jie
diefelben voll und als Adalbert ſchließ—
ih ein letztes Paar Stiefel nicht
mehr hineinbrachte, murmelte er: „Ah
was, ich bleib’ doch da!” und jchleu-
berte fie an die Zimmerwand.
Guido hinwiederum hatte jo viel
Bosheit, das Stubenmädchen für die
weiteren Nächte um ein zweites Kopf:
fiffen zu erfuchen, da er gewohnt jei,
mit etwas erhöhtem Haupte zu fchlafen.
Noch riefen fie zwei Knechte, daß
biefelben, bevor fie aufs Feld gingen,
die zwei Koffer auf den Bahnhof
ſchafften. Dann verließen fie das
Schloß.
„Welcher zurüdtehren wird, ber
joll die plößliche Abreife des Andern
bei dem Alten entjchuldigen”, fagte
Adalbert.
„Schön“, antwortete Guibo. |
Dann gingen fie, Adalbert voraus, |
Guido hundert Schritte hinten drein
ben Fahrweg entlang — und pfiffen
Schelmenlieber.
Die Schießſtatt, die Hinter dem
Dorfe lag, aber zum Schloffe gehörte,
war geichloffen. Guido hatte den
Schlüffel bei fih. ALS fie eintraten,
ſchlug es auf der Thurmuhr Acht.
Bald darauf Fang vom Bahnhofe her
das erfte Signal bes kommenden Zuges.
Sie holten die Gewehre hervor
unterfuchten biefelben, und unterfuchten
bie Scheibe. Als fie auf dem Schieß—
ftand ftanden, erhob Guido die Stim—
me und jagte: „Nun alfo. Welcher
am nächſten dem Gentrum ift, der
bleibe, der Andere fahre mit dem
nächſten Zug ins Weite.“
„Darüber noch ein Wort zu ver:
lieren ift überflüffig,“ murrte Adalbert.
Mit äußerer Ruhe und innerer
Aufregung ſchickten fie fih an zum
Schufle. Dort zwifchen den vier Pap⸗
peln, welche im Morgenwinde riefelten,
ftand die Scheibe. Sie leuchtete, von
ber Sonne bejdhienen, weiß herüber,
aber der ſchwarze Punkt in berjelben
war wie ein finfter blidender Augen:
ftern, drohend dem frevelhaften Spiele
um ein Herz.
Es nallte. Der Pulverrauch ver:
flog rajch, bie jungen Männer eilten
ber Scheibe zu. Der Schuß fa —
eine gute Spanne vom Gentrum ent-
fernt — im britten Kreife. Adalbert
murmelte einen lud; er war's ber
geſchoſſen hatte.
Mit friiher Hoffnung ſchritt Gui-
bo zum Stand zurüd. Er bob das
Gewehr, legte den Schaft an die heiße
Wange und fein Auge ftach über bie
Nabel der „Müde” hinaus auf ben
Punkt. — Er dachte an Tell und ben
Apfel auf dem Haupte des Kindes.
Ihm war, als fege er noch mehr
auf’3 Spiel, ald der Schweizerhelb :
das Weib feines Herzens, die Zukunft.
490
zu zielen? — nein, nad) dem Unglüde
zielt er — Muth! — Bebend brüdte
er [o8, und faum der Knall in ben
Buchenwäldern verhallt war, ftanden bie
Beiden jhon an der Scheibe und
fuchten den neuen Schub. Suchten
und fanden ihn nit. Alle Löcher
bis auf das, in welhem die Kugel
Adalberts ftal, waren von geftern ver:
nagelt — Guidos Blei hatte die Scheibe
verfehlt und war ind Weite geflogen.
Adalbert war Sieger. Bor bem
Thore der Schießftatt reichten fie fich
ftill die Hand. Guido taumelte gegen
den Bahnhof hin. Adalbert flog dem
Schloſſe zu.
Einen Knecht, den er im Hofe
traf, fandte er raſch nad) feinem Koffer
auf den Bahnhof. Dann ging er ins
Gartenhaus, wo Herr Neichthal bei
feiner Morgenpfeife faß, eine land:
wirthichaftlihe Zeitung in der Hand
und etlihe Hunde unter ben Knien
hatte.
„Siebenfchläfer !” brummte er dem
Studenten entgegen.
„Ih komme ſchon vom Bahnhofe
zurüd”, fagte Adalbert, „wohin ic)
meinen Gollegen begleitet habe. Er
läßt fih empfehlen, ein Telegramm
rief ihn plötzlich.“
„Guten Morgen, guten Morgen,
meine Herren!” grüßte die draußen
eben vorüberfchreitende Frau Setten-
bach ins Gartenhaus. Adalbert hatte
bemerkt, wie ihr Blick und ihr freund:
liches Lächeln auf ihn gefallen war.
Ihm lachte das Herz. Die Gunft
der Mutter ift eine Sicherung ber
Tochter.
Nah dem Frübftüd, bei welchem
Reichthal den Stubiojus gefragt hatte,
ob er es nicht auch gehört hätte, es
wären heute früh in der Schießſtatt
zwei Schüffe gefallen — begab fi
Adalbert in den Park, Auf der Ban,
wo er geftern Ada getroffen hatte, jaß
heute deren Mutter, Frau Settenbad.
Er grüßte fie fo artig, als es ihm
Und wie? fleht e8 dem Menſchen an, nur möglich war, dann wollte er vor:
nad jeinem Glüde mit dem Morbblei | übergehen, aber fie fragte ihn, ob er
—
nicht ein bischen bei ihr Platz nehmen
wolle. Er that es und fragte Frau
Settenbach nach ihrem Befinden.
Sie beruhigte ihn und fragte
ihrerſeils, wie ſich die jungen Herren
auf Reichthal unterhielten. Sie hätte
ſo wenig Gelegenheit, die Herren zu
ſehen, aber ihre Tochter habe ihr ſchon
ſo viel Schönes von ihnen erzählt.
Glaubte ſich Adalbert recht höflich
verneigen zu müſſen.
„Ich denke mir oft“, fuhr die
Frau fort, „auf dem Lande ſollten
ſich ſo — ich weiß nicht — die Leute
gegenſeitig nicht ſo gar abſchließen.“
„Gewiß, gnädige Frau,“ gab der
Student mit Eifer zu, „die ſchöne
Natur führt die Menſchen zuſammen,
und ſo ſollten ſie ſich gegenſeitig an—
einander ſchließen und die Freuden
und kleinen Leiden mit einander thei—
len.“
„Und beſonders auf einem ſo iſolirt
ſtehenden Landſitze, wie z. B. Reich:
thal, wo, wenn man nicht immer mit
Bauersleuten verkehren will, der Brief⸗
träger der einzige Troſt iſt, da ſollten
doch die wenigen Bewohner ſo — ich
weiß nicht — eine Art Familienleben
unter ſich bilden.“
„Wahrhaftig, gnädige Fruu, Sie
ſprechen mir aus der Seele!“ rief
Adalbert, ſchon immer umherlugend,
ob ſich nicht Ada irgendwo blicken
laſſe.
„Wie gerne hätte ich z. B. ſchon
in der vorigen Woche eine Partie in's
Gebirge hinein gemacht, aber Sie
wiſſen, ein paar Frauen allein, ohne
männliche Begleitung — ich weiß
nicht — kurz, man geht nicht gern.“
„Es iſt für die nächſten Tage vom
Herrn von Reichthal eine Partie in
das Schlehenthal in Ausſicht geſtellt —“
„Ach, wie ſchön!“
„Das wäre ganz außerordentlich
lieb, wenn uns die Damen begleiten
wollten.“
„Meine Tochter iſt leider abge—
„Ab⸗ abgereiſt, Fräulein Ada?“
ſtammelte der junge Mann.
„Sie muß in die Nähſchule, auch
ſoll ſie den franzöſiſchen Cours in der
Anſtalt des Fräuleins Rulde mit—
machen — iſt Ihnen Fräulein Rulde
befannt? eine erquifite Franzöſin. Nun,
und jo habe ih meine Tochter heute
in die Stadt gefhidt. Mein Mann,
der vom Geihäft nicht fort fann,
fühlt fich auch fo einfam, daher mußte
der Zandaufenthalt eben abgebrochen
werben.“
Adalbert war aus allen Himmeln
geftürzt. — „Hat — bat nicht Herr
von Neichthal gerufen?“ ftotterte er,
„mir fam es fo vor.” Er erhob fi.
„Der Herr von Neichthal kann
gar nicht rufen“, lachte Frau Setten-
bach, „Ihr Herr Collega dürfte es
vielleicht gewejen fein.”
„Der nicht, ber ift heute früh
in die Stadt gefahren“, fagte Abdal-
bert, „muß doch nachfehen, empfehl’
mic 4
Träge, wie gebrochen ſchritt er
hintan.
Frau Settenbach hatte kein Wort
mehr. Wie geſtern, fo ſchüttelte fie
auch jetzt wieder das Haupt, daß die
blauen Bänder rauſchten.
„Er auch in die Stadt!“ hauchte ſie
endlich, „ein Jammer mit den jungen
Leuten heutzutage. Will man ſie aus—
einanderbringen, ſo kommen ſie erſt
recht zuſammen. Jetzt ſind ſie mit
einander fort, gerad' — ich weiß
nicht, als wie wenn fie ber Böſe ent-
führt hätte!’ Sie ftand auf, raufchte
davon und rief die Hände zujammen-
ihlagend: „Das kann noch eine faubere
Geſchichte werben !“
Guido ftand auf dem Waggon—
brett und blidte träumend in bie
Landſchaft gegen ben weißen viel-
fenftrigen Bau, der zwiſchen grünen
Matten und Büſchen hervorjchimmerte.
reift“, verjegte Frau Settenbah und | Der Conducteur verjegte ihm einen
ſchob etwas an ihrem Anzuge zurecht. | Ruck, daß er zum Waggonſchlag Hin:
492
eintaumelte.
Bewegung.
Da ſaß er nun, ber arme Junge,
in dem engen, leeren Coupe, und
ihm war zu Muthe, wie dem Adam,
als er vertrieben mwurbe aus bem
Parabiefe. Nein, nein, Adam, glück—
liher Burjche, Du hatteft Deine Eva
mit Dir! — Eher zu Muthe, wie einem
unſchuldig Verurtheilten, der aus ben
freundlichen Bergthälern bes Kaukaſus
verbannt war nach Sibirien.
— Das war ein jehlechter Handel
von Dir, mein Guibo! fagte er zu
fi fjelbft. Und daß Du ein in Ueber:
muth und Leichtfinn gegebene Wort
höher hielteſt, als bein und ihr
Glüd, das war arge Sophiſtik. Er
wird Ada nicht jo heiß und treu lie-
ben, als bu, fie wird elend fein und
bu haft fie verlaffen, haft fie einem
Gejellen überantwortet, der fie betrü-
gen wird. — Ein wilder Zorn kochte
in feinem Herzen, er rüttelte am
Schlag, ob er fich öffne, er wäre ab:
geiprungen, aber die Thür lag feft
im Schloſſe. — Wohlan, bei ber
nächften Station wollte er ben Zug
verlaffen, wollte zurückkehren nad
Reihthal und wie ein echter Mann
das Mädchen erringen.
So wohl war ihm in biefem Ge-
danken, jo warm und muthig ſchlug
fein Herz — und wenn es darauf
anfömmt, daß er noch einmal {hießen
muß — nad ber Bruft des Neben:
bublers, er wird befler treffen...
Die Machine pfiff, der Zug ging
langjam in bie nächſte Station ein,
„Aufmachen!“ rief Guido zum
Fenfter hinaus.
Der Zug ftand ftil und in dieſem
Augenblide hörte Guido aus dem
Nebencoupe, das durch eine Halb:
wand und oben durch ein Spagat:
gitter von dem jeinen getrennt war,
ein fruchtlos verhaltenes Schluchzen.
Da er bereits aufgeftanden, jo that er
einen Blick hinüber, Ein Frauenzim⸗
mer kauerte im Lederkiſſen, ein —
Der Zug war ſchon in Gott! Gott! wäre das möglich? Einen
Ruf der Ueberraſchung ſtieß er aus.
Sie ſah erſchrocken auf.
„Ada!“ rief er.
Da flog der Waggonſchlag auf
und Guido ſtieg jauchzend aus, um
— bei der nächſten Thür wieder ein—
—
Er riß ſie an ſeine Bruſt, ſie
küßte ihn heiß..
Dann, vor fich ſelbſt erſchrocken,
drückte fie fih in die Ede und ver-
hüllte ihr flammenbes Geficht und bat
den jungen Mann, um Gotteswillen
in ein andere Coupe zu gehen.
Er 309 ihr die Hände vom Antlik
und lachte mit feuchten Auge.
„Du liebes Kind!” hauchte er
entzüdt, „Du füßer Engel, wie danke
ih Dir, daß Du mir gefolgt bift!“
‚Ss — Ihnen gefolgt? Im
Gegentheile m entgegnete Ada, „Herr
Stolling, ich — ich —
„Du biſt ſo ſehr erregt, Ada —
ſprich ein andermal, ich verſtehe Dich
ja, wenn ich nur Dein Auge ſehe.“
„Sie verſtehen mich nicht, mein
Herr!“ antwortete ſie gefaßter, „und
wer gibt Ihnen das Recht, mich zu
verfolgen?“
„Dich zu verfolgen? Das verſtehe
ich allerdings nicht.“
„Muß Sie ſchon bitten, das — Du
gegen ein anſtändigeres Prädikat um—
zutauſchen!“ Sie war recht ernſt,
vergaß im Augenblicke ganz darauf,
wie glühend ſie ihn vorhin geküßt
hatte. Er war nicht blöde und brachte
ihr den Umſtand bald wieder in Er—
innerung.
Es brauchte ein Weilchen, bis ſie
ſich inſoweit verſtändigten, daß Ada
erzählen konnte, aus welchem Grunde
fie reife. Sie hatte geſtern Abends
mit ihrer Mutter einen Strauß ge
habt der jungen Herren wegen, bie
ihr nachftrebten und denen fie mehr
Aufmerkjamkeit ſchenke, ala fie, die
Mutter, e8 für gut finde Das
Mädchen hatte Fein Hehl daraus ge-
macht, daß die Iuftigen Studenten ihr
493
eben gefielen und daß man nicht auf
Sommerfrifche gehe, um auf derjelben
wie in einem Kloſter zu leben. —
Gut, hatte die Mutter gejagt, wir
| „Weiter, denke nah, Du mußt
auch noch etwas Anderes gehört ha-
ı ben.“
„Ja, die Kirchenglocken und auch
werben es anders machen; der Vater ein paar Püffe von der Schießſtatt
ſchrieb ohnehin, wir ſollten den Land- her.“
aufenthalt abkürzen, weil er ſowohl
„Gut“, ſagte Guido, „die Püffe
Dich wie mich zu Hauſe bedürfe. Ich haben mich gezwungen, mit dieſem
erwarte bier noch den Beſuch meiner | Eiſenbahnzuge davonzufahren.“
lieben Jugendfreundin, der Doctorin
von Trautnig, die ich ſchon jeit Jah:
ren nicht mehr gefehen habe. — Dann
gehen wir in die Stabt. — Ada aber
it ein Trotzköpfchen. Papa Hat
mir verfprocdhen, bi8 zum Frauentage
auf dem Lande zu bleiben, und nun
gehe ich früher einmal nicht fort! —
So! hatte die Mutter gerufen, man
ift Euch's jhuldig, nicht wahr? Be:
fehlen wollt hr heut zu Tag mit
Unjereinem, zum Dank für die Mühen
und Sorgen, die man — ih weiß
nit — mit jo einem Duälgeift hat.
Du reijeft morgen früh in
die Stadt! Hört Du? Kein Wort
mehr! —
So war e3 gefommen. Ada hatte
die Scene ganz poflierlid) erzählt und
fogar mit dem Kopfe dabei gewadelt,
wie es ihre Mutter ftet3 that, wenn
fie zornig war.
„Und daß Sie jegt auch mitfah-
ren, Guido“, ſchloß fie, „das ift recht
böfe von Ihnen.“
„Freiwillig habe ich es nicht ge—
than“, jagte der junge Mann mit
Humor.
„Wer hat Sie denn dazu gezwun—
gen?” hierauf das Mädchen pilirt.
„Iſt Dir nicht erinmerlih, Ada,
etwas gehört zu haben, als Du heute
in Reichthal auf den Bahnhof gingſt?“
„Was jollte ich denn gehört ha-
ben? Der Schulmeifter hat die Kin-
der in die Schule gerufen, juft als
ih an feinem Haufe vorüberfam.”
„Sonft nichts?“
„Und die Vögel haben gefungen
und haben mich noch trauriger ge:
madt, als ich ſchon war.”
„Um des Himmels willen, Guido !”
fie hajchte nach feiner Hand, „etwa
gar verwundet! Doch — fein
Duell!”
„Etwas dergleichen.” —
Und nun bat er die Gejchichte
von dem wunderlichen Beitichießen
erzählt.
Ada Hatte gelaufht mit Angft
und Luft, hatte den einen Arm gelegt
auf feine Schulter und bald auch den
andern, Hatte fich emporgejchmiegt an
feiner Bruft, daß fie ihn fühlen konnte
den warmen Athemhauch, der bie ſelt—
ſame Kunde zu ihr brachte von dem
Kampfe zweier junger Männer —
um ihr Herz.
| Und als er mit dem legten Worte
einen Kuß auf ihre nahen Lippen
preffen wollte, wendete fie fich raſch
ab und fagte: „Herr Stolling, warum
haben Sie jo jchlecht geſchoſſen?“
„Ich zitterte aus Angft und Liebe.“
„Das könnte jeder ſchlechte Schüße
jagen.“
„Du weißt ja vom vorleßten
Schießen her, wo Du mir den Strauß
an den Rod ſteckteſt, daß ich nicht zu
den ſchlechteſten Schüßen gehöre,”
„Alſo fehlen Sie nur, wenn es
mich gilt! — Ich muß Sie jehr
entichieden bitten, mein Herr, fich dort
in die andere Ede zu fegen und fein
rubig zu bleiben.” .
„Oho!“ rief er und mollte fie an
fich ziehen. Sie drängte ihn unjanft
bei Seite, mit gluthrothen Wangen
und zornigen Lippen ftieß fie das
Wort heraus: „Sie haben mid
verjpielt!”
494
Guido Stolling und Adalbert Sal-
tegg find heute längft wieder gute
Freunde. Jeder hat ein Weib, aber
feines berjelben heißt Ada. Sie ha:
ben aus ihrem Iuftigen Jugend—
leben bie eine Erfahrung bis heute
nicht vergeilen, nämlih daß, wäh—
rend junge Männer etwa jo oder jo
um Mäbchenherzen zu jpielen glau—
ben, diefe nur zu oft mit den Män-
nern jpielen.
„Ja wohl!” jchnauft der alte
Onkel Neichthal, der heute noch lebt
und feinen Stolz darauf jest, von
allen Studenten, die je bei ihm zu
Gafte waren, der Onfel Reichthal ge:
nannt zu werden, — „ja wohl!“
fhnauft er, „das muß man noch in
die Bibel fegen: Spielen wir Männer,
fo find die Meiber der Preis; und
jpielen die Weiber, jo find wir ihre
Kartenblätter.”
Des Förſters Toter.
Ballade.
Wer ift die tolle Alte,
Mit welkem Angefidht,
Die in die grauen Haare
Sich Blumenkränze flicht ?
Verwirrt find ihre Blide,
Berriffen das Gewand,
Und immer neue Kränze
Fliht fie mit emfiger Hand.
Des Dorfes kecke Jungen
Bewerfen fie mit Koth,
Mo fie erfcheint, Gelächter
Und unbarmberziger Spott.
Das ift des Förfters Tochter,
In jener Nacht ergraut,
Da fie in tiefem Walde
Den LKiebften todt gefchaut;
Wohl zu der hohen Kanne
Kam fie, wie jeden Tag,
Auch traf fie dort den Liebften,
Im fühlen Moos er lag;
Gebrochen war fein Auge,
Ein Schuß ging durch die Bruft;
Wer fo in’d Herz kann treffen,
Das bat fie wohl gewußt.
Der Liebfte war ein Wilddieb,
Der Förfter traf fo gut,
Rings um die hohe Tanne
Mar Alles roth von Blut.
Da trübte ſich ihr Denken,
Vom Bater lief fie fort
Und irrt nun in der Fremde
Unftät von Ort zu Ort.
Der Förfter hat die Augen
Sich ausgeweint in Schmerz,
Der ſchoß feit jener Stunde
Keinem Wilddieb mehr in's Herz.
Tont,
495
Der Kampf eines Poeten.
Novelle von Ludwig Yabidt.
(Schluf.)
Das junge Ehepaar trat die Reije |
an und das Herausreißen aus feiner |
tiefen Einfamfeit wirkte doc auf Leo-
pold etwas erfriſchend. Er war in:
weit beflerer Laune, als je vorber, |
und Emma glaubte ſchon jene glüd:
lihen Tage ihres erften Beiſam—
menſeins würben wieberfehren.
Auch die Hochzeitsgäfte fanden ben
jungen Mann ganz anders als fie er:
wartet.
Sie hatten geglaubt, einen rohen,
ungefchliffenen Landjunker zu jehen,
der ihnen durch fein linkiſches, tölpel:
baftes Auftreten viel Vergnügen be:
reiten würde, und nun war Herr
v. Ferber ein mweltmännijch gebilbeter
Mann, der, abgejehen von feiner wunder:
lihen Schrulle, daß er allen Ge
ſprächen über Kunft und Literatur
forgfältig aus dem Wege ging, jo
feine liebenswürdige Manieren hatte,
daß er raſch Alle für fih gewann.
Emma war überglüdlid. Man |
nannte zwar noch ihren Gatten heim:
(ih den Sohn der Wilbniß, aber
Niemand fand an der Wahl ihres
Herzend etwas auszuſetzen, vielmehr
waren Alle von dem frijchen, herzge:
winnenden Auftreten Leopold's entzüct,
das ihnen um jo mehr gefiel, je
weniger Anſprüche fie vorher geftellt
hatten. Auch ihr Schwager, der in
der beiten Gefellihaft eine hervor:
tagende Stelle einnahm, fand an dem
Benehmen ihres Gatten nichts auszu—
ſetzen und flüfterte ihr vertraulich zu:
„Te müfje nur den Sohn der Wildniß
von feiner unberechtigten Abneigung
zu heilen juchen,, dann wäre er in
der That ein prächtiger Menſch.“
„Ich werde mich hüten, Diejes
Erperiment zu maden,” entgegnete
Emma lädhelnd: „Mein Leopold
würde ja dann alle Originalität ver:
lieren,“ und wenn fie dies auch nur
im Scerze gejagt hatte, wagte fie
wirklih nicht, ihrem Gatten Sim
und lebhaftes Verſtändniß für Dinge
einzuflößen, für die er einmal nun
den entſchiedenſten Widermwillen an
ben Tag gelegt.
Das juuge Ehepaar hatte anfangs
den Plan gehabt, einige Wochen in
Dresden zu bleiben, aber faum war
die Hochzeitäfeier vorüber, da wurde
auch ſchon Herr v. Ferber unruhig
und fehnte fich nach feinen Bergen zurüd.
Die Feder, melde durch die Be:
rührung mit ber Gejellichaft fo
plötzlich hervorgefchnellt und ihn jo
umgänglih und heiter gemacht hatte,
ſchien bereits zerbrochen ; ber
Sohn der Wildniß mußte feine ge—
liebte Einjamfeit wieder haben, er
wollte wenigftend® auf ein paar Tage
nah Hauje fahren, um nad dem
Rechten zu fehen, während feine Frau
jo lange in Dresben zurüdblieb, bis
er fie wieder abholen würde.
Leopold möchte fich felbft nicht
eingeftehen, was ihn eigentlich fort-
trieb. Schwerlich war es die Sorge
um die Wirtbihaft. Er wußte recht
gut, daß er fih auf feine Leute ver:
lafjen fonnte, es ging dort Alles im
alten Geleife und dennoch fuhr er
mit einer Haft feinem MWohnfig zu,
al3 ob die wichtigften Dinge auf dem
Spiele ftänden.
Seine erfte Frage nah ber
Heimkehr war, ob ein Brief ange
496
fommen? Seine Hoffnung hatte ihn | füchtigen Gemahl, der ficher realiftifch
nicht getäuſcht, Haftig griff er
darnach und zog ji in fein Zimmer
zurüd.
Gottfrieds Schreiben, obwohl es
nur wenige Zeilen enthielt, warf er
bei Seite, das hatte Zeit — aber
darin war noch ein Brief eingejchlofien,
wieder jo zierlih und jauber, wie
das erfte Briefhen, das ihm ſolch'
lebhaftes Intereſſe eingeflößt. Es war
zu jeinem Bedauern jehr kurz, er
hätte einen jeitenlangen Gedanken—
austaufch nicht ermübend gefunden.
„Wie bejeligt hat mich Ihr gütiges
Schreiben, das mir einen Einblid in
Ihr jegiges Seelenleben geftattet.
Ich danke Ahnen herzlih für Ihr
Vertrauen und ich hoffe, daß Sie
doch wieder das Glück dort fuchen
werden, wo es ein Dichter allein zu
finden vermag — im Schaffen! —
Und wenn Sie wieder ein Wort an
mich richten wollen, dann jchreiben
Sie eine neue Novelle, denn ich leſe
Alles, was von Ihnen fommt. Unſere
Correfpondenz dagegen darf ich nicht
weiter führen und ich habe nur bie
eine Beruhigung, daß Sie nie ent-
deden werden, wer den Muth
hatte, an Sie diefe Zeilen zu richten.
Nur noch eine und die lekte
Bitte: Sagen Sie mir, wenn Gie
Ihre neue Arbeit begonnen.”
Den Schleier des Geheimniß-
vollen, den die Briefjchreiberin um
fih zu verbreiten mußte, erhöhte
vollends fein Intereſſe. Warum mollte
fie plöglid den Briefmechjel ab:
breden, der für Beide zur Quelle
ganz ungefannter Genüffe werben
fonnte! War es eine mädchenhafte
Laune? Scheute fie vor der Gefahr
eines ſolchen Gedanfenaustaufches
zurüd und fürchtete fie dabei ihr
Herz zu verlieren? Ach, fie konnte
fiher fein; er war bereit3 gebunden
— dieſer Briefmechjel hätte niemals
genug war, dieſe Correſpondenz nicht
jo harmlos zu finden, wie e3 feines
Dedünfens in der That der Fall
war. —
Menigftens gab ihm dieſer zweite
Brief Stoff genug zum Sinnen und
Grübeln, daß ihm die Tage daheim
raſcher verflogen als er gefürchtet.
Zum Meberfluß waren aud bie
flüchtigen Zeilen Gottfrieds inhalts-
jchwer genug; er theilte ihm mit,
daß er in vier Wochen feine Braut
als Gattin heimführen und dann feine
Hochzeitöreife nah dem Aſyl des
Freundes richten wolle.
Leopold hätte gar noch nicht daran
gedacht, wieer, der grimmige Literatur:
feind, feiner Frau gegenüber, die
herzliche Freundichaft zu einem Schrift:
fteller rechtfertigen jolle.
Bah, er ift mein alter Univerfitäts:
freund, wir haben mit einanber Jura
ftubirt und deshalb muß ih ihm
ſchon verzeihen, daß er der heiligen
Yuftitia den Rüden gefehrt und ſich
thörichterweife den Mufen in bie
Arme geworfen. — Die Hauptjadhe
blieb, daß Gottfried mit feinem Wort
verrietb, welche Pergangenheit er
jelbft hinter fih hatte. Er bat ihn
deshalb noch einmal um ftrengite
Wahrung feines Geheimniffes und
drüdte zu gleicher Zeit in feiner
Antwort die herzlichite Freude aus,
feinen alten, einzigen Freund bald
wieder zu jehen.
Da er am andern Tage wieber
nad Dresden mußte, um feine Frau
abzuholen, behielt er feinen Brief
jo lange zurüd, um ihn dort auf
das Poftamt zu geben, und jegt fiel
ihm ein, daß jeine geheimnißvolle
Gorreipondentin ihren Brief aus
Dresden datirt hatte.
Vielleicht gelang es ihm doch, ben
Schleier zu lüften; deshalb machte
er auch feine Schwierigkeiten, als die
eine höhere Färbung erhalten! Aber | Verwandten ihn drängten, noch ein
vielleicht war fie ebenfalls verheiratet | paar Tage da zu bleiben; er konnte
und ängſtigte fi) vor dem eifer- | ja dieje Zeit am beften bazu benugen,
497
um ber intereffanten Brieffchreiberin |ihre Tritte. In wenig Augenbliden
auf die Spur zu kommen. Gerabe, | war fie in der Thür verſchwunden.
daß fie jo ängftlich jich verborgen | — Ferber gewahrte fofort die Ur:
halten wollte, reiste feine Neugier. |jache ihrer rafchen Bewegung. Aus
Er ftrich öfters im Hauptpoft: Amt | bem Fenſter des einftödigen Häuschens
umher und juchte jo viel wie möglich, | jchaute ein Frauenkopf heraus, deſſen
ohne gerade Aufjehen zu erregen, fich
in der Nähe des Schalterd aufzu—
halten, au dem die Poftreftantebriefe
ausgegeben werben.
Da, eined Tages — er wollte
faum jeinen Ohren trauen, fam ein
altes, grämlich ausjehendes Frauen:
zimmer berbei und fragte, ob ein
Brief unter der Chiffre A. H.
Dresden eingegangen? — Der Poft:
beamte verneinte es und bie Alte
ſchlurrte langſam von dannen.
Leopold hätte laut aufjubeln
mögen, daß ihn der Zufall jo be:
günftigt. Nun Hatte er bereitS den
Zipfel des Geheimniffes in der Hand!
Mad würde feine Schöne Brief:
Ichreiberin für Augen machen, wenn
er ihr triumphirend mittheilen konnte,
daß er den Schleier dennoch zu lüften
vermocht, den fie jo dicht um fich zu
weben gejucht. —
Er ließ die Fragerin nicht mehr
aus den Augen. Freilid wäre es
ihm lieber gewejen, jeine myjteriöfe
Freundin hätte einen etwas freund:
liheren Boten gehabt — dieſes alte,
verbroffene Frauenzimmer wagte er
nicht anzureben, es würde ihm doch
feine Antwort gegeben haben, jo jauer:
töpfiſch ſah es aus.
Vorſichtig folgte er der Alten, die
durch ihr träges Hinſchlendern ſeine
Geduld auf eine harte Probe ſtellte.
— Sie brauchte beinahe eine halbe
Stunde, eh' ſie die Elbbrücke über—
ſchritten und nun trottete ſie ebenſo
langſam durch einige Straßen der
Neuſtadt — ja, um ihn vollends zur
Verzweiflung zu bringen, ſuchte ſie
mehrere Kaufläden auf, und nun
ſchlich ſie mit ihrem beladenen Korbe
noch ſchwerfälliger dahin. Endlich
zorngeröthete, ſcharſe Züge verriethen,
daß die Dame bereits mit Ungeduld
die Rückkehr der Magd erwartet. —
Vielleicht war es die Mutter der
Briefſchreiberin — ja, ſie mußte es
ſein; in den großen, tiefliegenden
Augen lag noch jetzt eine gewiſſe
Schwärmerei, das längliche Geſicht
mit den falſchen Schmachtlocken ſah
ganz ſo aus, als ob es einer eifrigen
Romanleſerin angehörte, die ihre
Neigung für die Lectüre auf ihr
Töchterchen übertragen, das freilich
eine ſo ſorgfältige Erziehung genoſſen,
daß bei ihm zum ſchönſten ſeeliſchen
Schmuck wurde, was bei der nur
halb gebildeten Mutter den Anſtrich
des Lächerlichen erhielt.
Die alte Dame mochte ſein An—
ſtarren bemerkt haben, denn fie trat
raſch vom Fenſter zurück und ſchloß
es mit einer heftigen Bewegung.
Leopold mußte ſich zurückziehen,
wenn er nicht Alles vor der Zeit ver—
derben wollte
Die Hauptſache war erreicht und
nun galt es, vorſichtig über die Be—
wohner des Häuschens Erkundigungen
einzuziehen.
Er ging langſam die Straße hin—
unter und fand am Ende derſelben
eine kleine Schenkwirthſchaft. Zu
dieſer Stunde war ſie ganz frei von
Gäſten und in ſeinem Eifer, irgend
etwas Näheres auszukundſchaften,
betrat er ohne weitered das Local.
Nur die äußerſt jauber gefleibete
Wirthin war anwejend und mit ſäch—
ſiſcher Höflichkeit fragte fie nach feinen
Wünjhen. Sie mochte wohl ahnen,
daß der fremde vornehme Herr in
ihrer befcheidenen Schankwirthſchaft
nicht Alles nah Wunſch finden würde
ftenerte ſie auf ein Heines Garten: |und ſuchte duch um jo größere
haus zu und plöglich beſchleunigte fie | Artigfeit das Fehlende zu erjegen.
Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 7, heſl.
32
498
Es wurbe deshalb Heren v. Ferber
fehr leicht, mit der munteren, red—
feligen Wirthin ein Geſpräch anzu:
fnüpfen und allmälig auf denjenigen
Gegenftand überzulenten, der ihn am
meiſten bejchäftigte — das Ffleine
Gartenhaus.
Zum Glüd mußte die Kleine,
hübſche Frau in der ganzen Nachbar:
ſchaft Beſcheid, und da er vorgab, in
diefer Gegend ein Beſitzthum Faufen
zu wollen, nannte fie ihm fogleich
Grundftüde, die zu haben jeien.
„Willen Sie, liebe Frau,” jagte
er jo unbefangen wie möglid: „Das
kleine einftödige Gartenhaus mit den
zwei Nußbäumen vor der Thür Hat
mir am beften gefallen, das möchte
ih kaufen.“
Die Wirthin lachte: „Ach, der
Garten des Fräulein Herbert. Ich
glaube nicht, daß die alte Jungfer
ihn losſchlägt.“
„Ih ſah beim Vorübergehen eine
Dame aus bem Fenfter blicken, mit
langem, jehmalem Geficht und blonden
Schmadtloden, war das Fräulein
Herbert !“
„Gewiß, Fräulein Amalie trägt
eine Perrüde, thut aber noch immer,
als ob fie 18 Jahre alt wäre.”
„Sie hat gewiß noch eine junge
Verwandte im Haufe, woburd fie fih
ebenfalls jung erhält.“
Nein, fie wohnt ganz einfam mit
ihrer alten Magd.“
nicht
„Und bat fie
Beſuch?“
„Es kommen wohl manchmal
Leute zu ihr; aber Niemand hält es
gewiß länger als 24 Stunden bei ihr
zuweilen
müſſe, der ſie nur ſieht; dabei iſt ſie
doch gewiß ſchon tief in den Vier—
zigern und trägt eine Perrücke.“
A. H. Amalie Herbert. Alles
ſtimmte. „Ahah!“ wiederholte Leo—
pold, ſich ſelbſt verſpottend.
Nun wußte der ehemalige Dichter
genug. — Er mußte unwillkürlich
an den Jünger von Sais denken —
auch er hätte gewünſcht, daß er nie—
mals die Hand darnach ausgeſtreckt,
um den Schleier zu lüften, in den
ſich ſeine Correſpondentin gehüllt. —
So lange hatte ihm ſeine bewegliche
Phantaſie ein reizendes Bild von der
Unbekannten vorgegaukelt — blaue
tiefträumeriſche Augen hatten ihn an:
geblidt, friſche, rofige Lippen zuge:
lächelt, und nun gehörte diefe fchöne
Seele, die ihm jo verftändnißinnig
zugejauchzt, einer alten Sungfer an,
die eine Perrücke trug.
Mad mar denn nun eigentlich
durch dieſe Entdedung geändert?
Blieben nicht dieſe Briefe eben fo
anziehend, fein und poetifch, gleichviel
ob die Schreiberin derjelben noch in
der Jugendblüthe ftand oder bereits
eine Ruine war. — Hatte benn im
Neih der Ideale das Körperliche,
Geftalt und Alter, irgend eine Herr:
Ihaft? Und bob, der Zauber war
dahin, melder bisher die Brief:
ſchreiberin umgeben.
In dem Unmuth über bie bittere
Täuſchung fonnte er fich nicht helfen,
er mußte ber alten Schwärmerin
jofort mittheilen, welches Unglüd ihm
pajfirt jei, vielleicht wurbe fie davon
ebenfall3 etwas ermüchtert und be-
trachtete fortan die Welt mit pro:
aus, denn fie ift zu unausſtehlich ſaiſchen Augen.
und zankt den ganzen Tag. Es ift
eine alte Franzöfin, aber fie gibt
jest feine Stunden mehr und hat
ihr Schärfhen im Trocknen. Die
Leute jagen, fie fei halb verrüdt;
nun, etwas überjpannt mag fie wohl
fein, denn fie lieft fortwährend Romane,
und dann glaubt fie, daß fich jeber
junge Mann fterblich in fie verlieben
Herr von Ferber bat die Wirthin
um Schreibmaterialien, die brachte
bereitwilligft das Nöthige herbei, und
ohne fich weiter zu befinnen, jchrieb
er folgende Zeilen:
„Mein Weg führte mid heute
nah Dresden und ein Zufall lüftete
zugleich das Geheimniß, das über
der Berfafferin der A. 9. Briefe
499
ruht. Ich fah fie am Fenfter ; aber | Gegentheil hätte doch ſchließlich fein
weil ich nun ebenfalls einjehe, daß es Berhältniß zu Emma erfchüttern können,
weit beſſer ift, wenn unfere Bekannt- | und diejes hingebende, zärtlich liebende
Ihaft nie den Boden ber Mirflichkeit | Gemüth verdiente es wahrhaftig nicht,
berührt, verzichte ich auf das Ver- daß man fie aufgab, eines Schatten:
gnügen, Fräulein A. 9. noch näher |
fennen zu lernen. Ich begreife jekt
vollflommen, warum Sie jo ängftlich
fi in die tiefften Schleier zu hüllen |
ſuchten und jeien Sie überzeugt, daß
ih Ihre gute Abſicht von jegt ab zu
ehren und zu achten weiß.”
Er war zu verftimmt, um baran
zu denken, daß bie Brieffchreiberin
auf feinen Fall einen Solch’ ſarka—
ſtiſchen Ton verdient. Sie hatte ihm
ja nicht vorgeheuchelt, daß fie jung
und hübſch jei und wenn ihm feine
Phantafie diefen Streih gejpielt,
mußte dafür die Brieffchreiberin
büßen — beren Gebanfen und Em:
pfindungen ja denjelben Werth be-
hielten, gleichviel, ob fie von einem
blühenden Mädchen oder einer alten
vertrodneten Jungfer kamen ?
Aber Leopold war viel zu ſehr
Poet, um fol’ vernünftigen Re:
flerionen Eingang zu geftatten, er
fühlte eine ordentlihe Erleichterung,
al3 er ben Brief gejchrieben und in
den nächften Poftlaften geworfen. Nun
lag auch biefe Illuſion glüdlich Hinter
ihm... .
Am anderen Tage fuhr er mit
feiner Gattin nad) Haufe und war jo
zärtlid und aufmerkſam gegen fie,
wie in ber erften glüdlichen Zeit. |
Wie friſch und rofig Emma ausjah !
Er madte fi Vorwürfe, daß er fie
über ber Schwärmerei für die ge
bheimnißvolle A. 9. ziemlich vernach—
läfligt. Das hatte die hübjche, liebens—
würdige Frau nicht verdient, daß fie
einer alten Jungfer nachgejegt wurde,
die weiter nichts bejaß, als das
Talent, überfhwänglide Briefe zu
ſchreiben. Wenn auch der Dichter die
Täuſchung nicht jogleih überwand,
ber Ehemann fühlte eine wahre Er:
leihterung, daß fih A. 9. als alt
und häßlich ausgemiejen das
bildes halber. — Sie war die geſunde,
unverfälſchte Natur, die ihn wunder—
bar erfriſchte und belebte, ſobald er
nur mit ſeinem ganzen Sinn zu ihr
zurückkehrte. —
Als er jetzt neben ſeiner jungen
Frau im Wagen ſaß, die hübſcher
und munterer ausſah denn je, mußte
er daran denken, daß in dieſer
Stunde vielleicht die alte Magd
wieder auf die Poſt ſchlurrte, diesmal
kam ſie wenigſtens nicht mit leeren
Händen zurück — ſie brachte ihrer
bereits ungeduldig am Fenſter har—
renden Gebieterin den erſehnten Brief.
Ein holdes, jungfräuliches Er—
röthen, die Brille wurde geputzt und
nun mit zitternder Hand der Brief
geleſen. Wie ſich Fräulein Amalie
würde in die Perrücke fahren, nad:
dem fie damit zu Ende! —
Er mußte bei diefem Gedanken un—
willfürlich Taut aufladen, und als ihn
Emma nad) ber Urſache feiner Heiter:
feit fragte, entgegnete er ausweichend:
„IH habe gegen die Abmahnungen
unſers alten Voigtes einen Pflug
nah neuer Gonftruction gefauft und
malte mir ſchon das verbrießliche
Gefiht aus, das der alte Knabe
machen wird.“ — Immer dieſelbe
Nüchternheit, derſelbe ausſchließliche
‚Sinn für das Praktiſche.
Wie fie auch ihren Gatten zärt-
lich liebte, hätte fie doch gewünjcht, daß
feine Seele fih etwas vom Boden
erheben und noch andere Regionen
aufjuchen könnte.
Der längere Aufenthalt in Dres:
den hatte ihr mieber Tebhaft zum
Bewußtjein gebraht, was fie ent:
behrte . . Dort umgab fie ein Kreis
von gebildeten Menſchen, die Sinn
und Verſtändniß hatten für Alles,
was die Welt der Kunft und Poeſie
Schönes und Großes bot — bie at:
32”
500
regendſten Geſpräche belebten die Ge- ihrer Dresdener Verwandten zu ent:
ſellſchaft — man konnte ſich für ein decken, die plötzlich die einfache ſchlichte
neues Gemälde, ein neues Drama be- Frau in eine Richtung zu drän—
geifteen — nahm für oder wider
Bartei, und Geiftesfunfen jprühten
zündend von dem Einem zum
Andern . .
Ihr Mann dagegen negirte mit
einer KHartnädigfeit dieſe ideale —
die Serle ewig friih und jung er:
haltende Welt, die jhon an Barbarei
ftreifte.
gen juchten, die fie jchließlih in
einen Zwieſpalt mit ſich felbft bringen
mußte. Auf diefe gefunde Natur, die
aber auch nichts weiter war, wie eine
Natur, ließ fih nicht plößlich Die
forgfältigfte Geiftesbilbung pfropfen.
Zu feinem Verbruß bemerkte er,
daß aus Dresden Bücher in ihr ein:
james Schloß wanderten — er mochte
Damals, in Hamburg war er ihr ſich nicht weiter um den Inhalt der:
doch ambers
Gemüthswärme
erſchienen,
hatte ſie
die Sonuenſtrahlen einer heiteren
Lebensanſchauung eingeſogen, die ſie
über ihn ausgeſtrömt.
Dieſes glückliche Bewußtſein, daß
ſie ihm ſo unendlich viel war, daß
ſie auf ihn erfreuend und erfriſchend
zu wirken vermochte, hatte ſie am
meiſten an den Fremden gefeſſelt, der
damals zwar keine geiſtanregenden
Geſpräche mit ihr geführt, aber auch
nicht dieſe grundſätzliche Abneigung
gegen die höchſten Bildungselemente
an den Tag gelegt. Sie würde ſonſt
nimmermehr ihr Geſchick an das ſeine
geknüpft haben.
Jetzt war es zu ſpät — aber
nun gewahrte fie auch, daß ihr Schwa—
ger Recht habe und fie endlich den
Berfuh machen müſſe, dem Sohu ber
Wildniß leife und vorſichtig die Pfor:
ten einer Idealwelt zu öffnen.
Ihr Bemühen hatte durchaus nicht
den erwünjchten Erfolg, vielmehr wedte
es nur fein Beftreben, ſich noch hart:
nädiger dagegen abzujchließen.
Seit der trüben Erfahrung mit
jeiner geheimnißvollen Briefjchreiberin
war ber ehemalige Dichter vollends
für alle Jdeale unzugänglid) ; er wußte
jegt, wie fragenhaft verzerrt fie in
die Wirklichkeit traten. Und die ſchüch—
ternen Anregungsverjuche feiner Gat-
tin konnten ihn am wenigften beſtim—
men; fie wedten nur ein mitleidiges
Lächeln; er glaubte darin den Einfluß
jeine | jelben kümmern, gewiß waren es von
beftochen, | ihrem hochgebildeten Schwager org:
und wie hatte feine verbüfterte Seele fältig ausgewählte Werfe
die
Emma jett im Schweiße ihres Ange:
‚fihtes las und fie doch nicht verftand.
— Sicher ftörte dieſe klaſſiſche Lectüre
die Harmonie ihres Weſens; aber
Leopold war zu ſtolz, um ſie an ſei—
nen damals geäußerten Wunſch zu
erinnern, daß er in ſeiner Wohnung
ſolch' zudringliche Gäſte wie Bücher
— nicht dulden wolle.
Wenn ſie jetzt ſchon ſich an ſeine
Bitte nicht mehr kehrte, ſo geſchah
es ſicher aus einem Widerſpruchsgeiſt,
deſſen gänzliche Abweſenheit ihm bis—
ber fo wohl gethan, und ben er des
halb um fo unangenehmer empfand.
Wenn fie bereit3 zu Büchern ihre Zu:
flucht nehmen mußte, die gerade ihrer
eigenartigen Natur nichts zu geben
vermodten, dann jtand es jchlimm
um fie und da fih ihr Berhältniß
ohnehin nur auf die Gemüthsfeite be:
ichränfte, trat die dadurch entjtehende
Grfältung um jo fchärfer hervor.
Die beiden Eheleute gingen jetzt ziem—
lih ſchweigſam und gleichgiltig an
einander vorüber.
Eifriger denn je widmete fih Leo—
pold den Wirthichafts: Angelegenheiten,
er fonnte damit am eheften den
Schmerzſchrei dämpfen, der fich zu:
weilen aus feiner Bruft emporarbeiten
wollte.
Auh in der Abgejchiedenheit von
aller Welt, in dem Aufgeben feiner
poetischen Träume, die ihn jo müde
—
gehetzt, fand er nicht das Glück, das
er geſucht. Mo war es? .. und
wurde es überhaupt einem Sterblichen
zu Theil? War nicht immer jelbft
das befcheidenfte Glück mit dem Auf-
geben eine3 andern zu erfaufen? —
Dft dachte er daran, daß er durch
fein jetziges Leben Schätze in ich
auffammle, die er bei einer etwaigen
Wiederaufnahme
Thätigkeit trefflich verwerthen konnte;
aber er wies augenblidlich ſolch' thö—
richte Gedanken weit von fid.
Mieder fein Herzblut daran jeßen,
um ſchließlich ausgepfiffen zu werden!
Diefe Ausfiht hatte doch wahrhaftig
nichts Verlockendes.
Gottfried kündigte jetzt auf einen
beſtimmten Termin ſeine Ankunft an
und Leopold blieb deshalb nichts wei—
ter übrig, als ſeiner Frau dieſe Mit—
theilung zu machen. Um nun in den
Augen der Gattin ſeine Verbindung
mit einem Manne der Literatur zu
rechtfertigen, begann er eines Tages
bei Tiſche: „Da fällt mir ein, liebe
Emma, wir werden nächſtens Beſuch
erhalten, es iſt ein guter Freund von
mir, er iſt aber Schriftſteller.“ Als
ſie ihn nun verwundert anblickte, fuhr
er mit ſarkaſtiſchem Lächeln fort: „Du
haſt ganz Recht, darüber zu erſtau—
nen, daß ich mit einem ſolchen Men—
ſchen befreundet bin, unſere Bekannt—
ſchaft rührt jedoch aus einer Zeit,
wo es meinem Freunde Gottfried
Schmidt noch nicht eingefallen war,
ſich unter dem Namen Friedrich Ro—
ſen an der Menſchheit literariſch zu
verſündigen.“
„Friedrich Roſen, der Redacteur
der Volksſchrift?“ fragte Emma bei—
nahe haſtig.
Jetzt war die Reihe des Erſtau—
nens an Leopold. „Wie, kennſt Du
ſeinen Namen?“ fragte er ganz ver:
wunbert zurüd.
„Ib jah vor kurzem das Blatt
bei meinem Schwager,” fagte bie junge
Frau vermirrt.
feiner literariſchen |
| „Hm, fie macht ja ganz reißende
Fortſchritte“ — dachte ihr Gatte.
Empma ſchien noch mande Fragen
auf den Lippen zu haben, aber fie
ſchwieg, denn fie hatte die wachjende
Verſtimmung ihre® Mannes wohl be:
merft.
rend Schmidt kommt glüd:
Ticherweife nicht allein,” fuhr Leopold
nach einer längeren Paufe fort, „er
\bringt feine junge Frau mit, die hof:
‚Tentlich für Dich eine angenehme Be:
ſellſchafterin ſein wird.”
| „Ich hoffe es auch,” ſagte Emma,
und ihr Mann konnte deutlich bemer:
fen, daß fie die Nachricht mit großer
Genugthuung aufnahm und dem Be:
fuh mit Freuden entgegenfah. Sie
empfand aljo ſchon eine ſolch' große
Leere, daß fie jede Unterbrechung
ihrer Einfamfeit mit Entzüden be:
grüßte,; und anftatt ſich jelbft anzu:
flagen, der allein dies alles verjchul:
‚det, grollte er heimlich feiner armen
Frau.
Mit welcher Ungebuld erwartete
Emma den Befuh, und doch auch
wieder mit einer gewiſſen Zaghaf:
tigfeit.
Leopold gewahrte es nur zu gut
und war darüber äußerft verbrießlich,
wenn er auch mit feinem Worte feine
üble Laune verrathen durfte.
Marum zeigte fie eine ſolch' ftür-
mifche Freude über die Ankunft von
Bäften und gerade dieſer Gäfte?
Wollte fie damit fich ihren Dresdener
Verwandten gegenüber ein Relief ge:
ben, oder juchte fie eine gewiſſe
Schwärmerei für Schriftfteller mur
um deshalb an den Tag zu legen,
um ihrem Manne zu bemeijen, daß
fie doch nicht fo ſchlicht und einfach
und ihre Bildung fo mangelhaft jei,
wie er ftet3 angenommen? für ihn
war dieſes lächerliche Benehmen feiner
Fran geradezu mwiderwärtig.
Endlich fam Friedrich Roſen und
mit ihm für Emma die Enttäufchung.
Sie hatte von einem Schriftfteller
eine ganz andere Vorftellung gehabt.
502
Schon die vierfhrötige, hagebüchene
Geftalt Schmidt's machte auf fie nicht
den angenehmften Eindrud, und noch
mehr ftieß fie jein Inneres ab, das
fich wo möglih noch vierjchrötiger
und bagebüchener erwies.
Nahdem der wadere Volksſchrift—
jteller eine gewiffe Steifheit übermun-
ben, von ber er bei ber erften Be—
gegnung niemals losfam, zeigte er
fih bald, wie er wirflih war. Sein
Freund hatte ihm gejagt, er könne
fih bier zu Haufe fühlen, und feine
Emma jei eine einfadhe, ſchlichte Frau,
die ihn ehrlich bewundern werde —
dies genügte Gottfried, um es ſich
etwas bequem zu machen und vor
allen Dingen feinen berben Humor
ſpielen zu laſſen.
Leopold's literariſche Thätigkeit
durfte er ja nicht erwähnen, um ſo
beſſer, da konnte er dieſer ſchlichten
Landpomeranze ordentlich klar machen,
was für einen Mann ſie unter ihrem
Dache beherberge. Und er that dies
mit jener Aufgedunſenheit, die Fried—
rich Roſen, durch ſein literariſches
Glück begünſtigt, überall gern ent—
faltete, wo er nur irgend willige
Ohren fand.
In ſeiner Gattin hatte Friedrich
Roſen eine Frau gefunden, die ganz
entichieden feinen wachlenden Größen:
wahnfinn beförberte.
Sie war feine außerordentliche
Schönheit, aber durch ihre jchlanfe
Geftalt konnte fie imponiren. Auf
Geift durfte fie ſchwerlich Anſpruch
machen; ja fie neigte fich entjchieden
zur Dummheit. Mit weiblichem Syn:
ftinct hatte fie jedoch das Band ent:
dedt, mit dem fie unauflöslich ihren
Gatten an fih zu fefleln vermochte
— eine maßlofe Bewunderung. Fried:
rich Roſen galt ihr als ber größte
Dichter der Neuzeit — fie lag nur
Die Unterhaltung des würdigen
Paares wurde für jeden unbefangenen
Dritten zur wahren Dual.
Gottfried ſprach nur von fi und
jeinen Erfolgen, und wenn er wirklich
einmal gelegentlich eines Collegen er-
wähnte, dann äußerte fich feine Frau
alsbald jo wegwerfend über deſſen
Talent oder Charakter, daß jelbft bie
beiten Namen von dem ihres Mannes
tief in den Schatten geftellt wurden.
Schmidt widerſprach bei folder
Gelegenheit niemals jeiner Frau, ſon—
dern jchaute wohlgefällig drein und
auf feinem derben offenen Geficht
fonnte man beutlih leſen: a, ich
bin ein ganz anderer Kerl.
Emma bedurfte all’ ihrer Ziebens-
würbdigfeit, um ihre Gäfte zu ertra=
gen, die mit jevem Tage ihre boden-
lofe Eitelfeit, ihre rohe Selbftjucht
enthüllten. So war aljo einer jener
Geiftesheroen, für die fie als blutjun-
ges Mädchen gejhwärmt und nad
deren Bekanntſchaft fie ſich ſchon im:
mer heiß gejehnt !
Wohl gehörte Friedrih Roſen in
die unterjten Reihen, aber jo roh
und plump hatte fie ſich einen Schrift:
fteller doch nicht denken können. Und
wie handwerksmäßig faßte dieſer
Menſch feine Thätigfeit auf. Er
ihrieb jeden Tag die gleihe Anzahl
Bogen, und feine Frau rühmte dann
beitändig, wie viel er damit verdiene
‚und daß die Blätter für die Erzäh:
lungen ihres Mannes die höchſten
Honorare bezahlen müßten.
Bauersleute, die ihr Korn in bie
Stadt braten, konnten nicht ängft:
licher mefjen und mäfeln, wie biefe
Leute. Es war ein wiberwärtiges
Schaufpiel, wie dies Ehepaar das
ohnehin Hägliche Ideal des letzten
Schimmers entfleiveten. — Nun be
griff Emma volllommen die Abnei-
gung ihres Gatten gegen Literatur.
noch jeine Erzählungen, alles Andere | — Er hatte ſicher Gelegenheit gehabt,
ließ fie völlig gleichgiltig, und ihr | die Verfaffer perfönlich kennen zu ler:
angebeteter Mann trug fie dafür auf nen und es waren ihm darüber die
Hänben. Erzeugniffe jelbft verleidet worden.
503
Sie leiftete ihm ſchon jet heimlich
Abbitte und beſchloß, nach Entfernung
der Gäfte ihm offen zu befennen, wie
Unrecht fie ihm gethan.
Leopold merkte wohl, daß Gott:
frieb auf feine Frau nicht den ange:
„Berzeifen Sie den heiteren,
ſcherzhaften Ton meines Briefe; aber
ih bin heute jo glücklich! — Ich
habe aus ficherer Quelle erfahren,
da Ihr Drama hier zur Aufführung
fommt und gewiß wird es bei unfe-
nehmften Eindruck gemacht, und er rem funftfinnigen Publikum eine ganz
war beinahe ſchadenfroh genug, ihr | andere Aufnahme finden, als in ihrer
diefe Enttäufhung zu gönnen. Warum | blafirten Hauptſtadt. Wie will ich
verfuchte fie mit der Literatur zu Ihrem Drama zujauchzen! Al’ meine
fofettiren, ein Verſuch, ber ganz ent: | Freunde find ſchon für Ihr Werf
ſchieden zu ihrem Nachtheil ausfiel. | eingenommen. — Sie werben einen
Noch dazu nahmen ihn ganz amdere | glänzenden Erfolg haben und bamit
Dinge in Anſpruch. — Bu feiner der Poefie wieder gewonnen fein. —
Ueberrafhung hatte Freund Gottfried | Diefelbe Farbe, mit der ich die Lode
ihm noch einen Brief von Fräulein | gebunden, will ih an Ihrem Theater:
A. H. mitgebradt. Er wollte ihn jo: | abend in meinem Haare tragen, wer:
fort vernichten, zuletzt fiegte doch die den Sie mich dann entbeden? —
Neugier, was die alte Jungfer ant- | Und follte dies auch wirklich der Fall
worten würde, und er bejchloß, auch |fein — dürfen Sie fih mir nit
biefe Teste Pille hinunterzuſchlucken. nähern:
die ih Ihnen für Yhren legten Brief
Sein Erftaunen war noch größer, als
er jetzt las:
„I hatte mir feit vorgenommen,
Ihnen nicht wieder zu jchreiben, aber
Ihr legter Brief hat mich doch fo
erheitert, daß ich Ahnen antworten
muß. Sie waren in BDresben und
glauben, mich dort entdedt und auch
die Urfache herausgefunden zu haben,
warum ich mich in ſolch' undurd;
dringliche Schleier hülle. Meine alte
franzöfiihe Sprachlehrerin war bisher
jo freundlih, für mid bie Briefe
unter der Chiffre U. 9. abholen zu
lafien, da ich zur Wahrung meines
Geheimnifjes dies nothwendig hielt
und deshalb auch ihre Anfangsbuch—
ftaben wählte. Gewiß haben Sie bie
treue Seele am Fenſter gejehen und
nun nicht weiter den Muth gehabt,
den Boden der Wirklichkeit zu berüh—
ren. — Forderten Sie denn über:
haupt, daß Ihre Eorrejponbentin jung
und hübſch fjeit! — Weil Sie mi
aber für eine alte Jungfer gehalten,
hide ich Ihnen eine Locke von mei:
nem Haar — nun mögen Sie jelbft
errathen, ob ich jung ober alt bin!
Jedenfalls trage ich feine Perrüde,
nicht einmal einen Chignon.
das iſt bie einzige Strafe,
zudictire. — Ich fühle jelbft, daß
Sie nicht hart genug ift, doch in
meiner feligiten Stimmung reichte
meine Phantafie nicht aus — Furdt-
bares zu erfinden. — Leben Sie wohl,
und Muth, Muth! Nur der Seidenwurm
legt ſich hin und ftirbt, wenn ihn auf fei-
nem Weg zum Einfpinnen ein Zufall
binabgejchleudert — das wahre Ta-
(ent ermüdet und refignirt nicht fo
ſchnell — es rafft fich ſelbſt nach je-
der fcheinbaren Niederlage — neuem
Kämpfen und Ringen auf .
Nach Leſung dieſes — ge⸗
rieth Leopold in eine wahrhaft fieber—
bafte Aufregung. Was mußte bie
ſchöne Unbekannte von dem Schidjal
ſeines Drama’3? Wollte fie ihn mit
dieſer Nachricht ebenfalls neden, oder
enthielt fie ein Körnchen Wahrheit !
— Bah, es war ja unmöglid. Welche
Theaterverwaltung würde den Muth
‚haben, ein Stüd aufzuführen, das
auf der größten Bühne gnadenlos
durchgefallen.
Aber die Briefjchreiberin mußte
die Flamme zu jchüren, das mußte
er geftehen. Sie gab in diefem Punkte
Emilien nichts nach und dennoch war | ganz uneigennüßig ging er bahei frei:
ihre Art und Meije weit liebenswür: | lich nicht zu Werke. Seine
diger und einfchmeichelnder.
Frau be:
Wenn gann fi in dem einfamen Gebirge
ihm das Schidjal ein ſolch' bezau:|zu langweilen und fehnte fich nad)
berndes Weſen zugeführt, anftatt ſei- Dresben, wo fie bereit3 vor. einer in-
ner guten Frau — ja dann konnte timen Freundin eingeladen worben.
noch einmal fein poetifches Schaffen
Gottfried fand es deshalb ganz
einen Aufihwung nehmen, jo aber nothwendig, daß fein Freund mit jet:
war e3 mit ihm vorbei...
Mie aufmerkſam betrachtete er
das überfandte Haar. E3 war fo
weich und glänzend und mußte einem
jungen Kopf angehören. Bald jchien
die Farbe ein prächtiges Kaſtanien—
braun zu jein, bald jchimmerte es
wie Gold. Seine Frau hatte beinah’
ähnliches Haar nur bejaß es
nicht dieſen eigenthümlichen Glanz,
der dur das blaufeidene Bändchen
noch mehr hervorgehoben wurde.
Leopold verjanf über die Kleine
Haarlode in eine poetiſche Träumerei,
wie er fie nicht für möglich gehalten,
jeitbem er ſich jo entjchloffen der
nüchternften Wirklichkeit in die Arme
geworfen, und was ihn bald noch
mehr überrajhen jollte — die ge:
heimnißvolle Briefjchreiberin hatte mit
ihrer Andeutung Recht gehabt, denn
ihon am folgenden Tage erhielt Gott:
fried, der öffentlich befannt gemacht
hatte, daß alle Briefe an den Schrift:
fteller Fernthal ihm zugejandt werben
möchten, von der Direction des Dres:
bener Theaters die Nachricht, daß
man Anfang nächiter Woche das Fern:
tbal’jche Drama zur Aufführung brin:
gen werde und ſich von dem echt
poetifhen Werk einen großen Erfolg
verjpreche, obwohl es auf einer an:
beren Bühne ungerechter Weiſe abge:
lehnt worden.
„Glück muß der Menſch Haben!“
jagte lachend Gottfried, und da er
nit auf demjelben Gebiete thätig
war, jo konnte er jchon feinem Freunde
den kleinen Erfolg gönnen. Ja er
nahm bald an der wunberlichen Ge:
ſchichte ein wirkliches Intereſſe und
drängte Leopold, unter allen Umſtän—
den der Aufführung beizuwohnen. So
nen eigenen Augen ſah, wie in Dres—
den ſein Stück in Scene ging, und
er hatte dabei die ſchönſte Belegen:
heit, feine Frau abzufegen und mit
Leopold allein zurüdzufcehren. Er hatte
an dem Lanbaufenthalte außerordent:
lichen Geihmad gefunden; am Mor:
gen wurde das Penjum unerbittlich
abgeichrieben, aber der Nachmittag ge:
hörte dann ihm, und er fühlte fich
wie neugeboren, wenn er mit ber
Büchfe auf dem Rüden im Walde
herumftreifen konnte. Mit feiner alten,
geriebenen Schlauheit, die er bei all’
feiner geiftigen Beſchränktheit bejaß,
ihlug er gern zwei Fliegen mit einer
Klappe. — Seine Frau war unter:
gebracht — er genoß noch ein paar
Tage länger das Glüd, ſich gehörig
auszutummeln und Leopold mußte
von feiner neidloſen Freundſchaft die
höchſte Meinung haben.
Kein Wunder, daß es ihm gelang,
den Freund jo lange zu bearbeiten,
bis diefer, wenn auch noch fo wider:
jtrebend, einmwilligte. in ſchicklicher
Vorwand, der Leopold's Begleitung
rechtfertigte, war leicht gefunden, er
theilte feiner Frau mit, daß über:
morgen ihre Gäfte nad) Dresden fah-
ren würden und daß er die Gelegen-
beit benugen wolle, um einige Ma:
ichinen zu faufen, über die gewiß wie-
der der alte Voigt die grämlichiten
Gefichter fchneiden würde. Zugleich
erwähnte er, daß Freund Gottfried
jeine Frau in Dresden lafjen und
auf einige Tage noch einmal mit ihm
hierher zurückkehren wolle.
Seltfam genug nahm Emma die
Nahricht etwas verdrießlich auf. Sie
ſchien ihr einen Strich durch die Rech—
nung zu machen, aber nad ihrer Ges
505
wohnheit ſagte fie nichts. Hatte fie
fih an ihre Gäfte endlich gemöhnt
und nahm fie ihre Abreife für eine
Kränkung auf, oder war ihr über:
haupt die Einſamkeit Täftig, bie fie
dann wieder erwartete? er wußte es
niht — fiher war, daß fie fidh ver:
ftinnmt zeigte und bald auf ihr Zim—
mer zurüdzog. Schon war Alles zur
Abreife für den anderen Morgen vor:
bereitet, da erhielt plöglih Frau v.
Ferber noch in jpäter Abendſtunde
eine telegraphifche Depeſche, daß ihre
Schwefter erfrankt jei und um ihren
ſchleunigen Beſuch bitte.
Emma eilte ſogleich mit dieſer
Nachricht zu ihrem Manne und fügte
dabei hinzu: „Nun mußt Du mir
ſchon geftatten, daß ich Euch begleite.“
Leopold bedurfte aller Selbftbe-
herrſchung, um nicht feine Beftürzung zu
verrathen und fi unhöflich zu zeigen.
„Aber ich babe fchon über ben
morgigen Abend mit Gottfried ver-
fügt,” jagte er nach einer Pauſe, mit
Mühe feine Verlegenheit bemäntelnd....
„Schmidt bat fi mit ein paar
alten Freunden in Dresden verabre:
bet, und ich mußte ihm das Wort
darauf geben, ihm dieſen Abend zu
ſchenken, ich werbe deshalb leider nicht
im Stande fein —“
„DO, lieber Leopold, Du weißt,
daß Du um meinetwillen Dir niemals
Zwang aufzulegen braudjt,“ unter:
brach ihn Emma lebhaft. „Auch meine
Schweſter wird es entjchuldigen, felbft
wenn Du nicht Zeit findeft, ihr ſo—
glei einen Krankenbeſuch zu machen.”
Der junge Ehemann mußte fich
geftehen, daß feine Gattin in folchen
Dingen das Mufter einer Frau war
— niemals wurde fie ihm unbequem
und erleichterten Herzens theilte er feinem
Freunde die veränderte Sachlage mit. —
In aller Frühe des anderen Ta—
ges wurde die Reiſe angetreten.
Gottfried war in prächtigfter Laune,
erzählte Iuftige Anefvoten aus ber
Studentenzeit und feine Frau hörte
mit wohlgefälligem Lächeln zu; höch—
ſtens brachte fie zur Abwechslung ihren
Freunden bie überzeugendften Beweiſe
bei, von der außerordentlihen Popula—
rität, die ihr Mann genoß; er fonnte
feine Bierftube mehr auffuchen, ohne
daß nicht irgend ein ehrlicher Hand—
werfer oder Arbeiter auf ihn zuftürzte
und ihm für irgend eine wunderſchöne
Erzählung dankbar die Hand brüdte.
Das andere Ehepaar im Wagen ver:
hielt fich Dagegen jehr ſchweigend und gab
fogar ziemlich zerftreute Zuhörer ab.
Leopolds Gedanken weilten natür-
(ih bei der Entſcheidung des heutigen
Abends. — Er war bereit auf bag
Schlimmfte gefaßt. Aber wenn das
Drama gefiel? Was dann?! Sollte ernun
jeinerjüngften Vergangenheit untreu wer:
den, und wie würde fich feine projaifche
Frau in feinen Dichterberuf finden?
Emma war ebenfall3 in einer ficht-
baren Aufregung, die Leopold voll:
fommen begriff, da fie gewiß wegen
der plöglichen Erkrankung ihrer Schwe-
fter in Sorge war. |
Man hatte mit den trefflichen
Pferden den Weg ſehr raſch zurüd-
gelegt und jchon Nachmittag trafen
fie in Dresden ein,
Wohl ftieg man im Haufe von
Leopolds Schwager ab, der aber heute
von feinem Beruf ganz in Anſpruch
genommen wurde, und ba e3 hieß,
daß jeine Schwägerin ſich Thon etwas
befier befinde, ließ Herr v. Ferber
feine Frau mit ben herzlichiten Wün—
ihen baldiger Genefung zurüd und
ſchloß fich feinen Freunden an.
Auch die Gattin Gottfrieds war
bald glücklich untergebracht. Sie ſchlug
die Einladung zum Beſuch des Thea-
ters rundweg ab; jelbft die Bemer—
fung ihres Gatten, daß ein neues
Drama von einem geachteten Dichter
zur Aufführung komme, konnte fie
nicht verloden. „Erftens bin ich er:
mübet von der langen Fahrt und be:
darf der Ruhe, und zweitens Fan
ih mich für das Drama folder Neu:
linge nicht intereffiren,” war ihre tro:
dene Erklärung zur großen Heiterkeit
506
ihres Mannes, der jedes Wort feiner |
| und al3 er dann in die friiche Luft
hinaustrat, merkteer doch, daß er etwas
einzigen Frau geiftreih und unüber-
trefflih fand.
Schmwerfällig erhob fih Schmibt
Die Freunde waren enblich allein | zu viel getrunken habe. Leopold war vor:
und von jedem Anhange glüdlich bes fichtiger gewejen, und hatte zuletzt das
freit. Es war noch eine halbe Stunde
bis zur Eröffnung des Theaters, und
wie hätte man bie befjer zubringen
ſollen, als bei einer Flafche Wein.
Leopold erhob gegen den Bor:
ſchlag Gottfrieds feinen Widerſpruch,
jein Herz war in einer jo ftürmifchen
Bewegung, daß er gern jedes Mittel
ergriff, das ihm über die nächfte Stunde
qualvoller Erwartung hinweghalf.
Ein ftiller Winkel war bald ent:
Zehen dem Freunde allein überlafjen.
- Die Wanderung ging deshalb et-
was langfam, und als fie endlich
das Theater erreichten, hatte joeben
die Vorftelung begonnen. Das Haus
war ausverfauft und nur mit genauer
Noth war e8 ihnen gelungen, zwei Plätze
in der dunkelſten Barquetlogezu erlangen.
Bei ihrem Eintritte in Die Loge,
der von Gottfried nicht ohne Geräuſch
erfolgte, blicten fi die vor ihnen
dedt — Schmidt mußte geftehen, daß |figenden beiden Damen unmwillig um
ber aufgetragene Wein ausgezeichnet | und Leopold wollte faum feinen Au-
fei, und auch Leopold ſprach in feiner gen trauen — er ftarrte in die Ge:
Erregung der Flafche fleißig zu. — ſichter feiner Frau und Schwägerin,
Gottfried fand dies Ausruhen äußerft | die über dies feltfame Zujammentref-
behaglih, und da fein Freund nicht
die Unruhe verrathen mochte, mit ber
e3 ihn zum Theater zog, mußte er
nothgedrungen an der Seite Schmibt’s
aushalten und durfte ihn mit feinem |
Wort an den Aufbruch mahnen.
Der wadere Volksſchriftſteller be—
fahl noch eine zweite Flache; er!
mwurbe immer aufgeräumter und ſchien
fen ebenfalls fich nicht wenig beftürzt
zeigten und fich bligjchnell wieder um-
drehten, als könnten fie fi dadurch
‚vor Entdedung fihern. —
Geftern war wegen ber Krankheit
feiner Schwägerin eine telegraphijche
Depeiche eingegangen und heute be:
fuchte fie das Theater. — Das mochte
begreifen, wer da wollte — er nidt.
ben eigentlichen Zweck ihres Ausflugs Dennoh war jett feine Gelegenheit
vergeflen zu haben. Vergeblich fuchte zum Ausfpredhen, denn das Stüd
Leopold das Geſpräch zumeilen auf | hatte begonnen und bald weilten jeine
dramatifches Gebiet zu fpielen, Gott:
fried fam immer wieder auf die Er-
folge zurüd, die er auf bem Felde
ber Erzählung errungen. Endlich konnte
der um fein Stüd bejorgte Dichter
nicht länger an fi halten, er zog
die Uhr heraus und rief haſtig:
„Aber wenn wir noch in das Theater
wollen, it e8 bie höchfte Zeit.“
„Ad, alter Freund, wir kommen
noch zurecht” — entgegnete Gottfried.
„Siehft Du, jet find wir wenigjtens
in der rechten Stimmung. Nun mö:
gen fie klatſchen oder pfeifen, es joll
die
ung nicht erjchüttern. Der Wein ke
Gedanken wo anders.
Ob feine interefjante Briefjchrei-
berin im Theater war, wie fie ver:
ſprochen? — Er forſchte mit feinem
Dpernglafe überall herum, konnte aber
feine Dame mit blauem Bande im
Haar entdeden. Daß feine dicht vor
ihm figende Frau ein foldhes Band
im Haar trug, fiel ihm nicht einmal
auf und er würde es für einen bloßen
Zufall gehalten haben.
Schon der erfle Act wurde ſehr
günftig aufgenommen und man gewahrte
große Theilnahme des Publifums.
Jetzt erft, nah dem Fallen bes
gut und wir haben eine Stunde ge: | Vorhanges, fand Leopold Gelegenheit,
müthlich verplaubert die bleibt
und auf jeden Fall.”
feinem Erftaunen Worte zu leihen
und etwas farkaftiih feine Freude
507
über bie fchnelle Genejung feiner
Schwägerin auszuſprechen. Anftatt fich
zu vertheidigen, ging feine Frau un:
erwartet zum Angriff über und fragte
ihren Gemahl ganz verwundert, wie
er ſich babe bei feiner ungeheuren
Abneigung gegen das Theater hierher
verirren Fönnen.
Der ehemalige Dichter war auf | fol’
wurfsvollen Blick zu, wie er ihn aus
ihren janften Augen noch nie erhal:
ten hatte.
Wenn fih auch der Ehemann ba-
von gekränkt fühlte, den Dichter be-
rührte es ganz angenehm. Brachte
fein Drama ſelbſt auf eine jo einfache,
ſchlichte Natur, wie feine Frau, eine
ergreifende Wirkung hervor,
eine ſolche Bertheidigungsart heute | dann durfte er auf eine günftige Auf:
am wenigften vorbereitet. „Mein
Freund ließ mir feine Ruhe,” ſtam—
melte er verwirrt, „aber daß ih Dich
und Deine kranke Schweiter hier tref:
fen würde, fonnte ih am wenigſten
erwarten,” raffte er fih endlich auf.
„IH war auch wirklich geftern
ſehr krank,” entgegnete diefe, „doch
bei der erften Aufführung mag id
nicht fehlen, und wenn ich mich noch
elender fühlte.“
„Iſt denn das ein folder Genuß?“
„Für mich unbedingt,” war bie
Antwort der jungen Frau, „denn eine
erfte Aufführung ift ein Schaujpiel
im Schaufpiel — das uns in athem-
lofer Spannung erhält — jeder Ein-
zelne fühlt die Würde feines Richter:
amtes unb kommt fich weit bebeuten-
ber vor. Ich hoffe, daß Sie aud)
herzhaft Ihre Hände in Bewegung
nahme feines Stüdes bei einem Pu—
blitum rechnen, das vorwiegend aus
den gebilbeteften heilen ber Gejell-
ſchaft beſtand.
Der dritte Act erhöhte die gün—
ſtige Stimmung des Publikums; die
Rührung wurde allgemeiner — und
doch bewunderte Jeder die Kraft des
Poeten, der ohne melodramatiſche Effecte
die Zuſchauer im tiefſten Innern zu
berühren wußte.
Seine Frau ſchluchzte, unbeküm—
mert um den Tadel des Gatten vor
ſich hin; ſelbſt ſeine Schwägerin, der
er wahrhaftig Geiſt und höhere Bil—
dung nicht abſprechen konnte, vergoß
Thränen. —
Wo mochte die Briefſchreiberin
ſein und welche Wirkung übte auf ſie
das Stück? — Wie lechzte er dar—
nach, gerade in ihren Augen Thränen
ſetzen. Wenn ich Ihnen das Zeichen zu ſehen — während die ſeiner Frau
dazu gebe, dann können Sie es getroſt.“ ihn ſehr gleichgiltig ließen. —
„Wirklich?“ fragte Leopoid und
vermochte kaum ein ironiſches Lächeln
zu unterdrücken. Seine kleine Schwä-
gerin mußte ihn boch für den befchränf:
teften Zandjunfer anfehen, dem Kunft
und Literatur böhmijche Dörfer waren.
Das Zeichen der Glode unterbrach
ihr Zwiegeſprach, der Vorhang ging
wieder in die Höhe und die Theilnahme
der Zuſchauer wuchs.
Die Damen begannen bereits bei
ergreifenden Stellen zu ihren Taſchen—
tüchern die Zuflucht zu nehmen. Auch
jeine Frau meinte, wie er deutlich
bemerken fonnte.
Gottfried hatte fich bis zum Schluß
de3 dritten Actes einem janften Schlum:
mer bingegeben. Der gute Wein übte
do feine Wirkung und die hinterfte
Ede in ber dunflen Parquetloge war
ganz geeignet, ein Schläfchen zu ma—
hen. Zum Glüd ſah er nicht die ge—
tingihägigen Blide, mit denen ihn
die vor ihm figenden Frauen in ben
Zwiſchenacten betrachteten. Der wadere
Bolksichriftiteller, von dem fie ohne-
hin feine hohe Meinung hatten, ſank
vollends in ihrer Achtung.
Selbft von dem immer lauter
werdenden Beifall des Publikums
„Das fieht fo fentimental aus,“ | wachte Gottfried nicht auf. Der Treff:
flüfterte ex ihr zu.
Haupt und warf ihm einen fo vor:
Sie wandte das | liche erfreute fich ſtets eines gefunden
Schlafes.
508
Bon der wachſenden Theilnahme |
der Zuſchauer mit fortgerifien, leiſte—
ten auch die Schaufpieler das Außer:
ordentlichſte und die beiden letzten
Acte wurden hier jo trefflich gegeben,
daß fie zum glänzendften Erfolge bes
Drama's fehr viel beitrugen.
Die Begeifterung war allgemein,
das Händeflatihen wollte fein Ende‘
nehmen unb man rief ftürmijch ben
Verfaſſer.
Auch die beiden Frauen zeigten
einen Enthuſiasmus, den Leopold be—
ſonders bei ſeiner Gattin nie für
möglich gehalten hätte; ſeine Schwä—
gerin drehte ſich mehrmals haſtig nach
ihm um und flüſterte ihm zu: „So
klatſchen Sie doch, Sie Barbar!“ —
Die junge lebhafte Frau fühlte
zum erſten mal eine wahre Entrüſtung
über ihren Schwager, dem fie eine
viel zu große Ehre angethan, daß fie
ihn Sohn der Wildniß genannt. Er
war ein echter Krautjunfer, ohne Ge:
fühl und Perftand, dem ein Beet
Kartoffeln lieber war, als alle Poeſie
ber Welt. Wie ftarr und unbemweglich
er bafaß — feine Hand rührend,
während das Haus von Beifall wie:
berhallte.
Sogar Gottfried erwachte aus fei-
nem Schlummer und murmelte mehr:
mals noch ganz ſchlaftrunken: „bravo“
— dann rieb er fih die Augen und
feine Befinnung fehrte almälig zu—
rüd.. Er hörte die ftürmifchen Rufe
nah dem Verfaffer und wurde er
davon mit fortgeriffen, oder war fein
Raufh noch nicht ganz verflogen, er
ſprang auf, padte plöglich den Freund
bei den Schultern und rief mit feiner
fräftigen Stimme:
„Es geht nicht anders, Du mußt
Dih dem Publikum zeigen.“ Ohne
auf jein Sträuben zu achten, zog er
ihn gewaltfam mit fi) fort.
Leopold befand fich ſelbſt in einem
Taumel und ließ Alles willenlos mit
fih geſchehen.
ohne weiteres auf die Bühne, jchrie |
zu: „bier bring’ ich den Dichter” und
wenige Augenblide jpäter ftand er vor
der Rampe — ein begeiftertes Publikum
janchzte ihm ſtürmiſch zu — er mußte
fih verbeugen und dann wurde er
noch auf der Bühne von allen Seiten
glückwünſchend umringt.
Gottfried zog ihn ſtürmiſch an
jeine breite Bruft und es war jeßt
unentjchieden, ob jein oder der Rauſch
des Freundes der ftärfere war. —
Die beiden Frauen in der Bar:
quetloge hatten die Vorgänge hinter
ihrem Rüden wenig beadtet; ihre
ganze Aufmerkjamkeit war auf bie
Bühne gerichtet, wo man noch immer
das Erſcheinen des Dichterd erwartete.
Da wurde enblidy bie Ungebulb
des Publikums befriedigt... — Ein
ichlanter, blafjer Mann trat vor bie
Lampen, und mitten in ben Jubel
hinein rief Emma mit einer Stimme,
in der die tiefiten und mwunderbariten
Empfindungen miederzitterten: „Leo:
pold !“
Ihr Gatte mußte den Ruf noch
gehört haben, denn fein Blick ftreifte
im Fortgehen die dit vor ihm lie:
gende Loge.
Die junge Frau ftürzte in einer
folden Aufregung hinweg, daß ihr
die Schwefter nicht zu folgen ver:
mochte, die in ihrem maßlojen Er:
ftaunen ſich ohnehin nicht zu faflen
wußte. — Sie griff fih an den Kopf
— drehte fi denn die Welt — der
Sohn der Wildniß, ihr höchft profai:
ſcher Schwager war ber Verfaffer des
Drama's — ber Dichter Leonharb
Fernthal. Es mar das tollite
Märchen, das fie je gehört! Und doch
mußte es Wahrheit jein — denn ihr
Schwager würde doch nimmermehr
ein ſolches Poffenipiel gewagt und
fih als Dichter ausgegeben haben,
wenn er e3 nicht wirflihd war —
und jegt kam fchon ihr Gemahl in
Schmidt fehleppte ihn die Loge, und brachte die Veftätigung.
„Mein nüchterner Schwager Fer:
ben Leuten mit feiner Stentorftimme | ber der Dichter Fernthal, wer würde
309
das für möglich gehalten haben!“ |konnte; aber troß ihrer ſchwärmeri—
rief er ebenfalls in höchiter Aufregung. | chen Begeifterung hatte feine Ge-
„Und ift es wirklich nicht ein | mahlin mit ihrer jcharfen Beobach—
Scherz, den man fi mit ung er: tungsgabe feinen Blid, die fih daran
laubt?” fragte die junge Frau, bie | knüpfende Vermuthung und ben jofort
fi noch immer nicht an den Gedanz | in feinem Antlige auffteigenden Zweifel
fen gewöhnen konnte, daß ihr Schwa- | bemerkt, und fie entgegnete mit einem
ger ein Dichter ſei. Erröthen und einem Lächeln, das fie
„Wo denkſt Du hin,“ ermwiederte | wunderbar verfchönte: „Es ift wirklich
ihr Gemahl. „Dr. Schmidt, durch | Deine geheimnißvolle Eorrefponbentin,
beffen Hände alle Gorrejpondenzen ges | die Du endlih doch entbedt; Deine
gangen, hat mir fogleih in feinem Strafe ift gebüßt, ich opfere Dir
Eifer die betreffenden Documente vor: | willig mein Geheimniß.”
gelegt, als er mein etwas zweifel- Sept war e8 Leopold, ber jeine
müthiges Gefiht ſah.“ Frau in ſprachloſem Entzücken in
Inzwiſchen hatte Emma ſich durch ſeine Arme ſchloß. Ihm war's, als
das Gewühl der Hinausſtürmenden habe er nun erſt die theure Lebens—
zu drängen geſucht, nur- von dem gefährtin gefunden, die feine Seele
einen Gebanfen bejeelt, dem theuren |fih erjehut. Sie hielten ſich innig
Dichter — ihrem Gatten au die Bruft | umjchlungen, in ihnen jauchzte und
zu fliegen ... . Endlich hatte fie die | jubelte das jelige Bemußtfein, daß
Bühne erreiht — dort ftand noch ſie jegt voll und ganz fich angehörten
Leopold in einem Kreife von Theater: | und die reinfte Harmonie fie um:
freunden und Schaufpielern, Die ihn ſchlang
umbdrängten und ihm mehr oder we- Wie viel hatten ſich die Beiden
niger ihre Bewunderung ausbrüdten. |zu jagen und zu erklären. Und nun
Leopold juchte bejcheiden alles Lob erſt erhielten fie die tiefften Einblide
abzuwehren, Freund Gottfried Faffirte in das Sein des Anderen und damit
e3 dafür in feinem Namen um fo!auc bie Löjung für all’ die wunder:
behagliher ein. Er war es auch, der | baren Ueberrafhungen, mit denen fie
das längere Verweilen auf ber Bühne | überfchüttet worben.
veranlaßte. Emma war eine innerlich ftolze,
Jetzt eilte Emma in höchſter Auf: | idealiftiiche, träumerifche Natur, die
regung herbei, warf fih an die Bruft nah außen ſich bejcheiden, harmlos
ihre Mannes und ſchluchzte hervor: | und anfchmiegend zeigte. Sie war's
„In Dir finde ich alfo den Dichter | Überhaupt nicht gewohnt, ihre inner:
Fernthal wieder, o wüßteſt Du, welch’ | ften Empfindungen preiszugeben, und
unnennbare Seligkiit mein Herz durch: | deshalb entdedte Niemand fo leicht
rauſcht.“ ihren inneren Reichthum und ihre
Ihre Sprache, ihre tiefe Bewe- | Tiefe.
gung war ihm neu. Eine ganz Andere Damals, auf ihrem Ausfluge nad
Ihloß er in feine Arme — da fiel | Hamburg, hatte fie das Bedürfniß
jein Blick auf ihren eigemmhümlichen | gefühlt, ſich zu zerfireuen, zu erhei-
Kopfpug — das blaue Band, das tern; fie gab fich unbefangen ben
heute jo prächtig glänzende Haar, | Eindrüden Hin, die Menfchen und
erregte jeine Aufmerkjamleit, und ein | Dinge auf fie machten. — Gerade
Gedanke ſchoß ihm durch deu Kopf. die Art und Weife, wie fi) Leopold
— Wenn Emma jelbft! — nein, dag ihr gegenüber gehen ließ, Hatte fie
war ganz unmöglih — fie hatte ihm | angezogen, und noch eh’ fie ſelbſt
niemal3 Beranlaffung gegeben, daß |eine Ahnung davon gehabt, war bie
ih ein ſolcher Verdacht in ihm regen Liebe in ihr Herz eingefehrt.
510
Nun warf die alte Zauberin ihren
verflärenden Schleier über den theuren
Mann, und als er dann die ganze
Profa feiner Natur herausfehrte,
folgte fie ihm willig überall hin —
bi3 fie endlich zu ihrem Schmerz bie
Leere empfand, die dieſes äußerliche
Zujammenfein mit einem Manne ber:
vorrief, der jeder jeeliichen Berührung
forgfältig auswich ...
Noch vor ihrer Verheiratung hatte
ſie mit ihrem erſten Briefe dem Dich—
ter Fernthal zugejubelt, aber ſelbſt
in ihren kühnſten Träumen wäre ihr
nicht der Gedanke gekommen, daß es
ihr neben ihr kalt und verſchloſſen
einhergehender Gatte war, an den ſie
Worte des Troſtes und der Ermun—
terung richtete. Auch Leopold hätte
nimmermehr die hübſche geheimniß—
volle Briefſchreiberin in feiner aller
nächſten Nähe geſucht.
Jetzt war dieſes Ausſprechen, die—
ſes gegenſeitige Erklären eine uner—
ſchöpfliche Fundgrube der Unterhal—
tung, die immer neue Gedanken und
Empfindungen heraufbeförderte. Sie
war es auch geweſen, die in ihrer
Theilnahme für den Dichter Fernthal,
ihren Schwager, den Director des
Theaters, ſo lange gedrängt, bis er
ſich zu dem Wagniß hinreißen ließ,
ein an anderer Stelle durchgefallenes
Stück dennoch zur Aufführung zu
bringen.
Der Dichter Fernthal war der
Poeſie zurückgegeben, und ſeine Frau
folgte mit wunderbarer Seelentiefe,
mit dem belebendſten Verſtändniß all'
ſeiner Schöpfungen. Sie war die echte
und unſchätzbare Lebensgefährtin eines
Dichters und ihrem wohlthuenden, er:
quidenden Einfluß verdanfte Leopold
bie ſchönſten Erfolge — Der hellite
Sonnenſchein und das beſeligendſte
Glück ruhte jegt in biefen eng ver:
bunbenen Herzen . . .
Bei einem längern Aufenthalt in
der norbbeutichen Hauptſtadt hatte
| Leopold Emilie nicht wiedergefunden.
Sie war kurz vorher geftorben; wie
ber Bruber mittheilte, an einem Herz:
leiden. Die Nachricht berührte ben
Dichter tief und ſchmerzlich. Hatte
ihre Feuerfeele ihn dennoch geliebt
und fih in Sehnſucht verzehrt? Sie
gehörte nun einmal zu jenen Geiftern,
die mit ihrem unerfättlichen Idealis—
mus auf dieſer Welt fein wahres
Glück finden können. Leopold bewahrte
ihr, der er fo viel zu verdanken hatte,
lein theures Andenken, Ihm war e8
oft, als ob ihr verflärter Geift ihm
zuflüfterte: „Raftlos weiter zu ringen
und nicht müde zu werden.” — Und
daß er das nicht wurde, bafür jorgte
ihon der milde, freundliche Genius,
‚der an feiner Seite ftand, feine ange:
betete, tief poetifche Frau.
Der wadere Voltsfchriftiteller da—
gegen entjagte jchon nach wenigen
Jahren feinem Berufe. Das Bubli-
fum war doch bald jeiner fchönen
Erzählungen überbrüfjig geworben, ba
er ſich's allzu bequem gemadt und
mit unbedeutenden Veränderungen im:
mer biejelben Gerichte gekocht hatte.
Der naive Lefer fragt aber nicht nad)
dem Namen eined Autors; er will
um jeden Preis in Spannung gejeßt
werden, unterhalten fein und wendet
fih augenblidlid dem literariſchen
Kochkünftler zu, der feinen Gaumen
noch beſſer zu kitzeln weiß.
Friedrih Nofen kehrte dem un:
dankfbaren Volke, von dem auch jest
feine Frau nur mit Verachtung ſprach,
den Rüden, und er nahm bereitwil-
ligft den Vorſchlag feines Freundes
an, die Verwaltung von Emma’s
Landgut zu übernehmen.
Ter Dichter Fernthal und feine
Frau Fehrten immer feltener und
dann nur auf einige Wochen in bie:
jen ftillen Winkel des Erzgebirges
zurück. Eine reichere Welt der Bil:
Pays des Geiftes lag vor ihnen, und
fie ſchöpften daraus mit vollen Händen.
Scheintodt.
Selbſterzähltes aus dem Leben eines Familiendaters.
Bis zum Jahre 1869 lebte ich
in der Reſidenz, wo ich an der tech—
niſchen Hochſchule als Aſſiſtent im
phyſikaliſchen Kabinet und ſpäter ais
Profeſſor thätig war. Im Jahre
1869 wurde ich zum Bürgerſchul—
direktor im Landſtädtchen B. ernannt.
Im Vorfrühling des beſagten Jahres
überſiedelte ich mit meiner Familie
an den neuen Beſtimmungsort. Meine
Familie beſtand aus der Gattin, mit
welcher ich im neunten Jahre ver—
mählt war, ferner aus zwei Kindern,
einem Knaben von ſieben und einem
Mädchen von ſechs Jahren. In B.
bezogen wir eine geräumige und freund:
lihe Wohnung und richteten uns fröh:
lih ein. Ich hatte mir in der Refi-
benz bie nöthigen phyfifalifchen und
hemifchen Inſtrumente nebſt einer
fleinen Sammlung von Mineralien,
Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen
Dingen erworben, wie fie jeder Schul:
mann befigen fol. Ich ftellte dieſe
Gegenftände in meinem geräumigen
Arbeitszimmer auf; meine Oattin
Ihmüdte die Fenſter mit ihrem klei—
nen Herbarium, unb freute fich ber
reinen Sonnenftrahlen, die bier nicht
mehr von großftäbtiichem Staub und
Nebel zurüdgehalten wurden, fondern
hell und Tieblich auf die zarten Pflan-
zen und jungen Blumen fielen.
Die Kinder ergögten fih an dem
Vogelgezwiticher vor ben Fenftern,
hüpften um die Mutter, wenn fie
emfig die neuen Berhältniffe ordnete,
Iprangen in meinem Arbeitszimmer
herum, waren ſtets gefchäftig und
gelehrſam, und der Knabe verjuchte
manches Snftrument, das ich wieder
in den Stand jegte und einübte, auch
zu handhaben, und zu feinem Jubel
häufig mit Erfolg.
Am glüdlichften waren die Kinder,
wenn wir bie Elektrifirmafchine pie:
len ließen, deren Strom uns burd:
zudte und die Haare gegen Berg
trieb. Bald verftand es ber Kleine
jelbjt, die Batterie vorzubereiten und
das Erperiment auszuführen.
So waren wir Alle recht heiter
und ich ahnte nicht, welche Schreden
und welcher Jammer in biefem Haufe
jo bald über mich kommen follten.
Meine Gattin, von Natur aus
etwas ſchwächlich und nervös, melde
zuvor faum je einmal aus ber ge
wohnten Atmofjphäre der Großftabt ge:
fommen war, fühlte fih zu B. gleich
in der erſten Zeit, wahrſcheinlich in
Folge der fchärferen Luft und ber
häufig wechjelnden Temperatur etwas
angegriffen. Sie adhtete es nicht, be-
ftellte, al3 der Schnee gejchmolzen
war, den feinen erworbenen Garten
— glüdlih darüber, ihren Lieblings-
wunſch erfüllt zu ſehen und endlich
einmal einen Hausgarten zu befigen.
Wie furz war ihre Freude! — Am
18. März fiel fie plöglich ein heftiges
Fieber an, am 19. konnte fie das
Bett nicht mehr verlaffen. In ber
erften Zeit der Krankheit lag fie in
fteter Fieberhige und zweimal brach
fie in Delirium aus; in der legten
Zeit war fie ruhiger, weil erjchöpft,
und oft lag fie ftundenlang in einem
ohnmachtähnlichen AZuftande. Bon den
beiden Aerzten des Städtchens war
ftet3 einer am Bette ber Kranken;
am jechsten Tage ber Krankheit, als
eine Art Krifis eingetreten zu jein
ſchien, telegraphirte ich an einen ber
512
berühmteften Aerzte der Nefidenz, Pro: | Knaben, und ein Thränenftrom ergoß
feffor N. Diefer langte noch an dem- | fi über ihre Wangen.
jelben Tage ein; ein Confilium wurde Die Wärterin wollte die Kleinen
gehalten und als Refultat desjelben wieder entfernen, allein die Kranke
mir bedeutet, daß ich mich wohl auf
alle Fälle gefaßt machen müſſe.
Profeffor R. reifte wieder ab,
nachdem er der Patientin ein hoff:
nungsreiches unb mir ein troftlofes
Wort zugeflüftert hatte. Ich kam nicht
wehrte fih dagegen, preßte das Mäd—
hen an ihren Mund, den Knaben an
ihr Herz; mit fanfter Gewalt wollte
man ihr fie entreißen, da rief fie
laut: „Ich laß’ fie nicht, ich laß’ fie
nicht von mir! — Jeſus Maria und
vom Bette der Gattin; fie Schlummerte | Joſef!“ Mit diefem Schrei ſank fie
zumeift, nur manchmal flug fie bie
Augen plöglih wie erjchredt auf, |
zurüd auf das Kiffen.
Mir ftürzten um fie zufammen,
blidte hafıig um fi, fah mich dann | fie war regungslos, ihr Auge war
betrübt an, oder that mir wohl auch |ftarr. Die Wärterin wollte ihr einen
ben Gefallen, ein wenig zu lächeln. | Tajchenipiegel an den Mund halten,
Sie fagte mitunter einige Worte, die
ganz deutlih und verftändig waren
und verfiel dann bald wieder in den
Schlummer. Yhre Gefichtsfarbe war
jehr blaß geworben, nur bisweilen
waren glührothe Fleden auf ihre
Wangen, auf ihre Stirne gehaudt.
Der Puls war auf 135 und 140
Schläge in der Minute.
Die Kinder waren vom Kranken:
zimmer abgejondert; die Kranke fragte
mehrmals nad ihnen, ich gab ihr die
beiten Auskünfte über das Wohlbefin-
den der Kleinen, und fo berubigte fie
ſich ſtets.
Am 26. März in der Morgen—
ſtunde war's, als ſie mit größerer
Entſchiedenheit als ſonſt nach den
Kleinen verlangte. Wir ſagten, ſie
ſchliefen noch.
„So weckt ſie auf!“ ſagte ſie mit
faſt heller Stimme, „ich muß ſterben
und will noch einmal meine Kinder
ſehen!“
Mir fuhr das Wort wie ein
Meſſer ins Herz.
Die Wärterin brachte die Kinder
herein.
„O, kommt, ihr lieben, armen
Weſen!“ rief ihnen die Mutter halb
aufgerichtet mit ausgeſtreckten Hän—
den entgegen, „ihr habt keine Mut—
ter, ihr lieben Kinder, ihr lieben
Kinder!“ Sie herzte und küßte den
Knaben, das Mädchen und wieder den
wahrſcheinlich, um die Athemloſigkeit
zu conſtatiren. Ich erinnere mich nur
noch, daß ich derſelben den Spiegel
aus der Hand ſchlug — weiter weiß
ich nicht mehr, was in jener Stunde
vorgegangen iſt. —
| Ms ich wieder erwachte, ſaß ich
‚im Lehnftuhl eines andern Zimmers;
der Doctor ſtand neben mir und aus
meinem entblößten Arm riefelte ein
Blutquell in ein Beden.
Der Aderlaß fol nöthig geweſen
jein. Bald beſann ich mich auf Alles,
was geſchehen war und verlangte
nah dem Ruhebette meiner Frau.
Sie hielten mich zurüd, verfuchten
mich zu tröften und vorzubereiten.
| „Laſſet das,” jagte ich, „ich weiß
'ja, daß fie tobt if. Ich will aud
jegt nicht zu ihr; laſſet mich allein
oder bringt die Kinder zu mir.“
Sie ließen die Kinder herein.
Dieje erzählten mir fogleih mit auf:
gewedten Mienen, daß in meinem
Arbeitszimmer Leute befchäftigt jeien,
eine lange Bank aufzurichten und Die
Wände und die Käften und die ſchö—
nen Inſtrumente mit ſchwarzen Tü—
chern zu verhängen.
Von meinem Arbeitszimmer ging
die Thür direct in den Vorſaal, da—
rum hatten fie dasſelbe zur Aufbah—
rung der Todten gewählt.
Ein paar Freunde fuchten mich
zu einem Spaziergang in den Früb:
513
lingstag zu bewegen. Ich fühlte das | geftellt hatte, dufteten ftarf, die Lichter
Bedürfniß, die Todte zu jehen und | brannten fill — an ber Todten war
an ihrer Bahre zu beten. Eben als feine Veränderung eingetreten; genau
ih eintrat, hatte fie der Todtenbe- ſo, wie geftern, war fie auch heute
ſchauer verlaffen; noch war bie Lein- zu jehen; die Zeichen der Verweſung
wand zurückgeſchlagen von ihrem | hatten fi noch nicht eingeftellt. Ich
Haupte. Ich meinte, fie schlafe, | füßte ihre Stirne, dann fniete ich
ih wollte anfangs nicht glauben, daß |nieder und 309 ihr den Brautring
fie todt jei. Zu balb nur ſah ich die vom Finger. Als das geichehen war,
bläulide Bläffe ihrer Lippen, das | tauchte ich bie falte Hand wieder über
ftarre, gebrochene Auge zwijchen ben ihre Bruft, auf der ein Kruzifir lag
halbgeſchloſſenen Lidern; ich befühlte — dann ging ich davon und mich in
ihre falten, erftarrten, faſt bleifarbi: | das Unvermeidliche fügend, ſuchte ich
gen Hände. — a, fie war dahin. ſo viel Ruhe und Kraft zu gewinnen,
Ich wankte aus dem Zimmer, aus um das Begräbniß anzuorbnen. Sie
dem Haufe, ging hinaus vor die Stabt | hätten e8 auch ohne mi gemadıt.
und wandelte in Hhalbbetäubtem Zu- Auf dem Friedhofe war bereit? das
ftande. Spät gedachte ich meiner Kin- | Grab fertig; der Schreiner zimmerte
der und eilte meiner Wohnung zu. am Sarge; der Singverein hielt Schon
Die Kinder waren bereit zur Ruhe | die Probe der Trauerlieder ab und
gebracht ; fie waren ja jo früh gemedt
worden. Dann waren fie an biefem
Tage auch viel im Freien und im
Haufe jelbft herumgeiprungen und
hatten fi) manden Gegenitandes zum
Spiele bemädtigt, der ihnen jonft
verjagt gewejen war. Sie hatten feine
eigentliche Aufficht, waren fich jelbft
überlaffen, und jo mar biefer Tag
ganz nach ihrem Gejchmade. Zwar
fol das Mädchen dem Brüderchen
wohl einmal den Vorſchlag gemacht
haben, in das ſchwarze Zimmer zu
gehen und bie Mutter zu mweden. Der
Knabe mochte den Vorſchlag auch
ausführen haben wollen, verweilte je:
boh am Mineralienkäfthen, an wel-
hem er das ſchwarze Tuch zurückzog
und die Steinchen auseinanberlegte.
Gerade wollte fih der Kleine auch
an ben eleftriichen Apparat machen,
um Funken zu erzeugen, wie er das
wohl von mir oft gejehen hatte —
als er aus dem Bahrzimmer entfernt
wurde,
Mir hat man das erft jpäter er-
zählt, weil es für den Moment ja
an und für fich nicht wichtig fchien.
Am andern Morgen war mein
eriter Gang wieder zur Bahre. Die
Blumen, die man in das Zimmer
Rofeggers „„Heimgarten‘* 7. Heft.
mehrere Frauen des Stäbtchens janb-
ten Kränze.
Ich kehrte wieder zu meinem Haufe
zurüd. Auf dem Betfchemel vor
der Bahre fniete mander Fremde,
dem e8 wohl im Gefichte zu leſen
war, daß ihn nicht ſowohl WPietät,
ald vielmehr Neugierde hergeführt
hatte. Dann kamen Andere, beteten,
flüfterten oder fuhren fih mit dem
Sadtuh über die Augen, bejprengten
die Leiche mit geweihtem Waffer und
gingen wieder davon. Zuweilen war
gar Niemand zugegen, und aus ber
geöffneten Thür ftarrte das Tobten-
bild in den öden Vorſaal.
Ich ging auch davon. Ich mie
die Menjchen und ging gegen ben
Wald und dorthin, wo der Fluß
über eine Wehr ftürzte. Das Rau:
ſchen des Waſſers that mir wohl. Ich
lag jtundenlang am Ufer, und es fa-
men mir lebensgefährlihe Gedanken.
— Da fielen mir wieder meine ar—
men Kindlein ein, die verlaffen waren
unter fremden Leuten in jenem Haufe,
in welchem die todte Mutter lag.
Ich eilte heimwärts. Ich eilte
über die Treppen zu meiner Wohnung
hinan. Kein Menſch war da; ſelbſt
die Magd war ausgegangen, um ir—
ER)
514
gend etwas zu holen. E3 wären — und ich wäre in die Nacht des Wahn:
date id — wohl auch die Kinder
mit ihr. Ich nahte der offenen Thür,
die zur Bahre führte, und ſah es
bald, da drinnen war Unordnung an—
gerichtet. Von der einen Wand, wo
in den Käjten die phyſikaliſchen Appa—
rate ftanden, war der ſchwarze Tuch:
verjchlag herabgerifjen. Einer der Kä-
ften war geöffnet und die Eleftrifir-
maſchine ftand auf dem Fußboben.
Das Mädchen hocdte dabei und blidte
bejorgt auf jeine Fingerhen. Der
Knabe war zur Leiche emporgeflettert
unb kicherte. Und was ih nun jah,
das ift über alle Beichreibung grauen:
haft. Die Gefichtszüge der Todten
zuckten und verzerrten fi, fie ſchlug
die Augen auf und ihre Lippen beb-
ten wie im Krampfe.
Ich glaube, daß ih im erften
Momente, da ih diefe Erjcheinung
ſah, über die Treppe hinabgeftürzt
bin und nad Hilfe gerufen habe. So—
fort aber fam mir der Gedanke: fie
war fcheintodt, fie ift wieder erwadt.
Ich eilte in das Zimmer zurüd und
hin, um fie zu ſehen. Das Mäd—
hen auf dem Boden hielt die Mafchine
in Bewegung und ich jah, wie von
diefer die Drähte um die Hände ber
Aufgebahrten gewunden waren. Ich
hörte das Aniftern des eleftrifchen
Stromes; der Knabe lachte laut, als
das Antlig und endlih auch das
Haupt der Mutter fih mehr und
mehr bewegte.
Mein Erſtes war, daß ich die
Bahrleuchter umſtürzte, der Aufge—
bahrten das Kruzifir von der Bruft
entfernte; dann riß ich fie empor, fo
daß ihr Haupt an meinen Bufen zu
lehnen kam.
Seht eilten ſchon Leute herbei,
die vor Entjegen aufjchrien, mich für
wahnfinnig hielten, bis fie an der Tobt-
geglaubten die Lebenszeichen jahen.
Mas nun folgte, weiß ich nicht
genau; was in mir vorging, kann
ich nicht erzählen; faft war mir wirt:
ih zu Muthe, alles ſei Blendwerk
I
| finn’3 gefallen.
ALS die Wiedererwachte ſchon in
ihr — oder vielmehr in mein Bett
gebracht war, da man das ihre jchon
zerjtört hatte, brachte mir ein Amts:
bote ein gefaltetes® Stüd Papier. Es
fam aus ber Ganitätsfanzlei. Es
war der Todtenfhein meiner
Gattin.
Die Kinder Hatten ihre ſchein—
todte Mutter durch den eleftrifchen
Strom zum Leben erwedt. Sie wur:
den nun in's Verhör genommen. Un:
beauffihhtigt, wie fie waren, hatten fie
fih in das Bahrzimmer begeben, hat:
ten, unbefümmert um die Leiche, Die
Inſtrumente hervorgeholt, von welchen
fie geftern verfcheucht worden waren,
und gedachten heute beſonders am
eleftrijchen Apparat, der ftet3 ber Ge-
genftand ihrer Wünſche gewejen war,
ihr Müthchen zu kühlen. Sie wußten
das Ding nah dem, mas fie von
mir geſehen haben mochten, trefflich
in den Stand zu ſetzen. Anfangs
mußte das Mädchen die fpringenden
Funfen aushalten, und that e8 jo
lange, bis ihm die Fingerchen ver:
brannt waren, Hierauf belub fich der
Knabe felber fo lange, bis ihm alle
Haare zu Berge ftiegen. Und fchließ-
lih fam den Kindern der Einfall, die
ichlafende Mutter wach zu elektrifiren.
Daß die Schläferin erwachte, fehte
nicht fowohl bie beiden Sinder, als -
vielmehr die ganze Stadt B. und bie
ganze Umgegend in mächtigfte8 Er:
ftaunen.
Noch vor Mitternacht dieſes merf-
würdigiten Tages meines Lebens war
nah vielen entſprechenden Mitteln
und Maßregeln die MWiedererjtandene
zu ihrem volliten Bemwußtfein gefom-
men. Ihre Hände waren wieder weich,
ihr Auge war wieder lebendig und
Har, doch blidte es etwas verwirrt.
Ich hätte ihre mit heiken Freuden—
thränen mögen an die Bruft ſinken
und ihr die Wucht, welche in mei-
515
nem Gemüthe lag, ausſchütten; die | etwas abgemagert, der Ning mühe
Herzte aber bejchworen mich, jede
Aufregung zu vermeiden und es in
allem ganz jo zu halten, wie mit
einem gewöhnlichen Kranken.
Nah Mitternacht verfiel fie in
einen ruhigen Schlaf, aus welchen
fie gegen Morgen wieder ermwachte.
Sie ſuchte mit den Augen mich, wen:
dete fi) ein wenig zu mir und ſagte:
„Mein Freund, jest ift doch alles
gut. Aber das ift ein ſchwerer Traum
geweſen; — den möchte ih nicht ein
zweitesmal träumen!” Und hierauf
erzählte fie, es fei ihr gemejen, als
läge fie auf ber Bahre — viele
Stunden lang. Man habe Anftalten
getroffen, fie zu begraben, man habe
ihon den Sarg in den Borfaal ge:
tragen ; fie habe die Lichter der Bahre
gejehen, habe jedes Geräuſch, jedes
Wort, das in der Nähe geiprochen
wurde, ganz genau gehört, jei aber
nicht im Stande geweien, einen Laut
oder auch nur das mindefte Lebens:
zeichen von fich zu geben. Sie habe
Ihon das gräßliche Geſchick, Tebendig
begraben zu werben, vor Augen ge
habt. Am jchredlichften fei ihr das
berzerfchütternde Meinen ihres Gatten
gewejen, der ihr ſchließlich den Ehe:
ring vom Finger gezogen habe. —
Als fie diejes erzählte, hob fie ihre
Hand gegen dad Auge und jtieß ben
Schrei aus: „Wo ift der Ring?
Mein Gott, wo ift der Ring!”
Wir ſelbſt Alle im tiefften Herzen
erſchüttert, ſuchten fie zu beruhigen,
ihre Hand wäre in ber Krankheit
zufällig vom Finger geglitten jein
und würde fich leicht finden.
„O, nein, nein!“ rief fie, „das
ift fein Traum gewejen! ch bin
auf der Bahre gelegen!” Und fie
verbarg ihr Gefiht mit den Händen
und verfiel in ein jolches Zittern und
Beben, daß ihr ganzer Körper jchüt-
telte und wir fie mit kräftigen Armen
im Bette niederhalten mußten.
Die fürchterlihde Aufregung, in
welder fie weinte, um Hilfe rief, mit
Gewalt von dem Lager wollte und
laut betete, dauerte etwa eine Stunde
lang. Dann trat plögli die Abipan:
nung ein,
Noh an demfelben Tage, faft
genau vierundzwanzig Stunden nad
ihrem Erwachen aus dem Sceintode
ift fie geftorben.
Mieder verjuchten wir den elektri-
ſchen Strom, aber vergebens. Die Ge:
beimniffe der Natur find unerforſch—
lich; ich veranlaßte, daß noch einmal
die Kinder den eleftriihen Strom
fammelten und leiteten — vergebens;
die Schläferin wachte nicht wieder
auf. Wir legten fie nicht mehr auf
die Bahre, wir ließen fie auf dem
Sterbebette ruhen, bis ſich — und
das dauerte nicht lange — die erjten
Symptome der Berweiung einftellten.
Dann war das Begräbniß.
Nicht in jenes Grab ließ ich fie
jenfen, das bejtimmt gewejen war,
die Scheintodte aufzunehmen. Eine
neue Stätte wurde ihr bereitet.
Möge fie im Frieden ruhen!
33*
516
Das Rirdlein im Walde.
Bon Fr. Ridter.
Im Walde einfam fteht Der Altar ift gefallen,
Auf grün bemooftem Stein Das ew'ge Licht ging aus;
Ein Kirdlein, lind ummeht Der Beiten ſcharfe Krallen
Bon Luft und Sonnenfchein. Bernagten das Gotteshaus.
Die Mauern find zerfallen, Und unterm Altarfteine,
Das Glödlein Klingt nit mehr; Da fprießt das Gras hervor,
Die einftens heiligen Hallen Umranft vom wilden Weine
Sind öde, wüft und leer. Sind Fenfter, Mauer, Thor.
Die hohen Kirchenfenſter So haut das ftille Kirchlein
Seh'n düfter in die Runde, Hinab auf's Hügelland,
Manch fchauriger Befpenfter Und aud die weißen Birkflein
Erwähnt die Sagenkunde. Von ihrem hohen Stand. —
Kein Priefter lieft die Metten, In luftig blauer Höhe
Kein Orgelton erfchallt, Da reift ein mächtiger Aar,
Kein Volk ift da, zu beten, Er fchreiet dreimal: „Wehe !
Nur dumpf im Chor es hallt. D großer Ottokar!“
Um Mitternacht erdröhnt Der ritt nad feinem Schloſſe,
Ein Geifter-Chorgefang; Im Höhepunkt der Macht,
Ein Glödlein fhaurig tönt Auf weißem Kriegerroffe
Das Kirhenfhiff entlang, Vorbei einft hier bei Nadıt.
Sein Klang den Prieſter fündet; Da war noch Waldrevier,
Und ringsum düftr’e Lichter, Kein Kirchlein hier noch ftand
Bon Geifterhand entzündet, Als er geruht allhier
Und graufige Geſichter. Und füßen Schlummer fand,
Der Orgel Töne braufen, Ihm träumt, er ſiß' beim Königsmahle,
Der Bottesdienft beginnt, Zum deutfhen Kaifer fhon gekrönt,
Um's Kirchlein Sturmesfaufen, In Aachen's hohem Kaiſerſaale,
Es heult und ächzt der Wind. Von Jauchzen und Muſik umtönt.
— Wenn dann die Stund' zu Ende, Die deutfhen Wählerfürften alle
Der junge Tag ergraut, Umftehen leuchtend ihn im Kranz,
Dann ſchütteln ſich die Hände Der Mundſchenk mit dem Boldpofale
Die Geifter ohne Laut. Bringt beften Wein des deutfhen Land's.
Der ganze Spuf verſchwindet, Der Truchſeß, Kämmerer und Marſchall,
Als wär’ nie was gejheh'n ; Sie find vollzählig heut’ erfdhienen
Den neuen Morgen kündet Beim heutigen großen Feſtesmahl
Der ſcharfen Lüfte Weh'n. Den deutſchen Kaifer zu bedienen. —
Und Alles unverändert, Wonach ſtets Ottofar gezielt,
Steh'n Mauern, Thurm und Baum Wonach gerichtet war fein Streben,
Bon Sonnengold umrändert. — Das flieht im Traume er erfüllt,
Es war wohl nur ein Traum ! Das nimmt Geftalt nun an und Leben.
517
Er ſieht erflommen nun die Höhe,
Der Ehre Gipfel kühn erftiegen ;
Die Stufe höchſter Macht in Nähe,
— Ein wahrhaft fönigliches Siegen!
Zum hohen Dom bei Feftgeläute
Bieht er auf edlem weißen Roß,
Ein großer Feittag ift wohl heute,
Dies meldet ſchon des Königs Troß.
In Bold gefleidet und in Stahl
Wallt er an aller Fürften Spipe
Mit vieler treuer Mannen Zahl,
Zu thronen auf dem Kaiferfipe.
Da gellt ein Mißton wilder Art,
Wie Donnerklang fo furdtbar hart:
Die Gloden fpringen plößlich alle,
Der Thurm, er fällt mit ihrem falle.
Der Dom verfinft und in der Höhe
Kreift drüber hin ein mächt'ger Aar;
Er hebt die Schwingen: „Dreimal Wehe !
Das war Dein Ende, Ottotar !"
&o träumt, von Schweiß bededt,
Er wohl geraume Weile,
Bis daß der Knapp’ ihn mwedt;
Dann rüften fle zur Eile, —
Und Hoffnung, Angft und Sorgen
Hat ihm der Traum gemadıt ;
Noch lang denkt er am Morgen,
Bas er gefhaut bei Nacht.
„Zum ewigen Angebdenten“,
— So ließ er laut verfünden —
„Bedacht mit reich” Geſchenken
Bil id nun hier begründen
Ein Kirchlein ſchlank und hod) ;
Der Mönde Chor foll beten
In fpäten Zeiten noch
Alltäglich hier die Metten.‘
„So wahr ih heiße Ottofar,
Aus dem Gefchleht der Premisliden,
Seit jenem Traum dom deutfhen Aar
Bin feft ich endlich jept entfchieden.
Der „Goldene“, wie fie mich heißen,
Der „Eiferne”, wie man mid nannt',
Der will ich fein, will ohne Gleißen
Mir holen gleich ein Unterpfand,
Will zwingen mir, was fie nicht geben,
Zum Trutz dem Bannfluh, dem Verrathe;
Will felbft zum Kaifer mid; erheben,
Wenn dann befiegt fie fleh'n um Gnade.“
„So ftehe, Kirchlein, ftehe,
Dem Waller zum Gedeih’n,
Gleih mir auf mächtiger Höhe !
Hiemit will ih Di weih'n!“
Manch’ heiße Rampfesftunden
Hat er dann durdgemadht,
Bis dak an vielen Wunden
Er fant in blutiger Schlacht.
— In neblig düft'rer Höhe
Da kreiſt ein mächtiger ar,
Er fchreiet dreimal: „Wehe!
O großer Ottokar!“
Das weite Marchfeld war geröthet,
Das ſchlimme Schickſal war erfüllt
Und Ottokar in's Grab gebettet,
Vom Kriegermantel nur umhüllt.
Das Kirchlein trauernd ſteht
Im Wald auf mooſigem Stein,
Bon Lüften ind ummeht
Im Abendfonnenfdein.
518
Die Alte von der Eiche.
Von Aglaia v. Enderes.
Trümmermwerf, Solcher Anblid genügte,
Jahr um Kahr, um das Volk der
alte Saatfrähe in der alten Eiche, | Krä i i Mie
draußen am Rande des Fichtenwaldes | jollte in all’ dem Neifig, in all’ den
wohne; niemand wußte zu jagen, warn | Moosbüfcheln und dürren Halmen, Die
fie dort zuerft gejehen worden, denn | da unten lagen, über Mein und Dein
die jchwarze Krähe war älter als die entſchieden werben? Zornig faßten fie
Niemand von allen den Leuten *
Dorfe wußte zu ſagen, ſeit wann die
alten Leute vom Dorfe. Dieſe wußten
nur, daß ſie Jahr um Jahr mit jedem
Frühlinge gezogen komme, daß ſie einſt
mit einer anderen Krähe, mit einem
fröhlichen, jungen Genoſſen ihres
Volkes, dort oben in dem Aſtwerk der
Eiche alljährlich ihr ſtattliches Neſt
bewohnt und eine Schaar von kleinen
krächzenden Rabenkindern großgezogen
habe. — Aber dies war nun auch
ſchon Jahre her und nun wohnte ſie
allein dort oben in der knorrigen Baum—
krone und hütete allein ihr einſames
Haus.
Die anderen Saatkrähen hatten
fih in den Fichtenbäumen angefiebelt.
In hellen Haufen kamen fie in den
ersten jchneefreien Tagen bes Februar,
mit dem erjten lachenben Sonnenschein
an, die eifrigen Bauleute, mit Krähen—
haft und nah Krähenart rüttelten und
zerrten und zogen fie, oft zwei, oft
‚drei an ein und bemjelben Zweiglein,
frächzend flog jeder mit jeiner Beute
von dannen und trug fie auf feinen
Fichtenaft. Tagelang ging das jo fort;
unten am Boden, auf der angrenzen:
den Wieſe, in den nächiten Büſchen
wurbe gerungen, mit den Schnäbeln
gehadt, mit den Flügeln gejchlagen,
oben unter ben Fichtenfronen wurde
geftohlen, von einem Neft zum andern
getragen, fortgeholt, was ſich fortholen
ließ und im Entdedungsfalle mit dem
Nachbar gefochten, gekrächzt, gelärmt,
daß der Wald von dem Getümmel
wiederhallte.
Die alte Krähe ſaß indeifen ruhig
in das Thal geflogen und in den dunk- in ihrem ftillen, einfamen Haufe und
len Wald gejauft. Mit fröhlichem Ge— | ordnete darin, was es da nad Schnee
tümmel begrüßten fie Die griufötf Wipfel, und Sturm des Winters zu ordnen
die geheimnißvollen Verftede unter den gab. Zuweilen hielt fie in ihrer Arbeit
Zweigen und das weite Aderland, das inne und horchte nach dem Tumulte
ſich ſüdwärts über die Hügel dehnte.| hinüber. Ginft war auch fie mitten
Mit Gefrächze und Gelärme wurde unter den anderen, einft ftritt auch fie,
die Heimat begrüßt und dann wurde wie ſich's für eine echte, tapfere Saat:
zur Arbeit gejhritten. Gab es da krähe geziemt; — aber das war lange,
zu. Schaffen, zu orbnen, zu ſorgen! 1 lange ber und jegt ſchlug fie fich das
Heimtückiſch, zornmüthig und rückſichts— | Tuftige, wirbelnde Flattern und Lärmen
108 hatte der MWinterfturm in allen) aus dem müden Sinn.
ben Horften und Burgen gehauft, nicht Von dem jungen Volfe fam feiner
ein Neft war unberührt geblieben und herüber, fie zu ftören. Die alte Krähe
überall lag am Boden zu Fühen ber und die alte Eiche gehörten zufammen.
Fichten verwehtes und gebrochenes Das wußten fie, und Niemand hatte
519
ein Recht, an das moofige Reifig und | einfam wie früher. Nun hatte fie die
Bauwerk zu greifen, das dort oben) Jungen auf bie Wiefen, auf die Aeder,
jeit vielen Jahren lag; alte Sparren, | auf das Jagdland binauszuführen ;
altes Fachwerk, ohne weiches Moos, | Niemand von Allen wußte ja jo gut
ohne Flaum und Gräfer, nichts als
ein kahles Gebälfe auf dem fahlen,
fnorrigen, verborrenden Eichenbaum.
„Der Wipfel ift dürr, die Nefte find
morjch, das Herz ift frank an dem alten
Stamm”, dachten wohl die jungen,
fröhlichen, Tebensluftigen Krähen und
ließen ben einfamen Vogel allein auf
feinem einfamen, verfallenden Horfte.
Indeſſen famen wärmere und wär:
mere Tage. Der Streit im Fichten:
walde war zu Enbe und in jedem
Neite lagen vier, auch fünf junge Ra:
benvögel und krächzten und fperrten
die langen Schnäbel auf, während ihre
Eltern in Haft und Eile nach den Fel-
dern und Wiefen hinausflogen und an
Würmern, Käfern und Raupen ein-
trugen, was fih in dem Lande fin:
ben ließ.
Einige Wochen fpäter waren bie
ungen flügge ; in mattſchwarzen, netten
Kleidern ſaßen fie auf dem Neftrande
und jchauten durch das dunkle, grüne
Fichtengezweig in die helle Welt hin-
aus. Jetzt fam die alte Krähe von
dem Eichenbaum zu Beſuch in bie
Fichten geflogen. Sie jeßte fich zu ben
Kindern, die mit ängftlich angezogenen
Schwingen an der Schwelle ihres Hau-
jes ftanden, fie plauderte und knurrte
ihnen Teife vor nach Krähenart, fie
glitt dann ſachte vom Neftrande fort
und wiegte ſich auf den weiten Flügeln
und rief und lodte die Kleinen und
endlich, wenn das jagende Volk ewig
nicht fommen, nicht folgen wollte, ftreifte |
fie mit der Spike ihrer Schwingen
bald recht3, bald links an ber Kleinen
Geſellſchaft vorüber, bis diefe aus dem
Gleichgewicht kam, und, eiligit die Fall-
ſchirme fpannend, halb erſchreckt und
halb erftaunt von dem Fichtenzweige
und dem Nefte fort, auf die Wieſe
hinaus flog.
Bon ſolch' denkwürdiger Stunde
an war bie alte Krähe nicht mehr fo
Beſcheid hier wie fie, Niemand, jelbit
die Eltern nicht, die ja doch auch noch
fo jung waren, wie die alte Krähe bei
fih dadte. Und da ging dann ber
ganze, große, dunkle Flug früh am
Morgen ſchon, vom Walde fort in das
Land hinaus. Wie eine ſchwarze Wolfe
tauchte er aus dem Fichtengewipfel
auf; Hunderte und Hunderte von glän-
zenden Flügeln jchaufelten ſich im
hellen Tageslicht und eine laute, kräch—
zeude Morgenhymne tönte von einem
Ende des weiten Thales zum andern
wieder.
Mitten unter dem Iuftigen Volke
war die alte Krähe; fie jchlug wohl
nicht jo übermüthig die Flügel wie die
andern, fie fonnte auch nicht wie fie
aus voller Bruft ihr Morgenlied fin-
gen, aber fie freute ſich des Bewußt—
ſeins, daß fie mitthue mit ihren lieben
Ihmwarzen Leuten und freute ſich der
Erimmerung an längftvergangene Zeit,
in der fie mit ihren eigenen Kindern
über Buſch und Haide flog.
Dann führte fie die Jungen in
das Aderland hinab ; Scholle an Scholle,
und jede ein Verſteck für die Feinde
der Saat; hier die Höhle des nagen-
den Engerlings, da das Bett der ſchlum—
mernden Larve, dort der Schlupfwinfel
des Negenwurmes, daneben die Thüre
zum Haufe ber Feldmaus, überall
Spuren und Weg und Steg des ver:
berblichen, verwüjtenden, nimmerruhen—
den Gelichters, das Halm um Halm zu
Tode bringt. Wie die Rächer des
Frevels, der fich hier unausgeſetzt voll-
führt, langte die jchwarze Schaar der
Saatfrähen auf dem Felde au. Voran
Ichritt die Alte, ftolz und aufrecht, im
vollen Bewußtſein ihrer Führerichaft.
Purpur und violett jehillerte ihr gläu—
zend ſchwarzes Gefieber, hell Teuchteten
ihre nußbraunen Augen und ftoßbereit
trug fie den langen ſpitzen Schnabel;
ober dieſem hatte fie eine fahle, raube,
520
feberlofe Stelle. In der Jugend war | das find vornehme Leute, die wohnen
das anders; ba hatte fie auch ein; hoch oben unter dem Kirchendach und
„glatte Geficht, wie die anderen Krähen | jchauen weit in das Land hinaus.“
vom Walde, aber das war jet längft | Und zu den Dohlen hielten fich bie
vorbei, und die Arbeit in der Ader- | jungen Krähen, zu den vornehmen Leu—
frume, das Auflefen der Würmer | ten, die vom Kirchthurm herunter famen
und Engerlinge zwiichen ben rauhen,
borftigen Stoppeln hatte die Harte,
rauhe Schwiele in das alte Saatfrähen:
Geſicht gebradht.
Und nun führte fie die Jungen
zur Arbeit. „Hübſch die Schollen um—
gedreht, friſch hineingehadt in die Erbe,
dort das Mäuslein gehajcht, nicht ge-
zögert, wenn es gilt — nicht geraftet
— fort und fort gejucht, geforjcht !
Die kranken Gräfer aus dem Boden
gezogen; ba hodt der nagende Wurm
an der Wurzel; die nadte Schnede
weggeſchafft, die Heuſchrecke gehajcht,
ben Käfer, der vorüber ſurrt — ſchnell,
ſchneller müßt ihr fein, ihr Kleinen,
täppifchen Leute, wollt ihr dem Saat:
frähenvolfe Ehre machen.” — So be:
deutete wohl die alte Krähe den Jun:
gen, wenn fie vor ihnen herichritt, in
dem Boben wühlte und manches Würm-
lein vor die Füße der Fleinen Schaar
hinwarf, die begierig darnach haſchte.
Am Abend flogen fie heim, die
ungen ben Fichten zu, die alte Krähe
nad) ber Eiche hin. Glorreich ftand
der mächtige Baum mit feiner zadigen,
laubleeren Krone im glühenden Strahl
ber finfenden Abendſonne, die auf das
morſche Gebälfe des Krähenhorftes nie-
berleuchtete und auf die breiten Schwin-
gen des Vogels, der langjam von Aft
zu Aft jchlüpfte und fih in feinem
einfamen Hauſe zurecht machte.
Die Jungen wurden fühner und
flogen nad und nad) von den Wieſen
und Feldern am Walde über das Dorf
bin und nad ben jenfeitigen Hügeln.
„Haltet hübſch zufammen und bebentt,
daß ihr Saatkrähen ſeid“, lehrte Die
Alte. „Mit Raben: und Nebelträhen
pflegt nicht Gemeinschaft ; die find zorn-
müthig und zankſüchtig und behaupten
das Recht der Stärkeren unferem Volke
gegenüber. Zu ben Dohlen haltet euch,
und wieder zum Kirchthurm hinaufflo:
gen und mit denen es fich bis unter
die Wolken ſchweben ließ.
„Morgen gibt es Wind“, fagten
die Leute vom Dorfe, wenn fie bas
ſchwarze Volk hoch oben kreiſen jahen.
„Bald geht e8 an das Wandern“,
dachte die alte Krähe, wenn fie von
ihrem Horfte nah den Wolfen und
nad) den jchwebenden Vögeln jpähte,
und dann breitete fie fehnfüchtig die
Flügel aus. Aber die trugen nur
über die nächften Bäume und über
die Gärten des Dorfes hin, und bort
jaß die Krähe auf einem Baunpfable
nieber und jah den Iuftigen, lachenden
Menſchenkindern zu, die in der Dorf:
gafje jpielten.
„Gegen Süden geht euer Weg“,
bebeutete die alte Krähe den heimkeh—
renden Fliegern. „Jmmer dem Süden
zu. Viele, viele werben fich zu euch
gejellen, die Dohlen vom Kirchthurm,
die Saatkrähen vom nächften Walde,
und vom nächften und fo fort; zu Tau-
jenden werdet ihr über Länder und
Meere jchweben, ein ftolzes, fröhliches,
glückliches Volk. Staunend werben die
Menſchen nach euch ſchauen, bie jun-
gen und bie alten. Seid vorfidhtig und
Hug; nahe an der Erbe zieht jchwei-
gend Hin, hoch oben unter den Wolken
mögt ihr jauchzen und rufen; das ift
jo alte, gute Saatfrähenfitte.”
Die Tage wurden kürzer, die Nächte
länger und falt. Der Norbwind jagte
in das Land herein und fegte bie Nebel-
wolfen das Thal entlang. Vom Kirch:
thurm flogen die Dohlen auf und vom
Fichtenwalde her bie Krähen; mit
Saujen und Gebraufe begegneten fie
fi über den Häufern des Dorfes und
machten ſich zur Flugorbnung zurecht
und riefen ihren Abſchiedsruf in das
Thal binab. Höher, immer höher
521
ftiegen die ſchwarzen Gefellen, balb ihr vom Wandern vor unb bebeutete
flogen fie vorwärts, bald fehrten ſie ihr, daß fie um ihretwillen noch ein:
frächzend und lärmend um und ſchwenk- mal umgekehrt auf der luftigen Reife,
ten im Kreife, bald jchoffen fie eilend
weiter auf ber Iuftigen Bahn, bie
Hügel entlang, an dem Walde vor:
über, immer weiter und weiter, immer
höher, bis ihre Stimmen immer leijer
wurben, ihre Flügel immer unficht-
barer und ber ganze Zug in ben fin-
fenden Nebelwolfen verſchwand.
Auf dem Gipfel der Eiche aber
jtand die alte Krähe und jpähte den
Ziehenden nad. Sehnſüchtig hob und
dehnte fie die Flügel und neigte fich
hinaus in die Luft. Wollten fie denn
dieſe Schwingen nicht meiter tragen,
nicht vom Norden fort, nie mehr dem
warmen Süden zu? Sollte fie allein,
vergeilen, verloren, einfam fterben,
fie, die Mutter eines ganzen ungezähl:
ten Saatkrähenvolkes — fie allein?
Da rauſchte es und braufte es ober
ihr in den Lüften, und eine ganze
Wolke von Schwarzen Flügeln zertheilte
ben Nebel und ein lautes, lärmendes,
fröhliches Gekrächze ging los. Eine
ganze unabjehbare ſchwarze Schaar
umkreiſte und umflatterte die alte Eiche
und umbrängte bie Krähe und jauchzte
denn: „Eine Saatkrähe verläßt die
andere nicht!“ Da kam Muth und
Freubigfeit in das alte müde Herz
und beglüdende Erinnerung, und bie
gab den matten Flügeln Kraft und
hinauf ging e8 nun mit ber jubeln:
den Schaar in dieLüfte, dem Süden zu.
„Was doch die Krähen heute für
ein Gelärme vollführen”, fagten bie
Leute vom Dorfe und fahen nad) dem
Fichtenwalde hinüber.
Am nächften Morgen aber war
e3 dort ftille; die Krähen waren fort.
— Und ftille blieb es bis zum nächften
Frühling, wo die alte, Iuftige, kräch—
zende Wirthichaft begann und wo alles
wieder jo war wie die vielen, vielen
Sahre her. Nur die Eiche ftand nicht
mehr auf ihrem Plate, die hatte ber
Sturm einer Winternacht nieberge-
brochen, und die alte Krähe fam nicht
mehr, um ihren Horft in dem morfchen
Geäfte aufzufuchen, die hatte tief un:
ten im blühenden Süben das tapfere
Herz und bie müben Schwingen für
immer zur Ruhe gebradit.
Im Traum hab’ id; gefehen —
Im Traum hab’ ich gefehen
Mein Kind, mein liebes Kind,
Das mir im Alter geftorben,
Wo Kinder am liebften find.
Mit Augen hab’ ichs verfchlungen,
Inbrünftig and Herz gedrüdt,
Bin nicht zu Athem gelommen,
So war ih hochbeglückt.
-
Sein Stimmdhen hört’ ich wieder,
Mie hell bat es gelacht,
Ich zitterte, halb des Traumes
Bewußt und bin erwacht.
Noch fpür ih mir im Antlik
Sein Händchen und feinen Kuß ;
Noch immer bin ich glüdlich,
Wenn ich aud weinen muß.
Fudwig Eichrodt.
522
Im Hauſe der Schatten.
Ein Gang durd die Irrenanftalt Feldhof bei Graz.
Bon P. R. Rofegger.
bald darauf Frühftüd. Mittagsmahl
heit mit deinem Schikjal zu juchen um 12 Uhr, Abendeſſen um 6 Uhr;
— bei den Elenden fannft du fie fin: | Schlafengehen um neun Uhr. Tags
den. Bei ben Gefangenen wirft bu beine | über eine zweckmäßige Beichäftigung.
Freiheit, bei den Kranken beine Ge: | An Sonn: und Feiertagen Gottesbienft
junbheit, bei den Armen deinen Reich: |in der Kapelle. Bei günftiger Witte:
thum, bei den Srren das Licht deines | rung Spaziergänge im Park und in
Geiftes inne werben. Belanntlich find | der Umgebung. Eine gütige und lieb:
Wenn du ausgehit, um Zufrieden⸗
es die Narren, welche Andere geſcheidt reiche Behandlung.
machen.
Jeder Angeſtellte
hat dahin zu fireben, daß der Kranke
Der Befuh im Srrenhaufe ift | feine unglückliche Lage möglichft wenig
beſonders lohnend, denn da tritt ung
das Elend oft ſogar lachend entgegen:
Wenn ſchon wir Kranke heiter find, um
wie mehr magft bu Geſunder es fein!
Indeß waren es nicht berlei mo:
raliſche Gründe, welche mich zum Be
juhe der Srrenanftalt veranlaßten.
Mir war darum zu thun, die Anftalt
Feldhof und ihre Bewohner im Al:
gemeinen fernen zu lernen.
Der Februarmorgen war trübe
und froftig und gerade recht bazu.
Ich und ein Gefährte wanderten bem
Feldhofe zu und ließen ums in der
Srrenanftalt melden. Der Director
der Anftalt jelber bot ſich in freund:
liher Weiſe uns zum Führer an.
Die Anftalt ift 1870—1872 mit
einem SKoftenaufmand von 550.000
Gulden erbaut worden. Sie fteht auf
freier Ebene zwifchen Gärten und Fel—
dern und bietet nad allen Richtungen
bin ein herrliches Panorama. Sie
befteht aus fieben jelbftftänbigen Ge:
bäuben: ber Gentralanftalt, der Män-
nercolonie, ber SFrauencolonie, ber
Meierei, dem Penfionat, der Kapelle
und dem Leichenhaus.
Aus der Hausorbnung für bie
Kranken: Aufftehzeit nach ſechs Uhr,
empfinde. Höflichkeit und Anſtand ift
wie gegen Gejunde zu bewahren. Der
Wahn der Kranken ift möglichft un:
berührt zu laffen. Um auf die Kran—
fen erheiternd und beruhigend zu wir:
fen, ſowie als Belohnung für ihre
‚Arbeiten werben ihnen Erfriihungen,
fleine Gejchente, Tabakrauchen und
Schnupfen, Spiele und Feſtlichkeiten
geftattet. — Beichränkungsmittel, als
Iſolirung, Bettgurten, Zwangsjacke
kommen nur in ſeltenen Fällen zur
Anwendung. Als ärztliches Beruhi—
gungsmittel iſt Morphin im Gebrauch.
So viel war uns einleitend mit—
getheilt worden, dann begann die Wan—
derung.
Zuerſt durchſchritten wir die Wirth—
ſchaftsräume, die Vorrathskammern,
die Küche, die Badezimmer, die Waſch—
ſtuben u. ſ. w. Das iſt ein Staat im
Kleinen, aber ein Staat, wie ihn
die Communiſten denken — ein Staat
mit Gütergemeinſchaft. In der Küche
fanden ſich noch lauter vernünftige
Leute, aber in den Waſchkammern
knixte uns ſchon manches Weibchen
anders zu, als es ſonſt Fremden ge—
genüber Sitte ſein mag — ſchämig
und ſchüchtern, ſchelmiſch und ſchalk—
523
haft — faſt jo kokett, wie unter den
geicheidten Leuten hübſche Wäfcherinnen
ſich geben.
Dann kamen wir (uns zuerjt gegen
die weibliche Abtheilung jchlagend) in
bie langen Säle. Die haben auf der
einen Seite ihre Fenſter und auf ber
diejer gegenüber liegenden die Zellen:
reihe. In diejen büfteren Zellen, wo—
von jede durch ein Hofjeitiges, dicht
verglaftes, engvergittertes, ſehr hoch:
liegendes Fenſter matt beleuchtet wird,
befinden ſich die einzelnen Lagerftätten.
Die Wände find kahl, die meiften
Kammern ohne alle Einrichtung, ohne
Schrank, Tiſch, Dfen. Luftheizung be
jorgt die erforderliche Temperatur. Die
engen Thüren, welche dieje Zellen von
dem gemeinjchaftlichen Saal abjchließen,
haben Gudlöcher zum Zwecke der Ueber:
wachung.
Wir kamen in einen Saal, da
waren Nähterinnen thätig. Sie ſaßen
an langen Tiſchen oder gingen mit
ihrem Arbeitszeug umher. Bei man—
chen war es ein zweckloſes Nähen, denn
entweder es hatte der Faden keinen
Knopf und rutſchte immer leer aus,
oder es wurde die Arbeit wieder auf—
getrennt — es war bei den Meiſten,
wie ein Spiel der Kinder. Andere
zupften Charpie oder hatten ein Strick—
zeug oder beſchäftigten ſich auf irgend
eine andere Weiſe. Nur Wenige ſaßen
bewegungslos da und ſtarrten vor ſich
hin oder waren erſchrocken über unſer
Erſcheinen. Mehrere eilten zu uns her:
an, um ihr Leid zu Hagen und um
Erlöfung aus dieſem Haufe zu bitten.
Sie fühlten fih unjhuldig an dem
Verbrechen, das man ihnen zur Laft
legte und deswegen fie eingejpertt wor:
ben waren. Das Verbrechen heißt
Irrſinn.
Eine Engländerin — früher Sprach—
lehrerin bei mehreren angejehenen Fa—
milien in der Stadt — ftellte uns in
gebrochenem Deutſch vor, daß weder
in England noch in Defterreich ein
Menſchen, ja unter lauter Narren ges
fangen gehalten werben könne; fie jei
eine freie Bürgerin Englands und pro:
teftire feierlichft gegen jegliche Gewalt.
Eine andere Dame trat uns würdevoll
an; unfer Führer betitelte fie mit
„Majeftät”; — es war bie Kaijerin
von Defterreich.
Eine Polin beſchwor meinen Be:
gleiter mit weinenden Augen und ge:
rungenen Händen um Gerechtigkeit
und Rettung. Aus Lemberg habe fie
ihr Vermögen in Baargeld zu befom:
men, dasjelbe befinde fich auch bereits
auf der Poſt, nur wolle man es ihr
nicht verabfolgen, und darum werde
fie im Narrenhaufe gefangen gehalten,
wo fie, noch dazu eine Frau von Diftinc-
tion, vor allerlei Nachftellungen nicht
fiher fei. Da müffe man freilich wahn:
finnig werben, aber noch hoffe fie auf
einen Funken Gerechtigkeitsſinn ...
Mein Gefährte konnte nicht eher von
ihr los kommen, al3 bis er verjprochen
hatte, fein Möglichftes in der Sache
zu thun, worauf fie hocherfreut fich
taufendmal bedantte.
Dort in der Fenſterniſche kauert
ein Weib, das räth uns gütig, fie
nicht zu beobachten, außer von Draußen
herein, fie fönne nur durch das Fenfter
angeſchaut werben. Eine Andere be:
grüßt uns al3 Sparfafjebeamte, nennt
den amnmefenden Arzt zärtlih ihren
Haderlumpen, während fie den fie
grüßenden Director mit geringſchätzi—
ger Miene von ſich ſchupft. Der Vor:
ftand ift gar manchem ein Dorn im
Auge, fo freundlih er die Patienten
behandelt — fie betrachten ihn eben
als ihren Kerkermeiiter.
Berjolgungswahn und Größenwahn
heißen die zwei Dämone unferer Zeit ;
Taujende von Seelen find davon be-
jeflen und im Irrenhauſe finden wir
ihre draftifchen Typen.
Aber auch die Xiebe, die Eiferſucht,
der Mammon find thätige Lieferanten
des Irrenhauſes. Auf dem Bänklein
Geſetz beitehe, nach welchem fie in dies | dort figt eine blaſſe Jungfrau, blau-
jem Haufe, unter fo niedrigen, franten |äugig und blondlodig wie das Gret—
524
hen; fie feufzt nach ihrem Heinrich;
aber wir in unjerem poetiſchen Wahn-
finne jagen, ihren Fauft bat in Ge:
ftalt eines reihen Bräutchens der Teu-
fel geholt.
Am gräßlichften offenbart fich ber
religiöfe Wahn, denn fein Urbild ift
bie Hölle.
Wir meinen nicht jenes Mädchen,
das im finfterften Winkel feiner Belle
auf dem Boden Fauert, mit den Hän-
ben das Geſicht bebedt, ftundenlang
regungslos, wie verfteinert. Es will
nichts von ber Welt, nicht einen Hauch
friiher Luft, nicht einen einzigen Strahl
der Sonne mehr — bie verkörperte
Abtöbtung, der ewigen Seligfeit willen.
Mir meinen nicht den Verklärten, der
dort am offenen Fenfter niet und mit
gefalteten Händen beweglos hinaus:
ftarrt in das trübe Licht des Winter:
tage3 oder in das ſonnige Himmelsblau
bes Frühlingsmorgend, im Auge bie
Begeifterung, in den Gliedern das
Vibriren der Gottesfehnfudht... . . .
Das ift ber Glüdlichften Einer von
allen, die das Irrenhaus einſchließt,
der Glücklichſten Einer von allen, die
auf dieſem Planeten wohnen. Wenn
ich von der Gräßlichkeit des religiöſen
Wahnes ſpreche, ſo denke ich an jenen
roßen Saal, der ſo freundlich gegen
Den der Anftalt liegt, den die Mor-
genfonne lieblich erhellt, von dem ich
aber trogdem nur Ein würdiges Ne:
benbild kenne: Dante's Hölle,
Das ift der Saal der rafenben
Weiber.
Schon von weiten hört man das
Gefchrei. Wir treten ein und im erften | b
Augenblid verwirrt und ber Lärm,
der Anblid die Sinne. Ein paar
Dugend Furien find Iosgelaffen aus
ihren Zellen. Sie wüthen nicht alle
auf einmal; mandmal ift Eine ganz
rubig und beobachtet die Andere und
ſcheint fi in dem Augenblide ben
übrigen finnlo8 Lärmenden überlegen
zu fühlen, ftimmt aber balb mieber
ein in das Gehenle.
Dort und ba fauert in einem
Sade ſteckend manch apathijches We—
ſen, theilnahmslos für Alles ſtiert
oder ſchlummert ſie hin, umtanzt vom
wilden Hexenſabbath.
Wild fahren ſie durch einander
und im Saale hin und her, ringen
die Hände, reißen ſich die Haare aus,
ſofern fie nicht durch dicke Lederfäuſt—
linge daran verhindert werden. Als
wir eintraten, ſchoſſen Mehrere auf
uns zu.
„Jeſus, Maria und Joſef!“ kreiſchte
eines der Weiber, welches ſo häßliche
und vor Angſt und Verzweiflung ver:
zerrte Züge hatte, daß daran bie Um—
riffe des Ebenbildes Gottes faum mehr
zu erkennen waren, „aus ift’3! aus
iſt's! Judenburg ift hin, ganz Juden⸗
burg! Der Herodes ift da, der bringt
die Chriftenfinder alle um! Lauter
Chriftenblut auf der Mur, o bu armes
Knittelfeld I”
Bon diefem elegifchen Sammer ging
es in rafende Wuth über: „Bift ſchon
wieder da, bu Teufel, kohlſchwarzer
Teufel mit deinen glühenben Hörnern!
— Mid will er haben! Kommt mir
zu Hilf, Leut’, treibt den Teufel aus,
ih bin beſeſſen!“
Ihre Finger bohrt fie ſich ſelbſt
in das Fleiſch und ihre Worte gehen
in ein ſchrilles Heulen über, bis man
keines davon mehr verſteht.
Eine Andere hockt auf ihrem La—
ger, ftredt die Arme aus und ruft:
„Steiermarf, o Steiermarf! Du bift
ein ſchönes Land! Du bift mein grau:
james Verberben !” und wirft ſich nach
rückwärts auf das Bett und verbreht
ie Augen, wie in einem Anfall von
Epilepfie.
Eine Andere wälzt fih auf bem
Boden herum und jchreit, wie doch
das hölliſche Feuer jo heiß! Eine An-
dere ift bie Braut bes linken Schä-
chers und läftert Himmel und Erbe
und wo fie ihr rhetorifches Vermögen
nicht augreichbar glaubt, um genugjam
zu jchmähen, dort nimmt fie ihre Ge-
berbenfpradhe zu Hilfe — ba wende
—
ten wir uns raſch zur Seite. — Aber
nun ſahen wir, daß wir von Furien
umringt waren und unſer Führer ſelbſt
hielt es hoch an der Zeit, uns aus
dem Saale zu machen.
Ich war ſchon betäubt und ſehnte
mich ins Freie, allein der Director
führte uns in die andere Abtheilung,
tröſtend, daß es bei den Männern weit
— hergehe als in den Frauen⸗
fälen.
Und wahrhaftig, der Unterjchied
ifterftaunlich groß. In mandem Saale
der Männer herrjcht eine gewiſſe Be—
haglichkeit und Gemüthlichfeit. Da
gibt’3 auch tüchtige Arbeiter und große
lichte Werkftätten find voll von emfi-
gen Handwerkern. Gute Mufilanten
gibt’3 darunter und ſeltſame Inſtru—
mente find da von der hölzernen Mund:
barmonifa bis zum Stiefelfnecht hinauf,
der zu einer Geige umgeftalt:t worben.
Ein junger Schuftergefelle bat den Vor:
fand recht angelegentlih um bie Er:
laubniß, Klarinett blajen gehen zu bür-
fen; als ihm dieſes nicht verftattet
wurde, kam eine große Thräne in
jeine Augen und als ihm dann doch
Hoffnung gegeben wurde, war ein Him⸗
mel von Glücjeligkeit auf jeinem Ant:
lige zu jehen. — Die Muſik ift ein
Gegenftand, der unter dem Landvolke
viele Narren macht, bejonders in Ober-
fteier find mufifaliihe Narren nichts
Seltened. Sogar Compofiteure! Ein
Schneidergeſelle ift mir befannt, ber
weiß von nichts, als in feiner Art von
Muſik zu ſprechen; ift jonft Niemand
da, jo jpricht er darüber mit ſich allein
und an jedem Abend nimmt er feine
Ziehharmonika zur Hand und macht Zus
kunftsmuſik bis in die fpäte Nacht hinein.
Schwunghaft wird im Srrenhaufe
die Fabrikation von Zündhölzchenſchäch⸗
telchen betrieben. Sie, die Umnachte:
ten, arbeiten für unfer Licht ! Sie ſchmau—
hen dabei behaglich ihre Pfeifchen.
Aber auch eine commerzielle Seite hat
das Bölflein. Da huſcht ein Feiner
ſchwarzbärtiger Jude herum, der ſchließt
allerlei Geſchäfte ab.
„Nu,“ ſagte ber Führer zu bie-
ſem, „wie gehts, lieber Freund ? Woll-
ten Sie mir ein Pferb verjchaffen ?“
„Barum denn nicht?“ entgegnete
der Mann interefirt, „aber weshalb
nur eins? Mit zweien fährt ſich's beſſer.“
„Das zweite befige ich ſchon.“
„Ab jo. Na, ich weiß einen präch—
tigen Schimmel, Herr.“
„Wie theuer ?*
„Fünfzehnhundert Millionen.“
„Ei, das finde ih wohl etwas
viel.“
„Aber Sie kriegen einen Gifen-
Ihimmel, der jprechen kann!“
„Zweihundert Gulden biete ich!“
Da hob der Jude fchon bie Hand
zum Einhlagen: „Dreihundert!“
„Topp
Ein J gemüthlich dreinguckender
Greis freute ſich, uns mittheilen zu
können, daß er der Großonkel des
Königs von Baiern jei. Ein anderes
altes Männlein mit Adlernaſe und
grauendem Vollbart war ber Prinz
von Salerno. Momentan vergaß er
faft auf feine Würde und ftellte fich
den Anderen gleich; als ihn aber un=
jer Führer daran erinnerte, warf er
fih gewaltig in die Bruft, ertheilte
ung kurze Aubienz und entließ uns
mit einer leichten Hanbbewegung unb
einem gnäbigen: „Grüß Sie Gott!“
In einem andern Saal fanden
wir einen jungen Mann eifrig mit
Schreiben beſchäftigt. Er war Schrift:
fteller und zeigte auf unjer Verlangen
mehrere Manuffripte. Ein Roman —
die Sprache war gewählt, die Gedan—
fen waren logiſch, die Handlung ließ
fih fehr jpannend an, Der Schrift:
fteller freute ih an dem wahrhaft
aufrichtigen Lobe, das wir ihm zollten
und er nidte dankend mit bem Haupte.
Vor ihm lag ein offenes gebrudtes
Bud; wir fragten, ob er daraus ftu-
dire. Ja, meinte er, aus dieſem Buche
jchreibe er eben feine Erzählungen ab.
„Daß er's geſteht,“ jagte mein
Gefährte, „das iſt an dem bie Narr:
beit.“
526
Dort ſteht ein jchlichter, achtzig:|
Auf feine Frage, was es Neues
jähriger Greis, mit treuherzigen Augen | gebe, theilte ihm unjer Führer mit,
blidt er uns an. Den haben die Wei: daß bie Wirren in der Türkei immer
ber zum Narren gemacht noch in fo
jpäten Tagen. Sie verfolgen ihn, jebe
will ihn haben. Er wußte ihnen nicht
mehr zu entlommen, und fo fei er
(nach eigener Ausfage) in's Irrenhaus
geflohen. — Dabei glättet er forg-
fältig feine grauen Haare und qudt
verftohlen in feinen Taſchenſpiegel.
Plöglih, ald wir jo durch die
Säle jchritten, bemerkte ih, wie Einer
mit feinem Tafchentuche meinen Rod-
ärmel abwiſchte. Ich müſſe, meinte er,
unverjehend an die Mauer geitreift
jein. Hierauf ſah er mir und meinem
noch nicht beendet wären und daß auch
der neue Sultan Spuren von Irrſinn
zeige.
„Oho!“ rief der Irre und machte
eine Miene des Bedauerns.
„Bielleiht wären Sie
Sultan zu werden?“
„Warum denn nicht? Ich würde
die Türkei mit Ungarn und Defterreich
vereinigen und mit einer ſolchen Macht
* ſich ſchon gegen die Ruſſen zie—
en.“
Man möchte eine ſolche Entſchie—
denheit und Klarheit in den politiſchen
geneigt,
Begleiter in's Geſicht, verwunderte ſich Ideen nur auch den europäiſchen Ca—
und ſagte: „Ja, die Herren muß
ich kennen! — Das iſt der Dichter
Hamerling. — Und dieſer Herr? Jetzt
iſt mir nur im Augenblick der Name
entfallen; ei, das iſt ja unſer guter
— mein lieber Landsmann Roſegger!“
Jetzt war das Verwundern unjer:
ſeits.
„Ei freilich,“ ſagte er, „ich kenne
die Herren nach der Photographie.“
Der Mann mochte fünfundvierzig
Jahre zählen, hatte einen halb bäuer—
lichen Anzug, einen hübſchen Vollbart
und ein recht intelligentes Geſicht. Im
Raabthale war er daheim. Wir wur—
den näher mit ihm bekannt und er er—
zählte uns von ſeinen beiden Frauen.
„Aber das Geſetz geſtattet ja zwei
Frauen nicht!“ wendeten wir ein.
„Ei,“ meinte er, „der Kaiſer ſelber
befigt mehrere Frauen, nur heißen fie
Hofdamen. Und was foll ih denn
machen?” meinte er, „wenn ich Un-
garn und Steiermark regieren muß,
fo brauche ich auch zwei Frauen, eine
für Steiermark und die Andere für
Ungarn. Ich will überhaupt die Hälfte
bes Ungarlandes mit deutihen Män—
nern bevölfern, denn bie Ungarn find
faule Leute, Liegen halbnackt auf ihren
Puften herum und man fieht ja an
ben vielen Haiden und Sümpfen, was
das für ein verwahrlofte® Land ift.“
bineten wünfchen.
„Sagen Sie mir, Lieber, in wel:
hem Jahre waren Sie in Egypten?“
fragte der Führer den Mann.
Da legte er feinen finger auf die
Stirne und jann: „Das war im Jahre
Vierundvierzig — nein, doch nicht, —
Neunundvierzig, Fünfzig, im Jahre
Einundfünfzig war es, als ich mit
Pio Nono Egypten bereift habe.”
„Was Taufend, Sie find mit Pio
Nono befannt ?”
„Er ift ja mein Bater”, verſetzte
der Raabthaler leife.
„Aber Sie haben doch erzählt, daß
Ihr Vater im Naabthal lebte?“
Da trat er einen Schritt näher
zu und und flüfterte: „Ich habe zwei
Bäter und eine Mutter. Meine Mut-
ter foll eine jehr hübjche Frau geme-
jen fein; mein Vater, heißt das, ber
Ziehvater, ift mit ihr einmal nach Rom
gegangen“ — und alles Weitere hat
er in ganz logiihem Zufammenhange
erzählt, hat mit großer Ruhe und Ge
wandtheit bie Widerſprüche ausgegli-
hen, in bie er mitunter verwidelt war
und wir famen barüber in’s Reine,
daß der Mann fein Lebtag her ein
ercellenter Fabelhans gemwejen ſein
mußte und daß er ſich ficherlih auch
unter ben Narren recht gut unterhalte,
infofern er fein Bublitum findet. Sein
527
Letztes an ung war bie Bitte um einen
Ausflug in die Stabt.
Unſer Führer theilte mit, daß ber
intereffante, Fräftig ausfehende Mann
an Gehirnerweihung leide und mur
mehr kurze Zeit zu leben habe.
Und zwiſchen ſolch emfig gefchäfti-
gen, gejelligen Naturen wandeln und
huſchen melancholiſche, finftere, unheim:
liche Geftalten, die mit Hab hinbliden
auf jedes Lächeln der fremben Be:
jucher, welche ihr Leben in freier Welt
genießen können unb die vielleicht nur
gefommen find, um aus Neugierde bag
namenlofe Elend der Mitmenfchen zu
ſchauen.
Und wahrhaftig, ich wollte einmal
auch ſolche Narren ſehen, die man ein:
geiperrt hält, wähnend, daß fie unter
ihres Gleichen wieder vernünftig wer:
den wiürben.
Das außerhalb des Hauptgebäubes
liegende Benfionat ift für „Leute von
Stand“, bietet Hübjche ſeparate Woh—
nungen, Babelammern, Speijefäle ıc.
unb erinnert in feinen Einrichtungen
an das Hotel eines Eurortes.
Nahezu drei Stunden hatte die
Befihtigung der großartigen Anftalt
gedauert und noch hatten wir nicht
Alles gejehen. Da übrigens der An:
blid der Unglüdlichen jelbft, beſonders
der Tobjüchtigen, ein überaus trauri-
ger, ja peinliher und das Gemüth
erſchütternder ift, jo bleibt der Beſuch
einer ſolchen Anftalt eine jehr ermü—⸗
dende und mur für ftarfe männliche
Nerven geeignete Aufgabe. Die weib:
lie Neugier jollte von biefen Räu—
men jo gut wie von Gerichtöverhand:
lungen, Hinrichtungen u. dgl. ausge:
ichloffen fein. Zu empfehlen wäre ber
Beſuch vielleiht nur den Nerzten und
etwa den Dichtern und Malern. Leb:
tere könnten bier die Leidenfchaften
ftubiren unb eine Galerie von Cha:
takterföpfen fi Holen. Auch das
fommt in Betradt, daß ein blofes
Durdeilen der Säle ohne Nugen wäre
und die Kranken meift durch entgegen:
fommende Fragen eines Kundigen auf
die Aeußerung ihrer firen Ideen u.
j. w. gebradht werden müffen, jo daß
die Befichtigung mit Zeitverluft und
einer großen Bemühung des Füh—
rers verbunden ift, welche nicht oft
in Anſpruch genommen werben kann.
So vorzüglich die Anftalt organifirt
zu jein und verwaltet zu werben jcheint,
jo gelingt ihr die Heilung doch nur etwa
bei 17 Perzent ihrer Kranken. Früher
bat man Narrenthürme gehabt, deren
Namen Schon darauf hinweift, daß man
in biefelben die Unglücklichen nur warf,
um fie unfhädlih zu madhen! Die
Heilanftalten der Irren find eben eine
noch zu neue Einrichtung, als daß fie
fih jchon tief genug in das Vertrauen
der Bevölkerung eingebürgert hätten.
So kommt es, daß meift nur unheil⸗
bare Kranke in die Anftalt geſchickt
werben und jo fommt es wieder, daß
diefelbe jo Wenige dem Leben mieber
zurüdzugeben vermag.
An demfelben Morgen, an welchem
wir erjchütterten Gemüthes das Haus
der Schatten durchzogen, lag in ber
Tobtenfammer der Anftalt unter ber
ftillglimmenden Ampel ein Erlöfter,
der jahrelang mit jeinen finfteren Dä-
monen rang unb ben bie legte Nacht
endlich eingeführt hatte zum ewigen
Lichte.
528
Aus der Weinflube.
Bon Hieronymus Form.
Als Student der Medicin wohnte | büftern Schatten über das Gemüth,
ih in Wien in der Alfervorfiabt und
für mein Leben hat mir biefer Bezirk,
wie er damals beichaffen war, ein
geheimes Grauen eingeprägt. Freilich
hätte ih gleich anfangs erkennen
müſſen, daß gerabe bie Fähigkeit, von
ber äußeren Bejchaffenheit der alltäg-
lihften Dinge und Vorgänge jo
mächtig nachwirkende und über meinen
ganzen Lebensgeift entſcheidende Stim-
mungen zu empfangen, mich nicht für
eine Kunft tauglich mache, die, wie
die Heiltunft, das Schredlichjte und
das Widerwärtigſte mit Gelafjenheit
zu behandeln und zu bemältigen hat.
Wodurch aber gerade dieje Wiener
Vorftabt jo grauhaften Eindrud auf
mich übte, ift Jedem leicht erklärlich,
ber fie fennt. In ihr drängen fi
die an ſich jo herrlichen Inſtitute zu—
jammen, welche aufopfernde Menfchen:
liebe dazu beftimmt bat, ben bem
Eulturleben geopferten Eriftenzen, dem
Menjchenelend in feinen mannigfachen
Geftalten eine helfende oder rächenbe
Ausgleihung zu fein. Hier hat jeber
Sammer fein beſonderes Haus. Da
gibt es ein Strafhaus, ein Gebär:
haus, ein Findbelhaus, ein Sranfen-
haus und ein Narrenhaus. Was thut's,
daß alle diefe Stätten der Traurig:
feit, mit ben Augen ibealer Betrach:
tung angejehen, das Herz freudig
erheben jollen, weil fie Zeugen
und Zeugniffe find, daß die Humani-
tät ben tüdifchen Dämonen, welche
unaufhörlid aus dem Schoß der
Natur und des Schickſals hervorbre-
hen, mit fiegreiher Gewalt einen
Damm gejeßt hat? Vor den realen
Augen erjcheint nur das Tückiſche
und Dämonifche felbft, welches jene
Inſtitute Hervorrief, und breitet jo
daß einem jenfiblen jungen Menjchen
der ganze Erbenbau wie eine Zwangs—
arbeitsanftalt vorkommen fann.
Mit folder Anſchauung und Stim-
mung jchrieb ich einem ältern Freunde,
der feine erjte ärztliche Thätigfeit im
Gebärhaufe verrichtete, in fein gold:
berändertes Stammbuh bie Worte:
„Geburt der Ereatur ift ſchwer und fdhmer-
zensboll —
Wer kennt und nennt den Schmerz, dem
diefe Welt entquoll ?“
Allein jelbft ganz und gar ums
fangen von einer jo büfteren Welt:
betradhtung, leugnete ih mir ſchon
damals nicht, daß, wenn es fraglid)
ift, ob das Leben den Beſitz und bie
Möglichkeit des Glüdes enthalten
fönne, doch nimmermehr daran zu
zweifeln jei, daß es der Freuden
viele enthält. *) Das Glüd ift ein
Dbject, welches als folches, nämlich
greifbar wirklich, nirgends gefunden
werden fann; die Freude ift ein
Empfinden, zu weldem eine fub-
jective Menfchennatur unter allen,
jelbft unter den miferabelften Umftän-
ben, präbisponirt fein fann. Ich aber
fand in jener unglüdlichen Zeit und
in jenem traurigen Stabtbezirf meine
böchfte Freude dort, wo auch die Ge-
meinbeit ihre niebrigfte findet : in ber
Meinftube.
Das Trinten fann ein Laſter wer:
den, welches den Menjchen unter das
Vieh berabjegt, ift ein alter morali-
ſcher Erfahrungsſatz, an deſſen Ric:
tigkeit nichts weiter auszuſetzen iſt,
als daß damit das Thier zum Grab-
) Bl. Emerih du Mont: „Der
Fortſchritt im Lichte der Lehren Schopen-
bauer’8 und Darwin’s. (Leipzig. 1876. Brod-
haus.)
529
mejler der Verachtung gemacht wird. |zu empfinden vermag. Wenn bieje
Ich habe überhaupt niemal3 begrei: | Gejellichaft die richtige ift, dann ge:
fen können, wie ber Menſch
dreiften mag, ben natürlichen Nah:
rungsgenuß des Thieres, das hierin
das zukömmliche Maß einhält, mit
den gewöhnlichen Bezeichnungen „frei:
jen“ und „ſaufen“ zu belegen, bie
doch ausjchließlih auf die unnatür-
lihe Völlerei der Menjchenbeftie an:
wenbbar wären. So wenig aber wie
in ber Orgie, liegt in der bloßen
Stillung eines Teiblihen Bebürfnifjes
das poetifche Geheimniß der Wein:
ſtube. Der Weingenuß felbft, er mag
noch jo groß fein, ift niemals für
fih allein Schon das Paradies, er ift
blos der Schlüffel, der es auffperrt.
Ich kenne einen gereimten Weinſpruch:
„Der Weiſe fieht behaglich, darf er beim
Glaſe ruh'n,
Die Schöpfung auf der Spitze der eig'nen
Naſe ruhn.“
In der That, ſo weit die Naſe
beim Trinken reicht, iſt die Welt von
Rebenduft erfüllt, was ihr gewiß eine
Art Berechtigung gibt, für die beſte
aller möglichen Welten zu gelten. Bei
ſolchem Schwung des Gemüthes ver—
liert ſogar der Gedanke an den Tod
ſeine Schrecken; er hat nur noch das
einzige Fürchterliche, daß man als
Leiche nüchtern bleiben muß; doch wie
man auch beim Trinken über Leben
und Tod denke — jedenfalls liebt
man das Volle und gewinnt darauf
einen natürlichen Abſcheu gegen das
Leere, gegen das leere Wünſchen, wo—
mit man ſich ſo oft den Genuß des
Augenblicks verleidet, vornehmlich aber
gegen die leere Phraſe, die man da—
bei von Andern nicht hören will, ge—
ſchweige denn, daß man ſie zum Ge—
noſſen des Weines machen und mit
ihm zugleich in den Mund nehmen
möchte.
Solchen Zuſtand negativer und
poſitiver Weisheit bringt jedoch das
Trinken nur hervor, wenn es kein ein—
ſames iſt, ſondern in einer Geſellſchaft
ſich vollzieht, die in gleicher Weiſe
Rofegger’s „‚Heimgarten‘‘ 7. Heft.
fih er- nügt e8 auch, daß fie zufällig nur
aus einem einzigen Menjchen beftehe.
Eine ſolche fand ich damals in dem
nun vergefjenen, verjchollenen Schrift:
fteller J. P. Lyfer.
Wenn ih wüßte, aus welcher
Schänfe er zulegt binausgeworfen
wurbe, jo fönnte ich mich erkundigen,
ob er wirklich bei diefer Gelegenheit
das Leben verlor. Denn obgleich fein
Name ſchon vor ungefähr dreißig
Jahren in ber Lifte ber Verftorbenen
zu lefen war, jo will e8 mich doch
bebünfen, er brauche eine jo lange
Reihe von Jahren nur, um den größ:
ten feiner übermächtigen Räuſche aus:
zujchlafen. 3. P. Lyſer war allerdings
tief unter die Linie der Weinftuben-
Poefie hinabgefunfen. Ein Talent in
jeiner Art wie in ihrer Art Ort—
lepp, Fritz Reuter, Griepen-:
ferl, war er mit ihnen ber Vierte
im Bunde befannt gemwordener Dich:
ter, auf die ber lebenzerjtörende Dä—
mon auf dem Grunde bes Glafes
eine unmiderftehlihe Anziehungskraft
übte. Ihm aber mag zur Entjcehulbi-
gung dienen, daß fich ihm das phy:
ſiſche Gebrechen der Taubheit zu lin:
bern jchien, wenn fih der Geift bes
Meines in die myftiihen Gehirnfunc-
tionen der Gehörsnerven mijchte.
Mozu aber überhaupt eine Ent:
Ihuldigune für einen Dichter, ber
ganz feiner Natur folgte und dem
die Welt, ob er nun den Genius ober
den Satan in fich lebendig werden
ließ, nicht das Geringfte leiftete, was
ihn hätte ftügen, warnen, erheben
oder auch nur retten können! Das
Talent ift au ſchon unter gewöhn—
lihen Umftänden die Vorbeſtimmung
zum Berwürfniß mit dem Leben. Der
Dichter und die Welt find zwei Fac—
toren einer immerwährend fich abjpie:
lenden Tragödie. Dem armen Lyjer
war die Welt noh am günftigjten
in Geftalt der Vorwelt, die ihm
manchen guten Stoff geliefert; die
34
530
Mit welt aber hatte ihn gänzlich ver:
nachläſſigt und die Nachmelt hat ihn
vergeſſen.
Wenn ihn der Wein geſprächig
machte, dann ward ihm ſelbſt die
Welt, die ihn noch umgab, zu einer
Vorwelt. Denn er lebte in großen
Erinnerungen, weil ſie Begegnungen
mit großen Menſchen betrafen. Der
Mittelpunkt dieſer Erinnerungen war
wieder eine Weinſtube, die mehr durch
ihre Gäſte, als durch ihre Getränke
berühmte von Lutter und Wegener
in Berlin.
Bis in das Yahr 1821 reichten
die ſchönen Reminiscenzen Lyfer’3 zu:
rüd. In jenen Tagen bes auf bie
jogenannte „Befreiung“ Deutjchlands
gefolgten NReftaurationd:Schlafes, wel:
her keineswegs bie Kräfte des Volkes
oder des Staatslebens überhaupt, fon:
dern nur die Kräfte der Polizei und
der politiihen Reaction reſtaurirte,
hatte der Romantiter E. T. A. Hoff:
mann, ber von einem bämonifchen
und ſeurrilen Humor bejeelte Novellift,
den Bund der Serapionsbrüber ge:
gründet, welchem fein fpäterer Bio-
graph, der Criminalrath Hilzig,
die Dichter Chamiffo und Fouque
u. A. angehörten. Zu ihnen gejellte
fi auch) bei Lutter und Wegener der
verlor. Aus der gangen Art ber aus:
geführten Scherze und vworgebrachten
Reden gewahrte man die Einwirkung
der Shateipeareihen Schänter-Scenen
in Heinrich IV.
Karl Hatte, eine Flafche bringend,
auf irgend eine Frage eine barmloje
Antwort gegeben, ald ihm Hoffmann
einrebete, bie Antwort hätte eine po-
litiſche Anſpielung enthalten. Eine
ſolche Zumuthung teichte in bamaliger
Zeit Hin, aud einem minder Einfäl-
tigen über ben Spaß zu gehen; Karl
aber gerieth barüber in Höllenangit,
befonder3 weil Hoffmann beim Kam:
mergericht angeftellt war.
„Man hat es ausgefundichaftet,
fagte Hoffmann, Du haft etwas Dema-
gogiſches gedacht, Du bit ein
Marquis Poſa.“ — Und Devrient
half wader mit, den Beweis für die
unausgeſprochenen politischen Gedanken
des Kellners zu erbringen.
Dieſer ſchwur mit weinerlicher
Stimme, daß er niemals an etwas
Anderes gedacht, als an die unbezahl:
ten Schulden der Gäfte ; aber Hoffmann
rebete ihm vertraulich zu, im Tone
des guten Rathes, ſich gleich am nächften
Morgen auf das Bureau des Eriminal-
rathes Hilzig zu begeben. Diefem war
natürlich die Geiſtesbeſchaffenheit Karl’3
große Ludwig Devrient, der Erfte jehr wohl bekannt, Hoffmann aber
und Berühmtefte dieſer Schaufpieler: | jagte: „Du bift verloren, wenn Du
Dynaſtie.
Lyſer wußte mir viel von einem
Abend zu erzählen, den er in eigener
Perſon mitgemacht, von einem Abend
bei Lutter und Wegener, als von
den Serapionsbrüdern nur Hoffmann,
nicht dem Criminalrath morgen aus
freien Stücken den Schwur ablegſt,
daß Du niemals eine Satyre gegen
politiſche Angelegenheiten, niemals ein
witziges Pamphlet über die Lage
Europa's im Allgemeinen verfaßt haſt.
aber außerdem ber nie fehlende Dev: | Du kannſt Dich dabei auf mich berufen,
rient anwejend war. Den Kreis um ich bin erbötig, wenn es nöthig if,
biefe Beiden ſchloſſen nebſt Lyſer be= | Dir dies zu atteftiren.“
freumbete Lebemänner ohne berühmten
Namen.
Den erften Gegenftand der Be:
Inftigung bildete der Kellner Karl,
Der Kellner gerieth über diefen
Vorſchlag in ſolches Entjeken, daß er
laut nad feinem Herrn um Hilfe
tief. Der Weinwirth Rutter erſchien
ein jo einfältiger und gutmüthiger und ohne noch zu willen, um was es
junger Burjche, daß Alles mit ihm
vorgenommen werben Eonnte, ohne daß
er den Spaß merfte ober die Gebuld
fih handelte, beſchwichtigte er feinen
Karl mit den Worten, die unter allen
Umftänben zutreffend waren: „Du bijt
Bl
ein Schafskopf.“
ſich beruhigt.
Und Karl entfernte
Mit dem Weinwirth hatte es ein haft zu bleiben vermocht hätte.
eigenes Bewandtniß. Er war ein rüjti-
ger Mann, aber nit mehr in ben
beiten Jahren hatte er fich eine junge
Frau antrauen laffen, die er mit ber
argwöhnifcheften Eiferfucht hütete. Nie-
mal3 durfte fie vor ben Gäften er:
ſcheinen. Hoffmann's Gefichtmusfeln
zuckten eigenthümlih, den Freunden
ein Zeichen, daß ſeine Weinlaune ihn
nicht geiſtig ruhen ließ, als Lutter
erſchien. In gutmüthiger Weiſe gab
ihm Hoffmann den Rath, ſich nicht
zu feſt darauf zu verlaſſen, daß Karl
wirklich ein Schafskopf ſei, ſondern
eingedenk deſſen zu ſein, was ſich vor
nicht zu langer Zeit in Bamberg be—
geben habe.
Natürlih wurde nun Hoffmann
von allen Seiten anfgeforbert, dieſe
Begebenheit zu erzählen. Ganz in ben
malerifchen Formen, bie er dem Schau:
plat feiner Novellen ſtets zu geben
wußte und mit der gleichen Einflech—
tung ſatyriſcher Züge ſchilderte er nun
bas ſüddeutſche Bamberg, die Gemüth-
lichkeit der Bewohner, die gerne lachen,
wenn fie Einen finden, der dümmer
ift als fie, ma3 nad der Bemerkung
Hoffmann’3 nicht ansfchließen fol, daß
Jemand felte lache, und verlor fi)
in das Bild eines alten Weinwirthes,
der ein ſchmuckes Mägdlein heimführte.
Rofa hieß es, und Rofa wurde heim—
lih geliebt von einem jungen Men-
chen, der fich ihr niemals erklärt hatte,
den fie gar nicht kannte, der aber, als
er erfuhr, daß fie ihm plößlich weg—
eheiratet worben, ben finfteren Plan
ämiebete, fih bei dem Weinwirth als
Kellner zu verdingen, um unter der
Maske der einfültigften Schafsföpfig-
feit die Fran zu verführen und bas
Haus zu Grunde zu richten.
Wer weiß, was die Wirkung ber
graufigen Schilderung auf Lutter ge-
wejen wäre, wenn Hoffmann bei dem
Uebermuthe, der mit dem Wein zu:
| gleich in ihm glühte und ſprühte, ernſt—
Er
bejchrieb, wie der Weinwirth zu ſei—
nem Entjegen plöglih den Verſtand
des Kellners entdeckt, wie biefer, fich
eutdeckt und in Gefahr fehend, eine
Pijtole aus dem Bufen zieht und auf
feinen Seren anlegt, wie da die Frau
mit einem Schrei an die Bruft ihres
bedrohten Mannes ftürzt, nun aber
es fi herausftellt, daß der Kellner
fid vergriffen und ftatt der Piſiolo
eine halbe gejtohlene Salamiwurft aus
dem Bufen gezogen hat.
3. ®. Syfer Hat diefe Gefdhichte
als eine fehr ernfthafte und ausführ:
liche Novelle aufgefchrieben mit ber
Angabe, daß er he aus dem Munde
Hoffmamı’3 bei Lutter und Wegener
vernommen hätte und mit einer vor:
bergehenden Charakteriſtik diefer Wein:
ftube. Doc weder Charakteriftit noch
Novelle kömmt dem Werth feiner münd-
lichen Mittheilung gleih, ſoudern
ichleppt fih mit überflüffiger Breite
dahin. Die Aufzeichnung erſchien noch
zu feiner Lebenszeit in einer nun längft
wie er ſelbſt verſchollenen und ver:
geffenen Zeitung.
Der Tiebenswürdige Friedrich
Schlögl, der in feiner Art einzige
Miener Humorift, zufällig untewrichtet,
dab ih an Allem Intereſſe nehme,
was die Gefchichte der Weinftuben und
namentlih bie von Zutter und Wer
gener betrifft, hat mich auf jeme Hei-
tung aufmerkſam gemadt, Sie hieß
„Der Salon”, wurde von Sigmund
Engländer herausgegeben, erſchien in
Wien in ben legten Tagen be3 Bor
märz und ging nad ber Publikation
weniger Nummern zu Grunde. So ik
fie eine jener wehmuthavollen Gegen-
Hände, die man gerne im Halbdunkel
des von Neben burchbufteten Raumes
beſpricht und wird mir darum vielleicht
Anlaß geben zu einer newen Mitthei-
fung aus ber Weinftube.
34*
532
Derkehrte Welt.
Aus den Ereigniffen des Jahres 1848, Von Freiherrn v. Helfert.
Die Zeit feit 1815 war die Aera
der Regierungen, mit dem März
1848 jchien jene ber Völker ange-
brodhen zu fein. Uber in welchem
Buftande fand fie biefelben! Im erften
Taumel meinten freilich nicht wenige,
nun müſſe das goldene Zeitalter herein:
breden. „Ya, Defterreich ift frei von
Heuchelei und Kriecherei”, rief einer
der Märzjubler aus, „frei von ber
gräulihen Hydra Genjur, frei vom
geiftesmörberifchen Terrorismus ber
Bureaufratie, frei und taujendmal
frei von Corruption, von unreblichen
Minijtern, von jervilen Speichel—
ledern!” Derlei Hymnen wurden ba-
mals an allen Orten angeftimmt, und
es gab vielleicht in ber That folche,
die im vollen Ernft meinten, daß Die
Welt ih mit einem Schlage ändern
lafje. Vorderhand mußte ein großer
Theil der Leute nicht im entfernteften,
um was es ſich eigentlich handelte.
„Cenſur“, „Bureaufratie”, „Sonftitu-
tion” waren der großen Maſſe unge:
hörte Worte und verknüpften fich in
ihren Köpfen mit den fonderbarjten
Begriffen. In einer von vielen Eleinen
Tuhmadern bewohnten Stadt Böh-
mens illuminirten die Leute auf bie
Kunde von der erlangten „Preßfrei-
beit” aus freien Stüden; fie meinten
es würde jegt mit ben Privilegien der
neu eingeführten Preßmaſchinen, bie
ihr Gewerbe jo drüdten, ein Ende
haben. Die Hauersleute in den öfter:
reihifhen Weingegenden dagegen mein:
ten, fie würden mun „frei preſſen“
können, ohne davon den Zehent ab:
führen zu müffen, während ihre Nach:
barn, die Bauern im Flachland, neidiſch
ſeufzten: „Was nügt uns Preßfreiheit,
wo wir feinen Weinbau haben?” Be—
fannt find bie taufenderlei Mißver-
ftändniffe, zu benen das Loſungswort
der Freiheit Anlaß gab. Sie feien
jeßt „frei“, meinten die Leute, und
fönnten daher thun, was fie wollten.
„Eine jaubere Freiheit, wenn man .
nicht einmal einen Raufch haben darf“,
tief ein Betrunkener, an den eine
Patrouille Hand anlegte. Ein böh—
mijcher Haufirer, dem fein Weib „ſchon
lange nicht gefiel“, meinte, er könne
es nun ohne weiters fortichiden und
fi ein anderes nehmen, und war fehr
betroffen darüber, als man das in
einer Zeit der „Freiheit“ nicht gelten
lafjen wollte. Eine der verbreitetiten
Anwendungen ber neuen „Freiheit“
betraf das gutsherrliche Wild, nament:
ih Rebhühner und Hafen.
Selbſt nicht ganz ungebildete Leute
hatten von Dingen, in welche darein
zu Sprechen fie feinen Anftand nahmen,
die jondberbarften Vorftellungen. Syn
der Zeit, da über Wuhlreht und
Wahlordnung viel bebattirt wurde,
rief jemand mit dem Ausdrude eines
Menſchen, der den Nagel auf ben
Kopf getroffen: „Wir haben ja bie
Genfur vom Hals, und jegt wollt ihr
wieder einen Cenſus einführen 2”
Derlei Mifverftändniß und Wider:
finn waren befanntlich ſchon zur Zeit
der erſten franzöfiihen Revolution
vorgefommen; fie werben überall
wieberfehren, wo ein lange in poli-
tiſcher Unthätigkeit gehaltenes Wolf
mit einemmal aus den engiten Schran:
fen in einen Zuftand volljter Unge—
bundenheit verjegt wird. Wenn es
nicht in der Natur des Menjchen ge:
legen wäre, über die Linie des Rechten
und Schidlihen, wo ihm Gelegenheit
dazu geboten ift, binauszugreifen, jo
533
hätte es nicht eine® ber Meifen
Griechenlands beburft, ihm die Mah—
nung zuzurufen: Halte Maß in allen
Dingen! Wer bie Macht in Händen
hat, macht davon, wie ber Lauf bie:
jer Welt ift, häufiger mwillfürlichen
Mißbrauch als weifen Gebraud. In
gewöhnlichen Zeitläuften find es bie
Völker, die über ihre Regierungen
Hagen, in aufgeregter Zeit ift das
Berhältniß umgekehrt: die Maffen
ſcheinen fi dann dafür ſchadlos halten
zu wollen, daß fie fi fo lang in
Zaum und Zügel gebannt jehen muß:
ten. Es gilt dann, fo raſch als mög:
ih alle Arter von Mißbräuchen,
wahren oder eingebildeten, abzufchaffen ;
aber dem Mißbrauch im Großen find
Thür und Thor geöffnet. So kam
es auch im Jahre 1848, und bie
cenjurzbefreite Preſſe half in allen
biefen Dingen getreulih mit. Die
pöbelhafteften Ausfälle auf bie ge:
jtürzten Größen mifchten ſich unter die
eriten von reiner Freude durchglühten
Kundgebungen der ſchönen Märztage.
Von da ſchien die Ausgelaffenheit von
Mode zu Woche im AZunehmen zu
fein. Mit erfchredender Fruchtbarkeit
wucherten Giftpflanzen und Unkraut
aller Art aus dem üppigen Boben
hervor, die, wenn nicht bei Zeiten
Maßregeln dawider ergriffen wurben,
alle ebleren Reifer zu erftiden brohten.
Mit Ekel wandten fih alle befleren
Naturen von diefem Treiben ab und
verlangten laut, daß ihm Einhalt ge:
ſchehe. Noh in den Märztagen trat
eine Anzahl Wiener Buchhändler zu:
jammen, die einander Hand und Wort
gaben, keinerlei Schmähjchriften an
das Licht der Deffentlichfeit zu be:
jördern und fi von jedem entwür—
digenden Mißbrauche des neuen con-
jtitutionellen Geſchenkes fernzuhalten.
Auch die Regierung wollte Ernft zeigen.
In Pet wurde der Entwurf einer
Vorſchrift zur Negelung der Preßver:
hältwiffe publicirt, in Wien erfchien
ein proviſoriſches Preßgeſetz. Allein
aus ben Reihen der Betroffenen unb
jelbft einzelne Schriftfteller von Ruf,
denen man beſſere Einſicht zutrauen
konnte, ſtimmten in den allgemeinen
Lärm. „Um Gotteswillen, gebt mir
meine liebe Cenſur wieder!“ rief
Saphir, als er den ungariſchen Ent—
wurf zuGeſicht bekam; und von dem Wiener
Proviſorium ſchrieb Hammerſchmidt:
„Am 1. April erſchien ein Geſetz ge—
gen die Preßfreiheit.“ Mit der Auto—
rität des letzteren war es nun ein für
allemal vorbei und die akademiſche
Jugend von Wien that nur, was von
der um nicht vieles geicheibteren
Mehrzahl reiferer Leute gebilligt und
beklatſcht wurbe, als fie das neue Ge-
fe öffentlich verbrannt. Man meinte
eben auch dieje Art Freiheit ſo zu ver:
ftehen, daß ihr feine Schranke geſetzt
werben bürfe. In der That gab es
nun faum ein Schugmittel, die frechften
Angriffe gegen den ehrlichen Namen
und die perfönliche Sicherheit Einzelner,
gegen alle Grundlagen bes Gemein:
wohls und der allgemeinen Sitte zu
verhüten, und fand fi faum ein Ge:
richt, fie zu ahnden und zu ftrafenn.
Wie nah einem heftigen Gewitter
aus dem Boden allerhand garjtiges
Gethier ſich herausarbeitet, dem es
nirgends wohler ift al8 in dem Schmuß
der zurücgeblieben, fo tauchte, nach:
dem das große politiiche Unwetter
über Mittel-Europa dabhingefahren,
eine Unzahl obfcurer Scribler auf,
denen eben jo improvifirte Winfel:
preſſen die Mittel boten, ihre unſaubere
Waare an das Licht der Oeffentlich—
feit zu bringen. Zur Kennzeichnung
diefer Leute, deren primitive Muſe
jelbft mit Grammatik und Orthographie
auf geipanntem Fuße lebte, mag
dienen, daß noch zu Anfang ber fünf:
ziger Jahre, aljo zu einer Zeit, wo
das Unweſen bei weitem nicht mehr
in ſolchem Maße wucherte wie 1848,
der Vertheidiger eines wegen Preß—
vergebens angeflagten Redacteurs als
ı Milderungsumftand deſſen „Mangel
jegt erhob fi gemaltiges Befehrei | an Bildung“ vorzubringen wagen konnte.
34
Wenn fih bie Journaliftit gern für) der naive Kinderglaube eines Volkes
die Führerin ber öffenlichen Meinung | fein Vertrauen auf das gedrudte Wort
ausgeben möchte, jo war im Jahre zu jo ſchändlicher Unzucht des Geiftes
1848 fider das Gegentheil davon ber | mißbraucht worden wäre, mie eben
Fall. Der Zeitungen und — | bier.“
waren verhältnigmäßig wenige, die fih Wenn jemand behaupten wollte,
von dem ernftlichen Beftreben leiten e8 fei im Jahre 1848 zu dem von
liefen, fi über dem Schwalle der | Volksreimern und Volkspinſlern jo viel
wire durcheinander wogenden Tages: variirten Schauftüde: „Die verfehtte
meinmngen zu halten, ihrem Leferkreife | Welt“ mehr als eine neue Abart
Anhaltspunkte zu richtigerer Auffaffung | geliefert worden, jo würde er fi
ber auftauchenden Fragen zu bieten
und ihn daburh im mahrjten und
beiten Sinne aufzuflären. Die Mehr:
zahl der Blätter und Blättchen, deren
in der heißeften Zeit jeden Tag neue
auftauchten, von Zeuten in die Hand
genommen, die, ohne ernftere Grund-
jäge und Anftanbsgefühl, dem bloßen
Broderwerb nachgingen — „Bauch—
rebner könnte man fie nennen“, wie
jemand bemerfte, — fröhnte den
Leidenſchaften des Tages, höhnte jedes
ſchüchterne Wort, das ſich gegen bie:
jelben im Sinne der Ordnung hervor:
wagte, lärmte mit, wenn auf der
feiner Berfündigung an ber Wahrheit
Ihuldig machen. Es hatte das jeine
lächerlichen, e8 hatte aber auch jeine
tiefernften und bedauerlichen Seiten.
Mas in geregelten Zeitlänften bei Be-
handlung öffentlicher Angelegenheiten
fich beſcheiden zurüchalten muß, weil
ihm ans triftigen Gründen die Eig-
nung dafür nicht zuerkannt wird, das
wurde im Jahre der Verwirrung in eine
Neihe geftellt mit ben ſachgemäß Be
rufenen, ja bevorzugt vor diefen, wo
nicht gar mit ausfchließlichen Geredht:
jamen auägeftattet. Oder war es et:
was anderes als ein Stüd verkehrter
Straße gelärmt murde, bewarf die Welt, wenn man jab, wie fi das
Leute, denen das Gefinbel die Fenfter | Weib, gumider der Beftimmung, bie
einfhug mit bem Unflath gemeinen | Natur und Sitte ihm angewieſen, in
Schimpfes und Hohnes, fette alles |die Geſchäfte des Mannes mifchte ;
Anfehen der tedtmäßigen Gemalten | wenn Frauen und Fräuleins in poli⸗
herab, und räucherte dafür wohldie- tiſche Clubs zuſammentraten und in
neriſch det Maſſe, von deren zügelloſem unverſtandenen Phraſen über Dinge
Treiben ſie lebte. Dieſe Art Preſſe | verhandelten, für deren Verſtändniß
und die Gaffe waren wie jufammen: | ihnen alle Ruhe und Reife abging ?
gewachſen, abwechſelnd die eine und | Spielten fie etwas anderes als eme
die ambere oben und unten, gleich Art verfehrter Welt, jene „Damen“
Gymmnaften, die in einander verihlungen die, Striditrumpf und Kochlöffel bei:
Purzelbäume fchlagen, nur daß bie |feite legend, fih die Muskete auf die
legtern ihre Späße zur Erheiterung Achſel legten oder eine Hellebarde in
des Publikums ausführen, während |die Hand nahmen und im närrijchen
jene das ihrige zum Prügelfnaben Aufzuge mitten in einer ernften Zeit
machten, ber früher ober fpäter dafür Fafmachtſpiele bei hellem Tage aufzu:
zu leiden hatte. Adolf Pichler be: | führen fchienen? Es muß übrigens
merft: „Man muß es geradezu fa: |bemerft werben, daß das Inſtitut
gen, die Entwicklung gewiſſer Seiten | emancipirter Meiber bei uns feinen
der Wiener Journaliſtik bleibt ein rechten Boden fand. Im Gegentheile
unauslöſchlicher Schandfled in der der Wiener demokratische Frauenverein,
Geſchichte deutſchen Lebens. Wir die Barricaden-Heldinnen, Die Amazonen
haben weder in alten noch in neuen | der lebten Dctobertage und ähnliche
Tagen ein Beifpiel, daß irgendwo | Auswüchle an andern Orten jchienen
535
mir da zu fein, um enbloje Garri-
caturen und Wige, oft vom gröbiten
Galiber, über fich ergehen zu laffen.
So brachte der Wiener Punſch eine
Blumenfprahe der Demokratinnen:
„Aglei: Froh, ſchlampig verbuhlt —
aber frei! — Nelke: Geſchwind, ehe
ih ganz verwelle! — Schneeglödkhen :
Auf der Barricade dort, im Unterröckchen!
— Nachtſchatten: Das freie Weibhat tau-
jend Gatten“ u. ſ. w. Auch in Deutich-
lanb befam man bie Poſſen bald jatt.
Der Berein demofratijcher Frauen in
Berlin, in deſſen Ausfhuß eine reizenbe
Brünette, Qucie Lenk, bie „Freundin
Held's“ mitten in einem Kreiſe bereits
tief im Sommer des Lebens befindlicher
Colleginnen ſaß, wurde zuletzt durch
Held ſelbſt geſprengt, der an der
Spitze ſeines Anhangs in eine ihrer
Sitzungen ſtürmte, ſich auf bie Neb-
nerbühne pflanzte und herriſch erklärte:
„Nun iſt kein Frauen-Club mehr,
ſondern Volksverſammlung!“
Tief ergreifend als dieſe Aus:
ſchreitung war eine anderer Art ſchon
darum, weil dieſelbe von einem großen
Theile der Bevölkerung jelbit gepflegt
und gehätfchelt wurde. So mißgünftig
das junge Yuftitut der Nationalgarde
auf die alten Bürger-Corps blidte,
die es als eine Ausnahme von der
Negel allgemeiner und gleihmäßiger
Volkswehrpflicht nicht weiter dulden
wollte, jo bereitwillig räumte man ben
Facultätsclaffen der ftubirenden Ju—
gend eine Sonberftellung ein, die fie
in allen Univerfitäts-Stäbten der Mon-
arhie zu einer Art Corps d’Elite
machte, uud die jungen Leute gaben
ih dem Waffendienft, zu dem man
Tage. Zu feiner Beit wurde daran
gezmweifelt, daß die Jugend bie Zeit
der Vorbereitung fei, um in reifern
Jahren ihr Willen verwerthen zu kön—
nen, und Daß es, wie Gicero’3 Aus:
ſpruch lautet, die Drbnung verlange,
baß erſt gehorchen lerne, wer bereinft
befehlen wolle. Die Vorbilder des
claſſiſchen Altertfums, auf die man
in Zeiten politiſcher Aufregung in jo
vielen Stüden hinzuweiſen pflegt, hatten
in diefem Punkt von jeher nur eine
Lehre. Bon einem der weijeiten ber
Griechen wird berichtet, daß er feine
Jünger zu fünfjährigem Schweigen
verpflichtete, ehe fie fih mit einem
freien Urtheil hervorwagen durften.
Und nichts weitere gejtattete ber
Römer mit feinem ausgebildeten Ge:
meinwefen und öffentlichen Leben
feinem zu fünftigem Staatödienfte be-
rufenen Nachwuchs, als aufs höchite
beu Berathungen der Männer als lern—
‚begierige Zuhörer beizumohnen. In
‚Wien im Jahre 1848 war bag anders!
In allen größeren Städten ber von
der Revolution heimgejuchten Länder
hat die ftudirende Jugend ihre Nolle
gefpielt; allein anderwärt blieb fie
doch auf die bloße Theilnahme be:
ſchränkt, war fie im ſchlimmſten Falle
ein mitwirfenber Hebel bei der von
gereifteren Männern geleiteten Bewe—
gung. Der Hauptftabt Oeſterreichs allein
war e3 vorbehalten, daß bie afabe:
miſche Jugend fich weifer dünken durfte
als die Maſſe jener, die ihre verjchie-
denartigen Lehrjahre längſt hinter fich
hatten. Die große Mehrheit fand
durhaus nichts Ungehöriges darin,
wenn ſich unreife Leute mit burjchikofer
fie in jo auszeichnender Weiſe zuließ, Leichtfertigkeit über die ſchwierigſten
mit um ſo größerem Eifer hin, je Fragen des Staatslebens hinwegſetzten
weniger ſie dabei von Schulſtaub, Col- und tiefgreifende Probleme der ge—
legien-Heften und Prüfungsnöthen zu |jelichaftlihen Ordnung mit einer
verfoften befamen. Diefe Umwandlung | jeihten Phraje abfertigten, wie ic)
der Jünger Minervens in Söhne des |etwa bei munterem Gelage unvorher:
Mars und die unnatürliche Rolle, die | gejehene Zwifchenfälle mit einem jchlag-
man fie an mehr als einem Drte | fertigen Wit abthun laſſen. Man ana:
ipielen ließ, gehörte ohne Frage zu lyſire den Verlauf der Wiener Ereig:
den fonderbarften Verkehrtheilen jener Iniffe vom März bis October und man
DO _
wird finden, daß bei allen mwichtigeren | Wohin gehörten, im orbentlichen Laufe
Momenten die alademijche Legion einen |der Dinge, jene Courtifanen und Ga-
vorzugsmweifen, wo nicht gar einen
maßgebenden Antheil genommen hat,
und es ift durchaus feine Mebertreibung,
zu behaupten, daß die Studenten mehr
als ein halbes Jahr Hindurd das
erfte Wort in Wien führten. Wenn
ber Pariſer Revolution von 1789 nad):
gejagt wurde, es hätten fie junge
Leute gemadt, jo ließ fi) von ber
Wiener fagen, es haben fie Knaben
gemacht. So weit wurde ber Wider—
finn getrieben, daß man es felbft in
maßgebenden Kreifen ganz in ber
Drdnung fand, jenen Schoßkindern ber
Bewegung Ausnahmen von den Ge
jegen zuzuerkennen, denen ſich alle
leeren:Sträflinge („prostituees et for-
cats“), von denen Proudhon, wie er
jelbft erzählt, Anerkennungs-Adreſſen
entgegennahm? Die Schuhmacherei ift
ohne Frage ein achtbares Gewerbe,
und die e8 treiben, find ehrſame Leute;
dennoh gab es in Paris einzelne
Perſonen, die zweifelten, daß Pierre
Lerour im Nechte fei, als er bei einem
Bankette, das Ende November bei 800
Leiſtenſchläger abhielten, den Sa aus:
ſprach, daß „die Schufter mehr von
Affociation verftünden und befjer bar:
über zu fprechen wüßten, als die Mit:
glieder derNational-Verfammlung. Das
war im Grunde nur minder verblümt
übrigen Stände-Claſſen unmeigerlich | herausgefagt, wad man auch ander:
beugen mußten.
Bei all diejen Verkehrtheiten Tieße
fih immerhin noch geltend machen,
daß die akademiſche Jugend Kreifen
angehöre, die einem edleren Berufe
entgegengehen und höhere Bildung fich
aneignen, wenngleih jener Beruf
noch nicht erreicht, dieſe Bildung noch
nicht vollendet fei. Allein feinen Be—
Ihönigungsgrund folder Art hatte
man vorzubringen, wenn man, mie es
thatfählih geihah, noch weiter ging
und den auf den unterften Stufen ber
Bildung ftehenden Beichäftigungs:
Claſſen eine fociale und politifche Be—
deutung zuſprach, die man den höhern
Geſellſchaftskreiſen ableugnete, und
wahrhaft anmwibern mußte jebe beſſere
Natur die Wahrnehmung, wie man
in bie am meilten vermwahrloften
Schichten der Benölferung hinabftieg,
um Dinge von der höchſten Wichtigkeit
dur fie zu einer After-Entſcheidung
zu bringen. Dder wer waren in ben
großen Zufammenftrömungspunften der
Geſellſchaft jene Fabrifgarbeiter und
Taglöhner, jene unſaubern Gejellen
und „Baffermannifchen Geftalten” deren
wärt3 in ber verjchiebenften Geftalt
ber das Verhältniß der unteren zu
den höheren Glaffen der Gefellichaft
zu hören befam. Denn wenn die Lärm:
macher jener Tage das „Bolt“, das
„wadere”, „edle“, „unübertreffliche”,
nicht genug preifen konnten, jo waren
es immer nur die unterften Glaffen
des Volfes, die damit gemeint waren,
fowie die Eigenfchaft der „braven“
Arbeiter nur jenen zugedacht wurde,
die fih mit dem gröbjten, materiellften
Tagewerk abgaben. „In die bunfle
Tiefe muß man fteigen, um die Perlen
der Menſchheit zu filhen: auf ben
glänzenden Höhen fpiegeln ſich blos
falte Schneeflähen und Eisfelder in
ftrahlendem Sonnenſchein. Nur unter
dem f. g. gemeinen Bolfe findet man
die braven Leute, nur Hinter dem
Kittel und Hinter der Blouje jchlagen
die treuen und eblen Herzen, wohnt
Tugend und Mannesfinn. Im Frad
und unter dem Gylinder fteden die
Böfewihter. Die Bornehmen find nichts
als verächtliches Gefindel, das vom
Marke der ehrlichen Leute zehrt.“ Solche
Sprache führte nicht etwa das „Wolf“,
wirrer Haufe damals fo oft als „Volks- das in feiner Urfprünglichfeit wahr:
verjammlung“ parabiren, deren ur:
‚haft veblihe Volk: ſolche Sprache
theilsloſes Zuſammengeſchrei jo oft führten die foyenannten Führer des
als „Volkswille“ herhalten mußte?) Volkes, und fie führten fie nur zu
—
häufig gegen ihre eigene Ueberzeugung,
gegen das Zeugniß ihres eigenen Vor—
lebens und Entwicklungsganges. Louis
Blanc ſprach ſeinen Fluch über die
„unſittliche, ungerechte, ſchmachvolle“ Ge-
jellichaft aus („societe immorale, inique
et infäme“), deren Wucht auf ihm
gelegen und gegen bie er den Ber:
nichtungsſchwur Hannibal’8 geſchworen
habe. Wer war Louis Blane, daß er
ſo ſprechen durfte? Sein Vater hatte
eine einträgliche und ehrenvolle Stel—
lung gehabt; er ſelbſt hatte eine ſorg—
fältige Erziehung, zum Theil auf
öffentlihe Kojten, genoffen; er hatte
fh zu Wohlſtand aufgefhmungen
und hatte e8 eben im Jahre 1848
dahin gebracht, einen der erften Staaten
der Welt mitzuregieren: worin beftand
jene Ungerechtigkeit der Gefellichaft,
deren Wucht auf ihm gelegen?
Aber e8 war nun einmal alles auf
den Kopf geftellt! Früher war die
Regierung obenauf, jegt waren es jene,
die vordem die Negierten gemejen.
Früher waren die Gejeße und die Be-
hörden alles, jene, für bie fie zu ſorgen
und zu wachen hatten, jtanden in
zweiter Linie; jegt waren die leßteren |
voran, bie erjteren galten foviel wie
nicht3. Früher hatten die Großen ber
Erde ihre Schmeichler, jeßt hatten ihre
focialen Gegenfüßler die ihrigen, und
die Wirkung war bier wie dort die—
felbe: die Gefchmeichelten wurden —
verborben. Dem, was man „Volk“ zu
nennen beliebte, wurbe die Eigenjchaft
der Souverainetät, d. i. der Allgemwalt
und Unantaftbarfeit, ja ſelbſt bie
Attribute der Souverainetät, das Kö—
nigthum, zugefprodhen. „Ihr werdet
nicht nur mächtig fein”, rief Louis
Blanc im Lurembourg feinen Arbeitern
zu; „Ihr werdet nicht nur reich fein,
hr werdet Könige fein!” In jo ge
wiſſenloſer Weife machte man ihnen
Berheißungen, die fi nie erfüllen
liegen, malte ihnen Genüffe aus, bie
fie nie verfoften follten, und fchürte,
indem man bie untern Glaffen ver:
himmelte, einen grimmigen Haß gegen
alles über ihnen Stehende, deſſen Be:
friedigung nur ihnen jelbft zum Un:
heil werden fonnte. Was hoch war,
jollte fallen, wa8 Vermögen bejaß,
durch die Progreſſiv-Steuer den Andern
gleichgemacht, was Anfehen hatte und
fi vornehm dünkte, gebemüthigt wer:
den. Alles was vom Pöbel ausging,
war gut und erhaben, was ſich die
andere Seite erlaubte, war böfe und
verrucht. Zu einer Zeit, wo es mehr
als je des unerfchütterten Anſehens
der Geſetze und Gerichte bedurfte,
wurde die Aufhebung der Todesſtrafe,
die Abſchaffung verſchiedener Arten von
Züchtigung berathen, die man als
entehrend, die Menſchenwürde verletzend
hinſtellte, während dieß vielmehr von
den Uebertretungen zu ſagen war, auf
die ſie von der Geſetzgebung geſetzt
worden. Es war als ob alle Begriffe
von dem, was ſich gehört und was
ſich nicht gehört, ihre Rollen getauſcht
hätten. Was ſonſt für unrecht galt,
wurde jetzt nicht bloß entſchuldigt,
ſondern geprieſen; was früher alle
Welt in der Ordnung fand, darüber
wurde jetzt Zeter und Mordio geſchrien.
Es gab einen Freibrief für alles, was
von der urtheilsloſen Maſſe und deren
Verführern ausging, aber das ſtrengſte
Verdict gegen alles, was die Regierung
und ihre Organe zu unternehmen
wagten. Es war nichts als recht und
billig, daß dem belaſteten Unterthan
die Robot abgenommen wurde; aber
es war in hohem Grade unrecht und
unbillig, daß die dadurch in ihrem
Eigenthum verkürzten Grundherren Ent—
ſchädigung erhalten ſollten. Wenn die
Miniſter in auftauchenden praktiſchen
Fragen, wie z. B. Credits-Bewilli—
gungen, dem öſterreichiſchen conſtituiren—
den Reichstage die Befugniſſe einer
verfaſſungsmäßig bereits conſtituirten
Reichsvertretung in die Hände ſpielten,
ſo war das ganz am Platze; aber
wenn ſie, dieſen ſelben Befugniſſen
gegenüber, der Krone das Recht des
Veto vindicirten, ſo war das vor—
greifende Anmaßung. Es gewann den
538
Anſchein, ald ob es munmehr nur aber jeder Verſuch, aus bem milben,
zwei Glafjen von Perfonen gebe: ftraf:
freie auf ber einen, vogelfreie auf der
andern Seite. Das größte Verbrechen
verlor jeinen verwerflichen Charakter,
wenn fih der Dedmantel des neuen
Freiheitsdranges darüber breiten ließ ;
aber jeder noch fo gerechtfertigte Act
der Nothwehr wurde zur graufamen
Unthat, wenn berjelbe den Kundgebun:
gen des fouverainen Pöbels im den
Weg trat. Dem einen Theile war alle
Art von Angriff erlaubt, beim andern
war alle Art von Bertheibigung ver:
pönt. Wenn wilde Rotten Hausherren,
die ihren rechtmäßigen Zins forderten,
Bädern und Fleifchhauern, die fi an
die gelegliche Satzung hielten, Kaßen:
mufifen brachten, welche die Nachbar:
ichaft ganzer Stabttheile aus dem
Schlafe auffchredten und in Angft und |
Bangen verjegten ; wenn fie aus irgend
einem Grunde mißliebigen Perfonen
die Fenfter einfchlugen oder das Haus
demolirten, jo waren das im ſchlimmſten
Falle ungezügelte Ausbrüche entſchuld—
barer Entrüftung; aber wenn bie ge
jegliche oder gar die bewaffnete Macht
zum Schuge der Mißhandelten ein:
Ichritt, die Menge zu Paaren trieb,
die Nädelsführer padte nnd einftedte,
jo waren das Acte roher Gemalt:
thätigfeit. Die Schüfle, die während
der Prager Junitage in die Fenſter
des Generalcommando:Gebändes flogen
und denen die Fürftin Windiſchgrätz
als ſchuldloſes Opfer fiel, waren
Zufall, für den niemand konnte; aber
die Schüffe, die das Militär von der
Kleinfeite gegen den Hauptfiß der Auf:
ſtändiſchen herüberfandte und wodurch
die Altftädter Mühlen in Brand ge:
riethen, waren teuflijch angelegte Bos⸗
beit. Die Barricaden-Rämpfer aller
revoltirten Städte, die Bannerträger
ber Unordnung und bes Umſturzes
wurden als Helden, die gefallenen Auf:
rührer als Blutzeugen der Freiheit
gepriefen, Anarchie und Libertinage |
jeder Art offen als Stüße und Trä—
gerin des Volks-Souverainetät erklärt ;
ausgelaffenen Treiben herauszukommen
und in gejegliche Zuftände eingulenten,
wurde als Reactiong-Gelüfte, jede Be-
wegung, bie ſich auf der anderen Seite,
bemerkbar machte, Gewalt mit Gewalt
zu befämpfen, als Berrath am Volke
und an ber Freiheit verfchrien. Die
Vorfpiegelung der Wiener Detober⸗
Sendlinge, daß ma dem Lanbvolf
die abgefchaffte Robot wieder auf den
Naden fegen wolle, war ein erlanbtes
Mittel, den Landſturm aufzubieten ;
aber das Manifeſt bes Kaiſers, wodurch
der Bauer über jenen lügenhaften
Runftgriff aufgeflärt und beruhigt
werben follte, war ein macchiavellifti-
fher Schachzug der Gamarilla.
Was aber al3 das widerlichſte an
diefem Treiben erfcheinen mußte —-
nicht bloß einzelne Bethörte waren es,
denen man ſolch ſyſtematiſche Abtödtung
des öffentlihen Gewiſſens, ſolch un:
verantwortlihe Umftürzung aller fitt-
lichen Anſchauungen vorzumerfen hatte:
die höchſten Vertretungskörper ſelbſt
luden die ſchwere Schuld auf ſich, an
dieſem Werke der Finſterniß mitzu—
arbeiten. Niemand geringerer als der
Wiener October-Reichstag war es, der
die cannibaliſche Hinſchlachtung Latour's
als einen „bedauerlichen Act jchred:
liher Selbithilfe des Volkes“ beſchö—
nigte, während dieſelbe Verſammlung
das Einſchreiten des Faiferlichen Feld—
marſchalls gegen die der Anarchie und
dem Terrorismus verfallene Stadt für
„ungeſetzlich“ erklärte, den Vollzicher
des faiferlihen Auftrages als „volfs:
feindlih” verdammte. Unter folchen
Umftänden war e8 nicht gu wundern,
wenn Taufende ſonſt ehrlicher Leute aus
dem rechten Geleife gebradht und auf
Irrwege verlodt wurden, an deren
Ende für fie Schmach und Schanbe
warteten. Als der Gemeine bed 12.
Jäger-Bataillons Stephan Dimsina
am 27. Jänner 1849 zum Tode ge:
führt wurde, vief er ſchmerzlich aus:
„Bis zum fehlten October war id)
als Menſch und Soldat ohne Malel.
539
Fluch der Aula! Fluch dem Reichs: | Weinheim (Baden, Unterrhein-Kreis,
tag!” December 1848) über die Vorfälle im
Mie weit man gekommen wäre, | vorangegangenen Sommer famen Ge:
wenn der Lauf der Ereigniffe nicht | ftändniffe fondberbarer Art vor: ein
einen vorzeitigen Abſchluß bekommen | Bürger hatte feine Pferde zum Herum:
hätte, vermag niemand zu jagen. Anz | führen der Guillotine verſprochen; die
zeichen vom Aeußerjten lagen mancherlei | Käufer, vor benen fie halten jollte,
vor. Bei der Gerichtsverhandlung in | waren jchon bezeichnet.
Bie Mutter.
Tief in den Alpen, im balmigen Niet, Andere mwinten,
Da ſitzt auf einem Stein Wallen und blinten
Ein armes, greiſes Mütterlein Und nahen gewinnend und bringen
Und fieht und fieht Gruß,
In einen dunkelgrünen See. Mit filbernen Lippen Mingenden Ruß;
Doch bringen fie micht
Den geliebten Sohn.
Die Mutter weinet. —
Dies Auge, wie ringt es im ftrömenden Weh,
Dies Herz, ad) wie ſchmachtet es tief nad)
Erbarmen !
Wie fchmerzlich ihr Bufen im Schnen
ſchwillt,
Wie heiß die heilige Thräne quillt —
Die Nigen ſchwimmen,
Sinten und klimmen
Im See find Nigen mit blanken Armen,
Die famen gefhwommen
Und haben der Mutter den warmen,
Den blühenden Sohn genommen.
Die Rigen kommen Vor ihrem Geſicht
Und reihen fich dicht Mit jammerndem Ton,
Um ihren Fuß Sie bringen ihr nicht
Und bliden licht. Den geliebten Sohn.
Die Monden, die Jahre floh’n,
Die jungen Tage blüh'n
Und fpiegeln fih rofig in Waſſer's Grün,
Die Mutter weinet —
Die Sonne fcheinet,
Die Sonne fintt,
Der Sternenhimmel winkt,
Die Mutter weinet — weinet ....
Ferdier von Steinwand.
540
Als id den Raifer Iofef ſuchte.
Eine Erinnerung von P. R. Rofegger*).
Heut’, mein lieber Waldbauernbub',
heut’ magſt du deine Füße in meine
Schuhe fteden, aber dazumal bin ich
noch jelber barfuß gegangen, hab’ dir
nicht helfen können, und wir haben
allzwei nicht gewußt, daß es eine
arge Sad’ ift, wenn man mit nadten
Füßen den Schafen nad} über Stoppel-
felder laufen, über Steinhaufen Elettern,
über Brennefjeln fpringen muß. Wir
haben das erft feither erfahren. Wer
uns damals gejagt haben follte, daß
der Neif, weldher am Herbitmorgen
über Feld und Haide lag, für nadte
Füße zu froftig wäre? Hatten denn
die Schafe und die Ziegen Stiefel |
an? Stiefel nicht, aber Schlappfhüh-
Biſſen erhaſchen; erft fpäter kommen
lein wohl.
Nur nicht erſt auf die Kälte war:
ten. Wir liefen und hüpften wie bie
Lämmlein, bis die Sonne den Reif auf:
ledte, al8 ob er Zuder geweſen wäre.
Hätten wir dazumal nur von jenen
Dihtern ſchon was gewußt, welche
aus Thautropfen Diamanten machen,
wir hätten uns leicht ein warmes Ge: zu wärmen war, und dann
wand faufen mögen; in mander Mor:
genfrüh hing jeder Grashalm voll von
Diamanten. Aber jo ſchön vermochten
wir uns das Scäferleben nicht aus:
zumalen, als jene poetifchen Leute es
können, welche noch nie mit nadten
Füßen in Reif und Than geftanden haben.
Ein graues Höslein hattet du an,
von dem ich gejehen hätte, daß es
nicht mehr ganz tadellos war, wenn
deine® Vater langer Zwildhrod die
anrüchigen Stellen nicht verdeckt hätte.
Eine geftridte weiße Schafwollen:
haube hatteſt bu auf dem Haupte,
die aber — menn die heiße Sonne
fhien — mehr jchadete als nützte,
denn fie zwängte bie dichten, bujchigen
Haare ein, die fonft dem Gefichte
Schatten zu geben im Stande gewe—
fen wären. Ei, mas lag dir am
Schatten, du blafjer Waldbauernbub,
blidteft ja ganz gefliſſentlich in die
Sonne hinein, wollteft ein gebräuntes
Geſicht haben, wie derKnierutſcher-Jakob.
Haſt es nicht gern, daß man da—
von ſpricht? Gut, ſo ſprechen wir von
was Anderem. — Wenn man bie
Schafe aus dem Stalle läßt und ſo
lange ſie noch hungrig ſind, laufen
ſie ganz gottlos über die Weide hin—
aus — das weißt. Jedes will das
vorderſte ſein und den ausgiebigſten
ſie zur Ruhe und iſt der Heißhunger
geſtillt, ſo graſen ſie behaglich. —
Und das letzt', Halterbübel, gab
für dich die rechte Zeit. Du ſtiegſt
auf einen Steinhaufen, wärmteſt dir
dort an den beſonnten Platten die
Hände, die Füße und was ſonſt noch
— ja
jetzt hebt ein anderes Kapitel an —
du zerrſt aus den Weiten deines viel:
ſäckigen Nodes ein Buch hervor, legſt
es auf bein lebendig Xefepult, bie
Knie, und hebſt zu blättern an.
Ja feht, das war berjelbe Junge,
von dem ich euch ſchon einmal erzählt
hab’, daß er von einem alten Bettel-
mann das Leſen und Schreiben ge:
lernt hatte und der alle Gebet:, Pre:
digt- und Geſchichtenbücher ber Gegend
um fich zufammenfchleppte, und von
dem Einige fagten: „Das wirb noch
ein Pfarrer!” und Andere: „Das
wird ein SFabelhans, ein Tauge—
*) Borliegende vervollftändigte Erzählung ift dem Manuftripte eines im nächſten Herbſte
bei G. Hedenaft erfdeinenden Buches: „Kindheit eines Waldgebornen” entnommen.
Die Red.
541
nichts!” — Meit fehl bat Keiner
gerathen, heute verlegt er fich bismwei-
len auf3 Predigen, aufs Fabeln und
mitunter ein bischen auf gar nichts.
Ya, das war derjelbige unge.
Mit den Leuten ging er nicht allzu-
gern um, fie waren meift recht roh
oder bifjig gegen ihn — mögen Kei—
nen, ber nicht überall mit ihrer Sache
hält. So unterhielt er ſich mit Sol
hen, die vielleicht weit, weit von ihm
waren, vielleicht in prächtigen Palä—
Raijerhaus, auf den Stefansthurm,
ginge zum Donauftrom, wo Schiffe
fahren, jähe Alles. Spräche dann mit
den Wienern, fragte, wie es ihnen
gehe, wie fie ’8 trieben, gäbe fi) als
den Waldbauernbuben aus Alpel zu
erkennen, welcher ihre Bücher läſe —
und ſchlöſſe etwa gar Freundjchaft
mit ihnen.
Und da ift — bu armer fleiner
Burſche — ein Sehnen und eine Un-
ruhe in dich gefommen, daß du gar
ften, vielleicht längft vermodert. Mit nicht mehr zu leſen vermochteft im
ſolchen ging ber barfüßige Waldbauern-
bub um und mit Solden faß er auf
dem Steinhaufen. Sie waren nicht
die Dümmften, fie wußten über alles
zu ſprechen, von allem zu erzählen,
bei allem zu vathen, waren recht jpaß-
haft noch dabei. Die ganze Welt ijt
nicht voll Stoppelfeldern und Stein-
baufer unb alle Leute gehen nicht
barfuß. Meere und Schiffe, Urmwälder
und Städte gab e3, wundervolle Kunſt—
werte und gemichite Stiefel.
Wenn der kleine Burjche des Nachts
in jeiner Strohfammer fchlief, fo
träumte er bavon.
Sekt auf dem Gteinhaufen, dba
las ſich's befonders von ber Wiener:
ftabt gut. Vom Stefansthurm, von
der Türfenbelagerung, vom Volks—
jänger Auguftin, vom Kaiſerhaus, vom
Kaiſer Joſef, der unter das Volk ge
gangen war, um ſeine Leiden und
Wünſche zu erfahren; der unter die
Bauern gegangen war, um zu ſehen,
wie ſich ſo ein Pflug angreift. —
So lieb gewannſt du den guten Kai—
ſer Joſef, daß du das Buch an die
Wange drückteſt, weil der Kaiſer Joſef
ſelber nicht da war. Bilder waren
im Buche und es ſchien die Sonne
d'rauf; aber du wendeteſt dein Auge
d'rüber hinaus. Dort hinter dem
blauen Wechſel liegt die Wienerſtadt.
— Wenn der Kaiſer zu den Bauern
gegangen ift, warum ſollte der Walbd—
bauernbub’ nicht zum Kaifer gehen?
Buche, gar nicht mehr zu boden auf
dem Steinhaufen. Mit dem langen
Aermeln, die weit über die Finger
binausgingen, hubſt du an zu fächeln,
jagteft die Schafe heimmärts, Tiefft
zu deiner Mutter.
„Mutter, ich möcht’ jo viel gern
nah Wien gehen.”
„Wirkt Schon hinkommen, wenn
du einmal Soldat biſt.“
„Nein, heute. Und ich erzähl’ dem
Kaijer, wie e8 ung geht, und daß er
auch einmal ins Alpel kommen möcht'.“
„ou Närriſch, was fällt dir denn
ein?” rief bie Mutter, „wer thät
denn die Schaf halten und wo nähmit
du das Gewand und das Gelb her?
Wirft jetzt nah Wien gehen!”
„Die Schaf’ thät’ ih ſchon in
die Hald (eingezäunte Weide) ſperren.
Den Rod liehe mir der Knierutjcher:
Jakob, die Hojen hab’ ich jelber und das
Geld hab’ ich auch jelber — weil ich ja
vorgeftern mein Lammel verkauft hab’.”
Darauf die Mutter: „Du bift
gar fo viel troß (fühn), Bub! Auf—
halten wollt’ ich dich nicht; meinetweg
fannft ſchon gehen, gleichwohl ich mich
genug werbe grimmen (jorgen) müfjen
um dich. Frag’ den Vater.“
Der Vater aber fagte: „Du Halb:
narr!“
Hub das Waldbauernbüblein au
zu murten — es fönne nicht all:
fort ſchafhalten, e8 wolle ihm Feine
Ruh’ geben, es müſſe Wien jehen;
In einen ober zwei Tagen wäre er nachher möchte es ſchon wieder ba-
dort — wäre in Wien, ginge ins |heim bleiben und brav arbeiten.
542
„Was thät denn das nutzen?“ Gs ift eine wahre Gefchichte. Ach
rief ber Vater unwirſch, „möcht' kann ſie genau erzählen, ich bin dabei
wiſſen, was du in Wien zu thun geweſen.
hätteſt! Willſt zum Kaiſer um Geld, ſo An einem hellen Maitag war's,
geh’! Glaub nicht, daß er bir ein's gibt, als ih von dem Berge niederhüpfte
ehvor tragft du eins in's Wien. Und |und Hinausging die Waldſtraße bes
nicht einmal eine Wallfahrt kunnt'ſt Alpfteigs gegen das grüne, breite Mürz⸗
dabei verriähten.”
„Eine Wallfahrt kunnt er juft) ein buntelgr
wohl dabei verrichten,” redete bie
Mutter drein. „Nicht weit von Wien
ift ja Mariafhus, da foll er ein Ge:
bitt maden, daß doch die Saufranf:
heit endlich einmal aufhören möcht’.
Heut’ hat mir die Alte auch jchon
brennheiße Ohrwaſchel.“
„Das iſt ſchon wieder ganz was
anders,“ ſagte der Vater, „wenn er
eine Kirchfahrt will verrichten und
ſein eigen Lammelgeld dabei brauchen
— ich gib keinen Groſchen — ſo
mag er meinetweg ſchon gehen. Aber
Bub, daß du mir übermorgen wieder
daheim biſt, fonft kunnt ich bir für
nichts gufftehen.“
Die Bewilligung in aller Form.
Und jebt war's eime Freude! In
zwei Stunden mar alles fertig. Die
Schafe ftafen in der Halde und ber
Hirt in des Knierutſcher-Jakobs
Gewand. Noch während auf dem
The Suppe und Sterz ſtand, auf
Mer nah dem Kleibe frägt:
aues Lobenhöfel hatte ich
an und Kuhlederſchuhe, hübſch mit
eifernen Nägeln beichlagen, baf bie
Sohle geſchützt war, unb trug eine
braune, grün ausgeichlagene Boden-
jade. Der Bruftfled war aus rath⸗
gefärbter Leinwaud, das Hemd aus
grauer; letzteres hatte am Halſe einen
breitumgefchlagenen Kragen, ber mit
einem blauen, etwas zu wulſtigen
Tuche zufammengebunben war, jo bag
der Hals nicht viel dünner ausjah,
als der Kopf. Auf dem Kopfe ſaß
meines Vaters Hut, der ging mir bis
über bie Augen herein und tanzte
ſtets ein Weniges, ſo oft ich mich
raſch wendete. In der einen Haud
trug ih das Bundel mit dem Brode
und dem Straubenlaib, das mir die
Mutter mitgegeben hatte, troß meines
Sträubens, denn mir war es nicht
recht fahlih, wie man in Wien auf
das Efjen denken könne. Ju ber aue
dern Hand ‚trug ich ben Stock, den
thal.
daß er fih für bie Reife fatt eſſe, ich das eimemal feit in ben Boden
rebete ihm die Mutter zu, die Nacht | ftieß, das anderemal luftig in ben
no daheimzubleiben unb erſt am | Lüften fehwang, jo wie es bie Hand⸗
nächften Morgen zu manbern.
Ber: werksburſchen machen, wen fie bie
geblich Bemtiben. Der Tleine Burſche Welt durchwandern.
padte auf und fagte: „Seht geh’ ich.”
Und die Mutter verfegte:
Alles ?"
„Ja.“
„Geh' nicht zu geſchwind und trink
nicht zu gäh, und ſei ſchön ordentlich,
wenn du unter fremde Leut' kommſt.“
„Bet' fleißig,“ ſetzte der Vater
——— lieh’ uns Alle ein.“
Und dann ging er — ber Meine
Fröhlich fam ich an Krieglach und
„Saft Langenwang vorbei. Heute wlrbigte
ich diefe Orte, bie ſonſt meine Städte
geweſen waren, kaum eines Blickes.
Wer nach Wien geht! — Als ich
aber gegen den Gansſtein kam, ging
die Sonne unter und cin blauer Duiſt⸗
gg fag über deu Meibenbüfchen
er
ſprach bei eimem Bauer ein,
Ich
Hirtenburſche — fort von ſeiner Eltern-⸗ bei dem ich nicht ganz unbelannt
hütte in den Waldbergen — ging in war, weil er mit meinem Vater öfters
eine große Stadt — er ahnte nicht, wohin. im
Viehhandei ftand. -- Db ih über
Naht im Stalle jchlafen dürfe?
543
„Habt ihr jegt zur Anbauzeit
dem nichts zu thun baheim, daß bu
jo herumgehſt?“ fragte der Bauer.
„Ich geh’ zum Kaifer Joſef!“
antwortete ich troßig.
Sah mid an. — „Der Bub —
den kann’ ich,” fagte er zu feinen
Lenten, „ber bat curiofe Flaujen im
Kopf — der ift Alles im Stand.
Der redt' mit dem Kaifer, wie Unier:
einer mit dem Biertelrihter. Bon dem
hören wir was, wenn er nach Wien
geht — merdet es ſchon jehen. —
Na ja freilih kannſt ſchlafen im
Stall.“
Das war bie erfte Naht in ber
Fremde, Das Heu hatte ſchon einen
andern Duft, ald wie jenes daheim
in Alpel. — I kannte einen Ober:
länder, der Soldat war und gar ſehr
un Heimweh litt. Er hatte aber nichts
daheim, weder Vater noch Mutter,
noch Geſchwiſter, noch Haus und Hof,
no einen Schag. Er mußte lange
ſelbſt nicht, warum er fich jo ſehr nach
jeinen Bergen jehnte; endlich, als er
einmal über ein ungariiche® Moor
ging, wo jaure, welfe Gräjer rochen,
wurde ihm far, er habe das Heim:
weh nad) dem Alpenheu. —
Am andern Morgen — es ſtand
no das weiße Mondkipfel am Him-
mel — war ich jchon auf der Straße.
— Das Mondfipfel in die Milch der
Milchſtraße tunken — wäre das nicht
Meib, das hatte Semmeln und Nepfel.
Hepfel im Mai — das muß eine
gute Gegend fein!
Bei Spital gab mir ein Reifen-
ber, dem ich mich angejchloiien, den
Rath, daß ich fechten ſolle.
„Mit wenn denn?“ fragte ich er:
ichroden, und als ich wußte, wie er’s
gemeint, antwortete ih: „Nein, das
mag ich nicht. Ich hab’ mein Lam:
melgelb. ”
Endlich bin ich zum Semmering
gelommen. Dort habe ich an bie Eijen-
bahnfahrt gedacht, die ich ein paar
Jahre früher mit meinem Pathen fo
fedlih unternommen. Ich hatte Heim-
weh nad dem Pathen, wäre der bei
mir, e3 würde ficherlich wieder ge:
fahren — jo arg wir auch dazumal
aufgejeilen waren.
Ich Schritt die Höhe hinan und
freute mich der Lärchenbäume, die au
beiden Seiten des Weges fanden und
mir fo heimlid waren, meil joldhe
auh in unferem Walde wuchſen.
Oben, wo ber große Kaiſer-Denkſtein
fteht, jeßte ich mich ein wenig in's
Grüne und trodnete mein Angeſicht.
— Ob fie auch dem Kaifer Sofef,
wenn er einmal geftorben fein wird,
jo ein Denkmal jegen? Da müht’
wohl auch der Pflug hinaufkommen.
Hier ift die Grenze Wie liegt
das Defterreicherland fo tief unten!
Und dort weit draußen Hinter ben
ein gutes Frühftüd? — Wie, daß | Feljen die graue Ebene mit den Hei-
ih heute, und fo früh jchon an's nen weißen Punkten. Dort fteht fidher-
Efien dachte? lih die Mienerftabt.
Am Ganzftein ftand ich ftill und Als ich jenſeits hinabjchritt, war
blickte hinan zur Felswand, bie über | die Straße recht einfam und ich hörte
den Tannenwald aufragt. In diefem nichts, als manchmal einen fernen
Felſen ſoll ein großer Schat verbor- | Pfiff Herüber von den wilden Wänben,
gen jein — ein Sonntagskind könnte in denen der Eifenbahndrache feine
ihn heben. Ob ich ein's war? Wozu | Höhlen und Löcher gebohrt hat. In
auch, Hatte ich doch mein Lammelgeld ſolcher Fremdheit Hub ich mich ſchier
in ber Tafche. an zu fürchten.
In Müurzzuſchlag ſchnalzten ſchon Bevor man noch in das Thal von
die Fuhrleute durch den Markt, und Schottwien hinabkommt, ſteht rechts,
beim Fleiſchhauer und beim Bäder abſeits von der Straße, eine Kirche
gingen Weibsbilder mit Hanbkörben mit zwei Thürmen — Mariaſchutz.
aus und ein. Am Eckhauſe ſaß ein | Ich ging Hin, um bie von meinen
544
Eltern ausbedungene Andacht zu ver: ich wieder um ein Mittagseffen an
richten. Sch habe feither für mich jelber | und befam ebenfalld Sauerkraut. Es
faum einmal jo finblich gebetet, als | jchmedte etwas minder, aber ich fagte
damals für die Säue daheim, welche | Bergeltsgott und ging. Als ich hier:
ung eine böſe Krankheit dahin zu raf- auf in ſchöner Beharrlichkeit beim
fen drohte, eine Krankheit, die etliche | Nachbar das brittemal um ein Eſſen
Tage früher bei einem der Nachbarn | bat, fluchte mich der Hausherr zur
das ganze, hoffnungsvolle Schweine: | Thüre hinaus; ein „Bettelgefinbel“
völflein unter die Erde gebracht hatte.
Ich bebauerte einen ſolchen Verluſt
allerdings auch darum, weil er uns
für's nächſte Jahr den Weihnachts—
und Oſterbraten raubte, zumeiſt aber
darum, weil ich das Leid meiner Mut—
ter erwog, deren einziges Glück es
war, uns zuweilen einen guten Biſſen
auf den Tiſch zu bringen. Als ich der
Mutter gedachte, hub ich an zu ſchluch—
zen, ſchämte mich aber dann vor der
lieben Frau auf dem Altare, weil
dieſelbe leicht vermuthen konnte, ich
weine um die Säue.
Dann ſaß ich unter der Linde und
das Herz war mir ſo weich geworden,
daß ich ſann, wie es wohl wäre, wenn
ich nun wieder umkehrte.
Aber Wien! Das Kaiſerhaus und
der großmächtige Herr, der es mit uns
Bauersleuten ſo gut meinte!
Ich wanderte weiter. Wanderte
durch Schottwien und zwar eiligen
Schrittes, bevor von den drohenden
Hängen ein Felsblock niederging; wan—
derte an Gloggnitz und anderen Orten
vorüber, ſah merkwürdige Häuſer und
Schlöſſer mit kirchthurmhohen Rauch—
fängen. Jetzt zog auch wieder die Ei—
ſenbahn neben der Straße hin und
ſie war ſo glatt und eben wie früher,
und man ſah es ihr nicht an, daß ſie
aus unterirdiſchen Wildniſſen kam.
Hinter Gloggnitz fiel es mir ein,
das Lammelgeld wäre auch nicht un—
vergänglich und der reiſende Menſch
müſſe Alles probiren auf der Welt.
In einem Bauernhauſe hielt ich um
ein Mittagseſſen an und bekam Sauer—
kraut.
Vergeltsgott und dachte bei mir: Jetzt
wenn ich nur noch einen Speckknödel
hätte!
bekam ich nachgeworſen — an dem
hatte ich lange zu würgen, es ſättigte
mich und ich habe das Fechten nicht
wieder verſucht.
Die Straße war heiß, die Felder
ringsum waren grau vor Staub. Die
Kuhlederſchuhe weten die Ferſen heiß
— aber das wird Alles gut fein, jehe
ih nur erjt den Stefansthurm.
ALS ich zu den Häufern und Bär:
ten fam, auf deren Ortstafel das Wort:
„Neunkirchen“ ftand, waren die Berge
weit zurüdgetreten und mit ihnen auch
die Sonne. Die Pappeln, die an ber
Straße ftanden, warfen lange Schatten.
— Herberg nehmen? Nein — ein
rechter Waldbauernbub kommt vor
Mitternacht leicht noch nach Wien.
Auf der jchnurgeraden Straße, bie
über das Steinfeld führt, ging ich hin.
Links die Bergkette mit ben röthlich
grauen Wänden, die fich immer weiter
zurüdzog ; rechts die unenbliche Ebene,
auf die dad ganze graue Firmament
niedergejunfen war. Die Straße war
ftil und verlaffen, nur an der Bahn,
die zur linken Hand mit ihren zmei
Strängen Hinzog, braufte bisweilen
ein Eifenbahnzug vorbei und bie Bahn-
wächter zogen blutrothe Kugeln auf
die Höhe. — Ad, was müſſen die
Leute für Geld haben, die fo Luitig
eijenbahnfahren können! Da rutjcht
juft Einer gegen Wien hinaus. Wenn
der Zugführmann wüßte, wie mich
der Schuh weht, er nähme mich mit;
eined ſolchen Bübels wegen dürfts
doch nicht um ſo viel ſchwerer gehen.
Dann kam der Föhrenwald. Die
Es ſchmeckte, ich ſagte ſchön Sonne war trüb hinter den blauen Bergen
niedergegangen; es hub an zu dunkeln
und ich ſah es ordentlich, wie hinter
Bei dem nächſten Hauſe hielt der weiten Ebene die blaue Nacht her—
545
auflam. Leibhaftig! Daheim im Ge-
birge war der Tag da, oder es war
die Naht da — aber jo von weiten
herankommen hatte ich die Finfterniß
So ging es denn fort durch die
Naht und durch den Wald und immer
‚duch die Naht und duch den Wald.
E3 war mir angjt und bang.
niemals gejehen ! Endlih tauchten vor mir in ber
Jetzt wird doch bald wo ein Dorf | Ferne Kleine Lichtlein auf. E3 wurden
ftehen ober ein Haus auf dem hand: | deren immer mehr und zuletzt lag
ebenen Boden. Nicht ? Föhrenwald und | ein langer Streifen von Lichtern und
Föhrenwald. Dort wird er gar, dort | Über demjelben ragte dort und da eine
heben die Felder an. Ja, aber nur dunfleMafjeempor. Nun war ich plög-
ſchmale Streifen, Haideitreifen, dann lich friſch — jegt fand ich vor Wien.
wieder Föhrenwald. Die Bäume waren | Vor Wien, wie einft der Türke! aber
Hein aber langäjtig, zwifchen den röth: ich ziehe ein und belagere es mitten
lichen Stämmen jah man tief in die in der Stadt. — Sie find ſicherlich
Dunkelheit hinein. Mein Schuhwerk noh Alle auf und figen in ihren Häu—
war jchneeweiß vor Staub, aber ih
vergaß, daß es mich gedrückt hatte,
ih vergaß, daß ich müde geweſen
war — ich ging und ging.
Die Sterne waren aufgegangen;
e8 waren Bekannte von daheim darun:
ter, es war die NRomftraße da. —
Wenn ih in Wien gewejen bin, dann
gehe ih auch einmal nach Nom und |
richte beim heiligen Vater einen jchö-
nen Gruß aus vom Kaiſer Joſef. —
Wenn der grünfunfelnde Stern dort
noch um eine Klafter höher fteigt, fo
ift die Geifterjtunde da. Die Geilter-
ftunde mitten in einem großen fremden
Wald ... Daheim werden fie jeßt
von mir reden. — Mein, wo wird
der Peter! jchlafen? wird die Mutter
jagen. — Oh, wird der Pater ant-
worten, der hodt jchon lang wo in
einem warmen Neſt. Dem, wenn er
Ihon in Wien ift, läßt der Kaiſer ein
Bettitadel aufichlagen im Dachboden. . .
Diefes Wien ijt doch meit weg.
Wenn nur noch ein Wirth auf ift,
bis ich hinkomm'!
Hie und da ſah ich ein Licht lim:
mern, bald blau, bald weiß und bald
toth, aber es war fein Gejpenft uud
es war fein Wirthshaus, es war von
der Eiſenbahn. — Was den Stod
betrifft, jo hielt ich's für gerathen,
ihn nicht zu feit auf die Straße zu
jern beijammen um den Tiſch oder
fie ſpinnen und erzählen fih Gejchichten.
Ich brauchte noch eine Weile, bis
ih hinkam, aber endlich jchritt ich
über lauter fteinerne Platten, und um
mich ragten die dunklen, hohen Häufer
auf. Vor den Häufern auf freier
Straße brannten Laternlichter aus ei-
fernen Kerzen hervor und fie waren
jo groß und breit wie ein Schwalben:
Ihwanzfalter, wenn er die Flügel aus:
ftredt. — Hinter gläfernen Wänden,
‚die noch viel jchöner beleuchtet waren,
als daheim zu Weihnachten das Krippel
‚in der Kirche, lagen Backwerk, Wiürfte,
Tücher und allerlei Dinge. Und da
gingen Leute herum, links und rechts,
auf und ab, und jo oft ih au Einem
vorbeifam, hob ich die Krempe meines
Hutes ein wenig und ſagte „Guten
Abend“. Aber es hörte mich Keiner ;
das war ein Geräusch überall, noch
fpät in der Nadıt.
Jetzt Stand ich vor einem Haufe,
das hatte auf feiner Wand mit großen
Buchſtaben aufyejchrieben, wie e8 hieß:
„Zum goldenen Hirſchen“. In das
ging ich hinein und bat um Herberge.
Der Wirth ſah mich an, und als ob
ih ihm zu groß gemwejen wäre, jagte
er: „Kein Platz“.
Ich fand wie niedergedonnert ba
und ich verwett’ was d’rauf, daß ich
zu Hagen anhub, wenigjtens weiß ich,
ftoßen. Möglichit fill Hinfchleichen, baß | daß die Wirthin daherfam und mich
man feinen Räuber aufwedt! —
Bofeggers „„Heimgarten‘‘ 7. Heft,
dem Hausfnecht überlieferte, mit dem
35
546
Bedeuten, daß er mir in irgend einem | Bein, als er jo lachte und mir jagte,
Winkel des Haufes eine Liegerftatt
anweiſen möge. Der Hausfnecht über:
gab mich einer Magd. Wenn ich dem
Wirth etwa zu groß war, jo war id)
der vielleicht zu Fein — fie wollte
die Auffiht über den Jungen nicht
übernehmen und führte mich zum Stall-
fnecht.
Der Stallfxecht fettete feine Peitſche
ein und fagte zu mir: „ch merk,
dih ſchummeln fie im ganzen Haus
herum”. Da brach ich in helles Mei:
nen aus,
„Du Lapp!“ rief er, „hier zwi:
Ihen den Röſſern legſt dich nachher
auf's Stroh — gibſt halt Obadht,
daß du im Schlaf dem Braunen nicht
unter den Bauch Fugelft, jonft bift des
Mauſes. — Seh, magft ein Stüdel
Speck?“
Er aß Speck und Brot und ich
war ſein Gaſt. Dann ſchlief ich zwi—
ſchen den ſtampfenden, ſchnobenden
Röſſern. Und am anderen Morgen,
als anſtatt der Stalllaterne durch ein
trübes Fenſter der Tagesſchein fiel,
ſah ich, wie zwiſchen mir und dem
Braunen ein Scheidebrett aufgerichtet
worden war, das mich vor Gefahr be—
ſchützt hatte.
Ich kleidete mich an und fragte
meinen Herbergvater, was ich ſchuldig
wäre für’8 Dableiben.
„Seh nur, geh“, antwortete der
Stallfnecht, „wirft jo viel Geld nicht
im Sad haben.”
Aber ich Tegte ein Vierkreuzerſtück
auf die MWandleifte, wo er feine Klei-
derbürfte, den Tabakbeutel und das
Nafirzeug hatte.
Hierauf fragte ich ihn, was er
mir rathen könne, daß ih in Wien
zuerft anfangen jolle.
„Willſt nah Wien?” fagte er.
Da mag ich ihn angeglogt haben.
„Sa, wo bin ich denn?” flam:
melte ich, „bin ich nicht in Wien?“
Es iſt erjchredlich, wen fo ein
Stallknecht auflacht aus feiner ganzen
Bruſt. Mir ging’ durch Mark und
daß ih nicht in Wien, jondern in
Wiener Neuftadt wäre und daß ich
noch eine ftarfe Tagreije bis zur Kai—
jerftabt hätte.
Umfehren? nein. Ich machte mid)
in Gottesnamen wieder auf die Wan:
derung. Als ich in's Freie trat, war
das Straßenpflafter jo glänzend, daß
die Leute, die mit Regenſchirmen hin
und ber eilten, fich faft darin ſpiegel—
ten. In den Dachröhren rauſchte es
und von dem grauen Himmel riejelte
e3 nieder. — Macht Alles nichts;
regnet es, jo ift’3 fühl.
Noch ein Blick auf die zwei Thürme,
die hoch oben durch eine Brüde ver:
bunden find, des Weiteren hatte dieſe
Stadt, die nicht Wien war, für mich
feinen Reiz. Hinaus ging’3 auf ſchlam—
miger Straße in den büfteren Tag.
Ich kam zu einem Laubwald, in
welchem ein zerftreutes Dorf lag —
Therefienfeld. — Kommt der Name
von Maria Therefia, der Mutter des
Kaiſers? — Wieimmer, ich nahm hier
mein Frühſtück, eine Schale Rindjuppe.
Die gab neuen Muth. Dann ging’s
wieder fort und fort.
Was doch des Vaters Hut werth
it — und ſchon gar in der Fremde!
Mie auch der Regen riefelte, der Fleine
Knirps unter den breiten Krempen blieb
troden weit hinab, und hätten bie
Füßlein nicht immer nad vor= und
rüdwärts ſchlagen müſſen, fie wären
auch noch geborgen gemwejen. Aber
ſchwer wurde diefer Hut und noch
tiefer fanf er über die Augen herab.
Ein Kälberwagen knarrte baber;
den Fuhrmann bat ih um Unterftand,
da hob er mich unter das Gedache zu
den armen gebundenen Thieren hinauf.
— Kälber, fommt ihr etwa auch aus
Steiermark? und fahrt nah Wien?
Ihr wäret beifer daheim geblieben auf
den grünen Weiden, für euch ift die
Kaiferftadt fein guter Platz. — Der
Gedanke wurde mir jo unheimlich, daß
ich wieder auf die Straße jprang unb
in Regen und Schlamm weiterwatete.
547
Wie waren in diefer Gegend die
Wolfen träge und jchwer, fie lagen
ganz auf dem Erdboden! Ich zählte
die Straßen: und Meilenfteine, las die
Tafeln und Wegweiſer und immer
öfter und öfter zeigte fich ber Name
„Bien“. Darum wurde ich an diefem
Tage weder hungerig noch durjtig noch
müde. An Dörfern, Märkten und Städ—
ten muß ich vorbeigezogen fein, ohne
fie vor Negen und Nebel gejehen zu
haben. Endlich, zur Nachmittagszeit
erhob fih ein Luftzug, der zerjtreute
die regnenden Nebel; ſie ſchoben fich
in dichten Ballen an den fernen Ber:
gen zufammen, fie lagen in langen
Streifen auf der weiten Ebene und der
Himmel wurde blau.
Aber die Gegend war öde. Dort
in der Weite gab es noch manchen
Thurm, manden Schlot, mandes
Schloß, mande Ruine. Aber in der
Nähe nichts, als gelblich = cothe Erde
und Ziegelbrennereien. Kaum ein Baum,
ein Strauch; eine traurige Haide. Ich
hätte nicht geglaubt, daß das ebene
Land, welches mir ftet3 al3 das deal
einer fchönen, fruchtbaren Gegend vor:
geſchwebt war, jo ödweilig jein könnte.
Und die große Stadt, follte fie denn
nicht zu finden jein? Hier war ja faft
die Spur verloren. — Nur rüftig
weiter. Die jehr breite und mit vielen
ſchweren Fuhrwerken belebte Straße
ging etwas bergmwärtd, einer ſanften
Höhung zu, auf der eine Säule ſtand.
Als ich näher fam, wuchs die Säule
und zeigte allerlei Zaden und Sta—
tuen. Und hinter derjelben aus einer
Thalung huben jeltjame Dinge an
aufzutauchen. Zuerſt ein Thurm, dann
ein zweiter, dann Dächer, dunkle Grün:
de, dann eine Kuppel um die andere,
dann Thürme und Thürme, Zaden
und Spigen joweit das Auge reichte,
— ein dunfelgraues Meer, inmitten auf:
ragend hoc) eine ſchwarze, ſchlanke Nabel.
Nun — das mwar’d. Das war
Wien — mußte es fein! — — War
zwar ganz anders zu Sehen, als ich mir
| gedacht hatte. — Weiße Häufer, friſche
ı Gärten vor denjelben, Schöne Schlöffer
mit goldenen und füibernen Zinnen, Kirch:
thürmen, einer nach dem andern mit zin-
noberrothen Zwiebelköpfen — das war
mein Wien gewejen. Hier aber die
verworrene, unabjehbare Maffe von
Ihmwarzen Flächen, Giebeln, Würfeln,
Schiefecken, taufendfältig ineinander
verflemmt, verichoben und dazwiſchen
finfterragende Maffen — dort und da
ein Knopf, eine Scheibe funfelnd. Und
über all dem ein mattblauer Rauch—
ichleier, der Alles noch mehr verwiſchte
und verwirren machte. So habe ich’3
gefunden.
Ich Hatte mich auf eine der ftei-
nernen Stufen gejeßt, welche die Säule
umgaben und hatte hinausgeſchaut.
Ein jeltfames, dumpfes Geräuſch war
in der Luft und da unten fott und
fochte e3, ſummte und braufte e8, daß
e3 gar nicht zu jagen war.
Seht trat die Abendjonne hervor
und da hub es auf dem meiten, dun—
keln, vielgeftaltigen Grunde herrlich an
zu gligern, zu funfeln. Und das war
die Kaiſerſtadt. Da ftand der Türke,
da ijt die wilde Revolution geweſen
und die Veit, und da hat ber liebe
Auguftin gelungen. Ich hatte wohl da-
von gelefen! Das ift die Stadt des
guten Kaifers Joſef. — Welches nur
das Kaiferhaus fein mochte und wie
ih es morgen würde finden können
aus al’ den andern heraus? Und
dann — was ich jagen würbe, wenn
ih vor ihm ſtünde? ...
Arges Peitſchenknallen der blau:
fitteligen Fuhrleute jchredte mich aus
meinem Sinnen. Ich ftand auf, ordnete
meinen Anzug in den nöthigften Stüden,
bog den vor Näffe fteif gewordenen
Filzhut hübſch zurecht, reinigte im
Gras die Schuhe und ftieg dann hinab
| gegen das wilde Meer der Weltjtabt.
(Schluß folgt.)
85*
Kleine Laube.
Ueber die Aufbewahrung des Ber:
mögens.
Von Dr. Ed. Haile,
Ich bin überzeugt, daß Jeder von
Ihnen oft gehört oder gelefen hat, wie
man Früchte, Gemüfe, Gurken, Para:
beisäpfel aufzubewahren hat, ja jogar
Fleiſch und Fifche jahrelang vortrefflich
erhalten Fann.
Wie man aber fein Vermögen vor
den Mäufen, auch Diebe genannt, zu
Ihügen babe, darüber hab’ ich nod
nichts gelejen.
Nun bemerfe ih, wie die jüngere
Zubörerfhaft unruhig wird. „Wieder
von dem abgejchmadten Gelde! Wenn
wir eine® haben, fo geben wir es aus;
haben wir feines, fo befommen mir
es leicht." Sie haben auch ganz recht
fo zu fpreden, Sie, die Sie jung,
Ihön und liebenswürdig find; Seber:
mann kommt Ihren Wünſchen ent:
gegen, Eltern, Großeltern, Tanten und
Onkel beeilen ſich, Ihnen Freude zu
machen.
Leider bleibt das nicht ſo; mit der
Zeit werden wir alt und unſchön und
wenn wir auch unſern allerletzten Freund
verloren haben, ſogar übellaunig und
mürriſch. Hat ſich doch die Welt ſo
geändert, die Leute ſind nicht mehr wie
ſonſt, freundlich und gefällig, ſondern
abſcheulich intereſſirt geworden.
Nicht die Liebe, ſondern das Inter—
eſſe hält die Welt zuſammen.
Nun fragen Sie: „Wer iſt denn
der ſeltene, brave Freund? wie er—
halten wir ihn, um ihn ja nicht zu
verlieren?“ Dieſer letzte beſte Freund
iſt das Vermögen, das uns Fleiß oder
ein gütiges Geſchick zugeführt hat.
Wer anfängt, etwas zurüdzulegen,
wendet fich zuerft an die Sparcaffe, ein
vortreffliches Inſtitut, welches nebft der
größten Sicherheit und guter Berzinfung
noch den Vortheil gewährt, jederzeit
feine Einlagen ganz oder theilmeife zu:
rüdzuerhalten.
Dort befommen Sie ein Büchel, in
weldem auf Ihren eigenen Bor: und
Zunamen, der Betrag mit Ziffern und
Buchſtaben ausgefchrieben und von drei
Beamten der Anftalt beftätigt ift.
Etwas Sichereres, Befjeres und Be:
quemeres läßt fih gar nicht denlen.
Aber wohin legen wir dieſes Büchel,
damit es uns nicht gejtohlen wird ? In
den Kaften etwa zwiſchen die Wäſche,
in den Koffer tief unten, oder gar ins
Bett, denn eine eiferne Kafja befigen
wir nicht. Aber unfere Schlöfjer, wie
ichlecht find fie! Geht ein Schlüffel ver:
loren, jo findet fi bald im Haufe ein
zweiter, ber auch jo gefällig ift, aufzu:
ſperren.
Eines ſchönen Tages wollen Sie in
die Sparcaſſe gehen und das Büchel
mitnehmen, doch Sie finden es nidt.
Wenn uns etwas fo plöglic abhanden
fommt, halten wir es anfangs gar nicht
für möglid; es ift uns, als wenn ein
Wunder gefhehen wäre. Wir fuchen
zehnmal an demfelben Orte, wir trauen
uns felbft nicht, ob wir es nicht ver:
legt haben fünnten, wir durchwühlen
Alles und finden doch nichts. Endlich erzäh—
len wir davon fchüchtern unferer Umge:
bung; „jeder rathet uns, nur glei in
der Sparcafje die Anzeige zu machen, auf
unjern Namen ja nichts zu verabfolgen.
549
%
Wir eilen Hin, denn dort herrfcht
die größte Ordnung, es wird nachge—
ſchlagen und gefunden, daß diefes Büchel
vor 8 oder 14 Tagen gänzlich behoben
worden ift. „Wie ift das möglich auf
meinen Namen ?* — „Das fümmert uns
nichts, wer das Büchel bringt, ift ber
Eigenthümer für uns”, ift die Antwort.
Mas bleibt zu thun? die Polizei; ben
Dieb fangen. Möglich, daß er das Geld
noch bei ſich trägt — gewöhnlich Alles
verloren.
Der Zufall machte mich einige Male
im Leben zum Zeugen des Jammers
und der Entrüftung der Armen, Die
das in langen Jahren mühſam Erfparte
durh die Schledhtigfeit eines Andern
verloren hatten. Es war ja der Noth:
pfennig für Krankheiten und Alter.
Manche erholten ſich nie mehr von diefem
Schlage; fie bereuten fogar, es vom
Munde abgefpart, ſich die Hände mund,
die Augen halbblind gearbeitet zu haben,
damit ein Elender es verfchleudere und
verprafle; fo wurden dieſe Armen leicht:
finnig und verfamen.
Ich dachte viel darüber nad, ob
diefem Uebelftande nicht abzuhelfen fei
und warum das von der Sparcaije felbit
angebotene Mittel, genannt „der Vor:
behalt“, nur fo wenig benüßt werde.
Es kann fih ein Jeder vorbehalten,
daß nur gegen feine eigenhändige Un:
terfchrift oder an einen Andern nur
gegen eine rechtöfräftige Vollmacht die
Rüdzahlung geleiftet werde. Wenn mir
aber bedenken, daß Leute, die ſehr ſel—
ten fchreiben, noch feltener fich unterfchrei=
ben, wie die dienenden Claſſen, Land:
leute, Arbeiter, eine Kinderfchrift haben,
beinahe Einer wie ber Andere ohne
harakteriftifhen Zug, ja daß der Unter:
ſchreiber nicht einmal fich felbft zutrauen
fann, daß er nad Sahren gerade eben:
fo unterfchreiben werde und dadurch in
Fatalitäten fommen könne, daß aud
leicht feine Schrift nachgemacht merben
fann, fo ift diefes feltene Benützen bes
auöftellen, was mit Auslagen und Schwie-
rigfeiten verbunden ift, die fih nidt
lohnen; auch muß er eine Menge Leute
von feinem Befite und feiner Verlegen:
heit in Kenntniß jeßen, anjtatt einfad)
durh fein Weib oder feinen Freund
das Geld holen zu laſſen.
Endlich fiel mir das einfachſte Schuß:
mittel ein, welches ein Kind hätte er:
finnen können. Man ſchneide ein Stüd
des erften Blattes ab, am beiten von
oben rechts, einen Ausfchnitt von 2 Zoll
breit und 3—4 Bol lang. Auf die:
fem Ausschnitte befindet fih die Ein:
lagszahl und einige Unterjchriften der
Beamten. Diefen Zettel hebt man ſepa—
rat gut auf, was bei einem fo Fleinen
Gegenftande leicht ift. Dadurch ift das
Büchel in zwei Theile getheilt, in Kör—
per und Seele; ein Theil allein ift
nichts als ein werthloſes Stück Papier.
Bringt der Dieb das Büchel allein, fo
wird es als verdächtig zurüdbehalten,
vom Auszahlen ift feine Rede. Bemerfe
ih den Verluft nad Wochen, fo melde
ih ihn ganz ruhig an, zeige den Ab-
fchnitt vor und lafje das Büchel ungil-
tig erflären, meine Intereſſen Taufen
weiter, bis ich das Neue erhalten habe.
Körper und Seele wird wohl der Dieb
bei einigem Berftande und Vorſicht nie
zufammen befommen.
Um nebft einigen Zeitungsartifeln
über diefen Oegenftand die Sache zu
verbreiten, erſchien von mir in Roſeggers
Volksfalender vom Jahre 1877 eine
Erzählung: „Das GSparcafjebüchel”,
worin ich meine Anficht möglichit Teben-
dig und praktiſch darftellte.
In Folge defien erhielten Herr
Rofegger und ich jelbft viele Briefe
und Anfragen über die Ausführbarfeit
von Seite der Sparcafje; ob man nicht
etwa Unannehmlichkeiten ausgefegt fei.
Um eine beutlihe Antwort geben zu
fönnen, legte ich den 29. November 1876
in die fteiermärfifhe Sparcaſſe in Graz,
welche nad der Wiener die Erfte der
Vorbehaltes erklärlich. Wird der Be: | Monarchie ift, 50 fl. ein und erhielt
fiter frank und braudt einige Gulden, | dagegen das Büchel Poft:Nr. 10065,
fo muß er eine rechtäfräftige Vollmacht | Einlagszahl 335174. ch fehnitt ein
550
vierediges Stüd, 2 Zoll breit, 3 Zoll
Noh habe ich die Bemerkung zu
lang, von der obern rechten Ede ab, |beantworten, daß es geſchehen könne,
worauf fi) die Einlagszahl, ein Theil | daß beim Tode des Beſitzers des Bü—
meines Vornamens und die Unterfchrift | held das fehlende Stüd derart verbor-
von 3 Beamten befand, um es bejon: | gen wäre, daß es nicht aufzufinden ift-
ders zu verwahren und das Büchel da:
durch werthlos zu machen. Den 15. De:
zember 1876, bevor ich in die Spar:
cafje ging, um 30 fl. zurüdzunehmen,
befeftigte ih das Stüd genau anpaj:
ſend, einen Zoll unter dem oberen
In diefem Falle wird die Verlaf-
jenfchaftsbehörde den Ausfchnitt amorti-
firen und die Erben find immer noch
befier daran, etwas zu warten, ala
wenn der Berftorbene in feiner Aengft:
lichfeit das ganze Büchel ebenjo geheim
Rande, der Breite nad) mit einer Heiz | verftedt hätte, fie müßten dann da—
nen Sicherheitsnadel, um jedes Herab-
fallen zu verhindern, durchſtach dabei
von gar nicht? und die Einlage wäre
verloren.
aud) das zweite Blatt des Büchels, um Ich erlebte felbit einen Fall, wie
eine fejte Unterlage zu gewinnen. Das klug mande Leute im Verbergen find.
Häfen kam an die Vorderfeite. Weis | Im Jahre 1860 legte ich im Keller
ter unten bediente ich mid) einer Sted= | meines Landhauſes ein Champignonbeet
nabel, um die beiden Theile an das an, dabei fand ich eine große Flafche,
zweite Blatt feſtzumachen. Jede Linie, |die jorgfältig verfiegelt war, ein zu:
jeder Buchftabe paßte zufammen und | jammengerolltes Papier war der Inhalt.
fein Herummerfen konnte den Zufam: Es beitand aus ſehr gut erhaltenen
menhang ftören. Ich hätte mich auch Wiener Bancozetteln vom Jahre 1800,
einer Nadel und des Zwirns bedienen | die ganz werthlos waren.
fönnen, was vielleicht noch leichter wäre. Nun wollen wir einen Schritt wei:
So vorgerichtet, übergab ich das Büchel |ter gehen. Die meiften Befiger von
dem betreffenden Beamten, diefer bejah
e3 genau, wendete ſogar das Blatt um,
fchrieb dann ein, ohne eine Bemerkung
zu maden. In gewöhnlicher Ordnung |
Staatspapieren legen diefe an
einen ſichern Ort, fchneiden aber aus
Vorficht die zwei nächſten Coupons ab,
um im Falle eines Diebjtahls ſich aus:
erhielt ich die 30 fl. und das Büchel weiſen zu können und Zeit zur Amor:
mit der Unterfchrift von 3 Beamten und | tifation zu gewinnen. Damit glauben
Bormerfung des Reftes von 20 fl. zurüd. | fie gefiert zu fein, weil Niemand foldhe
Diefes Vorgehen der Sparcafje be: | Papiere faufen wird, an denen zwei
weiſt es klar, daß diefelbe gegen das | Coupons fehlen. Das aber ift ein gro-
Schugmittel feine Einwendung macht, | Ber Irrthum. Auch ſolche Papiere wer:
wenn es genau ausgeführt wird. Na: | den von den Wechslern um einen min-
türlicherweife kann bei einem Inſtitute deren Cours gefauft, da mande Leute
von folder Ausdehnung, wo oft Hunderte | ihre Coupons früher in der Noth ver:
von Perfonen warten, dem einzelnen feine | faufen oder verfegen, daher der Ankauf
befondere Zeit gewidmet werden, um von derlei Obligationen nicht verboten
ihm das Anpafjen und Befeftigen zu it. Einmal aber in der Hand bes
bejorgen.*)
*) Im Falle das Publitum den Wor-
ſchlag acceptiren follte, würden die Sparcaffen
vielleicht gut thun, das Sparcaſſebüchel mit
einem Coupon zu verfehen, der bequem abge-
trennt und angefügt werden könnte und ohne
den ein Büchel ungiltig wäre. — Wir begmü-
gen und damit, diefer wohlmeinenden Anregung
in unferm Blatte Raum geboten zu haben.
Die Red.
Wechslers, ift jede Amortifation verge:
bens, da er als rechtlicher Beſitzer be—
trachtet wird. Benützen Sie dasfelbe
Verfahren wie beim Sparbüchel für die
Papiere. Die meiften betehen aus einem
Umſchlagbogen, Staatsſchuldverſchreibung
benannt, und aus einem zweiten mit
den Coupons und dem Talon. Schneiden
Sie von der Schuldverſchreibung ein
551
vieredige® Stüd oben links mit einem |
Theile oder der ganzen Nummer heraus,
und fein Wechsler wird, noch darf ein
Papier faufen, welches den Stempel des
Diebftahls an ſich trägt, nur müfjen Sie
die zwei Coupond und den Ausjchnitt
feparat und gut verwahren.
So fomme ih zu dem Ausfprude:
„Der Ausfhnitt ift die eim
brudfidere Caffe des kleinen
Beſitzers.“ Diefen Ausfchnitt benö-
thigen Sie nur, wenn Sie einmal die
Obligation verlaufen wollen, dann Ele:
ben Sie, wie bei zerrifjenen Banknoten,
ein Stück gummirte® Papier auf die
Nüdfeite, was gar feinen Anftand hat,
da die Nummer der Coupons oder des
Talons die Zufammengehörigfeit be:
weit.
Nun no einen Schritt weiter. Der
Pack der Papiere ift groß, ebenfo der
der Coupons und Abjchnitte, wir befor:
gen beſonders auf dem Lande Feuers:
gefahr. Eine eiferne Caſſe convenirt
uns nicht, fie macht zu viel Auffehen,
ift gleihfam ein Aushängſchild des
Reichthums, auch ift nicht jede Wohnung
geeignet eine fo große Lat zu tragen,
enblih hat ed Fälle gegeben... bejon:
der3 wenn man längere Zeit abmwejend
ift, kurz wir wünſchen Sicherheit ohne
Beobachtung.
Ich habe die Erfahrung gemacht,
daß viele Wohlhabende, ſelbſt der beſ—
ſeren Stände, den einfachen Weg nicht
kennen, den ſie da einzuſchlagen haben.
Die Nationalbank in Wien über—
nimmt Papiere und Loſe jeder Gattung,
jeder Höhe zur Aufbewahrung
gegen mäßige Gebühr ohne alle Um—
ſtändlichkeit, für die Zeit von 1 Monat
bis zu 3 Jahren. Nachdem man die in
der Zwiſchenzeit fälligen Coupons ab—
geſchnitten, bringt man die Papiere in
die Depofiten-Abtheilung der National:
banf, läßt fi vom Diener den Bogen
zur Einreihung ausfüllen und unter:
jhreibt ihn; die Gebühr beträgt von
1000 fl. monatlih 6 fr. von dem nad)
dem letzten Courfe berechneten wirklichen
Werthe. Sie befommen von der National-
banf einen Depofitenfchein mit Angabe
des Inhaltes und der Unterjchrift der
Direction. Die Behebung der Coupons
fowie weitere Verlängerung kann nur
gegen die eigene Unterfchrift in Gegen:
wart der Banfbeamten ftattfinden.
Die weitere Prolongation braudt
nicht pünktlich zu geſchehen, Tann viele
Monate früher oder jpäter ftattfinden,
da die Bewohner der Provinz nur
gelegentlih nah Wien fommen. Die
Prolongation ift fehr einfah: man be:
zahlt die neue Gebühr und erhält die
inzwifchen fälligen‘ Coupond. Um aber
für Verhinderungsfälle bereitet zu fein,
ift es gut, ſich eine Vollmachtsblanquette
in der Banf geben zu laſſen, welche
unentgeltlih verabfolgt wird. Entweder
nimmt man die fleine Vollmacht, womit
man mittelſt legalifirter Unterfchrift
irgend jemanden beauftragt, die Coupons
zu beheben und weiter zu verlängern,
oder die große, welche nebjtvem aud)
noch erlaubt, das Capital felbit ganz
oder theilweife zu beheben.
Die Nationalbank in Wien hat ge:
mwöhnlih 19 Millionen Depofiten, was
far für das allgemeine feitbegründete
Vertrauen fpriht, das dieſe Anjtalt
genießt.
Ghinefifhe Märden.
Anvergänglide Farbe.
Da lebte vor langer Zeit ein Zau:
berer. Zu diefem Zauberer famen die
Leute mit all’ ihren großen und kleinen
Anliegen, mit finnigen und unfinnigen
Bitten und mit gerechten und ungerechten
Zumuthungen.
Und der Zauberer Half und mill-
fahrte Allen, aber zumeift anders, als
fie erwartet hatten. —
So fam in einer dunflen, jtürmi:
fhen Naht ein verhüllter Mann zu
dem Zauberer und verlangte Hilfe von
ihm mit der Rebe:
„Ich bin ein armer alter Farben—
reiber und gehe dem Elende entgegen,
weil mein geftrenger Herr mir ob einer
552
matten Farbe feine Gunft entziehen
will.“ — |
Der Zauberer blidte in das Feuer,
da3 vor ihm brannte, und ſprach, ohne
nad dem gebeugten Manne umzuſehen:
„Du bift nicht arm, denn Du bift fein
Farbenreiber, fondern ein Maler, ein
Künftler; Du bift nicht alt, denn Du
zählft nur zwanzig Sommer; Du geht
nicht dem Elende entgegen, denn Du
bift ein Günftling der Großen; Du haft
feinen ftrengen Herren, fondern eine
milde Herrin, die Fürftin diefes Landes,
und Du weißt felbft am beften, wie es
mit den Farben fteht, die Du ihr be-
reitet.”
Da richtete ſich der gebeugte und
verhüllte Mann hoch auf, warf den
Mantel weg und blidte freudig auf
den Bauberer.
„Du bift ein echter Herenmeifter,“
rief er aus; „ed lohnt die Mühe
wohl, ein aufrihtig Wort mit Dir zu
ſprechen.“
Ohne Scheu vor dem unheimlichen
Feuer, in welchem ekliches Gewürm
umherkroch, trat der junge Mann an
den Zauberer heran, legte ihm ſchwer
und feſt die Hand auf die Schulter
und ſagte: „Sieh', Hexenmeiſter, die
Sache ſteht ſo: die Fürſtin malt und
malt tagaus, tagein, und es macht
ihr Freude, ſo lange die Farben friſch
und glänzend ſind, und da iſt ſie zu—
frieden mit mir und nennt mich ihren
braven Maler. Allein wenn das Bild
vollendet iſt und ich hinweggehe, dann
findet die Fürſtin die Farben matt und
grau und ſie hat keine Freude mehr
daran; dann nennt ſie meine Farben
ſchlecht und ſchwach und heißt mich
einen ungetreuen Maler.“
Da lächelte der grimme Zauberer
und antwortete: „Nimm drei Tropfen
von Deinem Herzblute und mache eine
Farbe daraus zur Vollendung des Bil:
des; es wird der Fürſtin gefallen und
wird ihr nie matt und grau erfcheinen. “
„Wie foll ic das Blut aus meinem |
Herzen nehmen?“
Maler. —
frug erjtaunt der
„Nimm diefe Nadel von Gold,”
fprah der Zauberer, „und ftih in
Dein Herz; aber nimm nicht weniger
Tropfen als drei, fonft hilft es nicht,
aber auch nicht mehr ala drei, fonft
ftirbft Du.”
Der junge Maler ergriff die Nadel
und eilte davon.
Am nächſten Abende, nad) wunder:
prädtigem Sonnenuntergange, da ſaß
die Fürftin des Landes auf dem großen
Altan ihres Palaftes und vor ihr jtand
der Maler mit dem Bilde, das ſie
jüngft vollendet und das ihr wohlgefiel,
wie noch feines.
Mit feuchten Auge blidte fie zu
dem jungen Manne auf und frug:
„Wird dies Bild auch wieder matt
und grau werden, mein Freund ?“
„Nein, meine Fürftin,“ rief der
junge Mann; fiel der ſchönen Frau zu
Füßen und umfaßte fie mit Xeiben-
ihaft, „nein, dies Bild wird immer
glänzend bleiben und Dir immer ge:
fallen; ich habe die Farben nad dem
Worte des Zauberer mit meinem Herz:
blute bereitet, aber ih muß nun jter:
ben, weil ich des Blutes zu viel ge:
nommen, damit die Farbe ewig dauern
ſolle. — Ich will nidt fterben, ohne
Dir zu jagen, daß ih Di liebe.“
Und die Fürftin ließ fich fefthalten
von dem jungen Manne, fie füßte ihn
auf Stirn und Mund und beſchwor
ihn, nicht zu fterben, und nur feines
Wortes habe fie beburft, um alle
Narben und alle Welten ſchön und
glänzend zu fehen in alle Ewigfeit.
Als die Sonne wiederfam und die
Glücklichen befhien und als fie fühlten,
daß fie beide lebten, da verjtanden fie
das Näthfel von der Farbe:
Das ausgeſprochene Liebe
wort war es, das der Farbe den
Glanz gebradt, und der Glaube an
diefe Liebe war's, der den Glanz feit-
hielt, auf daß er nie verfchwinden fonnte.
Ss. Auegg.
553
Der Alte am Brunnen.
Die Gründer der drei Religionen :
Buddha, Laotfe und Kongtfe unterhiel:
ten fi einftens im Schattenreiche über
ihre Beftrebungen und Erfolge und fa:
men überein, daß das Menſchengeſchlecht
im Argen liege.
Da entſchloſſen fie fi, nochmals
zur Welt unterhalb des Mondes zu
fteigen, um Leute zu finden, geeignet,
die vergeflenen Lehren der Tugend und
Gerechtigkeit zu erneuern.
Viele Länder und Städte haben
die drei Weifen durchzogen; fie haben
Niemanden gefunden. Da verließen fie
die bemohnten Gegenden, überſchritten
Wüſten und Einöden und find gemaltig
durftig geworden. Jetzt fahen fie eine
Quelle, neben ihr einen alten Mann,
der fie bewachte.
„Gehe du hin, Buddha, und bitte
um Waſſer,“ fpraden Kongtſe und
Laotfe, „Dir ift das Betteln angebo:
ren, man fieht’8 an Deinen zahlreichen
Schaaren von Bettelmönden. ”
„Wer bift Du?” fragte der Alte
den Bubbha.
„Ih bin Schakiamuni,“ ſpricht
diefer, „der ehemals im Weſten er:
ſchienen.“
„Ei, ei, Du biſt der berühmte
Buddha, von dem ich ſo viel gehört,
Du giltſt für einen gutherzigen Mann,
Dir werde ich auch Waſſer geben, ſo—
bald Du mir eine Frage beantworteſt.
Ihr Buddhiſten ſagt: Alle Menſchen
ſind gleich, warum habt ihr denn doch
ein Dalai Lama, Pfaffen aller Art,
Aebte und Aebtiſſinnen, Mönche und
Nonnen aller Kutten?“
Buddha verneigte ſich und ging davon.
Laotſe trat auf.
„Wer biſt Du?“ fragte der alte
Mann.
„Ich bin Laokieu.“
„Ah, ah! Stifter der Taolehre, ich
kenne Dich; Du haſt einen guten Na—
men. Waſſer bekommſt Du, ſobald Du
mir eine Frage beantworteſt. Ihr Tao—
leute rühmt euch des Trankes der Un:
fterblichkeit,
nicht ?”
„Natürlich befiten wir fol’ ein
Geheimmittel, Du fiehit ja, mich Hat
es unfterblich gemacht.“
„Nun, Lao,“ ſpricht der Alte,
„warum warſt Du ſo der kindlichen
Liebe vergeſſen und haſt Deinen Vater
ſterben laſſen?“
Meiſter Lao kommt in große Ber:
legenheit, geht zurück und ſagt zu
Kongtſe:
„Bruder, jetzt mußt Du zum un—
verſchämten Alten, wir beide, Buddha
und ich, ſind dem Kerl nicht gewachſen.“
„Wer biſt Du?“ fragte wiederum
der Greis.
„Mich kennſt Du nicht? Ich bin
Kong Tſchongei aus dem Lande Ku,
der erhabene, der weiſe, der einzige
Mann.“
„Ei ſo, ei ſo!“ meinte der Alte,
„ich kenne Dich jetzt ſchon, Du biſt
der allberühmte Kongtſe, der Lehrer
des Mittelreichs. Ach, wie könnte ich
Dich dürſten laſſen! Doch zuvor löſe
mir eine kleine Schwierigkeit. Deine
Vorſchriften über kindliche Liebe ſind
vortrefflich. Sagſt Du doch unter An-
derem: So lange deine Eltern leben,
gehe nicht weg, mußt du aber, ſo
bleibe wenigſtens an einem beſtimmten
Ort. Heda, warum ziehſt Du denn auf
und ab im Lande und kommſt noch in
dieſe wüſte Gegend?“
Auch Meiſter Kong muß ſich be—
ſchämt zurückziehen. — Nun ſetzen ſich
die drei durſtigen Weiſen und rath—
ſchlagen über den geſcheidten Alten
dort an der Quelle.
„Glück auf,“ ſpricht Buddha zu
den beiden Andern, „haben wir auch
kein Waſſer, ſo haben wir doch den
rechten Mann gefunden, um unſ're ver:
blihenen Lehren aufzufrifhen, und bie
Menſchheit zu erneuern.”
Da maden ſich alle drei zufammen
auf, gehen zu dem Greis und fchütten
ihr Herz aus. Der lächelt und fpridt:
„Meine lieben, auten Herren, Ihr
ſcheint gar nicht zu wiſſen, wer id
habt ihr fo was, ober
554
eigentlih bin. Seht mich einmal recht
an! Vom Haupt bis zur Bruft bin ich
rein, vom Magen bis zu den Scenteln
bin ich Fleifh und Bein, meine Füße
find von Stein. Bon Tugend und Ge:
rechtigkeit kann ich ein Langes und
Breite predigen und ſchwatzen; ich
fann ihnen aber nicht nachgehen, nicht
darnad leben.“
Die drei Weifen fehen fi ver:
wundert an.
Der Alte ift das Sinnbild des
Menſchengeſchlechts.
Traurig verlaſſen ſie die Erde und
erheben ſich wieder in die Räume
jenſeits des Mondes.
A. v. Friedrich.
Zwei böſe Geſchichten.
Eine drohende Haud.
Einſt ſaß ich in einem oberöfterrei-
chiſchen Dorfwirthähaufe und prebigte
gegen die Curpfufcherei. Einen Bauers-
mann hatten fie am felben Tage im
Dorfe begraben, den ein Quadfalber
behandelt hatte. Das war Waſſer auf
meine Mühle; ich zählte alle Fälle
von Eurpfufchereien auf, die ich wußte ;
Taube und Blinde, Lahme und Todte
ließ ih aufmarfdiren ala Opfer der
Winkelärzte, und dabei trank ih Moft.
Als ih mit meiner Predigt zur
Neige war, fette fih der Wirth, eine
derbe, fede Geftalt, ganz nahe zu mir,
legte jeine vechte Hand vor mid) auf
den Tiſch hin und fagte: „Na, was
meint Er, ift fie noch zu brauchen, bie
Pfote da?“
„Warum fol die Hand nicht zu
brauchen fein?“ antwortete ih; „fie if
ja hoffentlich ferngefund.“
„Das glaub’ ich auch”, lachte der
Wirth, „ich wollt’ damit den gelehrten
Doctoren z' Wien da unten leicht ein
Paar Deuter geben!“ Er bob den
Arm, ließ ihn nur auf den Tiih
—
„Iſt recht, laß' los, Wirth“, er—
munterten die Gäſte.
„Den Herrn da wird's beleidigen“,
ſagte der Wirth und deutete auf mich,
„der Herr wird ein Doctor ſein und ſein
Lebtag gewiß noch recht viel Leut' curiren.“
„Ich bin kein Doctor“, entgegnete
ich und mich wird's nicht beleidigen.“
„Das wird mich freuen“, ſagte der
Wirth; dann ſetzte er bei: „Es iſt
aber die reine Wahrheit!“ Und hernach
begann er zu erzählen.
„Drei Jahr iſt's jetzt aus, ſeitdem
ich eines Obſtverkaufes wegen nach Wien
gereiſt bin. Auf der Donau bin ich
hinabgeſchaukelt; ein warmer Herbſttag
iſt geweſen, wir haben auf dem Deck alle
die Joppen ausgezogen. Und auf ein—
mal, 's iſt nicht weit bei Krems herum,
vermerk' ich an der Hand da, juſt
hinter dem Gelenkknöchel, ein Brem—
ſeln. Hat mich eine Fliege geſtochen.
's iſt gut, ich acht's nicht, bin kreuz—
fidel und mach' allerhand Späß', weil
ſonſt ſo eine Waſſerfahrt todtenlang—
weilig ſein kann. Wie wir dann gegen
Kloſterneuburg kommen und ich in den
Sad greif', um meine Zech' zu zahlen,
fann ich die Hand nicht biegen. Roth
angelaufen ift fie über und über, und
wie wir in Nußdorf außfteigen, ift fie
geſchwollen wie ein großmädtiger Pol:
fter. Was zum Teufel das nur ift!
den!’ ich bei mir felber ; hab’ die Nacht
darauf fein Aug’ zugethan, und ein
Schmerz ift euch das geweſen — ſchon
gottesläfterlid. Gehſt zum Doctor!
denk’ ich mir, und am Morgen bin id)
im Fieber hell dem Spital zugerannt.
Bald find die Herren beifammen, und
Einer fchneidet mir gleih den Hemd: ,
ärmel auf bis zur Achjel und macht,
wie er den Arm fieht, einen lautmäd):
tigen Pfiff. Alle Doctoren vom ganzen
Spital laufen zufammen, murmeln,
zuden die Schultern, und endlich fagt
Einer: „Sogleih muß es fein, auf
der Stel! muß es fein! fein Augen:
niederfallen, daß der Moftkrug zitterte. | blid darf mehr verfäumt werben, fonft
„Wollt' eine Geſchichte erzählen!” |ift der Mann verloren. Sogleih in die
jagte er hierauf.
anatomifche Abtheilung mit ihm!”
555
Was wollt's mir denn ? fahr’ ich auf.
Lieber Freund, fagt er, der Arm
muß abgenommen werden, er ift ver:
giftet.
Herr Jeſſes! fchrei ich, weil mid
die nichtige Mücke hat geftochen ?
Sie jehen es ja, wie die Sache aus: |
Ihaut. Es handelt fi nicht mehr um
waren abgetragen und nicht mehr viel
nuß gewefen. Das zweitemal ftahl er
einen Pelz und ſaß jehs Monate ; das
war bereit? von Nuten, denn das
drittemal zwidte er fi) auf dem Jahr—
markt eine filberne Uhr. Die madte
ihn auf drei Jahre forgenfrei.
Der Hedl war ein Iuftiger Patron
den Arm, e3 handelt fih um hr Les | und verfürzte feinen Genofjen im Zucht:
ben! Und mit wahrer Begier hat eud)
der Menſch Anftalten gemadt, mir
meinen Arm mwegzufcneiden.
Was! ruf’ ich, ihr Fleiſchhauerleut'!
abjchneiden laß’ ich mir nichts; lieber
jterben wie mich Gott erfhaffen hat!
— und lauf’ davon.
Auf den Obſthandel pfeif' ich,
fchnurgerade fahr’ ich heim zu und laß’
eilends die Kreuzichufterin holen. Die
Kreuzſchuſterin — das alte Weib —
ſchmiert mir ein Pflafter auf den Arm;
— in zwei Tagen d’rauf ift die ganze
Baffionsgefhichte gut gewefen. — Das
da —” und der Wirth ſchlug wieder
die Hand auf den Tifh, „das ift die
felbige !*
Ich dudte mich. Sch halt’ was auf
die ſtudirten Aerzte, aber feither getraue
ih mich nicht, ihnen unter allen Um- Staatsbürger,
ftänden das Wort zu reden. Aber mit | Jahre aus find!
hauſe rechtfchaffen die Zeit. Unmöglich
ihön pfeifen fonnte er und maultrom:
meln und auf dem Kopf ftehen und
auf den Händen herumfpazieren und
allerhand fo Künfte. Der Kerfermeifter
felber unterhielt fih, wenn ber Hebl
fih darthat.
Kam dann der Zuchthausvater, der
Vorftand, zu den Arreftanten, fo wußte
ihm der Sattler-Hedl ftet3 ein höfliches,
ihidfames und witziges Wort zu fagen,
jo daß er den heiteren Burfchen mohl
leiden konnte. Auch bei der Arbeit war
der Hedl emfig und des Sonntags,
wenn er in ber Kapelle die Predigt
hörte, nidte er ftetö ſehr einverftanden
mit dem Kopf, fo oft der Priefter das
Zafter des Diebſtahls verdammte.
Das wird nod ein ſehr brauchbarer
wenn erſt feine drei
Der Borftand Tief
der Kreuzfchufterin will ich auch nicht? zu | ihm manches zu gute kommen und ber
thbun haben. Der brave Wirth wäre
hoffentlich auch ohne ihr Pflafter ge:
nefen. Unfer bejter Arzt ift die ge
wohnte, geregelte Lebensweife und Die
Natur — noch einen Krug Meoft,
Wirth! — ihr fei mein frifher Trunf
gebradjt !
Ein ZuchthausZögling.
Trug muß man's fagen: Der Gatt-
ler-Hedl macht fi recht gut im Zucht:
haus, und er könnt' fi noch befier
machen, wäre er glei das erftemal
auf längere Zeit hineingelommen. Aber
ein böfer Zufall wollte es, daß er
ſchon nad dem eriten paar Stiefel, die
er ftibigt hatte, zum Sitzen fam; doch
Hedl war dankbar für Alles.
Aber das dritte Jahr war fehr
lang und war doch nur ein gemeines.
Der Hedl ſtand oft traurig am Fenfter:
lein und blidte hinaus in das Gewühl
der Straße, zu den Käufern und Ber:
fäufern, die in befter Art fich beſtahlen
und dann gegenfeitig wieder fi) zum Ge:
ihäft einluden. Welch’ ein reiches Leben !
Eines Morgens, e8 war im eilften
Monat des legten Jahres, meldete fi
der Sattler:Hedl beim Vorftand, machte
die formgerehte Gefte des Grußes,
verzog dann fein Gefiht zum Grinfen
— war's Laden oder Weinen, der
Vorſtand wußte es nicht.
„Na, Hebl, was wünſchen wir?”
„Herr Vorftand — guter, befter
gewährte man ihm das freie Quartier | Herr Vorftand! Heute ift Jahrmarkt
nur vierzehn Tage, denn die GStiefel| da drüben in Straßkirchen.“
556
„Was fchert’3 Dich denn?”
„Herr Vorftand, ih bitt —“
blieb fteden.
„Nun, heraus mit der Farbe, wenn
fie nicht ſchwarz iſt!“
„Sa, kohlſchwarz, Herr Vorſtand,
das heißt fchneeweiß, weiß mie eine
Taube. Ich will mid ja gewiß recht
brav aufführen — ich bitt’, laſſen Sie
mid heut’ auf den Jahrmarkt gehen!“
„Wa—a—as |“ ſchrie der Vorftand,
„na, hör’ einmal, Du bift ein Föftlicher
Kerl. Seit wann gehen denn die Arre-
ftanten auf den Kirchtag?“
„Seit heute, Herr Vorſtand.“
Diefer ſchwieg vor Staunen. End:
lich fagte er: „Seht fee Dich einmal
zu mir.”
Der gefchmeidige Burfche fette ſich
ganz nahe zu feinem Zucthausvater.
Der war gut gelaunt und mit dem
Hebl war er ſchon manden Spaß ein:
gegangen. Er legte ihm die Hand auf
die Schulter und fagte: „Junge, wenn
ih Dir jetzt das Vertrauen ſchenke und
Dich auf einen Tag frei lafje, was wirft
Du maden?“
„Auf den Jahrmarkt gehe ich.“
„Gut, und was willft du Dir dort?“
Da blidte ihn der Burſche treu-
herzig an und verfeßte mit leifer Stimme :
„Sädelräumen.”
„O du vertradter Strick!“ rief ber
Vorftand und fprang auf.
„Sa, fehen Sie, mein lieber guter
Herr,“ jagte der Hedl flehend, „Sie
wiſſen nicht, können ſich's aud gar
nicht vorftellen, was das für ein Ber:
gnügen ift! Nicht etwa megen Gelb
oder Uhren — beileibe nicht, fo weit
hat Gott Unfereins noch nicht verlaffen,
aber — — ſich fo einen überflugen
Er
Einige Wochen fpäter war die Zeit
aus; der Sattler:Hedl ging in die freie
Melt und fchnurgerade dem erjtbeiten
Jahrmarkt entgegen.
Was weiter geſchah, fragt die Gen:
darmen. £
April.
Hier begegnen fih die Natur und
der Glaube und zauchzen fi das Wort:
Auferftehung! zu. Die Kirche ftedt ihre
Fahnen aus, die Natur ihre BVeilchen ;
die Kirche läßt ihre Orgel, ihre Gloden
fingen, die Natur ihren Vogelfang ;
Weihrauch wirbelt empor an den lichter-
ftrahlenden Altären; bunte alter flat:
tern über die jung grünenden Auen,
die lieben Schwalben tanzen in blauer
Luft. — O feid und gegrüßt, ihr wie:
dergefehrten goldenen Tage der Frühzeit!
Emfig arbeitet der von feinen zahl:
lofen April:Bauernregeln befeelte Land:
mann in feinen Gärten und Feldern
und neues Leben athmet er ein aus
der balfamifchen Luft, aus dem wonni—
gen Haud, welcher der Erde entfteigt.
Der Jäger geht auf Auerhähne, Birk:
hühner, Waldfchnepfen, fchier vergißt
er auf das Tödten und laufcht mit
Ohr und Herz der heiligen Freude des
Lebens. Der Tannenforft fteht noch in
büfterem Grün, als grolle er dem
Winter nah; der Laubwald ift no
ein durchſichtiger Schleier, aber feine
Zweige find voll don jungen Blättern
und die Müden tanzen und die Käfer
frabbeln. Die Nachtigall hat den Winter
über ein fchönes Lied gebichtet und
jchmettert e8 jekt hinaus, daß es
eine Luft ift, und der Wiedehopf ſpa—
ziert auf dem Gezweige und verneigt
Bauern herausfödern, ihm einen Raufch | fi) fortwährend aus Refpect vor einer
anzehen, mit ihm nachher ein bifiel
im grünen Wald fpazieren gehen, ihn
fchlafenlegen auf's weiche Moos und
die Sädel ausfuhen — Herr Borftand !
als wie das, weiß ich mir feine größere
Freud’ auf der Welt.“
„Galgenſtrick!“ murmelte der Vor⸗
Stand.
fo fhönen Welt und aud vor dem,
der fie gemadt hat.
Dem Städter wird's unbehaglid
in feinen Mauern, aber weife Stimmen
warnen, man dürfe dem April jo ganz
nit trauen, das fei ein heimtüdifcher
Gefelle. Der berede heute lächelnd, den
Pelz; nur getroft ins Verfagamt zu
557
tragen, ftibige denfelben in der Nacht
aber felber weg, um des andern Mor:
gens did eingehült unter Schneefloden
den Betrogenen höhnifch zu begrüßen:
„Aprilnarr! Aprilnarr!“
Bücher.
Der Naturgenuß.
Eine Philoſophie der Jahreszeiten von Hie-
ronymus Lorm. (Bei U. Hofmann & Co.
Berlin 1876.)
Ich glaube, Blaife Pascal fagt ir:
gendwo, er fei durch die Lectüre eines
Buches ° angenehm überrafht worden,
indem er erwartet hätte, nur ein Bud
zu finden, und einen Menſchen ge
funden habe. Nur ein Bud! Sol’
einen Sat fonnte doch nur ein Fran—
zoje wagen, während es beim Wolf
der Denker als ziemlih ausgemacht
gilt, daß ein Buch mehr als ein Menſch,
gleihfam der beſte Theil desfelben, der
Niederfchlag feines Geiftes ſei. Wir
haben fo lange die Objectivität geprie:
fen, daß wir darüber blind geworben
find für die Kraft der Subjectivität,
die als der ernährende Boden jener
gelten kann; fein großer Denfer ohne
heftige Leidenſchaften, ohne eine auäge:
fprochene ftarfe Individualität, und es
gewährt und gewiß bei einem ſolchen
fein geringeres Vergnügen, im Herzen
des Autors, als in jeinem Buche zu
lefen. — In höherem Sinn ift das
bergeftellte Gleichgewicht zwifchen Ob—
jectivität und Subjectivität der Bund
der Bhilofophie und Poeſie, welche lei:
der nur zu lange und zu ihrem eigenen
Nachtheile getrennte Wege gingen. Seit
ih nun meinen Plato gelefen, habe ich
nirgends mehr das erwähnte Bündniß
ſchöner erneuert gejehen, als in Lorm's
neueftem Werke. Im jchönften Sinne
des Wortes möchte ih den „Natur:
genuß“ als ein Erbauungsbudh bezeich:
nen; — in wunderbarer Weife hat es
mich ergriffen und mir auf jevem Blatte
die Wahrheit jeines Motto’: Pectus
Die meifterhafte hiftorifche Entwick—
lung der verfchiedenen Phafen in der
Verbindung und Trennung von Natur
und Geift macht diefes Werk zur ein:
zigen Geſchichte der Philoſophie, fomie
zur einzigen Literaturgefchichte, worin
in großen Zügen das MWefentlichfte der
Geſchichte des Menfchengeiftes feflelnd
und anziehend geboten wird. E3 läßt
fih aber aud ein durchfchlagender Er:
folg beim gebildeten Publikum voraus:
jegen, weil eben der philofophifche In—
halt in jo vollendet ſchöner fünftleri-
iher Form beftriden muß, während
ſonſt gewöhnlich philofophifche und lite:
rarhiftorifche Werke durch ihr theoretifch-
graue oder moralifch-härenes Gewand
von vornherein die Leſer zurüdfchreden.
Es gibt Führer, welche feine an:
dere Berpflihtung zu haben glauben,
al3 den Fremden raſch an ein beftimm:
te8 Biel zu bringen, — andere hinge:
gen bleiben öfters ftehen, um den Wan:
derer bald auf diefe, bald auf jene
reizende Ausfiht aufmerffam zu ma:
hen, und führen ihn wohl mitunter
aud ein wenig abfeits vom Wege, ober
erzählen ihm Sagen des Landes, bie
ein Anderer mürrifh für fich behielte,
weil fie den Weg nicht Fürzen.
Der Reichthum an Gedanken ver:
leitet den Autor zu Heinen Abſchwei—
fungen, für melde ber Leſer ihm Dank
wiſſen follte, fie ihm aber oft zum Bor:
wurf macht. Das Reifen auf der Eifen:
bahn hat aud einen Theil ber Leſer—
welt verdorben; dieſer will raſch an’s
Biel fommen und frägt wenig nad)
der Gegend, die er durdeilt. — Lorm's
Buch gleiht einem herrlihen Spazier:
gang in der Abendkühle; oft bleibt der
Autor ftehen, uns etwas Bedeutendes
zu jagen, und nit felten fieht man
ihm an, daß er fich nur ſchweren Her-
zens von einem fchönen Punkte losreißt.
Mander wird vielleicht jagen, daß
die Einleitungsnovelle eine unnöthige
Zuthat fei, während ich diefelbe feines:
wegs mifjen möchte und geradezu be:
est, quod fecit philosophum, beftätigt. | haupte, daß diefe Novelle für das Ver:
558
ftändnig des Buches den Weg zum doch ift bei
Herzen des Leſers bahnt.
Der „Naturgenuß“
jedem Gebildeten empfohlen werden, |
jo unerhört maßlofen
Uebergriffen, als die geſchilderten ſind,
kann daher | eine fcharfe, bittere Zurechtweifung wohl
begreiflich. Anderſeits leitet uns der
der ſich ohne Mühe, Noth und Yang: Verfaſſer liebreich vermittelſt feiner kla—
weile über Philoſophie und deren Ge—
ſchichte belehren laſſen will, einem Je—
den, der in großen Zügen auch die
Geſchichte der Literatur kennen lernen
möchte, und dem die Herbarien ande—
rer Literarhiſtoriker mit ihren trockenen,
farbloſen Pflanzen und ihrem Heuge—
ruch nicht zuzufagen vermochten. Lorm's
echter Dichternatur war es vorbehal:
ten, eine glänzende Ausnahme zu ma—
chen; er reicht uns einen duftenden
Strauß unverwelllich farbenfriſcher und
ewig duftender Blumen. — Der Er—
folg dieſes Buches dürfte hauptſächlich
darin liegen, daß wir alle wiſſen
möchten, aber ungern lernen; es er—
innert mich an ein engliſches Leſebuch:
„Reading without tears“, denn von
Lorm können wir auf die angenehmſte
Weiſe das erlernen, wobei uns Andere,
wenn nicht weinen, ſo doch — weiß
Gott — gar häufig gähnen machten.
E. d. M.
Geſchichte Oeſterreichs
dom Ausgange des Wiener Dftober-Aufftan-
des 1848 von Iof. Alex. v. Helfert.
(Prag, F. Tempsty.)
Diefes bedeutende vierbändige Werk
umfaßt die Gefchichte der Belagerung
und Einnahme Wiens, der Revolution
und Reaction im Spätjahre 1848, der
Thronbefteigung des Kaiſers Franz
Sofef L, des ungarischen Winterfeld:
zugs und der octroyirten Verfaffung.
Die ftrenge Objectivität und der ge:
mäßigte Liberalismus find es, Die
jeden Unbefangenen für diefe Befchrei-
bung des gewaltigen Jahres einnehmen
müflen. Eine Probe von der An:
fhauungsweife SHelferts, die wir in
diefem Hefte (Seite 532) zu bieten
Gelegenheit haben, mag den Liberalis:
mus des Autors allerdings als ein
bischen zu gemäßigt erfcheinen laſſen;
ren, oft fünftlerifh ſchönen Darftel-
lungsweiſe in alle Schichten der Bevöl-
ferung, madt uns mit allen Verhält-
nifjien jener Zeit befannt und führt
uns eben dadurch tiefer in den Keim und
Kern der Revolution, ald andere Ge:
chichtfchreiber e8 fönnen, die weniger
die Urfahen, ald die Wirkungen zu
berüdfichtigen pflegen.
Das Buch beginnt mit folgender
Anekdote. Karl IL. fagte zu dem Mai-
länder Leti: „Sie fchreiben, wie ich
höre, die Geſchichte des englifhen Ho:
fes; nehmen Sie fih in Acht, daf Sie
damit nicht anſtoßen!“ „Sire,“ ermie:
derte jener, „ih werde thun, mas
möglich ift; aber wenn man aud) fo
mweife wäre, wie Calomo, fo würde
man es doch kaum vermeiden fünnen,
bier oder da Anftoß zu geben.“ „Nun,
wohlan,“ fagte Karl von England, „jo
feien Sie fo weiſe, wie Salomo, und
ſchreiben Sie Sprichwörter, aber feine
Geſchichte!“
Baron Helfert nun ließ das Sprich—
wörterſchreiben trotzdem Wurzbach-Con—
ſtant und J. Tandler über, während
er ſelber eine Geſchichte verfaßte, deren
Helden zum größten Theile noch leben.
Hingegen bewies er ſalomoniſche Weis—
heit infofern, alö er den erſten Band
feines Werkes unter dem Pfeudonym
G. v. S n erſcheinen ließ. Die
warme Anerkennung, welde ſchon feinem
eriten Bande gezollt wurde, belehrte
den Verfafler, daß er nicht Urſache
habe, feinen Namen, der wohl beftimmt
ift, in Defterreih lange fortzuleudhten,
unter den Tiſch zu ftellen.
me...
Melodien
Bon Ludwig Eihrodt. Verlag von
3. 2. Mepler, Stuttgart.
Seitdem unfere Dichter vorherr:
Ihend das Kunftgefüge herzuftellen Lie:
559
ben, welches Ode, Sonett, Parabafe, | gegen Worurtheil, geiftige und mora=
Terzine heißt, ein Gefüge, das jeber
befiere Wortlünftler zufammenbringt,
jeitvem werden die Verfe zwar bemun-
dert, aber nicht gekauft. Wie felten ge:
lingt Einem einmal ein Lied! Goethe
hat (nad ftrengftem Maße) zwanzig,
Heine ein Dutzend, Platen drei, Uhland
fieben Lieder gemadht. Daher mag es
wohltfun, wenn ein Didter dem
deutihen Wolfe plögli einen ganzen
Band Lieder fchenkt. Ludwig Eichrodt
nennt feine Gedichte „Melodien,“ und
wahrlich, es ift Muſik in Worten und
es find zumeift echt und tief empfun—
dene Lieder, in denen die zartejten und
gewaltigften Gefühle des Menfhen un:
mittelbar, wie in der Volläweife, und
edel zum Ausdrude gelangen. Ein fol
ches Buch hebt man mit Freude empor
und zeigt ed dem Volke.
Weibliche Journaliſtik.
In der Probenummer einer neuen
Zeitſchrift, melde unter dem Namen
„Der Idealiſt“ in diefen Tagen aus:
gegeben wurde, und die fich ſehr hübſch
und anftändig präfentirt, ift Wien als
Verlagsort und Herr F. K. Ginzel
ala Nedacteur genannt. Indeſſen wird
das Blatt in Graz gedrudt und zwei
junge Mädchen aus hiefigen Yamilien
find es dem Vernehmen nad, melde
dad Blatt herausgeben und leiten.
Wenn eine gewiſſe literarifche Paflion
fih in der Frauen:, fogar in der Mäd—
chenwelt geltend macht, fo ift eine folche
Paſſion mindeftend ebenjo verzeihlich,
ala die Paflion für Pub, Kofetterie,
Tratſch, Spaziergänge im Stadtpark ꝛc.
Aber vielleicht verbergen ſich Emancipa-
tionsgelüfte hinter diefem „Idealiſten“?
Darüber fuht das Programm die Lefe:
welt mit aller Entjchiedenheit zu be:
ruhigen. Die „geiftige Bildung der
Frau“ wird angejtrebt. „Kämpfen wol:
len wir,“ heißt es, „für Aufklärung
und Fortfchritt, für Bildung und gei—
ftige Freiheit, die Geißel der Satyre
und des Spottes wollen wir ſchwingen
liſche Verkehrtheit“ ... . Geiftige Bil:
dung der Frauen alfo! Das ftimmt ja
fo ungefähr mit dem Programm über:
ein, welches vor Zeiten, wenn man ben
Gefchichtfchreibern und den Romandich—
tern glauben darf, die fchöne Afpafia
zu Athen aufftellte: das weibliche Ge-
ſchlecht durch den Geift zu befreien —
wogegen aber der ſtrenge Euripides
Einiges einzuwenden hatte, indem er
meinte, daß des Weibes Werth und
Adel doch eigentlich nicht auf der Aus:
bildung feiner erfennenden Kraft, fon:
dern auf der Ausbildung und Vered—
lung feines Herzens, feines Empfin-
dena beruhe ...
Handelte es ſich übrigens wirklich
nur um Verbreitung und Förderung
geiſtiger Bildung bei den Frauen, ſo
könnte man fragen: Bedarf es dazu
eines eigenen, von jungen Fräulein
herausgegebenen Blattes? Will nicht
jede Zeitſchrift ein Organ der Bildung
ſein, und ſchöpfen die beiden Geſchlechter
nicht an denſelben hinlänglich reichlichen
Quellen? — Aber das Programm
fährt fort: „Redlich wollen wir Jenen
beiſtehen, die unferer Zeit einen ideel⸗
leren Shwerpunft zu geben fu:
hen und für alles Beffere, Höhere
und Schönere ihren Arm erheben!
Um das Panier des Ideals mollen
wir und fchaaren, an ihm wollen wir
fefthalten !" — Ideale Gefinnungen
alfo gilt es zu verbreiten? Dafür war
es freilich fo ziemlich nöthig, ein be:
fondered Blatt zu gründen. Nur darf
man leider Worten und Namen nicht
recht trauen, bevor man genau weiß,
was eigentlich darunter verftanden wird.
Nahdem mir es beifpieläweife kürzlich
als „Romantik“ haben bezeichnen hören,
daß ein in begüterter Familie aufge:
wachſenes, allerding® nicht mehr junges
Mädchen einen Bauer geheiratet, mit
dem fie die Dorfſchenken befuht, wäre
e8 wohl gerechtfertigt, mit einiger
Aengſtlichkeit dem entgegenzufehen, mas
fih in unferen Tagen etwa noch „Idea⸗
lismus“ nennen wird, Ich nehme je:
560
bob an, daß die Gründerinnen des
„Idealiſten“ es mit einer leiblich feinen
Sorte von Idealismus zu thun haben
wollen. Ich nehme an, daß fie darauf
ausgehen, edlere, und vor allem echt
weibliche Gefinnungen zu vertreten
— zur Beihämung jener beflagens-
werthen Frauengefchöpfe, welche gehirn-
und herzlos wie vom Winde gejagte
Diftellöpfe durch's Leben hüpfen, und
derjenigen, welche ſchon blafirt geboren
wurben oder in blöder, ftumpffinniger
Gier nah armfeligen Unterhaltungen
aufgehen, ſowie auch derjenigen, die in
ein drolliges Erjtaunen gerathen, wenn
fie merfen, daß junge, vielleicht gar
hübſche Perfonen ihres Geſchlechts, wel:
hen doch der gefellige Umgang mit
dem Ef. f. Militär offen ftünde, ſich
für Poeten und Poeſie und ähnliche
Dinge begeiftern mögen! — —
Wie fteht es aber nun mit ben
zur Durchführung eines ſolchen Pro:
grammes nöthigen Kräften? In diejer
Beziehung kann ih nicht umhin, einer
gewiflen Beſorgniß Raum zu geben.
Auf literariſchem Gebiet läßt fich heut-
zutage nur noch durch reife und über:
legene Talente eine Wirkung erzielen.
Die beiden Gründerinnen des „Idea—
liften,“ auf die ed doch hauptſächlich
ankommt, debütiren in der Probenum:
mer mit mädchenhafter Schüchternheit,
und ihre journaliftiihen Jungfernreden
find fo kurz gerathen, daß die Frage,
was fie auf fchriftftellerifchem Gebiete
zu leiften berufen find, vorläufig offen
bleibt. In diefer Beziehung kann man,
wenn man will, noch immer Gutes
hoffen; fchwerer dagegen ift das Be:
denfen zu überwinden, ob junge Damen
im Stande find, an einem Blatte nit
bloß hervorragend mitzuwirken, fondern
aud an der Herausgabe, Xeitung und
Administration desfelben ſich zu bethei:
ligen? Dazu gehört Gewandtheit und
Erfahrung mannigfader Art; Tann
man diefe bei jungen Mädchen voraus:
fegen? Man muß fih da wohl auf!
liebenswürdige Naivetäten und auf eine |
veizende Unbeholfenheit gefaßt machen, |
I wie fie fih ſchon in der Probenummer
z. B. darin Fund gibt, daß an der
Spike des Blattes zwar die Abonne-
mentöpreife desfelben angegeben find,
aber nit, wie oft es erfcheinen joll,
ob es eine Wochen: oder Monatſchrift ift.
Aber vielleicht ſchlägt der „Idealiſt“
in feiner weiteren Entwidlung dieſe Be:
denfen nieder. Die nächſten Nummern,
wenn überhaupt noch welche erfcheinen,
werden ja darüber entfcheiden, ob die
jugendlihen Gründerinnen auf dies ihr
fühnes Unternehmen dereinft al3 auf
eine ernft zu nehmende und gelungene
Sache zurüdbliden fönnen, oder ob fie
die Vrobenummer ihres „Idealiſten“
nad Jahren beiläufig mit dem Lächeln
betrachten werden, mit weldem fie jegt
auf eine vergefjene Puppe aus ihrer
Kinderzeit bliden, die fie in einem Win-
fel ihres Schrankes entdecken. R. Hg.
Poſtkarten des Heimgarten:
B. R. in Grag: Nur Vertrauen. Ieder-
mann ift nicht imdiscret und — Jugend ijt
fein Verbrechen.
Herrn Baron J. 3. F.: Sind Ihnen
dankbar, daß Sie uns Gelegenheit geben, zum
Kaldberg-Artifel (5. und 6. Heft) nachzuttagen,
daß noch ein zweiter Sohn des Dichters Kald-
berg am Leben ift. Derfelbe, Albert Ritter
von Kaldberg, ift ald Doctor der Medicin feit
vielen Iahren in Friefah (Kärnten) verdienft-
voll thätig.
W. von R. Mainz: lieber ihren „Sinn-
gedichten“ Stunden finnend zugebradt —
feinen Sinn gefunden.
61. + Wien: Sie frieren in Ihrer Stube
und fchreiben Novellen, um ſich Brennmaterialien
faufen zu können? Für den „Seimgarten“
bitten wir erft zu ſchreiben, wenn Ihnen
warn fein wird, lUnverfrorenheit ift die
erfte Bedingung eines Schriftftellers.
Auf die im 5. Hefte angeregte Frage,
warum fi die Menſchen küffen, antwortet
ein „Schwarzer Domino’:
Liebe ift es, Herzensleben,
Mas die Köpfchen läßt erheben,
Lippen läßt zuſammenſchweben.
Heiße Gier iſt's und Berderben,
Kannft am Kuß der Faljchheit jterben,
Bibt ja viele IJudas-Erben. —
Freundfchaft, fühe Himmelsblüthe,
Mutterliebe, Batergüte,
Mit dem Kuß Did Gott behüte !
Drud von Kepfam-Jofefäthal in Gray. — Für die Rebaction verantwortlid P. a. Kofegger.
Die Grabrede der Gräfin Bittner.
Bon
Emile Mario Yarano,
Es war einer jener Vorfrühlings-
tage über der Stabt und der Gegend
von Peltenberg, wo wir faft mit
einem Schlage ben ganzen vollen Som:
mer zu athmen glauben, während ung
eigentlich no Winterbilder umgeben.
Einer jener Tage, wo man bie war:
men Shawl3 und Halstücher zu Haufe
läßt, wo man alle Fenfter des Haufes
öffnet und das Herz aud, um ben
lieben Gaft einzulaffen, ben Lenz: in
die Zimmer und in bie Seele. Es
überfommt und da wie eine Befreiung
aus langer Gefangenſchaft. Man wird
glüdlicher ohne Grund, und man
wirb befier ohne Grund.
Nicht umſonſt haben bie heidniſchen
Völker die Sonne zu ihrem Gotte
gemacht: die Griechen mit ihrem He—
rafles, bie Perſer mit ihrer allgüti-
gen Feuerkugel, die Afiaten mit ihrem
Wiſchnu, die Nömer mit ihrem sol
invietus hatten Recht: nichts ift gött-
licher, unmwiberftehlicher allmächtig als
Kofeggers „Heimgarlen‘‘ 5. Heft.
die Sonne; nur lafterhafte Gemüther
ſcheuen fie, jeden Armen und Elenden
macht fie reicher, jeben Eblen und
Echten macht fie ftärker und willen:
bafter. Die Geburt der Sonne ift in
der That zugleih die Geburt bes
Erlöſers der Welt, Heidenthum
und Chriftenthum reichen ſich babei
die Hände zur trauten Weihnachts:
zeit unb die verheißene Freude, das
arme Kinblein in der Krippe, wächſt
von Tag zu Tag unb erhellt zuletzt
den ganzen Erbenball. Das Eis ift
noch nicht ganz geſchmolzen zwiſchen
den Räderfurchen der Landſtraße, aber
kleine grüne Knospenaugen erwa—
chen ſchon allenthalben an den Bäu—
men. Der Flieder will ſchon blü—
ben und er reift in ben Gewächs—
bäufern ſchon zur vollften Trauben:
pracht.
Auf dem flachen Lande draußen
hat es tagelang recht wild und laut
geſtürmt, und der Thau hat von allen
86
562
Bäumen geregnet. In den geſchützten
Auen bliden jchon die weißen Gänfe-
blümchen und der zartrothe Helleborus
aus dem braungrünen, überjährigen,
jumpfigen Wiejengraje.
In den Straßen der Garnijons:
jtadt tropft es von allen Dächern, bie
Sonne riefelt durch die Eisrinnen,
alle Fenfter find offen, Veilchenmäd—
hen bieten ſchmutzſtarrend an den
Straßeneden ihre duftende Waage feil.
Der Himmel ift reinblau, nur
wie burchgefehrtt von filberweißen
Strihmwolfen, als wolle man ein= für
allemal mit dem Schnee fertig wer:
den. Die Erde und der Himmel ent-
jenden feine, ſüße Düfte, die fich Freu:
zen und vermengen. Es ift ein mwonne-
voller Wiedergeburtstag der Natur,
an welchem jede Seele Hoffnung faßt,
weil die große Schönheit der Natur
alle Bande gefprengt hat.
Gräfin Mila Vaccaj ftand in dem
Salon der Wohnung, welche fie mit
ihrem Vater General Baccaj in der
Klojtergaffe bewohnte. Die Fenfter des
Salons führten auf die Gaſſe und
waren weit offen. Mila Vaccaj ftand
an einem Albumtifche und richtete
einen Fliederftrauß in einer milchwei-
Ben Glasvafe. Sie ordnete die Blü-
thentrauben und tauchte dabei manch—
mal ihr junges, ſchönes Geſicht in
die Blumenfülle, deren Duft fie in
vollen Zügen einjog.
bart; jung, aber ernftihauend. Sein
Blick ftreifte das offene Fenfter, dann
die übrigen Fenfter des Haufes. Einen
Moment hielt er an und falutirte
herauf — auf ein Nebenfenfter. Dann
ging er weiter und trat in das Pa-
lais des Baron Laprefti.
Mila Vaccaj wandte fi wieder
in's Zimmer zurüd. Mit ihren feinen
weißen Fingern fuhr fie noch einmal
durch die Blüthentrauben und neigte
fih auf fie hinab. Sie war zwanzig
Sabre alt und ſehr ſchön und fehr
blond und jehr ftolz, ohne hochmüthig
zu fein. Borübergehende kümmerten
fie fonft wenig. Es war nur der Zu:
fall eines Augenblides, daß fie hinab:
geſchaut Hatte, weil das Fenſter weit
offen, der Himmel jo blau und bie
Böglein fo laut waren an dieſem
Lenztage.
* *
Peltenberg iſt eine alte giebelige
Stadt mit vielen alten Adelspaläſten
in ſchlummerſtillen Gaſſen; eine jener
Städte, wie Penſioniſten aus guten
Familien und adelige Sonderlinge,
die ſich eben die Laſt der Hofetiquette
nicht anthun wollen, gerne wählen.
Es iſt alſo lauter gutes Blut da,
viele Offiziere, zwei Hauptwachen, und
das übrige iſt Beamten- und Bür—
gerſtand, der zwar ganz luſtig unter
Wie ſie ſich ſich lebt, aber bei weitem der Stadt
dann aufrichtete, fiel ihr Blick durch nicht ihren Charakter verleiht, den ſie
das Fenſter, in deſſen Nähe der Tiſch
ſtand. Lenzvögel trillerten hochoben in
den weißwolkig durchfurchten tiefblauen
Lüften; Kinder, die zum erſtenmale
wieder durch die Gaſſen tollen durf—
ten, lachten hellauf, wie ſie einander
jagten.
Auf dem Trottoir, welches dem
geöffneten Salonfenſter gegenüberlag,
ging ein junger Mann in dunkler
öſterreichiſcher Offiziersuniform vorüber.
E3 war ein Fremder, Mila kannte
ihn nicht. ES war ein großer, kräf—
ausſchließlich von den alten Paläften
erhält, auf deren Wällen Gras
wähft und beren große Shore fich
nur auf bie Klingel des Bebienten
öffnen, welcher bei der Heimkehr der
Herrſchaft vom Bod jpringt und ben
Wagenſchlag öffnet. Es liegt etwas
unbejchreiblich abgejchloffenes, ſicheres
und eben dadurch anheimelndes und
jelbft malerifches in ſolchen Familien:
bäufern. Ueber dem Thore prangt
das Wappen de3 Namens in zerbrö:
delnden Sanbftein gehauen. Die Fenfter
tiger Mann mit dunklem Haar und | deserften Stodwerks find meist geſchloſſen
dunklem Blide und dunklem Boll | und verhängt, da bie Herrſchaft in dem
563
Garten zu wohnen pflegt. In dem
ganzen großen Palais find (jour-fixe-
Tage ausgenommen) allabendlich bloß |
5, 6 Fenfter beleuchtet, was ihm ein
echte8 bouquet de noblesse verleiht:
ein jo großes, ftattliches® Haus, wel:
ches einem Binshausheren viele Tau-
ſende einbrächte, bloß von einer Elei-
nen Familie und ihren Domeftifen
bewohnt. On dira ce qu’on voudra,
e3 liegt darin etwas wirklich Male:
riſches, weil etwas freiwillig Einfames
darin liegt. Leid und Schmerz mögen
wohl aud in diejen Räumen woh—
nen, aber wie gefichert find fie vor
der Welt jelber; fie laufen nicht zum
Nahbar und klagen fi nicht aus.
Und wenn das Hochmuth iſt, jo ift
e3 ein muthiger, ein zielbewußter.
Das große Thor bleibt, wie ge:
jagt, immer gejchloffen, und das Kom:
men und Gehen der Bebienten und
der Gejhäftsleute und der unvorher:
geſehenen Beſuche wird burdh eine Feine
Seitenthüre vermittelt. In die großen
Höfe münden die Nemifen und Stal:
lungen. Oft fteht nur ein Wagen in
den erfteren und bloß ein Zweigeſpann
in den Letzteren. Aber der Wagen ift
fiher von echtem Shape und die
Pferde von guter Race. Die Heinen
Gärten Hinter den Familienhäufern
haben hübſche, mwmohlgepflegte Warm:
bäujer und ber Gärtner ſorgt jtet3
dafür, daß die Gartenwand des Pa:
lais hochüberwuchert wird von Grün.
Auf den Dachfirſten ftehen meiſtens
alte Götterbüften, bie fi gern zum
Berfammlungsfodel wilder Tauben
und anderen regellofen Bögelgefindels
hergeben. Denn die heimloſen Vögel
haben eine befondere Paſſion für Pa:
läfte oder Kirchen: fie wiffen die Ruhe
in benfelben befonber8 zu fchägen,
fie find entſchieden ariſtokratiſch und
clerifal gefinnt und an Frühlings:
abenden da tönt in den Balaftgärten
ein gellendes und bennoch keineswegs
unharmoniſches Concert von taufend
Schmarogern, die fih da fo ungeftört
wien, wie im Walde jelber.
So ift ein Palais, und fo find
mehr oder weniger alle, melde dem
Ihönen alten Beltenberg feinen Cha-
tafter von Abgegrenztheit, Behaglichkeit
und Würde verleihen.
Mila Baccaj und ihr Vater be:
wohnten den lauteften unter all dieſen
ftillen Paläften. Denn General Vaccaj
war ein echter alter Soldat, Tebens-
Iuftig, frank und freudenfrob. Sein
filberweißes Eurzgejchorenes Haar und
fein grauer Schnurbart machten fei-
neswegs ben Einbrud bes Greifen:
baften bei diefem ſtrammen Manne,
der jo laut redete, jo friſch und wa—
der in allen feinen Anfichten und fo
reich an Lebensintereſſe geblieben war.
Er war einer jener wenigen Generale,
die nur ſchöne Schlachten gekämpft
hatten in ihrem Xeben, und in beren
Gejelichaft man das Prächtige, wel:
ches im despotiſchen Militarigmus
liegt, wirflid nah feinem echten
MWerthe würdigen und liebgewinnen
konnte. Sein Haus war daher aud)
der Lieblingsort aller beiferen Offi—
ciere aus ben beiten Familien, Die
zudem jämmtlich mehr oder minder
mit ihm verſchwägert waren. Seine
Tochter Mila nannte er nie anders,
als „meinen Milus“ ; denn General
Baccaj konnte ſich nie ganz darüber
tröften, daß ihm feine Gattin nicht
einen ungen bejcheert hatte. Mila
Vaccaj, ein junges, zwanzigjähriges
Mädchen, war die echte Tochter ihres
Vaters, im beiten Sinne des Wortes.
Frei und frank, dabei züchtig und
mäbchenhaft Tieblih. Eine kühne Rei:
terin und ein gehorfames Kind. Eine
junge Dame, die mit den Gäften
ihres Vaters gern eine Gigarette
tauchte, die aber — meift an der
Seite ihrer alten Couſine Helly, bie
einen grünen Schirm über den Augen
trug — die Honneurs Papa's auf
eine fo ftolze und offene Weiſe machte,
daß fie in ber ganzen Heinen großen
Welt als ein Mufterfpiegel ausge:
fchrien warb, ber e3 nie im Traume
eingefallen war, eine SKofetterie zu
36*
564
machen ober gewiffe banale Compli- Auge "geblidt bat, befommt feuchte
mente zu verftehen. Sie war, wie ge: | Augen, jo oft er fein Kind fieht. Er
jagt, claſſiſch ſchön mit ihren regel: |liebt es mit abgöttifcher Liebe. „Was
mäßigen, energiſchen und dennoch iſt, Milus, mein Junge?“ —
weiblich weichen Zügen, mit ihrem) — „Nichts, Alterchen.“ (Alterchen
Goldhaare, mit ihrer ſchlanken, Hohen, |ift der Liebesname, den Mila ihrem
biegjamen Geftalt. Vater gibt.) „Nichts, als daß ich Dir
Es gibt eben Schönheiten und einen Kuß geben muß vor dem Aus:
Mäbchenhaftigkeiten, denen man fich | reiten.” —
nie „die Cour zu machen” getraut. Dank’ Dir, Mus, mein Junge.
Nicht weil fie ftolz, jondern weil fie) Und wie ſchön Du wieber ausfiehit !
zu offen und hellherzig, nicht weil fie Und fo verwegen dabei. Nimm Dich
zu prübe, ſondern weil fie zu rein nur im Acht umb fei nicht zu kühn.
find. Mandes Männerherz hätte in Setze über Gräben hinweg, aber mi
ihr ſchon das ſchönſte Glück feines | früher die Diftanz mit den Augen.
ganzen Seins jehen mögen; fie hatte | Nicht jo blind hinein. Du und Blad,
mit biefem Bewußtſein, mit diefem Ihr ſeid ja ein paar Teufel, die all:
Herzen nie gejpielt, weil fie mich | zuviel auf Gott vertrauen.” '
eitel war. Sie hatte es überfehen,
„Fürchte Did nicht, Papa. Es
wie nur ein reines, frohlebendes Mäd⸗ |ift ein fo herrlicher Tag!”
chenherz bie vermag. Man nannte
„Kind, am allerherrlichften Tage
fie lecuyere prude, wie man die gun man ben Kals brechen!“
Fürftin Pauline Metternich la belle
laide nannte.
Sie pflegte alltäglih bei gutem
Metter audzureiten. Manchmal ritt
Papa mit, mandmal einer ihrer On—
fel, Major Mirbah oder Rittmeifter
lay, immer aber ber mürrifche
Reitknecht Pold, der ſchon von feiner
Jugend auf in Dienften bes Herrn
Generals gewejen ift: ein lederhäuti—
ger, berber alter Burfche, ein ſoge—
nanntes® Hausmöbel.
An diefem Tage reitet Papa
Baccaj nicht mit. Er bat Briefe zu
johreiben an alte Kriegsfameraben und
„es figt ihm was im Bein”. Mila
Baccaj reitet mit Onkel Mirbah und
Onkel Szalay und Pold. Die beiden
Dffiziere erwarten fie im Hofe. Ihr
Blad ift gefattelt, Pold, der auf dem
Pferde bes Generals fist, hält ihn
am Zügel. Mila, das blautuchene
Reitgewand über den Arm gehißt,
geht in die Zimmer Papa’s.
Der alte Mann erhebt fih vom
| „Alterchen,
Mila laht auf und küßt ihn.
das glaube ich nicht!
Wenn's fo ſchön draußen ift, und
wenn die Sonne fo bel fcheint, da
ift mir, als könne e3 fein Unglüd
geben auf ber Welt, und nichts
Shlehtes oder Böfes! Weißt Du
nicht, daß die Sonne ftrahlend ge-
ſchienen hat, wie Napoleon der Große
die Schlacht von Aufterlik gewann ?“
„Du Kleiner abergläubifcher Ge:
neral Du!” machte ber Alte entzüdt.
„Aber Recht Haft Du! Nur Feine
Furt. Das bringt öfter gefund heim
al die PVorfiht. Und nun Adien.
Iſt Mirbach mit ?“
„Ja, und Szalay. Sie find unten
im Hofe. Die Onfel werden bei uns
ſpeiſen.“
„Weiß es die Maruſcha?“
a [2
soR:
„Das ift mir lieb. Sag’, fie ſoll
auch an ein Couvert mehr benfen.“
„Für wen, Alterchen ?*
„Für einen jungen Menjchen,
Schreibtiihe. Er lebt und ftirbt nur | Milus, der fi mir geftern Abends
in jeinem Kinde. Er, ber in fo vie:
Ien Schlachten dem Tode muthig in’s
im Caſino vorgeftelli hat. Ein Mufter:
offigier. Sohn vom alten Magdeburg:
665
Sittner, meinem Rang-Kameraden. Iſt Sie wiffen ja — und heute wollen
Officier bei Ratzbach-Infanterie. Joſef Sie ausreiten ?”
Sittner, von den Sittner’s, bie auf
Mila lachte Herzlih auf. Sie
Schloß Vioven find. Er grüßte mich | ftrich fi das Haar aus dem Gefichte,
ichon heute früh, wie er vorbeiging.
Macht feine Bifiten dahier in Pelten-
berg. Hat Urlaub, weil er feine Prü—
fung für die Kriegsſchule fo gut ab:
gelegt hat. Iſt verwandt mit den La=
prefti’3 drüben, den Gelbbaronen. Nun,
was jhauft Du jo?”
„Nichts, Alterhen, ich horchte
bloß. Will's der Marufha jagen.
Und Adieu jetzt. Wie ſchade, daß Du
nicht mitkommſt! ’3 ift ein jo präch—
tiger Tag!”
Ya, ein präcdtiger Tag war's,
ein echtes Frühlingswogen, Frühlings:
buften und Frühlingsichimmern lag
über der Welt. Die Fenſter des Cor:
ridor's, den Mila burcheilte, waren
weit geöffnet. Mirbah und Szalay
ließen unten im Hofe unter ben Aka:
zien ſchon die Pferde jcharren. An
der Küche vorüberlommendb, blieb
Mila auf der Schwelle ftehen und
gab Marufha die Zahl der Couverts
für das Diner an. Die alte Erainifche
Köchin wiſchte fih die Hände an ber
Schürze rein, denn fie konnte mit
„Ihrem Fräulein“ nie anders reben,
als indem fie dasſelbe irgendwo mie
beſchwörend anfaßte. Und das that
fie auch jegt, wie fie mit ihrem zahn:
lofen Munde und mit ihrer wichtigen
Weile rief: „Alſo für Papa, Com:
tefje, Onkel Mirbach, Szalay, Tante
Helly und für einen Herrn Officier?
But. Schön. Aber ausreiten! Ausrei-
ten heute, Gomtefjerl! Nein! Bitte,
thun Sie das nicht. Wiffen Sie, was
heute für ein Tag ift? Ein Unglücks—
tag für Ihre Familie. Ich weiß das.
Sie kennen do den Ring, ben He:
renring, der die Baccaj’3 beſchützt,
immer und immerbar, nur am heuti-
gen Tage niht? Da muß immer
ein Unglück geſchehen! Da ift ber
felige Heine Bruder geflorben, ba hat
fih der alte Mann bankerott erklärt,
deſſen Wangen fo friih und geſund
geröthet waren, wie bie eines luſti—
gen Kindes und fie zog fich ihre
Reitrobe herab und ließ ihre Peitſche
in der Luft ſchnalzen. „Nicht reiten ?
Unfinn! Unglüd haben ? Unſinn! Um
brei Uhr find wir zurüd! Und daß
da die Rehpaftetchen recht braun find,
Marufha, hört Du? Wir haben ja
heute auch einen fremden Gaſt.“ —
Dann lief fie hinab in den Hof,
ſchwang fih auf Blad und die kleine
Geſellſchaft jprengte aus dem Akazien⸗
bofe. Die großen Hunde, die nicht
mit durften, bellten laut und wim:
mernd nad. Lerchen jubelten in der
blauen Frühlingsluft oben. In ben
Aleen außerhalb der Stadt fämpften
Nebel mit der Maienfonne. So friſch
war Alles, fo hell, jo knoſpend. Und
ohne Unfall kamen fie heim, allen
albernen Ahnungen zum Trotze.
Man hatte Hunger. Der neue
Gaft Graf Sittner de Bioven warb
neben die Herrin des Haufes, neben
Mila Baccaj placirtt. Es war ber
junge Dfficier, der an biefem or:
mittage heraufgegrüßt hatte, der
dunkellockige, dunkelſchauende junge
und ſtolze, der ſeine erſten Triumphe
als braver Kriegsſtudirter in der
Garniſonsſtadt hier bei den Verwandten
und Freunden ſeines Papa's verleben
ſollte.
*
* *
Graf Joſef Sittner war der Sohn
eines guten deutſchen Vaters, eines
jagdluſtigen ſportgewaltigen, und einer
ſpaniſchen Mutter mit großen, dunklen
traumvollen und flammenden Augen.
Er war ein offener und leidenſchaft—
liher Charakter zugleih: bie Seele
in ben Augen, das Herz auf ber
Zunge. So jung noch, ein wahrer
Cherubim dem Alter nach in feiner
der fo viel von Ihnen gehabt hat — ſtolzen goldverzierten Uniform, und
566
doch fchattete ſchon ein dunkler Voll: | fein zu müſſen, da fie wirklich liebens—
bart feine lachenden, frohen, ftolzen
Lippen. Er wohnte in Peltenberg bei
einem Regimentskameraden, einem
ſchweigſamen, alternden Menſchen und
fein erfter Beſuch war bei jeinem
Couſin dem Baron Demetrios Laprefti,
dem Hofrathe und ci-devant-Banquier,
einem ſehr reichen Adeligen von ber
Hofball-Sorte.
Baron Laprefii war nah dem
echten Recepte feiner Sorte. Sehr
did, jehr äugjtlich auf den Anftand des
Haufes, jehr freigebig und mit Die:
ſer Freigebigfeit ein bischen zu viel
Lärm machend; ein bischen zu viel
vom Hofe redend; beim Mittagmahl
jelbit unter vier Augen jtet3 eine
weiße Gravatte tragend, der Bebienten
wegen. Dabei aber wirklich liebens—
würdig, gutherzig und in jeiner Weije
gentlemanlife. Er hatte eine zweite
Frau und eine Tochter aus erſter
werth und liebenswürdig war. Sie
hatte eine bejcheidene und boc ge:
tabeheraus plaubernde Weiſe fich zu
geben; fie war tactvoll wie eine junge
Dame und dabei aufrichtig wie ein
Kind. Sie fpottete und nedte gern,
aber nur Iuftig, nie böfe; fie Hatte
genug Geift, um ftet3 das Richtige
zu finden. Sie war ein durch und
durch bezauberndes Geihöpf und Hatte
jo viele Anbeter und Freier, als bie
gute Gejellihaft freie Männer zählte.
So war Jenny Lapreiti. Auf ber
Gaſſe hatte fie ftets eine Geſellſchaf⸗
terin, Fräulein Warner neben fich,
welche ſich einbildete, der Urtypus
aller Marlitt'ſchen Heldinnen zu jein.
Wie Graf Sittner feinen erften
Beſuch im Palais Laprefti machte, war
die Dame des Haufes wie gewöhnlich
indisponirt. Baron Laprefti empfing
jeinen Goufin, den ftattlichen jungen
Ehe. Seine junge Gemahlin war von | Dfficier mit dem ihm eigenen aimab:
uraltem oberherrlichen Adel, eine kleine | Ten Lärmen im Terraſſenſalon und
deutſche SFürftentochter, jehr Fromm,
ſehr jentimental, jehr durchſichtig und
faft immer „indisponirt“, an Mes
dicinen kränkelnd und an einer unfag-
baren Faulheit. Diefes durchfichtige,
dahinſchmachtende Geſchöpf hatte ent:
feglih viel damit zu „arbeiten“, daß
es als geborne Splitterih-Runebein
durch's Leben zu wanfen hatte.
Die Tochter erfter Ehe Laprefti’3
war eines der lieblichiten Gejchöpfe,
die fih denken laſſen. Achtzehn Jahre
alt, mittelgroß und voll, mit einem
bezaubernd jchönen Gefichtchen, wie
man es nur auf den feinften Mobe-
journalen findet; faft beängftigend
hübſch. Ihr Haar war wie gefponnenes
Gold. Sie Hatte einen feinen mäd—
henhaften Geſchmack in der Kleidung.
Sie jpielte Schumann und Beethoven
auf wirklich entzückende Weife, fie hatte
eine herrlihe Sopranftimme und eine
nicht gewöhnliche Kehlenfertigfeit. Sie
plauberte in drei, vier Sprachen. Sie
war belejen genug und gut belefen.
Dabei hatte fie das Glück, nicht fofett
fragte nah dem ganzen Hofkalen—
der. Auh Jenny Laprefti erjchien
bald darauf im Salon: ſchön, Iuftig,
lebhaft, mädchenhaft und anzufehen
wie eine Feenpuppe. Und ohne Mam-
jel Marlitt, die nur einen Augenblid
an ber Thür erſchien und einen Blid
auf den jungen Gavalier warf, ftarr
und ſchmachtend. Dann verſchwand fie
wieder Hein, gelb, verbiffen, um
darauf zu warten, daß fi ber
Graf in fie, in bie fleine, troßige,
unterdrüdte Geſellſchafterin verliebe,
wie es ja feine Pflicht war, wenn
er überhaupt neue Literatur getrieben
hatte.
Der junge Dfficier fühlte ſich
merkwürdig heimifch hier. Onfel La-
prefti war fo komiſch laut und dabei
jo herzlich — ein Goldmenſch, bis
in's geringfte Gliedlein feiner Uhrkette
hinein. Und Couſine Jenny, mit der
er als Kind in irgend einem Seebade
droben „Muſcheln“ geſpielt hatte, wie
wundervoll war die geworden! Dem
jungen Krieger, der eben aus harten,
567
ftreng geſchulten Dfficiersprüfungen
und Gabettenerziehungen kam, fonnte
es nicht befier gehen als ben erfahren:
ften Lebemännern ber guten Geſellſchaft:
er fand Jenny Laprefti reizend, er
fand die glänzende Helle des Frühlings
unb der Jugend um fie gebreitet.
„Sie miüffen unfer Haus als
Ihre zweite Heimat betrachten, fo
lange Sie bier find, Joſef“, fagte La:
prefti herzlich. „Sie dürfen nicht ver:
geffen, daß Ihre Mutter, Dona Maria
de Magonza die nächfte Verwandte
und theuerfte Freundin meiner jeligen
Gräfin Amelie von Lehhaufen ge:
weſen ift. Es ift abſcheulich, daß Sie
nicht Ihre Wohnung bei uns genommen
haben. Der Gartentract wäre Ihnen
zur Verfügung geftanden. Beim Haupt:
mann Saller wohnen Sie? Da be:
fommen Sie ja Kopfmweh vom Sägen.”
„3a, die Laubfäge ift die unger:
trennlihe Gefährtin Saller's“, lachte
Sittner. „Nun, id werbe mich fo
viel al3 möglih aus dem Bereiche
derjelben halten.” —
„Ob, To eine Laubſäge hat eine
eigenthümliche Anziehungskraft“, rief
Senny eifrig und mit großen lachen:
ben Augen. „Sie haben feine Idee,
wie gefährlich jo was fein kann. So—
bald Einer unferer Gavaliere der:
gleihen angeht, ift er auch ſchon
verloren für die Geſellſchaft. Vor ein
paar Wochen war er vielleicht noch)
ein recht liebenswürbiger Menſch in
der Soirde. Heute kommt er jpät,
ftellt fih in eine Ede, redet nicht
mehr mit ben Damen; wenn getanzt
wird, verfrieht er fi in's Rauch—
zimmer, wenn wir laden, macht er
ein grämliches Geſicht, als ob er
Bitterfalz auf der Zunge hätte und
wenn eine Landpartie arrangirt wird,
fegt er fih auf den Proviantwagen,
das Kinn zwifchen die Knie geftüßt
und mit zwei großen, verbrießlichen
Falten um bie Naſe herum. Und
fragen Sie, was Schuld an biefer
Umwandlung fei, an biejer Ber:
jumpfung eines liebenswürdigen Ge:
ſellſchafters? Mein Gott — ganz einfach:
er hat fich der Laubjäge ergeben!” —
„Hätte ich doch nie gedacht, daß
diefe unfchuldige Waffe jo tiefe Ver:
heerungen anrichten könne!“ —
„Gewiß!“ — machte Jenny La:
prefti eifrig und fchüttelte ihr blondes
Haar zurüd,. „Fragen Sie nur alle
Damen bier. Wenn uns auf ben
routts ein neuer Herr vorgeftellt wird,
ift unfere erjte Frage an den Bor:
fteller: „Hat er eine Laubfäge ?”
Das fragen wir natürlich ganz ftill,
in’3 Ohr!” — damit lachte fie glüd:
ih auf. „Und lautet die Antwort ja,
jo ärgern wir ihn ſogleich von allen
Partien fort.”
„Das ift ja eine ganze Ber:
ſchwörung!“ machte Graf Sittner und
intereffirte fich fchredlich für die Sache.
„Und e8 muß Iuftige Partien geben
da? —
„So ziemlih”, ſagte Laprefti Taut.
„Man ift jo ziemlih gut Freund
von Haus zu Haus. Bei uns wird
alle Montag geplaudert.”
„Trotzdem die Frau Baronin ftets
kränklich iſt?“ —
„Eben deshalb vielmehr“, — ſagte
Lapreſti. „Im Vertrauen geſagt, meine
Frau iſt nur gern ungeſtört. Ver—
ſchloſſenes Gemüth, wiſſen Sie, Joſef,
von Geburt aus. Mein Gott, bei
gekrönten Familien kein Wunder! Sie
geht nicht einmal in den Garten hinab
— es bleiben doch manchmal Leute
an dem Gitter ſtehen und gaffen her—
ein; man kann's nicht verhindern —
ſie ſehen eben nicht alle Tage eine
Fürſtin von der ſouveränen Familie
Runebein. Apropos, Joſef, Sie müſſen
ſich den Garten anſehen. Koſtet viel,
iſt aber exquiſit. Habe einen Harlemer
Gärtner und zwei Harlemer Burſchen.
Geht hinunter, Kinder, c'est à toi,
Jenny, de faire la déscription. Ich
komme gleich nach.“
Und die beiden Leute ſchritten aus
der offenen Thür in den Garten hinab,
568
Das jhöne Mädchen lachte auf.
„Warum nicht gar — das iſt ja ein
großer Spaß. Nur wiffen Sie, Coufin,
mit Leuten, bie verliebt find in mich,
in mein Gelb ober in Papa's Con:
nerionen, da redet es ſich nicht fo
leicht und harmlos wie mit Jemandem,
der einem verwandt ift. Denn ich, ich
rede gern ernft — dann und wann.“
„Wirklich 27 —
„Wenn Sie daran zweifeln, hal—
ten Sie mich aljo für ein vet
närriſches, gebankenlojes Wefen. Nun,
vielleicht haben Sie Recht von Ihrem
Standpunkte aus. Aber ich möchte
nicht, daß Sie mir das noch nad
vier Wochen fagten” — fagte das
junge Mäbchen mit einem jähen Ernſte
in ihren glangvollen blauen Augen.
„IH brauche eine Fleine Zuflucht,
willen Sie. Ich bin recht glücklich,
o jo glüdlih! Aber alle Welt hält
mich für oberflählich, für ein Kind.
Ich bin vielleicht kindiſch, aber ich
möchte es manchmal nicht fein. Ich
mödte manchmal —”
„Run, was denn?“
„Ich möchte mich grämen können“,
fagte Jenny Laprefti mit reizenbem
Ernfte. „Wohlverftanden, nicht über mich,
aber über Andere. Mir ift manchmal
ſo .... fo wie jehnfüchtig nad) ein bis—
hen Trübheit. Ich möchte ſchon älter
fein, ich möchte nicht immer hören und
merfen, daß ich reich bin und — und
nicht häßlich.“
„Dafür brauchten Sie einen ou:
ſin?“, fagte er lachend.
„Ganz recht. Gott! So ein Eoufin,
jo ein Better, das war immer mein
Ideal. Nein, wirklih, ih babe oft
gedacht an Sie, Zofef. Aber am Enbe,
wie fonnten Sie geworben fein? Und
nun find Sie da, groß, ftattlich, recht
männlid, Sie haben einen dunklen
Vollbart und Sie haben dunkle, fo
ernfte Augen und find jelber ernft.“
„Wenn ich lange bei Ihnen bin,
glaube ich, werde ih nicht finfter
hauen, Das ift nur noch Schulftube,”
ber ſchon gepugt und gerichtet und
hergeftellt war zum Empfange bes
Frühlings. Das Tieblihe Mädchen
hatte ihren Arm auf den ihres Coufins
gelegt; dabei Hißte fie ihre graue
Seidenrobe an ber Schleppe empor.
Die feinen Blonden ber Aermel
fpielten dabei um ihr weißes Hanb-
gelent, um welches fi Goldfchlangen
rankten wie Schlänglein. Andere Gold:
ſchlänglein, von langem weichen Locken—
haare gebildet, fpielten ihr um ben
weißen jungfräulicen Hals. Ihr war
jo wohl mit ihrem „Couſin“, viel
beſſer als mit ihren fremden Anbetern,
daß fie recht fröhlich plauberte. Ihr
helles Plaudern und das Singen ber
Vöglein in den Lüften vermifchte fich
zu einem wunderbaren Goncerte in
dem Herzen des jungen, unentweihten,
ernften, reingebliebenen jungen Mannes
zu einer Harmonie, deren Reiz er ſich
nicht entziehen fonnte. Wie ſchön war
e3 da, wie froh war er!
„SH bin fo froh, daß Sie
bier find, Coufin. Denn, wiffen Sie,
es iſt eigentlich unerträglich für mid.
Papa kümmert fih nicht viel um mic.
Mama, nun, Mama werben Sie ja
fennen lernen. Sie ift jo gut — wenn
man fie allein läßt. Sie ift, was
man jagt: negativ. So wie bie
alten Daguerreotypen, Joſef, wiffen
Sie? Die man nad) allen Seiten drehen
und wenden fann, ohne daß man etwas
anderes fieht als — Glas.“ —
Joſef lachte laut auf. „Wiffen
Gie, daß das ein Föftlicher Vergleich
it? Aber Sie müffen ja doch nie
Langeweile haben, Couſine?“ —
„Natürlich nicht!” — machte fie
heiter. „Wer fagte das? Ich amüfir
mich ganz gut ...“
„Mit jo vielen Freien.” —
„Woher willen Sie das?“ —
„Don aller Welt.” —
„Bon. Aber mit denen unter:
halte ich mich am allerwenigften.” —
„Aergert es Sie, geliebt zu
werben?" —
569
„Da ſehen Sie! Sie denken auch,
ich fei ein albernes Ding, das nur
laden kann.”
„Wie glüdlih find Sie!“
„Aber nein, das ift nicht wahr.
Ich will nicht mehr lachen.“
„Das meinen Sie nicht im Ernfte.”
Jenny Laprefti lachte jchon wieder
mit Finbifcher Verzweiflung. „Da
fehen Sie, ob ich nicht Unglüd habe!”
„Aergert Sie denn Niemand!
Haben Sie feine Geſellſchafterin?“
„Ratürlih, wie fönnte ich denn
jonft jpazieren gehen? Aber Made:
moiſelle Warner ift jo komiſch; fie
bildet fich immer ein, fie müſſe plöß-
lih das Herz eined Mannes gewinnen,
welder Mama, mid und Papa und
unfere ganze Geſellſchaft recht berb
und öffentlih herunterſchimpft, weil
wir e8 wagen, ihr eine Gage zu geben.
Das kommt nämlih immer vor in
ben Geſchichten, welche fie mir vor:
Tieft und mobei fie mi immer mit
einem Ausdrucke anfieht, al3 wollte
fie jagen: Siehſt bu, fo wird's
fommen! Kann man fi über fo
etwas ärgern, ſelbſt wenn es unaus-
ſtehlich ift?“
Nein, man fonnte fi über fo
etwas nicht ärgern. Und die beiden
jungen Leute, das kindiſche Spott:
vöglein und der ſtramme, dunkel⸗
ſchauende junge ug gingen mit
ftrahlenden Gefichtern Arm in Arm
durch die Gartengänge. Es war ein
echter Harlemer Garten. Frübzeitiger
Raſen war wie Sammt über die Ein:
faffungen der einzelnen Beete gelegt ;
Treibhausblumen, wie aus Porzellan
geformt, waren in die wärmere Sonne
herausgeſetzt morden; alle Beete
waren jo flachgefehrt und unberührt,
daß man fah, es gab feine Kinder
im Haufe und für die Kinder, welche
zu Beſuche famen, wäre eine große
Strafe darauf gefegt, wenn fie über
die Einfaffung treten würden. Ein
Garten, der ſich förmlich vor dem
Sommer fürchtete. Dazwiſchen ftand
ein alter gräubärtiger Gärtner, mit
echter holländifcher Bulldoggsmiene,
vor dem felbft die ſouveräne Baroneffe
Kenny Furcht zu haben ſchien. Da
ftand er, wie ein lebendig geworbenes
Bild von Oſtade, überfpielt von ben
Zweigen geitugter Bäume. Das Na:
türlihfte an dieſem reizenden Garten
war feine junge Herrin, die zu plau-
bern fortfuhr dem ernften Goufin, der
ihr mit allen Gründen bewies, fie
folle um Gotteswillen fröhlich bleiben;
aber alle diefe Gründe lachte fie mit
findifchen treffenden Bemerkungen in
den Wind. Sie hätte das Leben gar
fo gern ernſter und älter gefunden,
wie z. B. in ben Walzern Chopin’s. Und
zulegt jagte fie troßig: „Ich werde
Sie nicht leiden Ffünnen, wenn Sie
mir nicht ein echter, guter, ernſter
Coufin fein wollen. JH will ermit
leben.”
„Aber, ba gäbe es noch ein Mit-
tel“, sagte er mit feiner tiefen,
weihen Stimme; „Juden Sie bie
Armen. Auffuchen müffen Sie fie. Das
ift ein Ernft bes Lebens, der Sie be-
friedigen kann, Couſine.“
Sie ſchaute ihn mit ihren glanz—
vollen großen Augen einen Augenblid
hindurch mit einem unbejchreiblichen
Ausdrude an. Um ihren Mund zudte
e3 wie ein Mißmuth. Sie wandte
das Köpfchen ab, ohne zu antworten.
Sie zeigte ihm nur die Frühroſen,
die in die Sonne herausgeftellt wor:
den waren und ſprach Botanif.
*
* *
So ging die Zeit von den Schnee—
glöckchen zu den Veilchen über und
von den Veilchen zu den Maiglöckchen.
Graf Sittner lebte ſich ein in die Ge—
ſellſchaft und die Geſellſchaft nahm
den jungen, prächtigen, echten Edel—
mann nicht bloß als Bekannten, ſon—
dern als Begehrten. On se l’arrachait,
wie der Franzofe jagt. Aber Joſef
Sittner war nicht angethan zum Aller:
weltshelden. Ein Allerweltsheld muß
ein Courmacher jein um jeden Preis,
und es gehört eine ziemliche Portion
von Oberflächlichkeit und Hohlheit dazu
um in ben Mbelskreifen eines Heinen
Städtchens eine erfte Rolle zu fpielen.
Das Sein und Weſen Joſef Sittner’s
aber war ein ernfthaftes bei all’ feiner
frohen Jugendlichkeit.
Aber trogbem, daß man bald einfah,
man könne an dem jungen Helden
feinen Sonnenfchirm: und Shawlträger
der Damen unb ebenfomwenig einen
Zechgenoſſen für die nächtlichen Kaffee
hausftunden der Garnifon heranziehen,
jo blieb er doch in Gunft; ein Beweis,
daß das wahrhaft Gediegene und
Echte überall imponirt, ſelbſt in hohlen
und oberflädlichen Kreifen.
Graf Joſef theilte fein Leben in
Neitübungen, Stubiren, begrenztes
Kameradenthbum und in feinen Muße-
ftunben waren es vorzüglich zwei Häu—
fer, in denen er gern zu weilen pflegte:
in dem des Barons Laprefti und in
dem bes Generals Vaccaj. Ya, bei ben
Baccaj’3 pflegte er noch öfter und
heimatliher aus: und einzugehen.
War e8 das frohe militärifshe Weſen
in dem Haufe, was das bemirfte ?
Aber e3 hatte fi auch zwiſchen ihm
und der offenen, franfen, Ear und
feft ſchauenden Mila Baccaj eine Art
Freundſchaft gebildet.
Es war an einem Negentage ge:
wejen. Derjunge Officier wargefommen,
um mit dem alten General und den
Onkeln Mirbach und Szalay fein Whiſt
zu machen. Aber die drei Herren
waren im Hotel Kaiferin, wo des Nach:
mittagd ein befreunbeter Oberft auf
feiner „Verſetzung“ nach Dalmatien
Halt gemacht hatte.
Der junge Mann ward von Mila
im Salon empfangen. Goufine Helly
war auf ihrem Zimmer; die Näſſe
hatte fih ihr auf die Franken Augen
geichlagen.
Mila in ihrer franken Weiſe redete
fich jehr gut mit dem offenen, ernften
jungen Mann, der jo ſoldatiſch bieber
und dabei jo jugendlich mild war.
feucht an, die Regenwolken bämmerten
bis in's Zimmer herein.
„Es ift gut, daß Papa und Mir:
bad und Szalay bei der „Kaiſerin“.
Mir war recht bange, Graf Sofef,
und nun babe ich jemanden zum
Plaudern. Sie erlauben, daß ich meine
Stiderei weiterarbeite? Aber das ver:
fteht fich von ſelber.“ — Das junge,
ichöne, amazonenhafte Mädchen fagte
das in demihr eigenen hellen, famerab:
lihen Tone. Damit jegte fie fich in
die Fenfternifche zurüd. — „Hoffent-
ih, Gräfin,” ſagte Joſef Sittner.
Er nahm ein Album auf dem Tifche
ber, das er ſchon zehnmal durchblättert
hatte und ſagte dabei: „Aber bange
fein? Ihnen bange fein? Das kann
ih mir gar nicht vorftellen, Gräfin.“
„Barum nicht?”
„Sie jehen fo gar nie bange aus,“
jagte er Iuftig.
Sie ſchaute ihn eine Secunde hin-
durch ernft an. „Ich muß jagen, ich
fürchte mich wohl nicht beim Reiten
oder Fahren und ich fürchte mich auch
nicht vor Menſchen; aber es gibt
Stimmungen in ber Natur, die Einem
manchmal ein jchweres Herz machen.
Haben Sie das nie?”
„Ih bin ein Mann!“ fagte er,
nicht affectirt ftolz, aber friſch.
„Und ic bin ein Mädchen. Sie
ſehen alſo ...“
Sie haben mir aber immer den
Eindruck gemacht ...“
„Sie wurde ſehr blaß. „Was für
einen Eindruck?“
„Daß Sie nicht wehleidig ſind,
oder daß Ihre Stimmung vom Wetter
abhänge, wie bei einer Pflanze. Sie
ſind mir ſo das Wetter des Tages
oder der Stunde beherrſchend
erſchienen, und nicht dasſelbe ertra—
gend. Sie haben eine ſo friſche, freie
Seele.“
Sie ſchaute von ihrer Arbeit auf.
Ihre Hände ruhten in ihrem Schoße.
Sie ſchaute klar auf ihn und es war
Es war ein recht abſcheulicher ein glücklicher Blick, der aus dieſen
Regentag; die Möbelſtoffe griffen ſich treuen, ſtolzen Mädchenaugen ftrahlte.
571
Es lag eine tiefe Ruhe in ihrer Stimme, | hell dabei wie eine Frühlingsjonne,
eine gute, jelige Ruhe, wie fie ſagte: die über Wolfen fiegt.
„Graf ofef... IH meine, Sie „Sind wir Freunde?“ fagte er.
* — — — Und das Sie erwiderte bloß den Druck
u “ jeiner Hand. Ihr ernftes Gefiht warb
Cr lächelte feößtih auf und fagte jettfam fhön durch das Lächeln, wel-
=> be —— — rg 5 ches dasſelbe überftrahlte. „Was ver:
famen Doppelton dabei, ein Wechſeln ehen Sie unter Freundichaft?” fagte
> — ne een fie dabei wie ſinnend.
ie freuen, Gräfin? u lieber
Set, mas Sin 16 dem? Gin Cäfne | „ur, ac fe Mi Ten teen
Befucher, ber Ihren Papa, = SH der Alles fagen * —*
Hans täglich überläuft . \
weil ich mich hier fo — sic Ihr Auge ſchaute ihn jeltiam an.
Es war noch immer ein Flares, ein
„Wirklich daheim? fragte fie ı
und ihre Wangen find dabei purpur- | vornehmes, ein ſtolzes Auge. Aber
es war, al3 ob eine Sonne in dem:
toth und ihr Bli leuchtet auf.
„Ja!“ fagte er ehrlich. Und fein ſelben Teuchtete. Und fie jagte: „Wir
ernftes Gefiht erhellte ſich dabei. ſind Freunde, Graf Joſef. Und ic
„Zawohl. Ich kann nirgends fo unge: | danke Ihnen dafür für mich.“
nirt fein, wie bier. Und nirgends jo * *
wahr. General Vaccaj iſt oft recht J
böſe beim Whift. Die Onkel politiſiren
viel. Couſine Helly iſt ſo krank mit
ihren Augen. Aber wenn Sie bei dem
Allen ſind, Comteſſe, da thut's Einem
jo wohl. Sie find feine Dame, ſon—
dern ein Kamerad.“
„Iſt das ein Compliment?“ fagte
die Generalstochter heiter.
„Es ift ein Dank. Und oft habe
ih mir gedacht, Sie müßten der befte
Freund fein, den ein Menfchenherz
finden könnte,“
Ihre Wangen waren reizend ge-
röthet. Eine ſolche Röthe gibt im
Menſchenleben bloß der Augenblid
des größten Glückes.
„Und glauben Sie nicht, daß ich
die Ihrige fein mag?“
Er faßte ihre Hand mit über:
ftrömenbem Gefühle „Wenn Sie wüß-
ten, Gräfin, wie Sie mid beglüden.
Wenn Sie wüßten, wie einfam ich
bin, wie bebürftig eines guten, ſüßen
Freundesherzens! . . Und denken zu
Wie der General mit Mirbad)
und Szalay nah Haufe Fam, ba
bradte er die Nachricht, der Kriegs:
famerab bleibe noch zwei Tage —
habe Reifeverlängerung erhalten und
man würde am nächſten Tage auf
Schloß Saalburg fahren, wo Herr
von St. Julien,” auch ein Ehemaliger
vom Generalftabe, ber jet ganz für
die Jagd lebte, hauſte. Es würde
eine prächtige Partie werben. Lieute-
nant Sittner müſſe mit, Heren von
St. Julien würde e8 freuen. Und
dann ſchon Milas ‚wegen müfle er
mit, „ſonſt ſtirbt fie an unferen Mili—
tärreminiscenzen“, denn auf Saalburg
beim alten St. Julien ſei nur eine
alte Repräfentationsdame, eine Fran-
zöfin von Paris, die eigentlich unaus:
ftehlich fei. Mit dem Nachmittagszuge
wolle man bis Loſendorf fahren, von
da auf irgend einer Britſchka nad
Saalburg. „Und überrafchen den alten
Nimrod in feiner Höhle,” jchloß der
dürfen, daß Sie ‚meine Freundin mer: | General. „Er hat den beiten Böslauer
ben wollten . | naRich | im Keller, der auf den Gütern
Werben. — man das wer⸗ der Eſterhazy's wächſt.
den?“ ſagte ſie und reichte ihm ein— J —
fach ihre Hand und = Auge war jo *
572
Der folgende Tag war wunderbar | hauen: der Kleine hellblonde Engel,
ſchön. Ein Tag, fo herrlich, wie. nur der eben erjt feine erften Worte und
ber Lenz ihn bringen fan. Ein Sonn: | feine erſten Schritte verfuchte, neben
tag. Die vier alten Dfficiere, Lieute- dem ſchwarzzottigen Ungethüm. Noch
nant Sittner und Mila Vaccaj bilde: ſchöner aber war das Bild, wie Mila
ten eine ganze Fleine Karawane zum
Bahnhofe. Man mar jehr laut und
jehr fröhlich, wie man eben an folchen
Tagen zu fein pflegt, wo Erde und
Himmel voll Licht, Duft und Pran—
gen find. Jeder Menſch, der ärmite
jelbft, Schaut da froher in die Welt,
die jeder Hoffnung erjchloffen zu jein
ſcheint. Das Böſe fcheint aus ber
Melt gewichen; das Kinderladhen tönt
lauter und die Vöglein jubeln feder
— fie müffen meinen, die ganze Welt
gehöre ihnen.
Baccaj das Knäblein auf den Armen
hielt und es zum Lachen brachte, und
der Schwarze Hund vertrauenb feine
zottige Schnauze auf Mila’3 Hüfte
fügte und mit ben klugen braunen
Hundeaugen auf feinen Eleinen Schüb:
ling hinauffah, als wollte er fagen:
„Der da vertraue ih Dich ſchon an!“
E83 war, wie gejagt, ein Tiebliches
Bild, ein Madonnenbild — das Bild
einer glüdlichen, ſchönen, jungen Mutter,
welche ihr Herzensfind in dem reichen
Schleier ihrer lichten Loden wühlen
Man fuhr mit dem Schnellgug | läßt. War Mila ein ſolches Glüd
die ein, zwei Stationen bis Loſendorf,
beftimmt ? War e3 ihr beftimmt, eine
wo man im vollften Nachmittagslichte | glüdliche Gattin, eine zärtliche Mutter
anfam. In dem Gafthofe neben ber
Bahn machte man Raſt und fahnbete
zu werben? Schön, jung, rein unb
brav genug war fie dafür. Wie glück—
nad einem Gefährt. Der Wirth jelbft | lich fie mit dem Kinde ſcherzte. Vielleicht
wollte jeinen Fleinen Wagen einfpannen
laffen. Das war ganz harmant. Daß
in demfelben nur höchſtens Play für | Blühen zu bringen!
vier Perſonen war, das that nichts
zur Sade, denn Mila Vaccaj wollte
war es dem heutigen hellen Tage
beftimmt, ihr eigenes Herzensglüd zum
Schön, jung,
rein und freubvoll genug war der Tag
dazu. Das fanfte, ernfte braune Auge
nicht fahren. Sie wollte den Weg nad) Joſef Sittner’3 ruhte innig auf ihr.
Saalburg über Sool, an der Ruine
Sichthal und an der Wallfahrtsfapelle
Maria-Stein vorüber durch den male:
riſchen Forft machen. Sie war ſchon
jeit Jahren nicht mehr biejen freund:
lihen Weg gegangen. Graf Sittner
bat, fie begleiten zu bürfen, er war
ein ehrlicher Schwärmer für alle Schön-
heit der Natur. Während das Gefährt
angelpannt wurde, nahmen bie Herren
ihr Gläshen Liqueur und machten
ein paar Stöße Billard, ohne eigent:
lich zu jpielen. Alle Fenfter der Gaſt—
ftube waren offen und ließen die janf:
ten buftigen Lüfte ein. Mila Vaccaj
hatte in ihrer franken Weiſe jchon
Freundſchaft geichloffen mit dem klei—
nen goldhäuptigen Knäblein der Witwe
und mit dem großen, jchwarzzottigen
Hunde, dem Spielgenofien desjelben.
Es war ein reizendes Bildchen zu
Er trat in dem breiten Strahl von
Sonnenftäubhen auf bie Gruppe zu
und ſagte leife: „Wie jchön ift dieſer
Tag. Wie glücklich bin ich, daß wir
den Waldweg machen.“
„Ja,“ jagte das wadere Mädchen,
„ich bin auch fo froh heute, Lieber
Freund.”
Die alten Dfficiere fuhren ab.
Mila und Graf Joſef machten fich
auf den Wieſenweg gegen Sichthal.
Die Wirthin ftand auf der Schwelle
und grüßte nah. Der Kleine Rudi
wollte mit. Der ſchwarzzottige Hund
gab ihnen einige Schritte weit das
Geleite, blieb dann wedelnd ftehen und
jandte ihnen einen bellenden Gruß nad).
Die blaue Luft tönte von Vögeljubel.
Bald begann der Wiejenweg in ein
bügelumfchlofjenes Engthal einzumiün:
den ; dunkle Nadelwälder warfen ftrenge,
majeſtätiſche Schatten in die Sonnen:
lichter. Auf der erften Hügelzade, hoch
oben über dem Mege, ftanb das
zadige Gemäuer ber Raubneft-Ruine
Sichthal. Auf dem höchſten zerrifjenen
Thurme wuchs fröhlich ein Lichtgrünes
Bäumlein empor. Noch einen lebten
Blick thaten fie auf bie Ebene, welche
von den jchneebebedten Bergriefen ber
fteirifchen Kette begrenzt mwurbe. Die
Sonnenluft bildete einen bünnen mweiß-
lihen Schleier über diejen Bergen,
welche veilchenblau jchimmerten, als
wären fie nur eine Verdichtung bes
Himmeld. Dann traten fie in das
Engthal mit feinen kühldunkelſchattigen
Hügelwänden, fie jelber aber in einem
breiten, vollen, warmen Strahle der
Sonne wanbelnb.
din geweſen, die Sie mir heute, jekt,
wieder erweden aus langem Schlum—
mer. “ch habe jo lange Zeit in der Mili-
tärſchule zugebracht, zwijchen guten
Collegen, die aber feinen Sinn für
einen anderen Tag hatten, außer für
die SFerialtage, und zwijchen ftrengen
Lehrern, welche e3 bei einem Kabeten
„Milchſupperei“ genannt hätten, wenn
er einen Sonnenuntergang bewundert
haben würde. Früher, wie ich noch
Geiftlicher werben follte und im Seminar
lebte, da ftand mir die Natur näher.“
Er ſchwieg. Er ſchien jo froh
darüber, ſprechen zu können, jo recht
von Herzen jeine Gefühle jagen zu
fönnen; er mußte jelten Gelegenheit
dazu gehabt haben im Leben. Und fie
war jo froh, ihn ſprechen zu hören,
„Kann es einen jchöneren Tag ihn von ſich fprechen zu hören. Sie
geben, wie den heutigen?” fagte er!
und feine junge, Träftige Bruft bob
fi wonnig und feine Stimme Elang |
glüdlich. „Heute, wo Alles, das Fleinfte
Infekt und der größte Felsblod wie
überlichtet find von einem himmlischen
Geiſte!“
„Sie fragen, ob es einen ſchöne—
gingen langſam dahin nebeneinander,
jetzt über die Wieſen, die an dem
einſamen Schloſſe Sohl vorüberführten
nach dem Wallfahrtswalde, der einem
herrlichen Parke glich. Der Weg zu
ihren Füßen bewegte ſich wie rieſeln—
des Waſſer, wie die Blätterfchatten
auf dem ſonnlichten Wege tanzten.
ren Tag geben kann, als den heutigen ?” | „Sie follten Geiftlicher werben, richtig,”
jagte das Mädchen und folgte mit den ſagte fie. „Aber es zog Sie in bie
Augen einer im Grafe fchlängelnden | Welt hinaus.”
hochſchillernden Eidechſe. „Ich möchte „Damals noch nicht. Da war id)
lieber jagen, gibt es etwas Schöneres ſo glüdlih im Klofter. Da war mir
als die Natur? Geber Tag und jede | auch die Natur nahe, aber ganz erfüllt
Stimmung bat ihre eigenthümliche | mit Heiligen Allegorien. Nicht ihre
Schönheit: das Weiß des Winters, | Schönheit war meiner knabenhaften
jo wie die Stürme, welche die Herbft: | Frömmigkeit da die Hauptſache, ſon—
wälber burchtojen. Kennen Sie bie|dern Gotte8 Weisheit und Gottes
Landichaften Hörmann’3? Wie trüb, | Liebe. Mein kindlich reines Gemüth
wie büfter find die Tage, die er wählt, war jo empfänglid für Alles, was
wie einfam, verlaffen und ärmlich die fih mir darbot; und was war es,
Hütten oder die Auwinkel, welche er das mir am reichften entgegenfam ?
auf feinen Landſchaften fchildert. Und | Die Religion. Ich ſog fie gleichjan
doch find alle diefe Landjchaften voll ein mit einer Innigkeit, wie der heiße
unfäglien, wehmüthigen Reizes.“ MWüftenfand das riefelnde Bächlein
„Sie haben Recht,” ſagte er eifrig | auffaugt, das einer zerjprengten Brun-
und mit leuchtenden Augen. „Aber |nenbruft entquilt. Ich war fo glüd:
man muß es eben Sie jagen hören, \lih! Der heilige Mloifius, dieſer
um es zu fühlen. Sie lieben die Natur | Spiegel von Reinheit und Tugend,
jo durchgeiſtigt! Auch für mich war | wie er ſich mir damals darftellte, war
fie ftetS eine bewunberte, geliebte Freun: | mein deal. Doch die Zeit um mic)
574
und bie Zeit in mir änderte fich. Ich um's Herz geweſen. Sie haben gleich:
wurde älter und Tugte nun auch ſam bas Gefängnißthor meines Lebens
etwas in die Welt hinaus, jah da | wieder geöffnet: Ich kann jagen was
vieles gleißendes Gold, das mir welt:
lich gefinnte falſche Freunde zeigten.
Ich wäre gewiß ein guter und — ein
glüdliher Prieſter geworben. Aber
jegt fühlte ih mich) auf einmal nicht
mehr wohl in den Klofterhallen. Ich
wollte hinaus uud wollte auch Etwas
haben von dem entzüdenben Blend-
werf der Weltſchönheit, das vor mei-
nen Augen gaufelte. Düftere Zweifel
beſchlichen mein Herz, die immer mäch—
tiger wurden, bis mir zulegt das
ganze ſchöne Gebäude der Religion
erjchüttert und — zertrümmert wurbe.
Ich wurbe unzufrieden mit der Welt,
weil fie jo viel Schäße hatte, von
denen fie mir nichts bot, unzufrieden
mit mir jelber, weil ich andere Leute
glücklich ſah ohne Religion, wie ich
es mit bderfelben nicht jein konnte.
Ich verließ das Seminar und in ber
Melt bot ſich mir nur der Militär:
ſtand. Wie Anders find ba die Ber:
hältniffe. Manches Bittere, manche
Enttäufhung mußte ich auch da erfah-
ren. Oft ſehnte ich mich wieder in
die Zeiten zurüd, wo ich mit ben
ihönen Wiſſenſchaften befannt wurde,
wo die alten Völker mit ihrem Thun
und Denfen in meiner Seele aufleben
durften in der Klofterftille.. Hätte ich
ih fühle, ich habe eine Freundin, ich
babe eine Heimftätte für meine kin—
diſchen und für meine büfteren ober
frohen Gedanken. D liebe Mila, liebe
Freundin, ich glaube, heute zum erften-
male werde ich wieber beten können! . .“
Sie ließ ihm die Hand, bie er
faßte, und deutete mit ber andern vor
fih Hin. „Dann thun fie es bier, mein
Freund,“ jagte fie. Und ihre Stimme
zitterte dabei in Thränen und Thränen
bildeten einen Schleier über ihren Augen.
Aber wie die Sonne durch einen Som:
merregen ſcheint, jo lächelte fie durch
biefen Thau; fie weinte über ihn ober
fie weinte über die Schönheit und das
Glück diefer Minute. Es war fo jelt-
jam, daß fie jo wei) war; man hielt
fie für berzensftolz, weil fie frank und
offen war. Jetzt zitterten ihre Hand und
ihre Lippen wie in Demuth. Wie in
danfbarer Demuth vor Gott, daß er
jo gute Menſchen ſchuf wie ber war,
ber neben ihr ftand. Sie ftanden vor
der einfamen Waldfapelle Maria-Stein.
E3 war ein winziges Gotteshäuschen,
mitten unter Föhren ftehend. Und es
war gejhloffen. Die Krüden einiger
armen greifen Leute, denen der Glaube
bier Genefung gegeben haben mochte,
lehnten da an der Wand: rührendere
dad damals würdigen können! Wie Zeugen des frommen Sinnes, als bie
ganz anders jekt. Als Soldat ift | reichiten Opfergejchenke, die im Innern
meine befte Wiffenichaft die, die Natur | der Kapelle fein mochten. Die Sonne
al3 Terrain fiegreiher Schlachten zu färbte im erften Sinfen bie hoben
betrachten und den Nebenmenjchen auf | Stämme des Waldes rofigroth, als
die planmäßigfte Weiſe vernichten zu ſeien fie durchſichtig. Die hohen Wipfel
lernen. Nun, ich bin jet Soldat und rauſchten in den lauten Abenbvogel-
bin es mit Leib und Seele. Aber das ſang hinein wie eine aus bem Him—
Glück, das Glück wollte mir nicht | mel felber tönende Orgelmelodie. Und
lächeln. Wie angefefjelt lag mein gan: | Frühling war's, wo Alles aufblüht.
3e3 Sinnen und Denken baran in mei- Auch die beiden jungen Herzen ba.
ner Bruft. Und ich bin doch noch Sie jchwiegen und fchauten an ber
jung ; ich jehnte mid, Worte zu fin- Kapelle hinan wie an einem Altar.
den fiir das, was ich dürfe oder für | Und was flehten die Beiden? Wie
das, was ich bedauerte. D, wären ſeltſam verſchieden mochte das fein
Sie mir nicht erjchienen, ich hätte) und für wie ſeltſam gleich mochten
erftiden müjjen. Mir war fo fchwer |fie ihre Gedanfen Halten. Und wenn
516
Jedes bat um das Gegentheil des
Andern? Wenn Gott ſie hörte: wie
hoch über ſanftem Menſchenmitleid
muß der Herr wohl ſtehen, um von
zwei innigen Menſchenbitten die Eine
unerhört laſſen zu können!:.
Wie ſie den Pfad von dannen
gingen, da leuchtete ihr Antlitz. Die
Wangen des Menſchen tragen immer
einen himmliſchen Abglanz, wenn ſie
aus der Geſellſchaft der Gottheit
zurückkehren in das irdiſche Leben, wie
das Haupt des Moſes leuchtete, da
er vom Sinai herabſtieg.
Sie kamen vorbei an tiefen Thal:
einjchnitten, wie fie aus dem Walde
ſchritten und an Hütten und an lieb:
lihen Fernfihten, die fich zwiſchen
Heden öffneten. Dann ftand plöglich
Schloß Saalburg vor ihren Bliden.
Ein ftattliches Gebäude mit modernen
Traften und Thürmen, bie fih an
morſche Ruinen lehnten. Schlanke,
florentiniſche Thürme ragten in bie
Luft, wie Michel Angelo fie träumte,
neben didleibigen zerftörten Vertheidi—
gungsthürmen, wie die Babenberger
fie bauten. Ganze blikende Fenfter:
reihen Tiefen neben hohlen ausge:
brochenen Fenfteröffnungen in zerfalle:
nen Wänden hin. Weiß und nett war
das moderne Schloß gebaut. Epheu-
tanken zogen fi) über den ruinirten
Trakt wie ein grüner Schleier. Und
über dem Ganzen loderte die Purpur:
gluth des legten Sonnenſinkens gleich
der Lohe um Brunnhildens Zauber:
burg. Von dem Hügel, auf welchem
fie jeßt ftanden, bis zum Schlofje lief
der Hirfchgarten hin, in dem tiefen,
wohlverftallten Einjchnitte zwiſchen zwei
Hügellehnen. Fünf, ſechs Prachtthiere
mit ftolgen Geweihen und Hirfchfühe
und Kite ftanden da regungslos, wie
angenagelt, dba fie Leute jahen, die
klugen Augen unverwandbt auf bie
beiden Wanderer gerichtet; und mitten
in der Feuerlohe ftanden fie, fich jcharf
abgrenzenb von ber zerftörten Wand
bes Nuinentraftes. Die Sonne ſank
herrlich, gluthig. Und der junge Mann
legte feine Hand auf den Arm feiner
Ihönen Freundin, wie fie weiterjchrei-
ten wollten und jagte: „Noch Eines
möchte ich Ihnen jagen, Gräfin Mila,
ehe wir in das Schloß, ehe wir zu
Leuten kommen. Wer weiß e8 wohl,
wann wir wieder jo reden können.
Darf ich ?*
„Was fragen Sienoch, mein Freund,“
fagte fie janft und neigte babei wie
demüthig das Haupt. Es lag etwas
unbeſchreiblich Mädchenhaftes in biefer
Bewegung. Dann hob fie ihr treues,
ftolze3 Auge wieder zu dem jeinigen
und fagte: „Drüdt meinen Freund nod)
ein Kummer ?”
Nein. Kein Kummer brüdt ihn,
jondern die Macht eines unbefiegbaren
Gefühles. Und das erzählte er ihr
jet und das jchilderte er ihr mit
hochgerötheten Wangen. Wie ſchön war
er dabei. Denn bie Flamme der Liebe
leuchtet niemald jchöner, als wenn
fie al8 Scham in das reinblidende
Antlig des Liebenden hinauflobert:
fei e8 beim Manne oder bein Weibe.
Denn auch der echte Mann hat feine
Scham und feine Heiligkeit und feine
Sungfräulichkeit. Und er erzählte ihr
von feiner Liebe und hielt dabei ihre
Hand in feinen beiden leiſe zitternden
Händen. Von jeiner Liebe für ein
Mädchen, ein junges, kindiſches, viel-
begehrtes, braves, jchönes unbejchreib:
lihes Mädchen, für feine Goufine
Jenny Lapreſti. E83 war jeine erite
Liebe. Sie trat ihm zuerſt entgegen,
wie er das Inſtitut verlaffen Hatte,
und wie ein Engel trat fie ihm ent:
gegen. Sein Herz, ba3 alle Fühlfäden
ausgeftredt hatte in ber erften Frei:
heit feines Lebens, hatte ihr Bild
damit umfaßt, wie mander Blumen:
kelch ſich jchließt über dem erften al:
ter, der auf ihm ausruht. D wie er
Jenny Laprefti feurig zu jchildern
mußte — fie war ein reiner Engel!
So kindlich, jo harmlos, jo wahr, jo
ſchön, jo weich, jo wie ein Maiglöd:
hen. Er hatte fie jchon als Kleines
Mädchen gekannt. Aber es war ihm
576
nie aufgefallen, wie lieblich fie jei,
bis er fie jegt wiederfah. Er erzählte,
Weib, weil e8 eben noch nie erwacht
war. Ich habe noch nie gefüßt. Nicht
wie gut fie fei. Sie gab faft ihr hal- wahr, das ift albern, und meine Ka-
bes Tafchengeld den Armen, und nur | meraben würden mich) wohl verhöhnen
die andere Hälfte verwendete fie auf
Toilettefachen. Aber fie prahlte nicht
damit. Er hatte das nur durch Zufall
erfahren. Und fo Viele beteten fie an
und fie late Allen in's Geficht. Und
er jchilderte, wie fie das und bag
und das gejagt Hatte. Das fei jo
entzückend gemwejen! Und er wiſſe, er
liebe fie. Er könne Nachts nicht ſchla—
fen, denn ihr Bild verfolge ihn.
Geftern hatte fie gejchmollt, daß er
heute wegfahre. Deshalb wolle er auch
den Nachttrain benügen, um zurückzu—
fahren, auch wenn die Gejellichaft auf
Saalburg bliebe, um ihr frühmorgend
feinen Fenſtergruß zu machen. Aber
das Schredlihe bei dem Allen jei,
daß er ihr nicht jagen könne, wie
jehr er fie liebe und daß er fie liebe.
Er jei immer ein ernfter junger Menſch
gewejen, und dieſes erfte, echte, wahre,
einzige, ewige Gefühl feines Lebens
finde feine Worte bei ihr; weil fie
eben jo findlich, jo heiter fei, und in
ihm nur ihren Goufin ſehe. Es habe
ihn faft erdrückt; und er fei glücklich,
eine Freundin gefunden zu haben, ber
er dad Alles jagen könne; eine Laft
jei ihm damit vom Herzen genommen.
Er ſagte das Alles jo glücklich,
jo warm, und hielt dabei die todten-
dafür. Ich bin nicht beſſer ald Andere,
aber ich babe eben immer innerlich
gelebt. Aber jetzt! Jenny's Stimme
macht mich zittern vor Glüd, ihre
Nähe maht mir das Herz erbeben.
Sie werben mir rathen, mir helfen.
Gott lohne es Ihnen. Und laden Sie
nicht über mich: bedenken Sie, ich bin
zwanzig Jahre alt und mein Herz
will überftrömen von all’ den Gefüh-
len, die darin fo viele Geftalten ange:
nommen haben feit meiner Kinderzeit:
meine Mutter, dann Gott, dann ber
Ehrgeiz, und jett das legte und ewigfte
von Allen. Jenny — Goufine Jenny!
Mir ift fo Leicht jekt, daß es noch
Semanden auf ber Melt gibt, ber
weiß, was ich fühle! . .“
Nein. Mila Baccaj, das Franke,
junge Soldatenfind lachte ihren Freund
nicht aus. Sie war nur fehr bleich,
bis in bie Lippen hinein, fo weiß, wie
die Mauer hinter ihr, an die fie das
Haupt lehnte. Das war aber wohl,
weil die Sonne ganz hinunter war.
Ihr großes Auge rubte auf ihm —
jo ohne Ausdruck. Wie er zu reden
aufhörte, da erwachte fie und nidte
und lächelte und fagte: „Das ift ja
ſchön. Aber wenn die Sonne finft
im Mai, da wird's raſch fühl.” Und
haft ruhige Hand Mila Baccaj’3 in ſie jagte, fie habe kalt. „Und ich danke
der jeinigen. „Und laden Sie mich Ihnen. Sie müſſen mir oft jo erzählen.”
nit aus!” jchloß er. „Sch bin fo
„Sie haben fich erfältet !” — jagte
glüklih, daß ih Ihnen das fagen|er erjchredt
fann. Es hätte mich erbrüdt. Sie
werden mir rathen, Sie werben mir
helfen — denn Sie find ja ein Engel
an Milde und Güte! Sehen Sie, ich
397 —
„Ja. Sie ſind plötzlich heiſer.“
„Nein. Aber kommen wir hinein.“
Sie gingen in das Schloß. Sie
bin glücklich in dieſer Liebe. Man iſt ſchritten durch den ganz im florentini—
ſo glücklich, wenn man liebt. Aber ich ſchen Style gebauten Hof mit ſeinen
ſchäme mich ihrer beinahe vor ihr. Wappenſchildern, Büſten und Statuen;
Ich bin immer zu ſtolz geweſen, um Bediente empfingen fie. Oben im Säu—
mit Dirnen zu Tliebeln, wie meine |lengange jaßen die alten Herren und
Kameraden. Ich ſchäme mich nicht, e8|der Nimrob des Haufes und Madame
zu geftehen, daß ich mein Gefühl noch | Berry, die Repräfentationsdame, eine
niemals mweggeworfen habe an ein ſehr weißftirnige, ſehr rothmangige,
577
ſehr perlzähnige und ſehr ſchwarz- | welcher Mila Baccaj ſaß, einen fhril-
lodige altjunge Dame mit dem fü-
Beten Geplauder von ber Welt. Man
empfing die Ankommenden mit Eflat.
Mila Baccaj hatte für jeden ein Lä—
&beln, für jeben ein Wort, für Ma-
dame Berry jogar eine Erwiderung
der zärtlihen Umarmung. Die Lichter
im Speifefaale, ber mit Hirfchlöpfen
und Jagdgeräthen ausgeſchmückt war,
wurden angezündet. Im Kamine [o-
derte eine Heine Maiflamme. Die Un:
terhaltung war lebhaft und herzlich,
das Mahl war jägerhaft und reich.
Plötzlich ſtieß Madame Berry, neben
Weine, Rind, der
Weine, Kind, der Seele Leiden
Aus an meiner treuen Bruft,
Sag’ ed mir, vom Liebften fcheiden,
Haft auch Du gar früh gemußt;
Sag’ ed mir, viel blut’ge Wunden
Schlug das herbe Leben Dir,
Aber hold in Luft verbunden
Bleib’ bei mir.
Schrei aus.
Alles ſprang auf. Mila war
plöglich zu Boden gefunfen, blaß und
regungslos wie eine Todte. Bewußtlos.
Ihr alter Bater war ber erfte,
ber an ihrer Seite war und fie
auftaffte in feine Arme und mit
vor Entjegen zitterndber Stimme rief:
„Mila! Mila! Um Gotteswillen !
Was ift ihr? Mila, mein ſtarkes
Kind! Iſt fie denn tobt? Aber fo
fagt mir denn doch, ob fie tobt ift?!
Mila, Mila!”
(Schluß folgt.)
len
Beele Feiden —
Deine Thränen find Juwelen,
Sind wie Frühlings-Blumenthau,
Müßt' ich ihrer taufend zählen,
Mied’ ich nie die fchönfte Au.
Daß es Morgen einft geworden,
Dir in Augen fünden fie,
Aber meine Liebe morden
Bähren nie,
Weiß ich doch, mein ganzes Reben,
Deinem Trofte iſt's geweiht,
Mildert, Dir nun bingegeben,
Alle die Vergangenheit.
Willſt Du trauern trüben Blides,
Folg' ich zum Entſchwund'nen Dir,
In den Stunden vollen Glüdes
Bleib’ bei mir!
Kofeagers „‚Geimgarten‘‘ 8. Geft.
Fritz Fihler.
87
578
Fine Begegnung.
Genrebild aus dem öfterreidhifchen Bauernleben von K. Anzengruber.
Zum dritten und legten Male
riefen die Gloden zur Kirche, e8 war
ein kurzes, rajchabfegendes Läuten,
als wollte es bejagen: jet eilt euch
aber, es ift die höchfte Zeit. Ich ſaß
noh immer an einem Tiſche im
Freien vor dem Wirthshauſe an der
Straße und die Frau Wirthin, die
unter der Thüre lehnte, ſah mid
darob bebenflih an, an meiner Stelle
wäre fie nimmer dageſeſſen, aber fie
mußte eben heim bleiben und das
Haus hüten, und fie glaubte mohl,
das am beften richten zu fönnen, in-
dem fie fi vor den Eingang ftellte;
es war auch wirklich fein Menjch
denkbar, der ihr an Körperumfang
jo viel nadhgegeben hätte, um neben
ihr einzujchlüpfen,
Es war Sonntag, die Leute ka—
men in ihren SFeittagskleivern wohl
die Straße herauf, aber nicht an mir
vorüber, denn die Kirche lag mitten
im Drte und da hatten fie e8 näher,
wenn fie einen Feldweg einbogen, ich
ſaß aljo ungeftört unter dem tief
blauen, fonnigverflärten Himmel, vor
mir das Glad mit funkelndklarem
Mein, hinter mir, an der Mauer des
Haujes, wo Kletten und Diftelftauden
hochaufgeſchoſſen ftanden, trieb fich
jummendes und jchwirrendes Inſecten—
geſchmeiß herum Ich fonnte mich von
außen und nach innen. Ich war der
Natur gerade recht dankbar für mich
und der Summchor hinter mir läutete
und flirrte froh behaglich dazu.
Allerdings, wehe mir, wenn das
Auge Gottes, das ih ſchon jo oft
in einem Dreied über Hausthüren
und an Dreifaltigfeitsjäulen bräuen
jah, nur halb jo geftrenge auf mir|
ruhte, wie bie Blide der Frau Wirthin.
Ich Sünder hatte jedoch darauf
nicht Acht, fondern merkte zuvörderſt,
daß ich in ftiller Selbftvergefjenheit
mein Glas geleert hatte, ih langte
dasjelbe nad der Wirthin hin, a
diefe rührte fich nicht von der Gtelle
und jagte kurz: „Es ift ausgeläutet!”
Sie legte damit die fromme Ab-
fiht an den Tag, während bes Got-
tesdienftes nichts einzufchenfen. Ein
anderer hätte vielleiht in Schimpf
oder Lehr’, je nad) Temperament und
Durftgefühl, das Weib aufzuklären
verfucht, ich aber fannte meine Leute
befier, auf Worte eined ganz Frem—
den geben fie in ber Negel nichts,
er redet ihnen lange gut, und je län:
ger er e8 macht, je verftodter werben
fie ; ich hätte wahrjcheinlich für Die Mühe
feinen Wein weiter und ben getrunfe-
nen theurer aufgerechnet befommen.
Durch die Ausfiht, nunmehr tro=
den bafigen zu müffen, wurde meine
innere Feiertagsftimmung getrübt und
mein Dantgefühl gegen die Natur
auf ein fehr befcheidenes Maß herab:
geftimmt. Ach, von welchen Kleinlich:
feiten hängt oft der MWechjel unjerer
Anschauungen ab! Unfere Vorfahren
fochten derlei Feine Widerwärtigfeiten
weniger an, fie hatten leicht Optimi-
ften und glaubensitarf jein, es jcheint,
daß bei ihnen das Muskelſyſtem vor:
züglich ausgebildet war, bei und je
doch find e3 die Nerven und darum
find wir alle mehr ober weniger Peſ—
fimiften und zweifelſüchtiger Natur.
D, welde in olympijcher Ruhe ver:
barrende Geſchöpfe müßte ein Ge:
jchlecht geben, bei dem die Drüfen
an die Reihe der Entwidlung kämen!
Ich ſchrieb dieſen Gedanken in
mein Notizbuch, denn aus Reſpekt
579
vor meinem Genius fühle ich mich
Ich warf mein Gelb auf ben
immer verpflichtet, derlei belehrſame Tiſch, erhob mid und ſchloß mich
und erheiternde Einfälle meinen Zeit- | ihm
Dann | befjeren Begleitung geben, als ber des
genofjen nicht vorzuenthalten.
langte ih in meine Tafche, um zu Mannes, „zu dem
an, ich Fonnte wohl in Feiner
Gott Vertrauen
zahlen ; als ich aufblidte, fam auf | hatte.“
dem Wege, der aus dem
führte, ein altes, kümmerliches Männ-
hen einher getrippelt.
Troß des Sommerd trug ber
Alte eine gefütterte Mütze über ben
langen, weißen Haarflehten und da—
runter gudte ein Klein bischen, brau-
ned, gerunzeltes Gefiht aus den
jchneeigen, ftadhligen Barthaaren, bie
ihm bis über die halbe Wange wuch—
jen, gar jeltjam hervor; am Leibe
hatte er eine geflidte Joppe, darun- Thür’
ter eine Weſte, die erkennen ließ, daß
er eiumal beleibter geweien, feine
bünnen Beine ſtaken in einer abge:
tragenen Kniehofe, blauen, ausgewa-
jenen, jchlotterigen Strümpfen und
berben Schuhen. Er that jehr eilfer:
tig, denn in der Rechten hanbhabte
er einen Stod, mit dem er eifrig
aufftapfte, er ſchien fih davon ein
ſchnelleres Fortlommen zu verfprechen,
in Wahrheit aber wollte biefer britte
Fuß nicht mehr leiften, als bie beiden
ander.
Er war ganz nahe gefommen,
als ihn die Wirthin anrief: „Nun,
Martl (eine Abkürzung für Martin),
nit in der Kirche?”
„Rein, nein,“ antwortete der Alte.
„Weiß es ja, wenn mich auch ber
liebe Herrgott nicht in der Kirche
fieht, jo hat er doch Vertrauen zu
mir “
„Wohin denn ?“
„Paar Grojchen verdien’ ich, bie
mir der Hubmeier gegeben bat, daß
ih ihm Hinüber geh” zum ehent-
„Run, Better,” jagte ih, an feine
Seite tretend, „Ihr ſeid ſcharf auf
Geld aus.”
Stäbter und Landleute beutfchen
Stammes in Defterreih „vettern” ſich
nämlich fehr häufig, jo wie in Wien
noch mander kleine Gejchäftämann
einen Kunden vertraulich ald „Nach
bar“ anredet, obwohl biefer oft ein
paar Gafjen weiter wohnt, gejchweige
denn im jelben Haufe und Thür’ an
„Der Reiche mag’3 gewinnen, ber
Arme muß’ verbienen,” erwiderte
ber Better, dann ſah er mid miß-
trauifh an, rüdte an ber Mütze und
fagte: „@elobt jei Jeſus Chriſtus!“
„In Ewigkeit,“ antwortete ich.
„Der Herr ift alfo Fein ud’ 2“
fagte er. „Ich hab’ ſchon gemeint,
er mär’ einer, weil er in feiner
Kirche ift.“
Wenn ich’3 auch nicht fo beftimmt
weiß, und ob in allen Stüden, fo
glaub’ ich doch, daß auch zu mir
der Herrgott Bertrauen bat. Unb,
was dem Einen redit, das ift bem
Andern billig, Ihr werdet doch nicht
allein unſers Herrgotts Bertrauens-
mann fein wollen, Better ?“
Er lachte. „Bei Leib’, alle bra-
ven, rechtſchaffenen Leut' find’. Alle
braven, rechtſchaffenen Leut',“ wieber-
holte er befräftigend. „Die mag unfer
Herrgott an ber Hand leiten ober
frei laufen laffen, er bat fih von
ihnen nicht8 Uebles zu verfehen, halt
auf die Schlechten braucht's ein Auf:
leitner fragen, ob ber bie braune jchauen, daß er mit denen auskommt.“
Kuh will.”
„Daß er mit ihnen auskommt?
„Gibt fie ihm ber Qubmeier jetzt?“ Darum forgt er doch nicht, er hat
„Ja, wenn ber Zehentleitner paar |ja bie Macht.”
Gulden zulegt. Behüt’ Gott!”
„Behüt' Gott!“
„Und bie Herrlichkeit, — ſeid
Ihr vielleicht ein Proteftant ?“
37*
580
Ich verficherte ihm, ich fei ein
eben fo guter Katholif, wie er, ver-
langte mir's auch nicht beijer, als
Sonntags Hinter die Kirche über Feld
zu gehen und bafür noch ein paar
Groſchen in den Sad zu befommen.
Er ladte, denn Spaß bleibt im-
mer Spaß — unter Leuten von glei-
cher Gonfeflion !
Dann jchüttelte er den Kopf.
„Die Macht, habt Ihr vorhin gejagt,
Ihr meint zum Dazwiſchenfahren und
Dareinwettern? Schaut’, mein lieber
Herr, Herr” — er fagte fo, weil
er meinen Namen nicht wußte, offen-
bar fchien es ihm unſchickſam und
unnütz, darnach zu fragen, da er
nicht für neugierig gelten wollte und
wußte, daß er ihn nicht behalte. —
„Schaut, mein lieber Herr, Herr’,
Ihr ſeid vielleicht geftudirt und ich
vermag nicht anders zu reben, als
ich’3 eben verfteh’, das müßt Ihr mir
halt nicht für übel nehmen. Ich denk',
weil man dei lieben Gott den Him—
melvater nennt, jo wird er wohl wie
ein Vater zu allen fein, und es hat
doch ſchon Unſereines auch mit un:
gerathenen Kindern ein Nachjehen.
Kommt vor, daß man wohl gar noch
heiflicher mit ihnen umgeht, und nicht
anders hält e3 der Herrgott mit ung,
ih bin mir lang genug auf der Welt,
daß ich weiß, was in ihr gejchieht.
ich hab’ dasjelbe erlebt. Ja, ja, lieber
Herr.”
„Erlebt?“
„Ja, und nicht nur aus fremder
Leut' Schickungen erſehen, ſelber er—
lebt! Schaut' da ein wenig nach der
linken Seite, was Ihr ſeht.“
„Ein großes Bauerngut liegt dort
auf der Anhöh'.“
„Ja, es iſt ein großes Bauern—
gut, die Felder, wie ſie da herunter
nach der Straße zu liegen, und der
ſchlagbare Wald dahinter, jo weit
Ihr den grünen Streif ſeht, gehört
alles zujammen. Früher waren zwei
und 'der andere nicht viel beſſer daran
als ein Bettler und muß in feinen
alten Tagen den Leuten für ein paar
Grofhen Botengäng’ madhen.“ Er
athmete ſchwer und der Stod zitterte
ihm in den Händen. „Ja ja, lieber
Herr, [haut mich nur groß an, es
ift ſchon richtig, wie Ihr euch denkt,
e3 ift mein leibliher Bruder, ber
dort oben figt und mich aus bem
Elternhaus ausgetrieben hat.
„Nehmt e3 nicht dafür auf, daß
ih red’, um ihm etwas Uebles nad):
zufagen, er mar immer ein guter
Wirthihafter, aber er hat fein Herz
gehabt. Schon als kleiner Bub’ nicht.
Er hat fih mögen mit Käfern jpie-
len, fie an einem Bindfaden fliegen
laffen, oder vor einem Stüd Holz
einfpannen, und wenn er ftund’lang’
mit ihnen feinen Spaß gehabt, fo
bat er fie darnach an der Erd’ zer:
treten, nicht andere, als wären es
Kirfchlerne und fein Leben und
Empfinden in ihnen. Ich vermag kei⸗—
nem Gejchöpf Gottes ein Leid anzu:
thun.“
Er bethätigte das auch ſogleich.
Ein Hirſchkäfer, auch Weinſchröter ge:
nannt, froh eben über den Weg. Der
Alte blieb ftehen, um ihn nicht zu
zertreten, und fchleuberte mit dem
Stode das Thier zur Seite, daß es
an einem der nächſten Bäume dumpf
aufflatfchte und zappelnd in's Moos
fiel, hätte es Sprache beſeſſen, es
hätte ficher geflucht.
Mein Begleiter fuhr fort: „ALS
mannbarer Burfh hat mein Bruder
mancher Dirn da in der Gegend Lug
und Trug vorgefpiegelt, ich hab’ mir
dagegen in aller Ehrbarfeit eine ge-
funden, die mir zum Weib’ getaugt
hätt’, Katharin hat fie geheißen, ihre
Eltern waren es zufrieden und jo
weit wär alles in Richtigkeit gewe—
ſen. Mein Bruder hat als zufünftiger
Schwager auch in das Haus bürfen,
Brüder zu gleichen Theilen darauf, von dem man ihn fonft vielleicht fern
jeßt ift der eine alleiniger Eigner | gehalten hätt’, es hat ausgejehen, als
581
wollt’ er dort mit Zeit und Weil
recht heimlich werden, es ift aber
darüber nur gelacht worden, denn
für ihn war die Stellung vor ber
Thür’. Mid als den ältern hat näm-
lid der Bater vom Militär losge—
fauft, was damals noch gegangen ift,
wo aber mehr’ Söhn’ im Haus wa-
ren, haben bie jüngern die Ausficht
gehabt — trum, trum, trum,
binter'm Kalbfell zu marfjchieren. Das
Looſen war zur Zeit auch noch im Brauch)
„Ich vergeh’ nicht, wie einmal
der Görg, jo hat mein Bruber ge
heißen, zu mir gejagt hat: „Du ver:
trägft dich ja recht gut mit ber Dei-
nen, magft auch zufrieden fein, wie
fih für einen fchidt, der nicht daran
denkt, die Leiter anzufegen, und nimmt,
was der Wind vom Baum beutelt;
mich vermöcht' fo Eine, wo zwölf
auf das Dutzend gehen, nicht zu hal-
ten, ich brauch” was beſonders!“
„Und das hat er auch ar der
und wie mein Bruder zur Abjtellung | Kathrin’ gehabt, fie ift nicht nur rei-
geht, trifft er fo ein’ unmenfchlich cher gewefen, fie war auch fchöner
hohe Nummer, daß die Neih’ gar und gefcheidter, wie die andern; die
nicht an ihn 'kommen if. Für ein
Jahr war er frei, aus ber eriten
Alteräflaff’ heraus, Krieg war feiner
in Ausfiht, fo hat er ſich wohl auf
fein gut’ Glück verlaffen und etwas
darauf hin unternehmen können, er
hat's auch gethan und zu Weg ge
bracht hat er’; die Kathrin’ war
mir auf einmal abwendig und ihm
zugethan mit Leib und Seel’. Gejehen
hab’ ich's, aber hören wollt’ ich’s
auch. Ich denk’ es noch, wie er mit
ihr vor mich hingetreten iſt und an-
gehoben hat: „Bruder, du meißt es
ohnehin, wie e8 ift“ .. . dabei hat
er fie mit ber Rechten an ſich gezo—
gen und obwohl fie gefhämig fein
Aug’ vom Boden gebracht, hat fie es
doch nicht laffen können, daß fie fel-
ben Arm aufftemmt und ihre Finger
in bie feinen häfelt. D, lieber Herr,
das ift nicht anders, ald man brennt
Eine mit heißem Eifen auf der
Haut, wenngleich es verheilt, bleibt
doch ein Merkzeichen für bie ganze
Lebenszeit. — Der Wirthihaft hal:
ber hab’ ih nicht ohne Meib jein
fönnen, fo hab’ ich mir halt eines
genommen, wie gerad’ zu haben war.
Meine Alte — Gott hab’ fie felig
— ift nicht beſſer, noch fchlechter ge-
wejen, wie bie Andern; Gott vergelt
ihnen alles Gute, da3 fie uns ans
thun, und verzeih’ alles Ueble, was fie
hat's jchon vermocht, ihn zu halten,
daß er lieber heim, als irgendwo
um die Wege war, und das war gut
für ihn und vielleiht au für an-
dere, weil immer gut ift, wenn An—
fechtung den Weibsleuten erfpart bleibt,
denn, lieber Herr, fie vertragen da—
von nicht viel.“
„Damit Ihr euch auskennt in
dem, was ich weiter erzähl’, muß ich
wohl voreh’ jagen, mie das große
But zufammen gefommen if. Noch
unferm Großvater hat faum der dritte
Theil davon gehört, der mehrere war
fremdes Anweſen und bat bis auf
| meine® Bruders Zeit nach den frühe:
ren Eignern das Hebergeriſche gehei—
ßen. In unferer Familie waren all—
zeit gute Wirthſchafter und Sparer,
die Hebergeriſchen Leut' waren dage—
gen immer liederlich und unwirthſam,
jeden von uns erübrigten Groſchen
haben ſie zu leihen genommen und
wie denn der Letzte von ihnen ſeine
Sach hat' unter den Hammer bringen
müſſen, da war unſer Großvater der
Hauptgläubiger und hat leicht das
ganze große Gut erwerben können;
ſo hat die magere Kuh nach und
nach die fette aufgefreſſen. Man
ſagt wohl auch, er hätt' ſelber die
Gelegenheit dazu gemacht und herbei—
geführt, ich weiß es nicht, aber mag
wohl fein, wenn ich dent’, wie mein
mehr aus Unüberlegtheit, wie aus Bruder ift, von dem es heißt, ber
Bosheit ftiften.
wär’ ihm ganz nachgerathen.
582
Der Großvater war nämlich ganz
anbers geartet wie feine zwei Söhn’,
unfer Bater und unfer Oheim, Die
find recht duldſame Leut' geweſen,
freilich hat ſich auch Keiner mucken
dürfen. Der Oheim war von Kind
auf ſiech und hinfällig, für den hat
fih fein Weib gefunden, aber ber
Bater hat ſchon lang geheirathet ge-
habt, ih und mein Bruder waren
jhon auf der Welt, und noch bat
ber Alte nicht daran gedacht, daß er
fi in die Ruh’ fegt und feine Sad’
feinen Kindern übergibt, dazu war er
viel zu herriſch; Hat er gejagt, jo
Schaut ein Ding aus, jo hat es Keinem
anders vorlommen bürfen, und hat er
Braun ſchwarz geheißen, fo iſt's dabei
geblieben. Wie er das Gut auf ben
jegigen Stand gebradt hat, hat er
Felb und Wald in zwei gleiche Theil’
gefhieben, ven Gartenzaun vom alten
Gütel fo weit auf dasHebergeriſche hin:
übergerüdt, daß auch Grund und
Boden um bie beiden Hütten gleich:
theilig war, und jeder der Söhn’ hat
feinen zugewieſenen heil betreuen
müffen, er aber ift Herr über bas
Ganze geblieben bis an feinen Tod.
Die Theilung ift aber nicht grund:
bücherli eingetragen worden, weil
noh vor ihm des Vaters Bruber
geftorben und Alles an unferen Vater
gefallen ift; ber hat mih auf das
Stamm-⸗Anweſen, den Bruder auf das
Hebergeriihe geſetzt und es nicht
ander? gehalten wie der Großvater,
ift auch fo alt geworden, über fünf:
undachtzig. Kurz nad ber Zeit, wo
fie meinen eigenen und meines Bru-
berd Buben zum Militär genommen
haben, denn neuzeit gibt es fein Los—
faufen, ift er geftorben und hat in
fein Teftament gejchrieben, baß mir
das alte Gut, meinem Bruber bas
2. gehören fol.
„O Herr, er hat’3 nicht gedacht,
er bat es gar nicht denken Fönnen,
wohin das führen folt! Noch ift
fein Gras auf Vaters Grab gewachſen,
fo fommt einmal Abends mein Bruder
an ben Zaun, der beide Höf’ jcheibet,
er hat die Pfeif’ im Mund gehabt,
lehnt fi über und jagt: „Guten
Abend Martl! Magft nur bald ben
Gattern da an feine alte Stel’ zurüd-
rüden.” Ich lad’ darauf und jag’:
„Das werd’ ich bleiben laſſen.“ Sagt
er wieder: „Du wirft e8 jchon thun.
Laß’ nur auch deine Knecht’ vom
Mald wegbleiben und jehid fie mir
nicht auf fFelber, die zum Hebergeriſchen
Anweſen gehören.” — „Du Ipafliger
Ding”, ſag' ih, „was rauchft denn bu
heut’ für Tabak, der Dir jo gut bie
Grillen vertreibt und Dich luſtig
macht?“ — „Brei König”, jagt er
und fpudt aus. „Aber ber Tabak
bringt mich nicht auf Späß’, ich meine
e3 völlig ernft, das Hebergeriſche Gut
gehört mein.” — „Das ift doch ge-
teilt”, ſag' ich zu ihm. Da richlet
er fih vor mir auf, fo lang und
breit er war, und fragt: „Wo fteht
denn das aufgejchrieben? Weder im
Grundbuch ift e8 vorgemerkt, noch in
des Vaters Teſtament angeordnet.
Haben der Großvater und ber Vater
Zäun' verjegt und Grund und Boden
an Andere zur Nußnießung überlaffen,
fo ift ihnen das, als den früheren
Eignern zugeftanden, und wenn es mir,
al3 dem jekigen nicht taugt, jo kann
ich Alles wieder in alten Stand ſetzen.“
Ich bin nicht wenig erſchrocken, wie
ich gemerft hab’, daß er's jo ernftlich
anfaßt, und hab’ mich auf's Bitten
verlegt und ihm zugerebet, er möcht’
doch nicht jo an mir, feinem leiblichen
Bruder handeln, er aber hat darauf
furzweg gejagt: „Wenn Du meinft,
es geſchieht Dir Unrecht, jo geh’ in
die Gerichte‘.
Obwohl ich verbittert war und
das Gefühl gehabt hab’, es geſchäh'
mir ein Unrecht, das alle Melt ein:
ſehen müßt’, fo ift e8 mich boch hart
angelommen, gegen den eigenen Bruber
Prozeb zu führen, aber ich hab’ ge
glaubt, ih wär’ es meinem Weib
und Kind jchuldig. Hätt’ ich voraus
gewußt, wie es bald barauf hat
583
fommen follen, ich hätt’ es eben jo
gut fein laffen können! So haben wir
denn eine Weile prozeflirt und viel
gutes Geld dafür hinausgegeben, die
Entſcheidung ift vor der Thür’ ge
ftanden, da ift ein Tag gekommen —
o lieber Herr, wie nie fein Menſch
einen zweiten zu ertragen vermöcht !
Kriegszeit ift damal gemwejen, unjere
beiden Buben find im Feld geftanden
und auf einmal hat fich im Dorf das
Gereb’ verbreitet, Einer davon wär’
gefallen. Welcher? Keined hat's zu
jagen gewußt. Wie mid aber ber
Bürgermeifter auf’3 Amt bat bejchei-
ben laffen, da hab’ ich jchon an dem
erbarmhaften Gefiht von dem Ge
meindeboten gemerkt, wie viel es ge:
ihlagen hat und bin mit zitternden
Knieen hin, mir für ganz fidher und
gewiß fagen zu laffen, was ih mir
jelbft nicht hab’ eingeftehen wollen,
daß ih es ſchon weiß. Das mar
meine erfte Leibendftation. Unb wie
ih heimkomm', liegt mein Weib,
frank vor Erjhreden, eben war Nadı:
richt eingetroffen, wir hätten den Prozeß
gegen den Bruber in letter Inſtanz
verloren. Herr, wie mir war, wie id
dem Weib gegenüber geftanben bin, das
gemeint hat, ich wein’ allein um unfer
Hab und Gut, während es jekt ja
mehr unjerem Einzigen, unferer legten
Stütze gegolten hat! D Herr, jo was
läßt fi nur verwinden, wenn man
fih ben vor Augen hält, der feine
vierzehn Stationen bis an's Kreuz
gegangen.“
Der alte Mann trodnete ſich bie
Augen, nach einer Weile fuhr er fort:
„Das Neftel, was ich noch zu jagen
hab’, ift kurz. Das kleine Gütel, das
mir verblieben wär’, ift ganz auf bie
Prozeploften daraufgegangen, mein
Bruder hat es erftanden, das Eltern:
haus hat er doch nicht wollen in
fremder Leut’ Händ’ kommen laffen,
auh war ihm wohl darum, das
Ganze beifammen zu halten. Bon dem
Erftandgeld find über die Prozeßkoſten
ein paar Gulden geblieben, gerad’
genug, daß ich dafür im Dorfe eine
Heinmwinzige Hütte hab’ kaufen können,
um darin mit meiner Alten zu woh—
nen; die hat der Jammer hart ange:
griffen, e8 Hat nicht lang’ gebanert,
jo war ich allein.
„Wie Ihr euch denken könnt, lieber
Herr, war fein Kleines Gejchrei unter
ben Leuten, wie mir mein Bruber fo
mitgefpielt hat. Aber wie es bamit
ſchon bejtellt ijt, Anfangs hätt’ man
meinen fönnen, der Görg jei auf
feinen Schritt außer Haus mehr
fiher, dann haben fie mir die übelften
Nachreden angebichtet, gleihjfam als
hätt’? ih die ausgefagt, — daher
mag wohl fommen, daß fidh bie
Schwägerin Katharin fein klein Biffel
um und angenommen bat, — unb
ſchließlich, wie wir fo für alle Beit
und Emigfeit mit einander zertragen
waren, find die Leut' Schimpfens und
Scheltens müd' gemejen. Bald war
man mich herunten im Drt unb
meinen Bruber oben auf dem Anmefen
gewöhnt und heut’ jchon gilt's jo als
zur Ordnung gehörig, fragt Keiner,
ob es jchön ober wild, recht ober
unrecht ift.
„Diele haben freilich ben Kopf ge
beutelt zu fo ungleichem Spiel, wo
der Eine alles gewinnt unb ber An-
dere alles verliert, auch mir hat es
anfangs nicht in den Sinn wollen,
warum unfer Herrgott den Görg fo
verhätfchelt und mich in den Winkel
ftellt. Aber ſeht, lieber Herr, troß
allem, was er mir auferlegt hat, hat
er fi nicht in mir geirrt, obwohl
ih jo arm bin wie eine Kirchenmaus,
dent’ ich nicht daran, mir unredhter:
weis nur einen Groſchen anzueignen
und wie hart auch mein Bruber
gegen mich geweſen ift, wünſch' ich
mir feine Gelegenheit, ihm beimzu-
zahlen. Er hat nad der Hand ge:
äußert, ihn hätt’? an meiner Statt
der Unglüdstag nicht treffen dürfen,
wär’ jein Prozeß verjpielt und fein
Bub todt geweſen, er hätt’ mir ben
den meinen erichlagen und eh’ Walb
* 584
und Haus angezündet, als fie über | lieber Herr, es fcheint völlig, Gott
geben. Das ift wohl nur eine wüfte nimmt das Glüd ber guten Menſchen
Red’ hintennach geweſen, aber wer, und legt es ben fchlechten zu, bamit
der ihn kennt, wie ich, vermöcht’ zu | die weniger Urſach' haben, arg zu
jagen, was aus ihm geworben wär”,
hätt’ e8 ihn auch nur halb fo rauh
angefaßt?! So hat ihn eine gnäbige
Schickung auf das reichte Anweſen in
der Gegend geſetzt, ihm Weib und
Kind erhalten und Enkel bazu ge
ſchenkt, nnd nun gibt er fich zufrieden,
und hält Ruh!
„Dort über'm Feldweg liegt bes
Bebentleitners Hütte, da muß ich jetzt
"hinüber. Behüt’ Gott! Ya, ja, mein
fein.”
Ich brüdte ihm die Hand, nad)
einigen Schritten nidte er mir, an
die Mütze greifend, noch einmal zu
dann ſchwand mir langſam jene küm—
merlihe Geftalt aus ben Augen.
Hinter mir, auf ber Anhöhe, Tag
im lichten Sonnenſcheine ber Sof
ſeines Brubers, ftill, feierlich, wie
ausgeftorben, — ber Görg war wohl
in ber Kirche.
So braufet der Peidenfhaft Göttergewalt.
Weißt Du, wie der Sturm zu Thale fpringt,
Der lenzlufttrunfne Titane,
Wie die tropenden Tannen er niederringt
Und wie er mit ftarten Armen ſchwingt
Der Wolten drohende Fahne.
Sein Antlip ift Naht und fein Herz ift Glut
Und 3erftören heißt fein Beginnen.
Der in heimlichem Schlummer fo lange gerubt:
Maplofes Begehren entflammt feinen Muth,
Und es reißet ihn ziellos von binnen.
Die fladernden Blige beleuchten die Bahn,
Der Luft wildfprühende Funken.
So wirbelt's daher im bacchantiſchen Bug,
Bald zum Abgrunde mwendend, zur Höhe bald
den Flug
Im rafenden Rauſche verfunten,
So braufet der Leidenſchaft Göttergewalt!
Iſt's Wonne oder Verderben?
Die Gedanken verſtummen in Demuth bald,
Da hilft nicht Weisheit, da gibt's feinen Halt:
Ein Blüdliher fein — oder fterben!
Und weißt Du, wie nad der Wetternadt
Hereinfhaut der Frühling voll Wonne ?
Wie im Perlengefchmeide die Wieſe lacht
Mit unwiderftehliher bräutlicher Pracht
Und berauffteigt die flammende Sonne ?
Es blinken die Fluren, es flüftert der Wald
Und es läutet und klingt in den Zweigen,
Als wär in des Frühlings holder Geftalt
Die ewige Gottheit hernieder gemallt,
Zu den Menſchen fi liebend zu neigen.
Es mweinet vor Wonne die zitternde Yu,
Harmoniſch plaudern die Wellen,
Sie fpiegeln wieder des Himmels Blau:
Das ift die Liebe, die Götterfrau
Und es raufchen elyfifhe Quellen,
Das ift die Liebe! O fürdte nicht
Der Leidenfhaft wildes Gebahren.
Hellleuhtend, beglüdend, berüdend bricht
Aus den nächtlichen Wolfen das rofige Richt
Der Liebe nad taufend Gefahren!
FH ©. Adolf Weiß.
585
Die Dreizehnte.
Novellette nach dem Franzöfifchen von Louis Gauthier.
Doctor Sorbier ift ein ſehr red- ı Schreden zu verbreiten; ftarben ohne—
jeliger Mann; es gewährt aber auch | Hin mehr Leute aus Furcht, als an
Bergnügen ihn anzuhören, er erzählt | der wirklichen Krankheit.
allerlei Geſchichten, bezweckt jedoch
Ich hatte in dem Approviſionirungs⸗
zumeiſt auf den Geiſt ſeiner Patienten magazin, welches man in aller Eile
damit Einfluß zu nehmen, denn er iſt
fein loſer, ſondern wohl berechneter
Plauderer.
Ich traf eines Abends mit ihm
bei einer Marquiſe zuſammen, welche
ihn ob eines heftigen Nervenanfalles
ſchleunigſt rufen ließ. Die Marquiſe
beſaß die ſeltenſten Eigenſchaften der
Weltdame, nur Ein Schatten verdun—
felte ihre wirklich blendenden Tugenden.
Sie beſaß nämlih vier Kinder, wo—
von fie eines unglüdlicherweife weniger,
als die anderen liebte und es auch in
Folge deſſen zeitweife mit empörender
Ungerechtigkeit behandelte. Der Doctor
fannte diefen Fehler nur zu genau
und als man ihn an diefem Abende
bat, er möge eine feiner jo aller:
liebft erzählten Geſchichten
zum Beften geben, jo begann er fol-
genbe:
Ich Hatte bereits mein Doctor:
Diplom vor einigen Jahren erhalten,
ala im Jahre 1832 die Cholera über
Paris verheerend einbrach und beffen
Einwohner beinahe decimirte. Nur
Derjenige, welcher die Peftfeuche von
ber nächſten Nähe aus beobachtet,
fann beren verheerende, raſche, jchred-
lihe Wirkung beurtheilen und jo lange
ih lebe, werde ich das entjeßliche
Bild, welches die Hauptitabt damals
bot, nicht vergeflen. Denken Sie fi
nur, man trandportirte unfere Tobten
bei Nacht heimlich fort, gebot uns
Aerzten, die wahre Ziffer ber Opfer
zu verſchweigen, um nicht noch mehr
zum Spitale umgewandelt hatte, zu
tun, dieſes riefige Gebäube reichte
faum Hin, die alle Augenblid anlan-
genden Cholerakranken zu faflen, fo
daß man wie bei einem Theater in
den Kranfenfälen Queue machen mußte,
kaum fand ein Bett frei, jo war es
ichon wieder belegt.
Eines Morgens, ich fam foeben
von der Bifite des mir anvertrauten
Saales mit 33 Betten, hörte ich einen
Krankenwärter nad einem disponiblen
Arzte rufen. Ich ging fofort zu ihm,
er übergab mir eine Bifitfarte: „Mr.
Dumiege, rue Culture Saint Catha-
rine“.
Ich flieg raſch in einen Wagen
und zehn Minuten fpäter befand ich
mi in dem erften Stodwerfe eines
der jchönften Häufer befagter Straße,
in einer prachtvollen Wohnung.
Als ih den Salon betrat, fand
ih fünfzehn Perfonen gleich; Dämonen,
ſchreiend, mit den Händen gefticulirend
umberlaufen, ber dort herrſchende
Heidenlärm bradte mid völlig aus
der Faffung, ich hätte beinahe die
Urſache meines Beſuches darob ver:
geffen. Außer ſolchem Höllenſpektakel
trug dieſe fih fieberhaft bemegenbe
ſchreiende Menge das jgltiamfte Ge:
präge. Hätte mir der Kuticher nicht
gejagt, er bringe mich zu einem Rentier,
ih hätte geglaubt, mi in einem
Penfionate zu befinden, denn ich zählte
zwölf ganz gleich gefleibete junge
Mädchen im Salon.
586
So unglaublid e8 auch war,
fagte ih mir, dieſe zwölf blonden,
gleich großen Fräuleins müßten an
ein unb bemjelben Tage das Licht der
Welt erblidt haben, müßten Schweftern
fein, denn deren Aehnlichkeit war ge-
radezu frappant.
AL man meine Anmejenheit im
Salon enblich gewahrt wurbe, fing etwas
Ruhe einzutreten an, Mr. Dumiege
ſammt Frau ergriffen mich bei ber
Hand und führten mich zu einem von
mir bis nun noch nit erblidten
Mädchen. Das Kind lag auf einem
Sofa, völlig ſtarr, als fei fie von
Krämpfen befallen, ihr Antlig war
ganz violett gefärbt, der Mund ver:
zerrt, bie Augen ftierten leblos in ben
weit geöffneten Augenhöhlen. Bei
diefem Anblide fürdhtete ich bereits
zu jpät gefommen zu fein, um mir
jedoch Gewißheit zu ſchaffen, verfuchte
ich einen Aderlaß und erzielte, o Wun-
ber, ein glüdliches Reſultat bamit.
Die Glieder der Kranken mwurben von
dem feffelnden Bann befreit, das Ge—
fit entfärbte fi, der Puls mwurbe
wieber regelmäßig.
„Bitte“, fagte ich zur Mutter,
„legen wir das Fräulein raſch in’s
Bett, fie darf nicht zu ſehr zugebedt
werben, geben Sie mir gefälligft raſch
Feber, Tinte, Papier, damit ich etwas
verſchreiben kann.“
„Mein Herr“, frug mich die
Mutter, „hat ſie vielleicht gar die
Cholera ?”
„Bweifeldohne! Wußten Sie das
nicht ?“
Ich hatte kaum geenbet, al3 Ma-
bame Dumiege furchtbar zu jchreien
begann, fie geberbete fich wie eine
Löwin.
„Die Cholera! die Cholera !” heulte
fie. „Man bringe fie jofort außer Haus
.... Meine Töchter! raſch in euer
Schlafgemad ... .
ve et
Dabei ftürzte fie auf den Gloden-
zug los, ſchellte wüthend und rief dem
Dienſtmädchen zu: „Fort mit ihr,
führt fie hinweg, fie darf feine Mi-
nute mehr im Haufe bleiben! fort!
fort mit ihr!“
Die Dienftmagd wollte den Befehl
ausführen, ich feste mich jedoch mit
aller Kraft dem entgegen.
„Das Kind kann unmöglichermeife
wegtransportirt werden, das hieße fie
dem ſicheren Tode überliefern, man
muß ſie allſogleich zu Bette bringen.“
„Aber mein Herr, wollen Sie,
daß ſie uns Alle anſtecke?“
Ich verſuchte vergebens den Leuten
begreiflich zu machen, daß die Cholera
nicht anſteckend ſei, die Frau hörte
mich nicht an und ſchrie fortwährend:
„Fort, fort! fie wird mir noch
meine Töchter tödten !”
Ich frug fie fodann, wohin man
die Kranke denn transportiren folle.
„Wohin man will“, antwortete
fie, „in's Spital!”
„In's Spital? Ya, befigt denn
diefes Kind feine Eltern in Paris?
Was ift fie denn bier im Haufe?”
„Wer fie ift!“ jagte Madame
Dumidge mit einem nicht wieberge-
benden Ausbrude des tiefjten Haſſes,
„Se ift unglüdlicherweife auch meine
Tochter.”
„Und Sie verbammen Ihr eigenes
Kind zum Tode? Sie wollen fie in's
Spital fenden, wo ihr jede Pflege
mangelt, wo fie vielleicht warten muß,
bis ein Bett leer wird?“
„Ich befehle es!“ antwortete bie
Mutter, „fie muß in's Spital; fie
würde meine Töchter tödten!“
Nun begriff ich, daß das unglüd-
lihe Kind im Spitale beffer gepflegt
werben würde, al3 im Haufe einer
jo ſchandbaren Mutter.
Ich ließ zwei Commifjionäre mit
einer Sänfte fommen, legte bie Krane,
Der Salon ift |forgfältig in Deden eingehüllt, hinein
und als ih das Haus verließ, konnte
Die Unglüdlihe wirb mir noch meine id) mich micht enthalten, Madame
Kinder töbten! Fort mit ihr!“
Dumiege folgende Worte zuzuſchleu⸗
687
bern: „Bottes Strafe wird Sie treffen,
Madame!“
Die Kranfe mwurbe in meinen
Krankenſaal befördert.
Mr. Dumiege war einer jener
Männer, welcher, ohne jegliche Beichäfti-
gung, fi das Quartier le Marais als
Wohnort auserwählt hatte, ein Duar-
tier, wohin weber der Lärm noch bie
Sitten des modernen Paris hindringen.
Er zählte damals 50, jeine Frau
40 Sabre, beide von Heiner Geltalt.
Madame Dumiege war der Herr
im Haufe, der Gemahl einer jener,
welhe außer dem Namen nur noch
bas Geld zur Beftreitung des Haus-
baltes hergeben müſſen, jonft aber
nichts find.
Diefer Biedermann figuritte in
der Staatöftenerlifte mit der jährlichen
Einfommensziffer von 17.700 Francs
und die Matrifelregifter wiejen ihn
als Vater von dreizehn Töchtern aus,
womit ihn jeine Frau je paarweiſe
jeh3mal, einmal jedoch einzeln be—
ſcheerte.
Dieſe legte Eine, ohne Zwillings-
Ichwefter, hieß Ejther ; die Arme wurde
von ber Cholera erfaßt und die Mutter
jagte fie in bem Momente, wo fie ihre
Seele nur mehr auszuhauden hatte,
aus dem Hauſe.
Either zählte damals ſechszehn
Sommer, ganz entgegengejegt ihren
Schmweftern, war fie muthig wie eine
Spanierin, charakteriſtiſch Schön, nicht
jo altäglid wie bie Anderen, und
gleih einem feltfamen Naturfpiele
ſchlug fie ganz aus der Art der
anderen verfommenen Race bed Ehe:
paares Dumidge; fie war ſchlank, fo
daß fie die ältefte ber Schweftern bei-
nahe überragte. Ihre Mutter hegte
für fie eine unbezwingliche Abneigung.
Anftatt mit einem friichen Alepinekleid,
wie bie anderen bekleidet, trug Efther
gemach reinfegen, die Lampen pugen,
kurz al’ jene häuslichen Arbeiten,
weldhe Diener ſogar mit Abichen ver:
richten, beforgen.
Machten die Anderen Befuche,
Promenaden, Ausflüge, Efther mußte
zu Haufe bleiben, das Haus bewachen;
und bemerkten Fremde Eſther's Ab—
weſenheit, fo fagte die Mutter, fie ei
blöde, ſchmutzig, man könne fie nirgends
mitnehmen, fie mache der Familie nur
Schande. Der Gatte hatte einigemale
feine Bemerkungen ob dieſes Verfahrens
gemacht, doch ein geftrenger Blid von
Seite feiner Gattin ließ ihn jofort
verftummen.
Die jhlehte Behandlung von Seite
der Mutter und der Schweftern er:
preßte dem armen unglüdlichen Opfer
nicht eine einzige Klage; das arme
Aſchenbrödel erflehte von Gott bie
Tröftungen, welche ihr die Menjchen
verfagten. Wenn am Abende manchmal
Freunde zu Beſuch kamen, blieb fie
niemals im Salon, ſchloß fi in das
gemeinfame Schlafzimmer ein und er-
flehte von Gott den Segen auf bie
Häupter ihrer Familie herab.
Ihre Schweitern wurden in Mufil,
im Zeichnen 2c. unterrichtet, fie nahm
auch Theil daran, doch ald Madame
Dumiege nach einem Monate gewahr
wurde, daß durch Eſther's Fortſchritte
alle Anderen in Schatten geftellt wur:
ben, fo befahl fie, Efther bürfe nicht
mehr an dem Unterrichte theilnehmen,
es fei ſowohl eine Zeit: als Geld—
verſchwendung, ſie ſei der ihr darge—
brachten Opfer unwürdig, lerne nichts.
Eſther verzieh ihrer Mutter dieſe
in die Augen ſpringende Ungerechtigkeit
und da man ihr nicht verboten hatte,
im Salon während dem Unterrichte
der Profefioren anweſend zu jein, fo
laufhte fie aufmerfjam und überließ
fi dem Stubium zu Zeiten, wo man
ein zerriffenes, geſchoſſenes, graues |fie allein zu Haufe ließ, und das ge
abgewetztes Kleid, fie war bie ge
bulbete Dienerin ihrer Schweftern,
mußte ihre Kleider bürften, reinigen, |daß fie beffer zeichnete
ſchah doch fehr oft. Sie beſaß fo viel
Ausdauer, feften Willen und Talent,
als ihre
ihre Putzwäſche wajhen, das Schlaf: | Schweftern, ja fie überftand die Schwie-
688
rigfeiten, vor welchen bie Anberen am
Piano zurüdichredten, jedoch fein
Menſch wußte etwas von den trium:
phirenben Gefühlen, welche dem Mäd⸗
hen ihre täglihe Dual im Haufe er-
leichterten, fie ertragen ließen.
Madame Dumiege’3 unmürbige
Behandlung ließ mid einen Theil
biefer traurigen Wahrheiten errathen
und dadurch intereffirte mich die arme
Kranke nur umfomehr. So wenig
Hoffnung ih für ihre Nettung ober
Geneſung auch hegte, jo umgab ich
fie mit ber forgfamften Pflege und
wandte alle nur denkbaren Mittel,
welche bie Wiffenfchaft zur Bekämpfung
biefer Seuche bietet, bei ihr an. Nächte
lang wachte ih an ihrem Bette, con:
fultirte jeden Abend mit dem damals
fo berühmten Arzte 2 ‚ endlich
glüdte e8 mir; ich jah Efther nad
und nad wieber zu fi fommen und
bald hierauf war fie außer Gefahr.
Als fie in die Reconvalescenz trat
erachtete ich es für gefährlich, fie in
ben von ben Peftmiasmen geſchwän—⸗
gerten Spitalräumen zu laſſen und
führte fie ſelbſt in ihr väterliches
Daheim.
Zwei Särge ftanden vor dem Haus:
thore ber Wohnung in der rue Culture
Saint Catharine.
Im Salon fanden wir Mr. Du:
miege allein, traurig, niedergejchlagen
auf einem niederen Sefjel dafigen. Er
jah uns büfter an und zeigte nicht bie
minbefte Freude bei der Wiederkehr
feiner genefenen Tochter, welche ihn
zärtlich bewilltommte. „Wo ift meine
Mutter?... die Schweitern?” frug
Either.“
„Deine Schweftern?" antwortete
ber Bater, „weißt Du benn nicht,
daß fie
*
geſtorben ſind? Haſt Du ſie Erzählung
Wie raſend eilte Eſther aus dem
Salon in das Schlafzimmer, ich folgte
ihr dahin.
Da ſtanden eilf leere Betten, nur
mehr zwei waren von den beiden über⸗
lebenden Mädchen beſetzt. Madame
Dumisge pflegte ſie. Die unglückliche
Mutter war, ſeitdem die Cholera in
das Haus Einzug gehalten, um zwan⸗
zig Jahre gealtert.
In fünf Tagen hatte fie zehn
Töchter je paarweiſe, wie fie das
Licht der Welt erblidt, bahingerafft
gefehen.
Bei Eſther's Anblid fprang fie
auf fie wie eine Hyäne los, zerfraßte
fie mit den Nägeln im Gefichte, ſchalt
fie die Mörderin, den Henker ihrer
Kinder.
Ich fing das ohnmächtig werbenbe
Kind in meinen Armen auf, die Mutter
hätte es ohne meine Anmejenheit in
Stüde geriffen, bradte Efther zu
meiner Schmwefter, wo fie zum zweiten⸗
male eine höchft gefährliche Krankheit
durchmachte, von welcher fie nach zwei
Monaten genas.
Mährend diefer Zeit Hatte bie
Epidemie die beiden legten Schweftern
Efther’3 zur ſelben Stunde dahinge—
rafft, acht Tage fpäter erlag die
Mutter ebenfalls.
Mr. Dumiege überlebte allein
feine Frau ſammt zwölf Töchtern und
ala er fich in diefer großen, einft fo
belebten Wohnung ganz verlaffen fah,
befiel ihn eine Art Blödigfeit, in
welcher er zwei Jahre eine elenbe
Griftenz fortführte.
Meine Weiffagung hatte fi er:
füllt, fchneller, ſchrecklicher, als ich fie
gedacht, die graufame Mutter fanb
eine noch graufamere Strafe.
„And was ift aus Efther gemor-
den?” frug die Marquife, welche dieſe
tief ergriffen zu haben
denn nicht angeftedt? Sahſt Du nicht | fchien.
die Särge vor ber Thüre?
„AH! Efther ift heute meine Frau!
689
Aufdem Reichenſtein.
Eine Bergfahrt von P. R. Rofegger.
Die Eijenbahn von Leoben bis
Borbernberg muß ſehr viele Späße
über fich ergehen laffen. So foll vor
einiger Zeit an ber Strede zwijchen
Trofaiach und Fridaumerk eine Tafel
mit der Aufichrift gejehen worden
fein: „Das Haufiren ift bier verbo:
ten.” Es wäre nämlich vorgefommen,
diefer Bahn nur gemijchte Züge, bie
auf den fünf Zmijchenftationen: Do—
nawis, St. Beter, Gemeingrub, Tro:
faiah und Fridauwerk häufige Ver—
ſchiebungen nöthig machen. Auch ift
das Terrain ein fehr ftarf fteigendes,
beziehungsmweife fallendes, und jo ber
etwas jchleppende Verkehr begründet.
daß auf den Bahnhöfen und felbft Indeß, die Leute machen ihre Gloſſen
- auf der Strede Reifende ausgeftiegen
wären, in den nächftliegenden Käufern
zugeſprochen hätten, um dann mit
demjelben Zuge wieber weiter zu
fahren. Anderjeit3 hätten bie Betiler,
die Blinden und Lahmen den Eijen-
bahnzug verfolgt und zu ben Coupé⸗
fenftern hinein um Almoſen gefleht.
— Mir erzählte ein Bäuerlein von
Bordernberg mit ganz ernfthafter Miene
Folgendes: „So, auf unferer Eifen-
bahn wollt's fahren? Schau, letthin,
da bin ih auch einmal nad Loiben
binausgefahren. Und jett lofet. Wie
wir da vom Bahnhof hübſch hintan:
fommen, red’ ich meinen Gebel (Kopf)
beim Fenfter hinaus — ſeh' neben
ung eine Schned herlaufen. Se, jag’
ih, wilft mit uns reifen? Wirſt es
auch hart dermachen mögen mit bei-
nem Haus auf dem Budel . .“ Und
wie ih ſag', allerweil bleibt bas
Thier weiter und weiter zurüd, wir
natürlich fahren unfere® Weges und
nad zehn Minuten hab’ ich die Kleine
gar nicht mehr gejehen. Nu, 's ift
noch alles gut ’gangen, denn in Tro—
faiach nachher haben wir auf bie
ned gewartet.“
Ein Zug ber LZeoben:Vorbernber:
ger-Bahn braucht nämlih 1%, Stun-
den, um eine Strede zurüdzulegen,
welche der Fußgänger leicht in drei
Stunden bewältigt. Es verkehren auf
und Späße — ſchlechte und minder
ſchlechte — und fahren. Die Anſchlüſſe
an bie Bahnen -in Leoben und an bie
PVoft: und Stellmägen in Borbernberg
find ja gut. Dem Fremben, und jelbft
wenn er nur Eilzüge gewohnt märe,
wird unterwegs nicht einmal bie Zeit
lang, denn das Thal ift reih an
Naturfchönheiten.
Hinter Leoben recht3einbiegend,
an dem intereffanten Eiſenwerke Dona-
wis vorüber, fommen wir zum freund:
lihen Dörfchen St. Peter; von einer
ſchroffen Felswanb grüßt das male:
riſche SFreienftein auf uns nieber.
Bald find wir im grünen, breiten
Thale mit dem ftattlihen Markte
Trofaiah. Hier ift noch alles grün
und waldig ringsum; aber dort hört
das auf und fängt ein anderes an.
Das Hochgebirge fteht vor und —
finfter blau ftarrend, ober in feinen
Wänden und Schneefeldern leuchtend,
Der dreifuppige Reiting, welcher brü-
ben bei Kammern und Mautern all
mälig auffteigt bis zu feiner —
Spitze, dem Gößeck, von dieſem aber
jäh niederſtürzt in das Engthal der
Göß. Im Hintergrunde dieſes Eng-
thales ſtarrt das Wildfeld, weiter
rechts der Spitzkogel, deſſen Form
der Name ausdrückt, dann der Göſ—
ſingſattel, die Vordernbergermauern,
und hoch über alle ragend,
—
590
herrſcher diefer Gruppe, ber Reichen:
ftein.
Die Bahn geht etwas rechts zwi:
fhen ben waldigen Borbergen bin
über Wiefengründe. Bald find wir
am Friedauwerk mit feinem architek⸗
toniſch ſchön gebauten Hochofen, bie
Poeſie der Gothif wunderlich mit ber
Proſa des Praktiſchen vereinend. Unter
uns haben wir ftet3 den Borbernber:
gerbach, fein klares Alpenwaſſer, jeit-
dem die Schlacken und der Staub
der neun Vordernbergerhochöfen in
dasſelbe gefallen ſind.
Endlich hören wir das Gloden⸗
des Vordernberger Bahnhofes.
re liegt gang unbehaglid
eingellemmt zwiſchen fteilen Bergen,
bat oft faum Raum für die Straße
und den Bach, unb die Häufer und
Werksgebäude klammern fih an bie
. Berglehnen. In Vordernberg ift alles
rothbraun vor dem ewigen Erzſtaub;
zum Glüde noch fommt von den
Wänden der fegende Winb nieder,
ber die Gebäude und Wege zumeilen
ein bischen abbläßt. Der Markt Vor-
bernberg hat vom Bahnhofe bis zum
oberen Enbe eine Länge von brei
Biertelftunden. Ganz begreiflih, daß
in einer jo langen Reihe manch' gutes
Wirthshaus vorkommt, in weldem
man fi erquickt und zur weiteren
Wanderung im Hochgebirge ftärft.
San Gafthaufe beim Wiefer und auf
ber Bolt beim Spitaler mundet's
lid.
Beim Wieſer jaß ih und aß zu
Mittag und machte mich tüchtig zur
Beſteigung bed Reichenftein.
fagte mir einer ber
Anwejenden, „heut nicht auf den
Reichenftein gehen, Heut’ ſchaut er fo
viel finfter herab.“ Und wahrlid, das
oft eine ziehende Wolfe das Hochthal
verbunfelte, jagten die Leute fauren
Gefihtes: „Wir friegen wieder Re
gen; hab's geftern jchon gefagt, ’8
ift mir ein allzumarmer Wind gangen.”
Und wenn dann die Sonne blinkte,
meinten fie: „Na, ih dent’, jetzt
wird's doch ſchön. Zeit wär's dazu.”
Diefe Profezeiungen wechſelten
breis oder viermal, während ich bei
meinem Mittagsmahl ſaß. Um ein
Uhr bin ih von einem reiſenden
Herrn freundlich eingeladen morben,
in feinen Wagen zu fteigen, unb
eine Stunde jpäter war ih auf
dem Prebichel. Es regnete nicht und
es ſchien die Sonne nicht ; der Thurm
be3 Reichenftein ſchaute über den Vor: -
almen nebello8 herab. Ich ftieg aus
dem Wagen und begann bie Wanbe-
rung einer Almbhütte zu unb hinter
derfelben empor durch die Mulde auf
weichen Matten. Ein Bauer begegnete
mir bort, der fagte: „Müſſen nicht
binauffteigen ohne Führer, 's ift wol⸗
ter grob.“
„So werbe ih nur bis auf ben
niedrigeren Rüden dort gehen, und
dann nah Eifenerz hinunterlaufen“,
meinte ih.
„Das iſt ſchon gefcheibter,“ ftimmte
er bei, und wir gingen jeber unjeres
Weges.
Als ich aber nad) einer Stunde
auf die Schneide fam, waren unter
dem Wolfenhimmel die Berge jo rein
und ſcharf und ftand ber Reichenftein
jo nah und Fed vor mir ba, daß
mich plöhlich die Touriftengier erfaßte.
Die Uhr war doch erft brei und —
ed mar Ende September — bie
Sonne noch drei Stunden am Himmel.
Der erfte Schritt, dem ich von
dieſer Stelle aus gegen ben Reichen-
Gewölte über ben Bergen war recht | ftein machte, war ein werfehlter —
dunkel unb die Nebelfetzen
ſchwammen | und ihm folgten nun etliche laufende,
nur jo herum und krochen an den die nicht
weniger, ja —
— Wänden auf und nieder, mehr verfehlt waren. Ich ging einen
declien bisweilen bie Spitzen ganz kaum lkenntlichen Fußſteige links über
ein, und ließen dann doch wieder die Schuttfelder des Kar gegen
a bie
einen wollen Sormenftrahl durch. So | Borbernberger Mauern hin. Als ih
591
bort endlih auf einen Rüden kam,
von dem wilde Winbftöße mich immer
wollten in die Tiefe fchleubern,
und auf bem fich bie Ausfiht auf
bie andere Seite des Gebirgsſtockes
eröffnete, jah ih, daß von biefer
Seite mein Reichenftein platterbings
nicht zu beiteigen war. Mußte nun
den Weg mieber zurüd machen,
doch um denjelben abzujchneiben, nahm
ih bie Richtung quer über die Schutt:
balden und die Schroffen hin. Etwa
eine Viertelftunde lang klomm ich pfab-
108 empor im Geftein, im Schutt, an
den Wanbbänfen bin, dann wieder
auf glattem Hange, bi8 mir endlich
bie Weberzeugung warb, auch hier
jei e8 wieder gefehlt. Als ih ums
fehren wollte, ſah ich die Gefahr.
Die Lehne, an der ich Hing, war
fo fteil, daß bie Fülle feinen Raum
hatten, fih zu wenden. Losgelöfte
Steinen rollten rajch über das glatte
Febergra® dahin und verichwanden
weiter unten lautlo8 in einem Ab:
grund. Die jchrieben mir den natür-
lihen Weg vor, der von dieſer Stelle
aus zu nehmen war. Ich fühlte, wie
meine Knie zu zittern begannen. Heiß
brüdelte es durch meine Glieder und
in meinem Haupte hub jo etwas wie
Schwindel an zu wirbeln. Etliche
Augenblide figen und ruhen wäre
das Befte geweſen; e8 war aber fein
Platz dazu da, und während ich mich
an den Berg gelehnt hätte, wären
die Füſſe leicht ausgeglitten. Mit der
einen Hand hielt ich ben Stod feft,
mit der andern mwühlte ich in ben
Säden herum nad, einer Brotfrume.
Es war nit? da. — Jh war fo
ziemlich verlaffen von allem und mir
An die zwei oder drei Minuten
blieb ich fo ftehen, da fagte ih mir:
„Ei geh’, Bürſchel, das ift ja gar
nit — Da ſteigt jeder Hal-
terbub herum,
wenn's ſein muß. noch einmal den Aufſti
wärts zu laufen — etliche zwanzig
Klafter lang, und dann war ich aus
aller Gefahr.
Auf milder Matte zwiſchen dem
Gezirme ſetzte ich mich hin und blickte
zum Hang empor, an dem ich geklebt
war, und begann mir erſt jetzt die
Gefahr und Lage auszumalen, daß
es eine Pracht war. Ich ließ mich
kauern oben im Gewände, bis der
Abend kam, ich ließ ein lange ſchon
drohendes Hochgewitter niederbrauſen
mit erklecklich viel Blitz und Donner;
auch nußgroße Haſelkörner, glaube
ich, ließ ich darunter fein. Alle Schre:
den und Herrlichkeiten einer Sturm-
naht im Hochgebirge ließ ich walten
und hatte dann für das Schaufpiel
zwei Schlüffe. Bei dem einen fagte
ih dieſer Welt ein lautes Abe und
ftürzte in den Abgrund. Ein Wilb-
Ihüge unten hörte den Schrei und
fand im Morgenroth den zerfchmetter-
ten Körper. Dann war ein jchönes
Begräbniß; wenn ich nicht irre, wa⸗
ren ſechs weißgefleivete Mädchen das
bei, die Alpenblumen in das Grab
warfen. Dann ging die Notiz in ben
Zeitungen um, am NReichenftein fei
Einer abgeftürzt — und bes MWeitern
wäre alles —— für mich
und die Anderen vorüber.
Der zweite Schluß aber war
noch ergötzlicher. Ich verhielt mich
ganz ruhig oben an der Wand in
der finſteren Nacht. Da kam ein Ru—
del von Gemſen und ſchnupperte um
mich herum. Da faßte ich plöglich
einen kräftigen Gemsbock an den Hör-
nern, ſchwang mich auf feinen Rüden,
und das erfchrodene Thier ſetzte
über dad Gewände Hin und unten
auf dem grünen Anger fprang id
Iuftig auf den Rafen.
So hatte ih mic ausgeträumt
und ausgeruht, unb nun begann ich
ieg zu ſuchen.
Möcht' wien, wo da die Gefahr! Jh fand ihn. Auf ber Ei
iſt!“ und hub an in möglichit behut⸗
jamen, elaſtiſchen Sprüngen quer ab-
zieht ber Fußſteig ſchräge bie Lehne
heran. Mit biefem fam ich balb zur
592
fteinernen Stiege, auf welcher man,|fen des Hochthor mit dem Schober
fi bequem an ben eifernen Hand: des Lugauer im Vorbergrunbe.
haben haltend, über eine jehr wilde
Noh näher da die zahmeren
Stelle emporlommt. Ein Geierneft ift Höhen des Wildfeld, Hinter welchem
in der nahen Felsfluft uno bie Raub:
vögel — auch Falken darunter —
umkreiſen pfeifend den Wanderer, ber
die hohe Stiege emporflettert. Noch
mande Stelle, die nicht für Finder
und zimperlihe Frauen geichaffen,
ift zu pafjiren, bi8 man endlich die
Hochmatte erreiht und von berfelben
auf einem jehr ſchmalen Bergrüden,
ber aber nit fo arg if, als er
von der Hochmatte ausfieht, auf bie
Spitze des Reichenftein gelangt.
Die Ausfiht von biefem Berge
war an jenem Abende nachgerade
wunderbar. Die vielgeftaltigen Nebel,
bie früher in den Schluchten und an
ben Senkungen herumgekrochen waren,
hatten ſich alle zur Höhe gezogen und
bildeten nun hoch über allen Berg-
fpigen eine dichte Wolkendecke, bie
aber ftellenweife einen jcharfen Riß,
ein Loch zeigte, durch welche bie
niebergehende Sonne al’ ihren Baus
ber fpielen ließ. Die Berge ringsum
waren dunkelblau und ſcharf gejchnit-
ten bis zum fernften Horizont. Da
gab es Fein Verſchwimmen der Tegten
Reihen mit dem Firmament, da war
fein Blenden der Sonne und fein
die Tauernfette blaut. Gegenüber ber
ſtolze Kaiſerſchild, ein wüſter Fels—
ſtock vom Fuß bis zum zerriſſenen
Haupte. Und vor ihm, tief im dun—⸗
felnden Thale zwei weiße Linien, fi).
von ben Hieflauerſchluchten hereinwin⸗
dend: die Straße und bie Eifenbahn.
Dann an den maldigen Berg fi
ihmiegend der Markt Eifenerz mit
feinen braunen Thürmen und mit
feinen fittichgrauen, ſchimmernden
indeldächern — wie ein Falken⸗
neftlein Fein zwiſchen ben ungeheu-
ten, himmelanragenden Wuchten. Ganz
zu unferen Füſſen herein, aber vier:
tauſend Fuß tiefer, als unfer erhabe-
ner Standpunkt, zieht fi das grüne
Krumpenthal mit feinen Werfen und
montanifiihen Bauten, und endlich
— ein Ausläufer bes Neichenftein
— ber Schag und Stolz des Landes,
der weltberühmte Erzberg. Noch ein
Sonnenftrahl fällt auf das eiferne
Kreuz, welches der Prinz Johann
auf die Spite des Erzberges ftellen
ließ. Es funkelt freunblih empor
zu unjeren Höhen, als wäre es
wie die Eifenblüthe herausgewachſen
aus ben unerjchöpflihen Lagern des
Höhenrauch — alles klar und deutlich Erzes.
im Rriftale der feuchten Luft, bie
und da eine Felswand, ein grünes
Thal, ein Flüßchen, goldig hell be:
leuchtet, als fiele in die ſeltſam bü-
ſtere Stimmung bengalifhes Licht
herein. — Mle waren fie da, nur
des Dachſteins Majeftät barg fi in
den Wolfen. Hingegen trat der Grim—
ming vor mit feiner ungeheuren
Scharte, als wäre ein Stüd fo groß
wie ber Grazer Schödel niedergebro-
hen ind Ennsthal. Vor diefem ragte
das nah allen Seiten faft ſenkrecht
nieberftürgende Sparafeldb mit dem
Reichenftein bei Admont. Neben bin
ber große Buchſtein und die Bade
bed Damiſchbachthurm, und bie Schrof-
Weiter draußen, wo das Thal
von Eifenerz fich engt, das Liechten⸗
ftein’sche Sommerſchlößchen fteht und
rechts zwiſchen Wald und Stein ber
romantiſche Leopoldfteiner See liegt,
erheben fich die ehernen Falten ber
Seemauer mit ihrer hohen, viel be-
ftiegenen Kuppe. Darüber herein bäm-
mern bie Berge der Salzagegend von
Altenmarkt bis gegen Wilbalpen. Viel
näher als all das fteht ein Berg:
tiefe, der und gerabe über Eifenerz
berüber die Hand reiht. Es ift ber
Pfaffenftein, welcher die Form eines
ungeheuren Katafalks hat, obenauf eine
mit einem Bahrtuche zugebedte Leiche
darftellend. Der Pfaffenftein ift, wie
593
die Geemauer,
Schmwabengruppe.
Menden wir nun den Blid mehr
bem Dften zu, jo ſehen wir bie jchö-
nen Warten bes Halmftein, des Eben-
ftein, und zwiſchen dem grünen Pol:
fter, der vom Prebichel aufiteigt und
den Wüften des Triendhtling herein,
enblih, von hundert fteinernen Höflin-
gen umgeben, den Herrn in weißer
Toga, den Hochſchwab. Der lekte
Sonnenftrahl fällt auf feine Schnee
felder, da die andern Berge ſchon in
ben Schatten des Abendes bunfeln
— — und dad nun ift einer jener
Effecte, von denen es fcheint, bie
Natur made fie abfihtlih zu Ehren
ihrer Tiebften Kinder auf Erden, der
Menſchen.
Wenn wir nun noch am Zinken—
kogel vorüber gegen Vordernberg,
Trofaiach, Leoben und Michel hinab—
bliden, jo ſehen wir nichts als Wäl-
der, durchzogen von grünen Wiejen: |
thälern. Der Muralpenzug vom Bir:
bigfogel bis zum Nennfeld und bie
Mürzthalerberge bi8 zum Sonnmwend-
ftein am Semmering begrenzen das
Bild. Uns zur Rechten als nächſten
Nachbarn haben wir ben Reiting;
ung zu Füßen hängen bie Kare bes
Krumpenthales.
So ein Alpenbilb vom hoben
Berge aus ift mit gar nichts ande
rem zu vergleichen und in Worten
unmöglich wiederzugeben. Jemand, —
er mag das Alpenland vom Thale
aus gejehen, noch fo gut kennen —
der nie auf hohem Berge war, kann
fih feinen richtigen Begriff machen
von dem Anblide, der fih da oben
bietet. Man ftellt fich etwa die Berge,
die man jehen will, viel höher vor,
viel näher gerüdt, die Felswände
viel jchroffer, ſenkrechter, als fie in
Wirklichkeit fein können. Man denkt
fh gar ein zufammenhangslojes Ge-
wirt von Bergen, phantaſtiſch und
unmöglid, wie des Menſchen Phan—
taſie überhaupt gewohnt iſt, unbe—
kannte Dinge ganz naturwidrig auf:
Wofoggers „Seimgarten" 8. Heft.
ein Ausläufer ber
zubauen. „Himmelhohe Berge,“ „un:
ergrünblihe Tiefen” gibt es nicht.
Und gäbe es berlei, die Welt wäre
nicht mehr ſchön.
Der Alpenblid von einem hohen
Standpunfte aus ift groß und einfach.
Ale Berge, auch die nächften und
böchften treten zurüd und ſchei—
nen niedriger zu fein, als die Spike,
auf der man jelbft ſteht. Die un-
zähligen, ftet3 in einen bläulichen
Hauch gehüllten Höhen, Sattel und
Kuppen jchlingen fi wunderfam in-
einander und laſſen den Tiefen und
Thälern breiteren Raum, als ma,
in dieſen Thälern jelbft mwanbelnd,
ahnen mag.
Eine YZufammengehörigfeit und
Einheitlichkeit ift in dem Bergrundb
ausgebrüdt, und der Berg, auf bem
wir jelbit fußen, fcheint von der gan:
zen Alpenkrone, die wir jehen, ber
Mittelpunkt zu fein. So ift e8 immer,
auch dann, wenn fich unweit von und
eine noch größere Höhe erhebt, ober
wenn auf einer Seite der Blid Hin
in's Flahland fällt. Die Ganzheit
bes Bildes bleibt ftet3 gewahrt. Und
wenn Nebel und Regen bie Ausficht
nad) einer Seite einjchränfen — oder
zu allen Tages- und Jahreszeiten,
das Bild ift fletS ein anderes, aber
es ift einheitlih und vollftändig, es
gehört alles herein, was ba ift, und
es ift alles da, was hereingehört.
Dieje ewige Ganzheit der Natur
eben ift ihre Größe. — Mer das
eritemal im Hochgebirge wandelt oder
auf einem einfamen Bergeshaupte
«N den bejchleicht das Gefühl ber
Unheimlichkeit ; erſt wenn er mit ber
Alpennatur — die nicht jo feindfelig
ift, ald fie dem Neuling ausfehen
mag — vertraut geworben iſt, kommt
er zum Bemwußtfein und Genuffe all
der Schönheiten und Güter, welche
das Bergland bietet. Die frifche,
leihte Luft, der erquidende Duft
edler Pflanzen, die Xichtjpiele, bie
erhabene Ruhe oder die majeftätifche
Gewalt der Elemente u. ſ. w., u. |. w.
38
594
find Genüffe, die unmittelbar empfun:
ben werden müffen, jollen fie ben
Menfchen wahrhaft erheben und be:
jeelen.
Kehren wir heute um. Eine von
ben finfteren Tiefen, die zum Reichen:
ftein heraufgähnen, müſſen wir wäh:
len, um in fie binabzufteigen.
Bor wenigen Jahren find an
einer biejer fteilen Lehnen des Rei-
henftein 160 Schafe zu Grunde ge
gangen. Die Sade trug ſich fo zu.
Die Schafe, von ihrem Hirten ver:
nachläſſigt, achteten die vorgejchriebene
Grenze nit und thaten ſich gerne
gütlih auf der Wieje eines Alm:
bauerd. Sagte dieſer Almbauer eines
Tages zu feinem Knechte: „Du, hörſt,
wenn du die Schafe wieder einmal
auf meiner Wieſe fiehft, jo fange eins
ab und graß’ es ein.“ Es ift nämlich
in der Gegend Sitte, daß der Bauer
frembes Vieh, das auf feinem Grunde
weibet, anftatt e8 zu pfänben, mit
Keifig ummindet, ja mit Tannenäften
gewiflermaßen umfliht. Das heißt
man eingraßen; zumeift kommt es
bei den Schafen und Siegen vor.
Wohlan, der Knecht fieht demnächſt
wieber einmal die fremden Schafe
auf der Almbauernmwieje; er fängt
eines davon ein, umminbet e3 über
und über mit grünem Neifig und
waren tobt. Die armen Leute aus
ber Gegend, benen die Schafe gehört
hatten, famen nad Tagen herbei und
erhoben ein Gezeter und rangen um
das Fleiſch, das doch nicht mehr zu
genießen war. — Der Fall fam vor
Geriht. Der Hirte wird angeflagt.
Der Hirte fann nicht dafür, daß eines
der Schafe eingegraßt worden ifl und
es fi vor Schred und Verzweif—
lung mit den anderen in den Abgrund
geftürzt hat. Der Almbauer wird an-
geflagt. Der Almbauer hat das Schaf
nicht eingegraßt, er hat's nur ſpaßes⸗
halber feinem Knecht gejagt. Der
Kneht wird angeklagt. Der Knecht
hat gethan, was ihm fein Dienftherr
befohlen. Keiner konnte geftraft wer:
den und der Tod ber hundertjechzig
Schafe wird eben als Selbitmorb be-
trachtet, für den Niemand verantwort:
lid gemadt werben fann.
Behutjamer als diefe Schafe habe
ih den NReichenftein verlaflen. Nieder
zum Erzberg ftieg ich in der Dämme—
rung. In einer Schwaighütte ſprach
ih zu um Atung. Als ich über das
Gewirre der Eijenbahnen binabjchritt,
die den Erzberg nah allen Seiten
umziehen, als die ganze ſchwere Fin:
fterniß der Naht eingetreten war,
ereignete fi das, was ben ganzen
Tag ſchon gebroht hatte — es be:
läßt e8 laufen. Das Schaf fühlt fich | gann in Strömen zu regnen. Pudel—
in ber neuen Montur ſehr unheimlich
und läuft den Berg hinan. Die übri-
gen, barüber erichroden, laufen ihm
nad. Das fährt an wie bie wilde
Jagd. Auf die Schneide gekommen,
ſchießt das „eingegraßte” auf der
andern Seite hinab — die anderen
— alle wie eines, — ihm nad —
fie fommen ins wilte Gehänge, ftür:
zen — eines und alle — viele Klafter
tief über bie Felswand. Alle, hun:
bertfechzig an der Zahl, Tagen unten
auf einem Haufen beifammen unb
naß fam ich in Eifenerz an; warme
Herzen, ein guter Tiſch und ein wei—
ches Bett glichen alles wieder aus.
Und am andern Morgen im fonnigen
Schimmer bin ich auf ber fchönen
Nubolfsbahn weitergefahren, Hin durch
die herrlichen Gegenden, deren Hoch—
warten ih vom Berge aus gejchaut.
Anders ift’3 zu Thal und anders
auf dem Berge. Wer es will willen,
wie ſchön, wie wunderſchön unfer
Land ift, der ſehe es von unten
hinauf und von oben herab.
—
Ein Thalgau des ſteieriſchen Oberlandes im Wechſel
der Zahrhunderte.
Eine Studie von Pr. Franz Arones
Es war im Jahre 1873, im
Hochſommer, als mid) aus dem wü—
ften Treiben der Großftabt an der
Donau, des weltausſtellungskranken
Mien, das bienftwillige Dampfroß
der grünen Steiermarf wieder zu—
führte. Da Reijebefhreibungen mein
Fach nicht find und meine Fahrt in
die Klafje der gemöhnlichften Erho:
Iungsflüge zählte, jo will ich nur fo
viel mittheilen, daß ich herzlich froh
war, als ih noch am Abende besjel-
ben Tages im ſchönen Thalfeffel von
Admont die erfticdende Hite des Wie—
ner Nachtlagers und des lärmenden
Bärnkarmauer, Natterriegel u. ſ. w.
u. ſ. w. um ſo ſchroffer und ernſter
erſcheinen.
Solch ein Naturräuſchlein ſteigt
nicht blos dem Poeten, ſondern auch
andern Menſchenkindern zu Kopf, —
warum ſollte es nicht auch mir
luftige Blaſen ins Gehirn gejagt
haben, mir, der ich das Geſchichts—
handwerk treibe? Iſt doch im gewiſſen
Sinne der Hiſtoriker ein Zwillings—
bruder des Poeten, denn beide plagen
ſich mit der Löſung des Räthſels vom
Menſchendaſein, — Beide pfuſchen
einander ins Handwerk; aber nein —
Refidenzmorgens mit der Kühle und | das wäre ein häßlicher, unberufener
dem erquidenden Schweigen des Ge- | Ausdrud, — fie ergänzen einander
birgsabends vertaufchen fonnte. Solch | vielmehr in der geiftigen Arbeit. Das
ein Gebirgsabend nad heißer Tages: | Auge des Dichters findet mit rafchem
fahrt hat etwas Beraufchendes, wie) Blid das geiftige Gepräge des Men-
eisfühler Schaummein nach ber Feuer: ſchen und feiner Zeit in entlegenen
arbeit des Tanzes. Das verjpürte ich | Zeiträumen heraus, wo fich ber Ge-
am beften, al3 ich von der Ennsbrüde ſchichtsforſcher mit der ſchärſſten Brille
dem Berglühen der fcheidenden Sonne hiſtoriſcher Beobachtung nicht weiter
zufah. Noch einen Augenblid ftand zu helfen vermag. Dagegen jchafft
der Zwilling des Buchenfteine® da, der Hiſtoriker dem Poeten reichen,
wie ein riefiger Golbblod, danı tauchte | abgeflärten Arbeitsftoff, er lehrt ben
er in dunkler werdendes Violett gleich | Dichter das naturwahre Golorit der
ben andern Kalfbergen und „Mäuern“, Menſchen und Zeiten erfaflen und feft-
die das Geſäuſe hüten, wie der halten. Und fo kreuzt fi) denn auch
Tamiſchbachthurm, das Hochthor, der | Beiber Arbeit, fie vertauſchen gewiſſer—
Reichenftein, die Johnsbachmauern ꝛc., maßen ihre Rollen. Der Poet tag-
(Profeſſor Friihauf, mein College, |löhnert im Duellenftaube, im Gerüm-
ber geftrenge Protofollführer und treff: | pel der Vergangenheit um bes lieben
liche Gicerone unjerer Alpenwelt — | „Stoffes“ willen, während der Hifto-
möge mir einige Gonceptfehler in|rifer nicht felten das Flügelroß des
biefer Richtung freundlich nachfehen) ; | Heren Zwillingsbruders befteigt, um
— bald aber ergoß fich volles Mond: |fih in der Vergangenheit befjer zu-
liht in den berrlihen Thalkeſſel | vechtzufinden und mit bichterijchemn
und ließ deſſen gewaltige Norbpfei- | Ahnungsvermögen ihre Geheimniffe zu
ler: Bosrud, Pyrgas, Kreuzmauer, | erjchließen.
88*
596
Aber nun genug bes Theoreti-
ſirens. Kommen wir wieder an bie
Ennsbrüde im Admontthale zurüd.
Es war fhon ziemlich ſpät geworben,
als ih mit meinem Gefühle: und
Gedankendufel aus der thaufeuchten
Mondnacht und ihrer Poeſie in bie
trodene, aber unentbehrlihe Proſa
der MWirthöftube „zur Poſt“ heim:
fehrte.
Ich Habe es mie über’3 Herz
bringen können, ein ordentliches Tage:
buch zu führen, wohl aber liebte ich
es, in Notizbüchern funterbunten In—
haltes allerhand anzumerken, was mir
auf meinen L2ebensfahrten Sinn und
Herz erregte, woraus ih nachträglich
eine erquidende Erinnerung ober den
Anlaß zu einer harmloſen Federübung
gewänne, Manchmal paflirt e8 mir
freilich, daß ich die Hieroglyphen ſol—
her mitten am Wege gemachten An:
merkungen jpäter mit bem gleichen
Gefühle unerquidliher Berlegenheit
betrachte, wie jener Herr, der nicht
mehr weiß, was die Knoten feines
Schnupftuches zu bedeuten haben. So
findet fih denn auch in dem Notiz:
buche des Jahres 1873 bei ber Sta-
tion Admont die Notiz: „Ennsbrüde
— GSpintifiren über Einfl und Sept,
hiſtoriſche Phyfiognomie des Enns:
thales.” Das kam mir denn aud)
unlängft vor die Augen, als ih in
meine Notizblätter gudte und lebhaft
trat die jchöne beraufhende Mond:
nacht wieder vor die Seele; — jene
hingeworfene Zeile blieb nicht Lange
Hieroglyphe, fie gewann Bedeutung,
— der Knoten war aufgegangen und
ber Plan zu einer hiſtoriſchen Plau—
berei fertig.
Es ift die Zeit der Weltherr:
haft Roms. Uufere Alpenmwelt
ift feit drei Jahrhunderten bezwungen,
unjer ſchönes Thal, vom Anisus
(Enns) durchſtrömt, ein Stüd des
„binnenländijchen” Noricums ; denn es
liegt abjeit3 vom Donaulauf, welcher
bie Nordgrenze „Ufernoricums” bildet,
ber Landſchaft Ober: und Nieder:
Öfterreich am rechten Ufer bes ftolgen
Stromes, den ber Römer das „Heil“
feines Neiches nennt und mit Hilfe
feiner Standlager und Flotillenftatio-
nen, der „Augenbrauen“ bes Iſter
oder Danubius (Donau), forglich hütet.
Nicht menſchenleere Wildniß ift unfer
Ennsthal. Lange bevor noch der Rö—
mer den Fuß in dasſelbe ſetzte, hauste
bier ber Kelte, der Verwandte des
Germanen, ein Glied der ftarfen und
hochbegabten Völferfamilie ber indo—
europäifchen Arier, als deren Ur:
beimat Afien gilt; ber Kelte, ber bie
Metalihäge der Erbe zu entringen
und zu verarbeiten verftand, Kupfer
und Zinn zur Bronze mifchte, deren
Erzeugniffe in hundertfältigen Formen
der heutigen Welt als willlommene
Spur menſchlicher Culturarbeit aus
dunklen verfhollenen Jahrhunderten
hinterließ, das noriſche Eiſen aus den
Erzlagern grub, glühte und hämmerte,
das koſtbare Salz zu gewinnen nicht
vergaß und mit ben Erzeugnifjen ber
Natur und des eigenen Fleißes auf
den Alpenpfaden und Straßen regen
Taufhhandel weithin nah Süden
trieb. Denn ſchon die Gulturvölfer
jenfeit8 der Alpen und der untern
Donau, Stalifer, vornehmlih Etrus-
fer, die Griechen, und bie Allerwelts-
faufleute und Zwiſchenhändler in vor:
römischer Zeit, die Phönifer und ihre
Söhne, die Karthager oder Punier,
auf dem Mittelmeere und im atlan-
tiſchen Ozeane heimiſch, die Bejucher
der Zinninſel Britannien ober des
freidefelfigen Albions, der Oftfeeküfte,
wo das Eleftron, ber Bernftein, zu
finden war, ftanden mit den Hyper:
boräern, den blauäugigen, blonbhaari-
gen Söhnen des Nordens, im uralten
Taufchverfehre. Schon Ariftoteles, der
weile Grieche im 4. Jahrhunderte
vor unferer Zeitrechnung, ſpricht von
einer alten Handelsftraße, die mitten
durch die Alpenmwelt norbwärts führte.
Und als das weltverfchlingende Rom
Herrin des ganzen europäiichen Sü—
dens geworden war — bis an ben
597
Alpenwal, — trat es mit den Kel- ler, fo wie ber Tateiniihe und kel—
tenftämmen in gleiche Verfehrsverhält-
niffe. — So erflären wir uns Die
Funde griehifcher und römiſch-repu—
blifanifcher Münzen im Schoße un:
ferer Gebirgslande. Doc bald erſcheint
ber Römer auch dba als Eroberer,
Gebieter; und er wirb bei uns raſch
beimifch, denn „wo ber Römer fiegte,
da wohnte er auch”, ift ein alter,
lateiniſcher Wahrſpruch. Mit der ihm
eigenthümlichen Findigkeit und That:
kraft begann er Land und Leute aus:
zubeuten. Es entging ihm ebenjomwenig
der örtlihe Reichthum der Gebirgs-
natur, die er durch ein funftvoll aus:
gebildete Nek von Straßen, Seiten-
wegen und Saumpfaden zugänglich
zu machen verftand, als bie gemwerb-
lihe Leiftungsfähigfeit der Bewohner,
feiner Provinzialen, die er für bie
Wegbauten, Bergwerfe, Salinen, —
jeine Waffenfabrifen und andere Ar:
beiten verwendet und deren ausgeho—
bene Mannfhaft unter den Aolern
Roms in fernen Himmelsftrihen fämpft
und blutet, während frembländifche
Regionen und Gohorten ihren Gehor:
jam überwachen. Werthvoll ift ihm
ber noriſche Stahl und das Dichte,
warmbhaltende Wollgewebe der „nori-
ſchen Mäntel”, der Lobenftoff claffi-
ſcher Zeit, unter dem rauhen Him—
melsftriche eine wärmenbe Hülle. La:
ften von Bauholz, Fellen und Häuten,
Honig, Metallen u. A. machen ben
Meg ſüdwärts, und norbwärt® wan—
dern die Gaben und Erzeugniffe des
‚Südens, die der Gebirgäfelte immer
mehr johägen lernt. Der Römer be:
ſchenkt bie Gebirgsnatur mit neuer
Menſchenkraft aus dem italienifchen
Süden, mit höherer Lebensthätigfeit ;
tafh wird die wuchernde Wildniß be:
zwungen, neue Gaben ber Natur, Ge:
treide, Obftarten, ber berzerfreuende
Mein, werben überallhin verpflanzt,
wo es der Boben geftattet; bie Eelti-
ſchen DOrtichaften erweitern fih, neue
erftehen, der einheimifche Landſaſſe
mifcht fih mit dem italifchen Anfied-
tifche Laut, der duldfame Glaube des
Römers mit dem keltiſchen Götter:
weſen und ein weit verzweigter Ver:
waltungsorganismus vom Proconful
und Rector (Statthalter) der Provinz
und feinem Sanzleiftaate bis zum
Straßenräumer herab, ſpannt feine
gleichartigen Fäden über die ganze
Alpenwelt, die in einem Mittelpunfte
zufammenlaufen, in der Siebenhügel-
ſtadt am Ufer des Tibers.
Aber wohin bin ich aus meinem
ftillen Gebirgsthale gerathen? Kehren
wir wieber dahin zurüd, Das Kelten:
völkchen dieſes Thalgaues Noricums
iſt für uns namenlos. Wohl beſitzen
wir ſchon aus den erſten Zeiten der
erobernden Römerherrſchaft ein Ber:
zeichniß noriſcher Gauvölker, welche
der Stiefſohn des Kaiſers Auguſtus,
Druſus, mit überlegenen Waffen be—
zwang. Es iſt die „Siegestafel des Dru-
ſus“ in dem merkwürdigen Buche der
„Naturgeſchichte“ des älteren Plinius,
bes weltkundigen, gelehrten Römers, wel-
chen bei ſeinem Forſcherdrange der
Ausbruch des Veſuvrs tödtete, zur
Zeit, als deſſen Aſchenregen und Zava=
ſtrom drei Städte: Herkulanum, Pom—
peji und Stabiä begrub.
In dieſem Verzeichniß oder in
den geographiſchen Werken des Strabo,
in der Völkertafel des Ptolemäos,
ſuchen wir vergebens die Kelten des
Ennsthalgaues, aber ihre Nachbarn
kennen wir, die Halaunen, die Be—
wohner des ſalzreichen Bodens, der
ſüdwärts das Gebiet von Auſſee ein—
ſchließt und in den zu unſerer Zeit
aufgeſchloſſenen Geheimniſſen des Hall⸗
ſtädter Salzberges, in den Grabſtätten,
Werkzeugen und Schmuckgegenſtänden
keltiſch-romiſcher Zeit die werthvoll⸗
ſten Zeugniſſe jener Tage barg. Und
drüben an der Salza, in ber Kelten:
zeit Igonta geheißen, wohnte das
Völkchen der Ambifontier oder Ambi-
gontier, die Anwohnerſchaft der Igonta,
wenn ber gelehrte Zeuß diesbezüglich
Recht behält. Das Ennsthal, dur
598
feinen Strom, und bie benachbarten | Laureacum (Dorf Lord, bei Stadt
Mege, weſtwärts durch ben Mand- | Enns) denken, welches bamald bie
lingpaß nad Welten, durch den Pyhrn Hauptftabt
nah Norden und ſüdwärts durch
das Paltenthal mit dem Rottenmanner
Tauern, dem Völkerverkehr erichloffen
und au fih für uralte Anfieblung
beftens geeignet, läßt feine unbedeu—
tende Bevölferung vorausjegen und
mußte fih bald der römischen Anfied-
[ung und Eultur geöffnet Haben. Wir
haben dafür unmiderlegliche Zeugniffe.
Römerfteinfunde, die an der Ausmün—
dung des fteierifchen Ennsthales zu
Altenmarkt, jenjeit3 des Gejäufes bei
Admont, Wörſchach, Strimigen, Deb:
larn, Gröbming, Groß-Sölk, Schlab-
ming, fodann in nordweſtlicher Rich—
tung bei Liegen, Grubegg vorfamen,
— haben ihren Verbündeten an ben
aus ber Nömerzeit auf ung vererbten
Straßenfarten oder Jtineraren. Wir
willen, daß ber römische Straßenzug,
der im ſüdlichen Aquileja jeinen wich—
tigen Ausgangspunkt bejaß, von Vis-
cella bei dem heutigen Zeiring, deſſen
uralte Silbergruben ber Römer aus:
zubeuten nicht vergaß, über Tartusa-
num (bei Rottenmann, andere ſuchen
e3 bei Kraubat) gegen Stiriate (Lie
zen, nach anderer Auffaſſung Tregel:
wang) einen Hauptzweig entjendete.
Er lief über den Paß ad Pirum
(Pyrhn) nah) Gabromagus (andere
fuchten e8 bei Liezen) und Ernolatia,
in der Gegend von Windiſch-Garſten
zur Klauſen (Tutatio) bei Pettenbach,
dann weiter nach dem keltiſch-römi—
ſchen Hauptorte Ovilabis oder Ovilaba,
an deſſen Stelle das mittelalterliche
Wels (jlav. Velica; ahd. Welas), ber
ältere Vorort Oberöfterreihs trat.
(Wir folgten hier den Forſchungen
Mommfen’s und Kenners.) Selbftver:
ſtändlich müſſen wir auch an den
Ennsthalweg ſtromauwärts gegen das
Salzburgifhe, wo eine Hauptitraße
den Rabftädter Tauern hinüber nad
Juvavo, Juvavia (Salzburg) zog und
andererfjeit3 an das Rinnſal ftromab:
wärts über Vocarium (Hieflau?) nach | trägen.
bes uferländifchen Nori-
cum3 war, doch erſcheinen dieſe bei-
den Thalwege damals als von unter:
georbneter Bedeutung. Die Haupt:
ftraße über den Pyhrn zog aber ber
frieblihe Waarenfrächter, der Fuhr—
mann mit norifcher Eifenfloffe zur
Donau Hin, wo große Waffenfabrifen,
3. B. in Laureacum, fie zur Verar—
beitung aufnahmen. Der Legionär
fannte dieſen Weg; denn in erfter
Linie entwarf der Römer für die Er:
oberung und militärifche Ueberwachung
fein kunſtvolles Straßenneg, deſſen
Kern uralte, von der Natur vorge-
zeichnete Wege abgaben, biejelben,
welhe in den Tagen eine? Marius
die furdhtbaren Söhne des germani-
ſchen Norbens, Gimbern und Teutonen,
zogen. Unter der Aufficht der Straßen:
aufjeher oder Verwalter (curatores
viarum o. vieuri) werben die Meilen:
fteine (lapides milliari), 2000 Dop=
peljchritte oder 5000 Fuß, aljo durch⸗
ſchnittlich deutſcher Meile, oder:
1580 Meter von einander entfernt,
geſetzt und an dieſen Straßen finden
ſich nicht ſelten römiſche Grabſteine,
und rufen mit ihrer Inſchrift ein:
„Halte ſtill, Wanderer!“ (Siste viator!)
dem Ankömmlinge zu, um ihn an ir—
gend einen hervorragenden Provinzia-
len zu erinnern, deſſen Aſche bereits
in der Urne ruht.
Diefe Straßen zogen die Verwal:
tungsbeamten Noms, melde dem
Statthalter der Provinz unterftanden,
oder die Sendboten des Oberfteuer:
einnehmerd für Noricum und bas
erſte Pannonien (MWeftungarn), ber zu
Sabaria (Steinamanger) jaß, ober die
Stationsbedienfteten (Stationarü) des
Dberverwalters für Gewerbe und Han:
del (comes comerciorum), die Unter:
gebenen des Bergbau-Oberverweſers
(comes metalli) u. ſ. w., oder die
kaiſerlichen Legaten, die kaiſerlichen
Sendboten, mit ihren wichtigen Auf—
Für die Weiterbeförderung
599
ber Amtsleute forgten bie ärarijchen
Poſten (vectura publica) auf ben
Hauptitraßen mit Reit: oder Saum:
Roſſen (veredi, paravedri vgl. unjer
deutfches „Pferd“), Packwagen (An-
garia, parangaria, clabula) und Karren
feit3 der Donau, den Markomannen,
Quaden und Alemannen (Schwaben) ;
oder was die Frächter und Hänbler
vom Süden her berichten, wie bie
allgewaltigen Prätorianer, das Leib—
heer der Cäſaren, unter blutigen
(carri) an den Stationen des Pferde: | Gräueln einen neuen Kaifer empor:
wechjeld, wo es auch da und dort nicht | hoben und den alten zur Schlachtbank
an Herbergen (vgl. d. roman. albergo) | führten. Man fürchtet neue, höhere
und Scenfen (tabernae vgl. unjer | Steuern, die mit dem neuen Statt:
„xafern” und cauponae) mangelte. halter der Provinz eintreten bürften
Im Frühjahre mied man aber
gerne die Alpenftraßen, denn unge
heuer war ber Walbbeftand, noch
vielfah in jungfräuliher Urfprüng-
lichkeit, der Waſſerreichthum des Ge-
birges ungleich größer als jekt, ber
Niederſchlag ftark und die Ueberſchwem—⸗
mungen barum bebeutend. Da war
wohl die Ausmündung des Balten-
thal3 bei Tartusanum ein See, ber
Weg durch das Gefäufe eine Lebens:
probe und um Stiriate (Liezen) wogte
wohl das Wafler der Enns auf den
weiten Torfmooren. Wie aber mußte
unter foldhen Umftänden ber Alpen:
winter fürchterlich erjcheinen, vor bei:
jen Namen allein den Nömer es frö-
fteln machte! Die Donau pflegte meift
hart gefroren zu fein, fo baß ſchwere
Wagenlaften darüber den Weg ficher
nehmen durften ; umjomehr waren dies
ihre Gebirgäzuflüffe, die Enns voran.
Dünn ober infelartig zerftreut müſſen
damal3 die menſchlichen Anfieblungen
im Gebirge angenommen werben ;
meilenweit dehnt fich der Urwald und
das reißende Gethier des Waldes
macht die Wege unfiher. Da war
denn wohl unfer Ennsthal, an fich
damals ſchwach bevölkert, eine Eleine,
in fi abgefchloffene, abgeiperrte Welt.
Beim Herdfeuer plaubert der Provin-
ziale, der Gaubörfer, welche mit ben
Stäbten eine gleichberechtigte Einheit
bilden, von den Abenteuern ber Jagd,
von ben Ergebniffen ber Feldarbeit,
bes Gewerbes, des Handels. Aus ben
Städten am Donauftrome bringt fo
mancher Kunde von den gefährlichen
Rüftungen der Germanenftämme jen-
und Flagt über die Höhe der alten
Abgaben, der Kopf: ober Leibſteuer
(tributum), der Giebigfeiten von Feld
und Flur (vectigal), insbefondere bes
Zehnten vom Getreide, des Fünften
von anderer Frucht, der Erbichafts:
fteuer u. f. w., denn unerbittlich ſei
der Steuereintreiber (exactor). Die
Hausmutter aber, welche joeben bie
milchreiche Kuh gemolfen und wieder
zur Spindel greift, gedenkt bes fernen
Sohnes, der als Legionar unter afri=
fanifher Sonne für Rom kämpft und
wiſcht fich eine ftille Thräne aus dem
Auge. Draußen aber wird es leben:
dig, die Hunde fchlagen wüthend an,
die Mägde kreiſchen, die Männer
greifen zu ben Aexten und Spießen,
denn ein hungriger Bär war in das
Hintergebäude eingebrungen, um fi
feinen Abendtiſch zu beftellen. Er be
zahlt das Abenteuer mit feinem Le—
ben und bald fauert der jüngfte Knabe
des Haufes auf dem zottigen elle,
der blauäugige, rothwangige, Feltifche
„Bärenhäuter,“ der Sohn des Yan
tumarus, dem die Altmagb Litugena
im keltiſch⸗romaniſchen Kaudermwälich
Geſchichten erzählt, wie fie in allen
SKahrhunderten und allen Kindern er:
zählt werden. Dann aber fpringt er
auf und davon, denn das alles weiß
er jelbft Tängft auswendig und läuft
zum Nachbargehöfte, wo jegt ein Ve:
terane bei feinen Verwandten des Ur:
laubes genießt, Duron, der mit Kai:
fer Valerian gegen die Parther gezo:
gen war. Was weiß der nicht alles
von der Fremde, wunderbaren Men:
Shen und Thieren, Schlachten und
600
anbern aufregenden Dingen zu erzäh:
len! Da bligt das Auge des Kleinen,
er beneibet ben älteften Bruber um
das Kriegerleben in weiter Ferne und
begreift nicht, weshalb die Mutter
deſſen ſich nicht freuen kann.
Mehr als fünfhundert Jahre, ein
halbes Jahrtauſend, find ver:
rauſcht. Längſt zuſammengebrochen iſt
die Weltherrſchaft Roms, denn die
Völker Germaniens, welche einſt am
Nordufer der Donau und am niedern
Rheine drohend ſtanden, aber lange—
hin zurückgeſcheucht von der Waffe
des Römers, gelähmt und geſpalten
durch ſeine Staatskunſt, — ſchlugen
das morſche Reich der entarteten Cä—
ſaren in ſeinem Weſttheile zuſammen
(476). Doch auch die Germanenreiche
auf welſchem Boden verſchwanden
bald wieder vom Schauplatze, ſie
kränkelten und verdarben, wie Bäume,
die man aus den nordiſchen Forſten
in ſüdliches Erdreich verpflanzt. An
den Ufern der Maas und Schelde,
der Seine, Loire und Garonne erwuchs
allgemach das Weltreich der Franken,
die noch den deutſchen Laut aus den
Stammfigen mitgebracht hatten, um
ihn bald mit dem romanifchen zu
vertaujchen. Denn das Römerthum,
wenn auch feiner einftigen Allgewalt
entfleidet, niedergeworfen und bezmun:
gen, bleibt unmiberftehlih durch die
Macht feiner Sprache, feiner Eultur
und ber hriftlichen Kirche, — durch das
römiſche Chriſtenthum, den Erben der
Weltherrihaft Roms.
Das ſüdöſtliche Alpenland war
in feinen offenen Thalwegen durch
Yahrhunderte die Heerftraße ber gro:
Ben BVölferftrömungen. Seit ber Hun—
nenfturm dad germaniſche Völker:
meer bi zum Grunde aufgemühlt
hatte und feine Fluth in entjcheiden-
den Gang gelommen war, ergoß fie
fih ſüdwärts, ohne ein bleibendes
Bett in unjern Alpenländern zu fu:
hen und zu finden. Dann hatte fich
allgemah der germanifche Oſten ge:
leert und Raum war gejchaffen für
eine zweite Bölferftrömung:
die ſlaviſche. Die „Winden“ ober
„Wenden“, wie ber Germane biefen
Nahbar nannte, drängen weitwärts.
Seit dem Ende des festen Jahr—
hundertes unferer Zeitrechnung erfüll-
ten die Ahnen der heutigen Slovenen
das ganze ‚jüböftlihe Alpenland von
der untern Save und Drau bis nad
Dfttirol ins Pufterthal und über das
ganze Murgelände, über ben Gebirgs:
wall zwiſchen Defterreih und Steier:
marf, bis in den falzburgiihen Pon-
gau und an das MWeftufer der Enns,
in Oberöfterreih, ja bis über das—
jelbe hinaus, gegen den Inn, und
auf der Oftfeite bi8 an das Gebiet
von Wr.:Neuftabt; je weiter norb-
wärt3, in defto bünnern örtlichen Be-
ftänden. In biefer jlavifchen Völker:
anfieblung verſchwinden den Bliden
des Geſchichtsforſchers die Lebensſpu—
ren der Alpenkelten, in jenen Reften,
welche die ftürmifchen Tage ber gro:
Ben Wanderung überdauerten und in
den Verſchlüſſen der Gebirgsthäler
geborgen blieben. Die römifchen An:
fiedler der größeren Ortſchaften find
längft dem Haupttheile nad in Die
wälſche Heimat zurüdgemwichen, ober
im Wirbel der Völkerbewegungen,
welcher ihre Städte zermalmte, ver:
borben und verſchollen; aber noch ha—
ben wir an einzelne Beſtände berjel-
ben zu benfen, benn zähe — und im
gewiffen Sinne ungerftörbar — iſt
das WVölferleben. Das Auge der Ge-
ſchichte ftreift jedoch meift nur bie Ober:
fläche diefes wechjelnden aufeinander:
wogenden Bölferlebens, ohne in feine
bunte Xiefe, in feine fortwirfenbe
Mannigfaltigkeit zu bringen; nur
mühſam vermögen ber Alterthumsfor:
jcher, der Archäologe und ber Kenner
ber Spraden in ihrem Werben und
in ihrer wunderbaren Mifhung, Ver:
wandtihaft und Wandlung einige
Wegipuren zu entbeden.
Im Weſten des Ennsfluffes, auf
dem Boden Oberöſterreichs und durch
Norbtirol bis an die Drauquellen hat
601
die Herrſchaft der Bojoarier (der nen Karl mit einem Schlage zertrüm:
Baier), der Fräftigfte Stamm ber ſüd- | mert, ein Beftanbtheil der fränkischen
lihen Deutſchen; er ift ber Nachbar | Monarchie, das bairiſche Stammher—
der Alpenflaven Karantanieng, |zogthum feine Provinz geworden.
wie man damals ganz Inneröſterreich
nennt; auch unfer Land ift ein Stüd
dieſes Karantaniend. Aber noch
anderes Volt greift von Oſten her
mit gemwaltfamer Hand herüber; es
find die finnifchuraliihen Waren,
die hartherzigen, beuteluftigen Söhne
ber öftlihen Steppe, die Nachfolger
der gefürdteten Hunnen im Donau:
und Theißgelände; fie herrſchen als
Zwingherren der Slavenwelt von ber
Elbe bis an die Küfte der Adria und
auch der Alpenwinde oder Karantaner-
jlave muß fih dem Bmwingheren fü-
gen, bis (622—664) Samo dem
jlavifchen Völferbunde im Norben und
Süden der Donau die Unabhängigkeit
vom Avarenjoche erfämpft. Aber mit
Samo verſcholl ſpurlos dies ſlaviſche
Zwiſchenreich, wie eine flüchtige Sage.
Um ſo wichtiger geſtaltet ſich das
Nachbarverhältniß zwiſchen den Ka—
rantanerſlaven und den Baiern. Hef—
tige blutige Kämpfe hatten ſich längſt
an den Grenzpunkten beider Stämme
entſponnen, von denen Geſchichtſchrei—
bung und Sage Meldung thut,
endlich gewinnt das große bairiſche
Stammherzogthum unter dem
legten Agilolfinger Thaſſilo II. bie
Oberherrſchaft Karantaniens (um 770
bi8 780) und mit ihr jchlägt das
Chriſtenthum, das Wirken ber bai-
riſchen Hauptkirche Salzburg, bafelbft
bie erften Wurzeln.
Wir ftehen an ber Schwelle bes
neunten Sahrhundertes. Das Welt:
reich des fränkiſchen Karl, ben bie
Welt den Großen nennt, hat den
Höhepunft erreiht; es ift an bie
ein |
In drei großen Feldzügen zer:
malmt der Sohn Pippins des Kleinen
die einft fo gefürchtete Avarenmadit ;
bis an die Theiß in den Hauptring
des Avarenchons, das letzte Bollwerk
war der fränfifhe Heerbaum vorge—
drungen und fo ungeheuer die Beute
an Gold und Silber, daß der Werth
ber beiden Fürften der Metalle im
ganzen Abendlande janf. Die Ava-
ren verſchwinden allgemah vom
Schauplage der Geſchichte und ein
Sprihmwort der Ruſſen befagt: „Sie
gingen dahin, wie‘ die Avaren, ohne
Erben.” Im Slavenvolfe erhielt fich
aber die Erinnerung an jeinen harten
Zwingherrn noch in einem Worte jei-
ner vieltheiligen Sprache, denn „Obr“
(Abar, Avar) bezeichnet den Rieſen,
das menſchliche Ungethüm.
Die Lande aber von der Donau
bis an die Küfte der Adria bilden
zwei große Marfen und zugleich zwei
große Kircheniprengel des Farolingi-
ſchen Frankenftaates. Karantanien, un:
aber ſer Inneröſterreich, gehört größten:
theil3 zur öftlihen Mark, Dftmarf,
und zum Sprengel des Salzburger
Hochſtiftes, den Karl d. Gr. jo jehr
begünftigte. Südlich grenzt die Friau-
ler Markt und die kirchliche Herrichaft
de3 Patriarchates Aquileja an, letztere
bi8 an den Lauf des Drauſtromes,
die Grenze zweier großen Kirchen:
gebiete.
Die Thalgaue des keltiſch-⸗römiſchen
Noricums, der karantaniſchen Sla—
venepoche, find Gaugrafihaften
des karolingiſchen Neiches geworben,
Stelle der weſtrömiſchen Kaiferherr- | unter der Leitung des Obergrafen ber
ſchaft getreten, denn in ber Dfternzeit | großen Oftmarf, fie reichen bis in
bes %. 800 feste ber Papft feinem das heutige Weftungarn hinein. Aber
Gönner und allgewaltigen Schugherrn | der Begriff und Umfang des bai-
die Krone des „hriftlichen Abendlan- riſchen Stammherzogthums
bes“ auf3 Haupt. Längft (774) war wirkt nah und ebenjo der Karan—
das Longobardenreih, von dem eiſer-taniens, innerhalb deſſen unjer
602
Land einbezogen bleibt. Es ift und
bleibt ein gewaltiges Bild biefer
Staat Karls d. Gr. Alles bemegt
fih in gleihem Gefüge, wie ein
Uhrwerf und deſſen allbewegenbe
Feder vom Ebro bis zur Rhein:
münbung, von ber bretonijchen Küfte
bi8 an das Oſtgeſtade der Adria,
von den nörblihen Elbelanden bis
Sübditalien hinab, — ift der Kaiſer
ber Franken ber gefeierte Mann der
Geſchichte und Sage.
MWeithin durch bewegte Zeiträume
mußten wir bie Blide ſchweifen
lafjen, noch gelangen fie nicht zur
Ruhe, fie müſſen über brittbalb
hundert Jahre im Fluge zurüdlegen,
bevor fie im fteierifchen Ennsthale
ruhiger haften fönnen.
Mit der Karolingerherrfchaft be:
ginnt das Deutſchwerden Ka:
rantaniend zunähft im Norben
ber Drau, während fih im Süben
das windiſche Volksthum, enger und
bichter zufammengeballt, behauptet, und
gleichzeitig bie eigentlihe Herrſchaft
bes Chriftentbums anhebt.
Raum ift genug dort, wo jchon
uraltes Volksleben mwurzelte und dann
ber Alpenflave feinen Si aufſchlug,
und nit minder in ben großen
MWaldgebieten, die erft der menſch—
lihen Anfieblung barren.
Nicht in bfutigen Racenkämpfen,
wie an der mittlern und untern Elbe,
dringt das deutſche Volksthum auf
dem Boben SKarantaniens vor; nicht
im Bertilgungsfriege gründet e8 bier
feine Wohnfige: friedlich und geräufch-
los und beshalb auch unbeachtet und
nicht verzeichnet vom mönchiſchen
Chroniften, der nur von Kirchenſachen,
gewaltjamen Störungen ber Natur
und des Menfchenlebens, Fürften-
thaten und Tobesfällen wortfarg und
eintönig zu erzählen weiß, vollzieht
fih die deutfche Colonifation Karan—
taniens, zunächft durch ben baieri-
ſchen Stamm. Das karolingiſche
Herrſcherhaus ift für deutſche Ber:
waltung bejorgt, die farantanifchen
Slavenhäuptlinge verſchwinden all:
gemach.
Große Güterſchenkungen macht die
Krone, zunächſt kommt die Gabe ihrer
offenen Hand der Kirche zu Gute. Ihre
Vorſteher, die Erzbiſchöfe von Salzburg
und deren Suffragane, der Freifinger
vor Allen, find unermüdlich und Flug
im Erwerben, Behaupten und er:
größern des Beſitzes, denn von allen
Seiten her finden fi fromme Schen-
fungen zum „Seelgeräthe“ (Seelen:
heile). Aber auch weltliche Herrenge-
ſchlechter von fürftlihem Range, eigen:
freie Leute, erhalten Grund und
Boden als Föniglihe Schenkung. Die
geiftlichen und weltlichen Grundbherren
bringen von ihren auswärtigen Be:
fitungen SHinterfaßen mit und fie
deln fie auf dem Ermorbenen an. So
fommt es zu gemijchten Anfiedlungs-
bezirfen.
In ſlaviſchen Ortichaften, oder um
diefelben herum, erftehen beutfche Ge:
böfte, — die Zahl der immer ftärfer
zumündenben Goloniften = Strömmung
wählt, aus ber Miſchung des beiber:
jeitigen Volksthums erfteht durch Auf:
faugung des ſchwächern Elementes
die Deutſchwerdung ber Ortſchaft.
Noh steht fich geraume Zeit ſla—
vifhes und bairiſches Ader-
maß, ſlaviſcher und bairiſcher
Rechtsbrauch friedlich zur Seite,
die Urkunden unterſcheiden die Zeugen
nach ihrem Volksthum, die Ort—
ſchaften werden mit ihren ältern
ſlaviſchen Namen und den jüngern
deutſchen Benennungen neben einander
aufgeführt, dann aber verliert ſich
jede urkundliche Andeutung ſlaviſchen
Weſens, es iſt im Deutſchthum ganz
aufgegangen, und nur in ben Ber:
fonnennamen und vor Allem in ben
zäheren Bezeichnungen der Oertlich—
feiten, der Gewäſſer, Berge, Thäler
und Fluren entbedt der Forjcher bie
halb verwilchten Spuren jener Vor:
gänge in grauer Zeit. Denn ſchwerer
würde es halten, wenn ber Kraniologe
und Phyſiognomiker an Schäbeln,
Gefihtern und Geftalten dieſe Mi-
Ihungsverhältniffe auseinanderhalten
und feititellen wollte.
Die Geologie der Gegenwart hat
ihren prüfenden Bohrer und Hammer,
ihr phyſiſches und geiftiges Auge,
nicht umfonft gebraucht. Sie läßt vor
unjen Bliden eine Reihe jahr:
taufende alter Landſchaften von idealer
Wahrheit erftehen, in benen fich der
mwunberjame Wechjel der Bobenge-
ftaltung, der Pflanzen und hier:
welt verkörpert. Die heutige Geſchichts—
forfhung verfuht mit dem Bohrer
ber Alterthumskunde, der Orts- und
Spradforfhung, mit dem Hammer
ber Quellenkritif ein gleiches Ergebniß
zu erzielen, hiſtoriſche Land—
haft und BZeitbilder zu
ſchaffen, deren gewaltige Lüden und
offene MWiderfprühe Die geiſtige
Urbeit, das geichulte Borftellungs:
vermögen ausfüllen und vermittehn
hilft. Es tagt die Zeit, wo man in
ganz anderem Lichte die vorrömijch-
feltiihe, die römifchzkeltiihe, Die
feltoromanijch-flavifhe und bie jlavo-
germanijhe Steiermark jehen und
barftellen wirb als jeßt, wo wir jene
Schichtungen der Zeiten und Völker
noch vielfah ein feſtverſchloſſenes
Buch nennen müfjen, deſſen Siegel
erſt die Zuknnft leichter fprengen,
feine Blätter befjer entziffern wird.
Der Menſch und die Wiſſenſchaft
wachen eben mit ihren Zwecken und
Mitteln. Je meiter fie aber wachſen
werben, deſto mehr wird fi bie
Wahrheit zum allgemeineren Siege
über das Vorurtheil in ſolchen Dingen
verhelfen. Die Völker beerben ein:
ander in der Gulturarbeit, und nicht
das Höhere Alter der Anfieblung,
fondern die endailtige Bezwin—
gung des Bodens durch die
Ihaffende Hand des Menſchen
begründet das maßgebende Eigen:
tbumsrecht der Völker auf diefen
Boden.
603
Aber nicht blos im Wege ber
Miſchung mit der Slavenwelt Ka:
rantaniens, welche zunächſt nur bie
offenern Thalgrünbe befiebelte, er:
wuchs die beutiheBevölferung;
im Oberlande unferer Steiermark vor
Allem hat fie große Wildnißbeſtände
zum erftenmale gelichtet. Mit Art und
Feuerbrand machte fie fich die Robung,
das Gereute (Greut) als Wohnplag
zurecht. Liebte doch der Deutjche, ber
Bertreter des Hofſyſtems,
vornehmlich die Beſiedlung der Walb-
höhe. Noch mag er im Vorbringen
dur die engen Gräben bes Über:
landes, in ben oberften Thalftufen
nicht unbedeutende Reſte keltiſchen,
vielleicht auch keltoromaniſchen Volks⸗
thums angetroffen haben, die ſich hier
weit abſeits von den breitern Völker⸗
wegen ungeftört erhielten. Nicht we-
nige „Einöden“ mochte er neu be
fiedeln, aus denen ber frühere Be:
wohner wid, weil er fich immer mehr
vereinzelt und immer unheimlicher in
feiner DVereinzelung, in jeiner Ab-
jperrung fühlte, oder durch bie Karg-
beit der Scholle, die Schreden ber
Natur verfheudt ward, Noch heut:
zutage haben wir ſolche Erſcheinungen
in den bünnbevölferten heilen des
unwirthlicheren Oberlandes.
So erflären einerjeitd jene
Miihung und Ausgleihung des
ſchwächern Volksthums, anbererjeits
jene wachſenden Maſſenbeſtände deut—
ſcher Bevölkernng die allmälige
vollſtändige Deutſchwerdung
unſeres Oberlandes. Binnen
zwei, längſtens drei Jahrhunderten
ſcheint ſie ſich im Großen und Ganzen
vollzogen zu haben. Der deutſche,
baieriſche, Laut wird herrſchend, fo
gut wie bairischer Rechts: und Volks—
brauch, allerdings mit ben tiefen,
eigenthümlichen Färbungen, bie durch
die neue Bobenftändigfeit jene Mi:
ihungsverhältniffe und anderweitige
Einflüffe, wie das Eintreten nicht:
bairiſcher Goloniften deutſcher Zunge
(Schwaben, Franken, Sachſen) aus
604
verjhiedenen Gebieten des Neiches
bedingt erfcheinen.
Aber auch das ſtaatliche Leben
unfer8 ganzen Gebiete hatte in ben
dritthalb Jahrhunderten tief greifende
Wandlungen erfahren. 911 erlofchen
die oftfränkfifchen oder deutfchen Karo:
finger wie der eine Hauptzweig des
getrennten Haufes Karls des Großen
feit feinem Enkel Lubwig dem
„Deutſchen“ hieß. Ein kräftiger Mann
macht den Anfang, ein unreifer
Herrſcher, Ludwig dad „Kind“, dem
das Geſchick nicht Gelegenheit gab,
Mann zu werden, — den Schluß (911).
Schon fteht ein neuer ſchlimmer
Nahbar, der beuteluftige Magyare,
jenjeit8 ber Oſtſchwelle des oftfränfifch-
beutfchen,, zerfahrenen Reiches; bald
haust er im Lande Defterreich unter
ber Enns als Gemwaltherr und Jahr
um Jahr brechen feine NReiterheere
bie Donauftraße entlang nad dem
Weſten raubend und wüftend vor, um
in abenteuerlich raſchen Zügen ganz
Deutſchland zu durchmeſſen, oder Italien
zu überfluthen und bis in bie meit-
fränkiſchen oder franzöſiſchen Lande,
ja einmal bi8 an den Ebro bie
Schreden feiner Züge zu tragen. Die
für ein Neiterheer unwegſameren Ge-
biete Karantaniens ſuchte er mohl
jelten beim; fehlte er auch hier nicht
als „Geißel Gottes”, fo zog er doch
den Kürzern in ber Mannsſchlacht.
So fürdterlih erſchien bamals ber
magyariihe Nachbar, der „Hunne“
ober Agarene”, wie man ihn damals
aud genannt findet, ber „Uger“ ober
„Ungar”, wie er dann allgemein,
nach ſlaviſchem Vorgange, hieß, daß
bie bibelfundigen Leute ſich fragten,
— 0b es nicht das Volt Gog und
Magog fei, von dem bie heiligen
Bücher melden, daß es Allem ben
Untergang bereite, — daß man ſprach,
biefe Unholde feien von Dämonen
mit ſceytiſchen Weibern gezeugt, und
in den Sitaneien ber Kirche vor
Hunger, Peſt und dem Ungarn:
ſchrecken“ bewahrt zu bleiben flehte.
Unter ſchweren Bebrängniffen war
die Geburtöftunde des deutſchen
Wahlreiches 911 eingetreten. Zu
den mächtigften Fürjten bes Reiches,
mit nahezu föniglicher Gewalt, zählt
der Baiernherzog Arnulf(f937),
der Sohn Luitpolds, aus dem Hauſe
Scheyern.
Er gebietet über das ganze
ſüdöſtliche Alpenland bis in die
Poebene hinein; Karantanien iſt ein
Lehensherzogthum Baierns unter Ar:
nulfs Bruder Berthold, ſeinem Nach—
folger in Baierns Fürſtenmacht. Aber
auch die deutſche Königswürde feiert
unter ihrem Zeitgenoſſen, Heinrich J.
vom Stamme der Sachſen, ihren herr⸗
lichern Aufſchwung.
Der große Sieg über die Ungarn
(933) ſchafft dem in ber Einigung
erftarkten Reiche ben lang erjehnten
innern Frieden. Dann folgt bie
glänzendere Geftalt ſeines Sohnes
Dtto I, unter deſſen Führung auf
dem Lechfelde die deutſchen Stämme bie
Magyaren, feit 2% Jahren wieder
einmal auf dem Boden bes Reiches,
fo entſcheidend jchlagen, daß fie das
Wiederkommen vergeifen. Es ift Dito,
„mit dem Blide des Löwen”, der die
abenblänbifche Kaiferwürbe Karls des
Gr. erneuert. Das „heilige römijche
Neich deutfcher Nation” nimmt feinen
Anfang und bewährt feine gewaltigen
Kräfte na außen. Seit der Schlacht
auf dem Lechfelde beginnt im Oſten der
Enns die Neubildung der Oſt—
mark; ſeit 976 in den Händen des
wackern Grafengeſchlechtes der Baben-
berger, rückt ſie immer weiter oſtwärts
vor und Anſiedlerſchaaren feſtigen mit
der fleißigen, friedlich erobernden Hand
den Reichsbeſitz im Donauthale, an
den Gebirgsflüſſen und Bächen, die
von Süden und Norden her in das—
ſelbe einmünden. Als die Babenberger
Verwalter der Oſtmark wurden, war
das Königthum des jungen Otto II.
einer harten Probe durch die Em—
pörung ſeines Vetters Heinrich IL,
des Herzogs von Baiern, ausgeſetzt,
605
aber es beſtand biefe Probe und große
Beränberungen gehen vor fich, welche
tief in unfer Alpenland eingreifen.
Es war die Zeit gelommen, in welcher
das große bairiſche Herzogthum feiner
Entgliederung, Schwähung zugeführt
werben fol, damit es die Krone nicht
gefährbe. Der Gebanfe Ottos I., bie
Herzogthümer durch Verringerung
ihres Umfanges, durch Begünftigung
der Marfgrafengewalt in den Grenz
gebieten und der Hochitifte oder Bis—
thümer einzuengen und zu zerjegen,
gewinnt neue Geltung. Das
Herzogtfum Kärnten wird jeit 995
dauernd von Baiern getrennt und
auch deſſen damalige Marken gehen
bald einer jelbftftändigeren Zukunft
entgegen. Schon haust in unferer
Nachbarſchaft, an der Mündung ber
Steier in die Enns, in der Styra-
burg (Stadt Steier), einer der Ahn-
herren bes künftigen Grafen und
Herzogsgeſchlechtes der Steiermark,
der britte der aht Dtofare, bie
wir die „Xrauengauer” zu nennen
pflegen, aus altbairiishem Haufe, das
ſtammverwachſen mit den mächtigen
Scheyern »Witteldbahern und Sempt-
Ebersbergern, au die Wel3-L am:
bader Grafen, die mädhtigften
im Traungau, und die Pfalzgrafen
von Baiern zu ſeinen nächſten
Sippen oder Verwandten zählt. Dieſe
Mächtigen ſind in unſerm Oberlande
reich begütert; vor Allem im Gaue
von Leoben (in den älteſten Urkunden
noch in ſlav. Form Liubana ge:
ſchrieben), und die älteſte Abtei im
Lande, das Nonnenſtift Göß (Guſſa)
verdankt 1004 ſeine Gründung einem
ber Aribone des bairiſchen Pfalz:
grafenhauſes. Aber auch das mächtige
Grafengeſchlecht, das im Unterlande,
an der Soune (Sann) und im Kärnt—
ner Gaue von Frieſach-Zeltſchach
wurzelt, Wilhelm der „Slave“ unb
feine Gattin, die deutihe Hemma
oder Emma, deren Verwandſchaft bis
zum Throne binanreiht, und
ihre | grenze, die Tochterftabt Wiens,
im Ingeringgaue (Unbrimathale) be-
gütert. Die reichften Silbergruben
des Landes, uralten Anfanges, bie
Beiringer, gehören ihnen an, bie wohl
erft im 12. Jahrhunderte, durch
Waſſer erfäuft, verfielen. Ihr Zeit:
genofje war Adalbero (1004— 1035),
Schwager K. Konrads IL, des erften
beutihen Wahlköniges vom Stamme
ber Franken. Er jelbft war Einer aus
dem Haufe der mädtigen Eppen-
fteiner, deren Namen noch heute
eine Burgruine bei Judenburg uns
vorführt. Ihnen gehörte die Grafjchaft
bes Mürzthales bis zu dem heutigen
Brud oder wie es vorzeitig hieß
„Muorizakimandi“ (urf. 927), db. i.
das „Gemünde der Mürz“ (Muoriza,
die „Heine Mur”, wie der Alpenjlave
einſt biefen Nebenfluß ber Mur
nannte), aber auch fonft reiches Gut
am obern Murboben, nah Kärnten
hinein, über den XThajagrund, ober
Thajagraben, in welchem bie Eppen-
fteiner:Stiftung, Klofter St. Lambredit,
vor 1106 den Anfang nahm, und
außerdem viel Land bei Graz ober
Gräz (Gradec, fl. bie „Burgftabt”)
im Runathal (runa = rovina) fl. Ebene,
Thalebene)', wo jpäter das Bifter-
zienferflofter Reun ober, Rein erwuchs
u. a. a. O.
Der Sturz Adalberos (1035)
durch K. Konrad II., feinen unverjöhn-
lihen Feind, ruft bie Löſung ber
farantanifden Marl, db. i.
Dberfteierd, von dem Herzog:
thbume Karantanien hervor.
Diefe Mark bildet nun den Amts-
bezirk der Wels-Lambacher Grafen,
denen auch das Gebiet von Pütten
(Butina) (von Hartberg und vom
Mechfel über den Semmering, Glogg-
nig (Glodenizza), Neunkirchen hinaus)
angehört, deſſen Vorort das alte, nun
bedeutunglofe Pütten war und auf
welhem Gebiete faft zwei Jahr—
hunderte fpäter die bebeutendfte Stabt
zwiſchen der Donau und ber Gebirgs-
Söhne find im Oberlande, befonbers Wieneriſch-Neuſtadt erwuchs.
606
Nicht Tange follte ſich aber das
Haus der Wels-Lambacher Grafen
feiner Blüthe erfreuen. Es erlof
1055 und feine Haupterben werben
jene Dtofare, deren wir gedachten, im
Ihönen Traungaue ſowohl als in ber
farantanifhen Mark, in unferem Ober:
lande. So werben die „Traun
gauer Dtofare feit 1055 mit
dem V. (III) ihrer Reihe recht eigent-
lich heimisch in unferem Lande und
im Laufe von beiläufig 100 Jahren
(1055 —1158) vollzieht fih durch ihr
Süd im Beerben und Erwerben bie
Einigung unfere® Landes feinem
Haupttheile nah zum Reichsfürften:
thbum der „Grafen von Steier“, wie
men bie Traungauer nannte, ober
zur „Steiermark“.
Ihr Name mwirb der bes Landes.
Es begann dies in ben Zeiten des
mächttaften ber fränkiſchen ſaliſchen
Kaiſer, Heinrich® III., der vor feinem
Tobe eine gefährlihe Fürſtenver—
ſchwörung niederzumerfen hatte, deren
Wurzeln auch in unferm Lande ver:
liefen. Su den Getreuen des König:
thums mußten bamald die Grafen von
Steier zählen.
Die legten Jahre dieſes Dtofars
(f um 1083) fallen in eine wilbbe
ch wegte Zeit, in die Epoche bed ge
waltigen Kampfes zwiſchen Kaiſerthum
und Papſtthum, des Streite® um bie
Vorherrſchaft der Kirche, deren Ber:
bünbeter die SFürftenoppofition im
Reihe if, in bie Tage bed In—
veftiturftreited. Er zieht unfer
ganzes Alpengelände in feine Wirbel
und fcheidet Nachbarn, Freunde, Ge
ichlechtsgenoffen und Brüder in zwei
bartnädige Parteilager, denen leider
nicht ideale Ziele, fondern Leiben-
ſchaften und Eigennugß die Fahne halten.
Mir mußten lange Wege zurüd:
legen und im weiten Umkreiſe die
Blide ausfenden, bevor fie wieder
an unferm ftillen Gebirgsthale Ruhe
und Halt finden. Es erging uns ähnlich
wie dem Manderer, ber gerne bie
thalbeherrfchende Höhe erflimmt, um
ringsum die Augen ſchweifen zu lafjen
und fo Lage, Geftaltung und Zu—
fammenhang bes Nahen und Fernen,
die Phyfiognomie des Thales jelbft
als Gliedes eines größeren Ganzen
genauer zu erfennen.
(Fortfegung folgt.)
607
Ein eigenes Heim!
Bur Frage der Wohnungsnoth von Profeffor Dr. G. Bäger.
Gewöhnlich denft man bei diefem
Wort nur an die jeßt eigentlich hin—
ter und liegenden Zuſtände, die ba=
durch herbeigeführt wurden, daß bie
Zahl der verfügbaren Wohnungen in
L
plagipeculanten der MWerfmeifter und
Bauhandwerker, den Katzenjammer ber
Hausherren, die in ber theuern Zeit
gebaut haben, die Schabenfreude” der
Miether, daß fie nachgerade ben Haus-
Mißverhältniß gerietd zu der durch | herren Gleiches mit Gleihem vergel:
gefteigerte Zuwanderung hervorgerufe:
nen Nachfrage. Man hat dabei vor
Augen das unvernünftige Gteigern
der Miethpreiie und der Anſprüche
ber Hausherren an bie Miether, bie
Incommodirung faſt aller großen Mie-
ther in ihrer Häuslichkeit und in ihren
bisherigen Berhältniffen. Man denkt
an das Nomabdenleben der Miether,
die von Wohnung zu Wohnung zogen,
an die Unftätigkeit der Hausbeſitzer,
die zu Häuſer- und Güter-Speculan:
ten wurden, an die Architekten, Werk:
meifter und Baugejellichaften, die Pa:
läfte bauten und Pillen projectirten,
als ob die Millionäre glei ben
Zwetſchken auf den Bäumen wüchfen,
an bie Arbeitslöhne der Bauarbeiter,
die auf eine Höhe ftiegen, daß man
her Staatsbeamte fih fragte, ob «8
nicht vortheilhafter wäre, jeine Söhne
ald Speisbuben zu verbingen, anftatt
fie mit ſchweren Opfern auf Hochſchu—
len zu ſchicken; man denkt daran, wie
die ganze Geſellſchaft anfing, ſich auf
ben Kopf zu ftellen, wie der über
Nacht reich gewordene Heine Güter:
und Weinbergbefiger und Kleinhand:
werfer zum Häuſerbeſitzer hinaufge—
Ihwindelt und damit zum Herrn ge
macht wurbe über biejenigen Stände,
welche ihm bisher an Wiſſen, Bildung
und jocialer Stellung überlegen wa—
ren. Man denkt an das gegenwärtige
entgegengejeßte Bild, den unausbleib-
lichen Krach ber Häufer- und Baus
ten können. Endlich denkt man baran,
daß die Sache noch nicht beendigt ift,
denn die Renten find noch zu zahlen,
die MWucherzinfen ebenfall® noch, bie
Geſchäfte ftoden und der Zuzug hat
nachgelaflen, kurz, man denkt, ber
Hauptkrach werde erft nachfolgen.
Ohne Zweifel find all’ das höchſt
fatale Erjcheinungen, allein doch find
fie nur ein Heiner und namentlich ein
vorübergehender, nur von Leit zu
Zeit fich wieberholender Theil deſſen,
was ich unter Wohnung verftehe und
ih möchte mir in ben folgenden Sei:
len erlauben, weitere Kreife auf ben
wichtigeren, weil unausgefegt wirken:
den Theil unferer Wohnungsnoth,
aljo auf die eigentliche Schwerenoth
der Wohnungsfrage in großen Städten
aufmerffam zu machen. In ben legten
Yahren, ald die Wogen des Woh—
nungsmangeld, ber Miethfteigerung,
der Baufpeculation und des Börfen-
ſchwindels hoch gingen, wäre es ver:
geblihe Mühe gemejen, fi Gehör
Ihaffen zu wollen; bie betheiligten
Kreiſe glichen einer beraufchten Ge—
ſellſchaft, welcher nicht gut Vernunft
zu prebigen ift. In bem jeßigen Zu—
ftand des Katzenjammers leiht man
vielleiht eher den folgenden Ausein⸗
anberfegungen williges Ohr; denn fo«
wohl diejenigen Mißſtände, welche bie
oben gefennzeichnete weitergehende
Wohnungsnoth unferer größeren Städte
bilden, als das, was ich unter ber
608
MWohnungsnoth verftehe, find die Fol: | Jedes Haus enthält mithin mehrere
gen eined beftimmten Wohnungs:
ſyſtems, und zwar des in allen
Großſtädten des Gontinents üblichen,
deshalb auch „continental” genannten
Miethhausſyſtems, und das ra-
dicale Mittel, um ung die Wohnungs:
noth vom Hals zu jchaffen, ift ber
Uebergang zu einem andern Woh—
nungsiyftem, nämlich zum Syftem des
englijhen (und amerifanifchen)
Familienhauſes. Ich will mic
jegt nicht mit der praftiichen Frage
beſchäftigen, wie diejer Uebergang von
einer durch Jahrhunderte langen Uebung
gleichjam geheiligten Wohnungsmethode
zu einer andern, ungewohnten bewerk—
ftelligt werben fol, e8 liegt mir zu—
nächſt nur daran, die beiderlei Sy:
fteme mit einander zu vergleichen,
und meine Leſer darüber aufzuklären,
daß bie Webelftände, die wir bisher
al® etwas Unvermeibliches zu betrach:
ten uns gewöhnt haben, ſehr wohl
zu vermeiden find, ſobald wir uns
entfchließen, mit einer hergebruchten
Gewohnheit zu breden. Ich werde
mich weiter bemühen, zu zeigen, daß
man die Tragweite der Wohnungs:
frage in großen Stäbten nicht hoch
genug tariren und nicht einfeitig als
eine Frage des Comfort? und bes
Geldbeuteld betrachten darf, daß bie:
bei vielmehr die wichtigften morali-
Shen und politiſchen Verhältniffe in
einer von der öffentlichen Stimme
meift gänzlich überfehenen Weiſe ins
Spiel fommen, daß es mithin bie
ernfte Pfliht nidt nur ber
Einzelnen, fondern aud ber
Stabt und des Staates ift,
alles aufzubieten, um der fortgejeß-
ten Erbauung der gemeinjchäblichen
Miethhäujer Einhalt zu thun.
Befehen wir nun zuerft die tech-
niſche Verſchiedenheit ber bei-
ben Syfteme. Bei unferem conti=
nentalen Miethhaus bewohnt
jede Familie ein Stodwerf, in wel:
hem alle Wohnräume ſammt Küche
und Abort in einer Ebene Tiegen.
über einander liegende derartige Woh—
nungen, die Treppenhaus, Abortsrohr,
Wafferablauf, Schornfteine, Keller:
raum, Magblammerraum, Mafchküche
und Trodenplag gemeinſchaftlich ha—
ben. Bei dem engliſchen Fami—
lienhaus befinden ſich auch meift
mehrere Familien unter einem Dad,
allein nicht in Stodwerfen übereinan-
der, fjondern die Wohnungen liegen,
durch ſenkrechte, völlig durchgehende
Feuermauern getrennt, neben einander,
jo daß jede Wohnung ihren eigenen
Zugang von der Straße, ihr eigenes
Vorgärtchen, ihren bejonderen Hof—
raum bat und durch alle Stockwerke
hindurch geht. Im Warterre oder
Halbjouterrain befindet ſich Küche,
Speiszimmer und Abort, eine Treppe
höher zwei Wohnzimmer, noch eine
Treppe höher die Schlafzimmer und
eventuell noch Gaftzimmer ober wei—
tere Zimmer, 3. B. für ermwachjene
Kinder im oberften Stodwerf. Selbft:
verftändlih hat jede Wohnung ihre
eigene Treppenverbindung und fteht
in gar feiner Benützungsge—
meinfhaft mit ben angren=
zenden Wohnungen; jede Fa—
milie lebt durchaus für fi,
wie in einem jelbftftändigen
Haufe.
Durchaus verſchieden find weiter
die rehtliden Berhältnifje.
Bei unferem Miethhaus zerfallen die
am Haufe Betheiligten in zwei Theile:
der Hauseigenthümer, welder
meift eine biefer Wohnungen jelbft
bewohnt, hat allein Eigenthumsrechte
an das Haus, ift allein der Behörde
für das Haus und die darauf ruhen:
den Rechte und Lajten verantwortlich
und dem entfprechend find ihm gegen-
über den übrigen Bewohnern bes
Haufes, den Miethern, jehr
weitgehenbe, das Selbſtbe—
ſtimmungsrecht der letzteren
im hohen Grade beſchrän—
kende Rechte, namentlich Kündi—
gungsrechte, das Recht zur Feſtſtellung
609
einer Haushaltung, einer Hausord—
nung, das Recht, jederzeit die Woh—
nung der Miether zu infpiciren, und
das alleinige Recht, bauliche Verän—
derungen vorzunehmen, eingeräumt.
Diefer Gegenfag von Eigenthümer
und Miether Tann mit bem beften
Willen nicht geboben werben, da
Niemand ein ſolches aus meh—
reren Wohnungen beſtehen—
des Haus allein bewohnen
kann, ſelbſt wenn er das Geld dazu
hätte, und da ebenſowenig eine
dieſer Wohnungen für ſich
allein käuflich erworben wer:
ben kann.
Beim engliihen Familienhaus fällt
ber Gegenfaß von Hausherr und
Miether entweder völlig weg, weil
die Wohnung als etwas gänzlich
jelbftftändiges in das Eigenthum ihres
Bemwohners übergegangen ift, oder das
Miethöverhältniß, wenn ein ſolches
befteht, ift völlig anders: der Mieths-
vertrag wird in England in ber
Regel auf 90 Jahre abgeichloffen
und eine das Haus amortifirenbe
Miethe bezahlt. Damit fallen alle die
läftigen, bei ung dem Haugeigenthümer
eingeräumten Rechte weg: es gibt
fein Künbigungs:, fein Steigerungs-,
fein Beauffihtigungss, fein Beaugen:
ſcheinigungs⸗, fein Baurecht ꝛc. Der
Miether kann in diefem Hauje völlig
Schalten und walten, al3 wenn er
Eigenthümer wäre und auch bie Be—
hörden behandeln ihn jo; er hat ge
gen den Eigenthümer feine Verpflich—
tung, als die ausbedungene jährliche
Miethe zu bezahlen, diefem, wenn er
etwa ba8 Haus verläßt, einen Stell:
vertreter zu präjentiren, der die gleiche
Verpflichtung übernimmt und nad
Ablauf der Miethe das Haus dem
Eigenthümer zu übergeben und zwar
jo wie e8 eben ift, denn leßterer hat
eigentlich nicht? mehr zu beanfpruchen,
ald den Grund und Boden, worauf
das Haus fteht. Diefe legteren eigen:
thümlihen Beftimmungen rühren ba:
von ber, daß der Grund und Boden,
Rofeggers „‚Aeimgarten‘‘ 8. Haft.
auf welchem die meiften englijchen
Städte, auch London, ftehen, Fibei-
commiß englifcher Adeliger ift, alfo
niemal® verfauft, fonbern nur mit
jogenanntem Superficiesrecht zeitweilig
abgetreten werben kann. Wollte man
bei uns das englifche Wohnungsſyſtem
einführen, jo würde die Verfäuflich-
feit des Baugrundes dahin führen,
daß durch eine amortifirende Miethe
das Haus nach Ablauf einer beftimm:
ten Reihe von Jahren in das völlige
Eigentbum des Mietherd übergeht,
oder ſchon früher duch Annuitäten-
zahlung von diefem erworben wird.
Aus dem eben gejchilderten Unter:
ſchiebe beider Syſteme ergibt ſich zu-
nächft, daß das, was wir in ber leg:
ten Zeit als Wohnungsnoth jo em:
pfindlih fennen gelernt haben, nur
beim Miethhausyftem möglich ift, beim
engliſchen Familienhausfyftem nicht.
Mo der Mitther zweimal im Jahre
ziehen und ber Hausherr ebenjo oft
austreiben kann, muß jede Schwan-
fung in dem Berhältniß von Nach—
frage und Angebot von Wohnungen
zu Kündigungen, Steigerungen, Um:
zügen ꝛc., kurz zu einer allgemeinen
Störung der Wohnungsverhältniffe
führen; an dem englijchen Familien:
haus prallt all das wirkungslos ab,
weil die Wohnungen entweder Eigen:
thum oder auf 90 Jahre gemiethet
find. Hier wirten die Schwankungen
in der Nachfrage nur auf das Bau-
geihäft, nie incommobirend auf bie
ganze Einwohnerſchaft.
Dieß führt und auf ben Unter:
Ihied in ber Seßhaftigfeit bei
diefen beiden Syftemen. Das englifche
Familienhaus erzieht jeßhafte Leute,
da fie Niemand austreiben kann und
nicht leicht jemand ohne die dringendfte
Noth die Unannehmlichkeiten und Ko:
ften eines Wohnungswechſels auf fi
nimmt. Dieſe Seßhaftigfeit ift von
bedeutendem Einfluß auf den Charal-
ter der Bevölkerung. Nur bei jeßhaf-
ten Leuten, welche auf eigenem Grund
und Boden in eigenem Haus wohnen,
89
610
Können fi die Grunbeigenfchaften | bedeutend mit finnlihem Genuß; die
jebes Staatsbürgers, d. h. Sinn für | Familie ift ihm eher eine Laſt, als
die eigene Heimat, Familienfinn,
Bürgerfinn, Batriotismus, confervative
Gefinnung, Selbftftänbigfeit und Feitig-
feit bes Charakters, Gefühl für per-
ſönliche Freiheit und Unabhängigkeit
ausbilden, und zugleich ift nur ba
eine Gejetgebung möglich, welche fich
in das innere des Haufes nicht ein-
miſcht und bem Bewohner das ftolze
und jelbftbewußte Wort des Englän-
ders in den Mund legen fann: „Mein
Haus ift meine Burg“. Dem gegen:
über find in unjern continentalen
Großftädten Miether und Vermiether
Nomaden. Der erftere, infofern er
jederzeit jeinen Wohnfig verlegen kann
und muß, ber leßtere als Häuſer—
jpeculant.
Beginnen wir mit dem Familien:
finn. Die erfte Bedingung zur Ent:
widlung besjelben ift der Comfort
in der Wohnung, von dem es ab:
hängt, ob man gern zu Haufe bleibt
ober nicht. Iſt es nun nicht bezeich-
nend, daß das Wort „Comfort“ ein
engliſches Wort und ein englijcher
Begriff it? Im continentalen Mieth-
haus kann eben bad, was man ba=
runter verfteht, gar nicht hergeftellt
werden, denn e8 gehört dazu nicht blos
alle und jede Bequemlichkeit, nicht
blos die Möglichkeit, allen Liebhabe—
reien (Geflügelzudht, Vogelhaltung,
Hunbdeliebhaberei, Blumenzucht x.)
nachzugehen, ſoweit es die Mittel er:
lauben, ſondern e8 gehört dazu, daß
man mit feiner Umgebung
gewifjermaßen verwädst und
daß man bier unumſchränkt Herr
ift, der auf nichts, als auf fih und
feine Familie Rüdffiht zu nehmen
bat: all das liegt in dem Wort Com:
fort und an all das denkt der Eng:
länder, wenn er fagt: „my home.“
Im Gegenjaß biezu jehen wir unſern
Großſtädter jeine Erholung und Aus-
eine Quelle bes Vergnügens, und bie
Bande, welche die Familie vereinigen,
find vorwaltend äußerlicher Natur.
Auch der Bürgerfinn, der Sinn
für öffentlihe Intereſſen kann fi
weber beim Miether, noch beim Ber:
miether entwideln. Der erftere beant-
wortet alle Anforderungen in dieſer
Richtung, welche Straßenpolizei, Ge:
fundheit3polizei, Feuerpolizei zc. macht,
daß das Sache des Hausherren jei,
dafür zahle er feine Miethe. Ein
Intereſſe dafür kann er auch nicht
befommen, da er jeberzeit eim ſchlech—
tere8 Quartier mit einem beſſeren
vertaufchen kann. Da fich die öffent:
lihen Organe, wie nit anders
möglid, an ben Hausherren halten,
wodurch der Grund zu Reibungen
zwifchen Miether und Vermiether ge:
geben, jo empfindet auch der letztere
diefe öffentlichen Rückſichten zunächft
als eine Duelle von Unannehmlich-
feiten und Opfern, welche er für
Frembe bringen fol und nicht als
Wohlthaten, die von ber Oeffentlich—
feit ihm ermiejfen werben. So kann
auch bei ihm fein rechter Bürgerfinn
fi entwideln,; wenn er aud jchließ:
ih der Nothmwendigfeit fih fügt, jo
bleibt doch die Entwicklung des Opfer:
finnes aus, der aus eigenem Antrieb
nicht blos das Nütliche, fondern auch
das Angenehme ſchafft. Die That:
fahe, daß mit der geringen Ent—
widlung von Familien: und Bürger:
finn aud der Sinn für's Vaterland
nur kümmerlich zur Entwidlung
fommt, braude ich wohl nicht aus:
führlich zu erörtern. Es ſei hier nur
noch barauf hingewiefen, daß der
häufige Mohnfigwechiel ber Be
völferung unferer Großftäbte im Ber:
gleich zum confervativen Gharafter
des Engländer jene Unftätigfeit der
Gefinnung, Mangel an Charafter:
ruh' im Wirthshaus pflegen, er ift| feftigfeit, politiiche und fociale Neues
allen Ziebhabereien gegenüber blafirt |rungsfucht, Xeichtlebigkeit, Leichtſinn
und Erholung ift ihm fat glei: und politiſch-ſocialen Indifferentismus
611
anerzogen hat, den wir namentlich in | duden und brüden, wenn er Friede
der Gegenwart zur Wurzel aller mög: | ı haben fol. Das ift die Duelle ber
lihen Mißſtände werben ſehen.
Ein weiterer moralifcher Unter:
ſchied entipringt den rechtlichen
Verhältniſſen aus folgendem Grunde.
Das völlige Herrfein in ber Wohnung
bes engliihen Familienhaujes bringt
in bem Bewohner das Freiheit: und
Selbſtſtändigkeitsgefühl hervor, das
den Engländer im privaten und öffent:
lihen Leben nie verläßt und ſtets
verhindert hat und verhindern wird,
daß er zum Spielball ber öffentlichen
Gewalten, fei es civiler ober militärer,
wird. Letztere haben noch gar feine
Beranlaffung, ihnen fich jo zu unter:
werfen, wie dies in ben großen
Stäbten des Gontinent3 nothwendig
| Feigheit, Charakterlofigkeit und bes
Knechtſinns, es erzeugt die Gewohn-
heit unferer Großftäbter, über alles
zu ſchimpfen und alles zu Eritifiren,
ftatt zu handeln und jelbft befjer zu
machen, und troß all dem Mundoolk-
nehmen ſich doch vor ber Gewalt zu
duden, die man im Geheimen haft.
So haft unſer Großftäbter Militär,
Polizei und jedes Beamtenthum gleich:
jam inftinctiv und dieſes zahlt es
ihm natürlich reichlich wieder zurüd.
Die rechtlichen Verhältniffe bei
unjerem Miethhausiyftem find außer:
dem ein wahrer Anachronismus. Der
Hausherr jpielt im Haus die Rolle
eined jouverainen Polizeidieners und
it; im Gegentheil, man ſehe fich | Richters. Wenn ein wirklicher Polizei:
in London um: der Kaushalter ift | diener chicanös auftritt, fo bleibt dem
mit ber Polizei nicht wie hier auf | Benachtheiligten ohne jede mweitläufige
geſpanntem Fuß, fondern ihr Alliirter | Procedur der Appell an deſſen vorge:
auf Schritt und Tritt, im Nothfall jegte Behörde, welche BDisciplinar-
als Privatconftabler, und es erwächst
aus dieſem glücklichen Verhältniß
jenes hohe Maß von Achtung, welches
in England jeder Beſitzende dem
Geſetz entgegenbringt.
Dem gegenüber ſehen wir in den
Großſtädten des Continents weder den
Hausherrn noch den Miether eigent—
lich als Herrn im Haus, denn keiner
kann thun, was er will, ſie legen ſich
gegenſeitig lahm. Der Miether thut
für das Haus nichts, weil es ihm
nicht gehört, und der Hausherr nichts,
weil er es gar nicht oder nur zum
kleinſten Theil bewohnt. Der Miether
läßt den Hausherr nichts thun, ſobald
er dadurch incommodirt wird, — er
droht mit Auszug. Will der Hausherr
nicht fortwährenden Mietherwechſel,
der ihm ftet3 mit der Gefahr zeit:
weiligen Leerſtehens einer Wohnung
droht, jo muß er fih in bie
Miether fügen, und umgekehrt und
endlich müflen jih bie Miether
wieder unter einander vertragen,
wenn es nicht ſtets zu Neibereien
lommen jol. Kurz jeder muß ſich
gewalt über den Mifjethäter befigt
und jofortige Abhilfe eintreten laſſen
fann. In dem Verhältniß zwiſchen
Hausherr und Miether ift dagegen
ber letztere ſchutzlos, weil der erftere
feine mit Disciplinargewalt ausge
rüftete Behörde über ſich bat, die
Chicanen hintanhalten fann. Daß ber
Miether ein Klagrecht bei den Ge
richten im Fall von Rechts- und Sad):
bejhädigung hat, ſchützt ihn ſchon
einmal gegen das reiche Gebiet ber
Chicane gar nicht und dann iſt das
Recht auch in anderer Beziehung
iluforifsh, und zwar aus folgenden
Gründen.
Was ift die Möglichkeit, einen
Hausherren alenfall® durch die Ge
rihte zu ein paar Gulden Strafe
veruriheilen zu laffen, dem gegenüber,
baß ber erftere den Miether ohne jeb-
weden Grund dreimal im Jahre zum
Haus hinausmweifen, ihn alſo abge:
jehen von allem Anbern in die be
trädhtlihen Koften eines Umzugs ver:
urtheilen fann: ohne jeden Grund
und ohne jede Appellation
39*
612
an eine höhere Inſtanz. Man
vergleiche nur z. B. Folgendes: Wir
betrachten e8 als einen großen poli-
tiſchen Fortſchritt, daß weder Polizei
noch Regierung ohne rechtmäßiges
gerichtliches Verfahren Jemand aus
Stadt oder Land ausweiſen darf, und
daß die Polizei Geldſtrafen nur bis
zu wenigen Gulden allein erkennen
darf, während bei dem Miethhaus—
ſyſtem einer großen Summe beliebiger,
ſehr häufig ungebildeter Perſonen,
welchen alſo die Qualität ſorgfältig
ausgewählter öffentlicher Beamten
nicht zukommt, das Recht eingeräumt
werden muß, Jemand ohne weiters
aus ſeinem Wohnſitz auszuweiſen und
in Koſten zu verurtheilen, denen gegen—
über die höchſte Polizeiſtrafe eine
Bagatelle if. Daß in dieſem Jahr—
hundert ein derartiges entwürdigendes
Abhängigkeitsverhältniß, ein ſolcher
Hohn auf das Princip bed Rechts:
ftaate8 und des Princips der perjön-
lihen Freiheit unangetaftet fortbefteht,
ift nur deshalb begreiflih, weil man
fih durch Jahrhunderte daran gewöhnt
hatte, basjelbe als ein unvermeib:
liches Hebel zu betrachten. Wir haben
eine politiſche Partei, welche bie Her-
ftelung ber Freiheit fih feit lange
zur Aufgabe gemacht hat, aber feit
Herftellung ber politiichen Freiheit
aus Mangel an Beihhäftigung zu
feinem rechten Gebeihen mehr fommt.
Sie fände auf dem eben angebeuteten
Gebiet ein äußerft fruchtbares Arbeits-
feld, bei beffen Inangriffnahme fie
fi mehr um bie Freiheit verdient
machen fönnte, als durch Alles, was
fie auf bem Gebiet ber politifchen
Freiheit gethan Hat; benn auch in
Sachen ber Freiheit gilt der Sag, daß
Murzel des Staates ift, und ich be:
baupte, daß wir nie zu bem
Maß politifher Freiheit ge
langen werden, wie bie Eng-
länder, fo lange nit in den
großen Städten des Con
tinent3 die Miethshänfer
durch Familienbäufer erjegt
fein werden. Erft dann, wenn
jedes Haus eine Burg ber Freiheit
und eine Erziehungsftätte für das
Freiheits- und Selbftftänbigfeitögefühl
ift, wird keine Öffentliche Gewalt mehr
im Stande fein, fie uns zu rauben,
fie wird auch feine Veranlafjung dazu
haben, weil das hier erzeugte Freiheitd-
gefühl fein umftürzerifches, neuerungs⸗
füchtiges ift, fondern durch und durch
confervativ.
Betrachten wir nur einfach das
Abhängigkeitsverhältnig von Miethern
und PVermiethern, jo liegt auf platter
Hand, daß e8 eine Quelle von Claſſen⸗
baß werden muß und baß in auf:
geregten Zeiten der Miether viel eher
geneigt ift, fih auf bie Seite ber
Umfturzparteien zu ſchlagen, um fo
mehr, al3 er den Vermiether auf ber
Seite der öffentlichen Gewalten ftehen
fieht. Daher erklärt fih auch bie
ſonſt unbegreiflihe Erſcheinung, daß
heutzutage die Socialdemofratie bis
in bie beften Stände hinauf Sym—
pathien findet; eine Erſcheinung, die
in England fehlt. Der Grund liegt
einfach darin, daß die Miether —
und dazu gehören in den Großftäbten
gerade die gebilbetften Stände faft
ganz — fi den Bermiethern gegen-
über in einem ganz ähnlichen Ber-
bältniß befinden, wie ber Arbeitnehmer
zu dem arbeitgebenden Capital.
Darin liegt die größte Gefahr
einem das Hemb näher liegt als der |für die Freiheit jeglicher Art. In
Rod, d. 5. die Mohnung näher als | London hat die öffentlihe Ordnung
die Stabt und das Land, die Familie lan jedem Befigenden einen ent:
näher, als bie Gemeinde und ber) fhloffenen Vertheidiger und ihre
Staat. Ich meinerjeit8 muß geftehen, | Feinde beftehen nur in ben aller:
baß ich bie Freiheit im Haufe genau |unterften Claffen, die an Kopfzahl
jo für die Wurzel ber Freiheit im |fo tief unter den Anbern ftehen, daß
Staate anfehe, wie bie Familie die|fie es, wofür London zeugt, zu feinem
613
ernften Angriff bringen können ; anders
bei und. Hier kann bie öffentliche
Gewalt auf energiihe Beihilfe faft
nur feiten® ber Hausherren, alfo
eine® Heinen Bruchtheil® ber be:
fitenden Claſſe rechnen. Die Umfturz-
parteien dagegen finden Führer bis
hoch hinauf und ein großer Theil der
Mieter wird fi in der Sade in-
different verhalten, um fo mehr als
ibm ja jegt bie Stabt etwaigen
Schaden erfegen muß. Das find Ber-
hältniſſe, welche direct die Aufrecht:
erhaltung der Drbnung erfchweren,
jobald eine Bevölkerung von Unruhe
erfaßt wird, und die Gefahr für die
Freiheit liegt darin: Einmal müſſen
wir zur Aufrechterhaltung der Drb-
nung bie öffentlihen Organe mit
größerer Machtvollkommenheit aus:
rüften und dann, weil die Zahl ber
activen Ordnungsfreunde unter ber
Bevölkerung eine weit geringere ift
al3 in London, jo müfjen fie fih in
die Arme ber öffentlihen Gemwalten
werfen, anftatt daß bie leßteren ihre
Diener find. So liegt für dieſe bie
Berfuhung fehr nahe, die bürgerliche
Freiheit zu cafliren, was alle großen
Städte des Gontinents in biefem Jahr—
hundert, zum Theil mehrmals erfahren
haben, während der Londoner Bürger
in biefer Beziehung ruhig fchlafen
kann; er wird ftets fein eigener Herr
bleiben.
Nehmen wir nur eins; mit welch’
beiterer Gemüthsruhe blidt der Eng-
länder auf die Beftrebungen ber So:
cialdemofratie, mit welchem Gleich—
muth läßt er fi die Revolutionäre
und Spigbuben bes ganzen Gontinents
auf den Hals ſchicken, während unfere
großen Städte troß der großen Polizei-
und Militärmadt alle Urſache haben,
die unruhigen Elemente in ihrem
Schoße zu fürdten, weil eine gemalt:
fame Kriſis durchaus nicht in ben
Bereih der Unmöglichkeit gehört.
Brauchen wir jet noch einen
weiteren Schlüffel für ben großen
politifhen Gegenfag zwiſchen einem
englifhen Stäbtebürger und einem
continentalen? Dort ber energifche
jelbftftändige, auf jedes Titelchen
Freiheit eiferfüchtige und babei doch
in hohem Grab confervative unb ge
jegesgehorfame Engländer, ber unter
einer mittelalterlichen Staatsverfafjung
freier lebt als ein Republikaner ; bier
der ſtets nach ber Polizei rufenbe
wanfelmüthige, politiſch wetterwen⸗
diſche, neuerungsſüchtige, von einem
unbeſtimmten Drang bin und ber ge:
triebene Großftäbter des Binnenlanbes,
der nicht weiß, wo ihn ber Schuh
drüdt, der überall herumflickt, nur
nicht am eigenen Hemd unb der einft
Bismard das geflügelte Wort entlodte:
„Ale großen Städte follten vom Erb:
boben vertilgt werben !”
(Schluß folgt.)
— SEE
Ein merkwürdiger Bauersmann.
Kalente gibt e8 im Bauernftande
mehr, als es die auf ihre Bildung
ftolgen Stäbter glauben mögen. Aber
unendlich Schwer ifl e8 für das Bauern:
find — beſonders wenn es Hinten
im Walde lebt — fih zu einer
geiftigen Bedeutung emporzuarbeiten.
Und ganz außerorbentlihe, kaum
glaubliche Hinderniffe hatte der Bauern:
burfhe Michel Felder im binterften
Mintel des Bregenzerwaldes zu über:
winden, bis er dort ftand, wo feiner
fteht, der nur, einzig nur Die zwei:
klaſſige Volksſchule durchgeſeſſen hat.
Felder's Leben iſt beiſpiellos.
Michel Felder wurde im Dorfe
Schoppernau 1839 geboren — der
Sohn eines armen, aber fleißigen
Bäuerleins, und ſtarb daſelbſt als
dreißigjähriger Mann. Er war ein Mär-
tyrer feiner Sade, von ganz Deutich-
land gefannt, bewundert, vielleicht
übermäßig angefpornt und — jagen
wir's offen — im Stich gelaffen.
Schon die Natur Hatte ihn übel
bedacht, fie gab ihm einen ſchwäch—
lihen Körper und einen Fehler im
rechten Auge. Der Knabe wurde zu
einem Eurpfufcher gebracht, biefer hat
das rechte Auge nicht geheilt, fondern
im betrunfenen AZuftande das linke
— bisher gefunde — zu Grunde
curirt. Auf dem einen Auge aljo
ganz, aufdem andern halbblind, mußte
fi der junge Mann nun behelfen, —
in ſolchem Zuſtande, gebrüdt von
allen erdenklihen äußeren Verhält—
niffen, mußte er feinem unbänbigen
Bildungsdurfte zu genügen fuchen.
Mie mächtig ift der Mille!
Michel wußte fi in feine Einöbe
hinein Bücher zu verſchaffen. Er las
religiöfe Werke, die erfte Schule aller
Autodidalten ; dann Claſſiker, moderne
Belletriften, Philoſophen, jociale Schrif:
ten, Kalender, Zeitungen, kurz, alles,
was er eben friegen konnte, Die frem-
den Gedanken mwedten eigene auf,
bald Hub er an zu fchreiben, wußte
bort und da eine Bekanntſchaft anzu:
fnüpfen mit gebildeten Männern bes
Vorarlbergerlänbchens und mit bebeu-
tenden Geiftern Deutſchlands.
Sn feinem 21. Jahre ftürzte er
durch einen Brückenbruch in die Aach.
In der Gefahr hatte er Gelegenheit,
die Herzlofigfeit ber Leute kennen zu
lernen, die — obwohl fie ihn in ben
Wellen mit bem Tode ringen jahen
— ohne Beiftand zu leiften, vorüber
und ihrem Vieh nachliefen. Ein Freund,
ber zum Glüde erſchien, zog ihn in
bereit3 bemußtlojem Zuſtande aus
ben Fluthen.
Mit 22 Jahren heiratete er ein
armes, aber braves und gemüthvolles
Mädchen. Das junge Weib hielt die
Wirthſchaft nah Kräften zufammen.
Felder wurde bisweilen unmuthig und
meinte, es ſei ein Elend, daß man
fih alles jo mühevoll erwerben müffe.
„Und mich,“ fagte Nani, „dünkt ge
rade das ſchön, daß man fi etwas
erwerben fann und jelten leer aus:
geht, wer fih nur ein wenig rühren
und regen mag.” „Seine Predigt,”
verjegte er, „thut fo viel, wie ſolche
Worte von Dir.”
Sie hat den Feuerkopf auf-
recht gehalten zur bäuerliden Ar:
beit, aber auch wieder befeelt zum
geiftigen Schaffen. Zwei ahre jpäter
war auf einmal ein gebrudtes Buch
da; das führte den Titel: „Nüma—
müllner und das Schwarzofafpale,
ein Lebensbild aus dem Bregenzer:
wald von Michel Felder.“
Der Dichter war fir und fertig.
Das war die Sprade, das waren
die Gedanken, die reichen, überrafchen-
615
ben Gebanfen eines Stubirten. Nur!
bie Dichtung jelbft war ganz Volks:
natur. Felders zweites Werk war ber
Roman „Sonderlinge” und feine britte
und legte größere Arbeit: „Reich und
Arm.” Man freut fih an dem Did):
ter, aber noch mehr bewundert man
ben Denker. Wer nur erft feine Schrif:
ten gelefen hat! Es ift fabelhaft, wie
einer beim Käfebereiten und Dünger:
ftehen ein ſolch vurchgebildetes Seelen:
eben erwerben kann. — Freilich ließ
er fein Mittel unbenügt, ſich empor:
zubringen. Er gab fi) verſchiedenar—
tigen Studien bin, durchforſchte bie
Geſchichte feines Landes, ſuchte fran-
zöſiſch und italienisch zu lernen; mit
größtem Eifer aber durchdrang er bie
Schriften der modernen Zeitrichtung.
Felder’3 Werke find Tendenzſchriften.
Sie predigen Arbeitsluft, Familien:
finn, Heimatsliebe, aber auch weniger
barmlofe been. Es ftimmten jeine
Ausſprüche nicht immer mit dem alten
Herfommen und den Anfichten ber
Leute. — Der erfte April wird für
einen Unglüdstag gehalten, an bem
man feine Arbeit anfangen dürfe.
„So einen Unglüdstag,” ſagte Fel-
der, „hat Gott gar keinen erjchaffen.
Ein Tag, an dem man eine Arbeit
anfängt, ift niemals ein Unglüdstag;
wohl aber ein verworfener Tag, an
dem einem das Schaffen verleidet, an
dem man ein Lump wird — und
wenn’3 an Maria-Himmelfahrt wäre.”
Er führte manden Hieb gegen
die Ausartungen ber fatholifchen Re—
ligion, er ließ fih in fociale Beftre-
bungen ein, und bezeugte feinen Ernft
auch durch die That. Zuerſt juchte
er einen „Käshandlungsverein” für
den Bregenzerwald ins Leben zu ru-
fen, dann gründete er eine Schopper:
nauer „Biehverfiherungs:Gejellichaft“,
regte an zur „Genoſſenſchaft der Sti-
ckerinnen,“ zu einem „landwirthſchaft⸗
lihen Zweigverein,“ zur Errichtung
einer Bollsbibliothef für den Bregen-
zerwald. AM’ feine Pläne und Arbei-
ten beruhten auf ſocialdemokratiſcher
Grundlage und er hat hierin manchen
| Bwed erreicht. Lange genug hatten
feine Mitbauern dieſe jeltfamen Be:
ftrebungen mit Mißtrauen beobachtet,
allmälig aber ſchlugen fie fi zu ihm
und fein Anhang wuchs von Tag zu
Tag.
In freien Stunden war feine
Stube voll von Bauern, benen er
Schriften und Zeitungen vorlas und
mit denen er den Laffalle ſtudirte. —
Das fociale Lojungswort der Aſſo—
ciation war’d, das hier in den Ber:
gen bed Bregenzerwaldes Echo fand.
— Sonſt ift die herrſchende Bauern:
regel: „Beten, wenn es läut’, und
zahlen, wenn man gebeut’“ ; aber nun
wurde es anders. Bon Gewiſſensfrei—
heit und Volksherrſchaft hörte man
ſprechen in den dumpfen Bauernſtu⸗
ben an der Aach.
Die Behörden ſahen derlei Bewe—
gungen nicht allzugerne; die Geiſtlich—
keit aber war entſchiedener und er—
klärte dem neuen Propheten im Bre—
genzerwald den Krieg. Freilich einen
Krieg nach ihrer Art.
Felder war übermüthig und hatte
ihn heraufbeſchworen. Der gute alte
Pfarrer war fortgekommen und ein
neuer an feine Stelle geſetzt wor—
den. Nun hielt diejer einmal eine
Predigt, aus welcher Felder eine
Blumenlefe zog und fie ber Melt
preisgab. 3. B.: „Der Leichnam ber
Gottesmutter hat den Tod nicht ge:
ſchaut.“ — „Sorget daher vor allem
dafür, daß die Seele gut fterbe.” —
„In ihrem Grabe ſah man nichts,
als Blumenbuft.” — Wörtlich wahr.
Uebrigens fand es unfer Dichter
ganz felbitverftändlih, daß auch ber
Priefter nicht unfehlbar fei. So jchrieb
er: „Jeſus wählte darum zwölf Apo-
ftel, weil er meinte, Einer könne fammt
bem heiligen Geift nicht alles allein
richtig machen, wie es fein follte.“
Freilich eine Gottesläfterung, bie
er büßen mußte.
„Der neue Pfarrer in Schopper-
nau läßt” — wie $elber jelbft erzählt
616
— „jumeilen von ber Kanzel herab
ein Kleingewehrfeuer los gegen eine
Richtung, die man für die meinige
hält.“ Er wurde als ein Menſch Hin:
geftellt, der alles Heilige ftürzen wolle.
Der Pfarrer fchlih in den Häufern
herum und richtete ihn aus, und „alte
Meiber, folche, die ſich jeden Broden
vom Pfarrer vorfauen laſſen, meil
man ihnen bie Zähne ausyeriffen hut“,
thaten das Ihrige. Bald war Michel
Felder in feinem Heimatsdorfe be-
fannt als der „gottloſe, deutjchfatho-
liſche, blutrothe, hochmüthige, verfüh-
reriſche, verkommene, eigenſinnige, ar—
beitsſcheue, vom proteſtantiſchen Gelde
gemäftete Freimaurer“.
Auf diefen Umschlag der Meinung
fielen Felder's Anhänger, einer nad
dem andern ab; einige, weil fie ſehen
mochten, daß feine Sache nicht immer
fruchtbar war, die meiften aber, weil
ihnen „Gottes“ (das heißt, des Pfar:
rers) Wort mehr galt, ald das eines
Menschen.
Einmal gebrauchte Felder Leſſings
Ausſpruch: „Wie einer ift, fo ift fein
Gott." — „Was?“ rief das nächte
mal der Pfarrer auf der Kanzel mit
einem bröhnenden Schlag: „Einer ift
ein Hurer, folglich wäre Gott — aud)
ein —; ein anderer ift ein Dieb, und
Gott — ; wieder ein anderer lügt,
aljo —!? Haben die ärgften Heiden
in ihrem Sünbenleben je diefen Schrift:
fteller an Frechheit erreicht?”
Plöglih entftand im ganzen Thale
bad Gerede, Felder brauche nicht
mehr zu arbeiten, er erhalte von ben
Freimaurern Geld, müſſe dafür aber
das Land vom heiligen Glauben brin-
gen. Der Bater des Pfarrerd von
Schoppernau meinte, anderswo würbe
man mit fo einem nicht viel Weſens
machen, man thäte ihm das andere
Auge auch noch ausftehen und ihn
dann erichlagen.
An Sonntagen wurde mit Fin:
gern auf den Irrlehrer gemiefen;
haufenweiſe ftellten fich die tabaffauen-
den Bauernburjchen brohend und höh—
nenb vor ihn hin. — Sein Haus,
fagten fie, ſtünde lange nicht mehr,
wenn man e3 allein verbrennen könnte.
AN diefem Drohenden gegenüber
ftand Felder allein mit Weib unb
Kindern, mit feiner alten, troftlofen
Mutter und mit feiner Armuth. Er
rief feine auswärtigen Freunde um
Beiftand an; es kam aber feiner.
Troßdem ließ er fich auf feinem Wege
nicht irremaden. So rief eines Felt:
tag3 der Pfarrer auf der Kanzel mit
weinenben Augen: „Sch werde Gott
täglid um den Tob ober. um Ber:
jegung bitten!” Desjelben Mittags
hieß es öffentlih auf dem Kirchplak,
man folle den Jaukomichel (Felder) er:
ftechen. — „Ich jah mich,” erzählt der
Dichter, „im allerfinfterften Mittelalter,
und wie mir, fann nur einem Ber:
vehmten zu Muthe geweſen jein, ber nie
mehr fiher war, wann und wo ber
tödtliche Streih ihn treffen werde.“
Am 6. Mai 1867, am frühen
Morgen, verließ der Dichter die hei—
matlihe Hütte und floh, von feinem
treuen Weibe begleitet, zu feinem
Schwager nad Bludenz. Die Kinder
blieben bei der Großmutter — Fel—⸗
der’ 3 Mutter — zurüd, welche von
Schoppernau aus gegen die Wühle-
reien den Schuß des Geſetzes anrief.
Aus dem Dichter war ein Socia-
lift geworden, und als folder mag
Felder, durch bie Ertreme feiner Geg—
ner gejagt, wohl zuweilen in bie ent:
gegengejegten Ertreme verfallen fein.
Keineswegs war in den Alpenthälern
Vorarlbergs der Boden für feine Be:
ftrebungen, unb in diefem Sinne muß
man zugeben und bebauern, daß er
auf Abwege gerathen war.
Um dieſe Zeit ging Felder mit
der Abfiht um, ganz auszumanbern
und in Leipzig, Berlin ober Mien
jein Heim zu gründen. Durch bie
Vermittlung feines Gönners, des Pro:
feſſors Hildebrand in Leipzig, machte
er einige Monate nach jeiner Flucht
thatfähhlih eine Reiſe nach Deutich-
land (melde er im nädften Jahre
617
wiederholte), hielt ſich in Leipzig einige
Zeit auf und erwarb fi durch fein
offenes? Weſen und feine gefelligen
Eigenfhaften viele neue Freunde und
Umſchwärmer. Der Bauerndbidhter aus
bem Bregenzerwalde, von bem bie
„Gartenlaube“ unb andere große
Blätter bereit3 Manches erzählt hatten
— das war eine Rarität! Er kam
mit Gelehrten und Schriftitellern zu—
fammen, beſuchte wiſſenſchaftliche Vor-
lefungen, ſocialiſtiſche Verſammlungen,
Theater und Gallerien und gewann
einen klareren Einblick in die Welt.
zum Schwerſten, wie ſie mir, dem
Scheugewordenen, fröhlich ganz von
unten heraufklimmen half und ſich an
jedem Erfolg mit mir freute, wie
wir mitten in Kampf und Noth und
Verzweiflung ein ſchönes, frohes Leben
mitſammen lebten und durch einander
auch beſſer geworden ſind.“
Als ſie auf dem Todtenbette von
ihm Abſchied nahm, ſagte ſie die
Worte: „Ich danke Dir ſchöne —
nur ſchöne Stunden. Ich kann fröhlich
gehen. Dich überlaſſe ich Gott, Deiner
Kraft, Deiner großen Aufgabe, Deinen
Allerdings fand er nun auch, daß Freunden, und ich will Dein Schug-
Manches, was fih von ben fernen | engel fein.”
Bergen des Bregenzerwalbe® aus fo
Als der Sarg in’ Grab rollte,
ideal anſah, in ber Nähe begudt,|firedtte Felder einen Arm aus und
recht fadenjcheinig war, und baß beririef: „est ift e8 aus, und mit mir
Egoismus der Menſchen bort um fo
größer if, wo die Intelligenz ihre
verschiedenen flunkernden Schleier dar:
überzubüllen weiß. Er hatte Stunden,
wo er fi zurüdjehnte in feinen Wald.
Und bald kehrte er auch heim nad)
Schoppernau in das Feine Haus zu
Weib und Kind. Er arbeitete wieder
in feinem Stalle, auf jeiner Alm,
und e3 war ihm unendlich wohl, da
er fih wieder bei ben lieben Seinen
wußte; er war ein glüdlicher Gatte
und ein treuer Vater feiner fünf
Kinder.
Im Sommer 1868 hat ihn ber
ſchwerſte Schlag des Schickſals getrof:
fen. Es ftarb fein Weib. — Glüdlich
war er nur durch fie geworben, er:
zählte er felbft, und auch beffer durch
fie. Eins lebte im Andern, fie war
ihm Auge und Hand und fchuf fein
Haus zu einem Qempel, wo er in
allen Widerwärtigfeiten Zuflucht und
Troft fand. An ihr richtete er ſich
auf in Augenbliden, wenn er muthlos
fein Streben als ein vergebliches be-
trachtete, wenn er gefoltert wurbe von
innerem Zweifel, oder wenn bie lum—
pige Gelbnoth ihn quälte, — „Ich
will es einmal der Welt erzählen”,
ſchrieb Felder, „wie wir Alles gemein:
ſam trugen, wie fie mir Muth machte
auch!“ — Sein Schmerz war berb,
hart und unzugänglich.
Seine Gegner fagten, der Tod
ber Geliebten fei eine augenfcheinliche
Strafe des Himmels geweſen.
Der Anblid feiner Kinder that
ihm weh; im Haufe eines Freundes
zu Bezau lebte er mehrere Wochen
fill dahin und ſchrieb an feiner Selbft:
biographie. (Diefe ift bis jegt noch
nicht im Drude erfchienen, dürfte aber
die befte Arbeit Felder's fein). Durch
da3 Sichverjenfen in feine glüdfichften
Zeiten gewann er jeheinbar an Kraft.
Allein im März 1869 erfranfte er
an einem Qungenleiden, dem er nad
wenigen Wochen erlag. —
So erzählt uns Profeffor Her—
mann Sanber in feinem bei Wagner
in Innsbruck erfchienenen Buche:
„Das Leben Felber’s, bes
Bauers, Dichters und Boll
mannes aus dem Bregenzer:
walde.“ Die Biographie eines ber
intereffanteften Autodidakten, deſſen Le:
bensgeſchichte felbit ein erſchütternder
Dorfroman ift. Sander bietet ung gleich:
zeitig eine prächtige Schilderung ber
Bewohner des Bregenzerwalbes; es ift
eine Schrift, die durch ihre Unpartei-
lichkeit, durch ihre Klarheit und Wärme
den angenehmften Eindrud macht. Nur
618
ber Tod bes Dichters ift im Verhält- ſolcher gebühre Tebiglih nur Märty—
niffe zu ben anderen Schilderungen
zu kurz und oberflählih, wie etwas
Nebenfächliches und Selbftverftändliches
behandelt. Der Tod eines erft breißig-
jährigen, jo hoffnungsvollen Mannes
ift aber nicht felbftverftändlich ; mir
hätten von dem Krankenbette, von
der Sterbftunde, von dem Begräbniffe
bes und Liebgeworbenen gerne noch
Nachrichten empfangen, und wären
folde um fo wejentlicher geweſen, als
fpäter bie Grabfteingefhichte jo viel
Staub aufmwirbelte.
Für bie Kinder bes SFreiheit-
kämpfers mwurbe von dem „®Bereine
ber Berfaffungsfreunbe in Vorarlberg”
eine Sammlung eingeleitet, die in
kurzer Zeit den namhaften Betrag von
2100 Gulden ergab.
Der „Verein der Xiroler und
Borarlberger“ in Wien beſchloß, bem
Dichter Michael Felder ein Denkmal
zu errichten. Dasjelbe wurde von
Joſef Gaffer ausgeführt; auf einem
großen Sodel ruht eine fieben Schuh
hohe Granitpyramide mit bem lorbeer:
umrahmten Medaillon bes Dichters,
Um und gegen bieje8 Denkmal ent-
brannte nun ein Streit, ber in feiner
Art beifpiellos ift und in ber Eultur-
geſchichte Vorarlbergs feinen Platz be-
baupten wird. Man wollte das Denk:
mal in Schoppernau auf SFelber’s
Grab jegen; die Anti-fyelberer, ber
Pfarrer von Schoppernau an ber
Spige, agitirten aber dagegen in un—
glaublichſter Weile. Einmal war ihnen
ber Verſtorbene nicht chriftlich genug,
dann wieder war es das Denkmal
nit, ein andbermal nahm es zu
viel Raum ein und ftörte aud
durch ben Fremdenzuzug, ben es verur-
ſachen konnte, die Ruhe des Kirchhofs.
Endlich Fand die kirchliche Behörde
gar ben Lorbeerkranz anftößig; ein
tern ober ſolchen Perſonen, die an
einer katholiſchen Univerfität befränzt
worben feien. Mehrere Gemeinbever:
tretungen mwurben mit in ben Streit
gezogen, ebenfo der Biſchof, die Be—
zirfshauptmannfchaft, der Landesaus—
ſchuß und die Statthalterei. Viel Auf:
regung gab es babei unb einen Ge
waltftreih; alles Nähere ift in San-
der’3 Buche ganz poffierlich nachzulefen.
Heute noch“* iſt die Sache nicht ganz
geſchlichtet, doch fteht Michel Felder's
Denkmal auf dem Kirchhofe zu Schop:
pernau. Die Geſchichte des Denkmals
gehört als Nachipiel zu Felder's Le-
ben; wir fehen da nochmals dieſelben
Kräfte thätig, gegen bie ber größte
Mann des Waldes antämpfte.
Ein Jahr nad) Felder’3 Tod kam
Schreiber diefer Zeilen zufällig auf
einer Alpenreiſe nah Schoppernan.
Auf eine Frage nach Felder's Grab
war die Antwort der Wirthin: „Nu
ja frili, da oben in der Stillftatt liegt
er. Geht wohl auch mwallfahrten nad
dem Marterlen von dieſem Fabelhans
und Undriften? Der hätt’ beſſer auf
feine Wirthſchaft geſchaut, daß nicht
ber Hunger heim Herb und der Bet-
telftab beim Mittagstiſch wär’ geftan-
den. D Göttle nein, daß ih dem
Tobten was Schlechtes wollt’ nach—
fagen, aber befjer hätt’ er's machen
bürfen. — Ruh’ feiner armen Seel!”
Die Frau war fiherlih auch einer
von feinen Marterknechten gemwejen.
Wir fließen das Gebächtniß und
geben unfere Meinung über Michel
Felder dahin ab, daß feine Dichtun-
gen, aber noch mehr feine kühnen po:
fitifchen und focialen Anläufe phäno-
mal find, daß aber fein eigenes
Weſen, in welchem ber Keim zu
Großem lag, am meiften zu bemun-
bern ift.
619
Als id den Raifer Bofef ſuchte.
Eine Erinnerung von 9. R. Rofegger.
Schluß.)
Wie es jetzt kam, iſt freilich nicht
zu beſchreiben, denn die es leſen, wer:
ben faum jemals in ber Lage ge
wejen jein, ben Einbrud und bie
Stimmung kennen zu lernen, welche
in dem Walbbauernbüblein wirkten,
als es einzog in bie Wienerftabt. Der
Knabe hatte wohl Märchen gehört
von Glanz, Zauber und Wunder —
aber das war ein Stillleben geweſen
in feiner Kleinen Seele. Hier aber bie
Pracht, die Wunder, die fieberhafte
Bewegung unb ber Lärm. — Dieje
Paläſte, von denen man in der Nacht
nur Die ftrahlenden Spiegelmände
berunten ſah, nicht aber das obere
Ende und wie hoch fie in den näch—
tigen Himmel binaufragten. Und ber
Schwarm von Menjhen zu Fuß, zu
Magen, zu Pferde, dieſes Raffeln,
Schrillen, Klirren und Klingen, diejes
Haften, Rennen, Sohlen, Schreien
burcheinander. —
So gelangte ih durch eine breite
Straße (wahrjcheinlih die Wiener
Hauptſtraße) hinein. Die Gaffen wur:
den gar immer enger unb immer le
bendiger — endlich aber war's mit
einemmale weit. Ein Pla mit Bäu—
men, ein Wald mit vielen tauſend
Lichtern — es war, als ob dieſe
Wiener Bäume lauter Flammenblüthen
hätten. — Ich glitt mit der Menge
dahin. Es ging über eine hohe Brücke,
e3 ging durch ein dunkles Thor, wo
des Hallens und Schallens fein Ende
war. Und als nun vollends bie Nacht
eingetreten war und nur bie hundert
Lichter über den gläfernen Wänden
blendeten, wußte ich nicht mehr, ob
ih im Freien war, ober in ben lan-
gen Gängen eine® Palaſtes. Die
Kärntnerftraße war's. Und das Ge
dränge fand ich hier derart, daß ich
mic in einen Wandwinkel brüdte und
dort ein menig abzuwarten bejchloß,
bis der ärgfte Haufen vorüber ei.
— Maldbauernbub, das geht nicht
vorüber, ober du hätteft bis im bie
ſpäte Naht warten müſſen. So haft
auch du dich bald mieber vorange-
macht, und als du ſaheſt, daß beine
böflichen Grüße von Niemandem er:
wiedert wurden, daß bie Leute —
fonft alle jo vornehm gekleidet und
weiß im Gefihte — wie toll anein—
ander vorüberichoffen, fi jogar an
tannten, drängten unb jchoben und
ftießen, da haft bu gedacht, du könn—
ieft e8 auch jo mahen — unb bamit
bift du weitergefommen. Freilich mwä-
reſt du, troß beiner ſchwer beichlage-
nen Schuhe, auf ben glatten Steinen
ein parmal ſchier ausgegliticht und
hätteft der nächiten Glaswand eine
Ohrfeige verfegt. Freilich warſt bu
plötzlich drin unter Roß und Wagen
und haſt dir ſchon gedacht, mitten in
der Wienerſtadt biſt hin, aber die
Stadt-Rößer find geſcheidt, die treten
kein Bauernbübel nieder; wäreſt du
nur erſt zwiſchen ben Stadt⸗Leuten
glücklich durch.
Endlich gingen die Häuſer etwas
auseinander, um einem noch größeren
— ſchon dem größten Gedränge Platz
zu machen. Und da ſtanden ganze
Reihen von Fuhrwerken und warteten,
620
bis einer auffuß. Und die Wägen
glänzten, wie am Frohnleichnamstag
die, gewichften Stiefel des Schulmei-
fter8 in Krieglach; und jeder Wagen
hatte voran zwei Laternlichter, als
ob bie Röffer ihre Augen hinten hätten.
Ueber al’ dem taufendfältigen
Gewühle ragte eine ungeheure, finftere
Mafle auf. Das war fein Haus, dazu
war e3 zu riefig und ſchwarz, fein
Berg, dazu war ed zu ſtramm —
e3 ging unabjehbar und einfam hinauf
in die Nacht.
„est muß ich fchon fragen, was
ift benn das?“ rebete ih Einen an.
Zweimal fragte ih, bis er mir Ant-
wort gab.
Weit that ich die Augen auf und
mwahrfcheinlich au den Mund. Diefer
Haufen — bie ſchwarze Wucht war
ber Stefansdom — bie Stefansfirche?
Es war unerhört. Ich fuchte den Ein:
gang und fand ihn. Da drinnen war
es fühl und dunkel und faft ftill.
Dort und ba ging ein Menfchlein
herum zwilchen ben ſchwarzen Pfei-
lern; bort und da glimmte eine Ampel
vor einem büfteren Bildniß. Ich hatte
gar feinen Maßſtab für die Schönheit
und Größe biefes Baued, mir war
er nur fremb und unheimlih. Trotz
bem fühlte ich, daß es eine Kirche
war unb als ſolche ein mir heiliger
Drt. Müde und erfchöpft ſetzte ich
mih in eine Bank und ruhte und
träumte. Ich dachte an das ferne,
liebe Daheim zwijchen den Wäldern
und wie ih nun verſetzt war mitten
in das ungeheure Wirbeln und Wo:
gen ber großen Stabt — ganz allein,
ganz fremd. Eine eigene Stimmung
war's. — Wäre nur erft die Nacht
vorbei und ich könnte mich umfehen
und doch zum Kaifer kommen! —
Einftweilen bat ich meinen Schugengel
um feinen Beiftand, und bann ging
ih wieder hinaus in das Gewühle
und in das Schimmern ber Lichter.
Ich ging durch Gaſſen und Gaſſen,
durch breite, belebte, durch entlegene,
finſtere; ging durch Thore und über
Brücken, gleichviel wohin. Wollte vor
allem wiſſen, wo denn dieſe Stadt
ihr Ende habe. Ueberall Häuſer und
Lichter und Menſchen. Menſchen, fremb
in Kleidung, Sprahe und Geberbe.
Alle find fo gefcheibt und viel erfah:
ren — unb von Krieglach-Alpel weiß
fein einziger was.
Da kam ih an einem Bau vor:
bei, aus bemjelben ftrahlten Lichter,
ballten Geſänge. Das mar Gottes:
bienft in einer Kirche. Ich zog ben
Hut ab und trat durch das Thor
hinein. Ja freilich war das feierlich
und viele brennenden Qufter bingen
nieder — viel ſchöner, wie daheim
in der Chriſtnacht, aber der Priefter
am Altare — ih erjchraf fürdhter-
(ih, erfchraf vor mir felber, daß ich
benn ein Narr geworben. — Der
PVriefter Hatte einen hohen ſchwarzen
Hut auf, und alle, die da waren, be-
teten unb fangen, hatten ihre hoben
Ihwarzen Hüte auf dem Haupte. Du
wunderliche Sad’ ! — Als der Schred
vorüber war, fam mir das Laden;
eine Weile vermochte ich es zurüdu-
halten, allein als ber Priefler fo
ernfthaft feine Hände ausbreitete und
ein jo fpaßhaftes Geſchrei anhub und
als die Anderen dieſes Gefchrei nad):
machten, brach mein Gelächter aus.
Da nahm mich ein jchwarzbärtiger
Mann am Arm, führte mich hinaus
und fagte: In der Synagoge müſſe
man fi anftändig betragen.
Als es dann herausfam, daß ich
in einem ubentempel gemwejen war,
erſchrak ich noch einmal und machte
meinem Schußengel Vorwürfe, daß er
nicht beffer auf mid Acht gegeben
hatte.
Aus einem anderen Bau hörte ich
luftig Muſik und Gefang. Das war ein
Schaufpielhaus, ich merkte es balb.
Mit dem Manne, der das Gelb nahm,
verhandelte ich um ben Preis. Wie
beliebig, ich konnte fünf Gulden zahlen,
oder auch nur breißig Kreuzer. Die
Wahl fiel mir nicht ſchwer, doch er:
fundigte ih mich, wie lange ih um
621
dreißig Kreuzer drinnen bleiben dürfe. | Schugengel ins Haus gelaffen hatte.
Als ich erfuhr, daß ich bis zum Ende
bleiben und Alles jehen und hören
könne, ging ich, den Hut ſchon in ben
Händen tragend, wohlgemuth bie vielen
Treppen, die man mir wies, hinauf
und plöglich jah ich vor mich in einen
Abgrund hinab, in dem nachgerabe
Alles von Gold und Silber war. Aus
den Wänden wuchſen goldene Aeſte
heraus, darauf brannten Lichter und
aus den Hundert Wanbdfenftern jahen
Leute hervor, lachend und Tebenbig.
Die Männer waren kohlſchwarz bis | bei
auf die weißen Gefihter. An dieſe
Gefihter fegten fie Dinge, in der Art
wie Heine Doppelpiftolen und zielten
bamit nad allen Richtungen herum.
Die Weiber hatten an ben Händen
breite Flügel, mit denen fie in einem:
fort flatterten, wie unfere Hühner
daheim, wenn fie Eier legen wollten.
Bon der merkwürdig prächtigen Dede
hingen goldene Kronen mit leuchten-
den Kugeln nieder, die machten hell,
wie der Tag. Und unten jtatt bes
Fußbobend waren lauter Menjchen-
föpfe und viele weiße Scheiblein da—
runter, die bei näherer Betrachtung
auh Menfchenhäupterr waren, nur
feine Haare aufbatten.
Jetzt Hub plöglid wieder bie
Mufit an und fo laut, daß ich jchier
erſchrak. Darauf begann bie einzige
Berhert war die ganze Sad, benn
plöglih waren bie Tänzerinnen blut:
roth über und über, und gleich daranf
ſchien eine jo belle Sonne auf fie,
daß alle andern Lichter matt waren,
und wie ich juft heil zu jubeln an
heben will über dieſe Wunderbarlid:
feiten, da raufcht die Wand nieber
und bie Leute erheben fih. — Ich
bin noch eine Weile ftehen geblieben,
in der Meinung, es würde noch was
zu jehen geben, aber bie Leute drängten
i allen Löchern hinaus unb bie
Kronen verlofchen.
Bald darauf ftand ih auf ber
Gaffe und überlegte, was nun zu
machen. Hungrig war id, mübe war
ih; die Uhr des nächſten Thurmes
Ihlug zehnmal, — Für heute laß’
e3 genug fein; wo wirft bu fchlafen
bie Naht? — Es fügt fih doch
wieber gut, dort an ber Ede fteht
ein großes Wirthshaus. Durch die
Fenſter ſah man's, wie die Leute
an weißgebedten Tiſchen aßen und
tranken, Zeitungen lafen und Tabak
tauchten.
Das Vorhaus allein ſchon war
viel lichter und fchöner, als in Krieg:
la beim Kirchenbäck das Ertra-
zimmer.
Ein ſchwarzgekleideter, ſehr fein
Wand, in der feine Leute hodten, fich | herausgeputzter Herr kam, ber hatte
zu bewegen unb ging in die Höhe. — ſein weißes Sackuch über ber Achſel
Seht waren euch auf einmal bie
Berge da. Weiße Jungfrauen famen
daher, fie waren fromm und jchön,
wie daheim die Mägblein am Kran:
zeltag; fie haben ein Lieb gejungen
und ich meine jchier, es ift ein hei—
liges gemwejen. Aber bie Branheit
bat nicht lange gedauert — jäh—
lings find die langen Kleider weg und
zu hüpfen und zu jpringen heben bie
Dirndeln an, gar wie bejeffen. Meiner
Tag hatte ich noch nicht gefehen, wie
fo nadte Füßlein ausfhauen. Und find:
haft lang waren fie, und ich fands jchier
zum Berwunbern, baß mid) mein
hängen. — Was ih wolle?
„Bableiben möcht’ ich halt.“
„Ein Zimmer ?“
„Iſt mir ſchon recht, wenn Ihr
eines entrathen könnt.“
Er führte mich über zwei breite
Treppen und in ein Zimmer, in dem
es eine Herrlichkeit war. Lauter ge=
polſterte Seſſel und auch eine ſolche
Bank. Und ein Spiegel, der war
größer wie ich ſelber, ich hatte ihn
zuerft für eine Thür gehalten, durch
— ein Bauernbub auf mich zu:
am.
622
Der Herr zündete zwei ſchnee—
weiße Kerzen an, ba fiel mir glüd-
licher Weife bie Frage ein, wie viel
ih benn für al’ das zahlen müſſe.
„Ber Tag einen Gulden adht-
en
verjegte ih, „nur für bie
—* allein hätt’ ich's mögen, aber
es ift mir auch um bie Halbicheib’
noch zu theuer. Dreißig Kreuzer will
ich hergeben.“
Da wurde ber Herr roth im Ge-
ſicht — ih Hatte in Wien noch
Keinen mit fo guter Farbe gejehen
— und job mich zur Thür hinaus.
Jetzt fand ich auf der bunflen
Gaſſe; fie war fill und öbe; ein
Wald auf den Bergen thut fich nicht
jo ödmeilig, und wenn aud fein ein-
iger Menſch darin ift.
Bismweilen ein vornehmer Wagen
tollte vorbei. Eine Frau, bie aber
einen Flor über dem Gefichte hängen
hatte, fam auf mich zu; als fie den
Flor hob, jah ih, daß fie jehr jung
und ſchön war; als fie rebete, jah ich,
daß fie auch gut war. Ich hatte fie
gebeten, mir eine Liegerftatt zu ver:
Ichaffen.
„Bern“, flüfterte fie.
Als wir eine Strede mitfammen
gegangen waren, fragte fie, ob ich
Geld habe.
„Ja,“ antwortete ih, „ich hab’
ein Lammel gehabt und das hab’ ich
verkauft, und baven Hab’ ich
mehr al3 wie die Halbſcheid.“
„Das ift nicht viel”, fagte fie,
„das mußt Du fleißig aufiparen ; wenn
Du Dir erft einen großen Widder
erwirthfchaftet haft, das gibt fchon
mehr aus,”
Und fie raufchte davon.
Seht ſtand ich wieder verlaflen.
Ein Maun trillete und taumelte
vorüber; dem wollte ich anſprechen,
aber als ich ſah, daß er jelbft eines
Beiſtandes bedurfte, und wie er fich
hinter einen Brüdenpfeiler auf ben
zeig fein und dachte, fo machſt es
auch und ba legft dich nieber.
Ein altes Frauden, das fchon
früher an mir vorübergehumpelt war,
fam mieber bed Weges und fragte,
was ich denn bier made? — Hub id
zu weinen an: „Seine Nachtherberg
kann ich finden.”
Auf der Stelle nahm fie mich mit.
Sie führte mich in eine Gegenb,
wo bie jhönen Pflafterfteine aufhörten
und wo viel kleinere Häufer ftanben
als die Andern waren. Sie führte
mid in einen Hof und über eine
finftere Stiege hinauf. Bald waren
wir in einer einfahen Stube; bie
alte rau zünbete eine Lampe an —
das war freilich nicht jo hell, als im
Schaufpielhaus. In ber Stube war
ein eiferner Ofen, auf dem ftand ein
Topf. Die Frau nahm ihn und goß
Suppe auf zwei Teller, unb legte
von ben Semmeln, bie fie geholt
hatte, eine vor mich bin, auch einen
Löffel dazu, nun folte ich eſſen.
Bei den Bauern ift ber Brauch,
daß, wenn fie zu Gajte find, fie von
Allem, was fie effen, ven Reft in ber
Schüſſel laſſen. Da war ih nun in
Berlegenheit, denn ber Teller war
gar flach, und wollte ich etwas übrig
laffen, jo blieb nichts für meinen
Löffel. Der Hunger half mir endlich
über alle Bedenken hinaus.
Als wir gegefien hatten, fragte
noch | mich meine Gaftfrau nad Stanb unb
Heimat. Ich erzählte ihr Alles, von
meiner Mutter weg bis zu ihr.
Da fagte fie — Worte: „Bei
meiner Seele, Du biſt mir ein recht
leichtfinniger Burſch'‘. Bon Deinen
Eltern fo fortlaufen! Mas willft denn
in Wien, wenn Du fein Geld haft
und feinen Belannien? Zu Grunde
kannſt gehen, das fannft davon haben.
Eine jolde Stadt ift nicht, wie ein
ſteiriſches Dorf; da gibt's ſchlechte
Leut', und wenn Du liegen bleibſt auf
der Straßen, kein Menſch kehrt ſich
Erbboben legte und darauf liegen darnach; und wenn Du verhungerſt,
blieb, ließ ich mir das einen Finger: ſo ſchleppen fie Dich in die Todten⸗
623
fammer unb fchneiden Dir den Leib
auf, zu jehen, woran Du geftorben
bit. Und fein Menſch weiß, mo
Du bingehörft und Dein Vater und
Mutter daheim können fich die Lungen
berausichnaufen und ſuchen und fra:
gen nah Dir und das Herz her—
andweinen. — Kind, daß Du ihnen
den Kummer haft angethan! — Den
Kaiſer aufjuhen, das find Albern-
beiten. Sept legt Dih da aufs
Sopha und jhlaf’ft Did aus. Und
morgen früh geh'ſt mir jchnurgerabe
heimwärts. — So, und jetzt mad)’,
daß Du zur Ruh’ kommt!
Ich ſchluchzte noch lange in mein
Kopfkiſſen hinein, doch endlich kam
der ruhſame Schlaf.
Am nächſten Morgen aber, als
ich wieder friſch und munter durch
die reichen, rauſchenden Gaſſen und
über die Brücken und hohen Mauer—
gänge zog und die helle Sonne hin—
einſchien auf die Thürme und Paläſte
und der Stefansthurm frei in die
Himmelsbläue aufragte — da war
vergeſſen, was die gute alte Frau
geſagt hatte. — Ich bleibe in Wien
und gehe zu meinem Kaiſer.
Raſch wandelte ich an Allem
vorüber und fragte nad dem Kaifer-
haus. Nah manchem Hinundherfuchen
ftanb ich auf dem Burgplak neben
dem fteinernen Reiter der damals
noch allein ftand, und ſah vor mir
das gelblihgraue Gebäube mit den
unzähligen Fenſtern. — Da drinnen
wohnt er? Wenn er nur baheim
ift und etwa nicht wieder in allen
Ländern herumzieht wie ein Hand—
werksburſche. Und wenn er daheim
in? Was reden? Friſch fragen, wie
es ihm geht, was bie Frau Mutter
macht, und daß er doch fo gut fein
und feinen Krieg anheben folt’, und
ber Schmiedhofer Hansjörgel wär
jegt auch bei den Soldaten, und wenn
fie den niederſchießen, jo hätten fie
Mepgern verftünd! — Für Uebel
halten kunnt er's nicht.
Ich ging durch das breifadhe
Thor. Da war ein großer Platz mitten
im Kaiſerhaus, und da ſtanden er—
ſchrecklich viele Soldaten mit aufge—
pflanzten Gewehren. Dort, wo ich
durchgehen zu müſſen glaubte, ſtanden
zwei baumſtarke Mann mit weißen
Riemen über der Bruſt und ungeheure
ſchwarze Pelzhauben auf den Köpfen.
Zwei bärtige Kerle mit finſterem Ge—
ſicht, mit Säbel und Gewehr, juſt
zum Dreinfahren. Ich wollte ſchier
nicht zwiſchen ihnen durch, doch als
ich ſah, daß auch Andere unbehelligt
aus und ein gingen, wagte ich's auch,
und die beiden Thorſteher blieben
ſtarr wie von Holz.
Ich ging über breite Steintreppen
empor, ging ſchneeweißen Gängen ent⸗
lang, ſo daß meine Schritte in den
Mauern wiederhallten. Da waren
hohe, braune und vergoldete Flügel-
thüren ber Reihe nad. — Ya, wenn
man nur wüßte, welches bes Kaiſers
Bimmer jei!
„Was mahft Du da, Yunge?“
fragte ein heranfchreitender Herr mit
Glasaugen und einer Stine, bie faft
bis zu dem Scheitel hinaufging.
„Da kommt Ihr mir juft recht,
wenn id bitten darf, den Herrn
Kaifer thät’ ih gerne ein wenig
heimfuchen.”
„Sp. Ya mein Lieber, das wirb
wohl etwas ſchwer gehen.”
„Dh“, fagte ih, das geht Leicht,
mit dem Kaifer Joſef darf Jeder
reden, auh ber Bauersmann, —
hab's wohl geleſen.“
„Der Kaiſer Joſef?“ fragte der
Herr. Da habe ich ihm erzählt, wie
ich von Steiermark hergekommen wäre,
um den Kaiſer Joſef zu ſehen.
Er ſah mid) lange an, war ernſt⸗
haft, lächelte und wurde wieder ernft-
haft. Ich bin ganz zutraulich geworben
und habe Bieles erzählt, was mir
über den guten Kaiſer Joſef auf dem
im ganzen Alpel Keinen, ber das | Herzen lag.
624
Der Herr fette fih auf eine Ban, | Heimatshaus im Kaiferhaus! Und
nahm mich an der Hand und ſagte: da ift der Wald, und ba find bie
„Burſche, Du bift ein fonderbarer | Felder und da ift die MWeibe, wo ich
Schwärmer. Da Du aber fchon nad | die Schafe Hüte! Alles ift da — 0
Wien gelommen bift, um Kaifer Joſef du merkwürdiges Blatt Papier!
ben Zweiten zu jehen, jo muß man| „Gut,“ fagte ber Herr, „es ift,
Did auch zu ihm führen. Warte, wie Du mir erzählt haft, und mun
jegt hahen wir neun Uhr. Um zehn ſpaziere noch ein bischen in der Stadt
Uhr ſtellſt Du Di vor ben Eingang herum und um zehn Uhr warte bei
ber Kapuzinerkirche, verſtehſt? der Kapuzinerkirche. Du wirft fie
werde mich dort einfinden, dann wollen
wir zufammen gehen.“
„Da bin ich wohl recht froh,”
antwortete ich, „ein bifjel ſcheuen thu’
ih mi aber auch, wenn's Ernſt
wirb.”
„Kaifer Joſef thut Dir nichts zu
eibe. Uebrigens, Junge,
fomme jet einmal mit mir.“
Er führte mich treppauf, treppab,
führte mich über Fußböden, belegt
mit blumigen Tüchern, dur Gänge
und Säle, ſchloß endlich eine Flügel:
thür auf, und jet waren wir in
einem Tempel. Aber alle Wände wa:
ren voll von Büchern; auf den Ti—
ſchen lagen offene Bücher, Bilder,
alte Handſchriften und ſonſt allerlei
Papier.
„Das ift die Sofefinifche Biblio:
thek“, jagte mein Begleiter. Ich blidte
ihn an, war feinem Worte gegenüber
hilflos.
An einer Ede des Saale ftanb
eine Weltkugel mit allen Gewäſſern
und Ländern ber Erbe, wie mein
Führer mich unterwies.
„Wenn das bie ganze Welt ift,“
fagte id, „jo wirb wohl aud Krieg:
lach: Alpel darauf fein.
„Freilich, aber das kann man mit
freiem Auge nicht mehr jehen, ba
müſſen wir etwas Anderes nehmen.“
Und er flug eine große Land—
farte auf. — Steiermark, Mürzzu—
—* Krieglach, — Alpel — ſiehſt
u?“
Ich gudte und ich jah, und da
war noch ein jchwarzes Pünktchen,
und bei dem ftand gejchrieben: Wald:
bauer. Da jubelte ih auf. — Mein
leicht erfragen.“
So verließ ih bas Haus, kam
glüdlih wieder an den zwei unge
heuren Pelzmützen vorüber, fam auf
einen Garten hinaus, wo ich mid
auf den Beſuch beim Kaifer vorzu-
bereiten judhte. Mir war unftät zu
Muthe. Es ift doch ein hoher Herr
und fann mit jeinen Unterthanen
machen, was er will. Aber ich rief
alle Geihichten, bie ih von ihm in
den Volksbüchern gelejen hatte, in
meine Erinnerung zurüd — es ift
ein ebler, ein milder, ein gütiger
Mann. Mit neuem Muthe ſuchte ich
die Kapuzinerkirche auf.
Ich fland nicht lange bort, fo
fam jener Herr aus bem Kaiferhaufe
heran und mit ihm ein geiftlicher
Bruder. Diefer ſchloß das Thor eines
Gewölbes auf; dort zünbete er ein
Kerzenliht an und führte uns hinab
über eine finftere Treppe.
— Märe denn ber Kaifer Syofef
heut’ im Kloſterkeller? Das thät’ mich
doch wundern.
Ich hielt mich ftet3 nahe an meinen
befannten Herrn. Nun fohritten wir
langfam zwiſchen großen, fteinernen
und erzenen Blöden uud Käften hin.
Bor einem ſolchen — er ſah aus
wie eine riefige Tobtentruhe — blieben
wir ftehen. Der Herr nahm mir ftill
den Hut vom Kopf, dann legte er
feine Hand auf das Erz und jagte:
„Hier, mein Junge, in diefem Sarge
ruht unjer Kaifer Joſef.“
Geftorben ſchon vor mehreren ſech—
sig Jahren.
625
So habe ih ihn geſucht, den
großen Kaifer, den wir nimmer ver:
gefjen können, den das Volk jo lieb
bat noch heute. So war ich in ber
Ginfalt des Kindes, in der Beharr:
lichkeit einer heiligen Verehrung an's
Biel gg war hinabgeftiegen in
fein Grab.
Kein Wort Fonnte ih ausſprechen,
mich fchauerte tief. Ich habe faum
einen Blid mehr gethan auf den fai-
jerlihen Sarktophag, der von dem
Flämmlein de3 geiftlichen Bruders matt
beleuchtet war, feinen Blick auf die
andern Särge — davon taumelte ich
die Stiege hinauf und in einem Winkel
der Kirche bin ich ausgebrochen in ein
bittere Schluchzen.
Der Herr aus ber Burg legte
mir die Hand auf die Achjel, aber
er jagte fein einzige® Wort. —
Später hat er mich gefragt, ob
ih nicht wünſche, Seiner Majeftät,
dem jeßigen Kaiſer vorgeftellt zu werben ?
„Iſt das ein Sohn vom Kaiſer
Jofef?“ fragte ich.
„Das nicht, aber das hindert
unjeren erhabenen Landesfürften nicht,
ebenfalls ein edler Herrfcher zu fein.“
„Und geht er aud unter ben
Reuten herum und fragt, was für
Geſetze fie haben wollen ?*
Mein Begleiter ſchwieg. Erft nad)
einer Meile antwortete er: „Unfer
Kaifer Franz Joſef läßt feine Völfer
jelbft die Geſetzgeber ausſuchen und
wählen, bie fie haben wollen.”
Das wäre wohl auch recht brav,
meinte ih, aber mich ihm vorjtellen
lafjen, das thät’ ich mich nicht ge
trauen; mit dem neuen Kaiſer wäre
ih halt doch zu wenig befannt.
„So lebe wohl, Du Heiner Stei-
rer,” jagte mein Begleiter, „und wenn
Du groß bift, jo fomme wieder ala
braver Soldat, da wirft Du dem
Kaifer Schon Freude machen.“ —
Nun war ich fertig.
ob es denn wahr fei, daß man weit
und breit fein Ende von ihr jebe;
in den Prater hinabzugehen, um bie
große Donau und ihre Schiffe zu
erbliden; in Schönbrunn den Thier:
garten zu bejuchen, um zu ſehen, ob
unter den Elefanten, Löwen und Dra-
hen auch weiße Lämmer wären —
aber all’ das ließ ich nunmehr fahren,
meine Freube an Wien war gebrochen
— Kaiſer Joſef ift geftorben.
Dienſtwillige Leute hatten mir
ihre Führerſchaft angeboten; einer
derſelben, als er hörte, daß ich a
Steiermark ſei, rief: „Das trifft ſich,
ich bin auch ein Steirer, bin aus
Stuhlweißenburg.“
„Das iſt ja in Ungarn“, be—
merkte ich.
„Ei, in Hartberg wollte ich ſagen.
Na, das freut mich, kommen Sie
doch mit auf ein Glas Wein.“
Er führte mid in eine Vorſtadt;
führte mid in eine Schenfe, die halb
unterirdifch lag und mehr von Nacht—
lichtern als von den hochgelegenen
Fenſterchen beleuchtet wurde. Da
gings nicht gar viel vornehmer zu,
als in den Wirthshäufern daheim und
die Leute fetten fich gleich zu unſerem
Tiſch und waren freundlich mit mir.
Einer meinte, wir fjollten uns doch
die Zeit vertreiben und zog Spiel:
farten hervor. — Spielfarten habe
ich nie leiden mögen, ich zahlte meinen
Mein und ging davon.
Ich trachtete wieder jenem Theile
der Mienerftabt zu, in welchem der Ste-
fansthurm fteht. Da kam ich auf eine
Sandhaide, auf weldher Soldaten Kriegs-
übungen hielten. Ich jah ihnen eine
Meile zu, dann jeßte ih mic) auf einen
Stein und unterfuchte einmal den Inhalt
meiner Geldtaſche. Ich erſchrak jehr.
Vom ganzen Lammel war kaum der
Schweif noch da. — Traurig ſaß ich
und ſtützte den Kopf in die Hand
und ſagte zu mir: „Bub, wärſt Du
Ich Hatte die Abſicht gehabt, auf! jegt daheim. Das Leſen von der
den Stefansthurm zu fteigen, um bie | Wienerftabt ift Iuftiger, als in ihr
Stadt anzufhauen, um zu erfahren, |mit leerem Sädel herumzugehen.“
Kofegger’s „Heimgarten“‘ 8. Heft.
40
626
„He, Burke, was machſt Du
da? gi tief mich plötzlich ein vorüber:
gehenderHerr mit einem langen Barte an.
„Warten thu’ ih,“ gab ich miß-
muthig zur Antwort.
„Auf wen denn?”
„Auf einen Fünfguldenbeutel.”
„Den kann ic Dir nicht geben,“
fagte er, „aber fünf Gulden magit
haben, wenn Du mit mir kommſt.“
Das ift ein Spikbub’, dachte ich
mir, aber jegt möchte ich nur jehen,
wie weit er's treibt. Neben dem bin
ih der Stärkere, Geld fann er mir
fein’8 nehmen, und mein Gemwanbt
it ihm zu Hein.
„Du traueft mir am Ende gar
nicht,” lachte der Bärtige, „wirft es
aber jehen, e8 geſchieht Dir nichts
und nad einer halben Stunde haft
Du Deine fünf Gulden. Denke einmal,
was Du Dir da Alles kaufen kannſt!“
Meine Herabgefommenheit machte
mich unternehmungsluftig. Ich ftand
auf und ging mit bem Manne.
Diejer führte mich hin über den
Sand, dann durch einige Gaffen,
dann in einen Hof und über etliche
Treppen hinauf und in ein Zimmer.
An den Wänden hingen allerlei Bil-
ber, die meiftens ohne Rahmen waren.
„Run jeße Dih auf biefen Stuhl.
So!” jagte der Bärtige, „den Stod
lehne in den Elbogen hinein und jege
den Hut jo!” Den Hut ſchob er mir
in den Naden zurüd, die Haare
ftrih er mir über bie Stirne herab
bis zu den Augen, als ob er abficht:
lih einen reht dummen Bauernbuben
aus mir machen wollte. Ich ftrich bie
Roden nad rüdwärts, ſchob den Hut
nad vorwärts.
„Laß' doch!” rief der Mann ſcharf.
Da getraute ih mir feine Bewegung
mehr zu machen. — Was wird jeßt
mit mir gejchehen?
„So, mein Lieber,“ jagte er,
„jetzt bleibe mir ein bischen fißen
und fieh Dir einmal dort die ſchöne
Frau an!“
Er hatte nämli eine fehr ſchöne
Frau an der Wand hängen.
„Gefällt fie Dir?” fragte er, in-
dem er mit bem Bleiftift raſch auf
einem Papier herumfuhr.
„Ja, die thät mir wohl gefallen ;
ift das die heilige Maria Magdalena ?*
„— Vieleiht die griechiſche,“
late er.
Nicht gar Lange nachher Fonnte
ih aufftehen und nachſehen, was er
auf das Papier gezeichnet hatte. Da
faß ein Bauernjunge auf dem Stein,
der hatte den großen Hut im Naden
und die Haare im Geficht und machte
Glotzaugen.
„So, mein Kleiner, nun danke ich
Dir und hier haſt Du deine fünf
Gulden.“
Wie kann denn das ſein? Der iſt
ſo gut und zeichnet mich auf und
läßt mir noch die ſchöne Frau an—
ſchauen und zahlt dafür das viele Geld!
Ich hielt meine Hände hinter den
Rücken.
„Nu, beiß' an!“
„Ja, wenn ich das annehme, ſo
iſt es wohl eine Grobheit“, entgegnete
ich und habe meinen Augen immer
noch nicht trauen wollen.
Auf der Gaſſe ſah ich nad, ob
die Fünfguldennote nicht etwa auch
mit Bleiftift gezeichnet jei, jo wie
das MWaldbauernbübel. Aber es war
ein echte Geld mit Waſſerdruck.
So reih, mein Heiner Burjche,
bift du noch dein Lebtag nicht ge—
weſen. Seht kannſt es nobel geben,
fannft auf der Eijenbahn bis nad
Krieglach fahren. Flott geht’!
Als ob ich keine Füße hätte! So
dumm bin ich nicht, daß ich meine
zwei Füße nur dann firapazire, wenn
ih mir damit nicht verdienen fann.
Jetzt jollen fie mic) nad Steiermarf
tragen, ich zah' ihnen bafür fünf
Gulden. Die fünf Gulden werben fie
dem Walbbauernbuben ſchenken und
ber wird ſich dafür Bücher kaufen.
Ich ſuchte eine Buchhandlung
auf, faufte mir die Geſchichte von
627
Kaifer Joſef dem Zweiten und ein
Buch über die Stadt Wien. Bon den
fünf Gulden find breiundzwanzig Kreuzer
übrig geblieben.
Nun voran! den Kailer Joſef
unter der rechten Achjel, die Stabt
Wien unter ber linfen — fo ging
ich davon.
Bei der Spinnerin am Kreuz
blidte ich noch einmal zurüd auf das
Häufermeer. Dann wanderte ich fort
über die Ebene gegen Neuftabt.
Aber — der Tag war heiß, die
Bücher waren auf die Länge nicht
leicht und die Schuhe begannen wie:
der die Ferſe zu wetzen. Was ber
Magen an biefem Tage an Nahrung
entbehrte, das gewann bie Lunge an
Staub, die Füße huben mir an zu
zittern. . . .
An demfelben Abende fand mid
eine Bürgerin von Baben gar er:
Ihöpft auf der Bank vor ihrem
Haufe fauern. Sie führte mich in’s
Haus und atzte mich mit Speife und
Tranf. Dann, als fie meine Gejchichte
erfahren, als fie mir auch einen ber:
ben Verweis gegeben hatte, weil ich
fo jehr auf meine Gefundheit gefündigt,
geleitete fie mi auf den Bahnhof
und faufte mir eine Fahrkarte von
Baben bis Krieglach.
Knabe, du haft nicht einmal zu
banken vermodt.
Im Mondſchein glitt der Bug
über das weite Steinfeld, in finfterer
Naht durch die Zwänge des Semme-
rings, im Morgenroth durch das
grüne Mürzthal.
» Wie fühl und frifch, wie ftill und
rein war bie Luft, als ich die Walb-
ftraße hinanmwandelte gegen Alpel!
Als ih zu unjerem Haufe fam,
eilte mir die Mutter entgegen und
jagte, ich ſolle nicht zu fehr erjchreden,
wenn mein Water mit dem Steden
auf mich zufäme,; es wäre nicht zu
vermeiden, er jei arg aufgebracht,
daß ih anftatt zwei Tage vier Tage
ausgeblieben.
„IH Habe nicht früher zurück—
fommen können“, verjicherte ich, hab’
in Mariaſchutz die Kirchfahrt ver:
richtet.“ —
„Ja, und dieweilen ſind daheim
die Säue alle verreckt!“
„Bin in Wiener Neuſtadt ge—
weſen und in Wien in der Stefans—
fiche und ihm Kaiferhaus, aber ber
Kaifer Joſef ift Schon geſtorben.“
„Geh!“ rief die Mutter, „ja was
ift ihm denn wiberfahren 2“
„Das fteht alles in dem Bud;
und in, dem ift die ganze Beſchrei—
bung von der Wienerftabt, da wird
der Vater ſchon lofen, wenn ich ihm
vorleſe.“
„Du, trau’ ihm nicht!“
„Nachher hat mich ein Herr ab-
gezeichnet und nachher hat mir eine
Frau das Fahrgeld gezahlt, weil ich
bin franf geworben.”
„Jeſus Maria!” rief die Mutter,
„wa8 denn? was benn? daß Du mir
doch nicht Liegen bift geblieben auf
der Straßen, daß Du mir nur wie
ber heim bift gelommen ! — Du,
Lenzel!“ jchrie fie nad dem Bater,
„Frank ift er worden unterwegs!“
Der Bater ftand an ber Haus:
thür und lehnte jet ben Stod an
bie Wand,
„Ausſchauſt mir armfelig genug,”
brummte er, „geb, iß jetzt eine warme
Suppe, nachher leg’ Dich in's Bett.
Mir mahen unfere Sach’ jpäter mit-
einander aus.”
„Sekt ift Alles gut,“ flüfterte
die Mutter, felbft erleichtert.
Nun erft ermaß ih, daß meine
Wiener Reife in allen ihren Theilen
höchſt glüdlich ausgefallen war; fogar
das Unmohljein unterwegs pries ich
nun — und ben Hafelfteden, ber noch
an ber Thür lehnte, verbarg ich raſch
— wohin? das bleibt eines ber brei
Geheimniffe meines Lebens.
— — — — — — — — — —
628
Nah wie vor hütete ich wieder | frau, fand in Baden bie wohlthätige
die Schafe, ſaß auf dem Steinhaufen | Glafermeifterin, Frau Gießl, fand
und las aus Büchern. Erft viel fpäter, |die Hofburg, die Kapuzinergruft mie:
nahdem ich aus bem alten Schaf: | der. Aber jenen Herren, ber mid in
birten ein junger Schneiberlehrling, | die Joſefiniſche Bibliothef und zum
und aus dem alten Schneibergefellen | Kaifer Joſef geführt, und jenen Lang:
ein junger Student geworben war, |bart, der mich in jein Atelier (meines
babe ich in den Vacanzen Wien mie: | Erinnern® in bie Gegend ber Alfer:
der gejehen. Da habe ich wohl mit |vorftabt) mitgenommen hatte, Tonnte
Fleiß jene heiligen Stätten befucht, ich troß meiner Nahforfhungen nicht
wo einft ber einfältige Waldbauernbub mehr ausfindig machen. Erfterem
geftaunt und gelitten hatte. Ich fand | möchte ich danken, Tegteren fragen, ob
in der LZeopoldftabt die Synagoge und |da8 Bild des Waldbauernbübleins
das Tleater wieder, fand weit draußen | die Auslagen gebedt hat.
in Erbberg meine gute alte Nacht:
Zwei Holkslieder.
Il.
Doufhd int af greanar Auen As da Her Iefas don Goatn ausget,
Get da Moaganfchdern auf, Bidrocht fein bitas Leidn, fein Gfentnaß,
Sizt unfa liawi Frauen | Gonz drauri, gonz drauri
Mid n Kriftfinlein drauf. Is 8 Lam and Gros,
Wos hom an die foifchn Judn giton ?
Hom an in Goatn gfongg,
Hom an goaflt, hom an frent,
I.
Ei get ſchon a weni auffer
And umi ams Haus,
eg ia don fein halis Haubb ſcha gor vafent.
j Sie ſchbonan in Kern Iefas afs hochi Kreiz,
„O baliga Iohanas Sie ſchlogn drei Näigl
Mein liawafta Freind, Af feini Hend, af feini Fiaß,
Hoft Du 8 nit gifehan Däi Marter, däi wa nid fiaß.
Mein liabs Iefalein ?“ O Gouds Muada: wias Hamerlein Flingg,
Ba Load, va Road
„J bon däis mul gifehan, Mäicht mir mein Heaz oſchbringa,
Dwa nachtowandse ſchbod, Ach weh, ach weh, mein liawafts Kind!
(Waz Kron homs eam aufdruft*), „Valoßt Du mi ſcha gonz, o haliga Johanas!
8 ſchwari Kreiz hod a trogn. Nim 8 ba da rechtn dond,
Fihr 8 ma weid van Kreiz hinton,
Daß dou nid fiat
Mein Marta, mein bitan Tod,
Drei Näigl homs cam giſchlogan
Duach feini Hend and feini Fiaß“.
O Iefas, mein Iefas, deini Wundn j
And die halin finpf Wundn rot.”
i I
ME) „O der, o Ser,
Bea däis Lialein fon fingen, Däid wil i ah gern doan,
Sing 8 mit gräißtn Fleiß, Wils fihrn, wils treftn,
Der wird wul eingehan Wir a Kind Voda and Muada treftn ſult.“
Ins himliſchi Baradeis, Däis datn die foifhn Iudn.
*) Rad) einer andern Art: „af da Granazn is a gfäifin“
629
Säi fhliagn cam in vanign Schdundn
Mer as virzitaufnd Wundn,
As buigg fi a Bamelein, buigg fi,
8 Kind hod fa Rua.
Di hochn Schdoan Miawan fi,
Himl and Erdn bitriawan fi,
8 Sun valuift irn Schein,
d Moldvegerla loffn 8 Singan fein. —
Miakts auf, miafts auf, Fraun and Mon,
Wea däi Boffion betn kon,
Der bets Togs amol,
Kimbb fein Sel in Himlsſol,
Bleibb drin in Ewikeit am.
Dieje zwei Volkslieder habe ich in
meiner Heimat, Krieglach:Alpel, oft
gehört. Das Erftere fang meine Mutter,
wenn wir Kinder fie baten um ben
Gefang von der „grünen Auen”. Letz—
tere8 beteten wir täglid am Abend,
wodurch es jo jehr in ein Zungenge—
plapper ausartete, daß man fchließ-
lih gar nichts mehr davon verftand.
Als es und aber die Mutter einmal
langjam vorjagte, da war es fo rüh—
rend, daß wir babei zu weinen anhuben.
Ganz merkwürdig ift die Naivität
im Liede „Bon der grünen Auen“.
Unfere liebe $rau mit dem Chriſt—
findlein auf dem Arm kommt
zum heiligen Johannes und fragt ihn,
ob er da3 liebe Jeſulein nicht gefehen
habe (das fie ſucht). So erzählt ihr
Johannes, daß er den Herrn wohl
geftern am Abend mit dem fchweren
Kreuz und der Dornenkrone gejehen
hätte, aber „drei Näigl homs eam
giſchlogan durch feini Hend and feini
Faß“.
Roh kam mir von dieſem Liede
eine Variation zur Hand, melde von
dem Berlufte des Chriftfinbleing erzählt
und alfo dad Suchen motivirt:
Unfa liawi Frau wuad fchlofad,
Schloft a holwi Schdund ein;
Ihr Kinerl fimbb wäik,
Sie woas gor nig drumb.
Unfa liawi Frau gang ſuachn
Gor fir a houhes Haus,
Do [haut da haligi Iohanas
Ban Fenfterl heraus,
Gar ergreifend ift das zweite Lieb,
und zwar jene Strophe, da bie Mutter
Sefu unter dem Kreuze fteht. —
„D Gottes Mutter, wie dad Hämmer:
lein klingt! Vor Leid, vor Leid möcht’
mir mein Herz zerfpringen. Ach weh,
mein liebes Kind!” Hierauf wendet
fih der Gekreuzigte vorwurfsvoll an
Johannes: „Verlaffet Du mi ſchon
ganz, o heiliger Johannes!” Dann
das Natur: und Stimmungsbild: „Es
biegt ſich ein Bäumlein, es biegt ſich.
Das Kind (dev Gefreuzigte) hat Feine
Ruh’. Die hohen Steine klieben fich,
Himmel und Erben betrüben fi, bie
Sonne verliert ihren Schein, die Wald:
vöglein laffen das Singen fein.”
Wie könnte diefes Bild einfacher
und gewaltiger dargeftellt werben ?
Dafür machen aber die beiden
Volkslieder ihrem Beter oder Sänger
eine gar erfreuliche Verheißung. Das
Erftere verjpridt dem, ber es mit
Fleiß fingt, das Paradies; das Letz—
tere dem, ber es des Tages einmal
betet, ven Himmelsfaal.
So finden wir die hohe Moefie
des Volksliedes Arm in Arm mit ber
findlichften Naivität und bisweilen mit
der kraſſen Trivialität. Das Volks—
lied ift eben die Volksſeele.
Ich habe in dieſen Liebern, bie
ih biete, wie ich fie im Volke vor:
fand, genau die Mundart wieder zu
geben verfucht, in welcher fie an ber
Mürz und der Feiftrig gefungen ober
gebetet werben. Zur kurzen Erflä:
rung ber Ausſprache diene Folgen:
bes: Das lateinifche n bezeichnet Hier
den Nafenlaut. Das äi wird nicht
ähnlih wie etwa ei ausgeſprochen,
fondern in ber Dehnung, daß jeder
Buchftabe für fih allein zum Aus:
drud kommt. Formen, wie 3. B.
gifhlogan, eingehan, kommen
in der gemöhnlihen Mundart nicht
vor, fondern fie find Anklänge an das
Hochdeutſche oder Mittelhochdeutſche,
in dem das Volk dichtet oder ge—
dichtet hat. Was Wunder auch?
Das Volk hat die Schriftſprache
630
lefen, jchreiben und in ber Kichelgfongg: gefangen, goaßlt: ge
beten und fingen gelernt; jo bichtet e8, | geißelt, Erent: gekrönt,
ausgenommen bie Bierzeiligen, auch in
ber Schriftipradhe und erft jpäter zieht
e3 bie Dichtungen in feinen Dialekt
hinein. Thatjache ift ja auch, daß bie
Bauern Worte in ihrer eigenen Mund:
art nicht ausſprechen können, wenn fie
biefelben leſen. Sie find gewohnt,
hochdeutſch zu leſen.
Nun noch die Verdeutſchung der
ſchwierigſten Ausdrücke, die in den
beiden Liedern vorkommen: Douſchd:
dort, nachto wand s: geſtern Abends,
Granazn: Rain, Grenze, bitas:
vaſent:
wahrſcheinlich verſehrt, ſchliagn:
ſchlugen, buigg: biegt, kliawan:
klieben, valuift: verliert, miakts
auf: merkt auf.
Dialektdichter ſollten ſich überhaupt
beſtreben, die Mundarten möglichſt
genau wiederzugeben; in der Halb—
heit zwiſchen Hochdeutſch und dem
Volksthümlichen rechtfertigt ſich dieſe
Dichtungsart nicht. Auch ich habe mich
in meinen Dialektſchriften zu ſehr von
der Abſicht leiten laſſen, gemeinver—
ſtändlich zu ſein und muß bei etwaigen
bitteres, Gfenknaß: Gefängniß, weiteren Auflagen das Fehl gut machen.
Law: Laub, foiſchn: falſchen, P. A. Roſegger.
Maien.
D Mai, lieber Mai,
Du fröhliche Zeit ;
Die Welt ift voll Lieb’
Und voll Quftbarfeit.
In Blumenfprade,
In Rofen roth,
In Rogelgefang
Steht Bottesgebot.
Die ewige Schrift:
Did lieben, Dich lieben!
Schon Adam im Paradies
Hats unterfchrieben.
Sie grollen und fingen das Slagelied von
Ich glaub’ es nicht.
Schmerzen,
Hab’ felber empfunden ein Sterben im Herzen,
Und glaub’ es nicht.
Sie nennen die Erde ein Thal der Thränen,
Ein Todtenfeld.
Und doch fallt ein ewiges jubelndes Jauchzen
Durd diefe Welt.
Sie wollen mich fenfen in ewige Schatten,
Ich glaub’ es nid.
Wie Blumen im Maien, fo werd’ ich erftchen
Zu neuem Licht.
Kleine Saube.
Die fhönften Menfhen auf Erben.
Dr. Radde, Director des f. Mu:
feums in Tiflis, erzählt in einem Hefte
ber Petermann’shen Mittheilungen von
den Bewohnern des Kaufafus, welche
er die ſchönſten Menfchen der Erde nennt.
Im Allgemeinen — bemerft er
— beftätigt fih an ben beiben chrift-
lihen Hauptnationen der Kaufafuslän:
der, den Armeniern und Georgiern,
der alte Erfahrungsſatz, daß, je dürf⸗
tiger und farger die Natur, um jo
arbeitfamer das Individuum ift, mel:
ches auf fie angemwiefen. Jene pradt-
vollen Menſchen im unteren Mingrelien,
denen die freigebigfte Natur reichlich
gewähren würde, wenn man fich ihrer
nur annehmen wollte, find arge Faul-
lenzer, armes Boll. Vieles in dieſer
Hinfiht mag durch das Klima bedingt
werden, ift doch der Sübländer überall
träger und genügfamer, als der Nord:
länder. Im Schatten der herrlichen
Wallnußbäume fteht die hölzerne Hütte
des Mingrelen, meiftend aus dem mei:
hen Holze der füßen Kaftanie erbaut.
Jeder Baum dient als lebendige
Stütze für eine oft fchenfeldide Wein:
rebe; bie und da ein Maulbeerbaum;
bie und da irrt eine Schaar verfüm:
merter, kleiner, meiſtens fchmwarzer
Schweine umher. Dann ein paar ma:
gere Kühe, ein paar Ziegenböde, und
wo ein gewiſſer Wohlftand ift, die un-
vermeiblihen Büffel. Die Sache ändert
fih aber, je weiter wir ind Gebirge
fteigen.
Die beften Bebingungen zum Le:
ben finden wir da bi circa 4000
Fuß Meereshöhe. Da gedeiht noch ber
Wein, die Seidenzucht ift möglich, die
fogenannten füblihen Zerealien, worun—
ter wir Mais und vornehmlich Hirfe:
arten verftehen, geben gute Ernten,
der Weizen ift die Frucht auf ſchwerem
Lehmboden. Hier ift es dem arbeiten:
den Menfchen wohl. Das Klima ift ge:
mäßigt, die Rebe braucht nicht bebedt
zu werden, die bünnfchalige Traube
fräftigt fih an ſüdlicher Sonne, hat
aber nicht zu leiden vom Webermaße
des Regens, welder die Tiefländer
heimſucht. Hier lebt die Bevölkerung
zwar noch nicht in großen feften Gul:
turcentren dicht gruppirt, fondern mei-
ftend weithin zerftreut in ben reizenden
Bergländern, fie ift aber doch fchon
näher aneinander gerüdt, als im min-
grelifhen Tieflande, wo aderbautrei:
bende Dörfer faft ganz fehlen, und
nur Einzelwirthſchaft üblich ift.
Der ſchöne Faullenzer der tiefer
gelegenen, viel üppigeren Landſchaften,
dem die Früchte der Heſperiden ge:
deihen fönnten, blieb arm. Dem höher
wohnenden Bruder, ebenfalls oft noch
förperlich ideal Schön, Schlank von Wuchs,
elegant in feiner Haltung und Bewe—
gung, mit freiem Blide, nicht felten
blond und dann blauäugig und hoch—
ftirnig, dann wieder vorhaltend brünett,
mit gluthoollen ſchwarzen Augen, fräf:
ligem Haar: und Bartmuchfe, ſchönem
Geſichtsoval, feinen, aber marfirten Zü-
632
gen, mäßiger Nafe, geht ed meiſtens
ſchon befier. Er bat doch ſchon einiger: |
maßen zu forgen und zu ftreben. Es |
gibt bei ihm doc ſchon Gedanken, um
die Wintereriftenz zu fihern. Sein Haus
ift fefter gebaut, fein Thier braucht
den Stall, der Wein will alljährlich
beſchnitten werden, die Seidenraupe er:
fordert Sorgfalt, der Wald, melcer
die Gebirgäftellungen befteht, muß
fortgefhafft und das oft fchmwierige
Terrain mit dem Spaten und der Hade
bearbeitet werden, um der Maisplan:
tage zu bienen und feinen Herrn zu
ernähren.
Der Ymerete, der Bewohner der
kolchiſchen Vorberge, ift ein beflerer
Wirth, ald der Mingrele der Ebene,
und je höher wir im Gebirge ſtei—
gen, je mehr der Natur durch Arbeit
zu Hilfe gelommen werden muß, um
fo beſſer bildet fih der öfonomifche
Charafter der betreffenden Völkerſtämme
aus. Aber es ſchwindet dann, gleichſam
als ſcheuche die Sorge und der Kampf
um's Dafein die Schönheit, zufehends
die Eleganz und die imponirende Er-
fheinung der fo bevorzugten Bewohner
des üppigen kolchiſchen Tieflandes.
Dort ift fie in der That allgemein.
Ein Aufenthalt in Suabidi, der frü—
heren Refidenz der mingrelifhen Für:
ften, während eine Marfttages belehrt
Jedermann darüber, daß hier die ſchön—
ften Menfchen der Erde leben. Da fieht
man mahrhaftige Apoftelgefichter mit
hohen, ſchönen Stirnen und prädtigen
Loden — ſchlanke Geftalten, bildſchöne
Männer. In der mittleren Bergzone
erhielten ſich die fürſtlichen Geſchlechter,
oft der Ebene entſtammend und durch
die Ehen von dorther das Blut er—
neuernd, in voller Reinheit. Aber im
eigentlichen Volke bemerkt man ſchon
viel Abweichendes, oft ſind es elende,
gedrückte, ſorgenſchwere Geſtalten, die
uns entgegentreten, und beſonders fällt
es auf, daß die Weiber, je höher wir
in's Gebirge ſteigen, um ſo häßlicher
werden. Wenn wir mit dem Ausdrucke
kaukaſiſche Race überhaupt nur das
Ideal menfhliher Schönheit unferen
Begriffen gemäß bezeichnen wollen, fo
bleibt e8 wahr, daß diefes deal fpe-
ziel in der Uferregion des Süboft-
Winkels des Schwarzen Meere wohnt.
Wenn wir aber von Race im eigent-
lihen Sinne des Wortes fprechen mol:
len, d. h. von der unabänderlichen
Wiederholung einer beftimmten Form
der typifchen Urart durch Jahrhunderte
und Jahrtauſende hindurd, fo müflen
wir in Hinfiht auf fehr bebeutende
Variationen jener Völker den Ausdrud
unhaltbar finden. Zunächſt drängen fi
jedem Beobachter, welcher fidh die kol—
chiſchen Völker anfieht, von vorneherein
zwei Orundtypen auf: der eine Typus
blondhaarig, blauäugig, hochſtirnig, der
andere tief ſchwarzhaarig und ſchwarz—
äugig, dabei aber ſchön weißhäutig und
nicht felten mit gebrüdter Kopfform
und niedriger Stirn. Die Oſtküſte bes
Schwarzen Meere war ftetö der Schau-
platz bösartiger Invaſion oder fie wurde
doch in den Zeiten der Ruhe von frem:-
den Völkern eifrig befudt. Noch in
jüngfter Zeit, als das abchaſiſche Tief:
land nicht fo innig mit Rußland ver:
einigt war, wie es jetzt der Yall ift,
fam es vor, daß aus der Türkei flüch-
tig gewordene Araber, ja fogar Neger,
die dort entjprungen waren, fi bier
nieberließen und mit den Weibern Ab:
hafiens und Samurfafans die fchönften
Mulatten zu Nachkommen hatten.
Wenn man aber bedenkt, wie viele
Völker feit den älteften Zeiten durch
die Kaufafusländer gezogen find und
wie fehr fie die Schidfale der Stamm:
Inſaſſen dort beeinflußten, jo gibt man
die Idee einer urfprünglichen, ſich typifch
erhaltenden Race auf. Man darf da—
gegen mit vollem Rechte behaupten,
daß gerade jene Verhältniffe ed waren,
welche mit der fteten Bluterneuerung
die körperliche Schönheit als eine Folge
unenblicher Kreuzung erzielten. Da, wo
wie 3. B. in Defterreich, das bun-
tefte Gemifch verſchiedener Völlerſchaf—
ten lebt, gibt es die fhönften
Menjhen Die Nachkommen von
633
Mongolen und Ruffen an der fibiri-] Wie der Hartl an Einem Tage bie
fhen Grenze waren ftets jchöner, als
die reinblütigen Kinder beider Racen.
Wahrhaftige Bilder waren die Kinder
eined tatarifhen Fürften und einer
ſchottiſchen Ariftofratin, die ich eimft
fah. — So wäre es doch befier, es
gäbe gar Feine Völfergrenzen mehr und
die Racen verliebten und verheirateten
fih zu fammen, ala daß fie fidh ge:
genfeitig befriegen und zu unterbrüden
trachten.
Wo ber Pfälzer den Stein ber
MWeifen gefunden bat.
's bot Eener 'n Stee' der Weife gſucht
Un bot ’n halt mit g’funnie,
E' alti Hey, die hot 'm gſacht,
Der Stee’ läg’ im e' Brunne.
Drum bot er aus alle Brunne' fchier
Biel Steener mitgenumme
Un’ is do nor troß aller Müh'
Bu nig als Kiefl "tumme.
Jeß kehrt er emol im e' Werrhöhaus ei,
Do fiht er en’ Dicke' ſitze',
Der Mann, des war! e' Jumelier,
Thut wie e' Karfunkel blige'-
„Ei ſaache' Se doch, Herr Juwelier,
Wie id ed mi'm Stee' der Weiſe',
Ich ſuch' mei’ halbes Lebe’ lang,
's möcht' die Geduld verreiße'.
Mer hot mer als gewiß verzählt,
Der Stee' läg' im e' Brunne,
Wo Deubl mag der Brunne ſeh',
Ich hab 'n no nit gfunne.“
Der Iumelier, e' braver Mann,
Der nemmt fein’ volle" Humpe',
Des is der Brunne, fädht er, Freund,
Do muß Er fleißig pumpe;
Denn ſelln Stee', mer ſicht 'n nit,
Mer kann 'n nor empfinne',
Wer luſchtich is, der hot den Stee',
Drum lo Er 's wader rinne. —
Do fept halt unfer Suder an
Un’ fleißig rinnt der Brunne,
Un’ üb'r e' Weil, do hot er dann
Den Stee' aach richtig gfunne,
Sonne zweimal aufgehen ſah.
Erzählt von P. K. Rofegger.
Im Frühroth war's. Oben auf ber
Hochöde zogen zwei graue Ochſen einen
Zeiterfarren dahin. Sie fuhren um Futter
aus, Auf dem Karren lag der Riegel:
berger Knecht, der Hartl. Wie geftorben
lag er auf ber 2eiter und einen Fuß
ließ er nieberhängen zwiſchen den
Sprofien und hin: und herfchlängeln,
fo oft die trägen Ochſen einen Schritt
madten. Auf der Bruft lag ihm die
Tabaköpfeife; er hatte fie fhon ange:
zündet und in den Mund geftedt gehabt,
aber fie mar wieder herausgefallen und
verloſchen. Der Hartl war gar verzagt.
Er kniff die Augen zu und badte:
Hinfein, ganz maufetobt fein, das wär!
das Befte. Es gibt gar feine Religion
mehr auf der Welt. Hi, Grul Wald!
Die Alpel:Bauern fhimpfen über bie
Mürzthaler Leut, daß fie feinen Faſt⸗
tag halten und in Feine Kirchen mehr
gehen mollen. Die Alpelbauern find
felber um fein Haar befier. Noch ſchlech⸗
ter find fie. — Hi, Grull Wald! —
So lang’ ih was dent’, ift der Mag:
dalenentag ein Feiertag geweſen in ber
Gemein und daß mir da® Kirchenfeft
haben mitgemaht in Kathrein. Jetzt
auf einmal bringen fie ben neuen
Brauch auf und halten das Feſt Sonn-
tags ab und ed mag Magdalena zehn:
mal auf den Erdtag fallen oder auf
den Pfingfttag (Donnerstag). Weil der
arme Dienftbot ein Zugochs fein fol,
den fie die ganz’ Wochen einfpannen
wollen. Nicht einmal einen Tabak hat
Eins mehr in der Blader (Blafe). So
verfluchtlete Feiertagsfhänder. Hi, fag
ih! Gelt, Grull, du felber haft heut’
feine Schneid, am heiligen Magdalenen:
tag! — Wenn ih mich leichter reden
thät, eher wie nit, ging ih zum Pfar:
rer und wollt’ ihm’s fagen: Hochwür—
den Herr, der Sonntag gehört unferem
Franz v. Kobell. Herrgotten felber zu, das geht nicht,
daß man ihm an einen Heiligen ver:
fchentt! Fällt der Heilige und ſchon
634
gar ein Kirchenpatron auf einen Wochen:
tag, fo muß er am Wochentag gehalten
werben. Ganz wahr, daß jet die g'nö⸗
thige Zeit ift — das Vieh zu verfor-
gen, das Mähen und Branden — aber
fol Eins deswegen auf die Kirchen
vergefien? — Was kunnt er fagen
drauf? Nichts. — Was ift’3 vor Zeit
immer luftig gewefen am Magbalenen-
tag! Leut’ hat's geben beim Haufteiner-
wirth, daß die Trinfgläfer zu menig
find worden. Niht einmal, oftmal
hab’ ich meinen Hut unter die Pippen
gehalten. Gefpielt, getanzt und gefun-
gen ift worden. Räuſch hat's geben. — 's
kommt Alles ab. — Hi, Grul Wald! —
Die Ochſen pfufterten und gingen
ihren zähen Schritt über die Hochöde
bin gegen bie en Zahnmiefe, mo
das Futter
„He, Hartl, lei noch ?“ rief es
jählings und eine Hand klatſchte her.
Der Knecht fuhr auf, rieb ſich die
Augen und griff nach dem Haupte um
den Hut zu rücken. Aber der Hut ſaß
gar nicht oben.
Ein Schock Herren ſtand da. Der
Bezirlsrichter von Kindberg und der
Apotheker und der Brauer und der
Schullehrer von Krieglach und der
Kaufmann und der Lederer und der
Bader und noch ein paar Fremde. Ein
geiſtlicher Herr war auch dabei. Der
Bader hatte den Hartl aufgeſchreckt.
Im Grunde war der Hartl ein
ſehr manierlicher Menſch, er wollte von
ſeinem Karren ſpringen, aber die Herren
fagten, er möge nur drauf ſitzen blei⸗
ben, fie gingen balb mieber ihres
Weges, fie wollten no bis zur Spite
fteigen, um den Sonnenaufgang zu
fehben. Ob das ber rechte Weg wäre.
„Sa, verfteht ſich, ift das der rechte
Weg. Nur allerweil g’rad auf!“
Die Geſellſchaft folgte der Weifung ;
ber Hartl blieb liegen auf dem Xeiter-
farren, die Ochſen trotteten ſchwerfällig
über die Hochmatte dahin.
„Narren, das,” brummte der Hartl
ben Herren nad. „Die find heut um
Mitternaht aufgeftanden, heißt das,
wenn fie fchlafen gegangen und nicht
etwa jo lang im Extrazimmer figen
geblieben find. Und fchnaufen mit Müh—
fal auf den Berg, daß fie den Sonnen-
aufgang fehen. Iſt das fo was Schönes ?
So lang die Sonn’ hinterm Berg ift,
fieht man fie nicht; und ift fie beroben,
fo fann man fie nicht anfchauen. Und
funnt man fie anfchauen, was hätt’
man davon — fie ift halt die Sonne
und von der fann man nichts herab»
beißen. — Aber fo Herren müfjen fih
felber ihre Plag' machen, fonft hätten
fie ein gar zu fchönes Leben. Ein
andersmal ſchlafen fie wieder, bis ihnen
die Sonn’ in den Hals hinabſcheint.
Wiffen nichts davon, wie's Unfereinem
geht, der alle Tag im Stodfinftern
muß die Hofen anlegen und fchon mie:
der müb’ und BHungerig ift, bis bie
Sonn’ aufgeht. Und jett auch ſchon an
den Feiertagen. 's ift ein Hunbeleben,
bei meiner Seel! — Hi, geht’3 ein-
mal weiter, ihr Vieher, ihr zaunmar:
terbürren!" Mit der Peitſche pfiff er
den Ochſen Eins über die Rüden.
Dieweilen ging ſchon die Sonne
auf. Der Hartl lugte fle mit zwinkernden
Augen an und lachte fie aus. Sie und
die Herren, die ihretwegen über ben
Berg hinauffhmwigten. — Möcht wiſſen,
was das Schönes ift! Nur die Augen
thun Einem meh. Heiß mird’3 und
gleih ift man durſtig. Mein Bauer,
der NRiegelberger, das weiß ich, ber
legt ſich heut’ ſchon einen Feiertag zu.
Der ift chriftlih, der geht zur Meß und
nachher in's Wirthshaus und bleibt drin
figen, bis es finfter wird und nachher
— wird das Licht angezündet. Unfereins
muß in ber Hitz' radern ben ganzen
Tag. Geh’ zum Teufel!”
Die Wuth fam ihm plögli; auf:
fprang er und mit dem umgefehrten
Peitſchenſtiel verfegte er den trägen
Zugochſen ein paar wuchtige Schläge:
„Das will ich fehen, ob ihr feine Füße
babt, ihr Safermenter !”
Er ſah's, fie hatten Füße, Einen
wilden Sprung madten fie im erften
Schred und dann fchofjen fie ſchnaubend
635 5
davon über bie Höhe, über die Biegung, | ift fertig, denl' ich noch unb ruf’ die
über die fteile Lahnmiefe nieder. Der |heilige Magdalena an, daß fie an
Karren Hlapperte und hüpfte hoch auf.
Der Hartl hielt fih mit Händen und
Füßen an den Leiterſproſſen, daß er
nit abgefchleudert wurde und rief mit
aller Stimme den Ochſen zu: „Ho, ho!“
daß fie ftehen bleiben follten. Aber fie
raften ſchnurgerade gegen die Tiefe hinab
— in bie fchattenfinftere Felſenſchlucht.
Der Hartl wußte gleih, um mas
es fih handelte. — „Jetzt ift mein
legtes End. Ade, du fchöne Welt! Bin
noch fo jung — hätt’ gern noch eine
Zeit gelebt. Da& geht ja, wie der Wind.
Dort fteht der Buchenbaum mit dem
grünen Plagel. Meine liebe Dir!
B'hüt Did Gott, meine liebe Dirn!
— Damiſch geht’3 thalab. Dort drüben
am Weg ift dad rothe Kreuz, wo fie
allemal die Leichen abftellen, die fie
von Alpel hinübertragen in's Pfarrborf.
Heut’ ift Pfingfttag, am Samstag
ftellen fie meine Truhen vor’3 Kreuz...
daß die Sonn’ noch einmal d’rauffceint.
Unter der Erben ift’8 finfter. Ade
Welt! — GH, Grul Wald!
Keine Menjchenmöglichkeit mehr. Wir
drei find Bin.” —
An demjelben Magdalenen-Morgen
war's, ala ich unten im Thale an der
Kohlftatt meines Vaters ftand und ben
glimmenden Meiler zu überwachen hatte,
dab das Feuer nicht ausfhlug. Es
war mir öde zu Muthe neben dem
fhwarzen, langweiligen Haufen mit dem
grauen Rauche. Ich blidte zu den
Gipfeln der Berge, auf denen ſchon
das Gold der Morgenfonne lag. Da
hörte ich plößlich ein Tofen und Rafjeln
— mußte anfangd nicht, woher es
fam — ſah's aber bald. Die fteile
Lehne herab ſchoß ein Gefährte mit
Ochſen und Karren. Von Legterem war
ſchon ein Rad abgegangen, das tanzte
in ber Zuft und hüpfte ſelbſtſtändig
hernieder und die Are jchleifte im
Gerölle, daß die Steine flogen. Und
jest jah ih aud den Mann, der fi
förmlih in die Leitern des Karrens
verſchlungen Hatte, Ein Unglüd
ihrem Chrentage beifpringe und helfe.
Da ift ein Kraden — die Ochſen
fahren auf den Anger hinab, der
Karren liegt in Trümmern an einem
Baumftrunf, in der Zuft fliegt mas
und juft vor meinem Meiler fällt ein
Menſchenfuß nieber.
Mir wird blau vor den Augen.
Hat ihn zerriffen, dent’ ih — es war
aber fein Fuß, es war nur ber Stiefel
allein. Und von den Karrentrümmern
ber hinkt der Riegelberger-Knecht, der
Hartl. — Der Schuh weg, der Aermel
weit aufgeriffien, einen Schuf am
Scentel, die Tabatpfeife beim Teu-
fel ... jonft war ihm nichts geſchehen.
Er fette fih aber auf meinen
umgeftülpten Waſſerſchöpfer, ftüßte den
Kopf auf die Arme und zitterte und
war tobtenblaß.
Unten auf dem Anger graften die
Ochſen und jeder hatte ein Stüd bes
zertrümmerten Joches an ben Hörnern.
Ich bradte dem Hartl einen Topf
Waſſer — er trank nicht; bradte ihm
ein Schälden Milch — er tranf nidt.
Stumm mie ein Fiih faß er da und
ftierte auf den ſchwarzen Boden. Ich
ftand ganz verzagt neben ihm und
wußte nicht, was ich thun follte.
Endlid — der helle Schein, ber
niederging über fein Geſicht — weckte
ihn. Er erhob fi, breitete die Arme
aus und blidte gegen den jenfeitigen
Waldkamm auf. Dort gudte eben bie
Sonne berfür. In funfelndem Bor:
mittagäglanze ftieg fie über den Wald:
rüden empor — und der Hartl ladte.
Uber er lachte fie nicht aus, und er
lachte Niemanden aus; in feinen Augen
ftanden zwei große Tropfen und ich ſah,
wie fi darin die Sonne fpiegelte.
— „Hab' allzuviel gefhmäht da
oben auf der Hochöd'. 's ift eine große
Gnad' Gottes, daß mir die Sonne heut’
das zweitemal aufgeht.“ So war fein
erftes Wort, dann hat er mir die ‚Ge
ſchichte erzählt.
636
„Wie ich Euch daherfaufen feh',“
fagte ich darauf, um meinen Beiftand
zu bemeifen, „fo Hab’ ih geſchwind
die heilige Magdalena angerufen.”
„Haft?" fragte er lebhaft. „Du,
da laß’ ich jetzt Alles liegen und ftehen
und geh’ nach Kathrein in die Kirchen,
daß ich mich bei der Magdalena für
die Hilf’ bedank'.“
Er ging. Weil er aber zur Mefie
fhon zu fpät kam, fo feßte er fi
in's Wirthshaus hinein, um das Wun-
der zu feiern, wie an Einem Morgen
ihm zweimal die Sonne aufgegangen war.
Als er nah Haufe wankte, ging
fie ſchon unter. Er ftand ſtill, blidte
fie mit verfhmommenen Augen an und
alte: „Diefer Maadalenentag! In
den Toni und bie Nand! meinte auch
mit, weil die Mutter weinte. Und ba:
rauf haben fie dem Brüderchen ein
ganz weißes Kleidchen angezogen, ein
ſchönes Kränzlein aufgefeßt und es mitten
im Zimmer auf ein Bettchen gelegt
und felbft bei Tage Lichter angezündet.
Das hätte dem Nandl alles ganz gut
gefallen, wenn nur der Toni nicht im-
mer fchlafen und die Eltern nicht im-
mer meinen möchten.
Und dann find viele Leute gelom-
men, haben den Toni vom fchönen,
fchneeweißen Bettlein herabgenommen
und in einen kleinen hölzernen Kaften
gelegt. Ad, das Hat die Nanbl
erzürnt und die Mutter hat jo laut
geweint und gefchluchzt, aber die bö-
der Früh geht die Sonne zweimal auf |fen Männer haben den Kaſten fo:
und jeht geht fie doppelt unter.”
Ein Märden von ben Stern
fhnuppen.
Wie doch dad Voll da draußen
auf dem Lande eine ſchöne Natur:
geſchichte treibt! Hört einmal, ihr hoc:
gelehrten Aftronomen, was die Fleine
Nandl von den Sternfchnuppen meiß.
Die Nandl hat fo ein liebes, her:
zige8 Brüderchen gehabt, das hat Toni
geheißen und war erft 2 Jahre alt.
Anfangs war's dem Schwefterhen nicht
ganz recht, daß Vater und Mutter das
Brüderchen gar fo gern hatten, denn
es glaubte, nun werben die Eltern das
Nandl nicht mehr fo lieb haben, mie
früher. Aber es fah bald, daß es Un:
recht hatte, und wie ber Feine Toni
ſchon fo plappern und plaudern fonnte,
und jo gern mit dem Schmweiterlein
fpielte, ad da hatte Nandl den Toni
viel Tieber, als ihre große Puppe,
die immer nur basfelbe ſchrie und nie
reden lernte. Aber einmal, da mollte
der Toni gar nicht mehr vom Schlafe
auf werben, und feine Wangen maren
ganz weiß und bie feinen Händchen
fo eisfalt und es war doch Som:
mer. Und die Mutter meinte und jam-
merte und füßte immer und immer
gar zugenagelt. Da ift die Nanbl
ganz ftarr vor Schreden geworben, ihr
liebes Brüderchen in einen Kaften ein-
fperren, wo es doch fo brav gemefen
ift, und fie hat die Männer mit auf:
hobenen Händen gebeten, fie möchten
den lieben Toni herauslaſſen, er wird
ja fonft erftiden und fi fürchten,
wenn er auf wird und die Nandl,
den Vater und die Mutter nicht fieht.
Aber fie haben ihn nicht herausge⸗
nommen, fondern fortgetragen und in
eine tiefe Grube hinabgelegt und dann
viel Erde darauf geſchüttet. Da hat
die Nandl gemeint, daß die Flaren
Aeuglein ganz trübe waren und fie hat
nicht3 eſſen mögen und nicht mit ber
Puppe fpielen und die Mutter bat auch
immer rothe Augen gehabt und ift ganz
bleih und blaß geworden. D damals
war's traurig! a
Die Nandl ift dann zum alten
Dorfwächter Hand gegangen, der alle
Kinder, aud die Nandl, immer fo lieb
gehabt und ihnen fo fchöne Geſchichten
erzählt hat. Und fie hat ihn gefragt,
ob das Brüderchen noch immer in ber
finftern Grube fei. Darauf bat der
gute Dorfwächter Hans ihr gar etwas
Schönes erzählt, er hat gefagt: „Mein
liebes Nandl, dein Brüberlein ift nicht
mehr im Grabe. Wenn gute, brave
637
Kinder fterben, fo fommen Nachts die
Engel herab und tragen die Kinder
binauf zu dem fchönen Himmel, wo
viele taufend Kinder ſchon find, und
fo fröhlich miteinander fpielen. Dort:
bin ift auch der Toni gefommen.”
„Aber warum haben die Engel
nit auch mich mitgenommen,” meinte
das Nandl.
„Du mußt bei deinen Eltern blei-
ben, fonft möchten fie gar zu traurig
werden. Später fommft du ſchon auch
einmal hinauf.“
„Und weißt bu, liebes Nandl, der
Toni haut alle Naht auf euch herab,
ob du wohl brav bleibft und ob die
guten Eltern ihm nicht bald nachkommen.“
„Ja, wie fann der Toni fo weit
herabſchauen,“ fragte erftaunt das Kind.
Und der Dorfwächter Hans erzählte
weiter: „Du haft ſchon oft bei Nadt
zum Himmel aufgefhaut und viele,
viele ſchöne Lichter oben gejehen, mir
nennen ed bie Sterne, aber es find
Fenfterlein, aus dem reinften Glas ge:
madt ; daraus fchauen die Kinder ber:
unter, benn fobalb ein neues Kind in
den Himmel fommt, machen die Engel
fchnell ein neues Fenſter, das gehört
dann dem Kinde. Auh für den Toni
haben fie fchon eines gemadt und es
ift gerade fo gemadt, daß er in bein
Zimmer hineinfhauen fann. Und die
Kinder im Himmel hauen alle Nacht
herab, wenn fie aber Vater und Mut-
ter und die Schweitern und Brüder
immer meinen fehen, da werben fie
au gar traurig, und fie wollen herab,
um zu fagen, daß es oben viel ſchöner
ift, ald auf der Erde. Dabei neigen
fie ih fo ſtark an das Fenſter, daß
das Glas bricht und dann auf die Erde
fält, und fie haben dann fein Fenſter
mehr, denn die Engel mauern es fchnell
zu, damit nicht auch ein Kind hinaus:
fällt. Du haft es vorige Woche gejehen,
wie jo ein Himmelsfenfterchen gebrochen
ift und wie e8 vom Himmel gefallen
ift. Die Leute fagen zwar, das find
Sternfchnuppen, aber fie wiſſen es halt
find. Und wenn das Kind ein
Fenfter mehr hat und nicht mehr herab:
[hauen fann, da wird es fo traurig
und ed mag mit den Engeln nicht
mehr fpielen und es weint immerfort,
biö endlich einmal die Engel auch Bater
und Mutter und die Gefchmwifter hinauf:
tragen, aber das dauert oft lange
Zeit.”
„DO da will ih nimmer weinen
und auch meiner Mutter ed fagen, da:
mit der liebe Toni fein Fenſterchen
nicht bricht. Ad, wenn's nur ſchon
Nacht fein möcht', dann ſuch' ich fein
Fenſter und will hinauf laden, daß
das Brüberchen oben ganz luftig wird,”
fagt das Nandl und fliegt zur Mutter
heim, der fie alles erzählt.
Da hat die arme Mutter das erfte-
mal wieder gelächelt, fie hat's ja auch
früher nicht gewußt, daß jedes Kind
ein Fenfter am Himmel hat und daß
es zerbrochen wird, wenn die Eltern
zu lange Zeit um das todte Kind
meinen.
Sofef Ailler.
Bücher.
Gemiſchte Geſellſchaft.
Heitere Plaudereien von Oſskar Blumen»
thal. Leipzig, Günther, 1877.
Oskar Blumenthal mag zufrieden
fein, wenn er auf die literarifhe Bahn
zurüdblidt, die er durchmeſſen, feit er
die „Deutfhe Dichterhalle” redigirte
und ein befannter Leipziger Kritifer ihn
auf Grund feiner damaligen Wie einen
Kalauer⸗Fabrikanten nannte. Gegen feine
jeßigen Zeiftungen gehalten, erjcheint bie
Sorte von Wit, mit welcher er im
„Brieflaften” der „Dichterhalle” debü—
tirte, allerdings noch von jugendlichem
Charakter. Als dann aber ein Bud,
„Allerband Ungezogenbei-
ten”, von ihm erſchien, fand man
darin ein Dutzend wirklih guter Ein-
fälle, und die bisherigen Verächter des
nicht alle, daß es gebrochene Fenfter | Autor? mußten geftehen, daß Dätar
638
Blumenthal , ſich made”. Einigen dieſer
witigen Einfälle widerfuhr die Ehre, |;
von ben großen Sournalen auf die
Flügel genommen und ala „bonmots“
des Tages in die weiteften Kreife ge:
bracht zu werden. Der weſentlichſte
Vorzug, melden Blumenthal ſogleich
in befagtem erften Buche manifeftirte,
war Fünftlerifher Natur, und lag in
der Art, wie der Autor die glüdlichen
Einfälle zu brillantefter Wirkung zuzu:
ſchleifen und zuzuſpitzen ſich befähigt
zeigte. Bekanntlich iſt der Schliff bei
guten Witzen, wie bei Edelſteinen, die
Hauptſache. Ein Witz, der unter Hun—⸗
derten ſeines Gleichen im Kaffee- oder
Bierhauſe faſt unbeachtet vorübergeht,
kann, von der Meiſterhand eines Spitzer
facettirt, in ſo blendendem Lichte ſtrah—
len, daß dem Publikum vor Heiterkeit
und Wonne die Augen übergehen. Mit
den weiteren Heften „Für alle Wa:
‚gen: und Menſchenklaſſen“ be
feftigte fih Blumenthal in dem Rufe
eined witzigen Kopfes, und in feinem
neueften Bude: „Gemiſchte Ge:
ſellſchaft“ gibt es, dem Titel zum
Trog, kaum mehr irgendwelche Spreu
vom Weizen zu fondern. Man hat es
bier durchweg mit ſcheinbar leicht hinge-
worfenen Bagatellen zu thun, in wel:
hen ſich jedoch, zum Theil nad Parifer
Muftern, frifher natürlicher Wit mit
pifanter und eleganter Darftellung ver:
einigt. Auch Vers und Reim handhabt
der Autor gelegentlih ſehr ergöglich.
Sn dem höchſt amüfanten „Recept ge:
gen Gemüthsfchmerzen“ antwortet Einer
auf bie Frage, wie ihm zu Muthe fei:
„Wie mir zu Muthe ift? Hoho! ganz
Weltichmerzlieder-fingerlih und Robert
Hamerlingerlid — ganz Dafeinsfhmerz:
betrauerlid‘ und Hartmann» Schopen-
bauerlid, mit einem Wort: ganz
fchauerlich I” Die Stabreime, in
welchen bie parobiftifhen „Bayreuther
Tagebuchblätter” zum Theil gejchrieben
find, fließen fo ungezwungen und mit
fo draftifcher Wirkung, daß man wün⸗
ſchen möchte, der Autor hätte lieber
dieſer Stabweiſe geliefert. Man höre
. B.: „Ih glitt durch den glatten,
glitſchrigen Glimmer die ſtaubigen Stra:
fen zum Bahnhof Berlins. Der ſchrei—
tenden Schienen ſchleckes Geſchlüpfer
durchzog dann das Dampfroß mit dum—
pfem Gedröhn. Nun gleitetö gemaltig
zum zaubrifchen Ziele und Meilen dur:
mefjend führt’3 uns zum Feſt. — Db
neidiſche Nider und täppifhe Tabler
an Wagner au rütteln mit gierigem
Grimme, ih grüße den Größten der
Großen in ihm. Er fpreizte die Sprache
zu ftaunlihem Stabreim; als jubelnder
Jünger fpreiz’ ich, wie er! Was Hän-
del? Hayon? — Zahmes Gezwitſcher!
— Was Schumann, Schubert?
Weichlich Gewinſel! — Was Meyer:
beer, Mendelsjohn ? Birpende
Zwerge! — Was Weber? Verdi? —
Mattes Gemengfel! Nur Wagner wan:
delt in mwahnvolle Wonnen die fchau-
rige Schönheit de8 ewig dunkeln ...
Was das bedeutet, ich weiß es felbft
nit, doch fag’ ich's forglos den An-
dern nad. — — Doch fieh, ſchon
jchattet der Wanderung Endpunkt aus
wogenden Wipfeln von Weiten heran.
Die Thürme und Thore enttaudhen dem
Dunfel — mir tanzen die Sinne, mir
taumelt das Blut. In Kurzem, fo
fomm’ ich zum göttlichen Orte, zu jeh-
nenden Seufzens feligftem Ziel! Zur
Wiege Woglindens, zu Niflheims Ne:
bein, zum Riffe des Rheingolds, zum
Nidergezüht! Zum „Schwerter-Baden“,
zum „Spähne-Braten“, zum Nibelun-
genring, zum Tingelingling! Zum
Heiajaheia, zum Weialamaya — o Nur
bel! o Jammer! o Wagner! o Welt!“
u. f. w. y-
Gedichte
von Hieronymus Lorm. 2. verm. Auflage.
Hamburg, Richter, 1875.
Die Anerkennung, die in der Re—
gel einem Autor nur zu Theil wird,
nachdem mindeſtens eined feiner Werte
einen durchſchlagenden Erfolg beim gro:
gleih ein kleines komiſches Epos in ßen Publitum erlebt, mehr oder weni⸗
639
ger populär geworden, hat auch 9.
Lorm lange nicht gefunden. Nichtöbefto:
weniger zählt er zu den biftinguirteften
geiftigen Naturen, zu ben bebeutendften
literarifhen Kräften der Gegenwart,
und die endlihe Würdigung ift nicht
außgeblieben, feit der alternde, faſt
ganz erblindete Mann aus feinem öfter:
reihifhen Baterlande nah Dresden
überfiedelt ift und von dort aus eine
beinahe fieberhaft zu nennende Thätig-
feit entwidelt. Auch als Lyriker ermeift
gerade der alternde Lorm ſich eben:
fo eigenthümlich, gediegen und anziehend
ala fruchtbar, und es ift nur zu be
dauern, daß auch die zweite „vermehrte“
Auflage feiner Gedichte ein fo bünn-
leibige8 Bändchen geblieben, während
e8 do mit no mander erlefenen
Blüthe aus des Dichters jüngfter Schaf:
fensperiode hätte bereichert werden kön⸗
nen. Zorm gilt als Dichter des Pefli-
mismus. Nicht darin aber liegt feine
Kennzeihnung ala Poet; ganz im Ge-
gentheil muß gejagt werben, daß er
unter den neueften Dichtern des Welt:
ſchmerzes faft einzig bafteht durch die
Art, wie er über den Peſſimismus
hinausgeht, indem er bei aller
Hervorhebung des Weltelends doch den
unverwüftlichen Kern bes Lebenswillens
und der Lebensfreude in der Menfchen-
bruft anerfennt, und neben dem Pefli:
mismus des Verftandes ben Dptimis-
mus bes Herzens immer wieder zum
Durchbruch kommen läßt. Hierburd
unterſcheidet er ſich zu ſeinem Vortheil
von den zünftigen Peſſimiſten, die
fih den Peſſimismus aus Schopenhauer
angelefen, und die zum Theil darauf
ſchwören, weil er Mobefage ift.
Y.
Der Fortihritt
im Lichte der Lehren Scopenhauers und
Darwind. Bon Emerih du Mont. (F. A.
Brodhaus, Leipzig.)
Schopenhauer und Darmin!
Einer allein hätte fchon genügt, das
Bud lefens: und das Leben veradhtens-
—
werth erſcheinen zu laſſen. — Der
geiftige Fortſchritt des Menſchengeſchlech⸗
tes beſteht darin, daß es von der Un⸗
ſchuld durch die Erkenntniß zur Schulb
gelangt iſt und zum Bewußtſein unend⸗
lichſter Verlaſſenheit. Es gibt kein
Glück, weder en gros, noch en detail;
für den gequälten Menſchen find nur
zwei Ruheſtätten, das Aufgehen und
Verjenten in die Anfchauung eines
Kunftgegenftandes oder der Natur, und
den Tod. Es gibt Feine Tugend, denn
Alles ift Egoismus. Die echte Moral
ift etwas ganz Unnatürlihes und allen
menſchlichen Beftrebungen. feindliches.
Erreihung der Moral ift die Erlöfung
vom Leben. — Das find Gedanken
aus Emerih du Mont Bud —
Verfe au dem Evangelium ber mo-
dernen Geiftesrihtung — Confequen:
zen ber Scopenhauer’ihen und’ ber
Darwin’shen Lehre. Sollten fi dieſe
Grundſätze ber großen Menge mitthei-
len, dann wird eine Culturepode an-
breden, melde bereinftige Geſchicht⸗
fchreiber vielleicht mit dem Ausdruck:
bie große Reaction bezeichnen werben.
Unfer Philoſoph, vielleicht felbft
erſchreckt vor der Troftlofigfeit feines
Gegenftandes, ſcheint fi mehrmals
unter die Fittihe des Chriſtenthums
flüchten zu wollen, aber aud in bie-
ſem findet er die Erlöfung nur durch
die Berneinung feines Wefens, wäh:
rend er dem Chriftentbume über den
Tod hinaus nicht mehr zu folgen ver:
mag.
Der Fehler des Buches von E. bu
Mont liegt in der Schönheit und Klar:
heit feiner Sprache. Peſſimiſtiſche Werke
follten in einem Tone gefchrieben fein,
den nicht alle Welt verfteht. Pefjimis-
mus bebeutet den Tod, Optimismus
das Leben. Die ſchwarze Philofophie
der Verneinung will dem lieben Gott
die Welt abftreiten, um fie zu Grunde
zu richten; hoffentlich ift fie zu ohn-
mädtig, um diefe Miffion zu erfüllen.
640
Ferner find dem „Heimgarten“
zugelommen :
Zoologiſche Briefe von Guftan Jäger. In
drei Lieferungen. Wilhelm Braumüller,
Wien.
Brehms Shierleben. Neue Auflage. Bibliogra-
phiſches Inftitut, Leipzig.
Anaflofius Grün’s — Werke, heraus-
gegeben von L. A. Frankl. Grote'ſche
Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1. Liefe-
rung.
in deutfcher Bürgermeifter. Epijches Gedicht
von Ludwig von Mertens. Verlag
L. Rosner, Wien.
Vitae damnata. Eine abnorme Geſchichte
von Emerich Graf Stadion. Perlag
E. Schroeder, Tefchen.
YZumorifiifhe Pihtungen für gefellige Kreife,
gefammelt von Guftav Haller. Berlag
G. Emil Barthel, Halle.
Bibliothek der Unterhaltung und des Wiſſens,
Jahrgang 1877, erfter Band, Bermann
Schönlein, Stuttgart.
In memoriam. 3ur Erinnerung an Anafta-
fius Grün von Eugen Labes, Rojtod.
Beitligtin, Gedichte in oberöfterreichifcher Volks
mundart von Wilhelm Gappileri.
Stemler und Lorius, Wien,
Comotovia. Allgemeines illuftrirte® JIahr-
und Pamilienbuh für Deutſchböhmen,
redigirt von U. U. Naaff, 8. Jahrg.,
Komotau.
Geſchichte der öfterreihifc-ungarifhen Monar⸗
die, das iſt: die Entwidlung des öfter-
reichiſchen Staatsgebildes von feinen erften
Anfängen bis zu feinem gegenwärtigen
Beitande. Bearbeitet vonMorizSmets,
Hartleben, Wien, Peft, Leipzig, 1.—5.
Lieferung.
Anleitung zum Gemüfebau, fowie zur Erdbeer-
und Champignonzucht, nebft einem An—
bange: Mittel zur Abwehr der Schäd-
linge unferer Eulturen. Von Julius
Dürr. Selbftverlag, Laibach.
Weftermanns illuftrirte deutfhe Monatshefte
für da gefammte geiftige Leben der Ge-
genmwart. Braunfchweig.
Neue Biluftrirte Beitung unter der Redaction
Johannes Nordmann's, Wien. In
BWocdennummern.
Die Heimat, iMuftrirtes Familienblatt, Wien.
In Wochennummern.
Das Inland, herausgegeben von Ludwig
Germonif, Wien,
Literarifche Gorrefpondeny, herausgegeben von
Fell Adam Stöhr. Hermann Folp,
e
Der Sefgäftereifende Beitfchrift für Handels-
reifende und junge Kaufleute. Eduard
Schroeder, Zeichen.
Bofikarten des Heimgarten:
R 2. & Al. Wien. Biel zu leidenfhaft-
ih in Lob und Tadel. Ihr Wienerbrief für
diefe Zeitſchrift verfehlt.
Aunen, Graj. Denken ganz wie Sie;
diefer Dichter findet im Publitum viel zu
wenig Beadtung.
Dr. Fr. 30 in Scheifling. Hoffen Ihren
Wunſch gelegentlich erfüllen zu können.
3.— Allerdings gibt es auch Heudjler des
Unglaubens, fo wie es Heuchler des Glau-
bens gibt. „Wer vor Zeiten nicht gut fatho-
if war, der wurde verbrannt; wer heute
nicht wenigftens mit dem Munde Materialift
ift, der wird zum Mindeften belädelt.
Die Jünger des Materialidmus find oft die
ärgften Fanatiker.“ Das ift der ganze und
gute Inhalt Ihres 40 Seiten langen Auf-
faßes, der a zur Verfügung ftebt.
». $ in M. Denten Sie an Heine's
Worte: „Wergert Did Dein Auge,
fo reiße ;
es aus, ärgert Dich Deine Hand, fo haue fie }
ab, ärgert Di Deine Zunge, fo fchneide fie
weg, ärgert Di Deine Bernunft, fo werde
katholisch.“ Heine bat damit den willfürlichen |
Uebertritt von einer Eonfeffion in die andere
überhaupt gegeißelt.
Walter von der Mur. Warum nit von
der Bogelweide ? Sie haben fi allzunah’
ans Waſſer gewagt.
3. 3. 9. Wien. Recht vielen Dant, aber
Gedicht nicht geeignet.
3. Bt....berg.
Echtheit Ihrer Volkslieder.
urfprüngliche wären wir fehr dankbar -
Sie, uns ſolche gütigft zu übermitteln.
4 3. Manufeript zum Abholen bereit.
Wir zweifeln an der
Für echte umd
bitten
Drud von Lepfamsofefätgal in Graz. — Für bie Mebaction verantwortlid P. A. Koftgger.
\
Juni 1877.
RE
ing
nelen
—
Le Ze 7 7 7217 777 Dans
I. Jahrg.
Am's Heimatland.
Ein Bild aus dem Befreiungsfampfe der Tiroler von
P. R. Rofegger.
Im Dorfe wilde Noth. Auf dem
Plage laufen Leute zufammen, Weiber,
Greife und Kinder. Die Männer und
jungen Burſchen find alle längſt fort.
— Eine Zeit wird fommen, fo jagte
ein alte8 Sprichwort, wo die Weibs-
leute um den Stuhl vaufen werden,
dem einmal ein Mannsbild ge:
ſeſſen. Die Zeit war jet da und das
verzagtefte unter den Weibern fchrie
laut über den Dorfplag her: „Schab’
um's Blut! 's ift Alles umfonft, das
Tirolerland ift hin!”
„Du Hundsfott!“ rief diejer eine
Andere zu.
„Der Feind ift mit Haufen vor
der Thür!”
„Bom Kärntnerifchen rudt er ein.“
„Die Lienzerftabt brennt ! Die Män—
ner haben fie erſchoſſen, die Kinder
mit den Säbeln aufgefpieft.“
„Das Befte, wir flüchten ung gen
„Schnurg’rad rennjt den Franzofen
auf den Spies. Bei Trient ftehen fie
ſchon.“
„So laufen wir nach Innsbruck
zum Hofer.“
„Oh, der iſt lang' nicht mehr in
Innsbruck, den haben die Baiern viel—
leicht ſchon aufgeknüpft.“
„Niederſchlag' ich Dich, wenn Du
das Wort noch einmal ſagt.“
„Habt es nicht gehört, was ber
Feind im Innthal anftellt? Plündern
und Rauben, Sengen und Brennen,
Kirhen ſchänden —“
„Ja, das iſt wahr! Ueber vierzig
Menſchen haben ſie bei Wörgl wie
die Heiligen gemartert — erzähl's,
erzähl's, Peter!“
Und der Peter, ein alter Oelträ—
ger aus dem Zillerthal: „Jeſus Ma—
ria! bei Schwaz iſt's geweſen. Schwaz
ſteht gar nimmer. Niedergebrannt bis
in den Erdboden. Und das Gemehel,
Briren und in's Stalienifche Hinein.“ | Ihr Leut! Alle Baiern bejoffen. Die
Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 9, Geft,
*
al
642
Weiber find von den Männern geril: |
fen und vor ihren Augen verfchandirt.“ |
„Hört mir auf, Peter!“
„Will's nur no von dem ver:
dammten Wrede erzählen, vom Baiern:
general. Der alte Graf Tannenberg
ift ein blinder Mann; bei dem hat
der General zu Mittag gegellen. Der
Graf läßt ihm alles Gold: und Sil-
berzeug hertragen, was er hat, nur
jein Schloß möchte der Feind be-
Ihügen um Gotteswill! Was wird
dann! Noch eh’ fie gar abgegeſſen ha:
ben, hebt da3 Schloß ſchon zu bren-
nen an, und der alte blinde Mann
wär’ ſchier mitverbrannt. Das find
Galgenvieher, diefe Baiern.“
„Und haft ihnen nit fünnen Sfor:
pionöl in die Krüg’ jchütten, daß jie
frepirt wären 2“
„Oho, bei denen thut's fein Giftöl.
Vermeint, es wär’ Branntwein, ha—
ben fie mir jelber die Plützer ge:
leert. Keiner ift hin worden! feiner !
Die Baiern haben den Teufel im
Leib! — Du geht bizeit! dent’ ich:
mir und bin davon. Gejtern in der,
Nacht, wie ich über den Gerlos jteig,
hat wieder was Großes gebrannt im |
Innthal — gluthroth ift der Himmel
gewejen.”
„Und bie öſterreichiſchen Solbaten
find davon — haben uns im Stich
gelafjen in der Noth.“ |
„Die Unferigen felber find etwa |
viel beffer? Der Spedbadher. Hat er
nit hinausſchlupfen wollen? Da unten
in unjerm Thal ift’3 gemejen, wo ihn
der Hofer erwiſcht hat.”
„Wenn die Obriften einmal laufen!“
„Nachher müfjen die Gemeinen
aushalten und wenn fie ſchon gar
nichts mehr haben, über den Feind
berfallen mit Nägeln und Zähnen!”
„Wirſt erwürgt — aufgefnüpft !”
„Mir Schon eins — ich wend'
mi auf dem Galgen jo, daß mein
Hintertheil den Franzofen zuſteht.“
So wurde gejchrien und geflucht
in wilbfluthendem Haffe gegen den
Feind des Vaterlandes,
Da trat ein hagerer, einarmiger
Mann vor, der Schulmeifter war’s
des Ortes. Mit fräftigem Schritt ſprang
er auf die ſteinerne Antrittötreppe
eines Hauſes, riß mit jeiner einzigen
Hand ein Papierblatt aus dem Sad
und rief: „Leut’, ftedt jegt die Zun—
gen in den Sad und habt Ruhe. Vom
Andreas Hofer was!“
Da legte fih das Wetter.
Der Mann las:
„Herzallerliebfte Tiroler !
Für Gott, Kaifer und Vaterland !
Morgen in der Früh ift der löfte An-
ariff. Wir wollen die Boarn mit Hilfe
der göttlihen Mutter fangen oder er:
ſchlagen und haben uns zum liebften
Herzen Jeſu verlobt. Kommt ung zu
Hilfe! Wollt Ihr aber gejcheidter fein,
als die göttliche Fürſichtigkeit, jo wer:
den wir es ohne ent auch richten.
Andreas Hofer,
Dberconmandant.”
Einen Augenblid Alles ftill. Die
Frömmigkeit wedte Hoffnung, der Troß
Vertrauen. Aber wer — fragten fie
— fol denn noch zu Hilfe fommen?
Die ftreitbaren Männer find ja längit
weg!
Was wird jegt laut von der
Berggaffe her ? Der Himmel ift ſchwarz
und zerriffen und ber Wind rüttelt
an den Dachſchindeln, daß die Schwer:
fteine wadeln. Was anders ift’3. Der
Erbboden dröhnt vor dem Traben
einer nahenden Rotte.
„Jungfrau Maria zu Dtterfing,
das werben doch die Franzojen, die
Baiern nicht fein? — hr vierzehn
Nothhelfer ! Leut’, Schaut dort über ben
Zaun hin! Stangen und Spieße und
Meſſer!“
Ein grauſes Stöhnen und Aus:
einanberftieben.
„Fahrt lieber gleich aus der Haut
und laßt Hafen hinein!“ rief ber
Schulmeifter, „laßt das Davonlaufen
vor biejen Leuten ben Frangofen über,
ift geſcheidter. Habt Ihr hinten feine
Augen, jo ſchaut um. Der legte Land—
ſturm iſt's; die Bauern find’3 von
648
Sanct Martin und Oberſchütz. Der alte| Bauernrotte; des Weiteren verlegen
Samer:2uibl ijt dabei. Das wird was, | fie ſich Heute nicht auf's Beten, „denn!“
Leut’, das wird was!” deutet der Vieharzt, „die Boarn beten
Da kamen fie jchon herangefahren | jelbander zum nämlichen Hergott, ber
im Sturmfdritt, die alten Nader und |uns Helfen jol. Daß wir ihn brau-
Lotter mit den frummen Nüden und | chen, das weiß er; daß wir unfer
Elbögen, mit den weißen Haarfträh- | gut Recht haben, das fieht er, und
nen und Stoppelbärten, auf den Ach- | will er's thun, jo wird er ung finden.”
jeln die Spieße und Senjen und Mor: Dennoch aber klingen die drei
genfterne und Stallgabeln und Haden | Gloden auf dem jpigen Dorfkirch—
und gezähnte Meſſer und roſtige thurme und das gellende Glödlein
Lanzen und Flinten. Alte in falben | der Kapelle, die oben an ber Fels—
Lederhojen, Joppen und breiten Filz | wand fteht. Sie rufen nicht Gott, fie
hüten. Boran marſchirte der Samer: | rufen die Menjchen.
luidl, das Brennfcheit umgekehrt auf „Der himmliſche Herr!“ fagt der
ber Schulter tragend und unterwegs | Zimmermeifter von Sanct Martin,
die Weifung jchnaufend — wohin und | „hat feine Sach’ gethan, wie er bie
wie anpaden! Zu jeiner Rechten ber Zirolerberge hat aufgebaut. Wir haben
Zimmermeifter von Sanct Martin mit nur die Löcher zu hüten, wo das
einem eijenzähnigen , ftahlbejpigten | Waſſer hinausrinnt, daß feine Blau:
Sclagprügel, der vor hundert und hoſen und Weißmäntel hereingerathen.”“
hundert Jahren Schon auf die Türfen: „Wär's nit zu jpat, jo kunnt's
ſchädel ſoll niedergejauft fein. Ihm noch früh genug ſein!“ rief der Schra-
daneben ber Richter von Oberſchütz, | ger‘ von Oberſchütz.
dem das Recht in diefen Tagen zum! „Der Schrager auch dabei!” grollt
Meſſer geworden. Links vom Luidl |der Hans Schadher von unjerem Dorf,
der weißbärtige Vieharzt Wimmer von | der jchon da ift mit feinem Spieß,
Kreuzed in feinem mächtigen Joppen- um fich gleich Anderen dem Zuge an-
jad nicht die geringfte der Waffen zujchließen. „Der Schrager! Da bleib’
jchleppend — einen wuchtigen Brot:
laib. Und Hintenher alle Anderen,
Wäldler und Bergler, Hirten, Holzer,
Steinflauber, Züchner; fogar der alte
Vogelhändler-Michel aus mit und
ein Herrgöttltrager aus dem Pitthale |
jegund brauchen bie |
iſt hinten ber;
Leut’ feine Kanarienvögel und feine
Chriftusee — fintemal,
zuichlagen |
heißt's jegt!
Ale jchreiten drein in finjterem |
Ernfte, ihren Söhnen und Enkeln nad,
die zweimal ſchon das Kirolerland
befreit, daS brittemal der Liſt und
| Schacher,
ich daheim, der wird den Feind jchon
allein vertauchen, wenn’® mit dem
Maul geht.“
„Du, Hanns!” ruft fein Weib,
„wenn Einer jo redet in Tirol und
es ein Nachbarsftreit thut, daß
Einer nit gegen den Landesfeind will
— hernachen iſt's Pfutſch mit unf’rer
Sad’, und laßt den Feind herein
lieber heut’ als morgen, jo find wir
fertig und ift das grauslig Leutumbrin-
gen nit vonnöth.“
„Haſi eh Net, Weib“, drauf der
„ich krach in. Gottsnam’
Uebermadht der Feinde zu unterliegen | mit.“
drohen. Der Welteroberer führt Krieg
gegen die Tiroler; und Alle, die er Gefiht halt’ her;
niedergeworfen, keiten lobhudelnd ihrem Kreuz ;
„Mann,“ fagte fie fiebernd, „Dein
id mah Dir's
behüt Dich Gott, der himm—
Bändiger hinter und neben ihm her |liih Water und der Sohn und ber
und find die ärgften Bluthunde.
heilige Geift und die lieb’ Mutter
„Gott und Sanct Sebaftian !” | Maria vom grünen Baum. Zwei Paar
diefer Ruf wird vernommen in der | Strümpf' hab’ ih Dir in die Ranzen
41”
644
padt und ein Nähzeug ift auch drin | Jetzt gehen die alten Narren auch.
und drei Dirbändpflafter für den Fall, Nur Schad' daß Unſereins kann nim—
daß doch ein Unglüd wär’. Halt' mer nichts Helfen dabei. — Und ben
Dich feit, Hanfele! Denk', Du verzahlft | Knäblein ift das ein luſtiger Aufzug,
den Boarn die Kugel, die unfern die haben beim vorig Kirchtag neue
Buben Hat troffen. Berzahl’3 gut, |
mußt ihn mit zu wobhlfeil geben, un⸗
fern Mirtel!”
„Sa, wie bift denn?” jagt er und
ihaut fie mit naſſen Augen an,
„meiner Tag’ hätt’ ich’3 nit vermeint,
daß Du Einem jo zureden kunnſt.“
„Selber möcht’ ich mit und heiße
Stein’ auf fie niederwerfen Tag und
Nacht, bis die Bergwänd gar wären.”
„Haft die Enkelfinder daheim. Ver:
giß' mich nit.“
„Da, das da“, und fie entrollt
den Luſcharianer-Roſenkranz aus ihrer
Fauft, „beten will ih für Dich, fo
lang und fo viel mit den Kindern,
bis Ihr glüdlich wieder daheim jeid.“
Ein kurzer Händedruck und das
alte Ehepaar geht auseinander.
Auf dem Söller des nächſten Hau:
jes figt ein noch junger, aber blafjer
Mann; dem hängen die Haare arg
über die Stirne, aber die Augengluth
Tafjchenveitel kriegt — wollten gleich
mithüpfen. Aber das Mädchen hält
feft den Vater bei der Hand, ber darf
nimmer davon; die Mutter bat jo
viel geweint!
Die Hühner heben ihre Köpfe und
Schauen, der Hund jenft feinen Schweif
und ſchaut, die Kap jchleiht oben
über die Scheunenbalfen heraus und
ſchaut: jo ein unheimlich Wejen! Ge:
gen Geier? gegen Wölfe und Bären?
gegen Schinder? gegen mas geht's
denn? —
Manches Dahbrettlein ſchwirrt über
die Häupter hin — der Wetterfturm
ift im Losbrechen, aber es kann kein
Halt und Unterftand fein. Der Feind
zieht in Haufen an der Drau herauf.
„Behüt’ Euch Gott Alle daheim,
habt Obacht auf das Feuer und auf
die Kinder! — Set vorwärts in
Gottes heiligem Namen!“
Die Stangen, Lanzen und Senjen
mögen fie nicht verbeden. Sein Weib ſchlagen Hirrend aneinander über den
und feine zwei Buben müſſen ihn alten Köpfen, die eifenbejchlagenen
niederhalten auf die Bank, daß er Schuhe geben Funken im Geftein des
nicht aufipringt und mit der Schaar | Weges — ſo brauft und grollt der
geht. Er fann ja nicht, ift erft vor
etlihen Tagen vom Eijadthal heimge-
fommen mit durchichoffener Hand. Dem
Nachbar geht's nicht bejfer, der muß
fi) mit der einen Hand an’3 Stiegen:
geländer, mit der andern an die
Krüde halten. Zwei franzöfiiche Boh—
nen haben ihn gefunden bei Mauls;
die eine jtedt noch im Bein. ’8 ift
jegt fein Arzt in der Gegend, ber fie‘
heraugziehen thät. Seine ganze Fa:
milie, vom Säugling an der Mutter: |
bruft bis zum alten Ahnmütterlein |
am Stod, find um ihn herum, und
das Mütterlein, welches jchon ſeit
mehreren Jahren dreiundneunzig Jahre
alt ift, weil fie die Zeit vergißt, denkt: |
was der Menjch mit dreiundneunzig
„Jahren derleben kann auf der Welt!
Zug davon.
Debniß auf dem Dorfplag. Die
Krüppel, die Weiber und Kinder fte-
ben noch an den Thüren und bliden
traurig den Männern nah — der
legten Kraft und Hoffnung des jchwer:
geprüften Landes. Da fährt das Wet:
ter los und die armen verlafjenen
Menſchen ziehen fi zurüd in Die
finfteren Stuben. Aber nit um zu
Magen und zu meinen. Die Riegel
der Thüren und bie ſchweren Fenfter:
gitter werden unterfucht, die Wand—
und Dadhluden verſchlagen und ver«
rammelt. Beile und Haden werben
bervorgeholt und alles Eifenwerkzeug,
was jchneiden, ſtechen und jchlagen
645
fann, wirb in Bereitfhaft gehalten. | hinan, zahllo8 wie die Ameifen und
Die Kettenhunde werben an bie Stall-
thüren geſchloſſen, das Federvieh in
den Gewahrſam des Hauſes gebracht.
Und Alles, was werth und ſchätzbar
an Metall, die Halsketten, die Silber—
kreuzlein, die Trauringe und die Tha—
lerſäcklein, all dergleichen wird tief
in den Herd vermauert oder im Keller
vergraben.
Ein emſig Rüſten iſt's — ein
armſelig Veſtenbauen, kaum gut gegen
den einzelnen Räuber, geſchweige gegen
einen Schwarm von Franzoſen oder
Baiern.
Wer einen Tobiasſegen hat, ber
nagelt ihn an die Hausthür.
Und in der Klauſen ift’s, vor
Lienz. Ueberall an den Bäumen hängt
grauer Rauch mit feinem Brand: und
Nulvergeruh. Aus der Lienzerftabt,
die dort im ſchönen breiten Thale
liegt, fteigt träge Dunft und Gewölke
aus Feuerftätten auf. Aber in ber
Schlucht fpringen raſch die weißen
Rauchſtrahlen hervor aus den Röhren,
und Mander, der fie von oben hinab
fieht, merft auch ſchon das Blei in
jeinem Fleifche, viel eher, als noch
der Knall heraufdringt aus der Tiefe.
Sind tolfühn geworden, die Tiro-
ler. Sonft haben fie hinter Büfchen
und Bäumen gelauert und nad) dem
Feinde geſchoſſen, ohne ſich felbft tref:
fen zu laffen. Seht aber war das
Pulver zu wenig und die Wuth zu
groß geworben. Nicht mehr mit kleinen
Bleiftücden ftreiten fie, wuchtige Fels:
blöde fchleudern fie nieber auf ben
Feindeshaufen, der mit den zifchenden
die Eidechfen im Geftein. Da geht’s
Zahn um Zahn, und die Tiroler
brechen mit ihren Spießen und Meſſern
los, und mit den harmlofen, in Ar:
beit geheiligten Werkzeugen bes Land—
mannes, des SHolzfällers, des Hand—
werkers jollen fie jegund das Vater:
land noch retten.
Bor Allem gilt es heute, das
Thor des Pufterthales zu vertheibigen.
Mander Stein fährt nieder ben fteilen
Hang, an Bäume prallt er an und
fnidt und fpaltet fie, tiefe Löcher
gräbt er bei jedem Nieberjchlagen
in ben Erdboden, und die wuchtige
Maſſe, die fih anfangs in langjamen
Rollen nur bewegt hatte, macht Sprünge
in immer weiteren und höheren Bogen,
bis fie, auf einen Felsgrund fallend,
in viele Stüde zerſchellt, welche nun
mit zehnfachem Berberben nieberfaufen
auf die feindlichen Rotten und unter
chneeweiß aufzifhendem Schaum in
die Fluthen fpringen.
Immer bünner wird unten bie
Schaar, aber immer wülthender eilt,
theil3 eng an ber Bergwand huſchend,
theils kühn duch das Waſſer reitend,
fie voran, nahe ſchon der Stelle, wo
die Schlucht ſich weitet und das Feld
aljo gewonnen ift.
„Ein etlih Knödel no abi!“
jchreit der Schadher auf ber Anhöhe
und hebt und jchiebt an einem moos—
grauen Felsblod, aber der mag meinen,
es hätt’ manch Jüngerer an ihm fchon
bie Kraft erprobt, jo wolle er bem
Alten au noch nicht weichen. Und
einem moofigen Stein, der mit jeiner
Erde verwachſen ift und noch mit ver:
goldeten Lettern Feine vaterländijchen
Wellen des Alpenfluffes ringend burch | Heldenthaten erzählt, jo einem Klotz
die Schlucht brängt.
Die Wege an iſt's eins, fißt fingend ein tirolifches
den Lehnen find längft zerftört und | Hirtenfnäblein auf ihm ober wird er
die Brüden zerriffen, und die Ein: |von wälſchen Hämmern zu Straßen:
dringlinge müffen bei der Erftürmung | Schotter gejchlagen oder zu einer Zoll:
der Schlucht mehr Blut Laffen, als ſchrankſäule gemeißelt. Wie denn der
jonft bei ber Einnahme einer großen | alte Schacher mit Armen und Stan:
Stadt.
Doch find ihrer zu viele und |gen auch Hob und anftemmte, ber
duch das MWaldgehänge klettern fie | Felsblod blieb Tiegen.
646
Der Alte blidte um fi und fah, das Moos hin, dann jchlägt er über.
es war für den Augenblid feiner der Und wie, er fih fo aufbäumt, da
Genoſſen nahe genug, um ihm das erſchrecken die beiden Alten jchier ſel—
Werk tun zu helfen, und doch ſah ber vor dem Koloß.
er, wie es entjcheidend fein konnte, „Der kunnt fih machen“, jagt
wenn jegt der Stein nieberfuhr und der Schrager.
in die Feinde ſchlug, ehe fie no den) „Der wird brav fein“, fagt der
Ausgang der Schlucht erreichen Fonnten. | Schadher.
Da hub er in Herzendangit an: Dieweilen ift der Stein ſchon in
34
* — an ehr ‚gutem Laufe. Er hat gewaltige Kan: .
. 8 ten und Auswüchle, aber bald erfcheint
ih laß darnach eine Kapellen aus Dir er in feinem raſchen Ueberfchieben wie
bauen. Sei gejcheidt, laß’ Dich beme: | „; ;
er Und afg et" runder Ballen, und Tuftig und
. ab, es F vergebeng hieb er iger > I ſtiger bebt or Ipringen,
mit der Fauft drein und knirſchte: — ke ag Bee
Schurt’ Du! wenn's einmal das|.
— Sand eilt!“ über den Lerhenbaum, ber unten am
* 5 fat a a Arne Rande fteht, wo die Wand nieder:
eilihe Gchühen, bie am Aus ze dor Mrzt. Und in einem ſchreckhaft weiten
Schlucht tanben die a di ine. Ay ah sur — —
# “hinab in bie uht und mitten in
— — ——— ge = e — die Feindesſchaar. Keinen einzigen trifft
fein Gott und fein Teufel zu weg, a ar 2 —
ae Stein wollt’ | yert Scherben, und diefe Scherben
* machen nach allen Seiten hin ihre
Da erblidtte er nicht weit von ſich yifpen Sprünge und fehlagen grauen:
den Schrager. Den Schrager von re —
Sanct Martin, mit dem er feit Jahr haft arg in bie feindli—hen Haufen.
ein fieben in Walditreit lebte. — Das Ein Schrei, ber durchs Herz gebt,
war jein Feind, ber ihn hatte belijtet halte zur Höhe und bann janten bie
und verihimpfirt, der ihm vor Neid Getroffenen auf ben Sand und in bie
das Korn auf dem Feld umd den Fluthen, und das weiße Waſſer aus
Brunnen im Hof möcht vergiften, — |den Dolomiten wurde roth. — Die
mit dem aller Lebtag ein Wörtel zu noch Mebrigen machten, unbefümmert
reden verfchworen war. Der haftete um die Vorwärtsrufe ber Comman-
mit vorgehaltenem Schußprügel jetzund danten, Kehrt und flohen in Verwir⸗
an ihm vorbei. rung zurück. Noch ſprang ihnen manch
Einen Schlag Hat er ſich gegeben, verjpätetes Küglein nad von ben
der Shader, in die Rippen, al3 wollt’ Höhen, und von ‚allen Gräben famen
et aud) noch einen andern Feind nie, uun bie Scharfihügen und Bemsjäger,
derhauen, und barauf: „Schrager!“ die Bürger von Lienz, und der ganze
itieß er hervor, „geh’ her, Hilf mir Landiturm war ba; und einſchließen
den Stein auf!“ wollten fie den ‚Feind im Feuerkreiſe
Der Andere hört's. „Muß noch mie einen Storpion.
eh’ den Pfeifer thun!“ fagt er, ſchießt An die Tauſend und Hunderte von
hinab in die Schlucht, ſchaut noch, Franzoſen blieben todt an den Ufern
wie fein Mann fällt und iſt mit bei- der Drau und ber Iſel, die Uebrigen
den Händen ſchon da zur Hilfe. — flohen nad Kärnten hinaus,
Ein paar Ruder ober drei, unb | Der Schadher aber und ber Schra:
Blod iſt los. Zuerſt ruticht er über ger, als fie die Wirkung ihrer gemein:
647
ſamen That gejehen hatten, ftarrten |
ſich gegenfeitig eine Weile an und
jagten fein Wort. Endlich gaben fie
denn nit, daß Nöffer dabei jein und
Weißmäntel!“
Als ſie näher kam, die laute,
ſich die Hand und gingen mitſammen übermüthige Schaar, da war's bald
davon.
beſſer zu ſehen. Die Tiroler waren
es, ſtämmige, kräftige Kerle, und auch
Die Trine war eben auf dem die Alten darunter, die erſt ausge—
Wege zum Brunnen, der drüben am zogen vor etlichen Tagen. Und mitten
Schaden aus einer grünbemoosten
d'rin
im tollen Haufen gefangene
Rinne in den Trog floß. Da fiel ihr Kriegsknechte, entwaffnet und gefeſſelt,
ein ſeltſam Klingen auf, das dort in
den Bäumen war, und die Rothwand
warf einen Schall herüber, der nicht
anders geweſen war, wie ein keck ber:
ausgeftoßenes Yauchzen. Das Mädchen
eilte zu den Käufern zurüd und er-
zählte es: „Seht möcht” ich willen,
wad das ift! Geht’ denert mur
g'ſchwind zuhören, Leut', die Baum-
wipfeln jodeln und bie Steinwand
juchezt !”
Eilends liefen fie aus den Häufern,
und nun hörten ſie's ſchon deutlicher,
das Sohlen und Jauchzen fam vom
Hochthörl her, über das ber Weg von
der Lienzerfeite herüber führte.
„Die Mannleut’! Die Mannleut’
fommen!” rief eine aus den Weibern.
„Biſt nit g'ſcheidt!“ jagten Andere,
aber das Wort kam jubelnd heraus
und fie glaubten nichts lieber, als das.
„Schau, ſchau!“ ſchrie ein junges
Mädchen, „jelm über den Niegl, jelm
wachelt
daher!“
Wahrhaftig! die
in finſterer Wuth auf ihren Karren
kauernd. Und der kleine Bergamer
Michael, der fürwitzige Bub', thut,
als wär er auch dabei geweſen bei
der großen Sach, reitet auf einem
wälſchen Schimmel daher, ſchaut drein
wie ein General und iſt — kommt's
auf's Meſſen an — von der Zehe
bis zur grauen Hahnenfeder ja ſchier
ſo lang, wie Napoleon der Große.
Und was ihm die Kanon' für ein mar—
tialiſch Anſehen gibt, die auf ſchweren
Rädern hinterdrein rollt. So große
Kugelſtutzen haben die Leutchen noch
ihrer Tage nicht geſehen, wie dieſes
erzene Rohr, das manch feſte Mauer
durchbohrt, manch tiroliſchen Kirchthurm
geköpft hat. Jetzund iſt der Schlund
gegen die Weißmäntel gerichtet, und
darüber baucht ſich im Wind das
vaterländiſche Banner mit dem Dop—
peladler, und ein Greis humpelt von
ſeinem Schubkarren heran, ſtreckt die
der ſchwarzgelb Schlampen Arme aus und ruft: „O du lieber,
ſchwarzer, ſakriſcher Schwanz, hab's
öſterreichiſche ja g'wußt, daß dir die Flügel wieder
Fahne tauchte auf dort über dem wachſen müſſen!“
Bergrüden und baneben etliche Spieße
und Stugenläufe und dann bie gefe-
berten Hüte und die Burfchen dazu,
die jungen und die alten, jpringend
und lärmend, und ein feterhaftes
Trommeln und Blaſen darunter.
„Das fein aber rechte Halbnarren!”
tief die Stegſchlager Burga überlaut ;
inwendig wollt ihr vor Angft das
Boran dem übermüthigen Zug bie
Mufifanten mit den Schwögeln und
Seitenpfeifen, mit Trommeln, Finger:
ſchnalzen und Jauchzen. Allem voraus
aber jchreitet der Bauerncommanbant,
einen zerfegten Soldatenmantel über
ber Tirolertradht, verbunden bie linfe
Hand, mit der rechten ben blanken
Säbel an der Schulter — in ftrengem
Herz zerjpringen: „Der Martin, ob er Ernſte einher, troß des unendlichen
wohl glüdjelig dabei ift!*
Jubels nicht vergefjend an ber Zeiten
„D heilige Maria vom grünen |noch nicht gebrochene Noth.
Baum!” kreiſchte ein alt Mütterchen
Unweit von dem Führer, auf
auf, „das ijt der Feind! Seht's es der Trommel wirbelnd, trottet der Ha—
Zn
derlump, bem vor lauter Gehen uud
Trommeln gar die Strümpfe jchon
über die Waden figen. Er ſchaut nicht
nach links, nicht nach rechts, er fieht
nicht8 und hört nichts als das Rollen
feiner Schlägel — der Nichtsnutz
war er fonft, aber zum Mohl des
Baterlandes ift er Trommler ge
worben.
„Habt's ihn g’jagt? Habt's ihn
recht g'jagt?“ ruft ein alt MWeiblein
vom Söller herab, und die Knaben
und Mädchen, Iuftige Kinder überall,
Schreien von den MWandgängen und
Thüren und Stiegen ihr Hurrah Hin: |
Der ſtocktaube Wirth an ber!
Thür lächelt heiter brein. Heut’ macht
aus.
das Gerede, das er eh nicht verfteht,
nichts aus, heut’ ſieht's das Aug’.
„Eine Schöne Sach'! einetapfere Sach'!“
ſpricht er im fi hinein. Daneben der
Schulmeifter mit den großen Glas:
augen und mit ber Pelzmüge, die
er auh im Sommer trägt, meil jie
jo gut vor der Sonne ſchützt; der hat
in ber eriten Eil’ den Mund aufge
tiffen, um irgend ein gewichtig Wort
zu jagen, aber er fand feins, das für
ein ſolch' groß’ Ding gemwichtig genug
gewejen wäre. Und der Mund ift offen
geblieben.
Die junge Stegſchlager Burga hat
jeit einer ganzen Minute feinen Athem-
zug mehr gethan. — Kunnt ihn jchon
jehen, wenn er dabei thät’ fein. —
Da ſpringt .er jählings hervor aus
dem Gemwirre, der Martin — hat fi
den Bart ftehen laſſen fchon ſeit Wo:
hen; hätt’ ihn die Burga jchier nicht
wieder erfannt.
„Moidle! — Moidle!” jchreit er
und padt fie bei der Hand. Einen
ſchnippiſchen Gruß will fie ihm fagen,
baß er ihr ftarfes Herzklopfen nicht
jollt’ merken, aber fie kann nicht re—
ben, zuerft lacht fie, dann jchiebt fie
fih um und ſchluchzt in ihre Schürze.
Und die anderen Moible, es gibt
deren genug auf dem Pla, und alle
find herfürgefahren aus ihren Stuben
und Winkeln — fie lugen aus nad
dem und dem, und wenn fie ihn fehen,
ben Rechten, jo heben fie ihre Arme
und jchnalzen ihm mit ben Fingern
ihren Gruß entgegen.
Und fommen fie auch mit Wunben
und riefelndem Blute, glückſelig ift die
Heimtehr.
Ein paar Dörcherinen, die mit
ihren Drahtwaaren und verzinnten
Blehtöpfen im Dorfe haufirt, geſcha—
hert und gebettelt hatten, find auch
darunter. Die glogten gar blöde brein
und können die Luft ber Sieger und
den Jubel nicht verftehen; die Armen
wiffen ja nicht, was das heißt: ein
Vaterland; fie haben feines, ihr Ge:
burt3ort ift der Schubfarren mit ber
durchlöcherten Plache, an den ein
magerer Ejel geſpannt ift oder eine
Schindmähre, oder aber Bater
und Mutter. Wie diefe Leutchen nir—
gends daheim, jo find fie auch nirgends
fremd, fie find die Kosmopoliten ber
Armuth und ihnen ift’3 alleins, ift
der Napoleon Herr in Tirol oder ber
Anderl von Paſſeyer — ihr Freund
ift Jeder, den fie anbetteln ober be:
ftehlen können, ihr Feind ift ber Land-
richter mit feiner Keichen (Arreft).
Gottlob, Gottlob, der Zug will
nicht enden! Es fommen die Aller:
meijten wieder beim, und unter ben
alten, weißbärtigen Männern find bie
Resten der Schadher und der Schrager,
brüberlich plaudernd und Schwarzbrot
efjend von einem und demſelben Laibe.
Ihnen jubelt Keiner mehr als An:
deren zu — und doch mögen fie leicht
die größten Helden fein unter Allen
— fie haben nicht allein ben fremben
Feind, fie haben auch den inneren
überwunden.
BEE... AR
Die Grabrede der Gräfin Fittner.
Von
Emile Mario Vatano.
(Schluß.)
Aber es war bloß eine Ohnmacht ; | von dem Prophetenthum der echten
und Mila Baccaj war bloß einige Liebe hat.
Zeit hindurch Fränfelnd und bett—
lägerig. Sie hatte ſich einfach ver-
fühlt, wie das an Frühlingstagen oft
vorfömmt, wo ber warme Tag fo
raſch in einen Fühleren Abend um:
ſchlägt.
Die Welt wenigſtens wußte es
nicht anders.
Die Krankheit Mila's war aber
vielleicht eigenthümlicher Art, und wie
ſie allein in ihrem Krankenzimmer
weilte, da begrub ſie vielleicht ihr
eigenes Selbſt und ftarb einen wirk—
liheren Tod als jenen, den Aerzte
conftatiren konnten.
Sie liebte ihn, den erften Mann,
ber dem ftolzen, frohen Mäbchenherzen
liebenswerth erfchienen war. Ein Mann
vol Kraft und vol Unſchuld, voll
Selbſtbewußtſein und voll MWeichheit
dabei. Er wollte nicht gut und edel
fein; er mußte es fein. Er mußte
jelber nicht, wie groß er war. Das
lihte Herz Mila’3, das unberührt
durch's Leben gegangen war in freier
— mußte einen ſolchen Mann
lieben.
Die Sage von der Liebe Brun—
hilden's zu Siegfried bleibt ewig wahr.
Aber auch die Fruchtloſigkeit einer
ſolchen ſchickſalsgebotenen Liebe bleibt
immerdar wahr. Der Irrthum einer
ſolchen Liebe iſt gleich groß mit ihrer
Dauer. Siegfried's Auge fällt immer
auf eine träumeriſche Chriemhild, die
ihn zuletzt noch verräth durch das
aufgenähte Lindenblatt, weil eben
ihre Liebe ganz Zufall iſt und nichts
Mila VBaccaj liebte Yofef
Sittner. Das war eine recht traurige
Sade. Denn das echte Weiberherz
fennt nur zwei Dinge: die Veränder—
lichkeit, das Hafchen nad) dem momen:
tanen Intereſſe, oder die Treue, bie
unverbrüchliche, die ewige. Ein Mittel
ding, ein Schwanken gibt’S da nit.
Das Weib kann mur fein wahrhajtig
und treu, jelbit verftoßen, oder —
gejunfen ; gejunfen jelbjt auf ber Höhe
des Lebens und geehrt vor ber Relt.
Ihr Gott war ihr in Sofef
Sittner erfchienen. Sie hatte ihn vor
fich gefehen, jo himmelhoch über an-
deten Männern und bo ſo kindlich
dabei.
Und fo hatte fie ihn geliebt, echt,
jäh, ungefordert, vom erften U gen-
blide. Es war feine Liebe geweſen,
die fih durch die Augen in's Herz
binein ftahl. War er ſchö: oder
niht? Sie mußte es nicht. Sie
mußte nur Eines, daß fie an ihn
denfen mußte ohne Aufhören, daß
ihre Seele auf die Seinige geflogen
war wie ein Falter auf eine Blume,
im erften Augenblide jchon. Sie
hatte dem Himmel gedankt für das
Glück dieſes Gefühles, und fie hatte
zum Himmel gefleht für die Erfüllung
besfelben, jo heiß, jo kindlich Hoffend,
daß bies Gebet wohl hätte erhört
werben jollen, wenn bie unendlichen
Räume des Himmel ein Echo hätten,
für den weinenden Schrei eines ver:
ſchmachtenden Menſchenherzens.
O wer doch die Stimme der Hagar
in der Wüſte hätte, für deren Noth—
650
jchrei” der Herr der Welten Quellen
ipringen ließ, aus bürrem Sande! —
So liebte Grethen Fauft. Aber
Grethen war ein armes Bürger:
mädchen, in deſſen Herzen fein Stolz
Wurzeln gefaßt hatte um das himm—
liihe Samenkorn „Tugend“. Aber
Mila Baccaj hatte eine ftolge Tugend
in fih, die verbluten mochte und
mußte unter dem graufamen Geftänd:
niße des Geliebten: „Sch liebe eine
Andere.“ — Berbluten wie Ahasver,
ohne fterben zu können.
® *
En Eu
Dad Unmwohljein Mila Baccajs
ichloß das Palais des alten Generals
für jede lautere Abendunterhaltung.
Graf Sittner frug täglich vor, brachte
aber dafür die Nachmittage deſto
regelmäßiger bei Onkel Laprefti zu.
Seit er jeine Liebe in Worte ge:
kleidet hatte, war er ſich derjelben um
befto bewußter geworden. Er jagte
der findifchen Jenny nichts, aber e3
gab beim MWhift der Abende und im
Zimmer der fürftlihen Baronin für
die beiden jungen Herzen Momente,
wo fie jo recht herzlich zujammen: |
ladten. Sie ſprachen im Ernft zu
einander. Sie jchaute zu ihm hinauf
wie zu einem erniteren Weſen, und
er fchaute auf fie herab mit der
Freude der jungen Tanne, um welche
fih eine Epheuranfe emporichlingt,
troßdem ber Parfgärtner fie vergeb-
ih in ben Biergarten hineinranken
mochte.
Und eine® Tages — in ber Naft:
jtunde eines Sommerballe®, ber auf
einer Villa ftattfand, und wo Jenny
aus dem Schwarm ihrer Anbeter fich
an den Arm ihres Coufins auf eine
jternenübergligerte Terraſſe geflüchtet
hatte, da fagte fie faſt ſchmollend zu
ihm: „Wiffen Sie, Coufin, Sie müffen
mi Heiraten. Warum heiraten
Sie mid niht? Es ift jo fchredlich,
immer von Xiebe zu hören. Und ich
habe Keinen von Allen gern. ch
liebe Niemanden. Aber Sie find juft
ein Mann, der fo recht ernit ift und
doch fo aut dabei; und Sie würden
mich fiber nicht des Geldes megen
heiraten, weil Sie felber genug
haben. Und es wird jo ermübend,
Fräulein zu fein. Die Mutter madt
Ernfthaftigfeit, die Gejellihafterin ift
jo ſchrecklich — Papa redet immer
von Freiern. Als Frau wäre bas
Anders. Ich werde Sie redht lieb
haben können, und ich möchte endlich
einmal aus dem Auslagfaften heraus:
genommen werben, in welchem id)
paradire wie eine Puppe mit blonben
Locken, einem jchönen Kleide und mit
einem Zettel, auf welchem die Künfte,
die ih kann, angegeben find. Und
auf den Bällen muß ih alle Qua:
drillen tanzen, und ich bin manchmal
ſchon recht müde. Und dann muß ich
unferen Gefellichaften immer eine
Pianoproduction geben, um zu zeigen,
was meine Eltern auf mid ver-
wendet haben. Alſo, Couſin, heiraten
Sie mich. Ich möchte eine Frau fein,
und ih möchte Ihre Frau fein —
denn Sie werben. mir nie ben Hof
machen!“
„Jenny! So haben Sie mich
lieb 2”
05, ſehr!“ — ſagte das ge—
feierte, ſchöne, reiche Ding aufrichtig.
„Lieber als Alle.“
Und ihr Wunſch wurde erfüllt.
Sie wurde die Gattin bes verliebteſten
und glüdlichiten jungen Bräutigams
von der Welt. Die Beiden bildeten
ein Brautpaar, bei deſſen Anblid die
alten Weiber in den Kirchenftühlen
ber dunklen Kirche bittere Gefichter
machten. Eine Adelshochzeit aus Liebe!
das ift ihnen ja jo außer ber
Regel.
Ein Gewitter brach [os während
der Geremonie der Trauung, und
fahle Blige leuchteten durch die hohen
Bleigitterfenfter Hindurh in Die
ſturmdunkle Kirchen hinab, in welcher
alle Honoratioren der Kleinen Adels—
ftabt verfammelt waren. Aber Fein
Blig war jo weitgleißend, daß er in
651
die fäulenbefchattete legte Seitenbank | von dem Abende jener Bermählung.
geflammt hätte, in welder während | Eines wilden, drohenden Bliges.
des Gottesdienfted nach der Trauung
das junge Brautpaar jaß.
Defto greller leuchteten Die Himmel3-
zaden über das Antlig der Gräfin
Mila Baccaj, die an dem Fenſter
ihre MWohnzimmers ftand zu dieſer
Stunde; fie war noch zu Fränflich,
um ber Geremonie beimohnen zu
können. Aber ihr Auge war auf
die Kirche gerichtet in welcher biejelbe
ftattfand, und die ihr durch wüthende
Regengüffe halb verjchleiert murbe.
Sie hörte durh den Sturm bie
Glocken zu fich herüberjchallen, und
fie hörte durch den Tautgrollenden
Donner zu ihren Häupten ſogar das
ſchwache Glödchen des Meßdieners.
Mila Baccaj’$ Arme waren in
diefem wüthenden Sturme feft über
ihrer Bruft gefreuzt, und die Regen:
tropfen riefelten daran hernieber gleich
Thränen. Ihr Auge war ſtarr auf
bie Kirche gerichtet, deren Gethürm
man über den gegenüberliegenben
Häufern erblidte durch einen Schleier
von Sturmwolfen und Bligen. Nicht
himmelwärts jah dieſes düſter flam—
mende, glühende, dürſtende Auge. Wie
eine Hölle flammte es darinnen auf.
Ihre trockenen Lippen bewegten ſich
leiſe. War es ein Fluch, den ſie
murmelten, war es ein Gebet, das
ſie flehten, war es ein Gelübde, das
ſie dieſem erbarmungsloſen Sturme
vertrauten, der von ſo grellen Blitzen
durchzuckt und von fo ſanften Glocken—
tönen durchtönt war?
Graf Joſef und Gräfin Jeuny
Sittner machten ihre KHochzeitsreife
nah ber Schweiz, an ben Bobenfee.
Bor ber Abreife jprachen fie auch im
Palais Baccaj vor. Man plauberte
da jehr freundlid. Der junge Ehe-
mann füßte Mila Baccaj die Hand,
al3 ob er ihr fein ganzes Glüd ver:
banfe. Weber das Geficht bes Mäd—
hend zudte e8 dabei wie ein ver:
fpäteter Abglanz des grellften Bliges
*
x *
Wie es eben gebt im Xeben.
Die Hochzeitsreife der Neuvermäblten
verlängerte fih. Und wie fie endlich
beimfamen, da nahm Graf Joſef
Sittner feinen Abſchied, um fidh ber
diplomatifhen Garriere widmen zu
fönnen. Er nahm jeinen Sig 'in Wien
und wurbe einer Section zugetheilt.
E3 war ein junges Ehepaar,
welches der Welt gar feinen Anlaß
zum Sprechen bot, weder im Guten,
noch im Schlimmen. Sie waren weder
auffallend glücklich, noch auffallend
unglüdlid. Gräfin Joſef Sittner war
mädchenhaft, fröhlich, Tuftig geblieben
wie immer. Sie hatte die alte Liebe
für jchöne Kleider und für die Heiter:
feit der Toilettenforge bewahrt.
Vielleiht nur war fie noch um
eine Nüance kindifher, lauter und
„moderner“ geworben. Sie bildete
eine feenhafte Erſcheinung in allen
Salons, in welchen fie erſchien; und
da fie die Geſellſchaften jehr liebte,
fo fehlte fie nirgends. Und ihrem
ernften, dunkelſchauenden Gatten jchien
das ganz zu behagen, denn er war
mit Allem einverftanden, und von
einer mufterhaften Zuvorkommenheit
gegen jeine junge Frau.
Das junge Ehepaar war aud
nicht allein. Der Bruder des Grafen
Joſef, Graf Rudiger Sittner war
wieder einmal aus dem Auslande in
die Heimat zurüdgelehrtt und lebte
natürlih , obwohl er für fih eine
Garsonwohnung hatte, in inniger Be:
rührung mit Bruder und Schwägerin.
Graf Rudiger war das ftrifte
Gegentheil feine® Bruders. Der
fouveränfte Leichtfinn, den man fich
denken fann. Eine brillante bunfel-
Schöne Figur mit Gluthenaugen, die
bei jedem Blide Funken jprübten,
mit einem Munde, ber nur trogten
oder laden konnte. Er war ber
Liebling der ganzen Welt, obwohl
652
eigentlich bie ganze Welt nicht wußte,
was fie an ihm liebe. ebenfalls
feine Schönheit und feine laute
Dreiftigfeit. Gemüth hatte er Feines,
Sein Stand bemwahrte ihn vor dem
Sinfen, weil er’3 nicht noth hatte;
aber Zartheiten des Gefühles, Ge:
danken an irgend etwas, mas ſchön,
ut, groß war, das lag ihm gänzlich
ferne. Wiffenfhaften und Künfte
waren ihm ein verfchlofiene® Bud).
Gemüthstiefe Fragen ebenfalld. Er
tranf das Leben, wie man einen füßen
Eipromwein trinkt, unbefümmert darum,
ob er das Gehirn ummeble oder das
Herz betäube. Er mußte vortrefflich
effen, gut trinken, gut lieben —
coüte que coüte. Alles übrige war
ihm egal. Natürlich war er ein Liebling
aller Welt, denn überallhin brachte er
Lebensfriſche und überall wußte er
die erfte Rolle zu fpielen; nicht durch
lautes Gebahren — o nein!
ſondern eben vielleicht darum, weil er
ſich um nichts und um Niemanden
kümmerte, weil er ſchön war, und
weil der Leichtſinn in diſtinguirtem
Sinne immer bezaubernd wirkt. Er
hatte ſchon zwei hageftolze Onkel und
eine prüde Tante mit vielen Taufenden
beerbt, weil er überall in die mürrifchen
altjungferlichen Stuben einen frijchen
Hauch brachte, während fein erniter,
echtfühlenber Bruder überjehen wurbe.
Er Hatte diefe Vermögen jämmtlich
glücklich durchgebracht, und hatte doch
immer Revenüen. Und er bezauberte
jetzt Wien, wie er früher was immer
für ein Ausland bezaubert hatte.
Eine Bekannte trafen fie in Wien,
die Comteſſe Mila Vaccaj. Ihr alter
Bater war geftorben, und fie hatte fi
mit Coufine Helly nah Wien gezogen.
Nicht, weil ihr das Leben in Eleinen
Städten zu traurig gewejen wäre, denn
fie lebte in Wien fehr zurücdgezogen
und bejuchte bloß die nächiten Be:
kannten. Eines Tages erhielt fie aber
bie Ernennung zur Hofdame, und von
da an nahm fie ihre Role im Leben
wieder auf. Ruhig, ſchön, ficher wie
immer. Sie war noch ſchöner ge:
worden, fand man, weil fie ftolzer,
bleiher geworben war. Die Frijche
des franken Soldatenfindes hatte fi
in das ruhige, erclufive Weſen ber
echten Hofdame verwandelt. Sie war
bewunderter als je, aber auch fälter
als man fie geglaubt Hatte. Sie
nahm feines von al’ den Herzen, die
fi ihr ſchüchtern oder glühend boten,
und ging duch ihr glanzvolles Leben,
ihr Geſchick unerzählt in ihrem eigenen
Herzen verſchloſſen, ftrahlend und eifig
falt wie die nordiſche Sonne.
Den erſten Beſuch bei der Hof:
dame machte Graf Joſef allein. Biel:
leicht weil Gräfin Joſef Migräne hatte
ober eine Spazierfahrt in ben Prater
mit ihrem Schwager Graf Rudiger
machte, vielleicht weil er mit einer
guten Freundin, bie er nad) langer
Zeit wiederſah, Herzlich und nicht
ceremoniös plaudern wollte.
Gräfin Mila empfing ihn, wie
man eben einen guten Freund em:
pfängt. Mit einem Hänbebrud und
mit einem Lächeln, welches ſich fagt:
ih muß jest meine gefelljchaftliche
Role fpielen. Ruhig und ein bischen
müde war ihr Auge dabei, ruhig und ein
bischen tonlos ihre Stimme. Siefaßvoll-
fommen comfortabel im Schaufelftuhl
ihm gegenüber und jchaufelte fich,
und bot ihm Gigaretten an und rauchte
jelber Eine dazu nad) gewohnter Weife.
Sie redeten zuerft natürlich von
den Borkommniffen im Familienleben,
von dem Tode ihre Vaters, von ben
Reifen, die er gemadt, von ber
Gejundheit der Gräfin Joſef, von
den Augen ber Goufine Helly, von
dem Scidjale einiger beiberjeitigen
Belanntichaften, dann von den intimeren
Berhältniffen des Hofes, an welchen
fie jeßt attadhirt war. Er dachte da:
bei, wie fie ſchöner noch und ſtolzer
geworben; fie dachte dabei, wie er
bläffer geworben jei. Dann rebete er
fih wärmer in's Neben hinein, und
enblich fagte er mit einem Tone, den
er vom Anfange feines Beſuches an
653
ihon vergeblih gejucht hatte — mit
einem zitternden, jugendlichen Zone.
„Eine Frage, Gräfin.“
. hr Auge machte einen großen,
erftaunten Blid. „Aber taujend
Fragen, natürlih!?” Dabei warf fie
ihre Eigarette in die Aſchenſchale und
faltete ihre Hände und jchaute auf
diefelben herab.
Er ftredte feine Hand nad ihr
aus, und dieſe Hand zitterte leiſe.
„Sind Sie noch meine Freundin?
Meine Freundin fo wie einit, jo
wie damals . . . jo wie damals, wo
ich noch nicht verheiratet war, fo wie
damals, wo wir mit einander an ber
Kapelle ſtanden?“
Sie antwortete nicht gleih. Sie
jpielte mit ihren Händen, fie ſchaukelte
fih. Dann ſchaute fie ihn plöglich
an. So ruhig und die Augen fo
ftarr. „Ja“, ſagte fie. Sie war da-
bei heijer. Und bann wartete fie und
befeuchtete ihre Lippen mit der Yunge.
Er fuhr mit der Hand über bie
Stirne. „Gott jei Dank!” jagte er
aus tiefitem Herzen, „dann kann ich
Ihnen aljo Alles jagen! Alles, nicht
wahr?”
Sie ließ ihm ihre Hand und nidte
nur. Ihre Lippen lächelten babei.
Wirklich herzlich. Aber fie ſprach
nichts.
Nun ſagte er ihr, daß er un—
glücklich ſei. Unſagbar unglücklich in
ſeiner Ehe. Er ſagte ihr dieß mit
abgebrochenen Worten, aber ſo klagend,
wie man betet, wie man weint.
Unglücklich! Wie er ihr das ſagte,
wie er ihr das ſchilderte, da überflog
eine jähe Röthe ihr Geſicht. Ihre
Augen funkelten auf, wie Sterne, wenn
Sturmwolken über dieſelben hinfahren.
Ihre Hände ballten ſich zitiernd. Aber
Alles das war nur ein Augenblick.
War es Rache, war es böſe Freude?
Aber ihr Auge blieb auch in dieſer
Erregung glanzvoll. Sie hielt ſich
aber mit Gewalt ruhig. Wenn es
Genugthuung war, was ſich in ihr
regte, oder wenn es etwas Anderes
war, etwas, was ihrem edlen Herzen
näher lag, ſicher iſt, daß ſie bald wieder
Worte fand. Nur wie eine Möwe
raſch hinzuckt über das unermeßliche
brauſende Meer, ſo zuckten ihre Ge—
danken über die ſturmvolle Unermeß—
lichkeit der Thatſache: „den Mann,
der Dich nicht verſtanden hat, hat die
Rache ereilt, und er iſt elend, elend
wie Du ſelber biſt, elender noch, denn
er iſt es durch eigene Schuld!“
Sie faßte ſeine Hand und in ihrer
Stimme lag es jetzt wie wirkliche
Angſt, Angſt um ihn.
„Unglücklich?“ ſagte ſie, „wie iſt
das möglich? Jenny Lapreſti, Ihre
... Ihre Gattin iſt ja ſo lieblich,
jo heiter, jo frohherzig. Sie ſchil—
derten ſie mir ja einſt ſo begehrens—
werth, und ich ſelber fand ſie ſo. Wie
können Sie an ihrer Seite, mit dem
erſehnten und errungenen Ideale Ihrer
Seele vereint, unglücklich ſein?“ — Es
lag bloße Wahrheit, es lag feine Bit—
terfeit in bdiefen Worten, wie Gräfin
Mila fie ſprach.
„ja, Jenny es ift jo”, jagte er
traurig, „Sie ift lieb und fröhlich,
wie fie ald Mädchen war. Der Unter:
ſchied ijt nur, daß fie jegt eine Fran
ift, und ganz fo blieb, wie fie als
Mädchen war. hr Sinn ift leicht
geblieben wie Sommerwolfen; er con=
centrirt fich auf nichts, er flattert bloß
über Alles hinweg. Zoilettenpracht,
Mufiktändeleien, Lachen, Viſiten, ein
wenig Aufjehen machen im Theater,
darin concentrirt ſich das Leben biejer
ihönen Puppe, meiner Frau. Sinn
und Berftändniß für den Ernſt bes
Lebens, das tiefe Gemüth, welches
uns jede Freude doppelt, jedes Leib
nur bald fühlen läßt, das fehlt ihr.
Sie ift recht gut, aber pafliv gut, —
weil es müheloſer ift, als das Böje-
fein, und weil es befjer paßt zum
Blondjein. Sie ift ein Kind, welches
nie eine Frau werben wird.“
Mila Baccaj ſchaute finnend auf
ihre gefalteten Hände herab. „Nun,
das Unglüd ift nicht fo groß,” fagte
—
fie. „Sie haben eine kindiſche Ftau. „Behüten! Sie weint und ſchreit,
Freuen Sie ſich doch ihrer Heiterkeit; wenn ich ſie eine Theatervorſtellung
und wenn Ihr Herz verlangt nach verſäumen laſſe. O, Sie kennen dieſe
einem tiefen Gemüthe — dafür nehmen ſogenannten kindiſchen Frauen nicht;
Sie ſich die Dichter. Was Sie mir ſie ſind rückſichtslos, weil ihnen nichts
ſchildern, iſt Einſamkeit, aber es iſt im Leben Werth hat. Sobald man
fein Elend, daß ihre Gattin bloß ſtreng wird, ift man ein Tyrann und
findifh und gebanfenlo8 und ober: | das kindiſche Geſchöpf ift unglüdlich
flächlich iſt.“ aus Zorn. Ein Unglück, welches den
„Ja, wenn es nur das wäre!“ Verurſacher desſelben lächerlich macht,
ſagte er bitter, ſchmerzlich, ſchamvoll; | weil eben der Gegenftand besjelben
aber dieſe Gedanfenlofigfeit, dieſe lächerlih ift. Jenny ift troßig und
Leichtfertigkeit, dieſe DOberflächlichkeit | unvorfihtig und dem Manne gegen:
werben aus ihr eine ſchlechte Frau |über, in den fie jo vernarrt ift, kokett.
machen.“ Mas kann ich ihr verbieten? Sie ift
„Graf!“ mir ja äußerlih treu. Was kann ich
„O, laffen Sie mich reden, laſſen ihr vorwerfen? Sie jagt mir einfadh:
Sie mein Herz bier aufathmen und ich kann nichts dafür, daß mir nicht
ausflagen und ausreben. Jenny Laprefti | zu einander pafjen. Was hab’ ich von
heiratete mich, weil — weil ich ihr |der Ehe, von der Liebe verftanden?
am menigjten ben Hof machte, weil Und vor was ſoll ih fie warnen?
ich fie am wenigften langweile.. Was | Sie jpielt dann die Naivität oder jie
wußte fie von Liebe? Sie war ja lift 8. Ich muß die Dinge geben
un enfant gätee. Und ih? Ich war | laffen wie fie find.“
eben verliebt in fie — jo dumm, „Und ber Mann, mwelder von
blind, albern, wie man eben verliebt |allen Weibern angebetet wird und
ift, wenn man aus den Studien fommt deſſen Gourtoifie Ihrer Gattin fo
— immer in bie Unrechte. ch blieb ſchmeichelt? Können Sie dem nicht
aber, nachdem ich dieſe entjeßliche jagen: Geh’ aus dem Wege?
Wahrheit und die Nichtigkeit des Eleinen „Ihm das jagen? Mein Gott, er
Puppentöpfchens, an das ich zeitlebens | meint nicht? Schlimmed. Er denkt
gefefjelt bin, erfannt hatte, entjchloffen, | weder an Jenny, noch an ein anderes
mein verpfufchte® Leben ernſt und | Weib. Er ift der perfonificirte Leicht:
würdig zu nehmen. Da mußte ich | ftnn, der zehn Bermögen vergeubet
aber auch erkennen, daß das Findifche | hat, dem das Herz nichts if, nur
Weib, das meinen Namen führt, felbft | der Moment; ein Lebemann ber beiten
die Ehre nicht ernjt nimmt, jobald | Sorte.“
diefelbe nicht zu ihrer Toilette paßt. „Da genügt wohl ein ftolzes Wort
D, fie ift mir äußerlih treu — bis von Ihnen?“
jest; aber jeden Augenblid kann bie „Und wie jollte biejes Wort lauten?“
Schranke fallen, denn auch ihr Herz machte er bitter. „Es ift mein Bruber.“
ift erwacht. Ihr Herz? Nein. Ich jollte Sie ſchaute auf. Mit einem
jagen, die Eitelkeit ihres Herzens. Sie erſchreckten Blide, mit einem bebauern-
ift verliebt, lachend, rückſichtslos ver- den Blide, mit einem guten Blide.
liebt in einen jchönen, begehrten, herz: | Sie ſenkte das Haupt und er ergriff
loſen, abenteuerlihen Mann, eben weil ihre Hand und fuhr fort und bie
er Schön und begehrt und von allen | ganze Seele des Mannes zitterte in
Frauen erjehnt it und meil er die |jeinen Worten, wie er ſagte: „Aber
Zaune bat, ihr den Hof zu machen!“ | was ift dies Alles gegen das Glend
„Graf Joſef, Sie müſſen ihr kin: | meines eigenen Herzens? Gegen den
diſches Weib eben behüten.“ Irrthum meiner eigenen dummen,
655
jungen Seele? D, wenn Sie dies
müßten? Und mir it, als müßte
ih Ihnen jagen, was in mir tobt
und wühlt, damit ed mich nicht erdrückt.
Was ih damals für Jenny Laprefti
fühlte, war ein Rauſch — ein Rauch,
wie er jeden jungen Menſchen erfüllt
vor dem Mädchen, das ihm einladend
entgegenlächelt. Aber ſeitdem habe ich
eingejehen und erkannt, welches Weſen
für mid das Glüd gewejen wäre, für
welches Wejen mein Herz damals die
wahre, die echte, die einzige Liebe zu
fühlen begann — ohne es zu willen,
ohne es zu ahnen! — Ich begegnete
dem Meibe meine® Herzens, dem
Ideale meiner unverſtandenen Sehn—
ſucht, aber dieſes ſtolze Mädchen hatte
nicht das einladende Lächeln Jenny's,
es kam mir nicht entgegen, es ſprach
mir nicht von Liebesſachen. Und ich
hielt meine Liebe für Freundſchaft.
Ein erſtes, unendliches Glück über—
kam mich bei ihr. Ich Thor, ich hielt
dies für Heimatlichkeit und ed war
die Knospe meines Seelenlebens, die
ih eröffnete. Dann, in ber Ferne,
wie ich den Irrthum meiner Frau,
meiner nichtigen, gemüthlojen, lauten,
fleinen Frau und meinen eigenen
fennen lernte, da erwachte ich wie
aus einem Traume Da Jah ich erft
die Wahrheit, da fühlte ich die Wahr:
heit in meinem Herzen! Weil ich nad
ihr ſchmachtete, weil mein Herz in
jeiner Ernüchterung nad) ihr rief. Und
ich bin ein Ehemann und ich jehe fie
fo hoch über mir! Es ift fein Traum,
ben ih Ihnen da erzähle und feine
Liebesphrafe. Und e3 liegt feine Treu:
lofigfeit gegen meine Pflichten darin
und feine Beleidigung für die, welche
ich geliebt habe vom erſten Augenblide
an, melde ich erſehnt habe in Nächten
bes Jammers und des Grames, welche
ih zu jpät als das zweite Ich meines
Herzens erkannt. Ich will fie fliehen,
ih will ihre Augen nimmer fuchen,
ih will mein Elend tragen, aber jagen |
muß ich ihr’s, daß Sie es ift, ber
die beſte, die einzige Liebe meines |
Herzens gehört, daß Du es bift, die
ic liebe, Mila...
Der Schrei feiner Liebe verwan-
delte fich in einen Schrei des Schredens,
Denn er ſah, er ſah es in feinem
höchſten Jammer und jeinec höchſten
Seligkeit des Ausjammerns, wie
eine ſchreckliche Angſt, eine Art Ver—
zweiflung über ihr Antlitz leuchtete:
nicht Zorn, ſondern auch ein Jammer,
ein unbeſchreiblicher. Sie wurde weiß
wie eine Leiche und ſie ſank wie todt
zurück.
Da kam es über ihn mit Stur—
meskraft und Blitzeshelle; es gibt
Augenblicke, wo die Stimme heraus—
ſchreien muß, was die Seele fühlt,
im Glück oder Schreck; und er ſchrie
auf: „Mila! Mila! Sie haben mich
auch geliebt!“
„Jeſus Maria!“ rief ſie, und barg
ihr Geſicht in die Hände.
Es war ein gräßlicher Augenblick
für zwei arme Herzen. Er erkannte
auch ihre Liebe, wie die ſeinige —
zu ſpät. Es iſt ein ſchreckliches Wort,
das Wort: „zu ſpät“. — Was ver—
mag die ganze Göttlichkeit der Sonne,
wenn ſie aufgeht über welke Blätter
des Herbſtes?
Er lag zu ihren Füßen und jam—
merte zu ihr auf. „Mila!“ rief er
arm. — Und wir fanden einjt Herz
an Herz! Mir ift jo weh im Herzen.
Mir ift, als ob ich fterben müſſe . ..“
„Sa, ſtirb!“ meinte fie in bie
verfchlungenen Hände. „Das wäre das
Beite! — Dann deutete fie ihm zum
Gehen. — „Gehen Sie fort!“
Sie jagen mich fort! Jet? Wenn
Sie wüßten, wie ich Sie erjehnt habe,
wie ih Ihren Namen gerufen habe
in Nächten der Verzweiflung. Wenn
ih von bier fortgehe, iſt's ja vielleicht
für immer. D lafjen Sie mich einen
Augenblid hindurch die Seligfeit die:
fes tiefen Unglüds durchſterben!“
„Joſef, gehen Sie, verlaffen Sie
mich, dieſes Haus — ih will es,
Sie müſſen es!“
656
„Muß ih? Nur eine Secunde
noch, nur noch eine Secunde. Es ift
ja das erſte- und das legtemal, daß
ih das Leben büfter wie eine Stur-
mesnacht, aber doch fo klar vor mir
jehe. Du haft mich auch geliebt! Ich
werde jterben d’ran und Du aud,
Mila! Aber lab mich nur eine Secunde
hindurch die Luft athmen, die mit
diefer Gewißheit erfüllt ift! Du haft
mi auch lieb!“
Sie gehörte jegt ganz wieder dem
eigenen Selbſt. Sie riß fi” empor
und fie ſtand vor ihm, ſtolz, gebie:
tend, wie der Engel mit dem Flammen:
jchwerte. „Nein!“ rief fie wild. „Ich
liebe Sie nicht mehr, glauben Sie
das, Joſef, denken fie dad. Das ift
abgethan und vergeflen. Damals
gab e3 einen Augenblid, wie die Sonne
jo prächtig über das einfame wunder:
thätige Gotteshäuschen im Walde nieder:
janf, der fonnte uns vereinen. Aber
eine ſolche Flamme lodert nur einmal
auf in dem Herzen eined Menſchen.
Mögen andere Flammen jpäter künſt—
lich angefacht werden: es ift nicht
mehr diejelbe, die erjte, die echte, bie
heilige. Wie das Eliasfeuer des Evan:
geliums muß fie vom Himmel kommen,
da kann ein Mäbchenherz in erfter, in
befter Liebe fich zu eigen geben, Telig,
zagend und vertrauend einem Manne,
der ihr Gatte wird. Und ich wäre
Dein Weib geworden — ih jchäme
mich biejes Geftändniffes nicht — und
ein glüdlihes Weib. Jetzt ift’3
ja zu jpät.
Nur ald Sünde könnte ung jetzt
ein Beifammenfein fommen — jelbft
das entferntejte: und, Joſef, Sie ehe:
maliger Priefter, der Sie den Himmel
mit Yhrem reinen Knabenherzen offen
jahen vor fih: gibt e8 etwas Häß—
liheres al3 die Sünde? Und Sie
denken nicht jo niedrig von mir und
ich denfe nicht jo niedrig von Ihnen,
dag wir fortan noch ein Wort wechjeln
fönnten mit einander, was nicht die
ganze Welt hören dürfte. Nein, Joſef.
Um jene® einzigen heiligen Augen:
blides willen, wir bürfen einander
niht8 mehr fein — nicht einmal
Freunde; wir müſſen ſcheiden, auf
Nimmermwiederjehen, fühlen Sie das
nicht?“ —
Sie wies ihn zurück mit ihrer Ge—
berde, wie er vor ihr kniete. Aber
ihre Stimme war weich wie die
Stimme der Verkündigung.
„Ich fühl' nichts“ — jammerte
er. — „Ich fühle nur, daß ich ein
namenlos unglücklicher Menſch bin, und
daß ich ſterben werde, wenn Du mir
nicht ein Wort des Troſtes ſagſt!“ —
Sie faltete ihre Hände über ihrer
Bruſt, heftig, und doch ſo hell in ihren
thränenverſchleierten Blicken: „Joſef,
laſſen Sie mir Ihr Bild, wie ich es
im Herzen getragen habe, ſtumm und
klaglos und ergeben und treu. Laſſen
Sie mir kein anderes Gedenken an Sie,
als wie ich es an ben Mann bewahrte,
den ich lieben konnte, und deſſen Liebe
mich damals beglüdt hätte: ich will
ihn nie anders jehen als treu, brav,
ſtolz und rein! Nichts Irdiſches zog
mich zu ihm, weiß Gott! nur bie Er-
fenntniß dieſer feiner Eigenjchaften.
Ihm hätte ich mich jelig beugen können.
Und mein einziger Reichtum in
meiner jeßigen Armuth if es ja,
ihn fo herrlich denken zu fönnen, wie
er mir erfhien, wenn er auch mir
fremb geworben if. Die Liebe, die
bimmlifche, heißt's ja im Evangelium,
verlangt nicht das Ihre. Und Sie
jelber! Wenn Sie mich lieb hatten
— möchten Sie mich mißachten können?
Und das müßten Sie, wenn ich noch
einmal mit Ihnen fprechen wollte da-
von, was unjere Herzen bewegt bat,
wenn ih fie noch ein einziges Mal
anhören wollte, ohne daß eine ganze
Welt uns hört. Leben Sie wohl,
lieber — Bruder! —
„D Dein Herz hat leicht ftolz fein,
weil es nicht? mehr fühlt!“ — zürnte
er klagend.
Sie jeufzte jammernd auf. „O
Bott! Er fragt noch! Ich bin elend,
Menſch! Und wenn ich Dich weiter
657
hören will, dann würde ich das ver: |danfend dafür, daß fie ſich geliebt
dienen, und Du auch. Tragen wir | fühlen durfte von dem Geliebten ihres
unfer Leben, und — verlafjen Sie mich | Herzens.
jegt ! —“
„Was joll geichehen ?“
„Was gefchehen fol? Die Treue.
Die Pflicht. Ich werde meine
Pflicht erfüllen.“
„Deine Pflicht? Ob, fchauen
Ihre Pilicht,
Sie nicht fo zürnend!
Mila?”
„Ja,“ jagte das jchöne, hohe
Mädchen feierlich und einfach. „Ich
habe eine Pflicht, Graf Joſef. Da:
mals, in jener Stunde, wo Sie ver:
mäblt mwurben, in jener Stunde, mo
id mein Glüd begrub — einfadh,
bilflo8 und ftill in meinem tiefiten
Herzen, damals that ich einen Schwur,
ein Gelübde: Nur zu leben im Leben
wie in einem Grab. Und nur auf:
zuleben, wenn es Ihnen nüßen fönne,
wenn ich Ihnen etwas leben, handeln,
wirken fönnte, für Ihr Glüd. Das
ſchwur ih mir dem eigenen Gefühle
zu, als legte Rettung vor dem bittern |
Weh und vor der Verzweiflung ber]
überjehenen oder verihmähten Liebe.
Yun, und diefen Schwur will ich jegt
halten. Das Gebet will ich auch jegt
halten, welches ich damals in jener ein-
zigen glüdlichen Stunde meines Lebens
vor ber Kapelle der Maria-Stein ge
than Habe: „Lab mir nur Ein
Glück blühen im Leben, laß mir nur
Einen Segen blühen: für ihn etwas
thun können, für jein Glüd. Sept!
ijt bie Zeit Dazu, ich bin erhört. Ge—
priejfen jei Maria am Steine aus der
Tiefe meine® Herzen? dafür! Und
jegt leben Sie wohl. Für immer.”
„Kür immer ?“
„Joſef!“ — jagte fie groß. „Sa,
für immer.” —
„Und was wollen Sie für mich
- thun?”
„Wort halten — will ich.”
mit wies fie ihn fort.
Da:
1;
*
*
Am nächſten Abende war Hofball
in ber Burg. Da leuchtete fie unter
allen Hofdamen hervor an Geſchmack
ber Toilette und an Schönheit und
diesmal ſogar an Zebensluftigfeit. Der
ganze Hof war erftaunt. Die Cava—
liere fragten einander. „a, iſt denn
das die Gräfin Baccaj? Sie lebt
ja beinahe... .
Auf Hofbällen find es meist nicht die
Tänzer, welde zum QTanze bitten,
jondern fie werden von den erjten
Damen des Hofes zum Tanze befohlen
— soi-disant gebeten. Graf Rudiger
Sittner der jouveränfte Leichtfinn,
mwurbe ganz bezaubert durch ein erjtes
Entgegenfommen ber vielbewunderten
Gräfin Mila Baccaj. Sie lächelte ihn
an, und er war naturgemäß augen:
blicklich berauſcht. Aber mehr noch),
wirklich verliebt. Sein ſchönes dunkles
Auge flammte in Leidenichaft auf und
in Kühnbeit. Er verließ die Gräfin
Mila faum mehr an diefem Abende.
Er jagte ihr zwiſchen den Touren
einer Quadrille in feiner heftigen,
graziöfen, ſelbſtbewußten Meile, daß
er fie liebe. Sie lächelte, wie fie ihn
anhörte, und ihr Auge ertrug ruhig
und glänzend das feinige.
* *
*
Es war undenkbar, aber es war
wahr, was die Reſidenz in der nächſten
Zeit erfuhr. Der wildeſte viveur,
Nudiger Sittner heiratete. Er hei—
ratete die ftolzefte und kälteſte Schön:
beit, die fich denken ließ, und von ber
man nie geglaubt hätte, daß fie fi)
uuter das Joch der Ehe beugen werbe,
weil fie die Edelſten und die Beten
abgemwiejen hatte.
Die Beiden waren ein ftattliches,
So ſchieden fie. Und wie er fort
war, da brad fie zufammen. Jam—
mernd und dennoch dem lieben Gotte
Rofeggers „‚Geimgarten‘‘ 9. Heft.
berrlihes Paar. Sie mollten bie
nächften Jahre ihres Lebens auf Reifen
verbringen.
42
658
* *
P2
Graf und Gräfin Nudiger reijten.
Bon Land zu Land, — überall eine
Saifon verlebend, an jedem Hofe eine
Heine Raſt machend. Man fühlte
manchmal, daß fie nicht reich waren,
aber fie waren ſtets — Dank ſei e8
der Gräfin, — A la hauteur de leur
osition. Und immer fam wieder eine
Erbſchaft für Monſieur ben Grafen,
der ein Liebling aller Welt blieb, durch
den Glanz jeines Frohſinns. Wenn
das Haut Nudiger Sittner aber
ſchwankte, dann war e8 ftet3 die Gräfin
Mila, weldhe e8 jo zu jagen im Niveau
erhielt. Sie hatte einen unverwüſt—
lichen, wahrhaft föniglihen Anſtand.
Die Abentenerlichkeit ihres Gatten ver:
wifchte fie durch ihre Echtheit — feine | Nachricht
Its ſ a | Schwägerin in Florenz, wo er als Ge:
In |
Untreue ignorirte fie.
Nach zwei Jahren ftarb fie.
den Niederlanden oben, wie fie eben
in dem Adelsneſte Vanschuten at
Bosch refidirten.
. . f |
Sie ftarb an einer maladie de)
langueur. Langſam und janft. Gie
Mein rankte fih anden Wänden empor,
Tauben bevölferten das Dach, Vogel:
bauer mit Spechten hingen am offenen
Fenster, Kinder tollten und lachten auf
der Straße draußen. Das ſah Mila
Baccaj, wie fie ftarb. Es war zur
Abendzeit. Die Gegenftänbe ver:
ſchwanden vor ihren Augen, wie in
einem Nauche ; die Fernſichten wurden
braun und glänzend, hie und da glänzte
in ihnen ein Hüttenlicht auf wie Tiger-
augen, die auf ihre Bente ftarren.
So that ihr armes Herz ſeine letzten
Schläge, während ihr Mund jelbft im
Sterben ftumm blieb.
* *
*
Graf Joſef Sittner bekam die
von dem Tode ſeiner
ſandſchaftsattaché weilte mit ſeiner
kleinen kindiſchen, reizenden Frau.
Der Brief des Lebemannes an
ſeinen Bruder lautete:
„Lieber Gip! Du wirſt ſtaunen,
von mir einen Brief zu bekommen.
hatte ihren Schwur vollendet für den Aber vielleicht findeſt Du's begreiflich,
Frieden Joſef's zu thun, was ſie da Du doch das faire-part erhalten
konnte. Sie hatte feinen Bruder ge: | haft. Meine Frau ift geftorben. Man
heiratet. Sie hatte ihren Schwur ge: | hat e8 nicht verhindern können. Ich
halten und hatte ein ſchmerzliches — |bin ein gebrochener Menſch, weiß
das einzige Glüd ihres Lebens darin | Gott! Sept erkenne ich erft, was
gefunden. Der Friede war eingefehrt | fie mir geweſen if. Ich bin ein lie—
bei ihr an der Hand des Todes — | derlicher Kerl, das weißt Du, in jeder
endlih! — bei dem treuen, ſtarken Beziehung. Un mauvais sujet, wie
Herzen; ein Friede, den fie im Leben Ihr mich nennt. Meine Fran hat
nicht finden konnte. Sie jtarb in einem | mich nie mögen, aber fie hat das zu
freundlichen Landhäuschen der ruhigen | ertragen gewußt. Sie war nie eifer:
nieberländifchen Stadt. Vom Fenjter | füchtig ober zänfiih. Ging's durch
ihres Sterbezimmers aus jah man ein | meinen Leichtfinn knapp mit dem Gelbe,
Feld von hohen Bohnenranfen und | dann darbte fie mit mir. Aber rich:
einen Garten, der von Blumen förmlich |tete es doch fo ein, daß wir auf
erfticht war; ein Feiner Zaun umgab großem Fuße zu leben ſchienen. Was
ihn und auf diefem Zaun lärmte eine ich jchlecht machte, wußte fie zu ver:
Schaar von Vögeln. Weber demfelben, decken. Sie hatte eine jo noble Art,
im Hofe, flatterten und gaderten viele | die aus ihrem Innern herausfam.
Hühner, Gänfe und Enten. Das Haus | Mich hat fie nie geachtet, ich fühlte
jelber war alterthümlich, hatte Quer: | das, und — glaube mir, das war das
balken an der Dede und Fenfter, die einzige Leib, welches ich jemals em—
mit Blei eingefaßt waren. Wilder | pfunden habe in meinem leichtfinnigen
659
Herzen. Set fühle ih, daß ich fie
geliebt habe, wie ich’3 nie für möglich
- gehalten hätte. Ich babe jegt feinen
Halt mehr. Ich fürchte, ich werde
jet — finfen. Na, fein Schade um
mich. Adieu. Dein Bruder Audi.
Vanſchuten im Buſch.
* *
*
Graf Joſef las den Brief ſeiner
Frau vor. Es war an einem ſonnen—
glänzenden Florentiner Vormittage, und
ſie machte eben Toilette für die Pro—
menade am Arno. Er hielt manchmal
im Leſen inne. Das bemerkte Gräfin
Jenny. Sie machte plötzlich kleine
Augen, und ein ſcharfer Zug flog um
ihren lieblichen Mund. „Du ſcheinſt
Dir den Tod unſerer ſtolzen Schwä—
gerin ſehr zu Herzen zu nehmen. Du
haſt ſie alſo ſehr venerirt? Haſt ſie
ſicher lieber gehabt als mich?“ —
„O, nein!“ ſagte der dunkle Mann
wie müde.
„Gewiß nicht?“
„Nein.“
„Du biſt ſicher gar nicht in ſie
verliebt geweſen?“
„Gar nicht.“
Sie lacht wieder. „Nun, Dieu
merci. Wie ſteht mir die himmel—
blaue Nobe zu den langen Zoden?
Bin ih ſchön, Gip?“
„Wunderschön !” fagte er, wie man
einem Kätchen ein Stüd Zuder hin:
wirft.
Das war bie Grabrede der Gräfin
Rudiger Sittner.
Gaukle, gaukle, Mäddenfalter ...
Baufle, gaufle, Mädchenfalter,
Tanzend auf beblümter Heide,
Wie ein Diftelhaupt im Minde,
Nur in etwas bunterm Kleide!
Gaukle, gaufle, junger Falter,
Denn was kannſt du fonft als gaufeln?® |
Haft ja recht, auf flücht'gen Blüthen,
Selber flüchtig, dich zu fchaufeln !
Wär's nicht thöricht, dir zu grollen,
Ungerecht, dich anzuflagen,
Meil du nicht wie unfereiner
Haft gelernt dem Tand entfagen ?
Wär's nicht graufam, dir zu pred'gen,
Daß du follft die Melt verachten,
Daß du follft wie unfereiner
Darben, fiehen, einfam ſchmachten?
Unſereiner fieht doch heimlich
Götter zu ſich niederſteigen,
Sieht zu feinem Schmerzenslager
Mufen fih und Grazien neigen. —
Unfereiner kann verzichten,
Sich in’s Weltgetrieb' zu miſchen,
Kann die Erdenkoft verfhmähen,
Denn er fpeif't an Dimmelstifchen.
Aber du, du armes Meltfind,
Arm im Haupt und arm im Kerzen,
Mär’ das bischen Erdentand nicht,
Ach, wie follteft Du's verſchmerzen?
Gaukle, gaufle, Mädcenfalter,
Tanzend auf beblümter Heide,
Mie ein Piftelhaupt im Winde,
Nur in etwas bunter'm Kleide. —
freue dich des furzen Lebens
Und genieß' es nur geſchwinde!
Gaufle, junger Falter,
gaufle,
Tanze, Diftelhaupt, im Winde!
Robert Samerling.
42”
—
Ein Thalgau des ſteieriſchen Oberlandes im Wechſel
der Lahrhunderte.
Eine Studie von Pr. Franz Arones.
Schluß.
Chronifen und auch Urkunden |erbte fih in feiner uralten Benennung
Schweigen gänzlich von unferem Enn 2: | von den ältern Anwohnern auf die nad)
thale bis zum Schlufje des 9. Jahr: | folgende Bevölkerung. So bliebder Name
hunderts. E3 lag nit an der großen Anisus, im Slavijhen Enze, dann im
Heerftraße der Ereigniffe;. aber vieles Deutſchen Enns, das keltoromaniſche
von ihnen ſtreifte nicht bloß dieſe Pirus im Slavifchen und Deutſchen haf-
Thalung, ſondern griff mächtig und |ten (noch heute fpriht man vom Paß
wandelnd ein in ihr Inneres. Wir Pyhrn) — und ebenfo jcheint der ver:
gedachten oben der einen großen Wand: | wandte Bergname Pyrgas, ber zu ber
lung, des Verfalls der römischen Staat®: | Ummallung des Admonter Thalgrun:
und Eulturmwelt, und dann des Erjchei: | des zählt, ih unmandelbar behauptet
nens der Slaven anf dem Boden der zu haben, gerade jo wie das keltiſche
Steiermark. Wir können die dazwiichen | „Taur“ (die Gebirgspforte, der Berg:
liegende Kluft nicht anders ausfüllen, 'pafı)i im ganzen Oftalpenlande, ungerech⸗
als mit der Annahme, daß der fa- ‚net andere Berg- und insbejonbere Flur:
rantaniſche Winde (Slave) in örtliche namen, die noch viel zu wenig durch⸗
Verhältnifie eintrat, die bereit® durch Forfeht find.
ein Jahrhundert an römiihem Ge: Aber noch ein anderer Gefichts-
präge viel verloren hatten und daß punkt ift hier maßgebend. Die kelti—
die feltoromaniiche Benölferung, in den |fche und romanische Bevölkerung war
größeren Niederlaffungen ftart gelich- fiherlic nicht zahlreih und größten:
tet,
oder tiefer in's Gebirge verjtedt, in
der ſlaviſchen Anſiedlung großentheils
bald aufging. Wenn in der ganzen
Steiermark fi bloß zwei feltorömijche
Stadtnamen durch die ſlaviſche Epoche
hindurch bis auf unfere Tage in ihrer
Grundform unverändert behaupteten:
Celeja (fl. Cele, d. Eilli) und Petovio
(fl. Ptuj, d. Pettau) während bie an:
bern ſpurlos verſchwanden oder in den |
heutigen Namen unerfennbar fich ver:
loren, darf e8 uns Wunder nehmen,
wenn im Ennsthalgebiete ein Styriate,
Vocarium gerade jo als Name unter:
aing, wie in der Nachbarſchaft ein
Tartusanum, Gabromagus, Ernolatia
u. ij. w.? Nur das, was gemiller:
maßen ewige Dauer hat,
Ströme, wichtige Bergübergänge, ver:
bedeutende
theil8 aus dem ande gemwichen theils im Bereiche des KHauptthales
jeßhaft. Was weiter ab in den Seiten:
thälern gebirgswärt® lag, von ber
Natur jo eigenthümlich verfchloffen,
wie 3. B. das Johnsbacher Thal, blieb
großentheild Wildniß und ift erjt ſpät
Anfiedlungsboden geworden. Aber auch
das Hauptthal bot durch feine damals
gewiß großen Ueberſchwemmungen,
duch die bedeutenden Sumpfflädhen
und Torfmoore fein geeignetes Gebiet
für bedeutende und dichte Anfieblungen.
Nehnlih blieb es in der ſlaviſchen
Epoche. Es ift ein leicht begreifliches
Geſetz in den Erjcheinungen jeder An:
fiedlungsperiode, daß der Ankömm—
ling zunädft dort jein neues
Heim juht und gründet, wo
ihn eine jhon bejtehende Nie
derlafjung oder deren Spu—
661
ren einladen, gerade fo wie
diechriſtliche Kirhedeserften
Mittelalters gerne an Stät-
ten antiler Cultur ihre Schö—
pfungen fnüpfte.
Mer gibt ung Kunde von ber
ſlaviſchen Einwanderung? Kein ge
jchriebenes Wort ift da unfer Führer,
aber die Berg:, Thal:, Gewäffernamen,
Ortsnamen, ob lüdenhaft und mager
auch die urkundlichen Belege find,
helfen uns, wie das Lämpchen bes
Bergmannes, den nächtigen Schacht
der Vergangenheit erhellen. Müſſen
wir annehmen, daß der Alpenjlave
vom Süden fih nordwärts vorjchob,
vom oberen Murboden in das Enns:
thal, jo bot ihm das Paltenthal
den bequemjten Weg; doch fönnen wir
auch an den Zufammenhang des Enns:
thales jenfeit3 der Mandling und des
in der Vorzeit großen Ennswaldes
mit dem falzburgiichen Pongau den:
fen, wo im 8. Jahrhunderte auch
Slaven ſaßen. Aber zunächit ift wohl
der Meg durch das Paltenthal maß:
gebend, deſſen Flußname einft Palta
ober Palte gejchrieben (vgl. blato,
Sumpf, der jumpfige „Fluß”) aus
dem Slaviſchen ſtammt. Nahe defjen
Ausmündung, am Qauern, wo mir
auch das feltoromaniihe Tartuſanum
ſuchen, gründete der Slave eine be:
beutende Niederlaffung, Crwena fpä-
ter von den beutichen Anfiedlern in
„Roten”mann überjegt, wie es noch
die Urkunde vom Jahre 927 bezeugt,
welche von Notenmann Spricht, es ſei
ſlaviſch: Cirminah (erſchrieben ftatt
Crwena) genannt”. Treten wir auf
dem Wege über Stredau (Strechawa),
das auch an ſlaviſchen Namensurfprung
mahnt, nun in den Liezner Bezirk
des Ennsthales, jo begegnen wir in
Liezen, in ben älteften Urkunden
Luozen, Luezen gejhrieben, einem
ſlaviſchen Namen; er bedeutet ben
Drt in der Au ober moorigen Nie:
derung (vom ſlav. luh).
‚Aber auch andere Ortsnamen in
Ihen Urfprung, jo am rechten Enns:
ufer Zaffing, in ben alten Urkun—
ben Laznich, auch Laznica-hone,
d. i. Laznica-Hofe gejchrieben, von
dem ſlaviſchen Wurzelworte laz das
Gereute, die Rodung.
Auh Döllach, in älterer Form
Dol-ach, führt auf die ſſaviſche Wurzel
dul, Thalung zurüd. Es jcheint, daß
das Admonter Thal, noch heut:
zutage nicht arm an Teichbildung —
man denfe nur an den großen Schei-
belteih — in ber Slavenepodhe durch
jeinen Waſſer- und Sumpfgrund nicht
gleih zur bebeutenderen Anfiedlung
einlud und daß bie windiſchen An—
fümmlinge lieber ftromaufmärt3
in die höher liegenden Stufen bes
Ennsthales vorrüdten. Da treffen wir
auf dem linken Stromufer den Ort
Pürgg (Greifhern), urkundlich
mit dem älteren Namen Gruscarn
(Grufcharn), Groufchern, jegt noch als
Greiſchern erhalten. Offenbar trat wie
bei Rotenmann, der älteren »flaviichen
Bezeihnung, die fich auch in deutſcher
Umformung erhielt, bie jüngere, vom
Haufe aus deutſche, an bie Geite,
ohne als Ueberſetzung gelten zu kön—
nen, dem bei „Pürgg“ ift ficherlich
der gebirgige Boden ber Gründung
gemeint, während bei Gruscarn an
das ſlaviſche Wurzelmort Gruska,
Birne, alfo Birndorf gedacht werben
darf. Man vergleihe nur die ver:
wandten Ortdnamen in der winbijchen
Sübmarf, im heutigen Unterfteier, wie:
Grusena, GruSkowa, Gruskoveeu. A.
Ein Hauptort dafelbft, das alte
Gröbming, ift auch diesbezüglich
als Beijpiel anzuführen. Seine ur:
ſprüngliche Schreibung lautet Grebe-
nich, von der flaviihen Wurzel Er
ben, Feljenfamm, und findet an Gre=
ben in Krain, Griffen (eriuvina in
alten Urkunden) Seitenftüde. Am red)
ten Ennsufer, Greifchern gegenüber,
an der Ausmündung des Irnthal—
baches (d. i. Irdning-Thalbaches) Tiegt
Irdning, in der älteiten Form
diefem Gebiete verrathen den ſlavi- Jednich, Jedeniche gejchrieben, welche
662
ebenjo windijchen Urjprunges ift, wie | Gröbming), gelautet haben mag, iſt
Ingering am obern Murboden, das |nicht unmwahrjcheinlid. Denn, wenn
einft Undrima hieß. Irdning ſcheint wir in das benachbarte Gebiet von
der Tochterort des etwas weiter hin-Auſſee den Blid werfen, fo treffen
auf liegenden Alt-Irdniug geweſen zu wir auf zahlreihe Neminiscenzen der
jein. Offenbar war dann dieſes die windiſchen Anſiedlungsepoche. So auf
urjprünglih ſlaviſche Niederlaffung. |die Klachau (jedenfalls in der älte—
Auch das nahe Golling am gleich: |ren Namensform Glochowe, glogowe,
namigen Thalgraben birgt die jlavifche | von glog, der Weißdorn), auf bie
Wurzel gol, „kahl“, in fi) und läßt Tauplitz (Toplica, von topla, warn,
fih mit Gölnitz (golenica) im Mürz: vgl. den Toplitz-See oberhalb des
thale und mit dem höchſten Grenz: Grundeljees), auf Zauchen (Such,
berge der Steiermark nächjt dem Dad: | troden, vgl. die Zauchen, Zauchwinkel,
fein, dem Hocgolling, dem hoben
„tahlen Berge“ mit dem falzburgi-
chen Golling u. ſ. w. zufammenftellen.
Gleiches gilt von Gritfchenberg und
von dem uralten Orte Gr.-Sölk
im gleichnamigen Thale, einjt Cede-
Sufdol — suchy dol, d. i. Troden:
grund, Zudertal — Trodenthal in
Kärnten, Krain und Steier), und
Rötſchitz (Recica, von feka, Fluß,
relica, fleiner Fluß ober Bad), ohne
eine erſchöpfende Zufammenftellung
licha oder verfürzt Selicha geſchrie- liefern zu können und zu wollen.
ben, woraus dann die deutſche Na:
Lagerte ja doch bis in’s eilfte
mensform Sölf erwuchs; gerade ſo Yahrhundert und wohl noch darüber
wie aus Sedelica, Cedelicatal, Selz: | hinaus, jenfeits Liezens und des Pyhrn,
thal entſtand. Aber auch der be-
deutendfte, Ort des Ennsthales, das
einft bergbauberühmte Schladming,
biht am Ennsfluſſe, ber jenfeits der
Klaujen, der Stromenge, in ein er:
weitertes Bett tritt, in der Nähe bes
Feljenthores der Enns, de Manling-
(Monlicha-, Manlicha-) Paſſes iſt ſla—
viſcher Gründung, einſt Slabnich,
Slebnich genannt, und birgt im
Namen die Wurzel slap, Strömung,
Fluth. Auch Gleiming (Climnich)
ift aus dem jlaviichen gline, Lehm
oder Leim entftanden. Desgleichen
hat auch bie fübmwärts liegende Ge:
ein weitgedehntes Winden: oder Sla-
vengebiet, deſſen Mittelpuntt Win—
diſch-Garſten war und an das
auch die Ortſchaft Stoder Gſchto—
der), von stodor, Kälte, (vgl. die ſon—
ftigen Gſchtoder, Stoderfahr) erinnern.
E3 wurde erwähnt, daß die Tha—
lung hinter Liegen, der Admon—
ter Kejfel und deffen Nachbarſchaft
dur) die ftarfen Teich und Sumpf:
bildungen und das Ueberſchwemmungs—
gelüfte des von Liezen ber langjam
fließenden, vor dem Gefäufe rück—
ftauenben Ennsſtromes weniger zur
Anfiedlung der Slaven einlud. In der
birgswelt, 3. B. das Leſſach-(Laſſach) That ift da die Ausbeute an Orts,
Thal den flavifhen Namensfern | Fluß:, Berg: und Thalnamen nicht
(les, Wald) in fi; ebenfo wie im groß. Immerhin finden fich Belege an
Gebiete der Sölf der Gatſchberg, der Höhe Polane am Eßling—
das Thal Feijter (vgl. die vielen bache (urf. Ozlich), am Frutz- oder
Feiſtriz — Vustriea oder Bistrica), Frentzbache bei Admont (urkundl.
da8 Krafauthal (o. ©uggauthal) | Frodenice, geſchrieben, vom jlav. brod,
(vgl. die Laibacher Vorſtadt Krakau Furt, vgl. Vustriza, Feiſtritz und
in Bezug der Namensbildung) Daß | Bistriea), ferner an den Namen ber
den gewaltigen Grimming am nörd- Höhen: Zirnitz (Sirmze)und Pleſch
lihen Ennsufer der Slave ſchon be: | (ples, Kahlheit, der „table Berg“,
nannte, und die urſprüngliche Form vgl. Plöſchkogel bei Neun, den Berg
Grebenik , ber Feljenfamm (vgl. Pleſcheutz bei Scheifling). Augenschein:
—
lich ſchob ſich das Windenvolk in ſtär- Namen durchaus das lateiniſche ad
kerer Strömung aus dem Paltenthale montes, „bei den Bergen“ ſuchte, ob—
in das Ennsthal, von Liezen ſtrom- ſchon keinerlei Anhaltspunkt dafür vor:
aufwärts und nach Norden über ben | liegt und der Kenner des Althoch-
Pyhrn nah Windiſchgarſten und Gito:
der vor, während es daS tiefer lie:
gende Ennsthal Hinter Liezen ſchwächer
beſiedelte.
So hätten wir an der Hand ſprach—
licher Spuren, die uns die alten Ur—
kunden vermitteln helfen, den unzwei—
felhaften Nachweis geliefert, daß das
obere Ennsthal bis zur Mündung der
Palten windiſche Anſiedlungsgruppen
barg, und daß, wenn auch ſchwächer,
von Liezen ſtromabwärts das Winden—
thum Bodenſtändigkeit in gewiß ſchwa—
chen Anſiedlungen gewann, bevor der
Deutſche hier ſeßhaft und alleinherr-
Ihend wurde. Wann, unter welchen
Umftänden und in welcher Reihenfolge
diefe ſlaviſche Golonifation vor ſich
ging, läßt fih natürlich nicht einmal
annäherungsweije beftimmen. Wir müſ—
jen und mit jener allgemeinen That:
ſache begnügen.
Die deutſche Anjiedlung,
welche das eigentlich hiſtoriſche
Gepräge dem Ennsthale ver:
deutjchen darin augenblidlich das Ges
münde, die Mündung des Baches
Ada oder Ade, aljo eine beutjche
Namensbildung erkennt. Ob in dieſem
Ada oder Ade Keltiſches verborgen
ift, mag dabingeftellt bleiben; an das
deutjche Ache läßt fich babei nicht
leicht denken. Jedenfalls war es ber
unmittelbar bei Admont in die Enns
einmünbende Gebirgsbach. Auch über
den Grafen Witagowo wiſſen wir
nur jo viel, daß er hier Gaugraf
gewejen fein muß. Im Mai des Jah—
res 928 tritt der vollfreie, alfo durch
fein Dienftverhältuiß gebundene We:
tiant, mit feiner Gattin Adalfuind, dem
Salzburger Erzbifhofe Adalbert für
Ueberlafjung eines Hofes im färnt:
niſchen Frieſach, auf Lebzeiten, feine
Beligung zu Haus im Ennsthale als
geiftliches Lehen ab. E38 ijt bie erjte
Urkunde, welche uns mit dem Hoch:
tifte Salzburg, nachmals bem
reichiten Grunbbefiger im Ennsthale,
und mit einer der älteften deutjchen
leiht, nahm erſt jeit der Karolin | Drtsgründungen in deſſen Weſtecke be—
gerzeit ihren Anfang und ihre maß:
gebende Bedeutung im 10., 11. Jahr:
hundert. Wir werden am beften thun,
bie jpärlichen Urkunden, welche unfere
Führer find, zu würdigen, um daraus
zuglei die bunte Miſchung der Befit-
und Einwanderungsverhältniffe kennen
zu lernen.
Das ältefte Zeugniß, das uns jo
recht in das Herz des Ennsthales ver:
jeßt, die Urkunde des oftfränfifchen
Königs Ludwig d. D. von 859 ver:
leiht dem Grafen Witagouuo Wita⸗
gowa) zwölf königliche Binshuben im
Thale Ademundi. Es iſt das
eritemal, daß uns biefer Name be:
gegnet, der dann auch Adamunton,
Adamunda, Ademunt, jpäter Abnund,
Admont lautet. Im Munde des Bauers
beißt er Arment oder DOrment.
nimmt Wunder, weshalb man in dieſem
fannt madt. Gleih darauf, 931,
taujcht zu St. Georgen am Zängenfee
in Kärnten Graf Alprich (Alberich)
von der Salzburger Hochkirche eine
Salzjiederei bei Adbamunton
für fein Eiſenwerk „Gamanaron“ bei
Dbdah ein. 1005 verleiht König
Heinrih II. dem Erzbiſchofe Hartwig
dag föniglide Gut Adamunta
im Ennsthale in der Grafjchaft Adal—
bero’8 (des Eppenfteiners und ſ. 1012
Kärntner Herzoges) mit allem Zuge:
hör, mit den Salzpfannen, Pfannſtellen
(ogl. den Pfannftiel-Bah) und den
börigen oder unterthänigen Leuten.
Admont erſcheint ſomit als Konigs⸗
gut, Domäne, auf welcher zunächſt
Salzſiederei betrieben wird. Auf diefen
Salzreihthum weist der Ortsname
Uns Hall und Hallthal bei Admont zurück.
1016 ſchenkt derſelbe Kaiſer dem Gra—
—
fen Wilhelm von Soune und Frieſach- ſich in das neue Kloſter als deſſen
Zeltſchach und ſeiner Mutter, der h. erſte Bewohner. Den Umfang ſeiner
Hemma, den dritten Theil der könig- Beſitzungen läßt ung bie Beſtätigungs—
linden Saline allda. 1036 erwirbt | urfunde vom Jahre 1106 ermeflen.
Salzburg vom Kaifer Konrad II. den‘ Sie verbreiteten fih über den Ad—
föniglichen Hof ſammt Huben in Laſ—
fing. Im Sabre 1042 nahm die h.
Hemma aus dem hochadeligen Ge: | Murboden,
ſchlechte der Weilfteiner, an deren
großen, weitverzweigten Beſitz auch
jet noch der Ortsname Peilſtein im
Unterlande erinnert, die Witwe bes
Srafen Wilhelm von Soune, den
Schleier in dem Nonnenklofter zu Gurf
im Kärntnerlande, das fie, neben einem
Domitifte für 30 Chorherren gegrün:
det. Ihre beiden Söhne waren ihr
im Tode vorangegangen, „elendiglich
erichlagen“, wie es ihre Urkunden be-
zeugen — und zwar der Sage zus
folge — von den meuternden Erz:
frappen der Zeiringer Silbergruben.
Weltmüde und ohne Erben, verjchenfte
fie das große Eigengut ihres Hauſes
an die Kirche. Salzburg wurde ge:
wiljermaßen der Haupterbe der hohen
Frau (F 1045, 24. Juni), aber mit
ber Verpflichtung, zu Gurk ein Bis:
thum und in Admont einfloiter
zu grünben und reichlichit auszu—
ftatten. Hemma weilte hier nicht jelten.
Db die Volksſage Net hat, ihr Schloß
jei am „Purgſtall“ zwifchen der Plöſch
und dem Leichenberge, wo eben die
Salzquellen zu Tage treten, gelegen, ift
nicht erwiejen, aber ſehr wahrjcheinlich.
Erzbiihof Gebhard von Salz
burg, einer der entichiebenften Gre—
gorianer, einer der Werkleute Hilde
brands in deutſchen Landen, melde
den jchwierigen Grund zu dem großen
monter Thalgrund, in's Palten- und
Triebenthal. Wir finden fie am obern
bei NRöthelftein, in der
Nähe von Graz, bei Straßgang, wo
bald auch das freundlihe St. Martin
ein Befig Admonts wurde. Aber wir
fönnen fie auh nah Kärnten, um
Friefah, auf dem Grabfelde (Krap—
feld), in den jalzburgifchen Pongau,
in den Lungau, nach Dberöfterreich,
bei Wels, nach Nieberöfterreich, gegen-
über der Wachau, ja nah Baiern um
Rojenhain zu verfolgen. Man fieht,
Gebhard hatte als Stifter eine offene
Hand, und die Saalbüher Admonts
zeigen, wie raſch dieſer Befit durch
weitere Schenkungen „zum Seelenheile“,
buch Tauſch und Kauf fi vergrö-
Berte. Unter den erſten Geſchenkgebern
war auch Adalbert, der rauhe Sohn
des fteierifchen Markgrafen Dttofar V.
(III), der uns bald als Graf bes
Ennsthales und des Gaiferwaldes be—
gegnet, jener großen Waldflur, bie
einft von Kallwang bis Trögelwang
und Gaishorn reichte. Er zählte zu
der in Inneröſterreich ſtarken Partei
Kaiſer Heinrichs IV., in deren Reihen
wir auch Bilchöfe finden, welche ſich
von Hildebrand, „der fih Pabſt nennt”,
losjagten. Sein Bruder, Markgraf
Dttofar VI. (IV.), war für die päpjft-
lihe Sache gewonnen. So trennte der
traurige Barteifampf die Brüder.
Adalbero, der Anhänger bes henricia-
niſchen Erzbifchofes Berthold von
Baue der unabhängigen und bereichen: | Moosburg, Nebenbuhlers Gebhard's,
den Kirche legen halfen, vollzog bie
Gründung der Benebiktinerabtei Ad—
mont fo rajch, daß bereits am 29. Sep:
tember 1074 die Weihe der Abmonter
Kirche, eines fchlichten Gotteshaufes
im romanijchen Style, vor fi gehen
fonnte. Zwölf Mönche des uralten
Petersflofters in Salzburg, unter Füh—
rung ded Bruders Arnold, begaben
ließ die Kärntner Güter des Salzbur:
ger Erzbisthums feine Feindfchaft im
reihen Maße veripüren. Ihn traf der
Bannfluch des Metropoliten, damals
noch Fräftiger in feiner Wirkung.
Aber jo ſchnell beugte er den Starken,
Gewaltfinnigen nicht. Auch das Klofter
Admont verfpürte jchon im vierten
Fahre feines Bejtandes die Schreden
665
des inneren Krieges. Um 1078 über:
fielen es die beutegierigen Schaaren
|
des rückſichtsloſen, thatkräftigen Königs
empfand. Im Abmonter Klofter ſuchte
der Gegner Gebharbs, feines Stifters, | ber Erzbifhof vor den Verfolgern
und plünderten deſſen Schag, worin
bejonder8 ein Stück byzantinifcher
Kunftarbeit, reih an Gold und Ebel:
fteinen, an 1000 Mark Werth, das
Gebhard von Eonftantinopel als Ehrung
mitgebracht und dem Admonter Klofter
gefpendet hatte, einen blutigen Streit
um beifen Beſitz unter zwölf Kriegs:
fnechten erregt Haben fol. Acht von
ihnen wären ſchon im Kampfe gegen
einander erlegen, da ſei der Mönch
Nordwin hHerbeigeeilt, und um dem
weiteren Morden Einhalt zu thun,
zerftüct er das Kleinod in vier Theile,
damit die noch Lebenden vom männer:
mordenden Streite ablafien.
Bald ſtreckte nun Markgraf Otto:
far VI. (IV.) den fchügenden Arm
über das Klofter und endlich gelangt
der verbrängte Gönner besfelben, Erz:
biihof Gebhard, wieder zur Gewalt
im Hochitifte (1086). Um dieſe Zeit
entledigt fich auch Adalbero des Ban
nes, indem er zur Buße die Schäden,
welche durch ihn Admont erlitten, duch
Schenkung der Drtichaften Ardning
(Arnicha), Ei bei Haus und Hau:
zenbihl (Hucinpuhil) vergütet. So
gewahrten wir das Ennsthal als
Schaupia eined Kampfes, der das
ganze deutſche Neih und auch das
wälſche Land jenfeit3 der Alpen mit
feinen Leidenſchaften erfüllt. Seine
legten Schwingungen erftarben erft mit
dem Wormjer Concordate vom Jahre
1122, dem erjten Friedensſchluſſe diefer
Art, zwiſchen zwei Gemwalten, deren
Wege denn doch fortan auseinander:
liefen. Auch die Schlußphajen jenes
Kampfes jpielen fih auf dem Boden
des Admonter Thalkefjel® ab, denn
Erzbifhof Konrad von Salzburg, An:
bänger bes Papftes Paschal II., mußte
vor dem Grimme Kaijer Heinrihs V.
flüchten, desfelben, den das Papſtthum
gegen den eigenen Vater Heinrich IV.,
ben Gebannten der Kirche, bewaffnet
hatte und bald den jchweren Arm
jeine Zuflucht, mußte aber in den
Jahren 1111—1112 ſich in verjchie:
denen Verfteden bergen. „Ein halbes
Jahr“, berichtet die alte Chronif,
„bielt er fi in der Höhle eines Ber:
ges veritedt. 16 Mochen ftaf er dann
in einem unterirbijchen Keller des
Klojterd. Einen ganzen Tag verbrachte
er in dem Wirbel eines Fluſſes bis
an das Kinn verſenkt.“ Befreundete
Perjönlichkeiten von Macht und Ein:
Muß halfen ihm endlih, nah Sachſen
zu entkommen, wo er bis 1115 als
Verbannter unter dem Schube des
Magdeburger Erzbiſchofs verweilte.
Dann fehrte er heim und gab dem
Klofter Admont in der Perſon Wol:
volds, des Domherrn von Freiſing,
dann Mönches zu St. Georgen, einen
thatkräftigen Abt. Unter dieſem erhob
ſich Kloſter und Kirche von Ad—
mont im neuen ſtattlichen Baue und
ein bald berühmtes Nonnenkloſter
zur Seite des Mönchſtiftes.
Wir haben die Geſchichte des St.
Blaſien-Kloſters Admont bis zu einem
Zeitpunkte ſtizzirt, der uns geſtattet,
auf deſſen inneres Leben einen Blick
zu werfen, wie es ſich im Laufe des
zwölften Jahrhundertes ausgeſtaltet.
Ein Männer- und Frauenkloſter ſteht
vor und. Letzteres umſchließt Frauen
bedeutender Häufer: Agnes, Tochter
des Grafen Dtto von Wolfratshaufen,
Kunigunde T. Bertholds von Andechs,
Judith, T. Heinrichs von Naffau u. U.
Auch erzählt die Klofterchronif, daß
Sophie, die Tochter K. Bela’s II. von
Ungarn, Verlobte Heinrichs, des Sohnes
K. Konrab3 II. von Deutichland, als
ihr Bräutigam ftarb (F 1150), ſich
weigerte, das Klofter zu verlafen, mo
fie inzwiſchen untergebracht worben war.
Selbft einer ihrer Brüder (2) fol
fein Grab neben ihr in der Abmonter
Gruft gefunden haben. Außer Mönchen
und Nonnen ericheinen Converſen,
das find „Bekehrte“, jolde Perjönlich-
keiten, welche Ueberdruß an der Welt,
oder Gefühl jchwerer Schuld dahin
brachte, ohne eigentlich geiftlich zu
werben oder dem Slojterverbande an—
zugehören, ihre Tage in Gebeten und
Bußübungen can diefer geweihten
Stätte zu ſchließen. Das Klofter:
wejen ijt eine Welt im Sleinen.
ganzen geiftlihen Körperfchaft, der
Prior an der der engern Genoſſen—
ihaft, des Gonventes, in welchem ihn
zunächit die Senioren im Nange treten.
Für die Bebürfniffe des geijtlichen
Lebens ſorgen Guftoden (Gufter) die
ben Kreuzzügen insbefondere tritt das
Uebel des Ausfages oder der „Mijel-
ſucht“, welche der bedeutende mittel:
hochdeutſche Dichter Hartmann von
der Aue in feinem „armen Heinrich“
al3 Motiv einer ergreifenden erzählen:
den Dichtung behandelt, im Abend:
lande vorherrfhend auf. Man jtaunt
Der Abt fteht an der Spike der
über die lange Neihe der im Le
profenhbaujfe des Kloſters
Admont unter der Leitung eines
eigenen Spitalmeiſter verpflegten Aus—
ſätzigen, wohl auch ſonſt an Siechthum
Leidenden, die uns für die Zeit von
1150— 1190 die Urkunden gelegent—
Bibliothefare (armarüi, da fie das | lich verzeichnen. Darunter finden fich
theologiihe „Rüſtzeug“
und Sakriſtane, für die Finanzen bie
Kämmerer, für bie Wirthſchaft der
Hofmeifter, Werkmeiſter und Schaffner,
für den Keller der Kellermeifter. Weber
die Converſen führt der Gonverfen-
meifter die Auffiht. Die Hand:
werfer des Kloſters — (bemn
noch iſt das Gewerbe hörig, leibeigen,
an Haus und Hof bes geiftlichen unt
weltlihen Grundheren und Macht:
habers geknüpft), von ihm wie Diener
des Haufes gehalten, verpflegt und
geſchützt: Kürfchner, Bäder, Binder,
Maurer, BZimmerleute, Drechöler,
Schmiede, Schneider, Schuiter u. N.
jtehen unter dem Klofterwerfmeifter,
dem und beziehungsweile dem Schaff:
ner und Hofmeilter auch die andern
Diener: die Köche, die Fiſcher, Kalk:
brenner, Jäger, Holzichneider (Segner)
u. A., fo auch einer der wichtigjten
MWirthichaftsdiener, der Verweſer der
Alpenwirtbichaft, der „Schwaiger“,
zugewiejen erjcheinen. Die großen
Klofterwaldungen beauffichtigt der
Maldmeifter ; die in vielen Gegenden
der mittlern und untern Steiermark
und Nieder:Defterreih3 vorhandenen
Meingärten unterjtehen dem Meinberg:
meilter. Das Spitalwejen leitet ber
Spitalmeifter, die Kloſterſchule der
Schulmeiſter.
Eigenthümlich jener Zeit
die Häuſer für Ausſätzige. Seit
verwalten) die Angehörigen der Kloſterherrſchaft,
die ſogenannten Gotteshausleute
oder die zur „Familie“ der Kirche
des h. Blaſius gehörten, wie man
damals auch zu ſprechen pflegte;
nicht ſelten adelige Namen, freie
Zinsbauern, welche perſönlich frei und
nur abgabenpflichtig waren, ſodann
die Kriegsleute des Kloſters; ferner
Leibeigene, welche, an die Scholle ge—
bunden, mit ihr verkäuflich, vertaufch-
bar erjcheinen und ſammt ihrer
Familie, bei VBeräußerungen getheilter
Grundftüde, auch nad Köpfen getheilt
werden könnten, und Hörige, die ber
Kirche als Fromme Gabe geſchenkt
wurden.
Auh für die Armenpflege war
ein eigener Gonventuale beftellt.
Das Nonnenklojter befigt na—
türlich feine eigene weibliche Diener:
haft, in der „Fraxenfammer“, und
feine Verwalter auf den eigenen Stif—
tungsgründen.
Doch wir müſſen noch einiger ur:
kundlicher Thatſachen gedenken, welche
ung die äußerſt gemijchten
Befigverhältnifje diefer Epoche
veranſchaulichen. So erhielt 1115 das
oberöjterreihiijhe Kloſter Garſten
das Gut Wolfpernberch (Wölferberg)
und Aiglern; überdies von der edeln
Frau Truto für die Aufnahme in die
ſind Stiftsgenoſſenſchaft einen Antheil an
Salzſtellen bei Admont, das Stift
667
Berchtesgaden dad Gut Dome:
laren (Diemlern). Das St. Peter:
Elofter von Salzburg war in
der Gegend von der Mandling, an der
Klaufen, begütert.
Bei Liegen und Strehau und
in Sebiach hatte um 1135 der Voll:
freie Regilo von Hagenberg Be:
fit und noch Andere feines Standes
findet ſich verzeichnet. Auch das
Klofter Reun war im Ennsthale
und im Gebiete von Auſſee begütert
und bejaß einen Antheil der Ad—
monter Salinen,
Adelheid, die edle Frau aus dem
alten Haufe der Herren von Machland
in NRieder:Defterreich, der Vollfreie Ma:
gano, Eberhard von Lambredtshaufen,
— During von Waging, Frau
Adelheid von Kurzenfirhen, der Voll:
freie Rudolf von Bucenperge, Dtto
von Leoben, Dienjtmann des Mark:
grafen von Steier, die Vollfreie Gi:
jela von Aſſach, Dtto von Kulm,
Herrant von Wildonie erjcheinen als
Grundbefiger im Ennsthale. An den
einft Föniglichen Salzpfannen bei Hall,
unweit Admont, hatten nicht blos
das Klofter dieſes Namens, jondern
auh noch St. Lambrecht, das
Kärntner Stift St. Georgen am
Längenfee, das Klofter Garjten in
Dber:Deiterreih, die Hochſtifte Gurk
und Freifing ihren Antheil. Ein
bedeutender Grundbeſitzer zwiſchen
Enns und Paltenthal war das Bam—
berger Hochſtift. Der bedeutendſte
Grundbeſitzer und Schutzherr Admonts
war jedoch Salzburg, welchem
das ganze Ennsthal unterhalb Liezen
und jenſeits des Geſäuſes bis an die
Graſſchaft Aflenz im Oſten gehörte. |
Ueberdies beſaß das Erzbisthum
unmittelbar große Liegenſchaften, die
als Lehen an die Traungauer
und dann an deren Nachfolger, bie
Babenberger übergingen. So bunt ge:
mischt erfcheinen die Beſitzverhältniſſe
im Ennsthale und mit der Gründung
des Stiftes Admont gewinnt bie Be: |
fiedlung des Ennsthales nad) Oſten hin
eine gefteigerie Bedeutung.
Und nun ift e8 hoch an der Zeit,
daß wir desWeſens der deutſchen
Anſiedlung im Ennsthale, ſeiner
Deutſchwerdung gedenken.
Wir verglichen ſchon weiter oben
die Arbeit der geſchichtlichen Völker—
und Ortskunde ferner Jahrhunderte
mit der des Geologen; der Letztere
erſpäht die Schichtungsverhältniſſe der
Bevölkerung. Zweier ſolcher Schich—
tungen: der keltoromaniſchen und ſla—
viſchen gedachten wir bereits, nun
kommt die deutſche an die Reihe.
Selbſtverſtändlich werden uns zwei
allgemeine Thatſachen begegnen: die
deutſche Umformung älterer
Ortsnamen, dort wo der Deutſche
in ſchon beſtehende Niederlaſſungen
eintrat und rein deutſche Namens:
bildung, wo der Deutſche eben eine
vom Beginne her neue Anſiedlung
ſchuf.
Zu der erſten Claſſe gehören, un—
angeſehen die Gegend und Flurnamen,
die Ortsnamen Gröbming, Irdning,
Schladming; im Schladminger Be—
zirke: Gleiming; im Gröbminger:
Strimitzen (strmec Abhang); Gatſchen
(ſſ. Wurzel gat, Grube); Gritſchen—
berg, Greiſchern (Pürgg), Zlem
(ſſ. Zlom, zlam, Bruch), Klachau,
Tauplitz, Wörſchach (ſl. brdo, vgl. d.
kärntniſche Pörtſchach), Schlattham
(vgl. Schlatten v. jl. slatina), im
Irdninger Bezirke; ſodann: Liezen
und im Nottenmanner Bezirk: Noten:
mann ſelbſt (als Ueberjegung des ur:
jprünglich jlavifchen Ortsnamens) und
Laſſing, — in denen unjchwer bie
ſlaviſche Wurzel heraus gefunden werben
fan.
Auch Rötſchitz, Kunitz (fl. Kuna,
Kunice, Marder), Treffen (vgl. Treffen
in Kärnten, Trieben und ähnliche
v. flov. trebez, Gereute) und Zauchen
(v. sucha ſl.: troden, dürr) im Gebiete
von Aufjee gehören zu diefer Gruppe.
Bei einigen Ortsnamen treffen wir
auf einen ſpecifiſch bairiſchen Auslaut,
668
den auf —ing, wie bei Irdning,
Schladming, Gröbming u. N.
Ungleich größer ift die Zahl der
vom Haufe aus deutjchen Ortdnamen,
entiprechend der überwiegenden Deutjch:
anfieblung auf neuem Grunde und
Boden.
in vier Hauptklaſſen ſcheiden. Die erfte
umfaßt Namen, welche fi aus der
natürliden Beſchaffenheit
der Ansiedlung, ihrer Lage,
Bodennatur u. ſ. w. ergaben. Hieher
zählen Auberg, Ennsling (Ort an ber
Enns), Klaus (Klaufen), Pichl (Bühel),
Weißenbach, im Bezirfe Schladming ;
im Aufjeer: Thörl, Anger, Lichters-
berg. Im Gröbminger begegnen ung
beifpieldweife: Mitterberg, Sonnberg ;
im Irdninger: Hohenberg, Mitteregg,
Winklern, Naumberg, Au u. A. Eine
zweite greift örtlide Typen der
Pflanzen: und Thiermwelt ber:
aus, fo 3. B. Puchen, Lerchenreith
(Gereute auf Lerchenholzgrund), Erls:
berg (Erlen: Berg), Birnberg, Nohr:
moos und die mehrfachen Ai auf
der einen — oder: Fuchsberg, Falken:
berg, Krungl (im Auffeer Bezirk, ahd.
Grungil, jegt Grundl, vgl. Grun—
belfee, einft Grungilfee gejchrieben)
auf der andern Seite. Eine dritte
Klaffe bezeichnet die Entſtehung
ber Anfiedlung, jo: Haus, im
Schladminger Bezirke, dem fi dann
jüngere Anfieblungen Oberhaus, Ober:
hausberg, zugejelten,; Reit, Neittern
(im Auffeer Bezirk), Oberreith (im
St. Gallener Bezirk), Neitthal (bei
Liezen), von Gereute oder Nodung ;
Dber- und Unter-Hall bei Admont,
als Drt der Salzgewinnung. Bei
Gröbming entftand am Ennsftrome
ein Brüdern (Prukkarn), aljo ein
Brüdenort, Mauterndorf (Muotarun- |
dorf), bei Klaus im Schlabminger
Bezirk, erwuchs als Mauthſtation.
Fiſchern im Irdninger Bezirk, läßt
auf eine Fiſchereiſtation ſchließen,
Dachenberg oder Tachenperg erſcheint
früher als Tichinperge, Teichberg
geſchrieben und um ſo klarer in ſeiner
Dieſe Ortsnamen laſſen ſich
Bedeutung. Eine bedeutende Zahl
Drtönamen ift perfönliderNatur.
| Abgejehen von den Heiligennamen
der Ortskirchen, welche ber Drtichaft
jelbft den Namen geben, 3. B. St.
Martin, St. Gallen (Gallus) feſſeln
ung jene Ortönamen am meijten, in
denen ber Name ihres Grün:
ders oder Eigenthbümers fi
birgt, bie, zufolge der eigenthüm-
lihen Koſeformen der altdeutfchen
Perfonennamen, an fih Schmierig:
feiten bieten, nicht minder durch all:
mälige Verkürzung und Abjchleifung
oft bi zur Unfenntlichkeit entjtellt er:
\fcheinen, und eben darum nur mit
ı Hilfe der alten urfundlichen Schreibung
zu deuten find.
\ So bebeuten im Schlabminger
Bf. Göffenberg als Gossinberge, Berg
‚bes Gozzi, Gozzo; im Gröbminger:
ı Diemlern in der alten Form Toum-
larn Flur des Touml oder Dümml
(das ahd. lär. Flur, Gebiet, ift ver:
ſchollen); Gerftorf als Gerichesdorf:
Dorf des Gerich; Niglern bei Jroning
|al$ Egilwarin: Ortichaft bes Egil
j ober Agilo; Ebeling: Ortſchaft bes
Adalo oder Edilo, Salaberg als
Scalchinberge: Berg bes Schalten
(als Zuname; fonft bedeutet es ben
Hörigen oder Leibeigenen). Im eilften
Jahrhunderte beftand ein Wicemanin-
gen, ein Eberhartingen, zwiſchen
Gröbming und Irdning (die Form
des Auslautes —ingen, dem bairischen
—ing gegenüberftehend, meist viel
leiht auf alemanniſche oder ſchwä—
biſche Anfiedlung). Deblarn läßt ji
als die Ortſchaft des Obil (Koſeform
von Dtbald) deuten, Nopenberg bezieht
fih unftreitig auf ben Eigennamen
Noppo (Kofeform für Norbert), den
'3 B. 1139 ein falzburgiiher Mini:
'fteriale führt, der dann Mönd in
Admont wurde. Ardning, in der ältern
form Arnich, enthält den Eigennamen
Arn (Arno), der jegt noch in Arnold
ih erhalten zeigt. Ob in den beiden
Tipjchern des Gröbminger Bezirkes
‚die Kojeform von Dietbold, die aller:
669
dings Dippe lautet, ftedt, alfo
Tipſchern jo viel wie Drtiaft Diet:
bolds bebeute, ift nicht entjchieden,
aber wahrjcheinlich.
Meit reicher würde natürlich die
Ausbeute fein, wenn wir auch noch
in der Fülle der Gegend: und Flurs
namen deutjcher Art Umſchau halten
wollten. Doch müſſen wir diefe An:
wandlungen überwinden, denn faft
fürchten wir, bie Geduld des Leſers
auf eine harte Probe geftellt zu haben.
Die bisherigen Nachweile genügen,
um das ungefähre Schema der ältejten
Wandlungen der Anfievlungsverhält-
niffe in flüchtigen Strichen vorzuführen.
Noh wären wir verjudt, ein
hiſtoriſches Drt3: und Zeitbilb
aus der Mitte des 12. Jahrhundertes
frei zu geitalten.
Es ift das Jahr 1156. Im Hofe
des Kloſters Admont geht es jehr
rührig zu, denn wir haben Vorabend
„Unferes Frauentages der Schidung”
d. i. Maria-Himmelfahrt (14. Auguft).
Für den Schaffner, Hof: und Werk:
meifter gibt e3 vollauf zu thun, um
vor dem morgigen Tage alle Arbeit
erledigen zu lafjen. Noch fieht man
bie furdtbaren Zeichen des großen
den auch Säger Lanzo hoch ehrte.
Brandes, der die Hauptgebäude bes
Klofterd in der Naht vom 10. auf
den 11. März 1152 entieglich heim:
ſuchte. Forjtmeifter und Jäger haben
jo mandes feifte Stück Wild einge:
liefert, da3 den Gaumen legten wird;
doch macht ihnen das reißende Gethier,
Bär und Wolf vor Allem, jeden
Jagdplatz ftreitig und noch vor Kurzem
beftand der Jäger Lanzo, ber ſich gern
rühmt, einen Schelch (Riejenhirich)
erlegt zu Haben, ein hartes Stüd
Arbeit mit einem Wifent (Bifonitier).
Dafür freut ihn aber das gewaltige
Gehörn des grimmen Thieres, das er
dem MWaldmeilter des Stiftes, dem
Zaienbruder Hartwig, jeinem Vorge—
jegten und Gönner, zu verehren nicht
unterließ. In deſſen Zelle prangt
dies Stüd und noch anderes jeltjame
Geweih und Thierfell, neben Spießen,
Armbrüften und breiten Fangmeſſern.
Denn Bruder Hartwig war und
blieb allzeit ein gewaltiger Jäger vor
dem Herrn, ein gejchmorener Feind
der gejchriebenen Bücher und lag
darum Häufig im Streite mit bem
Bibliothefar und BPriefter Bruder
Merinher; wenn diefer ſich auf bie
Bücher, feine Pfleglinge, die er durch Ab-
ſchriften jelbft mehrte und mehren ließ,
einiges zu Gute that und öfters dem Herrn
Maldmeifter nahe legte, daß deſſen
Lieblingsgefhäft gerade nicht zu ben
Dingen gehöre, bie Gott an einem Sohne
des St. Blafienklofter8 behagen könnten.
Hartwig war darum aud) froh, da
der geftrenge Subprior und Biblio:
thefar 1140 als Abt nad Brül bei
Regensburg überfiedelte. Die Biblio:
thef allerding® hatte an ihm nicht
wenig verloren, denn jo mandes aus
Eigenem that Bruder Werinher für
feine Bücher. So kaufte er von einem
gewiffen Dttofar, dem Sohn des Sal-
man, einen Weingarten zu Würflach
in Unteröfterreih um 3 Markt und
3 Pfund Pfennige, daß von deſſen Er:
trägniß Handſchriften angeſchafft werben
könnten. Um fo beffer ftand Hartwig
mit dem fellermeijter, Bruder Ulrich,
Wußte doch diefer, daß einem ver:
dienten Jäger ein rechtichaffener Trunf
fo oft als thunlich nicht vorenthalten
werben ſolle. Im Keller gibt es heute
viel zu thun, denn die „Familie“ des
heiligen Blafius erwartet morgen vol:
lere Becher zum fettern Mahle. Es iſt
großer Feittag und auch die Amtleute
des Stiftes, die Pröpfte, der Orts:
richter, die Gerichtäboten und Bedien—
fteten der Umgebung, überdie® auch
vornehme Gäfte der Nahbarichaft wollen
dem Keller und der Küche des Kloſters
alle Ehre erweijen. In fchlechter Laune
it der Kämmerer, Bruder Eppo, denn
er hat das undankbarite aller Aemter:
die Geldeinnahme und Ausgabe des
Stiftes, in Obhut; er ift der Finanz—
minifter, der heuer wenig einfädelt und
viele Zahlungen leiten muß. Denn groß
670
ift wohl die Herrfchaft des St. Bla—
fienftiftes, aber ungeheuer dehnt fich
no der Wald ojtwärt3 zu beiden
Seiten der Enns, nur felten von einer
größern Zahl von Gehöften unter:
broden. Wer vom Hallthal an der
Buchau (Puechowe) gegen St. Gallen
wandert, oder in die ftarrende Wild:
niß am Jonspach (Jonispach), am
Hartwigsbach, eindringen will, oder
jenfeitS des großen Ennsbuges das Ge:
lände der Salzach zu betreten wagt,
fieht die8 am beften. Ueberreich ift
da die Natur an Holz, Gras und
Maffer, wohl aud an Erz, aber man
kann diejen Reichthum nicht gleich be:
zwingen, nicht verwerthen und mur
langſam erjchließt fih die Wildniß ber
Menihenhand. Da erwarb fich erft
vor Kurzem Gottfried von Wettern-
feld ein großes Verdienſt, als er die
Kirche zu Ehren des heil. Gallus er-
baute, da ſonſt die nicht eben zahl:
reihen Priefter Abmonts an 3 Tag:
reijen weit jeeljorglihe Berrichtungen
zu leiften hatten.
Der Salzquell von Hal ſtrömt
wohl noch ergiebig, aber die Stifts-
verwaltung iſt koſtſpielig unb das
Klofter mit den Nachbarn, welde an
diefer Gottesgabe auch ihr Necht haben,
nicht jelten im Streite. Auf den aus:
wärtigen Beligungen laften manche
Schuldzahlungen und der Meinberg:
meifter des Kloſters hat nur ſchlimme
Botichaften von der fommenden Wein:
leſe. Der Rebenſaft dürfte jpärlich
und jauer werben. Der Bergbau ift
nicht ergiebig, die Goldmwäjcherei in
der Frutz läßt Schon allerhand frommen
Wünſchen Raum. Das Stift zählt jo
manden Wohlthäter mit offener Hand,
aber auch manden hartgejottenen
Gegner. Ein folder ift Herr Hertnid
von Ort und noch Andere. Ja bis
in die Nähe des Stiftes greift manch—
mal die Hand eines räuberiſchen Nach:
bard. So ftört man die ftille Ge-
meinde der fettpelzigen Biber an ber
„Biberſchwelle“ bei Aomont und der
wohlſchmeckende Käſe, den das Stift
in der Kaſerau (Kaiferau) bereiten
läßt, wurde einmal in flarfer Ladung
‚dem Schaffner abgejagt, als er fie in’s
Klofter _ heimbefördern wollte. Herr
Abt Gottfried, vormald Prior des
Klofterd St. Georgen in Schwaben,
aus dem Haufe Wenningen, der Bruder
des gelehrten Jrimbert, der dann auch
Abt zu Admont wurde, — theilt bie
Sorgen feine Kämmerers, denn nur
langfam erholt fih das Stift von
jenem unbeilvollen Brande, den Irim—
bert in feinen gelehrten Erläuterungen
zu den Büchern der Könige fo an:
ſchaulich zu fchildern weiß. Abt Gott:
fried gedenft mit Seufzen der beſſern
Tage des Stifte8 unter dem Abte
Wolvold (f 1137, 1. Nov.), wenn
er auch weiß, daß diefem jelbit das
Aergſte widerfuhr, was je einem Abte
von Admont widerfahren fonnte, und
deſſen die Klofterchronit 3. 3. 1137
mit folgenden Worten gebenkt :
„In diefem Jahre des Herrn ſchied
aus biefer Welt der verehrlihe Wol-
vold, Abt von Admont, welcher ung
von feiner mannhaften Ausdauer und
Reinheit des Lebenswaudels zwei herr:
liche Leichen hinterließ. ALS dieſer
felige Vater nah Verſchluß des
(Nonnen)Klofters 3. 5. Georg (am
Zangjee) in Kärnten, gleihjam wie ein
auter Gärtner den ihm übermwiejenen
Garten reinigen wollte, unterließ er
e8 nicht, jene Nonnen auszuftoßen,
welche entweber ſchon früher geboren
hatten oder doch ſchon jchwangern
Leibes waren und fichere Anzeichen
deffen darboten. So fam es, daß
eine ganze Seite des Chores unferer
(Admonter) Nonnen als wahrhaftige
Wurzeln der Tugend dahin verpflanzt
werden mußte. Defientwillen wurde
er (der Abt Wolvold) von Günther
(von Hohenwart) dem Markgrafen von
Cilli (d. i. von der untern Marf an
der San und Drau, welcher feine
Schwefter in St. Georgen hatte) ge
fangen genommen und auf ein Schand—
pferd gejegt, vieler Schmad für feine
Perſon und feinen Stand theilhaftig
671
und derart mißhandelt, daß fein Manns»
thum dabei zerjtört wurde (ut vitalia
eius rumperentur). Zur Sühnung
diejes Frevels und zur Löjung vom
Bannfluche übertrug (um 1149) ber:
jelbe Markgraf gewiſſe Güter dem 5.
Ruprecht (d. i. der Salzburger Hoch—
fire); die Martinskirche jedoch und
das obere Straßgang (bei Graz) mit
dem darunter liegenden Befite Hinter:
ließ er ung, aus Verehrung für den
Herrn MWolvold und wählte fich bei
ung die Örabftätte, mo er nun auch ruht.
Im Vertrauen erfuhr auch ber
würdige Vater (MWolvold) durch bie
Senioren Ulrich von Elfindorf und
Witilo, daß er bei dem Convente in
einen ſchlechten Leumund verfallen fei;
und das in Folge feiner häufigen Befuche
im (Aomonter) Nonnenflofter, da er
nämlich als erfter Pfleger der neuen
Pflanzftätte eifrig bemüht war, fie zu
überwachen. Als er das vernommen,
wollte nicht der überaus kluge Mann
jeinen guten Ruf verwerfen, fondern
verſprach mit aller Bejcheidenheit feinen
Anklägern, die ſchon darüber rath:
Ichlagten, er müſſe fi von dem Bor:
wurfe der Zafterhaftigfeit reinigen, ober
vom Plate eines geiftlihen Hirten
weihen, — nad drei Tagen Bejcheib
zu geben. Als der dritte Tag nun
angebrochen, las der Abt die Meſſe,
beitieg dann mit drei Brüdern die
Pferde und begab fi zur nahen
Eifengrube Plaberh (mo man das
Eifen „bläht”), wo gerade im Hoc:
ofen die Erzmaffe geglüht wurde. Er
befahl mun den Mund des Dfens zu
öffnen, die glühende Maſſe mit Zangen
herauszuholen und auf den Amboß zu
legen. Dann entfernte er Alle, fo
daß nur jene drei Brüder anmefend
blieben und als herzensreinfter Nach:
ahmer der drei Jünglinge (im Feuer:
ofen) ergriff er, willens fich von dem
Vorwurfe des Laſters zu reinigen, mit
entblößten Händen die mweißglühende
Maſſe, hob fie in die Luft und hielt
fie den andern, die da ftaunten und
zurüdwichen, zum Erfaſſen Hin, und
legte fie dann wieder, ohne irgend eine
Verlegung davon zu tragen, auf den
Amboß. Wahrhaftig eine harte Art
der Nechtfertigung, eine unerhörte Art
der Neinigung, nicht minder anzu:
ftaunen, als bie Unverleglichkeit des
jungfräulichen Körpers, der in den
Keſſel fiedenden Deles verjenkt wurde.”
Wir find mit unferer jelbit gejegten
Aufgabe zu Ende. Das Ennsthal in
den älteften und maßgebenbiten Wand:
lungen feines Lebens und Webens 309
an und vorüber. Nur ihrer wollten
wir gedenken. Der Weg war raub,
uneben und vielfach reizlos, denn ber
Schreiber diefer Zeilen weiß um beiten,
wie viel ihm mangelt, um ein befjerer
Führer zu fein. Noch würde es ihn
hier verloden, von ſpäteren Tagen zu
erzählen, wie nad) dem Ausjterben der
Traungauer (1192) das Ennsthal, jo
gut wie die andere Steiermark an das
Hans der Babenberger geräth, wie
auch dieſer wadere Stamm erlöſcht
(1246) und das Ennsthal bald von
Waffenlärm erbröhnt, den der kriege—
riſche Sponheimer Herzogsſohn Philipp,
erwählter Erzbifchof von Salzburg, mit
dem ihm verfoldeten fteiermärfifchen
Herrn Ulrih von Lichtenftein, dem
Minnefänger, den Pfannbergern u. A.,
durch feine Eroberungsluft mwachruft,
wie ber Dfener Friede von 1254
zwifchen Dttofar von Böhmen und ben
Arpaden, das ganze Ennsthal und das
der Palten bis zur Waſſerſcheide der
Enns und Mur von der ungarisch ge:
wordenen Steiermark jcheidet und die
gejonderte Stellung des Ennsthales
auch weiterhin zu Tage tritt. Dann
möchte er des willensftarfen Abtes Sein:
rich von Admont (1275—1297)
gedenken, des allmächtigen Günftlings
Herzog Albrecht I. von Habsburg-Deiter-
reich ; eines Sohnes der Steiermark ; am
obern Murboden zu St. Walburg bei
‚St. Michel an der Liefing geboren, der
das Klofter Admont aus feinem Berfalle
emporbringt, al3 Landſchreiber und Lan-
deshauptmann der Steiermark maltet,
dann die angefeindete Stellung räumen
672
muß (1292) und (1297) von ber Hand
eines Verwandten meuchleriich gefällt |
wird. Sein Auge fliegt in das 15. und |
16. Jahrhundert hinüber und entdecktum
1478 bie erfte Spur einer Bauernbewes
gung unter Führung eines gewiſſen
Mainhard, — im Jahre 1525, 1526 ein
Stüd des großen Bauernfrieges, das
fih an der Enns, im Zufammenhange
mit Salzburg und mit Schlabming als
Mittelpunfte der Ereigniffe, abipielt.
E3 gewahrt im Hochſommer bes bes
wegten Jahres 1525 bie Gefangen:
nehmung des Zandeshauptmannes Sig-
mund von Dietrichftein duch die Em:
im Herbſte darauf das furchtbare
Strafgericht da3 Grafen Niklas von
Salm, des „Hauptmannes mit ber
eifernen Hand” über das unglüdliche
Städtchen verhängt, das fich feither
nie wieder zur frühern Blüthe erheben
fonnte. Schon haftet hier im Thal-
raume, zu Irdning, Gröbming, Schlab:
ming, in ber rauhen Scholle der Nams:
'au der neue Glaube und überdauert
hier allein die Zeiten der Gegenrefor—
mation. Dies und manches Andere
gäbe es zu erzählen, denn alle Zeit:
ftrömungen und Landesgeſchicke be:
rührten auch unfer Ennsthal, — aber
pörer am Markte zu Schladming und
Ein Ausflug in
e8 muß genug jein!
die Sternenwelt.
Nah Barl Zreiheren du Prel.
Welcher Lejer von E. Hädels |nährung, die andern das der Aus—
„Anthropogenie” hat nicht mit einer ſcheidung,
|
Miihung von Staunen und Heiterkeit
das merfwürdige Gapitel aufgenom:
wieder andere das der
Wahrnehmung, der Fortpflanzung
u. f. w. „auf fich nehmen“. So er:
men, in welchem dieſer Naturforjcher kläre fich die Sache ganz einfach, auf
verfihert, er werde nunmehr auf’3 natürlichem Wege, ohne Eingriff eines
deutlichfte zeigen, wie und warum |teleologijchen Princips. Was aber die
aus dem Haufen gleihartiger| Zellen zu einer fo äußerft vernünftigen
Zellen, welche ben eriten Keim leben⸗ | und wohlüberlegten „Arbeitstheilung”
diger Wejen bilden, auf ganz mecha- veranlaßft, jagt Herr Hädel nicht,
niſchem Wege fih ein fo unendlich | und ber Leſer fteht mit offenem Munde
bifferenzirter und complizirter Organis: | da, nicht mwiffend, ob Herr Hädel
mus entwidle — hernach aber, wenn ſpaße, oder ob es ihm Ernft ſei, wenn er
wir in nmeugierigfter Spannung auf: | mit dem Worte „Arbeitstheilung”“ die
horchen, uns mit der Erklärung ab: Sache erklärt zu haben verfichert.
fertigt, da8 ganze Geheimniß diefer In der Naturwiſſenſchaft ift jede
„Differenzirung“ beruhe auf der Erflärungsmethode willtommen, nur
„Theilung der Arbeit“ von
Seite der Zellen. So wie nämlich die
complicirte Maſchine des ftaatlichen
Gemeinweſens dadurch zu Stande
fomme, daß von den Bürgern bes
Staate3 der Eine ein Handwerk er-
lerne, der Andere fi) ber Rechtspflege
zumwende, ein Dritter Kaufmann, ein
Vierter Arzt oder Mriefter werde
u. ſ. w., jo „theilten fih” auch die
anfangs unterjchiedslofen Zellen des
organiichen Keimes „in - die Arbeit”,
indem bie einen das Geichäft der Er:
muß fie wirklich etwas erflären. Am
willfommenften ift die mechaniſche,
weil einfachjte; aber jo bequem barf
es fi der Forſcher nicht machen, als
es jih Hädel in jenem Falle gemacht
‚hat. Er muß fi bemühen, feine Er:
Härungen auch für die Unbefangenen,
denen nicht ſchon ein bloßes Tendenz:
Schlagwort ftatt aller Erweiſe genügt,
evibent und plaufibel zu machen.
Eine gewiſſenhafte Arbeit dieſer
Art it die Schrift von Karl Freiherrn
‚bu PBrel: „Der Kampf ums Dafein am
673
Himmel.“ (2. Aufl., Berlin 1876.)
— Du Prel verfuht e3, Die moderne
Doctrin, nach welcher die Zweckmäßig—
feit in der Natur einzig baher rührt,
daß das Unzweckmäßige zu Grunde
ging und eben nur das Zmedmäßige
übrig blieb, auf die Harmonie der
Sternenwelt, auf den wunderbar in
einander greifenden fiderifchen Mecha-
nismus anzuwenden, das darwiniſtiſche
Princip der „Anpaſſung“ und des
„Kampfes um's Daſein“ in der Un—
endlichkeit des Weltraums nachzu⸗
weiſen. Man muß dem Verſuche du
Prels Achtung zollen; denn er ver—
fährt dabei durchaus beſonnen, und
er beſtrebt ſich in der That, das, was
er behauptet, auch zu beweiſen.
„Gegen die Auffaſſung, daß die
Entſtehung der Arten durch
das Ueberleben der zweckmäßigen
Organismen im Kampf ums Daſein
und durch unbegrenzte Variabilität
ſich erkläre“, ſagt der Autor, „haben
die Schwierigkeiten ſich bereits ſo ge—
häuft, daß Darwin ſelbſt die Trag—
weite ſeines Erklärungsprincips, des
„Kampfes ums Daſein“, auf die ſo—
genannten adaptiven Eigenſchaften
(Eigenſchaften der „Anpaſſung“) ein—
ſchränken zu müſſen glaubte. Die
Entſtehung der Arten bleibt demgemäß
vorläufig noch ein ungelöſtes Räthſel.
Auf der andern Seite dagegen verräth
es ſich mehr und mehr, daß der Darwin’:
ſchen Theorie eine bei ihrem Auftreten
ganz ungeahnte Bedeutung zukommt.”
Sn der Sphäre bes organiſchen
Lebens aljo fcheint unferm Autor bie
unbedingte Geltung des barminiftifchen
Princips noch zweifelhaft. Aber er
hält dasſelbe für fruchtbar und für
evident in feiner Anwendung auf das
Gebiet der mechanischen Zweckmäßig—
feit in der kosmiſchen Phyſik.
Näher beftimmt ift das bejagte Princip
bier das der ſogenannten „inbirec-
ten Ausleſe“, kraft deren bie
unzwedmäßigen Exemplare vernichtet
werben, und fo die überlebenden zmed-
Rofegaer’s „‚Geimgarten‘‘ 9. Geft,
mäßigen, mwiewohl nur indirect,
gleihjam ausgelejen erjcheinen.
Wir fehen die Gejtirne am Him-
mel in jchönfter Ordnung ben ge:
mefjenen Reigen vollenden, wir jehen
fie ohne Zufammenftoß, ohne Störung,
regelmäßiger und verläßlicher noch
als Eijenbahnzüge in ihren Geleifen,
die vielfah verjchlungenen Bahnen
ziehen. Daß alle diefe „ſchöne Ord—
nung”, diefer „Kosmos“, wie es ber
Grieche mit einem finnigen Wort
nannte, nur das natürliche Ergebniß
der Ausjcheidung alles Unzweckmäßigen,
alles Störenden ſei — mie follen wir
ung dies vorftellen? — Unfer Autor er:
läutert es burch ein Beifpiel, dem es we-
nigftens nicht an Anſchaulichkeit gebricht.
„Denken wir uns“, jchreibt er,
„tolgenden Fall. Es habe ein in ber
Kunft des Ballets ganz und gar Un:
wiſſender auf weiter Ebene eine große
Anzahl von Tänzerinnen ohne irgend»
welche bejtimmte Anorbnung aufge:
ftellt; jeder einzelnen Tänzerin fei
von unferem Manne eine anbere
Figur zu tanzen aufgegeben worden,
und zwar ohne alle Nbficht einer gegen:
jeitigen Harmonie berjelben, und ohne
fih irgendwie um die aus den Ber:
Ihlingungen ber Figuren ergebenden
Collifionen der Tanzenden zu fümmern.
Beim Anheben des allgemeinen Tanzes
würden nun, unter VBorausjegung des
Verbotes, ſich gegenfeitig auszuweichen,
zahlreiche Colliſionen eintreten. Ange—
nommen nun, es ſei den Tänzerinnen
der Befehl ertheilt worden, in jedem
Colliſionsfalle auszutreten, ſo
würden in Bälde, indem zahlreiche
Mädchen den Reigen verließen, alle
unharmoniſchen Tanzfiguren eliminirt
ſein und es würden nur ſolche
Tänzerinnen übrig bleiben, welche,
ohne ſich mehr gegenſeitig zu ſtören,
ihre Bewegungen fortſetzen könnten.
Das Gleiche aber würde eintreten,
wenn ſtatt des Befehles, auszutreten,
die Collidirenden angewieſen würden,
ihre Bewegungen vom Colliſionspunkte
aus fortzuſetzen; auch dann würden
43
674
ſchließlich nur wenige Tängerinnen | 573 Jahren noch an jenem Orte war,
übrig bleiben.“
Genau fo, meint der Berfaffer,
ift aus dem Neigen ber Geftirne aus:
geſchieden, was ſich der Orbnung bes:
felben nicht fügen wollte. Die Mög—
lichkeit, daß es fich fo verhält, bat
er leidlich gut gezeigt. Freilich ift nicht
alles Möglide auch wirklich; und
wenn Etwas auf irgend eine Art ent:
ftanden fein fonnte, fo ift nicht erwie—
fen, daß es fo und nur fo entitan-
den fein mußte — ein Umftand,
den man in der Naturforfchung viel
zu wenig beberzigt.
Wir wollen dem Autor in bie
gelehrteren Auseinanderjegungen über
dieſen Punkt nicht folgen. Wir ziehen
e3 vor, fein Buch als Führer für
eine kleine aſtronomiſche Wanderung
zu benüßen.
Er hat in diefem Werke die neueften
fosmifchen Theorien F. Zöllner’3 und
bes Franzoſen Stanislas Meunier
in ziemlich populärer Weije dargelegt.
Wir wollen verſuchen, in aller Kürze
Einiged davon noch populärer zu
machen.
Was wir am Himmel erbliden,
ift nur zu einem geringen SCheile
Gegenwart — zum größten Theil
iſt's eine mehr ober weniger ferne
Vergangenheit. Wir jehen den Jupiter
nicht dort, wo er wirklich am Himmel
fteht, jondern an einem Punkte, über
welchen er jchon 3600 Meilen hinaus:
gerüdt ift. Denn fein Licht, folglich
auch das Bild feiner jeweiligen Stellung
am Himmel, braucht 34%/, Minuten,
um zu uns zu gelangen. Würbe ber
Neptun durch irgend eine Kataftrophe
plöglich zerftört, wir würden ihn gleich:
wohl noch 4—5 Stunden an jeinem
Orte erbliden. Arctur würde, wenn
er verlöfchte, unjeren Augen gar noch
24 Jahre lang am Himmel leuchten!
Daß Alcyone uns al3 einer der hell:
ften Sterne ftrahlt, beweiſt gar nicht,
daß dieſer Stern wirklich noch vor:
handen ift, jondern nur, daß er vor
an welchem wir ihn nun jehen. Bon
den äußerften Grenzen der Milchitraße
erhalten wir die Meldungen um etwa
4000 Jahre verjpätet. Was will dies
Alles fagen gegen die unermeßliche
Entfernung der jogenannten „Nebel:
fleden“, deren in dieſem Augenblide
zu uns gelangender Lichtftrahl ein Alter
von Millionen Jahren bat! —
Was find fie, diefe undenkbar fer:
nen Nebelfleden des Himmels? Nur
zum Theile find e8 Sternhaufen, die
dem Auge des Aftronomen der Entfer:
nung wegen als Nebelmöltchen erjchei-
nen; zum Theile find es wirkliche kos—
mijche Nebel, aus deren in glühenb:gas-
förmigem Zuftande rotirenden Maffen
fih die Firfterne verdichten.
Aber von den urſprünglich chaoti—
ihen Nebelballen eines Firfterniyftems
blieb immer nur die geringe Anzahl ber:
jenigen übrig, welche, in entfprechenden
Abftänden von einander Freifend, fich
nicht mehr ftörten, während die übrigen
in einander zu fließen oder ganz
andere Bahnen einzufchlagen gezwun—
gen waren.
Bei den fo aus heißen Gafen
verdichteten Firfternen aber nahm im
abjolut falten Raume die Wärmever:
minderung ihren Fortgang und jchließ-
fih mußte jene niedrige Temperatur
erreicht werden, welche chemiſche Ber:
bindungen und bie tropfbar:flüffige
Form zuließ.
Nach diefer Abfühlungstheorie, wie
fie namentlih buch F. Zöllner auf:
geftellt worden, zerfällt die Gejchichte
eines Firfternes in zwei Perioden: bie
des Leuchteng und die der Berbunflung.
Bei ben erfaltenden Weltkörpern dieſer
Art muß nämlich eine Gerinnung ber
flüffigen Maffe nah und nad ein-
treten. Zuerſt werden Schladen in
berjelben fih bilden, ſpäterhin eine
zuſammenhängende, erjt zähflüfjige,
allmälig aber völlig erftarrte Außen—
rinde. Auf dieſem Punfte angelangt,
werben bie Firfternlörper aufhören zu
leuchten. Nun kann e8 aber gejchehen,
675
daß in Folge des von Seite der erftarr: abſtände, ihre Bewegungsgeſchwindig—
ten Rinde auf das noch feurigflüflige | keiten in einem fcheinbar genau abge-
Innere geübten Drudes jene wieder mwogenen Berhältniffe, ja ber Meda-
gefprengt, die Schladen wieder über: | nismus des Planetenſyſtems läßt fich
fluthet und reforbirt werden. Die
Folge davon wird fein, daß der Stern:
förper neuerdings Licht ausftrahlt.
Diejer Proceß kann fih mehrmals
wiederholen. Auf ihm beruht das
Phänomen der fogenannten „veränber:
lichen“ und der plöglih aufleuchten:
den Sterne. Man hat ein jolches
plötzliches Aufleuchten oder vielmehr
Wieberaufleuhten von Sternen im
Ganzen etwa zwanzig Male beobachtet ;
in den legten drei Jahrhunderten, alfo
in Zeiten genauerer Beobachtung, find
acht folder Fälle verzeichnet worden.
Nah Tycho Brahe's Bericht leuch—
tete im Jahre 1572 ein Stern ſo
plötzlich und mit ſo hellem Lichte auf, Beſchaffenheit ſeiner Maſſe,
daß er einen Zuſammenlauf von Men—
ſchen erregte. Er überftrahlte alle
übrigen Sterne derart, daß er Nachts
jelbft durch mäßige Wolken und jogar
bei Tage bequem gejehen werben
fonnte. Er jchien fpäter ganz ver:
ſchwunden zu fein und erſt 1840 hat
man an feiner Stelle einen Stern,
jedoch nur zehnter Claſſe, gefunden.
Alt und wohl allgemein ange:
nommen ift die Lehre, wie nach ben
Gejegen der Schwerfraft und ber
Kreisbewegung von ben rotirenden,
no nicht erftarrten Firfternkörpern
Ringe fih abtrennten, die fich zu
Kugeln verdichteten, und jegt als
Planeten um den Firftern, dem fie
entftammten, ihre Kreije bejchreiben.
In der uranfänglich weit größeren
Anzahl diefer Planeten mußte bie
gegenjeitige Anztehung Störungen be-
wirken; da griff auch Hier das Prin-
nunmehr mit einem Kunftwerfe hoben
Nanges vergleichen. Als eine weitere
Folge der „inbirecten Ausleje“ im
Kampfe um's Dafein am Himmel
erfcheint der Umftand, daß gefährliche
Bahnen und materielle Gefähr:
lichteit der auf ihnen wandelnden
Geftirne ſich gegenfeitig auszufchließen
pflegen. Was durch fefte Maſſe einen
Zufammenftoß gefährlich machen würde,
z. B. die Planeten, bewegt fih in
einer Bahn, bie feine Gefahr eines
Zufammenftoßes mit fi führt, und
was fih in gefahrdrohenden Bahnen
bewegt, wie 3. B. die Kometen, das
erweiſt fih wieder durch die leichte
feinen
Mangel an Gonfiftenz al3 gefahrlos.
Im Jahre 1819 ging die Erde durch
den Schweif eine® großen Kometen —
ohne es auch nur zu merfen.
Auch bei den Fleineren Körpern,
welche ihrerjeit3 wieder die Planeten
als Trabanten, als Monde, von ſich
abtrennten, konnten aus einer urjprüng:
(ih größeren Anzahl offenbar nur bie
jetzt thatfählih vorhandenen die un:
vermeidlichen Störungen überleben.
Da3 Leben des Kosmos Fennt
feinen Stillſtand. Auch über das
Stadium der Erftarrung jchreitet der
Proceß hinaus. 3 läßt fich erweiſen,
daß zulegt eine Zerflüftung, ein Zerfall
des todreifen Weltkörpers eintreten
muß. Als Grgebniffe eines jolchen
Zerfalls ericheinen am Himmel die jo-
genannten Afteroiden, welde in
ihren nicht mehr jphäriichen, jondern
Ichroffen und unregelmäßigen Formen
cip ber „inbirecten Ausleſe“ vermittelnd | dem bewaffneten Auge des Aftronomen
ein. Durch fie wurde die Mehrzahl | fofort als Bruchftüde, ald Trümmer
ber planetarifchen Maffen ausgefondert, | fich darftellen. Die zahlreichen, ſchmalen,
in andere Bahnen geworfen oder auch tiefen Nillen, welche die Oberfläche
wieber mit ihrem Firftern, der Sonne, |de8 Mondes durchfurchen, find die
vereinigt. Nachdem jo mur die zufällia | erjten Anzeichen eines bereinftigen Her:
zwedmäßig vertheilten übrig geblieben, | falls unſeres Trabanten in folche Aſte—
zeigen fih die Maflen, ihre Sonnen- | roiden,
43°
676
Für Brucftüde dieſer Bruchſtücke,
für Heine Theilftüde zerfallener Aſte—
roiden hält unjer Berfajler die Me-
teoriten, bie mit den Stern:
ſchnuppen ibentiih find. Während
jene, die Afteroiben, noch immer ben
Umfang von einigen Meilen haben,
find die Meteore ſelbſtverſtändlich noch
viel mäßigeren Umfangs und diejenigen,
welche der Erbe zuftürzen, werben vor
dem Aufprall in noch kleinere Stüdfe
zertrümmert.
Treten nämlich die Meteore in den
Kreis unferer Atmojphäre ein, jo ver:
lieren fie ihre urfprüngliche Bewegungs:
geihwindigfeit durch den Wiberftand
der Luft. Hierbei aber muß nad
phyſikaliſchen Geſetzen ihre verlorene
räumliche Bewegung in Wärme und
Licht verwandelt, und eine jo hohe
Temperatur erzeugt werben, daß fie
in Weißglühhige gerathen, wodurd fie
uns in einer Höhe von durhichnittlich
24 Meilen fichtbar werden, und, oft
in beftigen Detonationen zerplagend, | Eifen der Meteoriten vom
Deean und töbtete 5 Menfchen.
Daß zwiſchen Feuerfugeln, Meteoriten
und Sternjchnuppen feine qualitativen
Unterſchiede beftehen, daß vielmehr die
wirflih auf die Erbe herabfallenden
Steine nur Bruchſtücke erplobirender
Feuerkugeln find, dies bedarf faum
noch einer weitern Beftätigung. Die
Sternfchnuppen- unterfcheiden fich von
den andern Meteoriten nur dadurch,
daß fie nicht zur Erde herabgelangen,
jondern vermöge ihrer bedeutenden Ge—
ſchwindigkeit und der hierdurch er:
zeugten entfprechenden Temperaturböhe
ihon in ber Atmofphäre aufgelöft
werden. Die Mehrzahl der die Erbe
erreihenden Meteoriten find Stein:
meteoriten, und nur etwa ein Prozent
berjelben ift metalliih, doch jo, daß
man von den eigentlihen Meteoreijen
bis zu den faft gar Fein Eifen ent:
baltenden Meteorfteinen in continuir:
licher Abftufung gelangen fann. Sm-
deſſen unterjcheibet ſich das metallische
irdiſchen
als Bruchſtücke herunterfommen. Je Eiſen dadurch, daß bei ſeiner Bildung
größer die urſprüngliche Geſchwindig- Waſſer und freier Sauerftoff nicht zu—
feit war, um defto höhere Temperatur
muß erzeugt werden, und e3 ift nicht
zu bezweifeln, daß mande Meteoriten
ganz verbampfen, noch ehe fie die Erbe
erreichen. Dieſe Umftände vermindern
die Gefahren, welche die Meteorftein-
fälle für die Bewohner der Erde mit
fih bringen. Gleihwohl find Fälle
conftatirt, daß Meteoriten von jehr be:
trächtliher Maſſe die Erdoberfläche er:
reichten, und bedeutenden Schaben an:
richteten. Von einem außerorbentlichen
Steinregen, der 823 in Sadien fich
ereignet haben joll, berichten die An-
nales Fuldenses: Menjhen unb
Thiere wurden erſchlagen und 35
Dörfer in Brand gejeßt. In ber
Kirche von Enfisheim im Eljaß be:
’ findet fih ein 260 Pfund fchwerer
Stein, der im Jahre der Entdedung
Amerika's niederfiel. Bei Trier fand
man eine Gifenmaffe von 32—34
Gentnern. 1749 fiel ein Meteor
auf ein Schiff im atlantiſchen
gegen war, während es in ber Erb:
rinde nur in chemiſcher Verbindung
mit Sauerftoff fih findet und durch
Schmelzprocefe aus Eiſenerz ge
wonnen wird, als metalliiches
Eifen aber nur in Berbinbung
mit Platin vorflommt. Won metal:
liſchem Meteoreijen finden fich folofjale
Stüde freiliegend, ober in geringer
Tiefe auf Gebirgsfämmen, in Thälern,
oder in Müften, fern von allen Eifen-
erzen, wo fie alfo unmöglich fi von
jeher befunden haben können ; biefes
und ihre Webereinftimmung mit bem
bei Braunau niedergefallenen Meteor:
eifen bemeift alfo ihren fosmijchen Ur:
ſprung.
Und die Kometen? Der
neueſten Doctrin zufolge wären die
Kometen nichts weiter, als Beſtand—
theile von Meteoritenſchwärmen. Die
zerfallenden Weltkörper liefern nämlich
Bruchſtücke von verſchiedener
Qualität. Sie liefern auch ſolche Me—
677
teoriten, welche aus verbunftungs:|jehr raſch erfalteten, und ungleich
fähigen Maffen beftehen.
bat die Entdedung gemacht, daß manche
Kometen mit Meteoritenihmwärmen ver:
bunden auftreten und gemeinschaftlich
fih mit ihnen auf gleihen Bahnen be:
wegen ; fie find aljo Meteoriten, die
nur vermöge ihrer Verbunftungsfäbig-
feit Schweife entwideln und fichtbar
werben. In der Sonnenferne werben
dieſe Maffen bei der intenfiven Kälte
des Raums ohne Zweifel zu Eis er-
ftarrt fein; die Sonnennähe aber wird
auf ber der Sonne zugefehrten Seite
einen VBerbampfungsproceß hervorrufen.
Die aus dem Kometenkopfe entwidelte
Dunftmaffe wird in Folge eleftrifcher
Erregung ſelbſtleuchtend, erfährt aber
ſodann durch die gleichartige Elek—
tricität der Sonne eine Zurückwerfung,
ſo daß ſie, nachdem ſie anfangs in der
Richtung der Sonne ſich ausgedehnt,
in paraboliſchen Linien zurückgekrümmt
wird und, in von der Sonne abge—
kehrter Richtung abfließend, den Schweif
des Kometen bildet. Die Verwandt:
Ihaft von Kometen und Meteoriten
muß erwarten laflen, daß, wie fefte,
jo auch flüffige Meteormafjen ſporadiſch
auf die Erde fallen. Es find in ber
That etwa 20 Fälle conftatirt, in
welchen gelatinöfe, phosphorescirende
Mafien, aus Kohlenftoff, Waflerftoff
und Sauerftoff beftehend, wohl nur die
Refte viel größerer, aber beim Durch—
gang durch die Atmofphäre größten:
theil8 verdampfter Maffen auf bie
Erde gelangten.
Moher aber rührt fie, diefe Ma—
terie der Kometen? Ohne Zweifel von
jenen durch „indirecte Auslefe” aus:
gefchiedenen, in Kometenbahnen ge:
drängten Planeten, melde, nad:
dem fie aus ihrem Sonnenfyftem aus—
geftoßen worden und in ein fremdes
entwihen, während ihrer oft jahr:
taufendlangen Umläufe nur einmal
der Sonne ungefähr jo nahe fommen,
als e3 die zurüdgebliebenen, „zwed:
mäßig“ geordneten Planeten beftändig
find, im intenfiv falten Weltraume
Schiaparelli ſchneller
jene Entmwidelungsphafen
durchliefen, welche den berzeitigen Pla—
neten exit bevorftehen. So find fie
verhältnigmäßig bald in Meteoriten
zerfallen, von welchen diejenigen, bie
aus verbunftungsfähiger Maffe beftehen,
uns al3 Kometen erjcheinen.
Wenn biefe fehr flüchtigen Ans
deutungen über die Kometen den auf:
merkiameren Leſer nicht ganz befrie-
digen, fo muß e3 ber Umſtand ent:
fhuldigen, daß auch in Herrn bu
Prels Buche, ja überhaupt in ber
aftronomischen Wiffenjchaft, das Gapitel
über die Kometen zu den dunkelſten,
fraglichften und jchwierigften gehört.
Die Entwidlungsphafen der Fir:
jterne, wie fie oben bejchrieben worden,
find auch die der Planeten, der Monde
und xatürlih auch unferer Erde ge:
weſen.
Die Erde erblickt neben ſich Ge—
ſtirne, die ihr das Bild ihrer Ver—
gangenheit und andere, die ihr das
Bild ihrer Zukunft vorhalten. Venus
z. B. repräſentirt die Vergangenheit,
Mars die nächſte Zukunft unſeres
Planeten. Die bei jedem Geſtirn ein—
mal mit Nothwendigkeit eintretende
Abſorption ſeiner Atmoſphäre und ſeiner
Meere iſt bei Mars ſchon weiter fort-⸗
geſchritten als bei der Erde, und ſeine
polaren Eisfelder ſind ausgedehnter.
Auch die Erde wird dieſe Phaſe burch-
laufen. Eine noch fernere Zukunft der—
jelben wird duch den Mond vertre-
ten. Bei diefem find alle Meeresreſte
gefroren, unermeßliche Gleticher be:
deden ihn.
Wäre die der Erde zugeführte
äußere Sonnenwärme je ein genü—
gender Erſatz gemejen für den Ver—
[uft an ausgeftrahlter Wärme, To
würbe fih unfer Planet niemals mit
einer Krufte überzogen haben. Die
Erde verliert aljo beftändig mehr
Wärme als fie empfängt, und ihre
Krufle muß gegen das Innere zu be:
ftändig wachſen. In gleichem Verhält:
niffe aber werben die Gewäſſer von
678
ben Gejfteinen abforbirt werben und
bei ber nachmweisbaren Abforptions:
fähigfeit der Steine iſt um jo weniger
daran zu zweifeln, daß einft alle Ge:
wäfler an die Mineralien gebunden
fein werden, ald das Gewicht aller
Dceane nur "4000 des Gewichtes der
auf ber Hand, daß fchon eine mur
einigermaßen erhebliche Abnahme ber
Sonnenwärme allem pflanzlihen und
animalifchen Leben auf Erben ein Ende
maden muß. Ein Erfterben alles Le—
bendigen wird alfo ungezählte Jahr:
taufende jener vernichtenben Kataſtrophe
Erde beträgt, welche bei fich gleich: | vorausgehen, welche das Ende, den
bleibender Abjorptionsfähigkeit das
Dreifahe der vorhandenen Gewäſſer
auffaugen fönnte. Es werben aljo alle
Deeane verfchwunden fein, lange be:
vor die Erbe bis in's innerfte Mark
erftarrt fein wird. Aber auch die ge
genmwärtige Zujammenfegung der At:
moſphäre fann nicht als unverän-
derlich angejehen werden. Sie eriährt |
noch immer eine beftändige Einbuße
an Kohlenjäure, weldhe fie abgibt zur
Bildung der Schalen und Knochen un:
zähliger Thiere, woburd eine beitän-
dige DVerarmung des Pilanzenreiches
bedingt wird. Endlich bewirkt die fort:
gejegte Abkühlung eine beftändige Ver:
minderung des Sauerftoffgebaltes der
Luft durch Drydation der Minerale
und bedroht das organische Leben.
Sowohl in Bezug auf Höhe, wie
Dichtigkeit unterliegt die Atmojphäre
einer beftändigen Abnahme, und nad
den an gefchmolzenem und abgefühltem
Granit vorgenommenen Unterfuchungen
fann ein gänzliches Aufgejaugtwerden
der Luft um fo weniger bezweifelt
werben, als die Abjorptionsfähigfeit
ber feiten Maffen weit größer als
nöthig ift, um die ganze Atmoſphäre,
deren Volumen nur etwa 0 des
Volumens der Erde beträgt, in jich
aufzunehmen.
Und was die Erwärmung der
Erde dur die Sonne betrifft, mag
diefelbe noch fo lange vorhalten, zu:
völligen Untergang des Geftirnes als
ſolchen herbeiführt. Fragen wir, mo:
durch das Eintreten dieſer Kataftrophe
jelbft bedingt fein wird, fo ift es zu—
nähft der den Himmelsraum erfül-
(ende Aether, deſſen Widerftand nad
und nad) die Bewegung der Geftirne
in der Art beeinfluffen muß, daß ihre
elliptiihen Bahnen in Spiral-
bahnen verwandelt werben, jo daß
fie, ihr Centrum immer enger um-
freifend, zulegt mit biefem zufanmen:
prallen, wobei ihre Bemwegungsgröße
in den gleidhwerthigen Betrag von
Wärme verwandelt wird und ihre
Verflühtigung eintritt. Die Planeten
werden in die Sonne zurüdfehren,
von welcher fie ausgegangen.
Auch unfere Erde muß, wenn
auch erſt nad Millionen Jahren, von
diefem Loſe getroffen werben. Aber
fie wird längft vorher, wie jchon ge:
jagt, ihre Atmofphäre und ihre Meere
abjorbirt haben, ja fie wird in eine
rotirende Trümmermafle zerfallen fein.
ALS eine unermeßliche Steinregenwolte
wird fie in die Sonne ftürzen.
Und die Sonne jelbt? — Nad
Zöllner Theorie find auch die Son-
nenfleden nichts anders als Schladen,
die jeßt zwar noch immer wieder über-
fluthet und aufgelöjt werben, bereinft
aber, zuſammenwachſend, große Conti-
nente bilden und bie Sonne völlig be:
deden werben. Auf biefem Punkte an—
legt muß doc bie völlige Bedeckung | gelangt, könnte die Sonne dann auch,
und Berbunflung des Sonnenkörpers
durch Schladen eintreten. Schließlich
wird auch für unferen Planeten die
Zeit fommen, wo er fih der er:
ihredend niedrigen QTemperatur des
von feiner Sonne mehr dburhwärnten
Raumes gegenüber befindet. Es liegt
wie die aus dem gafigen und flüffigen
in den feften Zuftand übergegangenen
Planeten, dem organijchen Leben auf
ihrer Oberfläche eine Stätte gewähren.
Aber dies erwachende Leben würde
auf ihr in ewiger trauriger
Naht verfließen, und der Tag, ben
679
fie jelbit im Buftande der Leuchtkraft flüſſige Gluthmaſſen! — Hätte nicht
ihren Begleitern, den Planeten, ge: jede biefer Sonnen ihre Planeten,
bracht hat, würbe ihr jelbft für immer | denen fie Lit und Wärme und Le:
verjagt fein! — Bon ben unzähligen ben ſpendet — der lebendige Men:
felbftleuchtenden Sternen, die ung aus | jchengeift müßte fich ſchauerlich einfam
den Tiefen des Himmels entgegen: | fühlen gegenüber der Stille des Todes,
funteln, kann feiner bewohnt die über den ungezählten leuchtenden
fein, benn fie alle find, fo RO bes Weltalls jchwebt.
fie eben leuchten, gafige ober feurig- —g.
Ein eigenes Heim!
Zur Frage der Wohnungsnoth von Profeſſor Dr. &. Bäger.
1.
Schluß.)
Ein weiterer beherzigenswerther meinſchaftlichen Theile des Hauſes
Punkt iſt die Art des Zufammen: | und dann namentlich durch die große
wohnend. In London wohnt jede Fa- Gehörjamkeit im Haufe. Letztere ver:
milie allein, von jeder andern durch | langt eine ftete gegenfeitige, oft in
Feuermauer gejhieden. Der Anlaß | hohem Grade unbequeme NRüdficht:
zu Reibungen und gegenjeitigen Chi—
fanen ift fat gleich null und fo ift ein
friedliches freundnachbarliches Ber:
hältniß ſehr leicht zu unterhalten, wenn
man ein ſolches will. Andererſeits
iſt es aber auch nicht nothwendig, es
kann Jeder für ſich bleiben, ſich ſeiner
Familie und ſeinem Geſchäft allein
widmen. Wenn er nicht will, ſo ſieht
und hört er den ganzen Tag außer
dieſen Dingen nichts, um was er ſich
zu kümmern braucht. Daraus erwächſt
dem Engländer jener hohe Grad von
Gleichmuth, innerlicher Abgeſchloſſen—
heit und Stetigkeit, die ſich einerſeits
durch Nichts aus der Faſſung bringen
läßt, andererſeits ihn aber auch völlig
verhindert, ſtörend in Anderer Ber:
hältniffe einzugreifen, jo daß dort Jeder
nach jeiner Fagon leben kann. Anders
beim Großftäbter des Binnenlandes.
Die Bewohner eines Miethhaufes bilden
ein kleines Gemeinmwejen, in welchem
zahllofe PVeranlaffung zu Reibungen
und Spntereffenconflicten gegeben iſt.
Einmal durch die Benügung ber ges|
nahme und weil man einander fort:
während hört, weil bie Dienftboten in
ftetem Verkehr ftehen, jo entmwidelt ſich
jene jpecififhe Naſeweisheit, Ein-
miſchungsſucht, Klatſchſucht, gegen:
ſeitiges Beneiden ꝛc., das zu den nicht
geringſten Schattenſeiten der groß:
ſtädtiſchen Bevölkerung des Continents
gehört.
Dies Zuſammenwohnen wäre zwar
nicht ſchlimm, wenn die Einwohner—
ſchaft eines ſolchen Miethhauſes in
Bildung, äußerer Lebensſtellung ꝛc.
gleichartig wäre und namentlich, wenn
man gezwungen wäre, ſich ſchließlich
miteinander zu vertragen; allein beides
iſt nicht der Fall. In den meiſten
Miethhäuſern wohnen Gebildete und
Ungebildete, Bemittelte und Unbe—
mittelte und Leute der verſchiedenſten
Lebens- und Weltanſchauung bei—
ſammen, ſo daß von Ausbildung einer
Harmonie gar keine Rede ſein kann,
ja ſelbſt, wenn ein glücklicher Zufall
dies fügen ſollte, ſo wird unter An—
derem ſchon der Hauseigenthümer nicht
680
blos nicht dazu gehören, fonbern es
im Gegentheil in feinen Intereſſe
finden, das Einverftänbniß der übrigen
Familien nicht zu feſt werben zu lafjen,
denn ſonſt könnten fie ihm g-fährlich
werben. Wenn nun fchon der Haus-
herr nothwendigerweife das Element
des Mißtrauens in das Haus bringt
und das Zufammenmwohnen von Arm
und Reih auch ſonſt Veranlaffung
zu Mißtrauen gibt, jo darf es uns
nicht wundern, wenn zu ben jchlimmen
Eigenſchaften unferer großſtädtiſchen
Bevölkerung, nament ich ihrer weib—
lichen Hälfte, ein ausgeſprochenes miß: |
trauiſches Weſen kommt, das ihre Lie—
benswürdigkeit keineswegs vergrößert
und nicht blos die Beziehungen der
Familien untereinander, ſondern auch
die von Herrſchaft und Dienerſchaft
verbittert, mithin die Solidarität der
Familie gefährdet.
Weitere Uebelſtände entſpringen
dem Umſtand, daß faſt regelmäßig in
einem und bemjelben Haufe Leute de3
verſchiedenſten Moralitäts: und Bil:
dungsgrades beilammen find, nämlich
in ben mittleren Stodwerfen foge-
nannte beilere Leute, in Souterrains
und Dahmohnungen nicht blos etwa
Heine ehrliche Leute, fondern häufig
eben auch zweifelhaftes Volk, vor deſſen
Berührung Kinder und Dienftperfonal
oeihügt merben follten, was nicht
möglich ift.
In Folge hievon leidet einmal bie
Kindererziehung, die wir übrigens hier
auch nach andern Richtungen hin gleich
beiprehen werben. Das Grundübel
if, daß man die Kinder nicht gegen
ſchädliche Einflüffe abichließen und
ihren Umgang wählen kann. Da man
nicht, wie in England, für jede Woh—
nung einen eigenen zum Kinderſpiel
im Freien geeign:ten Hofraum bat, fo
muß man fie auf die Gaffe lafjen, mo
fie alle Unarten, Untugenden und Un:
fittlichleiten auffaffer, mit denen bie
erzieherifhe Thätigfeit der Eltern nur
mit äußerftier Mühe, in der Regel
aber gar nicht fertig wird.
Ein weiterer Nachtheil bei ber
Kindererziehung entjpringt dem häu—
figen Wohufigwechfel. Da die Kinder
mit jedem ſolchen auch ihre Bekannt—
ſchaft wechſeln müſſen, jo wird jchon
dem Kind die Neuerungsſucht zur
anderı Natur, und es ift nicht möglich,
in ihm jenes ftarfe Sympathiegefühl,
welches dauernde Jugendfreundſchaften
ausbilden, zu entwideln. Das ift ein
fchwerer Webelftand, denn mo fich nicht
Beziehungen der Freundſchaft bilden
fönnen, entwidelt ſich der rückſichtsloſe
Egoismus.
Meitere Uebelftände des Zuſam—
menwohnens von verj&hiebenerlei Leuten
in den Miethhäufern beziehen fich auf
das Dienftperfonal. Im englifchen
Familienhaus find die Dienftboten voll-
ftändig von einander getrennt, da das
Haus ftet3 geichloffen ift, da auch beim
Einkaufen und Wafferholen, die Leute
nicht zufammen fommen, benn das
Waſſer it in allen Wohnungen und
alle Lebensmittel werben von den Pro:
ducenten in’3 Haus gebracht. Bei uns
ift jeder Zeit die Möglichkeit vorhanden,
daß ein räudiges Schaf die andern
verdirbt, und jo ift der Jmmoralität
Thür und Thor geöffnet.
Bezüglih der Moralität kann ich
mit einigen Ziffern aufwarten: Berlin
bat bei 32 Köpfen pro Haus 16°, unehe:
liche Geburten ; in Paris betragen fie bei
35 Köpfen pro Haus 20%,, in Pe:
teröburg bei 52 Köpfen pro Haus
26%, in Wien bei 55 Köpfen pro
Haus 41%! Sind bas nicht Ab:
gründe?
Ein öffentlicher Mißftand in der
Art des Zuſammenwohnens ift ber
Umftand, daß bie ſchlechten Elemente
der Bevölkerung bei dem Miethhaus—
ſyſtem nicht wie in London in eigenen
Quartieren beifammen wohnen, wo fie
äußerft leicht überwacht werben können,
fondern daß fie fih bei uns überall
herum verzetteln, wenn es auch ein-
zelne Quartiere gibt, wo fie bichter
wohnen, al8 in anderen. Diejer Um:
ftand zwingt bie Polizei zu einem ganz
andern Verhalten als es in London
üblich ift. In letzterem kann diejelbe
das Haus: und Familiengeheimniß völlig
refpectiren, da fie durch die Verantwort⸗
lichfeit des Haushalters gebedt ift und |
fo ſtört nichts das intime Verhältniß ge:
gebung zu berüdfichtigen für gut
findet.
Die janitären Nachtheile find
in der Hauptſache noch folgende. Mit
der Gemeinfchaftlichkeit von Stiegen:
haus und Abtritt und dem fteten Ver:
fehr der verjchiedenen Familien im
genfeitiger Hilfeleiftung zmifchen Polizei | Haufe und der Kinder auf der Gaſſe
und Bürgerfchaft, wegen deffen London
jo berühmt if. Hier zu Lande ift bie
Polizei genöthigt, das Innere des
Haufes auszujpioniren, alle Belegen:
beiten zu benügen, um ihre Organe
bald mit diefen, bald mit jenem Auf:
{rag in die Häufer zu ſchicken und die
Klatſchſucht des Dienftperfonals zu
fördern und fo bildet ſich eine Art in:
triguanten Verhältniſſes aus, das durch
früher ſchon geſchilderte Umſtände noch
vermehrt wird, beſonders aber in fol-
gendem Punkt endlich gipfelt.
Da beim Miethhausfyftem die Fa—
milien feinen eigenen abgeichloffenen
Raum im Freien haben, jo find fie ge-
nöthigt, ihre Kinder auf die Gafje zu
ihiden, wo p&le-möle alles durch—
einander ift.
Der Conflict zwiichen Jugend und
Polizei, welche die Straßenordnung
aufrecht zu erhalten hat und ber bei
jedem Schneefall und jedem Froſttag
hoch auflodert, gewöhnt den Großftäbter
ihon vom zarten Alter daran, in dem
Polizeidiener ein ihm feindliches Weſen
zu erbliden, ein Gefühl, deſſen er ſich
auch fpäter jelbit als gebildeter Mann
nicht erwehren kann. Daher die jonft
ganz unverftändlihe Erſcheinung, daß
in unfern Großftädten felbft der jolide
Bürger inftinftmäßig gegen die Polizei
Partei ergreift, während in London
das Gegentheil der Fall ift.
Diefen focialen und politifchen
Uebelftänden bes Miethhaufes gegen:
über will ih nur fur; auf bie mate-
riellen Webelftände hinweiſen, bie ich
viel geringer anfchlage, trogdem, daß
diefe Seite faft die einzige ift, welche
man bei Wohnungsfragen venti—
liren hört und bei der Baugejeh-
ift der Verbreitung ber anſteckenden
Krankheiten Thür und Thor geöffnet
und Öffentlihe Maßregeln gegen
Seuchen, wie Abjiperrung eines durch:
feuchten Hauſes, Desinfection desjelben,
find entweder gar nicht durchzuführen
oder nur mit großen Opfern und unter
ſchwerer Mitbeläftigung einer Menge
von Leuten, die man gar nicht ver:
antmwortlich machen fann. Diefer Uebel:
ftand wird um jo größer, weil mit
der Verzettelung der ärmeren, für
Seuchen zugänglicheren Bevölferungs:
flaffe für alle Quartiere die Durch—
ſeuchung einer Stadt viel jchneller all-
gemein wird.
Hier kann ich Zahlen ſprechen laſſen:
In London, einer Stadt von 4 Millionen
Einwohnern, beträgt die jährliche Sterb:
lichkeit 24 von Tauſend, in dem
ziemlich Eleineren Paris 28, in Berlin,
das nur ein Viertel der Bevölferung
Londons hat, fterben troßdem 25, in
Mien 47 (2), in Petersburg 41 vom
Taufend ; Stuttgart, das nicht den
vierzigften Theil der Bewohner von
London befigt, Feine Hafenftabt ift und
eine notorifch gejunde Lage hat, fterben
trogdem nad den kürzlich veröffent:
lihten Ermittlungen von Obermedi—
zinalrath8 Dr. Cleß fait ſoviel Dienfchen
wie in London, nämlich 22 vom
Taufend.
Ein weiterer Punkt ift die Schwie-
tigkeit der Durchführung einer all-
gemeinen Wafjerleitung beim Mieth-
hausſyſtem, denn hier muß die Leitung
durch alle Stockwerke geführt werden;
beim engliichen Miethhaus genügt die
Einfuhr in das Erdgeichoß. Im erjtern
Fall ift die Einführung Sache bes
Hausherren, der nicht blos eine große
Auslage zu machen hat, ſondern ſich
SB...
auh mit Recht davor fürchtet, daß
durh die Gemeinfchaftlichfeit der
Wafjerleitung ihm wieder eine Reihe
von MWiderwärtigfeiten mit feinen
Miethsleuten in Ausficht geftellt werben.
Welch' große Uebelftände bringt
das Einfrieren der Mafferleitung mit
fih, das bei der Durchleitung in die
oberen Stodwerfe bei und kaum zu
vermeiden ift, während es im Fa—
milienhaus, wo nur das Souterrain
das Waſſer hat, bei der geringften
Vorficht nicht eintreten Tann.
Ein großer gefunbheitlicher Vortheil
des englijchen Familienhaufes Liegt
darin, daß die Schlafzimmer in ben
oberen, beffer ventilirten, vor ber Syn:
fection durch Küchen:, Abort: und
Menfhendunft geficherten Stockwerken
liegen, jo daß jede Familie in frifcher
reiner Luft jchläft, was ſich bei uns
die Bewohner der untern Räume fait
gar nicht verichaffen können, die ber
obern nur dadurch, daß fie alle übrigen
Nachtheile des Wohnens in der Höhe
auf fih nehmen.
Beim englifchen Familienhaus hat
jede Familie ihren eigenen abge:
Ihlofjenen Raum im Freien und kann
fi fomit jederzeit leicht und ungeftört
in friiher Luft erholen, ohne bie
Häuslichkeit zu verlaffen. Der Mangel
dieſer Möglichkeit in unjern Groß:
ſtädten ift eine der Haupturſachen des
üppigen Gedeihens des Stubenhoder:
thums mit allen jeinen gefundheits:
widrigen und moraliſchen Nachtheilen
bei Alt und Yung. Ich will mur
eins anführen; wenn wir jehen, welch’
ausgebildetes Syſtem körperlicher
Jugenderziehung die Engländer ſchon
ſeit lange beſitzen, dem gegenüber unſer
Schulturnen wie ein kindlicher Verſuch
und Anfang ausſieht, und daß ſelbſt
dieſer vielen Eltern und ſelbſt Aerzten
noch als eine gefährliche Neuerung
vorkommt, ſo deute ich damit nur an,
welche Quelle von Krebsſchäden der
mannigfachſten Art dieſer ſcheinbar ge—
ringfügige Umſtand iſt.
Ein weiterer Punkt ſind die Wärme—
verhältniſſe in den Wohnungen, die ich
etwas ausführlicher beſprechen will.
Da die Wärme äußerſt leicht von
unten nach oben geht, ſo braucht man
beim engliſchen Familienhaus einmal
in den oberen Räumen des Hauſes gar
keine Feuerſtellen. Mittelſt Klappen
kann man zum Beiſpiel im Augenblick
des zu Bettegehens die geſammte
Wärme der Wohnzimmer in die höheren
Schlafzimmer ausſtrömen laſſen und
ſich jederzeit jeden Wärmeüberſchuß in
ökonomiſcherer und geſundheitsmäßi—
gerer Weiſe vom Halſe ſchaffen, als
wir durch das Deffnen von Fenſtern.
Bei unſerem Miethhausſyſtem entſtehen
eine Menge von Erkältungen, wenn
man Winters nur einen oder zwei
Räume heizt. In den ungeheizten
entwickelt ſich nämlich eine feuchtkalte
Kellerluft, da das Uebermaß von
Feuchtigkeit in der warmen Luft der
Wohnräume ſich durch die Thürſpalten
nothwendig den anſtoßenden Räumlich—
keiten mittheilt und dort ausgefüllt
wird. Dieſer ſchroffe Gegenſatz kann
ſich beim engliſchen Familienhaus nicht
in gleicher Weiſe entwickeln; wenn auch
die oberen Räumlichkeiten, weil unge—
heizt, kälter ſind, ſo behalten ſie ihre
Trockenheit und dazu kommt, daß die
leichte Gefäßaufregung in Folge des
Stiegenſteigens, ein nicht gering an—
zuſchlagendes Vorbeugemittel gegen Er—
kältung iſt, wenn man einmal vorüber:
gehend ein ſolches ungeheiztes Zimmer
betreten muß.
Allerdings könnte man auch bei
unſerem Miethhausſyſtem dieſen Uebel—
ſtand der ungleichen Erwärmung der
Wohnräume leicht vermeiden, bezie—
hungsweiſe beſeitigen: Sobald man
in den Zwiſchenwänden, dicht unter
der Zimmerdecke eine größere, durch
Klappen verſchließbare Deffnung an—
bringen würde, oder wenn die Thür:
Öffnung bis zur Dede hinaufreicte,
wäre eine Wohnung von 4—5 Bim:
mern mitteljt eines einzigen Ofens ohne
nennenswerth größeren Mehraufwand
683
faft gleihmäßig zu erwärmen und man
hätte noch außerdem Pla durch bie
Befeitigung der überflüffigen Defen
gewonnen. Allein das ſcheitert
in allen bereits beſtehenden
Häuſern an dem Miethsver—
hältniß. Der Hausherr macht es
nicht, weil er direct nichts davon hat,
ja in der Regel wird er es nicht ein—
mal erlauben und der Miether macht
es wieder nicht, weil er beim Auszug
die Einrichtung nicht mit ſich nehmen
kann.
Im engliſchen Wohnhaus kann man
den Abort im Erdgeſchoß anbringen,
ſo daß deſſen Ausdünſtungen von den
Wohn- und namentlich den Schlaf—
räumen ferngehalten werden. Bei ung
find fie von der Hausflur faum ab:
zubalten und haben von hier directen
Zutritt zu den meiflen Zimmern. Zu:
dem fann im engliihen Wohnhaus
jede Familie ihren Abtritt leicht ge
ruchlos mahen. Beim Miethhaus ver:
läßt ſich eine Familie auf die andere,
ober muß es eine für alle thun, und
das allgemeine Refultat ift, baß es
gar nicht geichieht.
Eine Erwähnung verdient auch die
Feuerficherheit. Schon der Umſtand,
daß jede Familie von der andern durch
Feuermauern völlig ifolirt ift, gewährt
einen hohen Grad von Sicherheit. Ein
weiterer Umſtand ijt der, daß bei ihm
Feuerftätten nur in den untern Räume:
lichkeiten der Wohnung zu fein brauchen;
do genügen dafür Zahlen. London
bat für feine 4 Millionen Einwohner
393 Feuerwehrleute, aljo Einen auf
10.000 Einwohner, Stuttgart hat etwa
1000, alfo Einen auf 100 Einwohner.
Auch die Sicherheit des Eigenthums
ift beim englifchen Wohnſyſtem größer,
da bei diefem die Hausthüre ſtets ge:
ſchloſſen ift, ja nicht einmal vom
Dienftperfonal geöffnet x erden kann.
— Die Lieferanten bieten nämlich
dort ihre Sachen zu einem kleinen
[ee — — ——
ſtädten eine fo bedeutende Rolle ſpielt,
gänzlich fort und gegen Einbruchdieb—
ſtahl kann man ſich durch Vogelfrei—
erklären des Eindringlings wirkſam
ſchützen, was beim Miethhausſyſtem
abſolut nicht auszuführen iſt. In
England kann deshalb auch nur Straßen:
und Tafchendiebitahl mit Ausfiht auf
Erfolg betrieben werben.
In Tester Inſtanz ſtelle ich die
Miethspreiſe und dafür genügen einige
Zahlen. In London betragen die
Wohnungskoſten bis vom Ein:
kommen des Bewohners, in Berlin
1% bis ,„ in Paris über Y,, in
Wien Y,.
Ich weiß, Mancher, der die obigen
Auseinanderfegungen als richtig an:
erkennt, wird denfen, bieje Uebelftände
jeien eben einmal da und nicht3 mehr
zu machen. Letzterem ftimme ich nicht
zu. Allerdings können wir nicht, wie
einft Bismard meinte, jet unjere
großen Städte vom Erbboben vertilgen,
aber wir fönnen den Anfang machen
zur Beilerung, wenn wir unjerem
Baugejeg deneinzigen Para:
graphen beifügen: „Bon jet
an darf fein Haus mehr ge
„baut werden, in welchem nicht
„jede Wohnung ihren directen
„Zugang von der Straße hat
„und von der andern durch
„eine Feuermauer gejchieden
„iſt, fowieihren eigenen Bor:
„und Hofplagß hat“.
In London beſteht das Junere der
Stadt nur aus Gejchäftslocalen, in
denen faft Niemand wohnt, ber Ge-
ihäftsinhaber hat jein Daheim in den
äußeren Stabttheilen und zwar oft
meilenweit weg an einer Bahnlinie.
Dabei fäbrt er viel beſſer, weil er dort
in befjerer Luft lebt als im Herzen der
Statt und fich jeden Tag ganz feinem
Geihäftstaumel entziehen, leben und
ausjchnaufen fann.
Es kommt nur darauf au, daß
Fenfter neben der Thüre herein — unſer Städter von dem in jeber Be:
jo fällt in England die Wohnungs: ziehung nachtheiligen Wahn geheilt
einjchleiherei, die in unjern Groß: | wird, es müfje ein Jeder mög:
684
fihft nabe auf feinem Ge
ſchäft und feinem Amt ſitzen.
Sobald wir gleich dem Engländer nicht
mehr eine durch die Mittagsftunde un:
terbrochene doppelte Schul:, Beamten:
und Gejchäftszeit haben, fo fpielt die
Entfernung gar feine Rolle; im Ge-
gentheil.
Die aus den fliegenden Blättern
ſattſam befannte Figur des Staats:
bämorrhoibarius, iſt eine ſpecifiſche
Pflanze unferer continentalen Groß-
ftäbte, erzogen durch den Mangel an
genügender körperlicher Bewegung.
Hätten diefe Leute täglich in ihr Ge:
Ihäft hin und zurüd einen ordentlichen
Mari von 3—4 Kilometern zu machen,
jo wäre ihnen wohler und ihr Arbeit:
geber — der Staat und der Private
— hätte an ihnen rüfligere, ausgie-
bigere Arbeiter, die er dann aud
beſſer bezahlen könnte.
Der Einwand, daß das englifche
Familienhaus mehr Baugrund er:
fordere, als das Miethhaus, deshalb
zu theuer ſei, ift ebenfalls nicht ftich-
baltig. Das Mehr an Baugrund ift
erftens ganz unbedeutend. Allerdings
braucht hier jede Wohnung ihre eigene
Treppe, allein dieſe kann ſehr bejcheiden
jein, da fie nur von einer Familie
benügt wird und große Gegenftänbe
außen am Haus binaufgezogen und
zu ben Fenſtern hereingebradht werben
fönnen.
Zweitens wird das reichlich auf:
gewogen, wenn man jeine Wohnungen
nicht im Herzen der Stadt, ſondern
möglichft weit draußen fucht, weil hier
der Baugrund enorm viel billiger ift
und weil, wie ich oben auseinander:
jegte, bei Annahme des englifchen
Syftems die Miethfteigerung unmöglich
il. Doc zu was bes weiteren: Ein
Freund von mir bewohnt in der Pe:
tipherie Londons ein ſolches Familien:
haus mit 8 Wohnräumen, auf 90
Jahre gemiethet ſammt Hof und Garten,
und bezahlt dafür 30 Pfund Sterling
(300 fl.), ein Preis, um ben man
hier faum eine vierzimmerige Mob:
nung erhält, abgeiehen davon, daß
man bier um biefes Geld nod bie
Annehmlichkeit, einen Hausherrn zu
haben, mit in den Kauf nehmen muß.
Ueberlegen mir nun die Sache, der
jegige Augenblid, in dem unfere Bau:
unternehmer froh fein werben, aus ber
Geichäftsitodung herauszufommen, und
unfere des Börfenfpiel® müben Kapi—
taliften nicht minder, ift entichieben
günftig, um einen energifhen Anfang
mit der Erbauung von engliichen Fa=
milienhäufern zum Gebrauch für unjere
mittleren Stände, namentlich den Be—
amtenftand, zu machen. Der legtere
leibet unter den obengeſchilderten de—
moralifirenden Einflüffen unferes Mieth-
hausſyſtems am meijten und mit ihm
das dur ihn repräfentirte ftaatlihe '
Intereſſe. Es muß deshalb ein Vor:
gehen in diefer Richtung von Seite des
Staat und nicht minder der Stabt
Unterftügung — wenn auch zunädhit
nur moraliide — finden, wenn anders
Stadt und Staat ihr Intereſſe richtig
verftehen. Iſt von biefer Seite einmal
ein ernftlicher Anfang gemacht, jo wer:
den bie übrigen Kreije ſchon nachfolgen.
688
Ein ſteieriſcher Weltfahrer.
Erlebniſſe des Bauernſohnes Michel Moſer aus Altauſſee.
Durch Altauſſee ſchritt ein Photo—
graph und hielt Frage nach einem
Tiſchler.
Einen Holzſchragen für den Appa—
rat — jo was wird der Schützen—
Jocherl wohl machen können. Der
Schützen-Jocherl aber war weder ein
Schütz', noch ein Tiſchler, ſondern ein
Salzbergarbeiter, der in den freien
Stunden holzſchnitzerte, um jeine zahl⸗
reihen Kinder leichter zu ernähren.
Er madhte den Schragen für den
Apparat; der Photograph wollte dem
Jocherl zu Lohn die Buben photo:
graphiren. Als ſich aber dieſe vor das
große ſchwarze Auge binftellen follten,
liefen fie nah allen Richtungen bin
davon; nur der Meine Michel bielt
Stand. Und als der Vater auf der
Glasplatte das negative Bild feines
Sohnes jah, rief er aus: „Na ſau—
ber! Der Bub’ hat mir ja ein fohl-
ſchwarzes Gefiht und ſchneeweiße
Haar!”
Der Michel aber begudte weniger
das Bild, als vielmehr das finftere
Käftchen, in welchem es entjtanden war.
„Willſt auch ein Photograph wer:
den, Michel?”
Ya — er will einer werben. Und
ausgemacht war's.
Dem Bater war's recht, er hatte
noch genug jcharfe Zähne im Haus,
die was beißen mollten.
Der Photograpg macht Bilder
aus ber berrlihen Umgebung von
Auffee; der Kleine ift ihm dabei be:
bilfiih und faßt Alles geihidt an.
Und jegt ſoll der Michel nah Wien
mit. -
Was er in der Dorfichule gelernt
bat? Ein bischen Leſen und jchrei-
ben und ben Katechismus auswendig ;
ob er damit in der MWienerftabt
fortlommt? — Nun, e3 ift ein auf:
gewedter Junge, wird jchon noch mehr
lernen.
So ift Michel Mojer aus Alt:
auſſee nah Wien gelommen.
Das war im Jahre 1867 — der
Mihel war damald 14 Jahre alt.
Ein Jahr als Gehilfe bei einem etwas
engherzigen Photographen, was ift da
viel zu lernen? Aber der Fleine Ober:
fteirer hatte auf Alles gar jcharfe
Augen, faßte raſch auf, fand fich bald
in's Geſchäft.
Im Jahre 1868 rüſtete die öſter—
reichiſche Regierung in Handelsinter—
eſſen eine aſiatiſche Expedition aus.
Dazu wurde auch der Meiſter unſeres
Michel aufgenommen, daß er draußen
in den fernen Himmelsſtrichen die
Welt photographire.
— Ob der Michel mitwolle?
Ja, mit tauſend Freuden!
Das wäre wohl zu bebenfen,
Michel!
„Da gibt es gar nichts zu be—
denken“, meint der Photograph, „in
Wien bringſt Du Dich allein noch
nicht fort und in die Berge wirſt Du
auch nicht mehr zurück wollen. Gehſt
Du als Gehilfe mit mir, ſo ſiehſt
Du die Welt — es wird Dich nicht
reuen.
Wozu die Worte! Der Michel
fährt ja gerne.
In Trieſt ſah er das erſtemal
das Meer und ftaunte. Er hatte ſich
da8 Meer immer als einen breiten
Fluß gedacht, der zwar jo lang ſei,
daß man mochenlang darauf fahren
fönne, ber aber an beiden Seiten
6868
ſtets ſeine Ufer habe. Und jetzt ſtand doch ſchreiben von heim; wie der
das Schiff plötzlich mitten auf dem Brief ihn finden könne, das wiſſe er
Waſſer, und die ganze Ebene hin zwar nicht; ſie ſollten ſich nur an's
und der ganze weite Geſichtskreis — Handelsminiſterium in Wien wenden,
nichts als Waſſer. Es war kein Grund
und kein Halt mehr — wie doch die
Menſchen kühn ſind! Der Michel
hatte immer gemeint, ber Altauſſeer—
fee und der Grundelſee wären die
größten Wäfler auf der Welt —
und jetzt jah er wochenlang fein Land
— fein Stüd Erde mehr. Und er
wußte gar nicht wohin, denn er hatte
faum jemals eine Weltkarte ungejehen
und hatte feinen Begriff von bem
Baue der Erde und noch weniger von
der Lage der Welttheile. Ein paar:
mal landeten fie in fremden Häfen,
bei fremden Bölfern, wo Alles unbe-
greifli war.
Und nad Monaten landeten fie
wieder und da hieß es, fie wären in
Sübdamerifa.
Kann man auch bier noch Briefe
jchreiben nach Altauffee? Ob, gewiß.
— Er ſchrieb an feine Eltern, fie
jollten glüdlich fein; ihm gehe es
zwar nicht jchleht — aber das Waſ—
jer, das jchredlihe Meer allüberall,
und er würde die Heimat faum je
mals wiederjehen.
Nun ging die Reife weiter, ging
um das Kap, der Sonne entgegen
und immer entgegen — ewiglange
Wochen.
Und endlich landeten fie und: fie
wären am Ziele.
Dieſes Ziel war feltiam. — Men:
ſchen mit gelblichen Gefichtern, fchief-
geichligten Augen; viele hatten Glatz—
föpfe und am Hinterhaupte einen lan:
gen Schmweif.
Hier auf dem feften Lande jchrieb
der Michel wieder an feine Eltern:
Wie es heiße, wäre er jetzt im Lande
Japan, und in dem wäre es, nad
der Leute Ausjag’, finftere Nacht,
wenn bie Altauffeer hellen Tag hätten.
Das Leben und Treiben ber Japaner
wäre unbejchreiblih ; ganz, ganz an-
ders als wie daheim. Sie jollten ihm
das würde mit dem Brief ſchon Mit:
tel machen. Er, ber Michel, ſei nur
froh, daß er endlich wieber feiten
Boden unter jeinen Füßen habe.
Ueber ein Jahr hielt fidh die öfter-
reihifhe Erpedition in Japan auf;
die Herren fnüpften allerlei Verbin—
dungen mit den Glatzköpfen an und
der Photograph und fein oberfteirifcher
Jünger machten fleißig Bilder von
Sand und Leuten.
Als fih nun aber die Erpebition
wieder zur Rückkehr nah Europa
rüftete und bie Abreife herankam,
flopfte der Photograph feinem jungen
Gehilfen auf die Achſel und fagte:
„Alfo, mein lieber Michel, wir haben
unfere Aufgabe vollendet. Du biſt
nun Dein eigener Herr und ich wünfche,
daß es Dir recht wohlergehen möge!“
Wie? Entlaffen der Michel? Und
bei den Japanern und ohne allen
Beiftand ? — „Nein“, meint der Ca-
pitain, „laſſe Dih ammerben als
Schiffsjungen und mir führen Dich
gerne wieder mit zurüd. “
Und als ber junge Mann jett ſah,
wie jchwer ihm Unrecht geſchah und daß
man ihn ausbeuten mollte, da fam
ihm ber Troß — der ftörrigfte Troß,
defien ein Bauernjunge aus Oberfteier
fäbig if. „Ich bin als Photograph
mit hierhergekommen“, fagte er, „und
ih will als Schiffsjunge nicht zurüd-
fehren. Ich bleibe hier.”
Das Schiff mit feinen Landsleuten
wurbe flott; er blidte ihm nad fo
lange er es mit Augen fehen konnte.
Daun ftand er allein — am melt-
fremden, ſeltſam bewegten Hafen von
Jeddo.
Wie dem ſteiriſchen Alpenſohn zu
Muthe geweſen ſein mag? Er war
in dem Alter, in welchem andere Leute
ihre Flegeljahre verſchlendern, aber an
ihn war nun das Leben mit ſeinem
ſchwerſten, ja wilbeften Ernte heran—⸗
— — — ————
getreten. Keiner fremden Sprade
mädtig, unvertraut mit den Sitten
und Gefeten des Landes, mitten unter
einem unberechenbaren Volke, dem ber
europäifche Frembling ein Gräuel ift.
Am Reihe der Bauchaufſchlitzer!
Was feine Verlegenheit in mate-
rieler Beziehung anbelangt, davon nur
ein Beifpiel. Seine Eltern fchidten
ihm den eriten Brief — welcher nad)
Japan ungefähr zwei Monate brauchte
— unfrantirt, in der VBorausjegung,
daß berjelbe um fo ficherer an bie
Adreffe gelangen würde. Aber ber
Michel bejaß nicht fo viel Geld, um
den jehnlichft erwarteten Brief aus:
zulöjen. Auch wollte fich Niemand finden,
der dem Fremden 50 Gent. geborgt
hätte. Der Brief aus der Heimat
blieb mehrere Monate auf der Poft
liegen, während Michel nad den Nach—
richten, die er barg, bürftete. Ander—
ſeits wurde aus Japan fein Brief
unfranfirt befördert und jo währte es
faft ein Jahr, bis der junge Mann
das Schreiben von Altaufjee erhielt
und e3 beantworten fonnte.
Aber Gott verläßt feinen Deut:
ſchen und der Engländer feinen Steirer.
In Jeddo lebte ein Engländer, Herr
J. R. Blad, welder eine iluftrirte
Monatsfchrift, „Far East“ betitelt,
berausgab. Der fand unjern dem Ber:
derben preiägegebenen Michel auf. Ein
junger Photograph, das war eine
gute Kraft für fein Geſchäft. Michel
Mofer trat in die Dienfte Black's
und hatte nun die Aufgabe, im Lande
berumgureifen unb für die Zeitichrift
jeine® Herrn photographiihe Bilder
aufzunehmen. Dabei hatte er Gelegen:
beit, Japan, feine Städte und Be
mwohner unb feine Naturfchönheiten
fennen zu lernen.
Zweimal ließen ihn hochgeftellte
Befiger von Landhäufern einfangen,
weil er ſich erfühnt hatte, ihre Villen
aufzunehmen, und ließen ihn zum
Tode verurtheilen. Aber der mwadere
Black ermirfte ihm jedesmal wieder
die Freiheit. Er beſchützte und pflegte
ar
den aufgemwedten, offenen Burfchen
wie einen Sohn, und der Michel
lernte. Lernte japanisch, engliſch, fran-
zöſiſch und gelegentlich auch hoch—
deutſch — die Mutterſprache. Er ge—
wann im Lande bald eine geachtete
Stellung.
Als 1873 die Japaner eine Ex—
pedition nach Wien zur Weltausſtel—
lung ausrüſteten, wurde unſer Michel
Moſer durch die Vermittlung bes ita-
lienifhen Gejfandten in Jeddo von der
japanifshen Regierung als Dolmetſch
aufgenommen.
So jah er nad) fünfjähriger Ab-
mwejenheit fein Vaterland wieder. Bon
Trieft aus jchrieb er jeinen Eltern,
daß er fomme. In der Ausitellung
zu Wien mußte er eine Art Oberauf-
fit über die japanijchen Güter füh—
ren, war auch als Dolmetich unent-
behrlih, und kaum konnten ihm fünf
Tage Urlaub gegeben werben, daß er
jeine liebe Heimat aufſuche, die jo
ftill zwiihen hohen Bergen liegt. Es
läßt ſich nicht wiederbeichreiben, mit
welhen Gefühlen Michel von Iſchl
auf dem Fußfteig über den Sandling
jeinem Altauffee zuwanderte, wie er
den vor Freude jchier taumeligen
Bater, wie er die vor Glüdjeligkeit
weinende Mutter, wie er die ihn faſt
mißtrauiſch anftarrenden Geſchwiſter
wieder ſah. Laſſen wir ihn ſelbſt er—
zählen:
„Thränen rollten mir über die
Wangen, als ich zwiſchen den Bäumen
den lieben Ort Altauſſee erblickte.
Bei meinem Heimatshauſe angelangt,
klopfte ich leiſe an die Thür. Meine
kleine Schweſter Sophie machte gleich
auf, aber kaum erblickte ſie mich, ſo
brach fie ſchon in Thränen aus. In
der Küche war die Mutter, welche
auch ſogleich zu weinen anhub. Dann
ging's an ein ſtürmiſches Umarmen.
Nun kamen auch die Brüder Heinrich
und Seppi herein.“) Welche Freude
*) Dieſe mittlerweile auch Photographen
in Wien geworden, waren mit ihm nach Auſſee
getommen.
RER...
und Ueberraſchung! Ganz entzüdt war | Heimat. Kein Wunder,
ih über meinen fleinen, drei Jahre |jeder Schritt
alten Bruder Hiesl, welcher zur Welt; dig war,
Er iſt jeder Fleine Vorfall bei den lieben
fam, als ih in Japan war.
ein allerliebiter Knabe.
Der Bater war nicht zu Haufe, fon-
dern auf dem Sattl, um ein in Berluft
gerathenes Kalb zu juchen. Die Sophie
und der Seppi liefen glei hinauf,
um die Ankunft zu melden. Ich ging
hinter unferem Haufe auf den Bühel
hinauf. Der Poldl nahm eine Piftole
und fnallte drauf los. Da wußten es
die Leute gleih, daß was Außeror-
dentlihes vorgefallen war und famen
herbei. Ich Fannte davon nur etliche
olte Leute, die Göden und Godeln vor
Allem. Mein Firmgöb, welcher lange
beim Militär und in Stalien war,
nahm ſich's bejonders zu Herzen, daß
ih nach fo vielen ausgeftandenen Ge-
fahren und Strapazen wieder glücklich
in die Heimat zurüdgefehrt fei. Die
jüngeren Leute hatten fih für mich
ganz verwachlen. Jetzt fam auch mein
älterer Bruder Gregor von der Alm
zuüd, wo man ihm gejagt hatte,
daß ich angelommen war. Uno bald
nah ihm fam auch der Vater. Er
war außer ſich vor Freude. Sogleich
ließ er Wein vom Gafthaufe holen —
er wußte gar nicht, was anfangen in
jeinem Glüde. — Am andern Tag
zogen wir alle echt fteirifche Kleider
an und gingen in ben Markt Auffee,
von dort ließ und Herr Walcher in's
Wirtsshaus „zum Schramel” am
Grundelſee führen. Später machten wir
eine Partie auf die Rettenbadhalm.
Da gab's Almkoch und Schnaps und
Spaß, und über Naht ließ mir bie
Eennerin ihr Bett, während fie jelbft
bei einer Nachbarin jchlief. Auch das
Frohnleichnamsfeſt feierte ich noch in
Aufjee und beim Zwölfuhrläuten feuerte
ih die Pöller ab. Allenthalben, wo
ih hinkam, ftellten fie mir gutes Efjen
und Trinken vor.“
So erzählt der Michel von fei-
nen Tagen in der wiedergeſehenen | jchiffte.
daß ihm
und Tritt merfmwür-
den er bier that und
Leuten daheim, nachdem er fo lange
ein Fremdling war, überall, wo er
ging und ftand in der weiten Welt.
Von der ganzen Gegend famen
die Leute zufammen, um. den „Sa:
panejen” zu ſehen; wo er fi ein:
fand, da mwurbe das Haus voll zum
Erdrüden und er mußte erzählen —
erzählen. Aber er hatte eine völlig
frembartige Ausdrudsmweife und feine
Worte jprangen raſch hervor und bie
guten Aelpler konnten ihm mit ihren
Gedanken faum folgen. Am Liebften
hätten fie immer von Geeftürmen,
Walfiihen, Seeräubern, Bauchauf—
chligen gehört; aber der Michel er:
zählte nicht Abenteuer, die er nicht
erlebt hatte, er erzählte von den Eigen:
Ichaften der Länder und von den Ein:
rihtungen und Sitten ihrer Bewohner.
Seine mitgebrachten Bilder gingen von
Hand zu Hand weit über Aufjee hinaus,
Ein Mütterlein, das einmal dem Er:
zähler zugehört hatte und Allem mit
größter Aufmerkjamfeit gefolgt war,
ftellte endlich die Frage an den Heim—
gefehrten, was bie Japaner eigentlich
für SHergotten hätten, ob biefelben
auch aus Holz gefchnigt oder ob fie,
etwa jo wie auf dem Auffeer Fried:
hof, von Eijen gemacht wären.
Da jtellte fih denn heraus, daß
der Michel jahrelang unter den Heiden
gelebt habe. Und das fühlte die Be:
geifterung für den Heimgekehrten merk:
lich ab.
Der Ruhetage in dem ftillen
Heimatsdorfe waren eben nur wenige.
Bald rief ihn fein Vertrag wieder
nah Wien zu feinen Japanern zurüd,
denen er in vieler Beziehung Nath-
geber und Führer war. Nah Ende
der Ausftellung begleitete er ben japa-
niſchen Minifter Sano Tzunetami bis
nah Marjeille, wo fich dieſer ein:
Mojer kehrte über Venedig
689
nah Wien zurüd. In Wien traf ihn
die Nachricht, daß die japanischen
Ausftellungsgegenftände, welche Wochen
zuvor nach Japan abgegangen waren,
durch den Schiffbruch des Dampfers
„Nil“ bei Cap Idzu zu Grunde ge—
gangen wären. (191 Kiſten waren
verloren.) Nun mußte raſch die Rück—
reiſe angetreten werden. Auf Moſers
Rath gingen ſie durch Italien. Moſer
hat in längeren Artikeln, welche im
Gmundener Wochenblatte erſchienen,
dieſe Reiſe beſchrieben. Er ſchildert
Venedig, Rom, Neapel u. ſ. w. wie
ein gewandter Reiſeſchriftſteller. In
Neapel löſte er ſich eine Fahrkarte‘
nah Japan um 2375 Franken. Die
Fahrt ging dur den Suezfanal, und
ſechs Wochen nad der Abreife von
Neapel langten bie Japaner im Hafen
von Yokohama an, von wo aus fi
Mojer nah der Hauptftadt Tokio be-
gab, wo er nun wieder als Photograph
thätig war.
Er lebte im Fremdenviertel biejer
Stadt, unter Engländern und Ame—
rikanern. Es jcheint ihm meift recht
gut ergangen zu fein. Viele gut aus-
geführte Photographien aus Japan,
die ung zu Gefichte famen, tragen bie
firma: „Michael Moser, Photo-
grapher, Takio, Japan.“ Seine ganz
durch jelbfteigenes Streben gegründete
Stellung war eine jehr geachtete; wir
jchließen dag aus dem Umſtande, weil
er viel mit hohen Beamten und Wür:
benträgern verfehrte und vermöge
feines großen Sprachtalentes vielfache
Dienfte zu leiten im Stande war.
Ferner ift auch jeine Perfönlichkeit
dazu angethan, überall Freunde zu
finden.
Am Jahre 1876 wurde der junge
Mann von der japanischen Regierung
ein zmweitesmal als Dolmetſch ange:
Wofeggers „Heimgarten‘‘ 9. gell,
ftellt, und er fuhr mit 50 Japanern
von Yokohama über den großen Ocean
nah St. Francisco und von dort auf
der Bacificbahn nah Philadelphia
zur Weltausftellung.
Bon dieſer Reife erzählt Mojer,
daß fie 25 Tage gedauert habe.
Zwiſchen Chicago und Philadelphia
fahren die Züge am jchnellften: 40
engliihe Meilen in einer Stunde.
Zum Schluffe der Ausftellung
fehrte er nah Europa zurüd und
eilte wieder ber lieben Heimat zu.
Antereffant find die Schilderungen
diefer Reife von Japan über Amerika
bis nad Altauffee; diefelben beweifen
nit allein einen klaren Weltblid,
fondern auch ein tiefes Gemüth.
An einem ftöbernden Jännertag
diejed Jahres fam er die Straße über
die Pötjchen gegen Auffee herab. Als
er den Lenauhügel erreichte, brach bie
Mittagsfonne hervor ; der Heimfehrende
ſah das liebe Altauffeerthal im Win:
terfleide vor fi) liegen. Da rief fein
Herz:
„D Heimat, Heimat! wunderbarer Klang!
Lieb’ kann vergehen und der Freundidaft
Bande,
Dod nicht der eingeborne heiße Drang:
Erinn’rung, Sehnfucht nad dem Baterlande!“
Gegenwärtig lebt Michel Mofer
bei den Seinen in Altauffee. Nur auf
kurzer Raft! Den dreiundzmwanzigjäh:
rigen Mann, der zweimal jchier um
den Erbball gereift ift, verlangt heute
ſchon wieder nad weiten Fahrten und
Unternehmungen. Doch wird er wohl
in Europa bleiben müffen bis zur
Parifer Weltausitellung, wo er fid)
zu japanifchen Dienften verpflichtet hat.
Dann mag's wieder weiter gehen,
— nur Schade, daß die Welt nicht
größer ift !
44
690
Der muyftifgirte Ahapfade.
Aus dem Leben eine® Künftlers von Yans Walfer.
Große Lettern verfündeten es an
allen Straßeneden der Stadt:
„Heute am 22. März Abends
6 Uhr im Kronenjaale:
Fauſt.
Dramatiſches Gedicht von Goethe, vorgetragen
von
Friedrich Johnſang.“
Dieſe auch in allen Zeitungen
wiederholte und beſprochene Ankündi—
gung brachte die ganze Reſidenz in
Aufregung.
Dem Vorleſer Johnſaug ging
ein. guter Ruf voraus. Er mar, einzig
in feiner Art, war auggeftattet mit
allen jenen Mitteln, welche das Pu:
blitum beftechen und hinreißen. Eine
junge ſchöne Mannesgeftalt voll poe:
tiſchen Schwunges, mit einer herr:
lihen Stimme begabt und mit einem
unglaublichen Gedächtniſſe, jo daß er
die umfangreichften Gedichte und
größten Dramen auswendig beclamirte.
Troßdem war an ihm nichts Schau:
jpielerisches; feine Vortragsweiſe machte
Anfangs immer den Eindrud: grober
Anfpruchslofigkeit ; aber als nur erft
Stellen kamen, in welchen die Innig—
feit, die Luft, dev Schmerz, die Leiden:
ihaft zu ſprechen hatten, dann, war
Johnſang dex vollendete Meijtex, dem
Niemand gli, nach wiberftand, Gr
veifte, ein echter Rhapſode, von Stabt
zu Stadt, und wo er meilte, ba
blieben die Theater leer, da ſchwiegen
die Afademien. In allen Schaufenftern
prangte fein Bild; in den höchſten
Kreifen der Gejelichaft gab man ihm
zu Ehren Tafeln und Feſte. Mit Gold |D
gepflaftert, mit Lorbeern bejchattet
waren die Wege, bie er zog von
die Perſon à 2
Land. zu Land. Die Zirkel ſchönſter
tauen Hulbigten ihm, manches
ädchenherz meinte, ſehnte ſich ihm
nach.
So war die Aufregung mohl be
eiflih, die beyte in der Stabt
errichte. Der Fürft felbit, ein leiben:
ſchaftlicher Freund der Künite, jallte,
jo hieß es, dem Vortrage beiwohnen.
Um zehn Uhr nk da die
Schalter ſonſt geöffnet werbeu
pflegten, mar heute keine | * mehr
zu bekommen.
Der Rhapſode aber war tags:
über nirgends zu fehen. Er blieb. im
Hotel und hielt fich eingeichloffen in
feine Gemächer, wie er es vor feinen
Borträgen immer zu thun pflegte. Er
ging mit langfamen Schritten bie
Zimmer auf und ab und verjenfte
fi in feine Stubien und wohl auch
in feine Träume. In der Hand hielt
er das Buch mit Gooethe's titanen-
baftem Gedichte, Bine feierliche Stim⸗
mung fühlte er in feinen Seele —
bejonders heute. Es war Goethe's
Sterbetag.
Den ganzen Tag nahm ev mur
ein Weniges an Nahrung zu ſich.
Nichtsdeſtoweniger machte der Ober:
kellner in der Rechnung des Herrn
Johnſang an dev Stelle des Mittags:
mahles eine erklecklich hohe Ziffer.
Warum au nicht? der Kronenfaal
faßt über —B— Pexſonen;
haler macht 3000
Thaler — für einen Tag; macht per
Monat 90.000 Thaler. — So rechnete
8* Oberkellner im Hotel zum goldenen
ſen.
Mittlerweile nahte der Abend.
Johnſang hüllte ſich in ſein ſchwarzes
691
Kleid, nicht unähnlich dem Kleide des
Fauſt im erften Aufzuge. Sein junger,
furzgeftugter Vollbart war bunfel,
jeine Wangen waren etwas blaß aber
fein Auge leuchtete. Vielleicht war er
ganz bejeelt und erfüllt von der
wunderbaren Dichtung; vielleicht auch
war es ein bischen das jauchzenbe
Erwarten bed Ehrgeizes; follte er
doch in ben nächften Augenbliden hin-
treten vor eine jubelnde Menge, von
Lorbeerkränzen umraufcht!
Auf dem Thurme des nahen
Domes jhlug ed ſechs Uhr. Der
Wagen fuhr vor. Bald darauf ftieg
Johnſang die ftille Künftlertreppe em:
por und trat in ben blendend heil
erleuchteten Saal. Er trat hallenben
Schritte zum Podium und erhob bas
Auge.
Im Saale war es grauenhaft
fill und leer. Die langen Reihen der
Bänfe mit ihren weißen Nummern:
täfelhen jtarrten ihm entgegen. Sn
einer der hinteren Reihen ſaß ein
einziger Menſch, der fich bei bem
Eintritte des Vorlejerd etwas erhoben
hatte.
Johnſang riß feine Uhr aus ber
Tale — es war fünf Minuten nad
ſechs. Er blidte auf die Uhr, bie an
der ſtrahlenden Wand des Saales
— es war fünf Minuten nach
echs.
Er fuhr ſich mit der flachen Hand
über die Augen, über die Stirne, er
jah wieder in den Zuſchauerraum und
er jah nicht? in den Bänfen, als bie
einzige Geftalt. Ale Plätze in ben
Nebenhallen waren leer. Die Eingänge
waren gejchloffen. Au einem: Pfeiler
hing die Aufchlagtafel. Johnſang trat
an fie hin und las die Anfündigung
jeines Fauftvortrages für den 22. März
um 6 Uhr Abends.
Und das war ja doch dieſe jelbe
Stunde. Er trat wieber zu jeinem
Tiſche. Beibe Hände preßte er an
feine Stirne. Der Kiünftler kann es
nimmer faflen, daß das Publikum
von ihm abgefallen ift, eher alaubt
er an feinen eigenen Wahnfinn.
Faft gräßlihd war die Situation.
Aber der Rhapſode jammelte ſich.
Sein Vortrag ift für dieſe Stunde
angekündigt worden und das Publikum
it da. Oder ift Ein Zuhörer nicht
auh ein Publikum? Schlägt nicht
aud in dem Einzigen das ganze Herz
her Menjchheit? Wirb ein Glüd, ein
Weh tiefer verjtanden, empfunden,
wenn e3 vielfah verftanden unb em:
pfunden wird? Das Kunſtwerk ift für
den Einzigen da — ob dieſer Einzige
taujendmal fi wieberholt — was
thuts, e8 wirft doch nur in dem In—
bividuum.
Johnſang trat zwei Schritte vor,
verneigte fi leiht und begamı in
Harem, ruhigem Tone feinen Vortrag.
Der feierlih ernfte Monolog, bie
erfte Scene mit Wagner war vorbei,
es wehte ber Dftergefang, und da
war’3 wirklih, al3 ob fernes Gloden-
fingen und Drgelgetöne hallten, jo
ſtimmungsvoll wurden bie Worte ge-
ſprochen. Und als das befreiende Er:
wahen aus ſchwerem Banne zum
Ausdrude fam: „DO tönet fort ihr
füßen Himmelslieder! die Thräne
quilt, die Erde bat mich wieder!”
da war dem Zuſchauer die Bewe—
gung wohl anzumerken. Doc gab er
fein Zeichen des Beifall; eng in
feinen Mantel geſchlagen jaß er da,
das Weitere erwartend.
Es fam die lebendige Volksſcene
des Oſtertages; es fam ber lebens:
durftige Fauft; es erjchien Mephifto.
Dann war die tolle Scene in Auer:
badjsfeller und die wüſte Hexenküche.
Und wer e3 gehört: das Ohr war
zum Auge geworben und bie Seele
ſah, was fie hörte. Niht das
Minenjpiel des Bortragenden war's,
denn das war faum merklich, ber
Ton, da3 Maß, bie feinfte Aus:
arbeitwig; des Vortrages that Alles.
Die Stimmen ber verjchiedenen Per:
fonen waren verſchieden, aber es war
nicht, wie eine abfichtliche Verftellung
44*
692
ber Tonart, und jchließlih jchien jede
Stimme fo natürli aus ber Bruft
zu fteigen, daß nicht mehr zu unter:
ſcheiden war, welche davon dem Vor:
tragenden eigentlich angehörte.
Dann famen bie wundervollen
Gretchenfcenen. Welch’ weiche Töne, in
denen das ganze Herz des Liebenden
Mädchens aufgelöft jchien !
Der Zuhörer bewegte fich nicht;
wie im Traume war er verjunfen.
Der Bortragende mußte ed längſt
nicht mehr, daß er im Declamationg:
jaale ftand, daß aber nur eine einzige
Perſon feinem Vortrage laufchte, daß
diefe Perjon möglicher Weile der
Billeteur war. Nein. Er lebte das
Drama ; bie weltbegehrenden Leiden:
ihaften bes von ben Idealen losge-
tiffenen Fauſt mogten in feinem
Herzen. Ein plöglices Erſchrecken
hier mitten in der Luſt; ein kurzer
Aufſchrei da nach dem Göttlihen, und
dann weitergeraft, gezerrt, geriffen
vom Dämon. Menjchenherzen werden
zertreten unter dem einen glühenden,
ſtürzenden. — Und Grethen! Jetzt
nod) :
„Mein Bufen drängt
Sich nah ihm bin,
Ad, dürft" ic faflen
Ind halten ihn!
Und küſſen ibn,
So wie ih wollt,
An feinen Küſſen
Vergeben follt!“
Und dann:
„Ad, neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlip gnädig meiner Roth!"
Und enblid :
„Heinrich, mir graut vor dir!“
Wie viel Tragif lag darin, wie
viel Luft, wie viel Pein dazwiſchen!
Der Menjchheit Wonne und Jam—
mer faßte den Künftler mit Allgemalt ;
da8 Jauchzen der Erhebung und
Himmelftürmung, die Schreden des
Sturzes, des Nnterganges tobten in
ibm — und als er dann doch wieber
fein Teiblih Auge aufthat und bort
die Geftalt fauern ſah — als wie
jeinen eigenen Mephifto: die Gier nad
Ruhm — da graute ihm.
Und als endlich des vergehenden
Mädchens letzter Schrei nah dem
Geliebten im Saale vergellt war,
taumelte der Rhapfode jeitwärtd und
janf erſchöpft nieder auf einen Stuhl.
Als er fi wieder fand, Löfchten
Diener die ftrahlenden Kronleuchter
aus. Die Kerzen waren tief herab:
gebrannt.
Johnſang ging in die Vorhalle,
wo der Kaflier jhon eine Weile auf
ihn gewartet hatte. j
„Bas hat das zu bedeuten?“
fragte er. Der Andere zudte bie
Achſeln, aber — die Karten waren
alle verfauft worden.
„So bin ih irrfinnig gemorben
und der Saal war doch überfüllt !”
rief der Nhapjode. Der Mann am
Eingange zudte wieder die Adhjeln.
„SH weiß nicht,“ entgegnete er,
„wenn Sie jelbft es nicht begreifen!
Sie haben doch vorgetragen und es
war nur ein einziger Zuhörer ba.”
„Alfo doch,“ murmelte Herr John:
fang, „un, fo find die Webrigen
eben verhindert geweſen, zu kommen.“
Damit verließ er den Saal.
Am nächſten Morgen braten bie
ı Blätter der Stabt verſchiedene Nach—
richten. Das eine erzählte furz, bie
Borlefung des Herrn Johnſang habe
bei überfültem Haufe ftattgefunden.
Ein anderes lobte den Rhapſoden mit
einigen fühlen Worten; ein brittes
tadelte deſſen Vortragsweiſe, daß fie
„manierirt“ werde. Wieder ein an:
dere Blatt berichtete, ber Bortrag
habe gar nicht ftattgefunden. — Die
Redactionen hatten eben Feine Karten
erhalten.
AN das machte Herrn Johnſang
noch verwirrter. Seine Einnahme be-
trug über breitaufend Thaler, aber
das Geld war ihm unheimlid, und
er beſchloß, jo raſch als möglich aus
693
dieſer ſeltſamen Stadt fortzufommen,
deren Bewohner ihn fo tief, jo bei:
jpiello8 verhöhnt, oder in der er ben
Berftand verloren hatte.
Da meldete fi noch in den
Morgenftunden ein Beſuch. Ein einfach
aber modern gefleiveter Mann mit
einnehmendem Wejen trat in das Em:
pfangszimmer. Johnſang ließ ihn
warten, er fühlte gar nicht das Be—
bürfniß, allzuartig zu fein. Endlich
fam er aus dem Nebengemache, und
fragte den Fremden kurz nad beffen
Begehr. Diefer ſchritt rafch auf ihn
zu und fagte: „Mein Herr, mein
Beſuch hat einen wichtigen und
doppelten Zweck. Erſtens bitte ich Sie
um Berzeihung für ein Erperiment,
da3 man jedenfall® in ungerecht:
fertigter Weife mit Ihnen vorge:
nommen bat und zweitens banfe ich
Ihnen für den großen unmvergeklichen
Genuß, den Sie durch den Vortrag
des Fauft mir geftern bereitet haben.“
„Wer find Sie?“ unterbrad ihn
Johnſang.
„Ich bin Ihr geſtriges Publikum“,
antwortete der Fremde, „und in
zweiter Linie bin ich ein egoiſtiſcher
Menſch, der den Genuß mit Nieman—
den theilen wollte und daher alle
Karten aufkaufen ließ, die zu Ihrem
Vortrage einführen konnten. In dritter
Linie endlich bin ich der Fürſt dieſes
Landes und als ſolcher komme ich,
Sie um Verzeihung zu bitten und
Ihnen zu danken.“
Johnſang lud den durchlauchtigen
Gaſt mit einer Handbewegung zum
Sigen ein. Etwas befremdet leiftete
der Fürft Folge.
Der Rhapfode fette ſich ihm
gegenüber und fagte fühl, aber mit
nahdrüdliher Betonung: „So ift
mir wohl die Frage geftattet, weshalb
ich myitificirtt worden bin, und mit
welhem Rechte man dem Publikum
den Bortrag der größten Dichtung
feines größten Dichters entzogen hat ?“
Der Fürft ſchwieg einen Augen:
blick und jeine Wangen entfärbten
ih etwas. Er rüdte auf feinem
Plage mehrmals hin und her, und
endlich antwortete er: „Ich jehe, daß
e3 unter Umftänden mit euch Künft-
lern verdammt ungemüthlich zu jprechen
ift. Sie zwingen mich, jo kurz und fo
offen als möglich zu fein. Wohlan.
Ohne Phraſe, mein Herr, ich bemun-
dere Sie und ich beneide Sie. Und
der Neid eines Fürften ift gefährlich.
Ihre Gabe al Declamator ift einzig ;
ih habe jehon wiederholt Gelegenheit
gehabt, diefelbe zu genießen, aber es
war mir micht möglich zu glauben,
daß fie jo göttlich ift, als fie ſcheint.
Die Haupttriebfeder eines Künſtlers,
dachte ich mir oft, ift ſchließlich doch
der Ehrgeiz. Ich wollte e8 verjuchen,
das zu erproben, wollte jehen, welchen
Eindrud auf Sie, den Gefeierten, ein
leeres Haus ohne Beifall und Kränze
machen würde, und ob Sie vom
Geifte der Kunft durchdrungen genug
wären, um auch noch einem einzigen,
legten Andächtigen das erworbene
Anreht auf Ihre Declamation nicht
vorzuenthalten. Sie haben mich für
mein Erperiment beftraft dadurch, daß
Sie mid befehrt haben. Sie haben
mich ferner durch Ihre Kunft — ber
ih mid, von keinerlei Nachbarſchaft
beeinträchtigt, vollends hingeben konnte,
bi8 ind Innerſte ergriffen und das
wird mir der jchönfte, merfwürbigite
Goethetag bleiben, weiß ich nur, daß
Sie mir nicht zürnen.“ Dann hielt er
dem Rhapſoden feine rechte Hand hin
und fagte mit bittender Stimme:
„Berzeihen Sie mir!”
Johnſang Tegte feine Rechte in
die des Fürften. Dieſer hielt fie feit
und fuhr fort: „Selbitverftändlich
muß ich nun auch an ben Bewohnern
meiner Refivenzitabt gut zu machen
fuchen, was ih an ihnen verbrocden ;
ih bitte Sie demnah, mein Herr,
daß Sie an einem der nächften Tage
den Fauftvortrag wiederholen.”
Johnſang ſagte zu und bemerfte
noh, daß, im Falle fein zweiter
Vortrag auch bejuchter als der erite
694
jein folte, er fih das Publitum doch | machen, fo wollte ich Ihnen noch vor:
wie eine einzige Perfon vorftellen | fchlagen, daß Sie in mein Schloß
würde, um jo bie Einheitlichfeit jeines | überfiedeln. Wie ich nun überzeugt
Werkes zu wahren. Das habe er bin, gehören Sie zu jenen wenigen
geftern gelernt. Künftlern, denen Hofluft nicht gefähr-
„Und“ fuhr, der Fürft launiger |Tih zu merben vermag, unb id
fort, „ba ih mir während Ihres wiederhole baher meine Einlabung
Aufenthalte® hier gerne manches |nochmals auf das herzlichfte.”
Stündchen Ihrer Gejellihaft erflehen Der Künftler ſchlug in bie bar:
möchte, ich aber nicht gewohnt bin, in | gebotene Rechte und Hatte Dielen
den Hotels diefer Stabt Beſuche zu Handſchlag nicht zu bereuen.
Poſte reftante!
MWeit draußen, nah’ dem Waldesrand, Es fpäht nad allen Seiten aus,
Da fteht ein altes Kreuz; Weil's nicht belaufcht fein will.
Dem Wand'rer iſt's gar wohl befannt, Dem Bufentuch entneftelt ſchnell
Bor Iahren ſtand's bereits. Ein Brieflein fie, gar Hein;
Ein Derrgott, roh auf Blech gemalt, Im Kreuz ift eine hohle Stell’,
If wadlih d'ran gemadht, Da wandert e8 hinein.
Und pfeifend fährt dur manden Spalt Sie hat es ihrem Schaß befohl'n,
Der Rind in finft’rer Racht. (Gab ihm dabei die Hand)
Da tritt vom nächſten Buſch heraus Er follte fih ein Brieflein hol'n,
“Ein Mädchen, leis und ftill, Beim Herrgott — poste restante.
69
Bonnewendfener.
DO beröftetreichifches Eultur- und Sittenbild.
Der Uriprumg der jogenannten Haupt bed Heiligen zu verbrennen
Johannes- oder Sonnewendfeuer, bie aber fiehe da, dasfelbe ſchwebte unver:
fi) über ganz Deutſchland ausbreiten, |jehrt über den Flammen und fpöttete
ift unſchwer zu finden.
Sie find die Trümmer jenes Son:
nenfeſtes, welches die alten Deutjchen
im Frühjahre und noch mehr zur Zeit
der Sonnenwenbe, b. 5. zur Zeit bes
höchſten Standes ber Sonne, durch
Entzünden von Syeuern auf meift eigens
biezu beitimmten Plägen gefeiert haben.
Heilig mußte unjeren Voreltern
das er Sonnengeftirn fein, welches
nach langer öder Winterszeit das ftarre
Dunkel endlofer Wälder durchdrang
und mit allerwärmendem Strahle in
unterirbifcher Küche die Säfte ber
Kräuter auskochte, Futter den Thieren
und eblere Nahrung den Menfchen mit
freigebiger Hand fpenbete.
Die —— die ſie alljährlich
unter Geſängen und Tänzen zu bege—
hen pflegten, waren der Ausdruck der
Freude und des Dankes gegen Donar,
den oberſten Schirm: und Schutzherrn
des Wachsthums und Gedeihens ber
Erdfrüchte.
Die Sonnewendfeuer haben fich bis
auf den heutiger Tag erhalten und
dürften trog mandherlei Verboten wohl
auch nicht jo bald ihr Ende finden.
In Oberöfterreih gibt ihnen bie
Volfsüberlieferimg folgenden Urfprung.
(Gausruckkreis um Meggenhofen, Stei-
nerfichen, Dffenhanfen u. ſ. m.)
Als dem heiligen Johannes im fer:
fer das Haupt abgefchlagen und ber
lafterhaften Herodia überbradht wurde,
entjegte fie ſich bei deſſen Anblid jo
ſehr, daß fie befahl, es allfogleich zu
entfernen und zu vertilgen. Man ent:
ihret zeritörenden Kraft. Zum Anden:
fen an biefes Wunder werben alle
Jahre am Feſte bed h. Johannes
euer entzündet, und das Jauchzen
und Springen Iuftiger Paare über
diefelben deutet den Hohn über bie
Ohnmacht ber züngelnden Flammen an.
In einigen Gegenden bes Mühl:
freifes Hat fich folgende Sage er:
halten. |
Herodes gab Befehl, den h. Jo—
hannes gefangen zu nehmen. Das ging
abet nicht fo leicht, der Heilige mußte
fih lange ben Häfchern zu eittzieheh.
Der König wurde ungeduldig und
gab den Sendblingen den Auftrag, fo:
bald fie den Heiligen in ihre Hände
befümen, auf einem erhöhten Plage
jogleih ein großes Feuer zu eritzüre
den, damit er auf biefe Meile ohire
Säumniß Kunde von det Gefangeft:
nehmung des ihm höchſt unbequemen
Sittenpredigerd erhalte.
In der nächſten Nacht erblidte er
auf allen Bergen und Hügeln zahl:
reihe Feuer; eine namenlofe Angft
befiel ihn, er wollte Gegenbefehl er:
theilen, allein e3 war zu fpät. So:
hannes lag bereits im Serfer.
Zum Andenken an diefes Ereigniß
brennt man noch jekt die Johannes⸗
oder Sonnewendfeuer.
Almältg ift dieſe Sitte zu einem
Bolfsfefte geworden, an dem fich im
Mittelalter auch die vornehme Welt,
ſelbſt Fürften und Könige, betheiligte.
SH liest man, daß im Jahre 1401
Herzog Stephan von Baiern mit jeinet
zünbete ein ftarfes euer, um das! Gemalin nebſt vielen Bürgern und
696
Bürgerinnen auf dem Marftplage zu tiſche nicht fehlen. Manchmal ericheint
Münden um das Johannesfeuer — als „Nacheſſen“
„Sunnawenbdfeuer” — tanzten. Im
Jahre 1489 führten vornehme Herren
zu Frankfurt am Main in Gegenwart
des Kaiſers Friedrich um einen ſchön
gezierten brennenden Holzftoß einen
Tanz auf und fangen fröhliche Lieder
dazu. Am 24. Yuni 1497 Tegte in
Augsburg in Gegenwart des ritterlichen
Kaiſers Marimilian I. eine durch
ihre Schönheit berühmte Bürgerstochter
an ber Hand bes kaiſerlichen Sohnes
Philipp die brennende Fadel an ben
Holzſtoß, um ihn unter dem Jubel
der Anweſenden zu entzünden.
Aehnlihen Berichten begegnen wir
auch in Oberöfterreih. So erzählt eine
handſchriftliche Chronik von Seifenburg,
daß fi der Schloßherr Pinkenreither
(um das Jahr 1480) „al’ jar beim
Sunnenmwendfeuer erluftigt habe“. Auch
von dem gräflihen Scloffe Parz
(Hausrudfreis) meldet eine handſchrift⸗
fihe Aufzeihnung, daß der gnädige
Herr, Hand Pürdinger, im Jahre
1512 einen Sprung über das Sonne:
wenbfeuer gethan habe.
Uebrigens fehlt e8 auch nicht an
Verboten und Strafen genen den „Un: |
fug der Sonnemwendfeuer”, wozu haupt:
ſächlich verſchiedene Unglüdsfälle Anz
laß gegeben haben mochten. So wurbe
im Jahre 1650 im Marfte Kematen
(Hausrudfreis) öffentlich befannt ge
macht, daß ein Jeder, „ber ein Sun-
nenwenbfeuer anzünbt”, drei Tage bei
Waſſer und Brod in das „Narren:
fötterlein” gejperrt wird. Fünf Jahre
jpäter, ober vielleiht noch früher,
Iheint jedoch Niemand mehr an das
Verbot gedacht zu haben, denn im
Jahre 1655 war es wieber „rundum
auf ben Bergen voll Sonnewendfeuern“.
Kinder und Erwachſene freuen ſich
auf den Sonnewendbtag, insbeſondere
auf dem Lande. In ber Küche dampft
es mohlgerühig aus der Schmalz:
pfanne, die Sonnewenbfrapfen bürfen
auf dem Mittagstifche des Landman—
nes, bie und dba auch auf bem Abenb-
auch die beliebte
„braune Suppe“, der Kaffee. An bie
fen Lieblingsgerichten thut fich Alles,
was einen gefunden Magen hat, bis
zur vollen Sättigung gütlich.
Sehr geichäftig haben ed den Tag
über die Buben. Jeder ſucht, gleich—
viel wo, feinen Theil Holz zu bekom—
men, um ihn hinaufzujchleppen auf die
Anhöhe, wo Abends das Sonnewend-
feuer luſtig auffladern foll.
An vielen Orten werden die Bir:
ken-, Hafel- und Erlenftauden, welche
am Srohnleihnamstage bie Käufer
und Wege zierten, für das Sonne:
mwenbfeuer aufbewahrt. Am Yohannes:
tage werben fie von Haus zu Haus
abgeholt und auf einen Wagen gela:
den, welchen ein Rudel 10 — 15jäbhri-
ger Buben zieht.
Hie und da geht der „Waldmann“
in die Häufer und bittet um Holz
für das Sonnemwendfeuer. Der Walb-
mann ift ein erwachſener Burſche, ber
von Kopf bis zu den Zehen, das Ge-
fit nicht ausgenommen, mit grünen
Tannenreijern dicht umwunden ift.
Wenn er in ein Haus tritt, jagt
er: „Ich hätt? a ſchene Bitt’, ih
bit!’ um a große Burd Wibt, mir
thaten aufm N. (Name bed Berges)
ob’n mit an Sunnemwenbfeu’r ’n beili-
gen Sanct Johann lob'n“. Oder aud:
„Der heilige Sanct Veit that bitten
um a Sceibt, das recht jchnalzt und
kracht, aft wird's beim Sunnewend—
feu'r recht luſti af d' Nacht.“
Im Innkreiſe hört man auch den
Spruch: „Der heilige Sanct Veit
that bitten um a Scheidt, der heilige
Sanct Ulrich that bitten um a Burd
Widt, der heilige Sanct Nigl (Niko:
laus) that bitten um an Prügel,
der heilige Sanct Florian zündt 's
Feuer um neune an.”
Für das erhaltene Holz dankt man
mit den Worten: „Fürs Hol im
ewigen Leb'n wird ent Sankt Yohann
den Himmel geb’n“. Oder auch:
697
„NRimm’ an weißen Schimmel, reit’
mitten eini in Himmel.”
Wer fein Holz oder zu wenig ver:
abreicht, kann die Worte hören: „Auf
an kohlſchwarzen Rappen kannſt mitten
in d' Höll einitrappen“”. „Für
Dein Schieferl zum Sunnemwendfeu’r
heiz' Dir der Teufel das hölliſche
Feu'r.“
In manchen Orten des Innkreiſes
ſammelt man auch alte Kleider für
zwei Strohpuppen, Hansl und Gredl.
Dieſe befeſtigt man an einer möglichſt
langen grünen Fichtenſtange, zuhöchſt
das Gredl, unmittelbar darunter den
Hansl. Die Stange, mit leicht befeuch—
tetem Stroh oder Reiſig umflochten,
wird auf dem Plage aufgeftellt, den
man Abends zum Sonnewenbfeuer be:
fimmt bat. Sobald nun das um die
Stange am Boden liegende Holz zu
brennen beginnt, leitet fi das Feuer
an der Stange langjam fort und er:
greift endlih unter Gejauchze und
Gelächter der Zuſchauer den Hansl
und das Grebl. Dabei fingen die Bu:
ben: „Hoaß Hansl, hoaß, dei Grebl
friagt die Froas, wir than eng aus
Gnaben iagt higen und braten, aft
friag'n mar a Bratl für d’ Buab’n
und für d’ Mabl, juhe, jube, ber
Hansl und ’3 Grebl, vivat af der
Höh 1
Der Scherz ift harmlos und findet
nicht leicht einen Gegner.
Die empfindlichfte Strafe verdienen
aber jene muthwilligen Thierquäler,
welche an ber hödjften Spike ber
Stange, über dem Kopfe Grebl’s,
Katzen, Hunde u. f. mw. feftbinden und
fih an dem Schmerzgeheul der armen
Thiere, wenn die Flamme emporzün-
gelt, noch ergößen.
Iſt der brennende Holzftoß etwas
zufammengefunfen, dann ſammeln fich
die Paare und das „Feuerſpringen“
beginnt. Es find Burjche und Mäd—
hen, die fi Hand in Hand dem ſelt—
ſamen und nebenbei ſehr gefährlichen
Vergnügen in vollſter Ungebundenheit
hingeben. Weithin ſchallender Lärm
verkündet die Freude der munteren
Springer. Erſt ſpät in der Nacht,
wenn der ganze Holzvorrath aufgezehrt
iſt, kehrt die heitere Geſellſchaft mit
rauchgeſchwärzten Kleidern nach Hauſe.
Bis über die Mitternacht hinaus
dauert jedoch das Springen niemals,
denn man weiß recht gut, daß um
12 Uhr die Hexen und Geiſter ihren
Sonnewendtanz halten.
Jene muthwillig luſtigen Paare
zu Aiſtersheim (Hausruckkreis), welche
ſich auch nach Mitternacht von ihrem
Vergnügen nicht trennen mochten, muß:
ten ihren Frevel ſchwer büßen; ſie
ftürzten, da fie mit den Geiftern zu—
fammenfließen, mitten in die Gluth
und durften Gott danken, daß fie mit
dem Leben davonfamen.
Zu Schleißheim (Traunfreis) konn:
ten freilich die Heren ben Feuerſprin—
gern nach Mitternacht nicht3 anhaben,
weil fie „was Geweihtes“ bei fich
hatten; dafür aber erregten fie ein
gräuliches Ungemwitter, jo daß die er-
Ichredten Burſche und Mädchen nad
allen Richtungen die Flucht ergriffen
und „ed lange Zeit nachher nod
jpürten“.
Glücdliher waren fie zu Weiß—
firhen (Traunfreis), dort erhajchten
fie wirflih ein Pärchen, während fie
die Uebrigen bis zur Kirche im Dorfe
verfolgten (Hetzendorf — Heß in’3 Dorf).
Diebe, die mit ihrem Raube einen
Pla betreten, wo einmal ein Sonne-
wendfeuer gebrannt hat, werben feit:
gebannt. Zu St. Aegidi (Innkreis)
brachen Diebe in die Kirche ein und
raubten Alles, was fie nur immer
fortzufchleppen im Stande waren. Zu:
fällig gelangten fie auf ihrer Flucht
auf einen „Feu'rplatz“ und mußten
bort bi8 zum Gebetleuten ftehen blei-
ben. Sie jelbft waren jegt allerdings
vom Banne befreit und ergriffen Die
Flucht, die geraubten Gegenftände
mußten fie aber zurüdlaffen. Noch
jeßt erinnert eine Ortſchaft in St.
Aegidi, Namens Pannholz (Bannholz)
an dieſe Begebenheit.
698
Der Sonnewendtag ift für Manche
ein Glüdstag, für Andere jebodh ein
Unglüdstag.
Der Fuhrmann Paul zu Krengl-
bad (Hausrudfreis) war fo ein Son-
newendglüdsvogel. Niemand konnte
begreifen, wie es bei ihm mit ber
ſchwerſten Wagenlabung ſelbſt über
die höchften Berge fo ſpielend leicht
binausgehe, während andere, viel leich—
tere Fuhrmerfe nicht jelten das Malheur
hatten, mitten auf dem Berge fien zu
bleiben. Fragte man ihn, dba verzog
er ſein Schelmgeficht zu einem ver:
ſchmitzten Lächeln und dachte fi: ja
wenn ich's ſage, nachher ging’s freilich
bei Euch auch fo leicht, wie bei mir.
Er mußte das Geheimniß und
fonft weit und breit Niemand. In
einem gutgelaunten Augenblide, als
er einmal etwas zu tief in's Glas
gegudt, wurde er das Opfer ber Neu:
gierbe feiner Freunde.
Ale Jahre in der Mitternachts:
ftunde des Sonnemwenbtaged ging er
welches mit neunerlei Holz unterhal⸗
ten wurde, gegofien, wiberftund biefe
Kunft nicht. Unzählige Kugeln trafen
den Stephan Fabinger, aber feine
verlegte ihn, er war ſchuß⸗ und bieb-
feft. Doch fiehe da, einer feiner Freunde
wurde fein Berräther. Die kaiferlichen
Soldaten goffen in der Nacht bes
24. Juni 1626 bie ficher treffehben
und töbtlich verlegenden Kugeln, und
ihon vier Tage jpäter, nämlid am
28. Juni, traf eine den großen Mann,
deffen Andenken noch jest im Boffe
fortlebt.
Am Sonnewendtage feuert ber
Landmann, ehe der Tag graut, eine
Anzahl Schüffe ab, um die Heren zu
erihießen, die an diefem Tage in den
Lüften ihr Unweſen treiben. Der
Marlbauer zu Leonbach unterließ es
nicht, fein Gewehr mit 3 Schuhnägeln
zu laden, welche drei Tage im Weih—
waſſer gelegen find. So feuerte er
ftet3 9 Schüffe und 27 Schuhnägel
in bie Luft. Weiß Gott, wie viele
nämlich in den Wald, entfleivete ſich Seren ber gute Mann auf diefe Art
bi8 auf die nadte Haut und fchnitt
fih mit einem neuen Meffer einen
Geißelfteden ab. Das war jo eine
Art Zaubergeißel, mit derjelben brauchte
er die Pferde nur ein Flein menig
zu berühren und fie gingen mit leich—
ter Mühe, ſelbſt wenn fie eine dop—
pelte Ladung hatten, über jeden Berg
hinaus. Aber wohlgemerkt, nicht jeder
Geißelfteden thut’3, e8 muß einer fein,
„den noch Feine Her’ ang'ſchaut hat“.
Wie man das Ffennen kann? „Sa,
eben drum.“
Die „Ihwarzen Bauern“ im ober:
öfterreichifchen Bauernfriege 1626 ver:
fanden bie Kunft, fih fchuß- und
biebfeft zu machen. Aber einer Blei:
fugel in der Mitternachtäftunde des
Sonnewenbtages über einem Feuer,
erlegt bat.
Am Sonnewendtag bringt ber
Bauer im Traunfreife nicht Teicht
Grünfutter für das Vieh in den Stall.
Das geichieht meiſt ſchon am Abend
des Vortaged. Das Grünfutter it am
Sonnewendtag verhert und da fäme
natürlich die Hererei in ben Stall.
Ebenſo werden alle Fenſter verichlof:
fen und bie Luftlöcher bes Stalles
verftopft, um ber Here das Einbrin:
gen in benfelben unmöglich zu machen.
Von ber Hererei im Viehſtall ift
eben das Landvolk häufig geplagt,
ba werben bie fonberbarften Mittel
angewendet, um ſich dagegen zu be
wahren ober den bereit zu Tage ge
tretenen Folgen des Hexenunweſens
ein Ziel zu ſetzen. E. W.
——
Aus der Bugendzeit im Walde.
Erinnerungen von 9. #. Roſegger.
Bettelbubꝰ!
Die ſchmale Straße, die durch
ben Wald ging, hatte weißen Sanb
und dunkles Moos, war zur jonni-
gen Zeit nicht ftaubig und in Regen:
tagen nicht grundlos. Sie zog nicht
in der Schlucht, fie zog auf ber fanf-
ten Vergeshöhe bin, wo das furze,
grüne Heidekraut und in bünner An-
zahl die alten, verknöcherten Fichten:
bäumden fanden. Stellenweije ging
ber Weg über eitel grünen Raſen,
und fein Wagengeleife war gebrüdt ;
behendige Ameifenvölfer trieben auf
diefer Straße ihren Handel unb
Wandel.
Und doch erſtreckte ſich der Weg
aus Weitem her und war von Men—
ſchen getreten. Hie und da ſtand
etwas, wie ein Wegzeiger, eine höl—
zerne, wettergraue Hand wies gerade:
aus ober jeitab und jagte nicht, wo—
hin. An anderen Stellen mwieber, wo
ein alter, flechtenbewachjener Baum:
ftamm hart am Wege tagte, prangte
daran ein rotbangeftrichenes Holz:
käſtchen mit einem Liebfrauenbildniß
oder mit einem „Martertaferl“, ver:
zählend von einem Unglüdsfalle, ber
fi an der Stelle zugetragen, bittend
um ein chriftlich Gebetlein. Ober es
ftarrte aus dem Sand: und braunen
Moosboden ein hölzernes, hohes Kru:
zifix auf, mit des Gefreuzigten Geftalt,
unter den Füßen berjelben, an einem
Eiſenlettchen hängend, ein riefiger Na-
gel zum Küffen, und baneben das
Berfprehen eines hunderttägigen Ab-
laſſes für ben, der ben Kreuzesnagel
Ich habe in der meiten Melt
feinen Weg mehr gefunden, der mir
jo grauenhaft heilig erjchienen wäre,
als biefe Straße, die durch unferen
Wald ftrih und von ber mir nicht
wußten, woher fie fam und wohin
fie ging. Denn doch! Erfahrene Leute
jagten es ja, fie fam aus bem fernen
Ungarlande und führte nad) Maria-
zell. ’3 ift ein ewige Wandern von
Sonnenaufgang ber. Auch die wilden
Türken vor dreis und mehr hundert
Jahren jollen diefen ftillen Weg her:
angemwüthet haben; auch Eleine Zigeu—
nerbanden trippelten zumeilen auf dem:
felben daher, und dann einmal ein
Handwerksburſche oder ein Bettelmann
ober ein Schwärzer fam bed Weges
und verneigte fi) vor den Bilbniffen
und küßte fih vom eijernen Nagel
etlihe hundert Tage Ablaß herab.
Im Ganzen jedoch war der Weg
unfagbar einfam und bie menigen
Häufer ftanden fernab im Thale oder
auf entlegenen Hügeln.
Doch war es alle Yahre einmal,
zur Zeit ber Bitttage, in jener Maien:
woche, in welcher unſere Religion das
Feſt der Himmelfahrt des Herrn feiert,
daß auf diefem Waldwege eine förm—
liche Bölferwanderung ausbradh. Fremd⸗
artige Menfchen in fremden Kleidern
mit feltfjamer Geberde und Sprade
wallten ſchaarenweiſe heran. Sie hat:
ten braune Gefichter, fnochige Glieder
und ftruppige Haare. Sie hatten
iharfe, glühende Augen, weiße Zähne,
lange, tiefgebogene oder Fühn aufge:
worfene Najen und frembartige Züge
um die Mundwinkel. Die Männer
(einer der echten breie vom Kalvarien: | trugen weiße, flatternde, unten be
berg) mit Andacht an die Lippen führt. | franjte Leinenhoſen, die jo weit waren,
700
daß ſie ausfahen wie Kittel, und
vielgeftaltigen KHochrelief der Rinde
dunfelblaue Nebermäntel mit breit zu=| feines Schaftes, in der Form einer
rüdgejchlagenen Krägen und kleine | hellgrünen Pyramide unjere Alpen-
Filzbütchen mit ſchmalen, aufgerin:
gelten Krempen. Auch hatten fie blaue
Meften an, befegt mit einer Reihe
von großen Silberfnöpfen. Andere tru—
gen wieder jo enge weiße Beinkleider,
al3 wären fie über und über an bie
Glieder gewachſen, und anjtatt mit
Stiefeln hatten fie die Waden und
ben Fuß in Kreuz und Krumm mit
Binden umgeben. Auch hatten biejel-
ben Männer jchwere Uebermäntel aus
weißem Filze an ihren Achjeln hängen,
und dieſe Mäntel, ſowie auch die
Beinkleider waren ausgeziert mit rothen
oder blauen Rändern, und allerlei
Geſchnüre fchnörfelte fh um Die
Wämmſer.
Die Weiber trugen blauſchwarze
oder weiße Kittelchen, die kaum ein
bischen über's Knie hinabgingen und
bei jedem Schritte keck hin- und her—
ſchlugen. Bei Anderen wieder waren die
Kittel ſo eng und die ſchwarzen faltenlo—
ſen Schürzen ſo breit, daß bei jedem
Schritte die Rundungen der Geſtalt
plaſtiſch hervortraten. Ferner trugen
ſie hohe und ſchwere Stiefel, daß
unter denſelben der Sand knarrte,
oder fie gingen gar barfuß und hatten
Staubfruften über den Zehen. Wei—
ter ftafen die Weiber in furzen
ſchwarzen Spenſerchen ober fie hatten
gar nur ein weites Hemd über Arm
und Bufen flattern. Die Köpfe hatten
fie turbanartig mit einem Tuche um:
Ihlungen, unter dem die ſchwarzen
Lodenfträhne bervorquollen.
So mwogten fie lärmend und heu—
[end heran, und jede Geftalt hatte
ein gemaltige® weißes Bündel auf
den Nüden gebunden und trug in ber
Hand einen weißen, glattgejchälten
wälder ſchmückt, ift in jenen fernen,
flachen Gegenden, aus denen die Schaa-
ren fommen, nimmer zu finden.
Die fremden Geftalten, melde in
fleineten Rotten und großen Haufen
einen ganzen Nachmittag lang heran:
ftrömten, famen aus dem Ungarlande
und waren Magyaren und Slovalen.
Es waren die bigotten Maffen, bie
aljährlih einmal aus ihren Heimats—
gemeinden davonwandern, um ben
weiten Weg von acht bis zehn Tagen
bis zu dem weltberühmten Wallfahrt:
orte Mariazell zu wallen. Ungarijche
Herren und ſlaviſche Fürften hatten
einft viel zum Ruhme und zur Ber:
berrlihung der Gnabdenftätte zu Zell
gethan, und fo wogt heute noch ber
Strom jener Völker dem berühmten
Alpenthale zu und macht einen Haupt:
theil der geſammten Wallfahrer aus,
die aljährlih in Zell erjcheinen.
Es waren alfo fromme Wallfahrer:
ſchaaren, die betend und fingend unje-
ren ftillen Wald durchzogen. Jedes
Häuflein trug eine lange rothe Stange
mit fih, auf welder ein Kreuz mit
bunten Bändern ober ein wallendes
Fähnlein war. Por jedem Kruzifir
ober anderen Bilbniffen, wie fie am
Wege fanden, verneigten fie tief dieſe
Stange; und mern fie zu jener Hö—
hung herangeftiegen waren, auf welcher
dem Wanderer aus dem Dften das
erftemal die zadige Hochkette des
Schwaben und der gemwaltige Fels:
foloß der hohen Veitſch fichtbar wird,
ftanden fie ftil und ſenkten breimal
faft bi8 zur Erde ihren Fahnenftab.
Die Menjchen aus dem Flahland —
begrüßten fie die wilderhabene Alpen:
natur? Nein. In der SFeljenfrone
Stod. Diefe Stöde waren meift frifch |jener hohen Berge lag ihr heiliges
geichnitten, e8 waren Lärchenftäbe ; auch | Ziel, und das begrüßten fie mit Herz
an den Hüten trugen die Männer friſch- und Geberben.
geichnittene Lärchenzweige unb Lärchen:
Von diefem Punkte aus waren fie
kränze; dieſer berrlihe Baum mit|nur noch eine Tagreife entfernt von
jeinem weichen Genabel, wie er mit dem | Zell; manche fühlten in ſolchem Ge:
701
banken zum Wandern neue Kraft,
Anderen jant der Muth im Anblide
der blauenden Alpenwände, die zu
überfteigen waren. Bisweilen jchlepp:
ten bie Fremdlinge einen Genofjen
mit fi, der unterwegs erkrankt war.
Einmal trugen fie auf friiher Lärch—
baumtrage die Leiche eine® auf der
Straße verftorbenen Mitgliedes, um
fie im nächſten Friedhofe zu beitatten.
So hallten am eriten Tage der
Bittwoche die grellitimmigen Gebete
der Ungarn und die melancholiſchen
Lieder der Slaven durch unſere Ge:
gend. Die Leute traten aus den Häu-
jern und borchten den jeltfamen Stim:
men; wir Kinder aber pflegten eine
andere Sitte. Wir zogen unjere defec-
tejten Kleidchen an, und mit fliegenden
Zumpen hüpften wir ber Straße zu.
Dort knieten wir nieber auf den Sand,
aber jo, daß wir auf unſere eigenen
Ferien zu boden kamen, und menn
eine ber Kreuzichaaren nahte, jo riſſen
wir die Hauben vom Kopf, ftellten
diefelben als Gefäß vor uns hin und
ſchlugen zuerft mit zagenber, bald mit
feder Stimme zahlreiche Vaterunſer los.
Die Früchte blieben nicht aus.
Männer jchoffen Kreuzer in unfere
Hauben, Weiber warfen uns Brot
und Kuchen zu, welche, wie die Spu-
ren ihrer Zähne daran bewieſen, fie
ihrem eigenen Munde entzogen hatten.
Andere hielten gar an und öffneten
ihre Bündel und reichten uns Bad:
werk, und mand)’ alt’ Mütterlein, das
unfertweg auf ein paar Minuten zu:
rüdgeblieben war, fonnte die Schaar
wohl oft ftundenlang nicht mehr er:
reichen.
Manchmal ftellten die Fremben
Worte an und, die wir nur mit
glogenden Augen zu beantworten wuß-
ten. Se ſeltſamer ihr Wejen und ihre
Sprade war, deſto feiner und lieb:
reicher zeigte fi die Gabe; vielleicht
dachten die Geber an ihre Angehöri-
gen in ferner Heimat, denen die Liebe
galt, die uns fremden Kindern ermwie-
jen wurde. Se brauner bie Gefichter,
befto weißer war das Brot — mir
hatten die Erfahrung bald gemacht.
Bisweilen wurden wir aud in
deutſcher Spradhe angeredet: wie wir
hießen, wem wir zugehörten, wie viel
unjer Vater Ochſen hätte und ob wir
auch Kornfelder befäßen. Des Graben:
bergers Nagelein war unter uns, das
gab ftet8 die Antwort und log fürch—
terlih dabei: Wir gehörten armen
Holzhauerleuten an, der Vater wäre
vom Baum gefallen und die Mutter
läge krank jchon jeit Jahr und Tag;
Ochſen hätten wir nicht, aber zmei
Biegen hätten wir gehabt und bie
hätte der Wolf gefreffen. Mit einem
Kornader wär's jthon gar nichts,
aber Pilze äßen wir und die wären
heuer noch nicht gemahlen. — Ich
bohrte vor heimliher Wuth über
derlei unwahre Darftellungen die Zehen
hinter mir in die Erde hinein. Sa,
das Napelein verfing fi derart in
das Lügen, daß es ſchließlich jelbit
unjere ehrenhaften Taufnamen faljch
angab.
Die guten Ungarn jchlugen hell
die Hände zufammen über jo arme
Würmer, dann blickten fie in bie
Waldgegend hinaus und meinten, es
wäre leicht zu glauben, es wäre eine
elende Gegend; gar ber Schnee lag
noch hie und da in den Gruben —
zu einer Zeit, da auf ben weiten
Ebenen draußen längſt das Korn in
Aehren ftand. Sie griffen dann tief
in den Sad.
Dad Napelein war mir feiner
Auffchneidereien wegen eigentlich recht
verleidet, aber ich getraute mir vor
den Fremden fein Wort zu jagen;
und wenn fie mich zumeilen doch ba-
hinbrachten, daß ih den Mund auf:
machte, jo ward das Wort fo ängft:
ih und leife herausgemurmelt, daß
fie mich nicht verftanden. Die Ande-
ren, beſonders das Nagelein, Friegten
daher immer- mehr in ihre Hauben
al® ih; nur dann und wann ein
milbherziges Weiblein legte mir, dem
„Haſcherl“, was bei,
702
Einmal — ich und bes Graben: | heute no fommen konnten, mollte
berger8 Naglein waren allein — ge=
rabe vor dem Herannahen einer grö-
Beren Schaar, nahm ich eine Stellung
ein, die vortheilhafter war, als der|l
Platz, auf welhem das Napelein hodtte.
Das Napelein war darüber erbost,
und als die Gaben wirkli in größe:
rer Menge mir zuflogen, rief e8 aus:
„Der da ift eh reich, denn fein Vater
hat vier Dchjen und einen großen
Grund! Vater unfer, der Du bift,
u. ſ. w.“
Auf der Stelle wendete ſich das
Glück und alles Brot und Geld wäre
ie den Hut des Natzelein geflogen, ba
erhob ein Maun, der mitten unter
den Wallfahrern fand, das Wort:
„Schaut einmal den neibiichen Schlin-
gel an! Ihr jeid Beide nicht jo arm,
als daß Ahr ohue unſer Brot ver:
hungern müßtet und auch nicht jo
reih, als daß wir Euch die Fleinen
Gaben verjagen wollten. hr jeib
Waldbauern: Kinder, aber ich gebe
meinen Sechſer diesmal dem da, befjen
Bater vier Ochſen Hat !*
Mein Lebtag vergeß’ ich's nim-
mer, wie jeßt bie Baten in mein
Häublein flangen — Hell zu Dugen:
den, und ich konnte nachgerabe nicht
ichnell genug die „Vergeltsgott“ ja-
ſchnurſtracks heim zu meinen Eltern
laufen, um ihnen das unermeßliche
Glück zu verfünden. Da bin ich plög-
li angepadt von rückwärts, zu Bo-
ben geworfen und auf meiner Bruft
reitet das Napelein. Mit feinen ftram-
men Händen preßt e3 meine Arme
tief in das Heidefraut hinein und fo
grinst es mir in's Gejicht.
Stärker bin ich nicht, wie er,
dachte ich bei mir, wenn ih auch ge:
ſcheidter nicht bin, jo iſt's um
mich gefehlt.
„Du!“ murmelte bad Bürfchlein
auf mich zwijchen ben Zähnen hervor,
„gib mir bie Hälfte vom Gelb!“
„Nein“, jage ich trocken.
„So nehm’ ich mir’3 ſelber.“
"Dann jpring’ ih auf.“
„Aber ih laß’ Dih nicht los!“
„Dann fannft Du das Geld nit
nehmen.“
„Ich je’ Dir mein Knie auf bie
Gurgel !“
„Ih laß’ mich umbringen.“
Zum Glüde halte jegt ber Gejang
einer neuen Kreuzichaar. Wir beide
fprangen auf, ftürzten zur Straße hin
und lallten unfer Gebet,
Das von dem vielen Abenteuern
an ber Straße nur als einzig, Stüd:
gen, daß auf eben eins fam Und lein. —
da diefer wunderſame Hagel, wie ich
ihn noch nie gejehen hatte, gar nicht
Und wenn das Tagwerk vorbei,
jo verfammelten wir Finder uns auf
wollte aufhören, konnte ich die Quft|der Au, wo die Schafe noch geadten,
in meinem Herzen nimmer verhalten, und taufchten unfere Gaben um, mie
in ein helles Wiehern und Lachen | fie Jedem eben entiprachen. Gelb war
brah ih aus; dad Napelein aber
ichleuberte feine faſt leer gebliebene
Haube mitten in die Straße und
ihoß müthend in den Wald Binein,
Mit Gelächter zog die Kreuzſchaar
ab. Und ih hub an, meine Schäße
zu zählen; in der Kappe und um
diejelbe, im Sand und auf dem Moos
und im Heibefrant lagen die Kreuzer
und Groſchen und Sechſer zerftreut.
Und als ih fie alle verjammelt
hatte, wollte ih mohl verzichten auf
alle weiteren Wallfahrertruppen, bie
ſtets der gejuchtefte Artifel; mar bie
Kinder armer Kleinhäusler und Köh—
lersleute gaben feine Leckerbiſſen und
Kreuzerchen für ein ſchwarzes Stüd
Brod, wenn es nur groß mar.
Am fünften Tage kehrten die
Schaaren ſtets auf demfelben Wege
wieder zurüd. Und jeber vom ben
Wallfahrern Hatte an: jener Bruſt
einen. ober mehrere Rofenkränge hän-
gen ober Amulette, Frauenbildchen
und funfelnde Kreuzlein unb Herzen.
Die Mädchen trugen rothe und grüne
703
Krönlein von Wachs auf ihrem Haupte. | erfledlih Almoien an wahrhaft bürf-
Die Bündel auf ben Rüden hatten |tige Bettelleute.
fi jehr bebeutenb verkleinert und
Und bie Magyaren unb bie Slo-
bie Brode, die wir bekamen, maren |pafen kommen nod heute jenen ein-
hart und Geldjtüde jprangen ſpärlich ſamen Waldweg gezogen, immer an
hervor aus den Tafchen.
Kinder, die am Wege fauern, Gaben
Doch lohnte es ſich des Hodens ſpendend, in ihrem Beten und Flehen
immer noch unb die Grmartung
der ſelbbſt Bettelleute vor der Gnaden-
Gabe mar minbejtend jo anziehend, | matter zu Zell.
als die Gabe jelbit.
Ginmal, ih war ſchon an bie
zehu, Jahre alt geworben, kniete ich
gang allein am Stamme eines Kruzi-
fired, und recht zuugenfertig im Va—
tesunferherfagen, wie ich emblich ge:
worden war, kehrte ich alle Vortheile
des Abjammlerd heraus und hoffte
reichlihen Gewinn. Da kam eine
Kreuzſchaar; ein paar Bröbchen wur:
ben mir zugemworfen, und fie war
vorüber. Nur ein ſchon betagter, gut-
müthig augjehender Mann mar zu:
rüdgeblieben, jchritt gang nahe an
mich heran, neigte ein wenig jein
Als id die erfie Schlacht geſehen.
Die Zeit war der 24. Juni 1859,
ih ein Burfche von 16 Jahren. Bur—
ſchen von fechzehn Jahren ftreifen bis—
meilen im Walde umber, ohne felbit
zu wiſſen warum. So ftreidt im
Mai der Blüthenftaub der Föhre . .
Ich ging, durch dunkeln Walb ber
Sichtung entgegen, und als ich in der
Lichtung fand, wieder in die Dunfel-
beit des Geitämmes hinein. Dort war
Haupt zu mir wieder und ſagte: mir's zu menig bel, bier zu wenig
„Bettelbub'!“ — Dann gig er ben |finfter. Eine große Wildniß wollte ich
Anderen nad.
um mi
ch haben, eine Wildniß, mie
Mir war das halbe Vaterunſer | fie in der Gejchichte von ber heiligen
im Mund. fteden geblieben. Ich glogte
eine Weile um mid, dann ftanb ich
langjam, auf und jchlih von bannen.
Das, war mein legtes Hoden ge
weſen an, unjerer Waldſtraße.
— Bettelbub! — Dad Wort
hatte mich aufgewedt. Ein junger,
gejunder Burſche, ber Hola ift, daß
ſein Vater Haus und Hof befigt, der
ſtolz ift, daß er ſchon ben Pflug: füb-
ren, kann und bie Sichel — ein jol:
cher Burſche, der mit feinem neuen
grünen Hut. Sonntags ſchon etliche
male, gleich den ten in’3 Wirth:
haus gegangen. ift, der es demnächſt
mit dem, Tabakrauchen probiren, wird
und der nicht allaujelten in's Fenſter⸗
glas. gudt, wie es mit dem Bart
ſteht — ein folcher Buxrſche betteln!
Auch das Napelein thut's min:
mer. Das Natzelein iſt ein, reicher
Bayer, geworben und er gibt, wenn
man ihm: glauben darf, jeden Tag
Genowefa fand. Die Bäume follten
uxalt uub wüſt fein, vom Sturme
zerriffen, vom Blige gejpalten; ver
Boden ſollte bedeckt fein von wilden
Geftein und Geſträuche, Wunbderpflan-
zen darunter, Früchte, die den Men—
chen verzaubern und zu dem machaı,
was er fein will. Was ich damals
fein wollte, das mußte ich freilich
nit ; vielleicht ein Eidechschen, das
die Klüfte und Höhlungen des Ge—
felje8 burchgleiten fonnte; vielleicht
ein Fröfchlein, das in die Tiefe des
Waldwaſſers tauchen konnte; vieleicht
ein Eichhörnchen, das. auf den Wipfel
bed höchſten Fichtenbaumes, klettern
fonnte; vielleicht einge Wildtaube, Die
über den Wald. in fonnigem Schim-
mer binfliegen konnte; vielleicht ein
Geier, der bie Wildtaube freſſen founte.
Nur kein jechzehnjähriger Junge fein,
außer es wären bie Erbbeeren ſchon
reif und es wäre bed Kohlenbrenners
704
Rickerle auf Erbbeerpflüden im Wald.
Da gäbe es doch zum Mindeften was
auszufechten, denn ohne Streit mag
ein ſechzehnjähriger Waldbauernbub
nicht leben.
Ich ſuchte nach Erdbeeren, wäre
dabei jchier über einen Ameijenhaufen
geftolpert — jhritt dann ſchmermüthig
den glatten Sandweg bin, der zwi—
ſchen den Fichtenbäumen auf der Hoch—
ebene des Berges entlang zog. Es
war zur Nachmittagszeit, aber es war
nicht fonnig und es war nicht ſchat—
tig; der Himmel Hatte fi, jo viel
mir no im Gedächtniß ift, mit einer
leichten weißen Schichte überzogen.
Einmal ftand ih ftill und horchte.
Mir war zu hören geweſen, gerabe
als ob in weiter‘ Ferne ein Kanonen:
ſchuß gebonnert hätte. Es mar ja
Krieg in Italien und auf dem Kirch:
plag zu Krieglah war zur jelben Zeit
ein großes Papier an die Wand ge:
nagelt, auf welchem der Kaifer feine
Völker um Gotteswillen bat, das Va—
terland zu jchügen. Etwa hatten un:
jere Soldaten verjpielt und der Fran:
308 fam jchon in's Steirifche herein.
Des Weiteren blieb es ftill auf
der Bergeshöhe; ih jchritt fürbaß
und in jener religiöjen Stimmung,
in welcher ih mich damals jo häufig
befand, dachte ih darüber nad, ob
denn der Franzos wohl auch ein
Chriſt jei und ob — wenn zwei Ehri-
jtenvölfer mit einander Krieg führen —
fih nicht der Papft zu Nom in’3 Mit:
tel legen jolle, und wenn er mit Gü—
tigkeit nichtS ausrichte, ein paar Bann:
ftrahlen werfen möchte über die Auf:
rührer.
Mein Philojophiren fand ein ra-
iches Ende; vor mir am Wege auf
einem erhöhten Stein hodte des Koh:
lenbrenners NRiderle, ein Mägplein,
mit dem ich von ber Schulbank her
in ftetem Zwiſt lebte. Wir famen oft
zufammen — ſei's auf dem Kirchweg,
jei’8 auf dem Felde, jei’3 auch im
Walde — wir riefen und gegenfeitig
was zu, und jagte ich „ja“, jo ſagte
und rief mir zu:
fie „nein“ und meinte fie „weiß“, fo
behauptete ich „ſchwarz“.
Die hodte nun auf dem Stein
„So klotz' (trotte)
doch nicht juft auf den Thierlein da—
ber! Siehſt e3 denn nicht?“
Ich blidte zu Boden — er war
ganz braun vor lauter Ameifen. So:
gleih wollte ich auf die Seite treten
— aber nein. Gerade, weil fie’3 nicht
will, trete ich bie Thierlein zufammen.
Sie fehrte fich nicht weiter dran,
fondern ſagte: „Meiner Tag hab’ ich
jo was nicht gejehen, meiner Tag
nicht. Raufen thun fie miteinander
und umbringen thun fie fi, daß es
ein Graus ift.”
Segt wurde auch ich aufmerkjam.
Sp weit man auf dem Wege fortjah,
war er voll brauner Ameiſen und
dort, wo das Riderle hodte, begegne-
ten fie fih und fchlachteten einander
ab. Wunderbar war e8 und unbe
ſchreiblich ift es.
Es waren die Völker von zwei
Ameiſenhaufen, die, wie ich ſpäter
ſah, mehrere hundert Schritte von
einander entfernt lagen. Der eine
war am Fuße eines Lärchenbaumes,
der andere mitten im Heidekraut hoch
geſchichtet. Beide waren verödet, denn
die Bevölkerung mochte zum Theile
in den Tiefen der Wohnungen ver—
krochen ſein, zum größten Theile war
ſie auf dem Felde, ſtand in Waffen.
Die Aufregung und das haſtige Hin—
und Herrennen war ganz großartig,
die Wuth, mit der ſie ſich anfielen,
fürchterlich. Tauſende von Todten,
Zerriſſenen lagen auf dem Boden.
Hunderte von kämpfenden Gruppen
bedeckten die Wahlſtatt. Die Ameiſen
verfolgten einander, ſprangen eine auf
die andere, umklammerten fi, wälz:
ten fih fämpfend auf dem Boden
ober ftanden aufrecht wie ringende
Menſchen. Viele ſuchten die Feindin
durch Gift (Ameifenfäure) zu betäuben
oder mit ben Beinen ihr den Hinter:
leib vom Borberleib zu reißen ober
‚ihr mit der Lanze ihres Fühlers den
705
Kopf zu durchbohren, oder fie mit den
Kiefern tobt zu beißen. Am häufigften
waren zwei feft aneinander verflemmte
und mit ihren Kiefern verbifjene
Feinde. Beide getöbtet, lagen fie noch
jo und waren von den Anderen gar
nicht mehr auseinander zu bringen. In
Ketten von ſechs bis zwölf Ameijen
waren fieaneinandergellammert. Manche
fielen ſich wüthend an, ließen aber
fofort wieder los das mochten
Freunde fein, bie ſich in der Hitze des
Gefechtes nicht gleich erfannt hatten.
Ich entdedte feinen Unterjchied zwi:
ſchen den Ameifen ber beiden Heere
— aber fie mußten ihre Leute wohl
fennen; daß Einer den Freund ge:
tödtet hätte, jchien nicht vorzulommen,
wenigftens fuhren fie mit großer Ent:
fchiedenheit nur auf beftimmte los,
da bie Richtung, von welcher fie ge:
fommen, auch längft nicht mehr zu
erfennen war. Auch Gefangene wurben
gemacht und biefelben mit einer gewiſſen
Sorgfalt und Schonung ihres Lebens
aus den Reihen der Kämpfer geichleppt.
Ueber die ganze Breite des glat-
ten Waldweges hatte fih der Kampf
ausgedehnt. Gegen den Rand hinaus
lagen zwei Steine, zmwijchen welchen
eine etwa zwei Zoll breite Gafje durch—
lief, welche von Seitenflügeln beider
Armeen fleißig ald Durchgang benützt
wurde, um in’s feindliche Lager bin:
überzugelangen. Plöglich aber fiel es
einem Theile ein, diejen abjeitigen
Durchweg zu verrammeln; etliche hun-
dert Ameifen liefen wie auf Com:
mando aus der Schlahtorbnung und
huben an, Steinhen, Holziplitter und
dürre Fichtennadeln, wie fie auf dem
Wege lagen, herbeizufchleppen, welche
jofort wieder Andere in Empfang
nahmen, die damit im Paß zwijchen
den beiden Steinen eine Barrifabe
bauten. Um jo mörberijcher entbrannte
ber Streit auf den anderen Linien;
jetzt wich das eine Corps auf Spann:
breite zurüd, jegt jchien das andere
weichen zu müſſen — aber ber Kamp
blieb unentſchieden. :
Mofeggers „‚Heimgarten‘‘ 9, Heft,
Als wir eine Weile zugejeben und
unjere Meinungen ausgetaufcht hatten,
‚mobei das Riderle für bie Heibefraut:
armee Partei ergriff, mährend ich es
mit dem Lerchbaumbeere hielt, jagte
ih: „Gut, jo wollen wir jehen, ob
die Deinen oder die Meinen gemin:
nen.”
„Und wir werden es aud je:
ben”, antwortete das Niderle jcharf,
die Deinigen werden ſchön fauber da-
vongejagt — Sieht Du, dort laufen
icon ein paar — das find lauter
Traumichnit.“
„Oho!“ rief ich, „die Deinigen
werben niedergeſtochen und aufgefreſ—
ſen — ſchau, dort trinken ein paar
von den Meinigen juſt von einer der
Deinigen den Saft aus dem Bauch.“
„Weil ſie Schandvieher ſind, die
Deinigen“, ſagte das Rickerle ent—
rüſtet.
„Harb' Dich, wie Du willſt“,
verſetzte ich, „wenn Du verſpielſt, ſo
werde ich Dir ſchon eine Kriegslaſt
auflegen.“
„Werd' ſie auch tragen“, ſagte
ſie trotzig.
„Wenn Du verſpielſt, ſo mußt
Du mir dasſelbig Ding geben, was
ich am Filippitag haben hab' wollen“.
„Sollſt es haben“, rief ſie, „aber
wenn Du verſpielſt, da bin ich ſchon
in Verlegenheit, was ich Dir abver-
langen joll; was ich möcht’, halt Du
niht und was Du ball, mag id)
nicht.“
„Damit reißeft Du mir gar feinen
Poſſen“, verjegte ih, „wenn nur ich
meine Sad)’ krieg’, die ih am Filip:
pitag haben hab’ wollen.“
So die Verhandlungen, während
die Ameifen mwader mweiterfämpften.
Der Himmel war düſter geworben ;
Jener Kanonenſchlag, den ich früher
gehört zu haben meinte, hatte ſich
wiederholt und war zu einem Donner
der Molfen geworben. Ameijen, die
an der Schladht nicht unmittelbar be:
theiligt waren, jehienen über das Wet:
ter einigermaßen unruhig zu werben,
40
706
fie fhlugen den Rückweg gegen das
Neft ein. Aber Andere Tiefen ihnen
nach, betafteten die Flüchtlinge mit
den Fühlern und brachten fie wieder
in die Schlachtordnung.
Hie und da war ein Murm, ein
Käfer unter das Scharmütel gerathen
er wurde über und über getreten, aber
bes Weiteren geſchah ihm fein Leib.
Nur ein großer Hirfchfäfer, der fich
im Bollgefühle feiner herfulifchen Ge:
ftalt, wie es ſchien, abfichtlich mitten
in den Kampf yewagt Hatte, war
raſch von einem Dutzend Ameifen um:
ringt, die ihn, mit ihren Langen fte:
hend, mit ihrem Gift befprigend, mit
ihren Kiefern beißend, davontrieben,
bis er, jo gut er's noch vermochte,
das Weite juchte.
Eine Heufchrede war von unge:
fährt auf das Schlachtfeld gehüpft;
fofort ſchoß eine Ameife auf ihren
Rüden und in bemfelben Augenblide
hüpfte der Springer wieder bavon
und entführte jo einen Streiter viel-
leicht feinem Verberben.
Am traurigften waren die fterben:
den Ameijen zu ſehen, die mit zer:
martertem Leibe, mit ausgeriffenen
Beinen langſam verendeten. Wohl
wurden ſolche und auch die Todten
möglichſt bald vom Kampfplatze ent—
fernt und gegen einen abgelegenen Ort
abſeits vom Wege, hinter einen halb—
vermoderten Baumſtrunk geſchleppt,
wo ſie in gleichmäßigen Reihen zur
ewigen Ruhe gelangten. — Bei einer
anderen Gelegenheit war es, als ich
ſah, wie Ameiſen ihren Todten ein
Grab ausgruben und ſie in dasſelbe
verſcharrten. Dazu war nun im Drange
des Kampfes freilich keine Zeit.
Wir, ich und das Rickerle, hock—
ten noch immer an beiden Seiten des
Weges und ſahen mit Staunen dem
wilden Morden der kleinen Weſen zu.
Ein feines Knattern war im Gewühle
zu hören, und ſo oft ich näher hin—
war ihr Augenmerk gerichtet, während
ſie das gar nicht hinderte, mit im—
mer neuer Gier und mit immer
neuen Mitteln auf einander loszu—
ſtürmen. Um manches Stückchen Baum—
rinde, um manches Sandkorn drehte
ſich der Streit und manches Klötzchen
Holz, manches Büſchchen Moos wurde
als Verſchanzung benützt und auf
Leben und Tod vertheidigt. Ich war
damals noch ſo ſehr Ebenbild Gottes,
daß ich das Thier bei Weitem nicht
zu Meinesgleichen zählte, wie ich wohl
zu thun es ſpäter gelernt hatte; ich
ergötzte mich daher baß an dem ſelt—
ſamen Schauſpiele, das mir der Wald—
weg darbot, ergötzte mich umſomehr,
als ich endlich die Partei Rickerles
immer mehr zurückweichen ſah, ſo
daß ich den vereinbarten Tribut mit
Sicherheit zu gewärtigen hatte. Der
eine Flügel der Unterliegenden löſte
ſich bereits in eine wilde Flucht auf
und die Meinen ſtürzten in Maſſen
voran, um Beute zu machen — da
hub es hoch in den Bäumen an zu
rauſchen und große Tropfen fielen
nieder und ſchlugen manche der ſiegen—
den Ameiſen in den Sand.
Ich erhob mich und verlangte von
dem Kohlenbrennermädchen die Sache,
welche ich am Filippitag von ihm
hatte haben wollen.
Das Rickerle riß zornig ſein Bu—
ſentuch auf, zog ein Ding, das es
am Halſe hängen hatte, hervor, warf
es mir vor bie Füße und lief davon.
— Ein freugergroßes Meflingblättchen
war ed, ein gemeihtes Amulet, das
Gnabenbild von Mariazell vorftellend.
Das hätte ich haben wollen?
Am Filippitag — das ift ber
erfte Mai — waren wir, ih unb
das Riderle, allein auf ber Bank vor
der Köhlerhütte geſeſſen und ich hatte
meinen Arm um ben Naden bes
Mädchens gelegt und meine Finger
borchte, befam ich einen Spriker ber | ein wenig mit feinem Bufentuche fpie-
ſcharfen NAmeifenfäure
in’8 Geficht. Ten laſſen — und ich weiß nicht,
Alſo auch auf uns, die Ungeheuer, | was ich damals gejagt haben mochte,
707
daß es feither der Meinung gewefen, | meinbebote mit dem Steuerbogen zu
e3 gelüfte mich nad) dem Amulete. uns gefommen.
Nun, das Amulet hatte ich und „Leut', Ihr bringt Einen um mit
ber Wolkenbruch war auch da. den Steuern!” rief mein Vater aus,
Am andern Tage Hatte ich die „Nur Geduld“, antwortete der
Stelle der Schlacht wieder bejucht, | Bote, „fie werden ſchon noch wachſen.
hatte feine einzige Ameife und nur | Telegramm ift da, geftern haben wir
wenige tobte Körper mehr gefunden. in Stalien eine große Schlacht ver:
Und an demfelben Tage war ber Ge: |loren.”
Steiriſches Schützenlied.
Von Friedrich Marz.
Dort, wo im Oberland Und wo das Silberband
Nod Gems und Adler hauft, | Der Sarın und Drau erglänzt,
Auf jedem Scheibenjtand Den Berg im Unterland
Die Kugel fauft: Die Rebe kränzt.
Dort ift die Heimat mein, Dort wo bei Hörnerfhall
Da bin ih mwohlbefannt, —
Des Landes nen weh'n,
Du ſchönes, grünes Steierland! dab h
Die braven Schützen all
Auf unſern Almen, wo Wie Mauern ſteh'n.
Der Sennin Gruß erklingt, Und den die Kugel traf,
Und noch zur Zither froh Getreu der Kriegerpflicht,
Der Jäger fingt. In Herzen gut und brav,
Da ftirbt er nicht.
Wo tief im Bergesſchacht
Ein fromm Glüdauf ertönt, Mit unſer's Kaiſers Dan
Und durch die ftille Nacht Nah mandem harten Strauß,
Der Hammer dröhnt. Begrüß' ich frei und frank
Mein Baterhaus.
Mn] BEL E MURCUROR, Da feid ihr doppelt ſchön,
Wo nod der Frieden weilt,
Bereint die Mürz und Mur
Nah Süden eilt.
Die wir fo treu bewacht,
Ihr Thäler und ihr Höh'n
In eurer Pracht.
Wo Graz im Hügelfranz, O Vater, Mutter mein,
Die fhöne Landesbraut, Und du mein Seimatsthal,
In frohem Iugendglanz Ihr follt willtommen fein
Zum Himmel fchaut. Mir taufendmal.
Geh, bring’ den Jägerhut
Mir mit dem Strauß gefhwind,
Bin dir von Herzen gut,
Du fhönes Kind.
| Kleine Saube.
Beiträge zur Geſchichte des Aber:
glaubens.
In meinem „Volfsleben aus Steier:
mark“ habe ich im Kapitel „Das Truden:
freuz“ eine Reihe jener Gebahren und |
Anſchauungen des Volkes dargeftellt, die
wir mit dem Namen Aberglauben be:
zeichnen. Hier eine Heine Nachlefe, die
im Bezirke Fohnsdorf (Überfteier) ge:
fammelt und dem „Heimgarten” zuge:
ſchickt worden ift.
Wenn am Chrifttag und den darauf
folgenden Feiertagen Bauer und Bäuerin
mit allen Dienftboten und Angehörigen
in einem Schod zur Kirde kommen
fönnen, fo ift Diefes ein Omen, daß
in dem Haufe des Bauerd das ganze
Yahr Friede und Einigkeit herrſchen
wird.
Am heil. Drei:König:Abend nad) dem
Nachtmahle pflegt man dem Dienftgefinde
einen Topf neugemolfener Milch vorzu:
feten. Diejes Gericht hieß die Berchtl—
mild, von dem uralten Glauben von
der Berctel hergeleitet. Diefe war eine
unfichtbare Here, welche die Unreinigfeit
der Bauernhäufer ftrafen fann. Der
Milh:Topf durfte nicht ganz geleert
werden, damit der Berchtel, wenn fie
fam, auch etwas übrig bleiben fol;
jeder der Eſſenden aber mußte jeinen
Löffel in dem MUeberbleibfel umgefehrt
liegen und den Topf oder die Schüfjel
über Nacht unangerührt ftehen laſſen.
Defien Löffel andern Tags umgekehrt
gefunden wurde, der jollte in demfelben
Jahre noch fterben. Diefe Berchtelmilch
beſteht noch allenthalben in Bauern—
häuſern, der Aberglauben aber iſt faſt
gänzlich erloſchen.
Wenn am Vincenzitag ein unver—
heiratetes Manns- oder Weibsbild zwei
Vögel nahe beiſammen ſitzen ſieht, ſo
ſoll es ſich im nämlichen Jahre noch
verehelichen.
Wenn am Pauli-Bekehrungstage der
Nebel hoch liegt, ſo ſterben große Herren,
liegt er aber tief, ſo ſterben nur Gemeine.
Am Faſchingtag muß man tanzen,
damit der Flachs gut gerathe.
Am Faſchingtag wird auf das Kraut
ein Stück Speck aufgetiſcht. Einige
Futterer pflegen ihre Portion aufzube—
halten und geben, wenn das Vieh aus—
getrieben wird, demſelben ein Stück da—
von ein, wodurch das Vieh vor Hexereien
bewahrt wird.
Der Gregoritag iſt jener glückliche
Tag, wo man den Ochſen zuerſt das
Joch auflegen und ſie das erſtemal
einſpannen muß ; dieſes erſte Einſpannen
heißt: „einwödnen“, vielleicht ſo viel, als
hineingewöhnen in das Joch.
Wenn am Georgitag die Alpen:
gebirge noch weiß find, fo wird der
Ochs einwendig von Unfdlitt weiß.
Wenn der Wind den Schnee bei
den offenen Fenftern der Getreibbehält-
niffe auf die darinliegenden Getreide:
haufen hinweht und anlegt, fo fol die
nämliche Frucht im darauffolgenden Jahre
gut gedeihen.
Am Pfingftfamftag follen die Hexen
ihre größte Gewalt haben.
709
Eine Sternſchneuze oder
Stern: | geftohlene Guet wieder an den vorigen
ſchnuppe hält man für einen fogenannten | Pla mußt tragen, daß gebieth ich dir
Nuten, welcher dem brennenden Licht | Dieb! Dieb! bei den 3 Nägeln, bie
entfällt, und momit fi der Stern von
feinem Ueberfluffe an Licht felbft reinigt.
Am heil. Abend wird Stube, Stall,
Scheuer, Tenne, Schupfen, Keller, jebe
Kammer, furz jedes Behältnig mit Wald:
rauch, Weihraud, Wacholder und Speif
ausgeräudert. Zieht in der Scheuer der
Rauch bei denjenigen Löchern, mo das
Getreide zum Dreſchen herabgemorfen
wird, fenfrecht in die Höhe, fo ift dieſes
eine gute Vorbedeutung. Zertheilt fich
aber der Rauch, jo bedeutet diefes nichts
Gutes.
Am Neujahrs: und heil. Drei:fönig-
tag foll man mit feinem Spanlicht zum
Tifh gehen, damit das Getreide auf
der Wurzel nicht brandig werde.
Am Martinitag fol man nicht mit
Wägen fahren oder mit Rädern fpinnen,
damit das Vieh nicht um und um gehe.
Wenn im Herbfte um Mariä-Geburt,
oder darnach, die Kirfchen, Weichfeln,
Rofen u. dgl. blühen, ſoll es eine ſehr ſtarke
Sterblichfeit für das kommende Yahr
anzeigen.
Ein Rezept, um geftohlene Saden
wieder zurüdzubringen :
„Nihm 3 neu Hufnägel, melde auf
einen neuen Freytag gemacht, dieſe nihm
in die Hand, hernach gehe zu einen
Biernbaum vor: Sonnenaufgang, nihm
den 1. Nagel und fprih: „Dir, Dieb,
durch dein Hiern und Stirn durchſchlagen,
daß du das geftohlene Guet (N. N.)
wieberum auf fein voriges Ort mußt
tragen, es foll dir fo zmider und fo
weh feyn, nad) den Drt, wo du geftohlen
haft und nad den Menfchen, als wie
den Judas, der Jeſum verrathen, in
der Höllenpein.” Nihm den anberten
Nagel: „Dieb! den thue dir durch dein
Lungel und Leber durchſchlagen, daß
du das geftohlene Guet wiederum auf
das vorige Ort mußt tragen; es fol bir
fo zwider und wehe fein, wie den Pilatus
in der Höllenpein.“ Den 3. Nagel:
„Dieb! Dieb! den thue ich dir durch
deine Füß durchfchlagen, daß bu das
unfern lieben Herrn durch Händ und
Füß feind worden afchlagen, daß hilf
mir in Namen Gotted Vaters + und
des Sohnes 7 und bes heil. Geiftes 7
Amen.“
Auf das Verſchreien wird hier allent-
halben nod) fehr viel gehalten. Der Land:
mann nennt es „vermoanen“, oder auf bie
Augen etwas „befömen“. Das Gegenmittel
ift, daß man dem verfchrienen Kinde
die Augen dreimal freuzweife mit ber
Zunge ausleckt und dabei allemal aus-
ſpuckt oder mit dem umgefehrten Hemd,
auch wohl gar mit dem Beinfleidve dem
verfchrienen Menfchen oder Thiere über
das Geficht fährt.
Als Vorbauungsmittel ift es daher
no immer Gewohnheit, beim Eintreten
in einen fremden Stall, ehe man das
Vieh beſchaut, mit einem lauten Pfui
auszufpeien, auch wohl bei Befichtigung
eines Kindes oder eines jungen Thieres
„Bott den pfüets“ zu fprechen; auch hält
man ehr viel auf ein rothes Scharlad)-
fledchen gegen das Verfchreien, und ge:
mwöhnlich pflegt man fold ein Fleckchen
den hübfhern Pferden und Füllen auf
den Kummet zu binden.
Bußpfalm eines Schulmeifters.
(Altes Lied aus dem Murboden.)
1.
Nun will ih ein Solo fingen,
Roll Lamento, voller Reu,
Dies foll durch die Wolfen dringen,
Dur die Wolfen dringen, foll dringen,
O Maria, fteh’ mir bei,
Will mit Thränen folmifiren,
All mein fehwerenothen Sind,
Und mein Stimme nicht mutieren,
Bis daß ich, daß ich Verzeihung find"
Verzeihung find",
2
Wenn der Höchſte intoniret
Iener Himmelscorregent,
710
Und mein Stimme fid verlieret
Meine Stimme fi) verlieret
verlieret.
Did, Maria, zu mir wend',
Daf er mich nicht wolle ftraf'n,
Weil ich mid in diefer Welt
Hab’ in Sünden oft verfchlaf'n,
Hab’ in Sünden oft verfdlaf'n,
Wider feine, feine, feine Regul g'fehlt,
Regul g’fehlt.
3.
In der Höch' hab’ falſch gefungen,
Mas mit Hofart alordirt,
Mit den falfchen Punkt der Bungen,
Mit den falfhen Punkt der Zungen,
der Zungen
Oft der andern Ehr' berührt;
Bald ließ id mein Stimm’ erfchallen,
Mie ein eitles PVenus-Kind,
Bald in tiefen Baß gefallen,
Bald in tiefen Baß gefallen,
In den Abgrund, Abgrund, Abgrund aller Sünd,
aller Sünd.
4.
Forthin will ich Triller Schlagen,
Der von ſich gibt hellen Ton,
Will nad B und Kreußel fragen,
Will nah B und Kreußel fragen,
will fragen,
Mann ih nur Bott fiche an.
Did, Maria, will ich zieren
Mit ain Lobg’fang ohne Zahl,
Bis mit lekten Todt Sufpieren,
Bis mit letzten Todt Sufpieren,
Sufpieren,
Meines Lebens, Lebens, Lebens ift Final,
ift Final,
In der Stubat.
Scene aus dem Voralberger Volksleben.
Stubat oder Nachtſtubat ift die
gefellige abenblihe Zufammenfunft der
Dorfbewohner in dieſem oder jenem
Bauernhaufe. „Zur Stubati goh“ heit
auch: die Geliebte befuchen. Im AU:
gemeinen ift die Stubat dasfelbe, mas
in Schwaben die „Spinnftube”, im
Böhmerwald die „Rodenfahrt”, in
Bern der „Kiltgang”, in Tirol und
DOberbaiern der „Heimgarten” bebeutet.
Wie es in der Gtubat zugeht,
davon erzählt uns Michel Felder ein
Beifpiel.
Der Iuftige Kafpale kommt zur
Thür herein.
„Kafpale, was ift los?“ rufen fie
ihm entgegegen, „jet mußt du gleich
etwas anfangen, wir find nur wegen
deiner gefommen, hallegora !”
So mar ed immer: mo eine Ge:
fellfchaft junger Leute beifammen war,
mußte das Kafpale den Räbleführer
machen, wenn ed dabei war; und wenn
es nicht dabei war, fo wurde ed aud)
bei weitem nicht fo luftig; denn zu fo
etwas war es fo gut aufgelegt, als
Einer. Immer famen ihm neue Ge:
ſellſchafts- und Pfänderfpiele in den
Sinn, und aud das Alte wußte er
durch feine Iuftigen Einfälle wieder neu
und beliebt zu machen. Eine bejondere
Eigenschaft aller neuen Spiele, melde
das Kaſpale einführte, war, daß da
alles frifh aus dem Leben genommen
war. Aus allen Verhältniffen fand e3
das Lächerlihe heraus und mußte es
fo zufammenzuftellen, daß ein Spiel
daraus wurde, bei dem das Kafpale
allemal das Schwerfte übernahm und
zur allgemeinen Zufriedenheit ausführte.
Nachdem fih die Geſellſchaft eine
zeitlang mit Pfänderfpielen unterhalten
hatte, wollte man noch „heiraten“, und
das Kafpale mußte dabei zuerft die
Rolle des Vaterd und dann aud die
des Pfarrers fpielen, welcher die Paare
eraminirt und ihnen ihre Pflichten ans
Herz legt. AZuerft wurden Buben und
Mädchen abgefondert; die Buben ſaßen
auf der obern, die Mädchen auf der
untern Bank. Nun fragte das Kafpale
jedes Mädchen befonders, welchen von
diefen Buben es haben wolle, und die
Mädchen fagten es ihm ftill ins Obr.
Das Kafpale ſetzte fih nun auf bie
Dfenbanf, und die Buben famen einer
nad) dem andern und fragten um bie
väterliche Erlaubnif zum Heiraten. Das
Kafpale lobte den einen, tadelte den
nA
andern und fagte dann zulegt zu allen,
fie könnten gehen, und gab ihnen aud)
noch etwa einen guten Rath mit, natür=
lih alles fo, daß man Laden mußte.
Zum Schmied jagte es, er folle fein
Weib nur gleich nad) der „Hohzig“ an:
binden, wenn er eine überfomme und
al3 der Schmied willen wollte, warum,
fagte ed: „Weil dich feine nähm’,
wenn fie nicht zum Anbinden närrifch
und verrüdt wär’.“ Zum Sennen fagte
es: „Er fol blos auf Eine mit viel
Geduld ſehen, Vermögen habe er felbit
genug.“
So fagte es zu Jedem, was ihm
grad in den Sinn fam, und das war
allemal etwas Spaßiges. Jedoch etwas
Unſittliches hörte man vom Kaſpale
nie. Der Senn ging vom Kaſpale zum
Bäbele, und er hatte die Rechte gerathen.
Von den andern Buben errieth keiner
diejenige, welche ihn vom Kaſpale ge—
fordert hatte. Das Kaſpale legte nun
ein weißes Hemd über das andere Häß
(= Gewand; altdeutſch: häz, haeze)
an und nahm als Pfarrer den Sennen
und das Bäbele ins Examen, wobei e3
wieder viel zu laden gab.
Dann nahm es ein dickes Bud in
die Hand, ftand mitten in die Stube
und fagte, e8 wolle jet den Glüd:
lien, die nichts überfommen haben,
nod eine Troftrede halten. Es ſchlug
dad Bud auf und las, oder that doch,
als ob es leſe: „Im derjelben Zeit
nahm der Herr ein Scheit und prügelte
das Weib; dazu Fam ber Knecht und
fagte: „Das ift Recht!“ Und nun hielt
es eine Predigt, worin die Weiber und
Mädchen nicht gerade am beiten weg—
famen. „Als Gott den Adam
erſchaffen hatte“, fing es an, „da fagte
er, es fei alles gut; aber bei der Eva,
da hat er nichts mehr fagen mögen.
Es ift dem lieben Gott mit dem erften
Weib vermuthlich gangen wie dem
Grützbauer in der Au, den hat man
einmal gefragt, wie ihm ſeine Magd
gefalle? Da hat er geſagt: „J lob'
ber ſind grad wie die Luſtnauer Salb':
ſie ziehen alles Böſe an ſich und —
behalten es. So lang ſie den Männern
gefolgt haben, find fie recht geweſen,
und ich weiß ganz gewiß, daß früher
die Weiber befjer geweſen ſind, als
jetzt; denn ſolche, wie man jetzt an
vielen Drten findet, darf man nicht
glauben, daß Gott im Anfang erfchaffen
habe. Das wär’! Gottesläfterung, wenn
man ihm jo etwas zumuthen wollte.“
— Dann fagte es noch: „Im Alter
fei es nüßlich und gut, wenn man noch
mit Einer heirate; denn zum erften
werde dann die Luft am Zeitlichen und
die Furt vor dem Tode Fleiner, und
es fünne fih Einer dadurch auch das
Tegfeuer abverdienen. Alle, welche ver⸗
heiratet geweſen ſind, werben im Him⸗
mel als Martyrer behandelt; aber bie,
melde zweimal heiraten und Weiber
nehmen, werben vom heiligen Petrus
fhon vor der Himmelsthür für verrüdt
erflärt und zu den ungetauften Kindern
gefickt, denn Narren fann man im
Himmel feine brauchen.” — Mit die:
fen Worten ſchloß es unter allgemeinem
Beifall die Predigt. — Nun follten
der Senn und das Bäbele noch tanzen,
aber das Kafpale hatte heut’ die Bither
daheimgelafien, daher mußte man jeht
einen Walzer fingen. Buben und
Mädchen ftanden in einem „Ring“, das
tanzende Paar trat in die Mitte und
man fang: Die Spielleut’ find kommo,
die Spielleut’ find da
Und da3 Ende war:
. er.“
tanzen.
Beim Herrn Bruder auf ber Jauſe.
Ein Schwanf von P. 8. Rofegger.
Sollte e8 zwar nicht erzählen, denn
ih hab's nicht gefehen. Sie ſchloſſen
ſich dabei ein — der Herr Pfarrer von
Seferding und ſein Bruder der Hoch—
bergreichhofer. In der Oberſtube ſaßen
ſie und ließen ſich's gut geſchehen und
ſpielten Karten. Aber nicht etwa ein
ſie nöd und ſchelt' ſie nöd', und wer verbotenes Spiel! — i bewahre —
fie lobt, der kennt ſie nöd.“ Die Weis | beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“,
712
ein wenig „Maufcheln“ mitunter, das „Grüß Di, grüß Did, Bruder!“
war der Seitvertreib- empfing ihn der Pfarrer, „ſetz' Dich
„Na, id dank’ ſchön für einen doch auf Deinen Plag.“
folden Zeitvertreib!" fagt zwar der| „Aber immer auf bem Polſterſitz,
Hochbergreichhofer, kommt aber nichts: | nein, Bruder, das geht doch nicht; ber
deftomweniger jeden Sonntag von feinem | geiftlihen Weih' gehört die Ehr' zu!”
Berg herab, läßt fi zur Jaufe laden, |, „Bitte, Du biſt der Gaſt! nur
verſitzt den ganzen Nachmittag bei feiz ‚feine ſolchen Umſtände!“
nem Herrn Bruder und verſpielt jedes⸗ So oftmals der edle Wettſtreit,
mal fein ganzes Geld. bis endlich Jeder ſtets wieder auf dem
——— er Reis anf bem alten "led faß bei der Gottesgab und
Ehrenplatz ſitzen, an der Wand auf beim Gebetbuc * —— a
weicher Lederbank, während der Pfarrer nn -.. nee gen ger
* ee ai F bratene — * = ſchob wi
angedeutet worden — ganz abgeſchloſſen erde ni die En *
waren ſie doch nicht von der Welt. Die Br : j
Köchin durfte in die Oberſtube — und Res —
das lohnt ſich im Pfarrhof immer, denn felten u ftehen. Oft genug Fam
mit leeren Händen erfcheint fo ein Frau: ihm ein ji Sn f in J ——
chen ſelten. Sie iſt ja Herrin der Küche — geiftfiche Be fpielte mit fo
und Allem, was dazu gehört, und an Schlauer — dat ber Bauer
ihrem Schürzenband hängen die Keller: einmal tief: a bet Bruder, geift-
ſchlüſſel. Was alfo den alten Wein Mash anzemmn Bon
anbelangt — er war ein Jahrgänger * asien — DR IHR HE
mit dem Hochbergreichhofer, der in dem * "Rapp! lachte der Pfarrer, „das
Befer Weit getommen mac — unp man | it 0 anders maden. Rimm für's
die gut geräucherten Schinken betrifft nn ift a —
und den Gugelhupf und den Kaffee, und "ober was id Dir ſagen wollt’
dann den wohlgetrodneten Anafter, den fie — Am nächften —— eh’ nicht
aus langen Pfeifen rauchten, jo fonnte aha Prebi t, ich rath' we
der brave Hochbergreichhofer das Sonn: Ja börft meärveg. foll ich —
tagsſpielchen bei ſeinem Herrn Bruder nicht in Die Predi t gehen 2“
nimmer mifjen. Mit Speif’ und Tranf Weißt re lite Sonntag
ſuchte er ih, fo gut es ging, zu ent» ift daB Evangeli von dem ungerechten
ſchädigen für bie Zwanziger, bie aus Haushalter * da muß —* einmal
ſeinem weltlichen, hundsledernen Geld— egen das Karienſpielen predigen. Die
beutel allzu hriftlichen Sinnes dem geift: en wiffen — Baffion a
lihen Herrn zufprangen. Der Hochberg— Dir unangenehm fein in — Kird'.“
reichhofer hatte doc das Kartenſpielen Gin gs Hochbergreichhofer alfo
von jugend auf getrieben und war nicht :., : gr er E Q ge
arg dabei zu Schaden gekommen. Aber Tage a rer in's
im Pfarrhofe verfagte ihm das Glüd. niebergangen heut”, höllij fharf und
Trogdem ging er jeden Sonn und |feinen Bruder hat er gemeint. ft er
Feiertag zum Nachmittagsfegen und nicht in der Kirch’ gewejen, der Hoch—
machte nad) demfelben den Fleinen Be: | bergreichhofer ?“
fud) beim Herrn Bruder, den er erft Der aber ging wie gewöhnlich zum
fpät Abends häufig mit etwas verrüd: | Nachmittagsfegen und hatte richtig fein
tem Schwerpunkte verließ. \ eigenes Spielfartenbüfchel bei fih. Er
713
traute dem Herrn Bruder nicht mehr noch lieber geweſen!“ fagte der Hoch—
recht; der hatte beim Spiel auch immer | bergreichhofer.
einen fo fchiefen Blid, jah ifn an und
ſah doch wieder an ihm vorbei — ein | Pfarrer und lachte noch immer,
„Geh, gift? Dich nicht!“ rief der
„laß'
rechter Judasblick, die geiſtlich' Weih' uns jetzt eſſen und trinken, 's wird eh
in Ehr'!
das letztemal ſein, daß Du die Jauſe
Und als er in die Stube trat, rief zahlſt.“
der Pfarrer: „Na, grüß Di, Bruder,
ſetz' Dich wieder auf Dein Plagl. Haft
Karten bei Dir?“
Sie jpielten mit den Karten des
Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte
wieder ben fchielenden Blid, der dem
Partner wohl über die Achſel, aber
nie ind Auge fehen fonnte, und der
Bauer verlor, wie immer. Da kam
diefem plößli der Zorn: „Was fchauft
mir denn nicht in's Geſicht, Pfarrer ?
haft ein fchlehtes Gewiſſen?“
Zum Glück fam in diefem Augen:
blif die Köchin mit dem gebratenen
Huhn. Sie war noch ein recht reputir:
liches Frauenzimmer und allerweil wol:
tern nett angezogen. Heute hatte fie
gar eine Pfingftrofe im Haar, that
einen Bli über den Hocbergreichhofer
bin an die Wand und ordnete die Nofe.
Was denn da ift an der Wand!
dachte der Bauer, wendete fih und fah
— den Spiegel.
Die Fauft mit dem Kartenfächer
feſt auf den Tifch gepreßt erhob er ſich
langſam — ftarrte in den Spiegel, in
weldem fein ganzes Kartenfpiel offen
lag — ftarrte dem Pfarrer ind An:
gefiht und murmelte: „Seht, Herr
Bruder, jeßt bin ich gefcheidt., Ja, hörft,
wenn Du einen Kameraden haft, der
mir in die Karten fchaut, nachher —
nachher glaub’ ich’3 gern!“
Der geiftliche Herr that einen fchred:
haft lauten Lader. „Endlich !* rief er,
„endlih einmal! Na, Zeit ift es, daß
Du gefheidt worden bij. Hätteft mir
aber noch eine Weil’ ftillgehalten unter
dem Spiegel, wär’ mir nicht unlieb
gewejen, hätten von Deinem Gelde noch
lange gut aegefien und getrunfen.*
„Und wär’ Dein Spitbubenftüdel
gar nicht aufgelommen, fo wär's Dir
Nothe und weiße Rofen.
Bon Alfred Friedmann.
Im Iahresmai, im Lebensmai !
Wie fahen traulich jene Zwei,
Die ſich gefucht und fi gefunden
Und die im Kuffe ſich verbunden!
Ein junges Blut, ein junges Lieb —
Da fchilt nicht Eins das Andre „Dieb“,
Wenn unter tiefem Athemholen
Sie lange Küffe fi geitohlen. —
Der Himmel blaut, die Lerche fingt,
Wenn Eins des Andern Athem trinkt;
Die Roſen bilden Schattenlauben,
Die Liebenden dem Blid zu rauben;
Die Sonne fteigt, der Tag ift warm,
Die Liebe fchläft der Lieb’ im Arm!
Ihr Haupt ift an fein Herz gefallen,
Der Abend wedt die Nadhtigallen,
Die Nahtigall fingt ihrem Lieb’;
„O dab doch Lieb’ aud ewig blieb’!
Sie Magt fo füh in NRofenheden,
Sie will die Schläfer ja erweden ;
Sie follen unterm Duft der Rofen
Die laue Frühlingsnacht verkofen :
Drum lodt fo füh die Nadtigall
Mit ihres fchönften Liedes Schall.
Im Iahresmai, im Lebensmai,
Da küffen wieder jene Zwei! —
Die Kinder find nın Mann und Weib.
In Blüthe prangt der Liebften Leib,
Die Rofen find nun aufgegangen. —
Nach ihrem Bufen voll Verlangen,
Nach ihrem braunen Wellenhaar,
Beugt nieder fih die Roſenſchaar. r
Sie gaufeln in dem Sommerwind
Um junge Gatten, leis und lind,
Und jhämig birgt die junge Frau
Ihr Haupt an feiher Bruft: „O ſchau'“,
So flüftert fie, „die Rofe fiel,
„Vom Zweig gelöft durch unfer Spiel,
„Bier zwiſchen Deine, meine Bruſt
714
„Und ward zerdrüdt in unfrer Luft!
„Du lieber Mann, Du guter Mann,
„Ih will in's Ohr Dir flüftern leiſe
„Wohl eine fremde, neue Weife:
„Wie id nun an Did angefchmiegt,
„Wie zwiſchen uns die Rofe liegt,
„So mag's geſcheh'n auch über’s Jahr,
„Daß ih Dir bring’ ein Röslein dar —
„Daß Dir am Herzen, liebfter Mann,
„Ein füßes Kindlein ruhen kann!“
Und Sommer iſt's im andern Jahr,
Bei Rofen fteht das junge Paar!
Die Sonne fheint im hellen Lichte,
Der Wind vom Wald bringt Duft der Fichte,
In Bweigen fingt die Sängerfchaar. —
Die treuen Gatten ſteh'n umſchlungen,
Bom alten Laut und Ruf umflungen.
Die junge Frau ift blak und bleich,
Des Gatten Auge thränenreid.
Sie fteh'n im Sommer unter Rofen,
Die Lippen wiffen nichts von Kojen,
Sie zuden nur in wehem Schmerz:
Da drunten unter weihen Moofen
Und kalter Erd’ und Heinem Stein —
Schläft ftill ein glücklich Kindesher;,
Gar früh entrüdt dem Glück, der Pein.
Es weiß nichts von dem Lenz der Liebe,
Nichts von dem Leiden, und dem Glück,
Nichts von Erinn’rung, die ihm bliebe,
Säh's nad) der Jugend einft zurück!
Es war ein NRöslein, das zu frühe
Beglaubt, dab jhon die Sonne glühe
Und das gewelft, noch eh's geblüht!
O allzugläubig’ Lenz.Gemüth! —
Die jungen Gatten knieen ftill
Und weinen auf des Kindes Grab.
„Ob noch ein Möslein blühen will?"
&o rufen leife fie hinab. —
„Wir wiflen’s nicht, wir halten ftill,
„Und fagen traurig: „Wie Gott will!”
Juni.
Wärme, Liht und Blumen! Men:
ſchenherz, jet freudig fein! Die Sonne
it jo Hoch geftiegen, daß du faft
ſchattenlos daftehft zur Stunde des
Mittags. Licht ohne Schatten — wie
nun alles volllommen ift! Unb um
Mitternacht reihen fih auf hohen Ber:
gen der Abend und der Morgen die
Hände. uno, wie mußt du bei den
Alten in Ehren geftanden fein, daß
man dir den herrlichſten Monat hat
geweiht! Junius Brutus, wie mußt
du kühn geweſen fein, daß du dir den
göttlichften Monat des Jahres haft
zugeeignet. Was ift Maien das Wer:
den gegen uni dem Sein?! Wir
leben und jaudzen Alle. Rofen und
Sonnenftrahlen, die Kinder der Erde
und des Himmels vermählen fi. Aber
dad Waſſer ift der Blume erflärter
irdifher Bräutigam; ala neidifcher
Nebenbuhler fteigt es auf und verbedt
als Wolfe die Sonne, daß es dun—
felt. Da fchleudert der Himmel zornig
den Blig, denn e3 darf fein Dunfeln
fein zu dieſer gejegneten Zeit. Die
Wolfen find zerriffen und das blaue,
treue Auge Gottes blidt wieder feine
reihe Erde an und feine jubelnden
ſchluchzenden Menfchen und eine Stimme
Eingt durch die ganze Welt: Ihr feid
Alle mein! —
| Der Sandmann baut und betet ;
|der Landfahrer wandert und jubelt —
aber auf den Wiefen fchrilft die Senfe,
und die Blumenfeldhe finfen und gießen
ihren funfelnden Thautropfen auf die
Erde — meinend, im Sterben nod)
befruchtend.
Die Kirche prangt feit den Dfter:
tagen her in ftetem Jubelkleid und
weiß ihrer Freude fein Ende. Im Mai
Ihmüdt fie das holde Frauenbild der
Jungfrau und Mutter mit jungen Ro:
fen und glimmenden Ampeln. Dann
fährt der Herr zu den Himmeln auf.
Dann ſchwebt der göttliche Geift zu
den Menſchen niever. Dann mwallt ber
Siegeszug des heiligften Saframentes
über die blühenden Auen. Dann begehen
die zwei größten Märtyrer Petrus und
Paulus ihren glorreihen Ehrentag.
Natur und NKirhe find in ihr
größtes Pathos getreten. Aber auf
den Dörfern, wo fi für den Sommer
die Herrfchaften niebergelafjen haben,
fpielen fi allerlei Stabtgefchichten ab;
und in der Stadt, zwiſchen dem Sol—
715
daten und der Köchin vom Land tra-
gen ſich reizende Dorfgefhichten zu.
Emporwachſende Knaben ftreben den
zwitfchernden Vöglein nad. Mädchen
mit fünfzehn Jahren fragen unmifjende
Blümlein — während die Antwort zu
tiefft verborgen im Herzen feimt,
Es ift ein buntes Vermwandeln und
ſchönes Verwandeltfein — es ift der
Juni, der Öotteötag mit feinem war:
men Herzen, mit feinem, lichten Auge,
mit feinen buftenden Rofen, die mor⸗
gen ſchon in der leidenſchaftlichen Gluth
des Hochſommers — vernichtet find.
Bücher.
Bibliſche Sterne.
Drei Idhllen von Alfred Friedmann, Ham—
burg. 3. F. Richter.
Diefes Buch hat ein Poet in feinen
weihevolliten Stunden gefchrieben. Es
ift eine dreifache Roſe voll Farbengluth
und beraufdhenden Duft — fie ift
emporgewachſen aus den üppigen Wild:
gärten der Bibel. Man behauptet, die
wunderfamen Gewächſe biefer uralten
Wildgärten wären heute‘ vermodert oder
verfteinert und hätten nichts mehr gemein
mit ber PVegetation der Gegenwart.
Anders iſt's! Die Bibel befeelt noch den
allergrößten Theil des heutigen Ge:
ſchlechtes; der Theologe glaubt auf fie,
der Poet fühlt fie — lebt fie. Milton,
Geßner, Klopftod haben der Bibel Denk—
male geſetzt noch in unferen fpäten Jahr:
hunderten. Und nun ift neuerdings ein
Dreigeftirn aufgegangen aus den Silber:
nebeln des Morgenlandes.
Hagar, das mit dem Finde von
ihrem Herrn verftoßene und in der Wüſte
verſchmachtende Weib; Nuth, die ähren:
lefende, die den Gatten verlor und ben
Gatten findet; und Jephthahs Tochter,
das Opferlamm, vom fiegenden Vater
zum Lobe des Herrn dem Tode gemeiht,
das find die drei Bilder, die uns Alfred
Friedmann in vollendeter Form vor
Augen führt. Wie erzählt er von Hagar
der Verftoßenen :
„— Fern wie ein Traum war der Baum mit
der Dittiel
Und das Waffer wie eine verfdollene Sage!
Und die Zunge vertrodnete ihr im Munde
Und fie konnte nicht beten.
Da weinte Hagar.
Und es füßte das Kind ihr die Thräne dom
Auge,
So fid) nepend die Lippe,
Und es lächelte wieder.”
Aber ein Quell fprubelte auf und
labte Mutter und Knaben. Denjelben
Knaben, der in Zukunft:
„— Xermählt im Lande Egypten,
Der gewaltige Held, eines wilden Geſchlechtes
Stammpater,
Verwildert, verbittert, feine Hand wider Alle,
Wider ihn Aller Hand —
. — — — — — —
Weil einmal ein Vater den Sohn hat verſtoßen,
Und nimmer erliſcht der Streit,
Und ſtets iſt erhoben
Gegen Abel die Hand des Kain.“
So ſchließt die erſte Dichtung. Um
ſo freundlicher iſt die Idylle von der
jungen Witwe Ruth, die mit ber gebrech—
lichen Schwiegermutter Na&mi wandert:
„Sage, was ift mir die traulihe Heimat ?
Mehr als Vater und Mutter
Lieb ich die Mutter des Gatten,
Den einft du geboren
Mir zum Glüd und zur Luft!”
So ſchön ift eine Schwiegermutter
faum jemalö befungen worben. Aber
den fräftigen Mann Boas, den Herrn
der Felder, auf denen fie Aehren ge
fammelt, fcheint fie nicht minder lieb zu
haben ; denn fie
„— baute verftohlen im ſchweigſamen Wintel
Dem Boas ein Lager.
Auf duftenden Garben verbreitend den Teppich,
Den ferne im Land der Egypter gewirkten,
Befprengt fie die Stätte mit Myrrhen, Eyn-
namen,
‚Und Alos rings
| Und reihet die Polſter.
| Sie zündet die Ampel und fpeift fie mit Dele
716
Und richtet das Maffer zum nächtlichen Trunke,
Dann? ſchlüpft fie verftohlen zum Haus der
Naömi.“
Das Geſchick erfüllt fih bald; Boas
wirbt um das braune Meib,
„Und im Arme des Bons lag Ruth,
Das Haupt an der Bruft ihm geborgen,
Wie ein feliges Kind am Kerzen des Vaters
In wonnigem Traum,
Und erwachend zu fchönerer Wahrheit.‘
Die letzte Idylle aber, „Die Tochter
Jephthahs“, ift voll Blut und Fluch
und Schmerz. Die Klage der von ihrem
Bater zum Schlachtopfer beftimmten
Jungfrau ift tief ergreifend:
„Sebt, es ift Morgen und Frühling!
Der Tag bricht erft an, und das Jahr ſchmückt
fih neu
Mit Schlüffelblumen und Beilden ;
Ich bin der Morgen, der Tag,
Die Schlüffelblume, die öffnet
Dem werbenden Manne die Quellen der Selig-
feit!
Ih bin das Veilden, das duftend ſich jehnt
nad der pflüdenden, fofenden Hand;
Bin der leuchtende Frühling,
Der fi die langhinflatternden Locken durd)-
mwindet
Mit des Verlangens duftigem Flieder,
Mit der Roſenknoſpe der Liebe!
— Und ich muß dahin vor der Beit!
Darf nicht enden den Lauf glei dem Tag
bis zum Abend,
Nicht fchlieken den Areis wie das rollende
Jahr,
Beladen mit goldenen Früchten des Herbſtes,
Pin ein im Erblüben zertretenes Veilchen,
Eine Blüthe, gebrohen am Rand noch des
Winters,
Ein Mädden, das nie von der Liebe erfannt
ward;
Ich muß dahin in die Naht vor der Zeit,
Und fterben im Glanz meiner Jugend.”
— — — —
Die Gefpielinnen fuchen fie zu tröften,
indem fie ihr bie Eitelkeit diefes Lebens |
vorhalten, während fie felbjt erzittern |
vor dem Donner eines Gemitters.
| Sei
„Aber als fiegreih die Sonne über die Berg-
gipfel trat,
Klagten die Mädchen in Irael all’ um die
füßefte Freundin,
Und entgegenwallte der ladjeuden Sonne
Ein Wölkchen voll Duft von Narden und
Myrrhen,
Das nahm in der Luft einer Jungfrau Ge—
ftalt an
Und ſchwebte hinauf zu den Fernen des Aethers,
Ein Brandopfer gläubiger Menſchen,
Vor den Thron des alleinigen Herrn.”
Mit den „biblifhen Sternen“ bat
der Verfaffer der älteren Dichtungen
„Savilia”, „Aus Hellas," „Merlin
und Orpheus“ feinen Namen ala den
eined echten Poeten genugſam bezeichnet.
R.
Aus Halb-Aſien.
Culturbilder aus Galizien, der Bukowina,
Südrußland und Rumänien von Karl Emil
Franzos. venn Duncker und Humblot.
1876. 2 Bände,
Ueber ein Bud, wie das vorlie-
gende, die recenfirende Feder anzufeßen
ift ſchwer, denn dieje Skizzen, Novellen
und Novelletten, welhe der Verfaſſer
dem Publiftum vorführt, bewegen fi
auf einem Terrain, dad Niemand fo
fennt, als eben nur Franzos; ein Ver:
gleih mit anderen Erfcheinungen der
Literatur ift nicht möglid, denn jedes
Stück, das uns hier geboten erfcheint,
ift einzig in feiner Art, bes eigen:
thümlihen orientalifhen Charakters
wegen, der diefen Erzählungen — foldhe
find e8 zumeift — aufgeprägt erfcheint.
Dabei liegt ein ganz jeltfamer Far—
benton über diefen Bildern auögebreitet.
Der ungarifbe Maler Munkacsi befigt
die Eigenthümlichfeit, allen feinen Ge:
mälden gewiſſe büftere, hellgraue, nie—
derfchlagend wirkende Töne zu verlei-
en. An diefen Maler erinnern bie
Eulturbilder Franzos’ in ihrem Tone.
e8 nun, daß die gefcilberten
‚Gulturbilder genau dem Leben nad:
| gezeichnet, ſei e8, daß fie ibealifirt
‚find, als Novellift fteht Franzos be:
717
beutend da. Man Iefe nur etwa die | ger der Naturwiſſenſchaft nimmt er
Erzählungen: „Der Aufftand von Wo: | dem Thiere den Inſtinkt, als Dichter
Iowce”, „Jancu der Richter”, „Der gibt er ihm die Seele; e8 iſt ganz
lateinif de Kanonier“ und „Der Richter | genau die Seele des Menſchen, nur
von Biala“. Alle fpielen, wie ſchon der | etwas Feiner. Er zeigt in dem geifti-
‚Titel des Buches andeutet, auf demfel- | gen Leben der Ameifen, der Bienen,
ben Boden, es find Gabinetzftüde der | der Weſpen, der Spinnen, der Käfer
Erzählungstunft, pſychologiſche Meifter- |u. ſ. m. ganz Ddiefelben pfychologifchen
werfe im engften Rahmen. Dieje ge | Gefehe und Vorgänge, wie wir fie an
Inechteten, gemarterten Bauern zeigen |uns jelbjt finden. Wer follte das aud)
uns oft eine Seelengröße, wie wir fie | beftreiten wollen? Und anderjeits, wer
vergebens bei ihren ‘Beinigern, den |follte es glauben, wie auferordentlid)
Herren, ſuchen. Barnow, das „jtaubige, | wunderbar fi das Geiftesleben dieſer
ſchmutzige“ Barnow, der Geburtsort | fleinen Wefen offenbart ? Wer das Thier
des Erzählers, ift häufig der Schauplaß | nur par renommee fennt — und felbft
von Franzos' Erzählungen, mitunter |unfere älteren Zoologen fonnten ſich
aber aud nur ein armes, elendes Dorf, | einer näheren Bekanntſchaft mit vemjelben
in dem und nur die Kunſt des Erzählers | faum rühmen — der möge fih durd
Terrain und Perfonen interefjant machen | 2. Büchner's Werk anregen laſſen zu
kann. Auch dem Humor weiß dieſer näheren Beobachtungen der Ameiſen—
Rechnung zu tragen, man leſe „Koſſuth- | haufen, Bienenkörbe, Spinnenneſter ꝛec.
Jagden“, „Nur ein Ei“, wenn man Allerdings, wenn das Intereſſe für
ſich nad) manchem trüben Bilde, deren dieſe lebendigen Bücher der Natur an
wir fo viele hier finden, heiter ftimmen | Allgemeinheit gewinnt, fo wird die Cen-
will. Ethnographifche, Reife-Skizzen und | fur die Ameifenhaufen ftreichen, der
dgl., wie „Von Wien nach Czernowitz“, Staatsanwalt die Bienenftöde confis-
„Rumänische Frauen”, „Im Hafen von |ciren wollen, denn die Confequenzen
Odeſſa“ wechſeln mit den erzählenden | diejer Studien wären Revolution und
Stüden ab und zeugen von der feinen |rother Communismus. Büchner legt ung
Beobahtungsgabe und von der vollen |eine gejellihaftlihe Drganifation nad
Gewalt über die Darjtelung, welche dem Mufter der Ameifen und Bienen
ihm zu Gebote fteht. Ein feingezeich: |nahe. Allein nah Darwin und Hädel
neted Literaturbild über den Ruſſen | hat der Menih all’ diefe Wandlungen
Nikola] Pamloff beſchließt das Werk. | des Thierreiches ja längſt durchgemacht
i Pr. Säloffar. — wozu wieder niedertaudhen in einen
— Abgrund, in welchem es ihm nicht ge—
fallen hat!
Aus dem Geiſtesleben der Thiere. Praftifches läßt ſich von den Amei-
Bon Dr. Ludwig Bühner. 4. Hofmann, | fen und anderen Thieren für und —
Berlin. fürdt’ id — nicht viel profitiren;
Der Gelehrte geht voran, der Poet trotzdem bleibt das Studium derjelben
folgt in ein neuentdedtes Reich der | unendlich intereffant und lehrreih und
Seelen. Menſch und Thier ift eins ge | gewährt poetischen Genuß.
worden. Wem es nicht gefällt, zu fa:
gen: die Seele des Menſchen ift fterb-
ih, der fage: die Seele des Thieres ’ :
ift unfterbfih. Es kommt — Verfehlte Liebe.
hinaus, es ift die Weltſeele und Deus | Roman von Hans Hopfen. (Eduard Hall-
est anima brütorum. berger, Stuttgart.)
Ludwig Büchner ift in feinem Buche Bor Kurzem trat Hans Hopfen wie:
Gelehrter und Poet zugleid. Als Jün: | der mit einer größern Erzählung in die
718
Deffentlichkeit, die gewiß nicht verfehlen | ganze Religionsfyftem zu ftürzen drohen !
wird, auf die deutſche Leferwelt einen
tiefen Eindrud zu machen. Der neue
Roman des beliebten Schriftftellers hat
ein Lebensbild aus jenem fernen ſlavi—
fen Dften zum Gegenftande, wo bie
Gultur des Abendlandes mit der urwüch⸗
figen Leidenfchaft und Barbarei der jun:
gen öſtlichen Völker ſich berührt und
merkwürdige fociale Verhältniſſe ſchafft,
die ein reiches, leider noch fo wenig
angebautes Feld für die poetifhe Dar:
ftellung bieten. Sold’ einen dankbaren
Stoff hat unfer Autor, der ſchon in
feinem Roman „Verborben zu Paris“
ein treffliches Talent bewies, fich in ben
Charakter eines fremden Volles ganz
hineinzudenfen, hier mit Glüd bearbei-
tet und eine Dichtung gefchaffen, melde
dur die Fremdartigkeit der Scenerie
und die Driginalität ihrer Geftalten,
burch die Spannung und die tragifche
Gewalt der Handlung, wie durd ihren
tiefen fittlihen Gehalt volle Beachtung
verdient.
Herder als Vorgänger Darwins und
der modernen Naturphiloſophie.
Beiträge zur Gefhichte der Entwidlungslehre
im 18. SIahrhundert von Friedrich von
Bärenbad. Verlag von Theobald Grieben,
Berlin.
Obwohl der Verfafler diefer Schrift
Herder in der Claflifer- Trias neben
Goethe und Schiller im Bunde den Drit:
ten nennt, hält er ihn doch für feinen
bedeutenden Dichter. Um fo höher ftellt
er ben Generalfuperintendenten von
Weimar als Philofophen. Bärenbach
fucht zu bemeifen, daß Herder in feinen
„Seen zur Geſchichte der Menfchheit“
ein Prophet der neuen Naturphilofo:
phie, mit den bebeutendften Theſen Dar:
wind und Hädels faft mwörtlid über:
einftimmt. Und diefe Uebereinftimmung
erfcheint oft wirflih jo frappant, daß
man fih wundern muß, mie unfere
Gelehrten bis heute nit darauf gefom:
men find. Wer aber hätte bei dem
frommen Prebiger des 18. Jahrhun⸗
derts jene Ideen gefucht, die heute das
Indeß redet Bärenbadh in feiner Schrift,
trogdem fie fi durchaus auf den Grund:
lagen der Naturphilofophie erhebt, dem
Deismus das Wort. Er ift nicht eben gut
zu ſprechen auf „jene falfhen Propheten
der Aufklärung, welde im Halbdunkel
fortarbeiten” und über die „nur auf dem
Wege der Forfhung zu erlangende
Wahrheit von Stadt zu Stadt popur
läre Vorträge halten und feuilletoni-
ftifche Werke fchreiben, deren Tendenz
die Berftörung alles Traditionellen, Die
Ausrottung aller religiöfen und philo—
fophifchen Sittenlehren, die Verbreitung
einer cynifch = fleptifchen Zwitterphilofo=
phie ift; — Leute, welche viel Unheil
anrichten und feimende Bildung und
Wiſſenſchaftlichkeit zerftören“.
Liebesgaben.
Poeſien und Novellen-Album. Redigirt bon
Auguſt Naaff. Komotau, Brüder Butter.
„Ad, Gnaden auszutheilen ift fo
ſchön, und wer's vermag, der follt’ es
nicht verfäumen !* fagt Robert Hamer:
ling eben in diefem Bude, dad den
Nothleivenden im Erzgebirge gewidmet
ift. Das Merk enthält Novellen und
Gedichte bedeutender Autoren. A. Meip-
ner, R. Hamerling, F. Stamm, D.
Teuber, A. Naaff, F. Pichler, F. v.
Steinwand, M. Halm, €. Franzos,
U. Woumermans u. f. w. haben Lie
besgaben auf den Opfertiſch gelegt,
und nicht etwa Heller ober Groſchen,
fondern meift Spenden von bleibenden
Werth. — Du glüdfeliges Buch! wer
dich gibt, thut eine Wohlthat, wer dich
nimmt, thut auch eine.
Der Lehrer als Arzt.
Serandgegeben von C. W. Adler. (Wien,
V. Sranzensgaffe Nr. 25.) Selbftverlag.
Seit einem Jahre die 4. Auflage
(zu 1000 Exemplaren), das lobt mehr,
als die Begutachtung des Laien. Wir
ermefien nur, wie nöthig es ift, daß
der Lehrer — dem zu allen Jahres:
719
zeiten und unter allen Umftänden die
Kinder über Berg und Thal zugefchidt
und anvertraut werden müflen — aud)
auf das förperlihe Wohl der Kleinen
ein Auge hat. SHilfeleiftung bei plöß:
liher Erfranfung des Kindes ift feine
Kurpfufcherei; der Arzt ift oft ftun:
denmweit entfernt, wie gut, wenn ber
Lehrer für den Moment Beſcheid und
auch jenen medanifhen Schäden zu
begegnen weiß, melde beim Spielen
im täglichen Berfehr der Kinder unter
einander entftehen fönnen. Obengenanntes
Heft mit vem Motto: „Einfach und wahr“
gibt in wenigen Blättern das Wichtigite,
was hierin der Lehrer zu beobachten
hat. Vierzig vorzüglich ausgeführte Holz:
Schnitte erleichtern da3 Verſtändniß des
Tertes. Auch der gebildetſte Lehrer
und SKinderfreund wird es nidt ver:
ſchmähen, ſolch' ein Feines Nahichlage:
buch in der Tafche zu haben.
Jahrbuch des öſterreichiſchen Tou—
riſten-Clubs in Wien.
Bei A. Hölder, Wien.
Dieſes Bud) ein altbekannter, will:
fommener Gaft! Hoc interefjant find
die Abhandlungen über die Sann-
tbaler Alpen von Dr. %. Friſchauf,
und „daß Gletſchereigenthum“,
eine alpine Rechtsfrage von Dr. 8.
Scieftl. Diefen beiden Hauptftüden
reihen ſich NReifefchilderungen, land:
ſchaftliche Skizzen und verfchiedene an-
dere Auffäbe alpinen Inhaltes an.
Eine genaue Buchführung der Club:
angelegenheiten beſchließt das umfang:
reihe Buch, welchem fieben Beilagen,
Tafeln, Karten und Rundſchauſkizzen
angebunden find. Darunter befonders
bemerfenswerth die „Tafeln zur Bere:
nung barometrifher Höhenmeſſungen“
von Dr. J. Frifhauf, und die Karte
und Rundfhau der Sulzbadher Alpen.
Für Poeten.
Klage man nicht mehr über „un:
fere „profaifche Zeit“. Informire man
fih: Eine Dichterhalle um die andere
muß erbaut werden, um die Wohnungs:
noth unferer männlichen und weiblichen
Lyriker zu mildern. Wir befiten deren
eine fehr anſehnliche Schaar, und
felbft die mittelmäßigen darunter liefern
— mas die Form anbelangt — mins
deftens fo gute Waare, als wie bie
lyriſchen Heroen der literarifchen Blü-
thenperioden. Nur daß die meiften noch
dasjelbe Stroh drefhen, aus dem ein
Walter von der Vogelweide, ein Hölty,
ein Arndt, ein Schiller, Goethe und
Heine das letzte Körnlein längft heraus:
gefhlagen haben. Nur wenige bauen
frifches Korn, finden neue Blumen, die
bisher in der poetifchen Botanif unbe:
fannt waren.
Aus folhen echten Dichtern und
Schöpfern ift zum größten Theile die
„Deutfhe Dichterhalle“, ver:
waltet von Ernſt Eckſtein, bevölkert.
Wird auh die „Neue deutſche
Dichterhalle“ mit auserwählten
Geiftern erfüllt werden? Aus Herisau
in der Schweiz fommt uns das Pro-
gramm zu. „Wir wollen,” fagt es,
„ein Organ jchaffen, das der deutſchen
Mufe zur Ehre gereicht." Es verfpricht
die Spreu von dem Meizen zu fon-
dern und alles Schöne, Gute, Wahre
und Edle zu fördern. Alle deutjchen
Dichter und Schriftfteller find einge:
laden ; heranftrebenden jungen Talenten
wird die Hand gereicht. Abonnenten der
„Neuen deutfhen Dichterhalle“ erhal:
ten gratis die „Schmeizerifche Dichter:
halle” und „Orphelia“. Letztere zählt
nur weibliche Mitarbeiter. Adrefie: An
Herrn Rudolf Faftenrath in Herisau,
Schweiz.
Für Literatur-Freunde.
Seit 15. Mai erfcheint in Wien
ein „Literaturblatt”, heraudgege-
ben von Anton Edlinger (Wien,
II, Hauptſtraße 18), defien 1. Num⸗
mer mit Beiträgen von ©. Heller,
Ferd. Kürnberger, K. E. Franzos, Ed.
Zetſchke, H. Sander, A. Horawitz u. A.,
720
vielverfprehend ift. Diefe Zeitfchrift,
movon alle 14 Tage eine Nummer er: |
ſcheint, hat es ſich zur Aufgabe geftellt,
vor Allem den neuen Erfheinungen des
deutfchen Büchermarktes freimüthige Be:
fprehungen zu widmen, mit Ausjclie: |
fung nur jener Werke ftreng fachwiſ—
ſenſchaftlichen Charakters, deren Inhalt
fein allgemeineres Intereſſe befit.
Selbitftändige Aufſätze, fomeit fie
literarifiche Fragen und Intereſſen be:
rühren oder von folhen ausgehen, ge:
hören ebenfalld mit in das Programm,
ebenfo auch Beiprehungen hervorragen:
derer Werke fremder Literaturen.
Wir hoffen Gelegenheit zu haben,
auf dieſes interefjante Unternehmen —
das einzige feiner Art in Oeſterreich —
noch einmal zurüdzufommen.
Ferner find dem
zugekommen:
Aus Hellas. Geſänge von Alfred Fried—
mann, Wien, L. Rosner.
Bavilia, von Alfred Friedmann (2. Auf-
lage), Wien, L. Rosner.
Merlin. Orpheus. Zwei Gefänge von Alfred
Friedmann, Wien Rosner.
Denus Arania. Bumoriftifhes Epos von
Ernft Edftein (2. Aufl.) Leipzig,
I. F. Bartknoch.
Madeleine. Gedicht von Ernſt Eckſtein,
Leipzig, I. F. Hartknoch.
Die Hegelingen-KRoſe. Schauſpiel in 3 Auf-
zügen von G. Helm, Innsbrud, Wag-
ners Verlagsbuchhandlung.
Die rihtige Pflege der neugebornen und klei-
nen Rinder. Bon Dr. Joſ. Piringer,
Graz, Vereinsbudhdruderei.
Die Erziehung der Jugend. Ein Handbuch,
für Eltern und Erzieher von Friedrich
Aſcher Berlin, F. Berggold.
Das häusliche Leben in Frankteich. Aus dem
Englifchen überfept von H. Sche u be, Ber-
lin, F. Berggold.
Das Rechnen mit ganzen und gebrochenen
Zahlen. Zum gründlichen Selbftunterrichte
für Jedermann, insbefondere für Lehrer,
verfaßt von Ferd. Weber, Wien
Karl Granſer.
Dramaturgifhe Blätter. Eine Monatsfhrift,
herausgegeben von Otto Sammann
und? Wilhelm sBenzen, Leipzig,
Dürr’fhe Buchhandlung.
„Heimgarten“
ZAluſtrirte ſtenographiſche Gartenlaube heraus-
gegeben von Raim. GSpibhalel,
Gray.
Iluftrirte Briefmarken-Beitung. Herausgeber
Sigm. Friedl, Wien.
Unfer Yaterland I. und 2. Heft, Gebr. Krö—
ner, Stuttgart.
Poftkarten des Heimgarten:
Erik Bofef A. Von Ihren uns gütig zur
Verfügung geftellten Poefien druden wir nur
folgende Ballade ab:
In einander warm gefchlungen,
Scherzt der Jüngling mit dem Mädchen ;
Da erröthet jäh das Käthchen,
Und bat raſch fi ihm entrungen.
Ia, wohin vor ihm ſoll's flieh’n ?
— Es flieht — zu ihm.
R. 3. W. in R. Laflen Sie fih deshalb
fein graues Saar wachen, fonft meint der
Mann, er hätte Recht. „O du Menſch!“ fagt
ein Efel zum andern, wenn er fhimpfen will.
Bedenken Sie's!
Minus —. Liebesgedichte follte man gar
nicht druden; unechte find zu ſchlecht für die
Deffentlichkeit, und echte — zu gut.
g. 9. Graj. Herzlichen Danf für Ihre
Zeilen ; aber das warm empfundene Gedicht ver-
öffentliden wir doch nicht.
Natur? Sie erlaubten uns, in der Be-
urtheilung Ihrer Gedichte graufam zu fein.
Ah, hätten Sie uns lieber erlaubt, diefelben
entzüdend zu finden,
2.3.6. Rl. Wien. Junge Leute dürfen
gar nichts „ödweilig” finden. Der Ausdrud
fann immerhin treffend fein ald Bezeichnung
einer Zeit, die zwecklos und lebensleer iſt. —
„Maien”. Wir Poeten haben die Gewohnheit,
nit an den Tod glauben zu wollen, jo nahe
es uns aud manchmal an’s Leben geht. Halten
Sie uns diefe Begriffövermwirrung nit für
ungut.
C. h. „Ih habe kein Versmaß ftudirt
und verfertige Gedichte zum Zeitvertreib,” —
mit diefem Ihrem eigenen Geftändniffe haben
Sie Ihre Verfe fchredlih wahr verurtheilt.
xximB Sie peffimifteln
etwas ftark.
An unfere Mitarbeiter: Bom 1. Juni
bis auf Weiteres bitten wir Sendungen
an die Redaction des „Heimgarten” nad
Krieglad, Südbahn, Steier
marf, abreffiren zu wollen.
Dre von NeptamsJofelsthal in Gray, — Für bie Nedaction verantwortlid P. a. Holegger, —
Juli 1877.
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Schet, ein Menfd!
Erzählung von Anton Bdlohar.
Ich ftand in der Galerie. Ein
Bild von wunderſamer Pracht hielt
mih gefeffet. Um mich herum
fireiften die andern Galeriebefucher
mit ihren Katalogen und rothen
Büchern und eilten unruhig von
einem Orte zum andern und bejahen
dies Bild flüchtig und jemes länger,
je nachdem fih in ihrem Bude ein
Sternchen dabei befand oder nicht.
Das Gemälde vor mir entjtammte
dem Pinfel eines unbefannten Meifters
und doch machte es einen immer
tieferen Eindrud auf mich, je länger
ih es betrachtete. Im Vordergrund
ftand ein Mönd; der Ausbrud von
Entſchloſſenheit und wieder von tiefem
Gefühl und der Blid voll Entfagung
waren jo wunderbar in feinem eblen
männlichen Gefichte vereinigt, eine trübe,
herzerſchütternde Lebensgeſchichte Tag
in dieſen Zügen. Und an ihn ſchmiegte
ſich eine liebliche Frauengeſtalt, ein
Engelskopf auf dem ſchönſten Leibe,
in den Gliedern das herrlichſte Eben-
Kofeggers „‚Heimgarten‘‘ 10. heſi.,
maß ; ein blaue® Sammtjädchen hob
die jhöne Büſte um jo prächtiger
hervor, e8 war offen unb auf ber
einen Seite etwas herabgejunfen und
das filberne Mondlicht jog lüftern an
der runden weißen Schulter und ließ
fie leuchten durch die dunkle Nacht.
Ya, dieſe Naht! Ernft und ftill
blidte fie von draußen herein durch
die hohen Bogenarfaben, fie blidte
herein und das Meer lag ruhig, bie
Sterne ſchimmerten und der Mond
fpiegelte fih groß und voll im
Waſſer. Der Mönch und das holde
Frauenbilb aber ftanden da in bem
[uftigen, hohen Gemadhe, fie blickten ein-
ander an wie in heißer Liebe und bes
Mönches Auge fchien doch faft drohen,
wenn man es länger betrachtete, bie
Lampe, welche im Hintergrunde des
Gemades von ber Dede herabhing,
beleuchtete ihn jeltfam und vorne auf
der rechten Seite beftrahlte das Licht
des Vollmonds grell die Steinfliefen
und die anmuthige Mäbchengeftalt.
46
722
Das Bild war ein Meijterwerk.
Daß faft jeder der Anmejenden vor:
überging und e8 nicht beachtete! Es
mag wohl in den Katalogen mit
feinem Sternen bezeichnet gemejen
fein, Gott weiß, aus weldem Grunde.
Vielleicht weil der Name des Künſt—
lers unbefannt war und die Verfafjer
und Ordner der Kataloge fich eine
Blöße zu geben fürchteten, wenn fie
eines jo wunderbaren Bildes Meijter
nicht kannten.
Und als ih ganz nahe vor den
großen Goldrahmen trat, da machte
ih die Bemerkung, daß dieſes Bild
in einer eigenthümlichen Manier ge:
malt war, in jener Manier, welche
die dunfeln Töne durch paftöjes Auf:
legen gejättigter Farben hervorzu—
bringen jucht, die jedes Licht durch
einen dick aufgelegten Strich ober
Punkt marfirt und fo im Sinne
unjerer Künftler mehr eine bunte
Mojaikarbeit chafft, denn ein Gemälde.
Die Lippen des holden Frauen:
mundes waren, genau betrachtet,
karminroth aufgefeßte Farbenkleckſe,
die Augen waren ftarr, wie her—
vorgequollen und der zarte Sammt
beftand auch aus did aufgelegter
Farbe mit unförmigen dunfelblauen
Striden und dies ſah feinem Stoffe
unähnlicher, als dem feinen Seiben-
fammt; das Antlig des Mönches
erichien faft braun und glich beinahe
einem Todtenkopſe mit einem Barte,
das faltenreihe Gewand von ihm
hatte langgezogene Flecken, dieſe bil-
deten die Falten, kurz, das Ganze er:
ſchien roh und ungefügig.
Da trat ich aber rajch zurüd und
das Gemälde war in feiner Einheit
und Schönheit wieder hergeftellt.
Ich Hatte fpäter Gelegenheit, den
Director der Akademie zu jprechen
und befrug ihn über das eigenthüm-
lihe Bild und deilen Maler. Der
Kunftgelehrte fam meinem Wunfche
bereitwillig nad, er erzählte mir,
da er bemerkte, daß ich dafür großes
Intereſſe hegte, die ſeltſame Geſchichte
eines Lebens, aus dem beide Geſtalten
gegriffen waren. Die nachfolgenden
Zeilen verſuchen dieſe Geſchichte wieder—
zugeben. Helle Lichter und tiefe
Schatten bietet das Leben genug,
ſelten aber ſo grell und auffallend,
wie hier.
In der Kloſterzelle.
Es ift ein Sommertag und wie
ahnungsvole Schwüle liegt e8 auf
den Bäumen und Blüthen im Kloſter—
garten und nur ein einzelner Schmetter:
ling, ein dunkler, weißgeränberter
Trauermantel flattert langjam von
Blume zu Blume und fchaufelt fich
träge bier auf der feuerrothen ge—
würzig bduftenden Nelfe und bier
wieder auf der Jasminblüthe, welche
da an ihrer Rante den Kelch jenkt
vor der glühenden Hite bed Mittags.
An den zwei mädtigen Birn-
bäumen, die ihre Zweige den Mauern
des Kloſters entgegenftreden, ift es
ftill, die fröhlichen Sänger, welche des
Morgen? und des Abends in dem
grünen Laubwerk zwitſchern und ju-
biliren, ſie ſchweigen jetzt alle und nur
das Summen der Bienen dringt
durch die Mittagsgluth zum horchen-
den Obre.
Mächtig und ernſt fteht es bier,
das alte Kloftergebäude, es ſpürt ber
Sonne Gluthftrahl nicht mehr, denn
diefelbe Sonne bat es ſchon durch
fünf Jahrhunderte beſchienen, es find
ihm ſchon viel heißere Tage aufge:
gangen, aber es ift feſt und ernit ge-
blieben, denn feine Mauern find ftarf
und did — und hinter biefen Mauern
ift es kühl, fo fühl beinahe wie im Grabe.
Treten wir ein durch die hohe
Thür mit den dunkeln Eichenholz-
flügeln; vor und liegt ein langer
dämmeriger Gang und gleich da vorn
an der Wand hängt ein bornenge-
frönter Chriftus am Kreuze. Das
Kreuz iſt ſchwarz und ſchwer von
Arabesken und Schnitzwerk und das
blutige Heilandsbild ſenkt das milde
Antlig jo ſchmerzvoll hernieber und
723
doch fo liebreih, als wollte es dich
willkommen heißen bier in feinem
Reiche. Und rechts und links in dem
Corridore bliden von oben in ſchwarz—
braunen Rahmen die Prioren des
Klofterd hernieder, eine lange Reihe,
wie Ahnenbilder und mande Jahr—
hunderte alt, e3 find meift finftere Ge-
fihter mit asketiſchen Zügen; mit
den bunfeln Augen fjchauen fie den
Borübergehenden ftehend an, wie
Bafilisfen, als wollten fie ihm das
Herz durhbohren. Alle tragen das
Ordensgewand und bas oft büftere
Antlig gemahnt an dunkle Wolken
und trübe Nebel. Dennoch macht einer
und der andere biefer Klofterbeherrfcher
einen freunblicheren Eindruck. So hier
diefe edle, jugenblihe Gejtalt, ben
fühnen Blick geradeaus feit vor ſich
hin gerichtet, das Kruzifir in der Hand,
es könnte ein Schwert fein und ber
dunkle Ordenshabit eine Rüftung, fo
ſtolz und ritterlich fteht der Mann da,
— bort wieder das milde Greifen:
antlig mit dem weißen herabwallenden
Barte und den hellen blauen Augen,
die das Alter nicht getrübt hat und
die freundlich herunterfehen, als wollte
er zuniden dem vorüberwandelnden
Ordensbruder. Und wie lange find fie
ſchon tobt, fie alle, deren Bilder an
der bleihen Wand bier hängen ! Die
Seele jchaudert vor der großen Zahl
von Yahren, die .in dieſem Gange
vorübergegangen, in ben dunklen
Nahmen zurücdgelaffen habe: ihre
Spuren: die Schemen der Menfchen,
welde ſelbſt bier gemaltet und
gewirkt.
Da macht der Gang eine Wendung,
wir ftehen an ber Ede, wo eine
breite Steintreppe emporführt. Auf
dem XTreppenabjage brennt vor der
lebensgroßen Gottesmutter eine ewige
Lampe und das Licht in der purpur:
rothen Glasjchale fladert auf und
finkt in fih zufammen zum kleinen
leuchtenden Pünktchen. Die Treppe
führt wieder in einen hohen, aber
Iuftigeren Gang, auf der rechten Seite
ift die Reihe der großen Heifigenbilber,
welhe ba die Wand beveden, unter:
brochen von niedrigen braunen Thüren
und über jeder Thür hängt ein
Täfelchen mit einem lateinischen Namen.
Das find die Eingänge zu den Woh—
nungen jener Männer, die bier ein
Menfchenleben zubringen, die Sorgen
und Leiden in der Melt draußen
zurüdgelaffen haben und bier weilen
wollen, im Vergeſſen ihrer ſelbſt.
Dur die hohen, ſpitzen Fenfter auf
der linken Seite des Ganges fcheint
die helle Yulifonne herein und brennt
auf den Quaderfteinen des Fußbodens.
Die Augen der Heiligen jchauen wie
eritaunt in den leuchtenden Sonnen:
ſchein und ihre trüben, gelblichen Ge:
fihter find wie erjchroden vor ber
Schönheit des Sommertages und bes
pulfirenden Lebens, das der Strahl
der Sonne hereinträgt.
So wohnen bier die Tebenbigen
Todten. Jede vo. dieſen braunen
Thüren führt in eine eigene Melt,
die fih ein Menſch geſchaffen und er
fühlt fi darin ebenfo ruhig und
vielleicht noch viel ftiller und behag-
licher wie nur irgend einer fern draußen
in der unendlichen Gottesweite. Alles
haben fie zurüdgelafien, die bier
haufen: den Namen und bie Ehre,
die Schäte und vielleicht auch Menjchen,
die ihren Namen führen und die
ihnen blutsverwandt find, nur eine
Seele haben fie mitgebracht, bie fie
dem Gotte weihen, und einen Glauben,
einen feften, ftarfen Glauben, in dem
fie einftens felig zu werden hoffen.
Ueber einer der Thüren hier hängt
das Täfelchen mit ber einfachen Auf:
ſchrift „P. Ludovicus“. Und in dem
Gemade, in welches diefe Thür führt,
figt ein Mann an dem hohen Fenfter:
bogen. Das dunkle Gewand umhüllt
feinen Körper, fein edles Haupt hat
die Tonfur nicht entjtellen können, das
jugendliche Antlig ift bleich, aber ein
tiefdunfle8® Augenpaar bligt unter
den buſchigen Brauen hervor und
verräth Kraft und Energie bes Geiftes.
46”
724
Mitunter umſpielt feinen jcharfge:
ſchnittenen Mund ein ſeltſames Juden,
wie das Leuchten eines fernen Ge-
witterd ; wie der Blit eines Schmerzes,
ber aus dem Innern nicht hervor:
brechen darf.
Inſtrumente für den Forſcher nad)
den Geheimniffen der Natur befinden
fih auf dem Eichentiſche in der Mitte
des Gemaches. Neben dem Fenfter ragt
ein mächtige8 Rohr auf glänzendem
Meſſinggeſtell gegen den Himmel. Dide
Leder: und Pergamentbände ftehen
und liegen umber und die alten
Namen großer Forjcher, berühmter
Kirhenväter und heiliger Scribenten
find auf den Nüden diefer Bücher
geihrieben, das find die Werke, welche
erhabene Geifter vor Jahrhunderten
erfonnen und aufgezeichnet und die den
einfamen Mönd in der Selle bier
beleben und ftärfen mit dem Geifte
der Wiffenihaft, zu der fie die Bau-
fteine zufammen getragen.
Darüber hin blidt ein Ecce-homo-
Bild voll Blut und Winden — der
allmädhtige Gott im Leiden dieſer
Welt — ein Symbol der Entjagung.
Stille herrjcht rings im Gemache,
man hört nur das Tiktaf der Uhr,
auf deren Zifferblatt der Weiſer
langjam aber unaufhaltfam vorrüdt
von Minute zu Minute; und nad
jeder WBiertelftunde, bie verfloffen,
erjcheint über biefem Zifferblatt die
Geftalt eines Todtengerippes und
ſchlägt mit der Senje auf die tönende
Glode, deren jchrille Klänge ben
Raum durchzittern. — Mber der
Mönch am Fenfter hört nicht bie
Hingenden Glockenſchläge, er wendet
eined® der gelben Pergamentblätter
nad dem andern um, vertieft in bie
Chronik des Kloſters, welche er ba
auf den Knien bat und die ihm er:
zählt von dem Sinnen und Treiben
längft in Staub zerfallener Brüder,
bie ihm berichtet von Kämpfen, welche
die Stille des Kloſters burchtobt, wo
ber Feind nah war und die Mönde
aufgejchredt wurden aus der Stille.
Bunte Buchftaben ftehen am An:
fange ber von Chroniften jo fauber
geichriebenen Kapitel, eine Hand, die
wohl längft in der Gruft unten ver:
weit iſt, hat diefes zarte Roth und
Blau, dieſes prächtige Gold und
Silber auf das Pergament gemalt
und die taufend Arabesfen und die
Zierratfen und fonderbaren Ber:
ichnörfelungen haben mande Stunde
Arbeit gefoftet mit Pinfel und Schreib:
rohr und fie erzählen von des
Schreiber8 Geduld vor den vielen
Hunderten von Jahren.
Aber je meiter die Chronik in
der Zeit fortfchreitet, defto mehr ver:
Ihwinden die zierlihen Smitialbuch:
ftaben, die Schnörfel und Minusfeln,
deſto gejchmeidiger jedoch wird die
Schrift und defto deutlicher.
Da blidt plögli der leſende
Mönch auf ein Blatt, ſtarrt e8 an
und lieft wieder und noch einmal die
Morte der Chronif und wie träumend
legt er die Hand auf die Stirn.
Unter ben vielen jeltjamen Ereig-
niffen, von denen die alten Pergament:
blätter berichten, mag dieſes mohl
eins der ſeltſamſten fein.
Dies Blatt aber erzählt:
Anno Domini eintaufendfünf:
hundert und zwanzig war ber breiund-
zwanzigfte Novembris ein grauer,
nebliger Tag. Es hat gejchneit und
eine rauhe Luft ift über bie Felder
und den Schnee geftrihen und bie
Straße vor unferm Klofter war gar
nicht zu erſchauen vor Schnee, jo die—
jelbe bedeckt hat. Haben viel Angft
ausgeftanden wir alle, nicht unjret:
wegen, aber der Menfchen wegen, die
etwan jet im Freien gemefen, denen
ginge es nimmer gut. Es begab fi
aber, daß plöglih der Pförtner von
unten einen Gaſt gemeldet. War in
einen bunflen Mantel gehüllt und bat
uns um Gottes willen ihn aufzu-
nehmen und zu behalten im Orden,
nannte fi” Ferdinandus und ift auch
tihtig dann eingetreten in den Orden.
Nahdem er das Novitiatum über:
7125
dauert, ift er auch ein frommer Bruber
geworben und männiglid im Convent
hat ihn geehret und geliebt.
Er hat den Namen Franeisci er:
halten, aber viel geweint und gebetet.
Und eine jonderbare Zuneigung Hat
er gefaßt gehabt zur Wiſſenſchaft
Astronomie, fo fich mit denen Sternen
und Himmelslichtern befchäftiget und
verfiund P. Franciscus gar fubtile
Berechnungen und ſahe offt Abends
nah dem Himmel hinauf, hat auch
viele Stunden lang gezählt und ge
rechnet. Sothane Wiſſenſchaft Astro-
nomie bat er aljo immer gehegt in
ber Zelle, jo er nicht gebetet. Hat,
nachdem er für ewige Zeiten profes-
sionem fidei abgeleget, fünf Jahre
zwiſchen biefen Mauern gelebt, bie:
meil es anders fommen, al3 wir ein—
fältigen Menſchenkinder geglaubet.
Iſt eines Tages ein jung Bürſch—
lein gekommen, mit zartem Geficht:
lein und leuchtenden Augen und bat
berichtet, e8 jei weit her aus Italia
und hat gefragt nad) dem P. Franciscus
und inniglich gebeten es über Nacht
zu behalten, denn jein Weg ſei weit
gewejen und gar ermüdet vom Wandern
jeien feine Glieder. — Ich, Prior
Eusebius habe es jelbit aufgenommen
und ihm ein Stüblein angewieſen, jo
leer war im Klofter.
Aber am andern Morgen ift das
Bürfchlein nicht mehr da geweſen unb
ale Brüder haben geftaunt, denn
auch P. Franciscus ift nicht zu finden
gewefen. In feiner Zelle aber ift das
Gitter von dem Fenſter zerbrochen
worden und war es nun deutlich zu
vermerken, daß er fi) dort an einem
Seile herabgelafjen hat und entflohen
ift aus dem Klofter, das ihm 6 Jahre
ein Asylum geboten und wo er nad)
denen Regulis des Ordens fein Leben
hätte beſchließen ſollen. Waren wir
alle darob ſehr betrübt.
Nur ein Pergamentftreiflein bat
er zurücgelaffen und mit Tinte darauf |
die Worte aufgeſchrieben:
Amavit et Hominem esse sensuit!;
Wußte feiner von den Brüdern,
was er davon benfen follte — mid
aber hat es gar fonberlich betrübet.
Und fiehe, ift an einem fchönen
Herbittage Anni domini eintaufend:
fünfhundertundfehsundneungig ein zier:
ih Brieflein von einem Boten ge
bracht morben, mit feinem rothen
Wachs gefiegelt, war meit her, aus
dem Frankenreiche, ſchon beinahe von
der Grenze an Welſchland, und ift
bemeldetes Brieflein fünfundfünfzig
Tage auf dem Wege geweſen. Habe
e3 aber mit großer Verwunderung ges
lefen. Denn es ift eine lange Geſchichte
darin geftanden von dem gar gelehrten
jungen Manne Ferdinandus — ein
anderer Name mar nicht genennet —
deſſen Geift aber trüb gemwejen und
der ſchließlich vermeinet, nur im Klofter
fönne er leben und glüdlich fein, ber
dann eingetreten in ben Orden und
professionem fidei abgelegt und ben
Namen P. Franeisci angenommen, bie
Wiffenihaft Astronomie aber dabei
fonberlich befrieben. Dieweil vor dem
Fenfter der Zelle P. Francisci gar
oft vorübergefommen ein jung Mägd—
lein, das Töchterlein des Grafen Lothar
von Rabened, von ber Burg, jo meft:
wärts eine Meile vom Klofter entfernt,
auf dem Felſen erbaut fteht, ift dieſer
in Liebe entbrannt zu dem Mägplein,
das er durch's Fenftergitter alſo ge-
jehen, und das ihn denn auch erblidet
im Kloftergarten, wo er, wenn bie
Brüder abmejend gemejen, auf die
Mauer geftiegen und mit dem Mägd-
lein geplaubert und ihm Liebesworte
zugeflüftert habe. Und des Rabeneck's
Töchterlein hat eine® Morgens männ:
fihe Kleider angelegt und ift uner-
fennet in's Klofter gefommen, und bat
ben P. Franciscus bewogen, das Feniter:
gitter zu zerbreden und bie Brüder
zu verlafjen.
Diefer felbe Brief aber ift von dem
Fräulein Bertha von Nabened ge:
ſchrieben geweſen „und von bemjelben
Tage” — ift am Ende geftanden — „von
demfelben Tage, an welchem ich dieſe Zei:
726
len niederfchreibe, weil mein lieber Bräu: | ftand dir damals tröftend zur Seite
tigam dies von mir gebeten, über eine |und auch mir bleibt fie der legte Halt,
Mode jpäter werde ich ihm angetrauet | an den ſich die Seele klammert, das,
als fein eheliches Gemahl. Seinen
Namen zu erfahren, def gebt euch
feine Mühe. Mein vielgeliebter Vater
ift auch bei ung und fehrt nicht mehr
zurüd in jeine Burg. Wir alle ziehen
nah Weljhland und werben wohl nie
wieder zurüdfehren in bie falten
deutſchen Gaue”. — — —
Der Mönch hat dieſe Zeilen mehr:
mals gelejen, er hebt jegt das edle
Haupt empor und eine tiefe Erregung
prägt fih aus in feinem Geſichte; er
greift wieder und mieber an jeine
fiebernde Stirne, in der es hämmert
und pocht, und murmelt bumpf vor
fih hin: „Er hieß Franzisfus und
lebte vor mehr als hundert Jahren, und
doch ift e8 die Gefchichte meines Lebens.
Hat auch Fein Weib bei mir die Hand
im Spiele, jo ift e8 doch aud bie
Unruhe meiner Seele, welche mid in
euren Schatten geführt, ihr Fühlen
Kloftermauern. Auch mich hat jene
brennende Sehnſucht am Zügel gelentt.
Die Sehnfuht? Wonah? Mein Geift
bat das nie ergründen fönnen, bis zu
jenem Momente, wo ih ben Prior
geiprohen, wo er mir die Ruhe ge:
fchildert, die das Menfchenleben hier
bedt, wie ein tiefer undurchdringlicher
Schleier. Und da fiel es mir wie ein Blitz—
jtrahl in die Seele. Was das Kind bes
Neihen nicht Hatte, das jollte dem
armen Mönche werben: ber Friebe.
Der Friede?” murmelt er wieder vor
fih und fchüttelt das Haupt, „der iſt
aber noch nicht eingefehrt in bieje
Bruft! Glüdlicher Franziskus, es war
ein anderes Leben damald. Man hat
das Glüd noch finden und fich erringen
fönnen. Und du haft dir's errungen.
Aber nicht hier, — nicht hier.” Sein
Blick ftreift die Inſtrumente und das
Rohr am Fenfter und ein bitteres
Lächeln umfpielt feine Lippen.
„Wir haben Vieles gemein, bu
lang geftorbener Bruder Franziskus ;
die Himmelsfunde, die Wiffenjchaft
was ich in diefen Mauern zu finden ge:
glaubt, ift mir nicht geworden und jeßf
bin ich an fie gefeflelt. Aber wenn ich
auch hinaus könnte, in die Welt?
Welche Freude blüht mir darin und
welches Glück? Keines, feines!” Wie
dumpfer Tobtenglodenton hallen ihm
die lekten Worte duch das Haupt,
das er nieberfenft und eine Thräne
fällt auf den Bergamentbandb auf feinen
Knien. Er rafft fi auf und legt das
Buch geöffnet auf den Tiſch vor ſich.
Am Fenfter aber macht jetzt ein
leichter Luftzug die Scheiben erflingen
und die Zweige des großen Birn-
baumes daran gerathen in ſchwankende
Bewegung, und die Blätter zittern
und jäufeln, und es ift, wie wenn
ein unfichtbarer Engel durch die Aefte
fchwebe und fie mit feinen Flügeln
leicht berühre und fegne. Der Mönd)
blickt hinaus in den blühenden Garten
und in den herrlichen Sommer, ber
auf Blumen und Blüthen ausgebreitet
liegt, der über dem ganzen weiten
Lande liegt, nur nicht in diefer Menſchen⸗
bruft, in der e8 mwinterlich ift und öbe.
Da öffnet fih die Thür, eine
andere Mönchsgeftalt tritt herein, eine
Beftalt, groß und hager, mit tiefliegenden
aber milde blickenden Augen. Askeſe
hat dies Antlig bleih und mager ge:
madt, um den Munb aber jpielt
Freundlichkeit und Wohlwollen. Es ift
ber Prior.
Unbemerft von dem trübe in den
Sommertag Hinftierenden tritt er an's
Fenfter und legt die Hand auf feine
Schulter. Der jhredt empor, blidt
auf und erhebt fih von feinem
Sik.
„Bleib' nur fiten, Ludovicus“,
Ipricht der Prior mit janfter Stimme.
„Aber Du bift wieder trüb und traurig,
bei Dir ift die Ruhe noch nicht ein-
gekehrt, die in jedem ber Brüder bier
wohnt. Wo weilt Dein Sinnen und
—
Denken?“ Und er blickt ihm prüfend dem Du ein kleiner Knabe warſt,
in's Auge, das jener niederſchlägt. ich fand Dein Gemüth immer zur
„Ruhe“, antwortet er, „es iſt ein Schwermuth geneigt, was Wunder,
großes Wort, das Ihr da ausſprecht, daß es des Lebens harte Schläge noch
Prior, es it ein Wort, das eine | düfterer und trüber geftimmt haben.
unendlihe Welt umfaßt. Und wißt| Aber raffe Dich empor und Du wirft
hr, melde Welt dies iſt?“ und hier glüdlih fein, jo glüdlich wie
jeine Stimme finft zum leifen Flüftern | Deine Brüder.”
herab und er lächelt wie verloren: Leife wie er gefommen, geht ber
„Das ift die Welt ber Tobten. Die | Prior hinaus und Ludovicus ift wieder
Lebenden haben fie mir nicht zu geben | allein. „Er ift ein guter, alter Mann“,
vermocht. Die Wiſſenſchaft läßt mich | spricht er zu ſich, „aber in meine
mein unruhiges, trübes Leben auf | Bruft kann er nicht hineinbliden“, und
Stunden vergeffen, aber auch bieje
Kloftermauern haben mir das nicht
geboten, was ih erwartet. Berzeiht,
Prior, und zürnt mir nicht, daß ich
e3 jage, aber Ihr jeid der Einzige,
zu dem ich Vertrauen habe, es Iebt
ja feine Seele, die mit mir fühlt und
mit mir das leidet, was ich leide.”
Der Prior blidt den Mönch traurig
an. „Ludovicus,“ fpricht er hierauf,
„Mancher ſchon war verzweifelt und
der Friede ift bier in jeine Bruft
wieder eingefehrt, er hat fein Leben
und die Trübſal draußen vergefjen
und ift bier geftorben in ber Glüd:
feligfeit, fein Fühlen und Denken Gott
geweiht zu Haben. Dich drückt eine
tiefe Trauer. Zwei Jahre find es ge-
rade morgen, ſeitdem Du bier im
Klofter das Gelübde abgelegt; es ift
Dir Alles geraubt worden, was Du
in der Welt draußen lieb gehabt,
Vater und Mutter find Dir in einem
Monate buch ben Tod entriffen
worben und ber tiefe Schmerz hat
Deinen Geift zerrüttet. Aber, Ludovicus,
Du haft einen großen Namen — den
Namen eines gräflichen Geſchlechtes —
und Du haft große Glüdsgüter Gott
geopfert und die AZufriedenheit bier
geſucht. Glaube mir’3, Gott weiß ſolch'
ein Opfer zu fchägen, e8 wirb ber
Friede wieber in Dein Herz einfehren
und diefe Mauern werden e3 jein, die
ihn Dir geben. Ich fenne Dich, feit-
wieder jchweift fein Sinn zu jenem
Franzisfus, von dem die alte Chronik
erzählt; auch er hatte ja fein Glüd
und feine Ruhe bier gejucht. „Er hat
aber, was er gejucht, nicht gefunden“,
murmelt Ludovicus finnend vor fich
bin; „feltfam, fein Gelübde hat er
dann gebrochen, war von da an wohl
glüdlih und zufrieden — in ben
Armen eines Weibes.“
Und wie der Mönch fo finnt und
benft, jchwebt es vor feinem Geifte
empor, wie lichtes Himmelsgewölk und
er fiehbt ein holdes Antlig daraus
hervorleuchten, eine edle weibliche Ge—
ftalt erhebt fich immer höher und höher
und winkt ihn zu fi) mit ihren weißen
Armen. Ihre dunklen Loden fallen
über fchneeige Schultern und das
Auge blickt ihm entgegen in Lebens:
luft; er ftredt, wie abmwehrend die Hand
aus, aber es ift ihm eine Secunde,
als fehlte ihm nichts mehr auf Erden,
wenn er fi in die weißen Arme
ftürzen könnte und dann in ber Wolfe
verfinfen. — — — Aber das ift nur
eine Secunde lang, dann fällt das
Auge wieder auf das düſtere Ecce-
homo-Bilb.
In dem Momente ertönt das Glöck—
fein, weldes die Brüder zum Gebete
zufammenruft.
(Fortſetzung folgt.)
128
Herzensfünden.
Efizze in Verſen von Ada Ehriften.
I.
Er denkt.
Ich werde fie nicht los, die alte Weife,
Ih muß fie fummen ſchon feit langen
Stunden,
Als hätt’ ich ein vergeß'nes Lieb gefunden
So ſchmeichelt ... bittet... lodt es immer
leife.
Welch' reiches Feit das war! wie ſchön die
Frauen,
Und dod nur Buppen gleichend, feelenlofen,
Die man gefhmüdt mit duftig - frifchen
Rofen,
Zumeilen padte mich ein fröftelnd Grauen.
Stets diefe Naden, diefe künftlich-weißen,
Und ftets diefelben gutgefchulten Augen ;
Ich weiß, was all’ die Marionetten taugen,
Wenn jene Drähte, die fie führen, reifen...
II.
Manchmal ift mir, ald ob in's Ohr mir raune
Den Liedertegt die fonderbare Schöne,
Die Worte hör’ ich dann, die dunklen Töne,
Die fie mir fang in raſch erwadhter Laune,
Ia, jedes Wort war nur für mich gefungen,
Mir flommten ihrer Augen mächt'ge
Sonnen,
Mid lodten al’ die gleikenden Dämonen,
Die aus dem Liederkuß fi aufgerungen.
II.
Aied.
Alte Träume, alte Leiden
Hörft in meinem Lied Du fprieken,
Ein Stern... ein Lichtſtrahl ... . ober, töbtenb,
Ein jäher wilber Blig fogar...
Nur nit erkennen ſchamerröthend,
Daß es ein fahles.. . Irrlicht war.
Mila £umi.
Alte Thränen börft Du fließen,
Wie einftmals bei unfrem Scheiben.
Trübe Tage wir verbüßten,
Höre nun die Liebe flüftern :
Nimmer follft Du, fehmerzeslüftern,
Lippen grollen, die Dich küßten.
IV.
Er ſpricht.
Du rufeſt mih? Nun fag’, was foll id) hier?
Die Affen fehen und die Papageien ?
Und die Gemädher voll von Spielereien ?
Dich fingen hören ? Sag’, was bin ih Dir?
Und felber Du? Was fönnteft Du mir fein?
Id glaube nur an Deine fhöne Hülle,
An Deiner Loden goldigrotbe Fülle,
Ih weiß, Du nenneft feine Seele Dein.
Nicht ſchüttle ſtumm die Roſen aus dem Saar,
Und borde auf: Es taugen nur zufammen
Verrauſchte Fluthen und verwehte Flammen
Und öde Herzen, alles Glaubens bar.
Sie denkt.
Es erlifcht
Jeder Schmerz,
Jedes Leid
It hinweggewiſcht,
Der Erde Gewühl,
Die Welt verfintt,
In Einem Gefühl
Der Seligkeit ... .
Jeder Blid, er trinkt
Die raufhende Zeit,
Wenn Auge und Herz
An dem Zeiger hängt,
729
Und alles Leben
Bufammendrängt,
In den Einen
Einzigen Gedanten :
Er fommt!
Bald ift er da! .
V.
Er denkt.
Du wag'ſt es dennoch! . .. Iſt der Pact
geſchloſſen?
Ich laſſe keinen grimmen Eid Dich ſchwören;
Das alte Lied nur will ich manchmal
hören,
Und Deine kümmerlichen Weibergloſſen.
Will hören, was Dir Welt und Menſchen
galten,
Will ſehen, wie in guterfund'nen Zügen
Als Wahrheit wiederſpiegeln ſich die Lügen,
Die Dein Gehirnlein raſch weiß zu geftalten.
Sei ganz Du felbft, nit Täufhung, Herzens-
fünden,
Bermögen mic fobald von Dir zu trennen,
Vielleicht lehr'ſt Du mid Weiberart er-
fennen,
Die Keiner noch vermochte zu ergründen.
VI.
Ih bin ein Thor... denn einer Thörin
Mund,
— Die feier zu fhwah zum Guten wie
zum Böfen —
Soll mir ein ewig wirres Räthfel löfen.
Was that fie mir feit langen Monden kund ?
Nicht einen einzig neuen Zug der Frau,
Nichts konnte ich aus ihren Thränen lefen,
Aus ihrem Lachen, ihrem Flimmerivefen,
Das fih oft abdämpft bis zum trübften Gran.
VI.
Wenn id doch wüßte, warum ängftlich-feft,
Oft ihre Hände meinen Arm umklammern,
Und nur die Augen ſchüchtern zu mir
jammern
Ein flehend Wort, das ſchwer ſich deuten läßt.
Seltfames Weib, das ſcheu und ungeliebt
Gedankenlos bin durd) die Welt gefchritten
Und unbewußt jedwedes Leid erlitten,
Das die Verlaffenheit dem Weibe gibt . . .
VIII.
Ein Blättchen gab fie mir mit ſcheuer Haft,
Als Antwort auf die wohlerwog'ne Frage:
Ob Langemeile fie nicht längſt ſchon plage,
Ob ih ihr nicht ein unmwilltommner Gaft.
Sie fchüttelt mit der Feder fort die Laft,
Und mwimmert wohl um die bergang'nen
Tage,
Ich weiß, es endet tragifch mit der Klage:
„Das Leben ift mir bitterlich verhaßt!“
IX.
Sie ſchreibt.
Alte Träume, alte Leiden
Hör’ft im meinem Lied Du fprießen,
Alte Thränen hör’ft Du fließen —
Laß uns nimmer, nimmer fcheiden!
X.
Er denkt.
Warum Dich lieben? Gleicheſt Du nicht Allen ?
Und wär'ſt Du anders, was gewänn' id)
dann ?
Ein Glüd, das meine Hand erfaflen kann,
In meiner Hand zerbrechen kann, zerfallen.
doh wenn ich fuchend
drüde
Das Fühlhorn meines Geift's in Dein
@ebirn,
Dünkt mir, dak hinter Deiner hohen Stirn
Ein Etwas liegt . . . das einft gefehlt dem
Glücke.
Das iſt vorbei...
XI.
AT die Gedanken, weil voll Uebermuth
Sie mid in einer tollen Stunde rief,
Weil fie nun felber fi) vergarnt fo tief,
Weil fie von Liebe ſpricht mit ſchäm'ger Gluth ?
Weil fie verwirrt und ungefchidt mir ſchreibt,
Und weil ihr bleiches Angefiht verblüht,
Das ernfte Aug’ in Leidenfhaft verglüht?
Das ift nicht gut... . Iſt das vorbei, mas
bleibt ?
730
Was bleibt am Weib Erträgliches mir nod,
Wenn er verfhwand, der fanfte Schön-
heitsglanz,
Und über all’ den Herzensfirlefang
Der erfte graue Herbſtesnebel roh? .
Er ſchreibt.
Mir müffen auseinander, Kind,
Mid drängt es in die Fluth hinaus,
Still, wie Dein Wefen, war Dein Haus,
Ich fehne mich nah Sturm und Wind.
Bekränze neu Dein Flammenhaar,
Sing’ einem Anderen Dein Lied;
Der heute ruhig von Dir ſchied,
Ging wie er fam, der Liebe bar.
XIH.
Sie ſchreibt.
Ob, mit Entfepen ſchau' ich jept, wohin
Mein thöricht Herz fih ließ aflmälig
zwingen,
Wie alle Demuth, alles Leiden, Ringen
Richt wenden konnte Deinen falten Sinn.
Da heute liebelos Du mir gefteh'ft:
Daß Dir im Gleihmaß fei die Zeit ver-
tonnen,
Daß Du verloren nichts und nichts ge-
wonnen . .
Und wie hinweg von einem Leichnam geb’ft,
Von einer Todten, wo Dein Beift nur fann,
Ob Herz, ob Hirn der Sib war ihrer Seele,
Sie meidend, daß Fein Wehlaut Dir erzähle
Mas am lebend'gen Wefen Du gethan ...
XIV.
Aus ihrem Tagebuche.
„For thou hast been
As one, insuffering all, that suffers nothing.“
Hamlet,
Seit Du mich verlaffen,
Erftide ich ſchier
In meinen Gemädhern.
Mo Alles mid mahnt
An das Vergang'ne,
Und Deine Geftalt,
Mohin ich nur blide,
Entgegen mir tritt,
Und mo Alles fpricht
Mit einer Stimme,
So wohl mir befannt,
In einer Sprade,
Die Niemand verfteht
Als meine Seele...
Wo für mid) noch weht
Der Haudy Deines Athene,
Mo für mich noch ſchwebt
Der Duft Deiner Loden,
Wo für mid nod) lebt
Im Ticken der ihren
Ein rubiger Pulsſchlag
Der fchlanten Hände,
Die auf meinem Haupt
Nur flüchtig lagen,
Ob flühtig und fühl,
Als Du mich verlaffen
Für alle Zeit!...
XV.
Wüßt' ich nur einmal
Dich noch zu finden,
&o wie Du getvefen
Als ih Di ſah
Am erften Tage... .
Ich würde gehen
Dornige Wege
Mit nadten Füßen
Und blutigen Sohlen,
Stumm, ohne Klage . . .
Aus Noth und Elend
Würd' ih Dich holen,
Dein Heil erflehen,
Deine Sünden büfen!
Oh wüßt' ih nod einmal
Di fo zu fehen,
Wie Du gemejen
Am erften Tage,
Ih würde fuchen,
Suden ... ſuchen ...
Aber ich weiß es,
Wenn ih Did finde,
So bift Du ein And’rer,
Bift wieder hart,
Wie an dem Tage,
Als ih Did gefehen
Zum lepten mal.
&o bift Du ein And’rer!
Dein ſchönes Haupt
Liegt an einem Herzen,
Das nimmer Dich liebt,
Das nicht an Dich glaubt,
Du lebft in Qual,
Nihtswürdige Schmerzen
Verzehren Dich.
Du fühlft, es gibt
Für Dich feinen Frieden,
Du fühlft, es wid)
Dein Glüd feit wir ſchieden ...
Ich aber, die ftumm,
Ohne Hoffnung und Klage,
Gefuht Dich ... gefucht
Und endlich gefunden,
Ich ftehe wiederum
Einfam, verftoßen
Bor Deinem Haus,
Bor Deinem Herzen,
Berftopen ... . einfam!
XVI.
731 '
Als ftünde draußen
Wie einft das Glüd
Und trüge Deine
Geliebten Züge . . .
Die nur im Traum
Roh zärtlich grüßen.
XVIII.
Jäh' iſt mir manchmal durch den Sinn gegangen,
Was wohl geſchieht, wenn wir uns num
begegnen ?
Ach dachte mir, ich könne nie Dich fegnen,
Wenn Deine Augen fremd an meinen bangen.
Doch als Dein Falter Blid traf heut' den
meinen,
— Die Menfhen ſchwankten rings . . -
die Häufer, Gaſſen —
Mir ward, als müßt! ich Deine Hand
erfaſſen
Und küſſen fie... und weinen... . laut
auftweinen.
XIX.
Die Welt ift fo groß,
Peicht kann ſich verbergen
Ein trauerndes Meib.
Mir können nicht weilen
Oh fehlte nur die Eine Tagesſtund',
Die ich verlebt in fieberndem Entzüden,
Entgegenträumend Deinen erniten Bliden,
Dem PDrud der Hand, dem Wort aus Deinem
Mund.
Und nun liegt Allee todt auf tiefftem Grund,
Das ganze Traumglüd fah id) Dich zer-
ftüden! -
Und uns zufammenführen feine Brüden,
Oh fehlte nur die Eine Tagesftund’ ... .
XVII.
Ertönet oft plößlid)
Der Glode Schall
An meiner Thüre,
&o ftoden die Pulfe.... .
Mein rublos Herz
Hält laufend, inne,
Am felben Ort,
Es gibt fein Meiden.
Nur unbewußt führt
Mein Herz mid die Mege,
Die täglihd Du geb’ft.
Und ftill wie Dein Schatten
Folg' ih Dir nad)
Und bebe zufammen,
Wenn träumend oft hängt,
Dein prüfendes Auge
An einem Antlip,
In Iugend und Schöne,
Lächelnd und blühend
Wie eh'mals das meine,
Die Welt ift groß,
Leicht kann fi verbergen
Ein glüdlofes Weib.
732
XX.
Er ſchreibt.
Wenn von dem alten treuen Muth
Noch etwas Deine Seele hegt,
Und wenn Dein Herz noch für mich ſchlägt,
So komm! ... Es ging au hoch die Fluth ...
An einem wüſten, rauhen Strand
Lieg' ausgefpült ich wieder bier,
Rah Ruhe dürft" ich und nad Dir,
Nah Deiner milden Frauenhand.
XXI.
Sie (reißt.
Alte Träume, alte Leiden,
Hör’ft in meinem Gruß Du fprießen,
Alte Thränen bör'ft Du fließen,
Wie einftmals bei unferm Sceiden . ..
XXI.
Er ſpricht.
Wohl find es Monde jept, feit ich Dich mied,
Doch vorwurfslos haft Du mich auf-
genommen,
Mit freudiger Scheu ſah'ſt Du mich wieder-
fommen,
Bon bleichen Lippen klingt Dein altes Lied...
Sei nicht fo rathlos ... Ich bin fein Tyrann,
Bin fein Romanheld voll ftudirter Qualen,
Ein Zweifler bin ih . . . innerlichft zer-
fallen,
Ein glaubenslofer, lebenstranfer Mann.
" XXII.
Sie ſpricht.
Ob ich zurecht mich in der Ferne fand?
Ih fuchte Menfhen auf und laute
Straßen,
Ich konnte Keinen lieben, Keinen baflen,
Und Keiner bot mir hilfreidh feine Hand.
So trieb ich ruhelos von Land zu Land,
Ein Blatt im Wirbel, einfam und verlaffen,
Und fehnte mid nad Deinem Haupt, dem
blaffen,
Wie nad der Heimat, die ich niemals fand.
XXIV.
Er ſchreibi.
Warum der Liebeloſe wiederkam,
Das fragt mich oft Dein lang - beredter
Blid,
Verödung führte mich vielleicht zurüd,
Vielleicht ein Selbftgericht .. . vielleicht auch ...
Scham.
Denn oft frug ih in fchlafentwöhnter Nacht:
Was Did, Du großes willenlofes Kind,
An mich getettet einft jo wahr und blind,
An mid, der hart geredet und . . . gedacht.
Und mälig weilt’ ich bei der Frage lang,
Bald wuchs an Dich der Glaube unbe-
mußt...
Und in der leeren ſturmzerwühlten Bruft
Gar mahnungsvoll Dein altes Lied erflang.
(Schluß folgt.)
Wildſchützen in
der Almhütte.
Ein Volksbild von P. A. Rofegger.
Im Sennerhäujel auf dem Holz:
blod figt die Moidei und legt die
Hände auf die Knie, daß fie ein Eichtl
raften mögen nach de3 Tages Laft, und |
läßt fih die Haare flechten von der
Burga. Die Moidei ift jung, aber,
die Burga ift noch jünger, daher ſchickt
ſich's, daß die Moibei zuerft fißt; dann |
fommt die Andere dran. |
Andere Weiberleut’ in Tirol Flechten
fih die Loden des Morgens, wenn fie
aufgeftanden find — unjere Senninnen |
halten e8 zwar auch fo, nur am Sams: |
tag machen fie ihren Puß, wenn es
Abend wird, 's iſt jo der Brauch, 's iſt
von wegen ber Beſuche. Die Alm:
bütten haben nämlich eine ganz an-
dere Zeit für Bifiten, als die Salons
ber Stabthäufer. — Für's Erfte friſch
gewaſchen; dann ein Nödel anziehen,
welches nicht gar zu viel Fliden ver:
jchiedener Farben hat; dann die Haare
ausfämmen und ein Tröpfchen Kölner:
waſſer drauf ftäuben und endlich mit
Sorgfalt flechten. Iſt Eine dabei
allein, jo nimmt fie den Haarfträhn
zwiſchen die Zähne und bringt mit
gelenkigen Finger den jchönften Zopf
zumeg. In umjerem Almhäuſel aber
ift das nicht nöthig.
Mie der Moidei die zwei Flechten
als Doppelfranz um das Haupt ge:
wunden waren, jagte die Burga: „So,
Alte, und nu heb Dich auf die Höh’,
jegt will ich die Frau fein und Du
das Stubenmäbdel.” Sie hatte lange
Locken, jo ſchwer und weich wie Seide
und jo golden wie der Sonnenjchein,
ber hoch dort auf ber Kimmlerjpige
lag und von dem man gewiß nicht
Schönes genug jagen kann.
So jaß die Burga breit auf dem
fnorrigen, kropfigen Holzblod und ſpitzte
die Ohren, ob die Moibdei, die ſchon
im Flechten war, ihre ſchönen Loden
nicht ein wenig loben werde. Weil
aber die Arbeit jchier zur Rüfte gehen
wollte, ohne daß das geſchah, jo jagte
fie zur Moibei: „Du haft aber recht
ſchöne Haar’ jetzt.“
„Die Deinigen wären mir ſchon
noch lieber“, antwortete die Flechterin;
da empfand die Burga ein großes
Wohl in ihrem Herzen.
„Biſt eine reine Jungfrau, Bur—
ga?“ fragte die Moidei plötzlich.
„Ih?“ entgegnete die Geſellin,
„möcht' aber ſchon wiſſen, warum Du
das fragſt.“
„Weil ich Dir das Kranzel nicht
um den Kopf winden dürft' — wär's
nimmer wahr.”
„Darfſt Du ein doppelt's tragen,
wird für mich ein dreifach's nicht zu
viel fein”, gab die Junge den Spott
zurüd.
„Eine Haarloden ift fein Ros-
marinftamm”, vertröftete fie bie
Burga.
„Seit was Zeit bau’ft Du feinen
Rosmarin mehr in Deinem Garten?”
„Seit — wart’ nur, Burga, wann
iſt's denn geweſen? — Zu Mebarbi
wird's g’rab’ zwei Jahr, jeit ich feinen
mehr anbau'.“
„Iſt ſelb' Zeit nicht der Mirtel
Knecht geweſen in Deinem Vater feinem
Haus ?“
„Ja Du, das mag Schon fein, daß
jelb’ Zeit der Mirtel Knecht ift geweſen
in meinem Vater jeinem Haus,
734
„Geh', thu’ mit fo dappert“, lachte
die Jüngere, „weiß e3 eh’ ſchon lang,
daß der Mirtel der Deinige ift.“
„Was geht'3 denn Dich an?” ver:
jegte die Andere jcharf und that einen
Ruck an den Haarloden, daß die
Burga „Auweh!“ jchrie.
„Wirft doch desweg nit harb jein,
Du Dalgert!” jagte diefe dann, „einen
Spaß muß Eins ja haben — und
wenn’ wahr ift, jo fällt desweg auch
der Himmel nicht aba. Thät felber
Einen nehmen, wenn mid Einer
mödht’.“
„Wenn Du mit Sebem zufrieden
bift, wirft nit allein bleiben“, gab die
Aeltere zurüd.
„Gift' Dich nit, Moidei und fingen
wir Ein’3, 's ift ja ber heilig’ Sams—
tagabend.“
„Geſcheidter iſt's ſchon“, ſagte die
Andere und hierauf huben ſie an —
die Aeltere tief, die Jüngere hoch —
zu ſingen:
„Es wollt' ein Sünder reiſen,
Wohl in die Römerſtadt,
Drei Sünden wollt’ er beichten,
Die er begangen hat.
Der Papft wird voller Zoren,
Und ſchaut den Sünder an,
Ewig bift Du verloren,
Ih Dir nit helfen fann.
Er nimmt ein dürres Stabel,
Und ftedt es in die Erd’;
Eh’ wird das Stabel grünen,
Eh’ Du wirft felig wer'n.
Sie fegten ab. „Du“, jagte bie
Burga leife, „los einmal, mir ift
g’rad’ geweſen, ich hätt’ ein’ Schritt
gehört draußen vor der Thür.“
„Ich hab’ aucheinmaleinen gehört”,
verwies bie Aeltere, „und Deine An-
dacht zum Lied wird nicht gar groß
jein, wenn Dich die Gaif’ da draußen
ſchon ſchrecken.“
„Weil's halt ſchon finſter wird“,
meinte die Burga; dann ſangen ſie
weiter:
Der Sünder geht voll Peinen
Und ruft von Berg zu Thal,
Kommt, helfet mir beweinen
Die großen Sünden all.
Stund an ein Meines Zeitlein,
Das Stabel wird gar grün,
Treibt aus drei junge Zmweiglein,
Und d’rauf ein fchönes Geblüh'.“
Und nochmal wiederholten fie es
in weihem Slange:
Treib't aus drei junge Zweiglein,
Und d’rauf ein ſchönes Geblüh’.“
Dann jchwiegen fie. Die Moidei
ging an den Herd, die Burga blieb
noch figen und war nachdenklich.
„Moidei”, ſagte fie nun, „gelt,
dad Gejang hat Dir Deine Ahndl ge:
lehrt.“
„Freilich.“
„Und hat ſie Dir niemalen ge—
ſagt, was das für drei Sünden ſind
geweſen, bie der Jüngling hat began—
gen u
„Wie weißt benn, baß er ein
Jüngling ift geweſen?“ verjegte bie
Moidei flet3 altflug, „kann ja aud
ein” FERNE,
An diefem Augenblid war ein
boppelter Aufſchrei. Stodfinfter war's
den Mädchen plötzlich — frembe Finger
bielten ihnen die Augen zu.
Sie hatten ſich aber bald gefaßt.
E3 find. ſtets gutbefannte Zeut’, die
Einen auf diefe Weiſe blenden.
„Wer iſt's?“ rief eine Stimme
hinter dem Rüden der Moidei.
„Der Etſcher-Waſtl?“ fagte dieſe.
„Himmelweit fehlgeiprungen.“
Und „Wer iſt's?“ rief eine ver:
ftellte Stimme hinter dem Rüden ber
Burga.
„Ber wird's denn fein? Wenn's
der Hirlaher Mirtel nit ift, jo ift’s
ein Anderer.”
„Kein übles Nathen, Burga, ein
Anderer iſt's nicht. Wie Dir jegt bie
Augen wieder frei find, fieh’ft Du die
Beſcheerung. Die Sennhütte ift voll
von Männern — und von was für
Männern!”
Da iſt der Kernthaler Franz,
Holzer aus dem Puſterwald; ba ift der
Röpltoni, der Kohlenführer beim Bach:
gruber; da ift der Salzburger:Hang,
der fort in der Gegend herumjchleicht
735
und doch nirgends ein Gejchäft hat, mal ein's gejehen hat, wird fi) das
den fie bei heimlichen Stüdeln nicht | Bild
leiht vervollftändigen. Die
gerne mithalten laſſen, weil er ein Joppen der Burjchen, aus grobem,
tückiſcher Gefell’ ift, und ben fie uns|
gerne abmweifen, weil fie dann jein Ver:
ſchergen (VBerrathen, Anzeigen) fürchten ;
und da ift der Hirlacher Mirt, ein
abgedankter Yagdgehilfe, von dem man
nur weiß, daß er an Verträglichkeit
und Unterhaltjamfeit ein prächtiger
Kerl ift, die Weibsleute gern bat und
fih auf das Wildern verlegt.
Der Mirtl war bisher zu ber
Moidei — die wir ſchon kennen —
geftanden, zwar nicht jo öffentlich, daß
der Herr Pfarrer außer in dem Beicht:
ftuhl ein Wort darüber hätte reden
fönnen, und auch nicht fo heimlich, daß
nicht alle Leute davon gewußt hätten.
Heute nun — knirſchte die Moibei.
— „Was hat der Mirt der Burga
die Augen zuzubalten? Gr hat die
Moidei zu verblenden und jonft Keine!”
Kede Burfchen find es aber auf
und auf. Feftgefpannte, abgejchlifjene
Bocklederhoſen tragen fie, dide Häute,
die nur an den Näthen etwa hie und
da ein wenig auseinanderflaffen, jchier
geiprengt von den ftrammen Geftalten.
Die Knie find nadt und rauh und braun
wie Föhrenrinden. Bis über bie
halben Waden gehen die buntgeftricten
Wadenftugen empor, oben nad) außen
übergefchlagen, unten über ben Knö—
cheln, die nadt find, zufammengebunben.
Niedere Bundſchuhe dann, mäufegrau
und hart wie Holz, haben jeit undenf-
lihen Zeiten jchon keine Fettung mehr
erfahren, aber derb bejchlagen mit
Hafennägeln, welche wie Silber fun:
feln im glatten Schliffe, den ihnen das
Gejtein des Hochgebirges verliehen hat.
Ferner trägt Jeder einen breiten Leber:
gurt mit der Meffingfchnalle vorne
über dem Prachtſtück der Bodshaut:
boje, dem mit weißen Fäden kunſtvoll
ausgenähten und verzierten, an zwei
Knöpfen oben befeftigten Bauchfled.
Diejes Prachtſtück, die Stirn und der
Schild aller „Häutenen“ ift nicht Leicht
zu bejchreiben — Jeder, der je ein:
fadenjcheinigem Tuche mit den über
den Achſeln aufgefalteten Aermeln, find
rückwärts fo kurz, daß fie zwifchen fich
und dem Ledergurte, drei Finger breit
das „Rupfenhemd“ jehen laſſen. Der
Hirlacher Mirt hat an feine Vorder:
ärmel noch je einen Leberfled ge-
beftet, auf daß beim Klettern, Anz:
ftemmen und Anfriehen in den Wän—
den die Joppe nicht zu fehr leide, an
welcher jeboch, unſerer Meinung nach,
nicht allzuviel mehr zu verberben jein
fan. Meſſerbeſteck in der Hoſentaſche.
Rückwärts über dem Schienbeinktnochen
ein ftrammgereibelter Tabafbeutel aus
Schweinsblafe, und daran gängelnd
ein langer Pfeifenftierer, aus Draht
zierlich gewunden.
Der Mirt hat ferner eine mächtige
Waidtaſche umgehangen, an welcher die
Haare und Klauen jenes Thieres noch
hängen, das dieſe Taſche einſt als
bluteigene Haut getragen hat. Ueber
der Bruſt die kameelhaarenen Hofen-
träger; um ben Halskragen etwa ein
verblaßtes, zerfajertes Seidentuch Lofe
gewunden; auf dem Haupte den arg
zugerichteten Filz mit den feden Hab:
nen= und Geierfedern (nur der Kern—
thaler⸗Franz trägt auf feinem Hut einen
Strauß von Almraufh und wilden
Thimian); — wirre Loden in ber
Stirne, buſchige Schnurbärte und
Schneeweiße Zähne darunter — da
habt ihr die Kerle, wie fie leiben und
leben.
Jeder der Biere hat beim Ein-
tritte leife ein Gewehr an die Wand
gelehnt. Seht ftopfen fie ihre Pinz-
gauer Pfeifen und holen mit zierlichen
Stahlzänglein eine glimmende Kohle
aus der halbverglofenden Gluth. Dann
feßen fie fih an den Tiſch und ber
Mirtel, der ſich auf dem Holzblod feit:
geftemmt hat, wo vorhin die Burga
gejeffen, faßt das Mädchen nun ein:
mal am Rande des feingefchnürten
Miederd und jagt: „Heut’ hilft Dir
en
fein Gott und fein Heiliger, heut’
mußt uns über Nacht behalten.”
„Ja lad’ nur nit“, fügt ber
Röpltoni bei, „'s ift fein Spaß, mir
fönnen heut’ nicht mehr hinab; Die
Rabenklauſen unten ift mit Jägern
bejegt.”
„Jeſſes“, haucht die Burga,
„werb’3 doch nicht wieber auf's Gams-
ſchießen aus jein!“
„Ra, zum Zähnausftohern brauchen
wir die Eifenprügel g'rad' nit, die Du
leicht ſiehſt“, lachte der Kernthaler:
Franz.
„Der Jäger find heut’ Stüd a
zehn“, berichtet der Mirt, fie ſpannen
(ahnen) was ; aber fie glauben, wir jeien
auf der Speilleitalm, weil wir dort
etlihe Handpöller gerichtet und mit
Zunder belegt haben, die jet vor einer
Viertelftund’ erft losgegangen find. Da
bei Dir find wir ſchon ſicher, Burga,
und können morgen früh auf den Drei-
ipigfofel hinauf.
Burga ſetzte ihnen friihe Milch
vor, blieb dann in ihrer jchönen, bei-
teren Geftalt, das Vortuch nad Almer-
fitte hübſch emporgeſchlagen und rüd-
wärt3 mit den unteren Eden leicht zu:
jammengebunden, den Arm mit feinem
weißen Hemde in die Seite geftemmt,
vor den Burjchen ftehen und lud die
Gäſte mit einem fröhlichen Lächeln ein
zum Genufje deſſen, was fie bieten
fonnte.
Die Männer ließen aber die Pfeifen
nicht aus: und die Löffel nicht angehen.
Der Mirt ftemmte feinen Arm auf
das Knie und fragte: „Na, Burga,
und was ift’3 nachher mit der Lieger:
ftatt ?“
Darauf gab fie trillernd zur Ant:
wort:
„Dös id a ſchlechta Schüp,
Der fih af a Gamfl wagt,
Und in der erft'n Hütt'
Um a Liegerftatt fragt.”
„Weißt“, jagte der Rößltoni,
„So geht's af der Alm,
Dentt fa Dirndl af die Kalb'n,
Und fa Schüß af die Jagd,
Wan fie d'Lieb amal plagt.“
Darauf die Burga:
„Win höha die Alm,
Um fo friiha das Kraut;
A jad's Dirndl is a Narr,
De an Jaga z'viel traut.‘
„Schau“, jagte jegt ber Kern—
thaler : Franzl und neftelte mit ber
Pfeifeufpige feinen Schnurbart auf:
„Sein thut das fo:
„Die Sennerin af der Alm
Thuat an Juchſchrei an halb'n,
Und den andern da Bua,
Wann er hinkimmt dazua.“
Dann fiel wieder ber Hirlacher
Mirtel ein:
„And Sennerin af der Alm,
Schau, was thaft mit an halb’n,
Sei froh, wann Ana fimmt,
Daß dan ganz'n zſammbringſt.“
Es mar ſchon eine Freude, wie
die drei Burſchen um den Tiſch herum
jaßen und von Liedchen zu Liedchen
feder werbend das Mädchen mit frifchen
Augen anblinzelten.
Abſeits am Herde war bie Moibei.
Sie wuſch in einem Zuber den Käs—
beutel und zerfnitterte ihn und zer-
fragte ihn mit den Fingernägeln, daß
e3 arg war. Arg und Hell unver:
nünftig ; was fonnte der Käsbeutel da—
für, daß ihr heute der Mirt noch nicht
ein Mörtel geſprochen hatte; daß er
ihr den Rüden zufehrte, während er
der Andern die b’jonderften Schelmen:
lieblein in’8 Gefiht fang! — ’3 ift
aber wahr, diefe Burga ift fo eine
Schmeichelkatz. Wart' nur, Mädel,
wenn ich dir nachſt wieder die Haar
flechten ſoll — die Feigen zeig' ich
dir; ausrupf' ich ſie dir, nicht ein
Strehndl laß' ich dir fteh'n! — In
dieſem Augenblicke hatte der arme
Käsſack im Zuber einen böſen Riß er-
fahren.
Hinter dem Tiſch in der Ecke
lehnte der Salzburger-Hans, ein blaſſer
Burſch' mit ſchütterem Bartanflug;
— er blickte etwas finſter d'rein. Er
rauchte keine Pfeife, er hatte die
Hände in den Hoſentaſchen ſtecken, und
er that nicht mit im Singen und
737
Neden. Das Singen und Neden
führt zu nichts. Er war weit herge-
fommen aus der Krimel herauf. Juſt
der Gemjen wegen nit. Man mag
ſchon fuchen auf den Almen, bis man
ein fauber Stüd Sennin antrifft. Die
bübjcheften und die laubfrifchen ſperrt
ber Bauer lieber unten in jeinen Hof
ein, als daß er fie oben auf den Höhen
frei herumhüpfen läßt wie die Gemſen
— in einer Gegend, wo es fo viele
Wildfhügen gibt. — Die Burga —
na, die ift eine Ausnahme. Ihre An:
verwandten find geitorben; ihr Bor:
mund, ein dicker Poſtmeiſter im Pufter:
thal drüben, ſchaut fich nicht nach ihr
um, und weil fie in ber Milch- und
Butterwirtbihaft gut Beſcheid weiß
und darin verläßlich ift, jo hat man
fie auf die Alm geſetzt. Die Moibei,
die Heltere und Gejcheibtere, ift ja auch
bei ihr, die wirb das jung’ Blut ſchon
zurecht halten.
Der Salzburger:Hans hat gemeint,
er würde heut’ allein der Hahn im
Korb fein. Da ift er, wie er fo facht
und ſtill herauffchleihen wollte in’s
Gemsgebirg’, unten auf ber Kreuz:
halde zu alten Bekannten geftoßen.
Nun ift er nicht der Hahn im Korb;
noch fein einzig Wort hat er mit ber
Burga geiprodhen, und bie Andern
haben ſchon jo oftmals gefräht. Zu:
def, der Hans ift nicht verzagt.
Halten fih die Dreie an die Burga,
jo ift die Moibei no da....
Leider hat fih Moidei's Auge zu
jeht mit dem Mirtel und der Burga
befhäftigt, al3 daß fie den Blick bes
blaffen Burfchen bemerkt hätte. Ihr
zitterten alle Glieder vor Wuth, ob
einer jo ſchwarzen Untreue bes Hir-
lachers. Und gar erft, al3 der Mirtel
ein wenig gegen den Herd hin ge
wenbet folgendes Liebchen fang:
„Ih kenn’ immer a Dirndl,
Hat a Stridl ban Bett,
Daß die Buabn kann dahaltı,
Sunft bleibn ffihr ja net."
Gelächter. Und die Burga lachte auch).
Wofeggers „‚Heimgarten‘‘ 10, Geft,
Dh, dachte die Moidei, biefe
Schlange mit den rothen Haar! —
Auf den Fußdielen lag die Holgipalt:
hacke — wie wollt’ fie — die Moidei
— mit biefem Beil....! Raid
ihlug fie den Gedanken nieder und
flehte im Herzen: Heilige Maria
Schnee, behüte mich vor allen Anfech:
tungen! — Aber, fie weiß jchon, was
fie thut, denn heute zuſammen ver:
bleiben unter einem Dah, das darf
für diefe Leut' nicht fein, und ſollte
fie ihnen bie Hütte über dem Kopf
anzünden müſſen — heilige Maria
Schnee, behüte vor allen Anfechtungen!
— Nu, auf das kommt's nicht an;
fie — bie Moibei ift fein abdraht
(ſchlau), fie weiß ſchon noch «in ander
Mitte. Und wenn er nur erft zu
Mitterfill im Arrſt figt, der Mirtel,
nachher hat er gut Weil’ zum Nachden:
fen über vergangene Zeiten — wird
ihm die Moibei wohl wieder einfallen. —
Nah einer Weile, als es jchon
woltern finfter geworben ift und bie
Burga einen Kienfpan anzündet, ruft
fie hell: „Segerl, wer hat uns denn
die Moidei geftohlen ?”
„Kunnt mir’3 nit denken, wer die
Dummbeit hätt’ g'macht“, entgegnete
der Mirtel.
„Mir kummt's für, ihr ſeid's
nimmer gut miteinand“, bemerkte der
Kernthaler:Franz, „zwiihen Dir und.
der Moidei hat's was antragen.”
„Ihr Buben feid’8 ſchon fo,”
fagte jett die Burga, „Für's Erft,
da hängts ein’ Mädel allerweil an
ber Kittelfalten und zärtelt3 und bettelts
und habts fort die brennheiße Lieb
und Treu auf der zuderfüßen Zung'.
Und ift 's Dirndl 3’ gut — nur ein
Hein Biffel 3’ gut — nachher iſt's gar
— nachher ſchaut's es nimmer an.”
„Schau, ſchau,“ verjegte hierauf
der Rößltoni und blinzelte der Burga
in's Geficht, „bift auch Fein heuriger
Has mehr.”
„Bon mir felber kunnt' ich's nit
wiſſen,“ ſagte das Mädchen, „um fo
öfter hab’ ich’3von meinen Kamerabinnen
47
138
gehört. Ich hab’ Eine gehabt von Lienz
herauf; hab’ Eine gehabt vom Buiter:
thal; Hab’ wieder Eine gehabt von
der Spruggergegend und Eine von
Zillerthal. — Alle haben das gleiche
Lied gefungen. Die Buben find auf
der ganzen Welt nicht's nuß. Die Moidei
habt's mir Schon verzagt gmacht, wollt’3
leicht jegt mit mir anhand’In 2“
„Ah na,“ brummte der Kernthaler:
Franz, „Du wär'ſt viel zu fürnehm
für jo arme Teufel, wie wir find.“
„Harb müßt’s nit werben,” lachte
bie Burga, „ih hab’ nur gejagt, daß
die Buben nicht's nuß find. Daß ich
feinen mag, das hab’ ich nit gejagt.”
Darauf Elopfte der Hirlacher Mirtel
mit feinem Pfeifenfattel auf den Tiſch
und murmelte: „Ich den’, Manner:
leut, wir machen uns auf die Füß’
und gehen um ein Häufel weiter.“
Seit ihm von der Moidei war ange
jpielt worden, war feine Munterkeit
weg. Das Ding wurmte ihn, daß er,
zudem ihm das Mädel nicht mehr
gefiel, auch noch den Vorwurf hatte —
und von jo unberufener Seite.
Er erhob fih, nahm feinen Stußen
um, fagte: „Gut Nacht, Sennerin”
und ging davon.
Der Kernthaler-Franzl konnte es
nicht laffen, die Burga noch ein wenig
in die Wange zu kneipen, dann nahm
‚auch er feinen Stußen in bie Hanb.
Der Rößltoni blieb einen Augen:
blid kerzeng'rad vor ihr ftehen, dann
flüfterte er: „Weber daß, was Du
voreh’ zulegt haft g’jagt, reden wir
noch weiter. B'hüt Dich Gott, ſchöner
Schatz.“ Dann nahm er feinen Stugen
und ging den Anderen nad).
Die Burga hantirte am Herb
herum und trillerte:
„Büabel, Du fhmirrit Dih an,
Wan'ſt glaubt's Du haft mih fchon.“
Von draußen herein hallte noch
folgendes Liedchen:
„Wan’ft mih ah Du nit liabit,
I8 fa Königreih hin,
Woaß noh mehr ſcheane DirndIn
In Zirolerland drin.”
Dann waren fie fort. Es war fill
und dunkel in ber Hütte. Ein einziger
Kugelftugen noch lehnte an der Wand
und an der Ede Hinter dem Tiſch
ftand der Salzburger-Hans.
„Na, Hans,“ vebete ihn das Mäd-
hen an, „thuft Du nit mit Deinen
Kameraden mit ?”
„Ra.“
„Barum denn nit?“
„Weil’3 mich nit g’freut. — Weißt,
Dirndl, mir g'fallt's bei Dir beſſer.“
Und er trat auf fie zu.
Sie waren nun allein in ber Hütte.
Die Moidei fam nicht zum Vorſchein.
Draußen jchellte zuweilen die Kuh ober
mäderte eine Ziege. Sonft Alles in
der Ruh! Burga ſchürrte in der glo:
jenden Herbfohle und blies eine Flamme
an. Der Salzburger Wildſchütz ftand
unbemweglih und finfter vor ihr; er
war fo blaß, daß nicht einmal ber
Gluthſchein fein Antlig zu röthen ver:
mochte. Nur feine jchwargen Augen
funfelten.
ALS nun, angefacht von dem Athem
des Mädchens, die Flammen empor:
fprangen aus ber Gluth, fang ber
blaffe Burſche — aber gar mit ton-
lofer Stimme — aud ein Liedchen:
„Seht gib mir a Buffel,
JIept fan mir alloan,
Die Naht is ftodfinfta —“
Der Sang erftidte in ber leiden:
Ihaftlihen Aufregung feines Weſens.
„Wenn Du deswegen bablieben
bift“, verjegte, ohne mit einem Lieb:
hen zu erwibern, das Mädchen, „fo
— muß ih Dir fagen — haft es nit
geſcheidt angeftellt. Hätteſt es Halt
früher geſagt, ſo lang noch die Leut'
dageweſen ſind. Thu' ich wem einen
Gefallen damit, für einen Schmatz iſt
mir Reiner feil. Sept find wir allein,
da iſt's nichts. Mit Buſſerln hebt's an,
drauf fommen allerlei Kedheiten —
na, na, Bübel, da bift bei ber Un:
rechten.”
„Don“, ftöhnte dev Burjche und
padte fie mild in die Arme, „Du
mußt!”
739
— Den möcht’ ich nit und hätt’ Er
rief die Burga, erhafchte einen bren= |eine goldene Pfaid auf dem Leib!”
nenden Baumaft: „Da haft eins!“ ——
unb Sieb ben AR ihm über die ABl, |yap dam [ähnitten Re den Site un
aß bie Zunfen brauften. banden damit die Hände des Salz:
Nun war in ihm auch bie Wuth zurger Hans kreuzweife über einander
entfacht. Mit der ganzen Mucht feines | Han hingen fie ihm fein eigenes Ge:
Körpers fiel = über bas Mädchen her; wehr um den Hals und von den Hun—
— ſtieß Burga — den umknurrt und von den Jägern
aus — da — jprang bie Thür auf gehöhnt und geftoßen, ftieg der Wild—
und herein ſtürmten etliche Hunde und (hüße nieder von ber grü
grünen Alm
nn Dugend Männer mit vorge: gegen die büftere Sündenfammer zu
— es at da? Wo find die Mitterſil nt j
Wilddiebe!“ fuhr Einer drein. Die Moidei war über diefen Vor—
Der Salzburger:Hanns hatte von | gang gar überraſcht. Sie hatte vor
ſeiner Beute abgeiaſſen und brummte: llem nur ihren treuloſen Geliebten,
„Sind ſie nit mehr da, ſo werden ſie den Hirlacher Mirt, gefangen nehmen
halt ſchon fort ſein.“ laſſen wollen. Deswegen hatte ſie die
„Wohin 2 Jäger geholt herauf von ber Raben:
„Was gehen mich die Wildſchützen an Und iest er — *
—* wieder davon und er ſpeanzelte (ſchä—
„Wem gehört dieſes Gewehr?“ derte) vielleicht in anderen Hütten ber:
„Hättet Ihr dem Hirlacher Mirt um; weiß Gott, die Alm ift weit.
Beit gelafien, jo hätt’ er's wohl mit: Aus Zorn verzehrte die Moibei
genommen.” an bemjelbigen Abend von den Dutzeud
„O beileib!” jchrie die Moibei da: | Hirihen (Schmalznoden), die für beide
zwiſchen, die auch bei ben Jägern war, | gefocht worden waren, neun Stüd, fo
„derlogen, daß das dem Mirt ſein daß für die Burga nur drei blieben.
Stugen iſt!“ Und fie redete den ganzen Abend fein
„So wird er wem Andern fein; einzig Wort mit der Burga. Diefe
was geht das mich an!“ fagte der aß den Reſt in ftiler Ruhe und dachte
Hand, „werb’ wohl Niemandem Re: | bei fih: Aller guten Dinge find drei.
chenſchaft zu geben haben, wenn id) Aber das thu' ich und jetzt ſchau' ich
zu meiner Liebjten geh'.“ mir um einen Liebhaber, daß bie
Seht richtete fich die Burga auf: |feden Mannerlent’ wiffen, wem id
„Was? Wer ift denn Seine Liebfte ?' zugehöre,
„So! Gewalt mwiljt brauchen!”
an
47*
740
Der Ungemüthlide.
Bon Robert Yamerling.
Ich fuhr eines Tages, auf einer
Neife begriffen, durch das Städtchen
X., und während die müben Boftgäule
den Marftplag entlang trabten, kam
ih an einem Wirthshaufe vorüber,
aus welchem foeben ein Menjch heraus:
geworfen wurde, Die Gewalt des Wur:
fe8 war eine jo heftige gemwefen, daß
ber arme Teufel auf der Straße fi
nicht wieder aufrichten fonnte und hilf:
(08 dalag, während der Schwarm Lu:
jtiger Gefellen, der ihn folchergeftalt
über bie Schwelle befördert hatte, fin:
gend und lärmend ſich wieder in das
Gaſtgemach zurüdzog, ohne fich weiter
um ihn zu fümmern. Halb aus Mit:
leid, halb aus Neugierde, ließ ich
halten, ftieg aus dem Wagen, half
dem Unglüdsvogel auf die Beine, und
da ich merkte, daß er ſich im Fallen
ſtark beſchädigt, überdies auch jonft
das Anſehen eines krüppelhaften Men—
ſchen hatte, denn er war lahm an
einem Fuße und auf einem Auge blind,
ſo nahm ich ihn zu mir in's Gefährt
und erreichte gleich darauf die Her—
berge, in welcher ich die Nacht zuzu—
bringen gedachte. Dort ließ ich ihn
zu Bette bringen und einen Arzt rufen,
dem ich ihn empfahl, denn er ſchien
mir der Pflege gar ſehr zu bedürfen.
Im Mebrigen gönnte ich ihm auch,
da er mühſam jprach, die nöthige Ruhe
und wollte ihn für den Neft des Abends
mit Fragen nicht weiter behelligen.
Den andern Morgen ging ich zu
ihm, fand ihn in einer ziemlich fchlech-
ten Berfaffung, denn er hatte durch
den Fall eine ftarfe Erſchütterung der
Bruft erlitten, und ber Arzt erklärte
unter vier Augen den allgemeinen Zu:
jtand des gebredhlihen Mannes für
einen bedenflichen.
„Wie fam es nur”, fragte ich,
mich an's Bett zu dem Kranken ſetzend,
„daß Euch von jenen Gejellen in der
Schenke eine jo unglimpflicde Behand:
lung wiberfuhr ?”
„Wie e8 Fam?” erwiberte er.
„Ad, das fam fo, lieber Herr: Die
muntern Gejellen, die in jener Gaft:
jtube beijammen ſaßen, das waren
lauter gemüthlihe Leute, und ich,
müßt Ihr wiffen, Herr, ih bin, wie
die Leute jagen, ein ungemüthlicher
Menſch. Und das eben, Herr, das ijt
der Fluch meines Lebens immer ge
wejen, daß ih ein ungemüthlicher
Menſch bin, wofür ich gar nichts kann,
da ich mir zeitlebens alle erbenkliche
Mühe gegeben habe, ein gemüthlicher
Menſch zu werben, wie bie andern
Leute, aber vergebens. Schon als klei—
nen Knaben bat mein ſeliger Vater,
Gott tröft’ ihn! mid lahm gefchlagen
— daher mein Hinfen auf einem Beine
— weil mein Bruder etwas verbro-
hen hatte. Dieſen wollte er nämlich
nicht ſchlagen, weil er ein allzu ges
müthlicher Knabe war.
Mein Bruder wurde, eben weil
er ein gemüthlicher Knabe war, von
allen Leuten und insbefondere von den
Frauen gehätſchelt und geliebfoft, und
wenn Bejucher in's Haus kamen, ober
Verwandte und Freunde uns auf ber
Straße begegneten und mit und jpra=
hen, jo fahen fie immer nur meinen
Bruder dabei an und richteten ihre
Worte immer nur an meinen Bruber;
über mich glitten fie mit den Augen
hinweg, als ob ich in einer Tarnkappe
jtedte.
In der Schule ſah ich, wie an:
dere Knaben, wenn fie etwas verbro-
hen, von den Lehrern mit Lächeln
741
zurechtgewiejen, höchitend ein wenig | Borgefegte wegen feines guten Humors
beim Obrläppchen gezupft, ober bei, fi auf Reifen begleiten ließ; bei ber
den Härchen ein Klein wenig gezogen, | dritten derjenige, auf welchen die ält:
ober mit ber Rückſeite der flahen Hand | liche Nichte des Vorgefegten ein Auge
auf die Wange getätichelt wurden — | geworfen hatte. Von mir ließ der Chef
ih dagegen, jelbjt wenn ich mich ſehr ſich weder Hut noch Stod reichen,
brav benommen und ausgezeichnet hatte, noch auf Reifen begleiten, noch gab
mit fauerfüßer Miene kurz belobt und er mir feine Nichte — denn ich war
dabei mit Augen angejehen wurde,
als ob ich eigentlich Prügel verdient
hätte.
Wenn meine Gefchwifter oder Ka—
ein ungemüthlicher Menſch.
So fam ich nicht weiter im Amte
und zu guter Legt wurde ich gar ent:
laffen. Warum? Ach Gott, weil ich
meraden einen jchlimmen Streich aus: |ein ungemüthlicher Menjch war.
führen wollten, jo nahmen fie mid Jetzt wendete ich mich dem Kauf:
nicht dazu und thaten es heimlich vor | mannsftande zu; aber Fein Menſch
mir, denn ich war ihnen zu mwenig | wollte etwas von mir faufen, weil ich
gemüthlich. nicht gemüthlich mit den Leuten zu
Kleine Kinder, Hunde, Katzen u. |reben mußte.
dgl. gaben ſich auch nicht gerne mit Nah dem Tode meiner Eltern und
mir ab und wichen mir aus, obgleich | meines höchſt gemüthlichen, aber leider
ih ein Freund von ihnen war. Ich am Delirium tremens zu Grunde ge:
machte daher vielerlei Verſuche, fie | gangenen Bruders fiel mir ein Kleines
durch ein entgegenfommenbes Beneh: | Erbe zu, mit welchem ich ein Bauern:
men für mich zu gewinnen, aber nichts | gütchen anfaufte, das ich nunmehr zu
wollte verfangen. Wenn ich die Katzen verwalten mich anjchicdte, wobei ich
ftreichelte, jo fragten fie mich, wenn | vor Alem nah einer paflenden Hel—
ih die Hunde an mich lodte, fo biſ- ferin und Lebensgefährtin mi um:
jen fie mi in die Wade, und ſah | jehen zu müſſen vermeinte.
ih ein Kinblein in der Nähe nur fo
ein bischen liebreich an, jo begann es
zu ftrampeln und zu jchreien, als ſtecke
es am Spieße.
Nachdem ich herangewachjen, wurde
ih in eine Kanzlei gethan und ſchlug
die Beamtenlaufbahn ein. Es faın bie
Zeit, wo ich der Nächfte war, in eine
höhere Stelle vorzurüden. Aber es
wurde mir berjenige meiner Gollegen
vorgezogen, ber dem Chef der Kanzlei
immer beim An: und Ausziehen des
Weberrods behilflih war. Ych wollte‘
mich in ähnlicher Weife gefällig er:
zeigen und reichte dem Vorgeſetzten
beim Fortgehen, bienftwillig vorfprin-
gend, Hut und Stod. Aber er jah
nid grämlih an und murmelte un:
wirſch etwas in den Bart, und meine
Amtscollegen nannten mich von da ab
einen Speichelleder und Heuchler. Bei
der nächſten VBorrüdung wurde mir
derjenige vorgezogen, von welchem ber
Ich Hatte aber große Schwierig:
feiten, eine Frau zu befommen. Die
ländliden Schönheiten fanden zu we:
nig Kurzweil bei mir, ſchämten fich
meiner auf den Tanzböden und biel-
ten ſich lieber an bie flotten, Iuftigen
Burſche. Wenn ich hernach mich zu:
fammen nahm und es machen wollte
wie die Gemüthlihen, und auch ein—
mal einen Scherz bei jold’ einem
Mädchen rigfirte, jo befam ich wohl
gar eine Ohrfeige.
Endlich fand fich doch ein weibli—
ches Weſen, das mich nehmen wollte,
vielleicht nur, um unter die Haube zu
fommen. Aber e8 war ein Gejchöpf
von übelftem Humor. Und wenn ich
fie aufheitern, oder nad einem Zank
verföhnen und beichwichtigen wollte,
fo konnte ich ehrlicher Kerl mit aller
gutgemeinten Beredjamfeit in einer
Stunde nicht jo viel bei ihr ausrich—
ten, als irgend ein Taugenichts mit
drei verlogenen, aber „gemüthlichen“
Morten bei jo einem Weiblein auszu-
richten vermocht haben würde. |
Sie betrog mih auch und verließ |
mich zulegt, nachdem fie mir vorher |
noch ein Auge ausgelragt — weshalb
ih, wie ihr faht, außer dem, daß ih
hinke, auch einäugig bin. Aber Necht
behielt fie doch vor aller Welt. Man
brauchte mich ja nur anzufehen und
man mußte jogleih, daß ich ein Un—
geheuer, fie aber ein Engel jein mußte...
Ya, worin lag denn das eigentlich,
daß ich ein jo ungemüthlicher Menich
war? Ich gab mir doch, wie gejagt,
viele Mühe, gemüthlich zu fein, heiter
und luftig auszufehen, aber, obwohl
ich glaubte, gerade jo oft zu lachen
oder einen Scherz zu machen, wie an—
bere Leute au, jo geihah e3 mir,
doch häufig, daß, wenn ich lachte, ein
Anwefender mich ganz verbußt anfah, |
und behauptete, e8 jei boch eine Merk:
würbigfeit, mich lachen zu jehen und
er bätte nicht geglaubt, daß ich es
fönnte.
Ich war oft jo fröhlich innerlich
im Herzen, hätte manchmal fogar
auch Hell aufjauchzen oder mitjubeln
mögen mit dem Fröhlichen, mitten in
der ſchönen Gottesnatur, ober jonft —
aber es war, als ob ich feine Kehle
hätte zum Jauchzen und Jodeln und
feine Beine zum Springen und Tan:
zen, und dba hieß es denn: „Der hat
fein Gemüth — man fieht’3 ihm an
— ben rührt nichts und freut nichts
— ein Klog ift’3 und ein Griesgram,
ein ſauertöpfiſcher Kerl...“
E3 war wirklich an dem, daß,
fozufagen, fein Hund ein Stüd Brot
von mir nehmen mwollte.
Und ich meinte es doch gut.
Wenn ih mich unterwegs einem
Wanderer anſchließen wollte, jo jchlug
er alsbald unter irgend einem Vor:
wand jeitwärt® einen Feldweg ein,
fo ungefähr, wie man einem verbädh-
tigen Menſchen ausweicht.
Wenn ich einen Betrübten tröſten
wollte, ſo weinte er nur noch ſtärker
742
als zuvor, wurde ungehalten und jagte
mir Grobheiten, als ob ich ihm Gott
weiß welche Beleidigung angethan hätte.
Wenn ich einem Bebürftigen durch
ein Darlehen aus der Noth half, fo
äußerte er zu den Leuten mit einem Blid
gen Himmel, es ſei traurig genug, in
die Hände ber Gelbmäfler und Wu:
herer zu fallen. Und wenn ich einem
Armen etwas fchenkte, jo ſah er das
Geldftüf an, ob es nicht etwa falſch
fei...
Duldete ih Spinnen an meinen
Mänden, und Schwalben, die in mei-
nem Haufe nifteten, jo nannte man
mich einen unreinlichen Patron, und
fegte ich fie wen, jo bieß es: „Da
jeht den gemüthlojen Menſchen!“ —
Menn ih in ber Scenfe neben
munteren Rumpanen jaß, jo thaten
fie, als ob ihnen mein Gefiht das
Getränk fauer mache.
AZulegt wurde ich in einen großen
und unangenehmen Proceß verwidelt.
Bei der öffentlihen Gerichtsverhand—
[ung wendete die ganze Sache ſich
fonnenflar zu meinen Gunſten; ſelbſt
der Gegner hatte fein Necht einge:
ftehen müfjen. Aber die Gejchworenen
ſprachen ihn dennoch frei, weil er ein
jehr gemüthliches Ausſehen hatte.
In Folge diefes Proceſſes verlor
ih das bischen, das ich beſaß und
da eine überaus reihe Tante, auf
die ich meine Hoffnung gejegt hatte,
mich zu Gunften eines liebenswürdi—
gen Windbeutels enterbte, jo zieh’ ich
jeitbem verlafjen, arm und früppel-
haft, wie ihr mich gefunden, fchier
als ein Bettler in der Welt umber.”
So erzählte der Mann, aber da
er immer mehr ermattete, jo empfahl
ih ihm Ruhe und entfernte mich mit
einigen Troftworten.
Den nächſten Tag fand ich ihn
der Auflöfung nahe. Er fühlte recht
gut, wie es um ihn ftand und obwohl
es ihm Mühe machte, zu ſprechen, fam
er doch wieder auf fein Schidfal zu:
rück und flüfterte trübjelig :
7143
„Die Liebe ftand an meiner Wiege
nicht und auch an meinem Sarge wird
fie nicht ftehen. Und ich war doch auch
ein Menſch, wäre gerne geliebt wor—
ben und hätte gerne geliebt. Ich hatte
darnach zeitlebens ein Verlangen, jo
aroß, fo heiß, daß ich es micht be-
ſchreiben kann. Aber die Natur hatte
den ſchlimmſten aller Flüche auf mein
Haupt gelegt: den ber Ungemüth—
lichkeit. Und jo bin ih zu Tode
gezauft worden, wie die Eule, die fich
bei Tag unter die andern Vögel mi-
jchen will.“
So klagte er; nach einiger Zeit
aber flog ein Lächeln über fein Antlik
und er begann wieder:
„Ih weiß doch Einen, der ich nicht
im Geringften darum fümmert, ob
ih ein jovialer Burſch, oder ein lang:
weiliger Kauz geweſen bin. Das ift
der Tobesengel, der mir jet unter
den Arm greift und mich einführt
zur ewigen Ruhe. Der Tod umfaßt
die Gemüthlihen und die Ungemüth-
lichen mit gleicher Milde und Freund:
lichfeit. Die Stätte der legten Raſt
fann Keinem verwehrt und das Necht
des jüren ewigen Schlafes ift gleich
für Alle.” —
So jprad er und verjchieb.
Armer Teufel, wirft Du Recht
behalten mit der Hoffnung Deines
legten Augenblids? Vielleicht täufch:
teft Du Did und Dein Schidjal ift
auch jett noch nicht verföhnt. Ruhe
Dich geihmwind ein wenig aus vom
Ungemach Deines unglüdjeligen Da-
ſeins; ich fürchte, nach wenigen Wo:
hen oder Monaten wirft ber Tobten:
gräber Deine fterblihen Reſte aus dem
Grabe, um an ihrer Statt bie Ge-
beine eine® gemüthlihen KHallunfen
bineinzubetten.
Ar-Sache.
Von Ludwig Fooglar.
Aller Sachen Urſach', Weltenmutter!
Die zu kennen heiß die Menſchheit ringt,
Die, zu nennen nur, doch nie gelingt,
Ob auch leichtlich, wie das Lamm ſein Futter,
Auserkorne meinen, zu berdauen.
Dein Allwefen durch verzüdtes Schauen,
Durdy Gebete, Opferung und Buße,
Vorauf, durch die reichft dotirte Muße —
Zwedlos ſcheint die Sorg' mir, zu ergründen,
Woher kommen und wohin fie münden
AM die Adern all’ der Lebensquellen,
Die den Puls des MWeltenherzens ſchwellen?
Eitle Ohnmacht im Erdüberfchweifen,
Mähnt des Räthſels Löfung zu begreifen,
Wenn fie Götter oder Bott lobfinget
Oder's Weihrauchfaß dem Weltgeift ſchwinget,
Dicht daneben aber läßt verderben,
Was die Welt vom Geiſt vermag zu erben.
Weltenmutter, Urſach' aller Sachen,
Fraglos will ih an das Herz Dir ſinken,
Traumesluft von Deinen Brüften trinken,
Und im Tod zu neuem Sein erwaden.
744
Eine deutfhe Sprachinſel.
Nachrichten aus dem Lande der Bottfcheer von R. B. Schröer.
Jedermann kennt die Pomeranzen:
und Kaftanienverfäufer auf den öffent:
lihen Plägen und an den Straßen:
eden und den Meiften ift wohl aud
befannt, daß es Gotticheer find. Man
wirb aber nicht leicht über eine Nationali-
tät im Allgemeinen jo im Unflaren
fein als über dieſe Gottfcheer. Sie
werben mit Furlanern, Slovenen,
Trieftinern, ja felbft mit Slovafen
verwechjelt und in Eins zujammenge:
worfen und die Wenigften willen, daß
das ſogenannte Herzogthum Gott:
ſchee eine deutſche Spradinjel
in Krain if, daß die Gottjcheer
gute Deutjche find!
Schon lange haben gewiſſe auf:
fallende Eigenheiten ihrer Sitten und
ihrer Sprache Aufmerkfamfeit erregt
und es find verfchiedene Anfichten über
ihren Ursprung in Umlauf gefommen,
bie im hohen Grabe geeignet waren,
Theilnahme zu erregen. Wenn aud)
oberflächlichen Hypotheſen, die fie für
Gothen erklärten, fein Gewicht beizu-
mefjen war, fo ftand doch obenan bie
Anficht des berühmten Forſchers Kaſpar
Zeuß, bie berfelbe über die Bevölfe-
rung von Gottſchee ausgeſprochen hatte.
Er hielt die Gottfcheer für einen Reit
der Vandalen, der in Pannonien zurüd:
blieb, indem Gobdegifel im Jahre 406
fein Volk in die MWeftländer über den
Rhein führte. Eine Stabt, Namens
Gutzeeka in Kroatien, die Konftan:
tin der Purpurgeborne nennt, hält
Zeuß für Gottſchee; ein Volk, das
Einhard um das Jahr 818 auftreten
läßt, das Volk der Goduscaner, hält
er für bie Nachkommen der Vandalen
und für die Vorfahren der Gottjcheer.
Eine Spradinfel germaniſcher Ban:
balen, die fi bis im umfere Zeit
eigenthümlich erhalten hat, ein befon-
deres, ſchwer verftändliches Deutſch
ſpricht, wäre doch in der That eine
Erſcheinung, die unſere ganze Auf—
merkſamkeit verdiente. Welches Licht
müßte ihre Sprache werfen auf die
Sprache der untergegangenen Vanda—
len! Wird ſie Verwandtſchaft zeigen
mit dem Gothiſchen, mit dem Altnor—
diſchen? Wird es eine rein hochdeutſche
Sprache ſein, die die Lautverſchiebung
mitgemacht hat? Wie wird ſie ſich in
ihrer Abgeſchiedenheit entwickelt haben?
— So mußte man fragen. Die weni—
gen Sprachproben aus Gottſchee, die
bis 1867 bekannt waren, befriedigten
nicht. Sie hatten im Ganzen hoch—
deutſches Gepräge; doch waren die
Aufzeichnungen meiſt ungenau und
einzelne Formen wichen ſo ſehr ab
von allem Erhörten, daß allen mögli—
chen Vermuthungen weiter Spielraum
blieb. — Es war vor acht Jahren,
im Sommer 1867, als ich es unter:
nahm, das rätbjelhafte Völklein zu
befuchen, wie ich 1858 die deutſchen
Spradinjeln des ungarifhen Berg:
landes beſucht hatte.*)
Die Reiſe dahin und ein Aufent—
halt von vier Wochen daſelbſt waren
reichlich lohnend. Ich ſollte nicht nur
über die Sprache der Bevölkerung
und über die Zeit, in der das Länb-
hen von ihr in Beſitz genommen ift,
Auskunft finden; auch ein kleiner
*) ©. darüber: Die deutfhen Mundarten
des ungarischen Berglandes von K. I. Schröer.
(Sigungsberiht der kaiſ. Akad, der Wiffen-
fhaften) Wien 1864.
745
Schatz von fehr anziehenden Sprach—
denfmalen, bie ich meift aus münd—
licher Ueberlieferung aufzeichnen konnte,
ift mir zu Theil geworben.
Um nad Gottſchee zu gelangen,
befteigt man in Laibah in früher
Morgenftunde um 4 Uhr den Roft:
wagen, mit dem man 10—12 Stun:
ben im jüböftlicher Richtung zu fahren
bat; zum Glüd durch freundlich zwi—
chen Wäldern und Hügeln mwechjelnde
Gegenden. Die Bevölkerung berfelben
befteht durchaus aus Slovenen. —
Der Poſtwagen hatte mit mir noch
ſechs Reiſende aufgenommen. Merk:
würdigerweife waren jie alle aus
Gottſchee, als ob die zwiichen Lai—
bach und Gottjchee liegenden Orte außer
Verbindung ftünden mit der übrigen
Melt! Ein wenig ift e8 wohl auch fo.
Meine Reifegefellichaft nahm meine
ganze Aufmerkſamkeit in Anfprud.
Mas fie ſprachen verftand ich anfangs
nicht. Ich erfuhr erft nah und nad,
daß fie alle aus Gottfchee waren.
Tags zuvor hatte ich in Laibah —
auch das erftemal in meinem Leben —
jlovenifch Sprechen gehört. Ausbrüde,
wie cajtinge (Zeitung), Cuspais (Zu:
jpeife), majnunga (Meinung), tauzint
(taufenb), tadlati (tabeln), Zimperman
(Zimmermann) u. dgl. m.; Die ich
aus einem flovenifchen Geſpräche im
Gafthaufe heraushörte, brachten mich
anfangs auf bie irrthümliche Ber:
muthung, daß es gottjcheerifch fei.
Heute hörte ich nun Gottſcheeriſch und
hielt e8 anfangs wieber für jlovenijch !
Die Täuſchung dauerte nicht lange.
Ich entdeckte bald, daß meine Neije-
gefährten, einer wie der andere, wenn
ih fie deutſch anredete, in gutem
Deutſch, beinahe ohne Anklang einer
Mundart, antworteten. So erfuhr ich
denn bald, daß ich lauter Gottjcheer
vor mir hatte, lauter deutſche Leute,
die alle von weiten Reifen heimfehrten.
Es machte ihnen Spaß, daß ich ihrer
Sprache nachforſchte. Ich ſah bald,
daß ich es mit einer durchaus hoch—
deutſchen Mundart zu thun hatte.
Ich wurde mit meinen Reiſege—
noſſen bald näher bekannt. Sie waren
alle in der freudigſten Stimmung; ſie
ſollten ja heute noch, nach langer Ab—
weſenheit, die Ihrigen, ihre Angehöri—
gen wiederſehen!
Beinahe die ganze männliche Be—
völkerung von Gottſchee nämlich reiſt
den größten Theil des Jahres in der
Fremde herum, manche kommen bis
nach Amerika. Der Boden von Gottſchee
iſt nicht fruchtbar genug, um die Be—
völkerung zu ernähren und die Män—
ner müſſen buch Handel in der
Fremde beftrebt fein, foviel hereinzu-
bringen, al3 nur immer möglich, um
die Familie zu erhalten. — Das Länd:
hen Gottjchee ift daher den größten
Theil des Jahres fat männerlos. —
Die Frauen verrihten die härtefte
Männerarbeit allein. Es kommt jelbit
vor, daß Frauen das Richteramt eines
Drtes befleiden. — Mit der größten
Angſt und Sorge arbeitet das Weib,
doch zur Noth Vorrath zu ſammeln,
um für den Fall, daß der Mann im
Handel nicht glücklich gewefen wäre,
daß er nicht Geld ſchicken, nicht heim—
fommen könnte, mit ihrem Hausftand,
den Kindern, Mägden, dem Vieh den
böfen Winter über leben zu können.
Die Zeit, wo die Männer zurüdfehren,
ift meift die Zeit um Johanni (24. Juni).
Sie bleiben dann bis über die Ernte,
den ganzen Juli und Auguft hindurch).
Das ift daher die glüdlichite Zeit für
Gottſchee. Alle Hochzeiten werden auf
dieſe Zeit verlegt: di mander hend da!
Die Männer find da! heißt es und
überall ift Jubel und Freude. Daher
bat fein Feſt für den Gotjcheer den
Neiz, den das Johannisfeſt hat, das
Feſt der Sonnenwende. So wie im
Nibelungenliede die Zeit, da man
Gäſte einladet, die Zeit der Sonnen:
wende ift, jo iſt Dies auch in Gottjchee
die Zeit der Feſte. In der Mundart
von Gottſchee Klingt das Wort Sons
nenmwende: shummitten.
Als wir und im Poftwagen der
Grenze von Gottjchee näherte, rief
746
einer meiner Reiſegenoſſen mir zu:
„Seh’n Sie dort die Pappelreihe ?
Das ift unjer Land!” Gleich darauf
fahen wir eine Schaar von Frauen,
die über’3 Feld gingen, und da rief
er wieder: „Sehen Sie, das find ſchon
Gottjcheerinnen, jo find unfere Weiber!“
Und dies veranlaßte ihn ſogleich, einen
Jubelgeſang anzuftimmen, in ben feine
Reifegenoffen gleich mit einfielen:
„Do har hent kamen di Shummitten
di lieben hoiligen Shummitten!*
D. h. die Sonnenwenden find gefom:
men, bie liebe heilige Sonnmenbzeit !
Die Frauen von Gottſchee machen
einen eigenthümlichen Eindrud. Indem
die Männer, weil fie jo viel in ber
Fremde herumkommen, ftäbtijche Klei—
bung angenommen und jede Spur
einer Nationaltraht abgelegt haben,
fo kleiden fih die Frauen noch fo
ureinfah und ungewöhnlich, daß man
über den Abftand zwifchen diefer antiken
Einfachheit und dem, was wir heut:
zutage gewohnt find, überrafcht ift.
Eine Annäherung an die Mode
oder mindeſtens eine gewiſſe Kofetterie
findet man doch fonft bei den naivften
Volkstrachten. Davon ift bei den
Gottſcheern nichts wahrzunehmen. Sie
find ganz weiß, nur die Strümpfe
und um die Hüften ber breite mwollene
Gürtel find roth.
Den Kopf verhüllt, bei Mädchen
und Frauen gleihmäßig, ein eigen-
thümlich gebundenes weißes Tuch. Den
Leib umſchließt eine bis an die Knie
reichende weiße Joppe von Tuch, ohne
Hermel. Vorne ift dieſe enyanfchließende
Hoppe offen und zeigt das Funftvoll
gefältelte Hemd, das von dem rothen
Bürtel zufammengehalten ift.
Das Ganze macht den Eindrud
großer Schlichtheit und Einfachheit,
ein Eindbrud, wie ihn etwa die Ab:
bildungen antiker Frauengeftalten ma—
hen. Wenn biefe weißen Geftalten in
Schaaren einhergehen, jo möchte man
befucht, wirb man während des Gottes:
dienſtes auf den Chor gewiejen, denn
den ganzen Raum der Kirche füllen
diefe weißen Frauengeftalten. Und
diefe erjcheinen bier wieder um fo
eigenthümlicher, als ihre Geberden
beim Beten und auch wieder unge:
wöhnlich erfcheinen. Unfere Vorfahren
beteten mit ausgebreiteten Armen, jo
daß fie ein Kreuz bildeten.
Die Gottjcheerinnen Holen nun,
wohl eine Erinnerung daran, beim
Beten mit den Armen jo aus, als
ob fie fie ganz ausbreiten wollten,
legen dann aber die Hände wiederholt
zufammen. Diefe flehende Geberde hat
etwas jehr Ausbrudvolles.
Bevor wir noch über die Grenze
von Gottjchee in „das Land“ einfuhren,
zeigte man mir links einen Berg mit
einem Scloffe. Es war der Auers—
perg. Bon diefem Schloffe Auersperg
bat die Familie den Namen, beren
fürflider Zweig den Titel Herzog
von Gottſchee führt und uns zwei
Berfaffungs-Minifter gegeben hat; aus
der gräflichen Linie aber ftammt ber
Miener Spaziergänger Graf Anton
Auersperg, der gefeierte Dichter Anaſta—
fins Grün.
Der Name regte mich an, mid) in
die Zeit hineinzudenfen, als der Berg
einen folchen Namen. erhalten haben
mochte, als bier der Ur, der Auer
noch wild herum lief. Es fällt nicht
ſchwer, ſich hier in eine jolche Zeit
hineinzudenken bei dem Anblid dieſer
Gegenden.
Urmälder, von zerflüfteten Kalt:
fteinmaffen gebildete ebene und bergige
Gegenden, wie der Kart, wo noch
Bären und Wölfe ziemlich ungeftört
haufen! — Je näher man Gottjchee
fommt, um fo wilder!
Um 3 Uhr Nachmittags etwa
erreichten wir bie Stadt Gottſchee,
ein Städtchen, das einen jehr freund:
lihen Eindrud macht. Es zählte zur
fie, nicht für Nonnen — aber etwa | Zeit meines Beſuches 1460 Seelen,
für BPriefterinnen irgend eines alten
Eultus halten. Wenn man eine Kirche
das ganze Land Gottjche, das darnach
benannt ift, zählte 25.916 Einwohner.
747
Den Mittelpunkt der Stadt bildet |treffende Mann es auch verbient,
ein altes weitläufiges fürftlih Auers- | beſonders wenn man fieht, wie er,
perg’ihes Schloß, in dem das Wald: wohl zur Wahrung männlicher Würde,
amt und die Behörden ihren Sit
aufgefchlagen haben. Eine freundliche,
breite Straße, in der einige Kaufleute
recht mohleingerichtete Kaufläden halten,
ift der ſchönſte Stabttheil. Ich ftieg
ab in dem Gafthaufe zur Poſt, das
ein recht ftäbtifches Anfehen hat, wo
im erften Stodwerfe eine lange Reihe
von Baftzimmern zu haben ift, deren
eines ih bewohnte. Hier blieb ich nun,
verfehrend mit den Konoratioren ber
Stadt, Ausflüge machend nach allen
Punkten des Ländchens hin, jo daß
ih ein deutliches Bild von bemfelben
befam.
Das eigentlihe Sonnwenpfeft oder
Johannisfeſt, der 24. Juni, war jchon
vorüber als ich ankam. Ich Jah daher
die Yohannisfeuer auf den Bergen,
die noch üblih find, die brennenden
Sonnwendräder, die herabgerollt wer:
den, nicht mehr. Nur in den SFenftern
jah ich noch friſche Sträuße des So:
hannisfraute® hypericum perforatum,
Shummittenwashe, Sonnwendroſe ge:
nannt und an ben Nedern Johannis—
fträuße, die noch an das Feſt, an das
fih mander fromme Glaube fnüpft,
erinnerten. — Die erhöhte Stimmung
der Johannisfeſte ift in Gottjchee noch
gefteigert dadurch, daß, wie gejagt, um
dieje Zeit die Männer, „di Mander“,
die Gatten, Brüder, Söhne heimkom—
men. — Ich Habe nur Nachzügler
diejer Heimkehrenden ankommen gefehen;
aber welche Auftritte erlebte ich da!
Meilenmweit kommt das treue Weib
ihrem Manne entgegen. Laut aufjauchzt
fie, wenn fie ihn erblidt. Sie umarmt
ihn, erzählt ihm, bemüht ſich um jein
Gepäd, trägt ihm feinen Koffer, wie
ein Laftthier, wenn er auch einen
Zentner ſchwer ift und läßt ihn gar
nicht zu Worte fommen vor Seligkeit.
Ich will nicht jagen, daß bie
Männer gefühllos find, aber beim
Anblick jo vieler Liebe möchte man
doch wirklich fragen: ob denn der be-
auch oft mehr ungeſchickt als gefühl:
[08, fi liebkoſen läßt mit einer Steif:
beit und mindeftens jcheinbaren Kälte,
die Derjenige, der des Volkes Art und
Weiſe nicht fennt, gewiß ganz unerhört
finden wird.
Das Prachtzimmer des Hauſes,
die gemanerte Stube, die das ganze
Jahr hindurch, jo lange der Herr
nicht zu Haufe ift, unbenügt bleibt,
wird ihm geöffnet und er läßt fich
nun pflegen und bebienen und herrſcht
im Haufe wie ein höheres Weſen bie
Zeit über, jo lange er daheim ift.
Wenn es an's Scheiden geht, wird
ihm wohl auch weh zu Muthe. Sein
Meib begleitet ihn wieder, indem fie
das Gepäck trägt, zur Poft und dann
gibt es herzzerreißende Auftritte, wo
freilich wieder die armen Frauen lei
denfchaftlih meinen und die Männer,
äußerlich mindeſtens, ziemlich ruhig
icheinen. — Wir wollen bier aud
die Erfahrung geltend maden, daß
der Abreifende, wohl naturgemäß,
in ber Regel gefaßter ift als ber
Zurüdbleibente, der um ihn, ber eine
Neife vor fih hat, beforgt ift.
Bei jo lebhaften Aeußerungen ber
Empfindung ift es nur auffallend, daß
fie nicht im Liebe ihren Ausdrud
finden. Gottichee hat noch feine eigent:
lihe Gefühlslyrik; mir ift minbeftens
nichts dergleihen vorgefommen. Auch
das Wenige, was man von Gottjcheer
Geſängen Iyrifch nennen könnte, ſchließt
fih an die Erzählung an und, wenn
jubjective Empfindung zum Ausbrud
fommt, jo gejchieht dies mehr durch
den Vortrag als durch das Wort.
So 3. B. in dem Lobgefang auf das
Felt der Sonnenmwende. Es wirb nur
immer wieder gejungen: O di lieben
scheannen (j&hönen) Shummitten, o di
lieben hoiligen Shummitten! Dazwi—
jhen wird erzählt: Johannesh der
liebe guldainde Mann. Johannesh
hat getäfet Jeshush den lieben shun,
748
dalon hent komen di Shummitten!
Nah diefer erzählenden Einſchaltung
fährt der Hymnus wieder fort: O di
lieben hoiligen Shummitten u. ſ. f.
Nur von Einer gefühlvollen Betrach—
tung wird der Gefang zumeilen unter:
brodhen, indem die Männer die Verſe
einfchalten: heut’ han ich da gejätens
das Korn aus, moarn bert ich et
meor da shainen! ih bünschet noch
ahört di Shummitten! O di lieben
hoiligen Shummitten! (Heute habe ich
da das Korn ausgejätet, morgen werbe
ih nicht mehr da fein! ich wünſchte
noh einmal die Sonnmwende!) In
einem Exnteliede wird Maria bejungen.
Nur eine Feine Stelle darin bezieht
fih auf die Ernte und könnte Iyrifch
genannt werben. Sie heißt: Der boi-
zen hät geschossen mit shainen
röat guldain stangelein; röat guldain
ist dos stangele, röat shilbrain ist
di aher! — Daß der Weizenftengel
rothgülden genannt wird und bie
Meizenähre rothfilbern ift wohl
ausdrudsvoll und maleriſch.
Aber die Lyrik ift nicht das Ge—
biet, auf dem die Volksdichtung in
Gottſchee heimisch ift, fondern Die
echt volksmäßige epiſch-lyriſche Volks:
ballade. Nicht mehr der uralte plaftifche
Heldengefang, aber die gefühlvolle,
auf fittlichen Motiven beruhende Ballade.
Dadurch, daß die Männer den
größten Theil des Jahres in ber
Fremde zubringen, ift die Pflege des
Bolksgefanges Eigenthum der Frauen
geworben. Er hat damit vielleicht auch
feinen eigenthümlichen weichen Charak—
ter erhalten.
Der würdige Herr Pfarrer Kromb—
holz in Altlaag, einem Pfarrdorfe in
Gottjchee, machte mir bie Freude,
fünf Mädchen feiner Gemeinde während
meiner Anweſenheit einmal zu ſich
zum Kaffee zu laden, wo fie dann
veranlaßt wurden, uns vorzufingen.
will. Die Singweije ift jo eintönig
wie der Vortrag. Dabei nehmen bie
Sängerinnen aber einen Ernſt an,
daß fie wie weiffagende Frauen erſchei—
nen. In gleicher Haltung und gleicher
Kleidung ſaßen die weißen Geftalten
um ben Tiſch herum und fangen fo
ihre Balladen, fihtbar in althergebradh:
ter Weife und mit großer innerer
Erhebung. Obwohl fie feine Miene
veränderten, traten ihnen boch zumeilen,
bei ergreifenden Stellen Thränen in
die Augen. An joldhen Stellen fehlt
es nicht; fie gewähren einen Einblid
in ein veichentwideltes Gemüthsleben.
Die meiften diefer Balladen ftimmen
inhaltlih überein mit befannten allge:
mein deutſchen Volksballaden. Mer
darin Erfahrung hat, weiß, daß man
nicht leicht eine deutſche Volksballade
auffinden wird, die ganz neu und in
anderen Gegenden unbekannt wäre. Doch
ift auffallend, daß die Balladen in
Gottjchee reimlos find und auch wört:
ih nicht jo übereinftimmen, daß ein
bis zur Gegenwart bauernder Verkehr
und Liederaustaufh mit Deutſchland
angenommen werden könnte, Die Wan
derzüge der Männer finden erft in
neuerer Zeit in ſolchem Umfange ftatt,
wie ich angegeben, und fie haben offen:
bar auf die heimische Balladendichtung
noch feinen Einfluß gehabt.
Nur in Hochzeitsfprühen und Kin:
berliedern kommen Neime vor. Auch
zuweilen in gewiſſen Vierzeilen, bie
aber deutlich als eingewandert aus
Kärnten zu erkennen find.
Betradten wir nun einige Gott:
ſcheer Balladen.
In einem Liede, Hanshel june,
wird erzählt: Der junge Hans war
auf dem Jahrmarkte, wo er ein jchönes
Mädchen ſah. Er Elagt feiner Mutter,
daß ihm das Herz jo weh thut nad
dem jchönen Mädchen. Die Mutter
(äßt eine Mühle bauen und meint:
Sie waren nicht befangen über die! wenn alle Leute mahlen fommen, wird
Zumuthung und jchienen e8 natürlich
zu finden, daß man ihre ſchönen Lie—
der, auf die fie jtolz find, gerne hören
das ſchöne Mädchen auch kommen.
Ale Leute find gelommen, die Schöne
aber nicht. Die Mutter läßt nun eine
749
Kirche bauen. „Wenn alle Leute zur
Meile kommen, wird die Schöne auch
fommen.” Alle Leute find zur Meſſe
gefommen, aber die Schöne nicht. Da
läßt die Mutter eine jchneeweiße Leiche
herrichten. „Wenn alle Xeute mit
Weihwaſſer jprengen kommen, wird
die Schöne aud kommen.” Alle Leute
find fprengen gefommen und biesmal
die Schöne auh! — Natürlih, die
vermeintliche Leihe war ja die bes
jungen Hans! — Was ift das für
eine ſeltſame Leiche? Die Füße heben
fi wie zum Sprung, die Augen heben
fih wie um aufzugeben, die Hände
heben fi wie um zu umarmen ?
Kaum" hat fie das Wort gefagt,
jo fpringt die Leiche ſchon auf. Er
umarmt fie, er füßt fie: „Ad, Du
bift mein und ich bin dein, das ſoll
und kann ja nicht anders fein!“
Doch Sieh’, fie fällt in feinem
Arme entjeelt dahin, als fagte fie:
„Biſt Du geftorben mir zu lieb, fo
fterb’ ich nun Dir zu lieb!” — Der
Schreck bat fie getöbtet. — Sie be:
graben an jeder Seite der Kirche Eines | Liebfte wird Dir helfen, melde zu
ber beiden Liebenden. Aus einem Grabe
ift gewachſen eine Weintebe, aus dem
andern Grabe ift gewachſen eine Rofe.
Die find aufgewachſen über's Kirchlein
hoch! — Wie fie oben find zuſammen—
gefommen, dort haljen fie und küſſen
fie fih, wie zwei wirkliche Eheleute
(„dört haushont sheu shih und
puschont sheu shih als bie zbai
birkliche konleute“).
Diefe legte Wendung fommt auch
in ſlaviſchen Wolksliedern vor, aber
aus früherer Zeit können wir fie in
deutſcher Dichtung nachweiſen.
Auf dem Grabe von Triſtan und
Iſolde werden Weinrebe und Roſe
gepflanzt.
An die Iſoldenſage könnte auch
ein zweites Lied aus Gottſchee erinnern.
Die Liebende geht in den Garten und
pflückt für den Geliebten einen Blu—
menſtrauß. Da kömmt er eben geritten
und fragt, für wen ſie das Sträuß—
Dir!“ antwortet ſie. Er aber weiſt
die Blumen zurück, indem er ſagt:
„Ich habe ſchon eine andere Geliebte,
die zu meinem Hauptkiſſen ſitzt.“ —
Auf dieſe Worte wird ſie von Schmerz
und Verzweiflung ergriffen und ſpricht
einen furchtbaren Fluch aus über den
Treuloſen: „Haſt Du ſchon eine and're
Geliebte, die zu Deinem Hauptkiſſen
ſitzet, ſo wünſche ich, daß Du Jahr
und Tag krank liegeſt, daß das Fleiſch
vom Gebeine Dir faule und die Seele
vom Leib nicht ſcheiden könne.“ —
Der Fluch geht in Erfüllung. Er liegt
ſchwer krank und die Seele vom Leib
nicht kann ſcheiden. Da ſchickt er um
die (erſte) Geliebte. „So geh', ſo geh',
Du Liebe, der Geliebte hat um Dich
geſchicket.“ Sie ſagt aber: „Er hat
ſchon eine and're Geliebte, die bei
ſeinem Hauptkiſſen ſitzet.“ Er ſchickt
zum zweitenmale; es erfolgt dieſelbe
Antwort. Das drittemal aber —
iſt ſie gekommen. Er fleht ſie an um
Hilfe und während ſie antwortet:
„Ich kann Dir ja nicht helfen; Deine
Deinem Hauptkiſſen ſitzet,“ da löſt ſich
der Fluch.
Es iſt offenbar, daß ſie verziehen
hat, da ſie ja gekommen. Sie hatte
ſich wohl ſelbſt erbarmend zum Haupt—
kiſſen des Sterbenden geſetzt. Das Lied
geht über das Alles hinweg und läßt
es nur errathen, indem es mit den
Worten ſchließt: Geſtorben war der
Liebe, aus iſt geflogen eine weiße
Taube! — An die Iſoldenſage erinnert
die Ballada inſofern, als Triſtan, der
ſchwer Verwundete, in der Pflege der
zweiten Geliebten nicht geneſen kann
und nach der erſten ſendet und bei
ihrem Nahen ſtirbt.
Ein ſchönes Gegenſtück zu dieſem
Liede wird aber dazu noch in Gottſchee
geſungen, eine Variante des bekannten
alten Liebes: Es stet ein lind’ in
jenem tal (Uhland). Es heißt: Dort
fteht eine Xinde hoch, oben in den
Wipfeln blüht fie jchön. Darunter
lein binde? „Ich binde das, Lieber, |fteht ein runder Tiſch, an dem zwei
750
Liebende figen. Er jagt, er müſſe in’s
große Heer und komme erjt wieder
nad fieben Jahren und drei Tagen.
Sie folle dann gegen Reifnitz zu
ſchauen (von wo bie große Berfehrs-
ftraße nach Gottjchee kommt). Würde
fie dann eine rothe Fahne jehen, dann
it er noh am Leben, jieht fie aber
eine Schwarze Fahne, dann ift er tobt.
Die Geliebte fieht nach der beftimmten
Frift dem heimziehenben Heere entgegen,
glaubt eine Schwarze Fahne zu erbliden,
obwohl irrtümlich, und weint. Da
fommt ein Reiter geritten und erzählt
ihr, daß ihr Liebfter geheiratet hat.
„Bas für ein Glück wünfcht Du ihm ?
— ein böſes oder ein gutes?“ — Sie
aber ermwidert: „Ich wünſche ihm kein
böfes Glück; ich wünſche ihm taufend
gutes Glüd, jo viel Sandfteinlein find
im Meer!” — Da nimmt er heraus
ein Xüchlein: „Nimm bin, ſchönes
Mägpelein, trodne damit Deine Aeuge—
lein, e3 kann und mag ja nicht anders
jein, wir beide müſſen beifammen fein!”
— Daß er der Geliebte felber war,
verfteht fih von felbft; das braucht
das Lied gar nit ausbrüdlich zu
jagen.
Ein feit dem 16. Jahrhundert
weit in Deutichland, bis nach Holland
hinein verbreitetes Lied ift die Ballade
von Ulrih und Aennchen ober
von Ulinger (Herder, Bolkslieber,
Uhland), die deutiche Blaubartballade.
Sie wird auch in Gottjchee gefungen
und ift ein merfwürbdiger Beleg dafür,
wie echt deutſche Lieder, mit Beibe-
haltung kleiner Züge, bis in's Ein-
zelne, jo daß an ſloveniſchen Einfluß
nicht zu denken ift, im Gottfchee in
die übliche reimlofe Form umgegoſſen
erjcheinen.
Wie das Lied in Gottjchee gefun-
gen wird, bewahrt es vielleiht am
reinften ben poetiſchen, echten Ton
biefer volfsthümlichften, fchauerlichften
Ballade: Wie früh ift auf der Rit-
tersmann, er hebt ein uneues Liedlein
an, ein Lieblein mit breierlei Stimm:
lein. Das hört bas Kleine Mägbelein,
Hein Mägdlein im Schlaflämmerlein.
„Wenn ich dem Ritter fennte, welcher
das Lieblein finget, das Liebfein mit
breierlei Stimmlein, der wäre mein
Geliebter”. Da meldet fi der Ritter
jung: „Da bin ich, der das Lieblein
fann, da bin ich Dein Geliebter, fomm
denn mit mir, . brav Mägbelein.”
Da macht fih auf das Mägdelein,
er nimmt fie bei der weißen Sand,
er ſchwingt fie auf fein Hengitlein. —
Da reiten fie hinweg. Wie fie ein
Stüd geritten, fommen fie vor eine
Hafelftaude, wo eilf AQurteltauben
fiten, die fingen ein neues Lied. „OD
laß’ Did, Jungfrau, entführen nicht,
ber Ritter wird Di entführen. Wir
find ſchon unfer Eilfe, die Zmölfte
wirft Du fein.” — „OD fürdt’ Dich
nicht, Du Jungfrau Schön, die Tauben
fingen nur jo ein Lieb, wie fie in
dem Lande da fingen.”— Wie fie ein
Stüd geritten find, da reiten fie vor
einen Brunnen jhön, wo da Blut
und Waffer rinnet. Da fpricht fo bie
Yungfrau Schön: „D Ritter jung,
Du lieber mein, was ift das für ein
Brunnen, wo dba Blut und Wafler
rinnet ?” — „So fürdte nichts, Du
Jungfrau ſchön, 's iſt in bem Lande
nur ſo ein Brunnen, wo da Blut
und Waſſer rinnet.“ — Und wie ſie
ein Stück geritten ſind, ſie kommen
in einen finſtern Wald. Er breitet den
kohlſchwarzen Mantel aus, er ſetzt die
Ihöne Jungfrau drauf. Sie jchaut
ihm freundlih in die Augen, aus
ihren Aeuglein fließen Thränen. —
„So weineft Du um Deines Vaters
Gut, oder weineft Du um Deine ftolze
Mutter, oder weineft Du, daß Du
Deine Ehre mir im Walde anvertraut ?“
— „Ich weine niht um meines Va—
ters Gut, niht um meine ftolze Mut:
ter, ih meine wegen jener Tanne,
darauf eilf Zungfrauen bangen.” —
„Wohl bangen jchon eilf Iungfrauen
drauf, die Zmölfte, die wirft Du jel-
ber fein. Das kann nun einmal nicht
anders fein!” — „So erlaube mir,
Ritter, drei Schreie zu thun!” — So
751
ichrei, wie viel Du immer willſt, 's
ift Niemand zu hören im Walde.“
— Den erften Schrei, den fie that,
den rief fie ihrem Vater. „So komm’
mir zu Hilfe, mein Vater, mein Leben
bleibt im Walde!” Den zweiten Schrei,
den fie that, dem rief fie ihrer Mut:
ter. „So fomm’ mir zu Hilf’, meine
Mutter, mein Leben bleibt im Walde.”
— Den dritten Schrei, den fie that,
den rief fie ihrem Bruber. „D komm’
mir zu Hilfe, mein Bruder, mein Le—
ben bleibet im Walde!” — Der Bru-
ber, der war ein Jägersmann; er
böret das Hündlein bellen, er höret
fein Schwefterlein fchreien. „Halt’ auf,
halt auf, Du Ritter jung, ſchenk“
meiner Schwefter das Leben!" — —
Daß er den Räuber erſchlägt und bie
Schweiter nach Haufe führt, wie an-
dere Aufzeichnungen der Ballabe be:
rihten, erzählt die Gottſcheer Ballade
ni
bt.
Auch das Lied vom eblen Morin-
ger, der nad einer Abweſenheit von
fieben Jahren heimfehrt und gerabe
zur Hochzeit feiner Frau fümmt, bie
ihn todt glaubt; auch dieſes Lieb fin:
det ſich im ſehr abgefürzter Geftalt in
Gottſchee.
Die Blaubartgeſchichte führt uns
aber zu einer merkwürdigen Bezie—
hung, in der dieſelbe zur Kunſtdich—
tung ftebt. Bürger hatte im Frühling
1773 ein Lied fingen gehört, von dem
ihm nur ber Berserinnerlich geblieben ift:
Der Mond, der fcheint fo helle,
Die Todten reiten fo fchnelle,
Feind Liebehen, graut Dir nicht ?
Er fagt dazu: „Schade nur, da
B [it
freilih, fowie ja auch die Ballade
vom Ulinger, in Gottſcheer Weiſe um:
geftaltet und in reimlofe Verſe ge:
bracht, aber vom Anfang bis Ende
volfamäßig und unzweifelhaft eine
Variante des gejuchten Liedes. Es
lautet in wörtlicher Weberjegung :
Es waren zwei Liebende. Der
Liebfte wurde zum Heer berufen. In's
Heer mußte er ausrüden. Da ſpricht
fo bie Liebite: „So komm' mir, Lieber,
zu jagen, Du ſeiſt lebendig oder tobt,
wie's Dir im Kriege wirb ergeh’n.“
— Einft Elopft an der Geliebte. „So
thuft Du, Liebe, nicht jchlafen? So
thuft Du Liebe, wachen?” — „Jh
ichlafe nicht, Beliebter, ich mache,
Beliebter.” — „Komm’ heraus, fomm’
heraus, mein Lieben!“ — Und
heraus kommt die Geliebte. — Er
nimmt fie bei fchneeweißer Hand, er
hebt fie auf fein hohes Roß. Sie rei:
ten hinweg. „So thuft Du, Liebchen,
Dich nicht fürchten? Oder thuſt Du,
Liebehen, Dich fürchten!” — „Wie
werde ich, Geliebter, mich fürchten,
wenn Du, Geliebter, bift bei mir?“*)
— Mie edel da jcheint der Mond
(offenbar ift das Wort hell bier ent:
ftellt zu edel), wie leije reiten die
Tobten (der Reim belle : jhnelle
wird förmlich vermieden). Sie reiten
bin zur Kirche, wohl auf den grünen
Friedhof. So fpricht der Geliebte:
„Rüde, rüde, Marmorftein, jpalte dich,
ipalte dich kohlſchwarze Erbe (klieb dih,
klieb dih, kolsbarzen werde!), Ber:
ſchlinge, du Erbe die Todten, laß’
die Lebendigen bleiben“. — Als herum
efommen ber Morgen: feine
ih an ben Xert der Ballade jelbft | Sprache hat fie nicht verftanden, einen
nicht gelangen kann.” Bekanntlich find | Menjchen hat fie nicht gekannt.
Sie
dieſe Verſe die Veranlaſſung geweſen |ift zurüdgegangen (vom Grabe fort)
zu jeiner Zenore.
fieben ganze Jahr’, fieben ganze Jahr’
Das Lied aber war verloren. Es und drei Tage!”
mag im hohen Norden bejonbers ver-
breitet gemwejen fein, da es jelbft in
* Die Dienftmagd Ehriftine, von der
einer däniſchen Volksweiſe durchklingt. | Bürger jene Verſe gehört, wußte aud noch
Merkwürbiger Weiſe folte ich das
überall Vergeſſene in Gottſchee voll-
fänbig erhalten finden. Es ift dort
die folgenden Reden anzugeben: „Braut Lieb-
hen auch?“ „Wie follte mir denn grauen,
ih bin ja bei Dir!" Was nun überrafchend
mit Obigem übereinftimmt,
‚ Meer.
752
(Diefer Schluß ftimmt am meiften
überein mit dem des ähnlichen däni-
ſchen Liede® von Nage und Elfe
Madern.) (Die Jungfrau jchaute die
Sternlein an, in's Grab verſank der
Tobte. Gar nimmer fie ihn fah. Heim
fuhr über Meer. Wie fie aber hin-
über gefommen, dort grüßen fie fie
und halfen fie fie und füllen fie die
Meererin, die fchöne, die junge
Meererin.
Sollte eine ſolche Webereinftim-
ging die Jungfrau; danah am Mo⸗— mung mit ber Gudrun ganz zufällig
nat3tage lag fie im ſchwarzen Grund.) |fein? — — Wir müflen dabei nur
Eine Ballade, die in Gottjchee
gefungen wird, erinnert ſogar an die
25. bis 30. Noentiure der Gubrun.
Dort wird befanntlih erzählt, daß
am frühen Morgen Gudrun an's Meer
gehen muß, um Wäſche zu machen.
Da erblidt fie zwei Männer in einer
Barke. Einer der Männer bietet ihnen
guten Morgen. Das brauchten fie
wohl, denn guten Morgen, guten
Abend Hatten fie felten. Da zeigt der:
jelbe Mann feinen Ring, woran Gu-
drun ihren Bräutigam erkennt. Sie
hatte fih früher verleugnet, jeßt
gab fie fich zu erkennen. Nach dieſem
Auftritt mil Gudrun nicht mehr
waſchen und wirft die Wäſche in’s
Darauf wird die Burg von
Gudruns Freunden erobert und fie
heimgebradt. Da wurde fie von ihrer
Mutter empfangen, die fie und ihre
Begleitung küßte. Die Ballade von
Gottſchee jagt:
Wie früh ift auf die Meeran-
wohnerin, die ſchöne junge Meererin!
Sie fteht früh auf und geht wajchen
bie weiße Wäſche. Auf dem Meere
ſchwimmt ein Schifflein Klein, brin
figen zmween junge Herren. „Guten
Morgen du ſchöne Meererin!” „Schön
Dank ihr junge Herren, gute Morgen
babe ich wenig!” Er zieht einen Ring
vom Finger. „Nimm hin, du jchöne
Meererin!” — „Ih bin nicht bie
ſchöne Meererin, ich bin ja bie Win-
delwäjcherin !* *)
Da festen fie ſich auf's Schiff und
fuhren ab: „Du biſt doch die jchöne
Meererin, die ſchöne junge Meererin.”
Sie nahm ein Tuch in die Hand und
*) Gudrun fagt Str. 1294 ich bin ein
armin wesche.
das Eine beflagen, daß die Gottfcheer
Ballade fo kurz ift.
Eine eigenthümlihde Wendung
nimmt in Gottjchee im PVergleih zu
befannten ähnlichen Liedern ein Lied
vom Kukuk. Der Kukuk im deutſchen
Volksliede ift der Frühlingsbote, aber
auch das Bild des Undanks und ber
Treulofigfeit in der Liebe.
Ein ſiebenbürg.-ſächſ. Volkslied
beginnt (übereinjtimmend mit befannten
verbreiteten Kukuksliedern Uhland's):
Ein Kukuk ſaß auf dem Zaun
und wurde naß. Er ſpreitet die
Flügel aus und fliegt an der ſchönen
Goldſchmiedstochter Fenſter. Sie ſagt:
„Biſt du der junge Ehgeſell, der mich
vielleicht verſuchen will? Du haſt es
ſchon mit mancher verſucht und dann
dein Geſpött getrieben!“
In andern Kukukslieden wird er—
ſichtlich, daß der urſprüngliche Ge—
dankengang der war: Der Treuloſe
hat die Geliebte durch ſeine Untreue
verletzt. Sie hat ihm daher aufge—
kündigt, aber mit Schmerzen, denn ſie
liebt ihn noch. Wohl ſagt ſie, daß
ſie einen andern liebt, aber nur aus
Erbitterung gegen ihn. Indem er ſie,
ohne viel Kummer, verläßt, hört er
ſie noch weinen. — Im Liede aus
Gottſchee macht es ſich nun faſt drollig,
daß der Flatterhafte ernſtlich geſtraft
wird und nun, ein zweiter Toggen—
burg, ſein Leben aushaucht. Die
Gottſcheerinnen necken und mahnen
ihre in der Fremde umgetriebenen
Männer damit. Der treuloſe Kukuk
kommt zur Geliebten. Sie bereitet ſich
zur Hochzeit. Sie will von ihm nichts
mehr wiſſen. Sie heiratet ihren
nächſten Nachbar. „Wie traurig war
da der Kukuk! — Er fliegt zurück.
753
Am Wege fteht ein Heujchober.
jegt fih darauf. Wie traurig war
der Kufuf! „OD Liebe, liebe, liebe
mein!” jo fingt er und ift tobt. Und
feit der Zeit kukukt fein Kukuk mehr,
jobald er den erften Heufchober er:
blidt. —
Das ſchönſte Lieb aber, das ich
in Gottſchee fingen hörte, ift mohl
das Lied von-der braven Stief
mutter. Ich will es in getreuer
Veberfegung geben: *)
Wie früh ift auf Fein Kohndirnlein,
Sie gebt zur Frau, zur Hauswirthin:
„Ei, Hauswirthin, ihr liebe mein,
Welch jeltfamer Traum ift mir gekommen !
Wer mir ihn wohl auslegen kann ?
gwo Sonnen**) gingen mir morgens auf,
Und vor euerm Fenſter ein Fähnlein ſtund.“
Die Frau:
„Klein ohndirnlein, du liebes mein,
Den Traum leg ich dir jelber aus:
Ich werde ſchwer erfranfen bald,
Erfranten bald und fterben bald.
Du wirft heiraten meinen jungen Gemahl;
Ich werde verlaffen meine Waislein Hein. —
O mad’ mit den Waislein was gütlid ift:
Was gütlih und was menſchlich ift:
Wenn du deinen wirft geben das weiße Brot,
Gib meinen aud, wenn aud nur fchiwarzes
Brot.
Wenn du deinen wirft geben den rothen Mein,
Gib meinen aud, wenn auch nur Waſſer fühl.
Wenn deinen du betteft das Federbett,
So bette aud meinen, wenn aud mur
Stroh!“
Erfrantet ift die Hauswirthin,
Geftorben ift die Hauswirthin.
Das Dirnlein befam den jungen Gemahl. —
— Es hat getban was gütlich ift,
Was gütlid und was menfhlid ift: —
Den Waislein gab fie das weiße Brot,
Den eig'nen Kindern das ſchwarze Brot;
Den Waislein gab fie den rothen Wein,
Den eig'nen gab fie das fühle Wafler;
Den Waisleim fie bettet das Federbett,
Den ihren bettete fie mit Stroh.
) Ich habe es bereits in erneuter Ge-
ftalt im Februarheft des ‚„‚Deimgarten‘‘ mitge-
theilt.
+"), Ich börte fingen drei Sonnen,
glaube aber, daß die Stelle wie oben zu
ändern fein wird in zwo Sonnen. Sie
jollen ja die Nivalität zwiſchen dem Lohn—
dirnlein, der Nebenfonne und der Hauswirthin
vorbedeuten.
Rofeggers „Heimgarten'* 10, Heft,
Er | Da fpricht der fhöne Hauswirth fo:
„Meine Hauswirthin, du liebe mein!
Was gibft Du den Kindern nicht allen gleich ?"
„Rur fo, mein lieber Sauswirth jung.
Deine erfte Frau, die fprach zu mir:
Id foll nur thun was gütlich ift,
Was gütlih und was menſchlich ift.‘
Sit bier dem fittlichen Adel der
Geſinnung nicht der jchlichtefte und bes:
halb vielleicht gerade auch der ergrei-
fendfte Ausdrud geliehen?
Die im Traum gejehene Neben:
fonne deutet wohl an, baß der Hausfrau
eine Nivalin gegenüber getreten jei.
Da man die Gräber in Krain mit
Fahnen ſchmückt, jo deutet die Fahne
auf den Tod.
Eine ganze Reihe von Liedern auf
heilige Perfonen in echt volfSmäßiger
Form hört man in Gottjchee, die recht
geeignet find zu zeigen, wie auch jolche
Stoffe, die dem Volksleben urjprünglich
fremd find, von der Volksdichtung auf:
genommen und verarbeitet werden.
So auf die heilige Barbara, auf die
heilige Regina, auf die Heiligen:
Martin, Paulus und Stephan.
Auch Hier wird man oft über:
raſcht von fittlich erhebenden Zügen.
Der heil. Stephan ijt gejteinigt worden
und liegt im Sterben. Da kommen
jeine Angehörigen und fragen Alle:
wen er feine Güter vermaht? Da
fommt jeine Geliebte. Sie fragt nichts
als: welde Wunden ihn am meiften
jhmerzen? Da fagt Stephan: Du,
die mich nichts gefragt, als melde
Wunden mich am meiften jchmerzen,
Du follft meine Güter erben, thrile
fie mit der Jungfrau Maria.
Die Ihönften Lieber darunter find
aber die auf Maria und ihren Sohn,
obwohl man immer nur Bruchftüde,
einzelne Strophen, hört. 3. B.:
„In der ganzen Welt ift fein
Mölklein nicht, vom Himmel fallet
fühler Thau. Es iſt nicht der fühle
Thau, es find Maria's Thränelein.
Sie weint um Jeſus, ſie pflückt
Blumen, um das Kreuz zu ſchmücken.“
— „Als Jeſus zog über das ebne Feld
43
754
(wohl als er das Kreuz trug), fiel
auf die Erde ein Schweißtröpflein.
Daraus erwuchs ein Weizenftämmlein.
Als er zog über fteilen Pfad, da ift
gefallen ein Blutströpflein. Daraus
erwuchs ein Weinreblein. Keine Mefje
kann gelejen werden, es jei denn da—
bei Weizenbrot und fühler Wein.“
Es find nur Bruchftüde, einzelne
Züge der Gejhichte von Jeſus und
Maria, die jo bejungen werben.
8. B.: „Es wird Naht, die Mutter
ift voll Angit, daß Jeſus nicht heim:
fommt. Da Elopft er an und fommt.
„Mit Linker Hand madt fie auf die
Thür, mit rechter Hand umarmt fie
ihn I” — Oder: „Wohl dort auf grüner
Alm geht der Morgenftern auf, unten
figt Maria, unfere liebe Frau. Sie
geht vor Johannes Haus, der erzählt
ihr: Jeſus fei gefangen, gebunden,
gegeißelt und gefreuzigt !“ — In einem
andern Liede erhält fie einen Brief,
daß fie ihren Sohn verloren habe.
Sie geht nah Jerufalem und findet
ihn an's Kreuz gejchlagen. Er fragt
fie: warum fie weinet. „Wie joll ic
nicht weinen bitterlih, wo ich fließen
jehe Jeſu Blut?“
Man fieht aus all’ den Bruch—
ftüden, daß dieſe heiligen Lieber jekt
außer allem näheren Zujammenhang
fteh'n mit der gejchriebenen Literatur,
fie find ganz Volkseigenthum und
werben nicht durch den Unterricht der
Schule, jondern außerhalb der Schule
von Mund zu Mund fortgepflangt.
Doch ich will den Ereigniffen des
täglichen Lebens, dem Volksleben, näher
treten. Wie überall beim Volke, fo ift
auch in Gottjchee die Wehrpflicht ein
Gegenftand des Kummers. Ein rei:
zendes Lied wird gejungen unter dem
Namen: Wenn die Buben in’s Heer
müſſen. — Das Lied lautet: „Es
ift heut ein Schreiben gekommen, daß
die jungen Buben in's Heer müſſen
gehn. Es hatte einer eine ſchöne Ge:
liebte, die wollte mit ihm gehn. „So
bleib du nur daheim, bleib daheim!“
„Wo wirft du, Liebe, nur dann hin—
gehn, wenn ich in's Feuer muß gehn?“
„Wenn du in’3 Feuer wirft gehn, an der
Seite werb’ ih bir ftehn.” — „Wo
wirft du, Liebe, nur dann bingehn,
wenn mich die Kugel wird treffen?“
— „Wenn did, Lieber, die Kugel
wird treffen, da wird mir das Herz
zerjpringen! — „Wo wirft du, Liebe,
nur dann hingehn, wenn ich da Liege,
gefallen?” — „Wenn bu aud wirft
jein gefallen, wird doc mir fein
andrer gefallen.” — „Dod dann, wo
wirft du dann hingehn, wenn bie
Trommeln zum Grab mich begleiten ?“
— „Wenn die Trommeln zum Grab
dich begleiten, werden Gloden zum
Grabe mir läuten.” —
Neih an poetiihen Bräuden
und Sprüden ſind die Hood:
zeiten. — Am Donnerdtag vor ber
Hochzeit ſchon, oder am Worabend,
fommen die Gejpielen der Braut zu
ihr, zum Kränzlein binden. Auch
der Bräutigam mit jeinen Gejellen
erjcheint womöglih zu Pferde. Jeder
ber Gejellen befommt von der Braut
ein Blumenfträußlein, was zugleich ala
Einladung zur Hochzeit gilt. Braut
und Bräutigam erhalten Kränze. Da:
bei wird ein halb ſchalkhaft, Halb
wehmüthiges Lieb gefungen: „Heute
war ein Aungfräulein fröhlich, jo
fröhlich wird fie nie mehr fein! Wohl
fann fie noch fröhlich werden — aber,
da ift fie fein Mägdlein mehr!” u. |. f.
Wenn der Bräutigam die Braut
abholt, in früherer Zeit immer zu
Pferde (mobei fie fich Hinter ihn auf’s
Pferd jegen mußte), da muß fie von
der Mutter Abſchied nehmen und fingt:
„So behüt Euch Gott, Mutter liebe
mein, ich jeh Euch heut und nimmer:
mehr” — u. ſ. f.
Nah alter Sitte verlangt fie noch
einmal in ber Mutter Schrank zu
jehen,, fie habe etwas vergeſſen. Das
gejtattet die Mutter nicht. Damit ift
angebeutet, daß fie jet hier nichts
mehr zu jchaffen, daß fie ihre eigene
— „Ich bleibe nicht, ich geh mit Dir.“ — | Heimat, ihren eigenen Schrank Hat.
755
Indem fie auf das Pferb fi
Ihwingt und mit dem Geliebten da—
binreitet fingt man ihr nad:
Sie ift aufgefeflen und hat geſchluchzt;
Sie ift dahin geritten und hat gejauchzt !
Früher war e8 Sitte, daß man
der Braut, jobald fie zu Pferde ſaß,
einen Trunf Wein reichte; fie trant
dem Bräutigam zu und warf dann
den Krug hinterwärts über den Kopf.
Auf dem Wege nad) des Bräutigams
Haus, wird vom Hochzeitögeleite Brot
ausgeworfen. Bor des Bräutigams
Haus wird ihr der Eintritt fcherzhaft
verweigert und fie muß gewiſſe Be:
dingungen eingehen, bevor man, fie ein=
läßt. Da tritt ihr die Schwieger:
mutter wieder mit einem Becher
Weins entgegen, in den fie einen
Dukaten wirft, zum Willtomm.
In des Bräutigams Haus ift der
Hochzeitſchmaus. Hier fehlt es nun
auch an einem Ruftigmacher nicht, der
zugleih Geremonienmeifter ift, bie
Geiger und Spielleute befehligt und
die Hochzeitgefchente für die Braut
mit ſcherzhaften Sprüchen und Bräuchen
einfammelt.
Merkwürdig ift nun, daß man in
der höchſten Freude des Hochzeitjubels
an manden Orten in Gottjchee das
Bebürfniß hat, an den Tod und an
bie Tobten zu benfen, ſowie bei ben
Siebenbürger Sachſen und in Ungarn
hin und wieder Todtentänze bei Hoch:
zeiten aufgeführt werben.
Mit ganz eigener trauriger Stimme
fingt ein Chor nad) dem Hochzeit:
ſchmauſe das Lied derabgeidie
denen Seelen und dann das
Lieb vom Sterben, in dem ge
jungen wird, wie es fein wird, wenn
wir fterben; wobei natürlich Jedes an
feine lieben Todten denkt, dann an
ben eigenen Tod unb nun der Aus:
bruch der Wehmuth fich in einem all:
gemeinen Meinen und Jammern fund:
gibt. — Die abgefchiedenen Seelen
fingen : „Ich habe dort gelafjen Vater,
Mutter, Bruber, Schweiter. Sie ge-
denken meiner nicht. Ich habe bort
gelafjfen Freunde und Freundinnen,
fie gedenfen meiner nit. Niemand
benfet, niemand weiß es, was bie
armen Seelen Sehnjudht leiden müſſen.“
— Die Lebenden aber fingen, wie es
jein wird, wenn fie jterben werben:
„Meine Augen fi verfinftern, fie
fönnen die Welt nicht mehr jehen.
Dann wird man mid in ben Sarg
legen und auf den grünen Friebhof
tragen! Dort werd’ ich jchlafen jo,
jo ſüß!“ — Dort ſcharrt man mid)
ein und läßt mich allein draußen Liegen.
Gleichſam: „Ruhe du nur in küler Erbe,
bas ift ja das Ziel deines Lebens!” —
Ich will hier fließen. Ich hätte
freilih noch Mancherlei mitzutheilen,
ſowohl Lieder, Kinderreime, al3 Manz:
ches über Sitten und Bräuche und
— bejonders anziehende Mythen und
Sagen. Doch glaube ih auch mit
dem Mitgetheilten jchon gezeigt zu
haben, wie reich das arme, wenig
befannte Ländchen Gottjchee, do an
geiftigen Gütern, an innerem Leben ift.
Ich glaube ſchon, diefe Wahrnehmung
muß ung freundlich ftimmen für die Be:
völferung dieſes Ländchens. Es ijt
in der That ein tüchtiges, begabtes
und wenn man es daheim kennen lernt,
höchſt liebenswürdig erſcheinendes Voll.
Ich muß geſtehen, daß ich etwas wie
Scham fühlte, wenn ich hörte, wie da—
heim die Gottſcheer erzählen, wie ſie,
wenn ſie auf Reiſen find, behandelt
werden. Wie man ed wißig findet,
fih in den Wirthshäufern, wo fie ihre
Waaren feilbieten, mit ihnen trodene
Späße zu erlauben, wie man ihrer
überall fpottet ohne allen Grund
und wie man fie oft im vorhinein
als Betrüger und unreblihe Men
Ihen anſchnaubt. — „Wohl“ jagte
ein alter Gottjcheer, „wohl kann es
ſchon gejchehen daß einer draußen in
der Fremde ein rechter Lump wird!
Aber, dad hat die Fremde auf dem
Gewiſſen. Ron Haufe aus ift ber
Gottſcheer meiftentheil® ein bejchei-
dener, friedliher und ein rechtſchaf—
48°
756
fener Menſch!“ — Die Ehrlichkeit in |
Gottſchee ift am Beften bezeichnet aus
folgendem Zug. In dem großen Gaft:
hauje „zur Poſt“ befindet ſich, wie ich
bereit8 bemerkte, im erjten Stodwerfe
eine lange Reihe von Gajtzimmern,
deren eines ich bewohnte. Alle dieje
Zimmer konnten nicht zugejperrt werden.
Ich fragte einmal die Wirthin barüber
und fie jagte: „it ja das Haus:
thor bei Nacht auch nicht zu! Mein
eigened Zimmer ift nie gejchloffen und,
da jeh'n Sie her, nit einmal mein
Geldſchrank!“ Damit öffnete fie den-
jelben und ich jah, daß er nicht Leer
war (fie war eine reiche Frau). „Zn
Gottſchee fällt e8 Niemandem ein, die
Thüren zu jperren; ift auch nicht
nöthig!“ — Ich muß geftehen, daß
ich, ſeit ich in Gottſchee war, mir die
armen Jungen ſelbſt, die hier Kaſta—
nien verkaufen — es ſind durchaus
Gottſcheer und zwar die allerärmſten
— mit ganz andern Augen nſehe als
früher. Ich rede auch gerne mit ihnen.
Sie freuen ſich außerordentlich, wenn
ſie ſehen, daß man ihr Land kennt und
wenn man menſchlich freundlich zu
ihnen ſpricht.
Wie verhält es fi nun aber mit
den Ergebnifjen meiner Neije in Be:
zug auf die Fragen, die ich im Ein:
gang angeregt? it Gottjchee jenes
alte Gutzeka? Sind die Gottjcheer
Nachkommen der VBandalen, der Gu-
dusfaner?
Diefe Annahmen von Zeuß find
bei meinem Beſuche wohl wie ein
Nebel zerfloffen und ich fonnte bald
auf die angeregten Fragen bejtimmte
Antwort geben.
Die Mundart, die in Gottjchee ge:
ſprochen wird, iſt für den, der ſie das
erſte Mal hört, auch wenn er mit den
Mundarten, die ihr am nächſten ver—
wandt find, vertraut ift, jchwer zu
verftehen. Sie enthält aud) alterthüm:
lihe Züge, aber nichts, das über
den Spradjftand unjerer hochdeutſchen
Mundarten hinausreichte, nichts, das an
Alterthümlichkeit die befannten
Entwidlungsjtadien der hochdeut—
ſchen Sprache überträfe, ja ber
Stand der Laute, der Flerion, des
Wortſchatzes gehört jogar, der Haupt:
jahe nad, der neueiten Periode der
hochdeutſchen Spradbildung an.
Die alte Stadt Gutzeka lag
viel weiter ſüdlich als Gottſchee, ſüdlich
ber Kulpa, wo das jetzige Dtocaz liegt,
die Gudusfaner waren ein Bolt,
das gleichfalls fühlih der Kulpa zu
juchen ift. Das Ländchen Gottjchee, nörb-
li der Kulpa, war aber nody im 14.
Jahrhundert ein Urwald, eine un:
bewohnbare Wildniß, bie erft,
wie eine Urkunde deutlich bejagt,
furz vor dem Jahre 1360 von Deut:
ſchen bevölfert worden ift.
Vandalen habe ich demnach nicht
gefunden. Was ich fand, war ein
armes deutſches Völkchen, ähnlich den
Bewohnern der sette und tredici
comuni in Stalien, ein Splitter des
großen deutſchen Volkes — in ber
Fremde. — Manche ſolche deutjche
Sprachinſel in der Fremde ift ſchon
erloſchen. In Gottjchee jelbit jah es
1867 aus, als ob auch dieſes Länd—
hen entnationalifirt werben jollte.
Ale Schulen bemühten fich, alle
Pfarrer und Kapläne, mit Ausnahme
von dreien, waren bejtrebt — zu ſlo—
venifiren. — Seitdem iſt e8 etwas
befjer geworden. Ein deutjches Real:
gymnafium ift in Gottjchee errichtet
worden, auf den Wunſch ber Bevöl—
ferung und es fcheint damit ein Ed:
ftein gewonnen, an dem bie nationale
Ueberfluthung fich Hoffentlich brechen
wird.
Im Hinblid auf die Volkslieder
in Gottſchee ergibt fi aber eine
anjprechende Vermutung, Da fie
doch unverfennbaren Zuſammenhang
zeigen mit der allgemein deutſchen
Balladendichtung, da ſie andererſeits
doch wieder in der Form viel mehr
als die anderer Gegenden abweichen
von den bekannten Texten der Bal—
laden Deutſchlands, ſo daß ein noch
jetzt fortdauernder Liederaustauſch und
757
Verkehr mit Deutichland nicht er:
fihtlich ift, fo drängt fich bie Frage
auf: Haben die Gotticheer dieſe
Lieder bei Ihrer Einwanbernng, d. i.
vor dem Jahre 1360 mitgebracht? —
Dies ift nun wohl nicht denkbar,
wenigftend von der Mehrzahl nicht.
Bon den meiften diefer Balladen find
wir nicht berechtigt, ein höheres Alter
ihrer Entftehung anzunehmen als das
16., höchſtens das 15. Jahrhundert.
In dieſer Zeit aber, im 15. und 16.
Jahrhundert, war das deutſche Ele—
ment, ſowie in und um bie sette und
tredici comuni und in Sübtirol, fo
auch in Krain, noch ftärfer an Zahl,
fo daß ein reger Verkehr dieſer deut:
fhen Sporaden untereinander und mit
Deutihland noch, ja theilmeife- ein un:
unterbrochener Zufammenhang ſtatt⸗
fand, der feit der Zeit, bei dem nu—
merifhen Schwinben ber Deutſchen,
immer mehr aufgehört hat. — So
erflärt fih das Näthiel, daß das
deutſche Volkslied in Gottichee zum
Theil in auffallend entfrembeter und
alterthümlicher Form auftritt, und daß
Gottſchee doch deutſche Volkslieder be-
fit, die gewiß nicht alle fo alt find,
daß fie fhon bei der Einwanderung
ber Bevölkerung von Gotifchee mit:
gebracht fein könnten. Auch fie find
ein Zeugniß für den Rückgang des
deutichen Einfluffes im Süden, bas
unfere Theilnahme für Gottjchee nur
erhöhen fann.
Ich fürchte nicht mehr, daß das
Völklein untergehen wird; im Gegen:
theil wirb e8 bei gutem Schulunter:
zunehmen, fjowieman überhaupt
die culturgefhidtlide Be
deutung der deutſchen Spo—
raden in Defterreih gemiß
immer mehr erfennen wird!
Vieleicht darf ich hoffen, auch mit
diefer Mittheilung einige Theilnahme
erwedt zu haben für das Ländchen
Gottſchee. — Das ift ja die ſchönſte
Seite der Studien, die da3 Volks.
[eben und die Volksſprache zum Ge—
genftande haben, daß fie bie Liebe
zum Bolfe wecken. Volksſchullehrer,
die mit Bildungsſtolz herabjehen auf
Sprade und Sitte des Volkes, deſſen
Kinder fie unterrichten, wirken nicht
glücklich ; Fobald ihre Theilnahme aber
für diefe Dinge geweckt ift, ſobald fie
gewahr werben, daß auch in ben Herzen
ber fogenannten Ungebildeten die Götter
wohnen, werben fie die Tiebevolliten
— und ihr Unterricht wird frucht—
ar.
Wir achten die armen Handel
treibenden Gotticheer gewöhnlich bei:
nahe ben Bettlern gleich; fie find es
nicht. Sie find äußerft betriebfam und
Iparfam und tradhten unermübdet zu
erwerben: um zur Shumittenzeit
etwas heimbringen zu können in ihr
armes Land. Dort aber fieht man fie
wahrhaftig nicht mit Verachtung an!
Mit hellem Jauchzen werben fie
von den entgegenfommenden Meibern
und Mädchen in Empfang genommen !
— Und wenn bei ihren Feften daheim
jene alten Balladen gefungen werben,
von denen wir einige kennen lernten,
da ift ihre Seele erhoben und vergeſſen
richt fih Heben; und auch die Theil: find alle Beſchwerden, die fie in ber
nahme für basjelbe wird hoffentlich | Fremde erlitten.
758
Wiener Dorltadt: Figuren.
Bon Friedrich Schlögl.
L
Der ſchönſte Mann am Grund.
Ih bitte nicht zu lachen. Der
Mann hält fih wirklich für den
„ſchönſten Mann“ im ganzen Be:
zirk und wird in feinem unjchädlichen
am Tajo und am Sudan; Norb und
Süd zeitigt fie und das Auge bes
Meibes hängt in glühender Sinnesluſt
an ben herrlichen Geftalten, ob biefe
von blendend weißem ober Ebenholz-
teint, ob fie von Theer und Thran
triefen ober nad Roſenöl buften, ob
Dogma noch alltäglich und allftündlich | fie blond gelodt, oder wollig gefrauft,
fogar beftärft von den Berficherungen | ob fie tätomirt und mit Nafenringen
gläubigfter Seelen, und zwar am
meiften und von niemand Geringerem
als — von der „Seinigen“ jelbit.
„Is das a Mann! was? ber fchönfte
Mann am Grund, babei bleib i!“
ruft fie im ftolgen Bewußtſein bes
Beſitzes, wenn er das Haus verläßt,
mit wuchtigen Schritten durch bie
Gaſſe marſchirt, fih an ber Ede um:
wendet und mit einer loyalen Hand:
bewegung jein Weib, das ihm am
offenen Fenfter freubetrunfen nachfieht,
zum Abſchiede lächelnd grüßt. „Sit
da3 a Mann!” Nah allen Fenftern
blidt fie, um Zeuginnen und Neiderinnen
ihre8 Glüdes zu fehen, aber man
fümmert fih nicht um fie und nicht
um ihn, und jo jchließt fie denn endlich
jelbft ihr Obfervatorium und geht an
ihre häusliche Arbeit, nicht ohne feiner
mit jehnfüchtigen Seufzern gebenfend,
der nun, das Stäbchen in der Rechten
nachläſſig ſchwingend und mit ber
Linken einen derb geſchnitzten Cigarren:
jpig zwifchen ben Lippen haltend, den
Hut etwas ſchief in die Stirne gebrüdt
und bebeutfame Blide nad) allen Seiten
werfend, in gravitätiicher Ruhe feinen
Dienftespflichten entgegen wandelt. Wie
glücklich doch diefes Pärchen! ...
Nun gibt’3 an „Ihönen Männern”
eigentlih mohl
geihmüdt oder mit einem ſchmucken
Schnurbärtchen geziert, ob fie als
elaftiihe Athleten oder als robufte
Holzknechte, als graziöfe Operntänger,
oder als plumpe Laftträger, als
wohlfrifirte Ladenſchwengel oder als
zottige Ligeuner „in bie Er:
ſcheinung treten“, ein Herz und auch
öfter noch mehr, und mehr als zur
Genüge erfreuen fie doch und bie factifche
Eigenthümerin dieſes „Schatzes“, diejes
Racen- und landesüblichen Ideals,
dieſes relativen Adonis iſt ſtolz auf
ihren Beſitz, denn ber Betreffende iſt
nach den reſpectiven Begriffen und
Geſchmacksrichtungen der Urtheilsbe—
rechtigten der — ſchönſte Mann nicht
nur im eigenen Gau, ſondern auf
dem ganzen Erdenrund. Aber unſer
Mann iſt doch noch ſchöner, er iſt der
ſchönſte und ſein Weib deshalb das
ſtolzeſte.
Wie das kommt? Beide ſind ein—
fache Menſchen, die ſich nicht nur gegen:
feitig genügen, fondern die — Eines
auf das Andere — jogar eitel find.
Sie erflärte ihn für den fchönften
Mann und er jhäkt fie deshalb, weil
fie ihm zu ſchätzen und zu würbigen
wußte. So find Beide glüdlid. Er
ift fein vornehmer Herr, er bemwegt
nie und nirgends ſich vielmehr in fehr beſcheidenen Ver:
Mangel. Sie wachſen und gedeihen | hältniffen: er ift vielleicht Amtsbote
759
ober Buchführer in einem mittleren
Geihäftshaufe, diente früher als Cor:
poral ober Feldwebel, oder bei ber
Hofburgwahe und ehelichte nad er:
baltenem Abſchiede feine Kathi, obwohl
ein halbes Hundert vermöglicher Witwen
nach feinen vertraulichen Geftänbniffen
ihre Netze nach ihm ausgemworfen. Er
ift alfo fein ſtädtiſcher Modeged, wie
folde das Pflafter der Promenaden
abtreten, nach dem letzten Mufter ge:
Heivet und ihre Unwiderſtehlichkeit
auf Tritt und Schritt verfünbend.
Unfer Mann ift das directe Gegentheil
diefer Zierpuppen; von ferniger aber
gebrungener Geſtalt, ift feine Toilette
die unvortheilhaftefte, die fich denken
läßt. Er kleidet fich nämlich nicht nad)
feiner Wahl, fondern überläßt bie
Sorge für feine Hülle feiner Gattin.
Die pugt und ſchmückt ihn nad) ihrem
Gejhmade. Sie fauft ihm Cravatten,
die ihm nicht paffen und erkieſt Hojen-
und Weftenftoffe, die jchon des Teufels,
die aber ihr gefallen. Ihr unterthan
in allen Dingen, läßt er mit fi
geſchehen, wie es ihr beliebt und es
belieben ihr bie närrijcheften Dinge.
Geftern ging er durch die Gaffe mit
einem helbraunen Gehrod, einer jemmel-
farbenen Hofe, einer rothgeftreiften
Sammtmwefte und einer kornblumen—
blauen Seibencravatte. Es war fein
neues Pfingftgewand, daß fie ihm be:
forgte. Das Beinkleid war zum Zer—
plagen und ich befürchtete das Aergſte,
wenn er das nie fo ftramm nad
der Seite fchleuberte, denn er hält
noch immer den Paradefchritt, der fie
einft gefangen nahm. Sie regalirte ihn
zu feinem Namenstage einem monftröfen
Siegeltinge, zu feinem Geburtstage
mit einer riefigen Erbjengolbfette, zu
Weihnachten mit grellgeblümten Sad-
tühern und zu Neujahr mit einer
Bufennadel, Wafhington vorftellend,
welchen fie für Radetzky bielt. Sie
fauft ihm für die Winterfaifon einen
ftarf gejchweiften Eylinder und für Die
Sommerperiode einen nedifch geformten
ichwefelgelben Strohhut. Sie leidet
ihn vom Fuße bi zum Kopfe, benn
ihm fehlt, der an das „Monturfaſſen“
gewöhnt, das Verftänbniß zum und
beim Einfaufe, und fo geftattet er auch,
nach alter militärischer Gewohnheit, daß
bei Ausflügen oder fonftigen Saturnalien
die „Caſſe“ von ihr geführt mwerbe.
Glaubt man, daß der Mann „unter
dem Pantoffel” jei? Mit nichten. Ihm
ift dDiefe Art und Weife bequem und
die fcheinbare Abhängigkeit ift viel
eher ein Ausfluß ber Souverainetät,
die fih um berlei Lappalien nicht
fümmert und zur Austragung folcher
Kleinigkeiten — bie verantwortliche
Minifterin hat. Denn fie ift verantwort:
(ih für jeden Kreuzer und betaillirt
das gemeinjame Budget mit buch—
balterijcher Genauigkeit. Dagegen macht
fein Vertrauen und feine Gefügigfeit
ihr ben ſchönen Mann noch viel theurer.
Und er ift ſchön. Breite Schultern,
bligende Augen, von buſchigen Brauen
befchattet, eine grimmige Adlernaſe,
ein aufrechtgedrehter ſtachlicher Schnur:
und ein dichter Badenbart, zwei Zoll
vom Obrläppchen, und diejed mit einer
Linfe geſchmückt — geben dem Manne
ein martialifches Air, Sie fieht es und
fühlt e8, und er weiß ed. Und er
weiß noch mehr. Er weiß, daß ſämmt—
lihe Weiber mit b>gehrlichen Augen
nah ihm bliden; er weiß, daß, falls
es ihn gelüftete, er Unheil in allen
Ehen anftiften könnte; er weiß, daß
alle Männer auf ihn eiferfüchtig, daß
alle Bäter vor ihm zittern, daß er nur
verjtohlen blinzeln dürfte und Tags
darauf ein Schodf Briefe ihm heimlich
zugeftedt würde. Mber er lächelt zu
zu all’ diefen Dummheiten, er beruhigt
jein Weib, wenn diefes angftooll zu
ihm emporfchaut und ihn prüft, wohin
feine Augen gerichtet; er beſchwichtigt
mit einem hingeworfenen Wort bie
Beforgte und ſchwört ihr, daß er Alle
jammt und fonder8 — veradtet. Wie
glüdlich fie da8 macht! der jchönfte
Mann!...
Einft war's allerdingd anders. Ya
einft! Wenn er jo in’ Erzählen kommt
760
und den Tiſchnachbarn al’ die un:
zähligen Aventüren berichtet, wobei fein
Weib, Brodfügelchen ſeufzend drehend,
mit dem Kopfe bejahend nidt, ba ver:
geht Einem freilih Hören und Sehen.
Nirgends Ruhe! Auf dem Poften fogar
zwinferte man ihm zu. Drei: bis vier:
ſtöckige Hausfrauen, Gräfinnen und
Fürftinnen bewarben fih um feine
Gunſt — er blieb unerbittlih, bis
auf ein paar flüchtige Amourjchaften
miteiner polnischen und einer ungarischen
Comteſſe, die ihm nicht vom Leibe
gingen. Aber als er feine Kathi fand,
jagte er fie Ale zum Kukuk. „Es
ift wahr, jagt er, ih war als Burſch
nicht übel, al3 Soldat fogar ein präd-
tiger Kerl, bin jetzt noch als Mann
von — wie alt bin ich, frägt er bie
Seine — fünfundvierzig? Alfo: fünf:
undvierzig — kennt mir's wer an?
Was? Aber — das Meibergezücht
hab’ ich all’ mein Lebtag gehaft, bis
auf meine Kathi. Was, Alte?“ Wie
fie erröthet ...
Ja, ſie erröthet, obwohl ſie um
drei Jahre älter, als er. Sie erröthet
aus ſchönem Schamgefühl und aus
Freude, daß der Mann, um den einſt
ſo das „Geriß“ geweſen, doch ihr
Eigenthum geworden. Und nun fährt
ſie ihm in die Haare und richtet ihm
den Schopf in die Höhe, ſie bläſt die
Stäubchen von ſeinem Rockkragen und
die Aſche aus feinem Barthaare und
wijpelt ihm ein paar Worte in’s Ohr.
Er ſchmunzelt und läßt eine frifche
Halbe Wein und eine große Portion
Sinzertorte bringen, und — dampft
weiter, Er ſchweigt nun geraume Zeit,
in ber Erinnerung ſchwelgend und nur
in kurzen Zwiſchenpauſen einen kräf—
tigen Schluck nehmend. Dann räuſpert
er ſich, ſieht in der Runde umher und
ruft mit vernehmbarer Stimme: „Ja,
die Weiber!“
Nun lächelt fie und entgegnet ſchalk—
haft: „Gar fo ſtark auftragen, Ignaz,
darfjt aber doch nit! Wir willen fchon,
daß d’ ein ſchöner Mann bift und daß
Dih die Frauen gern g’jehn hab'n,
aber deſſentweg'n braucht d’r nit gar
jo viel einz’bilden! Weißt, Ignaz!
Haft mich g’hört?” Und fie verfegt
ihm einen kleinen Schlag auf die
Wange, worauf das eigentliche Schädern
und Lieblofen beginnt, was ihn nöthigt, -
eine neue Halbe und einen ganzen
„Engländer“ fommen zu lafjen. Dann
trinkt und dampft und ſchmunzelt er
weiter, den Badenbart fih nad vorne
ſtreichend.
Sie aber fährt, das Backwerk
zwiſchen den Zähnen zermalmend, in
ihrer Herzensergießungen luſtig fort:
„Und ſchaut er nit gut aus, mein
Mann, auf feine Jahr’? Und hab’ ich'n
nit fauber ang’legt? Steht ihm nit
Alles ganz hübſch und nett? Sep’ ein:
mal den Hut auf — ben hab’ ich ihm
erft geftern kauft — daß die G'ſell—
ſchaft fiecht, wie er d’r paßt. So!..
Wirklich feſch! Wie a Stabtherr....
nit wahr? No, da wer’n die Frauen
wieder Augen maden... a recht's
Kreuz, warn m’r fo ein’ hübfchen
Mann bat, wie m’r auf den Acht
geb’n muß... Du, ſchau nur, daß
ih D'r auf nir komm’, jonft...
Und jegt geh'n m’r! Zahl!... Jm
mitter'n Fach fein zwei Einferln..
verſtreu' nir ...“
Und ſie gehen. Sie gehen bei Tages:
liht beim, denn fie wollen von den
Leuten noch gejehen werden. Sie gehen
langfam , alle Entgegenlommenden
mufternd unb gehen immer langjamer,
je näher fie ihrem heimatlichen Bezirke
find. Sie grüßen nach rechts und links,
in der Vermuthung, daß man fie zus
erſt gegrüßt und bleiben nicht ungern
jtehen, um hier mit einem Hausmeiſter,
dort mit einem Kinde ein paar Worte
zu wechſeln, in Wahrheit aber, um
die Aufmerkfamkeit der Paffanten und
Fenſtergucker auf fich zu lenken. End:
ih ift man in der Gaſſe des Wohn:
haufes und vor biefem felbit allmälig
angelangt. Hier raftet man und blidt
nochmals grüßend nach fämmtlichen
Fenftern, obwohl fih Niemand zeigt.
So verzieht man noch einen Augen:
761
blick . . . fie ftreift den Kehricht, den aber wie Sö heut wieder ausſchau'n,
fie in der Schleppe ihres paperlgrünen | alle Zwa, das is jchon aus der Weis’!
Brautfleides mitgezerrt, ab, und er J fag’s ja, alle Tag jünger — und .
beichreibt mit dem Stäbchen ein Paar | fo nobel !” worauf beide vergnügt lächeln
Kreife im Sande oder in der Luft, und „der jchönfte Mann vom Grund“
ober dreht e3 Fofett zwifchen ben Fingern | auch mit diefem färglichen Bewunde—
und trällert einige Tacte. Bemerft rungs-Almoſen zufrieden — in ber
und bewundert fie noch Niemand ? Da | Thoreinfahrt verſchwindet. Trallerala...
erbarmt fih das Schidjal in Geftalt
eines Waſſerweibes der Ruhmbedürf—
tigen, die Frau Saubl, bie
Mieder ein glüdliher Tag dieſer
glüdlihen Leute! Mißgönnt ihnen Ye:
alte | mand dies beſcheidene Glüd? Gewiß
Schmeichlerin, die eben herbeihumpelt, | feine Seele; aber ich bitte, über fie
reißt die Augen auf und meint: „Ja, | auch nicht zu Lachen !
Aufdem Donatibern.
Ein Blick ins Land der Wenben.
.
Menſchen fliehen und Berge fuchen, | — fich intereffant zeigt und interej:
— Du gewinnft nichts. Du trägft ſant if. — Zu diefen menigen lie:
Dein MenjchenthHum in fie hinauf und | bensmwürbigen Gefellen gehört der Do:
mwunderft Di, wenn e8 Dir aus allen
Höhen herab wieder entgegenihaut.
Dort fteht ein Berg mit der lang
binwallenden Saumfchleppe feiner Wäl⸗
der und Schuttftröme; feine Bruft
ist ehern, auf feinem wolfenummehten
Scheitel ift Majeftät. Voll ftolzer, fin-
fterer Herrlichkeit ragt er aus in’s
natiberg bei Rohitſch.
Er ift lange nit 3000 Fuß hoch,
verfteht e3 aber, fich über dem Hügel:
lande her auffallend genug zu machen.
Er fhaut den Menden zu beim Kel—
tern, den Deutfchen und Ungarn bei
ihrem Felbbau, den froatifchen Schwein:
hirten und den Ffraineriihen Moor:
Land. Du haft eine Sehnfucht nad) |ftechern und den Almwirthichaften der
diefem Haupte, Du wähnft von folcher
Höhe aus Dein Herz zu laben, Dein
Auge zu jättigen an den ausgebreiteten
Schönheiten diefer Erde. Du opferft
Zeit und Mühe, Dein Ziel zu erreichen,
enblih gewinnt Du es und — bift
enttäufcht — die ftolze Höhe ift nebel-
falt und windig.
Dort fteht ein Berg, nicht hoch;
gebedt in's Grüne, wie hundert andere
Berge, hinter denen er ih am liebiten
verbergen möchte. Alles geht an ihm
vorbei, bis fich eines Tages ein Spa:
ziergänger auf ihn verirrt und entzückt
it von der Anmut und Schönheit
aller Art, die der anjpruchslofe Berg
- ihm bietet.
Und endlih ſteht bort ein Berg,
welcher — beides in ſich vereinigend
Kärntner und Oberfteirer. Dabei pielt
er mit feiner eigenen Geftalt und zeigt
jeder Gegend ein anderes Gefiht. Wer
über das Pettauerfeld hinfährt, der
fieht ho über den Weinbergen von
Murau und Neuftift einen langen,
dreihöderigen Sattel blauen — es ift
der Donatiberg. Wer in einer Buchen:
laube des Babes Sauerbrunn ruht,
dem bangt anfangs vielleicht vor ber
wilden, jchredhaft ſcharfen Spite, bie
ganz nahe dort wie ein ungeheurer
Nömerfpeer in den Himmel hineinfticht.
— 63 ift der Donatiberg. Bon bier
aus ſcheint er nachgerade unbefteigbar
zu fein. Wer die Straße von Agram
fommt, dem ftellt fich eine wilddurch—
furchte Kalfwand entgegen — es iſt
der Donatiberg. Und wer von den
762
ungarischen Drauniederungen naht, ber
wird als Borboten der Farnifchen
° Alpen einen rauhen, ſcharf emporftei-
genden Kegel vor fi jehen — ben
erften Berg mit deutijhem Namen, den
Donatiberg.
Kein Wunder, daß ſo verſchieden—
artige Reclame zahlreiche Gäſte heran—
lockt, die aber, wie das ſonſt bei Re—
clamſachen nicht immer der Fall iſt,
noch viel mehr finden, als ſie erwarten
konnten. Am Tage des Herrn Himmel:
fahrt fühlte ich den Hang, in Ermang:
[ung des Delberges auf einen andern
Berg zu fteigen, um bie Wunder Gottes
zu preifen; aber ich fand einen, ber
vorwiegend heidniſche Erinnerungen in
mir aufmwedte. In biefer Gegend aus:
gegrabene Bronzegegenftände erzählen
uns von den Kelten. Dieſe Alten
hatten auf der Höhe des Donatiberges
einen Sonnentempel erbaut, von wel:
hem jpäter die Römer nur mehr
Trümmer vorfanden. War er ber
Hertha geweiht geweſen? jener Hertha,
deren Bildniß von auserlefenen Sklaven
gereinigt wurde und wofür dieſe Skla—
ven zur Ehre der Göttin ftet3 erwürgt
worden find? Manche Denkfteine biefer
Gegend erzählen von Menjchenopfern,
die nod um die Zeit Chrifti hier ver:
übt worben find. Der Berg Donati
ift dem Gotte des Donners und Blitzes
geweiht und war das wahrfjcheinlich
auch bei den Alten. Der alte Blik:
ichleuberer hieß befanntlid Donar.
Der Berg kann Donarberg geheißen
haben. Als aber nadhher das Chriften-
thum kam, welches einen heibnifchen
Donar nicht brauchen Fonnte, hingegen
doch einen Blit: und Metterpatron
haben wollte, die Leute aber alther:
gebrachte Namen nicht mehr vergeffen
mögen, hat e8 aus dem Donar einen
Donat gemaht und gejagt, es wäre
der heilige Bifhof Donatus damit
gemeint und Donatus ſei ein großer
Schußpatron gegen böfe Wetter, Blig
und Donner. Auf der Spite bes Ber:
ges, wo einft der Sonnentempel ge:
ftanden war, haben fie dem Heiligen
ein Kirchlein gebaut. Aber was ge:
jhah? Der Blig hat dem Bligpatron
das Haus über dem Kopf angezündet.
(1740). Nichtsbeftoweniger verlor Do:
natus durch diefen Schlag an Anfehen
bei den Leuten; fie ſchoſſen Gaben zu:
fammen, bauten auf der Bergeshöhe
die Kirche wieder auf und wallfahrte-
ten eifriger denn je zu demſelben hinan.
Da ſchlug der Blik abermals ein und
zwar während einer Meſſe; 40 Per:
fonen find dabei theils getöntet, theils
geſchädigt worden. Die Gloden des
Kirchleins aber hat der Blig — mie
die Sage geht — hoch über den Ur-
wald und das Gefelfe an jene Stelle
binabgeichleudert, wo heute am Fuße
bes Donatiberge® das neue Kirchlein
fteht und wo ber vom Blige vertrie-
bene Wetterpatron von der weiten Um:
gebung hoch verehrt wird.
Der Aufitieg auf den Donati-
berg ift leicht. Zwiſchen Garten:
und Wiejenwegen, bevor man zum
eigentlihen Berg kommt, der jo mild
ausfieht, geht's noh am fteiliten.
Von der Einfattlung, die den Berg
weſtlich mit den Wotſch verbindet,
geht der Steig in neunzehn Schlan—
genwindungen durch den herrlichen
Buchenwald empor. Der Charafter
de3 Urwaldes. Die Hainbudhe, die
Eihe, der Ahorn, die Grauerle
und Stechpalme haben bier ihre Herr:
ſchaft. Die norbifhe Tanne ift fremb,
fie würde unter ben bundertfältigen
Umarmungen des Laubgehölzes erftiden.
’3 ift ein wildes Gefchleht, dieſes
Zaubholz, wenn es nicht erzogen wird,
Wie die Bäume hier wachien, fo ftehen
fie in ihren riefigen, oft abenteuer:
lichen Geftalten da; mie fie alters-
morſch zufammenbrechen, fo liegen bie
wuchtigſten Strünfe hingeworfen am
fteilen Hang. Und wenn tief unter den
Füßen des Wanderer der Wind in
den Kronen brauft, fo ift es zu hören,
wie das Toſen bed Meeres. Die
Flora des Donatiberges ift reich an
jeltenen Pflanzen, feine Bogelmwelt
eine überaus lebendige. Dort in ber
763
Buchenkrone der Sperber, auf ber
Felsfante ber Thurmfalfe, in jener
hohlen Eihe der Steinfaug, die Dohle
und die Elfter nicht weit, jogar Mei:
fter Specht, der Zimmermann, dann
die Finfen, bie Ammern, Lerchen, Meifen,
Drofieln ; der kleinwinzige Zaunfönig,
die nieblihe Grasmücke und die ge
feierte Primadonna Nachtigall. Und
das flatterhafte Volk der Wildtauben
und Walbhühner und fo fort in ben
Reihen, die den Donatiberg umſchwir—
ren, umjubeln und umfreifchen — ver:
folgend und verfolgt — die meilten
beneidet von ben Menfchen, die wenig-
ften fich ungetrübt freuend an ihrem
Bogeldajein im grünen Walde. Aber
auch ber Geologe, den wir im feinen
Forſchungen hier nicht weiter folgen
fönnen, wird bochbefriedigt von dem
merkwürdigen Berge nieberfteigen.
Auf der Höhe, wo einft der Hei-
bentempel und dann das Chriftenfirch:
lein geftanben waren, erhebt fich heute
das alpine Wahrzeichen ber Touriften-
welt, die auf drei Holzfüßen ftehende
Pyramide, gegen welche ber Blik bis-
ber noch feinen Speer gefchleubert hat.
Und von biefem 2800 Fuß hohen
Berge hat man bei günftigem Wetter
eine wunderbare, eine faft unglaubliche
Fernſicht. Man foll — wie ©. Jä—
ger behauptet — vom Donatiberg aus
den 15.000ften Theil ber ganzen Erb:
oberflähe überfehen können. — Im
Süden waldbedeckte Höhen und Berge,
melde fich durch collegiales Entgegen:
fommen und Hänbereichen in einander
verſchlingen. In der Nähe unten haben
wir ben Markt Rohitſch, aber von
‚Sauerbrunn befommen wir nicht
viel zu jehen, das duckt fi) gar be-
baglih in die grünen Polſter feiner
buſchigen Hügel. Allzubefcheiden! Aber
man weiß dirs doch zu banken, daß
Ihon Taufende an deinen fauren
Duellen Gefundheit getrunfen haben
und daß alle Welt Waſſer fchlürft aus
deiner Schlucht, von der aus alljähr-
lich über eine Million Sauerbrunn:
flafhen nach allen Gegenden verfchidt
werben. Rückwärts dehnt fich die Hoch:
ebene von Bärnek und das liebliche
Thal St. Marein mit feiner großen
Wallfahrtskirche und der Heiligenftiege,
auf welcher mancher Pilger bis zu der
hochgelegenen Rohus: Kapelle
fnieend hinaufſteigt. Man fieht die
Berge von Tüffer und Stein
brüd, fieht auch das Haupt des
Pleſche, der im vorigen Winter feinen
Panzer in’3 Sannthal gejchleubert hat.
Dann ſchwimmt der Blid über das
blaue MWellenmeer der Ffrainerifchen
Berge, bis er in weiteſter Ferne hän—
gen bleibt an der weißen Narbe des
Schneeberged am Karft. Dann
die Waldeshänge von Reihenburg,
deſſen Schlöffer einft zwei feindliche
Brüder bewohnten, die in einem und
demjelben Momente ihr Feuerrohr
gegen einander richteten, gleichzeitig
abſchoſſen und fich gegenfeitig tödteten.
Ihre Schädel werden noch heute in
einer Niſche der dortigen Schloßfapelle
aufbewahrt und gezeigt. Wenn man
ihre Gefichtöfeiten einander zufehrt, jo
wenden fie fih in der Nacht wieder
auseinander. — Nicht weit davon liegt
das Schloß Thurn am Hart, bie
Heimat und Ruheſtätte Anaftafius
Grün’s.
Näher erjcheinen die forftreichen
Berge von Lichtenwald, das breit
aufgebaute Wahergebirgeu.f.m.
in vielfadhen Ketten, ftet3 überjäet mit
ben fhimmernden Bunften von Kirchen
und Sclöffern.
Menden wir und gegen Dften, fo
ſtößt der Blid an die Berge bei Agram
und fliegt hin über die fruchtbaren
Ebenen Croatiens — fort in's Weite
bis hinab zu den blauen Bergen an
der Glima und dem Kapellagebirge in
Dalmatien — den Wädtern an ber
türfifchen Grenze.
Die Borpartien dieſes jeltfamen
Flachbildes liegen im Gebiete der Veſte
Teſchenitz, der Heimat der Veronika von
Teſchenitz. Der junge Graf Friedrich
von Cilli hatte feine Gemahlin im
Ehebette ermordet. und hierauf ein
764
ſchönes Kammermäbchen berfelben, die
Tochter eined armen croatiichen Edel:
mannes, eben die reizende Veronika
von Teſchenitz, zum ehelichen Geipons
erforen, aber der alte ahnenitolze Graf
von Cilli war mit folder Wahl nicht
einverftanden. Er ließ die Schwieger:
tochter gefangen nehmen und auf der
Veſte Ofterwig im Sannthale in einer
Badewanne ertränfen.
Weiterhin breitet fih Sagorien,
das Land hinter den Bergen, die jo:
genannte croatiihe Schweiz mit ihren
Saatfeldern, Triften, üppigen Wein:
und Objtgärten, riefigen Eichen:, Bu—
hen:, echten Kaftanienwälbern und
Heilquellen — ein reiches Land voll
gefelliger, gaftliher Bewohner, bie
feinen Wein ausführen, ſondern den
Fremben in ihrem eigenen Lande da—
mit bewirthen.
Kehren wir und allmälig dem
Norden zu, dem Hügelgelände zwiſchen
der Motfchkette und dem Bettauer
Felde. Schöne Höhen! ung gegen Sü—
den wenden die meiften ihre Wein:
gärten zu, während fie gegen Norden
die Pelzmäntel ihrer Buchenwälder
drehen. E3 ift das wendiſche Ländchen
der „Koloſer“ — vielleicht nad
dem römischen Colis (Hügel— Hügel:
bewohner). Die Koloſer find ein Iuftig
Völklein, lieben Wein, Weib und Ge:
fang, bleiben friſch ihr Leben lang.
Sind genügjam bei Bohnen und Kar:
toffeln und mit ihren gewöhnlich nur
aus weißer Leinwand beftehenben Klei-
dern. Haben fie was, jo verlegen fie
fich nicht ſonderlich auf's Sparen, fo
daß ein Volkswort von den Kolojern
fagt: „Auf dem Hinweg ſchälen fie
die Aepfel und auf dem Rückweg ſuchen
und eſſen fie die Schalen“. — Seine
gefchloffenen Dörfer, fondern nur ein:
zelnftehende Gehöfte und Winzerhäufer
ihmüden die engen Thäler und fon:
nigen Lehnen — im Halbkreife ihrer
Darüber hinaus, hinter dem Draus
fluffe, verzweigen fi die berühmten
Meinberge von Kerſchbach, Yeru:
jalem und Quttenberg.
Dort am jehimmernden Bande der
Drau das hochragende Schloß An:
fenftein; bort fih an bie Reben:
hügel fchmiegend, das Schloß Dor:
nau, auch ein Landſitz bes Dichters
Anaftafius Grün; dort die Thürme
von Großfonntag, wo 1518 am
Dfterfonntag die deutfchen Ordensritter
einen großen Sieg über die Türfen
erfochten haben. Und endlich zieht ber
hoch den Dolomiten entjprungene Fluß
hinaus in die unbegrenzten Ebenen
Ungarnd, wo Erb’ und Himmel in
einander verfchmimmen und wo an
einer Stelle nur noch das matte
Schimmern den Spiegel de8 Platt:
ten-See’3 vermuthen läßt.
Wir wenden unfer Auge wieder
der lieben Steiermark zu. Hier dehnt
ſich das weite Dreied des Bettauer:
felde3, der Boden blutiger Schladh:
ten; dort die Stadt Pettau mit ben
weißen Mauern ihres Schloffes und
mit tem finftergrauen Thurm voll
NRömerfteinen und Denkmälern aus den
Tagen der Nitter und Herren —
Pettau — ein altes Buh aus alter
Zeit. Näher an uns bie ftrahlenbe
Wallfahrtsfiche Maria: Neuftift,
eine der fchönften gothiſchen Bauten
de3 Landes; dort auf ſchmächtigem
Hügel, aus einer Baumgruppe hervor:
ftrebend, fteht die NRohus- Kapelle,
in deren Grundfeften ſeltſame Münzen
begraben Tiegen follen und in deren
Mauern nah dem Volksglauben der:
einft die Wiege des Antichriſt ftehen
wird. Im Hintergrunde, an den win:
diſchen Büheln ftarrt der fühne Bau
der alten Templerburg Wurmberg
in die Wellen ber Drau. Meiter oben
an Fable Berge fi lehnend bie
Stadt Marburg. Anmuthig zu
vier Pfarrfirhen St. Nikolaus ſehen ift der muntere Hügelreigen ber
bei Sauritid,
nächſt Anfenftein, St. Andrä in
Leskowetz und Dreifaltigfeit.
St. Barbara windiſchen Büheln mit feinen
farbenfpielenden Wein-, Obftgärten und
Fruchtfeldern, Winzerhäufern und
165
Thürmen, bis hin zu den Ufern ber
Mur. Ein gejegneter Landſtrich! Dort
waltet zur Zeit der Weinleſe Pöller:
fnall, Becherklang, Muſik und heiteres
Spiel — unter der traubenreifenden
Sonne Homerd. — Weit über den
Büheln her leuchten die Hochſchlöſſer
Mured und Radkersburg, die
Gleihenbergerfögel mit ihrer
Burg, dann die ftolze Veite Riegers—
burg, die Pyramide des Kulm,
das blaue Band des Nabenwaldes
und die hohe Tafel des Grazer
Skhödel. Ueber die Fiſchbacher—
alpen bis zum Wechſel und zum
Schneeberg in Defterreih dringt
der Blid. — Weiter links dehnen fich
die jchneegefprenfelten Maflen des
Hochſchwab, dann ziehen bie
Bleinalpe, bie Kor und
Shwanbergeralpen bis zum
Posrud den Grenzwall.
Im MWejten endlich erhebt fi das
hohe Urwaldgebirge des Bader —
eine finftere Welt für fih, hier nur
von feiner heiterften Seite fichtbar.
Da ftehen fie zu Hunderttaufenden in
ihrer ftämmigften Urjprünglichkeit, bie
Laub: und Nadelhölzer, aus deren ab:
wärts jtrebendem Geäfte der Baum:
bart in langen grauen Strähnen nieder
webt in bie ewigen Schatten, die nur
jelten ein Bligftrahl der Sonne durch:
bricht. Doch gejellt fih zu dem Raus
jchen des Windes, zu dem Auffchrei
des Adlers nun auch der Wieberhall
der Holzart, welche ausgeſchickt ijt von
bungerigen Glashütten, Eiſenwerken
und Bretterlägen, um Nahrung heim
zubringen. Und in ben Niederungen
des Bader wieder die Wieſen, Saat:
felder, Weingärtten — bie eblen
Rafter, Biderer, Brandnerz,
Gonobiger, Nadijeller und
NRittersbergerreben; und wieder
Schlöſſer, Dörfer und die fünfzig Kir:
hen des Pacher. Das Schloß Win:
big, Neubaus u. ſ. w. — Ueber
den Bacher herein aber fchimmert in
reinen Morgenftunden der Glanzpunft
bes herrlichen Bildes — niemand
Geringerer als — die Spite des
Großglodners.
Weiter links haben wir die jchroffen
Felshörner des Weitenfteiner:
thales mit jeinen jchreienden Bächen,
brummenden Waldmühlen und toben:
den Eifenhämmern und mit jeinen ma—
leriichen Ruinen. Dann das alte See:
beden des Shallthales mit jeinem
hohen Urjulaberg, auf weldem
eine Wallfahrtsfirche jteht, die ihren
Eingang in Kärnten, ihren Hochaltar
aber in Steiermark hat. Dann noch
die hohe Beten, in Erinnerung als
der Stammfiß der uralten färntneri-
ſchen Raubfirma: „Meifter Peg und
Söhne.” — Und endlich kommen hinter
grünen Waldpöfftern abenteuerlich auf:
ftrebend bie herrlichen Rieſen der
Sulzbaderalpen — die hörner—
nen Grenzwarten zwijchen Steiermarf,
Kärnten und Krain: Vor allem Rinka,
der felszerriſſene, ſchneedurchfurchte Gi:
gant, auch genannt der Grantige, diejer
Alpen Zwingherr und Für. Wenn
fh am Meeresitrande der Adria
1350 ftattlihe Männer übereinander
jtelen, jo iſt des oberften Haupt jo
hoch, als wie der Feljenjcheitel der
Rinka. Dann der fahle Zahn der
Oiſtrizza, dienadte Weißwand der
Raduha und im Hintergrunde als
ausmwärtiges Ehrenmitglied der über
10.000° hoch in den Wolfen jchme-
bende Terglou. In die Tiefen der
merkwürdigen Thäler, die zwiſchen
diefen Bergen ruhen, jehen wir freilich
nicht nieder — willen nicht3 von dem
einfamen Alpendörfchen Sulzbach, das
vor wenigen Jahren in einem großen
deutihen Wocenblatte als die größte
Räuberburg Deutſchlands bezeichnet
worden ift; willen nichts von ber
denau mit feinen veihen Sammlun- | fchauerlichen Feljenipalte, der „Nadel“,
gen und feinem großen Wildparfe, in nichts von den jchäumenden Waſſer—
deſſen Nähe eine Stadt begraben Liegen | fällen der Rinfa. Wir fehen die Sann
ſoll; Windiſch-Feiſtritz, Gono— erſt als ftattlihen Fluß, wo fie ihre
766
Wildheit längft abgelegt hat und durch
das grüne Sannthal an Fleden und
Schlöſſern vorbei — dem jchönen
Cilli zueilt. — Eilli! einft jo prächtig
jetzt ohnmächtig. Wie die morjchen
Gebeine des Goliath liegen die epheu-
umjponnenen Ruinen bingeftredt.
Näher an und heran grünen die
Auen vonSüßenberg, Lemberg,
Koftreinig und bie fchattige Wald—
ſchlucht mit der zerftörten Karthaufe
Seiz — der größten Deutichlanbs.
Bon Ottokar dem erften Traungauer,
wurde fie 1151 gegründet, von Jo—
jef I. 1781 aufgehoben. Die Ge:
beine bes Stifter® und feiner Ge-
mahlin, welche früher im Klofter ruhten,
find in das Stift Rein bei Graz über:
tragen worben. Noh finden wir
in unjerer Nähe am Wotjchberg bie
Kirchen Maria Loretto und St.
Florian und die in ibylliihem
Hochthale geborgene Nikolaikirche,
welche der heilige Nikolaus perſönlich
herauf getragen haben ſoll. Am Fuße
des Berges noch das verſteckte Schloß
Studenitz und das alte Nonnen—
Hofter Onadenprunn, wo man
jeit hundert Jahren vergebens nad
Horaklängen laufcht. Nicht weit davon
entjtürzen dem Nordabhange des Wotſch
zwei mächtige, aber unbeftändbige Bäche,
aus weldhen oft blinde Forellen von
ungewöhnliher Größe zu Tage kom—
men. Man vermuthet bier einen unter-
irdiichen See.
An al’ dem nun Hat fich Geift
und Auge jatt getrunfen. Aber ben
Gaumen dürfte. Ich ſetzte mi hin
auf dem Steingrund, wo einft ber
Tempel gejtanden, lugte zwijchen ben
Buchenkronen hinaus in's Pettauerfeld
und fagte zu meinem Burſchen: „yet
gib mir einmal Wein.“
Der mwadere Wende war auf dieſe
Forderung wohl vorbereitet ; aus einer
gewichtigen Flafche, wie fie ſolche un—
ten für Sauerbrunn erzeugen, goß er
Wein in ein Trinkglas. Der Wein
war unten am Fuße bed Berges ge
wadhjen im vorigen Jahre. Sein Ge
Ihmad war zuerft füß, dann fauer und
zulegt herb. Wo ift mein lieber Blei:
zuder, ben ich in der Stabt oft mit
jo gutem Gelbe bezahlt Habe? Wer
foll mich morgen erinnern an das viele
Iuftige Trinken bier, wenn das Kopf:
weh fehlt? — So erging mir’3 noch
nie als bei diefem Weine; je mehr ich
tranf, deſto durftiger warb ich. Deſto
durfliger und befto [uftiger. Und mein
Burſche will gehört haben, daß ich
ſchließlich glasſchwingend das „Hoc
vom Dachſtein“ in flavifher Sprache
fang.
Und bin reich an Seligfeit nieder:
geftiegen von der freundlichen Höhe,
auf die ich Jeden weiſe, der mit klei—
ner Müh' und großer Augenluft das
ihöne Land der Wenden fennen ler:
nen will. R.
767
Aus der Schreckenschronik Bteiermarks.
Vom eilften bis zum fiebzehnten Iahrhundert.
Es iſt fein Wunder, wenn bie
Welt mit der Zunahme ihres Willens
und ihrer Erkenntniß lebhaft und
immer lebhafter nach vorwärts drängt,
denn hinter ung liegt nicht viel Gu—
tes. Trotzdem der Chroniften Zahl
aus früheren Zeiten eine armjelig
geringe ift, genügen die Aufzeichnun-
gen doch, um eine etwaige Sehnfucht
nach der „guten alten Zeit“ vollftändig
zu verleiben.
Die Menjhen aus jenen Jahr—
hunderten und ihr geiftiges Leben find
und heute fremd und völlig unbegreif:
ih; aber aud die Drangjale find
e3, bie unjere Vorfahren jo oft und
Schwer heimgejucht haben. Ganz anders
geartet als Heute jchien damals die
Natur, ſchreckhaft, feindfelig, geipen-
ftig, unlogiſch. So wird fie und ge:
fchildert. Aber die Beobachtungen und
Schilderungen, Auswüchſe der Phan—
tafie, wurden von verwirrten or:
fhern gemadt, denn die Menjchen
waren franf. Pet, Krieg und Hunger
waren freilich fchredliche Dinge, aber
ber Leute Furt und Angft vor die—
jen Plagen war über alle Maßen
groß und erzeugte die krankhafteſten
Phantafien und oft jelbft das gefürch—
tete Uebel; beſonders zu den Peſt—
zeiten.
fonnte, außer er geftattete ihm eine
Dirne zum Zufammenleben. Drgien
aller Art, Verfchwendung, Streit und
Hader, aber auch abjcheuliche religiöje
Ausartungen raften Arm in Arm
mit den Plagen, mit dem großen
Sterben dahin. Der ſchöne Lebens:
genuß jener Blüthezeit der Poefie und
des idealen Schmwunge® wurde in
plumpe, rohe Schwelgerei, die Feufche
deutſche Zucht in grobe, alle Stände
gleich beherrſchende Sinnesluſt verfehrt.
Die unfinnigften, frechften Kleidermoden
gefielen, die Händelſucht durchwühlte
alle Ordnung. Dabei gab e3 firchliche
Umzüge allerortd. Sie zogen daber,
arm und reich, jung und alt, Bauern
und Kriegsleute, entblößt bis zum
Gürtel, das Haupt verhüllt mit einem
linnenen Tuche, die Kreuzfahne voran,
brennende Kerzen und Geißeln in den
Händen, mit denen fie fich bis auf’s
Blut zerfleiihten. So wanderten fie
unter frommen Gejängen von Land
zu Land, von Stabt zu Stabt, von
Kirche zu Kirche. Und die es jahen,
wurden davon ergriffen, weinten, war:
fen fih nadt zu Boden in den Schnee
ober Koth.
Selbit die Beſten der Zeit unter:
lagen dem Wahn. Und die Gelehrten
War aber die Noth einmal haben den unnatürlichften, aberwißig-
da, dann verwandelte ſich die Angft |ften Dingen, die in ber Natur be:
nicht jelten in ausgelafjene Genuß:
jucht, in eine wilde Gier, die Sinne
no einmal zu jättigen, die Leiben-
haften zu befriedigen, bevor e3 aus
war, Es war eine frivole Zeit —
trog der Gottesgeißeln. Unter dem
Landvolke 3. B. hatte die Sittenlofig-
merft worden fein jollten und die
Leute zur Narrheit verwirrten, nicht
wiberjprochen.
Sa, der Menſchen Seelen waren
krank. Das große Sterben und all
die jchredlichen Plagen des Mittel:
alters, die jo oft bie Länder durch—
keit jo jehr überhand genommen, daß |flutheten, hatten die Leute nervös
faft Niemand einen Knecht befommen | gemacht.
168 s
Wer fih ein klares und ausführ:
liches Bild von dieſen traurigen Zei:
ten verjchaffen will, der lefe dic „Ge:
Ihichte der Peſt in Steiermark“ von
Dr. Richard Peinlich (Vereinsbuch—
druckerei, Graz, 1877). Der „Heim:
garten“ Hat in jeinem 3. Hefte bereits
auf dieſes trefflihe Werk Hingewiejen.
Seither ift der erjte Band davon voll-
jtändig erjchienen. Er behandelt nicht
allein die Gejhichte der Peſt von ben
älteften Zeiten an bis zur großen
Sterbe der Jahre 1679—1685, fon:
dern berührt auch alle anderen Heim:
juhungen, als: Krieg, Feuersbrünfte,
Naturereigniffe u. ſ. w., die Steier-
mark getroffen haben, und er zieht
alle großen Weltereigniffe, die im
Laufe der behandelten Jahrhunderte
fih zutrugen, in ben Kreis des
Merfes.
Ein Auszug aus den bezeichnend-
ften Abjchnitten diefer Schredenschronif
möge den Freunden der Gulturge:
ſchichte unſeres Alpenlandes nicht vor:
enthalten bleiben.
Im Lapidarftil gejchrieben, wird
biefer Auszug ein braftiiches, merk:
würdiges Bild aus den Zeiten unſe—
rer BVoreltern entrollen. Merkwürdig
find die Thatjachen, aber noch merk:
würdiger ift das Verhältniß bes
menschlichen Geiftes zu dieſen That:
ſachen. Welch' ein Aberglauben, welche
Sinnestäufhungen, welche Dunkelheit
in allen Köpfen! In Wahnwitz be:
fangen alle Gelehrten und Chroniften,
die und oft etwas ganz anderes er:
zählen, als mas fie aufjchreiben
follten.
Laffen wir Wahrheit und Wahn
durcheinander folgen.
Der Opfer, welche die Peſt in
einem Zeitraume von 400 Jahren
auch in unjerem Lande bahingerafft,
find unzählige. Um nicht in eine all-
zuferne Zeit zurüdzugreifen, find vom
Sabre 1349 bis 1716 in Steiermarf
fiebzig Peſtjahre gemejen.
Ein Geihichtsjchreiber erzählt aus
dem 11. Jahrhundert: Es gejchahen
um bieje Zeit viel feltfame, erfchred:
lihe Wunderzeihen. Man jah ben
Himmel brennen, die Sonne und ber
Mond wurden wider die Natur oft:
mals verfinftert; die Sterne fielen
vom Himmel herab auf die Erbe,
man ſah feurige Flammen und Pfeile
in der Luft daherfliegen, es erjchienen
jeltjame Geftirne wie Kometen, ganze
Kriegsheere am Himmel ftehen ; feurige
Thiere und Geflügel erhoben fi in
der Luft jo haufenweiſe, daß die
Sonne davon verbedt ward. Es wur:
den viel grauſame, jchredliche Wetter.
— Auch Feuer vom Himmel fiel
mancherlei herab. — Es kamen große
Waſſergüſſe und Theuerung. Es kam
ein großes Sterben an der Beitilenz.
Man fchreibt auch, daß ganze Blut:
ftröme geflofjen find. So man auf
eine Zeit das Brod aus dem Dfen
nahm und ausfchnitt, fielen etliche
Tropfen Blutes heraus. Fand aud
fleine Kreuzlein in der Menjchen Klei-
der. Die heimifchen Vögel, Pfanen,
Hühner und Gänſe find von ben
Menjchenwohnungen hinweg gegen ben
Wald geflogen und dafelbft verwildert.
Das Volk wußte au von an
deren Vorzeichen der Peſt zu erzäh-
len. Da gab es in der Luft Erſchei—
nungen von Leichenzügen und Todten—
bahren, klagende Stimmen, jeltja:
mes Getöje von den Kirchhöfen ber,
geipenfterhaftes Klopfen und Fallen
in den Häufern. Um die Siehenhäufer
flogen Raben zu Paar und Paar
u. ſ. w
Im Jahre 1158 ift das außer:
ordentlich reichhaltige Silberbergwerf
zu Beiring durch eine hereinbrechende
Waſſerfluth (wahrſcheinlich von einem
Erdbeben veranlaßt) für immer er:
tränft worden. Bei anderthalb taufend
Menschenleben gingen dabei zu Grunde.
Im Yahre 1186 grünten in Steier:
marf und Kärnten im Jänner die
Wieſen und blühten die Bäume Im
Februar reifte das Obſt, im Mai
erntete man bie Getreide, im Auguft
hielt man Weinleſe. Doch der Winter
769
begann jchon zur Sommergzeit. Aber
auch die Peſt hielt bald darauf ihre
Ernte nnd raffte faft die Hälfte der
Einwohner dahin.
Sn den Jahren 1195 und 1196
famen ungeheuere Heufchredenzüge nad)
Steiermarf,. — Es waren auch Haber-
ſchrecken, die hatten vier Flügel und
waren jo groß wie Sperlinge. Wenn
fie aufflogen, war es fo finfter, als
ob es nebelig wäre.
Um das Jahr 1241 mar große
Hungersnoth. Durch dieſelbe gingen
mehr Menſchen zu Grunde, als früher
im Kriege mit den Heiden. Man aß
— wie der Chronift von Leoben er:
zählt — Hundes, Ratten: und Men:
ſchenfleiſch. Letzteres wurde öffentlich
auf dem Markte feilgeboten. — Dann
nahmen die räuberifchen und Nieman-
den verjchonenden Wölfe jo arg über:
band, daß an einjchichtigen Drten
faum Jemand aus dem Haufe zu
gehen wagte.
Im Jahre 1267 ſtürzte durch
ein furchtbares Erdbeben das feſte
Bergſchloß Kindberg zuſammen und
rollte in Trümmern den Berg herab.
Im Jahre 1275, am 28. Auguſt
brah in Graz eine große Feuers—
brunft aus, welche die ganze Stadt
bi8 auf den Grund zerftörte, wobei
ungefähr 200 Menfchen in den Flam—
men um's Leben famen.
Im Auguft des Jahres 1307 er:
eignete fi ein Regen, wobei an einem
Drte in Steiermark vom Himmel zer:
fafertes Fleiſch in Stüden von ber
Größe eines Fleinen Fingers nieder:
fiel. Es jchien gewiſſermaßen gefocht,
war aber blutig gefärbt und hatte
einen abjcheulihen Gejhmad. (Etwas
viel Erfreulichere8 erzählt um 200
Jahre jpäter ein Kärntner Chronift:
Im Jahre 1648 hatte Kärnten einen
Kornregen, woraus ein fehr gutes
Brot gebaden wurde, wovon man auch
dem Kaiſer nah Wien jchidte.)
Im Sahre 1309 famen wieder
die Heufchreden. Sie waren faft jo
groß wie Staare, Hatten um den
Rofegger's „„Heimgarten‘‘ 10, Heft.
Hals ein hörnenes Halsband und auch
der Schnabel hatte den Anfchein, als
ob er von Horn gewejen wäre. Bei
Windiſch-Feiſtritz fraßen fie einen Rei:
ter mitjammt dem Pferde.
Im Jahre 1335, am Feſttage
des heiligen Apoſtels Andreas, ritten
einige Leute aus Knittelfeld gegen die
Gleinalpe hin durch das Thal. Dieſe
ſahen am Himmel folgende Zeichen:
Die eigentliche Sonne hatte zu beiden
Seiten zwei Sonnen, gleih an Licht
und Größe, ein Ring umgab alle
diefe Sonnen, welcher unten eine Deff-
nung hatte; aus ber Mitte eines Rin-
ged hing ein Kreuz herab von weißer
und rother Farbe und in der Länge
von 5 Ellen. Dabei befand fi) etwas
ungemein Leuchtendes, das Aehnlich-
feit mit einem großen Schiffe hatte.
ALS diefe Erjcheinungen verſchwanden,
erſchien in der Naht eine leuchtende
Straße von Aufgang bi zum Nie
dergange. — Die Leute wurden in
großen Schreden verjekt.
Im Jahre 1348 war ein Erb:
beben, welches in Steiermark, Kärnten
und Krain 40 Schlöffer und Städte
in Nuinen verwandelte. Darauf brach
die Veit los, daß ganze DOrtichaften
ausftarben.
Im Jahre 1349 fand in Graz
eine große Judenverfolgung ftatt, da man
diefen Menſchen die Bergiftung ber
Brunnen und Verbreitung der Seuchen
zufchrieb.
Um das Jahr 1472 famen Hun—
gersnoth und Heufchreden, welche bei
Knittelfeld in ſolcher Stärke einfielen,
daß ihre Haufen den Leuten bis an
die Schenkel reichten. Glodengeläute,
das Abfeuern von Donnerbüchjen und
das Gefchrei der Leute ſoll dieſelben
endlich verfcheucht haben. Im Jahre
1473 herrſchte eine folhe Hige, daß
die Erde glühte und die Baummurzeln
in Brand geriethen. Zur gleichen Zeit
fanıen die Türken und die Peſtilenz.
Im Jahre 1474 blühten in Vorau
ihon um den 12. März die Bäume,
dann brach die Peft aus und wüthete
49
770
arg, bejonberd in ber Gegend am
Wechſel.
Auf einem Votivgemälde dev Dom:
fire in Graz fteht folgende Inſchrift:
„1480 Umb un’ Frauntag find
bie zu Gratz Gotsplag drey gemejen.
Haberſchrekh, Türke vnd peſtilenz und
jede jo groß, daſz dem Menſchen vn:
erhörlich ift, got jey ung gnädi“.
Im Jahre 1486 kamen oberhalb
ber Stadt Pettau eine Menge Nattern
in, die Drau, die man bafelbit
buch die Brüde ſchwimmen ſah, und
fie wurden auf 1000 Stück geihäßt.
In Ankenftein krochen fie aus dem
Waſſer auf das Land; durch Scie-
Ben und Feuer trieb man fie wieder
in bie Drau — wo fie hernach hin:
famen, ift nicht wifjentlich.
Im Jahre 1504 war ein fonder-
barer Komet, jo hell wie ber Voll:
mond, ber zu Anfang November ben
nächtlichen Wanderern bis zum Früh:
roth geleuchtet hat. Darauf folgten
Sturm, Hagel, Erdbeben und Peſti—
lenz. Zu Gosdorf bei Mured find in
dieſer Zeit der Sage nad) bei 200
Menſchen an der Peſt geſtorben und
nur ein einziges Bauernhaus iſt ver—
ſchont geblieben.
Im Jahre 1516 iſt in Unterſteier
ein ſchrecklicher Bauernaufſtand losge—
brochen. Derſelbe war 80.000 Mann
ftarf, 161 Räbdelführer und Aufwieg—
ler find in Graz enthauptet worden.
In den Jahren 1529 und 1531
waren große Türkeneinfälle.
Eine Inſchrift am Kirchthurme
zu Krieglach lautet: Anno 1541
feint in die 1600 Perjonen von Tas
fobi bis Hin auf Martini geftorben.
Gott wolle ihnen gnäbig fein.
Drei Jahre jpäter find die Heujchreden
im Mürzthal geweſen.
Gar feltfam if, was man im
Jahre 1543 in Oberfteier am Him—
mel ſah, nämlich einen jchwarzen
Stern, ihm gegenüber. ein großes Ge—
ſchütz, aus meldem große Kugeln
gegen die Sonne gefchoffen wurden.
Diefe Kugeln warfen einen Schatten
auf die Erbe, der Farbe nad wie
ein Regenbogen, Nahe an der Some
erichienen viele Türkenköpfe mit ihren
fangen Hälfen und geflochtenen Bin:
den. (Turban), wie au ein langer
dicker Storch mit einer Kette gefeflelt.
Darauf folgte die Veit in ganz Steier:
marf.
Im Sahre 1545 vom 23. bis
25. April jchien die Sonne fo trüb,
glanzlo8 und röthlih, daß man zur
Mittagszeit die Sterne am Himmel
ſah.
Im Jahre 1570 war in Inter:
fteier (und Kärnten) eine ſolche Hun-
gerönoth, daß die Bauern ſich mit
Brod aus Erlenrinde, gebörrten Re
benfchoßen, Eicheln und Wurzeln zu
ernähren juchten, frifches Gras aßen,
wie das Vieh auf ber Weibe, und
daß man verhungerte Perſonen auf
der Straße liegend fand, aus beren
Mund noch der letzte Biſſen Gras
hervorragte.
Im Jahre 1609 begab es fich,
daß zu Radach, nächſt St. Leonhard
in den windiſchen Büheln, viele Tau—
ſende großer Mäuſe einer zuvor nie—
mals geſehenen Art aus der Erde
kamen und die Gerſten- und Roggen:
äcker bis auf den Grund abfraßen.
Eine Ueberſchwemmung trieb ſie in
die Weinberge, — da kam ein flarfer
Regenguß und ſchwemmte fie in eine
Schlucht, wo fie ertranfen.
Im Auguft des Jahres 1618
fiel an der ungarifchen Grenze ein
Blutregen und Meteorfteine, einzelne
zwei Zentner jchwer.
Ein arges Peftjahr war das Jahr
1634. Vor Allem graflirte die Seuche
in Friedberg, Thalberg, Niegersburg,
Breitenfeld (bei Feldbach), Wagenborf,
Unterfhmwaza (bei Leibnig), Pichla im
Stiefingthale, Frohnleiten, Marein (im
Mürzthale)" und Graz. Zu Graz ftar-
ben binnen fünf Monaten über 2000
Menjchen.
Im Jahre 1636 wurde die-Stabt
Graz von der Veit jo ſchwer heimge—
771
ſucht, daß über die Stadt fliegende
Vögel todt auf die Gaſſe herabfielen.
Im Jahre 1646 ſind im Viertel
(nachher Grafſchaft) Cilli — gering
gerechnet — an 10.000 Perſonen an
der Peſt geſtorben.
Am 22. December 1664 ſah man
in Graz und am 17. des folgenden
Monats in Radkersburg einen ſchreck—
lichen Kometen in Geſtalt eines ge—
hörnten Mondes, welcher einen langen
dreiſpießigen Schweif von ſich ſtrahlte,
flammend und lodernd, ausgebreitet
in einer Länge von faſt 1300 deut—
ihen Meilen.
Im Jahre 1672 kamen gegen
Pettau ungeheure Heuſchreckenſchwärme,
welche wie Wolken die Sonne ver—
hüllten. Ein Sturmwind ſchleuderte
große Theile davon in die Drau;
wieder an's Ufer geſchwemmt, verbrei—
tete die Verweſung eine ſchwere Peſt
in Pettau, an welcher ſo viele Leute
ſtarben, das ſie nicht alle begraben
werden konnten.
Und dieſe Todtenſchaaren,
ſchließt Peinlich den erſten Theil ſeines
Werkes, bildeten gewiſſermaßen erſt
die Avantgarde für das große Leichen:
beer, da3 von 1676 bis 1685 in der
fteirifchen Erde fein Standauartier bis
zum jüngften Gerichte befommen hat.
Ym Jahre 1679 fam ein frember
Flößer nad) Graz und kehrte in einem
Wirthshaus in der Prankergaſſe ein.
Er hatte die Seuche mitgebracht und
ftarb daran, jo auch der Wirth, feine
Schwägerin und fein Bruder. Dann
Ihlih fih die Peſt in ber Murvor:
ftadt herum, bis fie im Frühjahre
1680 orbentlid ausbrah und bei
3000 Menſchen tödtete.
Und doch ift Steiermark nie ein
eigentliher Peſtherd geweſen. Die
Mittel gegen die Seuche waren aller:
dings felten genug praktiſch. So rieth
j, B. ein Arzt in feiner mebicinifchen
Schrift: Wenn Du es thun kannſt
und es Dir nicht zumiber ift, jo trinfe
morgens nüchtern Deinen jelbfteigenen
Harn; diefer benimmt die Fäulungen,
jo im Magen entitehen, eröffnet bie
Verftopfung der Leber und der Milz,
auch der Krößadern. Dber ein
anderes Mittel: Wenn die Luft ver:
gittet ift und ein Gaisbock vorhanden,
jo reibe Dih an ihm u. ſ. wm. —
Dber: Hänge Tebendiges Duedfilber
in einer ausgehöhlten Hafelnuß an
Deinen Hals. — Auch allerlei Amu—
[ete und Sympathiemittel wurden als
Schuß empfohlen,
Hingegen waren die obrigkeitlichen
Verordnungen, die Iſolirungsanſtalten,
Gefunbheitspoligei u. ſ. m. zumeift
von großer Zwedbienlichkeit. Mit den
verpefteten Orten wurde aller Verkehr
abgebrochen, in benjelben alle öffent:
lihen Verfammlungen aufgehoben.
Da gab es Feine Quftbarfeit, fein
Bad, kein Wirthshaus, feinen Gottes:
dienft in ber Kirche mehr. Die
Arzeneien wurden den Peſtkranken
unter Anwendung von Gefichtsmasten
und mit langen Löffeln gereicht, bie
Sterbjaframente oft durch die Fenſter
verabfolgt. Die Leihen wurden mit
langen eifernen Srampen aus ben
Häufern zur Peſtgrube gezerrt; Die
Kleider des Verftorbenen, und bis
weilen fogar jein Haus verbramnt.
Zum Mindeften mußte das Haus
auf 40 Tage veriperrt und das
Thor mit einem weißen Kreuze be-
zeichnet werben.
Keine Peftleihe durfte auf dem
Kirchhofe in der Nähe der Stadt oder
des Ortes begraben werben. Zur
Abführung derjelben in bie Peſtgruben
waren bejondere Fuhrleute beftimmt,
deren Magen durch ein weißes Kreuz
kenntlich gemacht. Im Verkehr durften
Geldmünzen nicht früher übernommen
werden, bevor ſie nicht in Eſſig ge—
waſchen waren. Tiſchler erhielten den
Befehl, einen Vorrath von Särgen
anzufertigen, damit jedermann ſich
gleich kaufen könne. War in der
Nähe eines Fluſſes ein Markt, ſo
mußten Käufer und Verkäufer oft
ſogar über das Waſſer Hin und her:
Schreien, um handeleins zu werben,
49*
772
Sonft durften fie nur in Entfernung
von 15 Schritten miteinander reden,
und mußte ein Feuer zwiſchen ihnen
angezündet jein.
Alle Mebertretungen der Peſtregeln
wurden an Leib oder an Gut em:
pfindlich beftraft, häufig wurde bie
Strafe anftatt in Geld in Mauer:
ziegeln ausgebrüdt und bezahlt. Bis—
weilen wurden Wiberjpenftige eine
Zeit lang ans Kreuz gejpannt; zu
diefem Zwecke waren bejonberd an
Stabtthoren Strafpfähle aufgeftellt.
Doch wurden die erften Anzeichen
ber Peſtilenz ftet3 möglichjt verheim:-
fiht. Die Ankunft berjelben wurde
erft durch den Tod laut. Dann aber
braden alle Bande der Freundichaft,
der Eltern, der Geſchwiſter-, ber
Gattenliebe. — Leder war nur auf
fi felbft bedacht und der Peſtkranke
wurde feinem Schidjale überlafjen.
Vieler Leute Anfiht war, daß bie
Veit vom Teufel herrühre, Weiter
verbreitet war die Meinung und
duch die Aſtrologen beitätigt, daß
die Peſtilenz durch die Stellung und
den Lauf der Geftirne bedingt werde.
Der größte Theil aber juchte die
Urſache in der Luft, in welcher der
Peſtzunder liege und vermittelt werde.
Bisweilen wurde die Peſt in der Luft
duch blaue Wölklein fichtbar. Konnte
man ein ſolches Wölklein in ein Ajtloch
bringen, jo ſchlug man einen höl—
zernen Nagel darauf hinein und
die Veit war vernagelt. Dft fol es
vorgefommen fein, daß die Kranken
nah einem heftigen Niefen augen:
blicklich ſtarben; daher bildete fich die
Sitte, einem Niefenden „Helf Gott”
zuzurufen.
Starb zur Meftzeit der erſte
Menſch in einem Haufe, fo legte man
ihm eine warme Brodjchnitte auf den
Mund, in der Meinung, daß fidh die
Peſt in das Brot hineinziehen jolle.
Weil man auch glaubte, daß die
Sonne giftig wäre und bie Peft ver:
die Kröte das Gift von ber Sonne
an ſich ziehe.
Die Krankheitserſcheinungen waren
außerorbentli verſchieden. Mancher
fräftig geartete Kranke konnte noch
feinen Gejhäften nachgehen, und fiel
dann plöglih tobt nieder. Anbere
wütheten, beteten, fluchten, verzwei-
felten; anbere mieber geriethen vor
dem Tode in eine Verklärung, ver-
fiherten die Herrlichleit des Himmels
zu erbliden, gaben ihre eigene Tobes:
ſtunde genau an, bezeichneten auch
mit genau eintreffender Sicherheit die:
jenigen, welche bald nad) ihnen fterben
würden. Diele wiejen die Arzeneien
zurüd und riefen: „Mein Gott ift es,
der mir wohl belfen und mid
auch ohne Arzenei gefund maden kann.“
Auf die Krankheitserfcheinungen
jei bier nicht weiter eingegangen,
hingegen mögen einige Peſiſagen noch
angefügt werben.
Vom Ausbruche der Belt zu
Dberragnig wird erzählt:
Eines Sommerabends ift ein
Knecht vom Walde heimgefahren.
Unterwegs ift ihm eine alte, müh—
jelige Bettlerin begegnet, bat ihn
gebeten, er wolle fie auf den Wagen
nehmen. „Von Herzen gerne”, jagt
er und fie figen beijammen auf dem
Magen. Unterwegs erzählt fie ihm,
e3 würde num die Veit über das Dorf
fommen, er aber feiner Barmherzigkeit
wegen von ihr verfchont bleiben. Er
müßte fih in Bferbemift vergra=
ben. In's Dorf gefommen, fteigt fie
ab und geht in ein Haus. Am
andern Tage ift in demſelben Haufe
die Veit ausgebrohen und fo Hat
der Knecht in dem alten Weiblein
die Veit in den Ort geführt. Der
Kueht aber war in feinem Dung:
haufen verjchont geblieben uud fol
nah einer andern Sage nad) bem
Erlöfhen der Peſt im ganzen Orte
nur noch einen lebenden Menjchen
vorgefunden haben — das war eine
urſachen Fönne, jo jpießte man Kröten | Magd, die er jchon lange heimlich
auf Stäbe unter freiem Himmel, damit lieb gehabt Hatte.
773
Mie die Veit (1634) nad) Unter: | fol nämlih vom Wäldchen (an ber
Ihmwarza fam. Sie wollte eigentlich | Linder Seite) herangefahren fein und
nad Oberſchwarza. Da war aber ein
wie ein „Spinnrabel dahergejammert“
frommer Nachtwächter, der betete alle | haben. Al3 man es gehört, feien alle
Nacht beim „Hullerkreuz“, das an ber
Straße ftand, einen Roſenkranz. Und
einft, als er wieder betete, ſah er
von Gersdorf einen Mann und ein!
Leute mit Krampen und Stallgabeln
ausgezogen und da habe das Spinn:
radel fort Hinübergejammert nad
Gersborf, wo hernach ſchier der ganze
Weib auf einem zweiräderigen Karren | Drt ausgeftorben fein joll. Noch heute
daherfahren. Der Mann Hatte eine | heißen bort die Bauern von dieſem
Senfe, das Weib einen Rechen. Das Begebniß her die groben Seibers—
Weib jprah zum Mann: „Thue du | dorfer.
glatt mähen, ich werde glatt rechen“. In anderen Ländern, jo in
ALS fie zum Kreuze famen, konnten | Italien und Frankreich hielt man be:
fie nicht weiterfahren, fondern bogen |jondere Bosheit der Menſchen für
beim Gemeinderain zur Seite ab nad |die Urjahe an dem Ausbruche der
Unterſchwarza. Dort fingen fie beim Peſt. Teufliiche Leute hätten Pflafter,
erften Bauernhaufe, wo zwei fchöne welche auf Beftbeulen gelegen, ge:
Töchter waren, an zu mähen und zu |fammelt und bamit bei Nacht bie
techen und arbeiteten durch das ganze | Handhaben der Hausthüren gerieben,
Dorf hinab. So ift ganz Unter: wodurch diejenigen, welche des Mor:
ſchwarza ausgeftorben. Ein fteinernes | gend aufmachten, jogleih von der
PVeftfreuz in der Nähe des Drtes an Peſt befallen worden wären. Syn
der Straße von Lichtendorf nad | Steiermark find derlei Sagen nicht
Straß fteht heute noch als Denkmal. | bekannt.
In Wagendorf bei St. Veit am
Vogau graffirte die Pet (1634) fo
arg, daß binnen 14 Tagen zwei
Drittel der (400) Bewohner dahin: | find,
gerafft wurden. Ehe bie Pelt aus:
brach, meldete fie fih im Dorfe an.
Eines Sommerabend8 um die Bet:
läutzeit jahen die Leute von dem
oberen bis zum unteren Orte ein
Wagenrad hinablaufen, ohne daß
jemand dabei gewejen wäre. Am
andern Morgen brach die Pet aus.
Da ging das Sterben durch das
Dorf fort jo geſchwind und ftarf, daß
leiblihe und geiftlihe Hilfe nicht
mehr zurecht kommen konnte. Das
Dorf wurde von allen Seiten abge:
jperrt, und wer es verfucht hätte zu
fliehen, der wäre von ben aufgeftellten
Wachen niedergeſchoſſen worden. Unter
einer Linde, die vom Dorfe aus ge:
fehen werben konnte, wurbe zumeilen
eine Meſſe gelejen.
Hingegen befunden die zahllofen
Peſtkreuze, welche wohl in allen
Gegenden unſeres Landes zu finden
das gewaltige Graſſiren der
Peſtilenz, und gar mancher Peſt—
friedhof iſt im Lande, auf welchem
heute der fröhliche Landmann ackert
oder erntet nicht ahnend die
Knochenhaufen unter ſeinen Füßen.
Das vierzehnte Jahrhundert ſteht
unter der grauſamen Signatur des
ſchwarzen Todes. Innerhalb 6 Jahren
ſtarben in Europa an 25 Millionen
Menſchen an der Peſt. Der
Hinblick auf ein blutgetränktes
Schlachtfeld mit Hekatomben von Er—
ſchlagenen mag ſchrecklich ſein, bemerkt
der Chroniſt, doch webt ſich über das—
ſelbe der Regenbogen der Verklärung
des Heldenmuthes; an dem ſchmuck—
loſen Soldatengrabe fehlt nicht die
Weihe der Schmerzensthränen aus
treuen Augen. Aber an den Leichen:
Nicht weit von Wagendorf Liegt | bügeln diefer 25 Millionen fteht fein
Seibersborf. In diefem Orte meldete | Siegesventmal ,
ih (1664) auch die Pet an.
dahin fiel Feine
Die | Thränenperle als Scheidegruß. Stum:
774
pfen, ftieren Blides ſah der Lebende
die Tobten hinausfarren, faum mehr
bangend für das eigene Leben, das
der näditen Stunde preisgegeben
war. Wehmüthig ergreifend wirkt
nur bie eine Thatfahe, daß bie
jenigen, welche fich liebten, im Tode
bald Bereinigung fanden, da jeder
Sterbende mit unbefämpfbarer Natur:
gewalt bieje in's Grab nach fih zog,
die an jeinem Leidenslager liebend
ausgeharrt hatten.
Aber die ewige Wage der Natur
trachtet immer dem Gleichgemwichte zu.
Nah einem großen Sterben folgte
bald ein entjprechender Ausgleich
durch die Fruchtbarkeit der Frauen,
jo daß nah einer Meftzeit die Ge-
Aue von Zwillingen und Drillingen
ungewöhnlich häufig vorkamen.
Dalmatiens Hero und Peander.
Ein Sagenbild von Franz Bifler.
Der Reifende, der mit vem Dampfer
von Gurzola gegen Ragufa zu fährt,
erblidt in dieſem Theile des abria-
tiihen Meeres zahlreiche Kleine Inſeln
ober Scoglien und von jeder einzelnen
weiß ber dalmatiniſche Matroje eine
Legende zu erzählen. Am reichſten
daran ift wohl die Inſel Meleda, bie
ihon ber vielerfahrene Odyſſeus be-
ſuchte; denn dort fol Kalypjo gehauft
haben. Einige Jahrhunderte ſpäter ſoll
der Apoftel Paulus auf der Inſel als
Schiffbrüchiger geweilt haben.
Die Inſeln St. Andrea und Iſola
di Mezzo haben eine gemeinfame Le-
gende, welche auch die Reiſebeſchrei—
bungen von Dalmatien erwähnen und
Kohl gab berjelben den Titel „Dal:
matiens Hero und Leander und ſkizzirte
fie mit flüchtigen Strichen, bemerfenb
daß bie Rollen zwijchen dem griechi:
ihen und dem dalmatinifchen Liebes-
paare verwechjelt find, inbem ber kühne
Schwimmer hier dad Mädchen ift. Ein
italienifher Schaufpieler, Carlo Ben:
venuti, Dramatifirte den Stoff, und bie
vor Kurzem verftorbene Baronin Ida
von Düringsfeld erzählt in ihren Reife:
ſtizzen aus Dalmatien dasSujet bes Dra-
ma's, das ziemlich opernhajt verwerthet
wurbe. Diejen Andeutungen verbanft
nun folgende Erzählung ihre Entftehung :
Pietro Nicolini war ber wohl:
wie Margherita Strabi für das ſchönſte
Mädchen nicht nur diefer, fondern auch
aller benachbarten Inſeln galt. Mas
nüßte aber aller Reichthum dem Filcher,
wenn es ihm nicht gelang, die Liebe
Margheritens, um welche er fich mit
füblicher Zeidenfchaftlichkeit bewarb, zu
gewinnen? Alles hatte er ſchon ver:
jucht, er lag vor dem Mädchen auf
den Knien und bat, er fluchte und
drohte. Margherita aber verlachte fein
Flehen ebenjo wie jeine wilden Dro:
hungen und erklärte ihm, daß fie ihn
nicht lieben könne, daß fie überhaupt
von Liebe nichts wiſſen wolle.
Eben jegt fanden vor ber nie:
drigen Hütte der Stradi Pietro und
Marco, Margheritens Bruder, und Er:
fterer jagte mit unheimlich glühenden
Blicken:
„Die Sache muß ein Ende nehmen,
das Mädchen muß mein werden oder ich
verlange die augenblickliche Rückzah—
lung jener Summen, welche ich Dir
in der Vorausſetzung, Dein Schwager
zu werden, geliehen habe.“
Marco, ein Burſche von verwil—
dertem Ausſehen, erblaßte und er—
wiederte:
„Du weißt, daß ich nicht zahlen
fann, weißt aber au, daß Marghe⸗
rita ſich nicht zwingen läßt. Was
habendfte Fifcher auf Iſola di Mezzo, | fol ich thun 2“
775
„Schwächling“, höhnte Wietro,
„nah dem Tode Deines Vaters bift
Du der Herr ber Familie und bie
Frauen müſſen Deine Befehle befolgen,
weshalb befiehlft Du denn nicht?“
„Beil e8 mir nicht3 nügen würde“,
lautete die Antwort, „wollte ich be:
fehlen, jo mwürben mir Mutter und
Schweſter erwiedern, ich möge zuerft
meinen Lebenswandel ändern, arbeiten
und verdienen, bann würden fie mir
gehorchen.“
„Ah, das wäre nicht übel. Man
darf den Weibern nicht das Recht ge—
währen, unſer Thun und Handeln zu
kritiſiren. Zeige ihnen den Herrn.“
„Ich will es verſuchen“, ſagte
Marco ziemlich kleinlaut; „aber laſſe
Deinen Unmuth über meine Schweſter
nicht mir fühlen. Sieh', ich will heute
nach Raguſa, habe aber kein Geld,
leihe mir einige Zechinen.“
„Du biſt ein unverbeſſerlicher
Taugenichts, aber ich bin nicht geizig;
Binjenforb mit Wäfche, welden ein
voller, Fräftiger Arm hielt.
Wie verfunfen in den herrlichen
Anblick, den diefe jugendfrifche Men:
ichenblüthe bot, fand Pietro fein Wort
der Begrüßung und erft als das
Mädchen den Korb zu Boden ftellte,
wich der Zauberbann, der alle Sinne
des Mannes gefeffelt hielt. Faft
jhüchtern bot er dem Mädchen einen
guten Morgen.
„Ab, Ihr ſeid hier, Signor Pietro”,
fagte fühl und nadläffig die ftolze
Schöne, „hr ſuchet fiher meinen Bru-
ber, er ift foeben auf das Meer bin:
aus gefahren.“
„Thut nicht, Margherita, als wenn
Ihr nicht wüßtet, wen ich fuche“, rief
erregt ber Filcher, indem dunkle Röthe
fein ſchönes Antlig färbte und auf der
Stirne des Heißblütigen die Zornader
mächtig hervortrat: „Ihr wißt recht
gut, daß ich nur Euer megen bieher
fomme.”
„So? Meinetwegen? Was wollt
da haft Du, was Du verlangft, doch Ihr von mir armem Mädchen ?“
nun gebe, ich ſehe Margherita kommen
und will noch einmal ſelbſt verfuchen,
ihr ſprödes Herz zu rühren.”
Marco ließ fich dies nicht zweimal
jagen, er war froh, ber peinlichen ©i-
tuation [os zu fein, eilte zum Ufer
und ruberte mit feinem kleinen Boote
weg.
Pietro ftarrte unverwanbt auf bie
liebliche Erjcheinung des jungen Mäd—
chens, das mit leichten, elaftifchen
Schritten fih dem Haufe näherte.
Rofiger Hauch lag auf dem claffiich
ſchönen Gefihte, aus welchem zwei
dunkle Augen unter langen jchwarzen
Wimpern in mildem euer hervor:
leuchteten; die hohe jchlanfe Geftalt
bejaß ein Ebenmaß der Formen, wie
wir es an ben beften Werken ber grie:
chiſchen Bildhauer bewundern, bie
ganze Haltung des Mädchens, Blid,
Miene unb Gang zeigten in dem bürf-
tigen und ärmlichen Gewande wahr:
haft Fönigliche Hoheit.
„Dich will ih, Deine Liebe ober
den Tod”, lautete die leidenfchaftliche
Antwort.
„IH habe Euch ja wiederholt ſchon
gejagt, daß ich Euch nicht lieben kann,
aljo quält Euch und quält mich nicht
weiter.”
„Iſt dies Dein letztes Wort?”
fragte mit drohendem Tone Pietro.
„Mein letztes Wort“, antwortete
ruhig das Mädchen und begann ben
Anhalt des Korbes auf einen Strid
zu hängen, ohne fih weiter um ben
Mann zu kümmern, deſſen gewaltige
Seelenfämpfe fih in feinen Mienen
ausprägten. Mit Mühe zwang er fich
zur Ruhe, trogdem klang ber Ton
feiner Stimme noch immer wild genug,
als er, das Mädchen am Handgelente
faſſend, fagte:
„Du liebit einen Anderen, Dar:
oherita, geftehe es!”
Purpurne Röthe fürbte Marghe:
Auf dem ritens Wangen, unmuthig entriß fie
jtolzen Haupte trug das Mädchen einen ihre Hand der umflammernden Fauſt
776
und mit bligenden Augen fragte fie:
„Bin ih Euch Rechenschaft fchuldig ?
Laßt mich endlich in Ruhe.”
„Alfo das ift es, weshalb ich ab:
gewiefen werde“, grollte finfter ber
Fifcher, „ein Anderer ift mir zuvor
gekommen, wehe Dir und ihm! Kann
ih Dih nicht befiten, fo wird auch
Niemand Anderer ſich Deines Beſitzes
erfreuen, das ſchwöre ich bei der Ma-
donna.“
Mit vor Neid und Eiferſucht ent—
ſtellten Zügen entfernte ſich Pietro,
Verwünſchungen zwiſchen den feſt ge—
ſchloſſenen Zähnen murmelnd; Mar—
gherita aber athmete erleichtert auf,
als ſie allein war, ein ſeliges Lächeln
überflog ihr Antlitz und leiſe flüſterte
ſie: „Oh Madonna, du Allgütige,
du wirſt es nicht zulaſſen, daß dem
edelſten der Menſchen ein Unheil zu—
ſtoße, o Madonna beſchütze ihn!“
*
* *
In der Nähe von Raguſa und
ungefähr eine Stunde von Iſola di Mezzo
liegt ein Felsblock im Meere, rings
umbrandet von den Wogen der Adria.
Es iſt dies die Inſel St. Andrea.
Der kahle Felſen trägt auf ſeinen
Zacken ein reiches und vornehmes
Kloſter des heiligen Benedikt, in welchem
zumeiſt nur Angehörige der Patrizier:
familien von Ragufa und Zara Auf:
nahme fanden.
Eine8 Tages wurde ein Priefter
des Kloſters zu einer fterbensfranfen
Frau nah Iſola di Mezzo gerufen,
um ihr die legten Tröftungen der Ne:
ligion angebeihen zu laſſen.
Der Priefter fam und verrichtete
fein heiliges Amt, aber al3 er in dem
Ihmalen Boote wieder heimfuhr, da
fühlte er ſich ſchwer krank.
haft ſchlugen ſeine Pulſe und ſiedend
heiß wallte das Blut zum Herzen und
vor ſeinem geiſtigen Auge ſtand das
berückende Bild eines zauberiſch ſchönen
geblich, das berückende Bild ließ ſich
nicht vertreiben, immer und immer
wieder kehrte es zurück und blickte ihn
mit ſchwärmeriſchen Augen an. Der
junge Prieſter nahm ſeinen Beruf
ernſt und gewiſſenhaft und hatte ſich
bis heute von allen Verſuchungen frei
gehalten. Nun auf einmal erfaßte
ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt der
Dämon der Leidenſchaft und er glaubte
ſich im Banne eines böſen Zaubers,
der ihn, wie einſt den heiligen An—
tonius, vom Pfade der Pflicht verlocken
wolle.
In ſeine Zelle zurückgekehrt, kaſteite
er ſich und als er trotzdem nicht Ruhe
und Rettung fand, eilte er in die
Kirche, um dort vor dem Altare der
Gottesmutter in heißem Gebete Hilfe
vor der Macht des Böſen zu erflehen.
Die aus dem Meere glühend auf:
taudhende Sonne fand ihn noch in der
Kirche; müde und erſchöpft ſuchte er
enblich zu kurzer Ruhe fein Lager auf.
Als er aber die Augen ſchloß, ba
zauberte ihm der Traumgott wieder
das Bild Margheritens in finnvermir:
render Schönheit vor. Und fie ſprach
zu ihm, er hörte den filbernen Gloden:
ton ihrer Stimme, fie neigte fi zu
ihm, fie preßte ihre vollen heißen Lippen
auf die feinigen unb mit einem Schreie
ſprang der Gequälte wieder von dem
Lager empor.
Er juchte bei den Kirchenvätern
Sammlung und Bergefjen, vergeblich,
die funftvoll gemalten Initialen trugen
alle die Züge Margheritend und Die
ehrwürdigen Buchſtaben tanzten im
tollen Durcheinander vor feinen Bliden.
Verzweifelt ſchlug Don Giufeppe bie
Bücher zu, verließ die Zelle und durch—
irrte die Gänge des Kloſters, dabei
Fieber: | ſcheu jeder Begegnung der Eollegen
ausmweichend, welche ſich das räthjel:
bafte Benehmen des jungen, bei Allen
beliebten Vaters nicht erklären konnten.
Wieder floh er in die Kirche zur
Mädchens, ber Tochter der kranken Madonna, beruhigt und geftärft ver:
Frau.
Gewaltſam zwang er feine | ließ er nad) mehrftündigem Gebete ben
Gedanken auf eine andere Bahn; ver: | heiligen Ort, ging zum Ufer, löfte
177
einen Kahn von den Ketten, fuhr allein
hinaus in das raufchende Meer und
landete — auf der Inſel Mezjo, na:
türlih nur zu dem Zwecke, um bei
der ſchwererkrankten Frau nachzujehen,
— ber Fiebertraum war überwunden,
was kümmerte ihn ein Mädchen !
Gewappnet gegen jebe Verſuchung
überjchritt er die Schwelle der Hütte,
deren Thüre unverjchloffen war, und
begab fich zu dem Lager ber Kranken.
Diefer aber ſchienen die Tröftungen
der Religion überrafchend wohl be:
fommen zu haben, das Lager mar
leer und in der ganzen Hütte war
fein lebendes Weſen vorhanden.
Die fromme Pfliht war erfüllt,
Don Giufeppe trat den Rückweg zu
feinem Boote an, da plöglich hörte er
eine mwohltönende Stimme ein altes
Volkslied fingen. Die Stimme er:
fannte er ganz genau, fie ließ alle
Fibern feines Herzens erzittern, aber
er war ftarf und jchritt weiter bis —
er boch wieber vor dem Eleinen Häus:
hen und vor Margberiten ftand, welche
in dem fleinen Garten auf einem
Bündel von Fifcherneken ſaß und dort
mit emfiger Hand zerriffene Mafchen
und Knoten eines Netzes ausbeſſerte.
Mie er dahin gefommen, er wußte
es nicht — aber bei dem Anblide des
Mädchens fühlte er, daß fein Herz zu
ſchlagen aufhöre, um gleich darauf mit
verboppelter Kraft ihm heiße Blut:
wellen in’3 Antlig zu jagen.
Erröthend ftand der junge Mann
vor dem erröthenden Mädchen, ftumm
blidten fie einander an, die Lippen
ſchwiegen, aber die Augen jpradhen
deutlih nnd Har das aus, was die
Stimme zu jagen nicht wagte. Die
magnetiſche Brücke zmwifchen zwei ver:
wandten Seelen war gejchlagen und
mit unmwiderftehliher Gewalt war bie
MWunderblume Liebe in den "reinen
Herzen des ſchönen Paares empor:
geſchoſſen.
„Ich wollte mich nur nach dem
Befinden Deiner Mutter erkundigen“,
ſtammelte Don Giuſeppe unſicher und
zagend; denn feine ſtrenge Wahrheits—
liebe ſträubte ſich gegen die bewußte
Lüge, deren er ſich jetzt zum erſten—
male im Leben jchuldig machte.
„Die Mutter hat fich wieder von
bem böfen Fieber erholt und ift mit
meinem Bruder auf das Meer hinaus:
gefahren und ich bin ganz allein im
Haufe“, lautete des Mädchens jchüch-
terne Ermwieberung, das bei dem Ge:
danfen, allein zu fein, erblaßte und bie
Augen zu Boden jchlug.
Don Giufeppe hätte nun beruhigt
über das Befinden der alten Frau
wieder heimfahren fönnen, aber er
blieb; ja er faß bald auf einem
Bündel Nee an Margheritens Seite,
hielt ihre Kleine Hand in ber feinen
und ſprach mit leifer, vor innerer Er:
regung zitternder Stimme von Liebe.
Nicht von der Liebe zu dem unficht-
baren Mefen, zu dem Schöpfer des
Himmels und der Erde, ſondern von
jener irbifchen Liebe, welche die Erbe
zum Parabiefe und den Menjchen zum
Gotte macht. Bon jener Liebe, welche
allgewaltig und unmiberftehlich des
Menſchen Herz ergreift, welche unbe:
fchreiblihe Wonne ſchafft und ſüßen
Schmerz bereitet; von jener Liebe,
welche den Menſchen über Noth und
Plage des Alltaglebens hinaufführt in
den reinen Aether ſeeliſcher Verzückung.
Und mit geſchloſſenen Augen und
zum Gebete gefalteten Händen lauſchte
Margherita den Worten des jungen
Prieſters, welche ihr Herz in ſeliger
Luſt erzittern machten. Als Giuſeppe
ſie endlich fragte, ob ſie ihm dieſe
Liebe widmen wolle, da erwiederte ſie
in faſt weihevoller Stimmung: „Mein
Herz gehört Dir... . ich liebe Dich,
berrliher Mann, .... aber“, ſchloß
fie erbleichend „ift es nicht eine ſchwere
Sünde? Du bift ein Geweihter des
Margherita fand zuerft die Faſſung Herrn... .. a
und jcheinbar ruhig fragte fie nach ben
Wünſchen des hohmwürdigen Herrn.
Mit lautem Jubelruf ſchloß Giu-
feppe ftürmifch das erglühende Mäd—
778
hen in feine Arme, ber erfte Heike
Kuß brannte auf ben Lippen und in
jeligem Bergefien hielten fie fih ums
fangen; bann fagte der junge Priefter :
„Du fragit, ob e8 Sünde jei, mich
zu lieben? Nein, mein Kind, Dich
bindet fein Gelübde. Und wenn id
tofende Brandung ftürzen, endlich rubi-
ger geworben, beftach er einen Gärt-
nerjungen, welcher Margbheriten bie
Kunde von feiner Lage bringen follte.
Ferner jollte er dem Mädchen jagen,
es möge Nachts mit einem Boote nach
St. Andrea rubern; er werbe an bas
mich frage, ob ich ſündige, indem ich | Fenfter feiner Selle ein Licht ftellen,
irdiſchen Gefühlen mich hingebe, jo | damit die nächtliche Schifferin ihr Ziel
jage ich ebenfall® nein.
nicht Stinde fein, wenn ber Menjch
die Stimme feines Herzens hört.“
Unb in banger Seelenqual warf fi
Biufeppe auf die Knie und rief mit
zum Himmel erhobenen Händen: „Herr,
mein Gott, Du weißt, wie ich gefämpft
und gerungen habe, Du haft mein
Flehen nicht erhört und mich nicht ge
rettet. Berzeihe mir, wenn ich darin
beine gnädige Einwilligung erblide und
babe ich gefehlt, jo ftrafe mich allein
und jegne fie, die kindlich mir ver:
traute.“
Die Schatten wurden länger und
ber legte Sonnenftrahl, der die dunklen
Wogen bed Meeres vergolbete, mahnte
zur Heimkehr. Ein Kuß no, ein
leije geflüftertes Abſchiedswort und
Don Giufeppe ſaß wieder in feinem
Boote und rubderte dem Klofter zu.
In feiner Zelle angelangt, meinte
er geträumt zu haben ; doch nein, noch
brannte ja des Mädchens Kuß auf
jeinen Lippen, noch empfand er das
unbejchreibliche Wohlgefühl, als bie
Schlanke Geftalt an feinem Herzen lag.
Er wollte laut aufjubeln und mußte
jchweigen, er wollte aller Welt jein
Glüd verfünden und mußte vor jedem
Hauche zittern, der den Schleier von
dem füßen Geheimniffe ziehen konnte.
Das träumerifche Wejen des jungen
Priefter fiel gar bald auf und aud
der Grund wurde entdedt. Don Gin:
jeppe erhielt eine ernfte und eindring-
lihe Warnung von dem Prior und
ben gemefienen Befehl fih von ber
Inſel nicht mehr zu entfernen. Giu-
jeppe war in Verzweiflung unb mehr
Es kann |nicht verfehle, er jelbft werde fie am
Ufer erwarten.
Margherita welfte wie einevom Reif
getroffene Blüthe dahin, ald Tag auf
Tag verging, ohne daß Giufeppe er:
ſchien und als enbli der Bote fam,
da fanbte fie ein Danfgebet zum Himmel.
Mit Ungebuld erwartete fie das Licht,
das für fie zur leuchtenden und bele-
benden Sonne wurde.
Mit dem geihärften Auge ber
Liebe jpähte fie über die ſchwarze ru:
hige Meeresfläche hin nach St. Anbrea,
da warb ein lichter Punkt fichtbar,
hörbar flopfte das Herz; ſchon wollte
fie an's Ufer ftürgen, doch fie bezwang
ſich; vielleicht war ed nur eine Täu-
Ihung, ein Zufall. Nein, das Licht
blieb ftetig und Margheritens liebenber
Blick glaubte fogar Hinter demſelben,
Giuſeppe's ſchönes, bleiches Antlig zu
erkennen.
Nun wurde kein Augenblick mehr
verloren, mit einem Sprunge war das
kühne Mädchen im Boote, welches, von
kräftigen Armen getrieben, auf St.
Andrea zuflog.
Das felſige Ufer wurde erreicht
und weinend und lachend zugleich lag
das Mädchen in Giufeppe’3 Armen.
Bor Tagesanbruch noch war Marghe: .
rita wieder in ihrem Häuschen auf
Iſola di Mezzo.
Aber dieſes ſtille Liebesglück ſollte
nicht lange währen.
Eines Abends brannte wieder das
Licht in der Kloſterzelle und Marghe—
rita eilte zu ihrem Boote. In bem
Momente als fie basfelbe von dem
Pflode, an dem es angefettet war, los⸗
als einmal wollte er fih von dem Fen- machen wollte, ſtand plöglich eine dro⸗
fter feiner Zelle in die fnapp darunter hende Geftalt vor ihr.
—
„Das alſo iſt der Grund, wes—
halb ich abgewieſen wurde“, rief mit
vor leidenſchaftlicher Aufregung be—
bender Stimme Pietro Nicolini, „komm
hervor, Marko, und frage doch Dein
tugendhaftes Schweſterlein, was ihre
nächtlichen Spazierfahrten bedeuten.“
Da erhob ſich aus einem anderen
Boote eine dunkle Geſtalt, trat mit
geballten Fäuſten vor das Mädchen
und ſchrie:
„Eines ehrlichen Mannes Frau
wollteſt Du nicht werden, das war
Dir zu ſchlecht, ein ſündhaftes und
verbrechiſches Verhältniß mit einem
Pfaffen ſchien Dir beſſer, ehrvergeſſene
Dirne, wahrhaftig es wäre ein gutes
Werk, Dich wie eine Katze zu ertränken.“
Ruhig und ſtolz mit königlicher
Hoheit ſtand das Mädchen da, maß
verärtlih die beiten Männer und
fagte: „Sch ſchulde Niemandem Rechen:
Ihaft von meinem Thun, gebt Raum,
ih will in mein Boot.”
„Das wird nicht geichehen, jo
lange ich lebe”, brüllte Pietro und
zog aus dem Gürtel den ſcharfgeſchlif—
fenen Dolch, „noch einen Schritt weiter
und bei der Mabonna
„Ihr jeid Mädchen gegenüber jehr
muthig“, ſprach Margherita und kehrte,
ohne bie beiden Männer eines Blides
zu würbigen, in ihr Kämmerlein zurüd.
„So wahrft Du meine Intereſſen“,
grollte nun Pietro feinem Bunbes-
genoffen zu, „daß erft ih Dir fagen
mußte, was bier vorgeht ?”
„Berzeih’, Pietro, ich gebe Dir
mein ort, daß Margherita die Inſel
nicht mehr verläßt.”
„Dafür werde ſchon ich forgen;
denn Du bift ein leichtfinniger und
unverläßliher Taugenichts“, ſagte
Pietro.
Am nächſten Abende brannte wieder
das Licht auf St. Andrea und neuer:
dings machte fih das unerjchrodene
Mädchen auf den Weg zum Ufer, hatte
aber des Vaters Handſchar umge:
gürtet, feſt entſchloſſen, ſich die Fahrt
wenn nöthig, mit Blut zu erkämpfen.
Doch diesmal war Niemand zu
erblicken, alles war ruhig und ſtill,
aber die Boote waren ſo verkettet und
verankert, daß es ohne lange Arbeit
nicht möglich war, eines derſelben los
zu machen.
Ohne langes Ueberlegen warf Mar:
gherita das Oberfleid ab und ſchwamm
die weite Strede bi zu bem Ge—
liebten und fehrte auch ſchwimmend
wieder heim.
Ihre Abweſenheit vom Hauſe
wurde aber ſofort entdeckt und Pietro
und Marco faßten nunmehr, nachdem
der unbeugſame Sinn des Mädchens
nicht zu brechen mar, einen ganz an—
beren Plan, den Pietro aus wilden
Haffe gegen Margherita erfonnen hatte
und den Marco billigte, einerſeits
weil er ganz in Pietro’S Händen war,
anbererjeit3 aus religiöfem Fanatismus,
weil er ein gottgefälliges Werk zu thun
glaubte, wenn er dem fündhaften Ber:
hältniffe feiner Schwefter zu einem
Priefter ein Ende machte.
Zwei Tage fpäter fuhren Pietro
und Marco mit einem Boote gegen
St. Andrea. ALS es ganz finfler ge
worben war, da entzünbeten fie in
einem auf der Segelftange hängenden
Drahtgeflehte ein Licht und blieben
mit dem Boote ruhig ftehen.
Margherita glaubte den Ruf des
Geliebten zu erfennen und eilte, dem—
jelben Folge zu leiten. Diesmal
waren aber alle Boote verſchwunden
und Margherita hielt ſich damit nicht
auf, biejelben zu ſuchen, ſondern ver:
traute ihren fräftigen Armen und ihrer
Ausdauer als Schwimmerin.
Aber die Strede war heute lang,
und wie fie auch bis zur Erjehöpfung
mit den Wellen rang, dem Lichte war
nicht näher zu kommen. Sie ſchwamm
fort und fort und blickte nach dem Ster—
ne, ber enblich mit einemmale verloſch.
Margherita war in der weiten
Waſſerwüſte allein, weit entfernt vom
Lande und bereit3 zu Tode ermüdet.
Die beiden Verräther im Boote
waren langjam hinaus in das offene
780
Meer gerubert und hatten mit dem
Licht auf ihrer Segelſtange das arg:
loſe Mädchen in bie Irre geführt. —
Wie lange Margherita mit den Wellen
gerungen hat, bis fie endlich erfchöpft
verfanf, wer kann es wiſſen? Unter
den Lebenden wurde die ſchöne Mar:
gherita nicht wieder gejehen.
Don Giufeppe aber ſaß die nächfte
und noch manche folgende Nacht an
dem beleuchteten Fenfter feiner Selle
und wanderte dann raftlos auf ben
Klippen des Ufers, verzmweiflungsvoll
hinausſpähend in die Fluthen, welche
ihm die heiß erfehnte Geliebte zuführen
jollten. Aber die Fluthen kamen und
gingen, von Margheriten brachten fie
feine Kunde.
Da erlofh das Geiftesleben des
jungen Priefters, er ſprach nicht mehr,
wies jede Nahrung von ſich und ftarrte
nur unabläffig durch das jchmale
Fenfter nach der Inſel Mezzo Hin, bis
ihn eine Tages die Brüder Falt und
tobt am Boden liegen fanden.
Nah dem Verſchwinden Marghe:
ritend ergab fih Marco, von Ge:
willensbiffen gequält, "mehr als zuvor
dem Trunfe und als ihn in ſolchem
Zuftande Pietro an die Rüdzahlung
der geliehenen Summen mahnte, ftieß
er dem Berführer den Dolch in bie
Bruft und ftürzte fih dann von einer
Klippe in die Brandung, welche fpäter
feine zerſchmetterte Leiche an das Ufer
warf.
Aeber Gefelligkeit.
Bon Frau Thereſe.
Man begegnet fo häufig der Klage, | fen und Galerien das lebendige Wort,
daß in unferer Zeit echte, erquidliche | von wahlverwandten Menfchen gefpro:
Gejelligfeit ausgeftorben und ihre Spur | chen, erfegen.
faum mehr aufzufinden ſei. Wenn Die echte Menfchenliebe ift nicht
man ben Bedingungen, unter weldhen zu erfälten und noch weniger troß
fie allein gebeihen kann, nachſpürt, | alledem und alledem zu ertöbten ; immer
fann man nicht leugnen, daß auch ſucht fie Troft und Erholung bei
diefe zurückgewichen und andere mit zeit-
gemäßeren Namen an ihre Stelle ge:
treten find. Was find nun dieſe Be-
dingungen echter, erquidlicher Gefellig-
feit? Meines Erachtens ewig nur Hu—⸗
manität und Menjchenliebe. Hiermit
fei nicht jene Menfchenliebe gemeint,
ihresgleichen und darum ift befonders
in großen Stäbten echte, erquidkliche
Gejelligfeit fo felten anzutreffen, weil
bort auch jene mit biefen Tugenden
gottbegnabeten Menſchen jelten ge:
worden.
Iſt es nicht traurig, daß man die—
die den Hungrigen Brot reicht, die iſt ſen obengenannten Eigenſchaften das
nicht ausgeſtorben, aber jene ſubtilere, Wort Tugend als Prädicat beilegt,
die ſich ſo gerne des Zuſammenhanges welche doch nur ein natürlicher Be—
mit feinem Geſchlechte bewußt wird ſtandtheil eines unverbrauchten Her:
und es als höchſtes Glück erkennt im zens ſein ſollten; freilich muß es ein
innigſten Verbande mit Gleichgeſinnten ſtarkes Herz ſein, welches in einer
zu leben. Nur ein Herz mit dieſer großen Stadt jene beiden Eigenſchaf—⸗
ausgeſtattet, wird echte Geſelligkeit ten ſich zu bewahren wußte, ein Herz,
anſtreben und erzielen. Einem menſchen- das fort und fort neue Saaten treibt,
liebigen Herzen können weder Schau: | wenn ber Froft Tieblofer Berührung
jpiel, Dper, Concert, ganze Bibliothes | die früheren verjengte.
781
Ald mir eine junge Frau von
ber namenlofe Ennui und Ermüdung
ſprach, die fie aus jenen ſogenann—
ten großen Gejellfchaften nad) Haufe
bringe, wie jchmerzlih aufgeregt fie
heimkomme, um nicht jelten in Thrä-
nen auszubrechen, ſagte ih: „ch
fenne dieſes glänzende Elend, aber
Net geihieht Euch, warum vertaufcht
Ihr es nicht mit Bellerem? Wenn
Ihr nicht werbet, wie die Kinblein
find, werdet Ihr nicht das Himmel:
reih ſchauen.“ Ya, was ift aber da
zu machen, meinte fie weiter. „Machen,
fönnen Sie da nichts“, erwiderte ich
ihr, „aber fein müſſen Sie etwas
und das ift vor Mlem: wahr und
gut. Die Liebe muß Sie Menſchen
auffuhen mahen, um bie unb da
einen Freund jich zu gewinnen, „Freunde
aber find Gleichgefinnte“, jagt Frau
v. Barnhagen.
Die Menfchenliebe muß Sie Ihren
Umgang wählen lafjen, nicht leere
Eitelkeit ; den Schwächen der Menſchen,
mit denen Sie verkehren, müſſen Sie
weiter Schonung angebeihen laſſen und
jo viel als möglich diefelben in Schat-
ten ftellen, ihre Vorzüge hingegen in
helles Licht. Befolgen Sie dieſe ein-
fahen Rathſchläge ein paar Jahre
fort und fort, jo wird man fih in!
Ihrer Nähe wohl fühlen, Einer wird
den Andern nach fich ziehen und Sie
werden bald in der Zuge fein, fich als
den Mittelpunkt ſchönſter Geſelligkeit
erkennen zu müflen. Sind Sie nun
nicht reih, nicht in hervorragender
Stellung, um fo beifer! Ich habe dieſe
beiden Eigenfchaften rein menſchlichen
Beziehungen gegenüber nie als für:
bernd erkannt. Haſchen Sie nie nad)
celebren Namen für Ihren Kreis, wenn
bie Träger berjelben nicht Ihre menſch—
lihe Sympathie erregen, ebenſo nad
Leuten, bie gerade in der Mode find.
Sudt eine hervorragende Perjönlich-
feit nach Ihrem IUmgange, dann iſt's
ein Wahlverwandter und es ift Ihnen
Glück zu wünſchen, doc fahnden Sie
nit aus Eitelkeit nach berühmten
Leuten! Machen Sie ſich mit den Wer:
fen bedeutender Menſchen befannt, be-
ftünden Sie nun in That, Wort oder
Schrift befruchten Sie Ihren Geift mit
denſelben, das wird Ihnen und Jhrer
Gejelligfeit zu Gute kommen und Sie
werben Beide mehr davon haben, als von
den Berfonen all’ diefer Schöpfungen.”
Künftler und Männer ber Wiffen:
ſchaft find meift ernfte, in fich geehrte
Leute und fühlen fih in ihrer Ge-
lehrtenftube oder in ihren Clubs weit
behaglicher al3 in fo einem lichtftrah:
lenden Salon, der fie als Schaugericht
zu beleuchten hat. Sie find fich deſſen
wohl bewußt, au daß man fie nur
deshalb gepreßt, um jagen zu können:
Der und Die waren auch da! D,
das fennen wir! Kein Fäſerchen wirk:
li Tiebevoller Theilnahme verbindet
jo forcirte Herrlichkeit und die Beiten
weinen, wenn fie heimfommen, wie
wir an unferer jungen Freundin ge:
jehen. In diefer war die Urthümlich—
feit ihres Weſens noch nicht erjtorben
und fie brach durch, äußerte fich in
balbbewußter Wehmuth über unbefrie:
digte Menfchenliebe.
Den Meiften hat die Schablone
von Form und Phraſe ihre innere Na-
tur fo zum Schweigen gebracht, daß
fie fih ihrer nicht mehr bewußt find,
und unter Gähnen verfihern, der Abend
wäre ein charmanter geweſen; Toilet:
ten werben befritelt oder zur Nach—
ahmung notirt und das find die Er:
rungenfchaften jo eines Abends, die
Erfhöpfung abgerechnet, und wer ein
Herz mitbradhte, dem hat es ſich jo
unter bie fiebente Rippe verfrochen,
daß er meint, es fei ihm abhanden
gekommen.
An Geift fehlt es nicht, ebenfowe:
nig an Bildung in dieſen Kreifen, be:
wahre! Aber mit Beiden wird, wie
auch mit den herangezogenen Perjonen
eine Art Weltausftellung getrieben, es
ift kein organiſcher Zuſammenhang in
dem Zutagetreten aller dieſer Dinge.
Ein großer Dichter ſagte: „Man
ſollte jeden Großſtädter immer nach
182
4 Jahren auf eine wüfte Inſel ſetzen
und ein Jahr ihn dort fich jelbft über-
laffen, um die Weberjättigung
an Menjchen [os zu werben, aufzubrau«
Ken und ihn dann mit frifch feimendem
Empfinden ber Gejellihaft wiederge—
ben.” Wie font an Wiffen gewinnen
ein Segen ift, jo wäre es in biefem
Falle das DVergeffen von taufend Din:
gen, die unfere innerfte Natur nicht
mehr zu Worte fommen Laffen.
Wie nicht zwei gleiche Blätter in
einem ganzen Walde von gleichartigen
Bäumen anzutreffen, jo findet man
auch nicht zwei gleichartige Menfchen
in der ganzen Welt. Und fo ifl von
Gott und Rechtswegen jeder Menſch
ein Driginal. Wo gäbe es da mehr
Zangemweile, wenn bieje Originale den
Muth Hätten, ihrer inbivibuellen Be—
gabung gerecht zu werben, indem fie
diefelbe darlebten und in Wahrhaftig-
feit fich felbft gäben ?!
Thun fie das nun? Bewahre!
höchſtens Angelerntes geben fie uns
preis, ihr innerftes Weſen bleibt uns
ein ewiges Geheimniß, und fterben fie,
jo tragen wir ganz Andere hinaus, al3
wir gefannt zu haben meinen.
Wenn nım unfere Zeit jo koloſſal
vorjchreitet, daß fie bereit3 den lieben
Gott Hinter fih gelaffen, warum hat
fie nicht den Muth, bis zur Mahrheit
vorzubringen, alle Maskerade fallen zu
laffen und ein menſchlich Antlig zu
zeigen, wie e8 if. Man wird mir
einwenben, Klugheit, Anſtand, Sitte
macht es nothmwendig, daß mir in Ge-
jeljchaft gleiche Larven vornehmen und
auf gewiſſe Formen uns bejchränfen,
die Sprache mit jenen großen Diplo:
maten dazu gebrauchen, um Gedanken
und Gefühle zu verbergen; ich glaube,
diefe Anſchauung hat in unferer vor:
gefchrittenen Zeit ſich überlebt und
man könnte immerhin zur Wahrheit
greifen, ja jelbft bis in die Diplo:
matie hinauf. Man erlernt die Sprache
ber Lüge eben wie jede andere und
wie lange ift biefelbe im geläufigen
Gebrauh? Während der Eine lügt,
überſetzt ſich's der Hörer in's Wahre.
Es wäre gar nichts riskirt, es mit der
Wahrheit zu verſuchen. Welch' breites
Feld wäre der Geſelligkeit damit er-
öffnet, welche Friſche, welche Färbung
befäme da die Gonverfation!
Auh wüßte man, wie man mit
Jedem daran ei, ob geeignet zu bau-
erndem Verband oder ob man ihn aus:
zufcheiben habe; dazu käme es aber
gar nicht, er ſchiede ſich felbft aus,
und fuchte fein verwandtes Lügen—
element. Und barum ſage ich, bie
Beſten follten zur Wahrheit greifen,
ihon um ber erquidlichen Gefelligfeit
willen.
In der Proving wird biefe noch
bie und da gepflegt und bort habe ich
fie von Angeficht zu Angeficht geſchaut,
unb habe ihr die ſchönſten Stunden
meines Lebens zu banken. Man fam
in gehobener Stimmung zufammen,
mit dem Vorgefühl, fich in behaglichiter
Meife Herz und Sinn zu erfrifchen,
Erlebtes wurbe durchgeſprochen, Bücher
mwurben empfohlen, Stellen aus ben:
jelben ala charakteriftifche Zeichen citirt,
die Geipräche hatten eine Tradition,
weil man oft zufammenfam. Kam
Mufit zur Sprade, da ſchwärmte
Einer für die alte, trat an’3 Clavier
und führte feine Beweife mit ein paar
prächtigen Chorälen zur Anerkennung.
Die neuere Muſik fand mieber ihre
Vertreter, die Worte Bravour, Technik
und vor Mlem,-Kraft !!! waren ba:
mals noch nicht die Hauptmomente
mufifalifher Freuden, am Glavier
wenigftend. Man nahm Töne als ver:
geiftigte Worte und ſchlürfte fie als
wahre Labung. Die feelifche Freude
ward durch nichts geftört und. ab:
gezogen von Bewunderung und Ber:
wunderung Ich Halte es für
feinen Genuß, wenn ich eine Kraft
anftaunen fol, die Bravour bewun⸗
dern muß, die Technik wieber als eine
blutige Errungenfchaft mit einer Art
Bedauern anerkennen muß, weil das
Erringen berjelben die ganze Jugend
des Probucirenden verbittert: und ihm
7183
jo ben ganzen Flügelftaub feiner Phan—
tafie und ſeines Empfindens abgeftreift.
Se mehr ich folder Production Ver:
ftändniß entgegenbringe, je mehr bat
fie mich in ihre Plage hineingezogen
und je ermübeter fühlte ich mid).
Wurde von einigen der Freunde
eine Landpartie auf lieben Feldwegen
unternommen, jo brachten fie ficher eine
Heine Dorfgejhichte mit heim. Wie
hört fih eine foldhe immer gut an;
jelbft in der Reſidenz werben fie gerne
gelejen und alle Reden und Hand»
lungen, die in einer ſolchen vorkommen,
als Euriofitäten genofjen. Und welche
Freundſchaftsbündniſſe gingen aus ſolch'
geſelligem Beiſammenſein hervor!
D Freundſchaft, du höchſtes Gut,
wer dich gewann und am Abende ſeines
Lebens zurückſchaut, dem winkeſt du,
ein weißer Obelisk, umgeben von den
Trümmern anderer Freuden, noch ein:
mal. freundlich. zu, und beine golb’nen
Rettern jagen: Nur ich gab dir reines
Glück.
Rahel Lewin, nachherige Frau v.
Varnhagen, war die größte Geſellig—
keits⸗Künſtlerin ihrer Zeit, eine Künſt⸗
lerin inſofern, daß fie die heterogenften
Elemente einer großen Stadt zu har:
moniſchem Verband bezwang und das
mittelft. ihre gütigen Herzens und
ihrer Menjchenliebe. Wenn fie Jemand
zu fich.bat, fagte fie: „Kommen Sie,
Sie finden Freunde, Menjchen, die nur
Gutes wollen und unabläffig weiter
an ſich arbeiten, kommen Sie, herz
wiß ift, ehrlich Necht zu bekommen,
oder ehrlich beftritten zu werben.”
Ein anderesmal: „Wenn mir Gott
Menſchen ſchickt, bei mir ift fein
Athemzug, fein Bulsichlag verloren!”
Das iſt aber ſehr Schön, wo Einen
doch die große Stadt leicht verführt,
das eben hinzunehmen, was Einem in
vielen hunderttaufend Exemplaren ent:
gegentritt. In ihren jpätern Jahren
zog ihr Geift Prinzen, Fürſten und
alles Hochgeftellte in ihren Kreis. Sie
wählte fie fih nit als ſolche,
ihr genügte der Menſch, der zu den
Befjeren und Strebenden gehörte. Ihr
Geift zog die Menfchen an, doch zu
wahren Freunden hat fie nur ihr tüch-
tiges wahrhaftige® Herz ihr verbunden.
Sie haßte die Lüge und alles Schein:
gepränge und e3 gelang ihr, in
ifrem vertrauten Kreife dev Wahrheit
einen Thron zu. erbauen.
Y erwarte nicht, mit bem hier
Gejagten mir Zuftimmung zu erwerben,
ebenjowenig jemand Anderem. als mir
jelbft Freude zu bereiten, und ich
nähme es dem jehr geehrten Heraus-
geber des „Heimgarten“ nicht übel,
wenn er biefe Blätter unbeachtet dem
Papierforbe übergibt; er fennt feine
Zeit und muß ihr gerecht werden ; mir
jelbt bat es wohlgethan, mein Herz
mir zw erleichtern, indem ich mit Be-
geifterung echter Gejelligfeit und ihrer
Frucht, echter Freundbichaft, gedachte.
ALS Kranz lege ich diefe dankbare Er:
inmerung auf: das Grab ber theuren
Lieben, die ich aus treu gepflegter
färkend ift. e8 ja, wenn man fi) | Gejelligfeit mir zu Freunden gemann,
menschlich jeine Gedanken, der ganz | welche mir nichts ranben fonnte —
guten Aufnahme gewiß, mittheilt, ge: | als ber Tod.
— —7 — —
Kleine Laube.
Bon einer verhaßten Stubengenoffin.
Nah Dr. Ludwig Bühner.
Romanhaft und wunderbar klingen
die Berichte, welche und die neuere
Naturforfhung als Zeugniffe der Denk:
fähigkeit der Thierwelt darbietet. Immer
durchſichtiger wird der Schleier, welcher
bisher unferen Augen die Thierfeele
verhüllte. Seitdem wir nicht mehr mit
dem bequemen Worte „Inſtinkt“ über
dies dunkle Naturgebiet hinweghufchen,
dringen wir tiefer in die Geheimnifie
des Thierlebens ein und erfennen, daß
fein Geiſtesweſen in Wirklichkeit ein
weit höheres und mannigfaltigeres ift,
als man bisher annahm. Eifriges Nach—
ſpähen und forgfame Vergleihung von
zu verſchiedenen Zeiten und an ver:
ſchiedenen Orten angeftellten Beob:
achtungen liefern unaufhörlih und in
überreicher Fülle die fchlagendften und
unverfennbarften Bemweife dafür, daß
zwifchen dem Denken, Wollen und Em:
pfinden des Menſchen und demjenigen
der Thiere die größte Aehnlichfeit und
ein oft nur gradweiſer Unterfchied ftatt:
findet. Aber nur wenige haben geahnt,
daß diefe Regel auch für eine anſcheinend
tief unter uns ftehende Clafje von
Thieren zutrifft, und unfer geiftiger
Hohmuth erfährt bei der Betradhtung
der Leiſtungen diefer meift verachteten,
aber troß ihrer körperlichen Kleinheit
wunderbaren Geſchöpfe eine arge De:
müthigung. Cinige Beifpiele aus dem
Leben der Spinnen. :
Diefe Thiere find von den Menfchen
fo gehaßt, gefürchtet und geächtet, daß
fie nur dazu da zu fein ſcheinen, damit
fie Jeder, der fie erblidt, fo raſch als
möglich verderben, vertreiben oder tobt:
ſchlagen kann. Wer aber ihre Sitten
und Thaten ftubirt, wird troß ihres
abjhredenden Aeußeren fih weit mehr
zu ihnen, oder doch zu einer näheren
Kenntniß derfelben hingezogen, ald davon
abgeſchreckt fühlen.
Am meiften Aufmerkſamkeit hat von
jeher das Funftvolle Net der Spinnen
erregt, welches fie befanntlid an den
verfchiedenften Stellen zum Fang ihrer
Beute auszufpannen pflegen; und man
bat dasſelbe im ähnliher Weife, wie
die Bienenzelle, al Beweis eines eigen:
thümlichen, angeborenen und inftinktiven
Kunfttriebes angefehen oder gelten lafjen.
Aber weit mehr noch als die Bienen-
zelle ift das Spinnen-Net verfchieden
oder abweichend je nad Art, Umftänden
oder Berhältnifien. Jede Spinnenart,
ja man fann fagen: jede einzelne Spinne
befolgt in der Anlegung ihres Gewebes
ihren eigenthümlihen Plan und weiß
dasfelbe zmwedmäßig je nad ber Dert-
lichfeit auszuführen oder fi) den Um—
ftänden entfprehend einzurichten. Wäh-
rend die Kreuzipinne das befannte und
vielbewunderte radförmige Neb fpinnt
und ſenkrecht aufhängt, weben die Sad:
fpinnen flache, beutelförmige, wagredt
aufgehängte Gefpinnfte, deren Fäden
ganz unregelmäßig durcheinander laufen
und in deren Tiefe ein Heiner Sad
zum Aufenthalt des Bewohners ange:
legt ift. Sehr viele Arten aber ziehen
e8 vor, gar fein Net auszufpannen
785
und ihre Beute auf kürzerem Wege
dur Springen und Laufen zu erhaſchen.
Am gefürdtetften unter ihnen find die
Tigerfpinnen, welde an Mauern
und Wänden umberlaufen, indem fie
nad Hinterliftiger Katzenart langſam an
ihr Opfer beranfchleihen und ſich plöß:
fh mit gemaltigem, oft 1—2 Zoll
weitem Sprunge von oben her auf das—
felbe werfen. Andere wieder, wie die
große Vogel: oder Würgfpinne, lauern
in Erdlöchern, Aſtlöchern, unter Steinen,
Blättern ober dergleichen auf ihre Opfer,
während noch andere Arten, mie bie
fogenannten Minirfpinnen, nur bei Nacht
auf Raub ausgehen und ſich bei Tag
in unterirdifchen, von ihnen gegrabenen
Röhren aufhalten, deren Deffnung mit
einem Dedel verſchloſſen ift, den fie
willfürlih öffnen und ſchließen können.
Dft begegnet ed, daß ein weitge—
fpanntes Net nicht ftraff genug gefpannt
ift und daher von dem Wind mehr hin
und her bewegt wird, als eö der Spinne
angenehm und nüglich if. Das kluge
Thier weiß fih alsdann dadurch zu
helfen, daß es einzelne ftarfe Fäden
zum Boden herabführt und biefelben
an Steinen, Pflanzen oder fonft her:
porragenden Gegenftänden befeftigt.
Diejes Verfahren hat freilih den Nach—
theil, daß die Fäden durd unter dem
Netz hergehende Menſchen oder Thiere
zerrifjen werden. Aber auch in ſolchem
Falle weiß fih die Spinne in einer
Weiſe zu helfen, welche einen fo
hohen Grad von Intelligenz verräth,
daß man Anftand nehmen müßte, davon
zu reden, wenn nicht zuverläffige Be:
obachtungen vorlägen. Am Intereſſan—
teften bürfte eine von %. ©. Wood
mitgetheilte und von Watſon wieder:
gegebene Beobachtung diefer Art fein.
Einer meiner Freunde, fo erzählt Wood,
hatte die Gewohnheit, einer Anzahl von
Oartenfpinnen unter einer großen Veranda
ein Obdach zu gewähren und ihre Sitten
zu beobachten. Eines Tages nun entftand
ein heftiger Sturm und der Wind tobte
fo entjeglich dur den Garten, daß die
fhüßt, arg zu leiven hatten. An einem
der Netze nun mwurven die basjelbe
haltenden Segelftride, wie die Matrofen
dieſes nennen würden, zerrifien, fo daß
dad Net mie ein fchlaffes Segel im
Sturm hin und hergeworfen wurde.
Die Spinne fertigte feine neuen Stride
an, ſondern fuchte fi auf andere Weife
zu helfen. Sie ließ fi an einem Faden
auf den Boden herab und kroch aladann
bis zu einem Plate, wo einige gänzlid)
zertrümmerte Stüde eines von dem
Sturme umgemworfenen hölzernen Zaunes
lagen. Hier befeftigte fie ihren Faden
an einem ber Holzftüdchen, kehrte wieder
zurüd und hing das Holzjtüd, nachdem
fie e8 bis zu einer ungefähren Höhe
von fünf Fuß emporgezjogen hatte, mit
einem ftarfen Faden an dem unteren
Ende ihres Nee auf. Die Wirkung
war eine wunderbare; denn das Gemicht
des Holzes genügte, um das Netz er:
träglih jtraff zu halten, während es
doch leicht genug war, um dem Wind
nachzugeben und fo weitere Zerftörungen
zu verhüten. Das Holzftüdchen war
ungefähr zwei und einen halben Zoll
lang und fo did, wie ein Gänfeliel.
Folgenden Tages ftieß eine achtlofe
Dienerin mit ihrem Kopfe gegen das
Holz, jo daß es herabfiel. Aber nad
Verlauf weniger Stunden hatte es die
Spinne wieder aufgefunden und an
feinen Pla gebradht. Als der Sturm
aufhörte, befjerte die Spinne ihr Net
aus, riß ben haltenden Faden entzwei
und ließ das Holz zu Boden fallen!
Daß Spinnen troß ihrer großen
Scheuheit au gezähmt werden fünnen
und fih an Menfchen gewöhnen, die
ihnen Wohlthaten erweifen, fcheint durch
viele Beobachtungen oder Erfahrungen,
die zum Theil eine gewiſſe Berühmtheit
erlangt haben, fejtgeftellt. Namentlich fol:
len ©efangene, um die Qualen der Ein—
ſamkeit zu mildern, Spinnen derart ge:
zähmt haben, daß fie auf ihren Ruf herbei⸗
famen und Futter aus ihrer Hand nahmen.
Ein Gelehrter fchreibt darüber :
Ich bemerkte einft in einer halb:
Spinnen, obwohl von der Veranda ge: dunkeln Ede meines Vorſaales ein ziemlich
Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 10. Heft,
50
786
anftänbiges Spinnengewebe, in dem eine
wohlgenährte, fogenannte Kreuzipinne
ihr Heim aufgefhlagen hatte und an
der Neköffnung von. früh bis fpät der
etwa Hinzufliegenden oder Friechenden
Nahrung entgegenfah. Ich war zufällig
einigemale Zeuge, mit welcher Liſt
fie ihr Opfer fing und unſchädlich machte,
und mwurde es mir bald darauf eine
täglihe Sorge, ihr mehreremale des
Tages Fliegen zuzutragen, melde ich
ihr mitteljt einer Pinzette vor das Thor
legte. Anfangs fchien ihr diefe Fütterung
wenig Vertrauen zu ermweden, wozu
vielleicht die Pinzette Anlaß gab; denn
fie ließ mande Fliege wieder entwifchen,
oder nahm fie doch nicht eher in Befchlag,
als bis fie diefelbe im Bereich ihrer
Behaufung wußte. Mit der Zeit jedoch
fam ed dahin, daß die Spinne fi
jedesmal herbeibemühte und die Fliege
mehrere Tage hintereinander ihr an
einer ſehr günftig gelegenen Stelle über
einer Dachluke ausgefpanntes und ſtets
wieder hergeftelltes Net zerſtört hatte,
einen ſehr giftigen Biß auf der Stimme
beigebracht haben joll.
Sicherer, als dieſes, fcheint die
merkwürdige Vorliebe der Spinnen für
Muſik dur zuverläffige und zahl:
reihe Beobachtungen feſtgeſtellt. Durch
Spiel auf dem Piano, auf der Guitarre
oder Violine werden im Zimmer be:
findliche Spinnen herbeigelodt, namentlich
wenn das Spiel ein zartes, nicht allzu
lautes ift. Sie begeben fi möglichſt in
die Nähe des Inftrumentes ober ber
Spielenden und fcheinen derart bavon
bezaubert, daß fie für nichts Anderes
mehr Sinn haben. Meift fieht man,
daß fie fih an einem Faden von der
Dede des Zimmers herablaſſen und fi
aus der Pinzette entgegennahm, um fie | fo dem Mufizirenden möglichft zu nähern
einzuwideln. Diefes letztere geſchah bis- ſuchen. Sobald jedoch die Muſik rau-
weilen, wenn ich die Fliegen ſehr raſch ſchend wird, entfliehen ſie wieder in
nach einander hinreichte, ſo oberflächlich,
daß einige der bereits umgarnten Fliegen
Zeit und Gelegenheit fanden, wieder zu
entwiſchen. Dieſes Spiel trieb ich, weil
es mir intereſſant ſchien, einige Wochen
lang. Eines Tages aber, als die Spinne
mir ſo recht heißhungerig ſchien und
auf jede gereichte Fliege förmlich zuflog,
begann ich mich mit ihr zu necken. So—
bald ſie die Fliege erfaßt hatte, zog
ich dieſelbe mit der Pinzette wieder zu—
rüd. Dies fchien fie gewaltig übel zu
nehmen, Das erjtemal, als ich ihr die
Fliege ſchließlich doch überließ, mochte
fie mir noch verzeihen; als ich fie aber
fpäter confequent wegzog, zerjtörte dieſes
unjere Freundfchaft für immer. Am
folgenden Tage verſchmähte fie die von
mir angebotenen Fliegen gänzlih und
rührte ih nicht von der Stelle — am
dritten Tage aber war fie ausgewandert.”
Diefes zeigt, daß eine Spinne aud)
verbrofien und beleidigt werden kann.
Ja ſelbſt das Gefühl der Rachſucht
ſcheint ihrer kleinen Seele nicht fremd
zu fein. Es wird erzählt, daß eine
Epinne einem jungen Menfchen, welcher
ihr Netz.
Die Spinne verfteht es auch, ſich,
wenn es ihr zur Rettung ihres Lebens
nöthig erſcheint, wie fo viele andere
Inſelten, todt zu ftellen, und ent
widelt dabei einen wahrhaft heroifchen
Gleihmuth. „Ich habe“, jagt ein Forfcher,
„Spinnen in diefer Situation mit Nabeln
durchſtochen, ohne daß fie das leiſeſte
Zeichen von Schmerz von ſich gaben.“
In einem fonnenhellen Land....
In einem fonnenhellen Land,
Wo hohe Palmen fprojien,
War eines hehren Meifterd Hand
Ein Wunderbild entfloffen.
Ein Strahlenkranz, unfagbar mild,
Der rings die Melt verflärte,
Entquoll dem wunderfamen Bild,
Dem nichts gli auf der Erde,
Aus feiner Farben Harmonie
Flop Lind’rung allen Schmerzen,
Und wer es ſchaute, fant auf's Anie,
Und betete im Herzen.
187
Und wer entmenfht im Staube kroch
Und aufgehört zu hoffen,
Der fah das Bild und fternenhod)
Schaut’ er den Himmel offen.
Dod mit der Zeiten rafcher Aluth
Im Wechſel der Geſchlechter,
Kam auch das Bild in fremde Hut
Und unter fremde Wächter.
Und wieder Andere folgten nad)
In ungemeffener Reihe —
Und an dem Bilde allgemach
Schwand Harmonie und Weihe...
Die Einen klexten Farben hin
An unbemalter Stelle,
Und da, wo es dunkel ſchien,
Da malten fie es helle.
Den Andern ſchien der Hintergrund
Zu glanzlos und beſcheiden,
Und d’rum verfahen fie ihn bunt
Mit Tand und Goldgefchmeiden.
Und endlid ward's ein neues Bild,
Berfchwunden war das alte,
Da jeder ſich berufen hielt
Und an dem Bilde malte. — —
Und was iſt's nun? Ein leerer Wahn,
Denn Glaube ift ed nimmer,
Sie beten nur die Farben an
Und eitles Boldgeflimmer, —
Und jene hehre Harmonie,
Allmächtig, andahtsinnig,
Wohl längft entſchwunden, ift mir wie
Eim Märchen, wunderſinnig,
Das ich geträumt im Kindestraum,
Bom Mütterhen geſchaukelt —
Und das mir hin und wieder faum
Noch leid im Sinne gaufelt. —
Otto £udw. Müller,
Der Burpermeifter von Abelsberg.
Ein Schwant von P. 8. Rofegger.
Das Jagdrecht ift eme prächtige
Sache; aber ich fenne viele Orundbefiger
und Gemeinden, die es nicht ausüben.
Es leite die Jagbluftigen von der Be
rufsarbeit ab — fagen fie — es ver:
führe die Jugend zum Müffiggang, und
| die foftipielige Paſſion wäre nit fo
bald mehr aus dem Kopf zu bringen;
es verlode zur Mebervortheilung des
Nachbars, gar zu Diebftählen, und es
fofte manchem ungeſchickten Schüten feine
gefunden Glieder oder die eines Anderen.
Und ſchließlich ginge bei mwillfürlicher
Selbftbenügung bald der ganze Wild-
ftand zu Grunde. Sie verpadhten daher
dad Revier und zahlen mit dem Padıt:
ſchilling ihre Steuern.
Die Abelsberger denken nicht fo; fie
find viel zu liberal. Die Abelsberger
haben in ihren Wäldern gejagt, fo lange
noch das Pulver nit hätte fnallen
follen; und fie follten es jeßt unter:
lafjen, da e8 fradhen uud ganz ungenirt
von allen Wänden mieberhallen darf ?
Nein. Die Abelöberger üben das Jagd:
recht felber aus, Es gibt fein tolleres
Felt, ald wenn fie Jagdtag haben; da
ſetzt's Hallodria, Räufche, Püffe, Aben:
teuer, furz alles Mögliche, nur fein
Wildpre. Das Wildpret haben die
Wildſchützen ſtets Schon früher in Sicher:
heit gebracht.
Ah, die Wildſchützen, die find eine
Zandplage für die guten Abelsberger.
Der Gemeindevorftand (fie heißen ihn
„Burgermeifter“ ; der Burgermeifter
alfo) und fein Burſche mögen noch fo
ftreng fein — es hilft nichts. Und
wollten fie die Wilddiebe alle einfperren,
fo — — mären in Abeläberg leicht
die bravften Leute die längfte Zeit auf
Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder
auf Wallfahrten oder auf fonft was;
und fo — munfelt man — fönnte es
fih zutragen, daß eined Tages die
Kinder feine Schule hätten und daß zum
Sonntag der Gottesdienſt ausbliebe, weil
— der Herr Pfarrer verreift.
3 ift eine böfe Sad’, und ber
Burgermeijter, ein Ehrenmann über und
über, briht in ein gräßliches Fluchen
aus, wenn eine Gefellichaftsjagd fchlecht
ausfällt, und der ganze Gemeinderath
flucdht mit, daß, von den Flüchen mehr
erſchreckt, als von den Schüflen, allen-
50*
788
falls ein allerlegtes Häslein nod eilig
über die Grenze fett.
Jagdaufſeher ift ver Gemeindediener,
aber der Gemeindediener ift nicht mehr
jehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein
hat er die Gicht, und das linke ift ihm
vor Jahren in Böhmen abgefchofjen
worden. — So war's voreh’ ; dann iſt's
anders geworben.
Es war mweife” vom Burgermeifter,
ald er eines Tages bei der Situng fol-
gendermaßen das Wort ergriff: „Daß
ih ſag', nad meinem Verſteh'n: Die
Jagd, verpachten thun wir's nit; denn
wegen warum? unfere Buben werben
Soldaten, die müflen das Schießen ler:
nen!“ Patriotiſch war er immer, der
Abelsberger Vorftand; und dann fuhr
er fort: „Aber das fag’ ih, nad
meinem Verſteh'n, einen ſchärferen Jagd⸗
wachter müſſen wir haben. Ich rath',
wir laſſen einen Militärsmann kommen,
einen Ausgedienten; ſo Einer iſt re—
ſpektabel und kann laufen. Die Ge—
meindedienerei betreibt er uns auch; ſo
Einer iſt pünktlich und koſtet nicht viel.
Ich ſag', wir machen Ja darüber.“
Sie machten Ja darüber.
Etliche Tage nachher trat der Sol—
daten-Schorfh das Amt an. Es war
ein Veteran, Fernfrifh und baumftarf
und feinſchneidig, fchleppte einen langen
flirrenden Säbel — Gemeindegut —
und trug einen wuchtigen Schnurrbart,
der fe aufgefpigt war, wenn fich der
Mann in guter Zaune befand, der aber
ſchauderlich zerzauft fich über die Baden
hinausfträubte, wenn der Mann mild
war; und wenn er in's Fluchen gerieth,
da ftanden ſelbſt den Abelsbergern die
Haare gegen Himmel. Das war nun
der neue Gemeindediener und der „Jagd:
wachter“.
„Daß Er’3 weiß, Schorſch“, redete
ihn der Burgermeifier bald nad der
Aufnahme an, „wenn Er Seine Sad’
in Ordnung hält, jo fommen wir gut
miteinander ab. Wird fich bei mir nit
zu beflagen haben.
fortweg ein Schweinftall gewefen. Wei:
terö hat er die Gemeindefchriften zu ver:
tragen. Um Mitternacht, wenn Sperr:
ftunde ift, muß er von Wirthshaus zu
Wirthöhaus gehen. Iſt wo ein Rauf:
handel, fo muß Er dabei fein. Die
freie Zeit muß Er im Wald umgehen,
und das mag er fich Hinter die Ohren
fchreiben: wenn ein Stüd Wilbpret
fehlt, fo wird Er darum hergenommen.
Wenn Er einen Wildſchützen fieht, ein-
fangen! und ift’3 wer immer, hört er,
Schorſch, iſt's wer immer — einfangen
und in den Arreft treiben. Verftanden ?*
Der Schorfh legte feine Hand an
dad Ohr, dann fchritt er kerzengerade
und mit vafjelndem Säbel davon.
Verſah fein Amt gut, der neue Ge-
meinbebiener. Er reinigte die Kanzlei,
daß fie blank wie eine Wachtſtube war;
er „vertrug” die Schriften, Anfangs
freilich einigemale ganz buchſtäblich; zur
Sperrftunde ging er in die Wirths-
häufer, wo ihn fogar mehrmals ber
Burgermeifter einlud, an feinem Tiſche
Pla zu nehmen, und bei jedem „Rau:
fen“ mar der Schorfdh dabei.
Bei folder Pflichttreue verfehlte der
leutjelige Vorftand nicht, feinem neuen
Diener mitunter einen freien Tag zu
gönnen, an welchem fich derſelbe nad)
Wunfh und Wahl gütlih thun Fonnte.
An einem folhen Tage im Herbite
war es aud, daß der Schorfdh, nad):
dem er fih vom Dienfte losgemeldet
hatte, mit einer gewaltigen Commißs
pfeife zmwifchen den Zähnen, gelaffen in
den Wald hinaus fchlenderte. Er ließ
fih gehen, und wenn er aus dem
großen Tiegel ſchmauchte, jo wichen ihm
vor den Häufern aud die Bauern nicht
aus. Wenn der Mann fonft aber im
Soldatenfhritt einher marjdirte, die
Zähne aufeinanderbiß und mit den fin-
fteren Augen dreinſtach, da hatte Er ge:
fährlide Steuerbögen in der Taſche.
Heute hatte er den Schnapäpluger
d’rin, und damit ftrih er in den ſchat—
Einmal hat er die tigen Wald hinaus, — Wenn ich einen
Kanzlei rein zu halten; unter dem’ ver: | Hirfch fehe, dachte er bei fi, fo madt
wichenen Diener ift meine Stube da | mir das Spaß, und fehe ich einen Wild-
889
dieb, fo bin ich auch heute der Diener
meined Herrn.
So ftieg er immer weiter durch die
Wälder hinan und in die Wilbnif
hinein. Und alö er gegen eine hobe
Felswand fam, an welder wilder Epheu
emporrankte, an welcher hoch das nor:
rige Neft eines Habichts klebte, fand der
Schorſch die Wand fo romantifch, daß
er fi in ihrem Schatten nieberließ und
feinen Plutzer entlorkte. — Es wäre ein
anmuthiges Stündchen geworden, da hörte
er plöglih einen Schuß.
Sofort war der Soldat auf den
Beinen. Den Säbel hob er empor,
daß er nicht Flapperte im Geftein und
Gewurzel, und fo fhlih er der Rich—
tung zu, in welder der Schuß gefallen
war.
Nah einigem Suden fand er was.
Im Waldesduntel fauerte ein Mann
und meidete einen erſchoſſenen Rehbod
aus. Und der Mann war der Burger:
meifter von Abelsberg. — Wie? ift
denn heute Jagdtag? fragte ſich ber
Schorſch. Kreuz: Bomben und Morbs-
ftern, heute ift nicht Jagdtag. Halt,
Kerlhen, wir Zwei werben näher be:
fannt. — Über e8 ift ja der Burger:
meifter! — rief in ihm eine andere
Stimme. — Thut nichts, dachte ſich
der Gemeindediener wieder, wer wildert,
ift ein Wilddieb. Was er fonft noch
ift, ift mir alles eins. Das Schießen
ift jet nicht erlaubt; geftern erjt hat
der Vorftand das neue Verbot auäge:
ſchickt. Und thät er's reblih, fo brauchte
er das Gewehr nicht zu zerlegen, das
dort ſtückweis im Bufche ſteckt. Ah,
mein fauberer Herr, desweg haft Du
heute den Wilbwächter beurlaubt! Nun
wollen anfangen. — Wenn’ aber der
Burgermeifter jelber ift! warnte nod)
einmal die andere Stimme, — Halt!
flüfterte der Schorf&h, und ftemmte feinen
Zeigefinger mitten auf die Stirne hin.
Hat er mir nicht jelber eingefchärft, der
Ertappte fei wer immer: einfangen!
— Des höllifhen Satans will ich fein,
wenn das nicht eine Falle für mich ift,
Er hat mich abgejpäht und will ver:
ſuchen, ob ich ein treuer, unbeftechlicher
Burfhe bin. Nicht auffigen, Schorſchl!
Etlihe Sekunden fpäter ſchlug der
Gemeinbebiener dem eifrig fleifhernden
Vorfteher Fed die flahe Hand auf die
Achſel: „He da!“
Faſt follerte der Wilderer vor Schred
über und über.
„Aufftehen !* commandirte der Sol:
dat, „wir gehen mitfammen.”
„Aber, Schorſch, aber — Schorſchl!“
ſtotterte der Ertappte, „es iſt ja —
es war ja —“
„Rehbock über die Achfel! Flint!“
rief der Diener mit fchneidiger Stimme.
„Na, fo thu' Er — hi, Hi —
— thu' Er doch die Augen auf,
Schorſchl!“
„Ich mach' keinen Unterſchied.“
„Aber — Er ſieht's ja, hi, hi, ein
Spaß, ein dummer Spaß —“
„Im Namen des Geſetzes arretirt!“
„Aber, ſo mach er keine Dumm—
heiten, Schorſch!“
„Marſch!“
„Hör' Er! Das verbitte ich mir!“
„Ich brauche Gewalt!“ knirſchte der
Wildwächter und griff an den Säbel.
Aus ſeinen Augen funkelte der Zorn,
unter ſeinem zerfetzten Schnurbart wir—
belten die haarſträubendſten Flüche.
Im Cabinet, in der Kanzlei iſt der
Geſcheidtere Herr; im Walde iſt's der
Stärkere. Höhergeftellte, einflußreiche
Perſonen laſſen ſich bisweilen erbitten,
aber ſo ein alter Soldatenkerl iſt nicht
zu beſtechen. Die Feder ſträubt ſich,
es zu ſchreiben, daß der Herr Burger—
meiſter von Abelsberg als eingefangener
Wilddieb mit dem Gemeindediener
Schorſch gehen und den Rehbock ſelbſt
auf dem Rücken mitſchleppen mußte.
Der Vorſtand machte mehrmals
unterwegs die unglaublichſten Verſuche,
ſich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem
Ausreißen und Fliehen war's ein für
allemal nichts, denn der ſchwere Bock
war ihm ſo feſt auf den Buckel ge—
ſchnallt, daß der ſolcher Strapazen un—
gewohnte Mann froh ſein mußte, wenn
ihn das heilloſe Thier nicht zu Boden
790
ritt. Mit Drohungen richtete er nichts
aus; dabei blieb der Schorfh ganz
gleihmüthig; ift’3 eine Falle für mic),
dachte er, fo darf ich nicht eingehen, und
ift der Herr Vorftand ein wahrhaftiger
Dieb, fo muß ich ihn ftellen. Da ver:
fuht es der Arretirte mit Berfpre:
Hungen; hundert Stück feine Cigarren
für’ Erfte; eine goldene Saduhr für’s
Zweite; und endlich, da fie dem ſchönen
Abelsberg immer näher famen, feine
ältefte Tochter für’3 Dritte. Die Folge
davon war, daß der Soldat in Wuth
ausbrach und mit geballter Fauft dem
Nehbod einen fol’ derben Schlag ver:
fette, daß der Bürgermeifter darunter
taumelte.
Und als fie endlich) zur Linde famen,
wo die erften Häufer von Abelsberg
anheben, blieb ber Vorſtand ftehen,
flopfte mit fteifem Arm dem Gemeinde:
diener auf die Achſel und lächelte:
„Brav, Schorfhl! Er Hat die Prü-
fung glänzend beftanden, Er ift ein
waderer Mann; Er ift bei uns fein
Lebtag lang verforgt.“
„Wohl“, ſchmunzelte der Soldat,
„3 bat aber auch Müh' gefoftet, und
beöwegen möchte ich eine Zeugenfchaft
haben, daß die Sad’ pflichtgetreu aus:
geführt worden: iſt.“
„Ei, das werde ich Ihm gern be:
ftätigen und die Abelöberger wiſſen ja
vom Jur; aber die Schulfinder dürfen
uns fo nicht fehen, weiß Er, die Kinder
— des Nefpeltes wegen, verfteht Er?“
„Mit Verlaub!” fagte der Schorfch
gemeflen, „die Schulkinder follen es
wiffen, daß in Mbelöberg aud der
Burgermeifter eingefperrt wird, wenn er
ftiehlt. — Marſch!“
Mitten durch den Marktplatz trieb
er den wankenden Borftand dem Ge:
meindehaufe zu. Bald waren fie um:
rungen von lärmendem, höhnendem
Volle. Einige Oemeinderäthe eilten
herbei; vor diefen falutirte der Schorfd :
„Vermelde gehorjamft, daß ich hier
einen Wilddieb eingebradt habe!“
Bei der Sitzung fahen fi Die
Väter der Gemeinde mit großen Augen
an und murmelten: „So hätt’8 uns
au gefchehen können. — Der Sol:
daten-Scorfch ift ein prädtiger Kerl,
den müſſen wir bei feinem Regiment
recommandiren. Abelsberg iſt für ihn
fein Play.“
Und am nächſten Tage ift der Reh:
bod verzehrt worden im Feſtſaale bes
Gemeindehaufes. Noch lange werben
die Abeläberger von ihrem Burgermeifter
ſprechen, „ber ſich herabgelafien, auf
eigene Rechnung und Gefahr die Recht:
Ichaffenheit eines Jagdwachters zu er:
proben“.
Der Burgermeifter ift mit folder
Löſung zufrieben.
Was ein böfer Vogel auf dem Dad
fann zumege bringen.
(Eine wahre Begebenheit.)
Den Baron Goldleibel müfjen wir
recht in Ehren halten, denn er hat —
nein, er that — bas heißt, er war
von altem Adel. Der Baron konnte mit
jenem NRitterömanne fagen: „Mein
Stammbaum geht aus der Zeit Karls
deö Großen herauf; dazumal war mein
Urahn Pferdedieb.“ Ya, der Baron
Goldleibel konnte noch mehr fagen, er
ftammte, wie jhon fein Name zeigt,
von einem römifchen Patrizier ab, ver
um dad Jahr 125 nah Germanien
fam, daſelbſt eine große Reutung vor:
nahm und eine Schweinezudt anlegte.
Das ftolze Bergſchloß, welches
diefes Geſchlecht einft erbaut hatte, war
längft ein Neft plebejifher Eulen und
Fledermäufe geworden. Das verbroß
den Jüngſten des Stammes gewaltig
und er befchloß, die Burg feiner Väter
wieder zu reftauriren und in berfelben
den ehrwürdigen Stammbaum fortzu:
zügeln. Freilich, al nun aus dem
alten das neue Schloß fertig war, Tieß
es fi nicht leugnen: ed mar mit
Schulden gevedt und mit Schulden ge
pflaftert; auf dem Thurme wehte ſtets
das weiß =rothe Fähnlein, aber auf dem
791
Knopfe ſaß ein Vogel, der fang in
einemfort: „Schloßherr, gib Zinfen,
hohe Zinfen, hohe Zinſen!“
„Papa !" fagte eines Tages Ludwig,
das Söhnlein, „ven garftigen Vogel
follteft Du vom Dache ſchießen.“
„Das Vieh ift nicht umzubringen,
mein Sohn,“ entgegnete Papa, „oder
es müßte zu tobt gefüttert werben mit
mehr denn Hunderttaufend ulben.
Aber dieſes Gift ift nicht im jeber
Apothefe zu haben.“
Ludwig war zum Jüngling heran:
gewachſen, den der Vogel auf dem
Thurme weiter nicht Fümmerte, er
wußte anderes Wild, an dem er fein
Jagdglück verfuhen wollte. Im Walde
ging auch mandes Hirtenmägdlein, das
Erdbeeren oder Brombeeren pflüdte,
allein der alte, fittenftarre Baron
verbot feinem Sohne jtrengftend, von
den Baueröleuten Wildobft zu nehmen
— das thäte fih für einen Edelmann
nicht ſchicken. Noch ein Wunder, daß
der Herr Baron die junge, hübſche
Köchin gelten ließ, die, wenn aud des
Barbiererd Tochter aus dem Dorfe,
gleihwohl die Familie Goldleibel mit
einer trefflihen Küche verjorgte.
Cs war wohl wahr, der Baron
gab ihr mit jedem Winfe und Tone,
in dem er mit ihr nothmwendig ver:
fehren mußte, zu verftehen, daß er ber
Freiherr und fie, die Ködin, feine
hörige Dienerin ſei; denn nimmer
wollte er den Schloßgraben mit Erde
ausfüllen, der zwiſchen dem Edelmann
und dem Plebejerthume lag.
Wie war der Baron Golbleibel
daher eines Tages überrafht, als Sufi,
die Köchin zu ihm trat, ſchämig ihren
weißen Schürzenzipf walfte und endlich
mit der Bitte um Löfung des Dienft-
vertraged herausrüdte.
„Wenn fie fort will,” entgegnete
der Baron kurz, „fo halt’ id fie nicht
auf. Aber den Grund will ich wiſſen.“
„Den kann ic) aud) jagen, gnädiger
Herr," verjegte das Mädchen mit felbit-
bewußterem Tone als es fonft gewohnt |
war, „der Kreuzfchneiber in ber Gemein
ift mein Pathe, und —“
„Der will fie haben!“ unterbrad)
der Baron.
„Nein, gnädiger Herr; ber hat mir
einen Schein von der großen Lotterie
gefauft, und —“
„Und da will fie deshalb aus
dem Dienfte ſtehen?“ polterte ber
Edelmann.
„Freilich, gnädiger Herr; willen
der gnädige Herr, 's ift Halt jo eine
ſpaßige Geſchichte, jetzt — id hätt’
mir fo was aud nidt im Schlaf ein
fallen laſſen; aber 's kann fein Menſch
dafür — den's trifft, der muß ſich
darnach richten, und —“
„Alſo was denn, was denn 2” rief
der Baron ungebuldig.
„Sa, gnädiger Herr, den Haupt:
treffer hab’ ich halt gemadt. Und jest
hab’ ich mir's überlegt und will feinen
Tag länger dienen. Daß mir's ber
gnäbige Herr glauben, da hab’ id die
Bapiere.“
Faft ſprachlos war der Herr Baron.
Er mußte fih auf einen Seſſel nieder:
laſſen. a, die Papiere waren freilich
richtig, und durd das offene Fenſter
herein hörte er den Vogel: „Schloßherr,
gib Zinſen, hohe Zinſen, hohe Zinſen!“
Endlich, als der Edelmann wieder
zu Worte kam, ſagte er kalt: „Gratulir.
Aber ſie wird wiſſen, es iſt vierzehn⸗
tägige Aufkündzeit, und bis Ablauf
dieſer Friſt hat fie im Schloſſe den
Dienft zu verfehen.“
Die Sufi gab fih drein. Der
Baron ging in den Eihenparf hinaus
und ſuchte feinen Sohn. Er fand ihn
auf einem galopirenden Rappen.
„Spring’ ab, Ludwig, und laß den
Rappen laufen; ich hab’ ein ermites
Wort mit Dir zu reden."
Der junge Mann befolgte ſogleich
des Vaters Befehl. Sie gingen durd)
ſchattige Lauben.
„Ludwig,“ ſagte der Baron ge
meſſen, „mas, glaubft Du, dürfte ich
Dir heute zu fagen haben ?”
Der junge Mann zudte die Achſeln.
792
„Nu, werben jehen,“ fagte der
Baron, „Jungfer Sufi, die wirft Du
fennen !"
Ludwig wurde roth bis hinter die
Ohren; auf diefem Felde mußte ihm
nicht ganz geheuer fein.
„sh werde mich fehr kurz faflen,
mein Sohn. Meine Haare werben grau,
unjere Güter verzehren fih; Du mußt
an eine Partie denken, die Dir min-
deftend zmweihunderttaufend Gulden ein:
bringt. Geld ift heutzutage die Haupt:
ſache; und die demofratifche Richtung
der Zeit können mir nicht mehr auf:
halten, was bleibt uns übrig, als ſich
ihr zu fügen? Hunderte und Taufende
unfere® Ranges verfchmähen es nicht,
ihr altes Wappen auf den Grund bes
Volkes zu pflanzen. Doc, was ich jagen
wollte. Yungfer Suft hat in der Staats:
lotterie legter Ziehung einen Haupttreffer
gemacht, ift im Beſitze von zweihundert—
taufend Gulden. Die Jungfer hat be:
reitö den Dienft gefündet und wird in
vierzehn Tagen das Schloß verlaj:
fen. Mit einem Worte, es ift Deine
Aufgabe, Ludwig, innerhalb vierzehn
Tagen Suſi ald Deine Braut zu ge:
winnen.“
Die Nöthe auf des Jünglings
Antlig war merklich gefchwunden ; nur
ein folider, männlid brauner Hauch
war noch geblieben. Ein leifes Lächeln
zudte um den Mund, Muth und Kühn:
heit ftrahlte aus den lebendigen Augen.
„Papa !" fagte er, „ich danfe Dir,
ich werde Deinen Wunſch erfüllen.“
Eine Stunde fpäter zündete der
junge Edelmann feine Cigarre in ber
Küche an. Er fcherzte dabei Teutfelig
mit der hübſchen Köchin, dann feßte er
fih auf das Nudelbrett neben dem
Herd und fagte, er wolle doch einmal
jehen, wie fo ein gefpidter Haſe zube—
reitet werde.
„So Schauen der gnäbige Herr
nur,“ fagte Sufi mit lauernder Bos—
heit, „der Hafe ift nicht die Haupt:
fache, der Sped ift die Hauptſache, der
ringsum hineingefpidt wird; und nachher
dreht man das Ding eine Weile fo um
dad Feuer — völlig fo, mie mich der
gnädige Herr drehen; ja, ich bin jett
aud jo ein gejpidter Hafe.“
Die Berlegenheit des jungen Ebel-
mannes war gar nicht Fein. Er war
durchſchaut und erachtete feinen Plan
für gefcheitert. Verdrießlich erhob er
ih, allein Suſi lub ihn ein, fiten zu
bleiben. „Wir find ja noch nicht in ber
Ordnung,“ fagte fie und trodnete ihre
glatten Hände an der fchneeweißen
Schürze. „Der gnädige Herr wiſſen
gleichwohl, daß mir Zwei gegen ein-
ander gerade feine gefpreizten Reben
mehr zu führen brauchen. Der gnädige
Herr haben ein Schloß und ich hab’
ein Geld; und ih mill mid nicht erft
überliften laſſen, ih mil die Sad)’
gleich felber in die Hand nehmen und
ih ſag's frifch heraus, wollen mich ber
gnädige Herr ganz und gar zur Schloß:
frau machen — mir ift es recht.“
„Die Jungfer — mißverfteht mich,“
ftotterte der junge Mann; „ich glaube
bereit3 den Beweis geführt zu haben,
daß nicht das Geld es ift, welches mid)
zur Jungfer hinzieht; — die Liebe,
Sufi —!“ Er umarmte fie, zog fie
an feine Bruft.
In demfelben Augenblide trat un-
glüdfeliger Weife her Herr Baron ein.
Die Gruppe erblidend, ſchlug er ſprach⸗
[08 die Hände zufammen.
„Ludwig!“ rief er endlich mit
fchmerzbewegter Stimme. „So Fannft
Du Did vergefien! Bift Du werth,
ein Goldleibel zu fein? Berftoßen, ent:
erben follt’ ih Did, Du ungerathenes
Kind; doch anders folljt Du mir büßen.
Deiner beifpiellofen Erniedrigung fol
eine beifpiellofe Sühne folgen. Ein
Gentlemen bin ih, und id ftelle bie
Menſchenwürde und die Sittlichleit noch
höher, als den altehrwürdigen Namen
der Vorfahrer. Du Haft Did an ber
Jungfer vergangen, Ludwig, Du hei:
rateft die Jungfer! — Keine Wider:
rede, Burfche, Du heirateft die Jungfer!“
Der junge Mann fenkte fein Haupt.
„Ei!“ rief Suſi lachend und
ihmang den Kochlöffel, „hören mir der
793
gnädige Herr auf mit dem Komöbie:
fpielen; jagen wir's gleich frifchmeg :
Der Herr will mein Geld und ich mag
fein Schloß — topp!“
Der Junge ſchlug feine Hand hin,
der Alte fegnete gerührt den Bund.
Luftig flatterte das weiß =rothe
Fähnlein auf dem Thurm — und der
leidige Vogel war geftillt.
aM,
Der Huffhmied von Steinad).
Eine fteirifche Volksſage.
Da lebte zu Steinad im Ennöthale
einmal ein Huffchmied, das war ein gar
frommer Mann. Man durfte ihn nur
Iprechen hören, und er ſprach nicht wenig,
um von feiner Heiligkeit überzeugt zu
fein.
„Sünder“, fagte er ftet3, „find wir
Alle, ih auch; aber demüthig muß man
fein, und nit fo hochmüthig, wie ber
Poftmeifter zu Liezen und nicht fo Aer—
gerniß geben, mie die Adlerwirthin zu
Irdning, und nit fo ausgelaſſen fein,
wie die Burfhen zu Mitterndorf, und
nicht fo leichtfertig leben, wie die Dirnle
zu Gröbming und Sanct Martin und
Wörſchach und Weiffenbah und Stei—
nah. Die Wenigften find mas nub,
heut’ zu Tag, und muß unfer Einer
nur feinem Gott danken, daß die Schled;-
tigkeit nicht in’ eigene Haus fommt.
Die Burfchen zu Mitterndorf find Nachts
nicht daheim in ihrem Bett; aber zu
Sanct Martin find Nachts die Dirndle
nicht daheim. In Donnersbahmwald
wächſt jahraus, jahrein nicht fo viel
Haberftroh, daß es für die Gottsleich—
namstag⸗Kränze unferer Mädeln thät
langen. Und der Herrgott hat nicht jo
viel Feuer und Schwefel am Himmel,
daß er auf unfere Almen und Brend:
lerhütten genug kunnt regnen laſſen.“
In ähnlicher Weife hatte der brave
Huffhmied zu Steinah oftmals feiner
Entrüftung Ausdrud gegeben.
Da war ed einmal in der Sonnen:
aus dem Sclafe gewedt wurde. Auf
der Stufe feines Bettes ſaß ein kleines
Männlein, das hatte Mugen, die wie
Karfunkel leuchteten, fo daß die ganze
Kammer von einem grüngelben Lichte
erhellt war. Das Männden hatte dem
Schmied eine Maus in das Bett ge:
than, und diefe hatte mit ihren ſcharfen
Zähnlein den Mann wach gebiflen..
„He!“ rief der Schmied erfchroden
auf, „maß ift das für ein Gezücht unter
meiner Deden ?“
„Mein Lieber Huffchmieb“, entgeg:
nete hierauf das Männlein, „Du follft
eilends aufftehen, Hammer und Zange
nehmen und mit mir auf die Scheichen-
ſpitze gehen.“
„Was?“ rief der Schmied, „auf
die Scheihenfpige am Stein, die zwei
Tagreifen von dahier entfernt iſt? Ya
gar feine Möglichkeit, daß ein Menſch
auf diefen Felfenberg kunnt fteigen.“
„Huffchmied, das laß’ meine Sad’
fein“, fagte das Männlein, „ſteh' auf,
es geſchieht Dir nichts zu Leid’, bift
ja ein frommer Mann. Kannſt auf
einem goldenen Wagen dur die Lüfte
fahren, oder auf einem feurigen Rappen
reiten.”
Ya, aber ala der Schmied vor’s
Haus trat, da war der Wagen feurig
und anftatt des Rappen jtand ein un—
geheurer Drache da und flatterte mit
feinen ſchwarzen Flügeln. Auf den
Draden mußte der Huffchmied fteigen,
das grünäugige Männlein aber jeßte
fich fichernd in den feurigen Wagen und
fie flogen in die Lüfte empor und in
einem gewaltigen Bogen hoch über den
Grimming bin.
Auf einer Zade des Stoderzinfen
madten fie Halt, und das Männlein
fagte zum Huffchmied: „Lieber Meifter,
jego wifje, worin Du mir dienen follft.
Da unten am Ahornfee, auf dem juft
das Mondliht fchimmert, habe ih ein
großes Heer von jungen Rößlein, bie
fih dort eben baden und hernach mit
ihren Knien auf die Scheichenſpitze
wendnacht, daß der Schmieb plöglich | fleigen müfjen.“
794
„Das kann ich nicht verſtehen“, ſeine längſten Nägel hervor, aber als
fagte der Hufſchmied.
„Das wirft Du gleich verftehen”,
fagte dad Männlein. „Diefe jungen
Nöplein, das find all’ die leichtfertigen
Dirnen von Gröbming und Sanct Martin
und Wörfhah und Weiſſenbach und
Steinah, die Du fo gut fennft, und
die auf der Scheichenfpite heute einen
Teltball geben. Nun weißt Du aber,
daß die Wände der Scheihenfpite glatt
und fteil find; und weil die Ballerinen
Inieend hinauf müffen, fo ift es nöthig,
daß Du ihnen ſcharfe Hufeifen an die
Knie ſchlägſt.“
Der Schmied that einen Seufzer,
und dann fuhren fie nieder zum Gee.
In der Kluft eines Felfend ward bie
Schmiede errichtet, und das grünäugige
Männlein führte der Dirnen eine um
die andere vor und der Meifter Huf:
ſchmied maltete feines Amtes. Die
Mehrzahl war da der Schönen vom
Ennsthal; von den Dörfern herauf, von
den Gehöften heran, von den Almen
herab waren fie gefommen — ganz fo,
wie e8 ber Schmied immer gefagt hatte:
Die Wenigften find mas nuß, heut zu
Tag. Er freute fi insgeheim über
die Schlechtigkeiten, welche feine und
feines Haufe Tugend um fo glänzender
emporgehoben. Er kannte faft Alle.
Auch die „Ehrenmwerthen“ waren dabei,
die daheim im Rufe der Sittfamleit
und Frömmigkeit ftanden, — betagte
Frauen aud) darunter. Sogar ein paar
Nahbarinnen aus Steinach lockte das
grünäugige Männlein daher und bei
Einigen war vor lauter Knien in ber
Kirche die Kniefcheibe fo hart und ver:
Inöchert, daß der gute Meifter faum die
Eifennägel hineinbradte.
Die Meiften famen wider alles Er:
warten gerne herbei, um fi für bie
Befteigung des Berges rüften zu laſſen.
Nur Eine, die Allerlegte wollte gar
nit voran und bebedte ihre Knie mit
den Händen und ihr Geſicht mit den
langen 2oden.
Als der Meifter diefe Störrige fah,
holte er feine ſchärfſten Hufeifen und
er ihr dann die Haare aus dem Geſicht
ſchob, erfannte er — feine eigene Haus:
frau.
Eilend8 nahm er Reißaus, floh
durch das fteinige Kar dem Thale zu
— und von diefer Zeit an foll er nicht
mehr geeifert haben gegen die liederliche
Welt.
Im Gewände der Scheichenſpitze
und des Thorftein fol noch heute manch'
ein altes Hufeifen gefunden werben,
und im oberen Thale der Enns wird
die boshafte Sage gerne erzählt.
Roblied auf das Kleine.
Von Ernft Lindner”)
Fort thun die Leut' nur 's Große lieben,
Das Kleine, das liebt Niemand, nein,
Und doch iſt's Herrlichfte auf Erden,
Das Herrlichfte im Himmel Mein,
Klein ift die Perle, Hein der Diamant,
Der allerfhönfte Edelftein,
Und Hein bift Du, mein’ Mare Perle,
Mein heller Demant, Du bift Hein.
Klein find die hehren Himmelskinder,
Die lieben Engelden find Hein.
Und Du, der Engel allerfdhönfter,
Mein goldig Engelchen bift Fein.
Klein, feit ih Did, Du Meine Maus, hab’,
Iſt au die Welt, der Himmel mein;
Denn meine Welt, mein All's, mein Himmel,
Bift Du ja, goldiges Krümmchen mein.
Sogar der Gott, der aus dem Himmel
Lentt all’ mein Sinnen, all’ mein Sein,
Der allergrößte von den Göttern,
Der Bott der Lieb’ ift Hein.
Der äugelt in Deine lieben Augen,
Der lädelt auf Deinen lieben Mund,
Und ſchießt daher die füßen Pfeil! mir
Tief in meines Herzens Grund,
*) Aus der Zipfer Mundart überfept.
_—
795
Etwas Gutes für arme Kinder,
In Kopenhagen hat man eine ebenfo
ſchöne als einfache Einrichtung getroffen,
den Kindern unbemittelter El:
tern während ber Sommerferien den
Aufenthalt in wohlhabenden Häufern zu
ermöglichen, damit auch für fie diefe Zeit
im wahren Sinne ded Wortes eine Er:
holungszeit fei. Zu dem Zweck mird
fhon einige Zeit lang vor Beginn ber
Ferien eine Aufforderung an die be:
mittelten Einwohner Dänemarks erlafjen,
dahin gehend, die Beföftigung und Unter:
haltung je eines oder einiger Kinder auf
diefe Zeit zu übernehmen. In der Regel
laufen genügende Anerbietungen menſchen⸗
freundlicher Seelen ein, fo daß zur be—
ftimmten Zeit fämmtlihe armen Schul:
finder Ropenhagens bei guten Menschen
in der Stabt felbft oder in Kopenhagens
Umgebung freundliche Aufnahme finden,
um jedenfalls leiblich, vielleicht auch geiftig
geftärft nach abgelaufener Frijt zur
Wiederaufnahme des Schulbeſuches zu=
rüdzufehren. Zur Erleichterung der Durch⸗
führung diefeseblen Wertes ift den Kindern
von ſämmtlichen Bahn: und Dampfſchiffs⸗
Geſellſchaften im ganzen Staate *
Fahrt gewährt.
Wie, wenn wir dieſe ſchöne Sitte
nicht bloß gutheißen, ſondern auch nad:
machen wollten?
Heilige Pilgerſehnſucht zieht mid...
Heilige Pilgerfehnfucht zieht mid mächtig nad dem fernen Süden !
Pilgerfehnfuht unaufhaltfam zu dem heiligen Grab im Süden!
Drinn mein Lieb mit meinem Glüde, wie mit bräutlihem Gefchmeide,
Liegt gefhmüdt, mit goldenen Träumen, — all’ begraben fern im Süden!
Pilgerthränen laßt mid weinen, die ihre mich umfteht fo fragend,
Heiße Thränen laßt mich weinen auf das Falte Grab im Süden !
Pilgerküffe laßt mid drüden auf der Rofen duftige Häupter,
Wilder Rofen, die umblühen meiner Liebften Grab im Süden.
Halte feſt nur noch ein Weilchen, all zu wild bewegte Seele,
Bis die Pilgerfahrt vollendet zu dem heiligen Grab im Süden!
Dort will id) noch einmal preffen an mein Herz die beiden Hände,
Will zum Himmel dann die Augen wenden, meine weinensimüden,
Zu ihm beten um die Fülle feines tiefften Bottesfriedens !
Und dann wenden meine Schritte von dem Grab im fernen Süden!
Und der Jugend Freuden fegnen und der Jugend gold’ne Träume,
Die bier ruhen, ad) für ewig, unterm Hügel fern im Süden! —
Als Du mweilteft nod auf Erden, wußt' ich dir fein Lied zu fingen!
Da fie Did entzüden konnten, feine Rofen dir zu bringen!
Iept, wo du hinabgefhieden in das Reich der bleichen Schatten,
Sudt mein Bram fi in Ghafelen, dir zum Lobe, loszuringen !
Doch die Lieder all, die fommen aus der todeswunden Seele,
“ In dein Grab, das tiefe, ftumme, werden fie hinab nicht Mingen,
Und die Rofen, die ich pflüde und dir leg anf Deinen Hügel,
Können dir den Lenz, den bolden, mir mein Glück nicht wiederbringen.
Und dody möcht’ ich deinen Hügel ganz begraben unter Rofen!
Und fo lang’ ich leb' und athme, Did), du todtes Lieb, befingen !
.
A M. Weffely,
Auli.
Es hatte jo ſchön den Anfchein, als
gingen wir dem ewigen Lichte zu, als
wollten in unferen Striden die Nächte
allmälig verfhwinden. Da hat fih’s
mitten in der SHerrlichfeit wieder zum
Schlimmen gewendet. Die wachſame Uhr
an der Wand merft es zuerft und bie
achte Abendſtunde jchlägt fie einem bäm-
mernden Zimmer. Aber die Leute wollen
nicht heim in’3 Haus; auf den Wieſen
liegt daS duftende Heu, auf dem Felde
prangen die goldenen Garben. Wir ahnen
wieder eine Zeit, wo wir Alles, was
ſich jegt im Ueberflufje bietet, aus fchnee:
bebedten Scheunen werden holen müflen.
Ueppig wuchern Wälder und Gärten und
in heißefter Zeit ſpenden fie den bichteften
Schatten. Wilde Blumen fo reih und
bunt, Rofen fo groß und roth, Johannis:
würmden am Abende jo gülden glühend
wollen unfer Auge beraufchen, betäuben,
daß es die böfe Wendung nicht follte
fehen, die das Jahr genommen hat. Und
wie warm die Tropfen des Regens find,
bie auf die unzählbaren Herzen der Blätter
nieberfallen, immer neue Pflanzen= und
Blumenmwefen hervorlodend aus der keim—
und fruchtfcehwellenden Erde! Und mie
die Jungen auftauden, jo finfen die
welfen Alten dahin; 's ift nicht Raum
zugleich, für die Kinder von geftern und
von heute. So geht es Allem, was da
feimt, fliegt und kriecht — und zu diefer
Zeit fpielt der Menſch jenes Gefpenft
mit der Senſe oder der Sichel, und
pfeift dabei ein Liebeslied. Und ift er
felber tobt dereinft, jo wachſen auf feiner
Ihwarzen Scholle wieder jene Halme und
Blumen, die er heute getödtet hat... .
Die Kirhe hält allfonntägig ihren
Umzug und befegnet mit ihrem Heiligften
die vier Himmelsgegenden, daß böfe,
mwohl gar geherte Wetter den Früchten
der Erde nicht fchaden, und lieſt den
Stammbaum Jeſu Chrifti, des Sohnes
Abrahams, des Sohnes Davids, des
Sohnes Joſefs, weldher der Mann Mariens
war. Und lieft das merkwürdigſte Stüd
aller Schriften, das Evangelium von dem
fleifchgewordenen Worte. E3 wäre faum
nöthig, daß diefe Evangelien unferem Bolfe
in lateinifcher Sprache vorgelejen würden,
denn fie müffen auch im Deutfchen jtet3
unverftändlich fein. Und fo laut fie aus:
gerufen werden mögen unter Glodenflang
und Völlerfnall, fo werben fie doch ewig
bleiben, was fie fein follen — ein Ge:
heimniß. Aber Gott gebe, daß diefes
unergründliche Geheimniß auf die drohen:
den Gemitter des Juli wirffamer fei,
als auf die Herzen der Menfchen.
Bücher.
Neuland,
Roman von Iwan Turgéniew. Berlin, Otto
Janke.
Wenn ein neuer Roman von Bret
Harte oder Turgénjew gleichzeitig in
4—5 deutfchen Ausgaben erfcheint, fo
wird faum Jemand in Zmeifel fein,
melde von diefen Ausgaben er wählen
fol, wenn er von dem unerhört billigen
Preife der D. Janke'ſchen Ausgaben
nur überhaupt Kenntnig bat. Zum
Preife von 1 Mark (=60 fr.) madt
D. Janke aud das neuefte Merf
Turgenjew’s, „Neuland“, den weiteiten
Kreifen zugänglih, und das ift ein
wirkliches Verdienſt. Wieder ift es bei
großer Einfachheit des Plans die außer:
ordentlihe Lebendigkeit und Natur:
wahrheit der Charakteriftil, der Scenen
und des Dialogs, wodurch der ruflifche
Erzähler die blafirteften deutſchen Leſer
feffelt. Wieder zeigt er fi als der
unvergleihlih ſcharfe Menfchenbeob:
achter, der das ganze Gehaben und
Sichgeben feiner Landsleute in den
feinften und originellften Zügen darzu⸗
ftelen weiß. Eine Schilderung von
frappantefter Eigenthümlichfeit ift die
vom Gelbftmorde Neshdanoff3, des
Helden der Erzählung; pſychologiſch
meifterhaft entwidelt ift was dieſer
Kataftrophe vorangeht und was ihr folgt.
Es find im Grunde unjympathiiche
797
Menfhen, welche der Dichter und dies:
mal vorführt; das Herz geht leer aus
unter dieſen problematifhen Naturen.
Bon pifanter Driginalität ift das Halb:
dunfel, in welches ein paar wunderliche
Figuren, Dftrodumov und die Maſchurin,
gehüllt erfcheinen. Das Ganze läuft auf
den Nachweis hinaus, daß den ruſſiſchen
Reformern und Verſchwörern Charafter:
feftigfeit, Elarer, zielbewußter Sinn ge:
bricht. Was man ‚in diefem focialen
Roman vermißt, find Streiflidter auf
das Leben der unterften Volksklaſſen.
Ueber die fpeciellen Tendenzen ber
rufliichen Reformen gibt und der Autor
ſehr wenig Greifbares: vielleicht um ſich
nit zum Golporteur beftimmter Re—
volutionsideen zu machen und nicht jelbft
tenbenziöß zu erjcheinen.
Zoologiſche Briefe,
von Dr. Guſtav Jäger. Wien, W. Brau-
müller 1876.
Hat man bei diefem Bude nur
einmal den ftörenden Eindrud einer
nadhläfligen Interpunction überwunden,
welche die erften Hefte verunziert, und
welhe man nicht leicht auf Rechnung
des Setzers allein jchreiben fann —
unangenehm wirft namentlih die An-
wendung eines bloßen Beiſtrichs, mo
ein Punkt ftehen follte — fo lernt
man dasſelbe von Seite zu Seite mehr
und mehr als eine werthvolle, gediegene
und interefjante Arbeit ſchätzen. Aller:
dings ift das Bud ein gelehrtes, fach—
wifienfchaftlihes, aber als foldes
it e8 klar und faßlich gehalten wie
wenige. Und man hat es da mit einem
reblihen Forfcher zu thun, der fi
weder jelbit vom Schwunge jeiner
Phantafie fortreigen läßt, noch feine
Leſer durch brillante Eigenfhaften der
Darftellung beftiht, fondern dem es
um die Thatfahen allein zu thun ift,
und der durch das Mißtrauen, das er
in fich felbft fett, im Intereſſe der
Wiſſenſchaft veranlaßt wird, den Dingen
Da die erjten Hefte des Werkes fchon
vor mehreren fahren erſchienen, fo
bietet dasſelbe zugleid ein Bild
der „biogenetifhen“ Forfhung vom
erften Auftauchen des Darminismus bis
auf unfere Tage und aud in den
älteren Auffägen verriet) der Autor
ihon eine fo guie Witterung für bie
neueften bewegenden Ideen feiner Wiſſen⸗
Ihaft, daß er überall eher ein Bahn-
breder als ein Nachzügler genannt zu
werden verdient. Don entjchiedenftem
Werthe und Intereſſe find feine Studien
zur „Morphologie” ; die Frage nämlich :
wie find die verjchiedenen Gejtalten
befeelter Organismen auf zmingende
phyfiologifche, mechaniſche und chemiſche
Urſachen zurüdzuführen ? wird von dem
Verfafjer in eben fo einfacher als an—
iprechender Weife behandelt, und bie
Refultate find oft fehr überrajchend.
Muftergiltig ift des Verfaſſers Art,
nicht mehr bemeifen zu wollen ala er
fann. Er gebt in der Aengſtlichkeit
mandesmal jogar etwas zu weit. Bon
dem, was er vorbringt, ift Vieles von
überzeugender Evidenz, und doch will
er überall nur Anregungen gegeben
und die Richtung bezeichnet haben, auf
welcher die Forſchung zu mwerthvollen
Ergebnifjen gelangen kann. Wir find
im Uebrigen ganz und gar nicht der
Meinung, daß auf dieſem von Jäger
angebeuteten und eingejchlagenen Wege
Alles erflärt werden fann, aber wir
find der Meinung, daß man auf diefem
Wege jo viel als möglich zu er:
Hären verſuchen müfle.
Ein Bud über die Juden.
Don Karl Emil Franzos.
Fremde Bölfer ftaunen über den
Reihthum der deutfhen Literatur, mir
felbft haben, was die neuefte Zeit an—
belangt, feine befondere Freude daran
und ſprechen von allzugroßer Probufti-
vität des deutſchen Schriftftellerthumes.
Aber eben diefer allgemeinen Schaffens:
um jo tiefer auf den Grund zu gehen. | freude haben wir jene Mannigfaltigfeit
798
zu verbanfen, die feine andere Literatur
aufweifen fann. Und die Vielfeitigfeit
wächſt von Tag zu Tag. Er gibt kaum
einen Ungrund des Lebens, einen Winkel
der Erde mehr, deſſen fih unfere fchön-
geiftige Literatur nicht ſchon bemächtigt
hätte.
Der öfterreihifhe Dften war den
Dichtern lange Zeit ein unentdedtes Land
geweſen. Es liegt der Heeresftraße, auf
welcher der deutiche Pegafus gerne ga:
Iopirt, zu weit ab. Sacher-Maſoch, Ba:
cano und einige ungarische Dichter haben
zwar auf jenem Gebite manden ihrer
Romane Spielen Iafjen, doch waren dieſe
Dichtungen meiften® zu ibealiftifch ges
halten, als daß wir durch diefelben ein
treues Bild jener Landſtriche und Menſchen⸗
arten erhalten hätten. Leopold Kompert
mag der Erfte gemwejen fein, der in feinen
vortrefflichen „Gefhichten aus dem Ghetto“
die Pforte aufſchloß. Ihm folgte Karl
Emil Franzos mit feinem raſch be
rühmt gewordenen Bude „Aus Halb:
afien“ und nun in feinem neueften Werke:
„Die Yuben von Barnomw.”*)
Das find Geſchichten aus dem pobolifchen
Ghetto, in welchen das Judenthum Ga:
liziens Fünftlerifch und, wie wir glauben,
mit vollfter Treue zur Darftellung fommt.
Der Gegenftand ift, weilneu, fehr fremb-
artig; es fcheint und manchmal, als
herrſchten in dem orthodoren Judenthume
ganz andere pfgchologifche Geſetze, als
anderswo; und fo praftifch uns im Leben
ber Jude überall entgegentritt, hier jehen
wir ihn nur in Idealen leben. Des
Juden Kraft mwurzelt ganz in feinen
heiligen Schriften. Er unter allen Volks:
ftämmen hält am ftrengften an feinen
Traditionen; fein Ideal geht nach rüd:
wärts in die Zeit der Glorie feines
Stammes und nad) vorwärt3 in der Er-
wartung des Meſſias. Die Juden find
das merfwürbigfte Volt und — mollte
man fih, wie Schleiden jagt, mit ber
Symbolit der Borfehung einlaflen —
„Daß auserwählte Volt Gottes“. Seit
zweitaufend Jahren haben fie ſich troß
*) Verlag Eduard Hallberger, Stuttgart.
der [chwerften und blutigften Verfolgungen
bis auf den heutigen Tag ihrem urfprüng-
lichen Charakter treu erhalten und aus:
gebreitet. Sie find das ältefte Voll,
welches an einen einigen Gott glaubt,
fie haben fi innerhalb diefer dee fort-
entwidelt und zu einer großen fittlichen
Stärke emporgefhwungen.
Franzos erzählt uns in feinem Buche
Wunderdinge von orthodoren Juden.
Wild fluthen die Leidenſchaften, aber
ftetö fiegt die Idee, freilich nicht immer
jene, die und als groß und ebel erfcheint,
die Idee der Humanität; das deal des
Juden hängt an dem ftarren Buchftaben
des alten Teftamentes. — Bon den ſechs
Erzählungen, die Franzos uns bietet,
ift die vom „Baron Schmule“ vielleicht
die merfwürbigfte. Sie ift ein Theil der
Geſchichte des Judenthumes auf das Indi—
viduum übertragen. Der arme, verachtete,
mißhandelte Judenknabe ſetzt fein Streben
und Leben daran, zu feinem menjchlichen
Rechte zu gelangen. Er wird reich und
gewinnt die Herrfhaft über Jenen, der
ihn einft gefchlagen und mit Füßen ge-
treten hat. Aber mit der Macht, die ihm
in die Hand gegeben ift, hört er auf
Jude, daB heikt Kind des gerechten,
ftrafenden Gottes zu fein, er verzeiht
feinem einftigen Peiniger und vergilt
das Böfe mit Gutem. — Wir fünnen
die Erfahrung machen, daß der Jude
überhaupt, fobalb er mächtig ift, auf:
hört, Jude zu fein. Nimmer kennt er
fein Stammvolf, nimmer nennt er die
Schriften der Väter — er verflacht in’s
Allgemeine, fo wie der Euphrat, ber
nad) langem Laufe durch die heiße Felſen⸗
wildniß endlich; in. das Meer fließt: Das
Judentum hat in der Armuth und
Knechtung feine Weihe und innere Kraft
erhalten, mit dem Tage, da e8 in ben
allgemeinen Weltlauf einbiegt,. löſt es
fih auf. Dahin wird es noch weit fein,
denn der Bedingungen feiner Eriftenz
gibt e8 genug, der Stamm Iſ—raels ift
noch zähe, und fo lange der Meſſias auf
fih warten läßt, wird es MWartenbe
geben. R.
799
Sich felbft im Wege.
Ein Stimmungsbild
Bern. Berlin 1877.
bon Mazimilian
Bichteler & Comp.
„Dagobert Neinau, der gefeierte
Held der durchſchwärmten Nacht, be-
tradhtete aufmerffam die funfelnden
Zuftperlen, die im ſchlanken Champagner:
feld vor ihm aufftiegen und zerftäubten,
dann ftand er auf, ging ſchweigend an
feinen Gäften vorüber und blieb erft
bei einem kunſtvoll gefchnigten Ecktiſch
ftehen, der über und über mit foftbaren
Geſchenken, Bouquet und Kränzen be:
dedt war. Medhanifh nahm er einen
der herrliden Kränze in die Hand,
blidte aber über die Blumen, die fchon
zu verwelfen begannen, hinweg, fo jtarr
vor fih Hin, ala wollte er Raum und
Zeit durhdringen, um ſich Tängft ver:
blaßte Züge zu vergegenmwärtigen ; mit
der Erfahrung fpäter Jahre ſchien er
das Räthfel einer eigenthümlich empfind-
famen, opferfähigen Mädchenfeele zu
löfen, deren Liebe einft grell und flüchtig
wie ein Wetterleuchten in feine dunkle
Eriftenz hereingeſchimmert . . .“
Diefes Räthſel ſucht der gefeierte
Bühnenkünftler Reinau in der Faſtnacht
feined | zmwanzigjährign Schaufpieler:
jubiläums zu löſen. Die Gefchichte des
erften Kranzes, der einft dem noch un=
berühmten Kunftjünger von unbelannter
Frauenhand zugeflogen fam, eine mär:
henhafte Geſchichte, wie nur die Ver:
brecherin „Phantafie“ fie uns erleben
läßt, — daß mir das nächſte Liebſte,
die lautere Güte, Anmuth und keuſche
Huld an unferer Seite überfehen, um
ein Gefhöpf unferer Einbildung, das
nirgendwo lebt, mit allem Schönheit:
zauber auszuftatten, nah dem ein
Künftlerherz nur glühen Tann: ſolch'
eine Gefchichte, voll unfäglihen melan-
choliſchen Reizes, in ben Tiefen einer
echten Dichterfeele erlebt, nicht erfonnen,
über welcher der Goldduft der erften
Jugendliebe ſchwebt, ift in dieſem Büch—
lein Maximilian Bern's enthalten. Der
junge Autor hat mit ſeinen novelliſtiſchen
Studien „Geſtrüpp“ und ber Erzählung |
„Auf ſchwankem Grunde” die Aufmerk:
famfeit unferer literarifchen Kreife in
hohem Grade auf fich gelenkt, die Gunft
des Publikums ſich im Sturme ge
wonnen.
Als einen der jüngften Erzähler
Deutihlands zählt die tonangebende
Kritif ihm bereitö zu den beften Novel:
liften der Gegenwart. Man mußte
nicht, follte man feine ftaunenswerthe
finnlihe Kraft der Darftellung, feine
bei fo großer Jugend geradezu ver:
blüffende pſychologiſche Schärfe und
Feinheit in der Schilderung des Seelen:
lebens, feine Meifterfchaft in der Natur:
malerei, oder die feltene -Erfindungs:
fraft höher ftellen, mit welcher ber
jugendlihe Schriftfteller die ſchwierigſten
und verwideltiten Probleme wie fpie-
lend löſt. „Sich jelbft im Wege”, wie
einfah im Grunde ſcheint diefe Ge—
fhichte, wie gewöhnlich, wollte man fie
furz mit bürren Morten erzählen.
Aber welche Welt der Gegenfäge thut
fih uns darin auf! Welche Beleud:
tung fällt da auf das vermeintlich
Alltägliche, welche Magie der Schönheit,
wel’ goldener Sonnenftrahl uremwiger
Moefie in das dürftige Dachſtübchen
Mathildens, auf die feelifche Größe der
verſchloſſenen ftillentfagenden Mädchen:
blume, die ihr Geheimniß, die Geſchichte
des erften Kranzes, für deſſen unbelannte
Spenderin der junge Schaufpieler Rei:
nau glüht, mit in das Grab nimmt,
„ſich Telbft im Wege"! Maximilian
Bern hat mit diefer Novelle die Er-
wartungen, welche man der ferneren
Entwidelung feine® feinen und edlen
Talentes . allenthalben entgegenbradte,
dem vollen Umfange nad} gerechtfertiget.
Mit Erhebung und Weihe wird der
Lefer diefe einfahe Geſchichte aus der
Hand legen und doch wieder fich nicht
von ihr trennen fünnen, wie von einem
zwar ſchön gelöften, dabei aber ewig
unbegreiflihen Räthſel der Menjden-
bruft. FM,
800
Bor Kurzem ift bei Guſtav Hedenaft
in Preßburg Adalbert Stifter „N ad;
fommer“ in neuer Auflage erfchienen.
Wir werben demnächſt über diefes merk:
würdige Buch eine eingehendere Be:
trachtung anftellen.
Die am 16. Juni ausgegebene Nr. 3
des „Lileraturblati* von Anton Edlinger
enthält: Claffifer und „Moderne. Bon 4.
Edlinger. — Briefwecjel zwiſchen Ludwig
Feuerbah und Chriſtian Kapp 1832—48.
Von Julius Duboc — Der „Oberhof”.
Bon 4. v. d. ©. — Kritiſche Rund-
hau: Eine Lode-Biographie. — Franzöfi-
fhe Volkslieder. Verlag von Fr. U. Brod-
haus. — Der türfifche Krieg. Von W. Mül-
ler. — Aus unferen Tagen. ®on 9. Blum.
— Nopvalis ald religiöfer Dichter. Bon Dr.
U. 2. Baur. — I. Botthelf. Bon El. Brod-
haus. — Miscellen. — Bibliographie.
— Inferate,
Boftkarten des Heimgarten:
Edme: „Ein Blatt im Papierkorb” ift
nicht zu gebrauden,
3. 6. Wien: Ratben Ihnen ein politi-
fhes Journal und B. v. Schl Prag: Ihnen
ein Wipblatt an.
xX Berlin: Im nächſten Hefte; tropdem
mögen Sie fid auf eine Ueberraſchung gefaßt
madıen.
„Selbſtachtung“: Können damit erft mit
dem nächſten Iahrgange beginnen. Der Autor
ift gegenwärtig auf Reifen.
R. Schl. in B.: Von Ihrer Mil haben
wir den Rahm abgefjhöpft — und der ift gut.
RB. 3. Wien, B. 9. Wien: Kommt zur
Verwendung, bitten aber um einige Geduld.
£. v. M. in 9.: Preundlichften Dan.
Der „Heimgarten“ wird baldmöglichft feine
Meinung darüber fagen.
Hrn. 3. Armbrufter, Budapefl: Gerne.
R. 9. Gras. 9. 2. Dresden. B. F. v. H.
Prag. 9. 3. 8. Köln.
N. v. A. Moskau: Bewuhtes Bild Anaft.
Grüns ift von Herrn Martini, Photographen
in Eilli, verfertigt.
R. W y: Haben Ihnen einen
Theil vor Monaten retournirt, ein anderer
bier abgedrudt.
„Antigene: Recht hübſch,
Leſer wollen dergleichen nicht.
C. v. U.: Rufen wir den Mächtigen Ihr:
„Du ſollſt nicht tödten“ zu, ſo ſperren ſie
uns ein und tödten weiter.
.ene»
aber die
Drud von Leplam-Jofeföthal in Gray. — Für bie Rebaction verantwortiid 9. #. Hofegger.
————
— — —— — —
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3 Heft ii.
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Auguſt 1877.
Pr: :
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—— — Ehe
I. Jahrg.
Sehet, ein Menfd!
Erzählung von Anton Schlofſar.
(Fortfeßung.)
Am Braualtare.
Das ift ein Leben heute auf dem
Schloffe und ein Treiben, bunt und
freubig ; die Fahne hat der Graf auf:
ziehen laffen auf dem maffiven Thurme,
ber fih in ber Mitte des prächtigen
im Viereck gebauten Gebäubes erhebt,
der rothe Wimpel flattert Iuftig im
Winde und es fnattert die Seide als
wollte fie weit binausraufchen bie
Kunde von ber Hochzeit bes fchönften
Mädchens, die heute gefeiert wird.
Denn Lubmilla, die Tochter bes
Grafen von Hochheim ift ein Wunder
von Schönheit. Wäre einer der Engel
vom Himmel herabgeftiegen und hätte
menschliche Geftalt angenommen, er
hätte jo fein müffen, wie Ludmilla
— vielleicht ift fie auch ein folcher
Engel, der in Menfchengeftalt eine
Zeit auf Erden weilen muß.
In ben weiten Sälen des Schloſſes
gligert und flimmert e8 vor lauter
Reichthum.
Rofeggers „‚Heimgarten' 1. Heft.
In dem prachtvollen gemölbten
Raum, den fie den „Sternenfaal” nen:
nen, von den golbenen Sternen, bie
feine MWölbung überfäen, ift die Hoch—
zeitstafel errichtet.
Schwere filberne Gefäße und Tafel:
auffäge zieren den Tiſch, die Kryftall-
beder und Karaffen ſchimmern im
Scheine des hellen Tages und bie
goldne und die purpurne Fluth des
föftlichen Nebenfaftes fteht bereit in
langhalfigen venetianiihen Flaſchen
und andere Flaſchen harren im Eife
in den maſſiven filbernen Kühlern des
Momente, wo die Feſſeln des
Weines geiprengt werben.
Sn der Mitte der köſtlichen Tafel
fteht ein Runftwerf, das der Graf zu
dieſem Feſte eigens hat verfertigen
lafjen, von einem weit berühmten
Meifter aus Italia. Eine große Schale
vom ſchwerſten gebiegenen Silber
bildet ein Beden, in deſſen Mitte
Eythere figt im Spiele mit Eros.
Der Kleine ſchlingt Rofenketten lächelnd
61
802
um feine holde Mutter, welche ihn
vergebens abzuwehren bemüht it. An
einen Felsblock Halb angelehnt, bie
ſchlanken Glieder hingegofjen auf einen
ſchwellenden Moosteppih, ruht Die
Göttin der allgewaltigen Liebe da, die
linfe Hand unter dem herrlich ge
formten Haupte, dieſes jelbit etwas
zurücgeneigt, während die Nechte dem
Heinen Schelme bie rofige Kette zu
entwinden fucht. Aus dem Fels ſprüht
in hundert feinen Strahlen buftiges
Roſenwaſſer zur Dede empor.
Prädtige Blumen umgeben das
Beden und bie beiden Geftalten, —
welche im Gegenſatz zu dem fie um—
gebenden Silber goldig erglänzen —
jo weit, daß dieſe nicht verbedt er:
ſcheinen. Die ſchwere Gentifolie neben
dem beſcheidenen Veilchen. Die im
weißlihen Glanze jchimmernde Lilie
neben ber Gamelie mit ben wachs—
artigen rothen Blumenblättern. Der
größte Theil der Tafel gleicht einem
Garten. Blumen in den brennend:
ften Farben, Kinder des fernften Sü—
dens mit breiten, bunfelgrünen Blät-
tern und zarte® Grün, bag in
unferm Himmelsftrihe entſproſſen,
wechjelt darauf ab, dazwiſchen Schalen
aus edlem Metall oder Kryftall,
wieber gefüllt mit Blumen. Ein be-
täubender Hauch zieht durch den Saal:
der Athem ber vielen hundert duften-
den Kelche. Die hohen Fenfter find ge:
öffnet. Die Diener in feitlichen Ge:
wändern huſchen aus und ein, bald
gibt es noch bier etwas zu ordnen,
bald dort, aber fie ſprechen nicht viel
mit einander, ein jeder ift zu ſehr
mit fich jelbft befchäftigt. Nur wenn
ber Saal eine Weile leerjteht , hört
man das Plätſchern des Roſenwaſſers
in dem Silberbecken.
Deſto lauter und geräuſchvoller
geht es draußen zu, im Hofe und in
den Gängen und im unteren Raume
des Schloſſes. Diener und Aufwärter
eilen geſchäftig umher, Roſſegeſtampf
und langſames Rollen von Wagen
ſchallt herauf. Dort unten ftrömt
aus den Thüren dichter Rauch und
Dampf: es iſt die Küche. Hie und
da tritt eine erhitzte weibliche Geftalt
hervor zur Abkühlung, denn der Tag
it ſchwül.
Aus dem großen Speifefaale führt
eine Thür Hinter rothjeidenem Bor:
hange in ein Fleineres Zimmer. Durch—
Ichreiten wir diefes und noch eines
und wieder eines. Wir ftehen jegt in
einem Frauengemache, Föftliches Holz,
Seide und Sammt, wohin wir bliden.
Das Holz iſt ſchwarz und vergolbetes
Schnigwerf überbedt die Stuhllehnen
und die Tiihfüße; der Sammt, die
Seide find blau, Silbertroddeln und
Quaſten zieren die eblen Stoffe. Edles
Rauchwerk bebedt den Boden. Das
blaue Lager im Hintergrunde ift wie
aus Licht und Duft zufammengejekt,
vor bemfelben liegt ein Meiſterſtück
von Zobel, Pelzwerk und Hermelin bilden
die Verzierungen in bem koſtbaren Tep:
pih, die zarten weißen und braunen
Fellden find zu Sternen und Figuren
zuſammengeſetzt und zu verfchlungenen
Arabesken.
Aber all die Pracht und Schönheit
wird überſtrahlt von der herrlichen
Mädchengeſtalt, welche die Hand auf
den Rand des Bettes geſtützt, da ſteht
und verloren zu Boden blickt; das
dunkelblonde Haar fällt gelockt und
ſchwer auf den blendenden Nacken,
der weiße Atlas des Gewandes, in
das ſie gekleidet, ſchimmert matt, wie
eine koſtbare Perle. Wie Strahlen:
bündel von Bligen gligern die edlen
Steine in dem blonden Gelod und
die Kette um den jchneeigen Hals
flimmert bei der geringjten Bewegung.
Aber Lubmilla von Hochheim fteht
beinahe regungslos, nur die rothen
Lippen lispeln hier und da ein Wort,
aber leije, jo leife, daß fein Laufcher
e3 verftünde, wenn einer nahe wäre,
Doch nirgends in der Nähe ift ein
Lauſcher und bie Lippe ber jchönen
Braut flüjtert jegt deutlicher und
lauter: „ber leßte Tag! und ich bin
heute Abends bein ehelich angetrautes
803
Gemahl, Hugo, wir werben zufammen | dichten, furzgefchorenem Haar und ftreng
bleiben — für immerdar.” — „Für
immerbar”, wiederholt fie, ein Fröfteln |e8 wie
„für immer: | fcheint.
mir viel von Liebe | mit einer goldenen Kette am Halje,
erzählt. Ich ſelbſt — habe nichts da= | mit einer Nette,
fchüttelt fie dabei
tar. Du haft
blidenden grauen Augen, über denen
Gewitterſchwüle zu liegen
Die zarte weiße Hand jpielt
welhe am Abende
von gefühlt in meiner Bruft. — Doc | des 7. November 1620 Tilly jelbit
es ift nun einmal jo gefommen.” — dem Faiferlichen
Feldobriften umge:
Mit einer ftolzen Bewegung wirft | hängt, als fie das Heer des MWinter-
die
gegen fie anftürmenden Gedanken ver:
ſcheuchen.
Schrittes die Vorgemächer und tritt
in den großen Speifefaal.
Kein Diener ift anweſend, der be-
täubende Duft ftrömt aus ben
ſchöne Mäpdchengeftalt jet den
Kopf zurüd, als wollte fie alle die
‚mit den Seinen einen fühnen Reiter:
Sie durchſchreitet raſchen
königs Friedrich am weißen Berg in
die Flucht geſchlagen und der Graf
angriff gewagt und mit Glüd voll:
endet hatte. Aber das Schwert eines
ketzeriſchen Musketiers hat ihm bamals
den Arm durchhauen, daß er fteif
und ungelent geblieben bis heute und
Blumenkelchen und das Plätjchern des/der Graf hat fein Schwert und feine
edlen Waſſerſtrahls dringt zu ihren
Ohren. Ludmilla tritt an die Tafel,
nahe dem filbenen Beden bleibt fie
ftehen und blickt die Geftalt Cytherens
lang an.
„Wie zum Hohne haben fie Dich
bergejegt, du Herzenbezwingerin ; wir
zwei kennen uns nicht näher und
werben uns wohl nie kennen lernen.”
Dabei lacht das ſchöne Mädchen.
Es ift ein klares, glodenhelles
Laden und doch dringt daraus ein
Ton, ein einziger Ton durch, wie ein
Weheruf, mie ein Schmerzengjchrei.
— — — Mer welches Weh könnte
eine ſo herrliche Braut haben an
ihrem Hochzeitstage!
Im ſüdlichen Flügel des Schloſſes
befindet ſich das große Gemach des
Grafen, in dem er fo gerne weilt.
Reihthum und Pracht ftrahlen auch
bier überall entgegen. Mit braunem
goldgepreßten Leber find die Stühle
überzogen, ihre hohen Lehnen zeigen
reihverfchlungene Arabesken. Die Fo
men der Tiihe und Schränfe find
fefter, ſchwerer, gediegener, als in dem
Gemache der Braut, eine Eifentrube,
mit geöffnetem Dedel fteht in ber
Nähe des Tiiches, an dem der Graf
von Hochheim figt. Der Graf ift eine
alte, faft zu ernfte Geftalt mit grauem,
Feldbinde hinlegen müfjen und wieder
in jein ruhiges Schloß fich zurück—
ziehen und die Kämpfe und Siege in
Böhmen und dann fpäter weiter in
den deutfchen Landen Andern überlafjen
müfjen, jüngeren, fräftigeren — die
Wunde ift geheilt, hat ihn aber zum
fiehen Mann gemacht für fein Leben.
Dennoch blidt Graf Hochheim heute
noch ftolz und ernſt. Ihm gegenüber
jteht eine andere männliche Geftalt.
Diejer Mann hat das Yünglingsalter
ſchon weit hinter ji, ruhige Beſonnen—
heit, vielleicht etwas liftige Verfchlagen:
beit zeigt das grünlichgraue Auge,
ein ironifches Lächeln ſchwebt, wie
feftgebannt, auf den ſcharfgeſchnittenen
Lippen: das iſt Edelsberg, der Rath
und DVertraute des Kaijers Ferdinand,
das ift der Bräutigam ber jchönen
Ludmilla. Schwarzer Sammt Fleidet
den Freund des Kaiſers, auch er trägt
eine Kette, die ihm zum Lohne warb
für gethane Dienfte, aber bei diejen
Dienften hat er Fein Schwert geführt,
t= | nur die leichte Feder und dieje Feder
bat viel taufend Schwerter befiegt, ehe
fie noh aus der Scheide gezogen
waren.
PVergamentrollen mit großen und
Heinen Sigillen liegen auf dem Tiſch;
aufmerfjam prüft Edelsberg die Rollen
und bie Unterfchriften, feine Blicke
51*
804
funteln mitunter in grünlichem Glanze,
aber wenn ber Graf auf ihn fieht,
zeigt das Antlig ftarre Gleichgiltigkeit,
das eifige Lächeln nur ſchwebt nad)
wie vor auf ber Lippe. Arme Zub:
milla, vielleicht ift e8 doch ein tiefes
Weh, das durch dein Lachen vorhin
geflungen,. . . .
Jetzt erheben ſich beide, der Feld—
obrift faßt die Rechte des Mannes,
der in einer Stunde fein Kind vor
den Altar Gottes führen foll, und
ſpricht: „Ich weiß es, nicht all das,
was diefe Pergamente ausweiſen, hat
Euch) bewogen, mein Kind von mir
zur Gattin zu begehren. Was find
Euch auch noch mehr Höfe und Felder,
was find Euch Taufende von Gold:
gulden, wie fie hier im Kaften liegen,
Eud, die Ihr berufen feid, die höchſten
Stufen neben dem Throne unferes
Kaijers zu erflimmen. Ich habe Euch
die Hand Lubmillas feinen Augenblid
verjagt. Ich vertraue Euch dieſes mein
foftbarftes Kleinod. Aber eines vergeht
nie, vergeßt bei der Macht, die Ihr
in Händen habt, die fi immer mehrt
und feftigt, auch meiner nicht, vergeßt
nicht Eures Schwiegervaters. Vielleicht
ift8 eine Sünde von mir, jo ehr:
geizig zu fein, wie ich es bin, aber
es ift num einmal in meine Bruft
gelegt und wohl von Gott darein ge—
legt und Gott wirb mird daher auch
verzeihen.“
Der Mann aber mit dem eifigen
Lächeln erwiedert den Händedruck des
Vaterd und verfichert ihm, Alles zu
thun, was er vermag für das unſchätz—
bare Geſchenk.
Arme Ludmilla! Sie haben dich
verkauft und dein unjchuldiges Herz
hat eine Ahnung von dem Schmerze,
der dir für dein Leben bereitet
worben.
Bor dem großen Mortale des
Schloſſes wird es nun lebendiger und
rauſchender. Die Prachtwagen vollen
ſchwerfällig heran, die meiften find
‚vom breitfrämpigen
| Seide raujcht und quillt über aus ben
reichgezierten Kutfchen, manche prunfenbe
Tracht des hohen kaiſerlichen Dffiziers
wird fichtbar, die Straußfeber nidt
Hute, mande
ritterliche Geitalt zu Pferde neigt ſich
zum Schlage des Magens, zu irgend
einer ſchönen Frau, die lächelnd zu
dem Reitersmann emporfchaut.
Nachdem die Braut über die mit
farbenprangenden Teppichen belegte
Marmortreppe geftiegen, tritt fie zum
Wagen und es dringt ein Murmeln
der Bewunderung über ihre Schönheit
durch die vor dem Schloffe verfanmelte
Vollsmenge.
Einen Strauß von Rofen, den ihr
ber Bräutigam noch zierlich überreicht,
hält fie in ihrer Rechten und die zarte
Hand mit dem Strauße zittert, als
ob die Fülle der Foftbaren glühenden
Blumen für fie zu ſchwer wäre.
Geht rollt die ganze Wagenreihe
dahin gegen die Kloſterkirche. In
Schaaren folgt die angefammelte Menge
eiligft nad, um die ganze Entfaltung
ber Pracht zu jehen, welche noch be:
vorjteht. — —
Hoc empor fteigen die Pfeiler zur
MWölbung in bem weiten Gotteshaufe.
So foll fi der Geift anbetend gen
Himmel ſchwingen zu Gott und in
ihm, der Alles ift und Eines, feinen
legten, fefteften Halt finden. Die Grab:
fteine im düſtern Hintergrunde ftehen
ſchweigend und ernft an die Mauer
gelehnt da und mancher ftarre Ritter
fteht mit gefalteten Händen in ben
grauen Stein gehauen und „wartet
allhie einer fröhlichen Auferftehung”.
Die Kirche ift im Ganzen einfach
und faft Shmudlos. Auf Seitenaltären
einige geiehnigte Heiligenjtatuen, groß:
artige Geftalten mit ſcharf ausge
prägten Gefichtern, dunkelbraun gefärbt
von der Länge ber Zeit. Die Gemälde
über den Altären mögen vielleicht vor:
trefflih fein, dem Auge erjcheinen fie
jetzt unkenutlich und dunkel, nur bie
bejegt mit koftbar gefleideten Hochzeit: | und da tritt ein Antlig ober ein
gäften.
Edelfteine bligen, Atlas und | weißer Engelsflügel aus dem einen
805
und dem andern Bilde heller hervor
und fcheint ſich zu bewegen, wenn ein
verlorener Lichtftrahl durch eine Nie
darauf fällt.
Sin der Mitte vor dem Hodaltar
zittert in filberner, von oben herab:
bängender Ampel mit blauer Glas:
ſchale das ewige Licht. Sechs große
Wachslichter brennen an dem Hoch—
altar. Durh die hohen gothiſchen
Fenſter fällt der freundliche Nachmit:
tagsjonnenfhein und feine Sonnen:
ftäubchen tanzen in den einfallenden
Strahlen. Manchmal aber tönt es wie
leiſes Raufhen durch die jtodtenftille
Kirche: das find die Bäume draußen
im Sloftergarten, die raufchend im
Minde ihre Kronen wiegen.
Und jest öffnen fi die ſchweren
Flügel der Hauptthür; in der Nähe
der Safrijtei wird's lebendig und bie
Gloden vom Thurme erheben ihre
Nahmittagsfonne das ſchöne Haupt
vergoldet, Wehe dir, Ludovicus! Wie
ein fiedender Gluthitrom zieht's ihm
durch die Seele und er fühlt feine
Pulſe ftoden und feine Sinne um:
nachten; dies Bild, dies holde Himmels:
bild hat er geftern gejehen wie im
Traum, das ift das herrliche Haupt
mit den dunfelblonden Locken und ben
blinfenden Augen, und das find bie
jchneeigen Schultern, und iſt's denn
möglih, daß dies Wahrheit und fein
Traum? Aber eine nie geahnte Kraft
fühlt er dabei in feinem Innern. So
öde, jo öde war’3 ihm tief im Herzen
drin und jett möchte er das düſtere
Mönchsgewand abwerfen und bie Geftalt
dieſes MWeibes an fi reißen und fie
halten und nicht Ioslaffen und alle
Kraft anwenden, bie ihm zu Gebote
fteht, damit fie nur fein bleibe, fein!
Aber er preft die Zähne aufeinander,
daß fie knirſchen und er beißt ſich die
ehernen Zungen. Während draußen bie | Zunge faft blutig, denn er muß, er
Wagen vorfahren und Bräutigam und | muß es zurüdbrängen, was jetzt in
Braut voran, die Zahl der glänzenden | feiner Bruft fiedet, hervorbrechen will
Geftalten in den Weihrauh durch
-und wären e8 die Wogen eines gegen
zogenen Raum tritt, begibt fi der den Damm braufenden Meeres.
Priefter, zum Altare. Es iſt Ludovicus.
Ter Prior felbft hätte die Trauung | feinen Augen tanzen,
Die Menſchen und die Lichter vor
und Funken
vornehmen follen, jo war's der Wunfch | blinken überall, wohin er blidt, wie
bes Grafen. Aber der Prior ift ein alter | fprühendes Feuer, er fieht nur eine
Mann, er liegt auf dem Krankenbette und
Pater Ludovicus ift dazu auserjehen,
ben Segen auszufprechen über das
Paar, und die Tochter des Grafen
von Hochheim ehelich zu verbinden bem
Manne mit dem eifigen Lächeln.
Die Jungfrau aber jteht neben ihm,
leife in ſich erzitternd, den Mytthen—
franz auf dem Haupte und von dem
Spigenjchleier umhüllt wie in einer
Wolfe von Licht und Duft, das zarte
Antlig mit ben jprühenden Augen zu
Boden geſchlagen und ihr Buſen hebt
und ſenkt fich vor innerer Erregung.
Und da fällt der Blid des Mönches
am Altare auf das Engelögefiht vor
ihm, während eben ein Lirhtjtrom von
ber durch das Fenfter einfallenden
Geftalt, nur eine und das ift fie!
Die jchöne Braut hebt für einen
Augenblid die jchattige Wimper empor
und das tiefbunfle Auge fieht dem
ernften Priefter ind Antlit. Es ift
wie Staunen und Ergriffenfein über
ein großes ungeahnte® Wunder, das
in biefem Augenpaare wieberftrahlt
und einen Moment lang haben ſich
die Seelen des Prieſters hier am
Altare und der Braut verjenft in
einander. Sie hat den Blick raſch
wieder niedergefchlagen, aber auch ihr
ift aufgegangen ein rofiger, holder
Schimmer, der bie ganze Kirche erfüllt,
fie fühlt ihr Blut in die Wangen
fteigen und ihr Herz pochen, fie möchte
jauchzen und weinen und Alles dies
über das ftrenge und doch fo milde
806
Priefterantlig vor dem Altare. Da
fieht fie aber neben ſich eine ſchwarze
Geſtalt ftehen mit blafjem Antlitz und
ihr iſt's, als ob dieſe Geftalt ber
Dämon ſei, der ihr ein unendliches
Glück rauben wolle für immer, dieſe
Geſtalt iſt Edelsberg.
Die brauſenden Orgeltöne find
verflungen. Jetzt erhebt Ludovicus die
Stimme, leife und zitternd, Xub-
milla hört nicht, was er jpricht, fie
hört nur wie er fpricht und wenn fein
liebes, treues Auge auf fie fällt, iſt's
ihr immer, als jchlüge der Blik vor
ihr in den Boden. Aber fie fühlt jetzt
auch plöglich eine ungeahnte Willens:
kraft in fi, es fällt ihr wie Schuppen
von den Augen, daß fie den Mann
da an ihrer Seite nie geliebt, daß es
fremde Gemalten waren, melde fie
dahin gebracht, ihm ihre Hand zureichen.
— Arme Lubmilla, jegt iſt's zu jpät,
— und doch nein, es ift nicht zu jpät,
ein Gedanke bligt in der Seele des
Ihönen Mädchens auf, noch einen
Blid in das Auge des Priefters vor
ihr, der fo milde Worte jpricht, und
ihr Entfhluß ift gefaßt, es ift ein
harter, jchwerer Entjchluß, aber ein
um jo feiterer.
Pater Ludovicus aber fährt fort,
die Morte des Segens über dag Paar
zu ſprechen, es aufmunternd, fich zu
lieben und einander treu zu fein
für’3 Leben. Er fpricht’3 aus und
wenn ihm jein Herzblut auch in
Strömen entquölle.e Das Paar joll
nun bie Ringe wechjeln und der Priefter
rihtet an den Bräutigam die ver-
hängnißvolle Frage. Deutlih tönt
aus dem Munde des Mannes das
laute „Ja“ und e8 klingt als ob ein
Eiszapfen von der Wölbung der Kirche
berabfiele unb auf den Steinen Elirrend
zeripränge.
Nur die Braut antwortet gar nicht
auf die große Frage des Prieſters,
deſſen Anblid fie meidet, und ihr
Bujen hebt und ſenkt ſich ftürmifch. |
Todtenjtill ifts im Gotteshauſe,
man vermeint, das Flackern der Kerzen
zu vernehmen und hört eine Biene an
dem hohen Fenſter jummen, bie herein
gedrungen ift. Sept öffnet das jchöne
Mädchen die Lippen, es ftrahlt ein
Ernft und eine Entjchloffenheit aus
dem dunflen Auge, die den Mönch faft
zurücbeben macht am heiligen Altare
Sottes, und feierlih tönt das Wort
von ihren Lippen, aber dies eine Wort
lautet — Nein!
Aufgeiprungen ift mit flammenden
Augen der Bräutigam, er wird im
Antlitz purpurroth, er, ber bisher dem
Marmor gli. Dann aber wieder
todtenbleich faßt feine Linke das Mäb-
hen, welches ihm ruhig und ernft
in die verzerrten Züge blidt, am
Arme und nur das Dazwiſchentreten
des alten Mannes, des Vaters, Schütt
wohl die MWehrlofe davor, daß jener
Mann fie nicht niederfchlägt. Alles
dies dauert aber auch nur Secunben.
Schon ift der Bräutigam wieder eifig
ruhig und, zum Grafen tretend, ergreift
er deflen Hand, wie in warmem Mit:
gefühl, leife murmelnd: „Armer Bater,
fie ift wahnfinnig !“
Das Wort „Wahnſinn“ dringt
in leifem, zum Murmeln anfchwellen-
dem Flüftern durch die Zahl der an:
wejenden Hochzeit - Gäfte und eine
der prädtig geſchmückten Gejtalten
nach der andern entfernt fih aus dem
Gotteshaufe und man hört vor dem
Kirchenportale einen Wagen nach dem
andern davonrollen.
Zuletzt tritt der bleiche Bräutigam
nochmal3 zu dem Grafen und erfaßt
abermals deffen Hand und brüdt und
preßt fie, daß der alte Mann faft
aufjchreien möchte und fpricht zu ihm
die Worte: „Meine Braut iſt wahn-
finnig geworden, aber ich hoffe von
Euch, daß fie bald geheilt fein wird.
Ich gehe, und nur, wenn fie geheilt
it, Sehen wir und wieder.“ Mit
Schritten, die durch den leeren Kirchen:
raum dröhnen, jchreitet er hierauf von
bannen.
Der Graf von Hochheim jedoch
tritt hin zu feinem Kinde und blidt
—
das Mädchen an in unſäglichem Zorne.
Einen Moment iſt ihrs, als müßte ſie
an die Bruſt dieſes Mannes ſtürzen,
der ja ihr Vater iſt, und ihm zu—
ıufen: Ich konnte nicht anderes! aber
dieſer Zornesblid fchredt fie zurück
und macht fie bis in’s Herz erbeben.
Der Vater fpricht: Ich hoffe, Dein
Wahnſinn wird bald geheilt fein. Er
reiht ihr den Arm, fie fchreiten bie
legten aus ber Kirche, nur der Priefter
am Altare bleibt zurüd als der
einzige.
Pater Ludovicus hat die Hände
gefaltet, vor feinen Augen ift e3
finftere Nacht geworben, als fie das
Wort ausgeiprohen. Wie ein Wunder
ſcheint es ihm, daß er noch hier am
Altere fteht, das Heilige Buch vor ſich.
Nur das Wort „Wahnfinn”“ Klingt
ibm dumpf fortwährend im Ohre,
aber eine innere Stimme möchte
jubeln und Halleluja fingen. Jetzt
preßt er bie Hände aufs Herz und
dann fällt er auf's Angefiht vor dem
Allerheiligften beim Altare und es muß
ein großes, inbrünftige® Gebet fein,
das er zu Gott emporfendbet, denn
der Sacriftan jelbft mahnt ihn nad)
einer Stunde aufzuftehn.
Die Sonne neigt fich draußen dem
Untergange zu, purpurnes Licht Durch:
zittert noch einmal ben Kirchenraum
und beftrahlt das Antlik des Priefters,
ber jegt vom Altare tritt.
*
* *
Droben auf dem Schloſſe aber iſt
es ſtill und öde geworden, als hätte
ein Leichenzug dasſelbe heute verlaſſen
und nicht eine fröhliche Menge von
Hochzeitsgäſten.
Ludmilla weilt allein ihn ihrem
prächtigen Gemache, aber all die Pracht
und der Schimmer widert ſie an, in
ihren Schläfen hämmert es und nur
manchmal fährt wie ein Blitz ihr das
milde Antlitz des Prieſters durch den
Sinn, dieſes Antlitz, zu dem ſie ſo
innig Vertrauen faſſen könnte, auf das
ſie nimmer vergeſſen kann. Schwül und
unerträglich iſt die Luft in dem ge—
ſchloſſenen Raume; Ludmilla erhebt
ſich, ſie ſteigt über die Marmortreppe
hinab in die Kühle des Gartens. Der
Abend iſt unterdeſſen hereingebrochen,
die Stimmen der Vögel tönen aus
den dunkelbelaubten Büſchen und drüben
zeigt ſich ſchon die Mondesſichel und
der Silberpunkt des aufſteigenden
Abendſternes. Wie verloren durchſtreicht
ſie die Wege und manche Roſe reißt
fie unbewußt vom Strauche und zer:
pflückt die Duftende in hundert kleine
Blättchen.
Da hört ſie einen eiligen Schritt
neben dem Umfaſſungsgitter des Gar—
tens, dem fie nahe if. Unb in bem-
jelben Moment huſcht etwas, wie ein
weißes Vöglein aus dem Straude
herab, der hart beim Gitter ſteht und
ein Päckchen fällt zu Boden. Ludmilla
hält ein Blatt in der Hand, das an
ſie gerichtet iſt. Sie fühlt's, dieſes
Blatt, es rührt von ihm her.
Schon iſt es dunkel geworden,
kaum, daß ſie die Aufſchrift entziffern
konnte; jetzt eilt ſie mit pochendem
Herzen wieder dem Schloſſe zu, und
in das Gemach, das fie vorhin ver-
laffen, fie verfperrt die Thür, fie wagt
es nicht, den Raum zu erleuchten, in
dem fie fich befindet. Der Mond fcheint
gerade fo hell, daß fie leſen kann.
Hier entfaltet fie das Papier. Und fie
lieft glühende Worte und heiße Schwüre,
die hat fein Mönch aufgefchrieben,
fondern ein Mann, der in der heißeften
Liebe entbrannt ift.
Sie Fieft weiter, ihr Athem fliegt,
ihre Bulfe ftoden. Den erften unb
legten Beweis ihrer Liebe ſoll fie ihm
geben, mit ihm — entfliehen.
Beim einfamen Feldhaufe, das an
die großen Befigungen des Schloſſes
ftößt, werben zwei Pferde barren, bie
Pferde ihres eigenen Vaters. Der
Stallknecht ift beftochen, er weiß nicht,
um was es fich handelt, er weiß nur,
daß zwei Männer die Naht hindurch
diefe zwei Pferbe benügen wollen; bie
808
nächfte Nacht führt er die Roſſe wieder
unbemerkt in die Stallungen zurüd.
Ein Päckchen Männerfleider und ein
weiter Mantel wirb in demfelben Buſch
im Garten zu finden fein. „Wenn ih
damit zum Verbrecher werde”, ſchließt
der Brief, „Jo werde ih es nur an
ber böjen Menfchheit, wenn ich anders
handelte, würde ih ed an meiner
Liebe.“
Eine Stunde lang fitt Zubmilla,
das Blatt in der Hand, fie denkt nur
an einen, an ihren Vater, aber dann
benft fie auch wieder an feinen legten
Zornesblid im Gotteshauſe; fo blickt
der Feind fein Opfer an, das ihm
verfallen ift, nicht der Vater fein Kind.
Und bier — bier bleibt fie in jener
Gewalt, die nicht eher ruhen wird,
fich geltend zu machen, bis diefe Hand
dem Manne gehört, der ihr jo verhaßt
ift. Ya verhaßt, nicht gleichgiltig, fie
fühlt dies, und wie ſich ihr ganzes
Gemüth gegen den Zwang empor:
bäumt, jpringt fie auf. Es ift Nacht
geworden. Wieder eilt fie in ben
Garten, das Päckchen ift bald gefunden.
Ludmilla bat fich entjchloffen, fie will
entfliehen allen Gewalten, die ihr Glüd
jertrümmern wollen, fie vertraut dem
Manne mehr, der zu ihr nur vor dem
Altare geſprochen und feinem Herzen.
Um die zehnte Stunde jchläft jchon
Alles im Schloffe, nur eine dunkle
Geſtalt huſcht durch das hohe Thor,
nachdem fie es aufgeiperrt. Ein Hund
will anjchlagen, wird aber raſch von
ihr bejänftigt, er kennt feine Herrin.
Und bei jenem einfamen Feldhauſe
angelangt, findet fie zwei Roſſe, der
Reiter von dem einen jpringt ab, er
ichließt die bebende Geftalt in feine
Arme: „Alſo doh! o Habe Dank!“
„Ih bin gefommen, aber es ift
ein Verbrechen.” — —
„Ja, und Du follteft deffen Opfer
jein — ih weiß Alles.”
Und jegt fprengen bie zwei Pferde
mit den Reitern in bie bunfle Nacht
hinaus.
Bella Venezia !
Ya fie ift Schön, bie Königin der
Meere! Sie ift wunderbar ſchön. Wie
ein golddurchwirkter Schleier ruht der
Duft des prächtigen Sommertages auf
ihr, ein Schleier, der fie bevedt und
do jeden ihrer Reize dem Auge bes
Beſchauers nur um fo deutlicher preis-
gibt. Klar und blau liegt das Meer,
jener glänzende Wajjerjpiegel, auf dem
die Märchenftadt ausgebreitet ift, eine
eben aufgeblühte Lotosblume in ihrer
ganzen Pracht.
Aber die bella Venezia ift nicht
nur ſchön, fie ift ein königlich Weib,
groß und hehr und aud ein ftarfes
Meib; ihre Purpurfchleppe zu tragen
bat fie Völker und Städte gezwungen.
Städte, die ihr gleich waren an Größe
und Macht, die fie aber befiegt und
zu ihren Sklaven gemadt hat. Sie hat
ihr Scepter geſchwungen weithin über
diefe8 blaue unermeßlihe Meer, bis
zum fernen Hellas hinüber, bis nad
Gonftantinopel, bis zur Inſel Candia,
bi8 zu jener großen Inſel, die den
föftlihen Nebenjaft zeugt, den milden
und boch fo feurig durch die Abern
tollenden glühenden Cyperwein. Und
immer mehr fchmüdte es fih, das
Königdweib, und immer ſtolzer ift es
geworden im Laufe der Jahrhunderte,
einen Palaft um den andern hat es
erbaut und die Fühnen prunfenben
Säulen und die ragenden Mauern, feſt
wie Erz und unerfchütterlid — wenn
fie auch in der Tiefe ber Lagunen
wurzeln, wüßten gar 'viel zu erzählen
von den troßigen Erbauern, von den
Söhnen der ſtolzen Venezia. Aber fie
Ihmeigen und jpiegeln fih nur im
Meere und in der Lagune, fie halten
es unter ihrer Würbe, zu jprechen, bie
befte Sprade ijt ihr Dafein, ift bie
Bewunderung, welche fie hervorrufen ;
unhörbar und doch jo Klar verſtändlich
Ipriht jeder der Riejengranitfteine,
jpricht jede der herrlichen Arabesfen,
jpriht der große Dom bes heiligen
Marcus, ſpricht die fühne Rialtobrüde.
809
Unhörbar undboch ſo bewunderungs⸗
würdig deutlich ſpricht von der Größe
Venedigs jede Schöpfung des großen
Paolo Veroneſe — der noch nicht
hundert Jahre todt iſt. In den Sälen
und in den Hallen ſtrahlen die farben—
prächtigen Bilder jenes großen Mannes,
der Venedig verherrlicht, der es be—
rühmt gemacht in ſeinem unſterblichen
Werke von der Apotheoſe der Königin
aller Städte und Meere.
Wohl konnte jeder der Dogen ſtolz
ſein, wenn er hinausfuhr in das
Meer, das ihm unterthan war, wenn
er es begrüßte und ben fojtbaren Ring
hinabſenkte und ſich vermählte mit der
See, mohl konnte das Volt jubeln,
wenn jein Führer Befig nahm von
diefem Meere, auf deſſen Rüden alle
die Kirchen und Paläfte liegen und
das jelbft täglich zurüdtritt, wie vor
Staunen über al’ die Pracht.
Ein Schöner Abend ftrahlt heute
der Stadt. Die Sonne im Weſten finkt
in's Waſſer und die legten Gluthen von
ihr tauchen die grauen Steinmafjen in
flüffiges Gold, die ihr zugefehrten
Fenfter der Paläfte jchimmern und
leuchten, al3 ob man im Innern, in
den Gemächern und Prachtſälen taufend
Kerzen angezündet hätte.
Langſam ziehen die Gondeln durd)
den Kanal, bier und ba ftimmt ber
Gonboliere fein eintöniges Liedchen an.
In's Meer hinaus find einzelne ge-
fahren mit heiteren Menfchen, die den
jhönen Abend genießen wollen auf
dem freien Waſſer und dem glühenden
Ball näher fein wollen. Ein feuriger
Streif zieht Hinter jedem der Fahr:
zeuge braußen einher, ein langer glühen-
der Streif, ald wollte das Meer
jelbt den Weg zeichnen, ben ber
Schiffer ihm abgerungen mit fiherem
Ruderſchlage.
So zieht auch eine Gondel mit
zwei Männern in die weite Waſſer—
fläche hinaus und dem finfenden Sonnen:
balle entgegen. Beide tragen bunfle
Kleidung, beide bliden ruhig und
ernjt in die Weite des Horizontes,
Aber verfchiedenartig find fie doch,
bie beiden Geftalten. Der eine ift ein
Greis, aber ein blühenber, Eraftvoller
Greis, dem die Zeit nichts geraubt
hat von feiner einftigen Schönheit.
Denn das ift jegt noch zu erfennen,
in feiner Jugend muß er ſchön ge-
weſen fein. Der weiße Bart reicht weit
hinab zur Bruft und madt das milde
Antlig noch ehrwürbdiger, noch Achtung
gebietender, die blauen Augen jehen
ſanft und doch entſchieden, das ſchneeige
Haupthaar ftrahlt von einem kühnen
Haupte, von dem er den breiten Hut
abgenommen.
Der Manı neben ihm hat einen
fürzeren Ffaftanienbraunen Bart und
eben folche Locken und jetzt, da er den
Blid, wie geblendet wegfehrt von dem
Ihimmernden Weſten und in das
Waſſer hineinſchaut, das leiſe auf:
ſprudelt neben dem dahingleitenden
Nachen, iſt es wie ein tiefer Schmerz,
der dem edlen Antlitz aufgeprägt er—
ſcheint, über die dunkeln Augen zieht
es manchmal trübe hinweg, wie wenn
Wölkchen vor der Sonne vorüber—
fliegen und ſie hie und da verdunkeln.
Und jetzt kennen wir den Mann
— es iſt Ludovicus, der Mönch. Aber
kein Mönch mehr. Das Ordensgewand
trägt er nicht mehr und in der kleid—
ſamen Tracht, die er dafür einge—
tauſcht, zeigt ſich das kräftige Eben—
maß der Glieder. Das Antlitz iſt auch
nicht mehr ſo bleich, es erſcheint ge—
bräunt und der Bart, welcher es jetzt
zum Theil bedeckt, verleiht ihm nur
noch mehr Feſtigkeit. Nur die Kraft
der Seele, die Energie des Geiſtes iſt
dieſem Antlitz auch jetzt aufgeprägt,
bei all dem trüben Denken, das hinter
der hohen edlen Stirn herrſchen muß.
Da ſchaut der Greis plötzlich auf
Ludovicus, der ihm zur Rechten ſitzt
und faßt einen der trüben Blicke auf.
„Ludovico“, ſpricht er ſanft und
ergreift die Hand des Mannes, neben
dem er jo lange ſchweigend gejeflen ;
„es iſt nicht gut, daß Du Dich immer
wieder und wieder Deinen traurigen
810
Gedanken überläſſeſt. Siehe die Abend:
fonne, wie fie purpurn ind Meer finkt
und mit jeder Minute weniger leuchtet.
Es wird Nacht werden, aber nicht
lange dauert e8 und das Geſtirn bes
Tages leuchtet im neuen ftrahlenben
Morgenfchein wieder drüben empor und
erquidt die Natur und die Menjchen.
Auh Dir kehrt der Tag wieder. Er
ift Schon wiedergefehrt, aber die Sonne
ift erft im Aufgehen und wie lange
bauert’s, wird fie Dir leuchten.“
Ludovico rafft fih auf und mwenbet
fih erregt dem greifen Freunde zu.
„And ihr haltet e3 für feine Sünde
— Meiſter? Ich meine nicht eine
Sünde vor jenem Gott, der uns das
Gefühl in’s Herz gelegt, aber eine Sünbe
an den Einrichtungen der Menſchen,
eine Sünde an dem Klofter, eine Sünde
an bem greilen Vater meiner —
Gattin.”
„Eine Sünbe ?“ fpricht der Greis.
„Woran Du Dich verfünbigt haft, das
weiß Gott und vergiebt ed. An ben
Menſchen habt Ahr feine Sünde be:
gangen. Das Klofter ift fein Gefäng-
niß und das Gelübde hat Gott jelbit
gelöft durch die große Liebe, die er
Dir zu Deiner Gattin in's Herz gelegt.
Der Vater weiß es durch Deinen Brief,
wie e8 um euch beide fteht, dem ent:
laufenen Mönd wird er vielleicht im
erften Momente gefluht haben, bem
Gatten feines einzigen Kindes wird er
milder gefinnt fein, vielleicht in dieſer
Stunde ſchon hat fich fein Fluch zum
Segen gefehrt über Euch.”
Ludovico ſchüttelt dasHaupt: „Mei:
fter, ihr beurtheilt die Menfchen zu ı fanft
und milde. ch kenne den Mann befjer.
Sein Ehrgeiz ift unermeßlid. Ein
Vater, der biejes fein einziges Kind
dem Götzen ſeines Ehrgeizes opfern
wollte, der es nicht verſchmähte, einem
herzloſen, kalten Manne ſeine Tochter
antrauen laſſen zu wollen, einem Manne,
der nur durch ſeine Stellung dem
immer und immer noch höher Streben-
Vater kann nicht befänftigt werben,
nicht wenigftens in ber kurzen Zeit, bie
verfloffen, jeit Ludmilla freiwillig mit
mir entwid. — Das Klofter freilich
haſſe ich, feitdem ich die Ruhe darin
nicht gefunden. Verſteht mich wohl,
dem Klofter, nicht dem Prior, nicht
den Brüdern gilt mein Haß; fie träu-
men innerhalb der fühlen Mauern
einen Traum fort, aus dem fie nie er:
wachen werben.
Aber ich bin erwacht, ich hab’ es
erfannt; das Drängen meiner Seele
war ein Streben, ein feurige® Empor:
jtreben und durch flüchtige, jcheinbare
Ruhe nicht nieberzuhalten. Ich habe
mich ſelbſt getäufcht, als ih Alles
zurüdließ und in biefe fulte Welt ein-
trat, die von Mauern umgeben ift und
für mich doch fein Rettungshafen fein
follte. Daß ih menſchlich fühle und
wie ich fühle, habe ich erft an jenem
traurigen Hochzeitstage erkannt. Aber
Ihr habt Recht, Meifter“, fpricht Ludo-
vico mit erhobener Stimme und wirft
das Haupt ſiolz zurüd, „Ihr habt
Recht mit Eurem Trofte, ſchon fühlte
ih es ja, daß ein neues, anderes Le-
ben in mir glüht, ich will es aufflam-
men und lodern laſſen, mein ganzes
Sein ift doch nur ihr geweiht und ich
bin ja jegt ihr Alles, ihr Einziges,
woran fie fich klammen kann. D, Ia:
copo, wenn ich's Euch ſchildern könnte,
wie ich diefes Weib liebe, wenn ich
daran denfe und daran, daß fie mein
ift, daß fie mir gehört mit Leib und
Seele, dann vergeffe ih auf Alles
andere und lebe nur im Gefühl meiner
Liebe.“
„Recht fo,“ ermutbigt der greife
Meifter; „die Menjchheit hat fih an
Euch verfündigt, nicht Ihr habt e8 an
der Menjchheit gethan. Und wenn Du
dem greifen Manne eine Bitte nicht
abichlägft, ſo wär's mein inniger Wunſch
Deine Gattin zu jehen ; nicht der Freund
allein ift’3, der Dich darum bittet, auch
der Künftler vegt ſich wieder in mir,
den die Sicherheit bot, die höchſten der Schüler Paolo's, des größten Mei-
Pläne verwirklicht zu ſehen, ein ſolcher ſters; vielleicht nehme ich meinen Pinjel
noch einmal, das legtemal zur Hand,
um Dir ein Andenken zu binterlaffen
von Deinem greifen Freunde.”
„D, wenn Ihr das thut,“ ruft
Ludovico entzüdt und umarmt ben
Greis in der Gondel ſtürmiſch. Sekt,
jogleih führe id) Euch zu Ludmilla.
Sie ift ja genefen und wieder friich
und munter und roth, wie eine auf:
blühende Roje. Habt Ihr doch fo viel
für fie, für uns gethan, den Fremden
habt Ihr Euer Haus geöffnet und habt
ihnen ein gaftlich Aſyl geboten. D, wie
ih den glüdlihen Zufall preife, der
mih auf dem Schiffe mit Euch zu:
jammengeführt, der mich jchon damals
jo viel Vertrauen faſſen ließ, Euch
alles zu eröffnen.“
Der Greis macht eine abwehrende
Bewegung: „Laft es jein, Ludovico,
was id damals gethan, that ich einem
Unglüdlihen und nie ift ein folcher
noch von meiner Schwelle gemiefen
worden. Du warft verzweifelt, Deine
Gattin war frank, Du warft auf der
Flut, von Häjchern verfolgt, Du zogft
nad) Venedig und doch wußteſt Du
nicht, wohin den Fuß dort zu jegen,
wohin Deine franfe Gattin zu betten.
Mich hat ein gütiger Gott mit Glücks—
güterm gejegnet, den Schüler Paolo's
ehrte die Republik und er ift ein reicher
Mann geworden. Er hat Dir fein Haus
erichloffen aus Mitleid mit dem Un:
glüde, heute fteht e8 Dir ganz offen,
Dir, dem Freunde. ch habe erkannt,
wie trübe Pfade des Lebens Du ge-
mwanbelt, fie follen aus meinem Haufe
helle werben und in eine lachende Welt
hinaus führen.
„zaufend Dank!“ Ludovico ruft
e3 dem reife zu und er brüdt und
preßt feine Hand und will einen Kuß
darauf drüden, aber der milde Greis
wehrt ihm ab.
Indeſſen ift die Sonne zu Rüſte
gegangen, nur ein heller Streif im
Weiten, der wie in's weite Meer zer:
fließend erjcheint, zeigt noch, daß fie
nahe. Aber die Dunfelheit bricht ſchon
herein. Aus der Ferne erflingen die
s11
ehernen Zungen einiger Kirchenglocken.
Das Meer liegt ruhig. Drüben nur,
gegen die Helle jenes Streifes, den
noch die Sonne zurüdgelaffen, zeigt ſich
ein dunkler Punkt. Er mwirb größer
und größer. Er iſt eine Galeere, die
vieleicht Gold bringt oder Seide ober
foftbare Gewänder aus dem fernen
Drient zum Schmud für die königliche
Venezia.
Der Gondoliere ift auf Geheiß
umgetehrt und rubert nun rajcher
der Lagune und den Paläften zu. Licht:
funfen bligen jchon bier und bort in
ben prächtigen Fenftern empor. Jetzt
bat der Gondelführer den Kanal erreicht,
mit tactvollen Schlägen lenkt er die
Gondel, die fih aus dem Canal grande
nad) rechts wendet und endli anhält.
Schon jpiegeln ſich die Geftirne in
dem dunkeln Waffer. Die beiden Männer
jteigen aus. Man fieht jet, daß der
Greis fleiner, ftämmiger ift, die Geftalt
Ludovicos erfcheint dagegen gejchmei-
diger in ihrer Größe.
Der Balaft, in den die beiden ein:
getreten, bildet eine Ede gegen das
offene Meer zu. Der aufgehende Mond
beleuchtet die der See zugefehrte
Seite und läßt es filbern aufbligen in
ben Scheiben der Fenfter, bie noch
nicht erleuchtet find. Maſſig fteht das
alte Gebäude da und ehrfurdhtgebietend
durch feine Größe. Eine Vorhalle nimmt
die beiden Männer auf, nachdem fie
die eichene jchwere Thür geöffnet.
Hier befindet ich das Afyl, welches
Ludovico und Zubmilla bei dem greifen
Künftler Jacopo, beim Schüler bes
großen Paolo Caliari, den fie nad
feiner Vaterſtadt Veronefe nennen, ge:
funden.
Wie hoch find die Wölbungen über-
all, deren fühne Bogen ſich über Hallen
und Treppen fpannen, wie blinken bie
Säulen und Statuen im ungewiſſen
Scheine der Lampen, welche hier ftrahlen,
aber die weiten Räume nur ungemwiß
erleuchten fönnen, wie fühn ift ber
ganze ſtolze Bau, wie von außen, jo
auch im Innern, er gemahnt an bie
812
größten Tage der Republif an die
Tage eine® Andrea Dandolo, eines
Antonio Venier, eines Michele Steno
und andrer großer Dogen Venedigs,
weldhe die Stabt zu jener Macht und
Pracht gebracht, in ber fie heute dafteht
und die mit jedem Tage größer und
herrlicher geworben.
An einer hohen Eichenpforte mit
prächtig gearbeitetem Drüder und Thür:
klopfer verabjchiedet ſich der Greis von
Ludovico und verſpricht in einer Stunde
wieber zu fommen, wenn Ludmilla auf
feinen Beſuch vorbereitet worben.
„Sie ift e8 ja immer, unjerm
Retter wird fie in jedem Augenblide
mit Worten ewigen Danfes entgegen:
treten!” fpricht Ludovico; der zart:
fühlende Greis aber will die vor furzem
Genefene nicht mit einem plößlichen
Beſuche überrafchen.
Sie ſcheiden. Jacopo jteigt die breite
Steintreppe mit dem durchbrochenen Ge:
länder empor zu feinen Gemächern.
Ludovico durchſchreitet ein hohes Zim:
mer, von beffen Dedengemälde Tächelnd
die Köpfe einiger Nymphen nieder:
ſchauen, wie neugierig darüber, wer
bie Ruhe, welche bis nun in den Zim—
mern geherricht, zu ftören ſich unterfängt.
Aus der Thür, welche der Mann
nun durchſchritten, bietet fich ein herr:
licher Anblid. Es ift ein Iuftig Gemad),
in da3 er getreten. Hohe Bogenarkaben
laffen den Blick faft ungehindert über
das Meer hin fchweifen, in dem fich
voll und groß der unterdeſſen aufge:
gangene Mond fpiegelt, auch auf den
Steinfliefen des Fußbodens liegt fein
Silberlit. Das Meer und ber dunfel-
blaue Sternenhimmel jcheinen draußen
in einander zu verfchwimmen. Mit ei:
nem filbernen Duft bedeckt aber der
Mondichein Alles, was er erreicht und
verflärt das Himmelsgewölbe und das
Waſſer, dab es wie burchfichtig er:
ſcheint. Eine Lampe, bie im Hinter:
grunde von ber Dede herabhängt,
wirft einen rothen Lichtkreis umber,
aber ihr Leuchten ift wie befhämt vor
dem milden bed Vollmondes.
Seht erhebt ſich eine weibliche Ge-
ftalt von dem Nuhebette, auf dem fie
träumend gelehnt.
„Ludwig“, ruft fie ſtürmiſch und
eilt dem Gatten entgegen, „bit Du
enblih da, jo lang ift mir die Zeit
geworden in meiner Einfamfeit und jo
trübe Gedanken bejchleichen mich, wenn
Du ferne.”
„TrübeGedanken, Ludmilla?“ ſpricht
er und drückt einen Kuß auf die edle
Stirn des Weibes, „in ſo prächtiger
Mondſcheinnacht ſteigen ja nur gute,
wohlwollende Geiſter hernieder zum
einſamen Menſchenkind. Verſcheuche die
böſen, wenn ſie doch kommen, ſie
dürfen nicht verweilen in der Pracht,
die vor Dir ausgebreitet liegt. Sieh,
der gute Meiſter Jacopo, unſer edler
Schützer, will Dich heute ſehen, bring'
ihm ein freundlich Lächeln entgegen
dem Greiſe, dem wir ſo viel verdanken.
Die Trübniß aber will ich von Deiner
Stirn und von Deinen ſchönen Augen
wegküſſen.“
Die beiden ſind inzwiſchen vorge—
treten und Ludmilla ſchmiegt ſich an
den ſtolz blickenden Mann, der ſeine
ſeligen Blicke in das Auge der Ge—
liebten verſenkt. Höher iſt inzwiſchen
auch ber Mond geſtiegen, er befeuchtet
jegt hell und klar die wundervolle
Frauengeftalt. Wie zart, wie buftig
ift diefes berrlihe Weſen. Welches
Ebenmaß ber Glieber, welches jeelen-
volle Schauen des verflärten Augen:
paare3, das jo innig an dem Manne
hängt! Der blaue Sammt des Jäck—
chens ift etwas zurüdgefunfen und auf
dem blendenden Naden und auf dem
vollen nadten Arme liegt der Mond:
ſchein und ummebt den prächtigen Leib
mit feinem buftigen Lichte. So ftehen
die beiden verfenft in ihre Liebe, die
voll und groß ift, wie das Nachtgeftirn
draußen, fie haben es nicht bemerft,
daß die Thür des Gemaches inzwilchen
aufgegangen ift und zwiſchen derſelben
der greiſe Meifter ftcht.
Da fält der Blick Ludwigs auf
die Thür, er erblidt den Greis, er
813
eilt ihm entgegen, während Ludmilla
ſcheu und verfhämt zur Seite tritt.
Lächelnd reicht ber Meifter feine
Hand Hin.
Ich habe euch überafht, Takt es
euch nicht gereuen. Der alte Mann freut
fih auch der jungen Liebe, die vor
ihm blüht und grünt. Als ich jo da
ftand und euch betrachtete, e3 war nicht
meine Abſicht zu ftören, da regte fi)
der Geift in mir, welcher fo oft meinen
Pinjel gelentt; e8 kam mir der Ge:
danfe, den ich jchon heute gegen Dich,
Ludovico, ausgejprochen, ich will mein
legte8 Bild malen zur Verherrlihung
deiner jchönen Frau.“
„Aber“, fährt er fort und tritt auf
Ludmilla zu, die das jchöne Haupt ge:
ſenkt hat, „was iſt die matte Farbe
gegen die Wirklichkeit. Ludovico, ich
jah in meiner Jugend bie Schönen
Venedigs und ganz Italiens, aber ein
joldes Weib hab’ ih kaum gejehen
und wenn Dir der Schüler des großen
Paolo jagt, du kannſt ftolz fein auf
Deine Gattin, jo möge Dir das ben
Bann gewähren, nad) dem Du gejucht
a “
Ludwig umarmt den Meifter, auch
Ludmilla reicht ihm ihre zarte Kleine
Hand Hin und begrüßt mit warmen
Worten den guten Greis, in deſſen
Hauje fie jo lange gewohnt, ohne ihn
jelbft gejehen zu haben, und ihre
Lippen fließen über von Dankesworten.
Aber der Meifter hört Dankes—
worte nicht gerne, jelbft aus jo ſchönem
Munde nit, darum unterbricht er
ihre Rede: „Ich habe ein Mahl bereiten
lafien, heiter vereinen foll e8 uns an
dem heutigen Tage unferes erften Zu:
ſammenſeins.“
Eine ſilberne Schelle ſetzt er in
Bewegung und es erſcheint ein Diener.
Während Ludwig und der Greis vor—
treten und durch die hohen Arkaden
auf das weile, ſtille Meer hinausſchauen,
das, durch eine Briſe leiſe erzitternd, das
Mondlicht verſchwimmen macht in dem
ganz leicht gekräuſelten Waſſer, und
während Ludmilla, wie verloren zu
Boden blickt und vor ſich hin noch ein
Dankeswort flüſtert in holder Ver—
wirrung, die noch nicht von ihr ge—
wichen, wird der Tiſch im Hintergrunde
hergerichtet.
Schwere Leuchter ſtehen darauf mit
flammenden Kerzen, lockendes Backwerk
und duftendes Obſt erfreut das Auge
durch ſchöne Geſtalt und prächtige Farbe.
Die Orange und die Feige liegt neben
der Traube, welche weit hergeholt iſt
aus Griechenland und in den prächtigen
Flaſchen, aus jenem Kryſtall, das allein
ſchon Venedig weltberühmt gemacht,
funkelt der edle Rebenſaft des Faler—
ners, des Aſti, des ſüßen, feurigen Ey:
perweines.
Welch' ein Bild, die drei Geſtalten
beim Mahle ſitzen zu ſehen, jede für
ſich in ihrer eigenartigen Schönheit!
Der Greis mit ſchneeigem Haupthaar
und Bart, mit den milde blickenden
Augen und der hohen Denkerſtirn, der
kraftvolle Mann mit dem ernſten Antlitz,
mit den Zügen voll Willenskraft darin
und mit dem ſtolz erhobenen Haupte
und die zarte, duftige Frauengeſtalt,
eine Schnur Perlen in dem gewellten
dunkelblonden Haare und eine gleiche
am Halſe, mit den prächtigen blauen
Augen, die ſo ſüß darein ſchauen und
manchmal einen Blick voll Liebe und
Innigkeit werfen auf den Geliebten.
Aus Ludwigs Antlitz iſt die Bitter—
keit geſchwunden und der letzte Schim—
mer jener Trauer, die gewöhnlich dar:
auf mweilt, er hat vergeflen auf bie
Vergangenheit, er lebt nur der jchönen
freubenreihen Gegenwart.
Jetzt füllt der Greiß bie ſchalen—
artigen, flachen Pokale bis an den
Nand mit Cyperns Rebenſafte, er er:
hebt feinen Becher und ſpricht: „So
trinke ich denn auf eine glüdliche Zu:
funft, möge fie euch bald nahen, möge
fie hell fein, wie der ſilberdurchwirkte
Nachthimmel draußen! Und wenn ihr
dereinft wieder heimgefehrt, gedenft
eures väterlichen Freundes und ber
Tage von Venedig! Möge das Glüd
814
euch wieder ganz aufnehmen in feine
Arme!”
Die Gläfer Elingen zufammen, aber
die Brife, welche die Wellen vorhin
gefräufelt ift ftärfer geworben und
während die Männer die Becher leeren
und auch die jchönheititrahlende Lud—
milla an bem füßen Weine nippt,
ftreicht ein Luftzug durch die Halle und
löfcht die flammenben Kerzen.
Ludwig läßt das Glas fallen, daß
e3 auf den Steinfliefen zerfplittert, aber
der Greis, raſch gefaßt, fährt mit er:
höhter Stimme fort: „So mögen fie
verlöjchen und vertilgt fein, die Un—
heil bringenden Gewalten, jo mögen fie
in ein Nicht3 zerrinnen! Seht ihr
dort in ber Ferne den golbig blin-
fenden Punkt? Er kömmt näher
und wird feurigerr. Das ift euer
Glück. Darum fort mit den Sorgen,
Ludovico, die bis nun deine Stirne
ummölft. Freubig fieh dem Glüde ent-
gegen. Sieh auf Dein Weib, fie fei
Dein Leitftern! Wenn Du in ihr Auge
blidft muß Dir ja das Herz aufgehen!
Ihr gelte diefer Becher, ihrer Schönheit
und Anmuth!“
Ludwig hat fich gefaßt, feine Auge
ift wieder heller geworben bei jedem
Worte des Meifter8 Yacopo, er hat
das Glas ergriffen, glänzender Sonnen:
ſchein ftrahlt in fein Herz.
Er wendet fih Ludmillen zu, die
ihr Köpfchen an feiner Bruft verbirgt.
„Bott fegne euch, Kinder“, fpricht
der hinzutretende Greis; „an euch hat
bie Welt mandes Unrecht gut zu
machen, fie wird es thun.”
Schmweigend bliden fie auf das
Ihimmernde Meer hinaus, als könnten
9— ſich nicht ſattſehen an ſeiner Schön—
Doch es iſt ſpät geworden, die
Lampe im Hintergrunde beinahe ver:
löſcht, der Mond fteht jchon hoch über
dem Dache des Palaſtes, der feinen
Schatten zwar noch jehmal, aber doch
Ihon gegen das Waſſer zu wirft. Die
früher heil beleuchteten Arabesken an
der Außenfeite, die ornamentijchen
Bierrathen, die hohen Fenfter liegen jet
im Dunfeln, nur auf den Dächern
oben fließt es noch, das Silber bes
Mondlichtes, als wollte e8 hinab in
das jchimmernde Meer tropfen. Die
wieder entzünbeten Lichter in der Halle
fladern unruhig hin und ber.
„Es ift ſpät, ich ſcheide“, ſpricht
Jacopo, er reicht Ludwig die Hand,
er tritt zu der ſchönen Frau, auch ſie
legt die zarte Hand in des Greiſes
Rechte. „Möge dieſem Augenpaar“,
ſo ſagt der Meiſter und blickt ihr in
das Antlitz, „keine Thräne mehr ent—
ſtrömen!“ Er legt ſeine Hand auf das
Haupt; bald darauf hat er die Schwelle
der Thür überſchritten und iſt wieder
in ſeine Zimmer emporgeſtiegen. — —
Tage und Wochen flogen vorüber
im Strome der Zeiten. Wie eine Ahnung
von Glück hat es ſich auf Ludwigs
und Ludmillens Herzen geſenkt. In
der Geſellſchaft des Greiſes fuhren ſie
oft hinaus in's Meer und blickten
hinüber, dorthin, wo das Land liegt,
welches ſie verlaſſen haben, zu jener
Küſte, die ſie nicht mehr betreten
haben ſeit jener Flucht.
Ludmilla kann es oft kaum faſſen,
wie dieſes Alles ſo gekommen, vor ihr
im Meere ſpiegelt ſich Venedig, weit,
weit liegt die Heimat und das Vater⸗
haus. Keine Nachricht hat fie bis
heute erhalten von dem alten finftern
Manne, der fi ihr Vater nennt, ber
fie geliebt hat, vielleicht noch liebt und
fie ift bahingeflohen vor dem finftern
Blicke dieſes Mannes an der Seite
defien, zu dem ihr in fo jeltiamem
Augenblide Liebe in's Herz geflöbt
worden, dem fich fo voll, jo heiß ihre
Seele zugemwendet, dem fie ihr ganzes
Sein geweiht, den fie nicht mehr ver:
lafjen wollte und dem fie gefolgt ift
über das Land und über die See
bis hieher in die prächtige Dogenftabt.
Ludwig aber denkt nicht mehr an
bie büftere Zelle, in ber er jo lange
geweilt und Frieden geſucht. Nur
jenes P. Franziscus gedenft er mand):
mal und wie deffen Schidjal jo ähnlich
815
dem feinen. Sollte es eine Vorbedeu—
tung fein auch für das Fünftige eigene
Geſchick? Er weiß es nicht, er glaubt
es faum, nur das Eine hat er ganz
begriffen, was jener alte Mönch nie—
dergeihrieben auf das Pergament:
ftreiflein, al8 er entflohen aus dem
Klofter — gleich ihm. — Jenes große
Wort: „Amavit et hominem esse
sensuit“, er hat es jetzt erſt ganz ge—
faßt, er hat es begreifen gelernt, daß
der Menſch ein Räthjel ift, ein Räthjel
auch ſich felbft und daß die Löſung
nur in einem bedeutungsvollen Augen:
blide erfolgen fan, in einem Augen:
blide, von dem es ungewiß ift, warn,
von dem es ungewiß ift, ob er naht.
Er bat es gefühlt, daß die Ruhe nicht
in dem Grübeln liegt über den Büchern
und nicht in jener Wiſſenſchaft, nad
der ſchon Taufende geftrebt, die doch
damit nicht den Eleinften Theil ihres
eigenen Selbſt begriffen haben, daß
fein Drang nad) Frieden etwas ganz
Andere gemwejen, daß er jo handeln
gemußt, wie er gehandelt und daß es
anders nicht hätte befjer werben fönnen.
Und dennoh — es ift eine Täu—
Ludmilla auf die Zufunft vergejjen.
Aber die Zeit will nicht, daß man
auf fie vergeffe, fie pocht dann an
die Thür der Hütte und an das Thor
des Palaftes, fie bringt ihre Gaben
mit, ach oft jo traurige Gaben, aber
der Menſch muß fie nehmen.
Im Norden ift der Winter gekom—
men, ber November ift herangezogen
mit Schnee und Eis, feine Stürme
toben, bie Menjchen juchen Zimmer
und KRämmerlein auf und den warmen
Dfen. Aber der Süden hat feinen
Winter, wenn die Drange gereift ift,
jegt der bunfelgrüne Strauch wieder
Blüthen an und duftend prangen Blüthe
und Frucht zwiſchen dem fräftigen
Laube. Auch in Venedig weiß man
wenig von Schnee und Eid, bie Sonne
ift nicht fo drückend, die Nacht Fühler,
in den Kanälen hat der Schiffer feine
ade umgemworfen, der fonft friſch in
Hemdärmeln das Ruder handhabt.
Ludmilla aber gebenft wehmüthig
bes Eiſes und ber Schneefloden in
ber Heimat. In. der Heimat, meld’
ein Zauberwort! Den jchönften Him—
mel Italiens, den prächtigften Sonnen:
Ichein macht e8 vergeflen. Das Herz
jehnt fih nach jenen Stätten, wo es
jo lange und jo traulich geweilt. Auch
Ludmillens Herz bat noch ein Er:
innern bewahrt neben ber heißen
Liebe, die darin herrſcht zu dem Ge:
liebten. Ohne dieſem etwas bavon
mitzutheilen, fühlt fie, daß dies Erin
nern immer lebhafter und ftärfer wird,
daß es fie wie mit taufend ftarfen
Banden hHinzieht an jene Stelle, wo
fie jo viele der jchönften Jahre bes
Lebens verbracht, an jene Stätte ihrer
Jugend, ber fie nun entrückt ift, viel-
leicht für immer. Und immer wieder
tritt das Bild vor ihre Seele, fo oft
fie es auch daraus verbannen will.
Das Heimweh ift eingezogen, ein Gaft,
der das Herz fo traurig macht, daß
es fterben möchte, wenn ihm nicht
jein Heim wiedergegeben wird. Lud—
milla empfindet nun plöglih, daß in
der nördlichen Heimat die Floden bes
Schneee’3 fallen. Die gerötheten Wangen
erblaffen, aus den blauen Augenfternen
bricht e8 mitunter, wie ein unheim:-
liches Feuer, Fieberhige durchfliegt
den zarten Körper. Bon Tag zu Tag
jucht ſie's dem Geliebten zu verhehlen,
aber bieje Krankheit ift eine gewaltige
Gebieterin, fie ſchont nichts, auch nicht
die Liebe.
(Schluß folgt.)
816
Wie Defregger Maler wurde.
Eine Skizze von P. R. Roſegger.
„Der Franzl hat jeht den Ederhof |wußt war. — Aber er war an ben
z' Stronad übernommen? — Das ift
ber Rechte! ich fag’ nur fo viel: ſchaut
euch nach etlichen Jahren fein Haus:
dab an! Zerriſſen und vermwinbirt.
Und jeine Melkküh' jchnigt fich der
aus Zirmholz. —“ So fagten bie
Bauern von Dölfah. Und bie Wei-
ber und Mädchen: „Wird er bald
heiraten, der Franzl?“
Die Leute rebeten und ber Franz
wirtbichaftete auf dem überfommenen
Gute feines Vaters. E3 war im Grunde
fein jchlechter Grund; aber e8 ging
nicht beſſer und nicht übler wie bei
den Nachbarn, e3 war ein großer Grund,
aber ein fleiner Erwerb, es waren feine
Schulden da, aber auch fein Baargeld,
e3 war wie an jenem Orte, wo nad
Ederhof gefettet und gab fich brein.
Eines Abends, der Franz jaß ge:
trade beim Anjchaften einer Stallgabel
— war auch Schnigarbeit! — trat
der Unterfhhlager Martin aus bem
Sfelthale in's Haus: Ob er fleibig
wär’, der Eberhofer? ob er nicht ſchon
bald Feierabend made?
Der Franz antwortete, was man
eben darauf zu antworten pflegt, und
ber Martin möge abraften, und es jei
jegt ein pafjabel ſchönes Wetter und
was ed Neues gebe in Lienz?
„Laß' gehen,” fagte der Martin
und warf bie Hand jo Hin in bie Luft,
„in biefen Bergen gibt’8 nie was Neues.
's ift ein ödweiliger Weltwinkel.“
„Der Weltwinkel ift nicht zuwider,“
dem Volkswort bie ungetauft verftor: | fagte der Franz.
benen Kinder hinkommen: feine Freud’
und fein Leib
Aber der Franzl war fein unge:
tauftes Kind, und „Leine Freud und
fein Leid“, das war ihm zu langweilig.
Menn er noch Zeit zum Bildjchnigen
hätte! Wie glüdlih find doch bie
Gröbner Holzſchnitzer, die Pitthaler
Herrgöttlmadher, die Tefiner Bilder-
händler. Die laffen ihre Landwirth-
Ihaft den Weibern über und widmen
fih der Kunft, und reifen mit ihren
Merken in der Welt herum und führen
ein fröhlich Leben. Einmal war ber
Franz gar ſchon d’ran, in's Pitthal
auszumwandern und fi dort dem
Schnigen hinzugeben — Werke zu
Schaffen, vor denen die braven Tiroler
auf ben Knieen liegen, als wie vor
dem lieben Gott felber. Der Gedanke
that ihm wohl, wenngleich er fich der
Sehnſucht nach Künftlerehre nicht be:
„So?“ verjegte der Andere, „na,
Du ſchauſt mir nicht darnach aus, als
ob's Dir juft eben gefallen thät dahier.“
Der Franz ſchlug den Gabelftiel
an, ſchob die Achſeln in die Höhe und
murmelte: „Was kann man machen ?"
„Eder,“ fagte der Martin und
blidte ihm ſcharf in's Geſicht, „geh'
mit!“
„Wohin?“
„Nach Amerika. — Jetzt ſchau'ſt
d'rein! Du, auf das D'reinſchauen von
Dir hab' ich mich ſchon lang gefreut.
Ernſter Weis, Eder, ich bin der Sach'
wegen da. Sind allzuſchlechte Zeiten
jetzt im Land Tirol. Wir, an zwanzig
Bauern aus dem Iſelthal und auch
von der Draugegend wandern aus in
die neue Welt. Und ſie laſſen Dich
fragen, ob Du dabei biſt.“
Der junge Eder warf bie Stall-
gabel in die Ede und jah dem Martin
817
frifh und munter in’3 Gefiht. Der
Iſelthaler — es war der wortfähigite,
den fie jchiden konnten — jeßte das
Unternehmen jegt auseinander, jprad)
von den deutjchen Anfiedlungen in Beru,
von einer tiroliichen Eolonie, von einem
Neu: nnsbrud am Maranon, und wie
man fich dort für geringes Gelb große
fruchtbare Grundftüde erwerben könne,
auf denen aller Lebensbedarf jelber
wachſe, jo daß der Eigenthümer zum
größten Theile für feine Lieblingsbe:
Ihäftigungen leben könne. — Bauern:
güter jeien jegt leicht an Mann gebracht,
in drei Monaten, um Jacobi, wären
fie reifefertig und jchifften fich in Bremen
ein. — Er follte ſich's überlegen.
Der Franz trommelte mit den Schuh:
jpigen auf dem Boden und dachte nad).
Er hatte jhon Manches von Amerika
gehört und gar jelbit gelefen; nicht
zu leugnen, es war ihm auch ſchon
einmal der Gedanke gefommen, die neue
Welt müßte befjer halten, als die alte.
Jetzt hob er den Kopf gegen den Martin
und fragte: „Wo kann man euch finden,
jegt die Sonntage?”
„Auf der Poft in Lienz find wir
Ale beifammen. Etlihe haben ihre
Häuser jhon verkauft, Andere find noch
in der Unterhandlung. Der Zirbelhofer
heiratet noch eher feine jaubere Ma:
treierin. Sollſt Du auch thun, Franz,
mwenn’3 dazu fommt — daß es eine
Kurzmweil gibt auf der See.”
„Will mir das Ding überlegen,”
meinte der Eber, aber mit einer Miene,
aus welcher der Martin nicht Flug wer:
ben konnte, war’3 Spaß ober Ernft. Der
Sielthaler ging davon und berichtete
den Genofien: „Schwerlih, daß er
wird mit babei fein, der Eder z' Stro-
nad. Er hat g’rad nit ja und nit na
g’jagt.“
Einige Tage darauf war eine Hoc:
zeit beim Wirth in Dölſach. Die Ver:
wandten des Ebderhofer’3 waren auch
dabei. Das dürfte eine Gelegenheit jein,
dachte fi der Franz und ging bes
Rofeguer’s „„Heimgarten‘* 11. Heft.
Abends, als es finfter wurde in's
Wirthshaus nah. Da hatte er guten
Empfang, bei den Tiichen wollten fie
den unterhaltſamen Burſchen haben
und auf dem Tanzboden aud. Er ent:
ichied fich für den Tanzboden. Mit den
hübjcheiten DirndIn der Gemein hopfte
er und bei jebem dachte er insgeheim:
Molltet Du mit über’s Waller? —
Sie lachten ihn alle jo treuherzig an
und fie ahnten es nicht, daß jegt auf
einmal das weite Gewäſſer lag zwiſchen
ihnen und bem lichen, flinfen, bunfel-
gelodten Eder-Franz.
Erſt nach Mitternacht zog ſich der
Franz in eine Nebenftube zurüd, mo
mehrere jeiner Grundnachbarn und Ver:
wandten im Geſpräche faßen. Sie
ſprachen über Wirthichaftsjahen und
daß jest billig Häufer faufen wäre,
da ein ganzes Rudel Helthalerbauern
nah Amerifa auswanderten. Mehrere
Kaufluftige waren darunter.
„Kauft mir das meine ab!” jagte
der Eder plötzlich.
„Dein Haus? ift es feil? Geh'ſt
etwa auch in's Amerika, Franz?“
„Freilich.“
„Zweimal darfſt es nicht ſagen,
ſo glaub' ich's,“ rief ſeine Schweſter
Helene. „Gleichſchauen thät's Dir, daß
Du auf einmal davonliefeſt, ſo weit
der Himmel aufgeſpannt iſt.“
„Mir iſt's recht, daß wir heut'
beiſammen ſind und davon reden können,“
ſagte er, „ihr wißt Alle miteinander,
daß ich meines Vaters Wirthſchaft, ſo
lang ich ſie hab', nicht verſchandiren
werde, wißt aber auch, daß ich keine
rechte Freud' d'ran hab'. Nehmt ihr
von meinen Geſchwiſtern ein's das Haus,
— ich verkauf's — probir' mein Glück
auf andere Art. Was kann mir denn
geſchehen, wenn ich nach Amerika gehe?“
Sie blickten alle auf ihn hin. Der
Eder ſah nicht aus, als wollte er ſpaßen.
Seine Schweſter riß gleich die Schürze
zum Geſicht und ſchluchzte: Das hätt'
ſie ja gewußt, hätt' ſich's immer ge—
dacht, der Franzl würde auf einmal
62
818
fo was anfangen. Seht jei das Un—
glüd da.
Der Franz lachte überlaut, er jehe
fein Unglüd, und ſchon vor Zeiten,
da fie noch feine Eifenbahn und fein
Dampſchiff gehabt, hätten fie ſchon ge-
fungen: Wem Gott will rechte Gunft
erweifen, ben fchidt er in bie weite
Welt.
„Na, na, Franzl“, fagte ein ſchon
betagter Vetter und legte die hagere
Hand auf den Arm des jungen Mannes:
„Das ift nichts, das mußt Dir aus
dem Kopfe jchlagen. Bleibe im Land
und nähre Dich reblich, heißt's.“
Es wäre ſchon gut, fagte der Eder,
aber e8 wäre auch fpät, er wünſche
Allen eine gute Nacht. Stand auf, ging
davon.
Die Helene ſchluchzte weiter; „es
it fo viel, al3 wie wenn er fchon fort
wär’,“ meinte fie, „was ſich der ein-
bildet, das führt er aus.”
„Oho, da werben ſchon auch noch
andere Leute was d’rein zu reden haben !”
rief ein Greiß vom Nachbarstijch ber,
„ih bin fein Göd und den Göden hat
er zu fragen. — Daß er am End'
heimfäm’, wie ein Haderlump und
brächt' uns das gelb’ Fieber mit und
andere Schlechtigfeiten. Lieber geh’ ich
in’s Amt und laß’ ihn noch einmal affen-
tiren. — Schau da her!”
Die Entrüftung des Alten medte
eine Gegenftrömung. Mehrere junge
Leute riefen, wenn der Eder-Franzl
nad Amerifa gehe, jo gingen fie auch
mit. Mädchen liefen herbei: was das
für eine Mode wäre, auf dem Tanz:
boden fein einziger Tänzer mehr!
Amerita! — Mber bie Fiebeln
übertönten das Wort.
Am nächſten Sonntag Nachmittags
nah dem Segen famen fie im Eder:
hofe zujammen, die Geſchwiſter, Schwä-
ger, Vettern und Muhmen bes Franz.
Zuerft lobten fie jeine Wirthichaft, den
ftattlichen Hof, den weiten Adergrund,
Glück wär’, heut’ zu Tag, hausgejefjen
zu fein, und daß Einer wiſſe, wo er
daheim fei und jeine Freunde finde,
fo oft er fie brauche.
Franz freute fih, nur Gutes zu
hören von denjelben Zeuten, bie fonft
immer mit feinem Hausweſen zu ner:
geln gehabt hatten, denen jonft weder er,
noch die Dölfachergegend, noch fie ſelbſt
recht gewejen waren, bie dem lieben
Gott unter der Hand feine Welt aus:
befjern wollten, oder ihm meijen, wie
man am beiten eine neue erjchaffe.
ALS fie nun aber in ihrem Gejpräde
der Mendung immer näher famen,
unterbrah fie ber Franz lächelnd:
„Laßt's gut fein, Leut’, mich g’freut’3,
daß ihr mich doch gleichwohl noch jo
gern habt; das wird mir wohl thun,
wenn ich in der Fremde bin.“
Sept fuhren fie los:
„Du darfſt nicht fort !
„Dein Vater müßt’ fih noch im
Grab umbrehen, wenn Du den guten,
alten Ederhof jo mwollteft verſcherzen!“
„Und ein Bagabund wollteit
werden —“
„— und zu ben Heiden wollteſt
gehen —“
„— und fo viel Schand bringen
auf Deine Landsfeut !”
„Wenn Du den Hof verfaufft!“
tief ein Neltefter von Dölſach, „fo
legt die Gemeinde das Gelb in Be
ſchlag, wie's für einen Verſchwender
gehört.“
Da ließ der Franz ſeine Hand
plötzlich ſtark auf den Tiſch fallen und
ſagte: „Jetzt hab' ich genug! Noch
iſt das Haus mein und das ſag' ich
euch: wenn ich gehen will, euretwegen
bleib ich nicht!“
„Iſt auch gut,“ brummten ſie,
„weil wir's nur wiſſen.“ Und ver—
loren ſich nach und nach aus dem
Hauſe. —
Und der Eder ging wiederholt nach
Lienz, kehrte auf der Poſt ein und
unterredete ſich mit den Iſelthalern.
Ein Käufer für's Haus war auch ge—
bie ſchöne Alm, und was das für ein funden. Franz wollte nur früher noch
819
mit Bruder und Schwefter reden und würde fie erft jehen, was fie für einen
ihnen in ernfter und gütlicher Weije
bie Sache klar legen, und fie dahin-
bringen, daß fie mit feiner Auswan—
derung einverjtanden wären.
Der Bruder hatte Schließlich nichts
mehr dagegen, nur, meinte er, bürfe
der Franz nicht allein fort, auch er
würde mit ihm gehen. Jetzt jaß ber
Franz erft recht in ber Klemme; den
jungen Burſchen, ber niemald nad
MWeiterem geftrebt hatte, als mas
eben ein Bauernjunge im Gebirge be:
darf, mitnehmen, fonnte er nicht wagen ;
ihn zurüddrängen war basfelbe Un:
recht, was die Anderen an ihm, dem
Franz, begingen.
„Isa, Brüderchen,“ fragte Franz,
„ließe Dih denn die Hannele mit?“
Der Bruder jchieg. Das war ein
Punkt, der erwogen fein wollte. Und
nach einiger Zeit fam er darüber in's
Reine: es würde denn doch wohl das
BVernünftigfte fein, der Franz thue nach
freiem Willen, er jelber aber — er
bliebe daheim.
Aber bei der Schwefter ging es
ſchwerer. Sie hing mit leibenfchaft:
licher Liebe an ihrem . Bruder, und
hub in dieſer Zeit ſchon immer zu
weinen an, fo oft fie ihn jah: „Ge—
rad’, ald ob Du mir auf der Todten:
bahr lägeft. Geftorben bift mir jchon
= fortgetragen haben fie Dich noch
nicht.”
Er war heiter und fchmeichelte ihr
bisweilen ein Lächeln ab, und bat fie
dann mit der ganzen Innigkeit des
Bruderherzens, fie möge die Sache mit
Ruhe und Vernunft überlegen; nad
Amerika jei es heute nicht weiter, als
wie früher nach Galizien, nach Sieben:
bürgen hinein, wohin body jo viele
Tirolerjoldaten marſchirt und glüdlich
Bruder habe!
So ſagte fie enblih, wenn er in
diefer Auswanderung denn fein Glüd
zu finden hoffe, ſei e3 in Gottesnamen
— fie füge ih; nur auf feine Ge-
jundheit follt’ er jchauen.
Am nächſten Feiertage jollte der
Hausverkauf amtlich geichloffen werben.
Am Borabende fam der Schwager An:
drä und nahm den Franz mit in’3 Dorf
und ins Wirthshaus.
Da waren jchon Leute beifammen,
thaten aber, als ob fie ganz zufällig
jo zufammengefommen wären. Der
Herr Pfarrer war aud da, — Die
Unterhaltung wollte aber nicht recht
vorangehen. Eine lange Weile wurbe
vom Wetter geſprochen, dann eine halbe
Stunde lang von der Klauenjeuche, die
auf den Almen grajfire, endlich wußte
man, daß es mit der Eifenbahn durch
das Thal, von Franzensfeſte her doch
Ernft werben würde. Aber merfwürbiger
Weiſe war heute fein rechtes Intereſſe
an der Eijenbahn und die Leute famen
bei dem Diskurs nicht in die Hibe,
wie jonft und das Gejpräd wollte
wieber verfidern. —
„Ja, einer muß doch anfangen,“
flüfterte man und trat fi unter dem
Tiſche auf die Füße. So fing einer
an: „Ja, die Eijenbahn, die follt’ halt
in acht Tagen ſchon fertig fein.“
„Warum?“ fragte man.
„Damit unfere Auswanderer nad)
Amerifa gleich per Dampf könnten ab:
fahren.”
Die Wendung war plump, aber
fie war gemacht und nun mußte man
— mohl oder übel — den Stier bei
den Hörnern paden. Der Pfarrer er:
bob fih von feinem Plage und ſetzte
ih an die Seite des Eder-Franz. Da
Auch ſchwieg ſchon Alles.
wieber zurüdgelommen wären. Au
er fomme wieder zurüd, er bleibe nicht
im fremden Land, er ſuche nur jein
Glück und würde es finden, und würbe
in wenigen Jahren bie Mittel erwerben,
fih feiner Lieblingsbefhäftigung, dem
„Franz,“ ſagte der Pfarrer und
ſchmiegte fih an den Angeiprochenen,
„Franz, ich kann's nicht glauben, daß
Du uns verlafjen willft.”
Nah einer Weile antwortete der
Bildfchnigen hinzugeben — und bann | Eber: „Ya doch, Herr Pfarrer.”
b2*
820
„Es ift nur ein Spaß gewefen oder
für's Höchſte eine Heine Webereilung,
nicht’3 weiter. Du bleibjt uns daheim.“
„Es it Schon Alles jo ziemlich in
der Nichtigkeit. Mein Haus ift jo viel
als verfauft; habe darauf ſchon die
Hand gegeben.
„Der Handel geht wieder zurüd!“
riefen Mehrere, „dafür find wir da!
Schau, was jollt’ denn aus der Döl—
jaher Mufitbande werden, wäreft Du
nicht dabei? — Du bleibt bei ung,
Franz. Da kannſt treiben, was Du
willft, wir laffen Dich nicht fort!”
Sie fielen ordentlich über ihn ber
und hielten ihn an ben Händen und
ſchlangen ihre Arme um jeinen Naden.
Lauter Nahbarn und Schulfreunde von
ihm waren es.
„Schau,“ ſagte jegt der Pfarrer
wieder, „könnteſt e8 denn über's Herz
bringen? An jedem dieſer Freunde, bie
Dih heute an ihre Brujt Schließen,
hängt ein Stüd Deiner Kindheit und
und Jugend. Mir bit eines der liebjten
Pfarrfinder ſeit je gewejen; ich weiß
am bejten, wie treu Du ſtets gehangen
haft an Vater und Mutter, an Ge:
ſchwiſtern und Freunden, an der ganzen
Gemein. Wie, daß Du Dich jeht los—
zureißen vermöchteft für immer aus
dem heiligen Verband, der Freud’ und
Noth zu jeder Zeit brüderlich mit Dir
getragen hat; daß Du Dich jegt Fönnteft
trennen von dem geliebten, alpenum:
friedeten Thale der Heimat, um, ein
Abenteurer,
Eriftenz entgegen, um in der Jagd
nach Gold vielleidht unter wilden Stäm—
men elendlich zu Grunde zu gehen! —
Dblide hier hinaus, wie friedlich Deine
altehrwürdige Pfarrkirche im Mond:
lichte ſteht; fie gab Dir die Taufe; |
vor ihrem Altare hat das Mutterherz
in Kummer gebetet, dev Herr möge
ihren geliebtejten Sohn in feiner Hut
bewahıen immerdar. — Franz! an
diefen Kichhofsmauern ruhen die Ge-
beine deiner Eltern, Deiner Vorfahren
auszuwandern in einen
fernen Welttheil, einer höchſt unficheren |
aller, die der treuen Heimat treu ge:
blieben find...”
Der Eder riß fich los, jprang auf
und jchritt raſch hinaus in die Stille
der Mondnacht. Er ftüßte fih an einen
Pfeiler und krampfig hob und fentte
fih feine Bruft.
Am andern Tage unterzeichnete er
den Kaufvertrag — und das Heimats-
haus war in fremben Händen.
Noch an demfelben Tage ging ein
Gerücht, die Abreife der Auswanderer
fei verfhoben worden. In das Iſelthal
waren buch Zeitungen und Privat:
briefe beunruhigende Nachrichten ge:
fommen: man möge fi) wohl vorjehen,
mit der amerikanischer Angelegenheit
ftünde es nicht ganz jo wie man etwa
glaube, die Neife nah Peru fei viel -
foftjpieliger, als es die Agenten ein:
geitehen ; in Beru fei Grund und Bo-
den längft vertheilt und bevölfert und
in den Gold: und Silberminen fänben
wohl Taujende ihr Elend und ihr Grab,
aber nur Wenige ihr Glüd. Die Ein:
gewanderten, die ber Landesſprache
nicht mädtig, dad Klima und bie
Lebensweije nicht gewöhnt wären, wür:
den bald das Opfer gewifjenlojer Spe:
kulanten oder böjer Seuchen; glüdlich
‚noch diejenigen, die einen legten Blut:
pfennig befigen, denjelben opfern können,
‚um wieder in bie alte Heimat zurüd-
zugelangen.
Nein, dachte der Eder-Franz, von
jolden Gründen laſſe ih mich gerne
beſtimmen. Und aufrichtig, ich wüßte
nicht, ob ich es über's Herz gebracht
hätte, der Heimat, ben Verwandten,
‚bejonderd der Schweiter Helene, bie
ſo jehr an mir hängt, Ade zu jagen.
Auf der Poſt zu Lienz blieb bald
Einer um der Andere der Amerika:
luſtigen aus und die Sache jchlief ein.
Unjer Franz aber ftand da und hatte
fein Haus und fein Geſchäft. Sept
gab es wieder gar nicht Viele zu Stro:
nah und Dölſach, die ſich ſonderlich
821
um ihn fümmerten ; wohl aber Etliche,
die heimlich lachten über Einen, ber
ba zwiſchen zwei Stühlen auf dem
Lehm jap.
Saß eines Tages wirklich auf ber
Lehmbanf am Wege, al3 zwei Maurer:
gejellen, gute Bekannte von ihm, die
wie er zu der Dölſacher Muſikbande
gehörten, mit Stof und Reiſeſack be:
padt daherkamen.
„Ei, wohin denn?“ fragte fie Franz.
„In's Amerika,“ antwortete der
Eine, ſchmunzelte aber dabei, daß man
Jah, es war fein Wort nicht ernft.
„Nah Sprugge (Innsbruck) gehen
wir,“ jagte der Zweite, „wenn Du
mitwillft, Franz ?“
„Das ließe fich überlegen,“ meinte
der Franz, „aber ihr Habt mir's zu eilig.“
„Bir warten auf Dich, wir paden
ſogleich ab, wenn Du hernach mitgehft.“
„Welchen Weg nehmen wir ?“
„Bir reifen dem Land nach” (nad)
der Landftraße).
„So laßt Zeit ein paar Tage.“
„Was fangen wir an biemweil ?”
„Ih weiß euch was,” jagte Franz.
„In Drauburg ift morgen Hochzeit.
Eine Megmader:Dirn heiratet. Die
kann fich nicht viel koſten laſſen; ber
jpielt ihr den Hochzeit3marfch und ein
paar Tanzeln im Wirthshaus auf. Die
denkt euch’3 ihr Lebtag lang. Und ich
bin, dieweilen ihr geiget, fertig.“
So war’3 ben Maurergejellen recht.
Sie gingen mit ihren Mufifinftrumenten
nad Drauburg. Der Franz ging zu
jeiner Schwefter und erzählte ihr von
feinem neuen Reiſeziel. Ihr war auch
das nicht recht. — Er verthut fein
Geld und wird vom Glauben abfommen.
Die Stabtleut’ find fo viel ſchwach in
der Religion. —
Nichtsdeftoweniger ging der Franz
nad) Innsbruck. Es war im Früh:
jahre 1860. Es mar eine luftige
Burjchenreife mit den zwei Maurer:
gejellen — alle drei Mufifanten.
Bald hernach jchrieb er einen Brief
an jeine Schweſter Helene, in welchem
unter. anderm auch Folgendes ſtand:
„Als mir das letztemal beifammen
wahren, da wahr mein Herz noch fo
bedrängt, das e3 mir ftäte Trehnen
aus ben Augen prefte und jo mußte
ih euch in meiner Heimat verlaj-
jen. Aber nah Regen kommt Son-
nenſchein. — Den als ich zum erften-
male Innsbruck erblidte, da wahren
meine Trehnen abgewiſcht. (Hierauf
Schreibt er von einer Reife, die er nad)
Münden, Auasburg und Kempten
machte.) Und jet ift mein einziges
Beftreben nach meinen Vorhaben, den
meine Provefion fcheint auch nicht
ichleht zu fein, wenn ich einmal wei-
tere Vortſchrite machen kann. Unb
ibrigens bin ich ganz geſund Gott jei
Dank, wie ich auch euch alle anzutreven
hoffe und es geht mir recht gut. Und
wenn but vileicht gedenfejt jegt ijt er in
einer Stadt da wird er fih nur an
eitelfeit und unterhaldung ergozen, und
beten wird er nichts, fo irrſt du dich
treue Schwefter den Innsbruck bietet
zum guten eben fo viel gelegenheit
dar, als zum ſchlechten denn an
Kirchen velt es ja nicht wenn man
behten will. Seit nun taufendmal ge:
grüst treue Schweiter u. j. w. — Die
Adres ift zu machen. An Erwirdigen
Herrn Michael Stolz Bildhauer E f.
Niallehrer in Innsbruck.“
Franz war nämlich in die Zeichen:
ſchule gegangen, wo er unter ber Lei—
tung bes Profeſſors Stolz ungefähr
drei Monate lang Unterriht nahm.
Da zeigte es fich denn, daß in dieſem
Bauernburfhen mehr ftedte, als bloße
Auswanderungsluft und als Neigung
für Baumrindenfchnigereien. Dem fehlt
nur ein großer Lehrmeifter, Dachte fich
Profeſſor Stolz und empfahl feinen
Zögling dem Maler Biloty in München.
So fam der fünfundzwanzigjährige
Franz von Stronach aus Innsbruck
in die Großftabt, in die Maler:
und Künftlerftabt an der far. Dort
begann er mit Hilfe feiner aus dem
Haufe gelöften Geldſumme ein ge
orbnete® Stubium. Er befuchte Die
Gewerbeſchule und trat bei Meifter
%
822
Piloty in die Lehre. „Was?“ jagte
Piloty eines Tages: „Sie wollen auch
Maler werden? Da haben Sie eine
ſchwere Aufgabe in den heutigen Ta:
gen!” Sah aber bald, daß der ge
lehrige, geniale Schüler die ſchwere
Aufgabe überwinden bürfte.
Ein andermal ftand Franz vor einer
Gemäldeauslage in der Stadt und
hörte hinter fi die Bemerkung: „a,
die Bilder find ſchön. Nur Schade,
daß die Maler verhungern müſſen.“
Aber er verlor nicht den Muth — er
lernte und lernte. — Wenn ich's nur
einmal fo weit bringe, dachte er, daß
ih mir täglich zwei Gulden verdiene!
— Hat's noch weiter gebradt. —
Piloty gewann den jchlichten, offenen
Tiroler bald Tieb, und oft ſah man
an feiner Seite den firammen Alpen-
burfchen, der noch jeinen grauen Loden⸗
rock und eine mit Pfauenfeberfiel ge
jtidte Reibbinde trug, durch die Gaſſen
wandeln. Piloty's Haus und Atelier
jtanden ihm ftet3 offen und mar
ein eigenes Klopfzeihen an der Thür
beftimmt, das ihm zu allen Tages
ftunden Einlaß verſchaffe.
Später Iebte der junge Maler aus
den Xirolerbergen ein paar Jahre in
Paris, Lehrte dann (1865) aber mit
um jo größerer Freude in die Alpen:
heimat zurüd — ein ganz Anderer,
als der war, welcher fünf Iahre früher
mit den Maurern davonzog. So lange
er unter den Leuten und Naturgegen-
ftänden noch Skizzen ſammelte — bier
einen Kopf, dort eine Hand, ein Thier,
einen Baum, da ein Geräthe, ein Haus,
einen Stein — fo lange lächelten fie
über jein Gehaben. Als er aber den
Dölſachern für ihre neue Kirche das
berrlihe Altarbild malte, die heilige
Familie — da lädhelten fie nicht mehr,
da wollten ihre Hände fich jchier heben
zum Hutabnehmen vor diefem Manne.
Sie glaubten es, fie fagten e8 zu
einander und fie jagen es zu allen
Fremden, die in das jchöne Thal
fommen: „Der Franzl, unfer Eder:
Franzl ift halt ein großer Künftler
geworben.”
Defregger ift einer jener wenigen
glüdlichen Propheten, die auch in ihrem
Baterlande fiegen. Die Dölſacher trei-
ben einen wahren Eultus mit ihrem
lieben, berühmten Franz. Alles weiß
und jpridt von ihm — menn er auch,
da er in München lebt, oft Jahre lang
abmwejend ift. — Alles hat Bildchen
von ihm, meijt Portraits, bie trefflich
find. Eie freuen fi, daß er ein großer
Herr geworden ift und hören es gerne,
wenn die Fremden erzählen, wie lieb
und werth fie draußen in ber Welt
den Meifter von Dölfach haben. Nur
jelten fommt Franz beim, aber wenn
er doch da ift, dann mijcht er ſich unter
feine Bauern auf dem Kirchplatz, im
Wirthshaus, in ben Heimftuben, und
verfehrt mit ihnen ſchlicht und Fröhlich,
als wäre er noch ihresgleichen. Sm
großen Wirthshaufe des Dorfes ift jo:
gar ein Defreggerjaal, geziert mit vielen
Neproduftionen Defregger'ſcher Ge:
mälde und mit dem Biloniffe bes
Meifterd. Darunter ift auch ein Drigi-
nal, wovon wohl auf der Welt Feine
Copie eriftirt: Es ftammt aus der
erften Lehrzeit des Künftler8 in Inns—
bruck, ift mit Wafferfarben auf Bapier
gemalt und ftellt die Dölſacher Mu:
fifanten dar, ber Eder-Franz jelbft da-
bei, die Pfeife blafend. Die Figuren
ftehen gar unbeholfen und unvermittelt
in der Art der Silhouettenbildchen ba ;
dem Laien fommen fie faum feiner vor
als die Arbeiten der Martertaferl:
Maler; der Sachverftändige aber ſpürt
in diefem Bildchen bereit den Hauch
des Gottesgnadenthbums. Ein anderes
Gemälde, ebenfalls aus der Lehrzeit
Defregger's, befigt der Dölſacher Ober:
lehrer, Herr Weißkopf. Dasjelbe ftellt
einen alten Soldaten vor, ber abend-
lih in einer Bauernhütte, von einem
dankbaren Publifum umgeben, Ge:
ſchichten erzählt. Details find mohl
auh auf biefem Bilde noch mangel:
823
baft, aber die Gruppirung unb in
Sonderheit, die Lichteffecte desſelben find
ganz meifterlich.
Ich habe bei meinem Aufenthalte
in Dölſach des Malers Gefchwifter be-
judt. Eine Schweiter ift verheiratet
mit jenem Bauer, ber einft oben „auf
der Wacht“ im Wirthshaufe vor den
Augen der Gendarmen, jcheinbar aus
Uebermuth jene arge Fünfziggulden:
note verbrannt hatte, von welcher im
erften Hefte dieſer Zeitjchrift erzählt
worden ift.
Franz Defregger's Bruder, der
„Hauſer“, ift ein junger bildhübſcher
Kerntiroler, heiter und treuherzig unter
feinesgleihen, ein bischen trugig gegen
ben Fremden. Al der Maler längere
Zeit an einem Gichtleiven krank war,
ift der Haufer etlihe Monate beim
Bruder in Münden als Rofjelenfer
gewejen. Als aber der Franz wieder
zu Fuße gehen fonnte, kehrte ber Haufer
in’3 beimatliche Alpendorf zurüd, hei:
ratete dort ein Schönes Mädchen, und der
Franz kaufte ihm dazu einen ftattlichen
Bauernhof, wo er ein braves und fröh—
liches Leben führt.
Dölfah mit feinen tiroliih ge
bauten Käufern, mit feiner jchönen
Kirche, die auf dem Hügel fteht, mit
feiner großartigen Umgebung im Thale
ber raufchenden Drau, im Angeſichte
ber freundlichen Gegend von Lienz ber
leuchtenden Dolomitfelfen — ift ein
Ihöner, malerifcher Ort und aus allen
Richtungen bliden uns die Motive ent—
gegen, bie und aus Defregger’3 Bildern
Ihon fo lange befannt find.
Zur Abendftunde ftieg ich die Treppe
zum Kirchhofe hinan, der um die Kirche
liegt. Gleich am Eingange fteht ein
rothangeftrichenes Wetter: oder Miſſions⸗
freuz, das über alle zuläffigen Verhält-
nifje ſchlank, ſchier jo hoch ift wie bie
nebenftehende Kirche und im Winde
wie ein Baum ſchaukelt. Man findet
diefe unfchönen, ja lebensgefährlichen
Kreuze in Tirol nicht felten; fie find
für den Einen grauenhaft, für den
Andern komiſch zu ſehen und jcheinen,
während man fie anblidt, noch immer
höher aus der Erbe hervor: und in den
Himmel hineinzuwachſen. — Ein Denk:
ftein an ber Kirchhofsmauer bezeichnet
die Nuheftätte der Eltern Defregger’s.
Unweit davon ruht auch der Wintel-
arzt, der Defregger von feinem gichti-
ſchen Fußübel geheilt hat, nachdem der
Kranke bei den renommirteften Aerzten
vergebens Hilfe gejucht hatte, Der Maler
hatte hierauf dem alten Bauerndoktor
aus Dankbarkeit ein werthvolles Bild
zum Geſchenke gemadt.
Eine Tages zur frühen Stunde
ftieg ich in freundlicher Begleitung des
Herrn Lehrers Weißkopf den fteilen
Berg hinan, an welchem zerftreut bie
Stronad-Häufer liegen. Auf bedeuten-
der Höhe und fchiefer Lehne, nicht weit
vom MWaldrande, fteht das Geburtshaus
des Künſtlers, der Ederhof. Es ift einalter
Bau nad Tiroler Art mit den Steinen
auf dem flachen Dache und dem Gloden-
thurme auf dem Giebel. Nur ift e8
nicht ganz fo ftattlih, wie jene Häufer,
die in der Ebene ftehen. Es ift in ben
Händen entfernter Verwandter bes Franz,
an welche es dieſer ſelbſt verkauft hatte.
Die Bäuerin, als fie hörte, wir jeien Def-
regger's wegen ba, that ung viele Ehre an
und bot uns Speife und Tranf, Dann
führte fie und in die ziemlich büfteren
Räumlichkeiten des Haufes, und ich fah
felbftverftändlich auf jeder Bank, auf je:
dem Holzblod, an jeder Wandftange, an
jeder Leiter, an jedem Fenfterchen ben Flei-
nen Franzel figen und ſchnitzen, Klettern
und guden. Das rüdmwärtige Stübchen,
wo er geboren warb, ift öde und Dumpfig,
und der Genius, den unjer geiftig Auge
bier zu fehen verhofft, ertrinft in ben
Milchtöpfen, die an der Wand ftehen.
Hier hat der Fleine Franz an Sonn:
und Feiertagen — des Werktag Hatte
er dazu feine Zeit — gezeichnet und
geſchnitzt. Noch höher oben auf ber
Alm, von wo aus man in ben Thälern
die achtundvierzig Kirchthürme fieht,
wuchert heute noch der Birbenftrauch,
aus welchem ber Knabe fein Material
zum Bildfchnigen gezogen hat. Herzen
824
und Vögel, Pferde, Rinder und Ge:
thier des Waldes mögen wohl bie
erjten Werke dieſer gejegneten Hand
gemwejen fein. Als er größer mwurbe,
war's freilid aus mit dem Bilden;
man ſpannte ihn an die Wirthichaft
und als fein Vater ftarb, mußte er
das Gut vollend3 übernehmen. Wie
er fih davon glüdlich [osgelöft hatte,
um eine neue Laufbahn anzutreten,
das iſt eben gezeigt worden.
Im Jahre 1868 hat er fein erſtes
Bild: „Der verwundete Wildihüg”
in bie Welt gegeben. Bald darauf
folgte das Gemälde „Spedbader”.
Diejes trug den Namen Franz Def:
regger in weite Lande. Seither hat
er wohl an die jechzig größere und
kleinere Meiſterwerke gejchaffen, die
zum größten Theil um enorme Preife
verfauft und in allen Manieren verviel-
fältigt worden find.
Wenige Tage nad Dölfah war |
ich in Münden und drüdte am Klingel: |
fuopfe des Haufes Nr. 15 in ber
Königinftraße. Bei meinem Eintritte
büpfte ein heiteres, blondlodiges Knäb—
lein von kaum britthalb Jahren heran,
es jagte ein flinfes Neh. Im Garten,
zwifchen Blumen ſah ich eine junge,
lieblihe Frauengeftalt jchweben. Vom
Gartenhauſe her eilte in ziemlich raſchem
Schritte ein Mann mit dunklem Boll:
bart und freunblihem Auge auf mich zu:
„Grüß Gott!”
Er hatte feinen Sammtſpenſer und
er hatte feine langen, bis über bie
Schulter hängenden Zoden — wie fonft
Malerbraud ; einfach und ſchlicht und
treuberzig — fo iſt er, jo fand id
den Franz.
Ich ſah ihn das erftemal; jah ihn
auch jeither nicht wieder. Aber an den
glüdlihen Mann denft man gerne.
In feinem Wohnhauſe weht der ſüße
Friede des Familienlebensd. Sein Ate—
lier bat Defregger im Gartenhaufe.
Dort werden die herrlichen Bilder aus
den anmutbigiten und bebeutendften
Seiten des Volkslebens und der Ge:
ſchichte Tirol3 gejchaffen.
Eng an's Atelier gebaut findet
fi ein altdeutiches Erferftübchen mit
Zellenfenftern, einem grünen, ebelge-
formten Kachelofen, einem ſchweren
Eichentiſch und etlichen deutſchen Krü—
gen d'rauf. — Da mögt ihr Münchner
Meiſter ehr- und lobeſam wohl bis—
weilen fröhliche Tafelrunde halten, bei
eurem treuherzigen, weltberühmten Gaft:
herrn aus den Bergen von Tirol,
825
Herzensfünden.
Skizze in Verfen von Ada Ehriften.
(Schluß.)
XXV.
Sie ſchreibt.
Schon einmal ſagt' ich Dir, daß ich Dich kannte,
Eh' jemals noch Dein Auge mich erſchaut,
Denk' nur zurück an belle Sommertage,
Die Du verlebt haft auf den Alpenhöh’n.
Da war ein Morgen, wo mid Vogelzwitfchern
Das halbverhalten und doch traum-
geihwägig —
Hinausrief auf die blanke Holzaltane.
Es flüfterte ein ſchwacher, kühler Wind
Und feuchter Nachtduft ftrömte aus den Büfchen
Und jeder nod fo leife Ton war hörbar.
Da ftand ich lange, laufchte in die Ferne,
Mein Herz erbebte und ſchlug freudevoll,
Als harrte holder Zukunft es entgegen,
Die faht heraufzog mit dem jungen Tag,
Der fhon mit zartem Roth die Berge färbte.
Und wie ich alfo laufchend, betend, ftand,
Kam aus dem dunklen Thal ein Mann herauf
Und ſchritt auch adtlos-ftill an mir vorüber,
Der Wanderer ging einfam feinen Weg,
Hin durd die würzig flare Morgenluft,
Kein Strauch, fein Baum ftand auf dem Felfenfirft,
Nichts ald dies Eine Wefen war zu fehen,
Das langfam, unermüdlich aufwärts ftieg ...
Scharf hob die ſchlanke männliche Geftalt,
Befremdlich fait, fi) ab von Luft und Himmel
Hoch oben auf dem langgeftredten Grat...
Mit ein’mal aber fhaute id) den Mann
Bor meinem Blid durch Zaubermacht verwandelt,
Denn aufgewahfen war er plöglich jept
Bu einer mädtig riefigen Geftalt,
Bueinerbebren, übermenfdliden...
So ragte er ſchier dräuend in den Simmel
Und bob mit wilder ſchmerzlicher Geberde
Die Arme auf, der Niefe... der Titan!
Und mie ein Falkenſchrei erfhol ein Laut
Vom Echo gellend wieder rüdgegeben.
Mid aber faßte tiefes Weh' und Mitleid;
Mir war ald müßte ich zu ihm hinauf
Und ſachte mid an feine Seite ftellen,
Und fo geduldig harren, demuthevoll,
Bis plöplich meine Hand er faffen würde
Und an des Weibes Herz die Qualen legen,
Die er binauftrug in die Einſamkeit ...
Mir war als müßte ich von ihm erflehen,
Daß neben ihm ich weiterfchreiten dürfe
Den langen ftaubbededten Weg des Lebens.
Doc als ich aufwärts ftarrend ſolches träumte,
Erhob fi höher einmal noch fein Leib,
Aufraffend fi) in wilder Schmerzgeberde,
Dann fant er in den Boden raſch vor mir,
Vom Grat zur andern Seite niederfteigend ...
— — —
Du war'ſt der Wand'rer auf den lichten Höh'n,
Und mit dem Bildniß jenes Uebermenſchen,
Des fchmerjgequälten Riefen, kehrt ich heim,
In das Gewühl der Stadt... . zu ihren Freuden,
Die ſchaal und leer mir wurden, weil ih nur,
Ach, unabläffig nur, Dich wieder fudhte...
Bis ih Dich endlich fand bei jenem Feſte,
Und nur für Did das alte Liedchen fang.
Menn ich Dich rief und mid an Dich geflammert
Gedantenlos und launifh, wie's Dir fdien,
So war es nur, weil ich fo tief Dich liebte.
Denn wie Dein Leib fo hehr auf Alpenhöh'n
In jener gottgeweihten Morgenftunde
Verflärt von Licht vor meinen Bliden ftand,
So groß und herrlich wähnt' ich Deine Seele,
An die ſich meine zitternd ftets gefchmiegt
Und ftumm gefleht, daß Du hinauf fie führeft
Aus diefem Dämmerreih von Macht und Licht
In Deine flare, fonnenwarme Luft...
Und wenn ih mandmal an Dir irre wurde,
Losringen wollte mich mit letzter Kraft,
Stand jählings vor dem angftverwirrten Sinn
Die ſchmerzliche titanifhe Geſtalt,
Und bob mit wildem Schrei empor die Arme,
Und mahnte, dab ih Dich nicht laffen darf,
Weil ich allein Dein berbftes Leid erſchaut ...
Ich beugte ftumm das Haupt und trug es wieder,
Mas abzufhütteln nie den Muth ich fand,
Denn ſchmerzlich hab’ ich immerdar gefühlt
In folder Stund: ih fann Dich nimmer
miffen.
626
XXVI.
Er denltt.
Ich wußte wohl, es kommt die Stund',
Die unheilvolle Wahrheit bringt
Und wo Dich zur Erkenntniß zwingt
Mein eigner fpottentwöhnter Mund.
Selbfttäufhung nur hieß die Gewalt,
Die Dich in meine Arme trieb !
Mir ahnte längft, daß Deine Lich’
Niht mir... nur einem Scemen galt.
Du armes Weib! nun kommt der Tag,
Wo Dir verfintet Dein Idol,
Nun horche, wie den Göpen hohl
Ih felbft zertrümm’re Schlag um Schlag.
XXVI
Er fpridt.
Du fahft mid damals, als mid übertam
Der wunderfelt'ne Drang pathet’fcher Rede! ?
Du wußteſt nicht, daß ich der Syiben jede
Und der Geberden mir von Fremden nahm ?
Bon einem Dichter, deſſen hoher Geift
Mir nahe fhien, als ich die Landſchaft ſchaute
Und mid beſann, mie jene Stelle laute,
Mo Magend er die Erdenfchönheit preift.
„Od, Mutter Erde!” alfo fagt fein Wort
„Und Du, frifhglüh’nder Tag, ihr Berge
drüben‘,
„Weshalb fo ſchön? Ich kann euch doch nicht
lieben‘
„Und Du’ — mir fehlt der Tert... Doc
fo geht's fort.
XXVIII.
Sie dent.
was in meine Seele
ſchnitt,
Wofür ich ſchweigend duldete und litt,
Seit ich Dich ſah ſo fern dem Menſchenherde!
Das war ed...
Was finft glei einem fremdgeformten Kleide
Bon Dir herab, für Deinen Leib zu groß?..
Darum löft fi mit diefer Hülle los
Ein Stüd des Lebens?...Ob!... obl!!...
wie ich leide... !
XXL.
Sie ſpricht.
Küffe mich nicht!
Küffe mich nimmer...
Es thut mir weh.
Ich weiß nit warum,
Dod alte Schauer
Durchrieſeln mid jet.
Zum erftenmal dünft
Dein lieblofer Kuß
Mih Sünde... und Schuld.
Küffe mich nicht !
Küffe mid nimmer...
Es thut mir weh...
XXX.
Er ſpricht.
Sipe nit düfter und feufze nicht,
Meine Augen fehen fharf...
Ein Fladerfhein nur warf
Auf Dein bleiches, erftarrtes Geficht,
In Deine frierende Seele... Licht.
-—
XXXI.
Aus ihrem Tagebuche.
Das iſt der Herbft, der kläglich trübe Spätherbſt,
Der Alle heimrief in den Lärm der Stadt.
Auch wir begrüßten uns mit ſchalen Worten,
Wie angehaucht von jenem Lügengeift,
Der all’ die leeren Menfchlein überflittert,
Die lachend, ſchwatzend durch den Part fi
drängten.
Wir fohritten fo wie fie durch die Alleen,
Hin über rafhelnd dürre braune Blätter.
Der Wind fuhr ächzend durch die kahlen Pappeln,
Und um den Teich, da ſaßen ſchier verdrieplich,
Ihr fchneeiges Gefieder blähend, Schwäne.
Das Waffer zitterte nur leicht bewegt,
Auf feinem Spiegel ſchwankten welke Blumen,
Ein Kind warf läffig fpielend fie hinein,
Und über das erftorb’ne Grün der Wiefen
Bog mählig ſchon ein feuchter Herbftesnebel
Und legte feine Schleier, feine fahlen,
Berflahend auf dad Menfhenangefidt.
827
So bleiern-traurig hing der Himmel oben,
Und auf der Erde hallten dumpf die Schritte,
Das ſchweigſam wandelte aldbald die Menge.
Nur wenn auffjauchzte helles Kinderladhen,
Und wenn mit ſcharfem, kurzem Klageruf
Ein Wandervogel durd die Lüfte ſchwamm,
Da meinte ih, fie fhredten jäh zufammen,
Weil durd den fchrillen Mißklang der Natur
Und durch den Mißton unbewußten Elend’s
Ein Urlaut fol... der ihnen raſch erftarb.
Es wurde immer kühler... immer ftiller .
Nur die Verliebten ſchlichen bald allein,
Feft Arm an Arm gepreßt, gar ſacht dahin
Und flüfterten geheimnißvolle Dinge.
Wir aber fchritten lautlos miteinander
Uns hatte Zwielihts-Müde überfommen,
Wir fuchten Ruhe auf dem niedern Hügel,
Der fernab liegt dem wüften Straßenlärm.
Stumm faßen wir und gleihjam eingehüllt
In undurdhfichtbar wolkengraue Tücher.
Zu unfer'n Füßen lag ein Stüd des Teiches,
Das wiederfpiegelte die langen Weiden
Und Dein geneigtes fchönes Angeſicht.
Aufbraufend drang, wie fernes Wogengrollen
So abgedämpft, her das Geräufch der Stadt,
Und unabläffig fang ein heif’res Lied
Am großen Parkthor nod der blinde Bettler.
.*
Du mollteft heim... Mir bangte vor der
Rückkehr,
Bor meinen ſchweigend-freudeloſen Wänden.
Mir war, als läge hinter diefem Nebel
Die Zukunft, die mit Grauen mich erfüllt,
Mir bangte felbft vor Deinem weißen Antlip,
Aus dem feit Langen jener Zug verwiſcht,
Der mwehrlos mid den Naden beugen lich,
Der meine Seele deiner unterjochte ...
Ein leidenfchaftlih Sehnen nah Erlöfung
Aus diefen Banden unbeftimmter Furcht
Und wirrer Angft vor etwas Unfaßbarem,
Das über mir geftaltlos immer ſchwebt;
Ein unausfprehlid wehmuthsvoller Drang
Nah hellem Licht, nach Luft, nad) Freiheit
Erjchütterte wildpodhend meine Bruſt ...
Wie ausgelöfcht fchien der geduld’ge Kummer,
Ih hörte nur mich felber leife ächzen
Und unwillfürlih rang ich meine Hände...
| ®ar lange war Dein ſtolzes dunkles Auge
| Auf mein Geficht geheftet, eh’ Du mild
| Mein Haupt emporhobit, füffend meine Stirn,
Und heimmwärts gingft mit fanftem Abfchiedswort.
Die Nebel woben dünner ihre Schleier
Und wallten allgemady aus den Alleen,
Die langfam, zögernd faft Dein Fuß betrat.
Ich aber ſah Dir angftbeflommen nad,
Und als id fo Dich mweiterwandeln fdaute,
Hinweg von mir ſtets mehr die Schritte lenkend,
| da tauchte jählings auf vor meiner Seele
| Ein heller, klarer Sommermorgen
| Und eine übermenfchlihe Geftalt
Mit der bezwingend großen Schmerzgeberde ...
Und da — es war entſetzlich, ob entſetzlich —
Ih ſchrak erft auf... als ih mih laden
hörte...
Die Arme ftredte flehend ich empor,
Doch lag wie Blei die Zunge mir im Munde
Und feftgefettet ſchien mein ſchwerer Fuß.
So ſah ih regungslos wie durd den Dunft
Du einfam fohritteft in die trübe Ferne,
Wie rechts und lints in der Allee die Bäume
Jetzt näher, mäher fi zuſammenſchoben,
Und Deine ſchlanke männlidye Geftalt
Vor mir ſtets fleiner... Fleiner...
fleiner... wurde,
Bis fie verfant in einem Nebelmeer,
An deffen Rand gefpenft'ge Zweige bebten.
In meiner Seele war es ftill und leer...
Und rings umber nur kaltes, todtes Schweigen
Wie Allerfeelenlihter flimmerten die Lampen
Herüber in die graue Dunkelheit... .
Ich aber ftand und fann... und fann...
und laufchte
Zurüd in all’ die hingeraufhten Tage...
Ich fühlte, wie ich längft fhon arm geworden,
Wie unter Deines Weſens frevlem Bann,
An Deinem falten Geiſte ich verödet,
Ih fühlte mein zerftörtes müdes Ich,
Ich fühlte jeden Irrthum, jede Schuld,
Und jede Sünde unf’rer Herzen plößlich,
Ih frug mih ... weh“ . . . ob ich Did
miffen fann?
828
Die Eranzofen im Ehefland.
Nah dem Englifhen von Yans Malfer.
Der Deutſche hat immer noch die
Gewohnheit, wenn er verliebt ift, alljo:
gleih an's Heiraten zu benfen. So
auch der Engländer. Das ift löblich,
aber man zweifelt daran, daß es des
Prinzipes der Sittlichfeit wegen gefchieht.
Mir thun’s, weil e8 uns augenblid:
fi reizt und gefällt; und bie Liebe
verfihert und, es würde gar feine
Noth haben mit dem Unterhalt für
Weib und Kind, Das ift mannbar,
endet aber nicht felten mit bem Elend.
Der Nationalölonom mag fagen, was
er will, wir heiraten friſch und unvor:
fihtig drauf los. Andere haben es
auch gewagt und bringen fih mehr
oder weniger wohl durch's Leben. Der
Schöpfer, der in's Herz die Liebe ge:
legt, hat e3 zu verantworten. —
Der Franzoſe macht's anders. Sein
Blut ift vielleicht wärmer und leichter
als das unfere, aber in biefem Falle
erwägt unb überlegt er mit Bejonnen:
beit, wo wir in raſcher Schnellfraft
beſchließen und handeln. Der Franzofe
berechnet alle Wahrjcheinlichkeiten und
Möglichkeiten, denkt eher an die ſchlimme
Seite der Ehe, bevor er die gute ergreift.
Unfere Gefege machen das Heiraten
leiht; und ift das perjönliche Ueber:
einfommen der beiden Heiratsluftigen
getroffen, jo bat eigentlih Niemand
mehr was brein zu reden. Die Fran:
zojen hängen den ehelichen Brotforb
höher ; da redet vor einer Eheſchließung
Alles drein, nur nicht das Brautpaar.
Dieſes hat in der Frage feine Freiheit
und Selbitthätigfeit, e8 wird behan-
belt, als ginge es eigentlich die
Sache nichts an. Die Eltern und Ber:
wandten führen die Verhandlungen,
barkeit und Beweglichkeit der Franzo—
jen kommt bei Ehevorbereitungen nicht
zur Geltung ; hier wird nicht geſchwärmt,
jondern gerechnet. Wir-hören auf bie
Liebe, auf die Verfuhungen des jun:
gen Herzens in allen ihren, wenn auch
noh fo vorübergehenden Geftalten ;
der Franzofe frägt nad) dem Ange:
meſſenen ber Lage, nad) dem beider:
jeitigen Vermögen, Rang und Charaf:
ter. Die Leidenfchaft, jagt der Fran:
zofe, ift nicht die Führerin zum häus—
lihen Glück. Daß fi zwei junge
Leute beiderlei Gejchlechtes Lieb haben,
it dem Franzoſen nicht Grund genug
zu einer Verbindung, die bis in den
Tod währen foll. Eine ewige Anhäng-
liheit ift nur ſelten zwiſchen Men:
jhen. Der Ernft des Lebens vergeht
nit und beftändig iſt der Mechjel
des Schidjals.
So flug und bebädtig hätten wir
uns ben Franzoſen im Allgemeinen
faum gedadt. Aber Vorficht ift eine
jeiner nationalen Tendenzen. Dazu
fteht im Code Napoleon ein Geſetz:
Alle Verehlihungen ohne Einwilligung
von Vater und Mutter oder den Nach—
weis, daß beide todt, find verboten!
— 63 ift ein mühſelig Geichäft, fi
in Frankreich zu verheiraten; Den
Deutſchen würden all’ die Schwierigfei-
ten und Formalitäten zur Verzweiflung
bringen. Sagen die Eltern zur gemill:
ten Verbindung nein, jo fönnen bie
Kinder wohl einen Prozeß dagegen
anftrengen, ber „eine ehrfurchtsvolle
Aufforderung zur Einwilligung” ges
nannt wird, worauf, wenn bie Eltern
auf ihrer Ablehnung beftehen, die Hei:
rat vollzogen werben fann. Auch ein
leiten das Unternehmen. Die Erreg: | jechzig: oder fiebzigjähriges Brautpaar
829
müßte von den Eltern die Einwilligung
erbringen oder nachweiſen, daß das
Nein derjelben nicht begründet ift ober
enblid deren Tod beſcheinigen. Diefe
Einrihtung fördert freilich die Autori-
tät der Eltern und verhindert bie
Bigamie, die anderswo nicht allzujelten
vorfonmt.
Nun aber ift die Frage, ob bie
Ehe, diefer Grundpfeiler des Staates,
in Franfreih nit zu ſehr Hinter:
trieben wird? Der Statiftifer Moreau
gibt uns Auskunft: In Irland z. B.
kommt eine Ehe auf je 90 Bewohner.
In Deutſchland eine Ehe auf je
120 Bewohner. In England kommt
eine Ehe auf je 137 Bewohner. In
Toscana kommt eine Ehe auf je 143 Be:
wohner. In Frankreich befindet fich
unter je 122 Bewohnern ein Ehepaar,
— Mir fehen denn, daß die Hemm:
Ihuhe in Frankreich die Ehe nicht
jehr beeinträchtigen.
Bor Hundert Jahren wurben fait
überall (beiläufig um 10%, mehr Ehen
geichloffen als heute. Der Lebens:
unterhalt war leichter zu erwerben,
für die Kinder zu forgen nicht jo
ſchwer. Aber in Frankreih find auch
damals im BVerhältniffe zu den Nach:
barn nicht mehr Verbindungen vorge:
fommen als jet; die Franzoſen nehmen
nach wie vor ihre gleiche Anzahl von
Meibern. Nur die Revolution ijt eine
Feindin der Ehe und deren Frucht:
barfeit gewejen. Im Jahre 1770 be—
trug die Zahl der Geburten im Ber:
hältniß zur Gefammtbevölferung 13u 25.
Sept ift fie auf 1 zu 35 gefallen. Die
Abnahme beträgt 40 Procent! —
Seit der Revolution beginnen Die
Franzofen an Zahl abzunehmen.
Die Franzofen find ein glüdliches
Volk, das wiffen, das fühlen fie und
jo wollen wir es nicht beftreiten. Es
liegt, jo meint man auf ben erjten
Blid, in ihrer Heiterkeit, in ihrer
Anmuth. Aber nah unferer Anjchau:
ungsmweife müßte das Glück einer
Nation in ihrem Familienleben ruhen.
Und bei der angedeuteten Vorficht und
Bejonnenheit des Franzojen in der
Entſchließung und Wahl kann e8 ja
wohl zugegeben werden, daß er im
Allgemeinen — Ausnahmen gibt es
überall — feinen Zweck erreicht, fich
eines zufriedenen Heimweſens erfreut
und feine Ehe beneidenswerthe Ergeb:
niffe aufmweift.
Aber das eheliche Glück der Fran:
zofen ift ein anderes, als das ehliche
Glück der Deutſchen. Die große Maſſe
[ebt auch dort, wie überall und nimmt
das Leben, wie es ſich bietet. Doch
e3 gibt franzöfiiche Frauen und Männer,
die den höchſten Anfchauungen von
den Bmweden ber Ehe Huldigen und
diefe Zwecke erreihen. Sie wiſſen das
Dajein der verbundenen Zwei zu einem
beftändigen, immer fteigenben Streben
nah Arten und Abarten von Glück—
jeligfeit zu machen. Vor Allem be-
rüdfihtigen fie die Regel, daß unjere
Wünſche, Bebürfniffe und Launen mit
Zeit, Alter und Lebenslage wechſeln.
Was uns im zwanzigften Jahre gefällt,
das beginnt jeinen Reiz im dreißigſten
zu verlieren und langmweilt im vier:
zigften. Bei den Frauen ijt das doppelt
wahr und dieſe werden innerhalb ber
Grenzen bes Haufes ftet3 nach Ab-
wehslung von Anregungen und Ge:
nüffen trachten, weil fie außer bem
Haufe feine finden können. Der Mann,
welcher die Philojophie des häuslichen
Glückes ftubirt hat, der fih der Ge:
fahren und Kräfte der Ehe bewußt ift,
wird nicht erjt warten, bis die Frau
Langweile an den Tag legt. Er wird
von ber erften Stunde des gemeinjamen
Lebens die Elemente, aus denen das
Band bejteht, welche ſich aber raſch,
wie bie Flamme den Docht, verbrau-
chen, ſtets gejchicdt zu ergänzen und
zu erneuen juchen. Er wird ber jun-
gen Frau zu zeigen juchen, daß, wäh—
rend fie noch in der erften Ehewonne
ihwelgt, die gegenwärtigen Zuftände
und mit denjelben das gegenwärtige
Glüd vergehen; daß die Sympathien,
die ben unerfahrenen Liebenden jo
warm und dauerhaft däuchten, und
830
die Wechſel derjelben wohl forgjam
bewacht werben müſſen. Das wird die
junge Frau anfangs nicht glauben
wollen und es wird ihrem Herzen weh
thun, daß bieje Liebe ohne neue Nah:
rung, ohne ftete Aufmunterungs: und
Reizmittel im Laufe der Jahre ſchwin—
den joll. Hat fie fih aber einmal an
die ihnen entwidelte Beweisführung
gewöhnt, jo wird fie dem Manne
thätigen Beiſtand leiften, das belicate,
unſchätzbare But in all feiner urfprüng-
lihen Stärke zu erhalten und zu feiner
möglichften Volltommenheit entwideln
zu helfen. Hat fie den Nuten bes
Berfahrend einmal eingejehen, dann
trägt fie zur Erreihung des Zieles
mehr bei, als ber Mann. Freilich gibt
es Beifpiele, daß die Frauen bie
Zwedmäßigfeit der bedachtſamen Ehe
aus denen ber Schluß hervorgegangen
ift, jo hält er denjelben für die natür-
lihe Folge der Ehe. Iſt er hingegen
ein benfender Kopf, hat er an bie
Erhaltung des häuslichen Glüdes ge-
dacht, gehofft, jo Teidet er in Wahr:
heit, wenn er ſich lebenslang an ein
Weib gebunden fieht, das unfähig
ift, ihm durch gemeinfame Arbeit und
Wachſamkeit das herrliche Ziel —
dauernde und wachſende Befriedigung
der Ehe — erreichen zu helfen.
Den Franzojen gelingt es oft. Aus
der täglihen Berührung miteinander
Ihaffen fie fih Grünblichkeit, Dauer
und Wirklichkeit des Glüdes, die eine
andere minder begabte und minder
forgfame Behandlung des häuslichen
Lebens zu erzielen unfähig ift. Sie
zeigen uns, was Wiffen und Können
nicht einfehen wollen. Erft die Noth | hier ausmacht, legen uns bie Summe
belehrt und befehrt fie.
Im Allgemeinen find die Frauen
— in Franfreih wie ſonſtwo — gar
jehr geeignet, das Glück als ein ver-
brieftes Recht, als eine felbftverftänd-
lihe Thatſache zu betrachten, als eine
Lage, die fortdauern wird, weil fie
einmal angefangen hat. Sie nehmen
die Liebe des Mannes als ihr Eigen-
thum und eine ihnen ſchuldige Pflicht
bin; fie bilden fich ein, ber Gatte
habe dieſe Liebe, ohne ihre bejonbere
Mithilfe, aufrecht zu erhalten. Laſſen
fi Tieben und helfen nicht dazu, daß
die Liebe dauert; wie Johnſon fagt:
„fie können Netze ftriden, doch feine
Käfige bauen.“ Unter ſolchen Fällen
— leider bilden fie in allen Ländern
die Mehrzahl — läßt fi auf blei-
bende Befriedigung feine große Hoff:
nung jeßen. ft der Mann — wie in
der That der größte Theil der Män—
ner — unwiſſend genug, um zu glau:
ben, daß er die Zukunft für ſich for:
gen laſſen kann, ohne bei guter Zeit
die Grundbebingungen des zmeiten
Actes feines ehelichen Lebens vorzube-
reiten, dann endet das Drama mit
der Befriedigung vor Augen, welche
die Ehe zu gewähren vermag. In ben
höheren Schichten der franzöſiſchen
Gejelichaft gibt e8 Männer, die Pro:
fefforen der Kunft, glüdlich zu fein,
genannt werben können, die alle Ein-
zelnheiten mit forgjamen Fingern und
forfhendem Auge ergründet haben,
die eine tiefe Erfahrung der Mittel
und Zwecke befigen, die, gleich geichid-
ten Aerzten, gegen bie täglichen Schwie-
rigfeiten des häuslichen Lebens jofort
ein Heilmittel bei der Hand haben,
deren Praris ſo viel werth ift, wie
ihre Theorie und bie das dadurch be—
weifen, daß fie in den Herzen ihrer
Frauen und in ihren eigenen ein
immerwährendes, nie ſchwächer mer:
dendes Gefühl von Dankbarkeit und
Liebe zu erhalten wiffen. Aber dieſe
Beifpiele find Ausnahmen. Auch die
Frangofen, wie alle ihre Nachbarn,
ichlendern forglo8 durch die Ehe und
meinen, fie ſei nicht verbefferungsfähig.
Dank ihren lachenden Naturen, machen
fie fih nichts draus. Sie verſcheuchen
Langeweile und Aerger durch Sorg-
lofigfeit und ertragen Berbrießlichkeiten
der üblihen Dede und Enttäufhung. | mit bemwunderungswürbiger Gelafjen-
Und weil er die Urſachen nicht kennt, | heit.
831
Freilich nicht immer. Der Fran:
zoje kann launiſch und nervös fein,
wie ein hyſteriſches Weib. Und wehe
ber Frau eines ſolchen Mannes —
er peinigt fie zu Tode. Sanft und
liebevoll in der Welt, unausftehlich
zu Haufe. Zum Glüde ift das bie
Minderzahl, fonft wäre es ein Unfinn,
zu behaupten, daß die franzöfiichen
Ehen im Großen und Ganzen für
glüdliche gelten bürfen.
Aus Allem, wad man fieht und
hört, geht hervor, daß die Chemänner
in Frankreich gegen ihre Frauen über:
aus nachſichtig find; fie machen zwar
nicht viel Weſens von ihnen, pflegen
fie jedoch mit vieler Milde, Rückſicht
und Ehrerbietung zu behandeln. Sie
fommen im Allgemeinen ohne große
Liebe und Leidenſchaft zufammen ; aber
die Liebe wächſt allmälig und jchließ-
lih fühlen fie zu einander eine ganz
aufrichtige, gründlihe und tiefe An:
hänglichkeit.
Wirklich unglückliche Ehen verber—
gen ſich. Doch wirkt die Unmöglich—
keit einer Scheidung als mächtiger
Grund, ſich mit einander, ſo gut es
geht, zu vertragen. Abſolute Untreue
von einer oder der andern Seite iſt
in den Ehen ber Franzoſen weit ſel—
tener, al® in ihren Romanen und
Dramen. Das Band der Ehe wird
in Frankreich tief empfunden; Männer
und Frauen hängen bort feit an ein:
ander und traten jegt nicht mehr
nad) den freien Freuden bes lebigen
Standes. Will der Franzoſe böje Bei-
jpiele der Ehe anführen, jo weiſt er
auf England.
Hingegen in einer andern Richtung !
Hier trifft die Franzojen eine böje
: Mo find bie Kinder eurer
Ihre Ehen find finderarm, wenn
nicht gar kinderlos.
In dieſer Sache ift jedes Hin-
und Herreden überflüflig; hier können
feine Meinungsverſchiedenheiten obwal-
ten; bier kommen Vorurtheile nicht | betrachten.
durch amtliche Erhebungen erwiejen.
Bor der Revolution zählte bie
Bevölkerung Frankreichs 24 Millionen
und die Zahl der jährlichen Geburten
war ungefähr 970.000. Sept ijt
Frankreichs Bevölkerung 37 Millionen
ſtark und die Durhjchnittäziffer der
jährlihen Geburten ift 950.000. Die
Bevölferung ift heute noch ein halb
mal größer, als fie vor hundert Jah—
ren war, und weiſt jährlid um
20.000 Kinder weniger, als damals,
Das gegenwärtige jährliche Geburts-
verhältniß in Frankreich ift das niedrigſte
in der Welt. In Deutjchland ift es
1 zu 25 von der Gejammtbemwohner:
Ihaft; in England 1 zu 30; in
Franfreih nur 1 zu 39. Die Che:
ihließungen in dieſem Lande nehmen
aber nicht ab im Vergleich zu andern
Ländern; doch die Eheleute in Frank:
reich wollen nicht Väter, nicht Mütter
werden — wie Dies doch anderwärts
ihr Beftreben ift. — Ein Thema jol-
her Natur ift ein jehr heikles, allein,
e3 könnte nicht übergangen werben,
ohne daß in diefem Kapitel eine große
Züde bliebe.
Der Franzoje ift ein Mann ber
äußerten Vorſicht. Er heiratet nicht,
wenn er dazu nicht die Mittel zu
haben glaubt und eben jo wenig jchickt
ihm Gott Kinder, wenn er, ber Ehemann,
denkt, daß er fie nicht zu verjorgen
im Stande iſt. Die Anhänglichkeit
zwiichen Mann und Weib wird dadurch
jeltfjamer Weife gar nicht beeinträch-
tigt. Und wenn dod ein Kind kommt,
fo wird es jo heiß geliebt, als anders
wo. Ya, die Familienzärtlichkeit in
Frankreich ift außerorbentlihd und
demonftrativ. Aber das bloße Bor:
bandenjein der Abneigung, Kinder zu
haben, erniedrigt Frankreich vor Europa.
Wir fehen, daß diefe leidige Thatſache
feine vorübergehende ift, daß fie jeit
hundert Jahren befteht und immer
wählt. Wir haben Grund, die Erjchei-
nung für eine endgiltige Politif zu
So große Vorzüge und
—
in Betracht — denn die Thatſache iſt Eigenſchaften die Nation ſonſt beſitzen
832
mag, biefer eine Umftand wäre Grund
genug, um an fie den Glauben auf:
zugeben.
In nationalöfonomifcher Beziehung
mag der Grundfag von ber „Behut:
ſamkeit bei der Eheſchließung“ wie
ber überfluge Engländer Malthus dieſe
von ihm erfundene und empfohlene
Theorie nennt, feinen Werth haben.
Aber vom fittlihen und focialen
Standpunkte aus ift er nie und nim—
mer zu rechtfertigen. Die Ehe ift nicht
allein ein Berbindungsglied zwiſchen
zweien gleichzeitig lebenden Menfchen,
fondern auch eins zmwilchen der gegen:
wärtigen und fünftigen Generation.
Es ift niedriger Egoismus, fie nur
als erſteres zu betradhten und zu
genießen.
Indeß gibt es Ausnahmen genug.
Noh Leben in Frankreich Schaaren
von Menjchen, die auf Gott mehr
vertrauen als auf Malthus.
Allein der franzöſiſche Bauer fennt
zwar den Bibelfpruh: „Seid frucht:
bar und vermehret euch”, während er
von Malthus ficherli nie was gehört
bat. Und doch befolgt er des frivolen
Briten Lehre inftinktio, individuell.
Sein Evangelium ift: „il faut faire
la soupe avant de faire l’enfant.“
In Deutihland haben gerade bie
ärmiten Claſſen die meiften Kinder;
in Frankreich ift es umgekehrt. Die
gewerbetreibenben arbeitenden Bran:
hen find dort in der Regel von fo
wenig feſter religiöjer Meberzeugung,
jo wenig auf das Höhere gerichtet,
und da fie die große Menge bilden,
fo find fie es, denen der Rüdgang
ber Volf3vermehrung zur Laft gelegt
werben muß.
An den höheren Schichten ber
franzöfiihen Gejellihaft finden mir
bewundernswertheBeijpiele reinen häus⸗
lihen Lebens, ſowie der Statiftifer
leiht nachmweift, daß bei den höheren
Ständen nicht nach dem Evangelium
des Malthus gelebt wird.
Eine andere Frage — eine harm—
lofere Frage. Einflußreih auf die
Folgen der franzöfiihen Ehe find bie
gejelichaftlihen Verhältniſſe. Trotz
ihrer Liebe zur Häuslichkeit leben die
Franzöſinnen viel und gerne in geſelli—
gem Berfehr unter einander und mit
Männern. Ihre Lebensweiſe ift frei
von jenen Beihränfungen und Hemm:
niffen, die wir uns auflegen. Sie
empfangen Beſuche zu allen Tages:
und Abendſtunden und find mit Freun-
den und Belannten in häufiger und
enger Berührung. Die Männer gehen
in Clubs oder leben auch auf ihren
Zimmern. Aber die Regel ift das
nicht. Auch die Männer bewegen fi
am Liebften in Gejelljchaft ihrer Frauen,
begleiten bieje, wohin fie können und
theilen ihre Freundjchaften und ihre
Berftreuungen. Die Franzofen betrach—
ten die Ehe auch als ein neues Bünd—
niß mit der Außenwelt, mit der fie
durch die Vergrößerung bes Verwandten:
kreiſes vielfadher verknüpft werben.
Der Ehmann würde e8 nicht gern
jehen, wollte feine Frau die Gejell-
Ihaft vernachläſſigen. Daß fie fi
in ber Gejellichaft frei bewegen können,
ift ja einer der Zwede, um beffent-
willen fie geheiratet haben.
Die Männer und Frauen, die am
liebften zu Haufe bleiben, find fehr in
der Minorität; diefelben werden von
den Nachbarn wild und menjchenjcheu
genannt. Uebrigens haben die verhei-
rateten Frauen nicht mehr und nicht
weniger Freiheit als anderswo, aber
viel mehr Freiheit als vor der Ehe,
wo die Mädchen in größter Abgeſchie—
denheit von der Welt erzogen werben.
Den häuslichen Frieden gefährdet
der geiellihaftlihe Verkehr ſelten.
Wenn es beide Theile lieben, ihr
Leben faft ausfchließlich in Geſellſchaft
mit Anderen zuzubringen, jo gibt es
ja feinen Nachtheil, ſondern liefert
nur uns den Beweis, daß ſich Die
franzöſiſchen Eheleute doch nicht in
dem Maße genügen, als das bei ung
ber Fall zu fein pflegt.
Segen bringt diejer fortwährende
Umgang mit andern Menjchen nicht.
833
Die Folgen davon find Eitelkeit, Neid
und Aufwand. Das beftändige Gefell-
Ihaftsleben der Frauen verführt fie
zur Putzſucht und anderen Ertra-
vaganzen, die der Salon nach ſich zu
ziehen pflegt. Freilich jehen es bie
Franzojen gerne, wenn ihre Meiber
äußerlich glänzen, und bejubeln heim:
lich den Triumph diejes Glanzes. Jedes
findet in ber Glorie des Andern feine
eigene Befriedigung und felbjt wenn
dieſe Glorie nur von einem erfolg:
reihen Kleide kommt. Daher wird
der größere Aufwand, den das viele
Ausgehen mit fi) bringt, nicht zur
Quelle häuslichen Unfriedens. Nun —
und ber Franzoſe, wie er ift, thut
reht daran, an dieſem gemwöhnten
Brauche feitzuhalten — wer in bie
Tiefe nicht kann, der gehe in's Weite.
Selbft in den gewerbetreibenden
Claſſen befteht dieſe Gejelligkeitsjucht.
Hier geht die Frau aber nicht viel
des Abends aus, dafür ift fie jedoch
am Tage, wenn möglich, die ftete
Weiber ihren Männern bei der Arbeit
belfen, wenn der geichloffene Bund
ipnen nicht allein für das Intereſſe
de3 Gefühl, jondern auch für prak—
tiſche Einzelnheiten des Lebens bient,
wenn alio die Frauen in Bureaur
und Verfaufsläden an ber Seite ihrer
Mäuner figen, anftatt diefe ihr Tage
werf allein vollbringen zu laffen und
nur die Früchte besfelben mitgenießen
— fo hätten wir hierin nur ben
einen Wunſch, daß es — überall fo
wäre.
Wie nun fteht e8 mit dem geifti-
gen Leben in der franzöfiihen Ehe?
In der Regel — armfelig. — Haben
fie einmal die Schule hinter fich, jo
hören die Franzoſen zu lernen auf.
Wohl jegen jie das, was fie Erziehung
nennen, fort, den Unterricht aber nicht
mehr. Dort ift von der moralifchen,
bier von der wiſſenſchaftlichen Aus—
bildung die Rede. Sie fahren vielleicht
fort, ſich als Männer und Frauen
zu vervolllommnen, mit Rückſicht auf
Begleiterin ihres Mannes. Sie theilt ihre Seele, wenn fie meinen, daß fie
fein Zeben, ſeine Sorgen, feine Arbeit. | eine ſolche haben, oder mit Rüdjicht
Auf der Spitze der Leiter ift das
franzöfiihe Weib eine Weltdame, auf
ihren unterften Sproffen ift e8 ein
Padejel, wie in andern Ländern auch;
auf den Zwiſchenſtufen aber nimmt
ed jeinen befonderen Pla an des
Gatten Seite ein, einen fo fchönen,
richtigen Platz, daß es in dieſer Be:
ziehung wohl als die Verförperung
bes deals der Ehefrau erjcheint. Nur
in dieſen Mittelclaffen ijt des Volkes
und der Menfchlichfeit wahre Art ;
oben verdirbt die Herzen ber Reich—
thum, unten die Armuth. — Vielleicht
iſt ed auch bei uns jo.
Allerdings könnte man behaupten,
die Frau verjäume über dem Bei-
jammenfein mit ihrem Manne ihre
ſpecifiſch weiblihen Pflichten, lenke
ihre Gedanken auf ihrer Natur fremde
Gegenftände und vernadhläflige ihre
Kinder. Al das aber fällt der Welt:
dame unendlich jchwerer zur Laſt, als
der bürgerlihen Frau. Wenn Die
Kofeggers „Heimgarten‘* 11. Hefl.
auf die große Welt. An der Berei-
herung ihres Wiffens aber liegt ihnen
nicht3 mehr. Vielleicht weiß ein Mann
feine Frau für künftlerifche Intereſſen
zu gewinnen, wen er fich felbit zu
folden meigt, aber fie zur Lektüre
anzuleiten, oder ihr mitzutheilen, was
er jelbjt etwa weiß, das wird ihm
nicht einfallen. In den höheren Glaffen
jagt man wohl nad Neuigkeiten und
ift der Bücher: und Zeitungsbebarf in
denfelben groß; aber in den bürger:
lihen Salons findet man niemals ein
offenes Buch, aud) Journale find felten.
Und der Mangel an Büchern auf ben
Tischen der Bourgeoifie bringt eine
ſehr unerquidlihe Leere hervor, die
feine Verſchwendung von Blumen uud
Seiden auszufüllen vermag. Zwar
bie und da ein paar ftattlihe Bände
in Goldfchnitt und rothem Maroquin,
die aber niemals gelefen werben. Nicht
aus Büchern jchöpft der Franzoſe feine
Eindrüde, fondern aus Menſchen. Doch
53
834
wie vortrefflih, geſchickt und geiftooll | Lichfte, der häuslichen Beichäftigungen
die Converfation auch geführt werben | und Zerftreuungen ift.
mag — Lektüre und Studium kann
fie nicht erjegen. '
Anders in England. Die englifchen
Frauen leſen und lernen und bie
Männer interefliren fich für dieje Be:
ihäftigung ber rauen. Selbit bie
deutiche Ehe fteht in dieſer Beziehung
über der franzöfiichen. Hingegen trei-
ben die franzöfiihen Frauen gerne
Mufit, Blumenpflege und haben großes
Talent für eine geihmadvolle Aus:
ihmüdung des Haufes. Hierin wieder
hilft der Gatte feiner Frau. Die
Häuslichkeit wird verziert, jo weit es
der Gelobeutel erlaubt ; den Gefühlen
wird volles Genüge gethan, die Fa-
milienpflihten werden aufmerfjam,
oft Teidenfchaftlich erfüllt. Aber von
Geiftespflege nicht viel Spur und Die
Freuden, welche dieſe Eultur im eheli-
hen Leben bereiten kann, find in
Franfreich verhältnigmäßig unbekannte
Dinge.
Auf dem Lande lieft man zwar
mehr als in der Stadt, aber gemiljer:
maßen nur nothgedrungen — als
„traurigen“ Erjag für das Salonge-
plauber. Bei all ihrem Erfindungs:
geift haben die Franzöfinnen noch nicht
entdedt, daß das Lejen nicht bloß die
Neben dieſen Unbegreiflichkeiten
‚finden wir aber etwas an der franzö-
fiihen Frau, das ung tiefe Verehrung
für fie einflößen muß: ihren Hang,
Armen: und Kranfenhäufer und andere
Mohlthätigfeitsanftalten zu bejuchen.
So tief mwurzelt ihre Liebe zur Ge-
jelligfeit, daß fie auch dann die Men:
ſchen noch aufiucht, wenn fie im Elende
find. Nein, feien wir gerecht, es ift
Güte und Barmherzigkeit, was bie
franzöſiſche Weltdame niederführt zur
armjeligen Bettlerin.
Und mit dieſer fchönen, erquiden:
den Thatſache jchließen wir ein Ga:
pitel, zu welchem wir vorzüglich durch
ein Buh „Dos häusliche Leben in
Franfreih” (aus dem Engliſchen über:
jegt von H. Scheube, Berlin, F. Berg:
gold), angeregt wurden, welches jedoch
manches Unbehaglihe, ja Peinliche
haben mußte. Wir fahen im Ganzen,
daß die franzöfiiche Ehe an Bedeutung
und Gehalt der germanifhen zwar
nachfteht, aber bei weitem nicht jene
Verjunfenheit weilt, in der fie und
vorzuftellen wir gewohnt find.
Die Berrufenheit, in melde die
franzöfiihe Ehe gelommen ift, haben
die franzöfiihen Roman: und Theater:
natürlichfte, ſondern aud die nüßs | fchriftfteller auf dem Gewiſſen.
835
Unfer nordifher Wald.
Studien und Träume von P. ®. Kofegger.
I.
Tauſend Hämmer pochen jahraus,
jahrein und Schmieden Beile. Und jahr:
aus, jahrein ftürzen unter den Beilen
Millionen Bäume. Aber der Wald, der
liebe Wald ift ftärfer, als wie die tau-
jendföpfige Hydra; jahraus, jahrein
treibt er neue Zweige, neue Blüthen
und in unjerem Geifte neue Gedanken.
Schlagft du den alten Baum ab, jo
jproffen an feiner Stelle drei junge.
Immer neu erobert der Wald bie
Berghänge, die Engthäler, zwiſchen
Felſen wuchert er und an den Wäſſern
— in neuer Kraft, immer wieder jung
fteigt er auf — will nicht laſſen von
dem Land, das er feit jeher gehütet
und gejäugt wie eine Mutter ihr Kind,
bis es Schön und fruchtbar geworben.
Und wenn das Geftämme bahingeftredt
liegt auf weitem Schlagfelde, fo fonımt
der unfichtbare Säemann, taucht feine
Hand in die Samen und fäet fie hin
über die Lände. Diejer Säemann
ift der Wind. Du magſt nur kurze
Zeit auf ein Stüdihen Erbe vergeſſen
oder es verachten, der Wald ergreift
davon Befig. Wenn du vor den Stufen
deiner Thür zehn Jahre lang ein
bandbreit Plägchen unberührt Laffeft,
fiehe, jo wird auf dieſem Plägchen ein
junger Baum herauf fommen, um Dein
Haus zu hüten.
Der Wald ift ein älterer Gaft auf
Erben, als der Menſch, er bat fein
Paradies gehabt, bevor die Menfchen
famen. Poeſie weht noch heute über
bem grünen, Vogeljang durchklungenen
Gemwipfel, aber das eigentliche tau—
jendjährige Reich des Waldes ift zu
mumien — bie Steinkohle — mir
heute aus der Erbe wühlen. Und wollen
abjehen von den gewaltigen Urmälbern
der alten Germanen, in welchen Boni:
fazius den erjten Stamm gefällt hat.
Mie ganz anders war noch der Groß:
vater des heutigen Waldes: mar:
fig, Fräftig, wild; feine Arme waren
bier, als heute die Stämme find; feine
gewaltigen Wipfel waren noch Kronen,
die heutigen find Halme unb Feber:
büjche ; feine Schatten waren Nacht,
die heutigen find Dämmerung. Und
jeine Einwohner? nad denen jehnen
wir uns wohl nicht mehr: Wölfe und
Bären. Aber die Bewohner bes heutigen
Waldes find Pechſchaber und Kohlen—
brenner.
Heute geht es den Bäumen, wie
den Menſchen: in ihren ſchönſten Tagen
müſſen fie auf's Schladhtfeld. Der heu-
tige Wald muß fallen, bevor er reif
ift, und das ift ein Mord, ben bie
Menſchen begehen — vielleiht an
fi felber....
Sieh’ einen hundertjährigen und
einen zehnjährigen Holzbau an. Der
erſtere ift kernfeſt, der lektere morſcht.
Niemand will heute fein Haus mehr
aus Holz bauen — und wäre dieſes
auch nicht das koſtſpieligſte Materiale
— er weiß oder ahnt: Holz ift Fein
Bauftoff mehr, der, wie einft, Gene:
rationen überbauern fol. Mit Aus:
nohme der Lärchenbauten wird im All-
gemeinen nur das, was auf feinen
langen Beſtand berechnet ift, aus
Holz hergeftelt, und jo erneuert ſich
das Bebürfnig immer wieder und
Ende. Wir wollen abfehen von jenem |in ftet8 größerem Maße, und bem
gigantiſchen Gejchlechte, deſſen Leiber- Wald ift feine Ruh’ und fein Ge
65*
836
beihen mehr gegeben. Und einft, wenn
der Menſch etwa in Stein, Steinfohlen,
Eifen und Bapier genug Erjagmittel
für das Holz gefunden zu haben glauben
wird, um den Wald zu jchonen, den:
jelben fi wieder erholen zu laſſen —
wird der Wald nicht mehr jo groß,
jo kräftig und fo alt werben, wie
früher, wird in jener Periode, in
welcher man ihn jegt zu fchlagen ge:
wohnt war, zn fiehen und zu fterben
beginnen, denn er hat von feinen Vor:
fahren den frühen Tod geerbt, und
was Anfangd Unnatur war, das ift
ihm Natur geworden. — Es fann
basjelbe Schidjal fein, wie das des
Geſchlechtes der Farren, welches heute
Ipeichelledend zu Füßen des Nadel:
waldes kriecht. Wir haben feinen Baum
in unjeren Wäldern, der jo riefig
wäre, ald wie die Bärlappen und
Schadtelhalme vormaleinft geweſen
find. Und was ift das heute für ein
armjeliged Kraut! Die Ziegen treten
e3 in den Sand. Nicht blos Menſchen—
ſtämme, auch Thier- und Pflanzenge:
Ihlechter fönnen durch Entnervung und
Unterbrüdung fo tief finfen.
Wir fehnen uns oft nad dem
Walde, eine Ahnung — wie Heimweh
iſt's — zieht uns in feinen Frieden ;
aber oft iſt's uns, als juchten mir
Anderes, als das, was wir im ihm
finden. Wir fuchen den Wald, nicht
wie er heute ijt, ſondern, wie er fein
fönnte. „Es ift der file Ruf aus
frühen Zeiten, der aus den Tannen
an das Herz mir dringt.“.. Den
jungen Tannling fragen wir nach feinem
Urahn; ober vielleicht gibt es in den
entlegenen Bergthälern doch noch eine
wohlgerathene Nachlommenjchaft. Nicht
mit der Art ſuchen wir fie auf —
wir grüßen fie, wie ein Gottesmwejen
da3 andere grüßen joll.
Architekten jagen, unfer nordijcher
Wald fei, im Gegenjage zum Rund:
bogenftyle der Laubhölzer, ein gotbifcher
Bau. Mufifer jagen, unfer nordijcher
Wald jei im Gegenfage zu dem fäufeln:
den Laubgebüſche eine tiefdröhnende
Drgel, an welcher der Sturm den Blaſe—
balg zieht. Maler jagen, unſer nordi-
iher Wald fei im Gegenfage zu ben
lichten Schattirungen der Laubforfte ein
Rembrandt'ſches Nachtgemälde, in deffen
Tiefen nicht das Auge, nur die Ahnung
vermag einzubringen. Dichter fingen in
taufend Liedern vom Walde, und ber
Altmeifter ſelber hat fein ſchönſtes Lied
dem Walde geweiht, ihn nicht preijend
und vergleichend mit irdiſchen Dingen
— fondern andachtsvoll, ſehnſuchtsvoll
wie zum himmliſchen Frieden betend:
„Weber allen Wipfeln ift Ruh',
In allen Gipfeln fpüreft Du
Kaum einen Hauch.
Die Böglein fhweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruheſt Du aud.“
Unfer nordiſcher Nadelwald hat
nurdrei Bäume: die Tanıe, die Lärche,
die Kiefer. Jeder diefer drei hat jeine
zahlreiche Familie, die fi von einander
trennen und wieder zuſammen verbinden,
die ſich gegenfeitig oft zwar jcheinbar
befämpfen, in Wahrheit aber einander
ergänzen und im Großen und Ganzen
ſtets die herrliche Dreieinigfeit bilden.
Dort am Rande des Waldes, wo
den Hang hinauf aus ſchwarzem Moder:
boden mander graue Felsblod blict,
fteht ein alter Fichteuba um. Sein
zwischen dem Geftein weithingeflochtenes
Wurzelneſt mit den Farrenkräutern bie
daran fleben, find feit Menjchenaltern
gededt von dem Schatten des Baumes
und von den Schatten des angrenzenden
Nadelwalded. Den Stamm mit der
zerichieferten, rothgrauen Rinde ver:
mögen zwei Männer nicht zu ums
jpannen, und in dem hundertfachen
Atgezelte, das fih um diefen Stamm
ſpannt, gibt es ganze Dörfer von Bogel-
neftern, hingegen fein ſchädlich Inſekt
und fein nagend Gewürme.
Diefer Baum ift der Stammmvater
des angrenzenden Walde und über-
tagt Hundert Fuß hoch die anderen
Bäume, welche der Förfter jchon ſchlag—
bar findet. Der alte Fichtenbaum fteht
837
unter dem Schuße einer höheren Macht
und die Menfchen wagen e3 nicht, Hand
an ihn zu legen.
Da wir unter der Düfterniß feines
Schattens auf einem Steine ruhen, Jo
ſehen wir wohl das hölzerne, ver:
witterte und bemooste Kreuz, das an
feinen Stamm genagelt ift. Der hun—
dertjährige Zeuge jenes Ereigniſſes,
da3 am heiligen Pfingfttage bier ge:
jchehen war. Ein Bauer, der feine Kuh
mweidete auf diefem Gelehne, ſah auf
dem vielzadigen Wipfel des Fichten:
baumes einen Geier figen, der fortan
pfiff und durch fein Pfeifen die Kuh
heraulockte. Das ift doch was Uner:
bhörtes, daß ein Rind dem Lodruf des
Geiers folgt; der Bauer ſpannt fein:
Feuerrohr und ſchießt auf den Wipfel
bin. Der Geier krächzt und ftürzt nieder
und wie er den Erdboden berührt, ift
e3 ein fterbender Menich, die Nach:
barin des Bauers, welche ſchon lang
als Here in Verruf geftanden.
Und jeit jener Zeit genießt der
Baum, auf weldhem die Macht des Böfen
brach, die Verehrung, ja die Ehrfurcht
der Menfchen, und zum Beiden, daß
fein Beil und fein ander Werkzeug
an biefen Stamm gelegt werden dürfe,
haben fie das Kreuz daran befeftigt.
Daher ift dieje Fichte jo alt geworden.
Greife erzählen gerne aus der Ver:
gangenheit ihres Lebens. Unſere Fichte
fagt, ihr Großvater wäre ein Thüringer
gewefen, um feinen Stamm hätten
noch die Heiden getanzt, wenn es Voll:
mond war, unter feinem Schatten hätten
fie einem Gotte, den fie Wuotan hießen,
Schlachtopfer dargebracht. Da fei aber
ein Adler gemejen, ber hätte vom
Stanıme ein Samenkorn in feinem Leibe
bis in dieſe Gegend gebracht, und
davon ftamme fie — unjere Fichte —
ab. In ihrer erften Jugend hätten fie
die Wölfe und die Bären bejchütt,
denn die Wölfe und bie Bären hätten
feine pflanzenfreffenden Thiere geduldet.
Auch wären einige jungen Lärchen
um fie herumgeftanden, bie jo herrifch
gethan hätten, daß die Fleine Fichte in
ihnen wie gefangen war. Aber der
Schatten wäre ihr zu gute gekommen
und jo hätte fie fich heimlich gefräftigt,
und hernach mit Feden Armen das
Lärchengewucher von fi gefchoben,
hätte ihm den Saft von den Wurzeln
weggetrunfen und die Lärchen wären
in ihrer erften Blüthe geftorben. Big
in's ſechſte Jahr ſei e3 aber mit dem
Wachsthume doch etwas langjam ge
gangen. Dann ſchoß fie auf einmal
empor. Vom 15. bis zum 20. Jahre
fei fie ftehen geblieben, jo daß fie ge:
meint habe, fie bleibe ihr Lebtag ein
ſchwächliches Weſen oder müſſe gar
dahin in ihren jungen Jahren. Nach
dem 20. Jahre endlich habe ſich bie
Sache gewendet und von nun an ſei
der Baum alljährlich um einen Kopf
gewachſen, gefräftigt und gereift. —
Aber das Herz und das Leben fei ihm
erft in feinem 50. Jahre aufgegangen
und da fei’s * auf einmal eingefallen,
ſich ein Weibchen zu nehmen. In der
Nachbarſchaft war nicht viel zu holen,
lauter kleine, verkrüppelte Weſen eines
zweifelhaften Stammbaumes, wovon
unſer Heiratscandidat keines ſeinen
Nachkommen zur Mutter geben wollte.
Schon wollte ſich der Fichtenbaum für
den Stand der Hageſtolzen bequemen,
da gewährte er, daß es ihm nicht
ſchlechter ging, als dem Menjchen-
ſtammvater Adam: er hatte das Weib
in ſeinen eigenen Rippen. In rothen
Kätzchen lächelten ſie ſich zu, aber bald
verbag ſie ſich wieder unter dem
grünen Kranze ihres Genadels. Ein
warmes Körnlein aus ſeinem Herzen
ließ er abfliegen, um zu freien. Sie
hat den Freier nicht abgewieſen und
in den milden Frühlingslüften flog der
Same dahin — und nad wenigen
Jahren fproßte eine reiche Nachkommen⸗
ſchaft aus den Gründen.
Aber die Nachkommen waren man—
nigfachen Schickſalen anheimgeſtellt. Das
Land war übervölkert; Viele der Körnchen
wanderten auf Luftſchiffen aus. Freunde
der ſonnigen Hügelgeländes waren da—
runter, die kamen hinab bis gegen die
838
Eihenwälder Croatiens und an die der Bauern paffirt es dem Nadelbaum
Geſtade des abriatiichen Meeres; wei: | alle acht oder zehn Jahre einmal, daß
ter ließ das heiße Klima fie nicht mehr jein Menih mit jcharfen Steigeijen
vordringen. Andere wieber waren paifio:
nirte Bergfteiger, die fiebelten ſich in
den Alpen bis zur Höhe von 5000
und 6000 Fuß an. Die aber im Lande
blieben, um fich reblich zu nähren, denen
ging es oft nicht am beiten. Daß fie
bisweilen von Stürmen, Bränden und
Schneevrüden arg bedrängt wurden,
gehört zu des Waldes allgemeiner
Plage. Daß Krankheiten, wie die Kern—
fäule — bei mwelder der Baumarzt
jagt, daß fie durch Pilzkeime verurfacht
werde, bie im Innern des Stammes
wüchjen — daß die Mißgebilde der Ber:
bänberungen u. ſ. mw. auftraten; daß
ferner der fürchterliche Feind des Nadel—
waldes, der Borkwurm, zuweilen ein-
fiel und ganze weite Striche verborren
madte; daß endlich eines der jchein:
beiligiten Weſen unter den Schmetter:
lingen, die Nonne, an dem Genabel,
der Lunge des Baumes gezehrt hat,
bis der Arme an der Lungenfucht zu
Grunde ging — das find eben die Heim:
fuhungen, welchen der Wald von jeher
ausgeſetzt geweſen if. Das hat Gott
zu verantworten und — wenn er gegen
ben Baum fo gerecht ift, als er es
gegen den Menjchen fein ſoll — dem
Walde mit einem befjeren Leben jen-
ſeits des Moders zu vergüten.
Einen ganz andern Feind hat der
Wald, einen Feind, den er ſich mit
ſeiner grenzenloſen Güte, ſeinen uner—
meßlichen Wohlthaten und Verzärte—
lungen ſelbſt groß gezogen hat — den
Menſchen. Da kommt der Vampyr,
Pechſchaber genannt, und zapft dem
Buum das Blut ab, ſaugt ihm die
Adern au. Da lommen die Folter:
fnechte und zerreißen mıt ihren hoch—
nothpeinlichen Streuredhen die Schuß:
bede ber Wurzeln. Da fommt endlich)
der wahnmigigfte Böfewicht, für den
jeltfjamerweife unfer Strafgefe noch
feine Peitſche gewunden hat, ber
Schnaidler. — In vielen Gegenden
der öftlihen Alpen, in den MWaldungen
an jeinem Stamme emporflettert und
ihm mit der Art alle längeren Aeſte
abhadt, bi8 empor zum Wipfel. Wird
auch diefer abgejchlagen, wohlan, fo
fann der Baum raſch und ein für
allemal zur Ruhe gehen, er verborrt
in wenigen Wochen und fommt auf
den Herb ober in den Koblenmeiler.
Wird ihm aber der Wipfel belafjen,
jo hat er die Pflicht, mit abgejchlagenen
Armen noch weiter fortzuleben, zu
wachſen, friiches Geäſte zu treiben und
fih nach zehn Jahren wieder neu ver:
ftümmeln zu lafjen. Das abgehadte
Geäfte dient als Streu für die Haus:
thiere. Die Bauern mahen aus dem
traurigen Gejchäfte des Baumſchnai—
delns noch eine Luftbarfeit. Wenn ber
Mann fonft nie fingt und pfeift und
jauchzt — auf dem Baume thut er's.
Und ift er an den Wipfel emporge-
langt, jo ſchaukelt er fi, ſoweit der
Baum im Bogen fi) mag biegen. Ab-
ſonderlich ift e8 zu ſehen, wenn ein
Bauer die Nachbarn in jeinen Wald
ladet, um diejen zu Grunde zu richten.
Auf jedem Baume figt ein Menſch,
jeder jchaufelt fich und jeder jauchzt.
Und unten auf dem Erbboden find
die Weiber, die das nieberftürzende
Geäfte in Buchen zujammenlegen. Der
Tag wird mit einem guten Mahle
geſchloſſen — und die ſchwer verwun—
deten Bäume mögen jelbit jehen, wie
fie fertig werden. Sie vegetiren wirklich
in den meiften Fällen weiter, jofern
ihnen nur ber Kopf belafjen it, und
ihüßen die Leute jo gut es geht, vor
Wind und Waller, bieten ihnen ber:
einſt Material für ihr Haus, für Wiege
oder Sarg. Freilich haben die Gaben
des treuen Freundes nun nicht mehr
viel Werth.
Unter ſolchen Berhältniffen ift es
ihier am beften, das Heer der Holz:
bauer jtredt dem ſechzig- und fiebzig:
jährigen Wald nieder, anftatt zu warten,
bis Dderjelbe naturgemäß ſchlagbar
839
würbe in jeinem 140. Lebensjahre. —
So ſcheint e8 wohl zu Ende zu fein, das
Zeitalter des Waldes. Es find bald
auch die natürlihen Bedingungen nicht
mehr da, die der Nadelbaum braucht,
um zu leben. Daß er ein Dunfelmann
ift, das läßt ſich nicht leugnen, und
für Dunfelmänner gibt’3 in Diefen
aufgeklärten Zeiten fein Heil. Der Fich—
tenbaum liebt Schatten, Nebel und Than.
Diefe Dinge wollen mit dem Sturz
der Hochwaldungen beinahe zu Grunde
gehen. Und jo ftehen denn die Bäume
oft mitten im Heidekraut vereinzelt,
find zwergenhaft, verfrüppelt und haben
lange, weiße Bärte. —
Viele Bäume der Nachkommenſchaft
unſerer Fichte haben fich vor ſolchem
Unheil gleihfam aus dem Walde ge:
flüchtet und fih auf hohen Matten
und meiten Angern in Gruppen zu:
fammengeftellt, als wollten fie berath—
ſchlagen, was in Feindesland zu
thun wäre. Mancher hat gemeint,
das dürfe man den Nachkommen nicht
anthun, daß man fie in eine ſolch'
heilloſe Welt ſetze, und hat den Wipfel
mit ſeiner ganzen ſchweren Laſt von
Samenzapfen von ſich geſchleudert.
Und dann ließ er ſeine langen Aeſte
niederſtreben, daß ſie ſich vergraben
ſollten in den Moosboden und in das
Erdreich. Aber ſiehe, auf dem Walde
liegt der Fluch des ewigen Juden; der
Baum konnte nicht verſterben und die
in den Erdboden gekrochenen Aeſte
ſchlugen neue Wurzeln, trieben neue
Wipfel hervor, und der Alte, der ſeine
Mannbarkeit hingeworfen hatte in der
Verzweiflung, ſah ſich umgeben von
einem fröhlich keimenden Kinderkreiſe.
Die Kleinen ahnen es noch nicht, was
ihnen bevorſteht, aber der Vater rüttelt
mit ſeinen Armen und will ſie aus der
Erde reißen, und dem Urahn — unſerem
alten Fichtenbaum am Waldrande —
will das Herz brechen, da er dieſes Alles
an ſeinen Nachkommen erleben muß.
Sein greiſes, zweihundert Fuß hohes
Haupt richtet er zum heißen Sommer—
himmel auf, bittend um einen Blitz—
ſtrahl für ſeinen alten, lebensmüden
Leib. — Vergebens! als ob es auch
der Blitz wüßte, daß du, mein be—
kreuzter Fichtenbaum, geheiligt biſt,
weil, nach der Leute Mund, jener Mann
vormaleinſt die Hexe von deinem Wip—
fel geſchoſſen hat.
Da kommt ein Mann und ſieht
mit Staunen dieſen Fichtenbaum. Er
wollte ſich ein Haus bauen aus altem,
gutem, kernfeſtem Holze. Er hat einen
weiten Weg gemacht durch's Land und
keinen Baum gefunden. Jetzt ſteht er
vor einem und ſtaunt. Er hat ihn
geſucht und will es nun nicht glauben,
daß er ihn gefunden hat.
Zwei Tage lang arbeiten die Holz:
fäller, da ftürzt der gewaltige Fichten:
baum. Die Luft fcheint ein Loch zu
haben, dort wo er aufgeragt hatte.
Der Mann aber beugt fich nieder
über den Stod, der jo groß ift, wie
die Tafelrunde im alten Ritterfaale,
und beginnt zu leſen. Er lieft das
Tagebuch des Baumes, bas in hun—
dertfachen Ringen eingezeichnet ift in's
Holz. Dort fteht ed, wann der Ahn
geboren, wann er mit Noth und
Drangjal gefämpft, wann er Gebeihen
gehabt, wann er geliebt hatte und
wann er innerlich geitorben war.
Der Jahrhunderte drei war ber
Fichtenbaum geſtanden. — —
Aus der Geihichte des Herkom—
mens zu fchließen, jehen wir, daß bie
Fichte fih eigentlih auf den Abel
hinausfpielt. Ihre Gefinnungen aber
weiſen das nicht immer. hr förper:
liches Wohlbefinden geht ihr über
Alles, dienen will fie ſtets praftifchen
Sweden und fortwährend führt fie
Klage über den Verfall ihres Geſchlech—
tes, Ganz anders ihre edlere Schweiter,
die Tanne,
Diefe fieht, wer fie nicht näher
fennt, zwar noch ungeſchlachter aus,
als die Fichte. Sie klammert fi mit
ihrer Wurzel fefter und tiefer an die
Erde, fie fann in einem einzigen Stamm
über zwanzig Klafter Holz enthalten,
dient alfo dem Gejhäftsmanne erfled:
licher als die Fichte; fie ift ungefüg,
fnorrig, bat manchen unſchönen Aus:
wuchs und Kropf, hat wild verworre:
nes Geäfte und eine breite, ftarrzadige
Krone, in weldher Raubvögel horjten.
Die Fichte zeigt feierliche Würde, die
Tanne trogige Kraft. Die Tanne
wählt der größten Fichte über ben
Kopf und erreicht bei guten Zeiten
möglicher Weije ein Alter von einem
halben Jahrtauſend.
Troß diefen rauhen, ftolzen Aeußer—
lichkeiten ift die Tanne boch eine ibeal
angelegte, ja bisweilen ſogar ein wenig
ſchwärmeriſche Natur. In alten Zeiten
jollen ihre Zweige palmartig vom
Stamme himmelmwärt3 gewachſen fein.
Seit jenem Tage aber, al& Ehriftus
am Kreuze ftarb, wächſt fie in Kreuz:
form. Jeder Aſt und jeder Aſt vom
Alte, jeder Zweig uub jeder Zweig
vom Zweige ift ein Kreuz. Auch bie
Fichte will ihr’8 in Anmandlung von
Frömmigkeit nahmaden, führt es
aber nicht jo beftändig und folgerich-
tig dur, als wie die Tanne, deren
Mantel aus Millionen von Kreuzen ge:
woben ift. Daher war die Edeltanne bei
uns urjprünglich auch die Erforene für
ben Ehriftbaum, Sie, die fi ſelbſt
hat gefreuzigt, mochte vor Allem fähig
und würdig jein, ihr junges Leben
zu laffen und im Strahle der Weih—
nachtäferzen ben Heiland zu verkünden,
Ferner ift die Tanne eine Freun—
bin der jchönen Künfte. Nicht, daß ich
meine, weil fie den Dichter begeiftert
und ſtets ſelbſt eine heitere Gefellichaft
von Sängern in ihrer Kronenburg be:
berbergt, oder weil fie dem Landſchaſts—
maler manch herrliches Object Liefert
— nein, jondern weil die Tanne
muſikaliſch ift. Kein Holz gibt jo feine
Rejonanzböden, als wie das zarte,
jchneeweiße Holz der Tanne, in ihm
klingen bie Volksweiſen der Zither und
die funftreihen Töne der Cremonefer
eigen am beften.
Freilich darf zum Zwede für In—
jtrumente die Tanne beim Fällen nicht
auf harten Boden ftürzen, denn ein
840
einziger jchwerer Fall und die Saite
in ihrem Herzen ift für immer zer:
ſprungen
Gar anmuthsreich ift des Tannen:
ftammes feine, filberig jchimmernde
Haut und das ewige Friſch jeiner
Zweige, die von oben berabgejehen
grün, von unten hinauf weiß find,
wie Silberblid. Darum heißt es ja,
die Tanne jei fteiriihen Stammes
und Adels, denn fie trage die fteiri-
ſchen Landesfarben.
Doch will die Tanne nicht allein
Ohr und Auge, ſie will auch den Ge—
ruchsſinn erfreuen. Ihr Genadel und
ihr Blut ſtrömt dir den wohlriechend—
ſten Hauch entgegen und ſelbſt die
Keimluſt des Samens löſt ſich auf
in Wohlduft und Aether.
Bieteſt du der Fichte die Hand
— ſie ſticht dich; aber das Tannen—
gezweige iſt mild und ſeine Nadeln
haben keine ſcharfen Spitzen, ſie möch—
ten gerne Blätter ſein. Unter dem
Laubholz hat die Tanne eine gute
Freundin, die wohl noch milder iſt
als ſie ſelbſt, die alljährlich aus ihren
Blättern zu der Tanne Füßen ein
weiches Kiſſen legt, einen goldfarbigen
Teppich webt — es iſt die Buche.
Hingegen ſtreckt die Tanne über den
hellgrünen Buchenwald ihren hohen,
finſteren Leib empor, daß es bisweilen
ausſieht, wie ein Nadelwald über dem
Laubwalde, und ſchützt die Freundin
gegen Blitz und Sturm. — Aber ſie
iſt nicht die Allerweltsbürgerin, als
wie etwa die Buche, iſt nicht einmal
jo weit gereiſt, als wie ihre Schweſier,
die Fichte. Sie iſt ganz Europäerin.
Bei den jchönen Frauen des Kau—
kaſus grünt fie; den Banditen ber
Apenninen gibt fie Dach, dem bigotten
Spanier reiht fie Zweige zum Schmude
feiner Altäre und in Arkadien den
unglüdlihen Nachkommen der glüdli-
hen Hellenen bietet ſie den Hirten: und
den Bettelftab.
Weiter hinaus will fie nidt.
Aber beſonders gerne und mit aller
Fülle ihres Segens hält fie fih in
—
den Alpen und im mittleren Deutſch- ſchließliche Herrſchaft; überall läßt ſie
land auf. Nördlicher als bis zum zwiſchen ſich auch anderen Bäumen
Thüringerwald geht fie kaum mehr noch Raum und Nahrung und Schuß
vor und wenn ber Berlüter von „Tanz | angebeihen. Mieber ein Beweis, daß
nenbäumen” und „Tannenwäldern“ die Tanne weit freundlicher und edel—
ſchwärmt, fo denkt er ſicherlich nur denkender iſt, als ſie ausſehen mag.
an die Kiefer, die in ſeinen ſandigen — Von jenem Adel der Geſinnung,
Gegenden wächſt. Aber auch in den der ſtets Gutes vollbringt und Schönes
ureigenen Bereichen der Tanne, wie ſchafft, ohne viel zu fragen nach
im Schwarzwalde, im Fichtelgebir- Freund und Feind und wie lange ber
ge, im Böhmerwald, in den Alpen, ! Tag des Wirfend noch dauern wird,
in den Pyrenäen, führt fie nicht aus- (Schluß folgt.)
Der Sommernadtstranm eines Künftlers.
Bon Kihard Yo.
Der Mond leuchtet jo hell, daß Mitten in der Stabt Liegt ein
man die Gasflammen in den Straßen: großes vornehmes Haus, das ift noch
laternen ausgelöſcht hat. Blaues Licht | voll Geräufch und voll Leben. Auf
fließt über Mauern und Dächer ; aber | der Straße ftehen einige fpäte Gaffer
am wohlſten ift es ben zitteunden und fehen zu dem erleuchteten Sälen
Strahlen auf den grauen Steinmauern | hinauf. Drinnen fpielt ein gutes Dr:
der Kirchen. Da klammert fih der|chefter rauſchende Tanzmelodien ; ge-
Mondichein an die Schnörfel und Ran- ſchmückte Frauen gleiten im Tanze
fen der Thürme, Flettert in alle Eden | an den hohen Spiegelj&eiben vorüber;
und Winfel, blinkt auf den vergoldeten | manchmal bleibt eine dieſer Geftalten
Spigen und malt um die Häupter am Fenſter ftehen, tief aufathmend,
der traurigen Märtyrer den Heiligen: | mit glühenden Wangen. Dann tritt
ſchein. Höher oben ift Alles blauer, | wohl aud ein Mann zu der ausruhen:
duftiger Glanz. Die Welt ift ein den Frau und jpricht leife zu ihr,
Mondiheinmärhen geworden. Auf und für die Frau ift die glänzende
den Straßen ift es einfam; ſpäte Welt um fie plöglich tobt und ver:
Nacht ; nur dann und warın ein fchneller, | junfen. Mie gerne wäre fie mit jenem
weithallender Schritt. Die Schlaflofen | Manne draußen in der jtillen Nacht,
horchen in ihren Betten, wie e8 fommt, |im blauen Mondfcheine, nur fie und
vorübergeht und in der Ferne vertönt.|er; dann hätte er ihr die zitternde
Gewiß iſt's ein froher Menſch, Antwort auf feine Frage von den
der unter andern Frohen eine gute Lippen fortfüffen können.
Stunde verlebt hat; nun eilt er nad Mißmuthig jchleiht der Mond:
Haufe. Bielleiht wartet ein junges, ſchein fich fort von dem glänzenden
lieblihes Weib auf ihn, um dem Hauſe: bier ift Jubel und Helle und
folgen Vater jeinen fchlummernden, | dem wehmüthigen Gefellen ift’8 wohler,
rofigen Knaben zu zeigen. Das fält auf düſteren, armjelıgen Wänden zu
dem Schlaflofen fo ein; er hört auf leuchten; da fann ber alte, fantaftijche
die verhallenden Schritte des glücklichen | Burfhe mit wenigen Strahlen ein
Mannes und wirft fi) noch ruhelofer | Stüd Poefie Hinzaubern, fo ſchön und
in feinen Kiffen umher. mwunberbar, wie es fein Maler zu
842
pinfeln, fein Dichter zu feufzen ver:
mag.
Ein Mann tritt aus dem erleuch—
teten Haufe. Es ift eine hohe, vor:
nehme Geftalt. Er hat fi in einen
langen ſpaniſchen Mantel gehüllt und
Grab ihrer Liebe, das Grab ihres
Glückes genannt — wie bald werben
Thränen aetrodnet, wie bald vergißt
man die Tobten !
"Aber noch immer ziehen Taufende
zu der Walfyre im Eihmwald am rau:
den breitfrämpigen Künftlerhut tief | chenden Strome; doch es gilt nicht
über die Stirne gezogen. Aber man
hat ihn doch erkannt, und wie er die
decorirte Vorhalle durchſchreitet, macht
ihm eine Schaar unterthäniger Geifter
die tiefften Werbeugungen, und Die
Diener, die mit Mantel und Tuch
ihre Herrfchaften erwarten, fahren mit
den Köpfen zufammen, um fich gegen:
feitig ihre bedeutungsvollen Gedanken
über diefen Mann zu verrathen. Es
ift ber berühmte Künftler, dem zu
Ehren die Stabt diejes Feit gibt.
Am Eichwald, draußen vor dem
Thore, am raujchenden Strom flieht
das herrliche Denkmal. Es hat den
Ruhm des Mannes gegründet, und
bie Stadt ift ftolz auf das Werk und
den Meifter.
Bor fünfundzwanzig Jahren, gerade
heute, wurde der Marmor enthüllt,
eine glorreihe Erinnerung an bie im
Kampfe Gebliebenen eines glorreichen
Krieges. Manches weinende Frauen:
auge hatte damals zu ber erniten
Todesjungfrau aufgejehen, die ben
jungen Gefallenen in ihren Armen
hält, um mit ihm emporzufchweben
zu Walhall. Die Augen, die damals
meinten, waren lange getrodnet ; ver:
welkte Zorbeerfränge lagen auf Stufen
und Sodel; nur mandmal ſtand eine
ehrwürdige Matrone oder ein altes
müdes Miütterhen etwas länger vor
dem Marmorbild der Walfyre. Dieje
mochten wohl an einen ber Tobten
benfen, deren Namen in langer Reihe
die Erinnerungstafel füllten. Die Augen,
bie jegt gleichgiltig über den Marmor
hinwegſahen, waren diejelben Augen,
die einst heiße, jchmerzlihe Thränen
vergoffen, Thränen ber verlaffenen
Braut, der troftlofen Witwe. Jetzt
erinnerten fie fid mur dumpf und
ftumpf, daß fie diefe Stätte einft das
den Todten, zu deren Gedächtniß das
Denkmal errichtet warb, e3 gilt ber
„berühmten Walkyre“ des berühmten
Mannes mit dem weithallenden, be-
mwunderten Namen. Noch immer bliden
dann ernfte Augen auf die jtolze
Frauengeftalt und ben jchönen, für
das Vaterland geftorbenen Yüngling.
Doch nur Wenige gedenken der ver:
gefien auf dem Schlachtfeld modernden
Krieger; aber Alle laffen fih durch
den Genius des Künſtlers erjchüttern.
Wenn die Jahre die vielen Namen
auf dem Marmor längft verwilcht und
ausgelöjht haben, wird man den
einen Namen noch nennen: bem
großen Todten ſetzt man ein Denkmal,
worin er ewig fortleben fol, und ber
Lebende, der es errichtet, verherrlicht
fih in dem Tobten.
Der Ruhm ift vergänglid, nur
die Kunft ijt ewig.
Da3 denft der Mann, der im
Mondicheine ziello8 durch die einjamen
Straßen jchreitet, und wundert ſich,
wie er, der große, gefeierte Künftler,
zu biefem Gedanken kommt; er bat
aewöhnlih über ganz Anderes zu
finnen.
Seine Träumereien haben ihn in
die Irre geführt. Als er aufjchaut,
muß er ſich lange befinnen, wo er
eigentlih if. Er weiß e3 nicht. Die
Stadt ift ihm fremd geworben. Fünf:
undzwanzig Jahre find ſeit dem Sommer:
abend vergangen, wo er zum legten:
male über dieſe Steine gejchritten,
um von fo Manchem Abſchied zu neh:
men, was ihm theuer geworben. Aber
es war fein ſchweres Abjchiednehmen
geweien. Bor ihm lag eine Zukunft.
Anerkennung, Reichthum, Ruhm —
das waren Worte von gewaltigem
Klang, und fie durchbrauften feine
843
Seele wie eine Jubel-Symphonie des die Klänge der Ballmufil, er glaubte
Genießend und Lebens. Plöglih ein|an feinen Wangen noch immer ben
gellender Mißton, der mitleidslos bie
raufchenden Melodien zerriß: vor ihm
ftand die Geftalt einer bleihen Frau,
jo dunkel, fo traurig, daß bie glän-
zenden AZufunftsgebilde wie Schatten
verblaßten, verſchwanden. Die Bleiche
winfte ihm zu: lebe wohl! Vorüber,
du trauriger Schatten, vorüber! Ich
will Leben, Ehre, Glüd — und Du
bift das Elend!
Warum wird der Mann jelber jo
bleih, da er nah fünfundzwanzig
Jahren des Vergeſſens jener Frau
gedenkt, die er, als er damals Ab—
ſchied nahm, mit ſeinem inneren Ge—
ſichte vor ſich geſehen? Welch eine
häßliche Einbildung! Die bleiche Frau
gleicht ſeiner Walkyre, um derentwillen
man ihn heute ſo lärmend gefeiert —
und nun dieſe Erinnerung! Das Alles
war ja vorbei, geweſen, vergeſſen —
— ſchon lange vergeſſen. Die traurige
Frauengeſtalt war aus ſeinem Leben
verſchwunden. Er ſelbſt hatte fie mit
ſtarker Hand herausgeriſſen; nichts
hatte er dann übrig gelaſſen, auch
nicht die leifefte Spur ihres Fußes
auf feiner glänzenden Siegesbahn. Alles,
was ihn an fie hätte mahnen fönnen,
war ausgelöſcht und vertilgt, jede
Erinnerung, jedes Gedenken. Selbft
in feinen Träumen war fie nie wieder:
gefommen, und nun - gerade heute!
Es ift eine warme Nacht, und der
ſpäte Spaziergänger wiſcht fich ben
Schweiß von der Stirne. Wie gut,
daß er jene Geſellſchaft verlafjen!
Zange hätte er es nicht mehr aus:
halten fönnen. Niemald war es ihm
jo ſchwer geworben, ber König des
Abends zu jein, nie war ihm jein
Ruhm to läftig nefallen. Die Neben,
die er gehört, die Neben, die er ge:
ſprochen, die Gluth der Meine, ber
MWeihrauh der Berehrung — fein
Kopf war wüft. Er taumelte wie im
Rauſche. Bor feinen Augen flimmer:
ten noch immer die lodernden Kerzen,
in feinen Ohren dröhnten noch immer
heißen Athem der jchönen Frau zu
fühlen, deren Kopf in dem dämmerungs—
vollen Blumenzimmer einen Augenblid
an feinem Herzen gerubt.
Dem Manne ift zu Muthe, als
habe er diejen Tag und diefe Nacht
nur geträumt, und doch empfindet er
die Wirklichkeit, wie eine Gemalt.
Alles in jeinem Innern ift heute
jo eigenthümlich erregt. Fantafien quälen
ihn. Menjchen, die jchon lange begra=
ben waren, auch für ſein Gedächtniß,
famen heute Naht aus ihren Gräbern
hervor und drängten fih zu ihm;
Freunde, mit denen er einft gezecht,
Frauen, die er einjt gefüßt, und die
er dann verlaffen — vergefien.
Er gebt jchneller, er läuft fait;
aber jene Geftalten folgen, er vermag
nicht zu entrinnen. Und allen voran
die eine, immer die eine Das
grauenvolle Geſpenſt der Bergangen:
beit erjcheint ihm — — Bergangen:
heit?! Für diefen Mann gibt e8 nur
eine Gegenwart, hatte e8 immer nur
eine Gegenwart gegeben — was füm-
mert ihn Die vergangene Luft, der
vergangene Schmerz! Seinem faufti-
jhen Drange nah Genuß gilt nur
der Augenblid; was hat er mit Ge—
wejnem zu jchaffen ?
Jetzt jchreitet er über einen Platz,
hohe Gebäude ſchließen ihn ein und
die Gebüihe der Anlagen; dahinter
der „Graben“, und dann wieder hohe
Gebäude. Mitten auf dem Platze ein
großes Haus mit VBorhallen und Säu—
lengängen. Der Mann fieht es, bleibt
jtehen und drüdt die Hand vor die
Augen. — Das Schauſpielhaus —
ſagt er; dad Schauſpielhaus —
murmelt er noch einmal; geht aber
nicht fort.
Das Stüd ift lang aus, du Träu—
mer! Zuſchauer und Schaufpieler find
lange gegangen, die Lampen wurden
ausgelöſcht, der Vorhang herunterge-
laffen und das Brautkleid der jchönen
Königin hängt im Schrank bei Gret:
844
hend weißem Sterbehemdb! das Stück Vor ihm fluthet im Mondlichte der
Geiſt ſchwebt über der Schwelle und
dem Manne auf der Straße zudt das
Herz, als greife eine Tobtenhand in
fein warmes, klopfendes Leben. Die
Erſcheinung wanft an ihm vorbei und
fieht ihn an mit den todtgefüßten,
traurigen Augen: ich habe dich geliebt
und du Haft mich getödtet. Es find
diefelben Augen, die ihn heute ſchon
einmal angeblidt au8 dem Marmor:
bild jeiner Walkyre. Den Mann padt
das Grauen, er ftürzt fort. Gretchens
Geift ift aus feinen Augen verichmwun:
ben, aber er fühlt ihn in feiner Seele;
und was er auch thun mag, er fann
ihm nicht bannen. Es fpricht zu ihm
und er muß Alles mit anhören, und
find e8 auch füße, koſende Worte, er
leidet Qualen dabei:
„Wie glüdlih wir waren! Weißt
Du noch den ftillen, heimlichen Fled
auf der Bühne? Wie manden Abend
ftandeft Du da. Ich konnte Dich nicht
jehen, wenn ich fpielte, aber ich fühlte
Deine Gegenwart, daß mir war, als
fündett Du vor mir. Und ich ſprach
nur zu Dir, nur zu Dir! Wie ſchön
das war, im Spiel meiner Liebe zu
leben! Wenn ih Dir meine Seligfeit
zujauchzte, um Dich weinte und litt,
um Dich verzweifelte und ſtarb. —
ALS ich dann wirklich um Dich weinte,
wirflih um Dich ftarb, da erlebte ich
ja nur, was ich fo oft für Dich fpielte,
und da war mein Sterben nicht ſchwer.
Aus ift das Stüf und aus ift das
Glück, und einfam lieg ich im Grabe.” —
Die Geifterftimme in feiner Bruſt
jagt den Mann wie der Ruf jeines
Gewiſſens. Er fchreit auf, um das
traurige Liebeögeflüfter zum Schweigen
zu bringen, aber immer zärtlicher flüftert
und ruft es fort...
Ganz nahe bei fih hört er eine
Nachtigall fchlagen, der Duft meißer
Rofen ftrömt ihm entgegen; er blidt
auf und erkennt den Ort. Die Geiiter-
fimme in feiner Bruft trieb ihn dahin.
ift >08 — geh’ nach Haufe, du Träu- Fluß. Die verflärte Welle hebt fich
mer! Er geht aber nicht. Gretchens
und ſchleudert goldige Tropfen zu den
zitternden Zweigen der Trauerweide
hinauf. Ein Schwan treibt auf der
Mitte des Waſſers; ſein weißes Ge—
fieder iſt in ſprühende Strahlen ge:
taucht. Durch die Wipfel der Bäume
rauſcht es geheimnißvoll. Die Nach—
tigall fliegt fort, aus der Ferne dringt
anderer Nachtigallenſchlag klagend und
wehmuthsvoll an des Einſamen Ohr.
Er will dem Ort entfliehen; aber wie
ein Zauber umfängt's ihn. Wider—
ſtandlos fühlt er ſich vom Fluß hin—
weg, in die Schatten des Parks ge—
zogen. Er ſteht vor einem kleinen
Hauſe; das Gitterthor zum Garten iſt
offen, er tritt ein. Der Springbrunnen
rauſcht; er erkennt ihn, es iſt der
mit dem Delphin ſpielende Knabe.
Der Kies des Gartenwegs knirſcht
unter dem Fußtritt des Mannes. Er
geht an den Rand des Waſſerbeckens,
um ſeine durchgeglühte Stirn mit dem
friſchen Naß zu benetzen. Er neigt ſich
hinab und bleibt wie gebannt, in den
mondhellen Waſſerſpiegel unter ſich
ſtarrend. Auf dem Grunde ſieht er
ſein Bild, die Fluth zittert darüber
hin, er ſieht ſich, wie in einem metalle—
nen Spiegel und erkennt ſich kaum.
Das war ja ſein Antlitz, wie es einſt
vor Jahren geweſen — ein ſtolzes
Jünglingsgeſicht, aber ſchon damals
mit ernſten, traurigen Augen. Je
länger der regungsloſe Mann ſein
Spiegelbild anſieht, deſto bekannter
wird es ihm. Die gelebten Jahre
verſinken unter ihm in die zitternde
Fluth und die Jugendzeit ſteigt ſchim—
mernd aus den Waſſern zu ihm herauf.
Ihm iſt's, als habe er den Mann
nur geträumt, und er ſei noch der
Jüngling von damals.
Und wie er das denkt und ver—
ſucht, es ſich begreiflich zu machen,
ſchweigt die unheimliche Stimme in
ſeiner Bruſt, und die bleiche Erſchei—
nung Gretchens wird ein ſchönes, leben—
diges Weib, ſtolz und lieblich zugleich.
845
Die geftorbene Geftalt feiner erjten
Liebe entfteigt ihrer Gruft und win:
det ihm glühenbe, duftende Roſen um
die Stirn. Er athmet den Rojenduft,
und ihm wird jo wohl und jo meh.
— Eliſabeth! — Seine Lippen mur—
meln den Namen, den er einit, Selig:
feit im Herzen, mit allen Tönen der
Liebe gejauchzt und gefeufzt. — Eli:
ſabeth! — Er ruft e8 laut in die
Naht hinaus, und weiß nicht, daß er
ed gerufen. Seinen Lippen wurde
der Name jo fremd, wie er es jeinem
Herzen geworden. Er fährt auf, und
wieder: — Eliſabeth! — und bei dem
Klang dieſes Namens jteigt es vor
ihm auf — eine Welt, herrlich und
wunderbar — das Eden der erjten
Liebe. Und jet empfindet er auch
das zurüdgefehrte Leben der Jugend.
Mie heiß fein Blut durch die Adern
rollt! wie fein Herz pocht, feine Seele
erbebt !
Er ftarrt empor und erblict fie.
Ym Haufe ift ein Fenſter geöffnet ;
und da fteht fie und ſieht herunter,
lähelnd und den Kopf nah ihm
fhüttelnd, daß die gelben Loden in
das Gefiht fallen. Dann winkt fie
ihm und ruft noch einmal.
Der Mann taumelt auf. Alles ift
jo wunderbar, aber er denkt nicht
darüber nad) und nimmt das Wunder,
wie ein Kind die Gefchichten ber
MWärterin. Er ſieht Elijabeth, er
hört ihre Stimme. Es ift alles Wirk:
fichkeit, er lebt feine Jugend. Elifabeth
ift nicht todt, nicht von ihrer Liebe
zu ihm getöbtet, fie lebt! Es ift
ihre theure Geftalt, und fie blidt zu
ihm herab, fie lächelt und winkt ihm.
— Ich komme!
Er ftürzt fort; bie Thür weicht
dem Drud feiner Hand, er jteht in
der dunklen Flur, er tappt fich Die
Treppe hinauf; oben öffnet fich ihm
-
ihre Thränen. — Wo bift Du geblie:
ben? Ich habe auf Dich gewartet fo
lange.
Sie beugt ſich zu ihm nieder, und
wieder fühlt er ihre Thränen; wie
feurige Tropfen rinnen fie über jein
Geficht, rinnen fie — wie wunderfam
— in feine Bruft; er fühlt fie brennend
im Herzen. — Ich bin bei Dir! —
Das ift Alles, was er fagen fann,
und er wundert fih, daß das Glüd
dieſes Wortes ihn nicht tödtet.
Sie hebt ıhn auf, und wie er
vor ihr fteht, jchlingt fie ihre Arme
um ihn und blidt ihm in's Auge.
Er fieht fie au, bis er nicht3 mehr
jehen fann vor Thränen. — Nicht
weinen, mein Trauter! —
Sie küßt ihm die Thränen aus
den Augen fort und wie ihre Lippen
ihn berühren, ift e8 dem Manne, als
müſſe er aufjchreien vor unnennbarem
Weh, und der Schmerz, den er fühlt,
wol’ ihn erftiden. — Wie e8 um
Deine Lippen zudt, wie traurig Dein
Auge blift! Was it aus und Beiden
geworden? —
Er will ſprechen, aber er kann
nicht, und er wendet fi weg. Sie
geht im Zimmer umher ; er hört ihren
leifen Schritt, und hätte Stunden jo
jtehen können, lauſchend, wie fie an
ihm vorübergeht, und ihre Gegenwart
fühlend. Da tritt fie zu ihm, und legt
ihm ihre Hand auf die Schulter.
„Arthur.“
Er fährt zufammen. Wie es ihn
überläuft, von diefer Stimme feinen
Namen ſprechen zu hören. Das Wort
ift lange gejprochen ; erfteht bewegung
[08, und hört es noch immer. Diefe
Stimme! Er kann es nicht faffen —
und doch ift es fein Traum.
Er fieht fie an. Wie eine Er:
iheinung ſteht fie im Mondſchein.
eine andere Thür, er fieht in ein! Alles an dieſer Geftalt ift licht, das
mondhelle® Zimmer, und in dem Zim:
mer fteht Elifabetb und breitet ihre
Arme nad ihm aus. Er liegt zu ihren
lange, weiße Gewand, die gelben, Teuch-
tenden Haare, das bleihe ſtille Geſicht.
Arthur faßt fie, preßt fie an jeine
Füßen und fühlt auf feiner Stirne | Bruft und fühlt den Schlag ihres
846
Herzens. Es ift Wirflichfeit — er hält
Leben im Arm.
Das blaffe Weib entwindet fich ihm
und lächelt ihn an,
„Sieht du nicht, wie ih geſchmückt
bin ?”
Er braudt lange, bis er fich be
finnt, was fie meint. Doch dann er:
fennt er es wieder, fie trägt das Kleid,
worin er die Geliebte ala Walfyre ge:
meißelt, al3 jene Walfyre, bie ihn be-
rühmt gemadt, um bderentwillen fie
ihn heute gefeiert. Es durchſchauert
ihn, wie er in der Geliebten fein
Marmorbild vor fich ftehen fieht, ganz
diefelbe Geflalt, ganz dasſelbe ftolze
und doch jo grethenhafte Geficht, und
auch eben jo bleih mie der Marmor.
Er ftarrt fie no immer an, ba
faßt fie feine Hand und führt ihn zu
dem Divan in der Ede des Zimmers;
da drückt fie ihn in die Polſter hinein,
und fauert fich zu feinen Füßen hin,
wie fie fonft immer gethan.
Arthur Schaut ſich zum erftenmal
um; und wieder verwirten fich feine
Gedanken, und er kann's nicht begreifen ;
e3 iftalleseben fo, wie es damals ge:
weſen: die Polfter und Teppiche, bie
Marmorbüften und Vaſen. Diejelben
grauen, verwelkten Lorbeerkränze hän-
gen um das Gypsbild, das er felbit
von der Geliebten modellirte. Auf dem
Tiſche liegt ein glänzendes Atlasfleid
und die Guitarre mit dem vergilbten
Seidenbande, auf der er fo mandhen
Abend der jchönen geliebten Frau trau:
tige oder glüdjelige Weifen gefpielt,
zu denen er ihr feine Lieder gefungen.
Tauſend Tändeleien und Andenken er:
fennt er, die fie alle aus feinen Hän-
ben empfangen, die alle an ihn und
feine Liebe erinnern: Bilder und
Skizzen, alle von feiner Hand, alle,
das Bild der Geliebten auf Leinwand
und Papier, in Gyps und in Marmor;
ihr Fuß, ihe Arm, ihre reizende
Schulter. Ueber dem Schreibtiich hängt
ein Gemälde von ihm, friiche Blumen
ſchmücken es, ein Flor, ver darüber:
gehangen, ift heruntergerifjen.
Mas für eine Geihhichte erzählen
ihm diefe leblofen Dinge, eine Geſchichte
von leidenfchaftlicher Liebe, von trun:
fenem Glüd, und dann — —
Der Mann auf dem Divan will
benfen, wie das Alles gekommen ift,
wie das, was er jegt erlebt, möglich
it, doch er vermag nicht zu denken.
Diefe Dumpfheit in ihm! Zeit —
Leben — er verjteht es nicht. Sein
Geiſt verfinft in auf: und niederfteigende
Nebel; faum daß er noch das Dajein
empfindet. Er athmet jo leicht, er
glaubt die Freiheit des Stofflofen zu
fühlen; er fieht auf die theure Frau
zu jeinen Füßen, und erft jetzt begreift
er, was Glüd ift.
„Biſt Du nicht todt ? Hab’ ich Dich
nicht verlaffen, nicht vergeffen? nicht
Deine Seele getöbtet ?“
„Du fiehft ja, ich lebe.“
„Und ich glaubte, einfam ſeiſt Du
geftorben, in Gram, in Verzweiflung.
Ich liebte Dich, aber e3 riß mich von
Dir fort, e8 ftieß mich gewaltfam hin-
weg. Weißt Du, was Ehrgeiz ift, und
fennft Du die Gier nah Ehre
und Ruhm? Teufel find es, Dämonen !
Mie das lodt und winkt! Ehre —
Ruhm — und wir ftürmen bahin.
Mas uns in den Weg tritt, ftoßen
wir fort, und jchleudern wir von ung.
Wenn unſer Fuß auch darüber
binmegjchreitet, wenn es unter unjerm
Fußtritt auch ftirbt. Hurrah! Huſſah!
die wilde Jagd nach dem Ruhm. Wir
beten das Wild, und bald bricht
der bleihe Schüge auf der Beute
zuſammen!
Eliſabeth ſchmiegt ſich an ſeine
Kniee, ſieht zu ihm auf und flüſtert
ſeinen Namen.
Er reißt ſie vom Boden auf, und
ſtürzt vor ihr nieder. — Vergib mir!
Es gellt ein Schrei durch das
Zimmer, dann bleibt's lange ſtill.
Endlih wieder leiſe flüfternde Stim—
men.
Frauenliebe ift unfterblih. Sie
wird getödtet und begraben und fteigt
847
aus ihrem Grabe empor. Mein Freund,
bald dämmert der Morgen.
Du ſchickſt mich fort? laß mich
bleiben, Elifabeth !
Sie küßt ihn und jagt ihm dann
wieder: „Geh' fort! geh’ fort!”
„Richt ohne Dich!“
„So komm.“
Gie gehen aus dem Zimmer und
verlaffen zufammen das Haus. Noch
ift e8 Nacht, noch fcheint der Mond,
aber matt und bleib, und die
Nahtigallen find in den Roſen-Ge—
büſchen verftummt. Sm Dften am
Himmel röthet es ſich.
„Wohin gehen wir?”
Eliſabeth anmortet nit. Sie ift
noch bleicher geworben. Kalt und ſchwer
liegt ihr Arm in dem feinen. Sie
gehen duch die Wege des Parks und
Arthur fragt nicht mehr nad dem
Biele. Beide willen, wohin.
Sie find angelommen. Bor ihnen
im Dunfel des Eichenwaldes erhebt
fih da8 Denkmal: die Walkyre und
der junge, cefallene Held. Palmen:
zweige und Blumen liegen = den
Stufen und umminden den Sodel;
das Haupt der Walfüre ift mit friſchem
Lorbeer befränzt.
Elifabeth deutet auf das Werk des
Geliebten :
„Deine Walkyre trägt den Lorbeer:
franz! Warum bift Du fo traurig,
mein Freund?“
„Mein Zorbeer blüht, indeß Deine
Myrthe verwelkte. Elijabeth, ich bin
ein elender Mann !*
Frauenliebe ift unfterblid! — —
— — — — — — — — — —
Der Mond verblaßt, die Schatten
verſchwinden und der Tag bricht an.
Eine Lerche jubelt zum Morgenhimmel
empor, und der Schläfer auf den
Stufen des Siegesdenkmals erwacht.
Der erſte Strahl der Sonne ftrömt
aus der glühenden Wolfe und fällt
leuchtend auf das Haupt der Walfyre
und verwandelt den Lorbeerfrang in
eine firahlende Krone.
„Eliſabeth!“ jchreit der Mann
auf, aber feine Stimme gibt Antwort:
bier bin ih. — „Alles nur Traum!”
Arthur finkt auf die Stufen zurüd.
„Du bift tobt!”
„Frauenliebe ift unfterb
lich,” hallt es wie dad Echo einer
fernen Stimme durch feine Seele, und
ber ftarfe Mann weint.
848
Aus dem Zella:Thal.
Bon Ant. v. Raufdenfels.
Bon namhaften Färtnerifchen Ges ſcharf ſich von einander abfondern, wie
wäflern ift es nur der einzige Fellafluß,
der feinen Lauf über die Grenze Sta:
liend nimmt, wo er bei Amaro feine,
grünlichen Fluthen mit benen des
Tagliamento vermiſcht, der unmeit
Ratifana in die blaue Adria mündet.
Die Fella bildet fih Hinter Saifnitz,
wo mehrere fleine Wafferadern von
ben ſonn- und fchattenjeitigen Berg:
lehnen fi loslöſen und zu einem
Heinen Bächlein vereinigen. Aber ſchon
vor Uggowitz, woſelbſt fie zwei wafler:
reihe Bäche, die Uggwa, von ber
Uggowiger Alpe kommend, und ein
größeres Gewäſſer, das durch dunkle
Erlenauen aus dem wildſchönen Sei-
tenthal von Wolfsbah murmelnd ein:
herrinnt, in ſich aufnimmt, wird ſie zu
einem lärmenden Flüßchen. Es treibt
bereits in Malborghett unterſchiedliche
Waſſerwerke oder vielmehr hat ſie
getrieben, denn die dortigen Eiſen—
hämmer find gleich anderen in Ober:
färnten längft eingegangen und deren
Waſſerräder, injomweit fie nicht bereits
auf Küchenherben oder in Stubenöfen
fih in Ajche verwandelt haben, mor—
chen trübfelig dahin in den verſandeten
Gerinnen. In Bontafel erhält die Fella
einen raujchenden Zufluß durch bie
PBontebbana, die an den Hängen des
Maldatſch entjpringt und im Stuvena-
Graben nahezu drei Stunden weit
die Grenze zwischen Kärnten und Friaul
bildet. Ueber diefen Grenzbach, nicht
über die Fella führt die befamute
Brüde, welche Deutjchpontafel (Bon:
tebba Ymperiale jagen die Italiener)
mit Pontebba Beneta verbindet und
an ber die beiden Völkerfchaften, hüben
Deutſche und drüben Staliener, fo
nirgend anderswo auf der langen Bo:
genlinie der Alpen, vom Gottharb bis
zum abriatiihen Meere. In Pontafel
wendet fih das Fellathal faft unter
einem rechten Winkel von feiner bis:
herigen weſtlichen Richtung gegen Süben;
die Vegetation ändert fih wie mit
einem Zauberfchlag, Fichten und Tan-
nen find verfchwunden, bie teilen Leh—
nen, wo das Geſenke es geftattet, mit
Zaubholz umfleidet, ſchöne Nuß-, Pfir:
fih: und Maulbeerbäume umfäumen
die ſchmalen Maisäder und ftehen
wohl aud mitten barinnen, man
merkt es insbefondere auh an ben
malfiven, mit Hohlziegeln gebedten
Häufern, daß man nicht mehr in
Kärnten ift, ſondern das Land betre:
ten hat:
. „che l’Appennin pärte
Ed il mar circonda e l’Alpe.
Das Fellathal (il canale del ferro)
wird in neuerer Zeit viel genannt,
weil dur dasjelbe binnen Kurzem
die Pontebbabahn als drittes Verbin:
dungsglied zwiſchen dem italienischen
und öſterreichiſchen Eifenbahnneg, an:
Ichliegend an die Rudolfbahn in Tarvis,
in's Leben trete fol und doch huben
fich unfere Zeitungen noch immer nicht
angewöhnen können, Pontebba richtig
mit doppeltem b zu jchreiben, fonbern
druden hartnädig Ponteba, was um
jo mehr Wunder nimmt, als gerade
die Deutſchen es find, die jedesmal,
wenn ein Staliener oder Franzoſe fich
in folcher Beziehung verjündigt, am
meiften die Naſe rümpfen. Das Fella:
thal ift eigentlich fein Thal, fondern
von Pontebba bis Chiufaforte eine
langgedehnte romantische Felfenfchlucht,
849
bie nur jo breit ift, um dem toſenden
Fluß und der Heeresftraße Raum zu
gewähren. Erft bei Nefiutta geht der
ſchluchtartige Charakter diefer Defileen
in thalartige8 Gelände über und bei
Piani di Portis, wo die Fella ihre
Gewäfler an den Tagliamento abgibt,
erreicht die Thalſohle eine Breite von
anderthalb Kilometern. Himmelhohe
Felswände, meiftens fahl, nur hie und
da mit einer mageren Bergmwieje oder
mit einem jchmalen Waldjchöpfchen
ausgeftattet, nur felten von einer Sei-
tenſchlucht unterbrochen, aus der ein
Bächlein von Klippe zu Klippe fällt
und über abgerollte Steinblöde jchäu-
mend ber Fella zueilt, begleiten ben
Wanderer, der an dem ftarfen Gefälle
des Fluffes und der Straße leicht
merken kann, daß es raſch abwärts
geht zur oberitalienifchen Ebene. An
vier Punkten münden Seitengräben in
das Thal der Fella, nämlich bei Dogna,
ein fchmaler unbemwohnter Felfenfpalt,
durh welchen man auf die Almen
des Montaccio fteigt, und darüber
hinaus nad) Wolfsbah hinab gelangt.
In Ehiufaforte der NRacolana-Graben
mit verfchiedenen Häuferbüfcheln befegt,
darunter das Dörfhen Sta. Maria
del Saletto mit einer fchönen neuen
Kirche.
Ein vielbetretener Fußpfad führt
durch diefen Graben auf die Tarvifer
Alpe und von da hinunter zum Raibler
Eee. In Refiutta mündet das interefjante
Hochthal der Nefia, das von Slaven
bewohnt wird. Von der Refia aus be:
fuht man am bequemften die Monte:
Canino-Gruppe mit ihrem merfwür:
digen Gletſcher, und mag dann ben
Abftieg nah Flitſch hinab nehmen.
Enblih kurz vor der Mündung ber
Fella in den Tagliamento thut fich
das Thal von Aupa gerade nad) Nor:
den auf und der Eingang dieſes Tha—
ort des Thales in politifcher Bezie—
hung ift Moggio, ſonſt aber find Chiu-
faforte und Nefiutta ziemlich anfehn-
liche Fleden, bejonders erfteres, das
aus verjchiedenen, an die jonnfeitige
Berglehne malerifh bingebauten Häu—
fergruppen befteht, hat eine reizenbe
Lage. Von einer Cultur in der Thal:
fläche ift aud) von Ehiufaforte abwärts
feine Rede, biejelbe weift durchwegs
ein ſteriles Schotterbett, welches für
gewöhnlich die grüne Fella, in mehrere
Arme gefpalten, durchzieht, bei Hoch—
wafler aber ift die ganze Thaljohle
ein drapfärbiger See, der von einer
Bergwand zur anderen reicht. Nur
bei den vorgenannten Ortfchaften wur—
den der Schotter-Wüftenei etliche hun—
dert Hefture Grund mühſam abgerun:
gen und auf dieſem, jomie auf den
Lehnen, die hie und da etwas fanfter
abfallen, entwidelt fih üppiges Pflan-
zenleben, faft in fo geilem Schwunge,
wie draußen in den Niederungen au
der Piave oder Brenta. Die Rebe
ranft an der Bappel empor und jpinnt
fih als Guirlande von Bush zu
Bud, die wälſche Nuß, die Kaſtanie,
der Maulbeer:, Pfirfih: und Feigen:
baum merfen ihre Schatten auf vier:
mähdigen Wiefengrund oder auf gelbe
Maisfelder und dieſe farbenprädhtige,
lachende Vegetation jteht im wunder:
baren Gontrafte mit dem jchneemweißen
Kies im Flußbette und mit den ernften
grauen Felswänden, die ringsum gleich
viefigen Feſtungsmauern dieſe Kleine
Melt gefangen halten. Es ijt ein
armes Boll, das da im Fellathale
hauft, der karge Boden vermag es
nicht zu nähren, aber es find regſame,
arbeitsluftige und findige Leute, bie
ſich zu helfen wiſſen.
Die Mannsleute wandern während
der guten Jahreszeit aus, ald Mau:
rer, Steinmetze, Ziegelichläger, Holz:
les, den die uralte Abtei Moggio auf|arbeiter, Köhler u. ſ. w., zunächſt
einem rebenbefränzten Hügel bominirt, !gerne nad Kärnten, wo fie ob ihres
bietet eine fo malerische Felsfcenerie | Fleißes und ihrer Genügſamkeit un:
wie fie in den friaulifchen Alpen fein | ſchwer Verwendung finden, ja fogar
zweites Mal wieberfehrt. Der Haupt: | den einheimifchen Arbeitern eine bebenf-
Bofeggers „Heimgarten‘“ IL. Heft.
54
850
liche Concurrenz machen. Jeder eriparte
Gulden wird getreulih nad Hauſe
geihidt, wo Weib und Kind und bie
bejahrten Großeltern dem beichränften
Heimmejen ſorgſam vorftehen. Im
Spätherbfte fehren fie an den väter:
lihen Herd zurüf und dann lebt die
ganze Familie den Winter über von
den gemadten Erjparniffen, von dem
wenigen erbauten Kufuruß und etlichen
erzielten Ziegenfäfen. Lange war man
der Anficht, und man kann es heute
noch in den Büchern lejen, die Sprache,
weldhe in ber Provinz Friaul, alſo
auch im Fellathale gefprochen wird, jei
ein Gemiſch von italienischen, ſlaviſchen
und deutſchen Worten, aber nichts
fann untichtiger fein; die friaulifche
Sprade ift eines jener ladiniſchen
Idiome, die von der Adria bis zum
Meerbufen von Biscaya in verichiebe-
nen Dialeften in Tirol, Wallis, Grau:
bünbten, Sübfranfreih und Spanien
geſprochen werben. Es find romanifche
Dialekte mit nur geringer Beimifhung
fremder Worte, das Friauliſche ift
einer der ausgebilbetiten und eigen:
thümlichjten darunter. Manche Phra—
jen lauten ganz Tateinifch, 3. B.: tu
stas in tantis miseriis, wie benn
überhaupt das Friaulifche ſchneidiger
Hingt als das Stalienifche und fich
für den Geſang weniger eignet als
dieſes.
Gegenwärtig iſt das Fellathal von
Chiuſaforte bis Gemona ungemein
belebt durch Tauſende von Arbeitern,
die beim Baue der ſogenannten Pon—
tebbabahn beſchäftigt ſind. Stunden—
lang fährt man längs koloſſalen Skarp—
mauern, Terraineinjchnitten, Felsjpren:
gungen und Qunnelbauten bin, bie
Straße ijt häufig verrammelt oder
wenigſtens beengt, durch abgefprengte
Felsjtüde, Quaderſteine und aufge:
Ihichtete Ziegelmaffen; alle möglichen
Geſpanne fahren ab und zu mit ben
verjchiedenen Baumaterialien, und daß
es bei alledem jehr laut hergeht, ma.
man ſich bei der Lebhaftigfeit des
italienischen Arbeiters denken, die Com:
manborufe ber Partieführer, das a-ho,
o-he der Steinwälzer, die Bohrjchläge
der Mineure, der jchallende Aufichlag
der Nammbären auf die Biloten,
der unterirdifche Donner der Spreng-
Ihüffe in den Tunnels und das Ge-
frahe der Minen am Tage geben
zufammen einen Höllenlärm, der fi)
manchmal bis zur Höhe eine® Wag—
ner'ſchen Opernfinales fteigert. Der
Gentralpunft diefer Ameijenthätigfeit
ift in Ponte di Moggio, eine kleine
Häufergruppe an der Stelle, wo eine
hölzerne Brüde über die Fella nad
Moggio führt. Es war gerade am
Vorabende Quindicina (vierzehntägiger
Zahltag), als ich dort anlangte. Auf
der engen Straße — einerjeitz jtehen die
paar Häufer, in melden die Bau:
unternehmung ihr Hauptquartier auf:
geichlagen hat, an die rüdwärtigen
Felſen gelehnt, anderjeits fällt eine
Stützmauer ſenkrecht in’3 Flußbett ab,—
berrjchte ein Gedränge wie auf einem
Jahrmarkte. Arbeiter mit Grubenlam:
pen, Pideln und Steinbohrern umla—
gerten das Fenſter eines Bureau’s, in
welchem abgerechnet wurde. Maulthier:
treiber, Fuhrfnechte und Frächter wur:
den auf der Straße ausbezahlt. Wei:
ber und Kinder fanden in Gruppen
zur Seite und harrten de3 Ernährers,
der feinen PVerdienft, faum behoben,
in Mehl, Käfe und zwanzig anderen
Dingen anzulegen mehrfache Gelegen-
beit fand. Da find nämlich die ſoge—
nannten Magazine, wo dem Arbeiter
das Fell über die Ohren gezogen wird,
improvifirte Schenfen mit „Birra di
Graz“, „Vino nostrano* „aquavita“,
Käfe, Salami, kurz mit Allem verjehen,
wad dem Arbeiter miünjchenswerth
ericheinen mag und womit er für baar
oder auch auf Credit gegen gewiſſe
Procente bedient wird. Schneider haben
fertige Anzüge ausgelegt, Krämer ver:
faufen Wäſche, Kotzen, Jacken und
Nürnberger Waaren. Schuhmacher bie:
ten ihre Erzeugniffe aus, die aber bei
weitem nicht jo geſucht find, wie jene
ihrer Gollegen in Holz, welche bie
—
geſchnitzten dalminis (Holzſchuhe), die
der friauliſche Arbeiter trägt, maſſen—
weiſe abſetzen. Dazwiſchen drängen ſich
und Pfirſichen, Buben und Mädchen, |
die mit ſchriller Stimme Tabak und
Cigarren anpreifen, auch ein Cafe
fehlt nicht,. in welchem die fupferne
Kanne mit dem orientalifhen Trank
unaufhörlih die Runde macht und
zweifelhafte liquori verdächtige Gerüche
ausftrömen.
Ueber all’ das aber breitet fich
ein Fleck wolkenloſen Firmamentes,
gegen Weiten goldig verbrämt von der
untergehenden Sonne, welche bie fahlen
Spigen und Zinnen der ringsum ragen:
den Dolomite erglühen madt, wie
jchmelzendes Eiſen. Und unten fließt
die grüne Fella, der ungeftüme Alpen:
fluß, geräuſchlos dahin. Er hat die
Dppofition der Felstrümmer, bie ihm
den Weg verlegen wollten, gebrochen,
die Gewalt feiner Fluthen zerjchellte
einen Blod an dem andern und zer:
trieb das miberhaarige Geftein in ge:
jchmeidigen Kies, mit dem er jein
Bett belegte und nun in fanftem Fall
darin weiter gleitet. Vom Thurme
der Abtei am jenjeitigen Ufer klingen
die Veſperglocken herüber, aber Nie:
mand folgt ihrem Rufe, Arbeit und
Erwerb iſt hier die Loſung, die Er:
hebung des Geiftes zu Gott ift ver:
tagt auf künftige brodloſe Zeiten;
jelbft der Werfelmann, der mitten in
dem milden Trubel Donizetti’s ſüßeſte
Melodien mit wohlangepaßter Trompe:
tenbegleitung erichallen läßt, findet
nur geringen Anklang, jchier umjonft |
flötet feine Orgel:
| Verranno a te sull’ aura — tra-tra
I
miei sospiri ardenti — tra-tra
Udrai nel mar che mormora — tra-tra
'L’eco de’ miei lamenti — tra-tra-traaa.
Obftverfäufer mit Trauben, Pflaumen |
Niemand gibt einen Gentejimo,
man vertröjtet ihn auf morgen, als
auf den Sonntag, wo er „al becco
turchino“, d. i. beim „blauen Bock“
in Refiutta zum Tanz aufjpielen wird.
— Ad, wie lange noch und Al’ da
raſch pulfirende Leben wird vergehen,
wie die in’! Waſſer getauchte Fackel
verlifcht ; die jchnaubende Locomotive
bringt andere Menſchen; der Fremde,
der diefen Alpenpaß paffirt, wird vom
Waggon aus die großartige Natur
der riefigen Kalkiteinriffe und Dolo:
mitobelisfe bewundern und ftaunen über
das menschliche Genie, welches durch
all’ dieſe Hinderniffe die Bahn zu
brechen wußte für die völferverbindenden
Scienenftränge; aber faum wird Se:
mand je eine richtige Ahnung haben,
welche koloſſale Summe menjdlicher
Arbeit aufgewendet werden mußte, um
diefe Bauten zu errichten, wie alle
Leidenschaften, vom ebeljten Ehrgeize
bis zur gemeinjten Habſucht, mitge:
wirft haben, um das hehre Werk zu
Ihaffen, welche Bäche menjchlichen
Schweißes diejes Gejtein netzten, welche
Flüche die Luft bdurchzitterten beim
Miplingen und dann wieder welch’
freudig Jauchzen das Echo wachrief
in Momenten des Gelingens, — wie
viele Hoffnungen hier vernichtet, wie
viele Lebenskraft gebrochen, wie viele
Thränen vergoſſen wurden — — ja
daran denkt in künftigen Zeiten Nie—
mand mehr; — eine ſehr intereſſante
Bahn, dieſe Pontebbabahn, wird man
jagen und damit hollah!
b4*
852
Auffee das Herrlide.
Eine touriftifche Plauderei von P. A. Roſegger.
Die Rudolfsbahn ift und bleibt
Meifter. Sie gab der Welt das Ge
fäufe und die großartigen Naturfchön:
heiten an der Gail und an der Save.
Aber die Elifabethweftbahn jagte: „Ich
biete ben Touriften Salzburg, wo die
hohen Berge, und Tirol, wo bie
hohen Kirhthürme ſtehen“ — und
baute bie Gifelabahn. Hierauf ant-
wortete die Rudolfsbahn: „Werthe
Nachbarin, das ift wohlgethan, aber
das Allerfhönfte verfehlft du doch.
briht, wird ihm wohl beizulommen
fein,” meinte die Rudolfsbahn.
„Durch den Stein wilft Du?“
lachte die Weftbahn, „mit dem Kopf
dur die Wand mwillt Du! Und an
bie furchtbaren Waffer denkſt Du nicht,
die von den Wänden bes Grimming
und des Kamm nieberftürzen in bie
Schlucht der Salza, daß es brauft und
kracht und man feinen eigenen Pfiff
nicht mehr hört. Nachbarin, die Strede
durch den Stein ift fein Meg für
Bitte, lang’ mir den Spaten, ich grabe | unfereinen.“
den Weg nach Auſſee, Hallſtadt, Iſchl,
nach Ebenjee und dem Wolfgangsfee.“
Da lachte die Weſtbahn und rief:
„Schau einmal den Grimming an.
Der liegt da, wie ein lauernder Drache,
ee läßt feine Zocomotive ins Auſſeer—
thal.“
„Ich bin mit den Ennsthalerbergen
fertig geworden”, fagte die Rudolfs—
bahn, „und ich habe die Ketten des
Mangert und des Triglau zerjprengt, ich
nehm's mit dem Grimming auch auf.“
„Frag' einmal bei der Bevölkerung
der Gegend an“, fagte die Weftbahn,
„ob der Grimming nicht der wildeſte
und höchſte Berg des Landes ift, der
mons altissimus !”
„Wer Berge nur mit den Augen
mißt, dem mag e8 jo fcheinen; in
Wahrheit ift der Grimming nicht höher
als 7425 Fuß.”
„So viel, wie 2346°3 Meter, ver:
befjerte bie altfiuge Weſtbahn, „gebe
es zu, aber jhau, Nachbarin, wie er
feine fünfzehn Zähne fletſcht und wie
er jedes Jahr feine Felsblöde nieder:
fpeit ind Thal.”
„Bon hinterwärts, wo aus bem
Mitterndorferthal die Salza heraus:
„Gut, jo werde ich bei Steinach,
dem Grimming vor dem Rachen, vor-
überfahren“, jagte die tolltühne Rubolfg:
ba
n.
„So,“ bemerkte die andere ſpöttiſch,
„alſo dort, wo wie von einem Kirchen—
dache, ganze Schneefelber niederftürzen
und erft im vorigen Frühjahre eine
ungeheure Schneelamwine einen ganzen
Wald niedergerannt, und ein Menfchen:
leben vernichtet und Roß und Wagen
erſchlagen hat — dort millft bu hin:
über, dem Grimming-Ungeheuer zum
Trotz?“
„Wohl, dieſem Ungeheuer werden
wir einen eiſernen Ring durch die
Naſe ziehen“ — antwortete die Ru—
dolfsbahn und bohrte den Tunnel bei
Pürg, und ſprengte die Felſen entlang
des rauſchenden Grimmingbaches, und
wohlerhalten iſt ſie drüben im Hoch—
thale von Mitterndorf. Auf dem Höhe—
punkt ihres Weges, wo man zwiſchen
dem ungeheuren ſenkrechten Gewände
des Grimming und den Felsſtürzen
von Pürg zurückſieht ins Thal der
Enns, und wo man gegen Weſten das
blauende Kammergebirg bis zum Kop—
pen bei Auſſee ſieht — im Dörfchen
853
Klachau Hält fie erfte Raft. Dann zieht | feine ftaubige oder lehmige Fußbeflei-
fie die Linie über das Hodthal. Ein
wunberliches Hochthal — fo ſchön und
fo öbe.
In weiter Runde ift e8 eingebürgt.
Im Norden ftehen die Vorwände bes
tobten Gebirge, wo der Sage nad)
der wilde Jäger noch haufen joll, der
heute aber wahrſcheinlich durch den
Wildſchützen erfegt wird. Im Weiten
und Süden ruht das mwaldreiche Kam:
mergebirge mit feinen fteinigen Hoch:
feldern, die fich bis an die Gletjcher
des Dachſtein ziehen.
Gegen Dften nun ragt der Grim—
ming, welcher von hier aus gejehen
die Geftalt eine® auf feinen Hinter:
füßen figenden ungeheuren Löwen hat.
Er hängt mit feinem andern Berg zu:
jammen, noch allen Seiten fallen feine
furchtbaren Wände in enge Schluchten,
in’3 tiefe Thal. Auf feinem Haupte
liegt ewiger Schnee, zu feinen Füßen
wüthen die gijchtenden Wellen des
Grimmingbacdhes und der Salza. So
it der Grimming ber impofantefte
Berg des Lanbes.
Das Hochthal von Mitterndorf
hätte gute Luft, ein großer See zu
fein — überall Wafler und Sumpf-
boden, grüne Wiefen mit ſaurem
Gras; viele Heuhütten, wenig Aecker
und Obftbäume. Die Dörfer mit ihren
weißen Wänden und jchimmernden
Schindeldächern ftehen faft ohne Baum
und Straud. Aber die Häufer, wovon
bie meiften einen Stod hoch find, ftet3
mit zierlicher aufrechtftehender Latten⸗
verjhallung und grünen Fenfterbalfen
verfehen, machen den Einbrud der
Mohlhabenheit. Auf mandem Haufe
ragt nach ſalzburgiſcher Sitte ſchon das
Glockenthürmchen; bie Glode dient zum
Mahlzeitläuten, aber noch mehr zum
Nothzeichen, wenn die Hilfe der Nach:
barjchaft erheifcht wird. Im „Innern
ber Häufer herrſcht eine faft hollän—
diſche Neinlichkeit ; an manchen Haus:
thüren findet man fogar Holz: oder
bung gegen fie zu vertaufchen.
In Mitterndorf hält die Eifenbahn
ihre zweite Station; der Tourift findet
e3 aber völlig überflüflig, feinen com:
fortablen grüngepolfterten Salonwagen
auf einige Minuten zu verlaffen, denn
er ift mitten in feinen feinen Glas—
mwänden, bie noch obendrein nieberzu=
ſchieben find, wie im Freien. Das viele
Eifenbahnfahren ift in der Regel fein
angenehm Ding, aber die Einrichtungen
unferer ſchönſten Alpenbahn bemeijen,
daß recht gut ein Vergnügen daraus
gemacht werben Fann.
Die nächſte Station ift Kanifch.
Hinter derfelben engt fih das Thal;
zwifhen Waldlehnen an einem leb—
haften Bache gehts Iuftig hinab zu ben
Ufern der Traun, wo in der Mufchel-
frone feiner Felfen, im lange feiner
Seen bie Perle von Steiermark ruht
— das herrliche Auffee.
Bon der Sann her über’3 ganze
Land hat die Natur reihe Gaben ge:
ftreut, aber hier an ber Grenze hat fie
Alles was fie an Großartigem beſaß,
auf Einem Fled ausgeichüttet. Auffee,
die Wiege der grünen Traun, in beren
tiefen Seen bie Gletjcher des Dachſtein
fih ſpiegeln. —
Das Auſſeerthal iſt klein, ja es
iſt eigentlich gar kein Thal, es beſteht
aus ſanften, zumeiſt mit grünen Matten,
theilweiſe mit Nadelwald bedeckten
Höhungen und engen Schluchten, in
denen überall Hattlihe Wäſſer rauſchen.
An den Ufern raſſeln Holzſägen,
klappern Mühlen, kocht, aus den Fels—
bergen geſchwemmt, das köſtlichſte Ge—
würze unſeres Brotes, der Weisheit
und der Ehe Symbol, das heilige
Salz. Und wo ber Wald die Ufer
bejchattet, fteht wohl der Fiſcher und
ladet mit einer Schnur an der Stange
die rothbefternten Forellen ein, einmal
ein wenig in bie trodene Quft heraus:
zufommen.
Mitten in der Gegend ftehen ein
Strohſchuhe, die den Eintretenden, und | paar bemwalbete Bergpyramiden, bie
wäre e3 auch ein Fremder, einladen, |leicht zu befteigen find und eine herr⸗
854
liche Ausfiht bieten. Diele Gegend
nun ift von hohen Felswänden und
Bergriefen umgeben, zwiſchen welchen
nur wenige Päfle ins Weite führen.
Zwiſchen den Hochmafjen des Sarftein
und des Koppen ſchimmern die Schnee:
felder des Dachſtein hernieder. Tief
zu den Füßen der vom todten Gebirge
vorjpringenden Türfenfuppe, weißen
Mand, Triffelmand, des Sandling und
des Lofer liegen die drei Seen, wovon
der Grundelſee der größte, der Altau:
jeerfee der ſchönſte und der Tuplitzſee
der intereſſanteſte ift.
Der Grundelfee hat einen Waifer:
jpiegel von 736 Hoch und enthält
föftliche Salblinge, Forellen und Nuten.
Er ift der Toilettenſpiegel prächtiger
Sommerhäujer, die an feinen Ufern
jtehen. Die gefhmadvollen Pillen
des Grafen Meran und des Eblen von
Nebenburg gefallen ung wohl am beften.
Der Altaufeerjee ift nach drei Seiten
von ſchroffem Gewände eingejchloffen ;
er mißt 372 Joch. Aus ihm werben
jährlich gegen 2000 Salblinge und bei
10 Centner Forellen gehoben, welche
fih theilmweife die Badegäjte und Tou—
riſten ſchmecken laffen, theilweiſe ver:
ſendet werden. An der freien Seite
des Sees liegt maleriſch hingeſtreut
das Dorf Altauſſee, mit feinen zahl:
reihen Herrenhäuſern — eines freund-
liher, als das andere — ber aller:
Ihönfte Punkt unferes jchönen Lan—
des, an welchem des Morgens zwei
Sonnen glänzen, die von Oſten auf:
fteigende und das Eisfeld am Dad):
ftein. Dort zu hinterſt im Ge
birge ragt der Gletjcherberg mit feinen
grauen Thürmen,
Er jcheint — um und niedrig im
Thale Stehende nicht zu beſchämen
— auch beſcheiden niedergebudt ; aber,
je höher wir emporfteigen an bem
Lofer, defto mafjiger wächſt er hervor
aus dem Bebirge, und endlich fteht er
als troßiger Zwinger ba über dem
ganzen weiten Rund, und fein ijt bie
Herrlichkeit in Steiermark, Oberöfter:
reih und Salzburg.
|
Der kleinere Tupligfee liegt büfter
zwifchen Wald und bräuenden Wänden.
Ar feinem Ufer fteht ein Denkftein
mit der Jahreszahl 1811. Hier hat
unfer Erzherzog Johann feine Liebliche
Anna von Auſſee das erftemal gejehen.
Er kehrte von einer Jagd zurüd ; bie
Auffeer bereiteten dem hohen Gaft ei—
nen feftlichen Empfang und mit weiß:
gekleideten Kranzjungfrauen famen fie
ihm bis zum Tupligjee entgegen. Der
Prinz nahte; die Mädchen überreichten
ihm Blumen; eines aber jtand abſeits
und getraute fih nicht vor zum hoben
Herr. Dem Erzherzog fiel das auf,
er trat zu der Schüchternen hin, faßte
fie an der Hand und fragte lächelnd,
wie fie heiße und ob fie fih vor ihm
fürchte.
Ana Heiße fie.... Und daß
fie fih fürdhtete, bewies das leife
Zittern ihrer Hand, die Thräne in-
ihrem Auge.
So, und nicht, wie die Sage geht,
auf dem Bod als Kutfcher verkleidet,
hat Johann von Defterreich feine nach—
malige Gattin aus bürgerlihem Stamm
das erjtemal gejehen. —
Lieb und werth ift jedem Deiter:
reiher das Haus Nr. 37 auf bem
Meranplag in Auſſee. Das war die
alte Poſt, das Heimatshaus der nun
betagten Frau Gräfin Anna von Meran,
welche zur Sommerszeit ftet3 mehrere
Monate in demfelben verlebt, um bie
Romantik ihrer Jugendzeit immer wie:
der zu träumen.
Um wieder zu den Naturjchön:
heiten Auffees zurüdzufehren, ift noch
erwähnenswerth ber Eleine Kammerjee,
ein Königsfee in feiner finfteren Wild:
beit; der Debenfee, der Zangenfee, der
Elmſee, der Wildenfee und andere, die
hoch in den Steinkefjeln des Gebirges
liegen.
An Höhlen, Wetterlöhern und
Waſſerfällen ift die Gegend reich ; und
jeder diefer Natur : Merkwürdigkeiten
fommt eine Sage zu, und jeber Sage
ein Glauben, und fo gejellt fich ber
855
pittoresfen Wirklichkeit auch die Phantaſie
und macht die Gegend wunderbar.
Bon den Seen fommen bie beiden
Arme der Traun, unb dort, wo fie
ihre Arme in einanderlegen, wie ein
junges Ehepaar, das plöglid Ein Leib
ift, haben fih die Menſchen ein ftatt:
liches, vielfältiges Neſt gebaut.
Das Neſt ſchmiegt fih in eine
Schlucht, in welche von allen Höhun:
gen und Seitenſchluchten gute Straßen
und weiße Sandwege niedergehen, mo
hinein fich zur Sommergzeit auch zahl:
reiche Fremde niften — zumeift Tauben:
paare, bie und ba ein Adler, aber
auch manchmal ein Kufuf darunter —
und fih in ben Sool- und Alpen-
wafjerbädern gütlih thun. Das Neft
beißt Markt Auffee.
Einzelne Gebäude bezeugen biejem |
Drte ein jehr hohes Alter. Die Kelten
und Römer werden noch verjpürt, bie
bier ſchon das Salz für ihr Wilbpret
gejotten haben mögen. Die Peft war
da; Neligionswirren haben die Ge:
ftade der Traun beunruhigt.
- Km 16. Jahrhundert wollten auch
die Auffeer Iutherifch werben, aber die
katholiſchen Herren richteten an ver:
fhiedenen Punkten Galgen auf, „um
die verirrten Schäflein wieder frei-
willig zum fatholifchen Glauben zurüd:
zuführen”. —
Des Weiteren "hat fih allgemein
Wichtiges Hier nicht viel zugetragen,
und Auſſee gehört nicht zu jenen Orten,
die heute noch an ber Vergangenheit
zehren — im Gegentheile, es zehrt an
der Zukunft. Und ſehr wahrſcheinlich
bringt die neue Bahn diefem berr-
lihen Thale eine ſchöne Zukunft.
Seit 1870 ift das Curhaus er:
öffnet, in und vor weldem an ben
Sommerabenden heiteres Leben herrſcht;
daran ſchließt fih, bethaut von dem
Schäumen ber nahen Traun die Mecjery:
Promenade. Die Anlagen find nicht
eben großartig, wie in anderen Mode—
bäbern, wo man e3 noth hat, zu ver:
Ihönern. In Auſſee wären berlei
„Verſchönerungen“ von Menjchenhand
Sünden gegen die Natur.
Die Waldſchlucht, durch welche die
Altauffeertraun berausraufcht, ift ein
Naturpark, wie nur Gott ihn Schafft.
Geſchmackvolle Villen mit frifchen Wiefen-
pläßen unterbrechen den Walbjchatten ;
das Sanatorium — eine Penfion mit
60 Zimmern — hat den fchönften
Punkt; es ift ein Zauberſchloß im
Wald, aber eins, wie es die Neuzeit
zaubert — mit allem Comfort bes
‚ich den beliebten, aber fo oft mißbrauchten
‚Ausdrud anwenden darf — mitten
‚in der Nomantif, An feinen Fenftern
huſcht das Reh vorbei, über feinen
Binnen ſchwimmt der Adler dahin,
zu feinen Füßen ſchäumen in mächtigen
Fluthen bie hundert und hundert von
Quellen und Wafferftürzen, die nieder:
fommen von jenem Gebirge, welches
feine blauen und weißen Häupter über
Tannenmwipfel hereinredt.
Auffee hat nebit feinen Sommer:
bäufern über 400 Fremdenzimmer zur
Verfügung, die aber bald zu wenig
jwerben dürften. Es ift ein Curort be:
ſonders für Bruftleidende und Melancho—
life; immerhin aber am heilfamften
und lobnendften für Geſunde, benen
es ber Geldbeutel geftattet, die hier
ziemlich hochbefteuerten Naturſchönheiten
zu genießen.
Unmeit von Auffee, an der Straße,
welche über die Petſchen nah ich!
hinüberführt, ift ein mit ſchönen Bäu-
men beftandener Hügel, wo der Dichter
Zenau jo gerne weilte, und ber den
Namen Lenauhügel trägt. Weitere
Ausflüge nach den reizenden, pracht—
vollen Punkten zu ſchildern unterlaffe
ih. Unterlaſſe e8 aber nicht anzu—
führen, was ein Auffeer Volksdichter
— Johann Kain, ber Bahmwirth in
Zupitid — vom „Auffeer Landl“
fingt :
Schau da nur DS guat on,
Wanft ah nig hoft davon,
Gfolln muaßs da, wanft nit Tüngft,
modernen Lebend und doch — wenn .
856
8 Landl, des d finpft.
Zähl amol die Berga zfom,
An iada hot fein Nom,
Schön in an Kroas banond,
Hoft as ollfomt.
Mir baun zwor nit viel Troat,
Hohn oba Wild und Gjoad,
Und in Sulz did und long,
Noh koan Abgong.
Laubwold und Nodlwold,
Daß du gwiß nit ſobold,
Wir er bei Auſſee wochſt,
Leicht wo dafrogſt.
Woſſa friſch mächtigi
Rinen tholo dahi,
Rinen ſchön klor dahe
Auſſa von See.
Wia viel Leut wurdn ſein,
De liaſſn ſtehn in Wein,
Wars Woſſer auf ihrn Tiſch
Ollaweil ſo friſch.
Salblingfiſch, glaubat ih,
So ſchön roth bauchadi
Daß d as funft ninaſcht ſiagſt,
Wia's d'as do kriagſt.
Ferner freut ſich der Dichter über
Aufſchwung des Ortes und:
„A jedi Goſſn hot,
Wir in a großn Stodt,
Sei's biazt kurz oda long,
Ihrn oagnan Nom.”
be
=
Näth dann zu einem Spazirgang
nah dem Grundelfee, wo die „Alm-
dirndle fohrn übern See hinein, jubeln
und jchrein“. Und hernach:
„Sam Dih nit long und geh
Eini af Dltauffee,
Meil dofcht von Paradies
Noh a Trum ie.
Mein du, des is a Bodn,
Den muaf ma mentifch lobn,
Don doſcht mei Hoamatlond
Und viel Bekont'.
Felder ſchön gichedadi,
Greani und gfledadi,
Wanſt oll fiadhit in da Blia,
Des is a Bier!
— — — — — — — —
Weit in da Welt hinton
Redt ma davon!
Leut gor aus Engellond
Sein doſcht ſcha kema zfom,
Damen gor wundaſchen
Siachſt umagehn.
Noh an Ploß wiſſad ih,
Um den bekimmer dih,
Schau, geh amol friſch los
Auffi afs Gſchloß (Ruine Pflindsberg)
Siagft umanonda weit,
Woaß doh gwiß, daß dih gfreit.
Konft an ſchön Iodla hobn
ber von Woldgrobn.
Und bolft aft gehſt nah Thol,
Suach auf in Woffafol,
Schildert dann den Lofer und bie
Triffelwand, und auf den materiellen
Sinn feiner Landsleute anfpielend,
meint ber Dichter:
„Wan da Berg fdhweiner wa,
Gelt jo, des gfollat da,
Und da See fo a Tunk —
Des war a Punkt!
Dab d Auffee liaba lobft:
's gibt ah a mwengerl Obft,
Wan ka ſchlechts Jahr follt ein,
Is 's a guats Sein.
Wein hobn ma freili koan,
Oba mir trinkn oan!
Olls ban uns, 's ganze Lond
Trogt a greans Sumagwond,
Buſchn und Bond und Kronz,
Wir a Jungfrau ban Tonz.“
Brav, daß ſich unſer Poet auch
auf die Leut' einläßt und das brave,
gemüthliche, luſtige Auſſeer Völklein
ſchildert:
„Leut gibts da rantigi,
Wul ah viel hantigi,
Oba die geltn net,
Do gor fa Med!
Fleißi fein 's, orbeitfom,
Brachtn ah häufti zſom,
Wa nit 's Glos ollwei zfeicht,
's Geld vathon zleicht.
857
D ESprod is zwor lehn awenk,
Oba dos fog ih ent,
D Ehrliteit is dos Beſt',
De fteht noh feft.”
Die Weltanfhauung der Auſſee—
Hobn, wir ah onderwärts,
Liab für a bftändigs Herz,
Und von da Hoamat hörn
's ollaweil gern.“
Nach einer ſolch finnigen Würdi—
Leute ift ftet3 kirchlich fromm, trotzdem gung, die ben friihen und gemüth-
greifen fie led zu, mas die Welt|lihen Bewohnern des Auffeerthals
bietet, und die legte der drei göttlichen | volles Recht mieberfahren läßt,
iſt
Tugenden, die Liebe, haben ſie ſehr folgendes Gebet unſeres Dichters, dem
in's Irdiſche überſetzt:
„Erſt wanſt af d Olma kamſt,
Und a Auraſchi nahmſt
Kunts da — möcht wettn jchier,
So guat gehn, wia mir.
Wan ih an Olmdirn fiah,
Denk ih noh ollmol mir,
Schön hobn | ma thon, o Gott,
Kreuzfapralot !
Dirndl gibts fauberi,
Rundi und muladi ;
Aeugerln hobn f’ ſchwarz und braun,
Derfft dih ah traum.
wir beiftimmen, begreiflich genug:
„Berrgott, du woaßt ad fon,
Thua nig dem Landl on,
Gib auf des Tog und Nodt
Ertra odt.
Schau, warn dem Landl gab
Eppa durchn Kriag wos gſchah,
Wars dan drum, ſeis na grod,
Nit ſünd und ſchod?
Oba du guata Mon
Siachſt ad mit Wulgfolln on,
Holtft ad wia Stoan und Boan,
Loßtn nig thoan.“
Die Schlangen.
Bon Ludwig v Hörmann.
Wem läuft es nicht falt über ben
Nüden, wenn er von Schlangen hört ?
Es ift nicht jo faft die Furcht vor dem
Gifte ihres Biffes, denn dieſes ift mit
wenigen Ausnahmen den Ungethümen
der tropiichen Zone eigen, die wir nur
aus Neifebejchreibungen kennen, als
vielmehr die natürliche Scheu des warm:
blütigen Menjchen vor Allem, was ſich
falt anfühlen läßt. So fommt e3, daß
wir dieſe Thiere mit einem gewiſſen
Reſpekt betrachten.
Diefe Gefühle mochten auch ber
Grund fein, daß unfere heibnifchen
Vorfahren den Schlangen einen be:
jonderen Kultus widmeten. So erzählt
uns die Gejchichte von einer goldenen
Schlange, welche von den Longobarben
angebetet wurbe, bis ber heilige Bar:
batus einmal die Abweſenheit des
Königs benügte und einen Kelch und
eine PBatene aus dem Bilde jchmieden
ließ. Daß die heidniſchen Deutſchen
auch die Verwandlung der menfchlichen
Geftalt in die einer Schlange für mög:
lich hielten, bemweifen zahlreiche Sagen.
Befonders ftanden die Hausnattern in
hohen Ehren. Man glaubte nämlich
und glaubt e8 in vielen Gegenden noch,
jedes Haus habe zwei Schlangen, ein
Männchen und ein Weibchen, welche
ih aber nicht eher fehen lafjen, als
bis der Hausvater ober die Hausmutter
im Tode liegt, und dann mitjterben.
Man ſah alſo in diefen Thieren die
Schußgeifter des Hauſes ſowie bes
einzelnen Menfchen, befjen Leben man
nicht felten derart an feine Schlangen
858
gebunden glaubte, daß, wenn biefe ge: | Haus baute, welches heute noch feine
tödtet wurde, auch ber Menfch unrett-
bar dahinwelfen müffe.
Am meiften find die Schlangen
den Kindern zugethan. Sie wachen an
ihrer Miege, trinken mit ihnen aus
einem Schüſſelchen und läßt man fie
unbejchadet gewähren, fo lohnen jie es
durch reihe Glüdsgüter, welche fie dem
zum Sünglinge oder zur Jungfrau
erwachjenen Kinde befcheeren, meiftens
aber durch die unſchätzbare wunder:
fräftige Goldfrone, welche fie auf dem
Haupte tragen. Die ſchönſten Sagen
von ſolchen „Krönlnattern”, wie das
Volk fie nennt, befigt wohl Schwaben,
wo faſt jedes Dorf eine zu erzählen
weiß. So ftand in Stuttgart nächſt
ber alten Brüde ein Haus, das einem
Seiler gehörte. Deffen Frau gab ihrem
fleinen Kinde täglich ein Näpfchen Milch
mit Brot zum Frühftüde und ſetzte es
damit in’3 Nebenftübchen. Eines Tages
hörte fie das Kind ſprechen, Taufchte
und vernahm, wie basjelbe jagte: „IE
et no Ilch, iß au Dde!”* Da bie
Mutter aber wußte, daß das Kind
allein im Zimmer war, fo jchaute fie
durh das Schlüffeloh und erblidte
eine weiße Schlange mit einer präch—
tigen Goldfrone auf bem Kopfe, bie
aus dem Schüffelhen des Kindes trank.
Diefes ſchlug der Schlange, welche ihm
fein Frühftüd ausfraß, auf den Kopf,
was das Thier aber gebulbig litt.
Die Mutter that deshalb der Schlange
fein Leid. Das Kind wurde groß und
wuchs zu einer blühenden Jungfrau
heran. Al man ihre Hochzeit feierte
und alle Anwejenden vergnügt zu Tiſche
ſaßen, fiehe da fam zum allgemeinen
Erftaunen eine weiße Schlange in das
Zimmer, froh am Sefjel der Braut
hinauf und warf die Herrliche Krone,
bie fie auf dem Haupte hatte, auf den
Teller der Erfehrodenen. Durch diefes
foftbare Kleinod wurbe bie arme Fa—
milie jo reich, daß der Seiler an der
Stelle des alten ein neues großes
*) Ih nicht nur Mil, ik auch Broden.
Nachkommen bewohnen.
Der unermeßliche Werth der Schlan:
genkrone reizte Viele, der Befigerin
nachzuftellen.. E83 ſoll auch Manchem
gelungen ſein, dieſelbe zu tödten und
dadurch die Krone und große Reich—
thümer zu erwerben. Weit größeren
Werth hat jedoch die der lebenden
Schlange geraubte Krone. Sie hat
nicht nur die Kraft, das Geld, zu
welchem ſie gelegt wird, nie verſiegen
zu machen, ſondern verleiht auch dem
Beſitzer Unſterblichkeit und die Eigen—
ſchaft, nach Belieben unſichtbar zu wer—
den. Es iſt jedoch äußerſt ſchwer, das
herrliche Kleinod zu erlangen. Am eheſten
iſt das Gelingen des Raubes möglich,
während ſich das Thier badet. Denn
alle Mittage eilt die weiße oder bläu—
liche krongeſchmückte Schlangenkönigin
zum Fluße oder Bache, legt ihre Krone
ab und badet ſich in der kühlen Fluth.
Ein Bauer aus dem Schwabenland,
ſo erzählt die Volksſage, hat einmal
das Wageſtück verſucht. Er breitete
ein weißes Tüchlein an die Stelle des
Flußufers, wo die Schlange gewöhn—
lich zu baden pflegte, und wartete, hinter
dichtem Gebüſch verſteckt, auf die An—
kunft derſelben. Die Schlange kam,
legte die Krone auf das Tuch und
tauchte ſich in die klaren Wellen. Der
Bauer aber eilte mit der köſtlichen
Beute davon. Doch kaum war er eine
Strecke gelaufen, da hörte er ein Ziſchen
und Pfeifen, und ſah ein Heer von
Schlangen von allen Seiten auf ſich
zulaufen, voran die kronberaubte Kö—
nigin. Dieſe hatte nämlich alle Schlan—
gen der Gegend herbeigerufen, um bie
verlorene Krone zu ſuchen und fi an
dem Räuber zu rächen. Dieſer aber
flüchtete fi in das dichte Laubwerk
eines Baumes, wo ihn die Schlangen
nicht fehen konnten. Hätten fie ihn ge:
funden, jo wäre er ein Opfer ihrer
Muth geworden, fo aber kehrten fie
traurig zurüd. Am andern Abend jah
man bie Königin todt auf dem Plage,
wo fie fich gebabet hatte, denn mit
859
der unſterblich machenden Krone hatte
fie auch ihr Leben verloren. Daber
jagen auch vieleLeute, das befte Mittel,
die Schlangenfrone zu entwenden jet,
einen ſchweren Stein auf bie Krone
zu bedfen. Dann ſchwingt fich das ver-
zweifelnde Thier in die Höhe und ſchießt
fo lange auf den Stein herab, bis e3
zerichmettert liegen bleibt. Ohne Zweifel
verdankt dieſe Sage ihre Entjtehung
ben gelblichen Flecken, welche die fo-
genannte öſterreichiſche Natter (coluber
austriaca) am Halje trägt und melche
von ber Phantafie des naiven Vol—
fe8 in eine Goldfrone verwandelt
murben.
Während aber die habjüchtigen
Menihen den Schlangen Gut und
Leben rauben, werben dieſe oft deren
Netter aus Krankheit und Tod. Denn
die Schlange ift heilfundig und kennt
wunderbare Mittel, die ihrem Ge:
ſchlecht und den Menjchen helfen. So
erzählt ein Märchen von einer Schlange,
welche drei grüne Blätter berbeitrug,
bie einer tobten Königstochter auf
Augen und Mund gelegt, diejelbe wie:
der lebendig machten. Ein anderes jagt,
daß eine Schlange mittelft eines Krautes
den abgejchnittenen Kopf ihres Jungen
wieber anheilte.
Diefe wunderbaren Kräfte gehen
durch ben Genuß des Schlangenfleifches
auf den Eſſenden über. So erzählt
man fih in Tirol vom jogenannten
Hajelmurm, der unter den Wurzeln
der Hajelftaude wohnt. Wer jo glücklich
ift, einen folchen zu fangen und davon
ißt, verfteht die Thierſprache und er:
langt übernatürlihe Kräfte, auch ift
er gefehügt vor geiftigem und leiblichem
Schaden. Wer erinnert fih da nicht
an die Sage vom gehörnten Siegfried,
dem, als er fih im Blute des erjchla:
genen Draden babete, ein Tropfen
davon auf die Zunge fiel, wodurd er
die Sprache der Vögel verſtand?
Niht alle Schlangen find indeß
dem Menjchen jo freundlich; viele be—
fiten ein furchtbares Gift, das ber
Bauer jedoch merfwürdiger Weiſe nicht
in den Zähnen, ſondern im Schweif
ſucht. Auch die harmlofe Blindichleiche
wird zu den giftigen Würmern ge:
rechnet und man jagt, ihre Blindheit
jei eine Gottesftrafe, weil ihre Bosheit
ſonſt jo groß wäre, daß fie dem Menfchen
mitten durch den Leib fahren würde.
Nah anderer Sage foll diejes bie
Strafe dafür fein, daß fie einjt bie
Muttergottes mit dem Jeſusknaben er:
fchredt habe. -— Auch von Draden:
Sagen bat fich in Tirol noch manches
erhalten, wie man aus den Namen
von Dertern abnehmen kann, wo foldhe
geflügelte Ungethüme gehauft haben
follen. Am befannteften iſt die Sage
von jenem Drachen, den der Wiltauer
Rieſe Haimo erfchlug und der in der
Sillſchlucht hinter dem Berg Ziel haufte,
wo noch die Höhle zu jehen iſt. —
Km Unterinnthale hört man noch
hie und da vom Schäge hütenden Tapel-
wurm erzählen, den auch neuerdings
ein befannter Münchener Schriftiteller
wieder zu Ehren gebracht hat.
860
Das Paradeisfpiel,
wie e8 in Oberfteiermart aufgeführt wurde.
Jene wahren und echten Bauern:
fomödien, welche von den Bauern jelbft
gedichtet und gefpielt worden, find be:
reits im Verfalle. Nur felten wird in
entlegenen Gegenden eines oder das
andere noch aufgeführt. Die Gegenftänbe
find ftet3 aus der Bibel genommen
und bie „heiligen Zeiten” des Jahres,
wie Dftern und Weihnachten, waren
zur Aufführung der Stüde beftimmt.
Zu Oſtern die Baffionsfpiele, zu Weih—
nachten das „Krippeljpiel”. Als Nach—
jpiel zu Lebterem wurde gerne das
„Paradeisjpiel” gewählt, wel:
ches von jeher ein Lieblingsftüd des
Bolfes war, weil zum Scluffe bes
Stückes der Teufel den Verwalter holt.
Ohne weiteren Commentar fei hier
einer ber verjchiedenartigen Texte bes
„Paradeisſpieles“ mitgetheilt. Derjelbe
fam dieſer Zeitfchrift aus dem oberen
Murboden zu und enthält alle weſent—
lichen Charafterzüge von berlei Bauern-
dramen, die für uns in culturhiftori-
ſcher Beziehung intereffant find.
Perfonen und Coſtume:
Gott Vater im Schlafrod, Krone von Gold-
papier, graue Perrüde, grauen langen
Bart, mit Septer in der Sand, am
Tifche fißend, auf welchem ein lederner
Polfter mit einem vergoldeten Apfel liegt.
Adam in kurzer Battie, Strümpfe und Hemd
mit Biegelmehl gefärbt, mit einer Blät-
terſchürze umgürtet.
Eva, ebenfo.
Berehtigkeit, gepudert, eine Maste mit
Diadem auf dem Kopfe, im weißen Hemd
mit ſchwarzem Gürtel, die Aermel zwei-
mal mit ſchwarzen Bändern unterbunden,
hohen Bundfhuhen, in einer Hand eine
Schalwage, in der andern ein flammen-
des Schwert von Papier und eine ſchwarze
Binde um die Stirne.
Barmberzigfeit, wie die Gerechtigkeit,
aber mit rofenrothen "Bändern, ohne
Schalwage, einen Lilienftab in der Hand,
Verwalter in dem altoäterifhen Anzuge
eines Schulmeifters,
Bedienter mit Pantalon und Spenfer.
Teufel mit einem ſchwarzen Pelze, rußge-
färbtem Geficht, rothgeränderten Augen
und Bodshörnern auf dem Haupte, oder
auch al® grüngelleideter Jägerdmann mit
einer rothen Feder auf dem Hute.
Das Spiel beginnt,
(Der Engel fingt das Lieb.)
1
Liebe Freunde, werthe Gäſte,
Weil jept eine Preudenzeit
Und die hohen Weihnadhtsfefte,
Bring’ ich euch ein’ große Freud’,
Da ih Jeſum Ebhrift verfünd’,
Der für unf're erfte Sünd’
Aus Maria ift getommen,
Die ein’ reine Jungfrau ift.
2.
Nein, nit wir zuerft gefehlt,
Nur die Eva milligt ein,
Da die Schlang’ ihr Gut's vorftellt,
Dieß fol unfer Spiel heut! fein.
Es wird das Paradeisjpiel genennt,
Das ihr felbiten ehe ſchon kennt,
Das will mander öfter fehen,
Weil ed vielen mohlgefällt.
3.
Diefes wollen wir heut’ fpielen,
Sehet, hört uns mit Geduld nur an,
Es lehrt, dab man durch den Willen
Sich fehr leicht vergehen kann.
Wenn ein Fehler jollt’ gefchehen,
Sollt’ ihr felben überfehen,
Wenn ihr diefes uns verfpredet,
Fangen wir mit Freuden an.
Der Engel:
Id) tritt herein im diefes Ort,
Es ift führwahr ein Himmelsport ;
Wie ſchön hat Bott ed ausgezieret,
Wo Adam wird hineingeführet,
861
Man weiß ja bier von keinem Leiden
Und genießet immerfort nur Freuden.
(Tritt ab.)
(Gott führt Adam in's Paradeis.)
Gott Bater:
Adam, in's Paradeis ſeß' ih Dich,
Hier folft du leben ewiglich.
Du kannft auch effen von aller Frucht
Allein, gib Acht, was ich dir verbiet:
Hier von diefem Baum follft du nichts genießen
Anfonft wehe dir, du wirft es theuer bezahlen
müffen.
(tritt ab.)
Adam:
Ja mein Herr und Gott, diefes werde
ih ganz leicht halten können.
(Adam im Paradeis allein )
Ah wie glüdlih bin ich nicht, wie hat
mich nicht Gott geliebet, daß er mich in diefen
angenehmen Quftgorten verfepet. Bier kann
ich recht vergnügt leben, niemand fann mid)
betrüben; dieſe Glüdjeligkeit will id mit
nichts tauſchen, bier will id) mid einzig an
Bott halten, bis er mir einftens die himm-
lifhen Freuden wird ertheilen. Hier kann ich
leben, füß, ruhig und vergnügt, weiß aud
von feinem Elend und Roth. Nun leg id)
mic ganz füß und ſchlaf, bis ich wiederum
vom Schlaf erwach. (Adam geht ſchlafen.)
(Singen alle verftedt das G'ſang, mie folgt,
Adam ſchlaft ſüß und fanft. Unterdeffen geht
Bott Bater hinein und nimmt ein Rippen
bom Adam und geht wieder hinaus.)
Adam fchlaft ſüß und fanft, er nicht vom
Schlaf erwadt.
Gott nimmt ein Rippen ber, ftellt ihm die
Eva ber,
Da er vom Schlaf erwacht, die Eva gleich
betradt.
(Gott führt die Eva dem Adam vor, im
Baradeis.)
Bott Vater:
Adam! Adam! wach' auf vom Schlaf!
Und fich da, was ich Dir verſchaff',
Eva, diefe foll dein Weib und deine Gehilfin
fein,
In diefer nur allein follft du dich erfreu’n.
Diefer folft du treu verbleiben
Und fie ehren
Und mit einander das Menſchengeſchlecht ver-
mehren.
Ih will euch aber meinen Seegen geben,
Daß ihr könnet gut und fröhlich leben.
(Adam und Eva knien nieder zum Segen,
nad) dem Segen geht Gott ab.)
Adam und Eva:
O Herr, wir danten deiner Gnad,
Die du und anjept gejegnet haft.
(Adam und Eva allein im PBaradeis.)
Adam:
Ah Eva! wie bift du denn entitanden ?
woher bift du gekommen? du bift gewiß von
meiner Rippen ? ich empfind' in meinem Leib,
dab mir ein Rippen fehlt.
Eva:
Wie bin ich hieher gefommen,
Aus was mich Bott hat genommen,
Das weiß ich nicht. Er hat mid) hier erfchaffen.
Adam:
Gewiß, da ich gefchlafen.
Eva:
Bott hat mich dir ausermählt
Und mic dir zugefellt,
Daß wir hier im Paradeis
Ihm dienen mit größtem Fleiß.
(Da kommt jchon der Teufel und bläft der
Eva zu.)
Adam:
Ja meine liebfte Eva, dies allein
Soll unfer Arbeit und Bemühen fein.
Hier leben wir in füßer Freud,
Ad ja, in größter Herrlichkeit.
Nichts ift, was und bier fönnt abgehen,
Wenn wir nur nicht den Baum anfehen.
Eva:
Ah! wie denn, liebfter Adam mein,
Wie fol denn dies verftanden fein ?
Adam:
Bon diefem Baum mußt, Eva, nichts geniehen,
Anfonft, weh dir, du mußt es theuer büßen.
Das hat uns Gott fehr ſchwer befohlen,
Daß wir allhier fein Apfel holen.
Eva:
Warum don diefen fhönen Früchten ?
Wie fol uns diefer Baum zernichten ?
Sieh’ Adam! hieher dein Auge richt".
Die Frucht ſchadet uns gewißlich nicht.
Hör’, was die Schlange zu uns fagt,
Sie uns bei Gott ja nicht verklagt.
Der Teufel (ftatt der Schlange rüdwärts):
Es ift der Baum der Wiffenfchaft,
Eßt nur, er bringt euch große Kraft.
Ihr werdet hernach Götter werden,
Und gleiht euch niemand bier auf Erden.
Eva (nimmt den Apfel und fagt:)
Willſt nicht ? ich Loft’ die Frucht allein,
Darauf werd ich eine Göttin fein.
Eva (ißt vom Apfel, den ihm die Schlange
reicht):
Koſt', Adam, koſt' von diefer fühen Frucht,
Id hätt’s in diefem Baum ja nicht gefucht.
Adam (nimmt von der Eva den Apfel, koſtet
auch und wirft ihn weg):
862
Ach, mas hab’ ich gethan, o Gott!
Ich hab’ verlepet dein Gebot
Du Eva bak mir vorgelogen,
Die Schlang' hat mich und dich betrogen.
Die Sünd’, das llebel, das ift groß,
Seh nur, wir find all’ beide bloß.
Mo werden wir dann ficher fein,
Wann Gott fommt in das Ort herein.
Eva:
Ah Adam! hilf aus diefer Noth,
Menn mich jept ftraft der große Gott,
Wohin foll ih anjepo fliehen ?
Ich muß mich nur allhier verkriechen,
Wie, Adam, wird es mir ergehen, weil ich
Zum erften foft und auch betrogen did).
Adam und Eva (fingen folgendes Lied):
Ad) weh, ad) weh, was haben wir jept gethan,
Die Schlang' die Schlang' hat uns gereizet an,
Daß wir dem höchſten Gott
Nicht gehalten fein Gebot,
Ah ih nun jeßt empfind',
Mas heißet eine Sünd’.
2.
Bon Gott, von Gott verftoßen wir nun fein,
Ich fieh ſchon den Engel, Gottes Freund.
Daß wir im Paradeis
Reben wollten mit Fleiß.
Verftoßen wir nun feind,
Helft uns, o Gottes Freund”.
(Adam und Eva verfteden fih hinter dem
Baum.)
Gott Pater:
Adam! Adam! mo du bift? ich ruf! dich,
komm' herbei!
Adam:
Herr bin i da, aber ih ſcham mid, daß ich
bloß und gefündigt frei.
Gott Vater:
Komm Adam! fomm, du wirft es büßen.
(Adam und Eva kommen ber und knien vor
Gott.)
Adam:
Sieh’, hier find wir zu deinen Füßen
(Bott fipt auf dem Stuhl, vom Teufel die
Klage anzuhören.)
Gott Bater:
Wie? Adam haft du dich vermeflen ?
So gefhmwind haft du das vergefien,
Was id dir fo ftarf verboten hab,
Daß du hier nicht brockſt ein Apfel ab ?
Adam:
O Gott! das Weib hat mich betrogen.
Eva:
Mir hat die Schlang’ hier vorgelogen.
Gott Bater:
Ihr habt verlepet mein Gebot,
Erkennt mich jept ald euren Gott!
(Teufel hebt den gegeffenen Apfel auf und
fpricht zu Gott.)
(Wie Gott auf dem Stuhl fipt zu richten,
geben aud die Barmberzigkeit und Geredtig-
feit hinein zur rechten Seite und zur linken,
beide neben Gott ftehend.)
Teufel:
O gerechter Richter, fiche diefe Leute,
Sie afen vou dem Apfel beide.
Du mußt fie nun jeßt auch von dir verftoßen,
Weilft mid aus deiner Gnad geſchloſſen;
Der Hoffart willen war meine Sünd',
Gleich machteft mid zum Höllenkind.
Gerechtigkeit:
Ja deine Rechten fordern dies,
Daß du jept ftrafft den Apfelbip.
Barmherzigkeit:
Du bift ja Bott der Barmberzigfeit,
Ich bitt, verſchon' doch diefe Leut,
Daß fie dich fo beleidigt hatten,
Hat fie ja dazu die Schlang' gerathen.
Verzeih', dab fie in Apfel biffen,
Sie liegen fhon zu deinen Füßen.
Geredtigfeit:
Wie, großer Gott, bift du gerecht?
Die Leut, die dir gedient fo ſchlecht,
Gegen die willft du barmberzig jehen,
Die follten ungeftrafter gehen ?
Du fagteft felbft, ihr werdet büßen,
Wenn ihr von diefem Baum werdet genießen,
Meil das die Wahrheit gefaget bat,
So muß es gefheben in der That.
Gott Vater:
Nun weil ih wahrhaft und geredit,
So ſtraf' ich euch und's Menſchengeſchlecht.
Barmherzigkeit:
O Gott weil du barmherzig biſt,
Straf nur allein der Schlangen Lift.
Gerechtigkeit.
Wann fie jept nicht geſtrafet werden,
So fehlen fie noch mehr auf Erden,
Barmherzigkeit:
Mein, nein, o du barmberziger Gott,
Sie werden halten dein Gebot,
Sie find, o Bott, zwar große Sünder,
Ad mad fie nur nicht zu Höllenkinder.
Sehe, fie bereuen ihren Fall,
Ah ja wohl mehr ald taufendmal,
Gib ihnen geringe Straf für diefe Beit,
Und zeige ihnen deine Barmherzigkeit.
Geredtigfeit:
Ein andere Straf’? nein, nein, o Gott,
Denn fie verdienten ja den Tod.
Barmherzigkeit:
Die Schlange, die hat fie betrogen,
Im Apfel ihnen vorgelogen,
Daß fie ſogleich Götter werden,
Und gleicht ihnen niemand bier auf Erden,
863 2
Die Schlange, die ftraf’ nur allein
Und diefen follft du gütig fein.
Du kannft fie mit der Straf beglüden,
Warn du wirft einen Engel jchiden,
Der ihnen diefes Ort verweift
Und lehret was die Sünde heißt.
Gerechtigkeit:
Wenn ſie die Sünd' nicht beſſer büßen
Und nur voun dieſem Ort weg müffen,
&o werden fie dich mehr verladen,
Wenn du verbieteft andere Sadıen.
Barmherzigkeit:
O Gott vor diefe Leut’ allhier
Bitt ich anjept das leptemal für,
Dann diefes ift ihr erfte Sünd”,
Und du ftrafeft fie anjept fo geſchwind.
Lab ihnen deine Güte genießen,
Sie bitten hier zu deinen Füßen.
Adam:
O Gott! dab ich verfündigt mich,
Verſchone doch, ich bitte dich,
Verzeih' mir nur diefe Schuld
Und feie mir noch diesmal huld,
Eva:
O Gott, verfchone du auch mid),
Siehe mid zu deinen Füßen bier.
Es hat midy nur die Schlang' betrogen,
In diefer Frucht mir vorgelogen.
Verzeihe meinen Sündenfall,
Verſchone mich nur diefes Mal,
Ih bitt’ für mich und meinen Mann,
Sieh’ uns mit guten Yugen an.
Gott Bater:
O ihr habt mein Gebot gebrochen,
Das kann nicht bleiben ungerocdhen.
Dod weil ihr jetzo alle zwei
Weinet und zeigt eure große Reu,
Will ich in etwas euch nur ftrafen,
Und euch von diefem Orte fchaffen.
Du Adam! fuhe du dein Brod
In harter Müh' und großer Noth,
Du werdeft müffen Vieles leiden
Und nit mehr geniehen diefe Freuden.
Du brauch' den Pflug mit deiner Hand
Das ift dein Straf’ und dir zu Schand:
Du Eva! deine Straf foll fein:
Du ſollſt mit harter Noth und Bein
Die Kinder diefer Welt gebären,
Und fo das Menſcheng'ſchlecht vermehren:
Du Schlange! Weil dur fie zur Frucht
Gereizet, ſei du jept verflucht,
Du wirft nun auf dem Bauche gehen,
Nun iſt's mit dir wohl auch gefchehen.
Komm’ Engel! ihnen dies vermweis,
Und jag' fie aus dem Paradeis,
Engel:
Ihr habt die gerechte Rad’ vernommen,
Jetzt wißt, warum ich bin gekommen,
Daß ih aus diefem Orte euch ſchaff'
O das ift wohl eine geringe Straf.
Nun hilft für euch nichts mehr, nur fort,
Packt euch aus diefem ſchönen Ort.
Adam:
Eva! du bift Schuld daran.
Eva:
Na, na, der hat mich gereiget an, ja, ja.
Beide:
Daß ich gefolget Gott,
Und gebrochen fein Gebot, ja, ja.
Adam:
Sehet, was die Sünd’ nit kann!
Eva:
Ra, na, diefer ift die Schuld daran.
Beide:
Daß ich von dem Orte weg muß,
Und erfahren noch größere Buß’, ja, ja. —
Adam:
Freund, euch jei jeßt Dank gejagt.
Eva:
Wir haben, was wir fonnt, gemadht.
Beide:
Nur die euere Gnad’ und Gunft,
Wünſcht fih unfere ſchwache Kunft.
Adam:
Seid ihr wohl vergnügt anheut.
Eva:
Dank fagen wir euch gute Freund’.
Beide:
Wir haben, was wir fonnt, gemadht,
Lebet wohl, jept gute Nadıt.
Engel:
Nur fort, packt euch aus diefem fchönen Ort.
(Da treibt er fie vor ſich hinaus, Bott Vater
und der Teufel treten aud ab, Barmherzigkeit
und Gerechtigkeit bleiben d’rin und fingen fol-
gendes Lied: „O fiehe nun, o Sünder‘.
Unterdeffen muß fid der Adam zum Verwalter
und der Engel zu einem Bedienten geſchwind
überlegen, der Zeufel zum erften Bauer, Gott
Vater zum anderen Bauer, der Verwalter und
Bediente fpazieren unter dem Lied auf und ab:)
1.
Ach ſiehe nun, o Sünder, o Sünder
Wir arme Adamskinder, Kinder,
Wir leben zwar in Freuden,
Und leben auch in Leiden,
Was Adam verſchuldet, geduldet.
2.
Ein Sünder ich mich nenne, mich nenne,
Die Erbſünd' ich bekenne, bekenne.
Von Adam iſt entſproſſen,
Auf uns Menſchen gefloſſen,
In's Meer ausgegoſſen, gefloſſen.
864
8
Maria wird eintreten, eintreten
Der Schlang den Kopf zertreten, zertreten,
Der Himmel wird aufgeſperret,
Die Höll', die wird zerſtöret,
Der Himmel wird offen,
Gnad' z’hoffen.
Gott Sohn ift und verfproden, verfproden,
Auf den wir jepund hoffen, jet hoffen,
Daß er fommt auf die Erden,
Sollt' bald geboren werden,
Die Sünd' auszulöfhen, vergeffen.
5.
Eröffne di, o Himmel, o Himmel,
Berbrid der Höl’ Getümmel, Getümmel,
Daß wir did bald erjehen,
Thue uns doch nicht verſchmähen,
Du mwoll’ft uns bald werden auf Erden.
6.
Das göttliche Kind geboren, geboren,
Das Heil für uns erworben, erworben,
Daf uns ja wohl nad diefem Leben
Die bimmlifche Freud’ hernach wird geben,
Im Himmel droben Gott loben.
Verwalter:
Ich fpeculire Tag und Nacht.
Daß ich mir große Mittel mad‘,
Daß ich Ffünnt' fpielen einen großen Herrn,
Muß nun beffer meine Unterthanen ſcheeren.
Bedienter:
Ah Verwalter, g’ftrenger Herr,
Habt ihr doch viel Unterthan fehr,
Was wollt ihr euch da fo befümmern,
Sagt ihr Stift *) an, hernach könnt ihr mit
dem Geld brav fhimmern.
Verwalter:
Mein Bedienter thue mich felbft bedauern,
Gebe hin, fage die Stift gef hmwind an den Bauern
Daß fie fi mit Geld verfehen,
Und bei Straf! geſchwind ftiften gehen.
Bedienter:
Bauern, be ftiften geh'n !
(Der erfte Bauer Mopt an und gebt hinein.)
Verwalter (fipt zum Tiſch und jagt):
Grüß’ euch, liebe Unterthan’,
Habt ihr nun brav Geld mitg'nomm',
Denn ihr müßt die Stift erlegen,
Sonft laß' ich euch in die Keuche fperr'n.
Bauer:
Ach mein liebfter, g’ftrenger Herr,
Ich hab’ fonft fein Geld mehr,
Diefes will ih euch alles geben,
Ad! wie werd’ ich mit mein’ Weib und Kindern
leben.
Verwalter:
Dieß ift zu wenig, du Lumpenhund,
Du jag’ft alles durd deinen Schlund,
*) Steuer,
Wann du mid nun fo wirft traßen,
Merd’ ich dich bald gar abſchatzen.
(Der Bauer tritt ab )
(Der zweite Bauer Mopft an und geht hinein.)
Verwalter:
Seid ihr da, hab’ lang gewart'.
Bauer:
Aha dankt ihr mir auf foldhe Art,
Wär’ nur glei’ guet zum Geld hergeb'n,
Daß die Herr'n könnten recht liederlich leb'n.
Pfui der Schand’, ift das a recht,
Daß man die Bauern traktirt fo ſchlecht?
Da ift das Geld, das id) hab’ bradt,
O Gerechtigkeit! dieß recht betrat.
Gerechtigkeit:
Die Gerechtigkeit bin ich genannt,
Es iſt zu erbarmen das ganze Land,
Ach, daß ich gehalten werd’ fo ſchlecht
Bin dod vor Gott und der Welt geredit.
Barmherzigkeit:
Ah! unendliche Barmberzigteit,
Bin den Sündern gnädig allezeit,
Ertennet mich doch in eurem Leben,
Ich bitt', ihr wollt das ungerechte Geld zurüd-
geben.
Verwalter:
Ad nein, ah nein,
Das kann nicht fein, was ich einmal hab’,
Das g’höret mein, ſollt' id auch leiden die
ewige Pein.
Barmherzigkeit:
Barmherzigkeit !
Wie befteh’ft du fo Flug bei diefer Zeit
Man will mid ja ganz vernichten,
Kann bei feinem Menſchen nichts mehr ausrichten.
Gerechtigkeit:
Was das vor ein verſtockter Sünder iſt,
Und keinem Menſchen gnädig biſt,
Verachteſt die unendliche Barmherzigkeit,
Wie auch die göttliche Gerechtigkeit,
So komm' dann! Satan! gib ihm Steuer,
Und führ' ihn fort in's hölliſche Feuer.
Teufel:
Weil ich nun berufen bin,
Dich zu führen in die Höllen hin,
So wirft du auch ſehen mein Quartier,
Welches gewißlich nicht wird fehmeden dir.
i Verwalter:
Nun muß ich fort von diefer Welt,
Wegen dem ungeredhten Geld,
Erkenn's doc), lieber Bedienter mein,
Laß dir alles anbefohlen fein.
(Da trägt ihn der Teufel fort.)
Bedienter:
Sept bin ich ſchon ein gefepter Herr,
Was wollt ihr dod haben mehr?
Mein Herr bat mir alles übergeben,
Ih kann auf der Welt recht luftig leben,
Bin id) matt, leg’ ih mid ſchlafen,
Der Teufel hat mir nichts zu ſchaffen.
(Da tragt ihn der Teufel fort.)
Kleine Saube.
Wetterpropheten.
Adalbert Stifter erzählt im „Nach—
fommer“ von einem jungen Wanne, der
auf einer Fußreiſe bei drohendem Ge:
witter in einem Landhaufe zufprad).
Der Neifende wurde freundlich auf:
genommen, doch fagte der Herr des
Yandhaufes, ein alter Mann, das Ge:
witter würde nicht zum Ausbruche fommen.
„Es wird feine Stunde dauern, daß
es fommt”, fagte der Neifende. Denn
der Himmel war dunfel ummölft, in
einigen Theilen des weftlichen Himmels
grauten die glatten Flächen des bereits
niedergehenden Regens. Blitze zudten
über das Firmament und dumpfer Don:
ner rollte und fam näher und näher.
Der alte Mann ließ mit Kannen die
Gartenpflanzen begießen und behauptete
ftets mit Ruhe und Beftimmtheit, das
Gewitter fomme nicht.
Gegen Abend wurden die Wolfen
noch finfterer, die Blitze noch häufiger,
die Donner nod lauter und anhalten:
der. — Am nächſten Morgen war der
Himmel flar und rein, auf den Nofen
lag der Thau — aber geregnet hatte
es nicht.
Der Fremde blieb die Naht in
dem gaftlihen Haufe; und bevor er
davonzog, bat er den Gafthern, daß
der es ihm fage, wie er zu einer fo
entjchiedenen Gewißheit in Hinficht des
Wetters gelommen fei.
„Ihr habt die Sammlung von Werk:
zeugen der Naturlehre in meiner Woh—
nung geſehen“, fagte der alte Mann.
Kofeggers „‚Keimgarten‘‘ 11. Heft.
„Ich habe fie gefehen“, antıvortete
der junge Neifende, „aber diefe Dinge
babe ih aud und fie haben eher, da
ih fie vor meiner Wanderung beobad):
tete, auf einen Niederſchlag, als auf
fein Gegentheil gedeutet.“
„Das Barometer ift gefallen”, er:
wiederte er, „und wies auf geringeren
Luftdrud hin, mit weldem ſehr oft der
Eintritt von Negen verbunden it.“
„Wohl”, fagte der Reiſende.
„Der Zeiger der Feuchtigfeitämef-
jer rüdte mehr gegen den Punkt der
größten Feuchtigkeit. “
„So ift es geweſen“,
der Reiſende.
„Aber der Eleftrizitätsmefjer”, fagte
der Greis, „verfündigte wenig Luft—
eleftrizität, daß aljo eine Entladung
derfelben, womit in unferen Gegenden
gerne Regen verbunden ift, nicht erwar:
tet werden konnte.“
„Ich habe wohl auch die nämliche
Beobahtung gemacht”, entgegnete der
junge Mann, aber die elektriſche Span-
nung fteht nicht jo jehr im Zuſammen—
hange mit Wetterveränderungen, und ift
meiftend nur ihre Folge. Zudem hat
fih geftern gegen Abend Elektrizität
genug entwidelt und alle Anzeichen, von
denen ihr redet, verfündeten einen Nie-
derſchlag.“
„Ja, ſie verkündeten ihn und er iſt
erfolgt“, ſagte der alte Mann, „denn
es bildeten ſich aus den unſichtbaren
Waſſerdünſten ſichtbare Wolken, die ja
wohl ſehr fein zertheiltes Waſſer find.
Da iſt der Niederſchlag. Auf die geringe,
bb
antıvortete
866
eleftrifjche Spannung legte ich fein Ge:
wicht; ich mußte, daß, wenn einmal
Wolken entjtünden, fih auch binläng-
liche Elektrizität einftelen würde. Die
Anzeichen, von denen wir geredet haben,
beziehen ſich aber auf den nur fleinen
Raum, in dem man fi eben befindet.
Man muß aud einen weiteren betrach—
ten, die Bläue der Luft und die Ge:
ftaltung der Wolfen.“
„Die Luft hatte ſchon geftern Bor:
mittags die tiefe und finftere Bläue“,
erwieberte der Neifende, „melde dem
Regen vorangeht und die Wolfenbildung
begann bereit? am Mittage und fchritt
fehr raſch vorwärts.“
„Bis bieher Habt ihr Recht“, fagte
der Greis, „und die Natur hat euch
auch Recht gegeben, indem fie eine un:
gewöhnliche Menge von Wollen erzeugte.
Uber es gibt aud noch andere Merk:
male, als die mir bisher befprochen
haben, welde Euch entgangen find.
hr werdet willen, daß Anzeichen be-
ftehen, melde nur einer gewiſſen Ge:
gend eigen find und von den Einge—
bornen verjtanden werden, denen fie
von Gefchleht zu Geſchlecht überliefert
worden find. Oft vermag die Wiſſen—
ſchaft recht wohl den Grund der langen
Erfahrung anzugeben. Ihr wißt, daß
in Gegenden ein Feines Wölflein an
einer bejtimmten Stelle des Himmels,
der fonft rein ift, erjcheinend und dort
ſchweben bleibend ein ficherer Gewitter:
anzeiger für diefe Gegend ift; daß ein
trüberer Ton einer gewiffen Stelle des
Himmels, ein Windſtoß aus einer ge:
willen Gegend her Vorboten eines Land:
regens find und daß der Regen immer
fümmt. Solche Anzeichen hat auch diefe
Gegend und e3 find geftern feine ein:
getreten, die auf Regen wiefen.”
„sh glaube, daß diefe Merkmale
allein euch doch nicht beftimmen fonn-
ten, einen fo entfcheidenden Ausſpruch
zu thun, wie ihr gethan habt.“
„Sie beftimmten mid auch nicht“,
antwortete der Greis, „ich hatte auch
noch andere Gründe.“
„Nun?“
„Alle die Vorzeichen, von denen wir
bisher geredet haben, find ſehr grobe”,
fagte der alte Mann, „und werben mei:
ſtens von und nur mittelft räumlicher
Veränderungen erfannt, die, wenn fie
nit eine gewiſſe Größe erreihen, von
und gar nicht mehr beobachtet werben
fönnen. Der Schauplag, auf mweldem
fih die Witterungsverhältniffe geftalten,
ift jehr groß; dort, wohin wir nicht
ſehen und moher die Wirfungen auf
unfere wiſſenſchaftlichen Werkzeuge nicht
reichen fönnen, mögen vielleicht Urfachen
und Gegenanzeigen fein, die, wenn fie
und befannt wären, unfere Vorherfage
in ihr Gegentheil bejtimmen würden.
Die Anzeihen fünnen daher auch täu—
fhen. Es find aber nod viel feinere
Vorrichtungen vorhanden, deren Beſchaf—⸗
fenheit uns ein Geheimniß ift, die von
Urſachen, welde wir fonft gar nicht
mehr mefjen können, noch getroffen wer:
ben und deren Wirkung eine gang ge:
wiſſe iſt.“
„Und dieſe Werkzeuge?“
„Sind die Nerven.“
„Alfo empfindet ihr durch eure Ner—
ven, wenn Regen fommen wird ?“
„Durd meine Nerven empfinde id
das nicht“, antwortete der Greis. „Der
Menſch ftört leider durch zu ftarfe Ein:
wirfungen, die er auf die Nerven mad,
das freie Leben derfelben und fie fpre:
hen zu ihm nicht mehr fo deutlich, als
fie fonft fönnten. Auch hat ihm die Na—
tur etwas viel Höheres zum Erſatze ge:
geben, den Verftand und die Vernunft
wodurch er fich zu helfen und ſich feine
Stellung zu geben vermag. — ch
meine die Nerven der Thiere.”
„Es wird wohl wahr fein, was ihr
fagt”, antwortete der Neifende, „die
Thiere hängen mit der tiefer ſtehenden
Natur noch viel unmittelbarer zuſam—
men ala wir. Es wird nur darauf an:
fommen, daß diefe Beziehungen ergrün-
det werben und dafür ein Ausdruck ge-
funden wird, bejonderd was das kom—
mende Wetter betrifft.“
„Ich habe diefen Zufammenhang
nicht ergründet“, entgegnete der Greis,
867
„noch weniger den Ausdruf dafür ge: |lungen auch nicht immer leicht verfteht.
funden. Beides dürfte in diefer Allge: | Aber von fleineren Thieren hängen oft
meinheit wohl jehr ſchwer jein. Aber | größere ab, deren Speife jene find, und
ih habe zufällig einige Beobachtungen | die Handlungen fleinerer Thiere haben
gemacht, habe fie dann abſichtlich wie- Handlungen größerer zur Folge, welche
derholt und daraus Erfahrungen gefam: | der Menſch leichter überblidt. Freilich
melt, und Ergebniffe zufammengejtellt, | fteht da ein Schluß in der Mitte, der
die eine Vorausfage mit faft völliger |die Gefahr zu irren größer macht, als
Gemwißheit möglich maden. Viele Thiere | fie bei der unmittelbaren Betrachtung
find von Regen und Sonnenſchein fo
abhängig, ja bei einigen handelt es fi
geradezu um das Leben felber, je nad)
dem Sonne oder Regen ift, daß ihnen
Gott nothwendig hat Werkzeuge geben
müſſen, diefe Dinge vorhinein empfin:
den zu können. Dieſe Empfindung als
Empfindung fann aber der Mensch nicht
erfennen, er fann fie nicht betrachten,
weil jie fi den Sinnen entzieht; allein
die Thiere machen in Folge diefer Bor:
empfindung Anftalten für ihre Zukunft,
und dieſe Anjtalten fann der Menſch
betradhten und daraus Schlüffe ziehen.
Es gibt einige, die ihre Nahrung finden,
wenn es feucht ift, andere verlieren fie
in diefem Falle. Manche müfjen ihren
Leib vor Negen bergen, manche ihre
Brut in Sicherheit bringen. Viele müf:
fen ihre für den Augenblid aufgejchla:
gene Wohnung verlafen, oder eine an:
dere Arbeit fuhen. Da nun die Bor:
empfindung gewiß fein muß, wenn die
daraus folgende Handlung zur Side:
rung führen fol, da die Nerven fchon
berührt werden, wenn noch alle menſch—
lichen wiſſenſchaftlichen Werkzeuge ſchwei—
gen, jo fann eine VBorausfage über das
Wetter, die auf eine genaue Betrach—
tung der Handlungen der Thiere ge-
gründet ift, mehr Anhalt gewähren,
als die aus allen wiſſenſchaftlichen Werk:
zeugen zufammen genommen.“
„Ihr eröffnet da eine neue Rich—
tung.”
„Die Menfchen haben darin fchon
vieles erfahren. Die beſten Wetterfen-
ner find die Inſekten und überhaupt
die Kleinen Thiere. Sie find aber viel
ichwerer zu beobachten, da fie, wenn
man die thun will, nicht leicht zu
finden find, und da man ihre Hand:
und der gleihjam redenden Thatſache
it. Warum, damit ich ein Beifpiel an:
führe, fteigt der Laubfroſch tiefer, wenn
Regen folgen foll, warum fliegt die
Schwalbe niedriger und fpringt der Fiſch
aus dem Waſſer? Die Gefahr zu irren
wird mohl bei oftmaliger Wiederholung
der Beobachtung und bei forglicher Ver:
gleichung geringer; aber das Sicherſte
bleiben immer die Heerden der fleinen
Thiere. Das habt ihr gewiß ſchon ge:
hört, da die Spinnen Wetterverfündi:
ger find, und daß die Ameifen den
Negen vorher jagen. Man muß das
Leben diefer kleinen Dinge betrachten,
ihre häuslichen Einrichtungen anſchauen,
oft zu ihnen fommen, ſehen, mie fie
ihre Zeit binbringen, erforfchen, welche
Grenzen ihre Gebiete haben, welde die
Bedingungen ihres Glüdes find, und
wie fie denſelben nachkommen. Darum
wifjen Jäger, Holzhauer und Menſchen,
weldhe einfam find, und zur Betrach—
tung dieſes abgefonderten Lebens auf:
gefordert werden, das Meijte von die-
fen Dingen, und wie aus dem Beneh:
men von Thieren das Wetter vorher:
zufanen ift. Es gehört aber wie zu
allem auch Liebe dazu.”
„Habt ihr nun diefe Beobachtungen
an den Thieren, wie ihr fagtet, gemacht ?”
fragte der junge Mann,
„Auf Beobadhtungen bin ich eigent:
lich nicht ausgegangen”, antıvortete der
Greis; „aber da ich lange in diefem
Haufe und in diefem Garten gelebt
habe, hat ſich manches zufammengefun-
den; aus dem Zufammengefundenen
haben jih Schlüſſe gebaut, und ich bin
durch dieſe Schlüffe umgelehrt wieder
zu Betrachtungen veranlaßt worden.
55*
Viele Menfchen, welche gewohnt find,
jih und ihre Beitrebungen als den Mit:
telpunft der Welt zu betrachten, halten
diefe Dinge für Hein; aber bei Gott
ift e8 nicht fo; das ift nicht groß, an
dem mir vielmal unfern Maßſtab um:
legen können, und das ift nicht klein,
wofür wir feinen Maßftab mehr haben.
Das fehen wir daraus, weil er alles
mit gleicher Sorgfalt behandelt. Dft
habe ih gedadt, daß die Erforfhung
des Menfchen und feines Treibens, ja
fogar feiner Geſchichte nur ein anderer
Zweig der Naturmifjenfchaft fei, wenn
er au für uns Menfchen wichtiger ift,
als er für Thiere wäre. Ich habe zu
einer Zeit Gelegenheit gehabt, in die:
ſem Zweige manches zu erfahren und
mir einiges zu merken. Doch ich will
zu meinem Öegenftande zurüdfehren. Bon
dem, was die Heinen Thiere thun, wenn
Regen oder. Sonnenfhein fommen fol,
oder wie ich überhaupt aus ihren Hand:
lungen Schlüſſe ziehe, kann id nicht
reden, weil es zu umftänblic fein würde,
obwohl es merkwürdig ift; aber das
fann ich jagen, daß nad) meinen biähe:
rigen Erfahrungen geftern feines ber
Thierhen in meinem Garten ein Zei:
hen von Regen gegeben hat, wir mögen
von den Bienen anfangen, melde in
diefen Zweigen fummen, und bis zu
den Ameifen gelangen, die ihre Puppen
an der Planfe meines Gartens in die
Sonne legen, oder zu dem Springfäfer,
der ſich feine Speife trodnet. Weil mid)
nun diefe Thiere, wenn ich zu ihnen
fam, nie getäufcht haben, fo folgerte
ih, daß die Wafjerbildung, welche un:
fere gröberen wiſſenſchaftlichen Werk:
zeuge vorausfagten, nicht über die Ent:
ftehung von Wolfen hinausgehen würde,
da es fonft die Thiere gewußt hätten.
Was aber mit den Wolfen gefchehen
würde, erfannte ich nicht genau, ich
ſchloß nur, daß dur die Abkühlung,
die ihr Schatten erzeugen müßte, und
durh die Luftftrömungen, denen fie
jelber ihr Dafein verdankten, ein Wind
entjtehen fünnte, der in der Nacht den
Himmel wieder rein fegen würde.”
„Und jo geſchah es auch“,
der Neifende.
„Ich konnte es um fo ficherer vor-
ausfehen, weil es.an unferem Himmel
und in unferem Garten oft ſchon jo
gewefen iſt wie gejtern und ftetö jo
geworden ift, wie heute in der Nacht.“
„Daß ift ein weites Feld, von dem
ihr da redet“, fagte der Reifende, „und da
fteht der menſchlichen Erfenntniß ein nicht
unwichtiger Gegenftand gegenüber. Er
beweift wieder, daß jedes Wiſſen Aus:
läufe hat, die man oft nicht ahnt, und
wie man die fleinften Dinge nicht ver:
nadläffigen fol, wenn man aud nod)
nicht weiß, wie fie mit den größeren
zufammenhängen. So famen wohl aud)
die größten Männer zu den Werfen,
die wir bewundern, und fo kann mit
Hereinbeziehung defien, von dem ihr
redet, die Witterungsfunde einer großen
Erweiterung fähig fein.“
„Diefen Glauben hege ih auch“,
erwieberte der Greis, „Euch Jüngeren
wird es in den Naturwiſſenſchaften über:
haupt leichter, als es den Aelteren ge:
worden ift. Man jchlägt jegt mehr die
Wege des Beobadhtens und der Berfu-
che ein, ftatt daß man früher mehr den
Vermuthungen, Zehrmeinungen, ja Ein:
bildungen hingegeben war. Diefe Wege
wurden lange nicht klar, obgleich fie
Einzelne wohl zu allen Zeiten gegangen
find. Ye mehr Boden man auf die
neue Weife gewinnt, deſto mehr Stoff
hat man als Hilfe zu fernern Errin-
gungen. Man wendet ſich jet auch mit
Ernft der Pflege der einzelnen Zweige
zu, ftatt wie früher immer auf das
Allgemeine zu gehen; und es wird da—
her auch eine Zeit fommen, in der man
dem Gegenftande eine Aufmerffamleit
ichenfen wird, von dem wir jebt ge:
ſprochen haben. Wenn die Fruchtbar:
feit, wie fie durch Jahrzehende in der
Naturwiſſenſchaft geweſen ift, durch
Jahrhunderte anhält, ſo können wir
gar nicht ahnen, wie weit es kommen
wird. Nur das eine wiſſen wir jetzt,
daß das noch unbebaute Feld unendlich
größer iſt als das bebaute.“
ſagte
„sh babe geftern einige Arbeiter
bemerkt“, ſagte der Neifende, „welche,
obwohl der Himmel voll Wolfen war,
doch Wafler pumpten, ihre Gießfannen
füllten, und die Gewächſe begojjen. Ha:
ben dieſe vielleicht aud gewußt, daß
fein Regen fommen werde, oder haben
fie bloß eure Befehle vollzogen, wie
die Mäher, die an dem Meierhofe Gras
abmähten.”
„Das Lettere ift der Fall“, er
wiederte er. „Diefe Arbeiter glauben
der ich in meinem demnächſt bei G. He:
denaft (Leipzig, Preßburg) erfcheinen:
den Bude: „Waldheimat” erzäh:
len werde. Zur Feier der für dieſen
Monat angekündigten Mondesfinfternif
jei das Geſchichtchen bier mitgetheilt.
Einmal war beim Nachbar Leichen:
wache. Bei folden Anläffen kommen
die Leute zufammen zum Gebet und
zur heiligen Betrachtung.
Des Waldjofel Eleiner Franz war
geftorben und id, ein Knabe mit zwölf
jedesmal, daß ich mich irre, wenn der | Jahren, nahm mein Erbauungsbuch und
äußere Anſchein gegen mich iſt, wie oft | mein Fernrohr,
dad ich einem alten
fie auch durch den Erfolg belehrt wor- | Haufirer abgeſchachert hatte, und ging
den fein mögen. Und fo werden fie ges | zur nächtlichen Leichenfeier.
wiß auch geftern geglaubt haben, daß
Regen komme. Sie begofjen die Ge:
wächſe, weil ich es angeordnet habe.
Es find aber endlich auch noch andere
Dinge außer den Thieren, melde das
Wetter vorherfagen, nämlich die Pflanzen.
In meinem Garten und in meinem Ge-
wächshauſe find Pflanzen, welche einen
auffallenden Zufammenhang mit dem Luft⸗
freife zeigen, bejonders gegen das Nahen
men fann man dem fommenden Regen
doch gar zu gerne fehen,
der Sonne, wenn fie lange in Wolfen
geweſen war. Aus dem Seruche der Blu |
Wir beſaßen im Haufe einen hun:
dertjährigen Kalender, der hatte ſchon
vor vielen Jahren für die heutige Nacht
eine Mondesfinfternig prophezeit, ohne
daß er gemußt haben mochte, daß ich,
der Waldbauerndbub, um dieſe Zeit
wirflih mit einem Fernrohre gerüftet
war und mir daher die Mondesfiniter:
niß fehr erwünſcht fam. Ich mollte
wie das
ihmwarze Ungethüm, das fein Menſch
fannte und da3 auch der Hundertjäh-
rige nicht zu befchreiben mußte, den
entgegenfehen, ja fogar aus dem Grafe | lieben Mond anpaden und ſich in den:
rieht man ihn beinahe. Mir kommen | felben hineinfreffen würde.
diefe Dinge jo zufällig in den Garten | Als ich über die Felder ging, ſtieg
und in das Haus; ihr aber werdet fie der Mond gerade über die Teufels-
weit beffer und weit grünblicher kennen fteinwälder herauf, fo vollwangig und
lernen, wenn ihr die Wege der neuen ſo freundlich lächelnd. Er hatte mohl
Wiffenfhaftlichteit wandelt und die Hilf3: | feine Ahnung, was nad) dem Hundert:
mittel benüßt. Ich glaube, daß in der | jährigen ihm heute bevorftand. Mein
gegenwärtigen Zeit der Standpunkt der Inſtrument hielt ich in der innern Rod:
Wiſſenſchaft, von welder wir fpradhen, \tafche verborgen und fo kam ich zum
der des Sammelns ift. Entfernte Zei: | Haufe, wo der todte Franzel lag. Er
ten werden aus dem Stoffe etwas bauen, |lag in der Wohnſtube aufgebahrt und
das wir noch nicht Fennen.“ daneben ſtand ein Tiſch, um welchen
ſchon mehrere Leute ſaßen, die Tabak
rauchten, dabei über Wirthſchaftsdinge
ſprachen und auf mein Vorleſen war:
teten. Glaubensgrübler waren dabei,
fo die alte Niegelbergerin, fo der Holz:
ichlager =: Thomerl und das war mir
Bon einer Finfternif.
Da uns der Kalender für die Nacht
vom 23. auf den 24. Auguſt eine
totale Mondfinfternig vorausfagt, fo
erinnere ih mid an eine foldje Fin-
fterniß aus meinen Kindestagen, von
gerade recht, denn ich hatte in meinem
Bude ein prädtiges Kapitel über den
Weltuntergang vorbereitet,
Zuerft, als fih die Meiber heran-
gezogen hatten, wurde ein geiftliches
Lied gefungen:
Hort, liebe Kinder insgemein,
An’ Reiche, Arme, groß und Hein,
Hörct zu mit Traurigkeit,
Der jüngite Tag ift nimmer weit.
An einem fo erfchredlichen Tag,
Da fallen die Sterne vom Himmel herab,
Sonn’ und Mond verfinftern ſich,
Die Allmacht Gottes kündet ſich.
Und weiter war im Liede die Rebe
vom Thale Joſaphat, von Pofaunen:
getön’, von der Auferjtehung der Todten
und vom Gerichte.
Somit war das Volk in die rechte
Stimmung verſetzt. Ich ſchlug mein
Bud auf, um mit den draſtiſchen Vor—
berfagungen eines theologifhen Schrift:
ftellers und mit nahdrüdlicher Stimme
die Wahrheit des Liedes zu beweifen.
Die prädtigften Zeihen und Wunder
predigte ich zufammen; die Sterne pur:
zelten vom Himmel wie Hagelkörner
und Sonne und Mond verfinfterten fich
derart, daß ein alter Bauer, der Brunn:
michel, es für nöthig hielt, mit ben
Fingern das SKerzenliht zu pußen.
„Auweh!“ fagte er dabei, „auch beim
Waldjofel ift das Feuer heiß!“
„3a, das magſt Dir wohl merken“,
meinte die alte Niegelbergerin, „und
fein folder Uebermuth fein, Du alter
Zatel. Bedenk's nur, wenn fchon das
Feuer beim Waldjofel jo heiß ift, wie
wird's erſt in der Höllen brennen!“
„Bedank' mid fauber für Deine
Chriftenlehr’“, antwortete der Brunn:
michel, „Du meinft, weil id), der fieb-
sig Jahr alte Schippel, auf's Steiriſch—
tanzen noch was halt’. Weißt, Niegel-
bergerin, ich den’ mir halt fo:
Seide Inftig, ſeids luſtig,
Thut's fingen und bupfen,
So kann Euch der Teuxel
Kein Haarl ausrupfen!“
„Aber Du mein Gott!“ rief der
hebt er mit ſeinen Schelmenliedern an,
und neben uns liegt ein Todtes!“
„Jeſus, Maria und Joſef!“ kreiſchte
ein Weib und riß ihren Kopf vom
Fenſter zurück, „ſchaut's hinaus, Leut',
der jüngſte Tag! Den Mond ſchaut's
an, ein großmächtiges Stuck iſt weg—
brochen!“
Alles ſtürzte zu den Fenſtern, zur
Thür.
„Ja, wahrlich!“
„Es iſt vollſcheinig, heut'!“
„Das iſt gewiß, aber der hölliſch'
Drach' frißt den Mond auf!“
„Und kehr' die Hand um, wird er
auch die Sonn' im Rachen haben, nach—
her, behüt' Dich Gott, Taglichten, nach—
her mögen wir in der Finſterniß den
Hafer ſchneiden!“
„Ja, wenn einer wachſt?“
„Ja, wenn einer anbaut wird! Ich
denk', nach dem Haferfeld werden wir
nicht viel fragen. Werden bald die Po—
ſaunen zu hören kriegen!“
„Wer hätt's gemeint, daß wir das
noch ſollten erleben!“
„Und von Todten auferſtehen ſoll—
ten, ehvor wir geſtorben ſind“, ſagte
der alte Michel, „aber ich fürcht', es
iſt nur eine Mondesfinſternuß.“
In der Erregung war das Licht
ausgeloſchen; die Ampel an der Leiche
glimmte kaum; der Mond ſchien mit
mattem Lichte auf den Fußboden der
Stube herein. Ich that mein Fernrohr
hervor, zog es auseinander und hockte
unter den Tiſch hinab, damit ich durch
das kleine Fenſter mit meinem Inſtru—
mente dem ſchon hochſtehenden Mond
beikonnte.
Ich erſchrak ſelber. Der ganze un—
tere Theil, wo ſonſt Adam und
Eva ſaßen, war weg, und Der andere,
der nod) da war, zitterte, wie das zu:
jammengebrochene Lamm vor dem Wolfe.
Mehrere Weiber waren, wie es bei
Finfterniffen in vielen Gegenden nod
gebräudhlih, mit Hafendedeln, Pfan—
nen und Töpfen in's freie geeilt und
Holzſchlager-Thomerl entrüftet, „jetzt huben an zu ſchellen und zu klirren:
vielleicht geläng’ es doch noch, dem „Iſt Alles Verblendung !”
Ungeheuer die Beute abzujagen. „Na!“ fagten ein paar Weiber,
Mittlerweile war die leuchtende „wenn Du ſchon fo geſcheidt bift, fo
Scheibe ſchier zu einem Kipfel zufam: | erzähl’s halt, was Du haft gejehen.“
mengefhmwunden und ich begann nun „So viel ich hab’ fehen können“,
zu meinem Erjtaunen auch jenen Theil | verfegte ih, „hält der Mond fein Sad:
tuch vor's Gefiht und meint.“
Ueber was funnt er denn weinen”,
rief die Riegelbergerin aufgeregt, „als
über die Schlechtigkeit der Welt!“
„Oder über die Dummheit der
Leute“, ergänzte der Michel.
Sch fah, daß es fchief ging und
meinte, ich wäre in meiner Beobachtung
nur zu früh geftört worden und hätt’
e8 nit fo genau gefehen, möglicher
Weiſe — und mir habe es fogar fo
geſchienen — hätte der Mond vor lau:
ter Lachen fein Taſchentuch vor's Ge:
ſicht gehalten.
„So hat er wen ausgelacht!“ ſagte
der Michel und fchielte auf die Riegel:
bergerin hinüber.
„Weißt Du was, Bub!“ fuhr mid)
diefe an, „Du bift ein Fabelhans und
Du gehft hinaus! — aber gleich gehit
hinaus!” — Gie hob gegen mid) ihre
jwei mageren Fäufte.
„Oho!“ rief der Michel und ftellte
fih dazwifhen, „ift das eine Mode!
beim Leihenwaden! Dem Bübel ge:
ſchieht nichts und jetzt, Weiberleut’,
ſingts wieder Eins, wißts kein Luſti—
ges, ſo thuts ein Trauriges, aber fein
nah dem Takt, daß Einer dabei tan—
zen kann ...“
„Die Finſterniß iſt ſchon vorbei“,
berichtete der Hausvater, der zur Thüre
hereinkam. Und ſiehe, der Mond war
wieder licht und rund, er weinte nicht
und lachte nicht — in ſtiller Freund—
lichkeit blickte er nieder auf den Zim—
mermann, der über den Anger ſchritt
und auf der Achſel den kleinen wei—
ßen Sarg herantrug.
Neben dieſem glitt ein ſchwarzes
Ungeheuer daher. Es war der Schat—
wieder zu ſehen, der gar nicht da war.
Es ſtand wahrhaftig noch der ganze
Mond am Himmel, nur war er fledig
und ſchwarz geworden, wie im Herbfte
die Franken Erdäpfel ſchwarz werben.
Und nun dachte ich bei mir: Es fieht
nit aus, ald ob ein Ungeheuer den
Mond im Nahen hätte, es weiſt ſich
vielmehr, als wie eine Krankheit, die
den lieben Mond überfällt, daher auch
das Sieber, das Zittern, wie ich eö
durch mein unruhiges Fernrohr beob:
achten konnte.
IH war mitten in meinen or:
ſchungen, da rief plöglid Einer : „Was
madt denn Der da unter dem Tiſch?
Hat er was Heimliches ?*
„Das werden wir gleich ſehen;
herauf mit dem Waldbauernbuben!“
Und fie zogen mich hervor und
jest jahen fie mein Inſtrument, womit
ih den Mond betrachtet hatte.
Das war Unheil. Zuerft fuhr die
Niegelbergerin auf mic los. Sie hief
mih den Undrift, der felber nicht
glaubt, was er gerade aus dem heili:
gen Bude gelefen hat, der wie die
Heiden mit Nöhren und Gläfern den
Himmel ergründen will, mit Teufels:
werkzeugen dem Herrgott gleihfam in’s
Auge ſchaut und in den Magen hinein !
Der Holzihlager: Thomerl riß mir
das Fernrohr aus der Hand und ftürzte
damit zum Ofen: „Da gehörts hinein !*
Alles war aus Rand und Band
und wollte mir böſe. Da flüfterte mir
der Michel in’s Ohr: „Bub’, lüg' ihnen
gefhwind was vor, fonjt fragen fie
Dir die Augen aus.“
Da rief ich den Leuten zu: „Seids
froh, daß ich mit dem Fernrohr hinauf:
geſchaut hab’, daß ich's Euch erzählen |ten vom Zimmermann und dem Sarge.
fann, wie's jet zugeht da oben?“ Aa. i
„Wir mollen 's nicht willen!“ —
ſchrien Einige. —
— rm m _
872
Wie Tirol feine Dichter feiert. |
Bon Joſef Erler.
Im Süden von nnöbrud erhebt |
fi ein reizendes Mittelgebirge. Ueppiger
Tannenwald dedt dasfelbe. Auf einem
Plateau liegt ein herrſchaftliches Haus,
der „Biggelberg”. Wenige Minuten ent:
fernt ruht auf weichem Moofe ein Stein. |
Darauf ift einzegraben zu lefen:
Zur Erinnerung au
Hermann von Gilm
umd
Friedrich Yentner.
@emidmet 1877.
Vor wenigen Tagen war er mit
alührothen Alpenrojen umkränzt. Viel
Volk hatte fih um denfelben verfammelt.
Städter und Landleute im bunten Ge:
miſche. Bon den Bergen hallten donnernd
Freudenfchüffe wieder. Dazwiſchen fröh—
lihe Mufifflänge.
Trüb nur blidte der Himmel dazu
nieder. Niemand aber adhtete auf folche
Trübnif.
Mas man hier wollte ? das hatte
ih den Verfammelten zu erflären, Einer
der jüngjten der Schaar, die im Berg:
lande die Feder führt. Es ift billig,
daß der Jünger in That und Wort
den Meifter ehrt.
„So reht am Herzen der Natur,
auf fchwellendem Moofe, unter dem,
duftiggrünen Dache
Hochwaldes ward mir die ehrende Auf:
gabe, den Willlommgruß zu einem Feſte
zu bieten. Schlicht und einfach wie deſſen
Scenerie foll fi) auch dasfelbe geftalten
und doch wird der finnige Haud) , der
es durchweht, das vermißte äußere Ge:
pränge mehr als erjeten.
Es ift in unferen Tagen zu einer
Art Manie geworden, berühmten Männern
nad) ihrem Tode prächtige Monumente
zu fegen. Iſt es doch die einfachſte Art,
Ihnen den fchuldigen Tribut der Dank: |
Nüglihe, die nöthige Ausfhmüdung
ganzer Stabttheile verbunden ift.
Mir fommt es hier nicht zu, über
die Berechtigung diefes Cultus zu richten,
wie ferne wir aber demfelben heute
ftehen, möge der einfadhe Stein ver:
fünden, um den wir uns verfammelt.
Der Wald hat ihn uns geboten,
ein ſchlichter Meißel nur hat zwei Namen
| in denfelben gegraben, zwei Namen aber,
‚die ihn herrliher als die vollendetfte
eines herrlichen |
barkeit abzuzahlen und Hat dabei den
Bortheil, daß mit dem Schönen das |
‚Arbeit des Meifters zu zieren ver:
mögen.
Hermann von Gilm und Sofef
Friedrih KLentner! Welchem Sohne
Tirols, der fi für das geiftige Leben
feines Vaterlandes interefjirt, könnten
diefe Männer fremd fein? Wer hat ſich
nicht an den bezaubernden Weifen, die
jener feiner Leier entlodt, wer ſich nicht
an den duftenden Erzählungen, die
diefer mitten aus dem Herzen des
Bolfes gegriffen, fchon zum öftern
erfreut ? Wer aber hat wohl dabei gedacht,
daß gerade die reizenbften biefer poe—
tiſchen Blumen auf dem Boden erblüht,
auf dem wir uns eben befinden ?
Diefer Stein foll es jetzt den Ver:
ehrern und Werehrerinnen der beiden
Dichter Fünden, dak in den geheiligten
Näumen diefes Waldes die erften Lieder
Gilms von Freiheit, Frühling und
Liebe erflungen, jene begeijterten Lieber,
die den Grundftein zum fpäteren Ruhm
ihres Schöpfers gelegt. 2
Ih habe drei Kränze gewunden,
Gleich einer Schäferin,
Ind will fie nun vertheilen
Nadı meinem thörichten Sinn.
Den erften aus Eichenblättern,
Den drüde ih Dir au'fs Haupt,
Es liegt eine Kraft in der Eiche,
Auf die man vertraut und glaubt.
Den zweiten aus wilden Rojen,
Sch’ ich dem Bächlein im Maid,
Das färbt mit rofigem Leben,
Die Wangen von Jung ımd Alt.
873
Den dritten aus Blumen des Feldes
Leg’ ich dem Heiland auf's Baar,
Er foll feinen Dornenkranz tragen
In meinem feligiten Jahr.
Wer erfennt nicht auf den erften
Blid, daß die Staffage zu dem gemüth:
vollen Gedichte, deſſen Töne einen
bis in die Tiefe des Herzens rühren,
gerade dieſe reizende Gegend gebildet ?
Wenige Jahre früher hatte hier
Joſef Friedrih Lentner, der gottbe:
gnabete Genremaler mit Pinfel und
Feder, die alüdlichften Stunden verlebt,
in dem Schatten dieſer Bäume jene
prächtige Erzählung geträumt, mit der
er unter dem Titel: „Das Tiroler
Bauernfpiel” dem Alpenlande das jchönfte
Ehrengeſchenk dargebradtt.
Wie Gilm in feinen Gedichten, hat
Lentner in feinen Erzählungen das
Leben und Schaffen des Tiroler Volkes
in meifterhaften Karben gezeichnet. Wenn
er von Geburt Fein Tiroler war, fo
hat ihn doch feine heiße Liebe zum
Alpenlande und feine edle Denkungsart
zum beften Sohne unferer Berge gemadht.
Wie Gilm glühte und fämpfte aud
er mit den fcharfen Waffen des Geiftes
für Mannesehre und Denkungsfreiheit.
Wenn ihre Mege verjchieden waren,
ihr Biel blieb doc dasfelbe, wie die
Stätte ihres erften Wirfens. Und des—
halb möge auch diefer Stein ihre Na:
men brüderlich vereinen !
Dem Wanderer, der des Menges
fommt, wird er verfünden, daß bier
zwei der beiten Männer Tirols unver:
geklihe Tage verbradht, daß fie auf
diefer Werkftätte am Herzen der Natur
ihre jungendfrifchen Schöpfungen in die
Melt entjandt.
Der wird es dann in den Bäumen
geheimnißvoll raufchen, in den Büſchen
leife flüftern hören, alles ringsum
wird Leben befommen. Dort wird er
den Schüßen mit der Fahne, hier den
Nitter am Arme der Geliebten, an der
Duelle den Mönd; mit dem Breviere,
auf der Weide das blondgelodte Hirten:
mädchen, kurz in langem Reigen alle
die herrlichen Geftalten fehen, melde
die Mufe mit ihrem begeifternden Kuffe
ihren beiden Lieblingen vor die Augen
gezaubert. —
Manch graugelodter Alter wird hier
vielleiht mit thränenden Augen jener
Zeit gedenken, in der die beiden Männer
zu den Gefeiertften des Tages gehörten ;
manch lebensfroher Jüngling wird da:
durch angeregt werden, aus dem Borne
reicher Geiſtesſchätze, die fie uns als
ihr ſchönſtes Vermächtniß zurüdgelaffen
freudig zu fchöpfen.
Sie werden den Freunden unferer
beiden Gefeierten, die dem Ruhmesfranze
unferes Baterlandes die ſchönſten Blätter
eingeflochten, für diefen Dentftein dank:
bar fein, wenn er auch nur in fchlichter
Weife die Namen trägt, die im Herzen
des Volks eingegraben find:
Hermann von Gilm und
Friedrich Lentner! —
Darauf aus hundert Kehlen begei-
ſteters Hoch. Die Mufif fällt ein. Bei
ihren Klängen fcheidet man vom trauten
Drte. So mande Alpenrofe glüht zur
Erinnerung an fchöner Mädchenbruft.
Meine bring’ ich der Liebften nach Haus.
Beim Dorfmwirth in Natters gibts noch
luftigen Tanz.
Joſef
At und Jung iſt in rofigfter
Laune.
So fließt der Felttag. Iſt das
nicht eben fo jchliht ala finnig, wie
man im Alpenlande Tirol die Dichter -
feiert ?
Innsbruck, im Juli 1877.
Sommermondnadlt.
Von Ernft Raufder.
Sp viel fhöner die Erinnerung
An beglüdte Zeit, als dieſe felber
So viel ſchöner, als der goldenfte,
Sonnigfte der Tage, ift die Mondnäacht.
Bauberhelle dämmert allverflärend
Ueber dem Walde, darin das Käuzchen feufzt,
Dänmmert über Wiefen, wo der ®rille
Scläfriges Gezirpe raftlos tönt.
Eine fpäte, fleik'ge Sichel Hingt,
Wachtelſchlag herauf aus duft'gem Kornfeld,
Jezuweilen in azur'ner Ferne
Um die Berge zudt es wetterleuchtend.
Aber wie der Greis, der filberlodige,
Auf den Jüngling blidt, dem Leidenjchaften
Rod im Bufen flammen —, mildelächelnd
Blidt der Vollmond auf die heiße Erde.
Von des Nufbaums breiten Blättern träufelt
Weißes Licht, die Stufen der Veranda
Fließt es nieder, an dem Hausgewände,
Daß es gleißt, ald wär’ es eitel Marmor.
Aus dem Schage der Erinnerungen
Seh’ ich mir die föftlichften der Perlen,
Laſſe flimmern fie, wie Tropfen Thaues —
Dort im keuſchen Schoß der weißen Roſe.
Bis in füher Müdigkeit die Seele
Mir dahinfhmilzt, wie das Moltenflödcden
Soc im Aether, wie Refedenhaud)
In der lauen Luft ſich wonnig auflöft.
Auguft.
Der glüdlihfte Monat von Allen
ift vielleicht diefer. Das Yahr ift nicht
mehr jung und ift noch nicht alt; die
heißen Leidenſchaften der Hundstage
find vorbei, die Mühfal der froftigen
Sreifenzeit ift noch nicht gefommmen. Es
ift die Zeit des behaglichen Friedens, des
erften Genufjes der Früchte vergangener
Arbeit.
Der Landmann quält ſich nicht
mehr mit Furcht und Hoffnung, er
weiß nun, was von diefem Jahr das
Seine ift. Er will nur hundert Hände
haben zum Anfichnehmen der Gaben
al’, die ihm Gärten und Felder gefpendet
haben.
Die Bäume warten nod geduldig,
bis er mit Anderem fertig ift, und
vervolllommnen ihre Früchte. Ihre
Schönheit und Größe zeigt die Natur
dad ganze Fahr, aber in diefer Zeit
weist fie ihre Treue. Das Tagmerf
era
geht zu Ende, fie ladet die Arbeiter zu
ihren Tifchen und läßt ihre Sonne
leuchten in milder Wärme, und überall
grünen neu die Wiefen, blühen Blumen
neu, ald wäre ein zweiter Frühling.
Die jungen Jahreszweige des Waldes
erftarfen und herben fich zu Holz. Das
Gevögel aber ift fleinlaut geworben ;
zwei Finken, die fpazieren flogen, haben
oben am Bergahorn einen traurigen
Fund gemadt. Ein gelbes Blatt. Bud;
finfen leſen fonft feine Blätter, aber
die Neuigkeit dieſes Blattes haben
fie nur zu gut verftanden. Sie fehrten
zurüd und theilten eö den Uebrigen mit
— und feither mag feiner mehr fo über:
müthig fingen als vordem.
Hingegen find zu diefer Zeit an:
dere Vögel auf's Land gefommen, die
an Jubel und Uebermuth die Be:
flügelten weit übertreffen. Saßen fie
doch das ganze Jahr in ihren Stein:
fäfigen gefangen und wurden gefüttert
mit dürren Körnern der Worte, die
man ihnen in papierenen Düten vor:
jegte oder audh nur mit dem Munde
jo hinblies. Als nun die Käfige auf:
gethan wurden, flatterten fie ganz wild
heraus und wollen fich in der ländlichen
Natur entfhädigen für ihre Gefangen:
ihaft und die Körner, die oft gar fo
troden und deren Schalen mitunter
ſchwer aufzubeißen waren. Auguſt iſt
der Studentenmonat.
Und die Kirche — ſie intereſſirt
uns ouf dem Lande immer; nur im
ftillen, allmächtigen, gottähnlichen Weben
der Natur wirkt der religiöje Cultus
auch noch auf das Herz des Weltfindes
— die Kirche begeht in diefem Monat
das glorreichite et ihrer Marienminne :
die Emporfahrt der Mutter Gottes in
den Himmel. Die Marienaltäre der
Landfirhen und Kapellen fehen an
diefem Tage aus mie wilde Roſen—
büjche, aus denen Kerzenflammen wachſen,
und fchier betäubend ift der Blumen:
fronen Duft im Gotteöhaufe. Und der
Dichter greift begeiftert in die Harfen-
faiten. In einer Waldfapelle des Ober:
landes find an die Mauer — wahr:
875
ſcheinlich
Poetenherzen — folgende Worte ge—
ſchrieben:
„Aus Todesbanden
Iſt der Sohn erſtanden.
Und fie, das heiligſte Weib der Schmerzen,
In der ewigen Jugend Strahl
Stieg empor auf Rofenwolten
Zum himmlischen Königsfaal. —
O, Dank den Zungen,
Die dieh Lied gefungen
Das eritemal in Glauben und Hoffen.
Unfer Leib finft der Erde zu,
Doch Dir, o Herz, fteh’ im Ideal
Heiliger Dichtung der Dimmel offen!
In Lebensftürmen verlifcht der Schimmer,
Der kindliche Glaube vergeht wie Than.
Er fei dahin. Nur Ein’s laß ich nimmer:
Das glorreiche Anbild der göttliden Frau
Marin, Maria,
Mit deinen Schmerzen,
Mit deinen Freuden !
In meinem Herzen
Biſt von allen
Den Idealen,
Den berrlidyen, fühen, lieben,
Mir allein du noch geblicben.
Deines Gedächtniſſes Segen
Möge uns retten
Aus der Verzweiflung finiteren Wegen,
Aus der Peidenfchaft ehernen Ketten.
— D, ewigen Preis
Der Gebenedeiten,
Der Gnadenreichen !
Erd’ und Simmel zu allen Zeiten
Haben nichts, dir zu vergleichen.
Die Könige ruhen zu deinen Füßen,
Die Schaaren der heiligen Engel küffen
Den Saum deines leuchtenden Kleides.
Und in den Kammern
Des Elendes jammern
Die lichtloſen Kinder des Leides.
Die Befallenen weinen
3u dir, der Meinen,
Die gebrochenen Herzen,
Die verlornen Seelen
Dürften nad deinen labenden Quellen.
Auf Schutt und Trünmmern
Irdifcher Freuden,
von einem jehnfuchtsvollen Auf theuren Gräbern,
Unter Tranerweiden
Bliden Augen, thränenumbüllt,
Suden, Maria,
Du Mutter der Liebe,
Dein himmlifhes Bild. —
O, laß’ uns Kinder der Erde nimmer
Verlieren ganz Deiner Minne Schimmer.
Maria, Maria, dies bitten wir!
Und wenn Felſen ftürzen
Und die Himmel beben,
Huldreiche Frau,
Laß' beitehen, laß’ leben
Im Menſchenherzen
Das fühe Bild von dir!"
Bücher.
Das Vermächtniß Kains.
Novellen von Sacher-Maſoch. II. Theil.
Das Eigenthum. 2 Bde. Bern, G. Frobeen
und Comp. 1877.
Sacher-Maſoch genießt feit geraumer
Zeit von Seite der zünftigen Kritik,
der öfterreidhifchen wenigitens, eine Ver:
günftigung, um die ihn wohl Mande
beneiden und die er vielleicht nicht ein:
mal verdient: die Vergünftigung nämlich,
daß fie über ihn ſchweigt. Mit Flopf:
fechterifhem Muthe mehrmals von ihm
angegriffen, ſcheint fie zu glauben, Schwei⸗
gen fei die furdtbarfte Rache, die fie
an ihm nehmen fann. Nun wird aller:
dings Sacher-Maſoch durch das Schwei-
gen der Kritik veranlaßt, deſto mehr
von fich felbft zu fprehen, und das ift
ein Unglück für Sader-Mafoh. Aber
dem Publikum gegenüber hat er den
Vortheil, daß diefes, von feinem kritiſchen
Halloh geftört, das „Vermächtniß Kains“
unbefangen lieft und fid ein Urtheil
bildet über die Vorzüge und Schwächen
eines Autors, deffen Individualität an
fich ſchon eine fo eigenthümliche, abſonder—
liche ift, daß fie im Hohlfpiegel einer
nicht ganz unparteiifchen Kritif zum
völligen Zerrbild werden müßte.
Sacher-Maſoch befitt ein Erzähler:
talent, das auf die beutfche Leſewelt
876
um fo pifanter wirft, weil feine Eigen: | Vergnügen!“ ruft der Pole, fest fi
fchaften die einer anderen Race find. in die Branntmweinfchenfe und läßt für
Leider aber liegt etwas Krankhaftes in
der geiftigen Organifation diefes Schrift:
ftellers. Cine volle Gefundheit würde
fih nicht täufhen über die Wirkung
beifpiellofen Selbftlobes, würde nicht zur
Eelbftparodie in hundert leichtfertig hin:
geworfenen Blättern fchreiten, würde das
Maßloſe und das Einförmige in folcher
Production Tängft erfennen und meiden
gelernt haben.
Und doch, wie klar ift ebenderjelbe
Autor zu fchreiben im Stande! Man
lefe nur in der Vorrede zu diefem zweiten
Theile des „Vermächtniſſes Kains“ die
Stellen, in welden er die Grundidee
feines Werkes auseinanderfegt. Wie
lichtvoll und einfach und fchlagend iſt da
Alles! Man fieht, es mangelt in der
geiftigen Organifation Sacher-Maſochs
neben den kranken Stellen noch nit an
gefunden.
Sader:Mafoh wirft, indem er in
feinem großen Novellen:Cyflus uns den
Slaven, und vielleiht den Zufunfts-
menſchen ſchildert, ein Licht in die fchauer:
lichften pfychologifhen Abgründe. Der
Horizont diefer jlavifhen Welt ift er:
drüdend niedrig. Man fühlt fi) an die
ruſſiſchen Kuppelbauten mit ihren mafjigen,
fhwerlaftenden, das Gemüth nicht be:
fchwingenden, fondern gegen die Erde
prejlenden Formen erinnert. Mit der
ganzen Blafirtheit der Culturvölfer ver:
einigt fih da noch die halbe Wildheit
eines Naturvolks. Vom Affen jcheint
wenigftensder Durchſchnittsmenſch Sadyer-
Maſochs nicht abzuftammen — eher vom
Bären oder Wolfe. Nadter thierifcher
Egoismus, fein Auffhwung, fein ge
hobenes, in ſich ſelbſt befriedigtes Innen—
leben, feine Refignation !
alles Uebrige den lieben Gott und den
Juden forgen. — Aber bliden mir hier
nicht auf die „Nadhtfeiten”, nicht in bie
Abgründe der Menfchennatur überhaupt ?
Abſtrakt gefaßt, find die typifchen
Geſtalten Sacher-Maſochs von unbeftreit:
barer tiefer Bedeutung.
Der Diebitahl, der Raub, der Be:
trug, Geiz und Wucher u. f. m. fommen
der Neihe nad zur Darftellung in den
Novellen dieſes zweiten Cyflus des
„Bermädtniffes Kains“, der das „Eigen:
thum” behandelt, wie der erfte Die
Liebe. Man darf aber nicht glauben,
daß die jedenfalls interefjantere „Liebe“ -
bier fehle. Sie ift da, und mit ihr das
Sacher-Maſoch'ſche Weib, das unver:
meidliche — das befannte Weib mit dem
befannten Pelz, der es fo überaus gut
und paflend fleidet, da er das Fell
eines mehr oder weniger wilden Thieres
ft... Gleich in ber großartig durch—
geführten Cingangsnovelle „Das Volts-
gericht“ haben wir die ſcheußliche Feo—
dofia. Eine Art weiblihen „Cäfaren:
wahnfinns” ift da gefchildert — und
im Uebrigen Kampf um’s Dafein in
gräulicher Geftalt, oder eigentlih Kampf
um den mühelofen Genuß des Dafeins.
Sacher-Maſoch führt indefjen in feinem
Cyclus auch edle, Tiebevolle, zärtliche
Meiber vor, und diefe begnügen ſich
dann, ihren Liebhaber mit Nadeln zu
neden, die fie ihm heimlich in die
Aermel feiner Gewänder fteden, damit
er ſich daran blutig rite, oder den:
jelben bei einer Kahnfahrt ein wenig
in’s Waſſer zu werfen und fich halb tobt
zu laden, wenn er fid) erfältet und das
Fieber befommt, und mas dergleichen
Im „Don reizende Schelmereien mehr find... .
Juan von Kolomea“, dem Meifterjtüde |
Welch' ein intereffanter Unterſchied
Sacher-Maſochs, fcheitert das Glüd der zwiſchen den Sacher-Maſoch'ſchen grau:
Liebe und Ehe an den Kindern. ſamen Weibern und den „Liebenswürdigen
„Ms ob Vater: und Mutterglüd nicht Egoiftinnen Turgenjew's!“ Diefe laſſen
aud ein Glück wäre, fo groß wie nur ihre Anbeter fterben, jene tödten fie.
irgend eins!“ wird der glückliche deutſche Diefe find meist kalt und tugendhaft
Vater ausrufen. — „Warum fol ich und fogar im Stande, wenn ein An:
arbeiten? man lebt ja nur zu feinem beter fich ihretwegen erſchoſſen, aus
877
Rührung ein fleines Armenhaus zu ftiften ; |
jene fuchen durd) Hingebung zu feſſeln
und erdroſſeln ihr Opfer in der Um—
armung. Turgenjew bleibt eben immer
fein, bejonnen und mafvoll; Sader:
Maſoch dagegen bezahlt die größere Ver:
tiefung feiner Ideen, die Gluth feiner
Phantafie und die bis in's Krankhafte
gefteigerte Lebendigkeit feiner Anfchau:
ungen mit dem Opfer des fünftlerifchen
Maßes und der Natürlichkeit. Im philo:
fophifchen Uebereifer, die Ideen, die ihn
beherrihen, jo ſcharf und wirkſam als
möglich zu verförpern, jchafft er Unger
heuer, die einzeln verblüffen und impo—
niren, im Dutend aber lächerlich werben.
Man muß übrigens ftaunen über
den Fleiß und die Energie, mit welcher
Sacher-Maſoch an der Idee und Durch—
führung feines Hauptiwerfes fejthält. Und
jo weitausfehend der ganze Cyelus, jo
breit ift auch jede einzelne diefer Ge:
ſchichten angelegt, und doch ift alles
Detail mit großer Sorgfalt ausgeführt.
„jede Novelle ſpinnt ſchier zu einem
Memoirenwerk fih aus, voll von Schönen
und pifanten Saden, mit Dichteraugen
erfaßt und dem immer originellen Leben
abgelaufht. Welch' ein Schatz von Er-
fahrung ift aufgefpeichert im „Teftament“,
weldye Kenntnig und welcher Humor in
der Judengeſchichte „Haſara Naba”,
weld’ ein Detailreihthum des Jäger—
lebens im „Baſil“! Die Monotonie, die
man von einem Novellen:Cyclus befürchtet,
der ausjhlieglih das „Eigenthum“ be:
handeln fol, bleibt völlig aus; im
Gegentheil, reiche Abwechslung ift ein
Hauptvorzug dieſer merkwürdigen Er:
zählungen, von welchen — bald aus
Gründen des Inhalts, bald aus Grün-
den der Form — vielleicht feine einen
ganz ungetrübten fünftlerifhen Eindrud
macht, aber auch feine von der Höhe der
befjeren Leiftungen Sacher-Maſochs zum
Niveau feiner flüchtigeren und leicht:
fertigeren Arbeiten herabfintt.
DMobert SHamerfing.
Werinherus.
Gedicht in zwölf Geſängen von Alfred
Meißner. (Leipzig, Ar. W. Grunomw.)
Im Kloſter von Tegernfee Tebte
zur Zeit Friedrichs des Zweiten, des
Hohenftaufen, der Scholafticus Werinher,
ein reichbegabter junger Mann, Maler
und Dichter, zum Mönch gemadt, doc
im Herzen heimlid ein Freund der
alten Luft: und jchönheitsreihen Grie:
chenmwelt. Einft nah Salzburg gefom-
men, entbrannte er dort für eine junge
Nonne, die er entführen wollte, um in
einem fremden Yande mit ihr glüdlich
zu fein. Allein, die Flucht wurde ver:
eitelt, Werinher im Klofter zu St. Beter
in Salzburg gefangen gehalten, bis ihn
die Herren von Tegernfee mit Entjdie-
denheit zurüdverlangten. Die Nonne
fol aus Gram geftorben fein.
Diefe Sage hat Alfred Meihner
in feiner Dichtung „Werinherus” mit
meifterhafter Vollendung behandelt. Das
Gedicht ift fo fchlicht, einfach und wahr,
jo epiſch volfsthümlih, daß wir uns
in demfelben angehaudht fühlen von
dem Geifte einer vergangenen, gottbe-
gnadeten Zeit. Sei es anjtatt aller
fritiihen Auseinanderfegungen doch dem
„Heimgarten” geftattet, feinen Xefern
ein Gapitel aus dieſem fleinen, aber
herrlichen Epos zu bieten; jene Scene,
in welcher Werinher durch Xift das
Bildnik der Cythere vor der Wuth des
Pöbels ſchützt.
Wie ſchön iſt Salzburg, wenn das Abendlicht,
Des Unterberg's gezackt' Profil beſtrahlend,
Mit güldnen Lichtern Fluß und Matten malend,
Eih an dem hohen Bau der Beite bridt.
Neu auferwadht als Ehriftin liegt fie da,
Die alte, römifhe Iuvavia,
So reizvoll feſſelnd, daß im ganzen Reid)
Wohl keine Stadt an edlem Schmud ihr gleich.
Doch fieh, was will die aufgeregte Menge?
Sie ſtößt fich, keilt fih und erfüllt den Plaß,
Zumeift um Trümmerhaufen gibt's Gedränge:
„Was gibt es, Leute ? fand man einen Schatz?“
(fragt Werinber.)
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Ihm wird nicht Antwort, aber von den
Stufen
Der Treppe und im Kreiſe bört er rufen:
„Daß Keinen diefes Götzenbild berüde,
Erfäuft’s im Fluſſe oder haut’s in Stüde!
„Seht ber! ich will den Kopf hberunter-
Schlagen!" —
„Nein, mein! Zum Fluß das Teufelsiwerf
getragen !““
Vor drängt fih Werinher und fieht den Fund
Servorgeholt aus ſchwarzer Erde Grund:
Ein Steinbild, unverjehrt, ein herrlich Weib,
Faſt jeder Hülle baar den zarten Leib,
Ganz Reiz, ganz Stolz — mit einem Ange:
fiht —
Mer es geſchaut, vergibt ed ewig nicht!
Dod, ift das Stein? Ift Marmor je jo
weil ?
MWär’s frifchgefallener Schnee ? Beſeeltes Eis?
Da ſteht's — als ob das Leben wiederkehre,
Als jchlürfe neu die Bruft das Element
Des allgemeinen Seins... . Werinher erfennt
Das wunderbare Bildnik der Enthere,
Der Siegerin der Welt, dem Meer entftiegen,
Um Allem, was da athmet, obzufiegen !
Ihr Saar ift halb gelöf’t, im Nacken ruht,
Noch fencht vom Salz der See, der Locken
Fluth,
Der rechte Arm, erhoben halb, verſucht,
Zu bergen ihres Buſens reife Frucht,
Hinwandelnd — nnd ihr Geh'n erſcheint wie
Flug —
Trägt fie in ihrer Linken einen Krug.
Dies Bildiverk, wie ein Wunder anzuſchauen,
Erwedt im Volke nur unheimlich Grauen,
Die alten Weiber ſchrei'n, daß Belzebub,
Der unerfhöpflich ift an argen Liſten,
Im Schoß der Erde dieſes Weib vergrub,
Daß es dereinft verführe fromme Ehriften.
Und fie befrenzigen fih; doch Wern’her auch
Fühlt fih wie angeweht von Geiſterhauch.
„Bor einer Stunde ſprach ich nod don ihr,“
Sagt er ſich jelbit, „jebt fteht fie da vor mir.
Emporgetragen aus des Grabed Nadıt,
Erblick' ich fie, wie ich fie mir gedacht.”
—
Und wieder könt's: „Daß Keinen es berücke
Dies Teufelswerk, zerhauen wir's in Stücke!“ —
„Ein Beil! Ich will den Kopf herunker—
Schlagen " —
— „Nein, in den Fluß das Heidenwerk ge-
tragen — —
So hat der Anblid alles Volt bethört,
Dod, die Gefahr vom Bildnik abzuwenden,
Macht Werinher fi Plak mit rüft'gen Händen
Und ſchwingt fid) dorthin, wo ihn Alles hört:
„Wie mögt Ihr fünd'gen Reiz zu jehen
wähnen
In diefem Steine, ſchön und wunderbar ?
Es jtellt dies Bild Marien Magdalenen,
Die Büßerin, die Schweiter Simon’s dar!“
Der Stimme Vollklang und das feite Wort,
Vor Allen das Gewand des Sprechers lähmen
Die Schreier, daß fie mälig ſich bezähmen,
Er ficht die Wirkung umd fo fährt er fort:
„Weil nadt, erjcheint Euch ſchamlos jenes
Bildniß?
Rackt iſt auch Eva. Und auf dieſe hier
Blickt, tauſend Meilen ferne in der Wildniß,
Das Blumenaug' nur und das ſcheue Thier.
Dem Bad entitiegen, dem ſymbol'ſchen Bade,
Deß Fluth die Quellen find der ewigen Gnade,
Als in der Reue umgebor'ne Seele
Eutfühnt hinwandelnd ohne Sünd’ und Fehle —
So hat ein alter Künitler fie gedacht,
Deß Werk nun Gottes Rath an’d Licht ge-
bradıt,
Daß Alle, die in eitler Weltluft gebn,
Nachdenklich werden und ein Zeichen jehn !“
„a, jeht die Büherin! Die gold’'nen
Spangen,
Die einftmals ihre Luft und Freude waren,
Sie dürfen nimmer ihren Arm umfangen,
Yuc feinen Kranz mehr trägt fie in den
Haaren,
Nur das Gefäß, aus welchem fie zu falben
Des Heilands theure Füße war gewohnt,
Die Füße deb, der nun im Himmel thront,
Das wahrt fie tren, fchont fie um feinetbalben.
Da ftupt die Menge. Hätt' er Recht am
Ende?
Man fieht es wohl, der Bruder ift gelahrt,
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Viel fah und lernt’ er wohl auf weiter Kahrt. | verfcheucht werden muß, bis er endlich)
Man nähert fih, man küßt ihm Kleid und
Bünde.
Steinbild ift gerettet, Tod erleiden
's heut’ nicht mehr! Die Folge wird
entfcheiden,
Ob heilig jei das Bildniß, ob profan,
Ob Strafe wertb, ob Ehre zu empfahn.
Das
Soll
Das Bolt zerftreut fi. Vielen galt’s als
Wunder
Faft wie die Funken in verbranntem Zunder
Berzieh'n die Lebten ſich. Mit feinem Stein
Zieht Bruder Werinber in’s Mlofter ein.
Nimm mih mit!
„Lebensweisheit in Gnomen“ für die Weiten:
tafhe von Dr. Friedrih Abl. (Gras,
Ferſtl'ſche Buchhandlung, Albert Lentner).
Wenn ih fo viele Lebensweisheit
befäße, als in diefem anmuthig auäge:
ftatteten Büchlein eingefchlofjen ift, ich
würde diefelbe nicht in ſolche Verſe und
Neime bringen, als es hier geſchah.
So finnreihe Regeln Tiefen fd —
wenn fie ſich, wie dieſe, durchaus nicht
reimen wollen — gewiß aud in Profa
geiftvoll fagen, 3. B. „Arbeit ift nicht
der Fluch aus dem Waradiefe, denn
Arbeit öffnet erſt das Paradies auf
auf Erden”, oder: „Arbeit ift das
große Vaterunfer des Lebens; fie ift
der Erlöfer der Menschheit, die Schuß:
göttin der Jugend, der Troft des Al-
ters", „Feine Seelen find mit Weni-
gem zufrieden“; Warme Herzen find
empfänglich auch für die kleinſte Freude“;
„Weſſ' Auge nicht gemeint, der hat
nicht fehen gelernt.“ Das find gejchälte
Perlen aus dem Eleinen Buche, melde
die Muſchel des gereimten Bierzeiligen
ganz leicht entbehren. Sinnvoll find aud)
andere Sprüde, 3. B. der vom Men:
ichenherzen, das bei allen erfüllten Wün-
ſchen dennoch ungeftillt und leer bleibt,
fo lange man nicht ſelbſt in fich einfehrt ;
oder vom angewohnten Fehler, der wie
eine zudringliche liege, hundertmal
ausbleibt, Oder:
„Wer das Leben gar zu ernithaft nimmt,
Wen der Morgen nicht zu neuen Freuden
ftimmt,
Wer am Abend feine Luft zu hoffen begehrt,
Dem it das Leben nicht des An- und Aus—
ziehens werth.“
„Man lehrt am beſten,
Wenn man iſt vergnügt;
Und lernt am beſten,
Wenn man iſt betrübt.“
„Nur was labend zum Herzen ſpricht,
Das allein iſt ein Gedicht.“
Mancher dieſer Sprüche, es ſind
deren über 15 Dutzend, bedeutet frei—
lich nichts, manch' anderer hingegen
dünkt mir für die Weſtentaſche zu gut,
er ſollte tiefer ſitzen. 5. M.
Von der „Geſchichte Der öſterrei—
hifchzungarifhen Monarchie“, bear:
beitet von M. Smets, Berlag von
Hartleben (Wien) ift bereits das 9. Heft
erfchienen. An demfelben beginnt der
zweite Abfchnitt: „Die öfterreichifchen,
böhmischen und ungarischen Länder bis
zu ihrer Dauernden Vereinigung (1283 bis
1526). Selbſtverſtändlich läßt ſich über
ein fo umfangreiches, bedeutend ange:
legtes Wert ein endgiltiged Urtheil
noch nicht fällen, doc fcheint diefes
Bud in feiner Eintheilung, Gründlich—
feit und Klarheit, ſowie in jeiner pa—
triotifchen und freifinnigen Tendenz vor:
züglih zu werden. Gut auögeführte
Holzſchnitte, die den Heften beigegeben
find, unterbrechen in angenehmer Weife
die fi) lange hinziehenden Abjchnitte,
ohne das Werk gerade zu einer jener
Bilder-Lieferungen zu maden, die heute
auf Koften der Grünblichfeit des Tertes
auh in die wiſſenſchaftliche Literatur
Eingang gefunden haben.
Zeitlichtln.
Gedichte in oberöſterreichiſcher Volksmundart
von Wilhelm Cappilleri, Wien, Stemm—
ler und Yorius,
Der Einſender dieſes Buches ver:
fehlte nicht, demfelben auch einen Bogen
voll „Urtheile der Preſſe“ beizulegen,
die und ganz gewaltig für das Werl:
hen zu intereffiren wiſſen. So heißt
es in einer der Necenfionen: „Wir
haben bisher noch fein Dialeltwerk ge:
funden, welches das deutſche Wolf jo
zu intereffiren vermochte, als Cappilleri's
ZeitlihtIn“. Und in einer andern:
„Reuter zur Seite fteht jedenfalls der
öfterreihifhe Dialektdichter Gappilleri,
defien „ZeitlichtIn” in Anbetracht der
Empfindungen uns noch über Reuter's
Dichtungen zu ftehen feinen.” Und in
einer dritten: Cappilleri ift der hervor:
ragendſte Dialektdichter der Gegenwart.“
Derlei Ausſprüche find einem neuen
Werke fat immer ſchädlich, fie fordern
entweder die Kritik heraus oder machen
fie überflüffig. Wir legen Lob und
Büglein vathlo8 aus der Hand.
Boftkarten des Heimgarten:
$. in Bion : Iept im Sommer ? Bedenken
Sie, was Ernft Raufcher verräth:
„Mein Haupt binleg’ ich auf's weiche Moos,
Und ſchau' im die fchwanfen Bäume;
Sie jagen — freilich, die Thoren, bloß —
Daß träg' die Zeit ich verſäume.
O fühes Thun!
Da lieg’ id nun
Und lebe, liebe und träume,”
3. B. Graß: Der „Deimgarten‘ hat feine
Vorliebe für NRäthjelaufgaben, verſchließt fich
aber auch nicht prinzipiell dagegen, wenn fie
originell und geiſtreich find.
mM. M. Pforzheim: Paul Heyſe's:
Dr. Mohr feat:
„Die Leute fchlafen und laffen ſich aller-
band träumen und Du, Rranzelius Gradhus,
geheit herum, wie Macbeth und mordeft den
Schlaf! Nie habe ich begriffen, wie ein Menſch
fo unmenfhlih fein fann, irgend wen, der
ſchläft, aufzuwecken. Aber predige man dieſen
Humanitariern Menſchlichkeit! Ihr feid gerade
fo eigennüßig wie die Pfaffen und Duntel:
männer aud. Um nur euer Licht anzünden
zu fönnen, trommelt ihr die Menſchheit um
drei Uhr jhon aus den Betten !"
Aud Sie halten es zum Theile mit diejen
Nuftrommlern, beflagen aber die vielen Irr-
lichter, die den Aufgewedten angezündet werden
und balten das firdlihe Dogma ſowohl, als
aud) ven „Materialismus“ für ſolche Irrlichter,
welche befonders die Arbeitermaffen verführen
und jchrediiche Folgen nad ſich ziehen werden.
Sie richten ihre freimüthige Schrift ſowohl
gegen die Pfaffen des Unglaubens, als auch
gegen die des Aberglaubens. —
9. R. Graf: Einiges benüßt. Ueber
Kindberg und fein durch das Erdbeben zu
Grunde gegangenes Schloß dürften Sie im
„ZLopographifch-ftatiftifhen Lerifon von Steier-
mark“, herausgegeben von Janiſch (Leykam—
Sofefeiha) Beſcheid finden.
3. W. Meran: Unſere Nuppflanzen
zu — wäre löblich; doch Sie thun es
etwas ftarf “in der Manier GEoles‘., der in
feiner Geſchichte der Pflanzen vom Hanf
fagt: Aus diefer Pflanze werden Stride ge-
macht, und mit diefen Schiffe gelenkt, Gloden
geſchwenkt und Schelme gebenft.
3. R. Gra5: Inhalt des Gedichtes gut,
aber warum die Unbeftändigfeit in der Fotm?
4. R. Gray. Im Cafe zum botaniſchen
Garten liegt der Beſcheid.
Rarl ...... Uns ſchien es ſelbſt, als
wäre der Verfaſſer des „Donatiberg“ (10. Heft
d. 9.) auf feinem flinten Pegafus um 1000
zu hoch geftiegen. Der Terglau in Krain mißt
wirflih nur 9036 Fuß.
®R 8. Marburg: Bei uns nit ein-
gelangt.
KR. 36€ R.: Bewahren Sie uns Ihre
Offenheit, aber verlangen Sie nicht, dab wir
die Meinung eines Einzelnen für die des Pu—
blitums gelten laſſen follen.
Drud von Veyfam-Jofefsthal in Graz. — Ar die Hebaction verantwortlih 9. . Hofegger.
= hei I
— —
— — —
——
Der Pechloisl.
Eine Dorfgeſchichte von B. Young.
Des Engerbauers ſechs Buben wa-
ren alle bilbjauber und Fräftig gewach—
jen und baher auch der Stolz ihres
Baterd. Sein Liebling aber war ber
Jüngſte, der Loisl, ein pausbadiger
Bub mit heilblauen Augen, goldgelben
Ningelloden und einem Fugelrunden
Gefiht, das anzufchanen war, wie ein
weir und roth angeftrichener Vollmond.
Der Loisl war überhaupt das
Neithoderl, der ganzen Familie Augen:
apfel und dies, wenn nicht ſchon me:
gen feines pakſchirlichen Aeußeren, doch
eines anderen Umſtandes wegen, der
ihn der doppelt liebevollen und für—
ſichtigen Behandlung ſeiner nächſten
Umgebung empfahl.
Der Loisl war nämlich von feiner
Geburt an ein Eleiner Pechvogel, und
mancherlei fonderbarer Zufälligkeiten
wegen erhielt er ſchon als ganz klei—
ner Junge den Spignamen „Pechloisl“.
Der Loisl erblidte das Licht der
Welt an einem Freitag und dieſer
wieber fiel auf einen 13. April, an
Bofeggers „‚Heimgarten‘‘, 12, Yeft.
dem Regen, Schnee, Sonnenſchein und
Windſtöße wechſelten, wie die Launen
einer in intereſſanten Umſtänden ſich
befindenden Katze.
Die Engerbäuerin, die ſich alle
fünfmal früher und dieß eine Mal
beſonders ein Dirndl und nicht einen
Buben gewünſcht hatte, empfing die
Kunde von dem Geſchlecht ihre Neu—
gebornen mit ſo viel Verdruß, daß
fie den damals noch namenloſen Schrei:
hals aus den Händen der Hebamme
nur deshalb nahm, um ihn mit ärger:
licher Heftigfeit in das hochaufgehäufte
Bettflaumen:Gebirge zu werfen, mit
dem Ausruf: „Schon wieber fo ein
bummer Bub!“
So weih nun auch die Beſchaffen—
beit befagten Gebirgsterrains geweſen
jein mochte, des Engerbauer’s jüngjte
Sprößlingsnafe nahm dennoch Anſtoß
an dem Garambole, befam einen ge:
waltigen Nießreiz, dem wieder ein
Schnaderl (zu deutſch auch Schluchzen
benamfet) folgte, wodurch feinem Er:
56
882
zeuger fomohl, ald auch der hochwei—
jen „Mabame” unjagbare Sorgen er:
wuchſen.
Bei der Tauffeier, wo es ziemlich
hoch hergegangen, war doch der Pathe
Antlitz ſtrich, ſodann ſchnuppernd das
geweihte Amulet berührte, um dieſem
letzteren ſchließlich ſeine ganze Auf—
merkſamkeit zu widmen.
Mit einemmale erwachte der kleine
der fürſtliche Förſter in Perſon, paſ- Täufling und ſchrie; die bereits wie—
ſirte unſerem kleinen Geſchichtshelden der mit ſeinem Geſchlecht verſöhnte
ein ſchier noch ſchlimmeres, jedenfalls Mutter beeilte ſich, ihren Jüngſten zu
weittragenderes Mißgeſchick.
ſich zu nehmen, aber, o weh — die—
Die Frau Förſterin hatte nämlich ſer war unzertrennbar zuſammenge—
unſerem Loisl außer einem zinsbaren wachſen mit dem Sultel, der das
Werthgeſchenk auch ein Amulet ver—
ehrt, welches ſchon deren Urgroßmut—
ter und nach dieſer alle weiblichen
Enkel und Enkelskinder auf der Bruſt
getragen und deſſen ſich auch die letzte
Sproſſin ſicher nicht entäußert haben
würde, wäre dieſe nicht ohne Leibes—
erben geblieben und hätte ſie jetzt nicht
Amulet nach und nach vollends in
ſeinen Beſitz gebracht hatte und von
welch' letzterem nur mehr die Schnur
zu ſehen war, die theils aus des
vierbeinigen Jagdaſpiranten Rachen
guckte, theils um das Hälslein unfe-
res Loisl geſchlungen war.
Paniſcher Schrecken ergriff da die
durch eben dies Geſchenk der lieben Anweſenden, aber da Sultel nichts
Frau Gevatterin ein in die Augen | mehr von ſich geben zu wollen ſchien,
falendes Werthopfer zu bringen ge was er einmal mit Energie erfaßt,
dacht. unſer kleiner Mann aber eine ſolche
Beſagtes Amulet, in zartes Reh- durchaus noch nicht zu entwickeln ver:
leder genäht, bewies ſchon durch ſeine mochte, ſo blieb nichts übrig, als ein
fettglänzende Außenſeite, welch' hohes gewaltſames Trennen mittelſt Scheere
Alter es erreicht und durch wie viele der beiden Beſitzer beſagten Amulets.
Generationen hindurch es ungeſäubert,
daher auch unentweiht geblieben ſein
mochte.
Dieſes nun hing die Frau Ober:
förſterin unter allſeitigen beifälligen
Stolz wie ein Triumphator, der
eines glänzenden Sieges fich bewußt,
verkroch ſich Sultel unter den Tiſch,
wo diverje Stiefelabjäge feine gehobe—
nen Gefühle einigermaßen zu beein:
Nührungsthränen dem Täufling um |trächtigen bemüht waren, während
den Hals und vorläufig jollte das:
unfer Loisl, wie ein echter Stoifer,
jelbe bi nach Beendigung des ſolen- gemüthlid an die Mutterbruft fich
nen TQTaufgelages umgehängt bleiben
zu allgemeiner Befichtigung.
Nun aber, der mwohlgefittete Feine
Meltbürger lag eben jchlaftrunfen im
Schoße jeiner ihm jo mwohlmeinenden
Pathin und dieje wieder, trunfen vor
Freude über ihre neuerlich erworbene
Würde als joldhe, vielleiht auch von
überaus reichlich genoffenem Trauben:
blut, merfte es nicht, daß Sultel, des
Förſters Liebling, ein zu ben beiten
Hoffnungen heranwachſender vierbeini-
ger Jagd-Eleve, fich leife an den klei—
nen Helden des Tages heranichlich,
diefem erit mit feiner breiten Zunge
wohlmeinend über das unſchuldsvolle
legen ließ, um bort, am Brunnen der _
Natur, DVergefjenheit zu fuchen, über
den Berluft, der ihn foeben getroffen.
Von diefem Moment an bdatirten
die weiblichen Dorf:Weifen auch all’
die Heinen Mißgefhide, die fortan
unferem Freund begegnen follten, um
ihm gar bald das Prädikat „Pech—
loisl“ zu verſchaffen.
In der Schule lernte unſer Pech—
loisl, wie wir ihn fortan nennen wol—
len, ſehr fleißig. Aber wenn er eben
eine wunderſam ſaubere Preisaufgabe
geſchrieben hatte, warf ihm ſicher ein
Nebenfigender, ohne dieß immer ge-
wollt zu haben, das Tintenfaß über
—
dieſelbe. Hatte er eine Stelle beim
Examen beſonders gut memorirt, im
Moment, wo er aufgerufen ward,
mit dieſer ſich nicht nur ein Waid—
manns-Vergnügen, ſondern zugleich
bei der Gelegenheit ein kleines Hand—
bekam er Naſenbluten oder ſtieß ihm geld zu verſchaffen vermochte.
ſonſt ein Uebelbefinden zu und mußte
er den Lehrſaal verlaſſen. Warfen ſich
die Jungen auf der Straße mit
Steinen und ging der gutmüthige
Loisl juſt in ziemlicher Entfernung
an ihnen vorüber — paff! traf ihn
ein ſolches Wurfgeſchoß und er kam
mit blauem Auge heim.
Beim Eislaufen auf dem feſtge—
frornen Teich, fiel immer er in die
einzige bünnbededte Lücke und wurde
mit Mühe und pubelnaß aus dem
Waſſer gezogen. Stellten jeine Brüder
daheim irgend ein Feines Unheil an,
wurde e3 ihm in die Schuhe gejcho:
ben und erhielt er dann für die fünf
Anderen feine Hiebe. Fraß die Kate
den Rahm von der Mil, mußte er es
büßen, denn man fand ihn zufällig
jedesmal in der Nähe der betreffenden
Schüfjel, und wenn er einmal, an hohen
Feſttagen zum Miniftrantendient auser:
jehen warb, fo ftolperte er ficher über
feinen überlangen Chorrod oder es
entfiel ihm mit großem Geräufche im
unrehten Moment die Klingel, welche
zur Wandlung läuten jollte.
Daß unter ſolchen Umftänden feine
Ohren vielfach in die Länge gezogen
wurden unb daß er troß feiner Be:
liebtheit in der Familie wie unter
allen Dorfbewohnern doch eigentlich
ein Märtyrer zu nennen war, daran
mochte wohl einzig und allein des vor:
wigigen Sultel3 unbezähmbares Ge-
füfte die Urfache gewefen jein,
Ein Hauptmalheur (richtig bezeich-
net eigentlich nicht ein ſolches) traf
unferen Loisl in feinem zehnten Jahre
und gab feinem Leben von da an eine
eigene Richtung.
Es ward damals eine große herr:
Ichaftlihe Jagd angefagt und zu der:
jelben die tüchtigften Jungen als Trei:
ber angeworben.
Der Förfter-Bathe Hatte feinen
Liebling, den Loisl, auch beftellt, ba-
Unſer Loisl, der mit unbändigem
Vergnügen dieſem Tag entgegenges
jprungen war, lag am Abend besjel-
ben jammernd und ftöhnend auf ber
Vorderſeite feines Ichs, da ihm bie
die Kehrjeite desjelben mit Schrot:
förnern bejpidt worden war von ber
ungejhidten Hand eines ftäbtifchen
Yagdfreundes.
Aber dieſes „pilante” Abenteuer
machte den herrichaftlihen Gaft, der
ihn in jo unliebfamer Weiſe tätomwirt,
auf den Jungen aufmerkjam, der Loisl
erhielt durch des Förſters Vermittlung
nit nur ein reichliches Schmerzen:
geld auf die Hand gezahlt, er wurde
auch zu Lekterem in die Lehre gege—
ben, nachdem der Loisl beftimmt erklärt
hatte, er fühle fi) durch eben angeführte
Feuerprobe zum Jäger gejtempelt und
wolle auch nichts Anderes werben als
ein jolcher.
So wurde denn unjer Pechloisl
ein Jägerjunge und manches Yahr
hindurch ftarben in diefem Nevier die
Hafen an Altersfhwähe und mand)’
hochbetagtes Bödlein prie® den Um:
ftand, daß der Pechloisl zum Waid—
mann geworben mar,
Zu der Zeit, wo wir unjere eigent-
lihe und höchſt wahrhaftige Geſchichte
beginnen wollen, ift der Pechloisl ein
ſchöner, ftattliher Burſche, jchier der
fauberfte auf Meilen in der Runde
und mehr ald ein Dirndl ift in ihn
verichoflen.
Der Pechloisl ift dem Weibsvolf
auch gar nicht abhold und nimmt’s
nicht krumm, wenn fi fo ein jchlan-
fes, weißes Hälfel nah ihm umdreht
und wenn ihm ein paar blaue ober
ihwarze Augen auf Tritt und Schritt
nachfolgen. Aber jo recht verichoflen
ift er doch nur in Eine, und das ift,
was man fagt, eine fritifche, die Wai—
dinger:Roferl, dem Müller fein einzi-
ges Töchterl.
66*
884
„Weißt Lois“, Hat fie ihm ein-
mal gejagt, wie er ihr zum erjten-
male jeine Lieb hat erflären wollen,
„Beh und Mehltaugen nicht zufamm’,
e3 gäbet ein’ argen Pantſch!“ und
bat ihn liſtig Tächelnd ftehen laſſen,
den armen Bub’n und dem hat’3
ſchier das Herz abgebrüdt bei ihrer
Rebe.
„Verfluchtes Pech!“ hat er fid
gedacht, „mußt Du mir denn überall
bin folgen?!” Dann aber ift er troßig
geworben und hat’3 Mädel nicht mehr
ang'ſchaut, wenn's ihm auch die Bruft
zufammengejchnürt hat vor bitterem
Web.
Wie's nun mit den Frauenzim—
mern jchon geht, daß fie die Manns:
bilder gewöhnlich abtrumpfen, die ihnen
wie die jungen Pudel auf Tritt und
Schritt nachlaufen, dagegen denen ge:
genüber, die feine Notiz von ihnen
nehmen oder ihnen gleichgiltig und
falt begegnen, völlig Feuer und Flam—
men werben, wenn's noch dazu ſau—
bere und tüchtige Burfchen find, fo
war's jet auch mit der Roſerl der Fall.
Kaum daß der Loisl ihr in ſtum—
mer Refignation den Rüden gedreht,
hatte ſie's auch jchon weg gehabt, daß
der und fein Anderer für fie paſſen
thäte, und daß die Stellung einer Frau
Förfterin gar feine jo unebene wäre.
Aber der Pechloisl war g'ſchreckt
und da er zudem auf fein Glüd nie-
mals viel getraut, jo hat er ſich gedacht:
Verzicht’ auf die Waidinger-Roſerl,
benn bie friegt doch gewiß ein Ande—
rer und nicht du.
In ftummer Angft hat da die Ro—
jerl eine zeitlang auf feine Wieder:
fehr gewartet und ich feft vorgenom:
men, ihm ein nächite® Mal freunbli:
her begegnen zu wollen, um ihn ja
nicht wieder abzufchreden, aber —
der Pechloisl hatte die Courage ver:
loren und getraute fich nicht mehr in
ihre Nähe.
Und das ward zu neuem Pech
für den Loisl, denn ein anderer Bur—
Ihe, der Pfilterer-Sepp, der jchon lange
ein Aug’ auf die Waidinger:Rojerl
gehabt, der ging ihr jekt auf Tritt
und Schritt nad) und verlangte fie
fogar von ihrem Bater zum Weibe.
Nun, die Roferl mochte ihn zwar
durhaus nicht leiden, den Pfiſterer⸗
Sepp, aber fie ſchnalzte ihn deromegen
nicht kurz ab, ‚weil fie vermeinte, in
dem neuen Anbeter einen Köder für
den alten, eingejhüchterten zu finden.
Die Eiferfuht, jo hoffte fie, werde
ihr den Pechloisl wieder zuführen.
Diefer erfuhr denn auch recht bald
von ben feurigen Bemühungen des
Pfifterer-Sepp um die Liebe der No:
ferl und das bradte ihn jo in Wuth
und machte ihn jo confus, daß er in
der nächften Zeit wirklich alles Wild
in feinem Revier auf unbeftimmte
Dauer leben zu lafjen gezwungen war,
und mehr Pulver und Schrot unnütz
verpuffte, al8 er dies vor dem ge:
firengen Herrn Förfter je verantwor:
ten konnte.
Am Abend desjelbigen Tages, an
dem er neuerlihe Kunde von der Lie:
besaffaire erhalten, ging er in Ge—
danken verloren an der Mühle vor:
über. Zwei Müllerjungen jaßen dba
unter der Hausthür und bie jchienen
den Pechloisl nicht zu bemerken, beim
der Eine von ihnen fagte eben jegt:
„Möcht nur wiffen, was denn bie
Noferl an dem patjcheten Pfifterer:
Sepp eigentlih Schönes find’t? Mir
könnt’ der gar nit g’fallen !”
„Sein Schnauzer wird’3 fein, der
ihr anfteht”, lachte der Andere, „ber
ift aber auch martialifh; auf jo was
halten die Weibsleut und der Pech:
loisl, der hat eben nur ein’ Flaum
unter der Nafen, wie ein jung’3 Hen—
derl!“
Wie ein zweiſchneidiges Meſſer
fuhren dieſe Worte in Ohr und Herz
unſeres armen Pechloisl. Unwillkür—
lich ſtrich er gleichzeitig mit ſeiner
rechten Hand über die Oberlippe und
ein unſagbares Weh bemächtigte ſich
ſeiner.
885
Sa, das war wirflih nur wie
die Flaumfebern eines jungen Hühn—
hend, was biefelbe befchattete, er
fühlte e8, aber er konnte doch nichts
dafür.
„Derfluchtes Pech!” zitterte es
wieber von feinen Lippen, dann ging
er rafcher auf das Dorf, dem Wirths—
haus zu, wo er in einem Glas Wein
jeinen Aerger erſticken zu können hoffte.
Aber aus einem Glas wurden
zwei und bieje Beiden noch verboppelt
und ſchließlich fühlte der Pechloisl,
der fein eigentliher Trinfer war und
nicht viel vertragen konnte, daß jein
Kopf etwas ſchwindlig wurde und fo
wollte er denn heim, Kummer und
Rauſch zu verjchlafen.
Juſt wie er nun jeine Zeche auf
ben Tiſch warf, erſchien an demſel—
ben ein jübifcher Haufirer mit fei-
nem Waarenfaften und bot feine
Seife, Fleckwaſſer, Kraftpomade, Stie:
feljehmiere u. dergl. mehr zum Per:
faufe an.
„Kraftpomade, um in unglaublich
raſcher Zeit den üppigften Haarwuchs
zu erzielen“, laſen da die ſchon etwas
trübe gewordenen Augen Pechloisls.
Dann nahm er fchnell jo einen Eleinen
Tiegel aus den Händen des Haufirers
ftedte gebuldig noch ein Fläſchchen von
dem berühmten Fleckwaſſer und eine
Schachtel Wichs, die ihm aufgebrungen
wurben, zu fi, bezahlte das dafür
Geforderte und eilte damit zum Dorf
hinaus, dem Jägerhäuschen zu, wo
er wohnte.
„Hilf, was helfen kann!“ meinte
er, frampfhaft den Ziegel mit ber
Kraftpomade in feiner Fauſt haltend,
dann verfanf er wieder in dumpfes
Brüten und Fam völlig wie verdreht
nad Haufe.
Die alte Kathrein, die ihm in feine
Stube Teuchtete, die merkte gleich, wie
viel’3 bei dem gejchlagen hatte und
daß es im Oberftübel des Loisl nicht
richtig wäre und es that ihr das leid,
denn der Burſche war fonft immer
nüchtern und ordentlich gemejen.
„Nun, einmal ift feinmal”, meinte
fie dann, fich jelbft beruhigend, „und
wer weiß, was ihm über's Leber!
gelaufen ift!“
Der Pechloisl aber warf fich, ange:
ogen wie er war, auf fein Bett. Die
Antwort die Kathrein und das Kaffee:
häferl und die Semmeln fugelten ſchon
lauf der Diele herum.
Galle und der allzureichlich genofjene
Mein fochten in feinem Blut und halb
fchlafend, halb wachend, träumte er
vom MWaidinger:Roferl unb dem mar:
tialifchen Schnauzer des Pfiiterer-Sepp,
vom jüdiſchen Haufirer und der Kraft:
pomade, von jeinem verjpotteten Hen-
derlflaum und feinem hiſtoriſchen Pech.
Plöglih fuhr er wild von jeinem
Zager in die Höhe, griff um fih nad
dem eben gefauften PBräfervativmittel
und mit einem zornigen: „Wart’, ich
will Dich!” was wohl dem jaumfeligen
Wachsthum ſeines Barthaares gelten
mochte, rieb er ſich, — ob, heillojer
Mißgriff! mit dem Abenden led:
wafjer die Oberlippe fo energiſch ein,
als er es nur vermochte.
Ein hölifches Brennen der Haut
machte fich ſofort fühlbar; aber mit
jtoifcher Ruhe, mit wahrer Engelöge:
duld ertrug er dasjelbe und obwohl
ihm das Mafjer vor Schmerz aus ben
Augen lief, ftöhnte er nur leije und
tröftete fich mit dem Gedanken: Wenn’s
nicht angreift, wirkt's auch nicht!
Am nächſten Morgen, e3 war juft
Sonntag und die Gloden Täuteten
eben in die Meſſe, trat die alte Kathrein
mit dem Frühſtück in des Pechloisls
Kammer.
Diefer, dem der Schlaf noch wie
Plei in den Gliedern lag und ber,
wahrſcheinlich eine Folge des all zu
reichlich genoſſenen Weines, jelbit das
Brennen jeiner mißhandelten Oberlippe
bewältigt hatte, richtete ſich langſam
in die Höhe und frug mit halbge—
ſchloſſenen Augen, wie viel Uhr es
denn fei.
„Jeſſes Maria! jchrie ftatt jeder
886
„Was hat denn bie Kathrein ?“
rief jegt erfchroden der Pechloisl und
ftarrte diefe verwundert an.
„Herzlieber Loisl! Sei nicht
dumm, — ben Seppl mag ih nicht.
Komm’ heut auf die Naht zu mir
„Ich —? Ob, ich hab gar nichts, | fenfterln, 's Andere werd ih Dir felber
— aber Er — der Loisl — ſchau' ſagen. Deine allezeit getreue
fih der Lois! nur an, — mir Scheint
gar, Er hat bie Fleck!“
„Raſch griff die Alte dabei nad
einem an der Wand hängenden Fleinen
Spiegel und reichte ihn dem Säger:
burſchen hin. Diefer warf einen Blid
auf benjelben, dann ſchrie er laut
auf und verhüllte fih mit dem Bol-
fterzipf ſchaudernd das erbleichende
Angeficht.
Das unfelige Fledenwafler, das
entweder au unverbünntem Salmiaf
oder gar noch Schlimmerem bejtanden
haben mochte, Hatte ihm die Haut
verbrannt und den zarten Bart, bie
ſchönen blonden Henderlflaumen braun,
roth und violett gefärbt.
Der Pechloisl war anzuſchauen
wie ein Hanswurft.
Dom Kirhgang konnte an dem
Sonntag natürlih feine Rebe fein
und aud während der nächften 14 Tage
ließ fih der Jägerburſch nur vor jei-
nen Hafen und Füchſen fehen, benen
er jetzt ganz wild an’3 Leben ging,
wie als wollte er fih an ihnen rächen
für das übel angewendete Fleckwaſſer.
Die Waidinger-Rojerl war mittler:
weile auch nicht zum Belten daran.
Seit der Pechloisl ſich ſcheinbar nicht
mehr um fie kümmerte, fühlte dieſe
exit recht, wie gut fie dem Burfchen
war und wie unausftehlich ihr dagegen
ber Pfifterer-Sepp.
Schrecklich, wenn der Xoisl gar
freiwillig zurüdtreten und dem Sepp
Pla machen wollte! Nein, darüber
mußte die Rojerl fi Gemwißheit ver:
Ihaffen und derowegen kaufte fie fich
auh am dritten Sonntag nad bes
armen Berliebten graufamlicher Ver:
ſchandlung beim Krämer einen hübjchen
Bogen Briefpapier, auf welches ein
mittelft Pfeil durchlöchertes Herz in
leuchtenden Farben gemalt wer, und
jchrieb in ziemlich gewagter Schrift:
Rofalia Waidinger.“
Den Pechloisl hätte ſchier bald der
Schlag getroffen, wie ihm bie alte
Kathrein in der Früh mit dem frijchen
Brot aus der Mühle auch das nicht
| mehr ganz friſch ausfehende Brieflein
auf den Tiſch legte.
Das Herz Ihlug ihm fo heftig,
als er bie wenigen Worte las, daß
er völlig nad) Luft fchnappen mußte,
dann aber griff er nad) feinem Spie-
gel, bejah ſich recht forgjamlih und
aufmerffjam und al3 er bie Ueber—
zeugung gewonnen, daß nun aud) jede
Spur des draftiichen Bart:Erzeugungs:
Mittels verſchwunden und diefes nichts
weiter verbrocdhen hatte, als daß ber
blonde „Flaum“ ein brauer geworden,
was jedenfalls eine beffere Schattirung
abgab, ſchmunzelte er feinem eigenen
Bilde zu und meinte:
„Geh'n wir fenſterln!“
Ja, das Fenſterln wäre nun ſchon
recht geweſen, wenn nur der Pechloisl
auch genaue Kenntniß gehabt hätte,
wo dasſelbe eigentlich ſtattfinden ſollte.
Die Mühle hatte nämlich gar viel
folder Maueröffnungen, die dazu bie:
nen, Zuft und Licht und mitunter auch
Anderes einzulaffen zu Luft und Plaifir
ber Menjchheit.
So verholfen der Pechloisl in
die Maidinger:Roferl auch immer ge-
wejen, oder vielleicht gerade deswegen,
wo jein Schaf eigentlich logirte, das
mußte er nicht recht, hatte er fie doch
nie zu irgend einem Fenſter heraus:
ſchauen ſehen, ſondern nur immer im
Hof, beim Brunnen oder unter ber
Hausthür erblidt.
„Ra, 's wird fih ſchon finden!“
lachte er Iuftig vor fi hin, als er,
noch vor der Mond fein kugelrundes
Gefiht durch die Wolken jtedte, auf
die Waidinger- Mühl zuging.
Der alte Müller, das wußte der
Pechloisl, der war zu der Stunbe
immer bei der „Silbernen Gans”, wo
er feine 4—5 Liter Braunbier ver-
tilgte. Die Knechte waren an Sonn:
tagen mit Ausnahme eines einzigen,
der Dienft hatte, auch nicht daheim,
folglich konnte er nicht fehl gehen,
wenn er nur an einem Fenfterl ein
Licht ſah und ein ſolches Leichen,
meinte er, würbe fie ihm boch geben.
Und richtig! Dh, gejegneter Pech:
loisl! ſah er nicht nur eine Fenſter—
Iuden erleuchtet, al3 er der Mühle
näher fam, nein, auf jeder Seite vom
Haus war ein Stüberl hell, doch überall
die Vorhänge vorgezogen.
„Das Nächſte ift immer 's Befte!”
jubelte es in feiner Bruft und jchnell,
wenn auch leiſe, Elopfte er an bie
Scheiben.
Im Moment war drinnen im Stü-
bel das Licht ausgelöſcht, das Fen—
fterl öffnete fi geräufchlos und zwei
fugelrunde Arme umfchlangen des
Loisl's Naden und auf jeinen Lippen
brannte ſchon ein „Buſſel“, wie es
Ichallender nicht aufgedrüdt werben
fonnte.
Seine Seligfeit hätte nun wahr:
fcheinlih feine erhöhte Potenz mehr
vertragen, wäre fie nicht paralyfirt
worden durch eine monumentale Ohr:
feige, die ihm faft unmittelbar nach
erfolgtem Liebesbemweis von unbefann-
ter, leider Gotte® nur zu kräftiger
Hand applizirt wurbe, eine Obrfeige,
die wie vom Himmel geflogen fam,
die aber höchſt irdijch zu nennen war,
denn bie Augen gingen dem Loisl
über und feine gewiß gejunben Zähne
geriethen in's Schwanten.
„Himmel Safra! Was macht der
Kerl da?!” brüllte eine fonore Bauern:
fehle, diefem Ausruf folgte ein leifer
Schrei hinter dem raſch wieder ge-
ſchloſſenen Fenfter, in dem Moment
ſteckte Vater Mond fein feiftes Antlig
neugierig zwiſchen einem Paar bider
Wolfen Hindburh und der Pechloisl
blidte in des erſten Mühljungen er:
bittertes Angeficht.
„Was geht's Dih an, Hader—
lump?!“ ſchrie jeßt der Pechloisl und
verjuchte feine in unfreimilliges Erröthen
gerathene Wange mit der rechten Hand:
flähe zu Fühlen.
„Was 's mich angeht, warn Du
zu meiner Dirn fenſterln gebft? brüllte
der weiße Othello wieder. „Na wart’,
ih werde Dir’ jagen. Vorerſt aber,
Du patſcheter Haſenſchrecker, will ich
noch das europäiſche Gleichgewicht her-
jtellen auf Dein'm G'ſicht, will Dir
auf die linke Seiten noch Eine 'run—
terhauen, damit bie rechte nit harb
wird!“
Und paff! hatte der arme Pech:
loisl wirklich einen wahren Pracht:
zwilling von einer Obrfeige erhalten ;
damit aber war auch jein Gleihmuth
erſchöpft.
Für ein Buſſel zwei Backenſtreiche!
Das ging ihm denn doch gegen allen
Glauben an eine Gerechtigkeit auf
Erden. Wüthend, wie er war und
baumſtark dazu, packte er jetzt ſeinen
mehligen Nebenbuhler, hob ihn auf
und ſchmiß ihn mit wahrhaft virtuoſer
Schnelligkeit und Bravour in den
Mühlbach.
Ein Mark und Bein durchdringen—
der Schrei folgte dieſem Ereigniß, die
Thüre neben dem verhängnißvollen
Fenſter wurde aufgeriſſen und eine
Dirn — die Roſerl war's nicht —
flog an unſerm Pechloisl vorüber,
dem Mühlbach zu, aus welchem ſich
eben der abgekühlte Rächer ſeiner Ehre
herauszuwinden begann.
Faſt gleichzeitig aber erſchien jetzt
an der anderen Seite des Hauſes, an
dem zweiten erleuchteten Fenſterl der
neugierig dreinſchauende Kopf der
Waidinger-Roſerl und dieſe rief mit
lauter Stimme:
„Was gibt's denn — ? Was iſt
denn g'ſchehen?“
Den Loisl hätt’ fchier bald der
Schlag getroffen, wie er fein Verſehen
gemerkt bat. Aber er hat fich doch
888
ichnell gefaßt und ift dort unter’3 | Angetraute hielt und fie dann immer
Fenfterl getreten mit einem vorfichtigen | derb abfüßte, was wiederum bie Folge
I pft!
hatte, daß ihn fein Schwiegervater
Auh das Licht ift dann fofort | far abfanzelte (zum Glüd für ihn
ausgelöſcht worden und die Beiben
find flüfternd bald mit einander in's
Reine gekommen.
Recht glüdlih war die Roſerl,
nachdem fie ihr Herz vor dem Pech—
loisl ausgejchüttet hatte und nur als
fie bemerkte, daß troß ihres freimüthi-
gen Liebesbefenntnifjes der wahrſchein—
lih von jo vielem Glüd Uebermannte
noch immer etwas bafig vor ihr ftand,
da beugte fie fih mit mwahrhafter
Selbitverleugnung aus dem Fenfter:
rahmen, ftreichelte janft, wenn aud)
mit kräftiger Hand des Loisl’3 glü-
hende Wangen und flüfterte:
„Ob, mein Loisl, Du brennt ja
völlig, — fehlt Dir was?“
„Rein, ich mein eher, ich hab zu
viel!” ftotterte der betäubte Liebhaber ;
dann, vorfichtig jeine beiden Hände
wie Schalter recht3 und links anbrin-
gend, drückte er jegt jchnell einen weni-
ger folgenſchweren Kuß auf der Rojerl
Lippen, die ihm herzlih gute Nacht
jagten und ſchlich ſich wie ein gejchla-
gener Held, aber mit den beften Hoff:
nungen auf bie Zukunft nach Haufe.
Wie die meiften glücklichen Liebes—
geſchichten nahm auch dieje ihren nor:
malen Verlauf. — Sie kriegten fi).
Dem Pechloisl warb eine Förfter-
jtelle verliehen und die Roſerl wurde
fein Weib.
Bei der Hochzeit gab es freilich
wiederum einige kleine unliebjame
Störungen, die alle dem hiſtoriſchen
Mißgeſchick des Bräutigams in bie
Schuhe gejchoben wurden, aber auch
diefe verliefen zur allgemeinen Zu:
friebenheit.
So hatte der Loisl die Eheringe
daheim vergefien und mußten biejel-
ben (beim Altar erft vermißt) in allen
Winkeln gefucht werden. Bei der Tafel
pajfirte dem glüdlichen Neuvermählten
dad Malheur, daß er die Kranzel-
jungfern öfter für jeine ihm eben
gab'3 feine Schwiegermutter mehr) und
als jchlieplich das Feſt unter alljeiti-
ger Kopflofigfeit zu Ende ging, —
der Wein bei demfelben war nämlich
jehr gut und ſehr viel vorhanden ge—
wejen, — bie Gäfte nah Haufe tau-
melten, auch der Loisl darauf ver:
gefien haben mochte, wohin er heute
gehörte, — kurz, er machte ſich auf
“ davon und ließ feine Roferl zurüd.
Erft im Wald fam er zu fi. Als
er dann ſchnell umfehrte und fein
Meiberl holen wollte, hatte dieſe ſich
ihon in ihre Kammer eingefchloffen
und der Loisl — na, ber Loisl brachte
feine Hochzeit3naht auf ber Treppe
zu, auf welcher er Morgens mit etwas
ſchwerem Kopf, mit noch fchwererem
Herzen und entjeglih langer Naſe
erwachte.
Die Noferl aber war ein gutes
Ding und ein rechtichaffenes Weib,
fie trug dem Loisl nie lang etwas
nah und noch war fein Jahr ihrer
Ehe herum, als fie ihm aud ſchon
einen Buben ſchenkte, dem bald ein
zweiter, dann wieder ein Dirndl folgte
und fofort — bis nur ein Kind noch
zum Dugend fehlte.
„Seht iſt's aber g'nug!“ jchrie
da ber Pechloisl, dem der Segen
Gottes ſchon ein wenig zu did kom—
men mochte. „Mehr als ein Dutzend
können wir nicht brauden! — — —
— — Nah zehn Monaten gebar
ihm die Rojerl — Zwillinge.
Der Loisl fragte fich hinterm Ohr,
dann lachte er laut auf und meinte:
„Dreizehn! Na, ja! das g’hört
halt zu mei’m Rar⸗
Wie's zum Taufen der Zwillinge
gekommen iſt, da war auf einmal
guter Rath theuer, woher ein Gevatter
für die zwei Buben genommen werden
ſollte. Der Pech-Förſter, wie der Loisl
neuerer Zeit im Ort genannt wurde,
genirte ſich ſchon völlig, alle Jahr,
manchmal ſogar früher noch, bei einem
Nachbar anzuflopfen mit folcher Bitt
und jest, bei Zweien konnt er's gar
nicht verwinben.
„Wie wär's denn“, meinte ba
jein Weib, „wenn Du zum Better
Jakob ging'ſt“ (e8 war das ein Bru—
der ihrer jeligen Mutter), „der jchlagt
Dir die Bitt fiher nit ab!“
„Der Pechbauer? Richtig, Roferl,
dad war ein guter Einfall!” Tachte
der Pechloisl; ein wahrer Galgen:
humor überfam ihn jegt. „Wer paßt
denn beſſer für uns ala Gevatter,
wenn nicht ein Pechſieder!“
„Er ift ein mwohlhabender Mann
und eine gute Haut, ledig noch dazu,
— geh! geh Hin zu ihm!” bat die
Förfterin und der allzu reich gejegnete
Syamilienvater machte fih auf zum
Pechbauern, dieſem feine Bitt vorzu-
tragen.
zu Gevatter gebeten wurbe und bei
der Tauf machte er den Zwillingen
ein Gejchent, jo reich und vornehm,
wie’3 alle eilf Gejchwifter miteinander
nicht befommen hatten.
Gleichzeitig bat er fih aber den
Aelteften vom Vater als Lehrbuben
aus für fein Geſchäft, diefem folgte
bald der Ameitgeborne in die Pech—
fabrif, bis auch ſchließlich die Neltefte
Dirn, nachdem fie 16 Jahr alt ge—
worden, als Wirthichafterin auf ihres
Groß-Vetters Hof 309.
Endlich ließ fich der alt gewordene
Pechloisl penfioniren und überfiedelte
ebenfall3 mit jeinem Weib und dem
Neft feiner Kinder in die PBechfabrif,
denn der alte Pechbauer war plöglich
geitorben und Hatte die Siederei und
Alles, was drum und dran hing, an
des Förſters Kinder hinterlaſſen.
Die „reihen Pechbuben“ nannten
Er mußte eine ftarfe Stunde durch fie jegt in der ganzen Gegend des
Kiefer: und Fichtenwälder gehen, ehe Pechloisl's Söhne, aber feiner von
er die Wechfiederei erreichte.
Als er jegt auf das ftattliche
Wohnhaus zufchritt, das etwa einen
Büchſenſchuß von dieſer entfernt lag,
da verglih er es in Gebanfen mit
jeiner Heinen Förjterhütte und meinte
dabei lachend für fi:
„Schau, jo ein richtiges Pech, das
wäre gar nicht fo übel!“
Der Pechbauer, wie ber reiche
diefen ärgerte fih darüber, ſondern fie
acceptirten ftolz den ihnen gebührenden
Titel.
Der uralte Pechloisl jelber aber
meinte nod in feinem neunzigften Jahr,
wenn er, den Pfeifenftumpf im zahn:
lojen Munde, vor der Hausthüre jaß
und fi dort fonnte, ſchmunzelnd:
„Das fommt daher, weil ich mei:
nen Buben nie hab’ ein Amulet um:
Pechſieder allgemein genannt wurde, | hängen laſſen, das ein Jagdhund hätt’
jagte freundlich zu, al3 er vom Loisl | freijen können!“
890
Schet, ein Menfd!
Erzählung von Anton Bdjlofar.
Schluß.)
Ludmilla liegt auf dem Kranken: | Drte, wo fie weilt, in die Hallen bes
lager. Wie eine bleiche Lilie fieht das | väterlihen Schloffes, in den Bann des
holde Antlig aus; dann burcfliegt | Mannes mit dem falten Blick und
wieder die verzehrende Gluth ihren | dem eifigen Lächeln, der ihr jo viel
Leib, das Gefiht glüht wie in Flam: | Schmerz und Qual bereitet. Sie ftöhnt
men. An dem Lager figt, ihre Hand und ruft bilfeflehend nad dem Ge:
in feiner Rechten haltend, Ludwig, er | liebten.
zählt die Pulsſchläge, er fieht ängft: Im Vorzimmer fteht der greife
lih in das frankhaft bligende Auge, | Meifter Jacopo; er hört nur durch
jein Blick irrt rathlo8 umher von die Thür den Jammer, er wagt es
einem Gegenftande zum andern und nicht, den Schmerzerfüllten zu ftören,
haftet zulegt immer wieder auf dem |das Kranfenzimmer zu betreten, nur
leidenden Weſen. Ernft und düſter den Arzt, al8 er davongegangen, hat
Ihaut er darein und harrt gelpannt | er gefragt: „Wird fie leben?“ Der
ber Schritte des Arztes, der fommen | hat ſich abgewendet und die Achjeln
und Kunde geben joll, ob die Gefahr | gezudt.
groß. Armer Ludwig! Während Du bier
In dem Gemache herriht Däm: am Bette fnieft und vor Schmerz faft
merung, die vorgezogenen grünen Vor: | vergehjt und doch die Hoffnung, mie
hänge laſſen das Elare Tageslicht nicht | ein leichter Lufthauch in der brennen:
hereindringen, e8 fchmerzt die Kranke. |den Wüſte durch Dein Herz zieht,
In Ludwigs Seele ift ein herbes Weh. |jchleiht auf unhörbarem Fuße ber
Der Arzt ift indeffen erjchienen, | Todesengel, der fein Herz im Buſen
er bat Fühlende Mittel verordnet und | hat, der feine Hand nie zurüdzieht,
ift eine Stunde bei der Kranken ge: | wenn er fie ausgeftredt.
blieben. So lange fie bei Bemwußtjein Es iſt finfter geworden. Nur bie
war, ſchaute fie auf den Geliebten Lampe in ber Mitte des Gemaches
nieder und ſprach wohl auch ein mil: | erleuchtet den Raum. Da ertönt plöß:
bes, tröftendes Wort zu ihm. Seht hat |lih ein Schrei aus dem Munde Lud—
ihr ſchon die Fiebergluth den Geiſt millens. Der Mann jpringt auf von
umnachtet, fie ſpricht wirre Neben, fie | feinen Knien, er beugt ſich über das
blidt ftare und die ſchönen Augen |blaffe Antlig, er küßt die Lippe, er
werden groß und haften unbemweglich | preßt beide Hände der Kranken in bie
auf einer Stelle. feinen.
„O Ludmilla!“ ftöhnte Ludwig „Ludwig!“ Lispelt fie und finkt
und fällt, die Hände vor's Antlit in das Kiffen zurüd, „bleibe bei mir!”
ſchlagend, bei dem Bette auf die Knie „Iſt Dir beſſer?“
nieder und vergräbt Haupt und Hände „Ich möchte gerne immer bei Dir
in die Kiſſen. ſein“ und ſie drückt ſchwach ſeine
Ludmilla kennt die Stimme des Hand ....
Geliebten nicht mehr. Fieberträume Wieder überkommen die Leidende
führen fie weit, weit weg von dem wilde Phantafien. „Du, mein Vater?“
891
ſchreit fie lachend auf, daß der ftarfe
Mann zufammenfchredt, „das biſt Du
nicht, ein Vater hätte fein Kind nicht
verkauft! Ich haſſe Dich nicht, aber
ih muß Dih fliehen. Mußte Nein
fagen. — Verzeih! Ich liebe Euch
beide, Ludwig —“
Er faßt ihre Hand, aber dieſe
fann bie feine nicht mehr umfpannen.
„O Zubmilla, mein Leben!” ruft der
Mann. —
Sie hört es nicht mehr; Ludmilla
ift tobt.
Die Morgenjonne liegt auf den
Binnen von San Marco, auf den
Kirhthürmen und Paläſten Venebigs.
Gegen die Küfte zu im Nahen fah:
ren zwei Männer, Jacopo und Ludwig.
Der gütige Greid hat den Mann um:
fangen, eine Thräne blinkt in feinem
Auge, da er die ftarfe Geſtalt wie
gebrochen in feinen Armen hält. Auch
ihm wird es ſchwer, ben Troft zu
ſpenden, auch er gebenft bes Holden
Frauenbildes, das nun unten in der
Gruft liegt und die ſchönen Augen
nie wieder auſſchlägt. Und dann ge:
denkt der Greis jener furchtbaren Tage,
die auf das Leichenbegängniß gefolgt,
wie Ludwig geraft hat und getobt,
wie er den Namen jeines Weibes in's
Meer hinausgeihrien, wie er im Zim-
mer fih auf das Lager geworfen hat,
auf dem fie gerubt.
Er gedenkt jener traurigen Tage,
während welcher er den Mann nicht
aus den Augen laffen darf, damit er
fih nicht ein Leid thue, wie biejer
viele Stunden lang Speife und Tranf
verſchmäht, wie er Gott verwünfcht und
die Welt verfluht Hat in feinem un-
ermeßlichen Schmerze. Und wieder ge:
denkt der Greis, der gehofft, daß
Ludwig in feinem Haufe bleiben, dat
er vielleicht immer bei ihm, dem einſa—
men alten Manne mweilen werde, jenes
Tages, an dem der Mann vor ihn
getreten mit jchmerzerfülltem, entitell-
tem Antlig, aber ruhiger, gefaßter,
und wie er zu ihm geſprochen: „Mei:
fter, meines Bleibens ift bier nicht
mehr; ich ziehe nach dem Norden.
Nicht die Heimat ift es, welche mic
lockt; wenn ich eine Heimat hätte, fo
wäre fie hier in Eurer Nähe, jo
wäre fie nahe der Gruft, in welche
man fie hinabgeſenkt hat. Fremd ift
mir Alles auf der Welt geworben,
fremb und feindlih. Droben in den
deutfchen Landen tobt der Kampf, rau:
chen die zerftörten Dörfer! Sie ſchrei—
ben den Namen Gottes auf ihr Panier
und morben. Dorthin will ich und mit-
fämpfen gegen jene, die den Namen
Gottes im Munde führen, aber nicht
im Herzen. Eine Kugel oder ein
Schwert ift mir gewiß. Das ſoll auch
meine Sühne fein für bie Schuld, Die
ih doch auf mich geladen.”
Der Greis hat dem Manne lange
abgemahnt; er hat ihn gebeten und
beſchworen abzuftehen von dem trau:
tigen Vorhaben, aber vergebens.
Das Meer iſt ruhig, die Strah:
len der Sonne fpielen im Waſſer,
drüber werfen Fiicher ihre Netze aus,
ein janfter Lufthauch ftreicht herüber
und fühlt das brennende Auge Ludwigs.
Jetzt haben fie die Küſte erreicht.
Sie fteigen beide an’s Land. Der
Greis ergreift eine Rolle, bie neben
ihm gelegen: „Ludovico, mein gram:
gebeugter Freund, hier eine Erinne-
rung an den greifen Schüler Paolo
Veroneſe's. E3 iſt dasjelbe Bild, mel:
ches ich in Erinnerung an die präch—
tige Nacht gemalt, das Du nachher
jo jehr bewundert haft. Ich habe die
Leinwand von dem Holzrahmen abge:
nommen uub eingerollt. E3 wird nicht
bejhädigt werden; wenn Du es ent:
rollft und betracdhteft, gedenke dabei
nit nur der theuren Todten, gedenfe
des alten Jacopo, der nun auch bald
jein müdes Haupt zur Nuhe legen
wird, der fo viel Trauriges erlebt,
aber das Traurigfte an Euch beiden.
Noh möchte ih Dir Eins jagen:
Stürze Dih nicht muthwillig in Ge-
wie einer, der gefaßt ift zu fterben, |fahr, vielleicht fan die Wunde noch
892
heilen, ihre Tiefe kann ich ermeffen.
Es muß Di das eigene Herz leiten.“
„Mein Vater”, ruft Ludwig und
füßt Stirn und Mangen des Greifes.
Noch ein Drud der Hand, dann be:
fteigt Jacopo wieder den Nachen und
der Ruderer führt ihn der Stabt zu.
Wie verloren ftarrt Ludwig dem
dahingleitenden Fahrzeuge nad, mit
der Hand winfend, fieht er den Greis,
bi8 man von ihm nichts mehr erblickt,
al3 einen kleinen jchwarzen Punkt,
dann ift auch der in dem fernen Glanze
be3 Meeres verſchwunden. Ludwig fteht
noch immer. Ihm iſt, als jei die ganze
Melt ausgeftorben und er allein zu:
rüdgeblieben. Die Meerfluth zu fei-
nen Füßen jpielt mit Sand und Sie:
jeln, einige Schritte und die Schmer:
zen find begraben. Aber Ludwig thut
diefe Schritte nicht, der Mann fol
fterben mit dem Bewußtjein, daß auch
jein Tod noch eine Schuld abträgt an
das Leben.
Ludwig finnt, aber einen rechten
Gedanken kann er nicht faffen; nur
einen Moment fühlt er’3 in fich auf:
bäumen, wenn er an Gott denkt und
an den Mißbrauch, der jett in feinem
Vaterlande mit dem Namen des Hei-
ligften getrieben wird.
Seit einer Zeit Schon ſchallt da:
gegen der Ruf von einem großen Kö:
nig berüber, der Alles das in feinem
Herzen trägt, was ber Kriegertroß |
bisher auf der Zunge führt, von dem
großen Schwedenfönig Guſtav Adolf.
Diefen Mann hatte er bewundert, jeit:
dem bie Hunde über denjelben zu ihm
gebrungen war. Die großen Gedanken
dieſes Mannes haben Taufende nicht
begriffen, aber Ludwig glaubt fie er:
faßt, glaubt fie erkannt zu haben und
wenn er kämpfen, und wenn er jter:
ben will, fo fol es im Dienfte diefes
Königs fein.
Ludwig ſchreitet, einen Wanderftab
in der Hand, in’3 Land hinein, fein
Gepäd ift gering, Jacopo's Bild hat er
dazu gegeben — und fo zieht er dahin
Immer weiter tritt das Meer zu-
rüd. Er aber jchreitet fort und merkt
es faum, daß der Mittag herange—
fommen.
Ein Baum jteht am Wege, Zub:
wig fest fi in feinem Schatten nie
der und immer find es nur zwei Ge-
danken, die ihn beherrſchen: Ludmilla
und der Tod. Und dann zieht er wei:
ter. Von einem fleinen Hügel, ben
er überfteigen muß, blidt er zurüd.
Da liegt in weiter, buftiger Ferne
die ruhige Fluth, diefelbe Fluth, Die
das Grab der Geliebten umfpült.
Er ſchaut hinüber, ein Weh ganz
jeltfam erfaßt fein Herz; er jchlägt
beide Hände vor die Augen.
Die Sühne.
Die Stadt liegt in einer großen
Ebene. Das träge ſchleichende Waſſer
ift fein Bach, fondern ein Kanal, ber
zwei Flüffe verbindet. Einzelne Bäume
jtehen in ber Ebene, dunkle Blätter,
theilweije verborrt, hängen an ben
dünnen Zweigen, der Boden ift jandig
und bietet feinen Grund für die Wur-
zelneines kräftigen, ftrebenden Stammes.
Heute iſt's noch viel trauriger,
denn das Ungeheuer ift herangefom:
men, das man fo lange gefürchtet: der
Krieg. Kennt du es? Sein eijenge:
panzerter Leib ftarrt von tauſend Sta:
heln, feine Tagen find jchwer und wo
fie hintreten, zermalmen fie ein Dorf
oder eine Stadt, feine Nüftern ftoßen
flammende Fenerjäulen aus, deren Rauch
fich über die weite Landſchaft legt und
fie verhüllt. Seine funfelnden Augen
ſuchen fich ihre Opfer aus, und wehe
denen, die fie dazu erforen. So ſchleicht
ed über Felder und Berge, durch
Städte und lachende Fluren. Und wo
e3 angefommen, da bampft die Erbe,
da erſchallt das Jammern und Weh—
lagen und wenn es abgezogen ift,
läßt e8 nur Leichen zurüd und Kla—
gende, niebergebrannte Käufer und
zerftörte und zertrümmerte Wohnftätten,
und jedes Glüd, das diefe rollenden
mit feinem armen, traurigen Herzen. Feueraugen anftarren, zerfällt in Staub,
893
der blutgetränfte Boden liegt öbe,
bevölfert nur von den Todten.
Weithin durch die deutjchen Lande
ift das Unthier gezogen. An rauchen:
den Trümmern, bei großen Gräbern
ftehen die Unglüdlichen und ftarren
auf das, was einſt ihr Glück geweſen.
Auch die Stadt hat geftern bie Schlacht
um ihre Mauern toben gejehen. Die
Stadt — heute find es nur kahle
Trümmer mit niebergebrannten Dä-
ern, Kirchthürme ohne Gloden, die
zu ftürzen drohen, hier und ba zün—
gelt noch eine kleine Flamme empor,
al3 juchte fie nach Nahrung. Zerbro:
chene und zertrümmerte Fenſter überall,
Kugelipuren in allen Wänden, noch
liegen bie Kugeln, welche fie geſchla—
gen, umber. Und Blut überall unter
den Trümmern. Auf den weiten Fel-
bern ringsum bietet ſich der gräßlichite
Anblid. Da liegen noch die Tobten
vom geftrigen Tage, da ftöhnen noch
Verwundete und manches Haupt erhebt
ih, wie aus einem langen Schlafe
und blidt verwundert in den grauen
Tag hinein, um wieder zurückzuſinken.
Pferde mit zerjchmetterten Füßen,
unter denen bie Reiter liegen, tobt
und erftarrt, Geſchütze mit zerbrochenen
Rädern, zerfprungene Helme und Sturm
hauben, Gabelbüchjen, Bartifanen und
Hellebarben, Alles ift wirr durch—
einander gemorfen und bazmwilchen bie
Leihen. Freund und Feind im Tode
fill. Hier und da fieht man wandelnde
Geftalten zwijchen ben Tobten und Ster:
benden, einen mitleidigen Arzt, einige
Soldaten de3 Schwebenheeres, die
ihren Kameraden Hilfe bringen möchten
und Rettung, wenn fie noch möglich.
Entjegt bliden die Umherwandeln-
den auf das Feld des Todes, wie
geſchnittene Garben liegen die Kamera:
den oft nebeneinander. Und mitunter
flattert auch der Fetzen einer Fahne
im Morgenwind auf, dort liegen bie
Meiften, dort hat der Kampf am
erbittertjten gemüthet, denn die Seibe
ber Fahne ift heilig und für den An-
greifer die foftbarfte Beute. Meift find
e3 die Fahnen der Kaiferlichen, welche
unter den Tobten liegen: blau und
weiß, roth und gelb, verhüllen dieſe
breiten, großen Seidendeden oft Meh—
tere, welche fie mit ihrem Leben ver:
theidigt ; aber es find Andere gefom:
men und wieder Andere und fie haben
ſich niedergemegelt, die Fahne ift aber
doch zurücgeblieben und getreu geblie—
ben ift der Fähnrich den mahrenden
Morten des Oberften: „Sit feine Hilfe
noch Rettung da, fo vermidelt Euch
in die Fahne, befehlt Euch Gott, um
darin zu fterben und erftochen zu
werben al3 ein ehrlicher Mann.“ Und
jo find fie geftorben ehrlich in ber
Feldſchlacht.
Weit, weithin erſtreckt ſich das
fürchterliche Feld, auf dem vor zehn
Stunden noch der Kampf gewüthet,
auf dem viele von denen, die hier
ſtumm liegen, die Waffe noch in der
Fauſt, erbittert gekämpft haben. Mit
Ruhm und Ehre bedeckt, vielleicht mit
Beute beladen, glaubten ſie heimzukeh—
ren, da hat ſie der Tod ereilt mitten
in der Haſt des Lebens. Traurig blicken
auf ſie die Kameraden, welche vorüber—
gehen und kaum laut zu ſprechen
wagen auf dem Gefilde des Todes.
Ein kleines Haus ſteht ſeitwärts auf
geringer Anhöhe. Hier haben mehrere
Geſchütze geſpielt, noch liegen die ge—
waltigen Eiſenröhren, die zerſchmetter—
ten Räder, Karthaunen und Feld—
ſchlangen, zum Theile in den weichen
Erdboden wie eingegraben, umher. Die
Wände des Gebäudes ſind überſäet mit
Kugel- und Blutſpuren, die Fenſter
hängen zerſchmettert herab, aber das
Dach iſt nicht niedergebrannt, nur
mächtige Lücken haben in dasſelbe die
Kugeln geriſſen.
Hieher haben ſie mehrere gebracht,
die der Tod noch nicht ganz überwäl-
tigt auf dem weiten Leichenfelde rings:
herum. Es ift eine Zufluchtsftätte ges
worben für Sterbende ; derſelbe Raum,
der noch vor Kurzem das fröhliche
Leben beherbergt. Hier ift heute auf:
gehoben der Unterfchied zwifchen Freund
und Feind; ein Faiferliher Haupt:
mann liegt auf einem Strohlager im
erften immer, eine Kugel hat ihm
den Leib geftreift und jein Leben zählt
wohl nur nach Stunden, neben ihm
figt auf halb zertrümmertem Holzftuhl
ein Machtmeifter, das Schwert noch
an ber Seite, aber jtatt des rechten
Fußes einen blutigen Etumpf, auf
die Klinge des breiten Schwertes ge:
fügt und grimmig zu Boden ftarrend.
Und jegt bringen mitleidige helfende
Kameraden auf zwei Hellebarden einen
dritten. Wir fennen dieſe edle Seftalt
mit dem braunen Bart, mit dem ge:
lockten Haare. Wir Haben fie im
Mönchsgewande gejehen und in ber
Tracht der großen Stadt, wir haben
fie froh und traurig erblidt. Heute
iſt's ein halbtodter Mann. Das ge:
bräunte Antlig ift wieder bleich gemor:
den, die Augenlider find gejchloffen,
am breiten Bandelier hängt das
Schwert, den Hut mit der grünen
und weißen Feder haben fie ihm zur
Seite gelegt. Ein Seufzer hebt jekt
die Bruft, er flüftert und bittet um
Waſſer. Ein Glas Wafjer aus dem
nebenftehenden Kruge wird ihm gereicht,
dann heben die Kameraden ben töbt:
lih Verwundeten behutjam von der
Hellebardentragbahre, fie legen ihn im
zweiten Zimmer des Gebäudes auf
ein aus Stroh bereitetes Lager nieder,
fie nehmen ihm das Schwert ab und
reißen das gelbe Wamms auf und
ein flüchtiger Verband wird über die
Wunde, aus der das Blut quillt, ange:
legt, denn fie können nicht hier wei-
len, fie müſſen weiter arbeiten das
Merk der Barmherzigkeit. Noch jtellt
Einer das Glas gefüllt zu feinen
Handen.
Ludwig liegt allein, er lebt noch,
aber er fühlt, lange kann es nicht
mehr dauern, der Angreifende hat zu
ſtark geſtoßen und unter dem Ver—
bande ſickert von neuem das rothe
Blut hervor. Wie Schatten ſchweben
bie Gebilde feiner Phantafie vor dem
halbgeſchloſſenen Auge vorüber, die
894
Schatten ſeines Lebens. Träumend
zieht ſeine Jugend an ihm vorbei, er
hat nicht viel des Fröhlichen darin
genoſſen, und doch war es noch die
ſchönſte Zeit. Dann wandeln ernſte
Mönche vorbei und nicken ihm zu und
winken ihn herbei in den Frieden
ihres Aſyls. Und er hat den Frieden
nicht gefunden. Die dunkeln Kloſter⸗
mauern ſchweben vor ſeinem Blicke,
die dumpfe Luft in demſelben beklemmt
ihm den Athem. Er ſieht das Ecce-
homo-Bilb, es ift fein eigenes Leben ;
ein Heiliger hätte er fein
jollen und ſiehe, er war ein
Menſch. Er hatte geliebt und hatte
gelitten, hatte geirrt und hatte
gefühnt — er war ein Menſch. —
— — Das Bild der Leiden ſchwin—
det. Er fieht Ludmilla. Bon einer
glänzenden Wolfe blidt fie ihn lächelnd
an. Die Qualen feines Herzens wei—
hen, es zieht ein emwiger Frieden ein.
„Ludmilla!“ Er ftredt die Hände
nah dem Bilde aus und es ift, als
ob der Mönch jener alten Chronik zu
ihm träte und ſpräche: „Amarit et
hominem esse sensuit.“
„Wie iſt Euch, Freund ?” Die Worte
fingen an fein Ohr, die Traumbilder
verſchwinden und eine Hand faßt bie
feine. „Wie fühlt Ihr Euch?“ Die
Stimme tönt nicht fremd, Ludwig
Ihlägt noch die Augenlider auf, da
jteht die Geftalt eine® Mönches vor
ihm, jollte e8 nur ein Traum fein?
Aber nein, in feinem Innern fügen
ih die Gedanken zufammen, dieſes
Antlig mit den gefurchten Zügen, dieſe
ftreng blidenden Augen hat er jchon
gejehen, hat er oft gejehen; wie ein
Lichtftrahl durchzuckt ihn plöglich das
Erinnern. Es ift der Prior besfelben
Klofters, in dem er, der jet im Ster—
ben liegt, geweilt, es ift der Mann,
dem er entflohen ift, ba er ihn fetten
wollte, derjelbe Mann, den er vielleicht
jo tief gefränft.
Der Prior aber hat den todes—
wunden Krieger mit dem bunfeln
Barte, mit den wettergebräunten Wan
—
gen nicht erkannt. Er hat den fragenden
Blick, den Ludwig auf ihn wirft, viel—
leiht anders verftanden. „Bleibt nur
ruhig“, jpricht er „ich habe des Gräßli-
chen heute zu viel gefehen, um nicht einen
Sterbenden zu jegnen, wenn er jelbit
ein Keger ift und das ſeid ihr, das zeigt
bie weiß-grüne Feder des Hutes neben
Euch. Bleibt ruhig, der allbarmherzige
Gott möge Euch helfen.”
Da faßt Ludwig die Hand des er:
fummten Mönches, blickt ihm in’3 Auge:
„Kennt Ihr mich nicht mehr, Prior?“
Und der Mönch legt die Hand an
die Stirne, als ſchwindelte ihn, jchließt
er das Auge — dieje Stimme —
„Kennt ihr Ludovicus nicht mehr 2“
ſpricht der Krieger.
Der Mönch wirft das Haupt
zurüd und ihm ift, als müßte er
fliehen von dem Lager eines Verwor—
895
fenen, von der Kirche Ausgeftoßenen.
Aber — er fieht in ein brechendes
Auge, er fieht eine Stirn vor fich,
die immer bleicher wird, er fieht eine
zudende Hand, einen wunden, bluten-
den Menjchen, ähnlich dem Ecce homo-
Bild im Klofter. „OD Gott, wie ift das
Alles gefommen!”
„Weil ih ein Menſch gemejen,“
jagt der Sterbende, „kennt ihr ihn,
der mich getödtet ? — Edelsberg iſt fein
Name. Geftern im Kampfe hat er mich
hingeftredt. Ich hab’ ihn erkannt. — —”
Der Prior hört die Worte, aber
veriteht zur Stunde nicht ihren Sinn.
— Ludwig; Mund ift fill — jein
Auge ift gebrochen.
Der Prior legt feine Hand auf
die falte Stirne und jagt das Wort:
„Er hat den Frieden geſucht, er hat
ihn gefunden.”
Hymne eines Glücklichen.
Heiliger Bott, ich möchte beten, preifen
Dich in göttliher Sprache, und jauchzen, fin-
gen, wie Engel jubeln im Schauen Deiner
Schönheit.
Ih möchte weinen, wie Selige ſchluch—
zen, die Du aus der finfteren Drangjal der
Erde in Deine ewigen Himmel aufnimmit.
Nur das ift mein Schmerz, mein won-
nig Verzagen, dab id) nicht fann fagen, wie
glüdlih ich bin. —
Ich hab’ Dich gefühlt am Buſen der
Mutter, im Auge des Freundes Dein Lü-
heln geſeh'n; und als ich die Einzige fand,
die Geliebte, da warit Du es ganz, der nie
derftieg, und mich, den Schwachen, in Wonne-
fhauer Bebenden mit heißem Kuß an feine
Bruft gedrüdt hat.
Und als ich mein Ebenbild, nein, das
Deine, in meinem Arm hielt, das fühe Kind,
da mwarft e8 Du, der mit erneuter Huld im
jungen Auge mid) angeblidt. —
Die heißen Freuden haben mein Herz
erjhüttert ; der Froſt der Gräber hat mein
Haar gebleicht.
Einfam nennen fie mich und wollen mic
tröften mit ihren Meinen Gaben, die Guten,
die Armen, die nicht willen, wie reich, nicht
ahnen, wie glüdlic ich bin.
Denn feit die lieblihen Bilder aus Dei-
ner ®ottheit mir vermweht find, ſtehſt Du
aufgededt vor mir in Alleinheit Deiner
unendlichen Schöpfung.
DO, daß ich fo vergebens in Deinem Neid
den Namen ſuche, Dih zu nennen, Du nim-
merruhender Auf- und Niedergang, im Sturm
und Sonnenläheln ewige Harmonie, aus der
mir die Stimme der Mutter, der Gattin Haud)
und des Kindes Lächeln treu wieder entge-
gengrüßt.
Was einft mich beglüdt in einzelnen
Weſen, in einzelnen Wünfhen und Hoffen
bejeelt, das find’ idy nun, vereint mit Dir,
mit mir vereint zum ewigen Sein,
Die Leidenschaft ſchweigt — ftill ift die
Sehnſucht; erlöft an Dein Herz, o Natur,
ſink' id hin.
Die Bluihen der Erde, die Sterne des
Himmels, fie mögen verkünden, wie glüd-
uͤch ic) bin.
so __
Unſer nordiſcher Wald.
Studien und Träume von P. R. Rofegger.
II.
Einſt, an einem Sommertage, tra:
ten die Nabelbäume zujammen, um
unter fih eine Königin zu wählen.
Die Fichte ſagte: Ich bin die Schönfte ;
die Tanne jagte: Ich bin die Größte;
die Kiefer fagte: Ich bin die Nützlichſte
und bie Verbreitetfte, und fie führte
jogar die Legföhre vom Berge herab
mit fich, daß biejelbe für fie ftimmen
jollte. Selbft der MWachholder war
bherbeigefrohen und meinte, er wäre
wohl der Edelſte und Koftbarfte, wer's ſ
wollte bedenken. Als endlich aber auch
die Lärche fam mit ihrem hellen, herr:
fihen Grün, mit ihrem mächtigen
Stamm, eine riefige Pyramide, ver:
jchleiert die ftrogenden Aeſte im dich—
ten, weichen Genadel — die Milde
gepaart mit ber Kraft — da beichloj:
fen die andern Bäume, die Wahl der
Königin auf den Winter zu verfchieben.
Und als der Winter gekommen
mar und fie ſich wieder verfammelt
hatten in ihrem dunklen, immermwäh-
renden Grün, da wollte die Lärche
nicht erfcheinen. Und als man fie rief,
da fam fie eingehüllt in einen Schnee-
mantel, und als man fie bat, dieſen
abzulegen, da ftand fie mit grauem,
fahlem Gezweige da. Die Anbern
lachten. Königin aber wurde die Tanne.
Seither trägt die große Lärche
die Hleinfte und leichtefte Krone unter
den Nabelhölzern. Iſt auch ein bischen
ungefellig geworden und fteht gern
auf freier Weite, andern Genofjen
nicht zu nahe. In der Jugend, ja, da
war’ anders, da ftand fie in dichten
Reigen mit ihren Gejchwiftern und
ihr grünes Büjchelgelode war jo eng
in einander verflochten, daß die Stämm:
hen darunter in fteter Dunkelheit
ftanden und daß das tieferjtehende
Gezweige aus Mangel an Tag zu
verborren begann. Bei ber Lärde iſt
„Freiheit und Licht” wahrhaftig feine
Phraſe; es gibt feinen Baum in un:
jerem Walde, der fi fo gerne ftredte
und breitete und der fo fonnenburftig
wäre, als wie die Lärche. Und weil
fie fih denn im ihrer zarten Jugend
gegenfeitig vor's Licht geſtanden find,
0 haben die meiften von ihnen ver:
fommen müffen, haben eines Frühlings
nicht mehr gegrünt, find als Gerippe
dageftanden ben Sommer über. Die-
weilen aber haben fich junge Fichten,
darunter an derjelben Sache gefräftigt,
an ber bie Lärchen zu Grunde gingen —
an dem Schatten. Sie hoffen jest auf
nnd von dem jungen, vor ein paar Jah⸗
ren noch jo jehönen Lärchenanwuchs
war bald feine Spur mehr. — Nur die
etwas abjeit3 vom Gedränge ſtanden
— auf Felsboden — die retteten ſich.
Auch bei der Lärche ift das Sprid):
wort wahr, da Mann und Weib Ein
Leib jeien. Das Weib daran hebt für
feinen Theil ſchon oft im fechjten Le—
bensjahre zu blühen und zu winken
an und gudt mit roſenrothem Köpf:
hen hervor aus den wiegenden Zwei:
gen. Aber der Mann jchläft Lange,
ſchläft noch jahrelang fort. Da kommt
aus den blauen Lüften des Himmels
wohl bisweilen die holde Namens:
ſchweſter auf Beſuch — die Lerde.
Sie zeigt gern, daß fie ſchon unter
der Haube ift, indem fie bie Federn
des Kopfes wie ein Häubchen empor:
ftellt. Dabei fingt fie: Didldoi, didldoi!
jo, daß dem armen Lärchenjungfräu—
— ı BIER
lein ganz feltfam zu Muthe wird, |
Und bie junge Lärche blüht nun jedes
Jahr, bis der Bräutigam wach wird.
Dann verfchließt er das Loch mit
einem Pfropfen und geht davon. Im
Herbfie fommt er mieber, zieht den
Und fiehe, der Bräutgam ift in Un: | Pfropfen aus und jchöpft mit einem
zahl da, und fie hat viele Bewerber.
Doch, es ift ein eigenes Verhängniß,
Jeder, der fie füßt, ftürzt ſich bald
darauf in bie Tiefe. Vor Geligfeit
— vor Verzweiflung — vor Lebens—
fattheit — wer weiß e8 denn? Die
Witwe ift eine treue Mutter und be-
wahrt die faum noch Feimenden Jun:
gen zärtlih in ihrem ſich braunfär-
benden Zapfennejtlein, bis fie im näch—
ften Frühling flügge werden und fich
etwa in einer Felsſpalte oder auf
freiem Kalkboden ein eigenes Heim
gründen.
Mancher mildherzige Tannenbaum
will Ritterdienfte üben an der zarten
fraulihen Lärche und fucht fie zu be:
Ihirmen gegen Sturm und Sonnen:
ftich. Doch die Lärche dankt höflich,
aber jehr entjchieden, indem fie mit
ihren Armen, die viel ftarfer find, ala
fie ausfehen mögen, den Zudringlichen
allmälig von fich jchiebt und verdrängt.
Gelingt ihr das nicht, fo hüllt fie fich
über und über in die grauen Schleier
ihrer Flechten, wie eine Nonne, und
fauert fich zufammen. Sie bebarf fei-
nes Schuges und Beiftandes, fie ge:
nügt ſich felber und nur fo ift ihr
am mohljten.
Im Winter legt fie al’ ihren
grünen Shmud ab und trauert. Nur
die Samenzäpfchen hütet und wiegt
fie auf ihren Armen und menn die
jungen Nabelfederchen mwiederfommen,
zu einzeln und aus winzigen Körblein
hervor in Büſcheln, da dehnen ſich
wieder die Zweige, redt fi der Wi-
pfel und die blutrothen, faft erbbeer:
artigen Zäpfchen lachen zum jonnigen
Himmel auf und es beginnt die jom:
merliche Luft.
Da geht im Wald aber ein Menfch
herum, der macht ſich daraus ein Ge:
Ihäft, daß er die Lärchen melft. Mit
einem Bohrer wühlt er ein Loch in
den Stamm, bis hinein an das Mark,
Rofeggers „‚Geimgarten‘‘, 12, Heft.
langen Löffelchen den Föftlichften Bal—
ſam hervor, das Harz, aus welchem
der feine venezianifche Terpentin be:
reitet wird. — Ein ſolches Loch in
den Baum gibt bis gegen dreißig
Jahre hinter einander Harz und zwar
alljährlih ein Krügelchen voll — und
jo ift die Lärche zwar die kargſte, aber
die ausbauerndfte Melkkuh im Laube,
Der Lärche Heimat find die Kar:
pathen, daher lebt fie am liebften auf
Bergen, wo fie die Geber ber Alpen
genannt wird. Da fie von Haus aus
abgehärtet ift, jo fteigt fie bis an bie
7000° in’s Hochgebirge empor, und
wo bie Kiefer nur mehr als Legföhre
auf den Knien fortfriecht, ſteht die
Lärche in ihrer ganzen Männlichkeit
ftramm aufrecht und ftemmt fich, wenn
es nöthig ift, als Hoher Worpoften
mit Erfolg den Alpenlamwinen entgegen,
baß die tiefer liegenden Waldungen
und Menjchenftätten nicht gefährdet
jeien. In der Ebene und in war:
men Ländern leidet die Lärche am gel-
ben Sieber, ihr Genadel wird fahl,
und vergeht an Heimweh nach ben
Bergen.
Die Helpler werden, wenn fie fein
Unglüd trifft, zumeift fehr alt, aber
die Lärche wird ganz unglaublich alt.
Zwar nennt fie — auch wenn fie nicht
etwa an der Rärchenmotte oder dem
Rindenfrebs Frank, jondern ferngejund
ift — ber Forftmann mit 80 Jahren
ſchon ſchlagbar. Doch wer fie leben läßt :
mit vierhundert Wintern ift fie oft
noch eine Frau in den beften Jahren;
mit fünfhundert madt fie bisweilen
ihr Teftament, indem fie zu Gunften
des jüngeren Nachwuchſes feine Na:
deln mehr treibt, ſondern die Sonnen:
ftrahlen zwifchen ihrem Geäfte auf bie
Jugend niederleuchten läßt. Seht wirb
jie Teer und hohl im Innern und ihr
Eingeweibe, ihr einft jo frifches war:
mes Herz riefelt als Moder in ben
57
898
Grund, während nur noch der Holz | fallen zweier Aeſte verurfacht wurben,
mantel die nothdürftigfte Nahrung
aus dem Boben jaugt. In ben rauhen,
riffigen Rinden ftünde — wenn wir
Baumſchrift leſen könnten — ſowie
in den Geſichtsfurchen des Menſchen,
die Lebensgeſchichte des Greiſes einge—
graben. Mit ſechshundert Jahren end—
lich legt ſich die älteſte Lärche ſelbſt
zur Ruh! — So kann es wohl ſein,
daß der uralte Lärchbaum, der heute
vor unſeren Augen zuſammenbricht,
in ſeiner Kindheit Rudolf von Habs—
burg geſehen und die Hohenſtaufen,
und den Kreuzfahrern ein grünes
Sträußden auf ben Panzerhelm ge:
ftedt hat, als Glüdauf zum Zuge in’s
heilige Land.
Die Lärche ift der Lieblingsbaum
der Mutter Gottes. Als man Marien
nach des Herrn Geburt wieder mit
dem Jungfrauenkranze ſchmückte, be:
hielten alle Nabelhölzer jahraus jahr:
ein ihren grünen Kranz auf dem
Haupte. Nur die Lärche fagte: Dir
allein gebührt der ewige Kranz, denn
du bift die Himmlifche und wir find
die Irdiſchen! — und legt jedes Jahr
zum seite der Geburt Marien ihr
helles Grün demuthsvoll zur Erde. —
Daher ift der Baum mit bejonderem
Segen bedacht. Häufig ſehen wir in
den Alpen an Lärchenſtämmen Marien:
bilder prangen, oder e8 fteht gar eine
Kapelle in ihrem Schatten. Und oft
eine demuthsvolle Magd jchlingt mit
Vorliebe den Lärchenzweig um ihr
fraufe® Haar — der bleibt nicht im-
mer grün und — Manche läßt fich’s
gefallen.
Der ſeltſamſte Lärchbaum ber Alpen
ift wohl jener, welcher im Unterinn-
thale bei Reit! in Tirol auf dem Wege
nad) Alpach fteht. Derfelbe hat 26 Fuß
bilden die Fenfter. Das weidende Klein:
vieh nimmt bei Kälte und böjem Wet:
ter gerne Obdach in diefem Baume.
Einmal bat in biefer Baumhöh—
lung längere Zeit auch eine alte Frau
gewohnt, der das Haus abgebrannt
war. Sie ftellte eine Bettftatt, einen
Kaften, ein Tiſchchen Hinein und ver:
vollfommte die Fenjter mit Papier:
jcheiben und errichtete an ber Wand
ein Hausaltärdhen. Kein Menſch hatte
da wie fie ein jo hohes Haus, auf
defien Gefimfen die Eihhörndhen hüpf-
ten, auf deſſen Giebel der Habicht niftete.
und der Steuerbeamte ſchlug Bud
auf und zu und fuchte vergebens nad)
einem Paragraph für eine Baumhaus:
fteuer.
Noch länger, wie als Baum hält
das braunrothe, harte Lärchenholz
als Pilote im Waſſer. Ganz Bene:
dig fteht auf jenem Lärchenwalde, der
einst die Höhen des Karftes bejchattet
bat. Und wenn die Paläfte Venedigs
über dem Waffer nicht verfallen, im
Grunde ftehen fie feft und bie Pflöde,
welche vor eintaufendundzweihundert
Jahren die vor dem Hunnenkönige
fliehenden Schaaren auf den Sand:
infeln der Lagunen in ben Wafler:
grund fchlugen und worauf fie bie
Stadt Venedig bauten — dieſe Lär—
henpflöde find bereit3 zu Stein ge-
worden. Und unfer Lärchbaum, der bei
Lebzeiten von feinen Bergen nicht laſ—
fen wollte, als Nutzholz muß er hin:
aus in die weite Welt; auf jeinem
Schoße ruhen bie jchweren Stränge
der Eiſenbahn am ficherften, unter
feiner Hut und Führung als Mait:
baum gleiten die gewaltigften Schiffe
von Gontinent zu Gontinent.
Daheim aber auf den ftillen Al—
im Umfang, alfo über 8 Schuh im penhöhen fteht der einfame Mutter:
Durchmeſſer. Der Stamm ift im Kerne | ftod, deffen Stamm man fortgerollt
ausgefault, jo daß das innere ein hat in die Fremde. Seines Ernährers,
hohes, rundes Zimmerchen bildet. Eine | der ihm die Lebensluft zugeführt hatte,
Deffnung unten zwijchen zwei ſich aus- beraubt, müßte er in kurzer Zeit ver:
jchweifenden Wurzelarmen gibt bie
Thür, zwei Lücken, die durch das Aus:
fterben. Aber eine gutmüthige Nach—
barslärche fteht neben ihm, die meint:
Hätte ich fort müſſen, jo hättet du
dich ficherlih meines Stockes ange:
nommen, ich will ein Gleiches an
dir thun. Und ſucht ihm durch Wur—
zelverbindung und Ueberwallung die
nöthige, ſich ſelbſt abgeſparrte Nah—
rung zuzuführen, daß der ver—
waiſte Stock oft noch Jahre lang an
dem Gnadenbrote fortleben kann. —
Bei dieſen Betrachtungen des Lärch—
baumes und feines Lebens und feines
Wirkens kann ich ein Tagebuchblatt
nicht verjchweigen, das ich einjt am
Sonnmwendtage, der die Gabe bes
Sehers hat, auf den alten, gefurchten
Rinden eines Lärchbaumes gelejen habe.
Anjcheinend aber Hat nicht derjelbe
Baum das Blatt gejchrieben, fondern
wohl ein anderer, der zur Zeit, als
899
Erft an die fechzehn Jahre mochte
ih zählen, da war's mir plötzlich im
Bergwald nicht- mehr recht. Sehnte
mic) nah dem jonnigen Hügelland,
wo die Reben prangen. Mein
Wunſch follte erfüllt fein. Ein kräfti—
ger Mann kam, der hieb die Schlank:
jten und Schönften unfere® Stammes
um und jchnitt zehn Fuß hohe Stäbe
daraus. Zu den Schlanfiten und
Schönften gehörte aud) ich. Kurze Zeit
darauf war ich im MWeingelände und
diente einer üppig grünenden Rebe
al3 Stab. Vom fimplen Lärhbaum
zum Weinftod, das heißt's doch weit
gebracht haben! Dem herrlichften Ge-
wähle, das Gott erihuf, war ih
Halt und Hort und eine treue Stüße
in Sonnenjhein und Sturm. Die
ih las, ſchon längſt Staub gewejen | Traube jah ich feimen und reifen an
fein mochte. Es iſt die Biographie | meinem Bufen. Wie war ich ftolz, als
einer ideal angelegten Lärche, welche der Winzer lächelnd die ſchwellenden
darthut,
nicht befjer geht al3 mandem Men-
ichen, welcher Gutes will, während er
Böjes ſchafft. Das Tagebud der
Lärche lautet fo:
„Aus meiner Kindheit wußte ich
nur von Wiefeln, Eichhörnchen, Eidedh-
fen und allerlei Gevögel zu erzählen,
bie mi umhümpften, von Hafen und
Rehen, die zu mir ihre Zuflucht nah:
men, wenn fie den Jäger rochen. 's
war eine fröhliche Zeit. — Borftige
Weſen, Fichten genannt, haben meine
Genoffinnen verdrängt. Ich habe mich
mit Mühe behauptet, doch mußte ich
meine ganze Kraft zujammennehmen,
daß mic die Ungeheuer nicht erfticten.
Ich trug eine fliegende Seele in mir,
und gedachte es bdereinft zu großer
Freiheit und Bedeutung zu bringen. Ich
jah wohl, wie die Alten meines Stam:
mes ihre trogigen Häupter hoben,
hoch über den anmaßenden Tannen; aber
ih jah auch, wie dieſe Alten endlich
bingeftürzt wurden, um als Nutzholz
zu dienen, Das war nicht nach mei-
ner Weiſe. Ich wollte zu Beljerem
jein. Ich wollte biejer Welt dienen
im Schönen und Guten.
daß es mandem Baume ı Früchte fchnitt und den füßen Saft
auspreßte! Wie war ich glücklich, als
eine heitere Schaar junger Zecher ben
Krug ließ kreifen und bei Sang und
Klang den gold’nen Trank ließ flie-
Ben! Den Erbenftaub ftampften fie
von den Füßen. Die Schönen fräftigen
Sünglinge paarten fi mit den lieb:
liden Mädchen, ihre Körper wiegten
fih in Ebenmaß und ihre Auge:
leuchteten. Wie junge Götter waren
fie zu jehen — fie tanzten und minn—
ten und tranfen. Set fam aber all;
mälig ein anderer Geiſt in die Zechern
fie wurden übermüthig und herrifn-
gegen einander, jie trogten und groch
ten, fie ſchrien und fluchten, fie hobell
die Arme und einer der wilden Bur:
ihen ſah nah Waffen um, erfaßte
mich und bieb mit mir wie wahn-
finnig auf bie Zechgenoffen los. Vom
Tiihe floß der Wein und von den
Köpfen floß das Blut....
So unglüdlih war meine Sen:
dung erfüllt. Ich fluchte dem Wein,
der bie Menjchen auf Roſenwegen zu
Tigern macht und ich entſchloß mich,
auf andere Weiſe an dem Glücke ber
Welt mitzuarbeiten.
67?
900
Kam bald darauf ein Junge, ber
drehte und wendete mich über und
An der Mauer des Kirchhof bin
ih lange Zeit gelehnt. Die Sonne
über und pfiff babei ein Liedchen. hat mich gebleiht, der Regen hat
Dann hämmerte er ein paar Sproffen | meine vertrodneten Adern hervorge—
in mich hinein und lehnte mid an
die Wand, Sogleih war mir meine
neue Beftimmung Har; ich jollte eine
Reiter fein, und wie fich die Rebe an
mir aufrankte, jo folte ich nun dem
Menſchen emporhelfen zu feinen höhern
Beitrebungen. Ein ſchöner Beruf! —
In der darauffolgenden Naht kam
der Burjche wieder und lehnte mich
an’8 Haus, gegen ein laufchig Fen—
fter hin. Ich wußte, hinter dem Fen—
fter im Kämmerlein wohnte fein Schaf
und jauchzend begriff ich meine Miffion.
Ich kannte die Schäferftunde wohl —
war ja in Arkardien geboren. Still
und behendig ftieg der Burſche an
meinen Sprofjen hinan; an ber ober:
ften blieb er ftehen und Elopfte an bie
Scheibe. Klopfte nicht allzulange und
das Fenfter that fih auf und ih
hörte flüftern. Flüſterten auch nicht
allzulange, da klatſchte ein Küchen
— eins und noch eins. — Jählings
aber fühlte ich mich leicht; an meiner
oberjten Sproffe ftand fein Fuß mehr
— ber ganze Burfche war weg.
Ich lehnte an ber Wand und
horchte. Im Dachgeſchoß polterten
Katzen und Ratten umher, von mei—
nem Burſchen war des Weitern nichts
zu bören....
Nach diejer freundlichen Nacht ver:
floß eine gute Weile, da war eines
Tages im Haufe, an welchem ich im:
mer noch lehnte, jenes Gejchrei, das
ein Menſch macht, wenn er fich plöß-
ih in diefe Welt verſetzt fieht. Und
dazmwilchen manch’ bittere Meinen und
Klagen. Viele Tage ging e8 fo fort
— da mar es mit einemmale ftill
und aus dem Haufe trugen Männer
einen weißen Schrein. Mid) nahmen
fie als Balken zur Tragbahre. Auf
mir ruhte der Schrein und ſchwankte
dem Kichhhofe zu. — Ich bin es ge
wejen, der einſt das Unglüf hinauf:
gehoben hat zu ihrer Kammer ....
ſchwemmt.
Ich war muthlos und zerfallen
mit mir ſelber und dennoch meinte
ich, es wäre nicht möglich, daß der
gute Geiſt, der die Welt regiert, ge—
rade mir allein den Weg zu allem
guten Wirken verſchließen ſollte.
Da war es in einer finſtern Nacht,
daß ein Mann daher hinkte, völlig
gebeugt und nad einer Stüße ſuchend.
Mir wurde warm um’s Herz. Dem
vom Schidjal gebeugten Mann, dem
ſchwachen, bilflofen Greis eine Stüße
zu fein ift ein glüdjelig Amt. — Und
als der Mann mit unfiherer Hand
nach mir langte, und als er mit bem
neuen Stod neu ermuthigt über bie
Gräber hinwegſchritt, da freute ich
mich, daß ich diefen Tag erlebt. Der
Mann eilte dem Eingange ber Kirche
zu; er ift ja alt, feine Lieben find
ihm wohl vorausgegangen in das en:
jeit8, er wird ihnen bald folgen —
er will beten in ftiler Nacht. — Als
er zur Pforte fam, hob er mich mit
keckem Schwung, zwängte mich zwi:
ihen Thür und Mauer und ftemmte
ih an, bis die Pforte Inarrend auf:
ſprang ....
Am andern Morgen lag ich vor
dem Thore und über mich eilten Leute
aus und ein, um die Verwüſtungen
zu ſehen, die der Kirchenräuber im
Gotteshauſe angerichtet hatte. —
Das war mein Letztes geweſen.
Ich fühlte zutiefſt den Fluch, der auf
mir lag. Ich ſehnte mich nach mei—
nem Bergwald, nach dem ſchlichten
Berufe meiner Brüder. Ich war ge—
brochen. Glücklich pries ich die höl—
zernen Grabkreuze, die auf den Hü—
geln ſtanden; glücklich die halb ver—
moderten Bretter der Särge, die dort
auf dem Steinhaufen lagen. Ich war
nichts. Ich hatte nichts als das Gute
gewollt und das Böſe gethan. —
901
Sterben, fterben, das war mein Ver: nicht fortfommen Tann,
langen.
Da- kam ein halbfieches Weib aus
dem Armenhauſe — vielleicht zu gut,
aber beſtimmt zu mühſelig zur böſen
That. Das Hub die alten Sargbret-
ter auf, hub auch mich auf und trug
uns in’3 Spital. Dort legte es uns
in den brennenden Ofen....
Der Lärhbaumftab — jo er:
zählte noch der alte Stamm, an dem
Dbiges gejchrieben war — der Lärch—
baumftab verbrannte mit den Sarg-
brettern. Jedoch gab er eine hellere
Flamme, als das andere Holz und
fnifternd floben die Funken aus ihm
hervor, wie fo viele goldene Samen:
förner, die in ihm noch verborgen
gewejen.
Als hierauf das Feuer verglüht
und verlofhen war, die armen Be:
wohner des Haufes fih aber noch
der Wärme freuten, da fam einer der
alten Männer herbei, holte fih aus
dem Dfen eine Kohle von dem Lärch—
baumftab und jchrieb damit — auf
daß er wieder einmal etwas jchreibe
— an bie weiße Wand folgende Worte:
Alfo muß es fein bienieden,
Daß am Lichte häng' der Schatten,
Böfe Frucht an guten Saaten.
Himmelweit find oft verjchieden
Wollen, ad), und Thaten! —
Der Tanne und der Lärche ge-
genüber ein faft charafterlofer Geſelle
ift die Kiefer.
Hier ift fie ein gerader Baum,
dort ift fie ein frummer; da hat fie
einen bis hoch zur Krone glatten
Schaft, gleich daneben dedt fie ſich
mit Aeften bi8 zum Boden herab.
Einmal ift ihre Krone kuppelförmig,
ein anbermal wieder hat fie Spiten
und weite Auswüchſe, oder wölbt ſich
über ihrem röthlihen hohen Stamm
gar zu einem Schirm, wie bie Pinie.
In allen Ländern ift fie ber Hahn
im Korbe und wird, wo fie anders
zur argen
Kriecherin.
Auch will fie nicht recht Farbe befen-
nen, fie ift nicht grün, nicht braun,
nicht grau, nicht gelb — fie ift eben
alles zugleih. Sie fteht, jo lange fie
(lebt, zum Menfchen fcheinbar in kei—
ner freundfchaftlihen Beziehung. Sie
bietet ihm fein rechtes Obdach, mie
die Tanne und bie Lärche, feinen küh—
lenden Schatten, wie die Fichte, fie
erfreut das Auge nicht. Nur muß
man ihr nachfagen, baß fie jchon bei
Lebzeiten durch vorzügliches Harz ihr
Standgeld zahlt. Hingegen ijt die Kie—
fer im Stande, wie ein eifernber
Pfaff’, die Menfchheit bisweilen mit
einem förmlichen Schwefelregen zu
überfchütten. — Iſt aber harmlos,
bein gelber Blüthenftaunb, du mein
guter, vielverleumbeter Baum.
Und trogdem man bir auch noch
ferner nachſagt, daß bu dich beiner
ipäteren Nützlichkeit als Bau- und
Schnigholz manchmal durch Drechwuchs
zu entwinden fuchteft, bleibt du doch
ein guter, liebenswürdiger Baum. Daß
du überall in der Welt fortlommift,
ift, weil du mit Allem zufrieben bift.
Auf ftarrem Geftein, auf heißem Sand,
auf ödem Moor, auf dürrer Heide,
wo fih außer der braven Birke Kei—
ner hinwagt, fiedelft du dich an und
machſt den Boden ertragfähig. Du
bift der Nadelbaum der Ebene und
ber warme Pelz der Alpen.
Ale Achtung! Gegen Often ver:
breitet fie fih bis zur chinefiichen
Mauer, gegen den Nordpol ftrebt fie,
fo weit dort ein Baum überhaupt
noch möglich ift; und als vor weni:
gen Jahren unfere Schiffer den Norb:
pol fuchten, war die Kiefer als Maft-
baum bei ihnen. Nur nah Afrika
mag fie nicht Hinüber und auch bie
neue Welt ift nicht nach ihrem Ge-
ſchmacke.
Die Kiefer iſt eine noch größere
Freundin des Lichtes als die Lärche,
Nicht allein, daß fie allen biüftewan)
nebeligen Gegenden auszumeicdhein Judge
und nur im Glanze der lieben Sonne
am beiten gebeift — mehr noch, fie
durchfettet Tebelang ihr Holz mit Harz,
daß es bereinft in den langen Win-
ternächten eine herrliche Kienſpan—
leuchte gebe. Und eben, weil fie über
ein fo vortreffliches Lichtmateriale ver:
fügt, ſcheint fie fih auch in bie nörd—
lihen, nächtlichen Gegenden gezogen
zu haben, denn daß es ihre Abficht ift,
den Menſchen zu nüßen, muß nun
wohl zugegeben werben.
Ich Habe ſchon als Kind den
großen Nutzen der Föhre erfahren.
Sie gab uns den Kienfpan, ber zu
den freundlichiten Abendſtunden und
zu den ſchönſten Geſchichten des Alt:
knechtes leuchtete; fie gab ihre dicke,
braunröthlide, glattfeine, zart mar:
morirte Rinde, aus welder ber
Jungknecht eben auch beim Kienfpan
für mich allerlei ergötzliche Figuren
ſchnitzte. — Trogdem konnte ich da—
mal3 die Föhre nicht leiden, denn
eine ſolche hatte eine® Tages beim
Fällen in unſerer Nachbarſchaft eine
Magd todtgeſchlagen. Noch lange war
der Stod mit dem eingehadten Kreuz
im Malde zu fehen — mir ſtets
zum Grauen, jo oft ich vorbeiging.
Die höchfte Kiefer kann nur halb
jo hoch wachſen, als die höchſte Fichte
und wird unter den günſtigſten Um—
ſtänden nur halb ſo alt als wie die
Lärche. Aber die Schwarzkiefer, die
bei uns in Oeſterreich und Steiermark
wächſt und die aus den untern Do—
naugegenden zu uns heraufgekommen
iſt, ohne daß ſie weiter nach Deutſch—
land hinein trachtete — die Schwarz—
kiefer iſt viel größer und redenhafter,
als die andere, die gemeine, ſie weiß
ſich auch ernſter und würdevoller zu
geben und kann das ehrwürdige Alter
von 600 Jahren erreichen.
Allzugeſegnete Verhältniſſe können
— wie manchem Menſchen — auch
ſich zu helfen. Sie bereitet und düngt
ſich den Boden gewöhnlich ſelber
durch die abfallenden Nadeln. Wird ſie
verwundet, ſo verlegt ſie die Wunde
mit dem Pflaſter ihres eigenen Harzes,
bis dieſelbe wieder geheilt iſt.
Mannbar wird die Kiefer um das
zwanzigſte Jahr herum. Die Schup—
penſchilder ihrer Fruchtzapfen haben
die Form von verſiegelten Briefcouverts
und wir zweifeln nicht, daß es Lie—
beöbriefe find, die ſich die jungen Gat:
ten während der adtzehnmonatlichen
Zeit der guten Hoffnung zufchreiben. —
Die langen Nabellanzen, welche wie
Bodshörner paarweife ftehen, bewa—
hen das Liebesleben.
Schön zu fehen ift die junge Kiefer
im Mai und im Juni, wo fie mitten
in ber grünenden, blühenden Pracht
bes Waldes vom minterlichen Chrift:
baum träumt und für benjelben can
bibirt, indem fie ihre jungen Triebe
gerade aufwärts gegen Himmel richtet,
zu jehen, wie die Kerzhen am Weib:
nahtsbaum. Im Norden oben, wo die
Tanne nicht mehr hinfommt, bewirbt
fie fih um die hohe Würde aud
wahrlich nicht umfonft; und gerabe
in jenen Ländern, in denen die Chrift:
baumfitte eine jo ſchöne Ausbildung
erreicht hat, ſteht am Meihnachts:
abende die ferzenftrahlende Kiefer auf
dem weißgededten Tiſch.
Es ift nirgends zu lefen, daß bie
Kiefer fih einer Erbſünde ſchuldig
gemacht hätte, es müßte denn ihr
goldiger Blüthenftaub einmal eine
freundlofe Birke verführt haben. Sie
bat abersganz das Schidjal der Erbſünd—
gebornen, ift jo zahllojen Widermwär:
tigfeiten, Drangjalen und Nöthen aus:
gejegt, wie fein anderer Nabelbaum,
Wir wollen ihre Leidensftationen
nicht verfolgen, doch jene Kinderkrank⸗
heit erwähnen, die fie im 6.—8. Le:
bensjahre gerne überfällt. Da gehen
ber Kiefer gefährlich werben; zu Frucht: ihr die Nadeln aus, fie kann nicht
barer Boden macht fie Harzlo und
berzlo8 — kernfaul. Hingegen Wider:
wärtigfeiten kräftigen fie und fie weiß!
| mehr Athemholen und ftirbt. „Schüt:
ten“ heißt der Baumarzt die Krank:
heit — fanıı aber nicht helfen.
903
Noch ſchrecklicher ift eine ans!
bere Plage: das Gethier der Käfer, |
Mücken und Schmetterlinge, und befonz
ders ber fürchterliche Bielfraß Kiefer:
fpinner, der dem Baum in beifpiel-
lofem Heißhunger das Genadel frißt,
um bie Nahrung fofort wieder von
fi zu geben. Wer durch einen von
diefem Schmetterling angepadten Kie-
fernwalb geht, der wird fich über bie
Unzahl der Falter und über den rie—
jelnden Kothregen derjelben nicht genug
verwundern fönnen. Und um ja auch
für die fommende Generation ben
Baum zu verforgen, legt der Kiefer:
fpinner feine unzähligen Eier in bie
Stämme ab.
Der große Baum ift diefer Brut
gegenüber machtlos und der Menſch
mit feinem mächtigen Geifte ift es
auch. Hingegen erfreut fich die Kiefer
unter ben Inſekten eines einflußrei-
hen Freundes, ber ein ſeltſames Mit-
tel hat, den Baum vor feinen Ber:
berbern zu ſchützen. Das ift die Schlupf:
weipe. Die Schlupfweipe ift fo frei,
ihre Eier in die Raupen der Siefer-
jpinner zu legen. Dort, im Innern
der Larve des Kieferjpinners, richtet |
fih nun die Nachkommenſchaft der
Schlupfweſpe häuslich ein. Die Schmet:
terlingsraupe gedeiht troß des nagen-
ben Wurmes in ihrem Innern bis
zur Puppe und nun ift’8 ein Schmet-
terlingsleib mit einer Wejpenfeele. Der
troß aller menſchlichen Gegenmittel
durch den Kieferjpinnerfraß zu Grunde
gegangen ; aber als die Schlupfweipe
fam und fih für ihre Jungen den
Bauch der Spinnerraupe erfor, war
e3 mit der Plage zu Ende.
Wenn der Kieferwald geſchlagen
wird, fo laſſen die Holzhauer mitten
auf dem Gefchläge gerne einen einzi—
gen, bereit3 befruchteten, famenreichen
Baum ftehen, daß er mit feinen vom
Wind bewegten Armen das Gejäme
binftreue über den fahlen Grund. Und
Iprießt von Neuem junger Wald, dann
mag ber alte Sämann aus dem vori-
gen Geſchlechte ruhig Feierabend machen.
Jenes Kiefergezüht aber, das
arbeitsfheu fi dem Allgemeinfamen
entzieht und oben im Hochgebirge zwi:
ihen Alpenrofen und Edelweiß in tau:
jend Schlangen träge hinkriecht bis
an die Wälle des Eijes, führt ein
anderes Dajein als die Roth: ober
Schwarzfiefer. Die Legföhre oder ber
Latſch, die Zirbelkiefer oder der Zirm,
haben von dem braunen Schmetterling
nicht viel zu fürchten. Und faft eben
jo wenig auch von jenem Weſen, das
fih jo gerne den Freund und Gönner
des Waldes nennt, während e3 fein
gewaltigiter Schlächter ift — auf den
fturmumbrauften Höhen auch nichts
mehr zu fürchten vom Merjchen.
Um fo trübjeliger ift ihr Hin-
Leib finkt bald der Erde zu, die junge |gang. Niemandem zu Nu und From:
Schlupfweſpe aber fliegt Iuftig empor | men verftirbt die Einfame, und nod
über die Krone ber Kiefer, als deren
Schugengel fie auf den Dank des Bau-
me3 und bes Forftmannes bauen Fann.
Große Kieferwaldungen — befon-
ders im norböftlichen Deutichland — find
jahrelang ragt, wie an’3 Rab bes
Hochgerichtes geflochten — das nabel:
und rinbenlofe Gezirm — das fahle
Gebein ber höchſtgebornen Tochter des
Waldes,
904
Hemefs.
Ein Fragment von Alfred Meißner.
Herr v. Themar hatte einem gro:
Ben Diner in einem vor ber Refidenz
gelegenen Landhauſe beigewohnt und
dasfelbe ſpät verlaffen. Als er, bequem
in die Ede des Wagens zurüdgelehnt,
an ber Fleinen Billa des Generals
Aſchberg vorüberfuhr, ſah er Licht in
deſſen Fenftern, und es fiel ihm ein,
den alten Herrn, den er lange nicht
gefehen, wieder einmal zu befuchen,
um ben Reft bes Abends, mit dem
nicht viel anzufangen war, bei ihm
zu verbringen.
Er ließ Halten, ftieg aus, beftellte
den Wagen auf zehn Uhr und begab
fih zu Fuß zu feinem Freunde.
General Ajchberg, aus einer kur—
ländiſchen Familie, war ein gebrechli—
her Herr am Anfang der Sechzig.
Urjprünglid ein homme & bonnes
fortunes am Hofe des Kaiſers Niko—
laus, wurde er dann ein braver Sol:
dat. Er Hatte eine vornehme Ruſſin
geheiratet, aber, wie es hieß, feine
glüdlihe Ehe mit ihr geführt. Von
feiner Frau getrennt, kinderlos, in
jeinem Vermögen ftarf geſchädigt, hatte
er bald nad) dem Krimfeldzug feinen
Abſchied genommen. Körperliche Lei—
den jegten ihm zu, Unruhe, Unzufrie—
denheit trieben ihn in ber Welt herum.
Gr war bald in Nizza, bald in den
böhmischen Bädern, pflegte aber im-
mer wieder auf furze Zeit die einfa=
die lange türfifche Pfeife im Munde,
vor jeinem Kamin fitend, in welchem
ein Holzfeuer prafelte.
„Ich ſehe“, jagte Aſchberg, „daß
Sie mindeſtens eine apoſtoliſche Tu—
gend ausüben.“
„Wieſo?“
„Sie beſuchen Kranke, bei denen
nur Zangeweile und BVerftimmung zu
holen iſt.“
„Ih will nicht hoffen, daß Sie
ernftlich Frank find 2“
„Doch, ich bin es“, erwiberte der
General mit einem Seufzer. „Ich bin
frank, und ber fränffte Theil an mir
ift mein Herz.“
Themar nahm Pla am Kamin,
der Theekeſſel warb friſch gefüllt.
„Nein Humor”, hob der General
an, „it der allerbüfterfte. Ich wühle
fort und fort in der Vergangenheit.
Heute Abend hab’ ih drei Stunden
zugebracht, alte Briefe zu überlejen,
um fie dann zu verbrennen. Ich durch—
Ihaue meinen Zuftand und fehe, daß
es niemals beffer werden fann....
Tagelang rede ich feine Sylbe, Alles
verlegt mich, Alles ärgert und belei—
digt mid — ich bin wie ein wunder
Körper, der fih gar nicht berühren
lafjen will. Ich bin wieder im Süden
gemwejen. Die Luft dort thut mir gut,
doh nur dem Leibe und ben Kno—
me Villa zu beziehen, die er, mit dem chen, nicht dem Geifte, nicht dem ver-
beiten Vorſatz der Seßhaftigfeit, vor | zweiflungsvollen Herzen. Sie haben
Yahren hier erworben.
mic) lange nicht gejehen, nicht wahr ?
Herr v. Themar traf den einfas Ich gehe nirgends hin. Ich Iebe ein-
men alten Herrn auf feinem Zimmer, fam, wie außerhalb der Welt und
905
das ift auch das Beſte für mich. Jahrhundert — lebte ich in Peters-
Seit Jahren treibe ich es jo. Kommt |burg, wohlauf, immer guter Dinge.
etwas von außen an mich heran, ſo Ich hatte eine eiſerne Geſundheit. Ich
iſt es nur eine neue aufregungsvolle
ein ...“
Er blickte lange in die Kohlen.
Themar ſah den alten Herrn mit
Theilnahme an. Der General fuhr
wieder fort:
„Ach, wohin bringen uns die
Jahre! Am Haar iſt es nur die Ver—
änderung von Braun in Grau, und
von Grau in Weiß — aber wie es
iſt im Innern! Mein Herz iſt für die
Freude ganz unempfänglich geworden.
Eine Natur, urſprünglich expanſiv,
ausſtrömend im höchſten Grade, iſt
ſchweigſam geworden und der Mit—
theilung feind. Was iſt das anders
als eine Reaction, in welcher ſich die
Seele krampfhaft zuſammenzieht und
ihre Empfindungen ſelbſt verſchluckt ?“
„Oft“, fuhr er nach einer Pauſe
fort, „bin ich wie ein Stein, zuweilen
iſt mir aber auch tagelang ſo, als
hielte ich nur mühſam die Thränen
zurück . . . Schon beim Aufſtehen
bin ich ſo müde. Warum kann ich
denn in ber Nacht nicht ſchlafen? ...“
„Man müßte wiffen, was Ihnen
zugeftoßen ift, um rathen zu können“,
fagte Themar mit wirflihem Antheil.
„Mir ift nicht zu helfen“, erwi—
berte der General, „Ich will Ihnen
aber erzählen, wie das Alles gekom—
men. Lange Jahre kennen mir ung,
allerdings nur wie fich Weltleute ken—
nen, ich babe Ihnen nie erzählt, was
mich drüdt. Nun zählt mein Leben
nur noch ein paar Jahre, vielleicht
noch weniger; wollen Sie hören, wie
mir dad Schidjal mitgefpielt ?“
Der jüngere Mann drüdte bem
Alten die Hände.
„Erzählen Sie. Auch ich habe
Manches erfahren. Ich werde Ihre
Mittheilungen zu ſchätzen wiſſen!“
„So hören Sie zu!” fagte Ach:
berg.
„Bu Anfang der Dreißiger:Jahre
— id bin wenig jünger, wie das
war mit Herz und Seele Militär und
eben Adjutant des Großfürften gewor—
den. Ich bewegte mich in ber vor:
nehmen Welt und nahm an allen
ihren Freuden Theil. Ohne eben ein
Don Yuan oder ein Wüftling zu jein,
richtete ih Unheil an. Ich befuchte
öfter das Haus einer vornehmen Frau,
in weldem eine junge Engländerin
die Stellung einer Geſellſchafterin hatte.
Es war wirklich a sweet girl, eine
echt britiiche Schönheit. Ich war hin—
gerijjen, fie verliebte fich in mich, wir
jahen und heimlid — die Folgen
blieben nicht aus.
Das Mädchen war in Sammer
aufgelöft, ich machte mir bie bitterften
Vorwürfe — aber was halfen die?
Sollte ich fie heiraten? Meine Gar:
tiere war dann zu Ende, meine Stel:
lung in der Gejellihaft vernichtet. Ich
fonnte mir das Nafenrümpfen meiner
Freunde, das Hohnlachen meiner Wi-
derfaher ausmalen. Und doch war
ih zu diefem Schritt entjchloffen oder
halb entſchloſſen. Während ich bie
Sade im Kopfe mit mir herummälze,
wird ein Beſuch bei mir gemeldet.
Ein junger Menſch mit ziemlich orbi-
närem Ausſehen tritt ein und jagt
mir: „Wie ich in Erfahrung gebracht,
erwartet mich die Ehre, ihr Schwager
zu heißen. Mein Name ift Smith, ich
bin in einer hiefigen Mafchinenfabrif
angeftellt. Sie werben meine Schwefter
heiraten.”
Ein wilder, maßlojer Menſch ftand
vor mir, der mir allein alle Schuld
zuſchob, für Vernunftgrünbe taub war
und mir nicht einmal einen Aufſchub
zugeftehen wollte. Auf andere Weiſe
und mit guten Worten wäre ich zu
lenfen gewejen, aber dieje brüsfe, bru—
tale Art brachte mich auf. Ich wurde
noch wilder, al8 er ein Paar PBiftolen
aus der Taſche zog und fie auf ben
Tiſch legte. Nun weigerte ich mich
auf’3 Beftimmtefte ber Heirat. Troß
906
gegen Troß. Er forderte mich, e3 war
nicht auszumweichen, ohne den Vorwurf
Seite eine Sache ber Eitelfeit. Sie
brachte mir hunberttaufend Rubel, ei-
ber Feigheit von feiner Seite auf nen großen Namen und viel Schönheit
mich zu laben. Ich verfpradh, mi
mit ihm zu fchießen.
Das Duell war nicht leicht durch—
zuführen, es fehlten mir bie Zeugen,
wie ich fie mir wünſchte. Ein alter
Diener belauſchte die Verhandlungen,
lief zu einer Tante von mir, dieſe
fuhr zum Plagcommanbanten ; auf
dem Flecke, wo wir uns [hießen fol:
ten, wurben wir Beide verhaftet.
Der Engländer wurde ins Verhör
genommen, mein Vorgejegter legte fich
in die Sade, man machte dem jungen
Manne Borftellungen. „Wollen Sie
das Mädchen,“ fagte man ihm, „zum
Gegenftand des Stadtgeſprächs machen ?
Wollen Sie die Sache an bie große
Glode hängen? Noch ift die Familie,
bei der das Mädchen wohnt, von
nichts unterrichtet und ihre Ehre un-
angetaftet. Als Frau v. Aſchberg —
machen Sie fi darüber feine Illuſion
— werden Sie Ihre Schweſter nie
ſehen! Wäre fie aber glüdlich in einer
jolcherweife erzwungenen Ehe? Kaum.
Herr von Ajchberg bietet Ihnen zehn:
taufend Rubel, damit bringen Sie
Ihre Schwefter nad England zurüd.
So ausgeſtattet wird fie feinerzeit leicht
einen Gatten finden.“
Der junge Brite war burdh den
Berlauf der Sache etwas herabge-
fimmt. Er ging mit ſich zu Nathe.
So war die Schweiter verforgt. Der
Bruder erhielt die Summe beim Ban
Hier meines Vaters ausgezahlt, beide
Geſchwiſter verließen Rußland.
Ich ging bald darauf in den Kau—
kaſus ab, wo ih das Glüd hatte,
von allen Tſcherkeſſenkugeln verſchont
zu werden, und avancirte raſch.
Bon Mutter und Kind hörte ich nichts
mehr.
Fünf Jahre fpäter, Oberft ge
worden, heiratete ich eine Gräfin
Zamoiska aus Ruſſiſch-Polen. Es war
eine große Partie und von meiner
mit, ich war der Gegenſtand allge—
meinen Neides.
Aber die Entzauberung ließ nicht
lange auf ſich warten. Meine Frau
war verſchwenderiſch und vergnügungs⸗
toll, ſie hatte für nichts Sinn als für
Feſte und Bälle; Reiſen nach Spaa,
ans Meer, in die deutſchen Spielbäder
verſchlangen unſere Revenuen; nach
dreijähriger Ehe, in der mir ein
Knabe geboren wurde, ergab ſich das
Facit, daß wir eine ungeheure Hypo—
thefenlaft auf unfere Güter gemwälzt
hatten.
Mir fteigerten die Pächter, die
theilweife noch in alten Gontracten
faßen, die beften Vorſätze wurden ge:
faßt und Tilgungspläne ausgearbeitet,
die fi auf dem Papiere trefflich aus:
nahmen, aber ber Leichtfinn meiner
Frau und ihre grenzenlofe Verjchwen-
dungsluft machten immer wieder einen
Strich durch die Rechnung. Wir hatten
täglih Zanf — und da ich endlich
einfah, daß meine Frau nie Vernunft
annehmen werbe, jo verlangte ich bie
Scheidung.
63 gab gegenfeitige Vorwürfe, ber
Scheidungsprocek wurde eingeleitet,
die Fran verlangte, was fie mitge-
bradt, ih warf e8 hin, nur um
Frieden zu haben. Die Noth hatte
mich Tängft zum ftrengen Wirth ge:
macht, ih wollte, wenn ich einmal
von ihr geſchieden ſei, durch Spar:
jamfeit und ftrenge Aufficht wieder
Ordnung auf meiner Hufe einführen,
damit mein Sohn wenigftens glüdlicher
werde als id.
Da — eined Tages — entweicht
meine Frau aus dem Haufe und hat
mir mein Söhnden mitgenommen.
Denken Sie, mein Kind, meine einzige
Freude, mein Glüd, das Kind, von
dem ich fagte: das wenigftens muß
mir bleiben, es ift mein Sohn, ber
fann mir nicht genommen werben !
907
Es iſt ja Diebftahl, Kinderraub. Mo:
war fie gegangen? Alle Nach:
forfhungen blieben vergebens. Ich ſaß
allein, verlaffen, kinderlos, fluchend
und weinend.
Endlich machte ih mih auf,
Mutter und Kind zu ſuchen. Ich reifte
freuz und quer; ich könnte e8 nimmer:
mehr fagen, wo ich zuerft, wo ich
jpäter war. Was war aus meinem
Kind geworden? Je länger das bau-
erte, um jo mehr wuchs meine Angft,
meine Unruhe. Ich mußte das Kind
um jeden Preis wieder haben. Viele
Freunde halfen mir juchen, wir zogen
aus und Ffehrten heim; feine Spur,
fein Zeichen. Ich fluchte und meinte,
Alles vergebens !
Endlich ftöberten wir Mutter und
Kind auf. Denken Sie, fie lebte in
Freiburg in ber Schweiz und hatte
mein Söhnchen einem ſpaniſchen Se
juiten zur Erziehung übergeben! Sie
fannte meinen Haß gegen bie Sefuiten,
meine proteftantijche Gefinnung, und die
Rache, welche die unverföhnliche Frau
an mir nehmen wollte, war bie, mir
ein geiftig ganz vermwanbelte® Kind
einft entgegenzuführen! D das war
teufliſch erdacht, teufliich !
Ich raubte das Kind, denn ben
Meg des Geſetzes zu gehen in einem
fremden Lande mit fatal peinlihem
Gefegesgang wäre mir unmöglich ge:
wejen. Ich nahm es auf offener Straße
plöglih in meine Arme, fprang in
den unfern haltenden Wagen und faufte
vor den Augen ber Mutter und bes
bageren Spanierd davon. Nun jagte
ih über Hals und Kopf zurüd ins
Vaterland.
Endlich hatte ich ihn wieder, mei-
nen Knaben. Ich bewachte ihn, er
verließ mich nie, Niemand fonnte mir
ihn ein zweites Mal nehmen. Aber
— hatte ih ihn wirklich? War er
noch mein? Er war in den zwei Jah:
ten jeiner Abmwejenheit böfen Einflüffen
ausgejeßt gewejen. Er fürdhtete mich,
- ih war ihm fremb geworben, er liebte
mich nicht mehr. Den Rofenfranz, ben
ih in feiner Tajche gefunden, konnte
ih ihm wegnehmen und unter meinen
Füßen zertreten — aber was er fonft
vom ſpaniſchen Abbe angenommen,
blieb.
ALS er dreizehn Jahre alt ge:
worben war, begann er zu kränkeln,
das Uebel machte reißenbe Fortjchritte,
er ftarb. In feinem zehnten Jahre
hatte er noch das Herrlichfte verjprochen !
Nun war er tobt, Alles ſchien für
mich vorbei. Ich ftand allein, das übe
Feld des Schmerzes lag vor dem Ein-
ſamen endlos ausgebreitet da.
Da zufällig Tags zuvor ein Bettel-
brief meines Weibes gelommen mar,
den ih abſchlägig beantwortet Hatte,
ließ ih nun gleich barauf ein paar
Zeilen mit der Schmerzensbotichaft an
fie abgehen.
Was war bie Antwort der wüthen-
den, mich bitter haffenden Frau?
„Empfangen Sie“, fchrieb fie, „in
Ihrem Schmerze einen Troft: Eines
Andern Kind beweinen, ift thöricht.
Karl war nicht Ihr Sohn.“
Born, Haß, wilde Menjchenver:
achtung zogen in mir ein. So hatte
fie mich ſchon jo früh zu betrügen an-
gefangen und ſah wohl mit heimlichem
Laden drein, wenn ich mit Vaterge—
fühlen das Kind liebkoſte. D hätte fie
doch gejchwiegen und mich lebenslang
meinen Sohn bemweinen laſſen. Wie
fann Kenntniß meiner Schande mid)
tröften? Geſetzt, es ſchwächte an einer
Seite meinen Gram, anderſeits ſtürzt
fih ein neuer auf mein zerriffenes
Herz. ... O, ein peinliches Gericht,
ein ſchreckliches Los bricht über mich
herein. Ich erliege.
Aber ift e8 auch wahr? Lügt fie
nicht blos ihre Unehre, blos zu dem
Zwede, mich zu verwunden? Ich
darf ihr, wie fie jeßt gegen mich fteht,
Alles zumuthen, Alles!
In dieſer Zeit dachte ich oft, ich
müfje verrüdt werden, Aber etwas
lebte in mir, das ſelbſt falt und unbe⸗
908
wegt auf meine Schmerzen und Gon-
vulfionen herabſah. Dies geheimniß—
volle Etwas war da, wie ein mitleib-
lojer Zufchauer, der meine innere Ver:
wüftung betrachtete, als wenn fie ihn
nichts anginge. Es war mein Selbft:
gefühl als Mann und Soldat, das
Gefühl des Mannes, das mir fagte:
Dir ift ärger mitgejpielt worden, als
Du e3 verdienſt. Died geheime Etwas
erhielt mich am Leben.
Aber ſchauderhaft einfam ftand
ih da. Wofür hatte ich jahrelang
gearbeitet, meine zerrütteten Vermö—
gensverhältniffe wieder herzuftellen ?
Ich Hatte feine Familie, feinen nahe:
ftehenden Erben. Mofür hatte ich mich
gemüht, für wen follte ih mich ferner
mühen ?
In dieſer Erftarrung blidte ich
der Schulter verwundet, wurden ein-
gebracht. E3 war ein wunderſchöner
junger Mann von echt englifchem
Typus. Er fam ins Lazareth, ih
befahl, auf ihn gleiche Sorgfalt wie
auf einen Dfficier unferer eigenen
Truppe zu verwenden. Ich ſprach
einige Mal mit ihm, ſah, daß er auf:
fam, er gab böfliche, aber kurze Ant:
wort auf meine Fragen.
Ein paar Wochen ſpäter trifft mich
ein Unfall. Da ich eben außreiten
will, ſchlägt ein Hohlgeſchoß nicht
allzufern ein, mein Pferb bäumt, über:
ftürzt fih und wälzt fih auf mir
herum. Ich wäre unfehlbar des Todes
geweſen, wenn nicht ein kräftiger
Arm das Thier von mir weggerifjen
hätte.
Mein Retter war der junge Eng:
jehnend nad einem warmen Sonnen- |länber, der zufällig mit einigen feiner
firahl aus, nach etwas, was ich noch
liebend umfaffen könne. Ich begann
in die ferne Vergangenheit zurüdzu-
ſchauen, alte Erinnerungen belebten
fih, ja, ich hoffte noch einen Erſatz
für alles Erlittene!
Der alte Diener, der damals in
der Tragödie meiner Jugend mitge-
fpielt, lebte noch; ich ſendete ihn nach
England, um dort Nachforſchungen
nah Laura Smith und deren Kind
anzuftellen.
Der ruſſiſch-türkiſche Krieg wüthete
ſchon feit mehr als einem halben Jahre.
Ich ftand in Beffarabien. Paskiewitſch
hatte vor Siliftria erfolglofe Kämpfe
beftanden, die Weſtmächte hatten ihre
Flotten in die Oftfee und das Schwarze
Meer geſchickt, der Angriff auf bie
Krim war zu gemwärtigen. Jch erhielt
den Befehl, in Eilmärfchen auf die
taurifhe Halbinjel vorzurüden.
Bor Balaklawa hatten wir Gefan-
gene gemadt. Unfere Granaten waren
vernichtend in eine englifche Batterie
eingefchlagen, wir fchnitten den Leu—
ten ben Rückzug ab, zwanzig Main,
darunter ein junger Artillerie-Lieute-
nant, leßterer nicht unbedeutend an
Kameraden in ber Nähe geftanben.
Ich dankte ihm herzlich, und als
nicht lange darauf eine theilweife Aus:
wechjelung ber Gefangenen ftattfinben
follte, dachte ich zuvörderſt an ihn.
Der Tag der Auswechſelung kam,
ed war Waffenrube, die fremben Com—
miffäre erfchienen, die Gefangenen
ftanden rangirt, unſere Leute warteten
an den Thoren und Zugbrüden.
Ich bemerkte, daß der junge Artil-
lerie-Lieutenant mich öfter anſah und
eine gewiſſe Aufregung zeigte.
Ich ließ ihn Herantreten und
wechſelte einige Worte in feiner Mut-
terfprahe mit ihm. Ich kam auf
den Dienſt, den er mir geleiftet,
zurüd.
„Ich hätte denfelben jebem An—
dern ebenfo erwielen!” Tehnte er fro:
ftig ab.
Die Hand, die ich ihm geboten,
ergriff er nicht.
Dieſes Benehmen befrembete mich
aufs Höchſte, auch entging mir nicht
eine tiefe Bewegung, die in feinem
Beficht arbeitete und die er nicht unter:
drücken konnte.
909
„Weshalb verweigern Sie mir
Ich öffnete die Arme, ich meinte,
Ihre Hand?” fragte ih den jungen er werde hineinftürzen, er blieb ruhig.
Mann.
„Da Sie nad) dem Grund meines
Benehmens fragen, General“, erwiberte
er, „Jo hören Sie ihn! Sie haben
an mir und meiner Mutter nicht ala
Mann von Ehre gehandelt. Ich bin
Ihr Sohn!“
Ich war außer mir.
„Hätte und nicht der wunberbarfte
aller Zufälle zufammengebracdht”, fuhr
er fort, aber falt und in abmwehrendem
Tone, „Sie hätten nie davon eine
Sylbe erfahren.”
„Lebt Ihre Mutter noch?” fragte
ih ungeftüm.
„Sonderbare Frage von Ihrer
Seite!” erwiderte er. „Sie haben ſich
nie darum gekümmert !”
„Nein! Nein!“ rief ih. „Ich habe
jogar eine Perſon nach England abge:
ſchickt, nach ihr zu forſchen.“
„Meine Mutter iſt nicht mehr am
Leben“, erwiderte der junge Mann.
„Es iſt beſſer ſo. Niemand hat um
mich geweint, als ich fortging.“
Ich war tief ergriffen.
„Ich weiß ſeit Jahren, daß ich
Ihnen mein Leben zu danken habe“,
fuhr der junge Mann fort. „Aber das
bringt mich Ihnen nicht nahe. Sie
haben ſich durch eine Geldſumme Ihrer
Pflichten gegen Mutter und Kind ent—
ledigt, das ſagt genug. Was aus
uns geworden, war Ihnen gleichgiltig.
Das Capital, aus deſſen Zinſen meine
Erziehung beſtritten worden, iſt noch
unberührt, Sie werden es von mir
zurückerhalten, ſobald ich wieder daheim
bin. Der Gedanke, vom Geſchenke
eines Fremden zu leben, ift mir uner:
träglich.”
„Sie nennen mich einen Fremden“,
erwiderte ih. „Ich habe das verbient.
Und doch wäre ich glüdlih, in Ihnen
meinen Sohn umarmen zu Fönnen!
Ich bin kinderlos, entbehre ſchmerzlich
ein Herz, das mich liebt —“
„General Aſchberg“, ſagte er —
„Was? rief ich, ich nenne Sie
Sohn, Sie erwidern kalt: General!
Das trage ich nicht. Ich biete Ihnen
mein Herz an — Sie weiſen es zu—
rück.“
In dieſem Augenblicke blies der
Stabstrompeter, die beiderſeitigen Com—
miſſäre traten heran zur Uebernahme
ihrer Leute.
Die Gefangenen defilirten ab.
Ich ſtand wie betäubt da. Ich
hatte mich zu dem jungen Mann ſo
hingezogen gefühlt, fein männlich trotzi—
ges Weſen hatte mir gefallen, er hatte
mir das Leben gerettet, er hatte mich
zugleich verwundet und entzückt, ich
hatte eine Eröffnung von ihm empfan—
gen, die meine ſtill im Kerzen glühen—
den Wünſche der Erfüllung nahe brachte,
andererſeits war ich von feinem Vor:
wurfe in ber inmerften Seele getroffen
worden.
D, rief e3 in mir, mein Sohn
im feindlichen Zoger, meinen Kugeln
ausgeſetzt, er nad mir bie Geſchoſſe
vifirend! D, hätte ich ihn nicht fortge—
lafjen! Wie glücklich könnte ih im
Alter jein. Ich fühle es, ich fühle
es, er iſt meiner Liebe mwerth !
Der Winter ging hin, voll jchred-
liher Mühfal, wir hatten uns auf
Sebaftopol zurüdgezogen. Der Froft
hatte den Fortgang der Belagerungs:
Arbeiten von Seite der Engländer und
Franzoſen unterbrochen, aber Krank:
beiten und Entbehrungen richteten
ſchreckliche VBerheerungen in beiden La—
gern an.
Ich dachte an die Opfer, die der
Krieg verſchlang, ich jah meinen Sohn
im Geifte fortwährend vor mir, durch
fein fchönes Geſicht fchimmerten mir
die einft geliebten Züge feiner Mutter
entgegen.
Es fam der März. Wir hatten
wieder einmal einen größeren Ausfall
auf die Belagerer zu unternehmen,
910
bie ihre Arbeiten wieder aufgenommen
hatten. Eine Schanze brüben hatte
eine weithin drohende Stellung einge:
nommen, fie beläftigte mit ihren Ge-
ihügen die ganze Umgebung. Sie bes
frih die Landftraße und warf ihre
Geſchoſſe bis in unfere Vorwerke. Sie
machte ben Aufenthalt in benfelben
unleidlich; in ihrem Schuge wurden
Zaufgräben angelegt.
Ich ließ einen Fräftigen Ausfall
lagen die Leichen haufenweiſe. Wen
fand ich unter den Leichen, die Wunde
vorn an ber Bruft, das ftarre, bleiche
Geficht zum Himmel gekehrt ?
Meinen Sohn.
Aus den Zügen feines Gefichts
ſah wieder die Mutter mid) an.
Seitdem habe ich den Krieg weiter
mitgemadt. Ich habe die Schlacht an
ber Tichernaja und den Fall Sebaftopols
perfönlich mit erlebt. Die Verbündeten
maden, die Schanze wurde bemolirt, | befegten nur raucdhende Trümmer. Nach
geſtürmt und Alles dort niedergemadht. dem Parifer Friedenscongreß nahm
Vor Einbruch der Nacht begab ich ich meinen Abjchied.
mich hin. Im die bemolirten Geſchütze
Das ift meine Geſchichte.“ —
Unfere Deutfchen in den nidkdeutfhen Rronländern
und die Spradhenkarte der Monardie.
Bon ®. 3. Schröer.
Wenn man bie vortrefflihen Land: | jolhen Nationalitäten: oder Sprachen:
farten, wie fie jegt in der Hand jedes
Schülers find, betrachtet und mit denen
vergleicht, nach denen wir Aelteren vor
40, 50 Jahren unterrichtet wurden,
jo nimmt man einen großen Fort:
ſchritt wahr. indem ehedem bie poli-
tiſche Eintheilung der Staaten auf
ben Karten die Hauptſache jchien, fo
bieten fie jest ein reiches Bild, darauf
die geologiſchen Berhältniffe, Höhen:
züge, Waſſerſcheiden, Stromgebiete, ja
ſelbſt, auf Specialfarten, die Befchaffen:
heit des Bodens und feine Erzeugnifle
erfihtlih find. — Seltener, und in
ben Händen der Schüler gar nicht,
find Karten mit Angabe der Natio:
nalitätenverhältniffe. — Bon der öfter:
reihifchungarifhen Monardie find
wohl jogenannte Sprachenkarten vorhan-
ben, fie leiden aber alle an einem
großen Mißgriff, von dem ich fpäter
Iprechen will. — Ich möchte diesmal nur
an einen Beifpiel zeigen, wie wichtig,
wie lehrreih die Betrachtung einer
farte ift.
Menn wir auf der Spracdenfarte
der Monarchie die Ausbreitung des
deutjchen Elementes in's Auge faſſen,
jo maden wir eine merkwürdige Wahr:
nehmung.
An das außeröfterreichifche Deutjch-
thum angrenzend, bildet ed im Wer
ften und Norben eine zuſammenhän—
gende Maffe; Vorarlberg, Tirol,
Kärnten, Steiermark, Salzburg, Dejter:
veih, der Weft: und Norbrand von
Böhmen und Mähren, alle das ift
deutſch. Am Nordoft und im Süden
breiten fih flavifche Völker aus, im
Süd-Dften Numänen, in der Mitte
Magyaren. — In die Mitte des
deutihen Weſtens iſt feine dieſer
Nationalitäten vorgedrungen; das
deutſche Element iſt aber aus—
geſtreut über alle nichtdeut—
ſchen Nationalitäten!
Iſt das Zufall? Gewiß nicht. Es
iſt ein Naturgeſetz, das wir hier wal—
911
ten jehen: ber Deutjche ift der Trä- wie weit unſere beutjche Volksjchule
ger der Eultur in der ganzen Monar: | mit dem Leſen unb Schreiben ber
hie. Bei jenen Völkern repräfentirt er, Mutterfpradhe fommt und frage fid:
vorwaltend den fehlenden Mittelftand,
obwohl er auch mit großem Erfolg
in vielen Gegenden Landbau treibt.
Der Deutiche hält die Monarchie als
ein Ganzes zuſammen und leiht ihr
ein beftimmtes Gepräge.
Aber nicht nur „verſtreut“ als
Einzelne, nicht nur in allen Städten
findet man Deutjche, jondern ganze
Länderftrihe ganz von Deutjchen be-
wohnt, die eine Welt für fich bilden,
finden wir in Böhmen und Mähren
(um Iglau), in Galizien (um Milano-
wis, Sandez, Lemberg), in Krain
(Gottfchee), in Ungarn (von Preßburg
bis St. Gotthard an der öfterreichijch-
fteierifchen Grenze, die Bergftäbte, die
„Häudörfer“, die Zips, um Peſt-Ofen,
um Fünffichen, Segkard, Mohaes, im
Banat), in Siebenbürgen.
Ein allgemein verbreiteter Irrthum
ift der, daß in Siebenbürgen mehr
Deutſche wären als in Ungarn. Das
Banat allein hat mehr Deutjche als
ganz Siebenbürgen !
Ungarn hat 1,592.043 Deutjche,
Siebenbürgen 224.044, zufammen
beide Länder 1,816.087, fajt zwei
Millionen !
Ein weiterer, ebenſo verbreiteter
Irrthum ift der, daß diefe Deutjchen
fih magyarijiren werden. — Magya—
was denn wohl zu erwarten wäre,
wenn man ihr die Aufgabe ftellte,
eine frembe Sprache zu lehren, eine
Sprade, die im elterlihen Haufe
niht geſprochen wird und auch im
Berfehr nicht geübt werben fann? —
Nein, unfere größeren beutjchen Colo—
nien in Böhmen, Mähren, Galizien,
Krain, Ungarn und Siebenbürgen wer:
den niht untergehen!
E3 mag fein, daß gegenmwärtig
die Lage bes deutſchen Elementes in
Ungarn und Siebenbürgen eine bedrängte
ift; jeder einigermaßen ſtaatsmänniſche
Blid muß, wenn er die Spradhenfarte
der Monardie betrachtet, die Bebeu-
tung bes deutjchen Elementes für dies
Staatöganze, jowie die Sendung jener
Deutjhen in den nichtbeutjchen Län:
bern erkennen.
An fie zuweilen zu erinnern, mit
ihnen bie beutichen Brüder deutſcher
Gegenden befannt zu machen, halte ich
für * wichtige Aufgabe der Publi—
ciſtik.
Ich habe neulich von Gottſchee
erzählt. Es ſei mir geftattet, diesmal
von beutihen Spradinfeln in Ungarn
zu berichten.
Die erfte Stabi, die der Reifende
von Wien aus fennen lernt, wenn er
nah Ungarn kommt, ift das überaus
rifiren können ſich wohl Einzelne, auch | freundliche Preßburg, eine ganz beutjche
Heine Gemeinden unter 1000 Seelen
fönnen mit der Zeit magyarifirt werden,
nicht aber Spradinjeln zu 10.000,
50.000, 100.000 und zu 300.000
Seelen, wie Ungarn hat ! So große Colo—
nien entnationalifiren ſich nicht fo
feiht! Man denke ſich's nur praktiſch.
Wie jol der gemeine Mann es anfan-
gen mitten im deutſchen Element, daß
feine Kinder Magyaren werden? Soll
er Bonnen halten und fich jelbft einen
Sprachmeiſter? — Durch Schulen! heißt
Stadt von etwa 45.000 Einwohnern.
Nah Preßburg geben Magyaren
und Slovaken ihre Kinder, um deutſch
zu lernen, auch Familien anderer Natio:
nalitäten, wenn fi welche bier nie-
derlaffen, lernen da bald deutſch, ob
fie wollen oder nicht. Daß es jo auch
künftig fein wird, ift meine fefte Leber:
zeugung. Ich habe ein hanbjchriftliches
Verzeihnip der Preßburger Bürger
vom Sahre 1379 vor mir, daraus
erfichtlich ift, daß es vor einem halben
e3. Hält man das für möglih? Ich Jahrtauſend gerade jo war!
meine von den Schulen der Mehrzahl,
Der Deutjche zieht gerne die Donau
den Volksſchulen! Man überlege nur, | hinab und fiedelt fi an den Ufern
912
an. Es ift die alte Heerſtraße, bie
ihon die Nibelungen:Helden gezogen
find! —
Die Magyareı und Slovaken lodt
e3 wenig an die Donau. Sie haben
feinen gemwerbe: und hanbeltreibenden
Mittelftand. Wo fich ein gemwerbetrei-
bendes deutjches Städtchen entnationali-
fit — was mit Fleineren Orten, wie
gejagt, ſchon geichehen fann — ver:
bauert es. Der entnationalifirte Nach:
fomme eines Deutjchen hat die Berüh:
rungspunfte feines Vaters mit der
mweltbewegenden Eulturftrömung ver:
loren und finft herab. Ungarn kann
nicht vorwärts ohne den Deutjchen!
— Für Slovaken und Magyaren hat
bievölferverbinbende Straße, die Donau,
feinen Werth und der Bürgerjtand
von Prefburg, Peſt und Dfen ergänzt
fi fortwährend mit Yumanberung
aus Deutjchland,.
Dies zeigt Schon jehr ſchön das
Namensverzeihniß von 1379, wo nicht
nur viele Namen auf deutſche Räuber
weifen (3. B. Oesterreicher, Steyrer,
Payer, Swab, Frank, Flander u. a.),
fondern auch oft der Name des Ortes,
wo der Betreffende her ift, hinzu—
geſetzt ift, 3.8. deAsparn, de Eckartsau,
de Feldsberg, Hochnau, Krems, Lan-
zendorf, Grein, Leopoldsdorf, Marich-
eck, Potendorf, Wienn, Wolfstal,
Nürnberg, Wirzburg u. a. Aus nabelie
genden Orten mit deutjcher Bevölferung
fommen auch einzelne vor, aber feiner
aus der Slovafei oder aus magyari-
chen Gegenden! Nur Ein magyarijcher
Name findet ſich im ganzen Verzeichniß,
nämlich: hortus Petri Salai (Garten
des Peter Salai), woraus hervorgeht,
daß diejer Salai einen Garten in
Preßburg beſaß, womit noch nicht
einmal geſagt iſt, daß er ſelbſt da
wohnte. — Die Mundart, die aus
dem Namensverzeichniß zu erkennen
iſt, iſt die öſterreichiſche.
Dasſelbe Bild von der Bevöl—
kommt. Die herrſchende Mundart iſt
die öſterreichiſche. —
In einem öffentlichen Kaffeegarten
im ſchönen Gebirge Preßburgs, machte
ich an einem Sonntagnachmittag einmal
folgende Beobachtung.
Die Tiſche waren alle vollbeſetzt
mit Sonntagsgäſten, Herren, Frauen
und Kindern, Die vorherrſchende Mund—
art der Gäfte und Wirthsleute war
die öfterreihifche. Unter den Männern
aber hörte man dort einen Berliner,
da einen Nürnberger, einen Breslauer
u. ſ. f., meiften® zugewanderte Hand:
werfer, die in ein Gefchäft Hinein-
geheiratet hatten. Die Frauen redeten
durhaus öſterreichiſch. Aber die klei—
nen Sinder, bie ungarifhe Kinder:
mädchen hatten, ſprachen nur ungariſch
und mit ihnen radebrechten die Frauen
bie und da auch ein incorrectes Un:
gariih. — Man bejorge aber nicht,
daß dieſe Kinder magyarifirt werben.
Ich kenne dieſe Erſcheinung und habe
fie hundertfältig ſeit Generationen be:
obachtet. Als Heine Kinder können fie
nichts als ungarifh, und wenn fie
zum Geſchäft fommen, verlernen fie es
wieder vollitändig! — Nur die den
Studien fih zumenden, vielleicht Einer
vom Taufend, bleiben in der Uebung
ber ungariſchen Sprache, weil bie Gym:
nafien alleganz ungariſchſind!
Eine Probe der Preßburger Mund—
art bradte einmal die Preßburger
Zeitung (vom 5. Februar 1860).
Ich will den Anfang davon ber:
ſetzen:
Der Deutfd-Angar.
Mia fann jo Ungern, 's is jo woa
Und ſanns ſcho jo vül hundert Joa;
Nur reden tammer (tbun wir), des is gwiß
Wia r uns da Schnobel gwochſen is.
I dent da Soch goa manchmal nod,
Ungrifeh is gwiß a ſchöni Sprod:
Monn omwar aner auf mi jchült,
Wal ia Schwob bin, wir i wüld!
Murdelement: i bin a Schwob !
ferung, in Bezug auf die Nationalität, | Glaubts mir's, daß i's nia glaugent hob
gewinnt man heutzutage, 500 Jahre | Und wia's nia laugna, glaubts ma dos,
jpäter, wenn man mach Preßburg Wußt meiner Seel a nit für wos, — —
913
Um 1633 erhielt Preßburg eine
zahlreiche Zuwanderung von Erulanten:
Proteftanten, die aus Oberöſterreich
vertrieben waren.
Ein Theil diefer Einwanderer fiebelte
fich in den benachbarten Kleinen Städten
St. Georgen, Böfing, Modern an und
verjtärfte dort die deutſchen evange-
liſchen Gemeinden, Andere bevölferten
den jogenannten Heideboben, den Land:
ſtrich, der fih von der Weſtſeite des
Neufiedlerjee bis zu dem Donauarm,
der die Feine Inſel Schütt bildet,
ausbehnt und nördlich an der Donau,
gegenüber Preßburg beginnt. Von die-
jen Erulanten und ihren Nachkommen
wurden die wunderbaren Weihnacht:
jpiele, die fich gegen Ende des 16. Jahr:
hundert bei ben Proteftanten Ober:
öfterveih8 unter dem Einfluß von
Meifterfingern dort ausgebildet hatten,
jo treu bewahrt und bis in unfere
Tage gepflegt. — Trümmer davon —
aber nur Trümmer — haben fi
wohl erhalten bei dem Landvolke in
Defterreih, Steiermark ꝛc. Auch in
Baiern ift jüngjt, in der Gegend von
Rojenheim, ein Meihnachtipiel aufge:
funden worden (Weihnachtſpiel in Ober:
baiern von A. Hartmann. München
1875), das wörtlich mit dem jener Eru-
lanten übereinjtimmt ; aber jo vollftän-
dig wurde der gereimte Tert nirgend
erhalten, fammt allen Sitten unb Ge—
bräuchen bei der Aufführung, als von
unjern Deutjchen in Ungarn. Ich habe
die Spiele mitgetheilt und bie Ge:
bräude gejhhildert in dem Bude:
Deutſche MWeihnachtfpiele aus Ungarn.
Mit Unterftügung der kaiſ. Akademie
der Wiſſenſchaften gedruckt. Wien,
W. Braumüller, 1858. Das Neuefte
über den Gegenjtand ift kurz zufammen:
geitellt in Pfeiffer Zeitfchrift für
deutſches Alterthum Germania 21,
©. 110 ff.
Jetzt find die Spiele wohl ſchon
im Erlöjchen. Früher aber gehörten
fie zu den regelmäßigen Jahresfeſten
an allen Orten, wo jene Einwanderer
fich niebergelaffen hatten, wenn irgend
Kofeggers „‚Geimgarten‘‘, 12. Heft,
die geeignete Anzahl von Perſonen
zur Darftellung des Chrifti - Geburt:
jpieles, des Adam: und Evafpieles und
bes Schufter- und Schneiderjpiel3 vor:
handen war. Dieje drei Stüde wur—
den nämlich immer nacheinander ge-
jpielt. Vom erften Abventjonntag bis
heiligen Dreifönig wurde an allen
Sonn: und Feiertagen von Mittag an
bis in die Nacht hinein gefpielt, und
zwar dieſelben drei Stüde wiederholt
von vorne an, jo oft das Publikum
e3 wünſchte.
An den Werktagen in dieſer Zeit
zwijchen dem erften Abventfonntag und
6. Jänner pflegten die Spieler zu
wandern, um an andern Orten zu ſpie—
(en. Wenn die Spielgejelihaft aber
in einen Drt fam, wo eine Gefell-
ſchaft die Spiele jelbft einftubirt Hatte,
da traten die einheimifhen Spieler
den Fremden entgegen unb der, ber
den „Hauptmann bes Herodes“ fpielte,
legte dem fremden Hauptmann des
Herodes Näthjelfragen vor. Obwohl
die Terte der Spiele bei allen Ge—
meinden gleich lauteten, jo hatte doch
jede Gemeinde andere Räthjelfragen,
die geheim gehalten wurden und bie
ein Fremder nicht beantworten konnte.
— Menn nun auf die Weife ber
fremde „Hauptmann“ die Probe nicht
beftand, fo mußte er mit feiner Geſell—
ihaft abziehen. Eine uralte poetifche
Sitte, über die man unter anderm
nachlefen kann in Uhlands Schriften.
Es war mir eigen rührend, daß
in dem leßten Dorfe, wo die Spiele
noch im Gange find, in Oberufer,
1853, als ich fie jah, der Hauptmann
des Herodes feine Räthjelfragen eifrig
einftubirte, zum Kampf fi rüftend,
obwohl er auf der ganzen Welt ſchon
längſt feinen Gegner mehr zu fürdten
hatte. — Er meinte freilih: man
fönne das nicht wiſſen, es fei nicht
zu trauen! In der Wiefelburger Ge:
ſpannſchaft feien noch jehr verbächtige
Erinnerungen an die Weihnachtſpiele
zu jpüren. Ja, da muß man freilich
auf Alles gefaßt fein! —
68
914
In ununterbrohenem Zuſammen—
hange mit dieſer deutſchen Sprach—
inſel, den der „Heideboden“ mit Preß-
burg zufammen bildet, fteht die „Hien-
zei’, ein beutjches Sprachgebiet an ber
ſteiriſch⸗ öfterreichifchen Grenze, das
300.000 Seelen zählt! — Diejes
Gebiet, das fich über die Wiefelburger,
Dedenburger, Eifenburger Geſpann—
ſchaften ausbehnt, ift ganz deutſch.
Die Magyaren haben bei ihrer Ankunft
bier Schon Deutſche angetroffen. Die
Sprache der Hienzei ift eine Nuance
bes öſterreichiſch-bairiſchen Dialektes,
die natürlich dem benachbarten Oeſter—
reihiihen und Steirifchen nahekommt.
Sie ift nit überall biejelbe und an
einigen Orten werben bejondere Eigen:
heiten bemerkt, doch ift der gemeinfame
Charakter der der öfterreichiich-bairifchen
Mundart.
Ein Kleines Wörterbuch der Sprache
ber Hienzei ift geſammelt von G. Fried:
rih und von mir veröffentlicht in
Frommanns Zeitichrift: Die beutjchen
Mundarten, 1859.
Ebenjo gehört der öſterreichiſch—
bairiſchen Mundart die deutſche Sprach—
inſel um Ofen und Peſt an.
Die großen ſüdlichen deutſchen
Colonien in der Baranyer Geſpann—
ſchaft, im Banat ꝛc. ſind jüngere
Anſiedlungen, meiſt aus der Zeit
Maria Thereſiens. Es find Einwan—
derer aus verſchiedenen Gegenden
Deutſchlands, theils aus Schwaben,
aber auch z. B. aus Heſſendarmſtadt
und anderen Landſtrichen. Sie erfreuen
ſich großen Wohlſtandes und ſind
im Zunehmen begriffen.
Sehr merkwürdig ſind die von
allen dieſen oberdeutſchen Colonien
Ungarns verſchiedenen alten, mittel—
deutſchen (aus dem mittleren Deutſch—
land, meiſt Franken) des ungariſchen
Berglandes; die Zipſer, die Berg—
ſtädter und die ſogenannten Häudörfler
(Krickerhäuer“ und ‚„‚Handerburzen”).
Sie find über 100.000 Seelen hoch
anzufchlagen und für das ungarijche
Bergland von höchfter Bedeutung.
Der erfte Grund wurde gelegt zu
diefen Anfiedlungen zu gleicher Zeit,
als die Hauptmaffe der „Sachſen“ in
Siebenbürgen fich anfiebelte. Die erften
deutjchen Anſiedler im ungarifchen
Bergland waren aus denſelben Gegen:
den des Nieberrheind, wie die Sieben-
bürger Sachſen und die Verwandt:
{haft wird noch durch die Mundarten
beider verbürgt, obwohl ſich diejelben
in den 700 Jahren jeit ihrer Ein-
wanberung von einander beträchtlich
entfernt haben.
Freilich find durch den Tataren-
einfall dieſe Colonien ſtark gezehntet
worden und wurden durch neue Zu—
wanderungen aus Oberſachſen, Schleſien,
Thüringen und Oeſterreich ſeither wie—
der verſtärkt. Aber der Grundcharakter
ſchlägt noch überall erkennbar durch
in der Mundart, die bei allen Ver—
ſchiedenheiten in Einzelnen doch alle
mit dem Zuge der Gemeinſamkeit
verbindet. Mir iſt es oft begegnet,
daß ich einen Kölner nach dem Ton—
fall und ſonſtigen Klang ſeiner Sprache
für einen Zipſer oder Siebenbürger
Sachſen hielt. Welch liebliches Alpen—
ländchen iſt dieſe Zips mit ihren lie—
benswürdigen Bewohnern.
In ihren reinlichen Städten und
Dörfern glauben wir in Sachſen zu
ſein. Gothiſche Kirchen, alterthümliche
Laubengänge auf den Marktplätzen,
hohe Giebelhäuſer und eine ſo fein
klingende Mundart, ein ſo civiliſirtes
Benehmen des Volkes, daß wir uns
da ſehr bald heimiſch fühlen.
Wir dürfen auch Kaſchau, obwohl
es nicht mehr zur Zips gehört, dieſen
Städten mit deutſch alterthümlichem
Charakter zuzählen und ſo auch die
meiſten der ungariſchen Bergſtädte.
Einen viel weniger freundlichen,
ja oft einen wilden und düſteren Ein—
druck machen die „Häudörfer“.
Sie find meiſt im 14. Jahrhun—
dert von den Bergftäbten aus gegrün-
det, und zwar in den unmwirthlichften
Wildniſſen, al3 das flahe Land jchon
von Slovafen bebaut war.
915
Bon ihnen, den „Kriderhäuern”
und „Hanberburzen” will ich ein ander:
mal erzählen. Ich verweiſe vorläufig
auf mein: Wörterbuch der deutjchen
Mundarten des ungariihen Berglan:
bes, Wien, Gerold 1858 und Dar:
ftellung der Mundarten des ung. Berg:
landes, Wien, Gerold 1864.
Diesmal wollte ih nur einige
Lichtſtrahlen werfen auf jene Deutjchen,
von denen das Mutterland — mit
jeltfjamer Stiefmütterligleit — nichts
hören will und fih gem einreben
möchte, daß fie im Verſchwinden find!
Sie fünnen fchreien, was fie wollen,
die beutjchen Brüder winken ihnen
höchſtens: fill zu fein und zu ver:
ſchwinden! — Ihre Eriftenz, ihre Sen:
dung anerkennen, beißt aber zugleich
eine Sendung unjeres Gejfammtftaates
anerkennen. Die auf den Zerfall ber
Monarchie rechnen, finder es bequem,
zu denken: die Mefthälfte ift beutjch,
das Uebrige ift ein Chaos, beftehend
aus „Schlawalen, Madſcharen, Wala-
hen“, das uns gar nichts angeht.
Zu einer ſolchen Anſchauung tragen |
auch die Sprachenkarten bei, von denen
ih im Eingange bemerkte, daß fie
alle an einem großen Mißgriff leiden.
Sie jtellen Rumänen und Walachen
al Romanen mit Einer Farbe dar,
jo daß fie gegenüber Magyaren, Deut:
ſchen u. W. als Eine Nation erjcheinen,
was nothmwendig eine völlig irreleitende
Vorftellung herbeiführen muß. Eine
Nationalität ift unter andern Nationali-
täten eine Macht, die durch ihren
Geift, ihre Bildung, ihre Spradhe Ein:
fluß übt und auch Einfluß leidet.
Tie Ausbreitung der Nationalitäten
nur dann einen Simm, wenn man die
Romanen in ihrer Gejammtheit etwa
(Portugiefen, Spanier, Frangofen, Sta:
liener, Walachen) den Germanen (8:
(ändern, Norwegern, Dänen, Schwe:
den, Holländern, Flamänbern, Englän-
dern, Deutfchen) gegenüberftellen wollte.
— Denjelben Mißgriff thun unfere
Sprachenkarten, indem fie die ſlaviſchen
Völker, als ob fie insgefammt Eine
Nationalität wären, mit Einer Farbe
bezeichnen. — Man denfe an die Ber:
ſchiedenheit zwiſchen Polen, Rufen,
Tihehen, Slovenen, Slowaken, Kroa:
ten ; die Verſchiedenheiten der Sprachen,
der Bildung, des Glaubens, Alle diefe
Völker können ihrer Verwandtſchaft
wegen untereinander als eine Geſammt⸗
heit unter dem Namen „Slaven“ den
Germanen und Romanen an die Seite
geſtellt werden, nicht aber gegenüber
einem einzelnen germaniſchen oder ro—
maniſchen Volke! — Können denn alle
ſlaviſchen Völker durch Sprache, Bil—
dung ꝛc. als eine Einheit wirken? Ge—
wiß nicht. Es gibt daher Anlaß zu
ganz falſchen Vorſtellungen, wenn auf
unſeren Sprachenkarten die „Slaven“
als Ein Volk dargeſtellt find.
Wenn man Tſchechen, Polen, Ruthe—
nen, die ſich tödtlich haſſen und mit ihren
Sprachen gar nicht verſtändigen können,
als Eine Nationalität darſtellt, dann
allerdings iſt dieſe Nationalität die
mächtigſte in der Monarchie. Iſt das
aber eine richtige Darſtellung? — Ge—
wiß nicht. — Wie anders aber erſcheint
das Bild unſerer Monarchie, wenn
jede Nationalität, jede durch Gemein—
ſamkeit der Sprache und Literatur
zuſammengehörige Volkseinheit (Wala—
durch Sprachenkarten darzuſtellen, iſt chen, Italiener, Polen, Ruthenen, Tſche—
lehrreich, wenn man dadurch dieſe
Mächte nebeneinander ſieht. Sind aber
Walachen und Italiener durch Sprache,
Bildung, Religion eine gemeinſame
Macht, etwa wie die deutſchen Stämme,
die eine gemeinſame Literatur und
Schriftſprache haben? — Die Wala—
chen und Italiener mit einer gemein—
ſamen Farbe zu bezeichnen, das hätte
chen, Serben ꝛc.) ihre eigene Farbe
erhält. — Dann ecſcheint als bie
weitaus volkreichſte Nationalität die—
jenige, die auf alle den größten Ein—
fluß übt und an allen Punkten der
Monarchie anzutreffen iſt — die deutſche!
Wie lehrreich wäre eine ſolche
Sprachenkarte der Monarchie! Wie
deutlich ſpräche ſie aus — die Bebeu-
b8*
916
tung des deutſchen Elements für dies | bei den Deutfchen ift Begeifterung für
ſes Staatsganze. — Ich glaube, daß die Staatdeinheit der Monarchie, alfo
es unfchwer ift, zu erfennen: daß in
ihr eine Lebensfrage unſeres Staat3-
weſens enthalten ift.
Wenn die allgemeinen Bilbungs-
zuftände in ber ganzen Monarchie
höher ftehen als in Rußland und in
der Walachei, fo ift dies dem Einfluffe
des deutſchen Elemente® zuzuſchrei—
ben. Bei feinem andern Stamme als
„Öfterreichifcher Patriotismus“ anzu—
treffen. Einen ſolchen wird man aber
nicht fördern, wenn man das deutſche
Element — zurückſetzt. — Hingegen blü-
ben und gebeihen wird die Monardie,
wenn das beutjche Element die ihm
gebührende Stelle wieder einnehmen
wird. Die Zeit wird vielleicht doch
noch fommen!
Triefler Promenaden.
Ein Gedenkblatt von Robert Hamerling.
Es flanirt fi, bei Gott, ſehr weißlich durch die Nacht herüberbäm-
angenehm auf den ſchönen Pflafter-
fteinen von Trieſt! Ein Gang über
den Corſo, auf dem Molo San Carlo
— ſchon das ift eine Promenade, die
fih Lohnt. Viele Triefter und noch
mehr Triefterinnen begnügen fih auch
mit dieſer. Vor den Cafes der Riva,
unmittelbar am theerbuftigen Meer:
ftrande, figen die Damen dicht gedrängt
am jchönen Sommerabend,; Fächer
ohillern in ihren Händen, ein buntes
Gewimmel wogt vorüber, Sang und
Guitarrenflang von wandernden Min:
ftrel8 durchrauſchen den Strand mit
einer beftändigen Serenade. Nicht min:
der üppig jchlagen Schönheit und
Reihthum ihr Pfauenrad auf dem
großen Molo. Hier wogt zwiſchen ra—
genden Maften ein buntes Leben. Zum
Theil aber liegt in der Art und Weife,
wie bier im Abenddunfel dem Zauber
ber Natur gehulbigt wird, etwas Myſti—
ſches, an geheimen Tempeldienft einer
unbekannten Gottheit Mahnendes. Drau:
Ben an der äuferften Endfpige der riefi-
gen Duaderzunge, bie hier das Feftland
durch den Maftenwald hindurch in
bie brandende See hinausftredt, fteht
immer eine Anzahl von Schweigen:
den, Unbeweglihen, und ftaret in
bie unbeftimmte Meeresferne hinaus,
Wornach ftarren fie nur eigentlich ?
Nah den Binnen von Miramar, die
mern? Ober nad) der freijenden Flamme
des Leuchtthurms zu ihrer Linken?
Oder nad den einjamen Lichtern, bie
von den Bergabhängen herüberfunfeln ?
Nein! fie ftehen dort und ftarren hin:
aus, auch wenn die Nacht finfter und
trübe, auch wenn die Welle bunfel:
ſchwarz, ohne Sternenmwiberjchein zu
ihren Füßen brandet. Sie ftarren in's
Leere, in's Nichts. Das Nichts hat
eine anlodende Verwanbtichaft mit dem
Unendlichen. Ehre dieſen Habitues
des Molos! BVielleiht find es Einge:
borne; aber fie ftehen in geheimen
Beziehungen zu den befchaulichen Doc:
trinen Hindoſtans. Wer follt’ e8 den—
fen? eine Stätte des BrahmanenthHumsg
in jo unmittelbarer Nähe von Waa—
renballen und Delfäflern !
Aber der Molo ift nicht bloß für
die Eingeweihten, die bei jeder Witte:
rung dort in's Leere ftarren, ein intere]=
fanter Ort. Herrlih und poetiſcher
Wirkung voll ift der Eindrud, wenn
man jpät Abends, von einem weiteren
Spaziergange fommend, die noch ge—
räufchvollen Straßen durchwandert hat,
und nun bei hellem Monblicht noch
für einige Augenblide auf den ftillen
Molo Hinaustritt. Die Maftipigen der
Schiffsfolofje ragen unbewegt, das Meer
ſchlummert und drüben über der Bucht
erglühen die Bergfuppen im Mondesbuft.
917
Es flanirt fi fogar in den Win- der Thalgrund; idylliſch grünen da
termondnächten Trieft3 noch angenehm, | unten die Gärten von San Giovanni ;
wenn ein Borahauch, nicht allzu ge: | unter
unzähligen weißjchimmernden
waltjam, durch die vom füblichen Voll | Landhäufern grüßt die Villa Bottacin
mondlichte grell beleuchteten Gaſſen
dahinfegt. Es Liegt ein Tebenanregen-
de3 Princip ſchon im hellen Mondes:
fit; Fein Wunder, daß es doppelt
wirkt, wenn es geheimnißvoll fi mit
der Urfraft des friſch von Berges-
höhen herunterbraufenden Aetherhauchs
verſchwiſtert. Kein Stahlbad kann kräf—
tiger wirken, als ein ſolches Flaniren,
dem Borahauch entgegen, in vorge—
rückter Abendſtunde, durch einſame,
mondbeleuchtete Gaſſen.
Trachtet der ſommerliche Beſucher
Trieſts aus der ſchwülen Mitte der
Stadt hinaus in die lapdſchaftliche
Umgebung, ſo frage ich ihn zunächſt,
ob er irgendwo eine lebhaftere Pro—
menade geſehen hat, als den bis in
die ſpäte Nacht hinein ſeiner ganzen
Breite nach von Menſchen wimmeln—
den „Aquedotto“? Wie gefällt ihm
diefer vollgefhmwellte Strom bes fröh:
lihen Müßiggangs, in welchem als
Nebenflüffe Lebensluf und Gefallfucht
ihre bochgehenden Wellen miſchen?
Mo am Ausgange des Aquebotto
ber Weg fich fpaltet, ift mit wenigen
Schritten ein Abhang erreiht, auf
welhem Lämmer und Iuftige Ziegen-
bödlein grafen. Mit Villen und Gär-
ten und einer pittoresfen Cascade
fteigt zur Rechten des Weges die Höhe
an; zur Linken raufchen und niden
bohftämmige Baumbäupter aus bem
Thalgrund über den Steindamm her:
auf; durch dichte Laubfronen blict
man in's Thal binab und hinüber
auf die jenfeitige Höhe. Rückwärts
liegt das ſchimmernde Meer und bie
Stadt und die niebergehende Sonne.
Nichts verfegt den Wanderer fo leicht
in eine olympijhe Stimmung, als
ein hochgelegener Laubgang, durch wel:
hen die auf: und untergehende Sonne
ſchimmert; es ift al3 ob man in einem
grüngoldigen Empyreum wandelte.
Immer reizender wird nun zur Linken
.
vor allen lieblich herüber mit ben
farbigsanmuthigen innen; dahinter
fteigen im Halbrund bie jchroffen Fels—
terraffen links zum Obelisfen von
Dpeina, rechts zur nadten Gebirgs-
wand empor, unter deren fcharffanti-
gem Saume der breite Gürtel einer
gewaltigen Heerftraße ſich binfchlingt.
Noh haben wir kaum feit zehn
Minuten die Stabt hinter ung gelaffen
und fchon ift das Boschetto erreicht,
ſchon athmen wir in Walbesgrün. Wir
wanbeln in einem nicht dichten, aber
weiten Eichengehölz, das von hundert
bequemen Pfaben durchkreuzt ift. In
feftlihen Sonntagsftunden ſchallt Mu:
fit die Waldhöhe hinauf, ausgehend
von der Niederung, wo die braunen
Quellen der Erfrifhung jprudeln, wäh:
rend ein ganzer Völferzug von Quft:
wanbelnden den Hain durchſchwärmt,
gar nicht zu reden vom eriten Mai,
an welchem das Leben des Boschetto’3
in einem Bolfsfefte feinen Höhepunkt
erreicht. Weiter und weiter gelangen
wir, den immer jchönen, immer be-
quemen Waldespfad hinan; auf noch
breiterer, in weiterem Kreiſe geſchwun—
gener Straße kommen uns die elegan—
ten Gefährte der Reichen nachgeraſſelt.
Alles ſtrebt zur Höhe empor, wo die
Meeresfernſicht, vielleicht einzig in
ihrer Art, ſich aufthut: über Gebirg
und Stadt und die breite ſchimmernde
Seebucht von Muggia. Wir ſtehen auf
der prächtigen Hochwarte des „Jägers“.
Hier das weitſchauende, Ferdinandeo“,
das auf der luftigen Höhe ſo ſtolz
emporragt, hinter ihm, auf noch höher
anſteigendem Waldhügel, eine gethürmte
Ritterburg, die wir nicht um ihr Alter
fragen wollen — dazu der Eichwald
ſelbſt, der, wie er den Wanderer unten
in der Niederung aufgenommen und
fortbegleitet bis zur herrlichen Höhe,
ſich nun noch ſtundenlang auf Abhän—
gen und Gipfeln hinerſtreckt, holde
918
Stille gewährend und für den Pilan- |
zenfreund eine nicht allzureiche, doch
immer intereffante botanifche Ausbeute.
Früher und weit üppiger als im
Boschetto ſproßt am Abhange von
San Andrea, dem Sonnenbrand
und den milden Lüften des Meeres
zugewendet, eine Vegetation, bie den
vollen Charakter des Südens trägt.
Wie ſoll ich fie fehildern, die wunder:
Ihöne Strandpromenade von San
Andrea, die an Sonntagnahmittagen
bes Herbites, Winters und Frühlings
zum Schauplaß eines glänzenden Corſo's
wird? Zur Rechten Meeresblau, ſchwel—
lendes Wellengeplätiher, zur Linken
Blattgelifpel, grüne Gärten — mit:
ten inne bie endloje Reihe der Karoſ—
jen, aus welchen taufend Flammen:
augen bligen — es ift wie ein Feſt—
aufzug der cytheriſchen Göttin, bie
bier ihren Reiz im Spiegelplan des
Meeres beäugelt. Dreifach jhlingt
der Luftpfab fih um den Abhang und
man fann auch ganz unten unmittel:
bar am Saume des Meeres unter
Ihönen Platanen wandeln. Unendlich
reizend ift dieſer ftillere Platanenlaub—
gang, von der Klaren Meereswelle be:
jpült, aber faft noch verlodenber iſt's,
den engen, jchattigen Fußpfad einzu:
ſchlagen, der zwiſchen den beiden er:
wähnten Wegen mitten durch endlos
dichtes Roſengebüſch ſich Hinzieht. O
dieſe meerbethauten Roſengebüſche von
Andrea — grünen und gedeihen ſie
wohl noch wie zur Zeit, da ich von
ihnen Abſchied nahm? Es war ein
dichter Roſenwald, Roſenhecken der ebel-
ſten Art, faſt den ganzen Weg entlang
ſich erſtreckend. Und weiter hinan, wo
das Gebüſch faſt zur Parkanlage ſich
erweitert, da wuchs und trieb ganz
im Freien und uneingehegt der ſchönſte
Flor edler Sträucher und Gartenge—
wächſe.
Bis gegen Servola Hin führt dieſe
unvergleihliche Promenade, zur Linken
immer Villen und Gärten, zur Red):
ten das Meer, die Schöne Bucht von
Muggia, jenfeits derjelben die Höhe,
deren abgewanbte Seite fi) gegen ben
Meerbufen von Gapobiftria hinabfenkt,
ins weiteren Sintergrunde das gewal-
tige Felsbergpanorama.
Alles ift bier edle Naturpoefie,
von welcher jedoch ſelbſt der Ernſt und
die Profa des Lebens impofant ſich
abheben. Mitten in den Rofenflor hinein
ſah ich Paliffaden gepflanzt, Rüftzeug
der Bellona, gegen das unfchuldige
Meer hinunterdrohend und die Göttin
Induftria Hat Werfte und Arfenale
bingebaut, die mit ihren ſchweigenden
Höfen und langhinkriechenden Hallen,
wo rieſiges Werfgeräth gehäuft ift und
die Mafchinen taufend metallne Gelenke
geipenftig regen, wie Tempel der leben—
beherrſchenden Nothwendigkeit oder des
werfthätigen Erdgeiſtes aus der Nie:
derung heraufragen ...
Ich weiß nit, ob dem Leſer
bekannt ift, was man in italifchen
Landen unter einem „giardino publico“
verfteht ? „Giardino publico* bedeu—
tet dort zuweilen einen kreisrunden,
von einem Baumgange umjchlofjenen,
von einigem Graje bewachſenen freien
Platz. Hartnädig fragt der Fremde
nah dem „Garten“, und der Einge-
borne bemüht fih lange vergebens,
ihm klar zu machen, daß er mitten
darin fteht. Trieft hat glüdlicher Weife
in dieſem Punkte darauf verzichtet,
die italienische Art zur Schau zu tra:
gen. Es befigt in feinem „giardino
publico“ vor der Corſia Stadion ein
blumenduftigesSchattenafyl, einen wirt:
lihen Garten. Den ganzen Sommer
über ift er ein Lieblingszufluchtsort der
Triefter Bevölkerung aller Schichten,
die ganz oberfte ausgenommen, die
auf ihren Villen Schatten und Blu:
menbuft im eigenen Haufe hat und
den Neft der jchönen Gotteswelt nur
von den Polſtern ihrer Equipagen aus
beaugenjcheinigt. Dem viel bejchäftig-
ten Triefter im Allgemeinen kann eine
jo jchöne, nahegelegene Anpflanzung
zur Erholung und Erfriſchung, nament=
ih in ben Abendftunden, nur will:
fommen jein; der Dandy jchlürft im
210
Schatten blühender Maulbeer: und
Bignonienbäume feinen Mocca und
verfolgt den Auf- und Niedergang der
Sternbilder, die ein freifender Zodiafus
der Schönheit bei den Klängen einer
Mufikeapele an ihm vorüberführt.
Es find vielleicht nicht jo ftolze, aber
ebenjo ſchwarze und glänzende Augen-
fterne und Haarflechten, wie diejenigen,
die ung bei dem Wagencorfo von San
Andrea berüden; es find dieſelben
Gefahren, dieſelben Bezauberungen,
e3 iſt diejelbe Kofetterie, nur daß fie
bier zu Fuße geht, wobei fie eher
gewinnt als verliert, denn es ijt be:
fannt, daß anderswo Prinzeffinnen
und Herzoginnen fi nicht durchgehends
der Gabe eines würbevollzanmuthigen
Einherjchreitend in dem Maße zu er:
lang, da ragt in der Mitte jedes
Blumenfeldes die Araucarie oder ein
fremdes Liliengewähs, im Waſſer—
beden ſchwimmt die blaue Seerofe,
die Blume der is, und eine lau-
ihige Stelle gibt es, wo, freilich den
Fuß in Töpfen verftohlen bergend,
Fächer: und Fiederpalmen mit Pan-
danus- und Arumgewächſen und Ficus
elastica und Magnolien ihre Blätter:
fülle über den fchattigen Sit breiten.
Schönes Merifo, Heimatland ber
Sonnenblume! Heimatland der ebel-
ften Blumen überhaupt, die Europa’s
Bärten ſchmücken! Lange vor dem Ein:
treffen ber Weberbringer der Krone
Montezuma’3 haben deine Blumenboten
in Miramar von Buena Viſta's Gär:
ten und vom Kaijerpalaft im Cypreſ⸗
freuen haben, wie am Strande ber |jenwalde Chapultepecs geflüſtert ...
Adria die Grijetten.
Wer jhildert Miramar —
das Schloß und alle Herrlichkeiten, |
die dort am Strand und auf ber
Höhe ausgebreitet find? Und feine
prächtige Meeresfernficht, die nirgends
breiter und glänzender ſich aufrollt ?
Hier fühlt man fi nicht mehr bloß
in den Süden, ſondern gar in den
Drient entrüdt ober in amerifanifche
Tropenzonen! Der Park ift Faijer:
lid. Großartigfeit beftimmt den gan:
zen Styl, auf breiten Streden jehen
wir die Blumenbeete hingelagert, die
Farbenmwirkungen find durch mafjen-
hafte Häufungen des Gleichartigen
Zu Frühlings: und Herbftausflü-
gen lodt die Hochwarte von Dpcina
mit ihrem berühmten Land: und See:
panorama, von Neifebejchreibern und
Dichtern als einer der fchönften Aus:
ſichtspunkte der Welt gefeiert. Aber
auch den reizvollen Weg dürfen wir
nicht vergeifen, beifen janftanfteigende
Linie, mit der Straße von Miramar
eine Strede parallel, am Bergesabhang
zur pittoresfen Höhe von BProjecco
binüberführt. Zur Rechten fteigen bie
Felshänge ſchroffer und jchroffer empor
und bilden zulegt, unmittelbar vor
Projecco, wahrhaft ſchwindelnde Grate ;
zur Linken aber liegt unten in feiner
reizvoll-impofant ; dabei herrſcht überall | Tiefe, glatt, jonnig und endlos das
Verſchwendung: was da blüht, das | lebendige,
bherzerfreuende Grün ber
Fremdefte, das Seltenfte blüht in un: | Meereswelle, vom Zephyr jo fein ge:
zähligen Eremplaren. Und doch fieht
man nur Erlejenes, Diftinguirtes; es
find ariftofratiiche Gewächſe, es ift eine
beau-monde ber Blumen, ein Salon:
Königin Flora gibt große Affemblee.
Alles Tropijche fteht hier im Freien
um das Schloß. Da wachen die Hor:
tenfien unter den Bäumen auf langen
Streden Hin, wie Moos oder Heide:
fraut; da ftehen die Palmlilien und
Aloen und Blumenrohre zahllos die
Felshöhe hinauf und den Strand ent:
fräufelt wie cijelirte Smaragdfläden
mit bunfelblauen Furchen und fun:
felnden Silberftreifen. In reinen Um:
riſſen fteigt neben dem fpiegelglatten
Plan der See das zadige Feldgebirg
empor, und bie Küfte wie dad Meer
ſchwimmt im Somnenbuft.
Hundert Gampagnenwege führen
nad allen Richtungen von Trieſt in's
Freie hinaus, und es mag uns oft
gelingen, daß mir, einen berjelben
aufs Gerathewohl einſchlagend, zu
920
berrlihen Ausfihtspunften, vielleicht
auch zu anmuthigen Ruheplätzen gelan-
gen. Aber freilih bei weitem nicht
immer; den größten Theil dieſer
Bezirke, zu welchen die Campagnen—
wege führen, hat der Privatbefit unter
fih getheilt; die „beati possidentes“
haben ihre Hände darauf gelegt. Wir
fehen eine lieblihe Stelle, einen Wie:
fenhang, ein Wäldchen jo einladenb
berüberwinfen: wir eilen barauf zu,
aber fiehe da, fo jehr wir eilen, wir
fommen doch zu fpät; jchon hat ein
Anderer den reizenden Bezirk für fich
eingefriedet, hat eine ſchöne Billa
bingebaut und eine hohe Gartenmauer,
nad Landesbrauch beſteckt mit fpigigen
Glasfragmenten, die wie blutlechzend
in der Sonne funfeln. Aber wir
müffen doch auch bebenfen, daß bie
Villen der reichen Leute dasjenige,
was fie der Landſchaft und ihrem
freien Genuße rauben, dadurch erfegen,
daß fie das Landſchaftsbild wieder in
anderer, anziehender Weife ergänzen
und vollenden. Das Panorama von
Trieft wäre in der That nicht halb jo
anmuthend, ohne den reichen und ftolzen
Kranz feiner Pillen.
Die Sage erzählt von öben Ber-
gen, von büfteren Felswänden im
Maldesdunfel, wo der Wanderer ängft-
lich inne hält: plötzlich aber erſchließt
fih ein moosüberwachſenes Pförtlein,
der Wanderer tritt ein, und es fchim:
mert ihm eine unterirbifche Herrlich:
feit entgegen mit Zaubergärten, Spring:
brunnen und goldenen Gemäcdhern, wo
ein Gnomenkönig Hof hält oder eine
Schöne Walbesfee. Nicht ganz fo, aber
doch in ähnlicher Weife ergeht e8 ung,
wenn wir bie wenig anziehenden
Gründe durchſchreiten, die in der Thal-
niedberung von San Giovanni bie
Billa Bottacin umgeben. Plötz—
lih erreichen wir ein Pförtchen, das
fi unfcheinbar in eine Ede ſchmiegt,
aber das Pförtchen thut fih auf und
wir betreten ein Blumen:Eldorabo*).
*) Die Schilderung gilt von der Zeit
des Aufenthaltes des Verfaffers in Trieſt.
Das ſteht in feiner Umgebung fo
contraftirend Hingezaubert, wie ein
Baufelbild der Fata Morgana in ber
Wüſte: wir fürchten, es könne plöß-
(ih in Nichts verfchwinden. Aber es
it fein Blendwerk, es hält Stand.
Wir jchreiten weiter auf dem reich—
bebüfchten Terrain, das in den pitto-
resfeften Krümmungen fteigt und fällt
und ſich wendet, und nach rüdmwärts
an einen romantifhen Berghang fich
lehnt. Auch die Umgegend erjcheint
uns von diefem Standpunkte aus in
neuem Lichte, wie umgezaubert. Ein
gewaltiger Bach durchrauſcht den
Grund. Wir betreten auf der, Höhe den
Vorſaal eines glänzend ausgeftatteten
Pavillons, geſchmückt mit Statuetten
und Bildern — eine Vorahnung ge:
während von den reihen Kunſtſchätzen,
welhe das Innere der Villa birgt,
und mit welchen wir und diesmal jo
wenig bejchäftigen wollen, als mit
dem ardhitektonifchen Reiz und Werth
der zierlihen Billa jelbft. Halten wir
uns an das Landſchaftliche, die Natur:
fcene, den Park. Durch dichtverſchlun—
genes Gebüfh führt uns der Pfad
in eine Grotte, die eine fünftliche Be—
leuchtung mit magiſchem Feuerichein
erfüllt. Wir wandeln vorüber an klei—
nen Teichen, wo bie riefigen Blätter
fremder Waflerpflanzen den Wellen:
jpiegel bebeden. Wir betreten ein
Schweizerhaug, wo die erlefenite Samm-
lung ausgeftopfter Vögel und jonfliger
natnrhiftorischer Merkwürdigkeiten uns
anzieht. Während mit jedem Schritt
der Ausblid in die Ferne reizvoll
wechjelt, umbrängt und in unmittel-
barer Nähe der üppigfte Flor von
jüblihen Gewächſen; die Vegetation
übernuchert fich faſt urwaldlich: Höhen
und Tiefen, Felswände und Badhufer,
alles ift von einem bichten Teppich
von Schlingpflanzen überfleidet. Nun
aber betreten wir die „stufa“ — das
Warmhaus, wo wir plöglich eine be-
rauſchend gewürzte Tropenluft athmen.
An diefem Naume wird uns zu Muth,
als hätten wir Opium getrunfen ober
eine Aether-Narkofe mit ung vornehmen | Princip, verwirklicht mit der noblen
laffen. Worin liegt das Eigenthümliche, | Einfachheit des echten Gentleman, deffen
Geheimnißvolle diefer Wirkung? Ein Weſen befanntlih nicht in der voll:
überaus anmuthiges, feines Wellen: |zähligen Neihe von 16 Ahnen liegt.
oder- Tropfengeriefel ift’3, das unter,
Wie Kleidung und Benehmen bes
den Niejenblättern der Tropenpflanzen | echten Gentleman fern von aller auf:
aus verborgenen Quellen ſprüht, den
Sinn beftridt, bevor das Ohr es
unterjcheidet, und, mit dem Würzebuft
der Pflanzen vereinigt, die Sinne in
einen füßen, träumerifchen Zuſtand
einlullt. Wir find hier in einen Zau—
berbann gerathen, dem wir nicht mit
oberflählihen Einbrüden entrinnen.
Alles ift darauf eingerichtet, da3 Ge:
müth anzuregen, vomantifch:poetifche
Wirkungen hervorzubringen. Die Stäm-
me fremder Gewächsrieſen find mit
Moos überzogen und dieſes mieber
mit bem feinften Gewebe intereffanter
Schlingpflanzen umfleidet.
Die Billa Bottacin ift die Schöpfung
eines finnigen, romantiſchen Geiftes:
auf bie Tiefe des Gemüthes wird zu
wirken gejucht, gefteigerte Natureffelte
find erzielt, höhere Intentionen ver:
wirkliht. Von einem andern Stanb-
punfte will der Landſitz des (nun ver:
ftorbenen) Herrn von Revoltella betrach:
tet fein: vom Standpunkte des mobder:
nen Geld: und Weltmannes, der fich
das Leben mit ben Reizen bes „faf-
hionablen Comforts“ ausſchmückt. Hei-
tere Eleganz war bier das leitende
dringlichen Prunkſucht ift, fo löſ't er
auch in der MWohnftätte, die er fich
baut, das Problem der Bereinigung
von Sumptuofität mit anfpruchslos
ericheinender Einfachheit. Was ift-eine
„Billa“ für den Welt: und Lebemann ?
Ein Landaufenthalt, wo er einige
Moden oder Monate in angenehmer
Losgebundenheit zubringt. Er wird
dafür fein Schloß aufrichten mit Säu—
len, Erfern und Binnen; er wird ſich
den ſchönſten Platz erfiefen, wird bort
eine reizende Gartenanlage gründen
und inmitten berfelben einen zierlichen
Pavillon fi bauen mit einem Salon
und allerliebiten kleinen Gemächern,
überaus comfortable ausgeftattet, wo
er ſchläft, fpeift, die Zeitungen und
Coursberichte lieft und feine Freunde
empfängt. Im Gegenfage zum Ideal
des Landſitzes eines in ſchöner Zurück—
gezogenheit lebenden, in romantifche
Baffionen verfenften Gemüthes, ift
dies das deal der Billa vom welt:
männifchen Standpunkte, und Dies
deal hat Herr v. Revoltella auf dem
ihönften Punkte von Triefl, auf ber
Höhe des „Jägers“ verwirklicht.
922
Der Parvenu der Piteratur.
Bon Ollo von Feizner.
Er hat nicht immer Bücher ge:
ſchrieben. Eine Zeit hat es gegeben,
wo er noch den beften Ruf genoß und
in feinem Kinberherzen nichts Böſes
brütete. Wohl war eine Feber in ſei—
nem Befiß, aber fie diente friedlichen
Zweden und malte auf liniirtes Pa—
pier harmloje Buchftaben. Den Augen:
blid, der eine jo liebenswürdige Na-
tur plöglih in das Gegentheil ver:
fehrte, vermag ich nicht genau zu be:
ftimmen, aber die Thatfadhe ift mir
befannt. Er hatte fich ſchlecht und recht
bi8 zur Secunda des Gymnafiums
durchgeſchlagen, hatte niemals in ir:
gend einem Fach die Aufmerkjamkeit
eines Lehrers erregt, ſondern war ftet3
einer jener Mittelmäßigen, die fpäter
bie beften Steuerzahler abgeben. Eines
Tages entdedte er in fi das Talent
des Reimens und begann fofort zu
dichten; von diefem Augenblid begann
fein Verderben. Die Geburtstage jei-
ner Familie und die fämmtlicher Leh:
rer, Todesfälle, Hochzeiten — alles,
alle8 bot pafjende Stoffe dar. Und
fiehe da, er trat durch fein Talent
aus den Neihen der Unbeachteten,
denn jeine Profefforen bemühten fich,
ihr Wiegenfeft vor dem unbarmherzis
gen Poeten zu verheimlihen, und
Onkel nebft Tanten nannten ihn einen
„genialen“ Jungen. Das unglüdjelige
Adjectiv bohrte fich jehr tief in fein
ihon früh unreife® Gehirn und er:
zeugte darin den Wahn, daß das Stu-
dium zum Zwed einer fünftigen Le—
bensftellung einer poetiichen Natur un:
würdig jei. Er las nur mehr „Schön:
geiftiges”, das heißt, Romane und
Novellen, Gedichte und alte Anekdoten.
Sp galt er bald feinen Altersgenofjen
als witzig und belejen, trogbem er
das Studium aufgeben mußte, ohne
daß er ber pebantiichen Forderung,
eine Maturität3prüfung abzulegen, nad):
gefommen wäre. Die Eltern befanden
fih im DVerlegenheit und Zweifel, wo-
bin fie den Aelteſten unterbringen joll-
ten, denn ihn nur Romane lejen und
Gedichte ſchreiben zu laffen, das er-
ſchien doch. nicht rathfam. Der Zu:
fall führte den aufftrebenden ‚Did;
ter als Commis in ein Gejchäft.
Umgeben von den zarteften und koſt—
barften Stoffen nährte fich jeine Phan-
tafie mit den reizendften Anregungen,
die ftet3 der Saiſon entſprachen, bald
duftig wie Frühlingsmärden, bald
glänzend wie ein königliches Winter:
feft. Da ſah er in feinen Träumen
die ſchönſten Frauen, gekleidet in jene
Stoffe, die er ihnen ausgewählt, die
er für beſonders geeignet gehalten, - fie
zu ſchmücken. In denjelben Träumen
jah er fich jelbit in Maroquin gebun-
den und mit Golbjchnitt in allen
Boudoirs.
In ſeinem Kreiſe war es ihm
nicht ſchwer, zu glänzen: er ver—
ſtand ja Latein und etwas Griechiſch
und vor allem: er las jeden neu er—
ſchienenen Roman, kritiſirte die mei—
ſten ſcharf und machte noch immer
Gedichte. Um ſeine Bildung ganz zu
vervollſtändigen, ging er nach Paris,
das er nach allen Richtungen, vom
Mabille bis zum Café Riche gründ—
lich durchſtudirte. Mit zwei Eigen—
ſchaften kehrte er nach Deutſchland
zurück: mit Pli (Pli) und mit Chic
— ich bedaure, die Worte nicht deutſch
überſetzen zu können. Es fehlen uns
Ausdruck und Sache.
923
Er kam alfo zurüd, rei an Pa—
rifer Unarten, die er von den Cava—
lieren der Cafes und Boulevards ge-
lernt hatte und gründete, jo vorgebil:
det, ſelbſt ein Geſchäft. Trotzdem
wurde er dem Gotte in ſeiner Bruſt
nie untreu — er dichtete noch immer.
Auf die Dauer aber vermag die pla—
toniſche Liebe zur Muſe Niemanden
zu befriedigen; die rein private Aner—
fennung genügt auch dann nicht, wenn
der Dichter ſelbſt fich dieſelbe aus—
ſpricht. Erft die Druderihwärze ſank—
tionirt den Schriftfteller und Druder:
ſchwärze ift fehr billig,‘ Er begann
feine Laufbahn als Feuilletoniſt bei
einer Zeitung, die auf Actien begrün—
det war, von denen einzelne das Un-
glück hatten, von ihm bejeffen zu jein.
Seine PBlaudereien waren die Quint—
efjenz der Flachheit und voll von jenem
theilte allen Bekannten unentgeltlich
jein Urtheil, jo laut, daß auch die Un-
befannten es hören mußten. An alle
Berühmtheiten drängte er ſich heran
und ſprach von ihnen mit andern:
„Auerbach ijt ganz meiner Meinung!
Spielhagen ftimmt volllommen mit
mir überein!” Kurz, er verfäumte
feine Gelegenheit, fih als bedeutend
binzuftellen. Deshalb war er auch ftets
jehr gnädig und herablaffend gegen
junge Autoren, gab ihnen gute Zeh:
ren, urtheilte ftet3 ſehr ſtreng über
die Verzopfung der deutjchen Litera—
tur: „fie müfje dem modernen Geifte
Rechnung tragen, wie ed die Franzo:
jen machen!” Franzofen ! Dieſes Wort
entfeffelte feine Begeifterung. Er hatte
fie ja allg gefannt, Beuve und Dumas,
Sarbou und Rene Taillandier, Hugo
und die Erfmann-Chartrian. Mit allen
wortjpielenden Wig, der ftolz darauf | hatte er wenigſtens Händedrücke ge-
ift, des Geiftes entrathen zu können ; | wechjelt, mit den meiften Worte. Ueber:
feine jchlotterige Spradhe war in das | haupt Paris! Welche Schaufpieler,
Procruftesbett kaufmänniſchen Styls | wie viel Chic und wie viel Pli! Wel-
gezwängt, der dem Gedanken den Kopf|cher Elan und weldhe Verve! Das
abhaut, um zwei Worte zu erjparen. | muß Deutfchland dem Befiegten abler:
Dennoh trat er fehr fiher und fo
jelbitgefällig auf, daß alle geiftver:
wandten Leſer entzüct waren. Neben:
bei war er auch Theaterfritifer und
zwar mit volliter Berechtigung, ba er
nichts von der Sache verftand. eben
Abend konnte man ihn in einem an:
bern Mufentempel erbliden. Breitipu-
tig und jelbitbewußt jaß er in jeinem
Sperrfiß und zeigte in jeder Bewe—
nen, wenn e3 ihm ganz ebenbürtig
werden wolle.
Seine Feuilletond mehrten fich in
unglüdjeliger Rotte und jein Erfolg
mit ihnen, und mit dem Erfolg jein
Ehrgeiz. Er fühlte, daß man, um als
Autor zu gelten, ein „Buch“ heraus:
geben müfje; bis jet hatte er nur
Blätter hervorgebracht. Seine Logische
Schärfe wies ihm einen Weg. „Ein
gung jeines Geſichts den „Kunſtrich- Buch ift eine Anzahl bebrudter Blät-
ter”. Bald zudte er mitleidig die
Achſeln und lächelte ſpöttiſch; dann
rief er mitten in der Borftellung, jo
daß e3 das halbe Haus hören konnte,
ter, Die vereinigt werben. ch befite
viel bedrudte Blätter. Wenn ich fie
vereinige, find fie ein Buch.” Das
Raifonnement war von glänzender Rich:
Worte der Anerkennung: „Brillant! tigkeit. Er dachte weiter: „Ein Bud
Magnifique! Süperb!” oder des Ta: | muß gefauft werben. Um etwas zu
dels: „Zerrible! Gräßlich!“ Nie ver: |verfaufen, muß es verlodend fein.
gaß er es, ſich nach feiner Yeußerung Illuſtrationen find verlodend. Alſo
umzufehen, ob wohl alle Umfigenden |laffe ih das Buch illuftriren.” Und
ihn bemerken, ihn anftaunen. Sein!er ging bin, that ed und gab bie
Triumph gipfelte in der Zeit der Zwi⸗ Blätter als Buch heraus. Vielleicht
ſchenacte. Da lief er durch die Cor- bedachte er einen Augenblick das Mahn-
ridors und durch das Foyer und er- wort „Nonum prematur in annum!“
924
aber gewiß ift ihm die alte Wahrheit | Reichthum an Exemplaren feines Bu—
nicht beigefallen: daß Holzäpfel auch | ches, die er mit fich trägt. Er ift wie
duch langes Liegen Feine Ananas
werben.
Er Hatte die beiten Hoffnungen
und er durfte fie haben, benn fein
Werk war für die Hohlföpfe beredh-
net, die ja die Majorität des bü-
herfaufenden Publikums bilden. Eine
Gefahr drohte von Seite der Kritif,
aber er fürchtete fih nicht. Der be-
rühmte Recenſent A. ber geiftoolle
Eſſaiiſt befümmert fih nicht um bie
leihhtere Literatur; ber gefürdhtete B.
Ichleudert feine Donnerkeile gegen Flie-
gen nur in der Sommerfaifon, es ift
aber Herbft; der befannte C. iſt gegen
Freunde und Bekannte ſehr rückſichts—
voll; D’3 Werke erſchienen im gleichen
Berlag; E’3 Frau fauft bei ihm Klei-
der und ift im Zahlen ungeübt; F.
arbeitet an berfelben Zeitung; G. hat
aber ein Buch herausgegeben, das er
bejprehen fol und H. ift niemals
überrafcht, wenn zwijchen ben erjten
zwei Blättern eines Werkes, das ihm
zur „offenen“ Beiprehung gejendet
wird, ein Hunbertmarffchein liegt. Der
Tag ber Herausgabe der „feuilletoni-
ſtiſchen Kartätſchen“ fteigt ahnungslos
an dem Himmel empor und beleuch-
tet in allen Blättern der Refibenz ein
großes Inſerat des Verlegers, der das
Werk des „beliebten“ Feuilletoniften
Jedem zur Erheiterung empfiehlt. Im
Laufe der Woche erjcheinen Befpre-
Hungen, alle ſehr freundlich, ja fogar
warm gejchrieben, einige mit dem An:
fang: Der „belannte Plauberer” x.
Er läuft durch die ganze Stadt, ein
ſeliges Unfterblichkeitslächeln um feine
Lippen, er jpriht im Theaterfoyer
mit noch ftärkerer Stimme als ſonſt
ein Esfamoteur: er greift in den Bu-
jen — voici Monsieur — „feuilleto:
niſtiſche Kartätſchen“; er greift in das
Futter ſeines Hutes — voici Ma-
dame — „feuilletoniftiihe Kartät—
ſchen;“ er greift in feine dichten
Haare, er greift in bie Luft — hic
et ubique — „feuilletoniftiihe Kar:
tätigen!” Ein ſehr bejahrter Freund,
Träger eines berühmten Namens, hat
mir erzählt, Heinrich Heine jei nad)
dem Erfcheinen von dem „Buch ber
Lieder“ dur alle Straßen Berlin’s
gerannt, um zu fehen, ob fein Werk
ausgeſtellt ſei. Ganz jo muftert er
jeden Buchladen, um fi an dem illu—
ftrirten Einband feines Werkes Nr. 1
zu erfreuen, er tritt jogar ein, um
fi incognito als fimpler Herr Meyer
zwei Gremplare des eigenen Werkes
zu faufen, da er fo viel von bem
„reizenden” Buch gehört, daß er es
zweimal leſen wolle.
Der erfte Erfolg hat entſchieden,
der Bann ift gebrochen, ein Buch jagt
das andere: Traveftien mit zeitgemäßen
Betrahtungen und Patriotismus; Ro:
mane, bie in der höhern Geſellſchaft
ipielen, in welcher die Cavaliere wie
Reitknechte, die Damen wie belejene
Köchinnen fprechen, und nur die Sllei-
der jehr fachgemäß beichrieben find;
lyriſche Gedichte, in denen fih bie
Empfindfamfeit der Badfifchperiode
mit dem Kraftgefühl der Flegeljahre
eint, hie und ba Neminiscenzen an
ältere Herren, die ihn vorgeahnt
haben ; humoriftifche Novellen, Betradh-
tungen, Schwänfe, alles mühjam zu:
ſammengeſuchter Witz, voll von naiver
Selbitgefälligfeit, die oft gerabezu ein
und freut fih, wenn ihn Jemand fo | pathologifches Intereſſe einflößt; eine
laut bei feinem Namen nennt, daß |Nachäfferei der genialen Seitenfprünge
Umftehende venfelben hören können. eines Byron und Heine, die um jo
Seden Kritiker, den er begegnet, fragt komiſcher wirkt, weil fie den Vergleich
er: „Haben Sie ſchon gelefen?” und |aufzwingt. Aber iluftrirt find fie alle,
ift erftaunt, wenn die Antwort lautet | einzelne fogar, um den Gontraft zwiſchen
„Was?“ Als ob fih das nicht von | Tert und Zeichnung zu erhöhen, mit
jelbft verftände! Unerfchöpflich ift der | viel Wit.
925
Die Kritik ift durch das Talent
bezwungen. Aus „der befannte” wird
der „der jehr befannte”, „der allgemein
beliebte”, „der witzſprudelnde“, unb
die Bejprehungen wimmeln von Phra-
jen, wie „voll Geift und Satire“,
„beißende Ironie“, „an Heine erin-
nernd“. Diefe Lobjprüche ftehen aber
nicht etwa in Kleinen Winfelblättchen,
die als Manufcript für den Redacteur
gedrudt werben, jondern in Zeitungen,
die ihrer Auflage nad Blätter erjten
Ranges find, die das Urtheil von
Hunderttaufenden in ben Fragen ber
Politif und Nationalökonomie beherr:
ſchen, aber in derartigen Fragen ber
literarifhen Kritik faft nur Privat:
intereffen und Privatbeziehungen unter:
halten, und aus Gefälligfeit für den
erſten beften Flachkopf der Deffentlich:
feit die Komödie einer begeifterten
Anerkennung jo lange vorjpielen, big
aus ihr eine Wahrheit geworben ijt.
So erzeugen fie die Lüge, verderben
das öffentliche Urtheil in Sachen ber
Literatur und der Kunft, fie, bie
andere, echte Talente unbeachtet laſſen
oder verunglimpfen, weil fie nicht zur
Clique gehören. Ä
Er aber wächſt in feiner Phantafie
von Buch zu Buch; ſchon ragt er
über die Zeitgenoſſen weit hinaus;
ſchon ſteht er mit Goethe und Schiller
auf gleicher Höhe, und bald wird er
an die Sterne ſtoßen, wobei ein hohler
Klang unvermeidlich jein wird. Sekt
gibt er eine Art von periobiicher
Bibliothek heraus, deren erjtes Bänd—
hen in ſchwungvollſter Weife von
dem Herausgeber eingeleitet ift. Bis
jet bat Deutſchland noch nicht die
„jeinheit der Form“ Fennen gelernt,
es wurde nur der jchwerfällige Geiit,
aber nicht der leichtbejchwingte Ejprit
gepflegt; die periodiiche Bibliothef
joll, Eremplar zu nur 1 ME, troß
ber Syluftrationen, diefem Mangel auf
die billigjte Weife abhelfen. Der Hirt
und die Säuglinge, fie alle werben
fih aus dem Born Erquidung und
Eiprit holen. Und wie geſchickt verftand
er e3, die Kritif zu gewinnen! Das
erfte Heft enthält auf einem Blatte
die Portrait verſchiedener Recenſenten
von Einfluß. Der Holzichnitt ift ge—
radezu entjeglih, die Portrait jelbft
jehr jchlecht. Ich vermuthe, es ftedt
eine Abficht dahinter, denn dieſe Herren
Recenfentenköpfe jehen jedem anderen
Kritiker auch ähnlich. Der Erfolg hat
fich jofort gezeigt. Die in Holz Ge:
Schnittenen mußten ja, wenn noch ein
Funke Menjchlichkeit in ihnen glimmt,
gerührt werden, und fie mußten ein
Bud mit Lob und Anerkennung über:
fluthen, in welchem fie dem P. T.
Publikum vorgeführt find. Er aber
lächelt, denn er weiß, wie leicht Die
meiften Kritiker Deutjchlands zu födern,
wie gerne fie bereit find, aus Gefällig-
feit den Lejern Sand in die Augen
zu jtreuen, ohne zu bedenken, daß fie
damit eine Unehrlichfeit begehen.
Mir fällt ein Märchen bei. Es
war einmal ein Zuftballon aus ſchönem,
farbigem Zeug. Er lag faltig und
zerfnittert auf dem Boden und fah
gelangweilt zum Himmel, wo ſich
fröhliche Lerchen und anderes jingen-
des Volk ergögte. Da erfaßte ihn eine
große Sehnſucht, auch emporzufliegen,
und er Hagte fein Leib einem alten,
aber gebildeten Sperling, der gemäch—
lih auf ihm faß. „Sei ruhig“, fagte
ber erfahrene Vogel, „du wirft noch
böher fliegen, jo hoch, wie der Adler,
den fie den König alles Fliegenden
nennen.“ Kaum hatte er gejprochen,
famen mehrere Männer und faßten
den Ballon jo derb, daß der alte
Spaß auf den nächſten Baum flog,
um von dort dem Verlauf der Hand:
lung zuzujehen. Die Arbeiter begannen
ben Ballon mit Gas zu füllen. Eine
Falte nad) der andern glättete fich,
dann ward der Sad allmälig runder
auf der Weide, der Schiffer der Spree: | und begann fich jelbftgefällig auf dem
fähne, der Hinterwäldler Amerikas, | Boden hin- und herzujchaufeln. Die
der Reilende, ber Gelehrte, die Alten | Männer hörten nicht auf, Gas einzu:
926
laſſen, bis ber Ballon plötzlich auf- flog er jchief über die Dächer hinweg
ſchnellte, fo daß ſogar fein befieberter
Freund mit einem gebehnten Piep auf:
flog. Ihm nad ftieg der Ballon und
freute fih, als die Leute, die ihm
nahe geftanden waren, bewundernd zu
ihm aufblidten; noch mehr freute er
fih, als er über den Häufern ſchwebte
und zuiegt gar über dem hohen Kirch—
thurm. Nur ärgerte ihn Eines, die
vielen unbedeutenben Spagen und Eleinen
Bögel, die um ihn ſchwirrten und triller:
ten; mande ſchoſſen fogar pfeilfchnell
weit über ihn Hinauf in bie blaue
Luft, andere jchwebten mit ruhigen,
aber Ffraftvollem Flügelfchlag vorbei
an ihm, höher und immer höher. Da
und fiel endblih auf die Landftraße.
Da lag er nun in feiner Noth, zer:
riffen und zerfeßt, der letzte Reft des
Gaſes entwich, und der Ballon war
wieder ein hohler, faltiger Sad, über
dem hoch im reinen Aether die Adler
ftil und groß zur Sonne fteuerten.
Der Spat hatte den Fall jeines Be:
fannten vom Sreuze ber Thurmipige
aus mit angeſehen und flog jegt wie-
der halb mitleidig, halb boshaft herbei.
Der Ballon aber feufzte: „Habe ich
das verdient? Wie herrlich flog ich,
alle Adler hätte ich übertroffen, wenn
mich nicht ein neidifcher Windftoß ge:
hindert hätte!” Der Sperling fraute
faßte ihn der Ehrgeiz; hatte er doch |fich ironisch piepend und ſagte: „Mein
bie Sperlinge unter fich gelaffen, warum | Freund, die Adler fommen jo
nicht die Adler? Er ift do größer hoch, weil fie Flügel haben!
als fie und aus farbigem Zeug. So
ftieg er, wenn auch nur mehr ang:
jam, noch empor. Auf einmal padte
ihn ein Windſtoß und zaufte ihn von
recht3 nach links, zerrte an den Schnü-
ren und Striden, und riß zulegt fogar
in ben ſtolz gerundelen Ballon ein
Loch, aus dem das Gas pfeifenb aus-
ftrömte. Pfeilſchnell begann der kühne
Flieger zu finfen, ſchon ſah er die
Berge, ſchon den Kirchthurm, jekt
ihre Kraft ift ihnen ange
boren, die deinige war nur
geborgt!*
Habe ih nöthig, die Moral der
Geſchichte zu erzählen? Zu jagen, daß
das Gas die Neclame, der hohle Sad
„ihn“ bebeutet? Nein, denn die Nuß-
anwendung liegt flach oben, faſt jo
flach, al3 „er“ ift. Eine Frage wünfcht
der Leſer noch beantwortet: welchen
Namen „er” habe. Er hat feinen. —
Mei Pandl.
I hab mei Landl gar fo gern,
Mir gfollts fo guat:
Es hat a greane Joppen an,
Und bat an jtoanern Huat.
Und wir i fo a Büaberl war,
Da hats mi trieb’n,
Vom Dfenloh in d’weite Welt,
—3 I bin nöd draußn blieb’n.
—
Was hab i ghert, was hab i gſegn?
An alte Gſchicht:
Mei liabe, klane Welt daham,
Hat denad 's ſchönſte Gſicht!
J hab daham drei Treffer gmacht:
Bi nit alloan:
Mei Mñaderl und mei Weiberl und
Mei Büaberl ſüaß und Moan.
Drum hab i s'Landl gar jo gern,
Mir gfallts jo guat:
Es hat a greane Joppen an
Und hat an ftoanern Huat.
Mir ham a ganz an andre Sunn,
Ganz andre Stern.
I bin da ganzn Welt nit feind,
Mei Land! hab i gern.
Franz Keim.
RT
Die Wiener Iournaliftik.
Bon Dr. Franz Bifller.
„Frommt's, den Schleier aufzu-
heben 2“ könnte ih mit Schiller fragen,
wenn ich daran gehe, über bie perio-
diſche Preffe und den Journalismus
zu ſchreiben. Unſere Geſchichtsforſcher
und Culturhiſtoriker mußten ſich dieſe
Frage bisher negativ beantwortet haben,
denn mit geringen Ausnahmen gingen
ſie dieſem hervorragenden Zweige
unſeres Culturlebens aus dem Wege.
Die Meiſten thaten dies aus Unkenntniß,
denn man hielt den Journalismus
einer gründlichen Erforſchung nicht
werth und ſah mit vornehmem Gelehr—
tenſtolze auf die Leiſtungen der pe—
riodiſchen Preſſe herab, obgleich man
dieſelben nicht mehr entbehren konnte;
die Uebrigen ſchwiegen aus Beſorgniß,
fih durch ein freimüthiges Urtheil den
Haß und die Verfolgung dieſer foge:
nannten jechsten Großmadt auf ben
Hals zu laden. Am diejer Beziehung
hat es die Preſſe zu einem wahrhaft
despotifhen Nufe gebraht, ob mit
Recht oder nicht, das wird fih im
Verlaufe diefer Skizze zeigen. Auf
die Prefje gab es nur begeifterte Xob-
eben oder gehäflige Philippifen von
Jenen, welche nicht3 mehr zu beforgen
hatten. Phrajen auf der einen und
Phrajen auf der andern Seite; von
ernfter Forſchung, von einem Streben
nah Wahrheit und von einem Verjuche,
erfannte Wahrheit auszufprechen ober
zu jehreiben, war nirgends eine Spur.
Erft in neuerer Zeit erjchienen
Studien über den Journalismus und
beginnt auf diefem Felde cultureller
Forſchung lebhaftere Thätigkeit. Prof.
Prug begann eine Gejchichte des deut:
ſchen Sournalismus, ließ die Sache
aber, erdrückt von wirklichen oder ein-
gebildeten Schwierigkeiten bald wieber
fallen ; Heinrich Wuttke ſchrieb ein Bud:
„Die deutichen Zeitjchriften und die Ent-
ftehung der öffentlihen Meinung“; Dr.
Dito Wenzel in Berlin ift mit ber
Herausgabe einer Geſchichte der Ber:
liner Preſſe beihäftigt, Dr. A. Mels
veröffeutlichte im Jahre 1874 unter
dem Pſeudonym Don Spavento ein
Pamphlet: „Wiener Schriftjteller und
Sournaliften” und vor mir liegt ein ftar:
ferBand von 384 Seiten: „Die Wiener
Journaliſtik im Jahre 1848
von Freiheren von Helfert, Verlag
der Manz’ihen Buchhandlung in Wien,
ein Buch, welches den eigentlichen
Anftoß zu diefen Zeilen gab und mit
welchem ich mich im Folgenden näher
beichäftigen werde. Außer ben ge-
nannten Autoren finden ſich noch in
literarifchen Zeitſchriften Artikel, bie
fi mehr oder weniger eingehend mit
dem mobernen Journalismus beſchäf—
tigen. Der eigentlichen Aufgabe, einen
unparteiifhen und deshalb werthvollen
Beitrag zur Culturgeſchichte unjerer
Zeit zu liefern, ift nad) meiner Mei:
nung nur Baron Helfert nahe ge
fommen, alles andere ift oberflächlich,
parteiifjh und theilweiſe unwahr.
Heinrich Wuttke beginnt die Vor:
rede zur zweiten Auflage jeines Buches
mit folgenden Zeilen: „So jchreibt
man ein Teftament”, fagte in lebhafter
Erregung ein geiftreiher Berliner
Schriftiteller, welcher zur Zeit ber
erſten Auflage diefer Schrift in Leipzig
fih befand, als er fie lad. Inſofern
hatte er Recht, als ich mir flar be:
wußt gewejen war, wie jehr ich mir
dem Rufe meiner anderen Bücher durch
diefe Veröffentlihung ſchaden werde.“
928
Und in der That, Wuttfe hat fich durch
das obengenannte Buch jehr geichabet;
aber nicht deshalb, weil er es geſchrie—
ben, jondern wie er es gejchrieben
hat. Nicht die Schärfe der Sprache,
nicht da8 verdammende Urtheil über
die Auswüchſe und Verirrungen ber
Preſſe, nicht die vielleicht unnöthige
Enthüllung nebenfähliher Schäden und
Schwächen aber waren es, welche ihm
als Lohn allgemeinen Haß eintrugen,
jondern die troß aller gegentheiligen
Berfiherungen hervortretende feind—
jelige Tendenz, die gehäffige Methode,
Ausnahmen ald Regeln hinzuftellen und
endlih die Reproduction müſſiger
Klatjchereien und gemeiner Verleum:
dungen, welche zwar als Thatjachen
bingeftellt, für die aber feine Beweife
beigebraht wurden. Will man als
ftrenger Richter gelten, dann muß dieje
fittlihe Strenge vor Allem Klar und
unantajtbar aus jedem Worte des
Autors hervorleuchten; dann wird fein
ftrafendes Wort mit Achtung aufge:
nommen werben. Noch bitterer als
der genannten Arbeiten über den Sour:
nalismus in der verfehlten Anlage und
in dem’ inneren Mangel an Wahrhaf:
tigkeit zu ſuchen jei; nicht aber in der
Unmöglichkeit, das Weſen der Preſſe
und ihrer Angehörigen einer ernften
und gerechten Kritif zu unterziehen.
Ich bin keineswegs blind für Die
großen Mängel der modernen Preſſe,
aber ich habe troß der viel verläfterten
Parteilichkeit ftetS noch gefunden, daß
ihr die Wahrheit Achtung einflößt und
daß fie wirkliche Verdienfte jelbft an
dem politifchen Gegner gerne aner-
kennt.
Diefe viel zu wenig gewürdigte
Unparteilichfeit — denn in ihr liegt
ein fittliche8 Moment, das manche Aus:
ſchreitung im politiichen PBarteienfampfe
im milderen Lichte erjcheinen läßt —
zeigte fich neneftens wieder in der Be-
urtheilung des Helfert’jchen Buches,
das faft ausnahmslos mit Achtung und.
Anerkennung beiprochen wurde, obgleich
Helfert in den Jahren der Reaction
zu den bejtgehaßten Trägern des herr:
Wuttke klagt A. Mels über den Haß | chenden Syitems gehörte und obgleich
der Prefje, welhem er den Mißerfolg
jeiner legten dramatiihen Arbeiten
zuſchreibt und den er fich durch feine
Schilderungen hervorragender Wiener
Yournaliften zugezogen habe. Hier
finde ih aber nod weniger einen
Beweis für die beliebte Behauptung,
daß die Preffe die Wahrheit über ihr
eigenes Weſen nicht vertrage. In dem
Buche de3 Herrn Mels finde ich wohl
manche treffende Bemerkung, jcharfen
Witz und beißende Satire, aber Feines:
wegs das Streben nah Wahrheit und
Moral, deren Berlegungen er an den
Pranger ftellen will. Es ift eine par:
teiifche, oberflächliche und frivole Ar:
beit, mit der ausgefprochenen Tendenz,
zu verlegen und den ganzen Stand der
Yournaliften in den Augen der Welt
herabzuſetzen. Daß eine jolde Publica:
er heute noch aus feinen confervativen
Anſchauungen fein Hehl macht und ob: |
gleich endlich in dem Buche feineswegs
Schmeicheleien für die moderne Your:
naliftif enthalten find. Aber es ift
das Werk eines ernten und gewiſſen—
haften Forſchers, deſſen ftrenge Ob:
jectivität und unerjchütterlide Wahr-
heitsliebe aus jeder Zeile herausſpricht.
Ich bin überzeugt, daß eine ähnliche
Schrift, getragen von gleicher mora=
liſcher Tendenz und gleicher Gewiſſen—
baftigfeit, diefelbe Aufnahme finden
würde, wenn fie die Sonde in die
klaffenden Runden der Gegenwart ver:
fenkte und das Sein und Weſen ber
heutigen Wiener Journaliſtik jchilderte.
63 würbe babei gar Mancher ſchmerzlich
getroffen werden, aber im Ganzen
würde man die unparteiifche Gerech—
tion auf wohlwollende Aufnahme nicht | tigkeit billig anerkennen, joferne eben
“rechnen kann, ift doch felbftverjtändfich. |
Hiemit glaube ich den Nachweis
diefe Gerechtigkeit vorhanden ifl. Sch
habe wiederholt die Erfahrung gemacht,
geliefert zu haben, daß der Mißerfolg | daß man Alles jagen und jehreiben kann;
929
wern Wohlwollen und Gerechtigkeit
die Feder leitet, dann wird auch der
bärtefte Tadel ohne Widerrede er:
tragen.
Welch reiches Material fih übri-
gens auf dem Gebiete des Journa—
lismus vorfindet und wie innig dasſelbe
mit dem gejammten Culturleben der
Zeit zufammenhängt, das beweift jchla-
gend Herrn von Helfert's Buch, der
nur ein einziged Jahr zum Gegen:
ftande feiner Forſchung machte, und
dabei eine culturbiftoriihe Monogra:
phie von bleibendem Werthe jchuf.
Allerdings war diejes Jahr das Jahr
1848, in welchem mehr geſchah, als
vorden in Decennien. In feiner Ein:
leitung jagt Herr von Helfert: „Die
Wiener Yournaliftif des Jahres 1848
bietet darum ein jo eigenthümliches
Intereſſe, weil fie in dem kurzen Zeit—
raume von zwölf Monaten alle drei
Phaſen durchgemacht Hat, denen bie
Preffe in einem georbneten Staats-
wejen überhaupt ausgejegt jein fann:
in den erften britthalb Monaten Genfur,
dann fieben einen halben Monat Preß—
freiheit, zuleßt zwei Monate Belage-
rungszuftand; mit anderen Worten:
- weil fie in diefer Zeit drei verfchiedene
Herren hatte, von denen fich einer ty:
ranniſcher zeigte al8 der andere: zuerft
die Polizei, dann Markt und Straße,
zulegt den Säbel. Frei im wahren
Sinne des Mortes, das heißt: nicht
anders beſchränkt als durch das Geſetz
— denn darin liegt ja im Gegenſatz
zur Bügellofigfeit das Weſen der Frei:
heit, in der phyſiſchen wie in der mo-
raliihen Welt, — war die Wiener
Preſſe das ganze ereignißvolle Jahr
nicht.
In klarer Darftelung ſchildert nun
Herr von Helfert die Perſonen und
Verhältniſſe in dieſen drei Perioden.
Intereſſant ſind ſeine Bemerkungen über
die Cenſur, von ber er jagt, daß viel-
leiht feine menſchliche Einrihtung es
augenfälliger und greller zeigen könne,
Leben, Theorie und Praxis von ein-
ander trennen, als die Genfur. In
der Idee aufgefaßt, kann es nad) Hel-
fert feine gerechtere und vernünftigere,
feine fahgemäßere und heilfamere Syn:
ftitution geben als biefe, doch gibt er
zu, daß fie in der Praris nichts an-
dere war, als eine Neihe eben fo
blöder als brutaler Werationen, eine
plumpe, von täppiſchen Händen geübte
Verftümmelung der Geifter. Wo aber
Idee und reale Wirklichkeit jo weit aus
einander liegen, da fann bie bee
ſelbſt nicht viel taugen und faft wäre
ih veranlaßt, bei der idealen Begei-
fterung SHelfert3 für die Cenſur mit
Hamerling auszurufen: O ihr ver:
wünjchten Fdealiften! an euren Theo:
rien ijt nichts reell, als das Blut,
das ihr dafür vergießt.“
Ueber die zweite Periode jagt Hel-
fert: „Im Ganzen trug die Wiener
Journaliſtik, fo wie auch das mit ihr
gleihen Schritt haltende Flugjchriften:
wejen, in ber erften Zeit der jo plöglich
bereingebrochenen Freiheit einen un:
befangenen harmlojen Charakter, einen
Charakter möchte ich jagen, ber in
jeiner Art war, was jener des frü-
heren Abjolutismus geweſen: patri-
arhaliih. Politiſche Parteien gab es
nicht, wenigftens vor der Deffentlichkeit
nicht, wo Alles für den Fortſchritt war
und fein mußte. Es gab daher auch
feine Spaltung, feine bamit verbundene
Klopffehterei und Katzbalgerei. In
den Märztagen, jagt ein Zeitgenofle,
zeigte fich die Preffe, wie das Volt
jelbft : glüdlih und gemüthlich wie ein
Kind ohne Hofmeifter, jorglos, zukunft:
freudig.“
Leider ändert fi das anmuthige
Bild gar bald. Wie Helfert erwähnt,
gibt um die Mitte Juli die Prager
„Bohemia“ folgende, keineswegs erbau:
lihe Schilderung der Wiener Your:
naliftif: „Eau de millefleurs ober
wenigftens Kölner Waſſer follte Jeder
bereit halten, der dieſes Thema berührt.
welch' gewaltiger Unterfhied Wollen | Die Preßfreiheit wird eben vier Mo:
und Können, Ideal und wirkliches Inate alt und wir mollen ein wenig
Rofeggers „Heimgarien‘* 12. Heft.
59
930
bie Jungen betrachten, die fie zur
Welt brachte; Löwen find feine darunter,
aber die Naturgefchichte der Literatur
muß auch das Ungeziefer rangiren.”
Und ein Tiroler Chronift jener Zeit,
Adolf Pichler, jagt: „Die Entwidelung
gewiſſer Seiten der Wiener Journaliftit
bleibt ein unauslöſchlicher Schanbfled
in der Geſchichte deutfchen Lebens ;
wir haben weder in alten, no in
neuen Tagen ein Beijpiel, daß irgenb-
wo der naive Kinderglaube eines Vol:
tes, fein Vertrauen auf das gebrudte
Wort zu jo jchändlicher Unzucht des
Geiftes mißbraucht worden wäre.”
Helfert aber jelbft jagt mit dem
Wohlwollen des Philofophen, der nicht
die Erſcheinungen an ſich betrachtet
und beurtheilt, ſondern der den Urfachen
gewiffenhaft nachforſcht: „So bebauer-
lid, ja verabjheuungsmwürdig dieſe
Ausjhreitungen der Preſſe waren,
eine® darf man, um nicht ungerecht
zu fein, nicht aus dem Auge lafjen:
„tout comprendre c'est tout par-
donner“, jagt der Franzoſe. Es war
eben der erfte, ungewohnte und barum
ungezügelte Gebrauch), den das damalige
Schrifttum von einer Freiheit machte,
bie es unmittelbar aus den beengend-
fen und willfürlichften Feſſeln in ben
vollen Gebrauch jeiner Bewegungen
gejegt Hatte und wo es ein Wunder
wäre zu nennen gemwejen, wenn es
gleih das rechte Ziel und Maß ge
troffen hätte. Die einheimifche Your:
naliſtik, faum der Zuchtruthe entlaufen,
unter der fie mit Zähneknirſchen und
verbiffenem Haſſe herangewachſen mar,
hatte nicht3 gejehen und gelernt, als
die verrotteten Zuftände, gegen beren
Miederfehr fie jet losdonnerte, auf
deren vollftändige Vernichtung fie hin—
jteuerte. Denn die radicale Journaliſtik
von 1848, jo jcharf das Verdict gegen
die Form, bie fie wählte, gegen bie
Sprade, deren fie fich bediente, aus-
fallen mag, fie meinte e8 im großen
Durchſchnitt ehrlich mit ihrem Ingrimm
und mit ihrer Erbitterung; fie mar
nit erfauft. Und noch eines: das
obfcöne Genre, jene ſchlüpfrigen Feuille-
tons und Gerichts-Verhandlungsberichte,
die es heute bejorgten Eltern fait
unmöglid machen, ihren heranwach—
fenden Töchtern irgend eines unjerer
Kournale in die Hände zu geben, es
war wohl in vereinzelten Flugſchrif⸗
ten und Bildern, aber fo weit meine
Kenntniß reicht, nicht in den regel:
mäßigen ZTageblättern vertreten.“
Nahdem Helfert in dieſen legten
Zeilen das einzigemal flüchtig der
heutigen Zuftände erwähnt und jogar
die zügellojen Verhältniſſe des Jahres
1848, wenigſtens in einem Theile,
für bejjer, al die gegenwärtigen hält,
jo will ih an diefe Stelle ſogleich
einige Bemerkungen über die our:
naliftif der Gegenwart anknüpfen. Häu—
fig hört man den von Selfert nur
angedeuteten Vorwurf gegen bie mo:
derne Journaliſtik erheben, daß fie in
der Sucht nah Pifantem und Senja-
tionellem zu weit gehe, daß ein frivo-
ler Ton eingeriffen fei und daß gar
oft die Grenzen des Anftändigen und
Schicklichen überſchritten werben.
Aber wie Helfert für 1848 das
Franzöſiſche tout comprendre entſchul⸗
digend in Anſpruch nimmt, ſo kann ich
dies für unſere Zeit mit gleichen Rechte
thun. Es iſt ein großer Irrthum, zu
glauben, die Preſſe führe die öffent—
liche Meinung; in einzelnen Fällen
iſt dies vielleicht möglich, im Allge—
meinen aber wird die Preſſe geführt,
das heißt, fie ſpiegelt die vorhandene
öffentliche Meinung mehr oder minder
getreu wieder. Aber fie muß fich der
vorhandenen Strömung accomobdiren,
oder ihre Stimme verflingt ungehört.
Nun aber ziehe man einmal die enorme,
nicht dur die Preſſe berbeigeführte
Gejhmadsveränderung jeit 1848 in
Betracht und man wird gar leicht zur
Erklärung gelangen, weshalb die heu—
tige Preſſe faft gemötbigt ift, frivol
und pifant zu fein. Die Terte der
franzöfifchen Operetten, die Werfe eines
Sardou, Dumas, kurz einer ganzen
Reihe von Ehebruch8-Dramatifern haben
931
den Geihmad in einer Weiſe verbor:
ben, daß die Prefje, welche zum großen
Theile ernft und würdig gegen bie
Einfuhr diefer Barifer Loretten-Dramen
proteftirte, fi) nothgebrungen fieht,
diefem ſchlechten Gefhmade auch ihrer:
jeitö zu huldigen oder zu abbiciren.
Ein SHournal, welches den Verſuch
machte, fich gänzlich der Mode zu ent:
ziehen, würde als langmeilig und
zopfig ungelefen bleiben und brächte
e3 ernfte Artikel von deu beften Federn
der Gegenwart. Gerabe Syene, welche
augenverdrehend über die zunehmende
Immoralität am meiften räjonniren,
find gewiß bie legten, die ein ernftes
Sournal lefen oder gar faufen und
die erften, welche nach dem frivolften
greifen. Ebenfo verhält es fich mit
den Theatern. Alle Welt Elagt über
die unmoralifhen Stüde, aber Nie-
mand unterläßt e3, gerade bieje zu
bejuchen, während die Dramen Schillers
oder Shafejpeares vor leeren Bänfen
abgefpielt werben. Ich billige nun
feinesweg3 jene oben erwähnte Rich—
tung des modernen Journalismus, ja
ih bebaure diefelbe, weil die allge:
meine Moral und der anftändige Theil
ber Journaliſtik darunter leiben; aber
ih conftatire, daß bie Prefie jelbft
nur den geringften Theil der Schulb
an diefer Richtung trägt, denn ber
befannte Sat: jedes Volk hat die
Regierung, die es verdient”, läßt fi
mit weit größerem Rechte in ber
Art variiren, daß jedes Volk bie
Preffe hat, die e8 verdient. ch fage,
mit weit größerem Rechte; denn eine
Regierung repräfentirt und befigt eine
wirflihe Macht, durch welche fie ich
auch gegen den Willen eines Volkes
behaupten kann, während ein Journal
feine fictive Macht in dem Augenblice
einbüßt, als es nicht mehr gelefen
wird. Hier alfo ift der Einfluß des
Volkes ein viel gemwaltigerer als dort.
Ueberhaupt, wer fih nur einige
Mühe gibt, Perſonen und Verhältniffe
der Journaliſtik fennen zu lernen, der
wird zu einem ganz anderen, weit
milderen Urtheile gelangen, als bie
große Menge, welche aus Mißbräu—
hen und Ausfchreitungen, die in jedem
Stande vorfommen, ihr rafches Urtheil
fällt, da meift um jo abfälliger und
gehäffiger ſich geftaltet, ald man einer
unleugbaren Macht ſich gegenüber be-
findet, deren Machtberedhtigung man
nicht anerkennen will, deren Machtfülle
aber man oft empfindlich fühlt, ohne
die Fähigkeit zur Abwehr zu bejigen.
So begnügt man fi meift damit,
allen Klatſch nachzubeten, über Corrup⸗
tion der Preſſe zu räfonniren und,
ohne einen billigen Unterſchied zu
machen, den anftändigen und verbienft-
vollen Theil der Sournaliftif auf eine
Stufe mit jenen Leuten zu ftellen,
die fih als Schmarogerpflanze an
den Journalismus mit frecher Zubring-
lichkeit in einer Art angehängt haben,
daß es in der That gar oft ſchwer
wird, das Echte und das Falſche zu
unterſcheiden. Man bat für dieſe Kate-
gorie von Leuten den ganz pafjenden Aus⸗
drud Revolver » Zournaliftit gefunden.
Daß diefe Kategorie aber entjtehen und
fogar üppig gedeihen konnte, baran
trägt wieder nicht die Preſſe, ſondern
zum größten Theile das Publifum
die Schuld. Würde dieſes mit Muth
und Offenheit jeden einzelnen Fall von
Erpreffung zur gejegliden Berant:
wortung ziehen, jo wäre dieſes Unfraut
gar bald ausgerottet. Die anftändige
Sournaliftif hat feine Gelegenheit ver:
abjäumt, um jede Gemeinjamfeit mit
den Schändern der Preßfreiheit mit
Verachtung von fich zu weiſen und fie
würde dem Publikum aufrichtigen
Dank wiffen, wenn es fie von biefem
eiternden Krebsgeſchwüre befreite.
Die Gejammtheit der zur Your:
naliftif zählenden Perſonen möchte ich
in drei fireng gejonderte Partien
theilen, welche Claffificirung gerade
dort, wo es fih um eine Beurthei-
(fung ber gegenwärtigen Sournaliftif
handelt, von wejentlicher Bedeutung ift.
In erfter Linie haben wir bie
Eigenthiümer und Herausgeber ber
59*
932
Sournale, gegenwärtig faft ausnahms-
[08 Actien-Geſellſchaften mit ihrem
Stabe von Secretären, Abminiftratoren
und den Rebacteuren des fogenannten
volkswirthſchaftlichen Theiles. Dies
find nun faſt ausſchließlich Geſchäfts—
leute, welche ihr Capital reichlich ver-
zinfen und gute Einnahmen erzielen
wollen. Geiftiger Inhalt und Tendenz
des Blattes hat für fie nur injoferne
einen Werth, als diefe den Haupt:
zwed, das Geſchäft nämlich, fördern
ober ftören, Nachdem es bei uns nicht,
wie anderswo, Sournale gibt, die
von den politiichen Parteien erhalten
und unterftügt werben, und bie Sour:
nale nur gejchäftliche Unternehmungen
find, wie etwa eine Xeberfabrif ober
eine Bäderei, und nachdem anderer:
ſeits die Herſtellung eine® Journals
mit großen Koften verbunden ift, mit
Koften, welche ſchon lange in feinem
Berhältniffe mit dem Pränumerationg:
Preife ftehen, jo ift es wohl nicht zu
wundern, wenn bie Eigenthümer dem
Gewinne nahjagen und dem alten
Sprichworte Huldigen: „Am Gelbe
vieht man es nicht, womit e8 ver:
bient iſt.“
Die zweite Claſſe find nun bie
wirflihen Sournaliften, jene Ritter
vom Geifte, welche in einem Gedichte,
befien Autor mir unbekannt, deſſen
Anhalt mir aber im Gedächtniſſe ge-
blieben ift, recht treffend charafterifirt
find. Das kleine Gedicht lautet:
Bald geehrt und bald veradhtet,
Bald geliebt und bald gehaßt,
Bald ummworben, bald gemieden —
Wie's den Leuten eben paßt.
Iept ein Freund in allen Kreifen,
Dann ein ungebet’'ner Gaft;
Hier gefhmeichelt, dort gefholten —
Wie's den Leuten eben paßt.
In dem Kampfe der Ideen
Allen Stürmen blosgeftellt,
Und vom Kampfplaß abgetreten,
Blei vergefien von der Welt.
Tagelöhner mit dem Geifte
Unermüdlih jede Frift ;
Und dabei ein armer Teufel*) —
Seht, das ift ein Iournalift.
Diefe eigentlihen Journaliften find
zumeift Leute von bedeutendem Talente,
von faft beifpiellofer Arbeitskraft, und
von einer in anderen Ständen unbekann⸗
ten Pflichttreue und Ausbauer. Wenn
für Andere des Tages Laft und Mühe
geenbet und die Zeit der Erholung
begonnen bat, dann fängt bei dem
Sournaliften erft die ſchwierigſte Arbeit
an; bie noch fpät Abends eingetroffenen
Telegramme müfjen im Leitartifel be
ſprochen, die Novität im Theater muß
fritifirt, über eine Abendfigung im
Parlamente muß noch berichtet, Erbe:
bungen über ein locales Ereigniß
müfjfen noch gepflogen werben und
längſt hat oft die Geifterftunde gejchla-
gen, bevor bie geiftige Arbeit für ben
Bogen Papier vollendet ift, den ber
Leſer am nächſten Morgen gleichgiltig
in die Hand nimmt unb dabei über
bie Flüchtigfeit des Urtheild oder über
irgend ein unrichtige® Detail harte
Klage erhebt. Dieje Vorkommniſſe laffen
fih durch die Raſchheit der Arbeit
entfhulbigen. Bei einiger Billigfeit
bes Urtheils wird man auch für manche
andere Ausfhreitungen wenigſtens Mil-
derungsgrünbe finden und dabei zu
dem Schluffe gelangen, daß in ähnlicher
Situation der ftrenge Moralift vielleicht
auch nicht anders gehandelt hätte als
ber verläfterte Journaliſt. Macaulay
fagt irgendwo: „Es gibt feinen größeren
Beweis der Tugend, als Macht be:
figen und fie nicht mißbraudhen.” Wenn
man nun bedenkt, wie wenig Tugend
im Allgemeinen auf dieſer Erde zu
finden ift und mie viel Macht die
Preſſe befist, jo wird man fi nicht
mehr wundern, daß diefe Macht zu
Beiten mißbraudt wurde. Im Allge—
meinen muß ich jeboch conftatiren, daß
*) Arm mindeftens im Vergleiche zu den
Eigenthümern, welde ſich in der vorktachlichen
Zeit ftolze Paläfte bauten und theilweiſe fid
als Millionäre zurüdzogen.
933
dieſe Macht von Seite der Wiener
Sournaliften häufiger zur Förderung
von Bildung, Freiheit und Fortſchritt
al3 für perjönliche, eigennügige oder
rachſüchtige Zwede angewendet worden
it. Daß auch letzteres vorkam, ift
nicht zu leugnen, doc find die Fälle
von Korruption, Untreue und Ge:
finnungslofigfeit in der Journaliſtik
nicht häufiger als in anderen Ständen.
Im Ganzen aber ftünbe dieſe Glafje
viel höher und geachteter da, wenn
die Journale nicht das Privateigenthum
von Geſchäftsleuten oder inbuftriellen
Geſellſchaften, ſondern Organe beftimm-
ter politiicher Parteien wären. Tritt
bei uns einmal diefe Reform ein, dann
erft wird man erkennen, welch vorzüg:
lihes Material fi in Defterreich der
Preſſe gewidmet hat, dann wird auch
die dritte Claffe, auf welche ich nun—
mehr zu ſprechen fomme, verſchwinden,
weil man dann auf bie perjünliche
Tüchtigkeit, auf die Bildung und auf
den Charakter des angehenden Your:
naliften mehr Rüdfiht nehmen wird,
al3 jetzt, wo bei den Eigenthümern
Billigfeit (d. 5. geringe Honorar-An-
ſprüche) und Schmiegjamfeit als be:
ſonders empfehlenswerthe Eigenſchaften
gelten, auf Bildung geringer, auf
Charakter aber gar kein Werth gelegt
wird. Dieſe dritte Claſſe von Leuten,
die man zur Journaliſtik zählt, iſt
eine lärmende Meute von ruinirten
oder zweideutigen Exiſtenzen, welche
zumeiſt vom Schwindel und vom Scan:
dale leben; es find dies die Heraus—
geber und Mitarbeiter gewiſſer Wochen:
blätter, die Notizenfammler und Neuig-
feitsjäger, die Zuträger von Klatſche—
reien aus der Bühnenmwelt oder von
der Börfe, Leute, die nicht im Stande
find, eine grammatifaliich richtige Zeile
zu ſchreiben, ſich ftet3 aber als Your:
naliften erften Ranges ausgeben und
mit ihrem Einfluffe auf die öffentliche
Meinung flunkern. Dieſe Claſſe recru-
tirt fih vornehmlih aus jübijchen
Sünglingen, welche ſchaarenweiſe aus
Ungarn und vornehmlich aus Galizien
einwandern und bie mit dem geſchärf—
ten Gefchäft3-nftincte ihrer Race jofort
bie Vortheile erfennen, welche ihnen
eine Verbindung mit der Preſſe ge:
währt. Dieje Claſſe verleiht der Preſſe
den unbegründeten Ruf des pronon-
cirten Judenthums und ihr dankt bie:
jelbe jo vielfache üble Nachrede.
Ich ſchließe hiemit meine Reflerionen
über die heutige Wiener Preſſe, zu wel—⸗
chen mich einerfeit3 Herrn von Helfert3
Buch, anbererjeit3 das unrichtige und
verlegende Gejammturtheil über die
Preſſe veranlaßt hat. Wenn es mir
gelungen ift, durch dieſe keineswegs
pro domo geſprochenen und demgemäß
parteiiich gefärbten Bemerkungen den
Leſern eine beſſere und richtigere Mei-
nung von dem modernen Sournaliften
beizubringen, jo haben dieſe Zeilen
ihre Aufgabe erfüllt.
334
Geſtorben und verdorben.
Auf mächtig dräuender Aelfenwand, | Und wie er fid näher und näher rang —
In berrlider Bier eine Blume ftand, Erreicht er fie, pflüdt fie und drüdt fie lang
Bon Sommengold umwoben ; Und heiß an feine Lippe — .
Wohl kaum erreihbar der Menjchenhand, Da ſtrauchelt er, wanket — und ſchwebet bang
In hoben Lüften oben. Auf jäher Felfentlippe.
Da zieht ein Pilger am Felfen hin Und eh’ nody eine Secunde berann,
Und fieht die prächtige Blume blüh'n, Lag unten am Weg cin zerfchmetterter Mann,
Und meint darob zu fterben ; Die Blum’ an feiner Eeite.....
Unendlihe Sehnfucht ergreifet ihn, Und drüber leuchtet auf hoher Bahn
Die Blume zu erwerben. ... Der Mond hinaus in’s Weite...
Die Sonne verglüht, der Abend graut, Und ald der Morgen zu dämmern begann,
Roc immer fteht er und träumt und ſchaut Da kam gezogen ein Wandersmann,
Rad) der erlefenen Einen ; Der achtet faum des Todten ;
Er möchte jubeln und lachen laut, Er ſchaut nur die Blume und weidet ſich dran,
Und dennoch wieder weinen. — Und rafft fie auf vom Boden.
Der Mond taudt ftill aus der Wolfen Flor, | Und mit der Blume in müder Hand
Berfhwindet facht, taudyt wieder hervor, Enteilt er, hinaus in's offene Land,
Des Pilgers Glieder beben; Wo viele Wand’rer wallen, —
Es zieht ihn hinauf, zur Blume empor, Auf breiter Straße, im Sonnenbrand
Und koſtet' es fein Leben. War fie ihm längft entfallen.
Ein glühend Sehnen, ein irrer Mahn Noch mander Wanderer fand fie dort
Durchſchauert ihn mächtig und faht ihn an, | Und raffte fie auf, und warf fie fort
Und loht in feinen Bliden ; So wie er fie genommen ....
Er ringt fih wild am Geftein hinan, Da lag fie num einfam, verwelkt, verdorrt,
Die Blume fi) zu pflüden. Im Straßenftaub verfommen .....
— — Ih mwühte noch mande Blume roth,
Um die fid) ein Herz gerungen todt,
Da es zu heiß geworben,
Und die zulept im Straßentoth
Geftorben und verdorben..........
Otto Ludwig Müller.
Bur lieben Frau in Marinzell.
Eine Erinnerung von P. R. Rofegger.*)
Mein Bater hatte eilf ————
die wir „Kornweiten“ nannten und
wovon wir alljährlih im Herbfte ein
neues für ben Winterroggenbau eig:
neten, jo daß binnen eilf Jahren jeder
Ader einmal an die Reihe fam. Ein
jolder Jahresbau lieferte beiläufig
dreißig Metzen Roggen; für die näch—
ften drei Jahre wurde dann das Feld
zu Saferfaat benüßt und Die fieben
weiteren Jahre lag es brach, diente
als Wieſe oder Weide,
Unfer vier — ih, mein Vater
und die zwei Zugochſen — beitellten
im Herbſte das Roggenfeld. Hatten
wir den Pflug, jo führte mein Vater
hinten die Pflug: und ich vorne bie
Ochſenhörer. Hatten wir die Egge mit
ihren ſechsunddreißig wühlenden Eifen:
zähnen, fo leitete der Vater die Zug:
thiere und ih —
Sa, das mar ein abjonberlich
Geſchäft. Ich hockte mitten auf der
Egge oben und ließ mich über ben
Ader hin und her vornehm fpazieren
fahren. Fuhr fpazieren und verdiente
dabei mein Brot. Der Ader hatte
nämlih ftellenweife jo zähes und
filziges Erbreih, daß die Egge nicht
eingreifen wollte, ſondern nur fo ein
wenig oben Hin fragte. Trotzdem
durfte die Egge nicht zu ſchwer fein
Zeit aufhoden und zur rechter Zeit
abjpringen konnte. Und dazu waren
meine vierzig Pfunde mit den behen-
digen Füßlein gerade recht. Gefiel mir
baß, wenn die Ochſen gut beim Zeug
waren und die Egge hübſch emfig
dahinfraute und auf und niederfchupfte,
jo daß mir der Vater zurief: „Halt’
dich feit, Bub, jonft fliegft abi!“
Da Hat fi eines Tages das
große Glück zugetragen.
E3 war Morgend vorher mein
zweiter Bruder geboren worden —
ein Junge, daß es ſchon eine helle
Freude war. Als wir hierauf das fteile
Schadenfeld umegaten, mar mein
Bater etwas übermüthig und knallte
ftart mit der Peitſche. Fuhr- und
Adersleute, die feine Stimme haben
zum Jauchzen, laffen die Peitſche
fnallen und fchmettern, daß es hin:
ballt in das Gebäume und zu anderen
Menſchen, die fi mitfreuen und wenn
fie wollen und können, mitjaudhzen
mögen. Wir fuhren gerade an einem
mit Büjchen bewachſenen Steinhaufen
vorüber, al3 meinem Vater — ficher:
lich des Fleinen Jungen wegen — wie:
der die belle Luft aufſchoß — die
Peitſche ſchwang er und Fnallte Eins
herab. In demjelben Augenblid rauſchte
erichredt eine ganze Familie von Hafel:
ihon ber Ochſen willen und auch | hühnern aus dem Gebüſche auf — ba:
nicht, weil an anderen Stellen doc) | vor madten unjere Ochjen einen. ge:
wieder eine mürbe Erbfchichte lag, in |mwaltigen Sprung und jchoffen wild
welcher tiefgehende Zähne mehr ge- mit der Egge und mit mir, ber da—
ſchadet, als genügt hätten. rauf faß, quer über das fteile Feld
So mußte: denn ftellenweife bie | hinab.
Egge befehwert werben und zwar durch Mein Bater war bei Seite ge:
ein lebendiges Gewicht, das zu rechter ſchleudert worden und fonnte nun nad:
*) Aus deſſen f. z. bei G. Hedenaft in Preßburg erfcheinendem Werte „Waldheimat”.
936
ſehen, was mit feinem Gefpann ge:
ſchah. Die Rinder rafeten dahin, bie
Egge hüpfte hoch empor und im näch—
ften Augenblide war ih unter ben
Zähnen berjelben und murbe Hin:
geſchleift.
Mein Vater ſoll die Augen zuge—
macht und ſich gedacht haben: Jeſſes,
kaum iſt der Kleine da, iſt der Große It hie
— Dann ſchlug er die gekommen, mit mir zur Dankſagung
‚eine Wallfahrt nah Maria-Zell zu
ſchon hin.
Hände zufammen und rief es zu ben
Wolken empor: „Unfer’ liebe Frau
Maria:Zell!”
Mittlerweile waren Dchfen und
Egge über den Feldrüden hinüber und
nicht mehr zu jehen. Dort unten aber
auf dem braunen Streifen, den das
Fahrwerk über den Ader bingezogen
hatte, lag ein Häuflein und bemegte
fi nicht.
Mein Bater lief Hinzu und riß
es von ber Erbe empor — ba hub
es auch Schon ketzermäßig an zu
ſchreien. Der ganze Bub voll Erbe
über und über; ein Nermel des innen:
rödleind war in Feen geriffen, über
bie linfe Wade hinab rann Blut —
fonft gar nichts gejchehen.
Auch das Hat die liebe Frau Maria:
Zell verhindern müſſen und hat es
duch ihre Fürbitte erwirft, daß es
der Grabentrautel eingefallen ift, es
wäre braußen ber Antrittftein nicht ganz
fauber und die Gobel könne leichtlich
daran ein Aergerniß nehmen.
Später hat das mein Vater alles
erwogen und ift hierauf zum Entſchluß
machen.
Ich war glüdjelig, denn eine
Kichfahrt nah dem eine ftarfe Tag:
reife von uns entfernten Wallfahrtd-
Drt war mein Verlangen geweſen, jeit
ich das erftemal die Zellerbilbchen im
Gebetbuche meiner Mutter ſah. Maria
Zell ſchien mir damals nicht allein als
der Mittelpunft aller Herrlichkeit ber
Erbe, jondern auch der Mittelpunft
des Gnadenreiches unferer lieben Frau.
Und fo oft wir nun nach bem Gelöb-
niffe auf dem Felde oder im Walbe
arbeiteten, mußte mir mein Vater all
das von Zell erzählen, was er wußte,
und auch all das, was er nicht wußte.
Und fo entjtand in mir eine ibeale
Welt voll Sonnenglanz und goldener
Hinter dem Feldjattel ftanden un: | Bier, vol heiliger Biſchöfe, Priefter
verfehrt auch die Ochſen. Mich nahm |und Jungfrauen, voll mufizirenber
mein Bater jegt auf den Arm. Ich | Engel, und inmitten unter ewig leben⸗
hätte zehnmal befjer laufen können | digen Roſen die Himmelskönigin Maria.
als er, aber er bildete ſich ein, ich
müſſe getragen fein, aus Zärtlichkeit
und Dankbarkeit, daß ich noch lebte
und aus Angft, ih möchte mich etwa
gar jegt erft verlegen. Als ich hörte,
daß ich eigentlih in Todesgefahr ge:
wejen war, und von rechtswegen jetzt
in Stüde zerriffen nad) Haufe getragen
werben jollte, hub ich erft recht an zu
zetern. Und jo famen wir heim, und
wenn bie alte Grabentrautel nicht vor
ber Thür die Antrittfteine ſauber kehrt
— weil die Godel kommen ſoll —
und fie uns folchergeftalt nicht den
Eingang zur MWöchnerin verwehrt, fo
geſchieht erft jet das Unglüd: die
Mutter fpringt vor Schred aus dem
Bett, Friegt das Fieber und ftirbt.
Und diefe Welt nannte ih Maria:
Zel — fie fteht Heute noch voll
zauberhafter Dämmerung in einem Ab:
grunde meines Herzens.
Und eine Tages denn, es war
am Tage des heiligen Michel, haben
wir Vormittag um zehn Uhr eier:
abend gemacht.
Wir zogen die Sonntagsfleider an
und rieben unjere Füße mit Unfchlitt
ein. Der Bater aß, was uns bie
Mutter vorgefegt — ich Hatte ben
Magen voll Freude. Ich ging ruhelos
in der Stube auf und ab, fo fehr
man mir rieth, ich ſollte raften, ich
würde noch müde genug werden. —
Raften und dann müde werden: das
ſchien mir nicht gut gedadit.
937
— —
Endlich luden wir unſere Reiſekoſt auf welcher die Worte find: „Weg
auf und gingen davon, nachdem wir
verſprochen hatten, für Alle daheim,
und für jedes insbefondere bei der
„Zellermutter“ zu beten.
Ich wüßte nicht, daß meine Füße
den Erdboden berührt hätten, fo wonig
war mir. Die Sonne hatte ihren
Sonntagsſchein, und es war doch
mitten in der Woche. Mein Vater
hatte einen Pilgerſtock aus Haſelholz,
ich auch einen ſolchen; ſo wanderten
wir aus unſerem Alpel davon. Mein
Vater trug außer den Nahrungs:
mitteln etwas in feinem rüdmwärtigen
Rodjad, was, in graued Papier ge
widelt, ich ihn zu Haufe einfteden ge:
jehen hatte. Er war damit gar heim-
lih verfahren, aber jetzt beſchwerte
es den Sädel derart, daß biefer bei
jedem Schritte dem guten Vater Eins
auf das Hintertheil verjegte. Ich
fonnte mir nicht denken, was das für
ein Ding fein mochte.
Wir famen in’s ſchöne Thal der
Mürz und in das große Dorf Krieg:
lad, wo einige Tage zuvor mitten
im Orte einige Häufer niedergebrannt
waren. ch hatte in meinem Leben
noch feine Brandftätte gejehen. Sch
Ihloß die Augen und ließ es noch ein:
mal nad) Herzensluft brennen, jo daß
mich mein Vater gar nicht von der
Stelle bradite.
Eine Fran jah ung zu und fagte
enblih: Mein, 's ift halt armfelig mit
jo einem Kind — wenn e8 ein folder
Haſcher iſt.“
Ich erſchrack. Sie hatte mich ge—
meint und ich kannte die Ausdrucks—
weiſe der Leute gut genug, um zu
verſtehen, daß ſie mich — wie ich ſo
daſtand mit offenem Mund und ge—
ſchloſſenen Augen — für ein Trottel—
chen hielt.
Ich war daher froh, als wir
weiter famen. Nun gingen wir ſchon
fremde Wege. Hinter dem Orte Krieg-
lad fteht ein Kreuz mit einem Marien-
nah MariasZell.”
Mir fnieten vor dem Kreuze nie
ber, beteten ein Vaterunſer um Schuß
und Schirm für unjere Wanderſchaft.
„Das greift mich frei an,” fagte mein
Bater plöglih und richtete fein feuch—
tes Auge auf das Bild, „fie Schaut
jo viel freundlih auf uns herab.”
Dann füßte er den Stamm des Freu:
zes und ih thats auch und dann
gingen wir wieber.
Als wir in das Engthal ber
Veitſch einbogen, begann es jchon zu
dunfeln. Rechts hatten wir den finfteren
Bergwald, Links raufhte der Bach,
und ih fühlte ein Grauen vor ber
Majeftät und Heiligkeit dieſes Zeller:
weged. Wir famen zu einem ein:
ſchichtigen Wirthshaus, wie ſolche in
den Wäldern ber Räubermärchen ftehen
— über ber Thür war im Dunkeln
noh ber Spruch zu lefen: „Herr,
bleib’ bei mir, denn es will Abend
werden!” — Aber wir gingen vor:
über.
Endlich fahen wir vor ung im
Thale mehrere Lichter. „Dort ift ſchon
die Veitſch“, fagte mein Vater, aber
wir gingen nit jo weit, jondern
bogen links ab und den Bauernhäufern
zu, bei welchen es in ber Niederaigen
beißt. Und wir ſchritten in eines die—
fer Häufer und mein Vater jagte zur
Bäuerin: „Gelobt ſei Jeſu Chrifti,
und wir zwei thäten halt von Herzen
ſchön bitten um eine Nachtherberg ;
mit einem Löffel warmer Suppe find
wir rechtſchaffen zufrieden und ſchlafen
thäten wir ſchon auf dem Heu.”
Ich Hatte gar nicht gewußt, daß
mein Vater fo ſchön betteln konnte.
Aber ich hatte auch nicht gewußt, daß
er auf Wallfahrtswegen nur ungern
in ein Wirthshaus einfehrte,, fondern
ſich Gott zur Ehr’ freiwillig zum
Bettelmann erniebrigte. Das war ein
guted Werk und fchonte ben Gold:
beutel.
Die Leute behielten und willig,
bilde und mit einer hölzernen Hand, |und Iuden uns zu Tiſche, daß wir
938
aßen von Allem, was fie jelber Hatten.
Dann fragte und der Bauer, ob wir
Feuerzeug bei uns hätten, und ala
mein Vater verficherte, er wäre fein
Raucher und er hätte fein Lebtag feine
Pfeife im Mund gehabt, führten fie
uns in den Stab! hinaus auf frifches
Stroh.
Wir lagen gut und braußen
rauſchte das Waſſer. Daheim auf
dem Berge hörten wir kein Waſſer
rauſchen.
„In Gottesnamen,“ feufzte mein
Vater auf, „morgen um ſolch' Zeit
find wir in Maria-gell.“ Dann war
er eingejchlafen.
Am andern Morgen, als wir
aufftanden , leuchtete auf den Bergen
Ihon die Sonne, aber im Schatten
bes Thales lag der Reif. Bon der
Veitſcher Kirche nahmen wir eine ftille
Meſſe mit; und als wir durch das
lange Engthal hineinwanderten, an
Wiejen und Waldhängen, Sträuchen
und Eſchenbäumen Hin, über Brüden
und Stege, an Wegkreuzen und Bau:
ernhäufern, Mühlen, Bretterfägen und
Zeugſchmieden vorbei, trugen wir jeder
den Hut und die Roſenkranzſchnur in
der Hand unb beteten laut einen
Pſalter; def ſchämte ich mich anfangs
vor den Borübergehenden, aber fie
lachten uns nit aus; an den Zeller:
ſtraßen ift’8 nichts Neues, daß laut
betende Leute baherwandern. Mein
Bater betete überhaupt gerne mit mir;
er wird gewiß immer ſehr andächtig
babei geweſen fein, aber mir kamen
im Gebete jtet3 jo verſchiedene und
abjonberlihe Gedanken, die mir fonft
fiherlih nicht eingefallen wären. War
ih im Beten, fo interefjirte ih mich
für Alles, an dem wir vorüberfamen,
und wenn ſonſt ſchon gar nichts da
war, jo zählte ich die Zaunfteden oder
die Wegplanfen.
Heute gab mir vor Allem das
Ding zu finnen, das mein Vater in
jeinem Sade hatte und das im Rod:
Ihoß gerade wieder jo hin und ber
ihlug, wie geſtern. — Für einen
Wecken ift’3 viel zu jchwer. Für eine
Wurſt ift’3 zu groß. —
Ich war noch in meinen Erwä—
gungen, da blieb mein Vater jählings
ftehen und das Gebet unterbrecdhend
tief er aus: „Du verhöllte Sau!”
Ich erichrad, dem das war meines
Vaters Leibfluch. Er hatte fih ihn
jelbft erbichtet, weil die anberen ja
alle ſündhaft find.
„Seht kann ich ſchnurgerade zu—
rückgehen auf die Niederaigen“,
ſagte er.
„Habt Ihr denn was vergeſſen?“
„Das wär' mir ein ſauberes
Kirchfahrtengehen,“ fuhr er fort,
„wenn man unterwegs die Leut' an—
luigt! — Haft es ja gehört, wie ich
geftern erzählt hab; ich hätt’ mein
Lebtag feine Pfeifen im Maul gehabt.
Sept beim Beten ift’3 mir eingefallen,
wie ich dort den KHolzapfelbaum jeh’,
daß wir daheim auch einen alten
Holzapfelbaum gehabt haben und daß
ih unter bem Holgapfelbaum einmal
glaubt hab, 's ift mein letztes End’.
Tobtenübel ift mir gemejen, weil ich
mit dem Riegelberger:Peter das Tabak⸗
rauhen hab’ wollen lernen. — Das
ift mir geftern nicht eingefallen und
fo hab’ ich unferm Herbergvater eine
breite Zug’ gejchenkt und desweg will
ich jeßt frei wieder zurüdgehen und
die Sach' in Richtigkeit bringen.”
„Rein, zurüdgehen thun wir nicht“,
fagte ih und in meinen Augen wird
Waſſer zu fehen geweſen fein.
„Ja,“ rief der Vater, „was wirft
denn jagen, wenn Du unfere liebe
Frau bift und einer kommt weit ber
zu Dir, daß er Dich verehren möcht’
und bringt Dir eine großmächtige Lug’
mit ?“
„Gar jo groß wird fie wohl nicht
jein,“ meinte ih und ſann auf Mittel,
das Gewiſſen meines Vaters zu be:
ruhigen. Da fiel mir was ein und
ih jagte Folgendes: „Ihr habt nur
erzählt, daß Ahr Euer Lebtag feine
Pfeife im Mund gehabt hättet. Das
fann ja wohl wahr fein. Ihr habt
939
bloß das Rohr und von dem nur bie
Spitz' im Mund gehabt.”
Darauf ſchwieg er eine zeitlang
fie Alle, die uns nachdenken nad
Zell. Wie müfjen die Leute jet winzig
jein, wenn ſchon der Berg jo Hein ift,
und dann fagte er: „Du bift ein ver: | wie ein Ameifenhaufen !
dankt Hinterliftiger Kampel. — Aber
verftehft, das Nedenverbrehen laß’ ich
Dir nicht gelten, und auf dem Kirch—
fahrtweg ſchon gar nit. Ich hab's
fo gemeint, wie ich's gejagt hab’, und
ber Bauer hat’3 jo verftanden.”
„So müßt e8 halt gleich beichten,
wenn wir nach Zell kommen,“ rieth
ih und darauf ging er ein, und mir
zogen und beteten weiter.
Beim Rotwirth hielten wir an —
mußten uns ftärfen. Wir hatten nun
die Rotjohl zu überfteigen, den Sattel
der Beitjchalpe, die mit ihren Wänden
ihon lange auf uns hergeftarrt hatte.
Die Wirthin ſchlug die Hände zuſam—
men, als fie den Eleinwinzigen Wall:
fahrer vor fi Jah und meinte, der
Bater werde mich wohl müſſen ‘auf
den Budel faffen uud über den Berg
tragen, wenn ich nicht brav Mein
trinke und Semmeln eſſe.
Hinter dem Wirthshauſe zeigte
eine Hand jchnurgerade den fteilen
Berg hinan: „Weg nah Maria-Zell.“
Aber ein paar hundert Schritte weiter
oben im Waldſchachen fand ein Kru—
zifie mit der Inſchriſt: „hundert Tag
Ablaf, wer das Kruzifir mit Andacht
füffet, und fünfhundert Tag vollkom—
menen Ablaß, wer Gelobt ſei Jeſus
Ehriftus jagt.”
Auf der Stelle erwarben wir und
ſechshundert Tage Ablaß.
Dann gingen wir weiter, durch
den Wald, über Blößen und Geſchläge,
bald auf Fahrwegen, bald auf Fuß—
ſteigen, und nach einer Stunde waren
wir oben.
Wir ſetzten uns auf den weichen
Raſen und blickten zurück in das weite
Waldland, über die grünen Berge
hin bis in die fernen blauen.
Und zwiſchen den blauen heraus
erkannte mein Vater jenen, auf welchem
unſer Haus ſtand. Dort iſt die Mutter
mit dem kleinen Brüderlein, dort ſind
Es war die Mittagsſtunde. Wir
vermeinten vom Veitſchthale herauf
das Klingen der Glocke zu hören.
„Ja,“ ſagte dann mein Vater,
„wenn man's betrachtet, die Leut'
find wohl recht Flein gegen bie große
Welt. Aber ſchau, mein Bübel, wenn
ihon die Welt jo groß und ſchön ift,
wie muß es erſt im Himmel fein?“
Ich Habe die Frage nicht beant-
wortet.
Mir erhoben uns und gingen ben
ebenen Weg, ber hoch am Berge
dahinführte, und ih ſah ſchaudernd
zum jchroffen Gewände ber BVeitih
empor, das jchier brohend, al3 wollte
e3 nieberftürzen, auf uns herabjah.
Endlich ftanden wir vor einem gemau:
erten Kreuze, in deſſen vergitterter
Niſche ein lieber guter Bekannter ftand.
Der heilige Niklo, der alljährlich zu
jeinem Namenstage mich mit Nüffen,
Aepfeln und Lebzelten beſchenkte, anftatt
daß ich ihm es that. Und von diefem
Kreuze jahen wir hinab auf die Zeller:
feite. Aber wir ſahen noch lange nicht
Zell, wohl jedoch ein jo wildes, fteiner:
nes Gebirge, wie ich es früher meiner
Tage nicht gejehen hatte.
Ein Gebet beim Nillo, und wir
ftiegen hinab in die fremde, jchauer:
lihe Gegend.
Wir kamen dur einen finfteren
Wald, der jo hoch und dicht war, daf
fein Gräglein wuchs zwiſchen feinen
Stämmen. Mein Vater erzählte mir
Raub: und Mordgeſchichten, welche fich
bier zugetragen haben jollten, und ein
paar Tafeln an den Bäumen beftätigten
die Erzählungen. Ich war daher recht
froh, als wir in das Thal famen,
wo wieder Wiejen und Felder waren
und an ber Straße wieder Käufer
ftanden.
Wir waren bald in der Weg:
ſcheide, wo fich drei Wege theilen, der
eine geht nach Veitſch und auch nad)
940
Neuberg, der andere nah Weichjel:
boden und den britten weift eine Hand:
„Weg nah Maria-Zell.“
„Wenn Du nah Zell gehft, fo
wirt Du die größte Kirche und bie
kleinſte Kirche ſehen,“ ſagte mein
Vater, „die größte finden wir heut'
auf den Abend, zur kleinſten kommen
wir jetzt. Schau, dort unter der Stein—
wand iſt ſchon das rothe Thürmlein.“
Das Wirthshaus war freilich viel
größer, als die Kirche; in demſelben
ſtärkten wir uns für den noch drei—
kündigen Marfh, der vor uns lag.
Dann kamen wir an ber gezadten
Felswand vorüber, Die hoch oben auf dem
Berge fteht und „die Spieler” genannt
wird. Drei Männlein figen dort oben,
die einft in der Chriſtnacht hinaufge—
fliegen waren, um Karten zu ſpielen.
Zur Strafe find fie in Stein verwan-
belt worden und fie jpielen heute noch.
Die Straße ift hin und hin befäet mit
Wegkreuzen und Marienbildern; wir
verrichteten vor jedem unſere Andacht
und dann ſchritten wir wieder vorwärts,
wohl etwas jchwerfälliger als geftern
— und im Rodihoße meines Vaters
ihlug fort und fort das unbelannte
Ding hin und her.
Neben und rauſchte ein großer
Bad, der aus verſchiedenen Schluchten
zwiſchen hohen Bergen herausgekommen
war. Die Berge waren bier gar er:
ſchrecklich Hoch und hatten auch Gemſen.
„Seht rinnt das Waſſer noch mit
uns hinaus,” jagte mein Vater, „paß
auf, wenn ed gegen uns rinnt, nad:
ber haben wir nicht mehr weit nach Zell.”
Wir famen nah Gußwerk. Das
hatte wunderprächtige Käufer, bie
waren ſchön ausgemobelt um Thüren
und SFenftern herum, als ob fich bie
Steine ſchnitzen ließen, wie Lindenholz.
Und da waren ungeheure Schmieden,
aus deren finfterem Innern viel Lärm
und Feuerjchein herausdrang. Wir
eilten baftig vorbei unb nur bei ber
damals neuen Kirche kehrten wir zu.
das war mwunberlich mit biefer Kirche
— bloß ein einzig Chriftusbild war
drin, und fonft gar nichts, nicht ein-
mal unfere liebe Frau. Und fo nahe
bei Maria-Zell! die Lutherifchen follen
e3 gerabe jo haben. — Wir gingen
bald davon.
Und als wir Hinter das letzte
Hammerwerf hinaus waren und
die Waldfhluht engte, daß faum
Straße und Waſſer neben einander
laufen konnten — fiehe, da war das
Waſſer jo klar und ftil, daß man in
der Tiefe bie braunen Kiefelfteine ſah
und bie Forellen — und das Waſſer
rann gegen ung.
„Seht, mein Bübel, jetzt werben
wir bald beim Urlaubfreuz fein,”
fagte der Vater, „bei bemjelben fiehft
den zellerifhen Thurm.“
Wir befchleunigten unfere Schritte.
Wir fahen die Kapelle, die gerabe
vor uns auf dem Berge ftanb und
die Sigmundfirche heißt. Da oben hat
ein Einfiebler gelebt, der jich nicht
für würdig gehalten bat, bei ber
Mutter - Gottes in Zell zu fein, und
der doch ihr heilige Haus hat jehen
wollen jede Stund'. — Ein Böglein
hätte ih mögen fein, daß ich hätte
binauffliegen können zum Kirchlein und
von dort aus Zell etlihe Minuten
früher ſchauen, als von der Straße ans.
An der Wegbiegung ſah ih an
einem Baumftamm ein SHeiligenbilb.
„Iſt das ſchon das Urlaubkreuz?“
„Das kleine,“ ſagte mein Vater,
„das iſt erſt vom Urlaubkreuz das
Urlaubkreuz. Schau, dort ſteht es.“
Auf einem rothen Pfahl ragte ein
rother Kaſten, der hatte ein grünan—
geſtrichenes Eiſengitter, hinter welchem
ein Bildniß war. Wir eilten ihm zu;
ich hätte laufen mögen, aber mein
Vater war ernſthaft. Als wir vor
dem rothen Kreuze ſtanden, zog er
ſeinen Hut vom Kopfe, ſah aber nicht
auf das Bild hin, ſondern in das neu
hervorgetretene Thal hinaus und ſagte
mit halblauter Stimme: „Gott grüß’
did, Maria!”
Ich folgte feinem Auge und jah
num durch die Thalenge her und durch
941
die Scharte einiger Bäume eine
jhwarzglänzende Nadel aufragen, an
deren kleinen Baden ein goldener
Knauf funfelte.
„Das ift der zelleriihe Thurm.“
Ein Hein wenig haben wir all
beide geſchluchzt. Dann gingen wir
wieder — einen Schritt vorgetreten,
und wir haben den Thurm nicht mehr
gejehen. Wir jollten ja bald an feinem
Fuße fein...
Ich will und zwei nun allein
wandeln lafjen die drei BViertelftunden
bin, und will von Maria:Zell im Al:
gemeinen reden.
Im ftillen, wiejenthauigen Alpen:
thale, dort, wo ſich die laufchig riejelnde
Grünau in die flare Salza ergießt,
fteht da® Haus der Mutter Jeſu.
Hohe Waldberge umfrieben das
Thal in weiter Runde, und über ben:
jelben ragt manch fahles Alpenhaupt,
manche weißleuchtende Felszinne herein
auf ben großen, breithürmigen Tempel,
deſſen Thurmzaden in der Sonne
funfeln weit ‚in bie jchattendüfteren
Schluchten hinaus. Und überall dort,
wo dem Wanderdmanne der erfte
Schimmer der Gnadenkirche entgegen:
leuchtet, fteht ein Kreuz am Wege,
vor weldhem der fromme Waller feinen
Ankunftsgruß jauchzt, feine Abſchieds—
lage weint.
Maria in Zell! In weiten Landen
hört ihr das jüße Wort nennen un-
unterbrochen jeit jenen fernen Tagen,
da in der Wildniß ein einfam lebender
Priefter das Marienbild jchnigte und
e3 zu eigener Andacht aufitellte in ſei—
nem Kapellden. Das war vor mehr
als fiebenhundert Jahren. Bald erſcholl
hierauf die Kunde, es thäten Wunder
geihehen bei dem Bild in der Ein:
fieblerzelle. Markgraf Heinrich I. von
Mähren hatte zur jelben Zeit die Gicht.
Er fam, wurde heil und ließ aus
Dankbarkeit eine fteinerne Kapelle bauen
— biejelbe, welche heute noch fteht
und über welche die große, herrliche
Wallfahrtskirche erbaut worden ift.
wie die Schagfammer zeigt — viele
hohe Herren hier geopfert. Votivtafeln
aller Art beveden die Wände, wohin
man das Nuge nur mag richten. All:
jährig an hunderttauſend Wallfahrer
bejuhen den Gnadenort. Wahrhaftig !
fummervolle Menſchen gibt e3 aller:
wege; viele von ihnen entbehren in
ihrem Leide der Mitmenjchen Theil-
nahme und Tröftung. Aber eine Freun-
din haben fie, die hört fie an, die läuft
nit davon, wenn fie aus Fernen
fommen und ihr Anliegen Tlagen ;
die figt in ihrem weißen Zelt zu jeder
Stunde, und ihr Schweigen ift, wie
Mitleid und ſtille Erhörung.
Meilenweit in der Runde find alle
Steine des Weges abgejchliffen von
den Tritten der Waller, ſolche mögen
mit eiſenbeſchlagenen Tirolerſchuhen,
ſloveniſchen Sandalen oder barfuß
wandeln. Ob der Herr die blutigen
Schritte zählt, die aus dem Ungar—
und Böhmerlande, aus den wälſchen
und windiſchen Gauen her ihre end—
loſen Ketten ziehen? Ob der Herr all
die Gebete und Seufzer vormerkt und
ſie ſeiner Mutter unterbreitet: Königin,
dein Lob erſchallt vom Orient bis zum
Occident! —
So kommen ſie zu einzeln, kommen
in Gruppen, kommen in großen Haufen,
das wallende Fähnlein vor ſich her—
tragend, es vor jedem Wegkreuze
ſenkend, es unzähligemal tief vernei-
gend, wenn ſie vor der herrlichen
Quaderntreppe ſtehen, hinter welcher
die Wände des weltberühmten Gottes:
haufes glänzen. Da hebt das dumpfe
Getöne der Gloden an, in feinen
leifen, melancholiſchen Accorden faft
vergleihbar dem Tonfpiele der Mund:
trommeln. Schon dieſes Geläute hat
ein Berüdendes. Dann ift ber Augen:
blid gefommen, der langerjehnte, und
die Schaar,, oft jeit Tagen auf der
Manderfchaft über Ebenen, Hügelge-
lände, Berg und Thäler heran, an
Kirchen und Wirthshäufern vorbei —
fie zieht nun ein in die Kirche zu
Seit des Markgrafen Zeiten haben — | Zell. Dunkel herrſcht in ben weiten
942
Räumen, nur in der Sapelle des
Gnabenaltares, die mitten in der Kirche
jteht, ftrahlen die ungezählten Sterne
der Kerzenflammen. Die Anfömmlinge
finfen nieder auf die Kniee und rutfchen
auf den Knieen über die Steinplatten
bin bis zur heiligen Stätte, wo in
dem Zelte voll goldener Bier Die
Yungfrau thront. Das Bildniß der
Mutter mit dem Finde, in weißen
Seiden und mit funfelnden Kronen.
— Ber von den Sündern fol aufrecht
ftehen vor der Apoftel-, der Märtyrer:
Königin, vor der Mutter des Herrn!
— Bis zu dem falten Boden beugen |
fie fih nieder und küſſen die Steine,
oder fie legen fih bin und ſtrecken die
Hände aus und find bemwegungslos,
als hätte fie die Keule des Mörbers
erichlagen.
Und wenn e8 Abend wird, ſchweben
fie in langen Reihen, mit Kerzenflammen
dur die Kirche, umfreifen die Gna—
denfapelle und die hinter derjelben, im
mittleren Schiffe ragende „Frauen:
ſäule“, an deren Tiſch ftet3 ein wahres
Herdfeuer von Wachslichtern Todert.
Und in allen Enden wiederhallt Gefang.
Hier der Begeifterung Hodruf: „OD,
ſei gegrüßt vieltaufenbmal, Mariazell,
du Gnadenthal! Du allerfchönfte Mutter
Jeſu!“
Bangniß: „Der Tag iſt vergangen,
die Nacht iſt ſchon hier; gute Nacht,
o Maria, bleib ewig bei mir!“ —
Und weiterhin und durcheinander ſchallen
fremdartige Weiſen fremder Sprachen.
Ein Gebet ſucht das andere zu über—
ſchreien, ein Geſang den andern zu über-
tönen.
derſchaar, die hier die Mutter beftürmt,
zuerft demüthig und jchmeichelnd, bald
Dort das flehende Gebet der
Es iſt eine ungeberdige Kin:
in folhen Momenten ift e8 ernft. Das
Gemüth bricht los — ein grauenhafter
Auffchrei ift es aus tiefitem Herzen
‚ber Menfchheit, um Rettung flehend
aus dem Thale der Zähren. — Und
draußen ruht die Alpenmwelt in Tieb-
lichem Abendfrieden und die Feldhäupter
glühen in ftiller Herrlichkeit. Kein
Mißton in der Natur! — Aber bie
Menſchen, auch vor dem überhängenden
Felsgewände und vor dem toſenden
Waſſerfalle ſchauern fie — Tafeln zu
Hunderten in der Kirche erzählen, wie
Geftein und Gewäſſer und alle Ele:
mente den Menfchen verberblich werben.
— Zu Maria rufen die armen, licht:
lofen Kinder tes Leides.
Der Freigeift, dem jede Kirche aus:
| gebrannt ift, der an dem Tempel zu
Bell jonft vielleicht nur ein Ceremo—
nienhaus oder eine Bildergalerie bi-
zarrer Gemälde zu erbliden gewohnt
| ift — auch der müßte zu folder Stunde
in ſeinem Herzen ein ſeltſames Be—
wegen fühlen; auch ihn verlangt es
ſchließlich, irgend einen Kummer, den
er ſtill durch's Leben trägt, an einer
Stelle niederlegen zu können, ſo wie es
den Gläubigen gegönnt iſt vor dem
Gnadenbilde zu Zell. Auch der Atheiſt
wird den Heiligenſchein nicht leugnen,
der auf dem Bilde ruht; aber nicht
vom Bilde geht ihm der Strahl aus,
nein, von den Andächtigen fällt der
Nimbus auf das Bildniß, und der
Gedanke, daß Millionen und Millionen
‚von Menſchen aus fernen Zonen ihren
Kummer, ihre Drangjal herbeigetragent
haben, um fie vor der Geftalt in weißem
Zelte niederzulegen — dieſer Gedanke
jenft einen wunderbaren Schein auf
— uralte Stück Lindenholz, das einſt
aber kühner und wilder werdend, bis gewachſen ſein mag in jenen Wäldern,
endlich gar Einer in der Begeiſterung in welchen unſere Vorfahren ihre Voll:
Hochfluth die Schranken des Marmor- mondnächte noch dem Woutan haben
geländers überjpringt, hinſtürzt auf Por Large — 63 dürfte Manchem jehr
geheiligte Bildniß und den Saum bes nahe Liegen, über das Treiben in der
Mantels mit heißen Küffen und Thräs | Kirche zu Zell ein paar jpottendbe
nen bededt. — — Wohl, es mag im | Glofjen zu madhen. Aber — —. Wer
Allgemeinen viel Lauheit fteden in den | von uns geht frei und vorurtheilslos
religiöfen Webungen des Wolfes, aber | durch's Leben? Jeder, er mag thaten
—
oder leiden, ſteht unter dem Banne
Erſt, wenn bie eiſigen Octoberwinde
einer Gottheit, ſie ſei eine gute oder über die Alpen fegen und vom Schwaben
ſchlimme — heiße Kunſt oder Wiſſen—
ſchaft oder Ehrgeiz oder Mammon
oder Sinnesluſt — einem Dämone
ſind wir alle verfallen. Glückſelig Der,
und vom Detſcher hernieder die fin—
ſteren Schneeſtürme toſen, wird es öde
im Zellerthal. Der Lichterkranz um
das Gnadenbildniß iſt verloſchen. Durch
welcher in gläubigem, eifrigem Götzen⸗ | die Fenfterfugen weht ber Schneeftaub
dienfte der inhalt3lofen Schatten fich | herein auf bie Votivtafeln, und in den
zu beruhigen vermag.
Und — die Maria in Zell erweiſt
diefe Gnade. Kummer und Herzleid
hat der Gläubige gebracht, Friede und
Zuverficht trägt er davon. Er weiß,
Mariens Herz ift nicht von Stein; er
weiß, fie ift das Heil der Kranken,
die Tröfterin der Betrübten und fie
wird feiner gedenken, wenn er auch
lange wieder in der Ferne jeine dor:
nenreihen Wege wandeln muß.
Schon am zweiten Tage, nachdem
zur Nacht3zeit vielleicht Einer oder der
Andere den Meßner zu beftechen ver:
ſucht, daß er ihm die Kirche öffne und
das hochgelobte Gnadenbild zum Kuffe
reiche, oder ihm eine Kerze vom Frauen:
altar verfaufe, für die letzte Sterbe-
ftunde ; nachdem fie den Ihren daheim
Zellerangedenfen gekauft, Roſenkränze,
Heiligenbilbchen, Amulette, Gebetbücher,
Wachsſtöcke u. ſ. w. und diefelben zur
Weihe getragen — nad) alldem fünbet
der jummende Glodenfchlag auf dem
Thurm die Stunde des Scheidend. —
„Wie furz der heilige Tag, wie furz
die Zeller Freuden, muß heut’ jchon
Urlaub nehmen, Maria, von dir jchei:
den! O Jungfrau, wenn wir jterben,
o thu', und Gnab’ erwerben, geleit’
zum Himmel unj’re Seel’, vergiß uns
nicht, o Maria Zell!” — So der weh:
müthige Geſang. Unter Glodengeläute
und Trompetenjchall zieht die Schaar
um die Kirche, verneigt noch einmal
ihre Fahnen und mwallt davon — oft:
wärts etwa, gegen den hohen Göller
und die Mürz, oder nördlich gegen die
Lande der Donau, oder nah Süben,
an den Schroffen des Schwabengebirges
dahin. Und Andere fommen und An:
dere ziehen und unerfchöpflich an Gnaden
ift das Bildniß im weißen Zelt.
Beichtftühlen niften die Mäufe und
ſuchen nah irgend einem verborrten
Brotkrümchen, das einft der Wallfahrer
etwa mit der Betſchnur aus dem Sade
geftreut hat. Manchem Bewohner von
Mariazell, der den Sommer über wohl
beftellt war, geht es zur Winterszeit
und beſonders in deren leßter Hälfte
nicht viel beffer, wie der Kirchenmaus,
Den Marigzellern ijt ihre Maria nur
im Sommer gnabenreid).
— So ſteht e8 mit dem jchönen,
weitbenannten Ort, in den wir — id)
und mein guter Bater — nun einzogen.
Wir ftiegen die legte Höhe hinan
und hatten nun auf einmal den großen
Markt vor uns liegen, und inmitten,
hoch über Alles ragend und von ber
abendlichen Sonne bejchienen die Wall:
fahrtskirche.
Die Stimmung, welche zu jener
Stunde in meiner Kindesſeele lag,
fönnte ich nicht ſchildern. So wie mir
damal® muß den Auserwählten zu
Muthe fein, wenn fie in Zion ein-
gehen.
Wir thaten, wie alle Andern auch,
— auf den Knieen rutjchten wir zum
Gnadenbilde hin, und ich wunderte mich
nur darüber, daß der Menſch auf den
Knieen jo gut gehen kann, ohne daß er
e3 lernen muß.
Mir befahen an demjelben Abende
noch die Kirche und auch die Schat-
fammer, in welcher die vergolbete Fröm-
migfeit vieler Könige und Kaifer auf:
bewahrt liegt. An der gold- und
filberjtrogenden Schagfammer hatte ich
lange nit die Freude, wie an den
unzähligen Opferbildern, welche draußen
in den langen Gängen hingen. Da
gab es Feuersbrünfte, Ueberſchwem—
mungen, Blisichläge, Türfenmegeleien,
944
daß es ein Schred war. Es ift faum
eine Noth, ein menſchliches Unglück
benfbar, das in der Zellerfirche nicht
zur bildlihen Darftellung gekommen
wäre. Mer bat biefen Volksbilder—
fälen eine nähere Betrachtung gewidmet?
Wir ftiegen auch auf den Thurm ;
das war unerhört weit hinauf in den
finfteren Mauern und wie oft mochte
der Rockſchoß meines Vater hin-
und hergejchlagen haben, bis wir oben
waren! Und enbli fanden wir in
einer großen Stube, in welcher an rie-
figen Holzbalten riefige Glocken hingen.
Ich ging zu einem Fenfter und blidte
hinaus — was war das für ein Un:
geheuer? Eine Kuppel der Nebenthürme
hatte ih vor Augen. Und du heiliger
Joſef, wo waren die Hausdächer? bie
lagen unten auf dem Erdboden. — Dort
auf dem weißen Streifen frabbelte ein
ſchwarzer Wurm heran, gerade wie eine
Raupe, nur daß er voran ein rothes
Fähnlein flatternhatte. Als der Thür-
mer biejen Wurm gemwahrte, hub er
und noch ein Zweiter an ben Riemer
einer Glode an zu ziehen. Dieje fam
langjam in Bewegung, der Schwenfel
besgleichen und als berjelbe den Reifen
berührte, da gab e3 einen jo gewal-
tigen Schall, daß ich meinte, mein
Kopf jpringe mitten auseinander. Ich
verbarg mich wimmernd unter meinen
Bater hinein, der war jo gut und
hielt mir die Ohren zu, bi8 der Wurm
unten als Kreuzſchaar eingezogen und
das Läuten zu Ende war. Nun fah
ih, wie die beiden Männer fruchtlos
an ben Riemen zurüd hielten, um bie
Glode zum Stillftand zu bringen,
bilfebereit ſprang ich herbei, um ſolches
auch an einem britten niederjchlän:
genden Riemen zu thun — da wurde
ih hier biß zu dem Gebälfe empor:
geriſſen.
„Feſthalten, feſthalten!“ rief mir
der Thürmer zu. Und endlich, als
die Glocke in Ruhe und ich wieder auf
dem Boden war, ſagte er: „Kleiner,
kannſt wohl von Glück ſagen, daß du
nicht beim Fenſter hinausgeflogen biſt!“
„Ja“, meinte mein Vater, „kunnt
denn da in der Zellerkirche auch ein
Unglück ſein?“
Abends waren wir noch ſpät in der
Kirche; und ſelbſt als ſich die meiſten
Wallfahrer ſchon verloren Hatten und
es auch an dem Gnabenaltare dunkel
war bis auf die brei ewigen Lampen,
wollte mein Vater nicht weihen. Gar
feltjam aber war's, wie er ſich endlich
von jeinen Knien erhob und in bie
Gnadenkapelle hineinfhlid. Dort griff
er in feine Rodtufche, langte den von
mir unerforjchten Gegenftand hervor,
widelte das graue Papier ab und legte
ihn mit zitternder Hand auf ben Altar.
Sept ſah ih, was es war, —
ein Eijenzahn von unferer Egge war
e3
Und am andern Tage gegen Abend,
al3 wir meinten, unf’re Kirchfahrt fo
verrichtet zu haben, daß Maria und
unſer Gewiſſen zufrieden fein konnten,
gingen wir wieder davon. Beim Urlaub-
freuz blidten wir noch einmal zurüd
auf die ſchwarze funfelnde Nabel, bie
zwiichen Bäumen hervorglängte.
„Behüt’ dich Gott, Maria-Zel“,
fagte mein Vater, „wern Gottes Will,
fo möchten wir wohl noch einmal fom-
men, ehvor wir fterben.” —
Dann gingen wir bis Wegſcheid',
dort hielten wir nächtliche Raft. Und
am vierten Tage überftiegen wir wieber
den Berg und burchmanderten das
Veitihthal. ALS wir zu den Bauern:
bäufern der Niederaigen kamen, ſprach
mein Vater dort zu, wo wir auf dem
Vorweg zur Naht gefchlafen hatten,
und überreichte der Bäuerin ein ſchön
bemaltes Bildchen von Maria=ell.
— Als wir am Abende desjelben
Tages heimgefommen waren und ung
zur Suppe geſetzt hatten, ſoll ich mit
dem Löffel in der Hand eingejchlafen
jein.
Die lebte Wallfahrt.
Eine Sage aus dem Böhmerwalde von Franz Rider.
Bom obern Böhmermwalde, vom grünen Moldauftrand,
Da zieht die Grenz’ hinüber, hin durd der Baiern Land
Die Schaar andächtiger Beter — gen Paſſau hin fie wallen,
Gebet und Buhgefänge von Bergen wiederhallen.
So zieh’n fie hin die Wege, durch's grüne Thalgefilde,
Der Fahne nad), dem Kreuze, zum gnadenreihen Bilde,
Zur heiligen Gottesmutter inbrünftig dort zu beten:
„O Hilf uns, fei uns gnädig, ſchütz' uns in unfern Köthen !
Voran fechs rüftige Männer, entjchloffen, kräftig, hart,
Des Zuges Führer bilden; dann Weiber, Iungfrau'n zart,
Und jüng’re Böhmermwäldler, felbit Greiſe hochbetagt,
— Doch alle reiferüftig, mit Bündeln ſchwer bepadt.
Nicht blos andächtiger Eifer hat fie zur Fahrt bewogen,
Da fie mit vielen Waaren als Schwärzer ausgezogen. —
Mit lautem Beten, Singen die Grenze fie betraten,
Dort fieht das Haus der Grenzwadht aus düfterm Waldesfhatten.
Als fromme Wahlfahrtspilger, dem Fahnenträger nad,
Paſſirten fie die Landsmarf, den breiten Wiejenbad).
Als arglos, unverdächtig ließ fie die Zollwacht ziehen,
— Dann rubhten fie, gerettet, von jchweren Wallfahrtsmühen.
Sie wallten betend weiter, bis fie das Biel erreichten,
Wo Paſſau's hohe Thürme im Sonnengolde leuchten ;
Zur bilfereihen Mutter fie fleh'n zerknirſcht um Segen,
Um Beiftand und um Hilfe auf ihren weitern Wegen,
Ward nad vollbradhter Andacht gekauft manch' Gnadenbild
Als liebes Angedenten, ald Talisman, als Schild,
s Um wider Feindesmächte als Schutz und Wehr zu dienen,
Um böfer Schidfalstüde, Gefahren zu entrinnen.
Bordem ſchon hatten ftille, doc ficher, wohlgeplant
Die Männer and're Dinge beforgt mit flinter Hand:
Die mitgebradhten Laſten für and’re abgejept, —
Gar viele theure Waaren, die padten fie zulept.
Rojegyers „‚Heissgarien’* 1% Gef.
946
Tabak, Prifil und Stoffe von Sammt und Seide ſchwer,
Kattun, werthvolle Tücher und was dergleihen mehr;
Auf alle möglich” Weife verborgen und verjtedt,
Am bloßen Leib’, im Haarzopf und unterm Kleid verdedt.
So find fie denn gerüftet, die Heimfahrt zu beginnen,
Rad heißem Bittgebete auf and’res num zu finnen:
Wie es geläng’, den Schmuggel auch glücklich durchzuſchwärzen;
Sie hoffen feft, fie flehten ja d’rum aus gläubigem Herzen.
Was fie nicht bergen konnten, die Männer felber nahmen,
Sie gingen nicht die Wege, woher fie vordem kamen ;
Mit feftem Muth, entfhloffen zur Lift, felbft zur Gewalt,
So zieh'n fie heimwärts wieder zurüd zum Böhmerwald.
Indeß' hatt" da der Hauptmann den Grenzern fundgemadjt :
„Auf jener Beter Rückkehr habt mir befonders Acht!“
Von da am dritten Abend die ganze Grenzeswadht
War aufgeftellt zum ange in dunkler Waldesnadt.
Die Naht war angebroden, mweitum die Wälder faufen,
Der Wind heult in den Xeften, und Regen, Sturmesbraufen.
Ein graufig Ungewitter tobt über'm Forſte lang,
Die Riefenbäume ächzen, in Lüften wimmerts bang.
Die Schaar der Schwärzer wandelt im finftern Zannenwald ;
— Die Blige feurig zuden, der Donner grollend hallt. —
Jeßt nah'n fie lautlos, ftille, — bald find fie wohl geborgen,
Dann können off'ne Pfade fie wandeln ohne Sorgen.
Schon eilen fie gefhrinde, fern vom befannten Weg,
Zum Walde, über'n Grenzbad; fie geh’n auf ſchwankem Steg.
Schon find fie glüdlih drüben — da tönt ein fhriller Pfiff,
Der ihnen, Unheil kündend, den Feind zufammenrief.
Hier heimlich durchzukommen, war alfo nicht gelungen,
Sie ſeh'n von allen Seiten von Feinden fi) umrungen.
Ein donnernd „Halt“ tönt ihnen entgegen ringsumber,
Die Waffen drohend blipen — und Rettung gibts nicht mehr.
„Weil uns die Lift mißlungen, fo ſei's denn d'rum gewagt,
Und nad) ! wir breden dur, frifh an und underzagt !
Weil fie zum Kampf uns zwingen, uns drängen zur Gewalt:
Frifh d’rauf denn!" — Alfo Fräftig der Männer Ruf erfcallt.
Dann ward das Kreuz zur Waffe, die Schwärzer, wohlbewehrt,
Sie ftürzen auf die Feinde, troß deren Zahl ſich mehrt.
947
Bor Morgengrau’n, im Sturme, ein heißes, blut'ges Ringen,
Das Krachen der Gewehre, die Hiebe fharfer Klingen.
Dazu manch' dumpfer Aufſchrei in ſchwerer Kampfesnoth,
Vom vielvergoff’'nen Blute ward's naffe Erdreid roth.
Der Weiber Iammerklagen in Kampf und Sturm fi miſchen,
Die ſcharfen Todestugeln um's Haupt der Flüchtigen ziſchen.
Nicht lange währt das Morden, nur wenige find gerettet,
Wer nicht entrinnen konnte, im Kampfe ward getödtet.
Doch aud die Ueberreiter bedenklich find gelichtet,
Der Grenzwach' ftarfe Reihen zur Hälfte faft vernichtet.
Auf's wilde Wetterftürmen, auf blutigen Kampf und Tod
Brit an der junge Tag im friſchen Morgenroth.
Der Sonne heit’re Strahlen ſeh'n der Verwüſtung Feld,
— Kaum einer war entronnen, der’d dann daheim erzäblt.
Der Segen für die Reife, um den fie vordem flehten,
Hat leider fie geflohen in ihren ſchweren Nöthen ;
Kaum konnten fie nod beten mit fchmerzverzog'nem Mund:
„D hilf uns, fei uns gnädig in diefer Sterbeftund’ !"
Zu Witwen und zu Waifen wohl wurden die gemadt,
Die heil enttommen waren in jener blut’'gen Radıt.
Berarmt, zerftreut und flüchtig mur wenige kehrten wieder
Von jenem Unglüdszuge in's Moldauthal hernieder.
Das war ein übel Ende — die lepte Pilgerfahrt,
Das war der Schwärzer Schidfal, es traf fie gräßlich, hart.
Man hat fie dann zufammen in’s weite Grab gelegt,
Bereint ruh'n Freund’ und Feinde vom Rafen überdedt.
Bon allen jenen Männern nur einer war entkommen,
Der’s felber miterlebte ; — von dem hab’ ich's vernommen.
Auch er hat längft vollendet die legte, große Reife;
— Hier fließt ein Heiner Abſchnitt aus Schwärzerfagentreife.
Kleine Saube.
Was der Franz Schlager für ein
Wildpret ſchoß.
Eine Gefhichte aus dem Gebirge von P. &.
Rofegger.
Anfangs fing er Schmetterlinge und
ftedte fie an die Nadel. Dann fing er
Spaten und Finken mit Leimfpindeln.
Dann fing er Marder und Füchſe mit
dem Schnappeifen. Dann ſchoß er einen
Hühnergeier aus der Luft. Dann ſchoß
er ein Paar Hafen; dann ſchoß er
Nehe und Hirſche, dann ſchoß er —
Die Geſchichte ift ſchwer wie Blei.
Sn einem Hocdtheile des Reichen:
fteinftodes hatte Franz Schlager ein
Bauerngütchen. Franz war jung und
frifh, und hatte ein prächtiges, herzens:
treues Weibchen voll Lieb und Gemüth,
voll fraulihen Adels der Natur. Bei
feiner Arbeitäfraft und bei ihrer Häus—
lichkeit hätten fie vollauf zu leben gehabt,
und ihre Hütte war wie gemadt für
„ein glüdlih kiebend Paar“. Aber juft
in die wärmften und wonnigſten Nefter
legt der Teufel am liebjten fein Ei
hinein. — Für ſchlechte Leute, fagte
der Franz babe er ſich den Kugel:
ftugen beigelegt; man mwifje doch nicht,
was fih in einer fo einfamen Gegend
alles zutragen könne. — Ei freilich weiß
man das nicht, du armer Franz Schla:
ger, font hätteft du das Schießgewehr
gewiß nicht in dein Haus getragen.
Als er im Oberfhaden den erften
Hafen ſchoß, hörte der Nevierwart den
Knall, errieth auch den Schüben, da er
aber ſonſt den Franz wohl leiden mochte,
fo ließ er die Sache verhallen. Als der
Franz Schlager fah, das Ding ginge fo
leiht ab, ſchoß er das nächftemal ei:
nen Rehbod nieder, fchleppte denſelben
mitten in einem Sturmmetter in fein
Haus und rief: „Theres, der da gehört
Dein, zum Namenstag!“
Selbitgefällig ſchmunzelnd blidte er
fein Weib an und erwartete freudigen
Dank. Aber fein Weib begann zu
ſchluchzen: „Das ſchmerzt mich, Franz,
das ſchmerzt mid hart. Mit einer Blum’
vom Feld, mit einem Stein von der
Straßen hätteft mir Freude gemacht,
wär’ eö mir zu lieb vermeint geweſen.
Aber eine geftohlene Sach' ſchenkſt Du
mir, fo viel bin ih Dir werth ....“
Es war zum Erbarmen; jo bitter:
ih hatte er fie noch niemal® weinen
gejehen. Er ſchwieg eine Weile.
„Theres“, fagte er endlih und
ftellte fich fe vor fie hin: „Mit Fleiß
willft mid jet kränken, weißt gleich:
wohl, daß ich's gut hab gemeint.”
„Franz“, fagte fie, „das weiß id
gleichwohl und ſchau', ih Lad’ ſchon
wieder, Du gibft mir heut’ ja noch ein
ordentliches Bindband (Angebinde). Ver:
ſprich mir’, mein Franzl, mildern
willft nimmer !“
Er nidte mit dem Kopf. Sie um:
fing ihn mit beiden Armen und lächelte
mit feuchten Auge. —
Nicht lange darnach ift dem Paare
ein Kindlein gefommen.
Ein Kindlein! — bin fonft nicht
nervenſchwach, aber wenn ich dieſes
Wort jchreibe, fo zittert mir immer die
Hand. Ein Kindlein! ich denfe an bie
949
Vaterfreuden, an dad Mutterglüd. Mit | Bettlein des Kindes nieberrann. — „Er
jedem Menfchenfinde wird der Erlöfer | hat feine Freude. Da ift fein Kind und
neu geboren, unnennbare Seligfeit guten | ba ift fein Weib, und er geht in den
Elternherzen ſpendend.
Therefe ging fait in Mutterliebe
auf; fie fühlte fein Herz mehr in ihrer
Bruft, fie fühlte es vor fich liegen in
der Wiege.
Franz arbeitete mit neuem Muth
und blidte mit hellerem Auge in die
Melt hinaus. — Da jah er hier einen
Hafen fauern, dort ein Reh hufden ;
da hub ihm das Blut zu wallen an,
wie lauter glühende Bleifugeln heiß. —
Und der jungen blafien Mutter müfje
ein frifcher Braten gar fonderlich wohl
befommen.
Als Thered wieder todtes Wildpret
im Haufe fah, zerrte fie den Gatten
von der Wiege des Kindes, wo er eben
geftanden mar, führte ihn in einen
Mintel des Vorgemach's und fagte:
„Unjer Sohn fol das Wort nicht
hören: Franz, du bift ein Wildſchütz' —
ein Dieb!“
Sie ließ ihn ftehen und ftürzte da-
von und brach an der Stätte des Kindes
zufammen.
„Und Du!“ rief Franz zur Stube
hinein, „Du bift ein überfpanntes Ding.
Thun es andere auch; wenn ‘jeder des—
halb ſchon ein Dieb wär! Der Herrgott
hat die Thiere des Waldes für alle er:
ſchaffen!“
„Darauf laß' ich mich nicht ein,“
ſagte ſie, „Du willſt das letzte Wort
haben; du weißt ſo gut, wie ich, was
Unrecht iſt.“ Bald aber erhob ſie ſich,
trat ihm einige Schritte entgegen, faltete
zitternd die Hände in einander: „Franz,
böſ' hab' ich's nicht gemeint. Und wenn
Du ſchon das Unrecht nicht willſt
ſehen, ſo denk', es könnt' einmal zu
Deinem Unglück ſein. Geh', mein lieber,
mein guter Mann, laß' das Wildern
bleiben!“
„Ich weiß ja, Du willſt mir keine
Freude gönnen!“ rief er unmuthig und
ging davon.
Da hatte ſie kein Wort mehr, als
den heißen Thränenſtrom, der auf das
Wald hinaus und ſucht ſich eine
— „Was kann mir denn geſchehen?“
dachte Franz; „jetzt iſt ſchon gar keine
Gefahr — iſt ja der Jäger krank und
der neue Gehilf iſt noch nicht ange—
kommen. Jetzt iſt die Zeit dazu.“
Und er nahm wieder das Gewehr
unter den Wollenmantel und er ging
davon.
Theres bat ihn noch einmal, hielt
ihm das Kind entgegen: „Franzele,
bitt' auch Du Deinen Vater! halt’ ihm
das Händlein hin, ftreichle ihm bie
Wange; —- 's ift ja Dein lieber, braver
Vater, und er bleibt gewiß daheim,
bei feinem kleinen Bübel.”
Das Knäblein lächelte, zupfte an
dem Bart des Mannes und wollte nicht
auslafjen.
„Nu nu“, ſchmunzelte Franz, „ich
fomme ja bald wieder. Nur einen Habicht
will ich heut’ aus der Luft brennen, er
frißt uns ja fonft die Hühner auf. So
Raubthiere muß man austilgen.“
Und er ging pfeifend hinaus in ben
herbftlihen Wal. Er ſah ſich nicht
mehr um, denn er wußte wohl, Therefe
ftehe no vor dem Haufe mit dem
Kleinen und blide ihm nad mit weinen:
dem Auge.
Und als er in den Wald fam und
fein Späherblid die Thierlein ſah, die
friechenden, die fliegenden, die ſpringen—
den — fo Hub feine Begier gemaltig
an zu glühen. ...
Theres nahm den Kleinen mit auf
den Ader und grub Kartoffeln aus der
Erde, und war emfig und unermüdlich
dabei. Wenn man Herzweh hat, fo muß
man brav arbeiten, dann wird's gut.
Heute wollte es aber nicht gut wer:
den. Heute fam eine ganz befonbere
Angft über das arme Weib, als ob
etwas Arges nahe wäre. Sie betete in
Gedanfen um Schu für ihren Mann.
Dabei fam ihr in den Sinn: Wie fann
denn der gerechte Gott Diebe beim
950
Stehlen beſchützen! — Aber fie betete: mit Luft. Und das Weib ftrengte fein
„Du, fein heiliger Schugengel, beſchirne Ohr an und meinte einen Laut, einen
fein Herz, beſchirme es vor fündhafter | Schritt ihres Mannes zu hören — und
Begier. Er ift ja fonft ein guter Menſch,
thut Niemand was zu Leib und ift gar
ein braver Gatte und Vater. Du lieber
Gott, das fann ich dir wohl mit Freu:
ben jagen!” — Sie ſchluchzte dabei
und grub und grub die Erde auf und
grub in Gedanken oft tiefer ein, als
die Früchte lagen. Das Knäblein — es
war ein halbes Jahr faum alt —
jauchzte bel und verlangte nad der
Mutterbruft. Sie vernahm es heute faum,
und als fie den Spaten fahren ließ und
zum Sinde kam, war dieſes einge
ſchlummert. —
Es ging gegen Abend. Das Genögel
ſchwieg, die Hühner ſaßen auf ihren
Stangen. — Franz war noch nicht
zurüd.
Theres hatte lange in's Weite ge:
blidt; ihre Unruhe war heute milder
Natur. Und als jeßt der fpäte Abend
fam, harrte fie nicht mehr länger. Sie
nahm das fchlummernde Kind auf den
Arm, hüllte e8 ein mit des Waters
brauner Joppe, verfchloß das Haus und
ging dem Walbe zu.
Kein Aft und Fein Baummipfel
rührte fih. Die langen Schatten ber
Bäume lagen da, junge, wachſende Kin:
der der Nacht. There ging an einer
Schlucht hin. Das raufhende Wafler
that ihr weh, denn ihr war, als müſſe
fie diefe unheimlich zifchenden Stimmen
verftehen, und fie verftand fie doch nicht.
Sie ftieg die Lehne hinan und war
ſorglich, daß fie das Kind nicht wecke.
Neben Büſchen von Enzian ſetzte fie fich
auf einen Stein und hordte. Alles
ſchwieg und war im Frieden. — Und
wenn ein wilbleidenfhaftlic Herz pochte
im Walde, man müßte es hören von
Weitem in biefer reinen Abendruh'. —
Die blauen Gloden der Enzianen mwieg-
ten fih fanft, und es ging doch Fein
Lufthauch; fie läuteten und man hörte
das ewige Klingen der Stille.
Jetzt erwachte das Knäblein. Die
Mutter reichte ihm die Bruſt. Es trank
ſie hörte doch nichts.
Dann blickte ſie die blauen Blumen
an, die wie Flämmchen noch leuchteten,
da es ſchon dunkel war. — Irrlichter
ſollen auch zuweilen in blauen Ylämm-
chen leuchten. Aber Blumen ſind keine
Irrlichter; Blumen ſind Augen Gottes
— ſo hat's oftmals die Ahne geſagt.
— Und jetzt, Franzele, jetzt blickt uns
Gott an mit ſeinen blauen Augen. Schau,
er hat uns lieb; — Gottes Auge wacht
auch über dem Vater. ...
Ein Knall — — da war ein
heißer Blitz durch den Buſen des Weibes
gegangen.
Sie ſtieß einen lauten Schrei aus
— ſie preßte das Kind an ſich.
Franz Schlager hatte den Schrei
gehört, nachdem er die Kugel abgejandt
nad dem braunen zudenden Punkte
zwifchen den Büfchen jenfeits der Schlucht
— vermeinend ein eben früher aufge:
flöbertes Reh zu erlegen. Er hörte den
menfhlihen Ruf und eilte und fprang
über Stod und Geftein, die Tiefe hin—
ab, den Gang hinan — und fand fein
fterbendes Weib.
Das Kind fog nod an der Mutter:
bruft, über welche vielarmig die Bäch—
lein des Blutes riefelten. Das Weib
war mit matten Bewegungen nod be:
müth, das ftrömende Blut fo zu wenden,
daß es fi nicht vermifche mit ber
Muttermild, deren fi das liebe Kind
zu dieſer Stunde das lehtemal erfreute.
Mit wilden Geftöhne ftürzte Franz
bin, mit bebenden Armen ri er ihr
finfende8 Haupt empor. Sie hob noch
das Augenlid und fagte leife: „Mein
Franz — gelt — das Wildern — laft
fein ?*
Er that einen rafenden Schwur, er
ließe es fein.
Sie fagte nit? mehr. Noh em
Blid gegen ihr Kind — ein zitternbes
Tröpflein in ihrem Auge — — dann
war es ftarr und öde auf dem lieben,
trautfamen Antlitz.
951
Franz mar wie zu Stein geworben
vor Schred und vor urplöglicher Pein.
Die Enziane läutete doch till in
der ruhfamen Naht . . . auf der Erbe
war fie nicht gehört, aber in den Him—
meln hat diefe heilige Sterbeglode ge:
Mungen.
Und das Kind fog — verlangend
nah ſüßer Mild, und trank das warme
Blut des Mutterherzens.
Steirifche Sagen.
Das Scapkäftlein des Landes,
In grauer Vorzeit war's, da haben
eine Tages die Bewohner der Gegend
am Leopoldfteinerfee aus diefem Waſſer
beim Fifhen einen Waflermann gefan:
gen. Waflerfräulein — jene Weſen,
die „oben Menſch und unten Schlange“
find, wären leicht fchlau geweſen und
entlommen ; aber ber Waflermann hat
baß nicht au dem Nehe mögen. So
bat er gejagt: „Laßt ihr mid) frei,
fo meife ih eud einen Schatz, der
ungeheuer iſt.“
„Weifeft du uns einen Schag, ber
ungeheuer ift, fo laſſen mir dich frei”,
hatten hierauf die Leute geantwortet.
„So lang’ ihr meinen Reden nicht
vertraut”, hat der Wafjermann gejagt,
„jo lang’ kann ich euch den Schaf nicht
geben. ”
„So lang’ du uns den Schaf nicht
gibft“, Haben die Leute geantwortet,
„jo lang’ können wir auf dein Reben
nicht vertrauen.“
„Ih betrüge euch nicht“, fagt her:
nah der Waflermann, „und ich wünſche
nur, daß ihr euch felber nicht betrügt,
wenn ich euch frei ftelle, den Schat
felber zu wählen. Laßt ihr mid frei,
fo mögt ihr ein reiches Silberbergmwerf
haben, das aber nad der Jahre ein:
hundert erfchöpft fein wird; oder ihr
mögt einen Eifenberg haben, der nim—
mer zu Ende geht. Jetzt wählt.“
„Wir wollen das Silberbergwerk
haben und mir mollen den Eifenberg
haben,“ fagen Etliche, „ſonſt laſſen wir
dich nicht frei.“
Ein alter Mann ift unter den Leu:
ten, der fpridt: „Laßt euch von Hab:
fucht nicht verblenden !*
Da rufen fie: „Wir mollen das
Silber!"
„Das nah der Jahre einhundert
erfchöpft iſt!“ fagt der alte Mann mit
warnender Stimme.
„Bis dahin brauden wir fein Sil-
ber mehr,“ rufen die Leute.
„Wie ihr, fo fpreden Alle die
Kurzfihtigen, die über ihren eigenen
Bauch nicht Hinauszubliden vermögen.
Die Neihe eurer Kinder und Kindes-
finder wirb fortgehen, weit in bie Emwig-
feit hinein. Die Nahlommen werben
Kämpfe haben, die nit mit Silber,
felbfl wenn fie eins hätten, auszu—
fechten fein werben. Ich rathe euch
gut: nehmt das Eifen, das nimmer
zu Ende geht!“
Da haben fie den Eifenberg gemählt.
Der Waflermann hat ihnen den Erz:
berg gezeigt und fi dann in die Flu—
then geftürzt.
Und nod heute fteht mitten in un-
ferem fchönen Land, von hohen Felfen
umſchloſſen, das unerfhöpflihe Schaf:
fäftlein der Steiermarf.
Das Türkenfeld.
Zahlreich find jene Stätten, welche
der Volksmund zur Erinnerung an bie
harten Zeiten der Noth und Trübfal
benamfet, in melden die blutgierigen
und beuteluftigen Horben der Osmanen
unfere lieblihen Thäler überflutheten.
Wer weiß nicht von einem „Tür:
kenkreuz“, einer „Türfenfhanze”, einem
„Zürfengraben“ u. f. f., und erinnert
fih nicht gleich dur diefe Zeugen an
mande ſchauderhafte That jener Blut-
teufel?
Auh das obere Murthal hat fie
aufzumweifen, jene Zeugen, und ſolche
erzählen uns ſchreckliche Geſchichten.
Wenn man !, Stunde von der
Bahnftation Lorenzen unterhalb Knittel-
feld rechts über die Mur gegen bie
952
Sedauer Alpen zu wandert, gelangt|der erftere Platz als „Zürfenfeld“ be-
man in's Feiftrigthal und in den weiten, |fannt. Wenn, fo erzählen fich die Leute,
mit faftigen Wiefen und fruchtbaren | jenes thatſächlich einem Ader gleichende
Aeckern bededten Mareiner Boden. Unter | Feld wieder mit Gras fich zu beveden
den vielen Dörfern fällt uns hier auch beginnt, dann kommt der Türke wieder.
Pranf mit dem gleihnamigen Schloſſe Aber über den Boden ift ſchon
auf, das zwiſchen den Bäumen ftolz in |lange wieder Gras gewachſen, blöckende
den Boden hinaus ſchaut. Die Pranker Heerden thun ſich darauf gütlich —
waren ehemals ein berühmtes freiherr- | ein friedliches Bild auf blutigem Hin—
liches Geflecht, tapfer und muthig in|tergrunde; ftramm fteht der Speif da
mand hartem Strauße. auf luftiger Bergeshöh, aber die Tür-
Als im Jahre 1480 die Türken | fen blieben aus und Gott wird es geben,
aud das Oberland heimſuchten, an wel- daß fie unfere Thäler und Triften nie
ches Jahr eine Pergamentfchrift auf wiederſehen. &. Paner.
der Nüdfeite des Altares der '/, Stunde
ſüdlich von Pranf Tiegenden Kirche
Marein erinnert*), drangen felbe auch ; nt
in's Feiftrigthal ein, allwo fi ihnen ei — feift su 4
n ine Geſchichte aus Kärnten.
eine muthige Schaar, angeführt von
den Pranfern, entgegenftellte. ' Und fieben Plagen famen über
Das Häuflein focht wader, mußte | Egypten. — Es wären ſicherlich acht
aber der Uebermacht weichen und viele | gefommen, aber die Eifenbahner
Todte auf der Mahlftatt laſſen. Der | find damals nod nicht gewefen. — So
ſich rettende Theil zerftob in verfchiedene | ergänzte ein Landmann bes Gailthales
Richtungen. das zweite Buch Mofes, zur Zeit, als
Die Sage erzählt nun, daß eine |fie im Thale die Eifenbahn bauten.
Abtheilung Chriften in’s Gebirge hinter | Die „Eifenbahner“, wo fie das erfte:
dem Zinfen und der Hocalpe flüchtete, | mal einfallen, find der Schreden der
wo fie in den vielen Gräben und Ber: | Gegend. Die böhmiſchen Erdgraber gra-
gen Rettung zu finden hoffte. Die ent- | ben nicht allein dort, wo die Bahn wer:
fefielte Mordgier aber trieb die Türken | den joll, fondern auch auf allen Erb-
nad, und die Chriften wurden gefangen. | äpfelädern der Nachbarſchaft. Die italie-
Nun follte eine herzlofe, entfegliche niſchen Steinſchlager ſchlagen nicht allein
Quälerei ausgeführt werden. Die Tür: | Steine, fondern auch Bauern, wo ſich
fen zwangen die Armen, Pflüge auf |diefe den Fremdlingen entgegenftellen.
die Hochalpe zu fchleppen und oben ange: | Aber die ſchlimmſten dabei find bie
langt, mußten diefe unter Säbel- und deutſchen Ingenieure felbft. Da kommen
Peitihenhieben den felfigen Boden um: | fie mit ihren Schnüren und Meßſtan—
adern. Als die Arbeit gethan, fchleppten | gen und fahren dir drein, Bauer, über
die Türken die Halbtodten auf die Wiefen, Felder und Gärten, die bisher
gegenüberliegende Bergeshöhe, Tießen ihre | dein und deiner Vorfahren unangetafte-
Opfer das blutige Werk befchauen und tes Eigenthum find gemefen. Im Grund:
megelten fie hierauf ſämmtlich nieder. | buch ſteht's und das ift feft wie ber
Der Volfsmund benennt diefe Stelle | Erdboden. Kein Erdbeben und fein Feuer
mit dem Namen „Blutfattl“ und ift hat dieſes Eigentbum angegriffen, das
= Wafler hat vielleicht einmal den grünen
PR. ulgen * wörtlich — Raſen zerriſſen, aber den Platz hat es
„Anno Christi Geburth Alss man hat Zalt nicht mit forigeſchwemmt. Als vor vielen
MCCCCLX) { i
die [Dündert Jahren ber Babrat) nieberge
Türkhen das Jungfreiliche Bildt Zerhakht. | broden war, da hat er wohl das Thal
Gott erbarme's. —“ begraben, aber er hat einen Berg da:
953
für hingeftellt, auf dem wieder mas
wachſen konnte. Und ſelbſt die Franzo—
fen, als fie da waren, haben das Eigen:
thum der Leute geſchont. Und jetzt
fommen auf einmal die Ausmefjer und
fagen: „Hier wollen wir unfere Eiſen—
bahn bauen und diefen Weidegrund und
diefen Ader und diefen Garten mußt
du uns dazu geben!“ — „Nein, ſagſt
du, „der ift meinen Boreltern nicht
feil gewejen und ift auch mir nicht feil.“
— Mir bieten dir dafür dieſe oder
diefe Summe“, fagt der Ingenieur,
„dann aber mußt du uns den Grund
abtreten!" — „Muft?! Was ift denn
das für ein Eigenthbum”, ſagſt du,
„das man mir in einem Rechtsſtaat
nehmen fann, wann man will? Mir
ift gerade an dieſem led Erbe gele-
gen und um Geld ift er nicht feil.“
Es hilft dir nichts, das Geſetz ift
ftärfer, als dein Wille, Bauer, und —
das ift gut. — Wenn's auf euch Bauern
anfäme, lebten wir heute noch mie die
Wilden und das Eigenthum mwäre erft
recht nicht gefichert. Ueberall und zu
jever Beit, wo es georbnete Staaten
gab, hat der Einzelne zum Wohle des
Ganzen opfern müſſen. Warum zahlt
ihr die Steuern, warum laßt ihr eure
Söhne in den Krieg? Feldfrudt und
Söhne find doch auch euer Eigenthum.
Ihr jeht die Nothmendigfeit des Krie—
ges nicht ein — ih aud nicht — und
ihr gebt doch die Soldaten. Ihr feht
die Nothwendigfeit der Eifenbahnen nicht
ein, aber ihr werdet fie nicht hindern
fönnen, denn alle Welt weiß: da bie
Eifenbahnen einmal find, fo müſſen fie
fein und fein Menſch wird fie mehr
aus der Welt fchaffen.
Wer fi widerſetzt, der geht zu
Grunde.
Das Gefeg verlangt, daß dem
Bauer für ein der Eifenbahn abgetre:
tenes Grundftüd um ein Erfledliches
mehr gezahlt werde, ala es unter Brü-
dern werth ift. Das Gefeß ift alfo auf
ift zu Nutz und Frommen eine Ge:
ihichte davon zu erzählen.
„Ei geht, ei geht”, fagt der Schot:
terhanns, „da mögt ihr reben, was ihr
wollt, was mein tft, ift mein, und ich
geb’ meinen Grund nicht her. Ich laß'
mein Haus nicht nieberreißen, in dem
meine Voreltern gelebt haben; ich will
fterben in dem Haus, in welhem meine
Voreltern geftorben find.”
Aber die Eifenbahn ift fo tracirt,
daß diefes Stüf Grund gar nicht zu
umgehen ift und juft, wo des Schotter:
hanns Haus fteht, muß die Bahn darü-
ber. Das weiß der Hans recht gut. Es
ift ihm insgeheim auch nicht der Vor:
fahren wegen, man erinnert fi nod,
wie er feinen alten Vater auf dem
Tobdtbett behandelt hat. — Aber der
Vorwand ift ſchlau, Hanns, und viel
Geld läßt fih herausfchlagen.
Nicht mehr ala viertaufend Gulden
ift die ganze Befitung werth, das Haus
ift Schon im Einfallen. Aber man bietet
dem Hanna adıttaufend.
„Nein!“ fchreit der und denkt:
„Haben müfjen fie’s, fonft können fie
ihre ganze Eifenbahn nicht bauen.
„Nun denn, Schotterhanns, wie viel
verlangt hr eigentlich für diefes arme:
lige Anmwefen, das faum zehn Klafter
in der Breite hat?“
Da nimmt der Hans den Mund
voll und fagt: „Sehzehntaufend
Gulden.“
— Gut, denkt fih der ingenieur,
bei fechzehntaufend Gulden hört feine
Pietät auf. Die Bahn hier geht auf
einem Damm. Was foftet eine Brüde
über Haus und Grund des Schotter:
banns ? — Höchſtens neuntaufend Gul:
den. — Schön, hier wird eine eiferne
Brüde gebaut und der Hanns fann im
Haufe feiner Vorfahren leben und fterben.
Nach wenigen Monaten brauft über
das Dad des Schotterhaufes das Loco:
Seite der Bauern, dann aber zwingt es. | motiv dahin. Der Hanns ftarrt das
Beim Schotterhanng haben fie’3 nicht | ſchwarze Ungeheuer drohend an. Es
auf den Zwang anfommen laffen und | pfeift auf ihn.
954
Der Hanns will Prozek führen; im Sommer die Steinnelfe und im
die Doctoren mweifen ihn ab, die Leute | Herbfte das Schweinäbrot, wo die Ameife
laden ihn aus. Grund und Boden ge: und die Eidehfe und der langfüßige
hört ihm, aber nicht der Raum über | Weberfneht und die Libelle und die
feinem Giebel.
Um taufend Gulden mödte er nun
das Anweſen unter der Brüde verfau-
fen. Er findet feinen Käufer. Er wird
wahnfinnig und ftirbt — mie er's ftets
gewünſcht hatte — im Haufe feiner
Vorfahren.
Bas Bedactions-Bureau des
„Heimgarten“.
Ein Schreiben an die Berlagshandlung.
Die momentane Abmwefenheit des
Herausgebers benüßend, möchte ich dem
„Heimgarten“ einen Streich fpielen, den
mir fein Herr Rebacteur wohl kaum
jemals vergeben würde, wenn er wüßte,
wer ih bin. ch bin einer feiner Ge-
treuen, bezwede in dieſem Schreiben
nichts Schmählicheres und nichts Qufti-
geres, ald die Geheimniffe des Redac—
tionäbureaus zu verrathen.
Ich habe die Ehre, die Saifon
über dem Bureau anzugehören — ob:
gleich fich dasfelbe nicht ſehr für indiscrete
Mitglieder eignet.
Die Adrefien an den „Heimgarten“
fommen, mie auf der MWildtaubenpoft,
in das laufchige Tannenwäldchen, mel:
ches, mwenngleih mit größeren Waldun—
gen zufammenhängend, nur etwa zwan-
zig Minuten vom Dorfe K. im fteieri«
ſchen Oberlande entfernt ift. Es führt
fein Weg in's Wäldchen, auf gewöhnlichen
Versfühen ift der Wildfarren und das
wuchernde SHeidefraut nur ſchwer zu
paffiren, am beften wäre e8, man flöge
hoch in den Lüften auf dem Pegafus dahin.
Die fanfte Waldhöhung mit ihren
Moosdivans und Felstiſchen ift für's
Geſchäft wie gefhaffen, gibt Licht und
Luft. Und die jungen Bäumden und
die hohen Büfche geben treffliche enter:
vorhänge und laſſen doch durch ihr
grünes Gefchleier und Gemipfel Sonnen:
ftrahlen nieberfliegen auf den Boden,
wo im Lenz das Veilden wächſt und
Erdhummel und allerlei Falter riechen
und fliegen und mo vom Dorfe her
wöchentlich zweimal die loderen Wögel
der Schöngeifter zufammenfommen und
eine Monatsjhrift machen. Auch junge
Frauen und feine Herren aus der Refi:
denz find da, die in der Stabt von
dem Naturleben des Waldes ſchwärmen
und fih im Walde an den Geiftes-
ſchöpfungen der Gebildeten ergößen. Der
Gegenſatz mirkt- und fo folgen fie recht
gerne der Einladung in’3 Rebactions-
bureau unter den Tannen.
Die größte Plage in allen Redac—
tionsftuben find die Eintagsfliegen; auch
im Walde ift es gut, mit fcharfem
Raude die Müden abzuhalten. Und
Jungfrau Rofa, nebenbei bemerkt, die
eifrigfte und ftrengfte Richterin der
Manufcripte und die giftigfte Mitarbei-
terin der Rubrik: „Poſtkarten des Heim:
garten“ hält zwifchen ihren Rofenfin-
gerhen zierlic die Cigarette und weiß
aus dem Rauch allerlei Ringe und
Ketten zu blajen, daß mander Nach—
bar davon baf umftridt wird.
Beſſer anzurathen ift der Steinfig
neben Emma, der Tante. Diefe fett
fih nie in's Meiche, hat aber immer
Süßigkeiten bei fih und — wenn Poe:
fien vorgelefen werden — immer Thrä-
nen im Auge und für jedes Manufcript
irgend ein Wort ſchöner Anerkennung.
Mitunter fchleiht auch ein Bäuerlein
in die Nähe, legt fih auf den Baud,
ftügt feine Wangen auf die Fäufte und
horcht unferen Lefungen und entbricht
fih nicht, bisweilen durch ein Neigen
feines Kopfes Mißfallen oder Zuftim:
mung zu äußern. Geheimnißvoller bleibt
der hinter dem Geftämme lauernde
Ameiöler, welcher auf feine hohle Hand
ftarrt und unentſchloſſen ift, ob er's
wagen foll, fi) aus derfelben von uns
— wahrſagen zu lafjen:
Endlich hören wir jodeln. Der Chef:
rebacteur fommt. Unter feinem Arm
955
trägt er bie doppelbauchige Redactions—
mappe. Auf feinem Gefichte fpielt ein
vergnügtes Lächeln, denn die Mappe ift
feit der legten Sitzung wieder recht
gefegnet worden. Mitten in der Gefell:
ſchaft ftredt er fi auf’s Moos. Tante
Emma bietet ihm geprefte Datteln an;
er dankt verbindlichft, aber hinten auf
» dem Baumaft Iugt ein Eichfäschen Lüftern
nach der abgelehnten Frucht. Der Chef
lobt ald Naturfreund den Harzbuft
des Maldes und — ftedt fi eine
Cigarre an. Darauf öffnet er die Mappe;
das Eihfägchen nimmt erfchroden Reif:
aus. Die Begleitfchreiben der Manufcripte
lieft er ftetö für fich. Aber einmal gudt
ihm eine Nachbarin über die Achſel in’s
Papier und lacht auf. Was nur für
ein Spaß drin fteht? Keiner. Mißkannt
von feiner Zeit bietet ein Jüngling
feine Poefien an. Es find Lieder der
Sehnfuht, Grüße an Mina — von
Herz und Schmerz und im Monden—
fcheine. Für das nächſte Heft ift es ihm
leider nicht möglih, mehr ala zmölf
Stück davon zu ſchicken, weil er bie
weiteren erſt rein abfchreiben will;
er muß daher den Herrn Redacteur
mit ferneren Einfendungen auf das
übernächſte Heft vertröften.
Brief und Poefien werden bei Seite
gelegt. Dorfſchwalben Freifen in der
Luft und zwitfhern: „Wannft nit ſchena
fonnft finga, ja fumper alloan in bein
Zimmer, ad miafins nit oli Zeit wiſſn,
wia ſchlecht as dei Schdim is!“
Wenn mander Dichter wüßte, wie
feine Apoftrophen auf Rofen und Veil—
hen, auf Vöglein und Lüften im
Walde übel vermerkt werben!
Geradezu Lügen ftrafen ihn mitunter
die Pflanzen und das Gevögel. Es ift
auch gefchehen, daß, während wir fchöne
Jagdabenteuer lafen, rüdwärts im Ge:
büfche die Hafen und Rebhühner lauſch—
ten und ficherten.
Doch gibt's Auffäge, gegen welche
gar nicht? einzuwenden ift, als daß
fie dem „Heimgarten“ geſchickt wurden.
So z. B. ein Artikel über das Ein:
kochen von Obft, oder ein Leitfaden
für Geflügelzudt. Oder eine Abhandlung
über Kirche und Staat, oder über den
öfterreihifchen Indifferentismus im ruf:
fifch-türfifhen Krieg, oder über Miß
Paſtrana, oder eine Philippika gegen das
Tabakrauchen. Alles ungelefen bei Seite
gelegt. Eine Dame in Berlin bietet
ihren dreibändigen Roman an. Bleiftift-
anmerfung: „Danfen. Würde in unferer
Monatsſchrift drei Jahre lang laufen“.
Ein Schredruf gellt. Einer der Ne:
dactricen ift eine Eidechſe über die
Schuhſpitze gehuſcht; fie ſucht ohnmäch—
tig zu werden. Der Redacteur macht
aufmerkſam: „Ohnmachten ſind hier
nicht geſtattet.“ — Ein Eſſai über Carl
den Großen wird geleſen; gediegene,
geiſtvolle Arbeit. Doch der Oberlehrer
aus dem Dorfe unterbricht den Vor—
leſer, er müſſe bemerken, daß dieſer
Aufſatz wörtlich aus Weber's Welt:
geſchichte abgeſchrieben ſei. Notiz für
die „Poſtkarte“: „Vortrefflich, aber Dr.
Georg Weber war ſo unverſchämt, Ihre
Studie verfaßt und bereits nachgedruckt
zu haben.“
Endlich bringt ein prächtiges Stück
naturgeſchichtlichen Inhaltes und eine
geiſtvolle Abhandlung aus der vater:
ländifhen Gefhichte jene Stimmung in
den Kreis, unter welcher ed eine Luft
ift, Redacteur zu fein. Bedeutende Er-
zähler, echte Poeten finden fich ein und
es entfpinnt fih im heimiſchen Walde
ein edler, inniger Verkehr mit ben
hellen Geiftern in der Ferne. Freilich
ift plöglic wieder ein hochlyrifches Ge-
dicht da, das an niemand Geringeren,
als an Heinrich Heine erinnert, aber
nur an feine Fehler, und bei welchem
die Dorfipagen und die Gimpel auf
den Wipfeln fo läſterlich zwitſchern,
daß der Vorlefer einhält und mwie der
heilige Franziscus zu den Vögeln jagt:
„Wenn ihr’3 beſſer könnt, fo will ich
ſchweigen!“ Und die Verſe bei Seite
legt. — Hierauf die Notiz in den Poft:
farten“ : „Bon den Spaten abgelehnt.“
So werden in diefem Walbbureau
die Dichter und Schöpfer nit von
Sournaliften, fondern von Menfchen
956
und Thieren gerichtet. Annahme oder
Ablehnung fann nur durdh Stimmen:
mehrheit entjchieben werden. Eigenthüm-
Ih dabei ift nur, daß Tante Emma
ftets für die Annahme, Jungfrau Roſa
regelmäßig für die Ablehnung ftimmt.
„Aber bedenken Sie, Bejte”, ruft
der Nedacteur der Erfteren zu, „daß
wir monatlih nur fünf Bogen Raum
zur Verfügung haben!“
„Und bedenken Sie, Fräulein”, ruft
er zur Andern hinüber, „daß wir monat»
lich fünf Bogen Raum zu füllen haben.“
An Tagen, wenn im Redactions:
Bureau Erzählungen von dem Heraus:
geber des Blattes felbft zur allgemeinen
Beurtheilung kommen, ift es ſchon ge:
ſchehen, daß zum Beginne der Sitzung
der Chef den Wunfh nad Erbbeeren
ausgebrüdt bat. Jungfrau Rofa —
unerbittlih ftrenge in der Kritik, aber
liebenswürdig, wo es fi um Erdbeeren
handelt, ift die Erfte, welche nach den
Erfrifhungen ſuchend davonſchwebt. Wäh-
rend ihrer Abmwefenheit wird rafch die
Novelle des Herausgebers acceptirt. Und
wenn dann die Jungfrau hochgeröthet
und geſchürzt, mit der föftlihen Frucht
im Körbchen zurückkehrt, ladet der Herr
Redacteur ſtets das ganze Redactions-
perfonale höflichft ein zum Erbbeerfchmaus.
Während und nad; der Mahlzeit
wird die Natur bewundert; aucd Yung:
frau Roſa ift eine Freundin berfelben,
doch zollt jie ihr niemals das unbedingte
Lob, der Wald ift ja recht hübſch grün,
aber das Schleifenband der Jungfrau
ift no grüner. Die Natur könnte mehr
leiften, wenn fie wollte.
Nein, jagt der Förfter: „Die Spaten
wollen befjer fingen, als fie fönnen.“
Allmälig hat fi der Schatten gewen⸗
det, die Geſellſchaft fitt in der eitlen
Sonne. Lager wechſeln! In die Redac-
tionsmappe haben fih Ameifen und
Käfer verirrt und krabbeln in größter
Todesangft hin und her und werben
endlich zerpreßt zmifchen zwei Blättern,
welche von einem fühlenden Herzen „zum
Schute Heiner Thierchen“ gejchrieben
worden maren.
Eines Tages fand fich in der Mappe
ein Ciclus von Gedichten vor, unter
dem einladenden Titel: „Die Gefchichte
meiner Liebe’. Wir lafen, ed war fo
feltfjam: Das Mädchen liebte einen hol-
den Jüngling — zuerft fahen fie fi
— das gab acht Strophen; dann erfuhr
fie feinen Namen — er hieß Victor —
bot aber nur wenige Bersfüße; dann -
begegneten fie fi und ſchenkten einander
Blumen, das veranlaßte mehrere ſchöne
Reime von Stengel und Rofen, Engel
und Kojen. Dann füßten fie fih, das
gab einen Vers mit zwei Daftylen und
einem Spondäus. Endlich war der Jüng—
ling treulos verſchwunden und das gab
nichts mehr, als einen Gedanfenftrid.
Jungfrau Roja war diesmal für
die Annahme; die Verfafjerin war nicht
genannt. — Es ift immer gefährlich,
wenn ſich unter dem Nedactionsperfonale
eines belletriftiichen Blattes Dichter be:
finden und ift in folden Fällen die
Methode des Abftimmens zu empfehlen.
Dadurch maden fih die Mitglieder
gegenfeitig felbft unſchädlich. — Dod,
ich will meine Indiscretionen nicht mehr
weiter treiben. Eher darf ich verrathen,
daß die Mappe für den nächſten Jahr—
gang wohl gerüftet ift, daß Erzählun-
gen drin find, die uns im Walde das
Herz erquidten; Auffäte, die und den
Geift erfrifchten und bereicherten; Ge:
dichte, die zwar belaftet find mit dem
Nein der Jungfrau, nichtödeftomeniger
aber auf uns mirften, wie der helle
Lerchenſang über unferem Haupte.
Gefhihthen und Späße für die
„Kleine Laube“ wachſen in unjerem
Bureau wie Schmwämme aus der Erbe,
nur Schade, daß fie, wie Schmämme,
meift wieder faul find, ehe fie in ber
Druderei präparirt werden fünnen. —
Schließlich erwähne ich Ihnen noch einen
ganz befonderen Vortheil unfereö Bureaus,
um den ed wohl von allen Zeitungs:
ftuben der Welt beneidet werden wird
— es kennt den Setzerjungen nicht.
Der blaffe Plagegeift im ſchwarzen Röck—
lein mit dem defecten Ellbogen
das böfe Gewiſſen des Schriftitellers —
957
das Subject, mit dem der größte Philo: | fie ihm vor die Füße. Von den Feldern
foph über „Zeit und Raum” in Zwie:
fpalt gerathen kann, aber fo, daß ber
Raum des Seterjungen bed Philofophen
Zeit frißt — dieſer Plagegeift eriftirt
bei und nit. Ebenſo ift der Dietrid)
der Nedactionen, die Scheere, hier unbe:
fannt, vermuthe jedoch, daß der Herr
Chef in feiner Wohnung eine birgt aus
vergangener Zeit. Diefelbe ftibigt aber
nicht Notizen, fie hat nur gelernt, Loden⸗
joppen zuzufchneiden und muß jet arg
verroften.
Die Nedactionsftunde tagt ohne
jeglihe Preſſion oft fo lange, bis die
Glühwürmer leuchten, die Wachtel im
Kornfelde ihr „Kriegft mi nit“ fchreit
und das Käuglein in der hohlen Lärche
jauchzt.
In der Nacht aber lauert auf dem
Platze der Fuchs, der Ihnen, geehrter
Herr Verleger, hinter dem Rücken des
Redactions-Comités dieſe Zeilen über—
ſendet und um deren gefällige Notiz—
nahme erſucht.
Herbſt.
Wenn das Jahr am September—
oder am Octobermorgen die Augen auf—
macht, ſo blickt es trübe drein — ein
froſtiger, grämiger Blick. Oder ſollte
dich, du gutes Jahr, in deinen alten
Tagen noch das Unglück des grauen
Staars treffen? — Herbſtnebel. Gott:
lob, es iſt nur Schlaftrunkenheit nach
den fühlen mond- und ſternenhellen
Nächten, in denen du bei deinen Frucht:
reihen Gärten und Reben gewadht und
geihwärmt haft, du Tiebes, betagtes
Sahr. Und erjt gegen Morgen haft du
deine graue Schlafhaube aufgefegt, die
dir fpät am Vormittage die Sonne
wieder herabftreift. Und dann bift du
holder nnd heiterer, als du es je warft
im Frühling und im Sommer. Dichter
jagen, du wäreft ein Mütterlein, thäteft
Herbitfäden fpinnen; aber du küſſeſt
aud noch und dein Hauch ift fruchtbar
und reift die fchwellenden Früchte; der
Menſch langt nah ihnen oder du legſt
ächzen die legten Fuhren herein; in
den Weingärten flingt der Jubel der
Leſe. Auf den Auen grafen und jchellen
die Rinder. In den Wäldern und auf
dem Gefelje ftreichen die Säger; aber
auf den Hochwieſen liegt am Waldfaume
der Reif den ganzen Tag. Es ift ftill;
die Vöglein ſchweigen. Nur die Gloden
der Zeitlofen läuten; man hört e8 nicht,
aber man fühlt eg — fie läuten Feier:
abend und fie läuten Verfcheiden.
In mandem Dorfe gellt die Kirch-
weihluſt; das ländliche Leben ift geklärt,
die Städter find in ihre Mauern gezogen.
Der Winter mit feinen Schneewällen
zieht die Grenze. Der Landmann vergißt
bald auf den Städter, diejer aber begibt
fih der Kunft und fpinnt nebftbei den
langen Winter über an feinen ſommer—
lihen Erinnerungen. Die Natur hat
Stadt und Dorf zufammengeführt, die
Natur hat fie wieder getrennt. Es ift
feine Einheit möglich zwifhen Sommer
und Winter, zwifhen Dorf nnd Stadt.
Bücher.
Peter Philipp: Eine verfinkende
Welt.
Eine dramatiſche Dichtung (Wien, Rosner 1877).
Peter Philipp? Der Name iſt ſo
unbekannt als möglich. Ein Drama,
das feinen Stoff aus der nordiſchen
Mythologie nimmt? Auch nicht fonder:
lih anlodend. Man geht alfo etwas
zögernd an die Lecture, fühlt fich aber
bald gefefjelt durh die Manifeftation
einer jugendlich-friſchen, kernigen, tief
angelegten Dichternatur. Keine alatt-
gefeilte Sprache, fein formell vollende:
ter Vers — aber dramatifche Kraft,
Unmittelbarfeit und Urfprünglichfeit bei
großartiger, gedankenreiher Erfafjung
des Gegenftandes ! Das Eigenthümliche
und Frappante der Xeiftung aber ift:
ein mythologiſcher, alſo allegorifcher
Stoff, mit der Greifbarfeit und An-
ſchaulichkeit eines Theaterftüds heraus:
gearbeitet. Loli, der Held des Ganzen
958
— ber übrigen Götterwelt ala das
fiegreiche, verneinende Princip gegen:
übertretend, bis zum Sturze der Göt—
ter, zur „Götterdämmerung“. Die Ge:
ftalten der Mythe gewinnen Fleiſch und
Blut ; man glaubt ein hiftorifches Trauer:
fpiel zu lefen. Aber freilich, je greif:
barer und realiſtiſcher dieſe Geftalten
und phantaftifchen Begebenheiten aus:
gemalt find, defto mehr gerathen fie
in Widerfprud, fo zu fagen, mit fid
felbit, mit ber nebelhaftmythifchen
Natur ihres eigentlihen Weſens.
Man befinnt fih, daß es doch nur
Schemen find und daß das Alles in
der Luft ſchwebt. Dramatiſche Geftalten
verlangen nun einmal einen realen Bo:
den; mythiſche find bloß für die Phan-
tafie da und beftehen nicht vor finnli-
hen Augen. Sie paflen höchſtens in
einen Wagner’fchen Operntert, wo ihnen
die Mufil das Element der vagen Un:
enblichfeit wieder zurüdgibt, das der
Dichter als folder ihnen entzogen, indem
er fie in fefte, finnfällige Umrifje bannte.
„Die Mythe war mir nicht GSelbft:
zwed“, jagt der Dichter im Vorwort,
„nur Menſchliches wollte ich darftellen.”
Nun, eben dies, Geftalten und Bilder
gewählt zu haben, deren eigentlichen
Weſen die menſchliche Jndividualifirung
widerſpricht, ift ja wohl der Vorwurf,
den man dem Dichter der „BVerfinfen:
den Welt” machen könnte. Aber freilich
nur als dramatiſchem Didter;
und was das Werk, ald Schaufpiel
betrachtet, an Wirkung einbüßt durd)
feinen mythiſchen, phantaftifhen und
allegorifchen Charakter, das geminnt es,
rein als Dichtung angefehen, an Groß:
artigfeit und tiefer Bedeutung. Auf Dies
vielverfprehende heimifhe Talent auf:
merkſam zu machen, ift Pflicht der öfter:
reichifchen Prefle. Das Befte aber muß
der Dichter felber für fich thun, indem
er recht bald mieder von fich hören
läßt und auf einen weiteren Kreis zu
wirken fucht, indem er fich mit feiner
Darftellungsfraft der realen Welt zu:
wendet. Mod. Hamerfing.
Ein Bud) über die Franzoſen.
Seit Jahrhunderten ahmen und
äffen wir die Franzoſen nad, im Guten
wie im Schlimmen, in Braudh und
Mode, in Sitte und Unfitte. Paris ift
uns das Heiligthum modernen Lebens;
wir verpflanzen franzöfifhe Romane und
Bühnenftüde auf deutſchen Boden —
all das aber hindert uns nicht, im Hin—
terhalte unſerer Gedanken ziemlich ge—
ringſchätzig von den Franzoſen zu urthei—
len, daß wir uns mit einem gewiſſen
Tugendhochmuth in die Bruſt werfen
und ſagen: „Gott ſei Dank, daß wir
nicht ſo ſind wie die da!“ Wir halten
die Franzoſen — vor wie nach dem
deutſch⸗franzöſiſchen Kriege — für frivol
und leichtfertig, für mwindig und fomö-
dienhaft. Wir ſprechen ihnen vor Allem
die Fähigkeit ab, ein gemüthvolles,
bäuslihes Familienleben zu führen.
— In vielen Stüden mag unfere
Schätung aud ihren guten Grund haben,
im Allgemeinen doch verwechſeln wir
Franfreih mit Paris. Paris aber ift
nicht Franfreih, Paris ift das Teicht-
fertige England, Deutfhland, Rußland,
Amerifa ebenjogut, als wie das frivole
Frankreich.
Ein geiſtvoller, feinfühliger Eng:
länder, ein ſcharfer Beobachter, welcher
fünfundzwanzig Jahre lang in Frank:
reich gelebt hat, ſchrieb ein Buch über
„Das häusliche Leben in Frank:
reich“, das uns die Franzoſen in anderem
Lichte zeigt, als in welchem wir fie zu
ſehen gewohnt find. Wenn wir ein Volk
in feiner Sprade, feinen Manieren, in
feiner Kleidung, feinem Haus und Haus:
geräthe, feiner Nahrung und feinen
Dienftboten, in feiner Ehe und feinen
Kindern betrachten, jo werben wir es
fennen und verftehen. In diefem Sinne
bietet und das gedachte Buch ein voll:
ftändiges Bild des franzöfifchen Haufes.
Das Bud ift pikant, aber es iſt noch
mehr philofophifh, es unterfucht bie
zufammenwirfenden Urfadhen, aus denen
das häusliche Leben der Franzofen her:
vorgeht, bietet gedanfenreiche Erörterun:
J
959
gen und Folgerungen, glei werthvoll
für Diejenigen, melde das franzöfifche
Leben aus eigener Anfhauung kennen,
als auch für die, welche demfelben ganz
ferne ftehen. Es ſcheint wohl an man-
hen Stellen, ala hege der Berfafler
befondere Sympathie für die Franzofen,
die er fogar nicht ungern auf Kojten
Englands in helles Licht zu heben fucht,
fteht anderfeits doch nit an, aud die
Fehler und Berirrungen der Nation zu
rügen, indeß aber zu bemerken, daß
diefe Fehler von gewiſſem Standpunfte
aus eigentlich gar Feine Fehler, jondern
vielleiht nur Vorzüge wären. Jedenfalls
fönnten ein lieblofes Urtheil die Fran—
zofen am wenigften vertragen. Wir aber
mögen zufrieden fein, ein belehrendes
Werk erhalten zu haben, welches unferen
landläufigen Anfhauungen über das
Volt von Franfreih in feinem Haufe
und feiner Familie ein Gegengewicht ftellt.
Das Bud ift von H. Scheube
trefflih in’s Deutfche ‚überfegt worden
und bei F. Berggold in Berlin *
ausgeſtattet erſchienen.
Schillers Werke iluftrirt.
Prachtwerke aller Art bietet und heute
der deutſche Büchermarkt. Reich illuftrirte
Werte von deutfhen und fremdländifchen
Glaffitern, von Dichtern ſehr verſchiedenen
Ranges find vom Publikum mit Freuden auf-
genommen worden. Die deutſche Bildnerkunft
hat fi feit dreißig Jahren zu einer fehr
bedeutenden Höhe emporgefhmwungen und der
Geſchmack des Publitums hat fi) in demfel-
ben Maße gebeflert. Aber lange haben mir
warten müffen, bis uns endlich unfer Xieb-
lingsdichter, Friedrich Schiller, im Feſtgewande
der Kunft vor Augen tritt. Wir haben inzwi—
ſchen gelernt, was Austattung anbelangt, viel
zu fordern, aber die Verlagsbuchhandlung
Eduard Hallberger in Stuttgart hat es ver—
ftanden, diefen Forderungen nit mur zu ent-
ſprechen, fondern diefelben fogar zu übertreffen.
Schillers Werke, illuftrirt von den erften
deutſchen Künftlern, erfcheinen in dem genann-
ten Berlage in Lieferungen und geben Beug-
niß don der Pietät, welde die Künftlerwelt
fowie das Volt dem Dichterfürften heute noch
entgegenbringt. Wer eine dieſer Lieferungen
zu Gefichte befommt und den geringen Preis
derjelben (50 Pfennige) erivägt, der muß ſich
fagen, daß der Berleger, welder ein jo gro-
ßes Kapital an das Unternehmen verwendet,
feiner Sade wohl gewiß fein muß: und es
ift wohl zu erwarten, daß das deutſche Volk
feinen berrlihen Schaß in neuer funftvoller
Faflung mit Freuden empfangen wird.
Die Revifion des Textes, der die pocti-
fen und dramatifhen, fowie biftorifchen
Werke Schiller's umfaßt, ift in die Hand eines
bewährten Schillerfenners, des Dichters I. ©.
Fifcher gelegt. Und fo ift bei möglichſter Bil-
ligkeit das Höchſte an Schönheit und Volltom-
menheit, was die heutige Kunft und Technik
vermag, in Ausficht geftellt.
In Breslau erfheint feit einiger Zeit
eine Wodenfhrift: „Schlefifhe Warte“
zur Hebung des Volkswohles durch praktiſche
Förderung deutfchen Gemeinfinnes. Geiftvolle
Auffäge voll Pfeffer und Salz behandeln ein-
gehend verfdiedene Zeitfragen, bisher bor-
züglich foldye der Iournaliftit und Literatur.
An anderer Stelle diefes Blattes finden die
Lefer einen prächtigen Artikel: „Der Parvenu
der Literatur”, den wir der „Schi. Warte”
mit Erlaubniß der Redaction entnommen haben.
Dem „Heimgarten“ find zugekommen:
Unneröfterreihifces Btadtleben vor hundert
Bahren. Eine Schilderung der Verhält-
niffe der Hauptftadt Steiermarfs im adt-
zehnten Iahrhundert, zugleih Beiträge
zur Literatur- und Eulturgefhichte der
Aufklärungsperiode von Pr. Anton
Schloſſar. Mit einer Anſicht der Stadt
Graz in Lichtdrud. Wien, W. Brau-
müller.
Die Dorſſchule. Ein Sittenbild aus dem An-
fange des neungehnten Jahrhunderts von
Franz, Stelzhamer.
Franz Bteljhamer. Biographifche Skizze, der-
faßt und dem Andenken und den Hin-
terbliebenen des Dahingefhiedenen ge-
widmet von Joh. Ev. Engl, 2. verm.
Aufl. Wien, Alfred Hölder.
Sammlung gemeinverfländliher wiſſenſchaftlicher
Vorträge, herausgegeben von Rud. Bir-
ch o wu. Fr. v. Holtzendorf, 265. bis
275. Heft. Berlin, Carl Habel (Lüde-
ritz'ſche Berlagshandlung).
Eduard Whymper’s Berg- und Gletfherfahrten
in den Alpen in den Jahren 1860— 1869,
Autorifirte deutfche Bearbeitung von Dr.
F. Steger. Mit 1 Karte und 114 Illu-
ftrationen. Braunſchweig, George Weiter-
mann.
Die Rrankenpflege ald Lnterrichtsgegenftand.
Ein Beitrag zur weibliden Erziehung
von 9. Auegg. Graz, Heſſe's Bud-
handlung.
Die Luzerner Rigi-Bahn zu Bipnau am Bier-
waldftätterfee, von H. 4. Berlepid,
"960
mit 22 Iluftrationen und 2 Karten.
Züri, Orell, Füßli & Comp.
Yausfhak deutfher Syrik feit 1849. Aus den
Quellen. Unter Mitwirtung namhafter
Dichter und Literaturhiftoriter, heraus-
gegeben von Franz; Brümer, Stutt-
gart und Eichftätt, Kröll'ſche Buchhand—
lung. Diefes Wert, welches erft im näd)-
ten Spätherbite erfcheinen fol, ver:
fpriht in feinem Profpect, daß c# die
bedentlihen Einfeitigkeiten der fentimen-
talen Lyrit möglichft vermeiden werde,
daß alle Tonarten vom tiefiten Ernite
des rein geiftlihen Liedes bis zum über-
müthigen Humor der poffenhaften Bur-
leöte vertreten fein follen, felbitveritänd-
li unter der Beſchtänkung, daß jedes
ausgewählte Stüd in feiner Weife mu-
ftergiltig. ift.
Echte Weisheit, Gedichte von Aurelio Eo-
ſtanzo, deutſch von Julius Schanz.
Rom, Tipografia Romana. (Das Heft
mit deutſchem und italieniſchem Texte iſt
dem Dichter Auguſt Silberſtein zu
feinem 50. Geburtstage - - 5. Juli 1877
— gewidmet.)
Pie Feuerprobe der Liebe. Angioletta. von
Alfred Friedmann. (2, Aufl. Wien,
Ed. Hügel.)
Seihtfinnige Fieder von Alfred Friedmann.
Hamburg. I. F. Richter.
Das neue Faienbrevier des Häkelismus, Ge-
nefi8 oder die Entwidlung des Men-
ſchengeſchlechtes; nah Häckels Anthropo-
genie in zierlide Reimlein gebradt
von M. Reymond, 2. Auflage, mit
Illuftrationen. Bern, Georg Frobeen.
Das Bud; vom gefunden und kranken Herrn
Meyer. In zierlihe Reimlein gebracht
von M. Reymond, 2. Auflage, mit
162 Illuftrationen. Bern, Georg Frobeen.
Topographiſch⸗ſtatiſtiſches Lexicon für Steier-
mark mit hiftorifhen Notizen und An—
merfungen, berausgegeben von I. 4.
Janiſch, 1.—15. Heft. Graz, Lehkam—
Iofefsthal.
Weftermann’s illufrirte deutfche Monatshefte
für das geſammte geiftige Leben der
Gegenwart. Braunſchweig.
Deutfche Dicyterhalle, herausgegeben von Ern ſt
Edftein, 9.—14. Nummer, Jahrgang
1877. Leipzig, I. F. Hartknoch.
fiteraturblatt. Ale 14 Tage eine Nummer,
herausgegeben von A. Edlinger. Wien,
8. C. Zamarski.
Siterarifcye Correſpondenz, herausgegeben von
9. 4. Stöhr. Leipzig, Hermann Folk.
Unfer Vaterland, 3.—4. Heft. Stuttgart, Gebr.
Kröner.
Veue Blluftrirte Beitung, herausgegeben von
Sohannes Rordmann; in Woden-
nummern. Wien, Zamarsky.
Die Heimat, herausgegebeu don Vincenti,
iluftrirtes Familienblatt in Wocennum-
mern. Wien.
Dichterſtimmen aus Defterreih-Ingarn, heraus.
gegeben von Heinrih Penn, Wien,
III. Rafumoffstugaffe 10, Nr. 1.
Bägers Touriſt. Organ für Touriftit und Al
penfunde, IX. Jahrgang, I. und II. Bd.
Wien IX., Waſagaſſe Nr. 28.
Die hervorragenderen diejer Einfendungen
werden gelegentlich zur Beſprechung kommen.
Boftkarten des Heimgarten:
Pl.— Graz: Ihr Gedicht nicht übel, aber
das ift noch fein Grund, es abzudruden.
6. 34. in M
bereits in den fliegenden Blättern.
Pr. A. St. Kom: Ihr Auffah ift nicht
acceptirt , retourniren Ihnen denjelben, jobald
Sie uns Ihre vollftändige Adreffe angeben,
M. 3. Pen: Wird dankend verwendet
werden.
3. in 3p. — W. in Gräfend. — 9. in
6. — K. in Wien — R.in Graz — R. in
6r.: Bitten um Geduld.
9. 3d.: Heinrihheinelt uns zu ftarf.
M. M. Gra; X : Weshalb nicht? Em-
pfeblen Ihnen die trefflihe Schrift über „Die
Krankenpflege als Unterrichtsgegenſtand“ von
H. Auegp.
Der zweite Jahrgang des „Heimgarten“ beginnt mit folgenden Beiträgen :
Die Aeſe von Rahira. Eine morgenländijche Erzählung von Karl Map. Nach Amerika.
Eine Gefhichte von P. K. Rojegger. Gedanken über den Belbfimord, Bon Robert
Damerling. Barbara von Gilli. Eine Lebensjkizze von Franz KArones. Yans
Beling. Bon Alfred Meibner Die Btreihmaher. Bon Friedrich Schlögl.
Der Tanz auf der Alm. Bon P. 8. NRojegger. Die Weltvagabunden. Bon Hand
Malfer, uebit Efiais und Gedichten von anderen bedeutenden Literaten, ſowie Schwänfen,
voltsthümlichen Mittheilungen vom Herausgeber u. A.
* Druck von Leytam Joſefsthal in Graz. — Fr die Redaction verantwortlid P. A. Hofegger. =
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